Sich dem Leben öffnen

von S. Levent Oezkan

Wär nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt es nie erblicken; läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft, wie könnt uns Göttliches entzücken?

- Johann Wolfgang von Goethe

Licht fällt in unsere Augen: Wir sehen. Was aber wäre, wenn nicht wir mit unseren Augen das Licht sähen, sondern das Licht nach Augen suchte, um von ihnen gefunden zu werden? Augen können wohl nur sehen, da ihre Natur selbst den Prinzipien des Lichts entspricht.

Jeder von uns musste als Kleinkind aber zuerst einmal sehen lernen. Und das geschah in einem bestimmten Umfeld, wobei unser Augenmerk auf besondere Motive fiel, während manche Details sicherlich noch lange Zeit oder ganz unbeachtet blieben.

Auch setzt Sehen Offenheit voraus. Je eingeschränkter diese ist, desto mehr blicken wir in die Welt, wie aus einem Tunnel. Was aber wäre, wir befähigten uns zu neuer Freimütigkeit, um auf neue Art in die Welt zu schauen, um darin zu finden, was uns bisher verborgen blieb im Leben – an Fähigkeiten, an Können, an Möglichkeiten?

Reine Energie

Wie kein anderes Phänomen der Natur, steht Licht in den Kulturen der Welt zuerst einmal für das Gute – wie etwa formuliert im Motiv des »Sieges des Lichts über die Dunkelheit«.

Um Licht jedoch »empfangen« zu können, bedarf es der Schaffung von Wahrnehmungs-Freiräumen. Alles was da seinen Energie-Strom versperrt, hindert das Licht am Erreichen seines Ziels. Statt also Freiräume der Empfänglichkeit mit Negativem anzufüllen, die heute durch immer neue Informationskanäle auf uns niederprasseln, wäre es doch sinnvoller Raum zu schaffen, damit Licht zu uns findet und uns endlich erreichen kann, als etwas, dass bereits auf der Suche nach uns ist – zum Wohle unseres Lebens.

Positives Denken?

Natürlich ist positiv zu denken wichtig. Doch das nur, wenn wir uns hierfür nicht anstrengen, wie in der Auffassung:

Ich muss immer positiv bleiben!

Wesentlicher wäre, dass wir unsere Empfänglichkeit weiten – passiv, durch »Nicht-Denken«, durch unser Sein in der Gegenwart, losgelöst von Gedanken an die Vergangenheit, frei von einem erwartungsvollen Hoffen oder von Ängsten über das, was vielleicht in Zukunft geschehen könnte.

Eine Raumzeit aufzuspannen, zwischen vergangen Unwiderruflichem und einem Vermuten oder Deuten des Zukünftigen: Ist das denn nicht eigentlich frei von jedem Sinn? Denn erfahren und empfänglich sein, können wir doch nur im Jetzt. Sollte darum nicht lieber alles Handeln zuerst einmal im Jetzt erfolgen, um unsere Geistigkeit zu weiten? Sollte unsere Empfänglichkeit nicht erst einmal »poliert« werden, damit sich in ihr, wie in einem Spiegel, auch das reflektieren kann, was an Licht in sie fällt, was ihr an Gutem zufällt? Wäre Zufall dann nicht auch eine Quelle der Inspiration, vielleicht sogar eine Quelle der Kraft?

Empfänglichkeit

Über die visuellen und auditiven Medien (Internet, Fernsehen, Radio) vermittelt, scheinen die Schattenseiten des Lebens uns heute mehr und mehr wie Schlacken zu bedecken, unsere Wahrnehmung zu verdunkeln – und das nicht erst seit diesem Jahr.

Was aber wenn sich unser eigenes Leben einmal in solche Schatten begäbe, ohne dass wir daran noch etwas ändern könnten? Empfänden wir uns dann nur als Leidtragende der Umstände, wie sollte uns da noch solch Feinstofflichkeit erreichen können, wie jenes eingangs beschriebene Licht des Guten, wenn unsere Wahrnehmung vor allem Negatives blockiert?

Bleiben wir offen für Veränderung, kann sich – ganz gleich was uns da bevorsteht – in uns doch eine Erwartungshaltung entwickeln, eine Empfänglichkeit eröffnen, als ein Vertrauensfeld der Zuversicht. Erst dann wäre da Raum, in den das Licht des Hellen, Guten, Heilsamen und Wärmenden fände. Ja mehr noch: Es gliche einem vollkommenen Entledigen aller Erwartungen, um solch Geistesraum zu schaffen.

