Spagyrik oder: Die Alchemie des Paracelsus

von Johan von Kirschner

Paracelsus - ewigeweisheit.de

Die Ursprünge der Alchemie, sowie die Kunst der Spagyrik, reichen weit zurück in die Vergangenheit der Menschheitsgeschichte. Zwei Prinzipien der Veredelung standen dabei immer im Mittelpunkt des Werkes eines Alchemisten: Solve et Coagula – Löse und Binde.

Während die Alchemie aus der Mysterien-Tradition des Hermes Trisgmegistos hervorging, bildete die Spagyrik als naturheilkundliche Wissenschaft eine Teildisziplin der Alchemie. Nach den Gesetzen der Alchemie stellte man aus Pflanzen, Giftpilzen und Mineralien Heilmittel her.

Auf den dabei verwendeten, zwei oben genannten Prinzipien, basierten bereits im Alten Ägyptens die Arbeitsweisen bei der Herstellung von Naturheilmitteln: Aus »Solve et Coagula« leitet sich auch das Wort »Spagyrik« ab, dass sich ja entsprechend zusammensetzt aus den griechischen Wörtern »spao« und »ageiro«, die wörtlich bedeuten: »trennen« und wieder »vereinigen«. Es sind also Synonyme für das oben angedeutete »Lösen und Binden« – zwei Vorgänge von Bedeutung bei der Bereitung von Heilmitteln.

Was wir heute als Spagyrik (also Heilmittel-Alchemie) kennen, geht auf den schweizerischen Arztes Theophrastus von Hohenheim (1493-1541) zurück, genannt Paracelsus:

Darum so lerne Alchemie, sie sonst Spagyria heißt, die lehrt das Falsche scheiden von dem Gerechten

- Paracelsus in seinem »Opus paramirum«

In jenem Trennen oder Herauslösen einer edlen Substanz aus einer unedlen und der darauf folgenden Wiederverbindung beider, beabsichtigte Paracelsus eine Wirkungssteigerung der so behandelten pharmazeutischen Droge (das Wort »Droge« stammt vom niederländischen »droog«, dem Trocknen, womit man Pflanzenteile entsprechend haltbar macht). Damit hob sich Paracelsus ab von Galenus' (128-216 n. Chr.) Arzneimittelherstellung, nach dessen Lehre ein Mensch nur dann erkrankte, wenn das Gleichgewicht seiner vier Körpersäfte (Schleim, schwarze Galle, gelbe Galle und Blut) gestört war. Nach Galenus bereitete man dafür entsprechende pflanzliche Vielstoffgemische vor, um sie hernach als therapeutische Substanzen zu verwenden. Jene von Paracelsus angewendete Umwandlungsprinzipien zur Wirkungssteigerung fehlten dabei jedoch gänzlich.

Ursachen von Krankheit

Der Mensch bildete für Paracelsus einen Mikrokosmos – eine Welt des Kleinen –, der so im Zentrum der gesamten Schöpfung eines Makrokosmos stand – in einer Welt des Großen. Aus dieser Sichtweise auf das menschliche Sein leitete Paracelsus Zusammenhänge ab, die für ihn auch zwischen Krankheit und Medikament bestanden.

Gott brachte den Menschen zwar die Krankheiten in die Welt, so Paracelsus, doch mit ihnen auch die Heilungsformen. So wie alles in Mikrokosmos und Makrokosmos aus den selben Substanzen bestehen, so entstünde nach Paracelsus auch Krankheit, nämlich dann, wenn durch eine äußere Substanz ein entsprechender »Zwilling« im Körper, entzündet zum Ausbruch kommt. Aus diesem Grund versuchte er seine Arzneien im Einklang mit himmlischen Konstellationen herzustellen, da er eben wusste dass die Vorgänge im Makrokosmos korrespondieren mit denen im Mikrokosmos und damit im Menschen. Am Stand der Sterne und Planeten las er die gleichen Prinzipien ab, mittels derer ein Mensch krank und auch wieder gesund werden konnte:

So nun der Mensch in seiner ganzen Zusammensetzung begriffen werden soll durch einen jeden Arzt, so wisset jetzt, dass die Astronomie (worin die Astrologie enthalten ist) der zweite Grund ist und die obere Sphäre der Philosophie darstellt.

