Bewusstsein

Das Selbst und die geheimen Zeichen des Glücks

Das Selbst und die geheimen Zeichen des Glücks

Schlüssel jeder spirituellen Fortentwicklung ist persönliches Gewahrsein. Das heißt, wer seine Achtsamkeit steigert, erweitert dabei den Raum seiner bewussten Wahrnehmung. Und so wie sich das Bewusstsein damit vergrößern und entfalten lässt, wird es auch befähigt, sich allmählich zu erheben, hinweg über die vielen Ebenen der Wahrnehmung.

Solch erweiterte Bewusstheit eröffnet einem Menschen Möglichkeiten in der Welt, die über die im Alltag angeeigneten Fähigkeiten hinausgehen. So jemand erkennt dann seine Lebenswelt als großes Ganzes, was ihn ermächtigt die Begrenzungen seiner Persönlichkeit allmählich abzulegen und sich, seiner Berufung gemäß, frei in seinem Leben zu bewegen.

Unsere Persönlichkeit: Eine Maske unseres wahren Selbst

Als Kinder entwickelten wir das, was man das Ego, das Ich oder das beobachtende Selbst nennt. Es ist die physische Bewusstseinsebene des Menschen, mit der sich seine Wahrnehmung zunächst vertraut macht – mit dem Körper und seinen Sinnesorganen als solche – wie auch mit dem, was er über eine Sinne im Außen wahrnimmt.

Die meisten Menschen identifzieren sich mit diesen sinnlichen Fähigkeiten, ahnen aber nur selten, dass es eine höhere Wahrnehmung gibt, die man als Mensch entwickeln kann. Ihr beobachtendes Selbst bleibt damit aber gebunden, an die Körperfunktion des physischen Leibs.

Wer nun erkennt, dass das beobachtende Selbst zu viel mehr befähigt ist, könnte damit beginnen, allmählich jene Beschränkungen zu beseitigen, die sich ihm auf dem Weg zu einer höheren Bewusstheit in den Weg stellen. All die Äußerlichkeiten im Leben an denen wir hängen, sie bilden die Barrieren auf diesem Weg. Wer aber gelernt hat zu verzichten, wird sich auch leichter über höhere Hürden hinwegsetzen können, die ihn sonst an seinem Fortkommen gehindert hätten.

Das Spiegelbild

In Wirklichkeit ist das, was wir als unsere Persönlichkeit im Spiegelbild sehen, und das was wir unser Selbst nennen, nicht das Selbe. Eher gleicht die Persönlichkeit einer Maske hinter der sich unser wahres Selbst verbirgt, eine seelische Entität, die Namen, Geburtsort und Geburtsdatum bezeichnen, damit sie ihre Rolle in der Welt spielen kann. Nur wenige aber ahnen, welche Rolle auf der Bühne ihres Lebens sie eigentlich spielen sollten. Metaphorisch gesprochen: Häufig gibt man sich in dieser Rolle nicht wirklich zum Besten, sondern hüllt sich in etwas, das einem gar nicht entspricht oder übernimmt sogar die Rolle eines anderen Menschen. Manchen aber wird das irgendwann zur Last, selbst wenn sie den Grund dieser Bürde keineswegs kennen.

Die Darsteller im antiken griechischen Theater benutzten in ihren Rollen Masken, um ihrem Schauspiel einen besonderen Ausdruck zu verleihen: Sie nannten sie die »Persona« – der Ursprung der deutschen Wörter Person, Persönlichkeit, Personifikation, Personal, usw.

Der Schweizer Psychologe Carl Gustav Jung (1875-1961) übertrug diesen Begriff auf die menschliche Psychologie und schrieb über die Persona:

(Sie) ist aber, wie ihr Name sagt, nur eine Maske der Kollektivpsyche, eine Maske, die Individualität vortäuscht, die andere und einen selber glauben macht, man sei individuell, während es doch nur eine gespielte Rolle ist, in der die Kollektivpsyche spricht. [...] Sie ist ein Kompromiss zwischen Individuum und Gesellschaft über das, als was einer erscheint.

Es wäre also einen Versuch wert, sich zu erheben, über die Identifikation mit dieser Maske unserer Persönlichkeit. Nur so nämlich, ließe sich eine Verbindung zu dem herstellen, was man in der Esoterik das »Höhere Selbst« nennt.

Sich über Beschränkungen erheben

Der erste Schritt dazu, wäre sich zuerst einmal bewusst zu machen, dass sich die Persona zusammenfügt, aus unserer äußeren Erscheinung, unserem Namen, unserem Geburtsort, unserem Geburtsdatum und unserer persönlichen Geschichte – kurz: als das, als was wir auch allen anderen erscheinen können. Dessen bewusst, kann man dann ein höheres Selbst voraussetzen, dass, in dieses existenzielle Konglomerat eingefügt, existiert.

Als Nächstes gilt es zu versuchen, wie von einer höheren Warte aus betrachtet, die eigentliche Persönlichkeit in ihrem Handeln zu beobachten. Doch nur beobachten und nicht beurteilen! Dann nämlich kann sich das beobachtende Selbst auf ein höheres Niveau als die Persönlichkeit begeben, da es sich zu lösen beginnt aus allem Gut und Schlecht, aus den Verstrickungen in vergangene Erinnerungen, aus Befürchtungen vor Zukünftigem, aus den Verhaftungen mit einem Ich oder einer Abgren- zung zum Du. Zusammengefasst könnte man sagen, dass ein so bewusst gewordenes Selbst, sich letztendlich ja über seine Todesangst erhoben hat, um sich dem Wesen seines Seelenkerns zu nähern.

Ein Beispiel: Sie machen einen kleinen Spaziergang und stellen sich dabei vor, wie ihr Höheres Selbst ihren Körper »ausführt«, statt sich mit dem laufenden Leib zu identifizieren. Ihr physischer Körper ist (nur) das Fahrzeug, das ihr Höheres Selbst steuert. Es gehört nicht zu ihrem Körper, sondern der Körper ist Besitz des höheren, beobachtenden Selbst, ist sein Diener. Das bedeutet, dass man nach und nach lernt, das beobachtende Selbst, nicht mehr mit dem sich abgefundenen Ich des Körperlichen zu identifizieren. Eher geht es in der Entfaltung eines höheren Bewusstseins darum, allmählich von Stufe zu Stufe immer weiter zu wachsen – vorausgesetzt, man löst sich von äußeren Dingen und von der Angst vor dem Tod.

Wir haben Gedanken, doch wir sind nicht unsere Gedanken

Der englische Religionsphilosoph Alan Watts (1915-1973) schrieb über diesen Aufstieg des beobachtenden Selbst Folgendes:

Es ist sowohl die Fähigkeit unser normales Alltagsbewusstsein zu bewahren, als es dabei auch gleichzeitig loszulassen. Sprich, man beginnt, ganz unbefangen, den Gedankenfluss im Auge zu behalten, all die Eindrücke, Gefühle und Erfahrungen geistig zu erfassen, die unentwegt unser Bewusstsein zu durchströmen versuchen. Statt aber die Gedanken zu kontrollieren und in den Gedankenstrom einzugreifen, lässt man sie so fließen, wie es einem gefällt. Normalerweise wird das Bewusstsein von diesem Gedankenstrom mitgerissen. Darum wäre es wichtig zu lernen, über diesen Gedankenstrom zu wachen, ohne dass er das Bewusstsein erfasst.

Vier Ebenen des Bewusstseins

Um die Wende zum 20. Jahrhundert begründete der griechisch-armenische Esoteriker und Abenteurer Georges I. Gurdjieff (1866-1949) ein spirituelles System, das Menschen helfen sollte eine »innere Evolution« anzustoßen. Gurdjieff sprach hier von einem »Vierten Weg« der einem Menschen helfen sollte diese innere Entwicklung des Bewusstseins anzustoßen. Dabei ging es ihm um vier Bewusstseinszustände:

  1. Der niedrigste Zustand dieser vier Entwicklungsstufen war für Gurdjieff der Schlaf.
  2. Den normalen Wachzustand, von dem die meisten Menschen glauben, er sei freies Bewusstsein, war für Gurdjie nichts weiter, als nur ein anderer Zustand des Schlafs. Denn was einen da wach hält, sind die in der Tiefe der menschlichen Psyche brausende Leidenschaften, vielleicht etwa mit dem vergleichbar, was der österreichische Psychologe Sigmund Freud (1856-1939) als das »Es« bezeichnete.
  3. Manche Menschen aber sind fähig, wahre Bewusstheit zu erfahren. Doch meist nur in kurzen Augenblicken. Das passiert wenn die verkrusteten Schichten der Persona (Maske der Persönlichkeit), an manchen Stellen abzuplatzen beginnen. In diesem Zustand erfährt man eine Art Erinnerung an das, was man das »Wahre Selbst« nennen könnte. Doch damit gehen auch Gefahren einher, da nicht jeder diesem »erwachten Gewahrsein« gewachsen ist.
  4. Der höchste Zustand ist vollkommene Erleuchtung, wo der »Erwachte« sich und die Dinge so sieht, wie sie tatsächlich sind. Es ist, was die Buddhisten den Samadhi-Zustand nennen, wo das beobachtende Selbst mit dem Atman, dem jedem Menschen innewohnenden göttlichen Funken, vereint wahrnimmt. Jeder Wunsch über Dinge oder andere Personen zu Urteilen verschwindet damit und wird überflüssig.

Um diese letzte Stufe zu erreichen, müsste ein Übender, so Gurdjieff, zuerst ein Bewusstsein in der 3. Stufe entwickeln. Das ist sicherlich ein längerer Weg. Denn man muss sich mit den Bewusstseinskräften, die in diesem Zustand wirken, erst vertraut machen, da sie zum »normalen Wachzustand« der 2. Stufe, eigentlich keine direkte Verbindung haben. Menschen die entweder sehr sensibel sind oder zu eifrig versuchen sich auf diese Stufe zu erheben, laufen durchaus Gefahr den Verstand zu verlieren.

Befreiung des Emotionskörpers

Fest steht, dass die meisten Menschen auf unserem Planeten, da sie vielleicht auch nie von diesen höheren Zuständen des Bewusstseins hörten, nur ganz gelegentlich, vielleicht in besonders schwierigen Lebenssituationen, eine solche höhere Bewusstheit plötzlich in sich aufsteigen fühlen.

Wer sein beobachtendes Bewusstsein diszipliniert, wird allmählich dazu befähigt, seine Gefühle zu kontrollieren und sich dabei eines feinstofflichen Leibes bewusst zu werden, der sich aus seinen Emotionen und Empfindungen zusammensetzt. Das ist der Emotionskörper.

Selbstbetrachtung ist ein sehr geeignetes Werkzeug, sich seine höheren Daseinsformen bewusst zu machen und die inneren und äußeren Muster zu erkennen, die einen Menschen seinem wirklichen Daseinsgrund näher bringen.

Darum geht es: Die Erfüllung unseres wahren Seins auf diesem Planeten zu verwirklichen. Wenn nicht in dieser, dann vielleicht in unserer kommenden Inkarnation – wo und was immer das sein wird.

Wichtigste Voraussetzung aber, um solch höheres Gewahrsein überhaupt zu erlangen, sind eine positive Lebenseinstellung und die Fähigkeit Mitgefühl zu entwickeln, für alles Leben in dieser Welt. Dabei ist es wichtig immer wenn man wütend über etwas ist, sich nicht mit den dabei aufsteigenden, negativen Emotionen zu identifizieren, noch sich von ihnen mitreißen zu lassen. Die Kunst ist es, solche Gefühlsbewegungen von einer anderen Warte aus zu beobachten. So kann es sogar gelingen sich von solchen Emotionen zu lösen und sie nicht weiter anzufeuern, noch bevor sie überhandnehmen.

