Animismus

Magie im Alten Ägypten

von S. Levent Oezkan

Jon Bodsworth: Figure of Thoth in Luxor, Egypt - ewigeweisheit.de

In der Religion der Alten Ägypter spielte Magie eine zentrale Rolle. Darauf verweisen Hieroglyphentexte auf Pharaonengräbern und alten Zauber-Papyri. Man glaubte an die Kraft magischer Namen, Beschwörungen, Symbole und Amulette. Sie verwendeten ägyptische Hohepriester rituell, um damit Übernatürliches zu bewirken.

Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass der kontinuierliche Fortschritt dieser 3000-jährigen Zivilisation, auch diesen Fähigkeiten geschuldet war. Schließlich besaß diese alte Nilkultur schon damals einen verblüffend hohen intellektuellen Wissenstand. Denn seit den Ursprüngen der alt-ägyptischen Kultur, beeinflussten Geistesleben und Spiritualität die alt-ägyptische Kultur. So konnten sich auch übernatürliche Fähigkeiten entwickeln und man dem Wesen magischer Gesetze auf den Grund gehen. Dieser Glaube prägte die Haltung der Menschen gegenüber dem Vergänglichen ebenso, wie ihre Sicht auf die Dinge der spirituellen Welt.

Was aber die Ägypter dabei tatsächlich empfunden haben mögen, werden wir leider niemals erfahren. Sicher jedoch ist, dass sie ihre unzähligen religiösen Zeremonien und Ritualvorgänge, mit peinlich genauer Behutsamkeit ausübten. Man folgte bei der magischen Anrufung der Götter ganz genauen Regeln. Wegen dieser besonderen Hingabe an sowohl Religion wie auch Magie, galten die Ägypter in der Alten Welt sowohl als Frömmler wie auch als abergläubische Menschen.

Wie aber passt das zusammen? Sind denn religiöser Glaube und Aberglaube keine Gegenteile?

Ursprünge Ägyptischer Magie

Bevor die ersten Königsdynastien entstanden, pflegten die Ägypter einen ganz eigentümlich Schamanismus. Man glaubte an eine durch und durch belebte Welt und Unterwelt. Auch die Lüfte und den Himmel dachte man sich von unsichtbaren Wesenheiten bevölkert. Von dort aus wirkten sie auf Mensch und Natur, waren gut gesinnte oder böse Geister.

Diesen geheimnisvollen Wesen schrieben die Ureinwohner Ägyptens außerdem menschenähnliche Eigenschaften zu. Man glaubte, auch Geister und Dämonen seien getrieben von Leidenschaften, fühlten Emotionen, hatten Schwächen und Gebrechen.

Das war die Zeit in der die Alt-Ägyptische Magie entstand; etwas das wohl zugleich Kunst und Wissenschaft war. Von solchem höheren Wissen, versprach man sich Macht über die Geister des Himmels, der Gewässer und der Erde.

Hierzu war es üblich Amulette mit besonderen Formeln oder heiligen Namen anzufertigen. Von solch magischen Objekten erhoffte man sich Schutz gegen böse Geister. Ja es entstand gar eine ganze Wissenschaft, die sich allein um die Herstellung von Amuletten dreht. Auch glaubte man die Kraft hoher Wesenheiten über die Zeichen eines Amuletts auf den Träger des selben übertragen zu können. Somit erwartete man von diesen magischen Objekten, ihren Träger mit übernatürlichen Kräften auszustatten

Zwischen Animismus und Götterglaube

Ziel Ägyptischer Magie war einem Menschen sowohl schützende wie auch zerstörerische Kräfte zu verleihen. Ja selbst den höchsten Gott wünschte man nach eigenem Ermessen beschwichtigen oder gar beeinflussen zu können. Das mag wohl daran liegen, dass bevor ein Glaube an die Götter im Alten Ägypten entstand, magische Praktiken bereits weit verbreitet waren.

