Avalon

Reise nach Avalon

Reise nach Avalon

Glastonbury Tor - ewigeweisheit.de

Ich saß gerade in der großen Buchhandlung in der Friedrichstraße, unweit von Unter den Linden. Zwei Frauen in bunten Gewändern unterhielten sich neben mir. Ein etwas ungewöhnliches Bild. Dann fiel da der Name Avalon. Ich dachte gleich an den Zauberer Merlin, den alten Druiden und Ratgeber des legendären König Artus.

Zuerst hatte ich, wie wohl auch viele andere, als Junge von dem sonderbaren Zauberer und seiner geheimnisvollen Insel gehört. In einem verborgenen Hain dort, wuchs Merlins magischer Apfelbaum, auf eben dieser Insel des Lichts, einem Hort der Unsterblichen.

Kein Wunder dass es schonmal vorkommt, dass jemand auf den Landkarten danach sucht, wenn es doch eine so wundervolle Stelle auf dem Globus gibt, wo man sich der Unvergänglichkeit erfreut. Diese Insel aber trägt den Namen Avalon. Immer schon auch ein Ort der Feen und Priesterinnen, ein überweltlicher Bereich der weiblichen Spiritualität.

Wo aber befindet sich diese mythische Insel heute und wo befand sie sich einst? Ist Avalon eine Gegend im Jenseits oder ist es wirklich eine Insel auf unserer Erde, in einer schwer zugänglichen Region?

Chalice Well Gardens Glastonbury - ewigeweisheit.de

In den Chalice Well Gardens im südenglischen Glastonbury.

Wenn man die Sagen um Morgan Le Fay, König Artus und Merlin liest, scheint sich Avalon sowohl im Diesseits als auch im Jenseits zu befinden.

In unserer Welt aber beansprucht der englische Ort Glastonbury für sich, jene Insel Avalon zu sein. Doch auch wenn es um den wundersamen Heiligen Gral geht, kommt man nicht umhin sich mit Glastonbury zu beschäftigen, dieser kleinen Stadt in der englischen Grafschaft Somerset.

Das Beltane-Fest

Schon einen Tag darauf saß ich in der Staatsbibliothek zu Berlin und schlug dort neue Bücher auf, worin ich fand dass Glastonbury in der Tat ein Ort ist, wo einst alter Paganismus auf die neue Religion der Christenheit traf - zwei spirituelle Strömungen, die sich dort auch auf ganz wundersame Weise vermischen sollten. Darum auch umwehen diese südenglische Kleinstadt unglaublich viele alte, doch auch neue Legenden.

Es war etwa Anfang April, als ich in der Staatsbibliothek über den arthurischen Gral, Druidentum und paganische Kulte im alten Europa recherchierte. Wie ich da herausfand, sollten sich in etwa vier Wochen in Glastonbury die alljährlichen Festlichkeiten zu Beltane ereignen, jener heiligen Nacht im Heidentum, der Walpurgisnacht vom 30. April auf den 1. Mai. Noch am selben Tag buchte ich meinen Flug nach Bristol. Ich konnte kaum erwarten nach Glastonbury zu kommen.

Druidenfeuer und Hexentanz

Beltane ist das Fest des hellen Feuers, das man überall im Kult der Druiden in dieser heiligen Nacht entzündet. In alter Zeit glaubte man, dass sich in dieser Nacht die Bewohner der Unterwelt zeigten und einem jeden der ihnen begegnet ein Weistum anvertrauen, was in Büchern kaum zu finden ist.

Für die alten Kelten begann an Beltane der Sommer und damit ein neues Jahr. Die keltische Priesterschaft der Druiden entzündete da des Nachts riesige Holzscheite, um deren Feuer man ekstatisch tanzte. Wohl kein Zufall das mancherorts auch heute noch Leute in der Nacht vom 30. April große Holzscheite in Flammen setzen und woanders »in den Mai tanzen«.

Wie ich allerdings erfuhr wurden diese Festlichkeiten in Glastonbury auf eine ganz intensive Weise begangen, was man nicht mit den Feierlichkeiten in anderen europäischen Städten vergleichen kann. Was dort nämlich in der Walpurgisnacht, an Beltane gefeiert wird, spielt sich irgendwo ab zwischen Euphorie und Wahn – und das in einer so kleinen Stadt von gerade einmal 9000 Einwohnern. In Deutschland gab es dazu mal den Heiligenberg am Neckar oder den Brocken im Harz.

Chalice Well Brunnen Glastonbury - ewigeweisheit.de

Der Brunnen Chalice Well in Glastonbury. Hier soll sich in verborgener Tiefe ein sakrales Gefäß befinden, dass man im Westen den Heiligen Gral nennt.

Am Brunnen Chalice Well

Als mein Flugzeug in Bristol gelandet war und ich damals zum ersten Mal meine Füße auf englischen Boden setzte, stieg eine eigenartige Vertrautheit in mir auf, die mich wissen ließ: Das ist ein guter Ort.

Mit meinem Mietwagen fuhr ich vom etwa 40 km entfernten Flughafen zum ersten Mal im Linksverkehr. Da dachte ich mir »hätte ich doch vielleicht besser ein Taxi genommen.« Doch schon nach etwa drei Kilometer begann sich alles immer vertrauter anzufühlen und ich sauste über die teils moosbewachsenen, engen Straßen Somersets.

Also kam ich schließlich an, dort im hübschen Städtchen Glastonbury. Ich hatte mich eingemietet in einem kleinen Landhaus. Von meinem Fenster aus konnte ich den magischen Turm auf dem Glastonbury Tor sehen. Unweit von dort befand sich auch ein schöner alter Brunnen.

Meine freundliche Gastgeberin lud mich ein zu einem Glas Tee und da lernte ich auch meine Zimmernachbarin kennen: Françoise aus Toulouse. Sie hatte schon viel über die Geschichte des Ortes gelesen und interessierte sich wie wohl fast alle Touristen hier, für alternative Themen der Heilkunde und Spiritualität.

Sie war schon einmal hier, ein Jahr zuvor, doch leider nur ein Wochenende. Diesmal hatte sie aber mehr Zeit mitgebracht, wie sie meinte, um auch die umliegenden Orte besuchen zu können. Françoise hatte große grüne Augen und blickte mich damit an, als sie mir versicherte dass in Glastonbury einfach alles miteinander vernetzt sei und, das wenn man an einem Ort begänne, bald schon zur nächsten interessanten Stätte eile, da sich dort mitunter das Rätsel einer begonnenen Geschichte auf wunderbare Weise löst. So ist das eben mit mythenbehafteten Orten in Glastonbury: Sie nehmen kein Ende.

