Altes Ägypten

Marsianische Einflüsse im Eisernen Zeitalter

von S. Levent Oezkan

Marsoberfläche - ewigeweisheit.de

Lange bevor man Uranus, Neptun und Pluto als Planeten identifizierte, war unser roter Himmelsnachbar einer von fünf Planeten, die mit Sonne und Mond, zu den sieben klassischen Himmelskörpern zählen. Diese astrale Siebenheit korrespondiert zudem mit sieben Zahlen und sieben klassischen Metallen.

Die Sechs der Sonne strahlt golden, die Neun des Mondes glänzt silbern, die Fünf des Mars rötelt eisern, Merkurs Acht ist quecksilbrig, Jupiters Vier zinnern, und die Drei des trägen Saturn ist schwer wie Blei. Der Mars also entspricht der Fünf und befindet sich tatsächlich als fünfter Globus am Rande des inneren Asteroidengürtels unseres Sonnensystems.

Dass außerdem das Metall Eisen mit dem Planeten Mars zu tun hat, liegt auf der Hand: die grenzenlosen, roten Wüsten, die seine Oberfläche unter sich begraben, bestehen hauptsächlich aus Eisenoxid (siehe Titelfoto). Damit ist der Mars ein buchstäblich "rostiger Planet", denn das rote Eisenoxid seines Gesteins, ist die gleiche Substanz, die auch beim natürlichen Zerfall von Eisen oder Stahl auf der Erde entsteht. Bis auf das Eisen, sind alle anderen klassischen Metalle entweder zu edel um zu oxidieren (wie Gold, Silber, Quecksilber) oder bilden einen dünnen Schutzfilm, der sie vor weiterer Korrosion bewahrt (wie bei Kupfer, Zinn, Blei). Eisen fehlen solche Eigenschaften und es scheint sich regelrecht danach zu sehnen, in Stücke zu gehen.

Trotz der charakteristischen Unbeständigkeit des Eisens, ist es dennoch das härteste aller klassischen Metalle. Oberflächlich betrachtet ein Widerspruch. In Wirklichkeit aber verbirgt sich darin ein tiefes Geheimnis, das den ewigen Kreislauf allen Werdens und Vergehens im Universum bedingt.

Mundöffnungsritual – ewigeweisheit.de

Das alt-ägyptische Mundöffnungsritual, Darstellung aus dem 13. Jahrhundert v. Chr. im Papyrus Hunnefer. Unten links im Bild die sogenannte "Mundöffnungsdeichsel" aus Himmelseisen.

Heiliges Metall aus dem All

Seit dem Altertum diente Eisen wegen seiner Härte der Herstellung von Waffen. Bevor man ab etwa dem 5. Jahrhundert v. Chr. begann Eisenerz zu verhütten, also aus Eisen Stahl herzustellen, verwendete man außerirdisches Eisen.

Sowohl im alten Tibet, in Mesopotamien, wie auch im alten Ägypten, wussten kluge Schmiede, wie sie aus niedergegangenen Meteoriten ein Metall isolierten, dass sie das "Himmelseisen" nannten – einer besonderen Eisenlegierung. Von diesem außerirdischen Metall spricht auch der Koran in der Sure Al-Chadid - "Das Eisen":

Und wir haben das Eisen herabkommen lassen, das viel Kraft in sich birgt und für die Menschen auch von Nutzen ist.

- Sure 57:25

Auch den Alten Ägyptern galt dieses Himmelsmetall als etwas Heiliges. Schon vor über 3.300 Jahren ließ sich der berühmte Pharao Tutanchamun daraus einen Dolch fertigen, der aber weniger eine kriegerische Waffe war, als er vielmehr ein Symbol seiner gottgleichen Macht darstellte. Schließlich war er aus himmlischem Stahl gemacht. Im Ägyptischen Totenbuch ist dieses außerirdische Metall ebenfalls von Bedeutung. Daraus nämlich ließen die ägyptischen Hohepriester ein besonderes Werkzeug schmieden: Die Mundöffnungs-Deichsel. In einem heiligen Ritual öffneten man damit symbolisch den Mund der Mumie des Pharao, um einen Teil des Seelenleibes aus dem dahingeschiedenen Körper zu erlösen.

Zwar indirekt, doch auch hier wieder war Eisernes an einem Degenerationsprozess beteiligt. Gewiss könnte man darum behaupten: Nicht nur seinem physikalisch-chemischen Wesen nach versinnbildlicht Eisen den Wechsel zwischen Strukturierung und Verfall. Aus roter Erde gewonnen lässt es sich im Feuer zu härtestem Stahl schmieden, womit in unserer materiellen Welt Wichtiges gebaut, doch damit auch immer wieder zerstört wird, wie etwa durch stählerne Waffen von Panzern, Kanonen und anderem Kriegsgerät. Doch selbst die sanftesten der vier Elemente, Wasser und Luft, korrodieren das harte Eisen über die Zeit hinweg zu rotem Rost.

Stahlarbeiter – ewigeweisheit.de

Ein Stahl-Arbeiter in der Hochofenanlage des Stahlwerks Thyssen in Duisburg (Foto: Deutsches Bundesarchiv; Quelle: Wikimedia; Lizenz CC BY-SA 3.0).

Die Geburt des Patriarchats

Wie Eingangs erwähnt, wirkt im Eisen der Erde ein marsianischer Kräftestrom. Als die Sonne vor 4.200 Jahren zu Frühling im Sternzeichen Widder aufging, überwog der Einfluss des Mars. Er nämlich ist der planetarische Regent des astrologischen Widders.

Die damalige Weltkultur stand unter dem Einfluss dieser marsianischen Regentschaft, die seitdem an Bedeutung sogar zunahm. Auch wenn heute viel grausamere Kriege geführt werden, sind sie jedoch nur Nachzügler dessen, was damals das astrale Bewusstsein unseres Planeten prägte: der Archetyp des Patriarchats.

Am Ende des Widder-Zeitalters strebte diese martialische Kultur auf ihren Höhepunkt zu. Alexander der Große eroberte weite Teile der damals bekannten Welt. Im 2. Jahrhundert v. Chr. gründeten die Römer ihr großes Weltreich. Das war aber auch die Zeit, als man Begann Waffen aus norischem Eisen zu schmieden.

An der Bedeutung des Eisens aber, hat sich für die Menschheitskultur nichts geändert. Wir verwenden dieses "ambivalente Metall" überall: in Stahlbewährungen in Häusern, Strommasten, Bahngleisen, Fahrzeugen, Maschinen, Waffen, Smartphones, Computern, Telefonen, Essbesteck und in allen nur erdenklichen Werkzeugen. Alle samt werden aus oder mit Eisen- beziehungsweise Stahlteilen hergestellt.

Das Planetarische Gedächtnis des Mars

In dieser Hochphase der Eisennutzung, scheint sich jedoch das esoterische Wesen jenes alten Planetengeistes, im maskulinen Archetypus Mars allgegenwärtig zu manifestieren. Unser Nachbarplanet selbst aber, befindet sich gegenwärtig in einer Ruheperiode. Seine Oberfläche ist tiefgefroren – fast tot.

Gab es vielleicht einst aber Leben auf unserem Nachbarplaneten?

Im Jahr 1888 schrieb die russische Theosophin Helena P. Blavatsky dazu in ihrem Buch "Die Geheimlehre":

Über die aryanische Menschheit und ihre Ursprünge weiß die Wissenschaft ebenso wenig, als über die Menschen von anderen Planeten. Mit Ausnahme von Flammarion und ein paar Mystikern unter den Astronomen, leugnet man zumeist sogar die Bewohnbarkeit anderer Planeten. Hingegen waren die Gelehrten der frühesten Gesellschaften des aryanischen Stammes solch große Adept-Astronomen, dass sie weit mehr über die Gattungen auf dem Mars gewusst zu haben scheinen, als der moderne Anthropologe von jenen der frühen Stadien der Erde weiß.

Es wäre meines Erachtens nach jedoch unsinnig Überlegungen anzustellen, wie solche Wesen einer Marskultur wohl ausgesehen haben könnten. Denn sicher unterschieden sie sich von unserem Leben ganz und gar - innerlich wie äußerlich. Doch das Leben auf dem Mars bestanden haben könnte, ist durchaus anzunehmen. Denn wie man seit Längerem weiß, besteht die Mars-Atmosphäre zu 95% aus Kohlendioxid. Und da Kohlenstoff, wie auch Wasser, Voraussetzungen für biologisches Leben sind, könnte es vielleicht sein, das einst eine verheerende Katastrophe, alles Leben auf dem Mars auslöschte.