Es gilt als gesichert, dass eine Großzahl religiöser Zeremonien, aber aus noch älterer Zeit stammen, wo das Weltbild der Menschen des Niltals noch ein starker Aberglaube prägte. Erst später entwickelte sich ein Götterglaube, wie man ihn nachher etwa auch bei den alten Griechen fand. Das zeigen die Hieroglyphen, die Götter oder Gottheiten bezeichneten. Es waren oft Symbole besonderer Werkzeuge, die in den noch schamanischen Anfängen Alt-Ägyptens eine Rolle gespielt hatten. Ihnen schrieb man göttliche Mächte zu.

Worte der Macht

In dieser Zeit genossen die Hohepriester Ägyptens sehr hohes Ansehen. Manche hielten sie gar selbst für Götter, galt doch die Macht dieser Wissenden als schier unbegrenzt. Das aber hatte gar nichts mit Aberglauben zu tun. Wer zum Chor der Hohepriester gehörte, verfügte tatsächlich über magische Fähigkeiten, die dem Normalsterblichen ein Rätsel blieben.

Büste eines alt-ägyptischen Hohepriesters (ca. 2. Jhd. v. Chr.)

Büste eines alt-ägyptischen Hohepriesters (ca. 2. Jhd. v. Chr.).

Durch die Aussprache besonderer, geheimer Namen der Kraft, konnten sie mit ihrer dafür geschulte Stimme tatsächlich Kranke heilen und Menschen von geistigen Besetzungen befreien. Gar Tote – so die Legenden – erweckten sie durch die Magie besonderer Gebetsformeln zu neuem Leben.

Wem solch Wunderwerk gelang: könnte so jemand nicht gar heute noch unter uns weilen?

Von den geheimen, magischen Worten der Priesterschaft hieß es außerdem, dass sich durch sie die Seele eines Menschen, in einen anderen Menschen projizieren ließe. Das galt ebenso für tierische Lebensformen, etwa die eines Adlers, Stiers oder eines Löwen. Auf ihr Geheiß verwandelte sich Totes in Lebendiges und Lebendiges in Totes.

Manche sagen, der junge Prophet Moses hätte diese Fähigkeiten in seiner Jugend von jenen Eingeweihten Ägyptens erlernt, um sie aus Not dann dereinst aber, beim Auszug aus der pharaonischen Knechtschaft, mit ihren eigenen spirituellen Waffen zu schlagen.

Das besondere Worte und Namen magische Kräfte übertragen sollen, davon erfahren wir in eigentlich allen Kulturen der Welt. Die Macht der Sprache ist dem Menschen gegeben. Wenn auch überwiegend als Mittel der Kommunikation, gibt es aber besondere Worte, die weit mehr als nur Information oder Bezeichnungen für etwas enthalten.

Dem ägyptischen Thoth, Gott der Magie, der Sprache und der Wissenschaften, jenem großen Weisen der alten Atlantis, werden all diese magischen Wunderkräfte nachgesagt. Ihm sollen gar die göttlichen Schöpfungsworte bekannt gewesen sein, mit denen einst die Erde erschaffen wurde. Mit diesem Wissen, so der Mythos, beeinflusste Thoth selbst den Lauf der Sonne.

Das geheime Buch des Thoth

All das klingt natürlich recht märchenhaft und die Legenden dieses sonderbaren alten Volkes berichten von gar unglaublichen Wunderwerken.

Wenn all das aber mehr als reine Chimären sind, woher kannten ägyptische Priester solch wundersame Namen und Zaubersprüche der Macht?

In einem Papyrus aus der Zeit der Ptolemäer, ist die Rede vom ägyptischen Prinzen Setnau Khaem-Uast, Sohn des Pharaos Ramses II. Er war ein zutiefst religiöser Menschen, der sich dem alten ägyptischen Ritus verpflichtet sah. Er kannte solche Formeln der Macht und wusste sich allerhand magischer Amulette und Talismane zu bedienen. Ihm schienen selbst die Geheimnisse von Leben und Sterben zu Füßen zu liegen. Wann immer er es für notwendig hielt, eröffnete er auch gewöhnlichen Menschen Schicksal und Lebensbestimmung.

Setnau fand sein magisches Wissen im alten Memphis, einer 3000 Jahre alten Stadt am Nildelta, wo sich einst der Tempel Hu-Ka-Ptah befand: Ursprung des Namens »Ägypten«. Das sollen unter anderem alte hieratische Schriften belegen. Es bleibt jedoch ein Legende, dass Setnau in einer geheimen Gruft des Prinzen Neferkaptah, das geheimnisvolle Buch fand, das angeblich aus der Feder des Gottes Thoth stammte.