Ärger, Sorgen, Hass und Wut entstehen aus den Problemen der Persönlichkeit eines Menschen. Sie als solche zu entlarven heißt, sich seinen Emotionskörper bewusst zu machen, ihn mit Hilfe des beobachtenden Selbst zu erkennen, doch sich nicht mit ihm zu identifizieren. Wem das gelingt, der kann Negativität durch selbst erzeugte Hochgefühle ausgleichen, innere Blockaden überwinden und sich dabei über bisher unbewusste Schranken erheben. Er befähigt sich damit, seinen Emotionskörper in Balance zu bringen und so auch zu heilen. Wie von selbst wird er damit die inneren und äußeren Widersacher seiner Persönlichkeit bezwingen und für mehr Glücksempfinden in seinem Leben sorgen.

Immer also wenn einen belastende Empfindungen und negative Gefühle plagen, kann man sich sagen:

Ich empfinde diese Emotionen, doch ich bin mehr als meine Emotionen: Ich bin grenzenloses Bewusstsein, ewig und frei.

 

Chancen einer integralen Bewusstseinsstruktur

Chancen einer integralen Bewusstseinsstruktur

Integrales Bewusstsein - ewigeweisheit.de

Ausgehend von der großen Trennung der exoterischen von den esoterischen Wissenschaften, wie sie insbesondere nach der zweiten Mutationsphase der mentalen Struktur einsetzte (ab dem Beginn der Neuzeit), entwickelte unsere Wissenskultur einen Ausschließlichkeitscharakter. Das heißt: Entweder man ist jemand der seine Zeit den Natur- und Geisteswissenschaften widmet oder eben den Geheimwissenschaften.

Erstere Wissenschaftsdisziplin basiert auf eher materialistisch Geprägtem, während die Geheimwissenschaften, also die Esoterik, manchmal scheinbar grenzenlos ins Spirituelle ausschweift, dann aber im Rahmen einer ziemlich leichtfüßigen Flexibilität.

Beide aber, die Exoterik und die Esoterik, sind voneinander abhängig, teilen sie doch historische Wurzeln, die sich erst am Ende des Mittelalters verzweigen sollten. Beide Wissenschaftslinien aber scheinen sich jeweils in folgenden Dualismen zu spiegeln:

  • weltlich - kosmisch-universell
  • materialistisch – spirituell
  • quantitativ – qualitativ
  • zeitlich vorwärts gerichtet – zeitlich rückwärts gerichtet
  • Streben nach Differenzierung – Streben nach Einung

Doch sich als Interessierter ausschließlich um einen dieser beiden Stränge zu scharen, ist heute schlicht unmöglich. Denn die einen springen gelegentlich ins Esoterische, während sich das so lange schon verfeindete Lager der Geheimwissenschaften, auch mal ins Exoterische wagt. Und das geschieht immer dann, wenn sich der Kreis wissenschaftlich Interessierter mit dem anderen der Esoteriker überschneidet und man sich dabei notwendiger Rechtfertigungselemente bedient – seien es zum Beispiel bestimmte Maße oder Messungen, die ein Esoteriker zu Rate zieht, oder etwa das Heranziehen der ersten Genesis-Verse zur Rechtfertigung einer Urknall-Theorie.

Man abstrahiert die Perspektive, ganz nach Belieben, öffnet sich in die eine oder die andere Richtung. Doch bei diesem, eigentlich ego-bedingten Springen zwischen Einzelfällen, ist man sich kaum der eigentlichen Abgründe bewusst.

Jene gegenseitigen, bereichernden Aspekte des Exoterischen, wie auch des Esoterischen, sollten doch besser integriert werden, in einer gemeinsamen Struktur der Einheit. Jean Gebser sprach darum von der »Integralen Bewusstseinsstruktur«. Nicht eine weitere Abstrahierung, sondern eine Konkretisierung der Voraussetzungen sollte selbstverständlich werden. Integral bedeutet damit, insbesondere die anderen Bewusstseinsstrukturen (archaisch, magisch, mythisch, mental), in all ihrer eigentlichen Kraft, in dieses Gleichgewicht miteinzubeziehen.

Doch geht es dabei nicht darum nur mentale oder dingliche Erscheinungen zu konkretisieren. Vielmehr könnte das Ziel sein diese Erscheinungen quasi durchsichtig machen zu wollen und dabei zu entlarven, um so ihre Auswirkungen auf das eigene Leben und Schicksal bewusst zu machen. Nachteilig wirkende Aspekte würden durch Einsicht gemeistert und damit versucht, sie im eigenen Leben ins Gleichgewicht zu bringen, mit dem was gemeistert wurde und dem was als positiv bleibend erscheint.

Man darf sich nicht weiter mit jenem Springen zwischen den beiden esoterischen und exoterischen Wissenschaftssträngen zufrieden geben. Auch wenn das nicht einfach ist, müssen sie jeweils konkretisiert und dabei integriert, vergegenwärtigt und durchschaubar gemacht werden. Das Resultat aber wäre eine Bewusstseins-Intensivierung, die, in der Arbeit und der Konkretisierung eines integralen Bewusstseins, nur von Vorteil sein kann.

Wenn also die integrale Struktur, die vier vorhergehenden Strukturen des Bewusstseins in einem neuen Ganzen zusammenfassen will, führt das zur Darstellung eines besonderen Mittels. Das heißt, dass sich alle Bewusstseinsstrukturen nicht nur zu etwas aufsummieren, was der Mensch heute ist, sondern er damit lernt sie auf ganzheitliche Weise selbst zu repräsentieren.

Das vermittelt ihm eine praktische Handhabe zur Beantwortung seiner eigentlich wichtigsten Fragen: Wie kann man als Mensch das Mittel dieser Ebenen des Bewusstseins, in sich wirksam machen?

Sicher ist die eine oder andere Bewusstseinsstruktur in jedem Menschen stärker betont als diese oder jene andere. Deshalb wäre die Antwort auf die eben gestellte Frage, eine weitere Frage, die sich nämlich danach erkundigt wie man die Fähigkeit entwickelt, entsprechend seiner Veranlagungen, adäquat auf Lebensereignisse zu antworten.

Wer beispielsweise vorwiegend im Magischen beheimatet ist, wird nur schwer den Forderungen des Lebens gerecht werden können, die ihm aus der mythischen, geschweige denn aus der mentalen Struktur zugetragen werden

- Aus Jean Gebsers Buch »Ursprung und Gegenwart«, Kapitel »Die Mutationen als ganzheitliches Phänomen«

Nur insofern ein Mensch die Ganzheit jener Schritte in der Entwicklung seiner Bewusstseinsstrukturen zu leben lernt, führt er ein ganzheitliches Leben.

Es gilt darum die in uns am stärksten veranlagte Bewusstseinsstruktur mit den anderen Strukturen ins Gleichgewicht zu bringen. Hiermit kann es uns gelingen eine weitere, neue Bewusstseinsmutation einzuleiten, die aus der eigentlichen Sackgasse der mentalen Ebene herausführt: einem uns immer und immer wieder eingebläuten dualistischen Denken.

Diese neue Bewusstseinsstruktur kann uns helfen die Wertung in Gegensätze von richtig und falsch, von gut und schlecht, licht und dunkel, endlich zu überwinden. So lassen sich in Widersprüchen und Gegensätzen Entsprechungen erkennen, die nicht weiter rationalisieren und teilen, sondern verbinden, einigen.

In der Fähigkeit dies zu erzielen und dem Bewusstsein dass uns eigentlich alle dargestellten Strukturen bestimmen und in uns bedingen, werden wir unser Leben als ein Ganzes leben können. Es wäre darum unangebracht, irgend eine der uns minder entsprechenden Bewusstseinsstrukturen zu leugnen oder andere Strukturen in unserem Leben überzubetonen.

Mit der Vergegenwärtigung der ihnen allen zu Grunde liegenden strukturellen Zusammenhänge, lässt sich unser Bewusstseins in eine integrale Struktur bringen, die uns als Einzelne, doch damit immer auch als Gemeinschaft, in die in uns wirkende Ganzheit eines neuen Bewusstseins führen.

Denn diese Struktur umfasst auch das Zukünftige, das auch uns heute schon mitkonstituiert. Nicht nur wir formen es, es formt auch uns.

- Aus Jean Gebsers Buch »Ursprung und Gegenwart«, Kapitel »Die Mutationen als ganzheitliches Phänomen«

Die Bewusstseinsstruktur des Mentalen

Die Bewusstseinsstruktur des Mentalen

Rodin: Denker, Gemälde Munch - ewigeweisheit.de

Visionen erschuf der mythische Mensch, aus seinem von Polarität umfassten Geist. Seine Gehirnaktivitäten beherrschten vornehmlich Bilder bestehender Vorstellungen. Es waren Imaginationen die er aus einem untereinander verflochtenen und miteinander verbundenen, spirituellen Gewebe bildete. Sein Denken prägten also eher Bilder als Worte. Was er erzielen wollte imaginierte er und tat es sogleich.

Auch heute begibt sich ein Mensch durch seine Imagninationsgabe, in diese, manchmal traumartige Vorstellungswelt, wo er das ihn Umgebende, als den anderen Pol seiner Wahrnehmung empfindet. Jeder der schöpferisch oder kreativ tätig ist, wendet diese Fähigkeit an – ganz gleich welcher Tätigkeit er dabei auch nachgeht.

Vor vielleicht 6.000 Jahren entwickelte die Menschheit etwas, dass Jean Gebser »Gerichtetes Denken« nennt. Es ist eine Geistesaktivität die nicht mehr polarbezogen ist, sondern objektbezogen. Das heißt, Gerichtetes Denken kehrt sich vom polaren Bewusstsein ab und richtet sich auf voneinander getrennte Gegensätze, die für sich stehend einer ursprünglich polaren Ergänzung entbehren. Hiermit erhält das Bewusstsein eine Kraft, die ihm von da an aus dem Ich des Einzelnen zufließt.

So auch kam das Ego in die Welt, was einher ging mit einer ganz grundlegenden Veränderung menschlichen Bewusstseins. Denn der Mensch verließ damit den bewahrenden Kreis des Seelischen und begann seine Welt durch Denken zu bewältigen. Was heißt das?

Nun, hierzu ist es sicher hilfreich, wenn wir uns zunächst noch einmal gedanklich zurückbegeben in die mythische Bewusstseinsstruktur. Denn lange vor der Zeitenwende in die mentale Struktur, sollte besonders ein Mythos wichtig werden: Die Sage von der Heirat des griechischen Göttervaters Zeus mit der Metis. Sie war die Tochter der Gottheiten des Meeres und selbst »Göttin des klugen Rats«. Ihr Name galt den griechischen Philosophen auch als Synonym für die Personifikation des »Scharfsinns«, eine Geistesfähigkeit die man ja auch als praktisches Wissen oder reine Vernunft beschreiben könnte.

Aus diesem Mythos aber erfahren wir nun Folgendes: Unter Schmerzen zerbrach sich Zeus den Kopf darüber, ob Metis ihm vielleicht einen mächtigeren Sohn gebären könnte, als ihm wirklich lieb sei. Er fürchtete dass ihm ein Junge vielleicht sogar den Platz als Götterkönig streitig machen könnte. Seine Angst aber schlug um in blinden Zorn und drum verschlang er seine schwangere Geliebte, samt einem in ihrem Leibe wachsenden Mädchen.

Da traten der olympische Götterschmied Hephaistos und der titanische Feuerbringer Prometheus auf. Mit der Axt des himmlischen Fabers, spaltete der Titan Zeus den Kopf, wonach dem klaffenden Götterschädel, mit lautem Kriegsgeheul, eine reife Jungfrau entstieg. In voller Rüstung kam sie zur Welt, ihre goldenen Waffen schwingend: Pallas Athene – Göttin der Weisheit, des Verstandes, der Kriegskunst und des Handwerks.

Dieser Mythos beschreibt den klassischen Anfang von Zivilisation und Städtekultur, die einen gewaltigen Bewusstseinssprung für die Menschheit einleiten sollte, denn die »göttliche Kopfgeburt« Athene »zivilisierte« die Griechen mit der Gründung der nach ihr benannten Stadt Athen.