Man sagt das Leben auf der Erde kam aus dem Meer. Umso faszinierender darum, dass sich am Südpol des Mars ein riesiger Salzwasser-See befindet. Ist er der Überrest eines einstigen Meeres das vielleicht sogar große Teile des Planeten bedeckte?

Planet Mars – ewigeweisheit.de

Bläulich-weiße Wassereiswolken über den marsianischen Vulkanen von Tharsis.

Übergang in eine neue Zeit

Was wir über den Mars, seine Geologie und Atmosphäre wissen, ist der Tatsache geschuldet, dass die Menschen in den vergangenen 50 Jahren mehrere Dutzend Raumsonden auf den Weg zu unserem eisernen Himmelsnachbarn sandten. Als sich die erste Raumsonde 1962 auf den Weg dorthin machte, gab es in Deutschland weder Farbfernsehen, noch Home-Computer, geschweige denn Mobil-Telefonie. Nicht einmal den Geheimdiensten stand das zur Verfügung, was heute jeder in seinem Leben als Internetzugang voraussetzt.

Vor genau 3 Monaten nun, startete eine weitere Marsmission: die NASA-Raumsonde InSight, landete Ende 2018 auf dem Mars, um das Innere des Planeten zu inspizieren, doch auch Wetterdaten auf dem Mars auf die Erde zu senden. All das sind Vorbereitungen auf eine für 2030 geplante bemannte Mars-Mission.

Wenn sich unsere Erde als eigenes planetarisches Bewusstsein denken lässt (Gaia), ließe sich solche Vorstellung ebenso auf unseren Nachbarn Mars anwenden. Man könnte darum sagen, dass wir in unserer Verbindung zum Mars, den Fluss eines Kräftestroms in Gang gesetzt haben, dessen Auswirkungen wir bisher noch nicht kennen, meiner Meinung nach aber bereits deutlich spüren.

Es treibt uns Menschen die Neugier, selbst in die kosmischen Überwelten einzugreifen, um mehr über ihr inneres Wesen zu erfahren. Auch die vom mythischen Schmied Hephaistos erschaffene Pandora, war nur zu neugierig. Ihr Wissensdurst aber brachte nur Sorgen und Leid über die Welt. Scheinbar jedoch hat die menschliche Entdeckerfreude für den Mars, einen unsichtbaren Kraftstrom angezapft, dessen martialische Einwirkungen vielleicht stärker als denn je auf unseren Planeten Erde zurückwirken.

Das Eiserne Geschlecht

In diesem Augenblick wohl schauen Sie in den Bildschirm eines Computers oder Smartphones. Doch was Sie da vielleicht in Händen halten, wäre inexistent, wären die Vorgängermodelle seiner Bestandteile, nicht ursprünglich zu militärischen Zwecken entwickelt worden.

Der englische Mathematiker Alan Turing entschlüsselte mit riesigen Rechenmaschinen den Enigma-Code der Nazis, was einen Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg markierte. Er war einer der Urväter des heute allgegenwärtigen Internets, dass aber erst nach dem Ende des Kalten Krieges für die Zivil-Gesellschaft freigegeben wurde. Heute befriedigt es menschliche Neugierde mehr denn je.

Relation Erde / Mars – ewigeweisheit.de

Der Krieg ist der Vater aller Dinge.

- Heraklit

Vor 2.700 Jahren entwickelte der griechische Dichter Hesiod eine Anti-Utopie von einer finsteren Zukunft. In seinem monumentalen Gedicht "Werke und Tage", nannte er fünf Menschheitszeitalter, von denen das Eiserne das letzte ist:

Denn jetzt hauset ein eisern Geschlecht, das weder am Tage ausruhen wird von Mühen und Leid, noch während der Nachtzeit, völlig verderbt; auch senden die Götter noch lastende Sorgen. Trotzdem wird auch ihnen zum Bösen sich Herrliches mischen. Doch auch dieses Geschlecht hinfälliger Menschen vertilgt Zeus, wenn gleich nach der Geburt an den Schläfen die Kinder ergraut sind. Einig sind nicht mit dem Vater die Kinder, nicht dieser mit jenen; nicht mit dem Wirte der Gast, der Gefährte nicht mit dem Gefährten; nicht wird teuer der Bruder noch sein, wie einst er's gewesen ist.

Was Hesiod darin präsentiert, passt recht gut auf die Verfassung der Gegenwart. Auch wenn manche sich nach einem Ende dieser Welt sehnen oder gar als Hiobsbotschafter den Jüngsten Tag heraufbeschwören, scheint zumindest die Welt, wie sie unsere Urgroßeltern kannten, sich grundlegend zu verändern.

Neben der menschlichen Intelligenz, wächst gerade eine neue, global umspannende digitale Intelligenz, die schon in wenigen Jahren gescheiter sein wird, als die gesamte Menschheit. Bleibt zu hoffen, dass sie auch eine Schläue entwickelt, die hilft, aus unserem Planeten Erde, für alle Menschen einen besseren Ort zu machen.

Bei all den Endzeiterwartungen vieler Esoteriker steht fest: Nichts endet, ohne dass ihm ein Neuanfang folgt. Zeit ist zyklisch und nicht linear. Manches wiederholt sich zwar, doch immer auf neue Art. Der indische Weise Sri Yukteschwar schrieb hierüber von einem großen Zyklus von ungefähr 24.000 Jahren, an dessen Tiefpunkt wir uns gerade befinden: dem Kali-Yuga – dem "Zeitalter des Streits". Dieser dunklen Weltperiode aber wird wieder ein lichtvolles, goldenes Zeitalter folgen.

Matriarchat – Patriarchat – Lumenarchat

Vor einigen Jahren hatte ich die Ehre mit dem polnischen Philosophen Henryk Skolimowski (1930-2018) eine Unterhaltung über den Zustand unserer Weltgesellschaft zu führen. Skolimowski schilderte dazu eine sehr interessante Perspektive:

Wenn wir zurückblicken in die ferne Vergangenheit vor 7.000 Jahren, standen die Menschen unter dem Einfluss einer göttlichen Ordnung, wo Gerechtigkeit und Mitgefühl herrschten. Leider aber drängten manche Menschen in patriarchal geprägten Gesellschaften, die ursprüngliche Ordnung auf unserem Planeten zu missachten. Im Matriarchat galt ein "Leben und Leben lassen", was aber anscheinend dem patriarchalen Gedanken eines "Lebenmüssens" weichen sollte. Die patriarchal geprägte Weltgesellschaft aber hat uns Menschen offensichtlich die Voraussetzungen genommen, weiterhin ein gutes Leben zu führen. Doch ebenso unmöglich lässt sich das alte Matriarchat wieder einführen. Wohin also bewegen wir uns?

Vielleicht kann die Menschheit Matriarchat, Patriarchat und Anarchie transzendieren, um Licht als große kosmische Mutter zu vermitteln – als Quelle aller Energie und Nahrung. Das wäre die Geburt des Lumenarchats: dem Zeitalter des Lichts.

 

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Was ist »Heilige Geometrie«?

von S. Levent Oezkan

Michael Meier: Atalanta Fugiens - ewigeweisheit.de

Seit alter Zeit suchen Menschen nach den elementaren Strukturen die unserer geschaffenen Welt ihre Gestalt gaben – sowohl im winzig Kleinen, als auch in der Welt des riesig Großen. Wo in dieser kosmischen Ordnung befindet sich der Mensch, um darin in Harmonie mit den natürlichen Kreisläufen auf der Erde und im Himmel zu leben?

Mit Antworten auf diese große Frage, sollte der Mensch die Fähigkeit erwerben, alle jenseitigen Einflüsse in seinem Leben bewusst zu integrieren, auch wenn sie sich seiner Macht praktisch entzogen. Seine Fähigkeit zu messen und abzubilden aber, lehrten ihn die periodischen Aspekte von Werden, Sein und Vergehen in der Natur der Erde zu bestimmen und dabei zu beobachten, wie das im Einklang steht mit dem Verlauf der Himmelslichter.

