Antichrist

Christus und das Sternbild der Fische

von S. Levent Oezkan

Ausschnitt aus der Sternkarte Planisphæri cœleste von Frederik de Wit

In den ersten Jahrhunderten nach der Zeitenwende, entstand, wie es scheint, im ägyptischen Alexandria das christliche Symbol des Fisches, das zu den ältesten Allegorien des Christentums zählt. Vermutlich ergab sich dieses Gleichnis aus den Anfangsbuchstaben des heiligen Anagramm »Ichthys«.

Es bildet sich aus dem griechischen Titel ησοῦς Χριστός Θεοῦ Υἱός Σωτήρ, in lateinischer Umschrift geschrieben: Iesous Christos Theou Yios Soter, das eben bedeutet »Jesus Christus Gottes Sohn Erretter«. Das griechische Wort »Ichthys« steht für den Fisch im Wasser, wie aber auch für das Sternzeichen der Fische, das die Römer »Pisces« nannten. Doch es liegt nahe, dass im christlichen Fische-Symbol, sich eine noch weit vielfältigere Bedeutung verbirgt. Denn obige Wortfolge, aus der sich das fünfbuchstabige Anagramm zusammensetzt, wählte man in dieser Reihenfolge vermutlich absichtlich.
Sollte das Sinnbild des Fisches, in diesem Zusammenhang, vielleicht eine verborgene Symbolik mit dem Namen des Christus Jesus verknüpfen? Es scheint als gäbe es auf diese Frage verschiedene Antworten.

Da wäre zum einen das damalige Taufbad, dass die Römer schon früh als »Piscina« bezeichneten: den »Fischteich«. Taufte man einen darin, wurde er als Christ selbst zum »gläubigen Fisch«. Es scheint, als verweise darauf auch das Neue Testament, wenn darin Jesus dem Petrus, dem Andreas und an anderer Stelle dem Simon versichert:

Kommt her, mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen.

- Matthäus 4:19

Da sagte Jesus zu Simon: Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen. Und sie zogen die Boote an Land, verließen alles und folgten ihm nach.

- Lukas 5:10

Insbesondere Petrus, der bekanntlich ein Fischer war, sollte ja dereinst eine zentrale Rolle im Christentum spielen, denn kaum ein Zufall, dass der Dom im Vatikan seinen Namen trägt. Jesus Christus hatte Fischer zu Jüngern und wollte sie zu Menschenfischern machen. Tausende speiste der Heiland mit Fischen, dessen getaufte Anhänger selbst zu »christlichen Fischen« geworden waren.

Was aber ist da der Grund, das ausgerechnet das Symbol des Fisches für den Christus gewählt wurde? Hätte es nicht auch die Schale eines Sämanns sein können?

Magier aus dem Orient

Zu Beginn des 2. Kapitels im Matthäus-Evangelium, ist die Rede von den »Magoi«, den Magiern aus dem Morgenland. Sie hatten eine markante Konstellation am Nachthimmel entdeckt, die sie als deutliches Zeichen für die Geburt eines gotterwählten Kindes deuteten. Diese auch in der Bibel überlieferte Episode, sollte wohl dazu führen, dass man schon zu Zeiten als die Evangelien entstanden, das Wesen des Christus auch auf astrologische Gesichspunkte hin beleuchtete. Hieraus entwickelte man das, was heute in der Astrotheologie das »Fischezeitalter« genannt wird und sich über eine Dauer von ungefähr zwei Jahrtausenden erstreckt.

Dieser Zeitraum bemisst das, was man in der Astronomie die »Präzession der Erde« nennt. Damit wird auf ein astronomisches Phänomen hingewiesen, aus dem sich die ganz allmähliche Richtungsänderung der Erdachse ablesen lässt, die diese über einen Zeitraum von etwa 26.000 Jahren vollzieht. Man nennt die Dauer dieses Zyklus auch das »Platonische Jahr«. Über diese lange Zeit hinweg, ereignet sich der Sonnenaufgang zur Frühlingstagundnachtgleiche, in jedem Winkel des gesamten Tierkreises, wobei sich die Position dieses Frühlingspunktes, nicht wie im astrologischen Jahreskreis gegen, sondern im Uhrzeigersinn bewegt. Hieraus ergibt sich der sogenannte »Platonische Monat« von etwa 2.160 Jahren (≈ 26.000 Jahre : 12).

Heute ereignet sich der Sonnenaufgang zu Frühlingsanfangs in etwa zwischen den Sternbildern Fische und Wassermann, warum manche auch vom Anbruch des Wassermann-Zeitalters sprechen, den manche im Jahr 1997 vermuteten, wieder andere im Jahr 2012 oder auch erst im Jahr 2154, sowie an noch einigen anderen Jahreszahlen. Zu Zeiten Jesu aber, ereignete sich da der Übergang vom Zeitalter des Widders, in das der Fische.

Das sich die ersten Christen damals selbst als Fische bezeichneten, war nicht allein Mittel zur Ehrerbietung ihres Messias, sondern wohl bestimmt auch eine Möglichkeit inkognito zu bleiben, zumal man Angehörige des jungen Christentums verfolgt hatte. Wenn die Wahl dieses Symbols nun aber nicht zufällig erfolgte, stellt man sich vielleicht die Frage, ob nicht auch andere Symbole den selben Zweck erfüllt hätten, was anscheinend zuerst auch der Fall war, wo der Christus mal als Löwe, mal als Adler und eben auch als Fisch symbolisiert wurde.