Es heißt, die großen Mysterien des Lebens und des Sterbens offenbaren sich dem, der aus diesem Buch die Zaubersprüche gewissenhaft zu rezitieren vermag. Selbst sein eigenes Schicksal würde sich ihm beim Lesen des Buches offenbaren. Alle nur erdenklichen, mächtigen Namen und Zaubersprüche seien darin verzeichnet, die den Leser befähigen, Wissen aus Vergangenheit, Zukunft, sowie aus fernen Gegenden zu gewinnen. Ein Buch der Wahrsagerei?

Sicher lebten Erinnerungen an dieses Buch, in späteren magischen Kulten und Geheimorden fort, wie etwa im Golden Dawn oder dem Ordo Templi Orientis.

Manche sehen im Buch des Thoth gar die atlantischen Ursprünge des Tarot.

Spätere Varianten der Schrift

Kaum verwunderlich darum, dass sich Fragmente dieses Textes allmählich, jedoch in minderwertiger beziehungsweise verfälschter Form, auch in Kreisen Normalsterblicher verbreitete.

Diese Verweltlichung alter Geheimnisse aber führt zu all dem Aberglauben, der die Wahrheiten um den Begriff der Magie, allmählich in die Bedeutungslosigkeit abdrängte. Vom ursprünglichen Wissen der geheimen Namen, scheint damit kaum etwas geblieben zu sein. Vielleicht sind es auch nicht nur die Namen und ihre Symbolschrift an sich, die dem Rezitator bekannt sein müssen, als er vielmehr durch Form und Ritus ihrer Äußerungen, das vollbringt, was auch den alten Priestern zu Memphis gelang.

Was jene Wissende besaßen, waren keine Rituale die auf Mutmaßungen basieren, sondern wohl auf wirklich gemachten Erfahrungen. Ihnen waren die Symbole und die tiefliegenden Aussagen jener Sprüche und magischen Namen bekannt und sie hatten die geheimen Formen ihrer Rezitation verinnerlicht.

Auch wenn jemand das Selbe dem vorliegenden Text unterstellen möge, scheint insbesondere heute verfügbares, sogenanntes »magisches Geheimwissen«, meist nur auf Vermutungen zu basieren – etwas, das man wo laß oder wo hörte. Mit magischem Wissen aber hat das nichts zu tun.

Verbergen sich dahinter aber nicht auch Gefahren?

Zumindest ist das, was man heute als Esoterik bezeichnet, nicht das Selbe wofür der Begriff ursprünglich stand. Damals nämlich galt Esoterik als tatsächliches Geheimwissen, das nur einem inneren Kreis von Personen zugänglich war (alt-griech. »esoterikos«, das Innerliche).

Wer heute aber die Wurzeln dieses uralten, inneren Wissens nicht mehr kennt, der läuft Gefahr sich mit dem magischen Wissen der alten Ägypter sogar sehr zu verwirren. Denn eine nur oberflächliche Beschäftigung mit dem, was man bei den alten Ägyptern als Magie bezeichnete, meint oft genau das Gegenteil von dem, wofür man den Begriff heute hält.

Einfach nur aus einem spirituell-magisch-religiösen Gesamtkonzept, mal eben das vermeintlich Beste herauszugreifen und damit arbeiten zu wollen, erscheint mir nicht nur unangebracht, sondern sogar bedenklich. Schließlich begibt man sich in Sphären, deren Wesen man nicht genau kennt.

Wenn Prinz Setnau auch eine recht mysteriöse Gestalt der alt-ägyptischen Geschichte war, schien sein Wissen auf Erfahrungswerten zu basieren. Vor allem aber hatte er den Kult seiner Religion verinnerlicht.

Heute tendieren viele Möchtegernmagier dazu sich mal eben solchen Geheimwissens zu bedienen. Doch das ohne sich dabei einer Religion oder einem traditionalen Ritus unterzuordnen. Weder kennt man die verwendeten Quellen, noch jene damit verbundenen, religiösen Riten. Stellt sich da nicht die Frage: Wieso überhaupt greift man nach solchen Mitteln? Aus Neugier? Aus dem Wunsch nach Kontrolle und Macht?