Nicht aber nur in Griechenland schien sich da etwas zu wandeln. Auch die mosaische Tradition der Juden führte Menschen sprichwörtlich auf neuen Boden. Vom Berge Sinai herabgestiegen, stellte der Prophet Moses diesem neuen, im Menschen erwachten »Ich«, einen zürnenden doch auch verständigen Gott JHVH gegenüber. Hierbei entstand das, was wir heute Monotheismus nennen. Moses führte seine Leute aus dem Land der Ägypter, die er mit JHVHs Zorn durch Plagen und Seuchen schlug. Über die Halbinsel Sinai kam das Volk Israel schließlich ins gelobte Land, wo die Juden ihre erste Stadt erbauten: Jerusalem.

Diese scheinbar widersprüchlichen Gegensätze von Zorn und Verstand, die sowohl Zeus, Athene oder dem jüdischen JHVH zu eigen sind, eint das lateinische »mens«: ein Wort mit weitem Bedeutungsspielraum, der neben den Begriffen »Absicht«, »Mut«, »Gedanke«, »Vorstellung« oder »Sinnesart«, eben genau diese Wörter »Zorn« wie auch »Verstand« umfasst. Geht man dem indoeuropäischen Ursprung des Wortes »mens« nach, begegnet man auch dem »manas« des Sanskrit, das in sich ebenso diese Doppelbedeutung von Verstand und Zorn eint.

Krieg der Gegensätze

In den Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung nun, entstanden sowohl im Abendland wie auch im Morgenland, zwei epische Dichtungen, die »heilige Kampfhandlungen« beschreiben: der Grieche Homer schilderte da in seiner Illias den Trojanischen Krieg, während man aus der Bhagavad Gita der Inder, ebenso von einem großen, heiligen Krieg erfährt. Beide Dichtungen sollten sowohl in West und Ost ganz maßgeblich die Kulturgeschichte beeinflussen.

Hieraus ergibt sich das, was man vielleicht als die Geburt des Dualismus bezeichnen könnte: Zwei verfeindete Lager kämpfen gegeneinander, wo jeweils die einen die Guten und die anderen die Bösen sind. Es war das auch die Zeit wo in Persien der Prophet Zarathustra (um 600 v. Chr.) auftrat, um zu künden vom ewigen Streit der Mächte des Guten und des Bösen. Ein Gott der Weisheit stritt da mit einem Teufel der Zerstörung: der hell strahlende Ahura Mazda trat an gegen den finsteren Ahriman – zwei Namen allerdings die eine etymologisch gemeinsame Wurzel vermuten lassen.

Vor dieser Zeit der dualistischen Trennung des Polaren waren die Glieder der wahrgenommenen Welt eben noch untereinander verbunden, entsprachen einander. Was Polarität im Gegensatz zum Dualismus bedeutet, wird anschaulich in der Betrachtung der Pole unserer Erde. Ihr Vorhandensein nämlich ergibt sich aus der Rotationsachse unseres Planeten, über die sie ja ganz konkret miteinander verbunden sind.

Diese zwei Pole sind eben auch ein Hinweis auf jene Bewegungsform des Kreises (der Signatur der mythischen Struktur), wobei ja die Herkunft des Wortes »Pol« auf das griechische »pólos« zurückgeht, das »drehen« bedeutet – was ja eben die Bewegung der Erdachse ist.

Während jedoch das Bewusstsein der Menschheit mit dem Übergang in die mentale Struktur mutierte, wies ihr oben angedeutetes »Gerichtetsein« beispielsweise nur noch auf die Himmelsrichtungen an sich. Das heißt: man abstrahierte Norden und Süden beziehungsweise Osten und Westen, die damit sinngemäß für sich selbst stehend wurden und man sie nicht mehr primär als wechselseitige Entsprechungen empfand. Was zuvor die gegenseitige Entsprechung polarer Gegensätze war, war von da an aufgehoben.

Dieses einschneidende Ereignis, das sich in der Menschheitsgeschichte als Aufspaltung in den Dualismus äußerte, brachte nun das Prinzip der Mittlertätigkeit ins Spiel. Es bedurfte von da an eines einigenden, versöhnenden Elements, was am deutlichsten jene »Herabgestiegenen« oder »Menschensöhne« verkörpern sollten. Ihr Erscheinen in der Geschichte der Menschheit, als Mittler zwischen Mensch und Gott, zwischen Himmel und Erde, erweiterte die Dualität um ein anscheinend notwendiges Element, was in die göttliche Dreieinigkeit führte – die Trinität.

Ihr begegnen wir auch in der Trimurti des Hinduismus, die für die Vereinigung der drei kosmischen Funktionen von Erschaffung, Erhaltung und Umformung steht: als Brahma, Vishnu und Shiva. Dem Erhalter Vishnu aber kommt dabei jene Mittlertätigkeit zwischen Göttlich-Himmlischem und Irdisch-Menschlichem zu, wo er in seinen zehn Inkarnationen, den Avataras (Herabgestiegene), als Menschheitslehrer auf Erden erscheint – darunter etwa als Krishna oder Buddha, oder als Kalki-Avatar am Ende unseres gegenwärtigen Zeitalters, das die Inder das Kali-Yuga nennen: das »Zeitalter des Streits«.

Platon und Aristoteles - ewigeweisheit.de

Bildausschnitt des Gemäldes von Raphael (1483–1520): Die Schule von Athen. In der Mitte die Philosophen Platon (links) und Aristoteles (rechts).

Die Geburt des Materialismus

Ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. trat die Menschheit aus der bergenden Welt der dunklen Höhlen in die Wachheit des Tages von Himmel und Licht. Wohl kaum ein Zufall wenn damals auch Platon sein Höhlengleichnis formulierte. Darin nämlich geht es um jene »Zurückgebliebenen«, die die Schatten des Lichts auf den Höhlenwänden für die eigentliche Wirklichkeit hielten. Einem von ihnen aber gelang die Höhle verlassend, sich hinaus ins Licht des Tages zu begeben. Dort oben wurde er der Sonne gewahr. Ihr Licht aber blendete ihn. So eigentlich blieb es aber doch nur ein Sehen von Schattierungen, selbst wenn man seit damals in Europa begann, die Sonne zum Symbol einer ultimativen Wirklichkeit zu erheben.

Es war das eben die Zeit in der man zu unterscheiden begann zwischen einer dunklen Unterwelt ewiger Nacht und einer tageshellen, von der Sonne erleuchteten himmlischen Welt. Dazwischen aber befand sich der Mensch in gespanntem Empfinden dieser Gegensätze.

Was wir mit der Spaltung des Seins und der Trennung der Pole andeuteten, sollte sich damit auch tatsächlich auf die menschliche Wahrnehmung der Welt übertragen. Das wird anschaulich wenn man die indoeuropäische Wortwurzel »me« oder »ma« genauer ansieht. Aus ihr nämlich leiten sich Bedeutungen ab, die sich beiderseits auf Irdisch-Unterweltliches, wie auch auf Geistig-Himmlisches übertragen lassen. Das heißt: Was in der archaischen, der magischen und mythischen Bewusstseinsstruktur noch verbunden war (wie zum Beispiel in der Einheit von Erde und Himmel), sollte die mentale Ebene nun von einander (anscheinend) für immer trennen.

Schon das Wort »mental« ist ja mit dieser Wurzel »me« (oder »ma«) verbunden und es lässt sich hieraus eine gesamte Familie weiterer Bedeutungen ableiten, die charakteristisch sind für den Wechsel von der mythischen, in eben jene der mentalen Bewusstseinsstruktur. Erinnern wir uns hier auch noch einmal an Metis, deren Name sich ja ebenso aus der Wortwurzel »me« ableitet.

Neben dem im Sanskrit bereits erwähnt auftauchenden »Manas«, dem Verstand, lässt sich aus der Wurzelsilbe »ma«, wiederum die Silbe »mat« ableiten. Aus ihr entsteht das Sanskrit-Wort »Matar«, die Mutter, das sich seinem indoeuropäischem Ursprung nach auf die griechischen Wörter »Mater«, die Mutter, und »Materie« übertragen lässt, worauf sich zum Beispiel auch »Metrum« und damit das »Maß« des »Meters« belaufen, sowie auch alles was eben als »Materialismus« einer vollständig ausgemessenen, von menschlichem Geist bestimmten Welt entstand.

Der griechische Philosoph Pythagoras (570-510 v. Chr.) war der erste »Vermesser des Abendlandes«. Er erfand die Verhältnisse im Dreieck, bewiesen in seinem berühmten mathematischen Satz. Er auch stellte eine Verbindung zwischen den Tönen her (mit dem von ihm erfundenen, einsaitigen Monochord), die während der magischen Bewusstseinsstruktur noch in den wohl überwirklich klingenden Gesängen ertönten, und dem was in dieser Zeit der mentalen Bewusstseinsstruktur, durch die Zahlen sichtbar und messbar gemacht werden sollte. Das war der Ursprung der Harmonik und eigentlich der Anfang aller Wissenschaft.

Die Zahl ist das Wesen aller Dinge

- Ausspruch des Pythagoras

Mit dem direkten Erfahren der magischen und mythischen Struktur schien seitdem ein Wille zur Abstraktion zu rivalisieren. Und dieses Abstrahieren begann durch die Erfindung der Zahlen als Ziffern. Nur wenig früher entstanden im alten Griechenland die Münzen als »Zahlungs«-Mittel.

Jenes oben bereits beschriebene lateinische »mens«, das etymologisch verwandt ist mit dem englischen »mind« (Denken, Vernunft, Erinnerung), sollte zum Wort für den intellektuellen Menschen werden, für den Menschen als Denker, in diesem Übergang aus der mythischen Bewusstseinsstruktur in die mentale.

Kehren wir aber erneut zurück zur Symbolik der Athene-Geburt. Wie der Mythos besagt, spaltete Prometheus mit der Axt des Hephaistos dem höchsten Gott Zeus den Schädel. Er aber sollte den Menschen auch das Feuer bringen. Ein anderer Mythos fügt dem hinzu, dass jener Himmelsschmied Hephaistos aus Lehm eine Frau schuf und ihr Leben einhauchte: Pandora – ein Wesen das über alle Gaben verfügte (pan »alles«, doron »Gabe«). Gewiss erinnert einen das an die Erschaffung des Menschen, wie durch den Demiurgen der Gnostiker oder die Elohim der biblischen Genesis, wo ja ebenso einem aus Lehm geschaffen Wesen Leben eingehaucht wurde.

Prometheus nun brachte den Menschen zwar das Feuer, damit er hiermit Metalle schmelze, sie in Formen gieße und daraus Werkzeuge schmiede; doch als Zeus die Pandora zu ihnen sandte, und sie unter ihnen ihre sprichwörtliche Büchse öffnete, ergoss sich alles Übel über die Menschheit, vor allem Seuchen und Krankheit.

Zeus fürchtete eben den feuerbesitzenden Menschen und ließ es nur daher dazu kommen. Die Pandora war anscheinend, so wie auch das biblische Paar Edens, ein dem bisher lebenden, sogenannten »primitiven Menschen« angeblich überlegenes Wesen. Was Pandora in ihrer Unheil versprühenden Büchse jedoch zurückhielt war die Hoffnung: das Gegenteil der Angst. Denn Angst und Hoffnung waren in der Wirklichkeit des mythischen Bewusstseins einfach die beiden, sich entsprechenden Pole dessen, was in der Zeit des magischen Bewusstseins noch ein und das Selbe war.

Nun lassen sich aus diesem Ausschnitt der griechischen Mythologie, gewiss eine Vielzahl an Parallelen zur semitischen Tradition (wie etwa in den Erzählungen über die Nachfahren Kains) finden, doch wie es scheint auch zu all dem, was mit der dereinst entstandenen Zivilisation der Menschheit einher gehen sollte. Es war der Anfang des sogenannten »Eisernen Zeitalters«, der Periode in der Geschichte der Menschheit, die im Hinduismus als das »Dunkle Zeitalter«, als das bereits oben besprochene »Kali-Yuga« bezeichnet wird.