Wie aber bereits angedeutet, scheint der astrotheologische Bezug relevant gewesen zu sein, denn schon damals besaßen Gelehrte präzise Kenntnisse über die Sternbewegungen. Neben dem Fische-Symbol, kommt hier noch die Symbolik des Lammes ins Spiel, als das der Christus ja der Menschheit geopfert wurde. Der alte Brauch des Opferlammes stammte damals (und auch heute noch) vom jüdischen Pessachfest. Jedem Astrologie-Kundigem war damals klar, dass Jesus als erster Fisch des Fischezeitalters wiederauferstehen sollte, während er als letztes Lamm, als quasi letztes Kind des abtretenden Widder-Zeitalters, am Kreuze sterben musste. Wieso diese Symbolik so bemerkenswert ist, dürfte zumindest den Astrologie-Kenner bereits aufmerken lassen: beide Sternzeichen, Fische und Widder, liegen ja direkt nebeneinander, wie auch die christliche Symbolik vom Osterlamm, die im Kirchenjahr von Bedeutung ist, wo sich die Sonne durch das Tierkreiszeichen Widder bewegt.

Planisphaeri Coeleste von Frederik de Wit - ewigeweisheit.de

»Planisphaeri Coeleste« von Frederik de Wit: Eine Himmelskarte der Sternbilder.
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Sternbild Pisces: Die Fische im Zodiak

Wenn wir uns nach der Symbolik erkundigen, die man in jener Zeit findet, als der Christus Jesus in Erscheinung trat, so dürfen wir dabei nicht ignorieren, dass damit auch eine Schatten-Thematik einherging. Wenn der Christus sich als »Licht der Welt« (Johannes 8:12) personifizierte, so klingt in dieser Botschaft auch eine polare Gegensätzlichkeit mit an, zumal ja »das Licht (nur) scheinet in der Finsternis« (Johannes 1:5). Man braucht darum nicht zu erschrecken, wenn manche Namen und Symbole, beide Seiten miteinander teilen: die Welt des Lichts und die der Finsternis. Dabei spielt eine negative oder positive Wertung zunächst einmal gar keine Rolle, auch wenn im letzten Satz auf die doppeldeutige Gestalt Lucifers angespielt wurde. Denn jenen Titel verwendeten die Römer zur Bezeichnung des Morgensterns, so dass sie in den ersten Jahrunderten n. Chr. diesen, als Herold des Tages, zu Christus in Beziehung setzten. Diese Doppeldeutigkeit aber hat noch eine weitere Lesart, die auf einen tieferen Zusammenhang anspielt, den wir uns im Folgenden genauer ansehen wollen.

Horus und Jesus

Schauen wir hierzu zunächst einmal weit in die mythische Vergangenheit des Alten Ägypten. Da begegnen wir dem Lichtgott Horus, der auf die Menschenwelt schaute, mit seinen göttlichen Augen: Sonne und Mond. Als Sohn der lunaren Göttin Isis, teilt er Attribute die man auch bei Jesus wiederfindet. Mit der christlichen Mutter Maria teilt Isis nämlich das Attribut einer lunar Erleuchteten, zumal letztere in katholischer Ikonografie oft auf einer Mondsichel stehend abgebildet wird. Rudolf Steiner (1861-1925) brachte gekonnt auf den Punkt, worauf unsere Aussage hier anspielt:

die hervorbringende Frau, die Frau mit dem Kinde, die da jungfräulich ist, die Göttin, die in jener lemurischen Zeit eine Genossin der Menschen war, und die mittlerweile dem Blick der Menschheit entschwunden ist. Die nannte man die heilige Isis im alten Ägypten.

Sie bringt den Horus nicht durch Empfängnis zur Welt, sondern es kommt zur »unbefleckten Geburt« des Gottes, durch einen Lichtstrahl, der sie berührt, aufscheinend von ihrem verstorbenen Gatten Osiris. Horus aber, sollte laut mancher Mythen einen rätselhaften Brudergenossen haben: Seth – den finsteren Gott, der zum einen den Tod, doch in alt-ägyptischer Mythologie ebenso das Böse selbst symbolisierte. In alter Hieroglyphenschrift wird Seth da oft als Mensch mit Eselskopf dargestellt. Es ist eine Symbolik, die auch in Zusammenhang steht mit dem »schwarzen Stern« Saturn. Dieser Planet, der in alter Astrologie den äußersten der siebenfältigen Wandelsterne bildete, galt der mittelalterlichen Astrologie als Sitz des Teufels. Das lässt sich zum Beispiel entnehmen, dem 1899 in Paris erschienen Buch »L’astrologie grecque« (deutsch: »Griechische Astrologie«), einem Werk des französischen Religionshistorikers Auguste Bouché-Leclercq (1842-1923). Darin heißt es:

Drachen, Schlangen, Skorpione, Vipern, Füchse, Katzen und Mäuse, nachtaktive Vögel und andere verschlagene Brut sind das Los des Saturn.

Diese Attribute Saturns ähneln also jenen des finsteren Seth, wohl auch in seiner Rolle als Widersacher alles Lichtvollen. Auch sein Name scheint das anzudeuten, scheinen die Namen Seth, Saturn oder Satan doch eine etymologische Wurzel zu teilen (set oder sat). Auch die Tatsache, dass man im Altertum Saturn, als den äußersten und letzten Planeten des Sonnensystems wahrnahm, scheint hier eine weitere Parallele zu geben zur griechischen Mythologie, wo der Lichtgott Horus, wie die Sonne im Zentrum stand, während Seth abgedrängt, sich an die Peripherie aufhielt, wie eben verkörpert durch den Planeten Saturn.