Paracelsus’ Behandlungsmethode bestand jetzt darin, aus der verursachenden Substanz ein Heilmittel herzustellen und es dem Hilfesuchenden zu verabreichen (man denke hier zum Beispiel an die Verabreichung von Schlangengift bei einem Schlangenbiss). Die Herstellung solch reinen Heilmittels erfolgte mittels alchemistischer Methoden, die Paracelsus eben als »Spagyrik« bezeichnete. Durch »Sublimation« und »Destillation« versuchte er die im Geheimen wirkenden Substanzen – die »Arcana« – von unreinen »Schlacken« zu befreien, und dabei Essenzen aus diesen heilsamen Wirkstoffen herzustellen.

Signaturenlehre Paracelsus - ewigeweisheit.de

Illustration zur Signaturenlehre Paracelsus'. Darstellung der Sympathien zwischen Pflanzen und Tieren nach Giambattista della Porta (16. Jahrhundert), aus: Hans Biedermanns Medicina Magica, Metaphysische Heilmethoden in spätantiken und mittelalterlichen Handschriften.

Signaturenlehre

Diese Arcana könne ein weiser Arzt als Heilkräfte erkennen, so Paracelsus, sind sie doch allen Heilpflanzen und Heilmineralien in ihrer Erscheinungsform eingegeben. Schon im Alten Ägypten wusste man von der Wirksamkeit der sich daraus ergebenden Ähnlichkeitsprinzipien. Erst Paracelsus aber erforschte sie eingehend und entwickelte daraus seine Signaturenlehre: Jede Heilpflanze und jedes Heilmineral trägt ein besonderes Kennzeichen, dass dem Weisen mitteilt, welche Krankheiten sich damit heilen lässt. Das daraus gewonnene Arcanum (lat. sing. von Arcana, also »Geheimnis«) konnte aber nicht allein den Körper sondern auch den Geist eines Hilfesuchenden heilen.

Fünf Einflüsse

Mit Hilfe seiner Lebenserfahrung kann der Mensch die Ursachen der Krankheiten finden und dem entsprechend Heilmittel hervorbringen. Dies aber nur, sofern er eben mit den von Paracelsus definierten fünf Krankheitseinflüssen vertraut ist, den sogenannten »Fünf Entia« (von lat. Ens, »Sein« oder »Ursache«):

  • Ens Astrorum: die Einflüsse Gestirne,
  • Ens Veneni: durch den Körper aufgenommene Gifte,
  • Ens Naturale: Vorherbestimmte Konstitution eines Menschen (wie etwa durch Vererbung),
  • Ens Spirituale: Geistige Einflüsse (etwa vergleichbar mit Psychosomatik, zu Paracelsus Zeiten jedoch vorgestellt als Geistwesen, »Geister«),
  • Ens Dei: unmittelbarer Einfluss Gottes.

Jede Krankheit also lies sich laut Paracelsus auf eine oder mehrere dieser Ursachen zurückführen. Hat ein Mensch zum Beispiel eine schwache Konstitution (Ens Naturale), so ist die Wirkung eines Giftes (Ens Veneni) auf ihn verstärkt.

Für die paracelsische Medizin gilt darum die fünf Entia bei der Diagnose einer Krankheit mitzuberücksichtigen, um damit entsprechende Heilmittel herzustellen und Heilverfahren anwenden zu können.

Diese fünf Entia bewirken nach Paracelsus ein Ungleichgewicht der drei von ihm genannten fundamentalen, den Körper ausmachenden Grundsubstanzen (Tria Pricipia): Sulphur, Mercurius und Sal (siehe Erläuterungen dazu unten). Durch die Wiederherstellung des Gleichgewichts dieser Tria Principia, beispielsweise durch die Verabreichung entsprechender Mittel, kann dann Heilung erfolgen. Und eben darum spielen die Dosierungen jener Tria Pricipia bei der Bereitung eines Heilmittels ihre zentrale Rolle, wo ein Gift durchaus als Heilmittel zur Anwendung gebracht werden kann – wo Gift und Gegengift einander entsprechen. Gemäß Paracelsus waren Arzneimittel nur dann wirksam, wenn sie denselben Ursprung wie die Krankheit selbst hatten.

Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis macht’s, dass ein Ding kein Gift sei.