Recht-Sprechung und Isolation

Die Verfestigung der mentalen Bewusstseinsstruktur im Abendland, erfolgte praktisch in zwei Schritten: Zum einen kam es in den 200 Jahren zwischen 550-350 v. Chr. zu einer Wende mit dem Wirken von Pythagoras, Parmenides, Sokrates, Platon und Aristoteles. Doch auch im ebenso langen Zeitraum zwischen 1.300 und 1.500 n. Chr. sollten etwa ein Dante Alighieri oder ein Leonardo da Vinci die Kulturentwicklung des Abendlandes ganz maßgeblich beeinflussen.

Es scheint als wären in diesen beiden Wendezeiten die Kernmerkmale der mentalen Struktur ganz deutlich geworden. Was wir zuvor als jene Gerichtetheit in der Raumzeit andeuteten, sollte da zu einem Nachrichten oder Ausrichten an vorgegebenem Gesetz werden, von etwas Beschlossenem also, was sich folge-richtig im selben Bedeutungshorizont bewegt wie die Wörter »Gericht« und »Recht«. Auch das »Rechte«, die Seite »rechts«, muss in diesem Zusammenhang mit angeführt werden.

Seit Pythagoras kamen auch besondere »Rechtsvorschriften« zum Ausdruck, der seinen Schülern vorgab stets auf der rechten Seite in ein Heiligtum einzutreten und etwa immer den rechten Schuh zuerst anzuziehen. Solch rechtes Handeln schien sich bis heute allgemein in der eher verbreiteten Rechtshändigkeit erhalten zu haben (in der Rechten das Wahre, in der Linken das Falsche).

Die römische Rechtslehre schließlich sollte das festigen, was man das »Ich-Bewusstsein« nennt. Im römischen Zwölftafelgesetz aus dem 5. Jahrhundert n. Chr., legte man die Rechte und Pflichten des Einzelnen im Staat fest.

Im 14. Jahrhundert nahm Römisches Recht dann entscheidenden Einfluss auf die Rechtsprechung Mitteleuropas, da im Mittelalter, in manchen Staaten dieser Region, kein einheitliches Rechtssystem bestand.

Jene zwölf römischen Tafeln aber erinnern gewiss an jene Mittlerfunktion von der bereits die Rede war. Sie waren für jeden sichtbar ausgestellt, auf dem Forum Romanum, dem Mittelpunkt des politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und religiösen Lebens in Rom.

Solch Mittlerfunktion sollten auch die Gesetzestafeln mit den zehn Geboten, sowie später die jüdische Tora einnehmen. Moses überbrachte dem Volk Israel die beiden Gesetzestafeln, als er vom Berge Sinai zu ihnen hinabstieg. Was aber sowohl in der angeführten, alten römischen Gesetzgebung auch für die jüdische galt, war die Abstraktion dessen was als allgemein strukturiertes Gesetz einem Volk gegeben wurde, zur Angleichung an eine weit höhere, übergeordnete Instanz.

Wenn Moses als Mittler, die später im Salomonischen Tempel aufbewahrten Gebotstafeln, dem Volke Israel (auf Erden) vom Gipfel des Berges Sinai (vom Himmel), von Gott empfangen überbrachte, kommt da eben wieder die zuvor angedeutete dritte Dimension der mentalen Bewusstseinsstruktur zum Vorschein.

Hatten wir nun der magischen Struktur als Signatur den Punkt zugeordnet […], hatten wir der mythischen Struktur den Kreis zugeordnet […], so ist es nur folgerichtig, wenn wir der dreidimensionalen Struktur das Dreieck als Signatur zuordnen […] Dabei steht die Basis des Dreiecks mit ihren beiden gegensätzlichen Punkten für das duale Gegensatzpaar, das in der Spitze geeint wird.

- Aus Jean Gebsers Buch »Ursprung und Gegenwart«, Kapitel »Die mentale Struktur«

Das Dreieck als Signatur der dritten Dimension, wurde immer auch als Richtungsweiser verwendet, was uns eben wieder zurückführt auf das »Gerichtete Denken« der mentalen Struktur und eben auf jene Rechtsprechung, sowohl im römischen Reich wie auch andererseits für die Israeliten. Es war das die Zeit, als man zur optischen Perspektive fand, die sich ja eben genau aus der Dreiheit der »Trigonometrie« entwickelte.

Schon sehr viel früher aber, am Ende der Zeit des mythischen Bewusstseins, brach etwas auf, wurde gespalten, das erst durch Gesetze (juristisch, politisch, religiös) wieder gerichtet beziehungsweise berichtigt werden sollte.

Mit dem gerichteten Denken ging eine allmähliche Quantifizierung der Welt einher, samt aller bewusst gewordenen Dinge der darin lebenden Menschen. Als bestes Beispiel ließe sich da etwa der in der ersten Wendephase zur mentalen Bewusstseinsstruktur lebende Philosoph Demokrit anführen, der im 5. Jahrhundert v. Chr. die Vorstellung vom Atom entwickelte. Das bedeutete eine bis zu diesem Zeitpunkt nicht dagewesene Fragmentierung der Anschauung der materiellen Welt.

Alles was den oben erwähnten zwei Mutationsphasen der mentalen Struktur, mit dem Beginn der Neuzeit folgen sollte, war eine noch drastischere Fragmentierung der Wirklichkeit. Eine wissenschaftliche oder ökonomische Philosophie, sollte sich im Abendland aller möglichen Mittel zur Erreichung ihrer Zwecke bedienen. Da Vinci exhumierte Leichname, um ihre toten Leiber aufzuschneiden und so ihre organische und skeletthafte Struktur zu untersuchen, was spätestens für die spätere Chirurgie von Belang geworden sein durfte.

Seit der Renaissance begannen aber die negativen Aspekte der mentalen Bewusstseinsstruktur, immer mehr in ihrer zunehmenden Oberflächlichkeit zum Vorschein zu kommen. Sobald das Mentale in Form des Rationalen aber maßlos wurde und sich dabei richtungslos ausbreitete, erlangte das was man als »negativen Aspekt der Psyche« bezeichnen könnte, die Herrschaft über die Vernunft. Und eben das sollte den einst noch mentalen, fließenden Dualismus, in eine ganz kompromisslos getrennte Zweiheit überführen. Damit ist gemeint, was nicht mehr auf einer einstigen Ermittlung des aus einer Logik entstandenen Wahren basiert, sondern auf Rhetorik und einer damit einhergehenden Kunst des Überzeugens. Es schien da ein reines Argumentieren die einfache Fähigkeit zur Erkenntnis übertrumpfen zu wollen.

In den fünf Jahrhunderten nach der Renaissance begannen sich die Menschen eben einfach selbst immer wichtiger zu nehmen. Was sich seit dieser Zeit, aus ihrem Ich zu einer Person, eben einer »persona«, wörtlich also einer »Maskierung« des Seelischen, verhärtete, führte zu all dem was sich in den Kulturen des Abendlandes in der Verwissenschaftlichung der Welt äußern sollte. Das ging einher mit der damals einsetzenden Überheblichkeit eines Fremdartigkeit aufbürdenden Kolonialismus.

Wo man nichts mehr zu vermessen fand, da wollte man noch weiter in die Ferne vordringen, um dabei andere Länder und Kontinente als neuen Lebensraum zu erobern.

In dem Moment, da das Maßvolle vom Maßlosen der Ratio abgelöst wurde […] begann sich die Abstraktion in ihre äußerste Manifestationsform zu wandeln, die durchaus mit dem Begriff der Isolation beschrieben werden darf

- Aus Jean Gebsers Buch »Ursprung und Gegenwart«, Kapitel »Die mentale Struktur«

Und mit dieser Isolation scheint in unseren Tagen etwas immer weiter auszuarten, das mit einer zusätzlichen Rationalisierung, einer Abstraktion und letztendlichen Technisierung all unserer Lebensbereiche in Erscheinung treten wird.

Im Sinne einer übermäßig verstandesbetonten Rationalisierung seines Lebens, die man heute als Optimierung rechtfertigt, isoliert sich der Mensch zunehmend. Und diese Isolation geht keineswegs mit irgend geartetem Schutz einher, wird die Verbindung des Menschen mit seiner Außenwelt doch durch allerhand Hightech, nur immer mehr geteilt und weiter aufgespalten.

Das heißt, dass sich jene oben angedeutete mythische Axt des Hephaistos, sich heute anscheinend in unzählige moderne Technologien differenziert hat. Sie allerdings erschaffen, allegorisch gesprochen, den in winzige Teilstücke fragmentierten Gitterrost einer Gefängniszelle, worin sich der wahre Mensch zunehmender Bedrängnis ausgesetzt fühlt. Gemäß seiner Veranlagung aber, sich wegen Sinnesreizen dem Außen gegenüber zu öffnen, verschafft er indessen immer mehr Beklemmendem Zugang zu seinem Inneren.

So ist der Mensch nicht mehr aus sich selber heraus Mensch, sondern folgt abhängig, ist gezwungen sich gegebenen Bedingungen anzupassen – seien es neue Gesetze, neue Moden oder neue Technologien. Doch wohin soll das führen?

Die mythische Ebene: Spiegelungen im Bewusstseinsfeld der Seele

Die mythische Ebene: Spiegelungen im Bewusstseinsfeld der Seele

Mysterien von Eleusis - ewigeweisheit.de

Heute gelten Nachrichten, Ereignisse und Aussagen nur dann als anerkannte Fakten, wenn sie einen Bezug haben zu einem Ort und einem Zeitpunkt, zumindest aber einer dieser beiden Größen. Selbst aber wenn das heute als Voraussetzung gilt, musste sich so etwas wie Raum- und Zeitbewusstsein erst entwickeln. Tausende von Jahren dauerte es, bis sich der Mensch den Mysterien von Raum und Zeit bewusst wurde.

Über das Empfinden der Bewegung seines selbst bewusst gewordenen Körpers durch die Welt, entwickelte der Mensch ein Gefühl für das, was wir heute »Raum« nennen. Dieses räumliche Wahrnehmen entfaltete sich allmählich zu einer geistigen Funktion, die irgendwann im Erleben des unendlichen Raumes gipfeln sollte. Das aber war die Voraussetzung dafür, das der Mensch schließlich ein weiteres, neues Geistesmaß entdeckte: die Zeit.

Wenn die geschichtliche Wissenschaft nun von einer Vorzeit spricht, bezeichnet dieser Ausdruck ganz deutlich das Element der magischen Bewusstseinsstruktur: Eine Vor-Zeit lag vor dem Zeit-Bewusstsein. Hiermit erübrigt sich jedoch eine Nachforschung wann es zu diesem menschlichen Empfinden der Raumzeit kam, zumal es in der Periode der magischen Bewusstseinsstruktur eben noch kein Zeitmaß gab. Womöglich aber ereignete sich diese nächste Bewusstseinsmutation in der nachatlantischen Epoche, also vermutlich vor ungefähr 12.000 Jahren.

In dieser Ära kam es zu verschiedenen, ganz maßgeblichen Veränderungen in der menschlichen Wahrnehmung. Ab einem gewissen Moment, vielleicht am Ende der letzten Eiszeit, begann man in Europa besondere jahreszeitliche Riten zu zelebrieren. Das ging einher damit, dass der Mensch begann die Bewegung der Himmelskörper voraussagen zu wollen. An den Himmelsbewegungen laß er ab, wann der Zeitpunkt für eben solche Feste gekommen war und vermerkte sie in seinen damals entwickelten Kalendern. Er wurde also einer sich verändernden Welt bewusst, worin er sich selbst wiederfand, in einem wohl als Spannungsfeld empfundenen Raum zwischen Irdischem und Himmlischem.

Was den Menschen der magischen Bewusstseinsstruktur noch in seiner Naturverflochtenheit gefangen hielt, daraus sollte er sich nun lösen, mit dem Erkennen der Rhythmen der Natur. In diesem Heraustreten aus den Verflechtungen seines eindimensionalen Empfindens aber, sollte er sich bewegen in ein Empfinden einer zunächst zyklischen Zeit.

In einer Welt sprechender Münder

Immer wieder hatte sich die Menschheit neu erfunden. In archaischer Zeit identifizierte sie sich noch als Einheit mit dem sie Umgebenden, empfand sich als Teil einer ursprünglichen Ganzheit allen Seins.