Zwillingssymbolik in der christlichen Gnosis

Wenden wir unseren Blick nun einmal auf die judeo-christlichen Ursprünge des Gnostizismus, der ersten Jahrhunderte christlicher Zeitrechnung. Dem im ägyptischen Alexandria geborenen Valentinus (100-160 n. Chr.), schreibt man die Autorenschaft zu, einer in der christlichen Gnosis wichtigen Handschrift: die Legende der »Pistis Sophia«. Daraus lässt sich etwas entnehmen, was in gewisser Weise mit dem zuvor beschriebenen Doppelaspekt einer Symbolik von Licht und Finsternis (Horus und Seth) in Erscheinung tritt. Es wird in der Pistis Sophia ein Dialog wiedergegeben, zwischen der Mutter Maria und Jesus:

Da Du klein warst, bevor der Geist über Dich gekommen war, kam, während Du Dich mit Joseph in einem Weingarten befandest, der Geist aus der Höhe und kam zu mir in mein Haus, Dir gleichend, und nicht hatte ich ihn erkannt, und ich dachte, dass Du es wärest. Und es sprach zu mir der Geist: »Wo ist Jesus, mein Bruder, damit ich ihm begegne?« Und als er mir dieses gesagt hatte, war ich in Verlegenheit und dachte, es wäre ein Gespenst, um mich zu versuchen. Ich nahm ihn aber und band ihn an den Fuß des Bettes, das in meinem Hause, bis dass ich zu euch, zu Dir und Joseph, auf das Feld hinausginge und euch im Weinberge fände, indem Joseph den Weinberg bepfählte. Es geschah nun, als Du mich das Wort zu Joseph sprechen hörtest, begriffst Du das Wort, freutest Dich und sprachst: »Wo ist er, auf dass ich ihn sehe, sonst erwarte ich ihn an diesem Orte.« Es geschah aber, als Joseph Dich diese Worte hatte sagen hören, wurde er bestürzt, und wir gingen zugleich hinauf, traten in das Haus und fanden den Geist an das Bett gebunden. Und wir schauten Dich und ihn an und fanden Dich ihm gleichend; und es wurde der an das Bett Gebundene befreit, er umarmte Dich und küsste Dich, und auch Du küsstest ihn, und ihr wurdet eins.

Einer Symbolik von eins gewordenen Zwillingsbrüdern, begegnet man auch im Symbol des Fische-Sternzeichens, wo ja zwei Fische, die sich gegenübersehen, ein Band im Schnabel miteinander verbindet (daher ja auch das astrologische Symbol    – wobei der verbindende, horizontale Strich auf das schmale Band kleiner Sterne hinweist, dass die am Nachthimmel erscheinenden Sternbilder des nördlichen und des südlichen Fisches miteinander verbindet). So scheint also Jesus bei den christlichen Gnostikern, als eine Doppelpersönlichkeit aufgefasst worden zu sein, die zum einen Teil aus dem Heiligen Geist (dem Pneuma) auf Erden inkarnierte und anderenteils aus der stofflichen Welt (der Hyle) emporsprießte, die die Figur des »Zwillingserlösers« formen.

welches das Zwillings-Mysterium ist vom Einzigen, Unaussprechlichen […] und indem Ich König bin über das Kind der Kinder, dem Zwillingserlöser […] dann werden alle Menschen, die die Mysterien vom Unaussprechlichen empfangen, mit Mir Mitkönige sein und zu meiner Rechten und zu meiner Linken in meinem Reich sitzen.

- Aus der Pistis Sophia

Christus und Bar Abbas

Für die Astrologen unter den Gnostikern, muss dieser mythische Doppelaspekt (»zu meiner Rechten und zu meiner Linken«) eines Christus-Antichristus plausibel erschienen sein, wenn sie die Symbolik der zwei Fische, im gleichnamigen Tierkreiszeichen betrachteten und dabei einem Aufdämmern des Fischezeitalters entgegen sahen. Ist es da nicht bezeichnend, wenn die evangelischen Berichte jene Episode beschreiben, wo ein Pontius Pilatus dem versammelten Volke die Wahl lässt zu entscheiden, zwischen einem berüchtigten Gefängnisinsassen namens Jesus Barabbas – und eben dem Jesus Christus:

Was wollt ihr? Wen soll ich freilassen, Jesus Barabbas oder Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus?

- Matthäus 27:16f

Wenn sich der Name »Barabbas« nun ableitet, vom hebräischen »bar abbas«, was übersetzt heißt »Sohn unseres Herrn« und der Eingangs erwähnte »Jesus Christus Gottes Sohn« ist, ergibt sich hier eine regelrecht »psychologische Anspannung«. Schaut man sich nämlich die Symbolik der beiden Fische an, wie sie etwa in der Sternkarte von Frederik de Wit (1610-1698) dargestellt sind (siehe Abbildung): dann sieht man darauf die beiden Sternsymbole der Fische nicht am Schnabel, sondern am Schwanz mit einem roten Band verbunden. Der erste Fisch (links) schaut darin zum Nordpol hin, während der zweite seinen Kopf nach Westen neigt, in Richtung Sonnenuntergang also, zur Nacht hin. Die Darstellung der Himmelskonstellation Fische bei de Wit, entspricht dabei der natürlichen Position der Sterne dieses Tierkreiszeichens, die als nördlicher und südlicher Fisch, fast rechtwinklig zueinander, ein Kreuz bilden.

Vorausahnung eines christlichen Fische-Zeitalters

Es ist bei dem Gesagten also durchaus angebracht, dass diese »in den Himmel geschriebene« Projektion, schon längst sichtbar gewesen war, als mit dem Auftreten des christlichen Erlösers, dieses neue Weltalter eingeleitet wurde. Die Wassersymbolik des Fisches aber, ist ja auch gegeben durch die Jahreszeit, während der er auch schon vor mehr als 2.000 Jahren gegenwärtigen Regenzeit Palästinas.