Er erkannte in den irdischen und himmlischen Kreisläufen besondere Muster, aus denen er ableiteten konnte, wie er sein Verhalten anzupassen hatte, als sesshaft gewordener Mensch. Hieraus entwarf er Pläne, nach denen er zuerst einmal sein Tun ausrichtete, um damit schließlich seine Lebensgrundlage auf Erden zu sichern. Was er dafür aber zu vermessen hatte, verstand er als Teil einer großen Mutter Erde: das Land mit seinen Ebenen und Bergen, mit den darin verlaufenden Flüssen, den Seen, den Wiesen und Wäldern.

Den alten Griechen war die Erde als Mutter »Gaia« darum heilig. Kein Zufall dass man durch die dabei zur Anwendung kommenden Methoden, zur Bezeichnung »Geometrie« fand, ein Ausdruck der wörtlich die »Vermessung Gaias« tituliert. Diese Maß-Nahmen erfolgten direkt – geometrisch – wie auch indirekt – astrometrisch. Was das bedeutet, dem wollen wir uns im Folgenden zuwenden.

Sakralbauten

Seit mindestens 5.000 Jahren vermessen Menschen Land und Himmel – was sowohl an den Ufern des Indus in Fernost geschah, an Euphrat und Tigris Mesopotamiens, am Nil in Afrika oder anderswo auf unserem Planeten.

Schon sehr früh begannen die Ägypter heiliges Maß anzulegen, um ihre monumentalen Bauwerke zu errichten, die ja ganz und gar auf bestimmte Himmelslichter ausgerichtet zu sein scheinen. Was man dort als Tempel oder Pyramide geometrisch abgestimmt gestaltete, waren zuerst Sakralbauten, die an manchen jahreszeitlichen Ereignissen, dem Stand heiliger Sterne entsprachen. Auch die Tolteken Mexikos konstruierten nach solcher Maßgabe ihre Tempel und Pyramiden.

Was an Lichtern vom Nachthimmel auf Erden fiel, dessen Spiegelungen folgte man, im Glauben an die Weisungen einer Gottheit. Das war mal die leuchtende Schwanzfederschlange – der toltekische Quetzalcoatl – der in seiner Brust als Herz den Planeten Venus trug – oder weitab von dort, die ägyptische Göttin Sopdet, die man im funkelnden Stern Sirius verehrte. Beim Bau der Großen Pyramiden Ägyptens berücksichtigte man solch astrometrische Richtmarken, da sie der Priesterschaft erlaubte über die Zeitpunkte sakraler Rituale zu entscheiden.

Gott als Geometer – ewigeweisheit.de

Gott als Erschaffer des Universums: Frontispiz der Bible moralisée in der Bilderhandschrift Codex Vindobonensis (um 1225).

Mit Zirkel und Lineal – sonst nichts?

Wenn wir den Geometrie-Begriff zuvor einführten, als ein Vermessen der Erde, ist damit natürlich nicht nur das Anlegen von Maßstäben gemeint. Das Messen nämlich, als eine Beschreibung von Größen und Verhältnissen mittels Zahlenwerten, ist noch verhältnismäßig jung. Erst um ca. 500 n. Chr. kamen die Zahlen über die Araber aus Indien nach Europa und erst sehr viel später in den deutschsprachigen Raum (im 15. Jahrhundert durch Adam Riese). Vorher maß man anders, sagen wir »intuitiver« – was jedoch nichts mit Ungenauigkeit zu tun hat. Bevor das aus Fernost stammende, sogenannte dezimale Stellenwertsystem der Zahlen Verwendung fand, bediente man sich natürlicher Maße als Einheit, deren Werte man durch gekonnte geometrische Konstruktionen entsprechend anordnete.

Wenn hier von Werten und Maßen die Rede ist, sind damit vor allem so Größen wie Teile, Winkel und Bogenlängen gemeint. Denn alles was die Geometer seit alter Zeit in ihrer Arbeit verwenden, sind Zirkel, Stift und Lineal.

Bereits im antiken Rom kamen Zirkel zum Einsatz, wie archäologische Funde beweisen. Stifte und andere Zeichengeräte, verwenden Menschen seit mindestens 36.000 Jahren, wobei man meist Kohlen oder weiche Mineralien als Farbsubstanz benutzte. Die ersten Lineale waren aus Knochen oder Horn verfertigt, da diese wegen ihrer Härte, auch ihre Form beibehalten. Auch Elfenbein erfüllte diesen Zweck.

Auf jeden Fall hat sich an der Einfachheit dieser drei grundsätzlichen Handwerkszeuge nichts geändert. Seit alter Zeit wissen Geometer, Architekten und Grafiker, wie sich damit jede nur erdenkliche Form zeichnen und geometrische Figuren konstruieren lassen. Was in alter Zeit zuerst auf Stein, auf Holz und dann auch auf Pergament dargestellt wurde, sollte schließlich durch besondere Arten von Papier zur Vollkommenheit gelangen.

Maße jenseits der Vernunft

Aus unserer Fähigkeit Raum zu erleben, erkennen wir normalerweise, durch die in der Architektur zur Anwendung kommenden geometrischen Wissenschaften, was uns an Gestaltungskräften umgibt. Und wenn wir oben von Intuition sprachen, die die Architekten auch beim Bau sakraler Bauwerke verwendeten, war damit insbesondere das gemeint, was die dabei tatsächlich angewendeten Maßverhältnisse anbelangt. Besonders zwei Größen sind hierbei von Belang:

  • die Zahl Pi (griechisch π), zur Bemessung der Bogenlänge und anderer Maße des Kreises, wie
  • die Zahl Phi (griechisch φ), aus der sich das Goldene Maß ableitet, ein überall in der Natur vorkommendes Verhältnis, dass wir normalerweise als harmonisch empfinden, sei es als das Verhältnis der Gesichts- und Körperglieder beim Menschen oder etwa in der Anordnung der Blätter einer Rose.

Schon im alten Ägypten bereite den Hohepriestern die Zahl Pi wohl mit auch Kopfzerbrechen. Ein näherndes Verhältnismaß sollte jedoch ausreichen (wie etwa im Ahmes Papyrus der mit der Formel 4×(8/9)2 als Annäherung an die Kreiszahl Pi arbeitet). Denn Pi ist eine Zahl, wie ebenso Phi, die die Mathematik heute als »irrational« bezeichnet: ein Wert also, der sich dem logischem Denken entzieht.

Beides sind Zahlen, die nicht durch mathematische Brüche darstellbar sind und deren Ziffern nach dem Komma, sich niemals wiederholen, sondern bis in die Unendlichkeit immer wieder in eine andere Ziffer umformen. Wer darüber etwas nachsinnt, dem dürfte einleuchten, wieso sie insbesondere für die Heilige Geometrie von besonderem Belang sind. Sie basieren quasi auf einer Geometrie die göttlich ist, und sich darum ganz und gar dem menschlichen Verstand entzieht. Denn selbst wenn Mathematiker zu den Zahlen Pi und Phi sehr präzise Annäherungen fanden, erhielte man, selbst wenn die klügsten Computer alle Ziffern dieser beiden Zahlen ermitteln wollten, dennoch kein Ergebnis, selbst wenn sie rechneten bis ans Ende der Zeit.

Pi und Phi bilden also keine Verhältnisse und lassen sich darum auch nicht berechnen. Beeindruckend aber ist, dass, wer mit dem Zirkel geometrisch konstruiert, das immer im Verhältnis zu diesen beiden Maßen tut.

Über die Vermessung der Heiligen Bezirke

Wie auch immer man diese Werkzeuge und gefundenen Maße verwendet, dienten sie zuerst einem sakralen Zweck, um damit etwa jene zu Anfangs angedeuteten Jahresfeste genau zu berechnen. Über die Beobachtung und Messung der Himmelsbewegungen, sowie der daraus gewonnenen Erkenntnisse, zeichnete man die ersten geometrischen Formen zur Hilfe dessen, was als Astronomie bekannt ist: die Kultusgesetzte der Sterne. Was sich also dort im Himmel und entsprechen auch auf der Erde an besonderen Formen und Maßen ablesen ließ, ging mehr und mehr über in eine Verwendung der dabei ermittelten Maße für kultische Handlungen.

So ermittelte Daten setzten die Zeitpunkte für sakrale Feierlichkeiten fest, die man an besonderen Orten beging: den Temenoi. Dorthin hatten einst nur jene Zugang, die für ein Volk oder eine Gemeinschaft, eine wichtige religiöser Rolle spielten – sei es etwa als Häuptling eines Stammes, als Priesterschaft oder auch als König eines Reiches. Ein Temenos (Einzahl von Temenoi) ist ein heiliger Bezirk, nach dem sich entsprechend spirituell Gesinnte oder Religionsangehörige in ihren Gebeten ausrichten.