Leider gab es immer solche, die skrupellos ihr Halbwissen als Wahrheit verkündeten, Sekten gründeten und ganze Schwärme Unwissender ins Unglück trieben. Solche nämlich gaben vor über die Wahrheiten des Übernatürlichen zu verfügen. Und solch falsches Halbwissen verkauften sie für teueres Geld an Unwissende, Hilflose oder wieder jene, die letztendlich selbst auf so etwas aus sind.

So mutierten die Inhalte wahrer Magie zu einem riesigen Hokuspokus um Wunderheiler und Wochenend-Erleuchtete, wo Unwissende sich zu sprühenden Lichtarbeitern verwandeln. Wenig überraschend darum, dass wenn sich heute jemand öffentlich als Magier bezeichnet, weniger als ein Vasall des Teufels gefürchtet, als einfach nur ausgelacht wird. Jemand aber der sich bewusst den dunklen Mächten verschreibt, dem wird wohl leider das Lachen vergehen.

Religion und Magie: Ein Widerspruch?

In den Anfängen der alt-ägyptischen Kultur entwickelten sich Magie und Religion parallel zueinander. Daran änderte sich nichts bis ans Ende der letzten pharaonischen Dynastien der ersten Jahrhunderte vor Christus.

Was man heute als die Magie der Ägypter bezeichnen kann, übte in alter Zeit großen Einfluss aus auf andere Kulturen, die in den Ländern nahe des Nilreiches florierten. Zwar kann keiner genau sagen, welchen Einfluss das Wissen der Ägypter in diesen Ländern hatte, zweifellos aber findet man manche der alt-ägyptischen Vorstellungen, wie etwa von den magischen Kräften der Buchstaben und Namen, auch in anderen religiösen Systemen. Dazu zählen ohne Zweifel Geheimwissenschaften wie die Kabbala. Doch auch die Riten erster christlicher Sekten, ließen sich durchaus zurückverfolgen auf diese alt-ägyptischen Ursprünge.

Allem voran bewegt sich da wohl die Vorstellung von dem einen Allschöpfer, dem einen Gott aus dem alles Belebte und Unbelebte hervorging. Spätestens seit der 18. Dynastie des Neuen Ägyptischen Reiches, konzentrierte sich diese Vorstellung, letztendlich unter Pharao Echnaton, in Aton – der göttlichen Sonnenscheibe. Das war wohl die Geburt des Monotheismus.

Grab des Ramose: Echnaton und Nofretete im sogenannten "Fenster der Erscheinungen" - ewigeweisheit.de

Relief im Grab des Ramose (14. Jhd. v. Chr.): Echnaton und Nofretete im sogenannten "Fenster der Erscheinungen". Über ihnen die Sonnenscheibe Aton. Die Enden ihrer Strahlen führen in Hände, die teilweise das berühmte Heilsymbol des Ankh halten.

Auch der Glaube an die Wiederauferstehung eines vergöttlichten, vollkommenen und ewig fortdauernden Leibes, dürfte später auch in das Christus-Mysterium übergegangen sein. Weniger aber als eine Variante jener alt-ägyptischen Vorstellungen, als eher eine unveränderliche Gesetzmäßigkeit, die nur schon im alten Ägypten als solche erkannt wurde und die man schon damals für heilig hielt. Vieles auch, dass man in den Symbolen des Lebens- und Leidensweges Jesu Christi findet, existierte in etwas anderer Form auch in der Geschichte von Osiris' Kampf gegen die Mächte der Finsternis (Seth) und seine Wiederverkörperung als König der Welt.

Trotz dieser recht hohen intellektuellen religiösen Vorstellungen vom irdischen Sein zwischen Himmel und Unterwelt, ließen die alten Ägypter niemals ab von ihren schamanischen Ursprüngen. Darauf verweisen archäologische Funde magischer Amulette und Talismane, sowie Inschriften auf Grabsteinen und die Hieroglyphen der magischen Zauber-Papyri. Aus diesen Dingen erhoffte man sich höhere Fähigkeiten und vertraute darauf, Leibes- und Seelenleben vor bösen, schädlichen Einflüssen zu schützen.