Kommen wir in diesem Zusammenhang aber noch einmal zu sprechen auf die gnostische Pistis Sophia. Dort heißt es im 21. Kapitel:

Es antwortete aber Jesus und sprach zu Maria: »Wenn die Nativitätssteller (Astrologen oder Weise, die den Stand der Gestirne bei der Geburt eines Menschen bestimmen) die Heimarmene (Schicksal) und die Sphaera (Kreisbahn der Plneten) nach links gewendet finden, gemäß ihrer ersten Ausbreitung, so treffen ihre Worte ein, und sie werden das sagen, was geschehen muss. Wenn sie die Heimarmene oder die Sphaera nach rechts gewendet begegnen, pflegen sie nichts Wahres zu sagen, weil ich ihre Einflüsse und ihre Vierecke und ihre Dreiecke und ihre Achtfigur gewendet habe […]

In gewissen Kreisen unter den christlichen Gnostikern schien die Astrologie eine gängige Sache gewesen zu sein, wenn sie, wie hier in der Pistis Sophia, selbst Jesus über jene »Nativitätssteller« reden lässt. So scheint die Fische-Symbolik des Neuen Testaments, eine gewisse Vorausahnung anzudeuten. Dabei steht der Christus Jesus als einer der beiden, als der vertikal nach Norden gerichtete Fisch, was einer zeitunabhängigen, ewigen und hierarchischen Sinnbildlichkeit entspricht; assoziiert man andererseits Vorstellungen von einem Damals und Morgen, einem Vergehen und Werden, mit dem, was durch den Ausschnitt einer Horizontalen gegeben ist, deren beiden Enden (oder Pole) sich vor diesem Hintergrund mit der Entscheidung zwischen Gut und Böse assoziieren ließen, könnte man daraus die Erwartungshaltung deuten, gegenüber eines Erscheinens des Antichristen in der Endzeit.

 

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Menge und Masse: Maßstäbe der Moderne

von S. Levent Oezkan

Bei den Begriffen Quantität und Qualität handelt es sich grundsätzlich um Gegensätze. Doch auch wenn sie sich ihrer Bedeutung nach offenbar unterscheiden, besteht zwischen beiden auch eine Wechselbeziehung, die von zentraler Bedeutung ist für unsere Kultur – damals, heute und dereinst.

Wenn sie nun aber in Beziehung zueinander betrachtet werden können, besitzen Quantität und Qualität dann nicht vielleicht auch eine gemeinsame Wurzel? Sollte uns im weiteren Verlauf gelingen, dafür einen Beweis zu finden, so müsste es auch Entsprechungen zu anderen Polaritäten geben.

Fest steht: Qualität und Quantität bildeten die ersten aller kosmischen Pole, zumal alles, das sich in unserer Welt manifestierte, geprägt ist vom Wesen dieser beiden Ausdrücke – insbesondere dann, wenn es darum geht an eine Sache Anforderungen zu stellen. Nicht aber nur in der natürlichen, sondern auch in der übernatürlichen Welt metaphysischer Anschauung, bilden beide Begriffe die beiden Enden ein und der selben Wahrheit – gebildet aus dem, wofür die Worte Essenz und Substanz stehen.

Unsere moderne Welt ist Herrschaftsgebiet des menschlichen Individuums, wo es aber weniger um die essentielle Wahrheit dessen geht, worüber der Mensch Herrschaft zu erlangen sehnt. Eher geht es um des Menschen Wunsch zu besitzen, abzuzählen, Mengen zu häufen. Kurz: Das Wesentliche in seinem Leben bildet die stoffliche Welt, die »Substanz der Massen«. Die Welt des Stoffes aber bezieht sich auf das Äußere einer Exoterik. Wenn wir hier aber nun den Begriff der Tradition ins Spiel bringen, so ließe sich das Essentielle unseres Seins, auch durch die Überlieferungen einer inneren, einer esoterischen Tradition ergründen, was wir im weiteren Verlauf dieses Aufsatzes versuchen wollen.

Quantität: Anzahl und Wert

Die Quantität der Dinge in unserer Welt, bildet die Grundlagen allen sinnlichen und körperlichen Seins darin, was dem Materiellen zugeschrieben wird. Alles was uns darüber die Wissenschaft liefert, wie ihr Name ja bereits sagt, ist eben Wissen, wo manche mehr davon, andere weniger davon haben. Ein Wissenschaftler kennt die Beschreibung dessen, was wirklich ist, kennt sein Maß der Wirklichkeit. Über das darin »Wirksame« aber, die darin liegende Essenz, wissen heute nur wenige. Im Westen scheint es eben gang und gäbe zu sein, den Wert einer Sache vor allem quantitativ festlegen zu wollen und dabei zu glauben, die dahinter stehende Realität erkennen zu können, als bezifferbar – auch wenn das dabei wahrgenommene Schimmern einer vermuteten Wirklichkeit, immer wieder neue Maße beeinflussen. Wäre es da aber nicht angebrachter sich davor zurückhalten, allein durch diese, abzählbar beschriebenen Teile des Dinglichen, auf das Wesen unserer Welt schließen zu wollen?

Was als Menge abzählbar ist, lässt zwar Folgerungen über das Betrachtete zu, doch je näher man der eigentlichen Sache dabei käme, desto weiter schweifte man gleichzeitig davon ab, da sich die dabei gefundenen Details, jeweils selbst wieder, in immer feinere Abzählbarkeiten deuten lassen; man denke etwa an die physikalische Untersuchung des Mikrokosmos, mit all seinen unzähligen Kristallstrukturen, molekularen, atomaren und subatomaren Auffächerungen. Letztendlich aber käme man doch zu dem Schluss, dass sich alles Sein aus Polarem ergibt, aus positiv wie negativ »Geladenem«, aus materiell Schwerem und Leichtem, aus energetisch Starkem und Schwachen, und so weiter. Zwar ließe sich darin alles nur Erdenkliche abmessen, quantifizieren und gegeneinander abwägen, doch bliebe das so erhalten Abzählbare, dabei immer nur eine Messung des Substantiellen und damit nur Erscheinung von Maßen, die wahrscheinlich einer Wirklichkeit entsprechen, die eben nicht entzifferbar ist, sondern immer nur erfahrbar bleibt.