Zu den weltweit bekanntesten Temenoi zählt etwa die Kaaba im arabischen Mekka. Den alten Griechen aber galt die Akropolis in Athen als Temenos, den Juden der Hof des Salomonischen Tempels zu Jerusalem, den Israeliten, auf ihrer Wanderung durch den Sinai, der Gipfel des Mosesberges. Abstrakteste Form dessen, was man Temenos nennt, ist wohl der Berg Kailash in Tibet, zu dem allerdings nur die Götter Zutritt haben, denn ihn zu besteigen ist Menschen bis heute untersagt.

Das Kalachakra-Mandala – ewigeweisheit.de

Kalachakra-Mandala, Tibet, 16. Jahrhundert.

Geometrie, Ritual und Intuition

Die Art und Weise, ja eigentlich die »Kunst«, sakraler Zeremonialhandlungen an solchen Orten, ist ganz und gar ausgerichtet auf eine besonders dafür entwickelte Heilige Geometrie. Denn durch die so, in sakraler Harmonie gezeichneten Formen, kann die Priesterschaft den Gläubigen helfen, auch intuitiv dem rituellen Geschehen zu folgen.

Die keltischen Druiden von Stonehenge oder Avebury zum Beispiel, führten Teilnehmer während ihrer heiligen Zeremonien, entlang der Menhire. Aber auch christliche Kleriker heute, weisen die Mitglieder ihrer Gemeinden im Gottesdienst dazu an, auf besonderen Wegen durch die Kirche zu gehen, an jene Orte darin, wo sich eine rituelle Handlung ereignet. Das kann etwa der Mittelgang einer Kathedrale sein, über den die Gläubigen sich zum Altar bewegen, um dort die Hostie zu empfangen. Heilige Geometrie dabei aber ist auch, was den darin Beteiligten peripher die höheren Wahrheiten des Geschehens suggeriert, scheint doch jedes architektonische Element eines Sakralbaues, seinen dafür vorgesehenen Zweck zu erfüllen.

Wegen der Kenntnis ihrer eigentlich wichtigen Bedeutung für die entsprechenden Kulthandlungen, verwendete man die dafür entwickelten Wegmarker, Symbole und großflächigen geometrischen Strukturen, dann später um jene sakralen Bauwerke zu markieren und darin auch physisch zu fixieren. Nicht zufällig etwa finden sich jene berühmten Formen, wie etwa das Hexagramm, die Vesica Piscis oder die Blume des Lebens, als sakrale Verzierungen in vielen verschiedenen antiken Bauwerken und zwar sowohl bei den Menschheitskulturen des Westens und des Ostens.

Wichtigster Zweck heiliger Geometrie ist, dem Betrachter durch darin verwendete, typische Bilder und Formen, zur Erkenntnis zu verhelfen, über das Wesen des Seins. In solch heiliger Kunst werden die Weisheiten und die sich daraus ergebenden Ritualhandlungen vermittelt.

Mandalas in Tibet

Die wohl berühmteste Ornamentfigur der tibetischen Buddhisten, ist das Kalachakra-Mandala – das Rad der Zeit. Ein Mandala ist ein Symbol für die esoterische Struktur des Universum, dass in Buddhismus und Hinduismus, insbesondere in der Meditation zum Ausdruck kommt. Vor allem für die Praktizierenden im sogenannten Vajrayana, dem Diamantenen-Fahrzeug des tibetischen Buddhismus, spielt das Kalachakra eine bedeutende Rolle. All die vielen Details in diesem charakteristischen Mandala, zeigen sich dem Meditierenden vielleicht zuerst im Außen, doch bilden eigentlich eine Landkarte für das Innere seines Bewusstseins.

Nicht zufällig nun, findet die eigentliche Zeremonie der Kalachakra-Einweihung getrennt statt von dem, was die Mönche da in einem anderen Raum (oder dafür vorgesehenen Ort) aus farbigem Sand als Mandala herstellen. Bereits da aber befinden sich die Mönche in achtsam-meditativer Konzentration. Denn nur so lassen sich die darin enthaltenen Elemente der Tradition entsprechend abbilden. Nach dem äußeren Zeremoniell mit den Teilnehmenden, haben diese dann Zutritt zu dem fertiggestellten Kalachakra-Sand-Mandala. Dieses Abbild eines heiligen Mandala basiert vollständig auf der Harmonie einer sakralen Raumlehre. Seine Bestandteile aber repräsentieren den Palast eines Buddha, durch den sich der Eingeweihte in seinem Innern bewegt.

Das alle Form aber, wie auch die Heilige Geometrie des Kalachakra-Mandala, an Zeit gebunden ist, endet dieses heilige Zeremoniell mit der Zerstörung des dafür hergestellten Bildes. Der farbige Sand wird also zusammengekehrt zu einem kleinen grauen Häufchen, das man daraufhin feierlich in die Fluten eines Flusses kippt.

Auch wir Menschen, deren Körper ja auch auf den Prinzipien der Heiligen Geometrie basieren, werden dereinst wohl zu Staub zerfallen sein, während sich die reinste Substanz unseres Inneren fortbewegt, im kosmischen Fluss der Zeit.

Verhältnis Pi zu Phi – ewigeweisheit.de

Die Breite und Höhe der Vesica Piscis (innen, schwarz), stehen im Verhältnis des Goldenen Maßes (Seiten des Rechtecks, grün).

Heilige Geometrie in der islamischen Kunst

Wegen des Bilderverbots im Glauben der Muslime, spielte insbesondere die Verwendung von geometrischen Mustern, die auf Grundlage sakraler Strukturen entwickelt werden können, schon immer eine ganz zentrale Rolle. Natürlich führte das in der islamischen Kunst zu einer ganz eigenen Kultur optischer Gestaltung.

Die typischen geometrischen Arabesken sind meist zusammengefügt aus sich wiederholenden, und teils in sich verstrebten Quadraten, Kreisen und anderen Formen Heiliger Geometrie. Hieraus ergeben sich komplexe Muster, die den Geist ihrer Betrachter durchaus zu zerstreuen vermögen – allerdings in positivem Sinne. Denn in meditativer Betrachtung lassen sich Gedanken auflösen, während die Blicke des Betenden, über solch geometrische Strukturen in der Moschee schweifen, seine Ohren aber geöffnet bleiben, um den Gesängen seines Imam zu lauschen.

Der englische Künstler Keith Critchlow (1933-2020) meinte gar, dass diese geometrischen Muster ihren Betrachter sogar zu einem tiefen Verständnis der darin befindlichen Realität zu führen vermögen.

Sakrale Kunst der Christen

Die christliche Sakralkunst versucht ihren Religionsmitgliedern eine Vision dessen greifbar zu machen, was durch das Erscheinen, den Leidensweg, den Tod und die Auferstehung Christi gelehrt werden soll. Im Mittelalter war so etwas für all jene von Bedeutung, die nicht lesen konnten, doch durch bildliche Darstellung jener geschilderten Christus-Geheimnisse, intuitiv die damit einhergehenden Wahrheiten erfahren sollten.

Wohl nicht zufällig erscheint der Christus Jesus in vielen sakralen Darstellungen, aus einer Vesica Piscis hervortretend, während ihn die vier Tierwesen umgeben: der Heiland als Repräsentation des Göttlichen Zentrums, aus dem die Frohe Botschaft als Christuslicht in die vier Weltecken strahlt, sichtbar geworden in den Schriften der vier Evangelisten, wo ein Mensch den Matthäus symbolisiert, ein Löwe den Markus, ein Stier Lukas und ein Adler Johannes. Das sind bildhafte Anspielungen auf das, was dem Gläubigen bekannt ist, doch ihm in seinem Betrachten helfen soll (zum Beispiel einer christlichen Ikone), die darin verborgene Mystik intuitiv und als Ganzes zu erfassen.

Was sich darin als Vierheit zeigt, erscheint natürlich wieder in der Form des Kreuzes. Das Kreuz in einen Kreis gefasst aber, wird zum astrologischen Zeichen für die Erde. Im Paganismus etwa nennt man dieses heilige Symbol das »Sonnenrad«. In allen Fällen aber finden wir darin den Hinweis auf ein Zusammenwirken solarer und irdischer Symbolik.