Im Alten Ägypten verschmolzen Magie und Religion zu einer Einheit. Hier galten sie nicht als unvereinbare Wege. Die Priesterschaft nämlich war sowohl damit beschäftigt, die heiligen Schriften zu verfassen, doch eben auch solche, die magische Sprüche enthielten. Letztere waren Anleitungen zur Rezitation und für magische Zeremonien, die zu bestimmten Tages- und Nachtzeiten ausgeführt werden mussten. Denn nur so konnte sich ihre magische Wirkung entfalten. Kaum verwunderlich dann, wenn wir Ähnliches in religiösen Riten finden, wo die Stände und Konjunktionen von Sonne und Mond, wichtige Marken religiöser Feste bilden.

Titelfoto: Jon Bodsworth

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Über die sagenhafte Kosmologie der Tengri-Schamanen

von S. Levent Oezkan

Windpferd Himori - ewigeweisheit.de

Seine Reden begann der große Dschingis Khan stets mit dem Satz: "Auf Wunsch des ewigen blauen Himmels." Er sah sein Handeln im Auftrag Tengris - des göttlichen Himmels. Ihn verehren die Tengri-Schamanen wie auch andere, als höchstes Wesen der Welt und stehen damit in einer der ältesten Traditionen der Menschheit.

Es scheint als hätten die Völker Zentralasiens und der Mongolei im Himmlischen etwas ganz ursprüngliches gesehen, ja sogar an die himmlische Herkunft ihrer Ahnen geglaubt. Die Vorfahren der heutigen Türkvölker, standen mit dem Himmel in geheimnisvoller Verbindung. Nicht zufällig nannte sich das Volk des einstigen Großreiches (Khanat), dass sich von Turkemenien bis ins östliche China erstreckte, "Reich der Himmelstürken" (Gök-Türken: Himmel = türk. Gök, mongol. Khökh).

Allegorie auf den Himmel: Jurte und Nomadenzelt

Die alten Türkvölker waren Nomaden, denen es wegen ihrer Lebensweise leicht gewesen ist, sich in den Steppen Zentralasiens mit dem Sternenlauf des nächtlichen Himmels vertraut zu machen. Seit uralter Zeit stellte man sich den Himmel als kosmisches Zeltdach. Vermutlich war der Ursprung dieses Phantasiebildes, die frühzeitigen einfachen Wohnungen der Menschen. Was der Himmel überdachte, war die Erde, die sich ausbreitete über die finstere Unterwelt. 

Die Vorstellung des Himmels als Zelt, scheint überall auf der Welt verbreitet zu sein. Drum fanden die Nomaden für die Bestandteile ihrer Zelte und Jurten, himmlische Entsprechungen. Die Milchstraße ist Naht des Zeltdaches, von einem mythischen Sternenwesen zusammengenäht. Die Sterne sind die Lichtlöcher im Zelttuch und Fenster der Welt, über die die verschiedene Himmelsregionen belüftet werden. Saß dieses Zeltdach nicht richtig, entschlüpften durch die so entstandenen Öffnungen die Helden (Schamanen, Krieger) in den Himmel.

Reisen zwischen den Welten

Mongolische Schamanen unterteilen den Kosmos in drei Zonen: Himmel, Mensch und Erde. Im Mittelpunkt steht Tengri der als nicht-personifizierter Gott den ewigen blauen Himmel repräsentiert. Auf der Erde ist der Mensch, der versucht mit der Natur und dem Himmel in Frieden und Harmonie zu leben. Der Schamane ist Mittler zwischen Himmel und Erde, und als solcher hilft ihm eine besondere Kraft: Himori - das Windpferd. Die Kraft dieses himmlischen Pferdes trägt ein jeder Mensch in sich. Für die Schamanen ist Himoris Kraft im Brustraum eines jeden Menschen, von wo seine persönliche, geistige Kraft ausgeht.

Chintamani Friedenssymbol – ewigeweisheit.de

Die drei Kreise im Zentrum des sogenannten Friedensbanners (gestaltet von Nicholas Roerich) stehen symbolisch für Himmel, Mensch und Erde. Es ist ein in Zentralasien weit verbreitetes Symbol und wird manchmal auch Chintamani-Symbol genannt.