Auch wollte sie sich einen Tag Zeit nehmen, um hier einen der drei esoterischen Buchhandlungen zu besuchen. Für einen kleinen Ort wie Glastonbury eine verblüffen hohe Dichte an »Spiritual Bookshops«.

Glastonbury ist voller solcher Läden und ähnlicher Seminarzentren, wo man ungewöhnliche Dinge lernt, wo man besonderen Schmuck, Kräuter, besondere Düfte und noch so einiges mehr kaufen kann, wo einem Wahrsagerinnen die Zukunft voraussagen wollen und man dort in den Genuss von allerlei alternativer Wellness kommt.

Besonders auch die Räumlichkeiten des Chalice Well Trust, einem esoterischen Zentrum direkt umgeben von den Chalice Well Gardens, bieten regelmäßige Veranstaltungen zu Meditation, alternativen Heilmethoden, zu den Jahreszeitlichen Festen wie Tagundnachtgleiche und Sonnenwende, doch auch mit vielen anderen interessanten Inhalten. Außerdem befindet sich hier der ehrwürdige Brunnen Chalice Well mit seinem wunderschön verzierten Deckel (siehe Bild).

Blick auf den Glastonbury Tor - ewigeweisheit.de

Blick auf den Glastonbury Tor. Das ganze Jahr über umgeben ihn grüne Wiesen.

Muttergöttin Erde

Glastonbury ist durchtränkt von einer sehr alten, scheinbar durch und durch keltisch geprägten Kultur, die ihre Gottesvorstellungen nicht unerreichbar in den Himmel verfrachtete, sondern eine ganz greifbare, fast einen ganz eigenen Geschmack besaß, den jene Priesterinnen ihren Bewunderern und Anhängern sprichwörtlich zu kosten gaben. Man kann hier auch von einem Kult um die alte Erdgöttin sprechen, die als Lebensspenderin den Menschen Gesundheit gab und Weisheit vermittelte – nun ja, es eigentlich auch heute noch tut.

Es ist auf jeden Fall das, was im frühen Druidentum zu höchster Entfaltung kommen sollte, doch irgendwann das Christentum ablöste.

In Glastonbury aber scheint sich mancherorts seit alter Zeit nichts verändert zu haben. Eher versucht man dort Druidentum und esoterisches Christentum auch heute noch gekonnt miteinander zu verbinden. Was die Muttergöttin im alten Keltentum bedeutete, das Selbe glaubt man zu erkennen in der christlichen Gottesmutter Maria.

Das wohl ist eines der wichtigen Augenmerke, wieso sich dieser alte Kult des keltischen Druidentums, bis heute als das erhalten hat, wofür so viele Menschen wieder Feuer und Flamme geworden sind.

Arkane Kräfte im Grund

Von meiner Nachbarin Françoise hatte ich außerdem erfahren, wie wichtig Glastonbury für spirituell gesinnte Menschen ist. Hier nämlich sollen in der Erde zwei Hauptkraftlinien verlaufen, die sich auf dem nahegelegenen Erdhügel in Form eines Labyrinths in einander verquirlen. Und dieser Hügel, der dort von einem Turm gekrönt aufragt, den nennt man den Glastonbury Tor.

Das Wort »Tor«, hatte mir Françoise bestätigt, kommt vom keltischen »Twr Avallach«, dem Erdberg, womit auch der Name Avalon verwandt ist. Wir werden aber noch sehen, was es damit sonst noch auf sich hat.

Direkt auf dem Gipfel des Glastonbury Tor nun, verlaufen wie gesagt zwei unterirdische Energielinien: Die sogenannte St-Michael-Linie und die Marien-Linie – ein männlicher Erdkraftstrom und ein weiblicher. Man spricht hier auch von den sogenannten »Ley-Linien«. Die ziehen sich entlang einer hunderte Kilometer langen Linie vom südwestlichen Cornwall bis nach Norfolk. Manche glauben gar sie verliefen noch weiter westlich im Meeresgrund, unter den heiligen Stätten des versunkenen Atlantis. Unzählige heilige Monumente liegen darauf, die von den Marien- und St-Michaels-Linien umwunden werden. In Glastonbury verdichten sich diese Kräfte unter dem Wearyall Hill, dem Tor, sowie der Abbey, der einstigen Kathedrale von Glastonbury.

 

Der Glastonbury Tor ist ein großer Kraftort. Wer schon einmal auf ihn stieg und von dort ins weit umläufige Gebirge geschaut hat, der spürt unweigerlich eine Art Vitalität, die dort echt aus dem Boden aufströmt. Feinfühlige Menschen empfinden da eine große magnetische Kraft, die sich aus dem Erdinnern gen Himmel öffnet. Ein anderer, nicht weit davon entfernter, sogenannter Kraftort, ist wo die beiden tausendjährigen Eichen stehen, denen man einst, in nachkeltischer Zeit, die Namen »Gog und Magog« gab.

Die saftig grünen Wiesen auf jeden Fall, die auch den Hügel des Glastonbury Tor bedecken, tragen ihren Teil zu dem bemerkenswerten Eindruck bei. In der wärmeren Jahreszeit sieht man hier auch kleine Herden weißer Schafe und es kommt schon einmal vor, dass sich einem ein solches, dort ja freilaufendes Tier, einfach für einen Spaziergang anschließt. Mir auf jeden Fall war das passiert. Ein kleiner Widder folgte mir. Nicht das er etwa auf irgend etwas Schmackhaftes hoffte. Ich weiß wirklich nicht was er an mir fand. Er lief mir einfach hinterher und blieb stehen, wenn ich mich nach ihm umdrehte. Irgendwie ulkig, doch gleichzeitig auch unheimlich.

Holy Oak Glastonbury - ewigeweisheit.de

Eine der beiden uralten Eichen Gog und Magog, etwa nordwestlich des Glastonbury Tor. Wen man hinter dem Gipfel des Hügels, etwa 400 m einem kleinen Weg (Stone Down Lane) folgt und die erste Abzweigung nach links nimmt, findet man sie dort.