Die magischen Menschen sahen sich in der Natur verwoben, doch hatten sich darin erkannt, worin sie sich zum ersten Mal ihrer selbst bewusst wurden und begannen sich wahrzunehmen.

Jean Gebser führte nun noch eine weitere Stufe der Bewusstseinsentwicklung ein, die er als die »mythische Ebene« bezeichnete. Hierauf begab sich die Menschheit in einer Zeit, als jemand einen Anderen von Mund zu Ohr, über das Wesen des Seins unterrichtete.

Das diese neu entstandene Bewusstseinsebene, als »mythisch« angesprochen wurde, hatte einen guten Grund: das griechische Wort »Mythos« nämlich bedeutet »Rede«, »Wort« oder »Bericht« und ist auch verwandt mit dem englischen Wort »mouth«, für den Mund. Das man im Deutschen synonym für Mythos das Wort »Sage« verwendet, kommt auch nicht von ungefähr, geht es da doch eben um ein »Sagen«, ein Erzählen.

Wenn wir uns aber der Bedeutung des griechischen Wortes »Mythos« zuwenden, insbesondere der darin enthaltenen Wurzel »my« oder »mu« (Anm.: der griechische Buchstabe »y«, wird sowohl als »i«, »ü« wie auch als »u« ausgesprochen), was »laut werden« oder »ertönen« bedeutet, stoßen wir auf einen interessanten Zusammenhang: denn auch ein anderes griechisches Wort besitzt benannte Wortwurzel »my«: das Wort »myein«, was für ein »Sichschließen« steht, womit eben der geschlossene Mund gemeint ist. Im Sanskrit gibt es ebenfalls ein Wort mit dieser Wurzel, nämlich »mukas«, dass diesen Zusammenhang noch unterstreicht: da bedeutet es »stumm«. Und auch im Lateinischen begegnet man dieser Silbe »mu« mit »mutus«, das ebenfalls »stumm« bedeutet.

Im Griechischen ist die Wurzel »mu« oder »my« überdies enthalten am Anfang dieser Wörter: »Mystos«, dem Mysten, der in die geheimen Mysterien eingeweiht wurde, sowie in »Mysterion«, dem entsprechenden Mysterienkult. Beides sind Ableitungen von »myo«, dass ebenfalls die Wurzel »my« (beziehungsweise »mu«) enthält, und für den eigentlichen Grund eines geschlossenen Menschenmundes steht: Über Geheimnisse wird geschwiegen.

Aus dem griechischen Mystos entwickelte sich später dann das, was man in christlicher Zeit zur Bezeichnung für jemanden verwendete, der sich in wortloser, innerer Versenkung befand: ein Mystiker.

So sind also die Bedeutungen dieser Wortwurzel anscheinend widersprüchlich, wo es doch im Wort Mythos um das Sprechen geht und im Wort Mystos um das Schweigen. Es wäre dabei jedoch falsch sich voreilig für eine der beiden Bedeutungen entscheiden zu wollen, sind doch beide gültig. Hier nämlich kommt eine Polarität zum Vorschein, die den alten Menschen zuerst einmal bewusst werden musste.

Ihr Eingebundensein in der Welt erhielt damit eine neue, zweite Dimension. Der Mensch begann sich von da an als Subjekt zu empfinden, zu den ihn umgebenden Objekten. Und da sich in dieser Umwelt unendlich viele Objekte befanden, ließ sich damit auch die Zweidimensionalität eines Kreises aufspannen, in dem der er seine Welt räumlich wahrzunehmen begann.

Führte die archaische Struktur durch den Verlust der Ganzheit zur Einheit der magischen Struktur, und war damit ein erstes dämmerhaft zunehmendes Bewusstwerden des Menschen als einer Einzelung vorgegeben, so brachte die magische Struktur durch den in ihr sich abspielenden Befreiungskampf gegen die Natur eine Herauslösung aus der Natur und damit die Bewusstwerdung der Außenwelt. Die mythische Struktur nun führt zu einer Bewusstwerdung der Seele, also der Innenwelt. Ihr Symbol ist der Kreis, der stets auch Symbol der Seele war.

- Aus Jean Gebsers Buch »Ursprung und Gegenwart«, Kapitel »Die mythische Struktur«

War das Resultat der magischen Struktur des Menschen die Bewusstwerdung von Erde und Natur, so brachte die mythische Struktur einen Gegenpol zur Erde: den Himmel. Darin wieder taucht die Symbolik des Kreises auf. Denn der Zyklus der Gestirne, vornehmlich der Lauf von Sonne und Mond durch Tag und Nacht, repräsentiert jene angedeutete Polarität von Subjekt und Objekt, in der sich der Menschen als Beobachter befindet und bewegt.

Damit schließt sich auch der Kreis zu dem, was wir zuvor über die besagte Wortwurzel »mu« oder »my« andeuteten: Aus ihr wachsen zwei anscheinende Widersprüche – Mystos und Mythos – Schweigen und Sagen, welche in direktem Zusammenhang stehen mit der dunklen Abwesenheit und der lichtvollen Anwesenheit der Sonne. Was bedeutet das?

Um sich in der Welt zu empfinden, musste der mythische Mensch das polare Verhältnis seines Seelenseins nicht nur zu einem über-erdhaften Himmel (Berg Olymp), sondern ebenso zu einem unter-erdhaften Schattenreich (Fluss Hades) erkennen.

In diesem inneren Gewahrwerden einer neuen Dimension, worin die Pole eines Sternenzelts und einer Unterwelt, eines Himmels und einer Hölle, einen Kreis der Zweidimensionalität aufspannen, dort im Mittelpunkt dieses Kreises lernte der Mensch das Wesen seiner Seele zu empfinden. In ihr nämlich spiegelte sich sein mythisch-mystisches Sein, darin reflektierte die Doppelnatur alles Weltlichen, symbolisch-diabolisch, göttlich-teuflisch, hell-dunkel, licht-finster, gut-schlecht, überweltlich-tiefgründig.

Diese Pole im Kreis, umspannen im Leben eines Menschen den Zyklus von Werden und Vergehen – im Erkennen der Zeit.

Über die Wirksamkeit des Schweigens

Was in der Seele des Menschen zum einen als stummes Bild erscheint, erklingt daraus ein andermal durch den Mund, als tönendes Wort. Das als inneres Bild Vernommene hat seine polare, bewusst gewordene Entsprechung im ausgesagten Wort. Dabei erkennt der Mensch seine Seele, worüber er den in nächtlicher Stummheit geschauten Traum, im Wachbewusstsein sprechend hörbar macht. Indem er darüber spricht, richtet er die sich ent-sprechenden Pole von Traum und Wachheit aufeinander aus.

So ist das Wort stets Spiegel des Schweigens; so ist der Mythos Spiegel der Seele. Erst die blinde Seite ermöglicht die sehende. Und da alles Seelische vor allem auch Spiegelcharakter hat, trägt es nicht nur naturhaften Zeitcharakter, sondern ist stets auf den Himmel bezogen; die Seele ist ein Spiegel des Himmels – und der Hölle. So schließt sich der Kreis von Zeit – Seele – Mythos – Hölle und Himmel – Mythos – Seele – Zeit.

- Aus Jean Gebsers Buch »Ursprung und Gegenwart«, Kapitel »Die mythische Struktur«

Etwas zu sagen oder darüber zu schweigen obliegt die besondere Entscheidung einer Ver-Antwortung. Jemand kann das im Gesagten Geschiedene ent-scheiden und so das darin Scheidende aufheben. Darum ist es nicht notwendig beim Berichten über eine Sache, alles bis aus dem letzten Bedeutungswinkel heraus erklären zu wollen. Vielmehr macht das Nichtgesagte, das im Gesagten mitschwingt, einen Bericht oder eine Rede erst interessant. Damit nämlich erhält das Gesagte seine Tiefe und einen Gegenpol, die es in die Spannung eines wirkenden Lebens bringt.

Von daher bewirkt etwas beim Zuhörer nur anzudeuten, weit mehr als ein vollständiges und bis ins letzte Detail erfolgte Erklären. Klarheit soll sich der Zuhörer durch eben jene, in der Rede tiefer liegende, jedoch unausgesprochene Aussage, selbst verschaffen, durch seine eigene Imagination.

Bloßes Schweigen ist magische Gebanntheit; bloßes Reden ist rationaler Leerlauf.

- Aus Jean Gebsers Buch »Ursprung und Gegenwart«, Kapitel »Die mythische Struktur«

Magie: Machen mit gleich-gültigen Mitteln

Magie: Machen mit gleich-gültigen Mitteln

Höhlenschamane - ewigeweisheit.de

Das Wort »machen« ist seiner Herkunft gemäß verwandt mit den Wörtern »Macht«, »Mechanik« oder »Magie«. Als der Mensch sein Selbst in der Welt fand, war er nicht mehr nur in der Welt sondern begann über sie verfügen zu wollen. Er wollte auf die ihn umgebende Natur Einfluss nehmen, um in ihr besser überleben zu können.

Dieser machende, »magische Mensch«, zentrierte sein Sein in der Welt, in der er sich begann zu erkennen. Hiermit einher ging natürlich auch das Bedürfnis sein Leben in einer oft gefahrvollen Umgebung zu kontrollieren. Um etwa die Gefahr durch wilde Tiere zu bannen, verkleidete er sich als diese Tiere oder zeichnete sie, um so über sie Macht zu erhalten.

Hiermit empfand sich der magische Mensch irgendwann im Mittelpunkt der Welt stehend, wodurch sich seine Bewusstseinsstruktur in eine erste Dimension entfaltete: Er erkannte sich in der Welt, fand darin Bezugspunkte, zu denen er sich ins Verhältnis setzte.

Natürlich ergaben sich damit unendlich viele Bezugspunkte zwischen ihm und der Welt, zwischen sich und dem ihn umgebenden Sein. Und da der magische Mensch noch kein Raum- und Zeitempfinden besaß, war damals diese Verbindung zu seiner Welt weder unterschieden durch ein Da oder Dort, noch durch ein Vorher oder Nachher. Alles fand sozusagen »gleichzeitig« und »überall« statt.

So ein Erfahren erlebt der heutige Durchschnittsmensch vielleicht gerade einmal im nächtlichen Traum, wo er zum Beispiel Menschen aus der Vergangenheit, vielleicht schon Verstorbene trifft oder sich geschwind von einem an einen ganz anderen Ort begeben kann.

Magische Bewusstseinsstrukturen konnten sich aber erhalten, besonders bei den indigenen Völkern, zumindest bis ins 20. Jahrhundert. Über diese Fähigkeit schrieb der deutsche Ethnologe Leo Frobenius (1873-1938), in seiner 1933 erschienenen »Kulturgeschichte Afrikas«. Darin berichtet er von einem, von ihm so genannten »Licht-Ritual« der Kongo-Pygmäen, dessen Zeuge er auf einer Expedition werden durfte. Da begleiteten ihn drei Männer und eine Frau dieses afrikanischen Jägerstammes.

Frobenius und sein Forscherteam hatten eines Abends einen Wunsch, der den Pygmäen recht ungewöhnlich erschien: sie sollten für sie Wild erlegen. Hierüber erstaunt wiesen diese jedoch darauf hin, dass es ja bereits dunkel sei und sie keine Vorbereitungen für eine Jagd getroffen hätten. Nach längerem Verhandeln erklärten sich die Pygmäen zuletzt dann aber bereit, am nächsten Morgen dem Wunsch des Expeditionsteams nachzukommen.