Qualität kennt kein Maß

Den Wert dessen liefert die Qualität des Wirklichen, die den Betrachter nicht nur zur Erkenntnis darüber befähigt, sondern ungeachtet irgendwelcher abmessbaren Fakten, ihn mitunter sogar zu inspirieren vermag. Wenn in esoterischen Kreisen oft die Rede ist von »Einweihung«, meint das kein Inkenntnissetzen, sondern ein Erfahren des Einen, dem einer geweiht wird. Die Wirklichkeit die einer dabei kennenlernt, lässt sich jedoch nicht messen, sondern allenfalls betiteln. Was darin aber wirksam ist, ist die Essenz dessen, worum es sich bei dieser Betrachtung handelt: Es ist wie ein Same aus dem ein riesiger Baum wächst, wie ein Funke der ein großes Feuer entfacht, wie eine Wahrheit, von der erfahren, ein Mensch sein Leben als solches verändern möchte, eine Ursache, die manchmal sogar über Leben und Tod eines Individuums entscheidet. Doch auch viel weniger dramatische Vorgänge, lassen sich durch nichts bemessen oder abzählen, wie das Gefühl, dass man empfindet, wenn man sich verstanden fühlt, wie die Gewissheit die man verspürt, wenn man mit etwas im Leben abgeschlossen hat, und so weiter.

Doch durch all die Betitelungen dessen, was wir hier als Qualität definieren wollen, ist eine darin wirkende Essenz, anscheinend austauschbar geworden. Das heißt, dass die Güte eines Dinges nur Menge und Zahl bewerten, doch weniger der Wert an sich, der die eigentliche Qualität von etwas begrenzt, quantifiziert. Das aber verallgemeinert seine wesentliche Sinnbedeutung, verwischt sie sogar und macht sie ungreifbar. In der Erkenntnis des innersten Wesens einer Angelegenheit aber, wird aus dem darin wirksamen »Essentiellen«, vorrangig ein Prinzip, ein Grundsatz, aus dem sich weitere Prinzipien hierarchisieren lassen.

Wenn sich also Quantität immer auf eine horizontale Sichtweise von etwas Bemessbarem oder Abwägbarem bezieht – man denke an die beiden Schalen einer Waage – so stehen die in einer Qualität wirksamen Prinzipien dazu vertikal, auch wenn man das Bessere durch Maße beziffern kann. Hierarchie und Qualität nun sind traditionell von einander untrennbare Begrifflichkeiten. Sie bildeten im Altertum die klerikalen oder aristokratischen Rangordnungen, die sich jedoch einer nach oben hin ewig weiter erstreckenden Überordnung beugten (man denke hier etwa an den Begriff des »Gottkönigtums«, dass besonders in der Esoterik ein geläufiger Begriff ist). Solch hierarchische Ordnung lässt sich aber auch auf den Mikrokosmos des menschlichen Körpers übertragen, in dem ja jedes Organ seine jeweils über- oder untergeordnete Rolle spielt.

Es ließe sich der so geschilderte, untrennbare Zusammenhang zwischen Hierarchie und Qualität symbolisch durch eine Vertikale skizzieren. Wobei das, was wir als Hierarchie andeuteten, natürlich von positiver oder negativer Qualität sein kann, so dann sich zur eben definierten Vertikalen, auch eine Horizontale ergibt, die beide im Symbol des Kreuzes zusammenlaufen. Nun ließe sich damit alles Vertikale, als Symbol des Hierarchischen der Qualität, alles Horizontale als Symbol für den Wert eines Dinges, seine positiven und negativen Aspekte betrachten.

Quantität und Qualität in Wechselbeziehung

Auch wenn im Allgemeinen Quantität und Qualität als gegenläufige Begriffe verstanden werden, widersprechen sie sich nicht wirklich. Ja sie ergänzen sogar einander gegenseitig und besitzen das Potential sich zu einen, dort wo ihre Prinzipien zusammenlaufen, sich überkreuzen. Wir hatten zuvor von einer Symbolik des Vertikalen und des Horizontalen gesprochen, wo erstere die Beschaffenheit des Qualitativen symbolisiert, letztere jene des Quantitativen. Im Symbol des Kreuzes laufen diese beiden Größen an der Stelle des Schnittpunkts zusammen. Das Spannungsfeld zwischen Rechtem und Linkem, zwischen Unten und Oben, zwischen Gut und Böse, zwischen Ursprung und Unendlichkeit, kommt in dieser Kreuzung zum Ausdruck – woraus sich ein aus vier Größen zusammengesetztes Ganzes ergibt. Wählte einer etwa nur die Quantität als Maßstab aller Dinge, entbehrte er durchaus wichtiger Hinweise auf das, was wirklich ist, was ja eben aus der Hierarchisierung des Ganzen, als Qualität hervorgeht.