Holy Oak Glastonbury - ewigeweisheit.de

Außer Rand und Band

Glastonbury ist wirklich klein, denn als ich mich abends in den wohl einzigen Pub begab, um dort den Klängen eines Konzerts zu lauschen, traf ich dort zufällig auch Françoise. In unserer Unterhaltung sprachen wir natürlich über Glastonbury. Sie hielt diese Stadt für einen der wichtigsten Orte in Europa, von wo aus das einstige Matriarchat der Neuzeit und auch ein neues Heidentum, noch einmal in den schönsten Farben zu blühen beginnen sollten.

Man konnte tatsächlich diesen Eindruck gewinnen, wenn man durch die kleine schöne High Street in Glastonbury spazierte, wo einem da und dort Hexen und weiß gekleidete, goldbehangene Druidinnen begegnen. In dieser Straße passiert man auch eine anglikanische Kirche, in deren Vorhof sich ein Labyrinth befindet, jener Form deren Ursprünge aus der sehr alten minoischen Kultur Griechenlands stammen, wo der Stier in der Zeit vom Übergang zwischen Matriarchat und Patriarchat, eine zentrale Symbolfigur gewesen war.

Dieser Ort in Somerset zeigt sich darum in einem wahrhaft seltsamen Zusammenspiel aus vielen uralten Kulten. Auf ganz kuriose Weise finden hier einander Druidentum, moderne Gesellschaft und christliches Gralsmysterium. Eben auch die alte Legende von dem heiligen Trinkbecher des Letzten Abendmahls Christi, hat in Glastonbury einen wichtigen Stellenwert.

In Glastonbury scheinen die Kräfte des Himmlischen und des Irdischen auf faszinierende Weise zusammenzulaufen und sich dort an den heiligen Stätten zu verbinden. Und nicht nur theoretisch. Man braucht sich nur zu Walpurgisnacht auf den Glastonbury Tor begeben, an dessen Hängen sich ja zwei heilige Quellen befinden – eine rote und eine weiße, eine »blutige« und eine »silbrige« – so zumindest scheinen es die sichtbaren Öffnungen der beiden Brunnen zu suggerieren. Denn aus der einen Quelle fließt anscheinend eher eisenhaltiges Wasser (Red Spring), wodurch ihr Lauf rot-orange gefärbt ist, während die andere Quelle eher silbrige Farben zeigt (White Spring).

Während meines Besuchs in Glastonbury, waren in der Beltane-Nacht an den Quellen, und auch sonst wo in der Stadt, Schamanen, Druiden und Hexen zu Gange. Wer sich nach Sonnenuntergang zum Brunnen von White Spring begab, fand dort ein kleines Gebäude, wo sich über viele Bahnen Wasserströme ergossen und wo zu lauten Trommelklängen Tänzer und Tänzerinnen um Becken voll »geheiligtem Wasser« einen wilden Reigen tanzten.

Während mir der benachbarte Chalice Well tagsüber eher als Ort der Besinnlichkeit erschien, war White Spring zu Beltane ein Ort der Hemmungslosigkeit, wo sich manche ganz den Kräften der Unterwelt hinzugeben schienen. Denn hier sollen sich die Tore nach »Annwn« öffnen, dem was die alten Kelten so als das Schattenreich titulierten.

Andere machten sich in dieser Nacht auf, um die Stufen auf den Gipfel des Glastonbury Tor zu erklimmen. Auf der Höhe dort soll sich einst ein großer Fels befunden haben. Den aber zerschlugen angeblich Christen als sie genug hatten vom wilden Treiben der Druiden, wo es, wie ich mal wo laß, auch schonmal vorkam dass ein Mensch den Göttern geopfert wurde.

So machten die Christen riesige Feuer um den Fels und zerschlugen hernach das darin glühende steinerne Ungetüm der Heiden. Aus den Steinen aber erbauten sie zu Ehren des Erzengels St. Michael dort auf dem Gipfel des Glastonbury Tor eine kleine Kirche.

Was mit dem heiligen Fels auf dem Glastonbury Tor geschah, dass schien den Göttinnen und Faunen der Umgebung gar nicht lange zu gefallen. Ein Erdbeben soll den Hügel so sehr erschüttert haben, dass das Kreuzschiff der kleinen Kapelle dort in sich zusammenfiel, bis eben auf jenen Turm der dort noch heute steht. Wollte das der Geist des Felsen? Erinnerten sich die Steine an ihren eigentlichen Ursprung?

Es ist eben eine weitere der vielen Sagen, die diesen magischen Ort zu umschweben scheinen.

Baum in Chalice Well Gardens, Glastonbury - ewigeweisheit.de

Die Äste dieses Baumes in den Chalice Well Gardens in Glastonbury, haben sich über die Jahrzehnte ineinander verwunden. Man sieht hier anscheinend die Effekte, die aus den Erdströmungen in den Pflanzen zum Vorschein kommen, denn so wie die Wurzel so auch Krone.

Baum in Chalice Well Gardens, Glastonbury - ewigeweisheit.de

Die Insel der Äpfel

Was bedeutet der Name »Avalon« seinem Ursprung nach?

Es ist ein keltisch-kymrisches Wort und kommt von »Abal« oder auch »Afall«, dem Apfel. Denn wie 1135 der alte Geistliche Geoffrey von Monmouth in seiner Geschichte über die englischen Könige verriet, nannte man eben jenen Ort, von dem hier die Rede ist, die »Insel der Äpfel«. Und eben diese Insel dachte man sich oft als jenen Hügel, den Glastonbury Tor.

In der Tat war das einst ein von Wasser umgebener Berg. Erst vor etwa 2000 Jahren zog sich von hier das Meerwasser des Bristol-Kanals allmählich zurück, so dass dort ein kleiner See entstand aus dessen Mitte da der Glastonbury Tor und der gegenüberliegende Wearyall Hill aus dem Wasser ragten. Die alten Kelten aber sollen hier einst eine kleine Siedlung gegründet haben.

Der Name Glastonbury aber kommt von »Glestinga Burg«. Hier nämlich herrschte wohl einst ein keltisches Adelsgeschlecht, die Glestinga, deren Name vielleicht verwandt ist mit dem englischen Wort »glistening«, dem Funkeln. Denn wenn dort auf dem Tor in den ersten Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung, vielleicht jene Menschen lebten, so sah man des Nachts dann wohl dort aus der Ferne, wie sich der schimmernde Glanz ihrer Feuerlichter im Wasser spiegelte. Auch heute noch kann man solche Phänomene im Winter beobachten, da dann die Felder in Feuchtigkeit getränkt, den Glastonbury Tor als tatsächliche Insel erscheinen lassen.