Anders als normale Menschen, wissen Schamanen wie man die drei Weltebenen durchbricht, denn sie sind durch eine magische Mittelachse miteinander verbunden. Auf dieser Achse durchmessen die Schamanen auf ihren Reisen diese drei Welten. Diese Achse aber, um die der Himmel auf geheimnisvolle Weise kreist, befestigt ein mythischer Nagel. Darum nennt man im Altai den Polarstern, um den sich ja das Himmelsgewölbe unentwegt dreht, den "Himmelsnagel". Gleichzeitig öffnet diese Achse aber auch ein Loch in den Ebenen zwischen den drei Zonen (Himmel, Menschenwelt, Erde), durch das die Götter auf die Erde herabsteigen und die Toten in der Unterwelt versinken. Das Loch ist ein Zentrum. Und da es die erwähnten drei Zonen der Welt verbindet, öffnet sich durch das Loch ein heiliger Raum. In diesen Raum strömen Realitäten, die nicht von dieser Welt, sondern von woanders im Himmel herkommen. Immer dann, wenn sich für die Menschen etwas besonders heiliges auf Erden ereignete, so die Schamanen, durchbrach etwas die Ebene zwischen Himmel und Erde.

Wenn sich der Schamane in Trance begibt, vermag er durch dieses Loch in die himmlische Welt aufzusteigen oder hinab in die Unterwelt zu gleiten. Von dort kehrt er wieder zu den Menschen zurück, um ihnen Heilung zu bringen.

Geheimes Erdenwesen

Laut schamanischer Kosmogonie, gab es am Anfang aller Zeiten nur Wasser und eine große Schildkröte, die ins Wasser starrte. Gott wendete das Tier auf den Rücken und auf seinem Bauch entstand die Welt. Der Bauch aber wurde mit "Erdstoff" bestreut, woraus sich die große menschenbewohnte Erde bildete. Diese "goldene" Schildkröte wurde Trägerin des Weltenberges, dessen Gipfel vom Licht des Polarsterns erstrahlte. Als solchen Weltenberg verehren die Schamanen Kirgisiens den Khan Tengri als "Herrn des Himmels". Vier Gebirgskämme laufen in seinem Gipfel zusammen, die in die vier Himmelsrichtungen weisen. Jeder dieser Himmelsrichtungen, entspricht in den Gebeten der Schamanen eine zeremonielle Richtung:

  • Süden weist nach oben oder vorne.
  • Norden neigt sich abwärts oder nach hinten.
  • Osten aber weist nach vorn, denn es ist eine der beiden Haupthimmelsrichtung. Wer dem Himmel oder anderen überirdischen Wesen ein Opfer darbringen möchte, wendet sich gen Osten.
  • Andere Haupthimmelsrichtung ist schließlich der Westen, wohin man sich zurückwendet, um dort die unterirdischen Geister anzurufen.
Aufnahme des Khan Tengri von 1906 – ewigeweisheit.de

Aufnahme vom Gipfel des Khan Tengri (links oben) aus dem Jahr 1906. Erschienen in der Zeitschrift des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins. Foto: Gottfried Merzbacher (1843–1926).

Sternenlauf am Himmelszelt

Sterne waren und sind für die Nomaden Zentralasiens wichtige Zeitzeiger. Besonders mittels der nächtlichen Himmelsneigung des Großen Bär (Großer Wagen), lässt sich Aufschluss gewinnen über die herrschende Jahreszeit:

Wenn der Schweif des Großen Bären nach Osten zeigt, so herrscht in der ganzen Welt Frühling, wenn er nach Süden zeigt, ist Sommer, und wenn er nach Westen zeigt, Herbst. Wendet er aber seinen Schweif nach Norden, so herrscht in der ganzen Welt Winter.

Meteore

Von Zeit zu Zeit, so glauben die Schamanen, schauen die Götter auf die Erde herab. Dazu öffnen sie bisweilen die Himmelsdecke ein wenig, um durch die so entstandene Himmelstür zu sehen was auf Erden vor sich geht. Ihre Blicke aber sind die Meteore, die als wunderbares Licht die ganze Erde sonderbar erglänzen lassen.