Betrachten wir die Symbolik des Kreuzes, neben der berühmten Form des Symbols im Christentum, als, sagen wir, eine durch einen Kreis abgeschlossene Form, in der der rechtwinklige Achsenschnittpunkt den Kreis-Mittelpunkt bildet, ließe sich daraus eine universale Vierheit ableiten, eine »Quaternität«, die zum Beispiel für die Beschreibung der vier alchemistischen Elementen (Feuer, Wasser, Luft und Erde) ebenso griffe, wie in Betrachtungen der Gesetzmäßigkeiten der vier Jahreszeiten, bei den Lebensphasen eines Menschen und unzähligen anderen Größen, die auf einer elementaren Vierheit basieren.

Es scheint dabei aber kein Zufall zu sein, dass solche Mandalas oder Symbole der Quaternität, nicht nur in historischen Monumenten der Völker in West und Ost auftauchen, sondern ebenso in den nächtlichen Träumen ahnungsloser Menschen, deren Auffassung vom Sein ganz und gar durch die Moderne bestimmt ist. Denn diese Formen der Quaternität sind Ordnungssymbole, die sich einem Träumer vor allem in Zeiten darbieten, wo er nicht weiß wo im Leben er gerade steht oder aber erkennt, dass er sich neu erfindend orientieren muss. Und wenn sich eine Quaternität als universale Vierheit vor allem im Wachzustand dazu eignet, allgemeingültig eingesetzt zu werden, so findet eben angedeutete Orientierung doch dort statt, wo eben einer seinen inneren, individuellen Orientierungspunkt erkannt hat. Da erfindet er sich neu, um sich aus dem, was er vielleicht als Chaos im Leben satt hat, zu entfernen in Richtung des Lichts, das ja bekanntlich jeden Morgen im Osten als Sonne aufsteigt, der Richtung, die die Römer eben »Orient« nannten. Wer vom Pfade abkam, orientiert sich nach dem Licht.

Einen Richtungswechsel, eine »Neuorientierung« aber erfordert ein sich Einlassen auf diese, hier und im Folgenden gelieferte »symbolische Assistenz«. Das heißt, dass eine neue »Himmelrichtung« im individuellen Kosmos eines inneren Selbst bewusst gemacht wird, die sich jenseits dessen befindet, was moderne, technische oder digitale Hilfsmittel bieten. Denn wenn es um eine Neuentfaltung des Selbst geht, kann es sich nur im Bewusstsein eines Menschen ereignen, wodurch es seinen eigentlichen Daseinssinn wiedererlangen kann. Diesen Zugang aber versperren in unserer modernen Welt die äußeren Verbindlichkeiten, wozu aller Wunsch zur Anhäufung von Reichtümern ebenso gehört, wie das Klammern an das, was man bereits hat. Alles Sinnvolle aber, mit dem das Selbst des Individuums in diesem Körper auf Erden inkarnierte, scheint, seit jener Zeit der Aufklärung, die ja mit einer industriellen Revolution einherging, in Sinnwidriges verkehrt worden zu sein. Denn schon lange geht es nicht mehr darum, das Wesen und die Aufgabe des Selbst und die von ihm ausgehenden Botschaften zu erkennen. Eher fragt man da nach dem Sinn solcher Botschaften, da der an den modernen Massenmenschen eben besser verfüttert werden kann, in Form audiovisueller Medien. Ob dieser Sinn auch Qualität besitzt, spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Eher geht es darum solche Nachrichten weitgefächert zu verbreiten.

Alles in der modernen Welt leuchtet, ist illuminiert und es scheint, im wahrsten Sinne des Wortes, als bringe uns in allen Lebensbereichen dieses Funkeln und Blinken die Umwelt so bei, wie auch wir, in unseren Händen haltend, uns selbst. Es sind darum immer mehr »Lichtträger« unterwegs. Schaut man sich die lateinische Bezeichnung dafür an, die sich aus den Wörtern »lux«, für das Licht, und »ferre«, tragen, ergibt, kommt man zum »Luziferischen«, ein Wort das die meisten unter uns mit Begriffen wie Bosheit und Arroganz assoziieren, und dabei womöglich auch Ängste in ihnen aufsteigen, die aber ohnehin schon mit immer neuen Hysterien, anscheinend in jedem von uns aufgerufen werden, mit dem Ziel den Konsum aufrecht zu erhalten, denn wer Angst hat hamstert und verbirgt sich hernach ungesehen in seinem Bau. Und wer sich dort verbrigt lässt sich besser kontrollieren.

Kontrast der Extreme von Gut und Böse

Jene Hypes und inszenierten Begeisterungen für den Wunsch sich zu fürchten, scheinen gleichzeitig eine Erwartungshaltung zu prägen, die sogar mediale Bilder von Naturkatastrophen und anderen Desastern, zu befriedigen scheinen. Alles was mit einer Moral einhergeht aber scheint als altmodisches Gewäsch nur abgewunken zu werden, zumal man solch Medien ja getrost im stillen Kämmerlein konsumiert. Das darin gezeigte Bilder aber nicht zufällig durch die Kanäle moderner Medien unser Bewusstsein mit Negativität überfluten, scheint immer zu bedenken zu geben, was vor 80 Jahren in Europa als eine in der Johannes-Offenbarung vorausgesagte Endzeit erfahren worden sein dürfte. Ereignete sich das damals auf materiellem Niveau, scheint nunmehr etwas auf Ebene des Emotionalen eingerissen zu werden, bei den meisten Menschen der Nationen, die teilnehmen an dem, was das Weltwirtschaftsforum die »Vierte industrielle Revolution« nennt.