Heiliger Weißdorn und der Gral

Wie dem auch sei, sollte Glastonbury dereinst eine Stadt werden, wo sich sowohl das alte Heidentum und das jüngere Christentum trafen. Und da fällt der Name Josef von Arimathäa. Er war ein Onkel des Jesus von Nazareth, in dessen Grab man den am Kreuze gestorbenen Christus legte. Auch gab man ihm anscheinend den Gral – jenes heilige Trinkgefäß des letzten Abendmahls. Doch als die Römer erfuhren dass Josef von Arimathäa mit dem verurteilten Nazarener zu Gange gewesen war, verurteilte man ihn zu einer jahrelangen Kerkerhaft, ohne ihm dann dort aber Wasser oder Nahrung zu geben, in Erwartung das er dort sterbe. Allein durch die Kraft des Grals soll er in seinem Verließ überlebt haben, um dereinst seinen Auftrag zu erfüllen. Er sollte hier in Glastonbury die erste christliche Gemeinde Europas gründen.

Es heißt dass Josef von Arimathäa nach Avalon zu Schiff kam und auf dem Wearyall Hill landete, gegenüber des Glastonbury Tor. Da rammte er seinen Wanderstab aus Weißdorn in den Boden, woraus dann Wurzeln trieben und die heilige Pflanze zu wachsen begann. So will es der Mythos vom »Holy Thorn«, dem heiligen Weißdorn, der dort bis einst gewachsen war, doch anscheinend immer wieder neue Triebe aus seinem Stamm hervorschießen.

Den Gral aber brachte Josef von Arimathäa aus Jerusalem hierher, um ihn am Fuße des Glastonbury Tor zu verbergen. Darin nämlich hatte er die gottgesegneten Tropfen eingesammelt, die Jesus bei seinem Kreuzestod aus der Seite rannen, als Blut und Wasser, nachdem ihm der Centurio Longinus diese Wunde zugefügt hatte, mit seiner weißdornhölzernen Lanze.

An jener Stelle aber wo Josef von Arimathäa dort in Glastonbury den Kelch verbarg, sollen, so die Legende, dereinst die beiden Quellen Red Spring und White Spring entspringen – als Allegorie auf die Heilige Wunde des Christus. Diese Stelle nennt man darum »Chalice Well«, den Brunnen des Kelchs, die Quelle des heiligen Grals.

Glastonbury Abbey - die alte Abtei - ewigeweisheit.de

Die Ruinen der alten Abtei zu Glastonbury. Dort soll der Leichnam von König Artus begraben sein.

Glastonbury Abbey - die alte Abtei - ewigeweisheit.de

Warten im Jenseits

Wie mir meine französische Nachbarin Françoise am kommenden Morgen beim Frühstück erzählte, sollte ich unbedingt noch die alte Abtei zu Glastonbury besuchen. Das natürlich hatte ich mir bereits auf meine Reiseliste geschrieben. Angeblich sei dort, so Françoise, der Leichnam König Artus' beigesetzt und im rechten Winkel zu ihm seine Gattin Guinevere. Sie ruhte dort also nicht neben ihm. Man hatte sie  zu seinen Füßen beigesetzt.

Guinevere, so will es die Sage, hatte Artus betrogen mit dem eigentlich ehrenhaftesten aller Ritter der Tafelrunde: Lancelot, den Artus einst mit dem magischen Schwert Escalibur zwang sich ihm zu ergeben und anzuschließen.

»Doch auch Artus war nicht ohne«, meinte Françoise, die gerade ihren Tee austrank, um mich darauf wissen zu lassen, dass sie gleich zu einem »Hexentreffen« verabredet war. Ich musste unweigerlich schmunzeln darüber, doch schon reichte sie mir die Hand.

Was Françoise angedeutet hatte mit Artus, war wohl ein Hinweis auf seinen Sohn: Mordred. Zwar wusste Artus davon selbst erst nichts, denn es war finster in der Höhle und es scheint als hätte Merlin seine Finger da im Spiel gehabt. Doch einst an Beltane, zeugte er mit seiner Halbschwester, der großen Zauberin Morgan Le Fay, im Dunkel dort ein Kind, dass aber im Verborgenen bei Morgan aufwuchs. Dieser Junge aber, nicht wissend wer sein Vater ist, sollte genau ihn dereinst schwer verwunden.

Wie uns der alte französische Schriftsteller Chrétien de Troyes wissen lässt, kam es wirklich zum Kampf zwischen Sohn und Vater. Dabei wurde Artus fast getötet. Im Schwebezustand zwischen Leben und Tod kam er auf die magische Insel Avalon, schien dorthin entrückt worden zu sein, in jenen himmlischen, paradiesischen Apfelgarten. Dahin aber hatte Morgan Le Fay Zugang und pflegte ihn dort. Seither liegt er dort in einer Art Totenhalbschlaf, auf seine irdische Rückkehr wartend, um dereinst wieder zu erscheinen – in Glastonbury.

Kommen Sie ihm vielleicht zuvor?

 

Reisetipps

Anreise

Glastonbury im Südwesten Großbritanniens, in der Grafschaft (County) Somerset, befindet sich etwa 35 km südlich von Bristol. Mit dem Flugzeug fliegt man entweder nach Bristol oder nach London.

Mit dem Auto

Vom Flughafen Bristol kommt man gut über die North Side Road über die A38 ins etwa 40 km entfernte Glastonbury.

Je nachdem von welchem der vier Flughäfen in London man fährt, ist die Strecke zwischen 190-220 km nach Glastonbury.

Mit dem Bus

Vom Flughafen Bristol fährt der Bus A1 etwa alle 15 Minuten nach Bristol Temple Meads, von wo aus man dann mit dem Bus 376 nach Glastonbury kommt, der dort jede Stunde abfährt. Fahrzeit etwa 2 Stunden.

Von London aus fährt ab Paddington Rail Station der Bus 27 alle 10 Minuten nach Hammersmith Bus Station von wo aus man die Buslinie Superfast 3 (einmal täglich) nach Glastonbury nimmt.

Mit der Bahn (recht umständlich)

Vom Flughafen in Bristol fährt ein Bus regelmäßig zum Hauptbahnhof Bristol. Es gibt in Glastonbury allerdings keinen Bahnhof. Man kann jedoch mit dem Zug nach Castle Cary fahren. Hier halten Züge der West of England Railway und der Heart of Wessex Line. Der Ort Castle Cary befindet sich in etwa 1,5 km Entfernung vom Bahnhof. Ab Castle Cary kommt man mit dem Bus 667 nach Glastonbury.

