Der einsame Kahn vor Samothrake

von S. Levent Oezkan

Einsamer Kahn - ewigeweisheit.de

Im Mai 2019 verbrachte ich zwei Wochen in Athen, bevor ich meine Reise von dort, mit dem Zug nach Thessaloniki fortsetzte – die große Stadt im makedonischen Norden Griechenlands. Später ging es von dort aus weiter in Richtung Osten. Mein Ziel war Samothrake: »Die Hohe Insel Thrakiens«.

Seit Langem schon wollte ich dort die alten Kultstätten besuchen, deren Geschichte weit bis ins 5. Jahrtausend v. Chr. zurückreicht. Man hielt dort Mysterienfeiern zu Ehren der Großen Muttergöttin Kabeiro.

An diesem Ort wurden Menschen eingeweiht, in die Geheimnisse des Lebens. Laut Überlieferung starben sie dort einen Tod vor ihrem eigentlichen Tod. Nach so einer Erfahrung empfand man alltäglich aufgeschichtete Mutmaßungen über die eigene Existenz, wahrscheinlich wie einen lästigen Kokon, den man dann, durchaus verwundert, von sich abwarf. Erst damit kam das wahre Selbst zum Vorschein, das einen auferstehen ließ, im Lichte eines neuen Lebens.
 

Samothrake ist auf seine Art, man könnte sagen, »ein magischer Ort«. Schon die Reise dorthin war beeindruckend. Meine Überfahrt startete in der Küstenstadt Alexandroupolis. Bei Regen legte das Fährboot ab, doch als wir uns der Insel näherten, klarte der Himmel allmählich auf, bis schließlich mit unserer Ankunft dort, die Sonne ein fast wolkenloses Firmament überstrahlte.

Das Zentrum dieser kleinen Insel bildet der 1.600 Meter hohe Gipfel, der konusförmigen Erhebung des Berges Saos – den man auf Samothrake auch »Fengari« nennt: Den Mondberg. Häufig kommt es dort zu meteorologischen Phänomenen: Während sich über die Berghänge gewittriges Regenwetter ergießt, strahlt, teils nur einige Kilometer entfernt, an der Küste die Sonne am blauen Himmel. Auch die vielen Delphine, die abends dort zwischen den Meereswellen springen, verleihen dieser Insel ihre Eigenart.

Am darauf folgenden Tag startete ich früh, um das Heiligtum der Kabairo zu besuchen. Auf meinem Spaziergang, entlang einer sehr schmalen Küstenstraße, fuhr erst kein einziges Auto. Doch dann kam eins, gelenkt von einem weißbärtigen Mann, der verlangsamte und das Fenster herunterkurbelnd mir zurief: »Where?«

Ägäisches Meer – ewigeweisheit.de

Mehr als 1000 Worte

Ich sagte ihm mein Ziel, bedankte mich und stieg also ein. Wir sprachen nicht viel. Oft aber reichen ja wohlwollende Blicke aus, um »viel mehr zu sagen«. Ungefähr 15 Minuten später waren wir schon da. Wir hielten am Straßenrand, während er auf den Weg zum Tempel deutete und danach auf sich, um mich wissen zu lassen: »Vassili«.

Auch ich nannte ihm meinen Namen, wir lächelten beide und reichten uns die Hände. Eine besondere Begegnung. Ja eigentlich auch alles sonst, was ich in den folgenden Tagen dort erfuhr. Die Haine an den Hängen des Berges, mit ihren unzähligen, meist Jahrhunderte alten, mächtig dicken Bäumen. Die vielen natürlichen Kaskaden, deren trinkbares Wasser dazwischen hinunter ins Meer stürzt. All das beeindruckte mich. Ein wahrer Kraftort.

An diesem Tag aber, begab ich mich zu dem Mysterien-Tempel von Samothrake, umgeben von Bäumen und Weiden, wo nahe der aufragenden Abhänge des hohen Berges, einige blinzelnde Steinböcke zwischen den Felsen liegend, den stillen Morgen genossen.

Ein Geisterboot?

Schön dass ich dort so viel Zeit verbringen konnte. Auch, zumal meinen Tagesausklang ein einfaches, doch interessantes Ereignis vollenden sollte.

Zwar hatte ich nicht das Glück wieder bei jemandem mitfahren zu dürfen, denn an dem Abend fuhren scheinbar keine Autos mehr. Doch auf meinem Spaziergang zurück ins Hotel, sah ich langsam tuckernde Fischerboote auf dem Meer, die den winzigen, etwa 20 Kilometer entfernten Hafen von Kamariotissa ansteuerten, wo am Vortag auch meine Fähre gelandet war.

Nun war da dieses kleine weiße, wahrscheinlich schon sehr alte Boot auf dem Wasser. Entlang des Küstenstreifens, recht nah, schien es wie von alleine zu fahren. Ich hatte immer wieder hingesehen, doch niemand stand am Steuer. Wahrscheinlich war der Fischer seine Strecke heimwärts schon so oft gefahren, dass er vielleicht das Ruder einfach fest stellte, und seinen motorisierter Kahn dort, wie von selbst fahren ließ, während er vielleicht, meinem Blick entzogen, einfach ein Nickerchen hielt.

Irgendwie kam mir das aber vor, wie in einem Märchen, dass erzählt »vom einsamen Boot das ausfuhr, um mit großem Fang zurückzukehren«.

Ägäisches Meer – ewigeweisheit.de

Dunkelblauer Tiefgang

Am nächsten Morgen saß ich beim Frühstück. Von meinem Tisch aus, blickte ich da auf das Meer der nördlichen Ägäis. Da kam mir wieder das Bild von dem »einsamen Boot« in den Sinn. Es weckte Assoziationen in mir, was mich über unser Alltagsleben nachdenken ließ. Denn ganz routiniert bewegen wir uns in unserem Körper, bald schon wie im Halbschlaf, mal hier, mal dort ein wenig, oder garnicht, um irgendetwas zu tun. Das herrenlose Boot auf dem Meer, erschien mir dafür als Metapher, wo ein vielleicht schlafender Steuermann seinen Fischkutter sich selbst überlässt, der dort jedoch über dunkle wässrige Tiefen schwimmt.

Wir bewegen uns oft unbewusst im Glauben, unser Selbst sei mit unserem Körper identisch. Während es, ebenso im Schlummer und darin eingeschlossen, über die Tiefen des Unbewussten gondelt, ahnen wir meist nicht, welche ungeahnten Schätze dort, in dunklen Dimensionen verborgen auf ihre Entdeckung warten.

Dieser Fischer aber, im Gegenteil zu uns, machte wohl sein Nickerchen nachdem er seine Netze ausgeworfen hatte und mit gutem Fang eingezogen, zufrieden heimfuhr.

Er weiß um die Tiefen und weiß wie er sein Netz gebraucht. In diesem Wissen führt er sein Leben.
Vielleicht steuerte seine alte weiße Gondel erst kürzlich wieder, wie von selbst den Hafen an.