Wesensglieder des Zweigeteilten

Werfen wir unseren Blick nun aber einmal in die ferne Vergangenheit. Da lesen wir in der Bibel über etwas, dass sich anscheinend, wie schon so häufig, gerade wieder abzuspielen scheint und die Rufe jener laut werden lässt, die auf eine Endzeit warten. So wie die Johannes-Offenbarung, am Ende des Neuen Testaments, nun auf ein Kommen des Antichristen hindeutet, soll diese Wesenheit die Macht auf Erden übernehmen – für gewisse Zeit. Und das auch nur für jene, die überhaupt aller spirituellen Tradition den Rücken gekehrt haben. Es ist eben doch die Tradition, die nicht allein den Sinn des abzählbaren Maßes von Gutem und Schlechtem, von digitaler Eins und Null, sondern sich immer auch der hierarchischen Lage dessen bewusst ist, auf der sich ein Maß vermeintlich bewertbarer Gegensätze bezieht.

Wenn wir zuvor nun aber von Qualität und Quantität sprachen, wieso kommt nun auf einmal die Sprache auf den Antichristen, den Widersacher dessen, den das Neue Testament den Christus nennt? Nun, es soll hierdurch überhaupt einmal deutlich gemacht werden, was sich im Erkennen des Hierarchischen der Qualität, für das Verständnis dessen ergibt, was man »Das Böse« nennt.

Christus und der Antichrist stehen im Verhältnis wie das Licht und der Schatten, wie die Wahrheit zur Unwahrheit, wie der Glanz zur Täuschung und letztendlich das Gute zum Bösen. Das Gute, könnte man sagen, existiert ohne Böses, denn es hat Substanz, während Letzteres substanzlos ist. Es ist – das Böse aber ist nicht. Wenn das Gute als wahrhaftig Besseres existiert, entspricht seine Fehlerhaftigkeit dem Bösen. Alles Gute trägt zur Besserung dessen bei, wovon man Gutes hält, während das Böse zur Schädigung dessen führt. Denn das Böse ist widernatürlich, schwächt und zerstört alles Natürliche.

Wenn aber, wie wir oben sagten, der Schatten als Gegenteil des Lichts angesehen wird, so kommt da aber noch der Faktor der Form ins Spiel, etwas, dass in unserer alltäglichen Welt etwa ein physisches Objekt bildet. Denn würden Licht und Schatten »gleichgültig nebeneinander« existieren, ergäbe sich Form erst durch ihr Zusammenwirken. Doch kann das überhaupt sein?

Fest steht, dass Schatten das Licht voraussetzt. Und so muss es auch eine Form geben, die den Schatten wirft, da sie das Licht verstellt. So wäre der Schatten also eine Abwesenheit des Lichts wegen der Form das es verstellt. Die Art aber, wie der Schatten dem Licht durch die Form gegenübersteht, setzt die Qualität dieser Form voraus: Ist sie perfekt, so ist auch der Schatten perfekt.

Doch all das bleibt zunächst nur philosophisches Beurteilen, das im Angesicht dessen, was etwas in den Konzentrationslagern von einst (und heute), nur wie blanker Hohn klingt, wenn da einer kommt und mit diesem Vergleich von Licht und Schatten behaupte, das Böse sei entsprechend »nur« die Abwesenheit des Guten.

Man sollte sich daher vorsehen, die eigentlichen Ebenen der Hierarchie dieser Gegensätze, auf einen Nenner bringen zu wollen. Eine abstrakte Vorstellung von Gut und Böse aber zu vergleichen mit Licht und Finsternis, wäre philosophisch durchaus denkbar. Doch wer vom Gräuel dessen weiß, was Menschen einander antun können, der wird dem Bösen keine Wesenhaftigkeit absprechen, sondern es als tatsächliche Wirkmacht ansehen, die im Feld des Guten immenses Leid zu verursachen vermag.

Es wäre daher vielleicht angebracht, die Pole von Gutem und Bösem, auf zumindest drei Ebenen im Menschsein, bewussten Hierarchien zuzuordnen, entsprechend Körper, Seele und Geist. Schaute man dabei, metaphorisch gesprochen, vom Geistigen hinab ins Körperliche, so erkannte man da eine Tendenz zu einem Dualismus von Gutem auf der einen und von Bösem auf der anderen Seite. Besonders in der modernen Kultur scheinen nur Extreme ihrer Gültigkeit gerecht zu werden, die sich allein nur zwischen Ja und Nein bewegen, zwischen Zusage und Absage, zwischen Positivem und Negativem, nur damit ihrem Wert gerecht werden. Würde man nun aber vom Körperlichen hinauf in die Geistigkeit schauen, so vielleicht ließe sich doch eine Tendenz eines Monismus des Guten erahnen – wo eben nur das Gute ist und alles was man dort Böse nennt, eben allein jener bereits angedeutete Abwesenheit des Gutem gleichkommt.

Traditionell bedeutet nicht altmodisch

Wenn hier nun die Rede ist von einer Tendenz zum Monismus, meint das gleichzeitig auch den Hinweis auf die Tradition oder Philosophia Perennis – die Ewige Weisheit. Alles was in der Moderne erscheint ist einmalig und, ganz gleich ob von hoher Qualität oder nicht, wohl auch einzigartig. Doch über das, was Tradition bedeutet, scheint man nicht mehr zu wissen, sondern allenfalls mit dem Wort »altmodisch« zu verwechseln. Was wir zuvor als Qualität definierten aber ist als hierarchische, vertikale Dimension, deren Grade sich zwischen Himmel und Erde erstrecken, ganz eng mit dem Traditionsbegriff verbunden.