Castle Cary wird auch von London Kings Cross / St. Pancrass angefahren.

Wichtigste Sehenswürdigkeiten in Glastonbury

  • Glastonbury Tor, freier Zugang
  • Chalice Well in der Chilkwell Street. Preis: ca. 4.,50 GBP (Stand 2019)
  • Glastonbury Abbey, Eintritt ca. 8 GBP (Stand 2019)
  • St. Margeret's Chapel die man über die Magdalene Street erreicht, von der ein schmaler Durchgang abgeht
  • Auf dem Stadtfriedhof findet man das Grab der berühmten Magierin, Rosenkreuzerin und Autorin Dion Fortune

Booking.com

Lebendiges Wasser und das Mysterium des heiligen Grals

Was mich seit einiger Zeit interessiert, ist wie sich die Einweihungsmysterien in Europa während der letzten 150 Jahre so rasch verbreiten konnten, so dass heute jeder Mensch auf uraltes, teils geheimes Wissen Zugriff hat. Hierzu habe ich mit der Berliner Autorin Usch Henze gesprochen.

S. Levent Oezkan: Um die Legende vom Heiligen Gral rankt sich regelrecht ein ganzer Mysterienkosmos. Hilft die Sage auch jemand ahnungslosem auf einem Einweihungsweg?

Usch Henze: Es ist bis heute nicht gelungen, dem Gral eine einzige Gestalt zu geben, der Gral hat viele Gesichter und Bedeutungen. Da erhebt sich zunächst die Frage, ob der Gral ein Kelch ist - also ein Gefäß -, ob er nur ein Symbol darstellt hinter dem sich andere Geheimnisse verbergen, oder ob es um die Suche nach dem Gral geht?

Der Heilige Gral wurde in den Überlieferungen verschiedener Zeitepochen und Glaubensvorstellungen interpretiert; und bei der Vielfalt dessen, was man darunter verstehen kann, bedarf es einer Differenzierung. Hierbei muss man bedenken, dass über Jahrhunderte tradierte Sagen und Legenden eine Kurzfassung sind, deren subtiler, symbolischer Charakter oft schwer verständlich ist. Ein Ahnungsloser wird zumindest ergründen müssen, was der Kern dieser Sagen und was unter ’Einweihung’ im Sinne einer sehr alten Tradition zu verstehen ist.

S. Levent Oezkan: Die Legende vom Gral wurde vielfach erwähnt, da sie einen prinzipiellen Gang des Menschen durch die Wandlungsstufen im Leben beschreibt. So auch in Bezug auf das letzte Abendmahl in den Evangelien des Neuen Testaments.

Usch Henze: Es ist zu bedenken, dass die Legenden auf eine sehr alte Zeit zurückgehen, in der Einweihungswege zur Bildung, vor allem von Priesterschaften, Herrschern von Völkern und Führern von Stammesgruppen gehörten. Es gab über die Zeiten hinweg verschiedene Wege, ’den Gral zu suchen’. Wir kennen unterschiedliche Formen und Stufen, die abhängig von Stammesriten, kulturellen Überlieferungen oder anderen spirituellen Vorstellungen durchgeführt wurden. Die Texte der Gralssagen werden daher nicht zu Unrecht als Fragmente eines einst zusammenhängenden heidnischen Ursprungs angesehen.

Im keltischen Druidentum in Europa war es die traditionelle ’Hohe Queste’. Ein Teil der darin enthaltenen Einweihungselemente wurden später mit dem Christentum verknüpft, erst daraus entstanden in viel späterer Zeit die mittelalterlichen Gralslegenden, in denen von der ’Suche nach dem Heiligen Gral’ die Rede ist. Darin sind aber die ursprünglichen, höchst anspruchsvollen Einweihungselemente nur noch als Fragmente zu finden.

Die Hohe Queste oder die Suche nach dem Gral war einst verbunden mit bewusst herbeigeführten Herausforderungen und Prüfungen, die auf dem Fundament einer großen Weisheitslehre zur Erkenntnis und damit zur Wandlung der Persönlichkeit im Sinne einer sowohl intellektuellen als auch geistigen Reife führen sollten. Dazu war auf einer sehr hohen spirituellen Ebene die Überwindung der scheinbaren Wirklichkeit der irdischen Ebene erforderlich. Wer die Hohe Queste bestanden oder die letzte Stufe der Einweihung zum Heiligen Gral erreicht hatte, triumphierte über das irdisch-menschliche Bewusstsein.

Keineswegs ist der Gral einzig als der Kelch Jesu beim letzten Abendmahl zu sehen, es sei denn man würde darin symbolisch den Weg Jesu mit einem Einweihungsweg verbinden, wovon heute viele Menschen überzeugt sind, denn auch in der jüdischen Tradition gab es hohe Einweihungen.

Fest steht, dass der Heilige Gral niemals einer einzigen Heilslehre gedient hat. Für das Christentum mussten bestimmte Elemente eingefügt werden, sonst wäre der Gralsheld ganz ohne die Hilfe der neuen Religion zum ’Heil’ gelangt. Das Abendmahl hat in der christlichen Liturgie den Stellenwert einer Wandlung übernommen. In einem Kelch wird Wein gereicht, als ’das Blut Jesu’, wie es dieser bei dem letzten Abendmahl mit seinen Jüngern zelebriert haben soll.

S. Levent Oezkan: Leider wurde die Legende vom Heiligen Gral auch schon missbraucht.

Usch Henze: Auf jeder spirituellen oder religiösen Ebene finden wir Missbrauch, auch innerhalb sogenannter ’Mysterien-Schulungen’, sei es durch Anmaßung, die zu einem Machtmissbrauch führen kann, oder durch mangelnde Kenntnis und Weisheit. Dem wird sich ein in die universellen, hermetischen Gesetze ’Eingeweihter’ entziehen, weil er weiß, dass das auf ihn zurückfällt.

S. Levent Oezkan: Kann man im Gralsmysterium Dinge auch falsch interpretieren?

Usch Henze: Selbstverständlich, man kann sich aus jeder Weisheitslehre bestimmte Dinge herausziehen und, ohne den umfassenderen Hintergrund, so oder so zum Verständnis bringen; man kann sie auch ’zurechtbiegen’, so dass sie in ein bestimmtes Konzept passen. Die Geschichte ist voll davon!