Polarstern und Weltachse

Der Nord-Polarstern ist von hoher Bedeutung im Glauben der Schamanen. In ihm sah man die Zeltstange oder den Pfahl, als Stütze des Himmelszelts. Es war der Himmelspfeiler den man "Goldene Säule" nennt und der den Mongolen heilig ist. Alle Sterne, glaubt man dort, seien unsichtbar mit dem Polarstern verbunden. Sie gleichen einer Pferdeherde, wo jedes Tier am Himmelspflock des Polarsterns festgebunden ist.

Dem Weg zum Himmel folgt der Schamane über den Polarstern. Nur er weiß die Auffahrt durch die sogenannte "Mittelöffnung" zu vollziehen. Er kann einen göttlichen Gedanken in ein konkretes mystisches Erlebnis umwandeln. Während für den normalen Menschen der Pfahl ein Zeichen ist, das nur ein Symbol für Polarstern und Weltenachse ist, ist er für den Schamanen tatsächlich ein geheimer Weg, über den er Gebete und Opfer an die Himmelsgötter abschickt.

Die Plejaden

Das berühmten Siebengestirn assoziiert man als Loch im Himmelszelt, durch das alles Kalte auf die Erde strömt. In der Tat folgt dem Auftreten der Plejaden am Himmel eine kältere Periode. Erst nach dem Sommer erscheinen die Plejaden auf der nördlichen Hemisphäre, da sie zuvor das Tageslicht überstrahlt. So sagt ihr jährliches Erscheinen am östlichen Horizont, größere Witterungsveränderungen voraus.

Mutter Sonne - Vater Mond

Wie im Deutschen, ist bei den Turkvölkern Zentralasiens die Sonne weiblich und der Mond männlichen Geschlechts. So nennen Kinder den Mond im kleinasiatischen Türkisch "Ay Dede" - Großvater (Dede) Mond (Ay). Die alten Herrscher der Mongolen beteten morgens die Sonne, abends den Mond an.

Der Sonne opfert man auch bei Krankheit. Ein Kranker begibt sich am frühen Morgen, vor Sonnenaufgang vor die Jurte und wartet bis die Sonne aufgeht. Wenn sie hinter dem Horizont aufsteigt, betet er mit den Worten:

Verschone mich, denn ich bin ein braver Mensch, ich gebe dir Nahrung.

Sobald der Kranke genesen ist, wird der Sonne ein Hahn geopfert. Der aufgehenden Sonne, wird dann das Blut des Tieres entgegengespritzt. Den Neumond pflegte man zu begrüßen und wünschte sich von ihm dabei, er möge einem Glück und Wohlergehen bringen.

In der Mythologie der Schamanen waren in ferner Zeit Sonne und Mond noch nicht gewesen. Damals besaßen die Menschen noch nicht die Körper, die ihre Seelen heute tragen, sondern, so glauben sie, flogen als Lichtwesen durch die Luft. Sie selbst erwärmten und erleuchteten ihre Umgebung, so dass sie die Wärme der Sonne zum Leben noch nicht brauchten. Als einer dieser ersten Menschen aber erkrankte, sandte der große Himmelsgott ein Wesen aus, dass den Menschen half. Es stellte zwei große Metallspiegel an den Himmel und seit damals ist es auf der Erde hell. Nicht zufällig tragen die Schamanen einen magischen Spiegel auf der Brustseite ihres Gewandes. Sie richten ihre Zauberspiegel gegen Sonne und Mond, um aus dem Spiegelbild zu ersehen, in welchen Verhältnissen ein Mensch steht. Selbst wenn dieser in großer Entfernung lebt, vermag der Schamane dessen Schicksal durch seinen Spiegel zu erschauen.

Die Mongolen sagen, dass es auf der Welt einst vier Sonnen gab und es damals drückend heiß war auf der Erde, bis der Held Erkhe-Mergen alle Sonnen vom Himmel herabschoss, bis auf eine. Sie blieb um die Erde zu wärmen und zu erleuchten.