Entbehrt die Moderne aber der Kenntnis dessen, was Tradition bedeutet, so neigt auch ihre Fähigkeit zum Verständnis dessen, was die ersten und eigentlichen Prinzipien unseres Seins auf Erden bedeuten. Es wäre also falsch anzunehmen, dass es sich hierbei um reine Wissenschaft handelt, sondern eher um das, was man Verstehen nennt. Was im Westen als Lernen und erfolgreiches Leben verstanden wird, ist darum nichts als ein Maß für das Erreichte, das man sich zu eigen gemacht, sich erworben hat – seien es Wissen, Geld oder Güter. Das Element der Qualität dieser Dinge aber scheint nur eine nebensächliche Rolle zu spielen. Denn wenn es um Wissen geht, zählt nur das an Statistiken messbare Quantum an Kompetenz. Kurz: Dem modernen Geist mangelt es an Qualitativem. Masse steht über Klasse, allein Quantität zählt. Und diese Feststellung bezieht sich nicht allein auf den Durchschnittsbürger oder jene, die Qualität allein in Hinsicht auf ein Funktionieren in der mengenproduzierenden Industrie oder in der Datenverarbeitungsbranche bewerten; diese Mentalität findet sich leider auch unter Geisteswissenschaftlern moderner Pädagogik. Doch selbst wenn viele unter jenen sehr viel Wissen angehäuft haben, bedeutet das keineswegs, dass auch ihr Handeln entsprechend bedachter erfolgte oder »weiser« wäre. Einer den man einen »Wissenden« nennt, ist nicht einer der viel weiß. Sein Wissen ist von höchster Güte, das geäußert keiner weiteren Erläuterungen bedarf. Die Wissensgesellschaft aber, in der wir gegenwärtig leben, legt anscheinend mehr Wert auf das Quantum an Wissbarem, dass sich jedoch oft nur aus einer langen Reihe von Informationen zusammensetzt, die ihren Sinn allenfalls in Bezug auf Äußerlichkeiten erfüllen.

Wo ist das Leben, dass wir an unseren Lebensunterhalt verloren haben?
Wo ist die Weisheit, die wir ans Wissen verloren haben?
Wo ist das Wissen, das uns in den Informationen verloren ging?

- Thomas Stearns Eliot (1888-1965)

Diese Tendenz, die Menschen seit der industriellen Revolution entwickelten, beklakte auch der amerikanische Historiker Theodore Roszak (1933-2011), in einem Essay mit dem Titel »Ethik, Ekstase und das Studium der Neuen Religionen«:

Während der vergangenen zwei Jahrhunderte, bot uns eine allgemein weltlich geprägte Meinung, viele verschiedene Lesarten über die Natur des Menschen: Darwinismus, Marxismus, Freudianismus, Behaviourismus (naturwissenschaftliche Verhaltensforschung), Positivismus, Existenzialismus oder Soziobiologie. Da brachte man uns bei, dass wir »nackte Affen« und »Maschinen aus Fleisch« sind, Kreaturen »jenseits aller Freiheit und Würde«, deren Leben gesteuert wird von Neurofeedback oder einem Reflexbogen (der für die Auslösung oder Entstehung von Nervenimpulsen oder Reflexen verantwortlich ist), Interessen der gesellschaftlichen Klasse oder sexuellen Gelüsten, gelenkt durch ökonomischen Egoismus oder genetische Programmierung, durch kulturelle Konditionierung oder historische Notwendigkeit. Ist es aber nicht merkwürdig, wie all diese Bilder dazu bestimmt zu sein scheinen, unsere tiefgehende Intuition zu entwurzeln darüber, was Freiheit und ein höherer Sinn in unserem Leben sein könnten – und wie nichts davon unserer Sehnsucht nach Erfüllung gerecht wird, etwas Höheres im Leben zu erreichen. Niemand wässert da die Samen in uns, die nach Kultivierung verlangen.

Dabei ist Lebensqualität ja die Voraussetzung, für das, was man unter dem traditionellen Kulturbegriff versteht. Nur wird die Sichtweise, dass Qualität eher über Quantität steht, in unserer säkular geprägten Gesellschaft, die vorgeblich ganz ohne religiöse oder traditionelle Spiritualität auskommt, beharrlich abgelehnt. Es wäre aber falsch gegenüber dieser Tatsache Pessimismus walten zu lassen. Denn eine integrale Sicht auf die Welt, ließe sicherlich zu, die traditionellen Vorstellungen des Qualitativen, auch in unserer heutigen Kultur zu integrieren. Voraussetzung dafür aber wäre die Grundprinzipien dessen zu kennen, von wo aus ein qualitativer Standpunkt in der Betrachtung unserer Welt eingenommen werden müsste. Damit sich das aber tatsächlich ereignet, wäre erforderlich, dass sich ein entsprechendes Bewusstsein im Menschen aus der Bildungsschicht im Westen entwickelt, dass den Wunsch auslöst, sich mit solchen uralten Werten und auch Geheimnissen zu befassen – das ja bereits bei all jenen eingesetzt haben dürfte, die zum Beispiel Therapieformen mit ganzheitlichen Ansätzen, als wirksamer erachten, als rein wissenschaftliche Herangehensweisen. Auch wenn es um die Fragen einer nachhaltigen Land-, Garten- und Forstwirtschaft geht, dürfte so ein Umdenken nachhaltigere Tendenzen im Handeln der Menschen hervorbringen.

Es scheint ebenso kein Zufall zu sein, dass sich heute viele Menschen der Moderne, eher nach Fernost richten, wenn es um die Frage der Existenz einer geistigen Welt geht und die damit zusammenhängenden, traditionellen Weltanschauungen, die auch einen direkt praxisbezogenen Anteil besitzen. Doch sollte damit eher kein Ersatz für die Traditionen des Westens geschaffen, sondern in fernöstlicher Weisheit vielmehr Inspirationsquellen recherchiert werden, die sich in ihrer Universalität auch in den alten Traditionen des Westens zu erkennen geben, es sei denn, man ist bereit dazu sie zu entdecken und hat die nötige Selbsterfahrung entwickelt, um sie als solche auch zu erkennen.

 

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