- Paracelsus in seiner »Dritten Defension wegen des Schreibens der neuen Rezepte«

Die Tria Principia im Zusammenhang mit den vier alchemistischen Elementen - ewigeweisheit.de

Schaubild: Die Tria Principia im Zusammenhang mit den vier alchemistischen Elementen.
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Mit Hilfe aufwändiger Veredlungsprozesse extrahierte Paracelsus bestimmte Substanzen aus Heilpflanzen und vereinigte sie daraufhin wieder, indem er die ursprünglichen Bestandteile besonderen Umwandlungsprozessen unterzog, wie wir später noch sehen werden. Damit gewann er sogenannte »Essenzen«, die er zur Heilwirkung anwendete.

Paracelsus kam es hier darauf an, die in Pflanzen, Mineralien und Metallen wirksamen Prinzipien zu finden und daraus zu gewinnen, die er dann durch alchemistische Prozesse zu verstärken versuchte. Er hatte dabei die in den Stoffen Quecksilber, Schwefel und Salz wirkenden »philosophischen Prinzipien« erkannt (Tria Principia, siehe Abb.), die er als Mercurius, Sulphur und Sal bezeichnete.

Bezogen auf den Menschen galt Paracelsus:

  • der Sulphur das Prinzip der Seele,
  • der Geist ist Prinzip des Mercurius und
  • das Sal entspricht  dem Körper.

Die Inneren Wirkungsweisen des Menschen

Der Mensch in seinem ganzen Dasein gleicht einem Zusammenspiel aller seiner Bestandteile – sowohl physischer, emotionaler wie auch geistiger. Und so wie die Dinge in der natürlichen Welt mit der Welt der Archetypen korrespondieren, so auch die im Folgenden dargestellten Bestandteile des menschlichen Seins. Was der Mensch etwa an Emotionen in sich trägt, lässt sich mittels der paracelsischen Signaturenlehre ableiten auch aus den natürlichen Formen der Welt der Pflanzen, der Tiere und Mineralien. In dieser Lehre der Korrespondenzen beschrieb Paracelsus Entsprechungen, aus denen er die Existenz vierer innerer Wirkungsweisen im Menschen ableitete.

Spiritus Rector: Der Ätherleib

Hiermit ist die Urkraft gemeint, die den Organismus aller Lebewesen individuell beherrscht. Dieser Spiritus Rector galt Paracelsus als das geistige Prinzip, das alle Dinge zusammenhält, als des Menschen innerer Doppelkörper, der in allen Leibesgliedern wirkt, ihnen ihr spezifisches Wesen verleiht und sie bis zum Tod zusammenhält, beginnen sie doch zu zerfallen, sobald einen Menschen die Lebenskraft verlassen hat.

Mumia: Die Lebenskraft

Sie ist eine überaus feine, geistige Kraft, die in allen Körperteilen (Blut, Gewebe und Ausscheidungen) präsent ist. Selbst wenn ein Mensch verstarb, verbleibt diese Kraft noch eine Zeit lang im Körper. Es handelt sich um eine Art Magnetismus, der sich auch auf einen Körper übertragen lässt, was etwa, von Paracelsus inspiriert, später durch den Wiener Arzt Franz Anton Mesmer (1734-1815) in Form sogenannter »Magnetischer Kuren« zu therapeutischer Anwendung kam.

Virtutes: Die Naturkräfte

Laut Paracelsus wohnen allen Mineralien und Pflanzen (sowie auch Tieren) auch Wirkungen inne, die sich pharmazeutisch nutzen lassen. Solche wirksamen Kräfte kann ein Arzt, so Paracelsus, an ihren sogenannten »Signa« ablesen, also jenen oben bereits erwähnten Signaturen, wo eben ähnlich aussehende Pflanzen auch ähnliche Wirkungen haben.

Tartarus: Die Grobstofflichkeit

Als Tartarus bezeichnete Paracelsus den sogenannten »Weinstein« (chemisch: Kaliumhydrogentartrat, Kaliumsalz der Weinsäure), der sich als kristalliner Bodensatz in Weinfässern bildet. Alchemisten meinten darin ein Bild für die grobstoffliche Materie zu erkennen. Entsprechend dieses eher chemischen Phänomens leitete Paracelsus ab, dass entsprechend, bei sogenannten »tartarischen Erkrankungen«, feste Ablagerungen eben zu entsprechenden Krankheitssymptomen führen (wie etwa Gallen-, Blasen- und Nierensteine, Gicht, Arthrose, Gewebeverhärtungen, Hautflechten oder Lungenerkrankungen).