Im Christentum ist das eine Allegorie auf den Messias Jesus als Gottesebenbild des Solaren, der am Kreuz hingerichtet, ein Sinnbild formt, für unsere irdische Katharsis. Wenn da also ein christlicher Leidensweg am viergliedrigen Kreuze endet und ein auferstandener Christus etwa aus der Vesica Piscis hervortritt: suggeriert das nicht auch den Weg, den ein Mensch als eine im irdischen Körper geborene Seele durchlebt und erleidet und ihn endlich mit dem Tod zum Auferstehen aus der Polarität führt, wieder zurück in die Einheit?

Sicherlich sind diese Symbole und auch andere Strukturen der Heiligen Geometrie, immer schon Mittel gewesen, um den Menschen in seinem irdischen Dasein Anhaltspunkte zu geben, die ihm in seinem Leben als Wegmarken dienen können, bis ans Ende seiner Tage.

Ganz im Sinne Gaias

Seit der Antike spricht man von insgesamt fünf exoterischen und esoterischen Schlüsseln. Sie helfen einem Menschen dabei sogenannte »Tore des Bewusstseins« zu öffnen, durch die einer Zugang finden kann, zum seinem wahren Selbst. Diese Schlüssel sind Kenntnisse in Physiologie, Psychologie, Astrologie, aus der Metaphysik und schließlich aus der Heiligen Geometrie. Das Sakrale letzteren Schlüssels, der Geometrie, aber dient der intuitiven Erkenntnis über das Wesen der eigenen Innenwelt – zu der die Verwendungen der anderen Schlüssel natürlich unterstützend beitragen sollen.

Wie sich daraus ableiten lässt, wurzelt die esoterische Wissenschaft der Heiligen Geometrie in der Beobachtung der natürlichen Vorgänge auf der Erde und im Himmel. Die darin wirksamen mathematischen Prinzipien, zeigen sich in unzähligen Strukturen der Natur. Man denke etwa an den Aufbau der Kerne in der Blüte einer Sonnenblume, die in manchen Pflanzen vollkommen akkurate, geometrische Muster hervorbringen.

Die Sonnenblume – ewigeweisheit.de

Die Anordnung der Kerne in der Blüte der Sonnenblume, weist hin auf das Goldene Maß.

Doch auch Tiere finden sich, die solch geordnete, geometrische Strukturen bilden, wie etwa das Schiffsboot, einem Meeresweichtier dessen Muschel aus einer logarithmischen Spirale besteht, wobei ihre Grundform immer die selbe bleibt.

Besonders deutlich sieht man das aber bei den Bienen, mit ihren perfekt geformten Waben, in den sie ihren Honig speichern. Interessant dabei ist, dass die ringförmigen Moleküle der beiden Hauptbestandteile des Honigs, Traubenzucker und Fruchtzucker, sich auch molekularer Ebene jeweils wieder aus solchen Waben zusammensetzen.

Es scheint darum naheliegend, dass, bei der Erkenntnis solcher Zusammenhänge, es immer Denker gab, die daraus besondere, ganz eindeutige Muster abzuleiten wussten, die schließlich zu den charakteristischen Formen der Heiligen Geometrie wurden. Die Vesica Piscis, die Blume des Lebens, das Hexagramm, das Pentagramm oder die Spirale, wie auch die platonischen Körper, spielen eine signifikante Rolle, um natürliche Phänomene zu veranschaulichen, die uns beim Menschen, bei Tieren, Pflanzen und Mineralien begegnen.

In alter Zeit und auch heute noch, sehen darin manche eine Art geometrische Vorlage, aus der die Gottheit das erschuf, was sich dann als geistige Struktur in der Welt manifestieren sollte. Was sich aus solch einem Verständnis über die Ursprünge unseres energetisch-materiellen Universum später entwickelte, ging ein in die sakrale Baukunst der Kirchen, Synagogen und Moscheen, ebenso wie auch in die Architektur der Tempelbauten in Hinduismus und Buddhismus, wie auch in jene Heiligtümer anderer alter Kulturen unserer Welt.
 

Heilige Geometrie ist eine universale Kunst, die versucht in den Erscheinungen der Natur, Muster zu entdecken, und aus den so gewonnenen Erkenntnissen abzuleiten, dass solcher Art Strukturen auf unseren Geist ordnend wirken. Es sind geometrische Muster die ihre Form behalten, unabhängig von Zeit, Raum und Materie. Alle Heilige Geometrie aber liefert feinstoffliche Vorbilder, nach deren Maß sich die Welt gestalten ließe.

So ist es möglich, manche dieser geometrischen Grundstrukturen als »heilig« zu würdigen, da sie durch ihre Ordnung und ihre systematisch konstruierten Formen, an sich unveränderlich bleiben. Wer sich also zu verbinden vermag, mit dieser Art Formen, ist einer, der den Großen Mysterien der Welt einen Schritt näher gekommen ist und dem dabei der große Weltenbau als Ganzes erscheinen dürfte. Er selbst kann sich damit als Teil dessen in Kontakt bringen – ihren Mustern, ihren Formen und Verbindungen, den Gesetzen dieser Heiligen Geometrie – die unseren geschaffenen Kosmos »im Innersten zusammenhält«.

 

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Magie im Alten Ägypten

von S. Levent Oezkan

Jon Bodsworth: Figure of Thoth in Luxor, Egypt - ewigeweisheit.de

In der Religion der Alten Ägypter spielte Magie eine zentrale Rolle. Darauf verweisen Hieroglyphentexte auf Pharaonengräbern und alten Zauber-Papyri. Man glaubte an die Kraft magischer Namen, Beschwörungen, Symbole und Amulette. Sie verwendeten ägyptische Hohepriester rituell, um damit Übernatürliches zu bewirken.

Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass der kontinuierliche Fortschritt dieser 3000-jährigen Zivilisation, auch diesen Fähigkeiten geschuldet war. Schließlich besaß diese alte Nilkultur schon damals einen verblüffend hohen intellektuellen Wissenstand. Denn seit den Ursprüngen der alt-ägyptischen Kultur, beeinflussten Geistesleben und Spiritualität die alt-ägyptische Kultur. So konnten sich auch übernatürliche Fähigkeiten entwickeln und man dem Wesen magischer Gesetze auf den Grund gehen. Dieser Glaube prägte die Haltung der Menschen gegenüber dem Vergänglichen ebenso, wie ihre Sicht auf die Dinge der spirituellen Welt.

Was aber die Ägypter dabei tatsächlich empfunden haben mögen, werden wir leider niemals erfahren. Sicher jedoch ist, dass sie ihre unzähligen religiösen Zeremonien und Ritualvorgänge, mit peinlich genauer Behutsamkeit ausübten. Man folgte bei der magischen Anrufung der Götter ganz genauen Regeln. Wegen dieser besonderen Hingabe an sowohl Religion wie auch Magie, galten die Ägypter in der Alten Welt sowohl als Frömmler wie auch als abergläubische Menschen.

Wie aber passt das zusammen? Sind denn religiöser Glaube und Aberglaube keine Gegenteile?

Ursprünge Ägyptischer Magie

Bevor die ersten Königsdynastien entstanden, pflegten die Ägypter einen ganz eigentümlich Schamanismus. Man glaubte an eine durch und durch belebte Welt und Unterwelt. Auch die Lüfte und den Himmel dachte man sich von unsichtbaren Wesenheiten bevölkert. Von dort aus wirkten sie auf Mensch und Natur, waren gut gesinnte oder böse Geister.

Diesen geheimnisvollen Wesen schrieben die Ureinwohner Ägyptens außerdem menschenähnliche Eigenschaften zu. Man glaubte, auch Geister und Dämonen seien getrieben von Leidenschaften, fühlten Emotionen, hatten Schwächen und Gebrechen.

Das war die Zeit in der die Alt-Ägyptische Magie entstand; etwas das wohl zugleich Kunst und Wissenschaft war. Von solchem höheren Wissen, versprach man sich Macht über die Geister des Himmels, der Gewässer und der Erde.