Am nächsten Tag stand Frobenius auf noch vor Sonnenaufgang, um den Platz zu finden, den sich die Pygmäen zur Vollziehung ihrer Jagd ausgesucht hatten:

Noch im Grauen kamen die Männer, aber nicht allein, sondern mit der Frau. Die Männer kauerten sich auf den Boden, rupften einen kleinen Platz frei und strichen ihn glatt. Dann kauerte der eine Mann sich nieder und zeichnete mit dem Finger etwas in den Sand, währenddessen murmelten die Männer und die Frau irgendwelche Formeln und Gebete. Danach abwartendes Schweigen. Die Sonne erhob sich am Horizont. Einer der Männer, mit dem Pfeil auf dem gespannten Bogen, trat neben die entblößte Stelle. Noch einige Minuten, und die Strahlen der Sonne fielen auf die Zeichnung am Boden. Im selben Augenblick spielte sich blitzschnell Folgendes ab: die Frau hob die Hände wie greifend zur Sonne und rief laut einige mir unverständliche Laute; der Mann schoss den Pfeil ab; die Frau rief noch mehr; dann sprangen die Männer mit ihren Waffen in den Busch. Die Frau blieb noch einige Minuten stehen und ging dann in das Lager. Als die Frau fortgegangen war, trat ich aus dem Busch und sah nun, dass auf dem geebneten Boden das etwa vier Spannen lange Bild einer Antilope gezeichnet war, in deren Hals nun der abgeschossene Pfeil steckte.

[…] Am Nachmittage kamen die Jäger mit einem hübschen Buschbocke uns nach. Er war durch einen Pfeil in die Halsader erlegt. Die Leutchen lieferten ihre Beute ab und gingen dann mit einigen Haarbüscheln und einer Fruchtschale voll von Antilopenblut zu dem Platz auf dem Hügel zurück.

Was in diesem Jagdritual vor sich ging, musste anscheinend eine ganz besondere magische Vorstellung zugrunde liegen, die nicht ohne weiteres deutbar ist. Fest steht jedoch, dass Sonne und Blut dabei von zentraler Bedeutung sind. Denn was die Pygmäen als Bild in die Sandoberfläche gezeichnet hatten, identifizierten sie augenscheinlich mit dem Tier selbst. Den Pfeilschuss verstand man synonym für das Fallen des Sonnenstrahls auf das Bild.

Nicht aber der Pfeil der Pygmäen war es der tötete, sondern der erste Strahl der Sonne, der auf das Tier fiel. Der tatsächliche Pfeil war da nur Symbol – der Sonnenstrahl der tötende Pfeil. Nicht umgekehrt.

Der magische Vollzug dieses Rituals konnte dabei nur durchgeführt werden, da die vier Pygmäen die Verantwortung ihres Gruppen-Ichs auf die Sonne zu übertragen wussten. Das heißt, dass das was man heute vielleicht als sittliche Verantwortung bezeichnen könnte, nicht etwa durch eine Art Treue übertragen wurde, auf das Licht einer angebeteten Sonne. Vielmehr war ihr Ich bislang nicht individualisiert, sondern mit dem Sonnenlicht noch eins. Entsprechend konnten sie da anscheinend Sonnenstrahl und Pfeil einfach miteinander austauschen.

Magie und Wollen

Voraussetzung, in diesem Bewusstsein etwas in der Umwelt zu erwirken, war, dass der Urmensch in dieser Phase der Menschheitsentwicklung begann »zu wollen«. Dieser Wille floss ein in Beschwörungen und Banne, in Totems und Tabus, womit sich der Mensch zum Macher, zum Magier entwickelte. Mit Hilfe solch magischer Utensilien begann er erstmals seine Seele zu lösen, aus der Übermacht der Natur.

Was die Pygmäen in ihrem naturbezogenen kultischen Leben anscheinend bis ins 20. Jahrhundert hinein erhalten haben, war eben diese magische Fähigkeit jeden Punkt mit einem beliebig anderen Punkt nicht nur in Verbindung zu bringen, sondern ihn sogar ganz frei mit jedem Punkt zu identifizieren. Die Vertauschung des Sonnenstrahls der auf den Tierkörper fällt und der Pfeil der in das Sandbild jenes Tieres eindringt, bildeten für sie eine Einheit.

So auch empfanden die alten Menschen die Welt als Ganzes, wo jeder Teil im Kleinen einem Großen entspricht und umgekehrt. Alle Punkte darin sind austauschbar in ihrer Einigkeit. Es geht da aber nicht etwa um eine Einigkeit in der Verbindung von Ursache und Wirkung (Kausal-Konnex); denn wenn die magischen Menschen Objekte bebilderten oder Tiere an Höhlenwände malten, fand für sie ein Verbinden von Gleichem statt, eine Vertauschung. Doch ihre Magie war da nicht etwa nur ein Täuschen, ein Illusionieren, sondern der Versuch sich der Kräfte der Natur, mit gleich-gültigen Mitteln zu ermächtigen. Man wollte durch Ritualhandlungen machen, durch Macht gewinnen (Vital-Konnex).

Vom Schließen des Mundes und dem Leuchten der Aura

In alter Zeit, wo sich also diese magische aus der archaischen Bewusstseinsstruktur entwickelte, besaßen die Menschen in ihrem Sein noch eine besondere Naturnähe. Bereits in frühen bildhaften Darstellungen dieser alten Menschen scheint das zum Ausdruck zu kommen. Da nämlich stellte man das Haupt und manchmal auch den ganzen Körper dar, eingeflochten in den umgebenden Raum. Diese Art naturverwobener Abbildungen existieren überall auf der Erde, selbst bei unabhängig voneinander lebenden, durch Ort und Zeit getrennten Menschengruppen.

In ihrer besonderen Naturnähe verfügten die alten Menschen über magische Fähigkeiten, die in solchen Zeichnungen, Bildern und Masken, deutlich zum Ausdruck kommen.

Eines der markantesten Merkmale dieser magischen Bewusstseinsstruktur nun, war die Mundlosigkeit, der zu dieser Epoche bildhaft dargestellten Götter oder Adepten. Man könnte das vielleicht verstehen als Ausdruck von Passivität, Verinnerlichung des Äußeren oder einem Wunsch nach Schutz und Geborgenheit.

Damals wie heute ist es der Mund, über den ein Mensch zum ersten Mal Kontakt aufnimmt mit seiner Umwelt, wenn er damit als Säugling an der Mutterbrust saugt. Der Mund und seine Erlebniswelt steht damit am Anfang allen menschlichen, äußeren Bewusstwerdens. Wenn das Kleinkind dann aber sehen lernt, realisiert es bei einem anderen Menschen zuerst die Augenpartie und die Nasenwurzel, wobei der Mund des anderen noch gar nicht gesehen wird. Interessanterweise ist jene vom Kleinkind zuerst identifizierte Gesichtspartie auch der Bereich, der von einem Menschen an einem anderen wahrgenommen wird, wenn er ihn in Meditation betrachtet: Die Mundpartie verschwindet oder wird nur ganz verschwommen wahrgenommen.

Venus von Brassempouy - ewigeweisheit.de

Venus von Brassempouy: Eine der ältesten (zwischen 26.000 und 24.000 Jahre alt) bekannten Darstellungen eines menschlichen Gesichtes ohne Mund.

Nun ist interessant, dass auch bei alten Götterdarstellungen in verschiedenen indigenen Kulturen (Mexiko, Peru, Papua, Australien) der Mund entweder fehlt oder nur mit einem dünnen Strich angedeutet wird, während man Augenhöhlen und Nasenpartie ganz ausgeprägt abbildet. Allen gemein ist aber, dass in Darstellungen dieser Götterwesen, alle eine Art »Aura« besitzen, die darauf als Auswüchse am Kopf oder gar am ganzen Körper abgebildet oder durch Punkte angedeutet sind. Es scheint als gäbe es einen Zusammenhang zwischen Mundlosigkeit und Aura.

Aus der Sagenwelt Europas etwa erfahren wir, dass die Seele – als das Bewusstseinselement aller Lebenden – nun über den Mund aus dem Körper eines Sterbenden entweicht. Ist der Mund in den oben angedeuteten Götter-Darstellungen aber geschlossen, scheint die Seele darin noch im unreflektierten Zustand zu schlummern. Diese eben angedeutete Aura aber wird durch den geschlossenen Mund, in ihrer eigentlichen Macht gespeist durch eine anscheinend »nicht entwichene seelische Kraft«. Doch das Schweigen manchmal weit mehr erreicht als Gerede, zeigt sich uns ja auch in vielen alltäglichen Lebenssituationen.

Schon in alten Steinzeit-Statuetten findet sich diese Mundlosigkeit. Dazu zählen zum Beispiel die Venus von Dolní Věstonice (Alter: 25.000 bis 29.000 Jahre) oder die Venus von Brassempouy (Alter: 21.000 bis 26.000 Jahre), in deren Köpfen Augen markiert oder eingeritzt sind, doch die keine Münder besitzen. Auch auf jüngeren Artefakten ist diese Mundlosigkeit noch vorhanden, wie etwa beim Gesicht der fast zwei Meter hohen Statue des sogenannten Urfa-Mannes (Alter: 11.000 Jahre). Auch die mesopotamischen »Augen-Idole« von Uruk (Alter: 5.500-6.000 Jahre) verfügen noch nicht über einen Mund.

Bemerkenswerteste Wandmalereien solcher mundlosen Wesen finden sich auch in der australischen Kimberley-Region, die neben mehr als 20.000 Jahre alten Gemälden, von den einstigen Ureinwohnern des Kontinents in Höhlen abgebildet wurden. Sie zeigen die sogenannten »Wandjina«, besondere Geistwesen die in der Mythologie der Aborigines von Bedeutung sind. Es sind diese Bilder, die Gesichter mit Augen und Nase zeigen, jedoch immer ohne Mund.

Was diese Mundlosigkeit bedeutet wird ersichtlich, wenn man realisiert, in welch betontem Maß diese Darstellungen (Malereien und Statuetten) Ausdruck der magischen und nicht etwa der mythischen Bewusstseinsstruktur sind. Denn erst dort, wo Mythos ist, ist auch der ihn aussagende Mund. […] Unserem Deutungsversuch für das Fehlen des Mundes liegt die Tatsache zugrunde […] in welchem Maße noch nicht das Gesprochene Bedeutung hat, sondern, wie wir sogleich sehen werden, das Gehörte, d. h. die Laute der Natur, die auf den magischen Menschen einwirken. […] Die Verständigung innerhalb des Gruppen-Ich, des »Wir«, bedarf noch nicht der Sprache, sondern erfolgte gewissermaßen »subkutan« (unter der Haut) oder telepathisch

- Aus Jean Gebsers Buch »Ursprung und Gegenwart«, Kapitel »Die magische Struktur«

Welch wichtige Rolle das Schweigen für die alten Menschen innerhalb der magischen Bewusstseinsstruktur spielte, wurde oben deutlich, als wir die Jagdszene der Pygmäen beschrieben, wo ja das Warten auf den Sonnenaufgang in vollkommen schweigsamer Stille erfolgte.

Die alten, magischen Menschen versuchten auf akustischem Wege, eben nur die sie beherrschenden Mächte anzurufen, um sie dadurch zu bannen – etwas das unserem heutigen Verständnis möglicherweise nur schwer zugänglich ist. Der Schall galt ihnen eben allein als magisches Mittel. Aufgrund dessen erzeugte man mit dem Mund akustische Signale nur für solche Zwecke und nicht zur Kommunikation, die in alter Zeit, wegen des noch überwiegenden Gruppenbewusstseins, wohl noch nicht notwendig gewesen war. Vielmehr dienten durch den Mund geäußerte, wahrscheinlich rhythmische Laute, als energetischer Ausdruck der Gemeinschaftsseele der Gruppe, der in den oben angedeuteten magischen Ritualen der Pygmäen seinen Zweck erfüllte.

Über die Bewusstseinsentwicklung der Menschheit

von S. Levent Oezkan

Als sich die Menschheit noch in ihren Ursprüngen befand, in einer noch raum- und zeitlosen Welt, und das geistige Menschsein noch Symbole prägten, entstanden Dinge, die, wie im Schatten menschlicher Unbewusstheit ruhend, darauf warteten ihren Ausdruck zu entfalten.

Allmählich entstanden da aus der alten Seele der Urzeitmenschen die Dinge in der Welt, erhielten Räumlichkeit und Tiefe, stiegen daraus erscheinend hervor, wurden sichtbar. Das aber geschah erst Jahrtausende nachdem die Menschen, als sogenannte »Primitive«, ihre Höhlen verließen. Sehr viel später erst erfand der Mensch die »Perspektive«, womit er dem Raum ein Maß verlieh, worin er die Welt und darin sich selbst abbilden konnte.