Zu bedenken ist aber auch, dass die ursprünglichen ’Gralslegenden’ aus der Zeit um 500-600 n.Chr. stammen, zu dieser Zeit haben die authentischen ’Gralskönige’ gelebt, deren spirituelle Welt noch sehr geprägt war von vor-christlichen Glaubensvorstellungen. Darauf gehen die im 12. und 13. Jahrhundert ’neu aufgelegten’ Texte zurück. Nach so langer Zeit muss man sich nicht über Fehlinterpretationen wundern, auch nicht über die an den ’Zeitgeist’ oder an die christliche Religion angepasste, inzwischen meist abgeflachte und oft fundamentalistisch anmutende Interpretation einer alten Lehre.

Darüber hinaus ist die Suche nach dem Gral ein Mysterium, das jeder individuellen Erfahrung offensteht, die die eine oder andere Interpretation zulässt, weil sich auf dem Wege einer spirituellen Entwicklung viele unterschiedliche Erkenntnisse ergeben.

Chalice Well - Photo: S. Levent Oezkan

S. Levent Oezkan: Die heilige Quelle "Chalice Well" am Fuße des Glastonbury Hügels in der englischen Grafschaft Somerset, gilt als der Brunnen, an dem König Artus einst den Gralskelch versteckt haben soll.

Usch Henze: Diese Fragestellung gleicht einem Rätsel und bedarf einer etwas ausführlicheren Beantwortung, denn hier überlagern sich verschiedene Vorstellungen und Überlieferungen die zu Irrtümern geführt haben.

Wir müssen hier wiederum unterscheiden zwischen dem weitverbreiteten Symbol eines Kelches für den Heiligen Gral und dem Kelch als Gefäß, in dem, nach christlicher Lehre, während der Kreuzigung das ’Blut Christi’ aufgefangen wurde, den man später ebenfalls ’Gralskelch’ nannte.

Welchen Kelch soll nun Artus an der Quelle verborgen haben? Um welchen Kelch es sich handeln könnte, vermischt sich auch in den Sagen um Artus, die in Glastonbury und anderswo erzählt werden. Die meisten davon sind Interpretationen aus dem Artus-Kult, der erst im 12./13. Jh. entstand, daher glauben viele, dass ’König Artus’ in dieser Zeit gelebt habe. Die bildlichen Darstellungen der Gralsritter an der Tafelrunde sind viel später entstanden und allenfalls allegorisch zu sehen; hin und wieder steht auf dem Tisch der Artus-Runde ein Kelch, meistens wird eine andere Symbolik angeboten.

Der historische Artus hat im 6. Jh. nach Christus gelebt, das würde bedeuten, wenn ein Gefäß aus der Zeit Jesu – wo auch immer - über diesen langen Zeitraum aufbewahrt wurde, es in seine Hände gelangt war. Das wäre eines der größten und am besten gehüteten Geheimnisse der Geschichte gewesen.

Realistischer spricht man in Glastonbury in diesem Zusammenhang von Joseph von Arimathäa (nach dem NT war es der Mann, der Jesus vom Kreuz genommen hat), der einige Jahre später das »Blut Jesu« nach Glastonbury gebracht habe. Die gleiche Ausdrucksweise finden wir in den Legenden um Maria Magdalena, einer Gefährtin Jesu, die um die gleiche Zeit das »Blut Jesu« nach Frankreich gebracht habe. Dem ist aus aktuellen Nachforschungen nichts anderes zu entnehmen, als dass sie ihre Heimat Israel verlassen hatten und in diesen beiden Ländern begannen, das Christentum zu verbreiten.

S. Levent Oezkan: Die heilige Quelle "Chalice Well" am Fuße des Glastonbury Hügels in der englischen Grafschaft Somerset, gilt als der Brunnen in dem der Gralskelch verborgen liegen soll. Was hat es mit diesem Ort auf sich?

Usch Henze: Nach der Überlieferung von Glastonbury wurden Joseph von Arimathäa und zwölf seiner Gefolgsleute dort im keltischen Avalon ein Stück Land zur Verfügung gestellt. Das Land lag auf dem Areal einer sehr alten druidischen Einrichtung von größter Bedeutung. Es war das sagenumwobene Avalon, ’die heilige Insel’, ein spiritueller Kernpunkt des keltischen Königreiches, mit dem die Herrscher und das Druidentum seit undenklichen Zeiten tief verbunden waren.


Zu diesem Areal gehört der Glastonbury-Tor, ein mystischer, sagenumwobener Hügel der sich weithin sichtbar über das Land erhebt, und ein Bereich, auf dem später die Glastonbury Abbey und ein christlicher Klosterbezirk entstand. Nicht weit davon entspringt die heilige Quelle, Chalice Well. Das Wasser der Quelle ist hochgradig eisenhaltig, was dazu führte, dass die Steine im Quellbereich rötlich-braun gefärbt sind, deshalb wird Chalice Well auch "Blutquelle" genannt.


Vor diesem Hintergrund haben sich im Laufe der Zeit viele Legenden gebildet. Eine Legende will sogar wissen, wo dort genau Artus den "Gralskelch" verborgen habe.


Über der Quelle, die durch einen Brunnenschacht aus der Tiefe nach oben sprudelt, wurde eine Kammer aus monolithischen Steinblöcken errichtet. Ein einziger riesiger Felsblock bildet drei Seiten der Quelleneinfassung und das Mauerwerk ist mit der größten Genauigkeit eingepasst. Niemand weiß mehr, wann diese unglaubliche Anlage eingerichtet wurde, einiges deutet auf die vor-keltische Zeit.

Wenn am Mittsommertag die Sonne über die Kuppe des Tor-Hill steigt, fällt ein Lichtstrahl genau in die innere Brunnenkammer. In einer Wand dieser Kammer befindet sich eine Art von Schleusenöffnung, die es möglich macht, das Wasser abzulassen, so dass man die innere Kammer betreten kann.

Sobald die Schleuse geschlossen ist, füllt sich die Kammer schnell wieder mit Wasser. Diese Einrichtung hat zu manchen Spekulationen geführt, ob sie ein geeignetes Versteck für den Artus-Kelch gewesen wäre, sei dahingestellt.