Alchemie der Heilkunst

Die Herstellung therapeutisch wirksamer Substanzen kannte man seit alters her. Auch Paracelsus schöpfte aus diesen alten Wissensquellen, doch wusste außerdem, wie er die inneren Wirkkräfte von Pflanze, Mineralien oder Metallen therapeutisch nutzbar machen konnte, durch ein Herauslösen der Prinzipien von Sulphur, Mercurius und Sal.

Auch heute geht ein Spagyriker hierfür schrittweise vor: Zuerst bereitet er den Ausgangsstoff (die »Prima Materia«). Daraufhin verändert er diese Substanz in mehreren Schritten, wo insbesondere die Gärung, die Destillation und die Veraschung zählen. Alle diese alchemistischen Vorgänge erfolgen in Abstimmung auf makrokosmische Prozesse, die der Alchemist da mittels astrologischer Beobachtung am Stand von Sonne, Mond und Planeten abliest.

1. Fermentatio: Gärung

Wer Geistiges aus dem Materiellen (er)lösen will, muss Letzteres zerstören. Ist der Ausgangsstoff pflanzlich, so erfolgt das durch Verwesung, Verfaulung und Gärung. Hierbei wird das Material einem organischen Auflösungsprozess unterworfen, wobei Alkohol entsteht, den Paracelsus als Träger des »merkurialischen Prinzips« der Pflanze ansah. Nur so können die drei Prinzipien von Sal (Körper), Sulphur (Seele, Wesen) und Mercurius (Geist) gleichzeitig gewonnen werden. Alle drei Prinzipien behalten dabei ihre Wirkung.

Alembik - ewigeweisheit.de

Abbildung eines Alembik (Destillierhelm) in einer mittelalterlichen Handschrift.

2. Distillatio: Herabtröpfeln

Die aus dem ersten Schritt der Fermentatio hervorgegangene Masse kann wird im nächsten Schritt destilliert. Man setzt dazu meist die schonende Wasserdampfdestillation ein (Wasser verdampft bei 100 °C, während die meisten ätherischen Öle zwischen 40 bis 90 °C verdampfen, Alkohol bei etwa 79 °C). Was dabei als Rückstand bleibt ist

  • ein »fixer« Sulphur und
  • das Destillat eines gereinigten Mercurius und »flüchtigen« Sulphurs.

In diesem Schritt werden also flüchtige Stoffe gewonnen (Alkohol, ätherische Öle). Was als Rest im Destillierkolben zurückbleibt wird hernach getrocknet.

3. Calcinatio: Veraschung

Die Trocknung und anschließende Veraschung des Destillier-Rückstands, bei hoher Temperatur, liefert das Sal. Es besteht aus den in der Pflanze vorhandenen, anorganischen Bestandteilen (Asche besteht vor allem aus Oxiden und Karbonaten verschiedener Metalle und Halbmetalle, wie etwa Calcium, Eisen, Magnesium, Mangan, Kalium, Silicium, Natrium). Durch anschließendes Herausspülen aus der Asche (Lösung) werden diese Mineralstoffe und Spurenelemente gewonnen.

4. Coniunctio: Vereinigung

Mit dem letzten Schritt erfolgt die Herstellung der spagyrischen Tinktur: hierfür werden Destillat und Asche miteinander vereinigt. Im daraus entstandene spagyrische Präparat wirken die Kräfte einer sogenannten »Chymischen Hochzeit«, deren Symbolik sich etwa abbilden ließe, in der Darstellung einer Vereinigung von Sonne und Mond oder Mann und Frau.

Die Spagyrische Essenz

Um aus einer spagyrischen Tinktur eine sogenannte Essenz herzustellen, muss die Tinktur einem mehrmaligen Zirkulationsprozess unterworfen werden. Dafür wird sie innerhalb eines Jahres, bei mäßgien Temperaturen, destilliert. Dieser lange Destillationsvorgang führt zur vollständigen Reinigung der Prinzipien Sulfur und Mercurius, während die Materie des Sal dabei in »Licht« verwandelt und aus dem stofflichen Körper ein »Energiekörper« wird. Bei alle dem werden auch astrologische Zyklen mitberücksichtigt, damit dieser lange Zirkulationsprozess zum »Großen Werk« wird – dem Opus Magnum, was in der Alchemie die erfolgreiche Veredelung des Ausgangsstoffes anzeigt.

 

 

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