Hierzu war es üblich Amulette mit besonderen Formeln oder heiligen Namen anzufertigen. Von solch magischen Objekten erhoffte man sich Schutz gegen böse Geister. Ja es entstand gar eine ganze Wissenschaft, die sich allein um die Herstellung von Amuletten dreht. Auch glaubte man die Kraft hoher Wesenheiten über die Zeichen eines Amuletts auf den Träger des selben übertragen zu können. Somit erwartete man von diesen magischen Objekten, ihren Träger mit übernatürlichen Kräften auszustatten

Zwischen Animismus und Götterglaube

Ziel Ägyptischer Magie war einem Menschen sowohl schützende wie auch zerstörerische Kräfte zu verleihen. Ja selbst den höchsten Gott wünschte man nach eigenem Ermessen beschwichtigen oder gar beeinflussen zu können. Das mag wohl daran liegen, dass bevor ein Glaube an die Götter im Alten Ägypten entstand, magische Praktiken bereits weit verbreitet waren.

Es gilt als gesichert, dass eine Großzahl religiöser Zeremonien, aber aus noch älterer Zeit stammen, wo das Weltbild der Menschen des Niltals noch ein starker Aberglaube prägte. Erst später entwickelte sich ein Götterglaube, wie man ihn nachher etwa auch bei den alten Griechen fand. Das zeigen die Hieroglyphen, die Götter oder Gottheiten bezeichneten. Es waren oft Symbole besonderer Werkzeuge, die in den noch schamanischen Anfängen Alt-Ägyptens eine Rolle gespielt hatten. Ihnen schrieb man göttliche Mächte zu.

Worte der Macht

In dieser Zeit genossen die Hohepriester Ägyptens sehr hohes Ansehen. Manche hielten sie gar selbst für Götter, galt doch die Macht dieser Wissenden als schier unbegrenzt. Das aber hatte gar nichts mit Aberglauben zu tun. Wer zum Chor der Hohepriester gehörte, verfügte tatsächlich über magische Fähigkeiten, die dem Normalsterblichen ein Rätsel blieben.

Büste eines alt-ägyptischen Hohepriesters (ca. 2. Jhd. v. Chr.)

Büste eines alt-ägyptischen Hohepriesters (ca. 2. Jhd. v. Chr.).

Durch die Aussprache besonderer, geheimer Namen der Kraft, konnten sie mit ihrer dafür geschulte Stimme tatsächlich Kranke heilen und Menschen von geistigen Besetzungen befreien. Gar Tote – so die Legenden – erweckten sie durch die Magie besonderer Gebetsformeln zu neuem Leben.

Wem solch Wunderwerk gelang: könnte so jemand nicht gar heute noch unter uns weilen?

Von den geheimen, magischen Worten der Priesterschaft hieß es außerdem, dass sich durch sie die Seele eines Menschen, in einen anderen Menschen projizieren ließe. Das galt ebenso für tierische Lebensformen, etwa die eines Adlers, Stiers oder eines Löwen. Auf ihr Geheiß verwandelte sich Totes in Lebendiges und Lebendiges in Totes.

Manche sagen, der junge Prophet Moses hätte diese Fähigkeiten in seiner Jugend von jenen Eingeweihten Ägyptens erlernt, um sie aus Not dann dereinst aber, beim Auszug aus der pharaonischen Knechtschaft, mit ihren eigenen spirituellen Waffen zu schlagen.

Das besondere Worte und Namen magische Kräfte übertragen sollen, davon erfahren wir in eigentlich allen Kulturen der Welt. Die Macht der Sprache ist dem Menschen gegeben. Wenn auch überwiegend als Mittel der Kommunikation, gibt es aber besondere Worte, die weit mehr als nur Information oder Bezeichnungen für etwas enthalten.

Dem ägyptischen Thoth, Gott der Magie, der Sprache und der Wissenschaften, jenem großen Weisen der alten Atlantis, werden all diese magischen Wunderkräfte nachgesagt. Ihm sollen gar die göttlichen Schöpfungsworte bekannt gewesen sein, mit denen einst die Erde erschaffen wurde. Mit diesem Wissen, so der Mythos, beeinflusste Thoth selbst den Lauf der Sonne.

Das geheime Buch des Thoth

All das klingt natürlich recht märchenhaft und die Legenden dieses sonderbaren alten Volkes berichten von gar unglaublichen Wunderwerken.

Wenn all das aber mehr als reine Chimären sind, woher kannten ägyptische Priester solch wundersame Namen und Zaubersprüche der Macht?

In einem Papyrus aus der Zeit der Ptolemäer, ist die Rede vom ägyptischen Prinzen Setnau Khaem-Uast, Sohn des Pharaos Ramses II. Er war ein zutiefst religiöser Menschen, der sich dem alten ägyptischen Ritus verpflichtet sah. Er kannte solche Formeln der Macht und wusste sich allerhand magischer Amulette und Talismane zu bedienen. Ihm schienen selbst die Geheimnisse von Leben und Sterben zu Füßen zu liegen. Wann immer er es für notwendig hielt, eröffnete er auch gewöhnlichen Menschen Schicksal und Lebensbestimmung.

Setnau fand sein magisches Wissen im alten Memphis, einer 3000 Jahre alten Stadt am Nildelta, wo sich einst der Tempel Hu-Ka-Ptah befand: Ursprung des Namens »Ägypten«. Das sollen unter anderem alte hieratische Schriften belegen. Es bleibt jedoch ein Legende, dass Setnau in einer geheimen Gruft des Prinzen Neferkaptah, das geheimnisvolle Buch fand, das angeblich aus der Feder des Gottes Thoth stammte.

Es heißt, die großen Mysterien des Lebens und des Sterbens offenbaren sich dem, der aus diesem Buch die Zaubersprüche gewissenhaft zu rezitieren vermag. Selbst sein eigenes Schicksal würde sich ihm beim Lesen des Buches offenbaren. Alle nur erdenklichen, mächtigen Namen und Zaubersprüche seien darin verzeichnet, die den Leser befähigen, Wissen aus Vergangenheit, Zukunft, sowie aus fernen Gegenden zu gewinnen. Ein Buch der Wahrsagerei?

Sicher lebten Erinnerungen an dieses Buch, in späteren magischen Kulten und Geheimorden fort, wie etwa im Golden Dawn oder dem Ordo Templi Orientis.

Manche sehen im Buch des Thoth gar die atlantischen Ursprünge des Tarot.

Spätere Varianten der Schrift

Kaum verwunderlich darum, dass sich Fragmente dieses Textes allmählich, jedoch in minderwertiger beziehungsweise verfälschter Form, auch in Kreisen Normalsterblicher verbreitete.

Diese Verweltlichung alter Geheimnisse aber führt zu all dem Aberglauben, der die Wahrheiten um den Begriff der Magie, allmählich in die Bedeutungslosigkeit abdrängte. Vom ursprünglichen Wissen der geheimen Namen, scheint damit kaum etwas geblieben zu sein. Vielleicht sind es auch nicht nur die Namen und ihre Symbolschrift an sich, die dem Rezitator bekannt sein müssen, als er vielmehr durch Form und Ritus ihrer Äußerungen, das vollbringt, was auch den alten Priestern zu Memphis gelang.

Was jene Wissende besaßen, waren keine Rituale die auf Mutmaßungen basieren, sondern wohl auf wirklich gemachten Erfahrungen. Ihnen waren die Symbole und die tiefliegenden Aussagen jener Sprüche und magischen Namen bekannt und sie hatten die geheimen Formen ihrer Rezitation verinnerlicht.

Auch wenn jemand das Selbe dem vorliegenden Text unterstellen möge, scheint insbesondere heute verfügbares, sogenanntes »magisches Geheimwissen«, meist nur auf Vermutungen zu basieren – etwas, das man wo laß oder wo hörte. Mit magischem Wissen aber hat das nichts zu tun.

Verbergen sich dahinter aber nicht auch Gefahren?

Zumindest ist das, was man heute als Esoterik bezeichnet, nicht das Selbe wofür der Begriff ursprünglich stand. Damals nämlich galt Esoterik als tatsächliches Geheimwissen, das nur einem inneren Kreis von Personen zugänglich war (alt-griech. »esoterikos«, das Innerliche).

Wer heute aber die Wurzeln dieses uralten, inneren Wissens nicht mehr kennt, der läuft Gefahr sich mit dem magischen Wissen der alten Ägypter sogar sehr zu verwirren. Denn eine nur oberflächliche Beschäftigung mit dem, was man bei den alten Ägyptern als Magie bezeichnete, meint oft genau das Gegenteil von dem, wofür man den Begriff heute hält.