Viel mehr sehe ich die Auflösung Ihrer Frage in der Tatsache, dass Glastonbury einst ein großes Schulungs- und Einweihungszentrum gewesen ist. Es war ein legendärer Kraftort aus keltischer und vor-keltischer Zeit, mit einem hohen Schwingungspotential an dem die Hohe Queste und später, zur Zeit der Gralsritter, die Suche nach dem Heiligen Gral ihre Erfüllung finden konnte.

Das heißt nichts anderes als einen hochgradigen Einweihungsweg bis zum Ende gegangen zu sein, bei dem der Einzuweihende nach einem langen Wege das "Mysterium der letzten Dinge" erfuhr und die höhere Weihe entgegennehmen durfte.

Diese höchste Auszeichnung wurde später so interpretiert, dass der Gral dort verborgen war.

In den mittelalterlichen Gralserzählungen war es jeweils ein Gralstempel, von denen es einige gab. Sie alle standen an mystischen, energetisch hochaufgeladenen Kraftplätzen, und hatten eine dementsprechende, für die letzte Einweihung geeignete Innenausstattung. Dort stand der "gefährliche Sitz", auf dem der Ritter Platz nehmen sollte, der "Stein des Schicksals" oder am Ende der "Sitz der Ehre".
Nicht jedem wurde diese hohe Ehre zuteil. Vorher musste er seine Prüfung an der "gefährlichen Quelle" bestehen, die wild kocht und von "drei Löwen" bewacht wird. Der Ritter muss die Löwen erschlagen, um die Quelle zur Ruhe zu bringen. Auch das ist ein "codierter", allegorisch verschlüsselter Text aus den Gralsmysterien, der zu Ihrer nächsten Frage überleitet.

S. Levent Oezkan: Unter vielen Erwähnungen in der mystischen Tradition des Westens, taucht der Rote Drache als Figur in der Offenbarung des Johannes auf. Ebenso ist er ein
zentrales Symbol der Alchemie. Dort steht er in Verbindung mit dem Vitriol - dem
Wandlungsprozess bei der Bereitung des Steines der Weisen. Darin ist die Rede von
der Suche nach dem Unteren der Erde, welche es zu vervollkommnen gilt um den
Quell des Lebens finden zu können.

Usch Henze: Grundsätzlich war und ist die Suche des Alchimisten nach dem Stein der Weisen nichts anderes als ein Einweihungsweg. Ein Kapitelauszug aus meinem Merowinger-Buch mag Ihre Frage erhellen:
"Im Mittelalter kannte man die »Alchemie des Essigs«, den Namen verwendete man für ein Mittel gegen die Pest, es war aber auch ein Deckname unter dem sich die »Die drei Löwen« verbargen. »Die Große Zeremonie« der Gralsritter, wenn sie am Ende ihrer Suche im Gralstempel angekommen waren, war die »Einweihung in die Drei Löwen«.
Der »Grüne Löwe«, der »Rote Löwe« und der »Weiße Löwe« waren die … drei Dinge, die zur Meisterschaft führten.

Der Weiße Löwe stand für die Vereinigung mit dem »Göttlichen Sein«. Dafür kannte man verschiedene Substanzen, die dem Menschen zu höchsten Bewusstseinsstufen verhalfen, wie bestimmte ätherische, hochkonzentrierte Essenzen (z.B. Weihrauch). Eine seit undenklichen Zeiten als »Brot« bezeichnete Substanz ist in der heutigen Zeit wieder bekannt geworden als white powder gold, es war wertvoller als Gold und scheint dem Weißen Löwen zu entsprechen.

Der Rote Löwe war bei den Alchemisten das »Große Rote Wasser«, ein Getränk, dem eine Supraleitfähigkeit auf höheren Schwingungsebenen zugeschrieben wurde, der Alchemieforscher Fulcanelli nannte es »Morgentau«.

Die Essenz des Grünen Löwen war als »Vitriol der Weisen« bekannt und führte zu einer Metamorphose des Geistes. Als »Grüner Drache« wurden auch Mittel bezeichnet, die Gold lösen konnten. Derartige Flüssigkeiten standen am Anfang des »Großen Werkes« bei der Herstellung des »Steins der Weisen«.

Im Mittelalter gab es das Aurum Potabile, das Trinkgold der Alchemisten, es war nicht nur als Heilmittel angesehen. Alle Eingeweihten wussten, dass Gold auch in fester Form als Metall »Licht-Energie« zuführt, die die natürliche Schwingung von Körper, Geist und Seele erhöht, mit anderen Worten unterstützt es die Entwicklung des Bewusstseins.
In den verschiedenen Legenden wird der Heilige Gral in anderen Formen beschrieben. Auch als ein kleiner Stein (lapis), dem große spirituelle Kraft zugeschrieben wird, und auch die »Heilige Lanze« der Merowinger gehörte zu den Gralsgegenständen, nur mit ihr ist der heldenhafte Gralsritter imstande, den erkrankten Fischerkönig zu heilen. Wenn die Heilung vollbracht ist, wird das zerstörte, unfruchtbare Land wieder zu einem Paradies erblühen."

S. Levent Oezkan: Sind Wandlungsprozesse in uns nötig, damit wir uns weiterentwickeln können? Müssen wir uns ständig verändern um gesund und lebendig zu bleiben?