Vereinigung

Habe ich eine Erwartungshaltung für das Positive, das Gute, das Lichtvolle, wird es immer öfter im Feld meiner Ideale auftauchen – eben so viel, wie ich dafür empfänglich bin. Ereignet sich in meinem Leben aber Negatives, dann muss ich entsprechend handeln. Nur sollte meine Vorgehensweise dabei mit einem Vertrauen einhergehen, mit einem Glauben, einem Bewusstsein, dass alles gemäß eines heiligen Lebensprozesses erfolgt – etwas, wenn Sie so wollen, wo das Göttliche alle Widersprüche miteinander in Einklang bringt, Fehlendes ausgleicht, Fehlerhaftes korrigiert.

In uns kann das nur erfolgen, wenn wir den Irrtum überwinden, dass den Wirkprinzipien des Göttlichen allein nur Gutes und Wohlsein entstammen. Den Weltprozess als Ganzes anzuerkennen würde stattdessen bedeuten, dass alles Negative sogar einen, wenn auch geheimen Sinn erfüllt. Im Wechselspiel mit dem Guten dann, erfolgt langsam die Auflösung des Unguten. Und es sind die Gegensätze die zur Einigung finden, die sich manchmal sogar vereinigen, was in liebevoller Zweisamkeit wohl die edelste Erfahrung bleibt.

Fließt dem Weltlichen der Gegensätze diese Energie des Einen zu, so muss sich in der Welt wohl immer das Gegenteil ergeben, damit eben solch Einigung erfolgen kann. Im Falle eines Glaubens, an diese heiligen Wirkprinzipien, bedeutet das Vertrauen, Vertrauen dass jene Übel in der irdischen Welt, sich mit dem, aus dem himmlischen Einen wirkenden Guten, vereinigen und dabei Energie freisetzen: Licht – metaphorisch wie auch real.

Und es ist eben dieses Licht, dass uns nur findet, sobald wir uns der unzähligen Widersprüche im Leben entledigten – mit anderen Worten: Wenn wir wieder empfänglich werden, frei von aller Voreingenommenheit.

Gewonnenes Gut

Alles von dem, was als Unerwartetes in meinem Wunschbild vom Leben auftaucht, hängt davon ab, wie sehr ich mich vermag dem Guten zu öffnen. Solch Öffnen aber setzt voraus, dass aller »Geistige Unrat« aus dem Bewusstseinskanal meiner Empfänglichkeit beseitigt wurde – damit er sich weiten kann, damit da Platz entsteht.

Was ich dann an Gutem von mir aus anzunehmen vermag, hat immer auch zu tun mit anderen Menschen, denen ich, durch die Empfindung des Wohlsein im Empfangen dieses Guten, tatsächlich auch helfen will. Der Grund dafür ist einfach: Solch ein in mir gewonnenes Gutes, erfüllt seinen Zweck nur dann, wenn ich davon auch anderen Menschen geben kann und deshalb mit ihnen mein Glück teile. Das Erkennen, dass jemand anderes durch mein Handeln, mein Wirken, mein Geben glücklich wurde, zumindest aber einen positiven Wandel erfuhr: Wieviel sonst bleibt da noch, um mich glücklicher zu machen?

 

BUCHTIPP

Nicht wurde Sokrates totgefragt

Johan von Kirschner

Ein Philosoph ist jemand der die Weisheit liebt, was aber gar nicht bedeuten muss, dass er schon weise ist. Vielmehr strebt er nach Weisheit, möchte sie entdecken, sie erringen. Für den Denker Sokrates ähnelte er dem Eros, dem Gott der Liebe, für den nicht der Besitz des Geliebten wichtig ist, sondern das Streben danach.

Ein Philosoph ahnt von dieser Liebe, die er irgendwo, vielleicht in der Ferne, in einer Weisheit finden könnte, verliebt sich darin und bricht schließlich auf, um ihr zu begegnen, sie zu finden und sie allenfalls zu erlangen. Und zu so etwas fand einer etwa auf der Agorá – dem Marktplatz des alten Athen.

Auf Amazon.de ansehen ►

Hier im Shop ansehen ►