Einfach nur aus einem spirituell-magisch-religiösen Gesamtkonzept, mal eben das vermeintlich Beste herauszugreifen und damit arbeiten zu wollen, erscheint mir nicht nur unangebracht, sondern sogar bedenklich. Schließlich begibt man sich in Sphären, deren Wesen man nicht genau kennt.

Wenn Prinz Setnau auch eine recht mysteriöse Gestalt der alt-ägyptischen Geschichte war, schien sein Wissen auf Erfahrungswerten zu basieren. Vor allem aber hatte er den Kult seiner Religion verinnerlicht.

Heute tendieren viele Möchtegernmagier dazu sich mal eben solchen Geheimwissens zu bedienen. Doch das ohne sich dabei einer Religion oder einem traditionalen Ritus unterzuordnen. Weder kennt man die verwendeten Quellen, noch jene damit verbundenen, religiösen Riten. Stellt sich da nicht die Frage: Wieso überhaupt greift man nach solchen Mitteln? Aus Neugier? Aus dem Wunsch nach Kontrolle und Macht?

Leider gab es immer solche, die skrupellos ihr Halbwissen als Wahrheit verkündeten, Sekten gründeten und ganze Schwärme Unwissender ins Unglück trieben. Solche nämlich gaben vor über die Wahrheiten des Übernatürlichen zu verfügen. Und solch falsches Halbwissen verkauften sie für teueres Geld an Unwissende, Hilflose oder wieder jene, die letztendlich selbst auf so etwas aus sind.

So mutierten die Inhalte wahrer Magie zu einem riesigen Hokuspokus um Wunderheiler und Wochenend-Erleuchtete, wo Unwissende sich zu sprühenden Lichtarbeitern verwandeln. Wenig überraschend darum, dass wenn sich heute jemand öffentlich als Magier bezeichnet, weniger als ein Vasall des Teufels gefürchtet, als einfach nur ausgelacht wird. Jemand aber der sich bewusst den dunklen Mächten verschreibt, dem wird wohl leider das Lachen vergehen.

Religion und Magie: Ein Widerspruch?

In den Anfängen der alt-ägyptischen Kultur entwickelten sich Magie und Religion parallel zueinander. Daran änderte sich nichts bis ans Ende der letzten pharaonischen Dynastien der ersten Jahrhunderte vor Christus.

Was man heute als die Magie der Ägypter bezeichnen kann, übte in alter Zeit großen Einfluss aus auf andere Kulturen, die in den Ländern nahe des Nilreiches florierten. Zwar kann keiner genau sagen, welchen Einfluss das Wissen der Ägypter in diesen Ländern hatte, zweifellos aber findet man manche der alt-ägyptischen Vorstellungen, wie etwa von den magischen Kräften der Buchstaben und Namen, auch in anderen religiösen Systemen. Dazu zählen ohne Zweifel Geheimwissenschaften wie die Kabbala. Doch auch die Riten erster christlicher Sekten, ließen sich durchaus zurückverfolgen auf diese alt-ägyptischen Ursprünge.

Allem voran bewegt sich da wohl die Vorstellung von dem einen Allschöpfer, dem einen Gott aus dem alles Belebte und Unbelebte hervorging. Spätestens seit der 18. Dynastie des Neuen Ägyptischen Reiches, konzentrierte sich diese Vorstellung, letztendlich unter Pharao Echnaton, in Aton – der göttlichen Sonnenscheibe. Das war wohl die Geburt des Monotheismus.

Grab des Ramose: Echnaton und Nofretete im sogenannten "Fenster der Erscheinungen" - ewigeweisheit.de

Relief im Grab des Ramose (14. Jhd. v. Chr.): Echnaton und Nofretete im sogenannten "Fenster der Erscheinungen". Über ihnen die Sonnenscheibe Aton. Die Enden ihrer Strahlen führen in Hände, die teilweise das berühmte Heilsymbol des Ankh halten.

Auch der Glaube an die Wiederauferstehung eines vergöttlichten, vollkommenen und ewig fortdauernden Leibes, dürfte später auch in das Christus-Mysterium übergegangen sein. Weniger aber als eine Variante jener alt-ägyptischen Vorstellungen, als eher eine unveränderliche Gesetzmäßigkeit, die nur schon im alten Ägypten als solche erkannt wurde und die man schon damals für heilig hielt. Vieles auch, dass man in den Symbolen des Lebens- und Leidensweges Jesu Christi findet, existierte in etwas anderer Form auch in der Geschichte von Osiris' Kampf gegen die Mächte der Finsternis (Seth) und seine Wiederverkörperung als König der Welt.

Trotz dieser recht hohen intellektuellen religiösen Vorstellungen vom irdischen Sein zwischen Himmel und Unterwelt, ließen die alten Ägypter niemals ab von ihren schamanischen Ursprüngen. Darauf verweisen archäologische Funde magischer Amulette und Talismane, sowie Inschriften auf Grabsteinen und die Hieroglyphen der magischen Zauber-Papyri. Aus diesen Dingen erhoffte man sich höhere Fähigkeiten und vertraute darauf, Leibes- und Seelenleben vor bösen, schädlichen Einflüssen zu schützen.

Im Alten Ägypten verschmolzen Magie und Religion zu einer Einheit. Hier galten sie nicht als unvereinbare Wege. Die Priesterschaft nämlich war sowohl damit beschäftigt, die heiligen Schriften zu verfassen, doch eben auch solche, die magische Sprüche enthielten. Letztere waren Anleitungen zur Rezitation und für magische Zeremonien, die zu bestimmten Tages- und Nachtzeiten ausgeführt werden mussten. Denn nur so konnte sich ihre magische Wirkung entfalten. Kaum verwunderlich dann, wenn wir Ähnliches in religiösen Riten finden, wo die Stände und Konjunktionen von Sonne und Mond, wichtige Marken religiöser Feste bilden.

Titelfoto: Jon Bodsworth

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Einweihung in die Mysterien im Alten Ägypten

von Johan von Kirschner

In sehr alter Zeit, lange vor den großen Pyramiden, herrschte im ägyptischen Memphis eine göttliche Dynastie. Dort hütete man die alten Weisheiten von Atlantis.

Die folgende Schilderung einer ägyptischen Mysterien-Einweihung beschreibt in erzählerischer Form, welchen gefährlichen Prüfungen sich ein Initiant unterziehen musste, um in den Kreis der Tempelpriester von Memphis aufgenommen zu werden.

Die Vorbereitung

Nur wenigen war gegeben, in die heiligen Mysterien eingeweiht zu werden.
Zur Vorbereitung hatte der Neophyt bestimmte Meditationsübungen auszuführen, bis in ihm keine Gedanken mehr aufstiegen und er gelernt hatte Gedanken und Gefühle zu beherrschen. 
Ohne diese spirituelle Macht erlangt zu haben, wurde niemand zur Einweihung zugelassen. Der Grund: wer seinem Denken, Fühlen und damit auch seinen Begierden unterlag, hätte die Mysterien nicht überlebt.

Nach einer dreitägigen Fastenzeit, kamen nach Sonnenuntergang zwei Mysteriendiener zum Aspiranten. Sie führten ihn zum Tor eines verborgenen Heiligtums. Dort wurde er aufgefordert in den dunklen Vorraum eines, der Isis geweihten Tempels einzutreten. 
Darin sah der Neophyt beim Schein der Fackeln Bildsäulen, auf denen Menschen- und Tierköpfe von Löwen, Stieren und Adlern abgebildet waren. In Begleitung der beiden Mysteriendiener durchschritt er mehrere, immer enger und niedriger werdende Hallen. Zuletzt er zu einem langen Gang, an dessen Ende sich ein bronzener Altar befand. Rechts und links davon brannte in zwei großen Schalen Räucherwerk. Auf dem Altar saß eine lebensgroße Statue der Göttin Isis, die ein verschlossenes Buch auf ihrem Schoß hielt. Über ihr stand in alter Hieroglyphenschrift:

Kein Sterblicher hat je meinen Schleier gelüftet!

Das Tor in den Einweihungstempel

Unter dem Altar öffneten sich zwei schwere Torflügel. Dazwischen sah der Neophyt in der Mauer ein gähnend schwarzes Loch. Es war so niedrig, dass man nur kriechend hinein kam. Dies war die Öffnung zu einem winzigen Tunnel, der in die Mysteriengänge führte. 
Wer nun für die Einweihung bestimmt war, dem wurde noch einmal freigestellt sich der Prüfung zu unterziehen.
Wer zustimmte, dem gab man eine kleine Öllampe in die Hand und entzündete sie mit den Worten: "Hab' acht auf deine Lampe und merke dir: wissen, wollen, wagen, schweigen - das sind nicht nur die Stufen zur Vollkommenheit, sondern auch deine Richtschnur, die Dich heute bewahren kann! Du weißt dass dieser Weg zur Vollkommenheit führt. Du willst ihn gehen - nun sollst du wagen und darüber schweigen - geh nun - geh!"