Erst in der Renaissance, im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, entstand zum ersten Mal das, was man als »Ich-Empfinden« bezeichnen kann. Der Mensch erkannte sich im Raum, als Teil der Perspektive eines Anderen. Meistersinger und Troubadoure verwendeten auf einmal dieses Wort »Ich« in ihrer romantischen Poesie. Man begann da immer mehr Wert auf die eigene Individualisierung zu legen, sich damit aber gleichzeitig zu »entsachlichen«. Alles Übersinnliche zog sich da zurück in die Schichten des Unterbewussten.

Man gewann damals auch einen neuen Zugang zu dem, was man heute gewöhnlich »Zeit« nennt. Uhren stellte man zum ersten Mal im 13. Jahrhundert auf. Ab diesem Moment aber erhielt die Zeitwahrnehmung eine vollkommen andere Qualität. Zeit wurde metrisch und blieb nicht mehr nur zyklisch. Woran die Menschen im Sonnenlauf als Zeit gewöhnt waren, wo jeder Moment anders ist vom vorherigen, sollte von da an immer wenigeren erfahren werden, als stattdessen als Quantität gemessen und abgelesen zu werden.

Die im Tages- und Jahreslauf der Sonne ablaufenden, natürlichen Vorgänge abstrahierten immer weiter in ein Stunden- und Minutenmaß. Das konkrete Empfinden eines reinen Jetzt, wurde durch die Aufteilung in die Phasen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, aus dem Bewusstsein immer weiter verdrängt.

Die perspektivische Welt

Wie bereits angedeutet entwickelte man in der Renaissance die perspektivische Veranschaulichung des Raumes. Seit spätestens damals wurde das Auge zum Sinnesorgan mit der höchsten Bedeutung. Und damit einher ging die Entwicklung von Sehhilfen wie auch Mikroskopen und Teleskopen.

Bei alle dem empfand sich der Mensch immer mehr als Maß aller Dinge. Kein Zufall also, dass es in dieser Zeit auch zu einer Humanistischen Bewegung in Europa kam, deren zentrales Bestreben die Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten zum Ziel hatte.

Es war die Zeit in der das menschliche Ego entstand, wo das was man »die Seele« nennt, mehr und mehr ins Unterbewusstsein hinabsank. Während man in den Jahrhunderten zuvor noch ausgiebig über das Wesen der Seele nachsann und sich in einer Art »Seelengebäude« empfand, sollte das, wie es scheint, spätestens zur Wende in die Neuzeit in sich zusammenfallen.

Geblieben von dem was man damals Seele nannte, ist was sich nur noch auf medizinischer Sicht der modernen Psychologie verdichtete, zu einer rein materiellen Auffassung ihres Wesens.

Es war auch die Zeit in der ein Kopernikus die Erde als zuvor himmlischen Mittelpunkt, auf die Ränge von etwas Altem verfrachtete, und mit einer übergroßen Sonne als Zentrum der Welt, die Erde in die Beiläufigkeit absinken ließ.

Davor hatte Ptolemäus aus der Erdscheibe eine Kugel gemacht, was Christoph Kolumbus durch seine Reise nach Westen über das Meer etwas widersprüchlich bestätigen sollte. Doch es wurde aus der zweidimensionalen Sicht auf die Welt der Erdscheibe, eine Kugel in der Dreidimensionalität eines Planetensystems. Schließlich sollte durch Keplers astronomische Forschung über die elliptische Bewegung der Erde und der Planeten um die Sonne, das alte Weltbild endgültig einstürzen.

Interessant das zu dieser Zeit auch der Kolonialismus begann. Aber auch die allmähliche Zergliederung der Welt und der Gesellschaft setzte damals ein. Länder durchzogen Grenzen, Religionen trennten Konfessionen.

In dieser Zeit begann sich der Mensch im Raum wahrzunehmen, empfand sich »maßstabsgetreu« in die Welt gesetzt. Das war die Zeit eines Martin Luther und der Reformation des Christentums, wo es im christlichen Westen durch die Überlegenheit einzelner Nationen, gleichzeitig zu einer Aufteilung in unabhängige Staaten kam.

In diesem Verlauf veränderte sich natürlich auch das Bewusstsein des Menschen, dessen ursprünglich ganzheitliche Sicht auf die Welt, sich immer mehr zu einem Tunnelblick zusammenzog, wo das Werk des Einzelnen, wo Erfindungen und Spezialisierung, zu einer Aufsplittung des Miteinander führen sollten. Dabei blähte sich das Ego des Einzelnen anscheinend immer weiter auf und die Rechte der Persönlichkeit suchten nach Einhaltung, wenn auch als berechtigt wahrgenommen. So kam es auch zur Infragestellung dessen was Gott sei, woraus sich auch der Wunsch des Einzelnen nach Unabhängigkeit und Selbständigkeit entfaltete.

Je weiter sich also der den Menschen umgebende Raum ausdehnte, durch den Blick in die Ferne mit Ferngläsern und Teleskopen, desto mehr schien auch das Ego des Individuums danach zu gieren, nur für sich Platz einnehmen zu wollen. Nicht mehr das Persönliche bestimmte die Realität des Einzelnen, sondern immer mehr ein sachliches Empfinden. Man versuchte sich einem Außen anzugleichen, sich zu »normalisieren« an den gegebenen Maßstäben. Diese Entwicklung sollte zu dem führen, was man die »Moderne Welt« nennt.

In diesem Verlauf der Geschichte lösten sich die Erinnerungen an die Ursprünge immer weiter ab, durch ein Streben nach zukünftigem Fortschritt. Das Spähen in die Ferne machte eine Rückbesinnung, und das was Religion eigentlich ist, immer überflüssiger. Eine Vorstellung von Ursprüngen passte da einfach nicht mehr in das abstrakte Empfinden einer an Uhren abzählbaren Zeit, zumal einem Ursprung ja nie eine Vergangenheit vorausging.

Der Ursprung ist immer gegenwärtig. Er ist kein Anfang, denn aller Anfang ist zeitgebunden. Und die Gegenwart ist nicht das bloße Jetzt, das Heute oder der Augenblick. Sie ist nicht ein Zeitteil, sondern eine ganzheitliche Leistung, und damit auch immer ursprünglich.

- Jean Gebser im Vorwort zu seinem Buch »Ursprung und Gegenwart«

Die aperspektivische Welt

Allmählich entwickelte sich aus einer perspektivischen, räumlich bezogenen und visuellen Welt etwas, dass einen abstrakten, jedoch messbaren Zeitfaktor, in ein modernes, materialistisch geprägtes Bewusstsein integrierte. So konnte die Welt empfunden werden als etwas, worin sich das Ego eines Individuums in einer vierdimensionalen Welt der Raumzeit bewegt. Hier und Jetzt wurden messbare Größen.

Das ist das Bewusstsein des 20. Jahrhunderts, wo sich das zeitlich Abstrakte gar in einem räumlich Abstrakten manifestierte, insbesondere in der Kunst des Surrealismus. Da nämlich erhob man sich hinweg über die Begrenzungen dessen, was über die Jahrhunderte seit Beginn der Neuzeit, als perspektivisch abbildbarer Raum bewusst werden sollte. Nicht nur entwickelte da ein Albert Einstein seine Relativitätstheorie, Ernest Rutherford sein Atommodell oder Werner Heisenberg die Quantenmechanik; es entstand da auch eine neue, zeitgemäße Spiritualität.

Immer aber galt der Grundsatz, dass nichts Neues entdeckt oder erkannt werden kann, ohne dabei vom Alten auszugehen. Man musste also immer eine Quintessenz voraussetzten, auf die sich das Neue beziehen lässt, auch wenn das spätestens seit dem 20. Jahrhundert kaum noch geschehen war.

Geistige Mutationen

Ursprung einer jeden Gegenwart bildet ein spirituelles Selbst. Dieses Selbst wandelt sich, meist sprunghaft, im Laufe der Zeit in seiner Wesentlichkeit. Der Kulturphilosoph Jean Gebser (1905–1973), dessen Werk wir uns im Folgenden genauer ansehen wollen, sprach hier von »Mutationen der Entwicklung«. Etwas Neues wurde entdeckt oder durch kosmische Einflüsse notwendig, so dass es mit einer natürlichen Reaktion darauf, schier übergangslos zu neuen Entwicklungen kam.

In ihren Forschungen fanden Ende des 19. Jahrhunderts die Naturwissenschaftler Albert Michelson und Edward Morley, dass sich das Licht, nicht wie zuvor angenommen (etwa von Isaac Newton), unendlich schnell ausbreitet. Auch das Licht benötigt eine bestimmte Zeit um von seinem Ursprung, seiner Quelle aus, ein entferntes Objekt zu erreichen. Mit dieser Erkenntnis sollte sich natürlich die ganze bisherige Sichtweise auf die Realität ändern, ist es doch insbesondere das Licht, durch das der Mensch die Welt wahrnimmt und womit er eben das entwickelte, was wir als die »perspektivische Welt« oben einführten.

Auf Grundlage der Erkenntnis von der konstanten Ausbreitungsgeschwindigkeit von Lichtwellen, entwickelte Albert Einstein dann seine Theorie der Relativität, wo sich Raum, Zeit, Masse und Energie, immer relativ zum Beobachter verhalten, je nachdem wo sich er und das beobachtete Objekt gerade befinden, ob und wo sie sich bewegen.

Diese Feststellungen sollten einen ähnlichen Entwicklungssprung der Menschheit auslösen.

Zuvor aber ereigneten sich andere Mutationen des Bewusstseins, wie etwa die oben angedeutete, sich im Mittelalter offenbarende Erkenntnis des Heliozentrismus, mit der Sonne als Mittelpunkt der Welt.

Selbst aber wenn diese Erkenntnisse sich auf die physisch beschreibbare Natur der Dinge beziehen, sind sie doch auch spirituell in dem Sinne, als dass sich menschliches Bewusstsein auf einmal weit über das bisher Erkannte erhebt. Nur aber erfolgte das ganz und gar außerhalb eines linear messbaren Zeitempfindens, schlug es doch eine Bresche in den an Uhr und Kalender ablesbaren Größenordnungen – was insbesondere für Einsteins Relativitätstheorie zutrifft.

Bewusstseins-Mutationen sind Anfänge eines neuen Zeitabschnitts in der langen Entwicklungsgeschichte der Menschheit, wenn sie auch nur erfolgen können, da ihnen andere solcher Evolutionssprünge des menschlichen Geistes vorausgingen; etwas das seit eh und je präsent war und auch jetzt für immer in uns fortlebt.

Es geht dabei um die Vollendung eines Integrationsvorganges dessen was war, in das was ist: Etwas entfaltete sich, eine spirituelle Wirklichkeit wohnte diesem Vorgang einer Bewusstseinsmutation bei, das Ewige hatte teilgenommen an der Einleitung zu einer neuen Entwicklung.

Diese hier beschriebene Entwicklung hat aber weniger mit dem zu tun, was man unter Fortschritt versteht. Fortschritt ist immer eine Bewegung fort, weg von dem was ist, ein Entfernen vom Ursprung. Das aber trifft eben nicht zu auf das, was Gebser als »Mutation des Bewusstseins« beschrieb, ist der Entwicklungsschritt der Mutation doch eine Steigerung der bewussten Wahrnehmung von Dimensionalität. Wenn Einstein also eine Theorie entwickelte, die die Raumzeit relativierte, erweiterten sich die bis dahin vorausgesetzten vier Dimensionen (dreidimensionaler Raum plus eindimensionale Zeit) um eine weitere, fünfte Dimension.

Das Wesen des eigentlichen Ursprungs vom Bewusstsein aber schien damit weiter zu »verarmen«, da man sich von der ursprünglichen, ungeteilten Essenz des Seins erneut entfernte. Jean Gebser sah in dieser Erkenntnis aber auch eine Chance. Denn dies zu begreifen heißt, dass man die ultimativen Ursprünge in unserer Welt und auch in uns, zu einer Selbstverwirklichung bringen kann, um sie dabei in ihrer Eigentlichkeit zu erkennen. Denn diese Anfänge des Bewusstseins erhielten ihre Strukturen bereits während der Anfänge unserer planetarischen Menschheitskultur.