Das burjatische Märchen vom Zauber-Igel

Als Himmel und Erde durch die Heirat ihrer Kinder Verwandte wurden, stattete der Herr der Erde, dem Himmelsgott einen Besuch ab. Als er ihn dann wieder verließ erbat er sich Sonne und Mond als Geschenk. Das konnte ihm der Himmelsgott nicht abschlagen und der Herr der Erde nahm sie mit und schloss sie in einen Schrein, was aber die ganze Welt verfinsterte. Da wandte sich der Himmelsgott an seinen Zauber-Igel. Er sollte die beiden Himmelskörper zurückbringen. Damit einverstanden kam der zum Herrn der Erde. Bei seinem Abschied, fragte der Herr der Erde den Igel, was er sich als Abschiedsgeschenk von ihm wünsche, der antwortete: "Gib mir das Pferd der Luftspiegelung und den Echospeer". Doch diesen Wunsch vermochte der Herr der Erde dem Igel nicht zu erfüllen und gab ihm stattdessen Sonne und Mond als Geschenk der Gastfreundschaft. Als der Igel dann Sonne und Mond auf ihrer alten Bahnen setzte, wurde die Erde wieder hell.

Der Igel erscheint auch in anderen Sagen als weises Tier und Ratgeber, ist mal Erfinder des Feuers, ein andermal Erfinder des Ackerbaus. Bei den Burjaten war der Igel ein Alleswisser, doch ursprünglich ein Mensch.

Mongolischer Burjat-Schamane – ewigeweisheit.de

Mongolischer Burjat-Schamane (1904).

Venus

Die Burjaten nennen die Venus "Solbon". Es heißt Solbon, der morgens und abends am Himmel zu sehen ist, sei ein großer Pferdefreund, der mit einem Lasso in der Hand über die himmlischen Gefilde reitet. Seine große Pferdeschar hütet der Hirte Toklok. Mit dem Scheren von Mähne und Schweif im Frühjahr, erbringen sie Solbon (Venus) ein Opfer. Von den Menschen wollte Toklok gelernt haben, wie man die Pferde pflegt. Für die Burjaten ist es darum ein gutes Zeichen, wenn ein Fohlen im Spätsommer, nach dem Auftreten Solbons vom Himmel zur Welt kommt.

Exkurs: Himor das Windpferd

Laut einem Schamanenmythos, stammen die Menschen nicht von den Affen ab, sondern kamen von der Venus auf dem fliegenden Pferd Himor zur Erde (den Namen Himor haben wir oben bereits erwähnt). Der russische Maler Nicholas Roerich verwendete das weiße Windpferd Himor (auch: Erdeni Mori) in mehreren seiner Gemälde als Motiv. Und dieses Pferd trägt auf den Bildern das heilige Wunschjuwel Chintamani - einen besonders kraftvollen Glücksstein, der Teil ist des sogenannten "Schatzes der Welt". Wer sich in Gegenwart dieses Steines aufhält, dem werden besondere Kräfte zu teil, die mit ihm vom anderen Planeten auf die Erde kamen. 

Laut der Legende landeten die außerirdischen Reisenden auf einer alten Kamelroute, die zwischen Ulan-Bator (Mongolei) und Lhasa (Tibet) verläuft, und die Hügel Tibets schneidet. Als Roerich zusammen mit seiner Frau Helena sich in dieser Gegend aufhielt, will er dort angeblich seltsame Dinge am Himmel ausdindig gemacht haben. Im Dezember 1923 verschwand er und seine kleine Expedition wochenlang von der Erdoberfläche, wie es scheint in einem der Berge dieser Region. Dort soll er auf die Hauptader des magischen Chintamani-Gesteins gestoßen sein. Als sie schließlich wieder auftauchten hatten sie eine faszinierende Geschichte zu erzählen, doch auch noch mehr Geheimnisse zu verbergen.

Schon zuvor, als der 13. Dalai Lama Thubten Gyatso sich 1905 von Tibet auf dem Weg in die Mongolei befand, ließ er seine Gefährten wissen, dass sie unweit des Berges sind, wo sich die Schlucht von Shambhala (Buchtipp) befindet und die Legende vom fliegenden Windpferd Himor, seinen Anfang nahm.

 

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