Usch Henze: Diese Frage könnte ich mit einem einfachen "Ja" beantworten, doch das wird hier nicht genügen. Im Grunde werden wir "in der Schule des Lebens" nicht danach gefragt, ob wir Wandlungsprozesse für nötig halten. Alles Leben entwickelt sich im Fluss von Veränderungen und beinhaltet Wachstum in verschiedenen Stufen, auf verschiedenen materiellen und geistigen Ebenen in einem höheren, niemals endgültigen Plan der Schöpfung.
In den Einweihungslehren der alten Völker wurde diese Erkenntnis als Grundpfeiler einer geistigen Entwicklung angesehen und die Wahrnehmung dafür in größtem Maße gefördert. Auf diesem Prinzip beruhte die geistige Entfaltung des Menschen. Dies erforderte jedoch Weisheit und die Beachtung ewig gültiger universeller Gesetzmäßigkeiten, deren Kenntnis erworben werden musste. Gott und die Schöpfung waren nicht etwas Seiendes, sondern etwas Werdendes, und dieses Werden umfasste die Welt. Diese Gottesauffassung enthielt aber auch den ständigen Appell an das Sein im Sinne von Bemühung und Tatkraft, sowohl für den einzelnen als auch für die Gemeinschaft, zum Werden beizutragen.
Diese Einstellung ist frei von "muss ich" oder "ist es nötig", sondern es war eine selbstverständliche Herausforderung, die in der Alten Welt auf einem holistischen Weltbild von "Ganzheitlichkeit" beruhte, d.h. auf der Erkenntnis, dass alles mit allem verbunden ist und was das bedeutet.
Dieses Weltbild und die daraus folgende Einstellung zum Lebens ist uns verlorengegangen, diese Werte werden heute von keiner äußeren Instanz vertreten, jeder wird mehr oder weniger gezwungen, sie für sich selbst zu erringen. Das ist ein Grund dafür, dass viele Menschen heute ein Bedürfnis nach den alten Weisheitslehren haben, nach einem Weg der Erkenntnis, der sich im einfachsten Falle einstellen mag aus dem Nachdenken über Sinn und Inhalt des Lebens, über das eigene Schicksal, um Werte und Inhalte zu finden für eine neue Zielrichtung.
Ob Menschen körperlich oder geistig gesund oder krank sind, sollte man in diese Frage nicht verallgemeinernd einbeziehen. Das darf kein Gradmesser sein, es lässt sich nicht im Einzelfall ermessen, wodurch eine Krankheit hervorgerufen wird. Ohne Frage haben wir heute in unserer Welt und Umwelt krankmachende Faktoren, seien es Stress und Überbelastung, oder auch die Vergiftung unserer Umwelt. Dem entkommen auch spirituell entwickelte Menschen nicht. Darüber hinaus können Krankheit oder Behinderungen auch auf dem Weg einer geistig-seelischen Entwicklung vorgegeben sein. Es wäre also falsch, an einen spirituellen Weg die Hoffnung oder das Versprechen von Gesundheit zu knüpfen.

S. Levent Oezkan: Das Tarot ist eines der ältesten Wahrsagesysteme. Vor allem aber zeigen uns die Archetypen, die wir auf den 22 Trumpf-Karten abgebildet finden, einen Einweihungsweg in die Mysterien von Leben, Tod und Liebe. Gibt es solche archetypischen Symbole auch in der Gralslegende?

Usch Henze: Symbole aus der Gralslegende gibt es einige, ich kenne aber keine, die in diesem Sinne in einem weitführenden und geordneten Spektrum, wie im Tarot, überliefert sind. Das heißt jedoch nicht, dass man bestimmte Archetypen in späterer Zeit mit einer vergessenen, wenn nicht mit einer Pseudo-Gralssymbolik verbunden und solche Kartendecks angeboten hat. Kartendecks mit Symbolen, die aus verschiedenen Quellen zusammengetragen wurden, gibt es heute unzählige.
Man sollte bei Ihrer Frage nicht vergessen, dass das Tarot nicht nur einem Einweihungsweg dienen kann, sondern auch ein Wahrsagesystem, besser gesagt eine Divinationstechnik ist. Die Gralslegenden haben sich vorwiegend in einer Zeit verbreitet, in der in einer aufstrebenden christlichen Kirche alles verpönt und verboten war, was im weitesten Sinne mit Einweihung, mit der Ergründung der Seele oder gar mit heidnischen Symbolen zu tun hatte. Das Ziel im Christentum war allein die »Erlösung« durch die Kraft des Glaubens.
Die Christen waren der Ansicht, daß Divination an sich ein Übel und Gotteslästerung sei. Diese Einstellung bezog sich auf alle ursprünglichen Divinationsmethoden mit tiefenpsychologischem Charakter, oder auf alles was auf andere Weise ein umfassenderes Verständnis des Lebens herbeiführte, wie das jahrtausendealte chinesische I Ging, Astrologie, sogar auf Brettspiele, die in griechischer und römischer Zeit im ähnlichen Sinne genutzt wurden.

S. Levent Oezkan: Die kleinen Arkana mancher Tarot-Decks bilden bestimmte Symbole ab: lebendiges Holz, "Das Schwert", einen Kelch und die Münzen auf denen ein Pentakel abgebildet ist. Besteht hier vielleicht eine Verbindung zum sakralen Königtum der Merowinger?

Usch Henze: Zum Königtum der Merowinger insofern, als alles was Sie hier erwähnen, auch in der sakralen Welt des keltischen Druidentums und in germanischer Zeit eine Rolle gespielt hat, womit insbesondere die frühen Merowinger zutiefst verbunden waren.
Das "lebendige Holz" kam in der keltischen Taufzeremonie vor. Das Pentakel hatte einen hohen Stellenwert und wurde "Druidenfuß" genannt, es ist eines der Symbole aus der Heiligen Geometrie. Das Heilige Schwert spielte sowohl in keltischer auch als germanischer Zeit und noch bei den Merowingern eine große Rolle. In der Alten Welt war es ein Symbol militärischer Tugend. Es symbolisiert männliche Kraft und Tapferkeit, als schneidendes Instrument ist es aber ebenfalls ein Symbol der Entscheidung, der Trennung von Gut und Böse und damit ein Sinnbild der Gerechtigkeit. Im Artus-Mythos ist es das magische Schwert Excalibur.
Bei der Einführung der christlichen Religion während der Merowingerzeit fand eine Assimilierung statt, bei der – wie immer in einem Übergang – viele Elemente und Symbole aus der alten spirituellen Tradition übernommen und mit christlichen Inhalten verschmolzen wurden. Hierbei spielte auch der Kelch eine Rolle, der häufig als Symbol des Grals angesehen wurde. Beschrieben wurde der Gral jedoch auch als Schale, als Kessel oder als Füllhorn mit unversiegbarem Inhalt, oder einfach als strahlende Lichtquelle.
Wenn man nach einer älteren Symbolik sucht, ist eine davon der keltische "Kessel der Erneuerung" oder auch "Kessel der Wiedergeburt". Diese traditionelle Symbolik trägt sehr, sehr alte schamanische Aspekte in sich, in dem Sinne, dass auf einem Einweihungsweg die ganze Persönlichkeit hinterfragt, sozusagen "in Stücke geschnitten" wird, um nach einem Prozess der Wandlung, der den Menschen zu einem neuen Bewusstsein geführt hat, aus dem Kessel der Erneuerung in Gesundheit und Schönheit wieder hervorzugehen.

 

Mehr zu Usch Henze und Ihrer Arbeit finden Sie unter:
www.uschhenze.info