Wellcome Library, London, Egypt: ceremonies of the cult of Isis, 1804 - 1811, Robert von. Spalart - ewigeweisheit.de

Eine Zeremonie des Isis-Kults. Robert von Spalart. Wellcome Library, London.

Als der Neophyt nun in das dunkle Loch krauchte, warnte ihn einer der Mysteriendiener noch einmal: 
"Bedenke - noch bist du frei, noch kannst du umkehren. Bist du aber in den Gang eingetreten, so verschließt sich das Tor hinter dir und es gibt kein zurück. Dann musst du den Weg heraus, selber finden. Niemand wird dich holen!"

Er wagte sich in das schwarze Loch und hinter ihm verschlossen sich donnernd die schweren Tore. Er war nun eingesperrt in der Finsternis. Mit dem Licht seiner Öllampe kroch er auf Knien entlang des finsteren Tunnels.
Plötzlich hörte er Schreie und eine Stimme quoll aus der Erde hervor: "Hier verderben die Toren, die nach Wissen und Macht gieren."

Eine furchtbare Angst stieg in ihm auf und seelische Beklemmungen wollten sich seiner bemächtigen. Doch nur wenn er dagegen ankämpfte und gewahr wurde, dass andere vor ihm wohl auch diesen finsteren Ort passieren mussten, wurde er wieder Herr über seine Ängste.
Der Initiant krabbelte weiter. Ihm blieb nichts anderes übrig, denn der Weg zurück war versperrt. Der Gang wurde immer enger und schließlich blieb er wie in einem Rohr stecken. Inneres Grauen und Todesangst wühlten ihn auf. Es kam ihm vor, als befände er sich in einem fürchterlichen Sarg und wollte am liebsten Schreien.

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Ein tiefer schwarzer Abgrund

Sein Herz raste, sprengt fast seine Brust. Er knirschte mit den Zähnen.
Wie eine Schlange versuchte er sich durch die immer enger werdende Röhre zu pressen. Schließlich atmete er auf, denn der Gang erweiterte sich. Irgendwann konnte er sich aufrichten.

Dennoch musste er fortschreiten. Der Gang senkte sich in immer schärferem Abhang. Auf einmal tat sich vor seinen Füßen ein Abgrund auf, der den Gang in voller Briete durchschnitt. Weder nach links noch nach rechts konnte er ausweichen. In dieser trichterförmigen Grube sah er eine eiserne Leiter. Als er darauf die letzte Sprosse hinabstieg, sah sein verstörter Blick nur den fürchterlichen Abgrund. In der Tiefe reflektierte eine Wasserfläche das Licht seiner Lampe. Er zauderte, doch es blieb ihm nichts anderes übrig als dort hineinzuspringen.
Noch einmal hob er seine Öllampe und spähte umher, ob es nicht vielleicht doch einen Ausweg gäbe. Nur finstere Leere verlor sich in dem totem Fels der Wände. Am liebsten wäre er umgekehrt, hätte an das schwere Tor geschlagen und um Hilfe geschrien. Doch er wusste auch, dass die Priester den großen Tempel längst verlassen haben. Niemand hätte sein Schreien gehört. Was nun?

Eine Rückkehr war unmöglich. Und dann? Wollte er nicht ein Eingeweihter werden, einer der weis und der sehen kann? Ja! Er wollte es um jeden Preis!

Anscheinende Ausweglosigkeit

"Es muss hier einen Ausweg geben", sprach er zu sich. Doch auch als er erneut umherspähte, konnte ihm der unsichere Schein seiner Lampe keinen Ausweg zeigen. Überall fielen die schwarzen Felswände zum Wasser hinab. Sein rechter Arm ermüdete und er wechselte die Lampe in seine linke Hand. Wechselte erneut. Auf einmal erblickte er einen Spalt zu seiner Linken. Sich mit einer Hand an die Leiter klammernd, in der anderen Hand die Lampe vorgestreckt, sah er dort sogar Stufen. Eine Treppe! Er war gerettet.

Die Spalte war groß genug um seine Hand hinein zu stecken. Auch wenn er fast in den tiefen Abgrund fallen könnte, musste er es wagen. 
Zwischen den Zähnen hielt er den kleinen Henkel der Öllampe und griff mit den Händen in die Felsspalte. Er fand einen Felsvorsprung, schwang sich daran hoch, glitt dabei aber aus und fiel rückwärts in das Wasser unter ihm. Seine Lampe fiel und erlosch zischend.
Nun umgab ihn dunkle Nacht - finster und grausam - und er stand bis zu den Achselhöhlen im kalten Wasser. Doch er stand!

Zitternd suchte er nach jener Spalte in der Wand, doch fand sie nicht, denn im Fallen hatte er die Richtung verloren. 
Schließlich aber fand er einen Spalt an dem er sich emporziehen konnte und stieg auf. Seine Kräfte ließen allmählich nach. Angstschweiß bedeckte ihn.
Doch da: seine Hand ergriff plötzlich ein hervorstehendes, gebogenes Eisen, woran er sich an den Rand des Abgrunds emporzog. Langsam betastete er mit den Füßen den Boden, ehe er einen Schritt machte. Der Boden war eben. Er ging weiter.

Das Licht am Ende des Tunnels

Mehrmals machte der Gang Biegungen, zuletzt aber sah er in der Ferne einen Schimmer. Wie zu neuem Leben erweckt lief er darauf zu. Lief immer weiter. Er gelangte schließlich zu einem, in den Fels gehauenen, viereckigen Raum, der an zwei Wänden Öffnungen hatte. Durch die eine Öffnung kam er herein, in der anderen loderte ein gewaltiges Feuer. Da sollte er durch? Es war der einzige Ausgang und es gab ja kein Zurück. 

Als er durchlief blieb er erstaunt stehen. Das glühende Feuer war eine geschickte Spiegelwirkung, die er zuerst für echt gehalten hatte. In diesem Moment umwehte ihn ein kühler Lufthauch. 
Nun kam er in einen Raum der mit Teppichen belegt und von einer Öllampe an der Decke beleuchtet war. 
Da kam ein Diener in den Raum, gab ihm trockene Kleider und salbte ihn mit duftenden Ölen. Man gab ihm zu essen. Er genoss seine Speise, hatte er doch drei Tage gefastet. Danach legte er sich auf ein großes Kissen um etwas zu ruhen.

Credit: Wellcome Library, London Group of Nubian women and children resting by the Nile at Korti, Sudan. Coloured lithograph by Louis Haghe after David Roberts, 1846. - ewigeweisheit.de

Nubische Frauen. David Roberts. Wellcome Library, London.

Die schöne Nackte

Hinter einem Vorhang sah er mit halb geöffneten Augen eine Frau, die daraus in den Raum hervor trat. Sie war sehr schön und ihr nackter Körper nur in einen durchsichtigen Purpurmantel gehüllt.
Der junge Novize starrte die wunderbare Erscheinung an. Sie lächelte und sprach:
"Du hast gesiegt oh Jüngling! Empfange den Lohn den du verdienst. Siehe, ich habe dir Wein eingeschenkt. Mein schöner Körper verlangt nach dir."

Wer den Kelch austrank und sich in Liebe mit der Schönen auf dem Boden wälzte, der fiel hernach in tiefen Schlummer. Zwar hatte er die Prüfungen bestanden, doch nicht diese letzte. Er blieb der Sklave seine Triebe und unfähig das Priesteramt zu bekleiden.

Wer andererseits dieser Versuchung widerstand, der wurde von 12 Mysteriendienern zum Heiligtum der Isis geführt. Ein in Purpur gekleideten Priester empfing dort den Ankömmling. Er musste nun unter furchtbarsten Androhungen das Gelübde des Schweigens ablegen.

Danach begrüßte man ihn als Mitbruder der Eingeweihten.


Inspiration: Eine Einweihung im Alten Ägypten, Woldemar von Uxkull; Die großen Eingeweihten, Eduard Schuré

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