 

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Der Atem als Bindeglied

Der Atem als Bindeglied

Die Alten sahen oben den Himmel und unten die Erde. Zwischen ihnen und in stetiger Bewegung wehten Wind und Wetter. Dieses Kapitel beschäftigt sich mit dem Atem als Bindeglied zwischen 'Oben und Unten'.

Ein wesentlicher Aspekt aller Mysterientraditionen ist die Verbindung zweier verschiedener Formen des Bewusstseins. Diese beiden Pole tragen in den verschiedenen Traditionen die unterschiedlichsten Namen. Ich möchte im Folgenden einfach von einem oberen Bewusstsein und einem unteren Bewusstsein sprechen, um die Bedeutung zunächst möglichst intuitiv und offen zu halten. 'Oben und unten' ist dabei bitte völlig wertungsfrei zu verstehen. Erst einmal gilt es, sich ein ungefähres Bild von diesen beiden Polen zu machen, welches durchaus eine Vereinfachung sein wird, aber für den hier behandelten Sachverhalt völlig genügt.

Das obere Bewusstsein ist im Kopfbereich und im Hirn beheimatet. Hierin gründen die willkürlichen und bewussten Prozesse: Sehen, Hören, Sprechen, bewusste Motorik, Denken... Im Bauchbereich wiederum befindet sich der Sitz des unteren Bewusstseins, worin generell die unbewussten und unwillkürlichen Prozesse gründen: Wachsen, Verdauen, Galle ausscheiden, Magensäure produzieren, Affekte, Leidenschaften... Die Funktionen des unteren Bewusstseins werden üblicherweise nicht bewusst bewirkt, sondern geschehen einfach. So zumindest aus Sicht des oberen Bewusstseins, mit welchem sich viele Menschen identifizieren.

Im unteren Bewussten ruhen jedoch unglaubliche Fähigkeiten und Kenntnisse, die der Mensch beispielsweise dann erfährt, wenn er etwas 'aus dem Bauch heraus' erfolgreich tut und es ihm ohne viel Nachdenken einfach gelingt. Ein Koch z.B., der die Zutaten nicht mit der Feinwaage abmisst, sondern gerade so in das Essen hineingibt, wie es sich für ihn stimmig anfühlt. Der Bauch des Menschen hat ganz andere Kenntnisse und Fähigkeiten als der Kopf und leider ist es doch häufig so anzutreffen, dass diese beiden, Kopf und Bauch, gegeneinander ankämpfen.

Der Atem nun ist ein besonderes Mittel der Wahl, wenn es um Praktiken geht, durch welche der Mensch diese beiden Pole miteinander verbindet und harmonisiert. Der Atem nämlich lässt sich leicht als das Mittelglied zwischen oberem und unterem Bewusstsein ausmachen: Denn die menschliche Atmung ist zumeist ein unwillkürlicher und unbewusster Prozess. Egal ob der Mensch schläft, ob er beschäftigt ist, ob er spricht, der Atem fließt, ohne dass es nötig wäre, einen Gedanken darauf zu verwenden. Er scheint also in diesem Sinne zum unteren Bewusstsein zu gehören, wie auch die Verdauung und der Wachstumsprozess. Aber, im Gegensatz zu diesen den beiden letztgenannten, kann der Mensch auch völlig willkürlichen Einfluss auf seine Atmung nehmen. Er kann sich denken: "Jetzt atme ich aus." Und dann kann er ausatmen, seiner Willkür gemäß.

Da der Atem also eine Verbindung zum oberen wie zum unteren Bewusstsein des Menschen hat, lassen sich beide Pole durch entsprechende Atemübungen miteinander verbinden und in Einklang bringen, und die verschiedensten Traditionen haben eine Vielzahl von Übungen zu genau diesem Zwecke entwickelt. Wer sich mit bewusster Atemtechnik in der Praxis beschäftig, der wird früher oder später mit solcherlei Techniken zu tun haben und lernen, die pranischen Energien der beiden Zentren (Kopf und Bauch) durch Pranayama gezielt fließen zu lassen und untereinander auszutauschen. In der westlichen Esoterik wird dieser Austausch häufig mit einem geschlossenen Stromkreislauf vergleichen, welcher zu einem starken Anstieg der verfügbaren Energien führt.

In der Kabbalah werden den drei angesprochenen Zentren im Menschen, dem oberen, dem unteren und dem mittleren, übrigens auch die drei Mutterbuchstaben Aleph, Schin und Mem symbolisch zugeordnet, welche ihrerseits wiederum mit bestimmten Elementen korrespondieren. Zudem ist diesen drei Zentren auch jeweils ein entsprechender Seelenteil analog, wobei der mittlere Seelenteil Ruach heißt, was, wie eingangs gesagt, auch Atem bedeutet. Wer hier weiter forscht, dem offenbaren sich eine Menge sehr aufschlussreicher Analogie. Hier nochmal die entsprechende Übersicht: (Dabei ist es äußerst wichtig zu verstehen, dass es sich in dieser Übersicht um Entsprechungen und nicht um Gleichsetzungen handelt! Das obere Bewusstsein entspricht Neschamah, aber es ist nicht Neschamah!)

  1. Oberes Bewusstsein - Kopfbereich - Schin (ש) - Feuer - Seele: Neschamah (נשמה),
  2. Mittleres Bewusstsein - Brustbereich - Aleph (א) - Luft - Seele: Ruach (רוח),
  3. Unteres Bewusstsein - Bauchbereich - Mem (מ) - Wasser - Seele: Nephesch (נפש).

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch Genesis 1.4, wo es wörtlich heißt: Und die Ruach (Geist, Seele, Atem; im hebräischen feminin!) von Elohim (vereinfacht oft mit Gott übersetzt. Eigentlich aber ein Wortspiel mit der Bedeutung: Das göttliche Wesen, welches männlich, weiblich, einer und viele zugleich ist.), eine Schwebende über den Wassern. So also wie beim Menschen die Brust, der Atem, die Ruach, über dem Bauch, dem Wasser, liegt, ebenso ist es auch am ersten Schöpfungstag bei Elohim: Die Ruach schwebt über den Wassern. Eine sehr interessante und vielsagende Analogie.

Wie lernt man meditieren?

Wie lernt man meditieren?

Es gibt unzählige Gründe regelmäßig zu meditieren. Was aber die eigentlichen Vorteile des Meditierens sind, das ist nur schwer zu beschreiben. Ohne Frage aber, lebt jemand der täglich meditiert, nicht nur gesünder und ruhiger, er lernt sich selbst auch besser kennen. Meditieren hilft eine bessere Selbstbewusstheit zu entwickeln.

Meditation zu üben, wirkt sich sehr günstig aus auf unser Leben. Zum Einen bedeutet zu meditieren, den Strom der Gedanken zu beruhigen. Damit kann Stress abgemildert werden. Meditieren heißt darum zu entspannen. Wer meditiert, gewinnt andererseits zunehmend die Fähigkeit, eine ruhige Achtsamkeit zu entwickeln. Damit lassen sich bestimmte Verhaltensmuster erkennen und auch ändern. Es ist etwas ganz Großartiges, einen einfachen und langsamen Lebenswandel zu führen. Alle Komplexität, alle Kompliziertheit weicht dem bewussten Handeln in der Einfachheit.

Schon lange weiß man, dass Meditation sich sehr positiv auf die seelisch-geistige Verfassung auswirkt. Das heißt, wer regelmäßig meditiert, verbessert seine Konzentration, sein Erinnerungsvermögen und stärkt seine Selbstkontrolle. Meditation begünstigt den Stoffwechsel, unterstützt den Blutkreislauf und regelt Puls und Atmung.

Wenige Minuten am Tag zu meditieren, wirkt Wunder: selbst wer täglich nur kurze Zeit meditiert, schafft sich Oasen der Ruhe - die in unserer heutigen Zeit scheinbar immer knapper werden.

Meditation als grundlegende Gewohnheit

Wer meditiert beginnt seinen Tag in Ruhe, kann besser mit Stress umgehen und lebt im Jetzt. Nur wenige wissen, dass es sich besonders lohnt diese Gewohnheit zu entwickeln, wenn man andere Gewohnheiten ändern oder beenden will. Vielleicht grübelt man zu viel, malt sich ständig Angstszenarien aus oder sorgt sich um die Zukunft. Meist fällt einem aber garnicht auf, dass solche Vorstellungen sich in den Mittelpunkt des Bewusstseins stellen. Wer meditiert entwickelt aber ein Gewahrsein, wann solche Gedanken und Vorstellungen einsetzen und damit wird es leichter, die seelisch-geistigen Auswirkungen von Ängsten, Zweifeln und Sorgen abzumildern.

Alles was es bedarf um achtsamer zu werden: üben. Und wie übt man? Durch Meditation.

Schauen wir uns also an, wie Meditation hilft, bestimmte Gewohnheiten und Einstellungen zu ändern. Machen Sie Meditation zu einer neuen Gewohnheit.

Wie Sie täglich meditieren lernen

Meditieren gibt Kraft. Und man muss sich dafür gar nicht anstrengen. Im Gegenteil: es ist ganz leicht sich Meditation anzugewöhnen. Denn man kann immer meditieren und spürt sofort den positiven Effekt. Über wie viele andere Gewohnheiten lässt sich das schon sagen?

Viele glauben "richtig zu meditieren", könne man nur bei einem Meditationsmeister lernen. Doch Meditation können Sie hier beginnen, direkt nachdem sie diesen Satz zu Ende gelesen haben: indem Sie Ihren Atem beobachten. Sie können immer auf ihr Ein- und Ausatmen achten - ganz gleich ob sie im Auto sitzen, am Schreibtisch, während sie duschen oder essen. Probieren sie es mal - jetzt gleich. Es dauert nur ein oder zwei Minuten. Nehmen sie sich die Zeit: der Tag hat 1440 Minuten.

Meditieren lernen ist an sich sehr einfach.

Wie sie ihr Bewusstsein besser kennenlernen

Wer meditiert lebt bewusster. Und wer bewusster lebt kann neue Gewohnheiten entwickeln, die seinem Leben helfen, friedlicher, aufmerksamer und weniger ängstlich zu sein. Und es geht dabei nicht etwa ein Profi zu werden. "Professionell meditieren" - klingt seltsam, oder?

Meditation an sich hilft Denken und Fühlen besser zu verstehen. Bevor ich anfing Meditation zu üben, war mir überhaupt nicht klar, was in meinem Kopf eigentlich stattfand. Mein Denken führte mich mal hier, mal dort hin, folgte mal dem einen, mal dem anderen Gedanken, hielt den inneren Dialog für das Denken an sich. Meditation hilft diesen gewohnten Automatismus zu erkennen. 

Auch heute noch ertappe ich mich dabei, wie sich unentwegt Gedankenschleifen im meinem Kopf bilden. Doch es fällt mir eben auf und es wird mir immer mehr bewusst, was da vor sich geht, wie sich ein Gedankenbündel an das nächste heftet. Früher hätte ich daran einfach weiter teilgenommen - oder besser: es unwissend über mich ergehen lassen. Seit dem ich aber Meditation übe, sehe ich immer klarer und kann frei entscheiden, einen Gedankengang zu unterbrechen. Damit habe ich mir wirklich eine Menge Freiraum geschaffen. Ich bin einfach flexibler, denn ich kann unerwünschte Erinnerungen unterbrechen und etwas schönes, konstruktives denken.

Darum kann ich nur jedem ans Herz legen, Meditieren zu üben. Am Anfang ist es vielleicht nicht so einfach, da sich der Denkfluss nicht gleich als solcher erkennen lässt. Man kann es sich aber schwerer machen als nötig, wenn man zuviel von sich erwartet. Klein anzufangen und sich langsam steigern, ist vollkommen gut. Üben hilft und es geht erst am Anfang nicht darum, Meditationsexperte zu werden.

Wie man regelmäßig Meditieren übt

Eins vorweg: Es geht nicht darum alles auf einmal zu schaffen. Lesen Sie einfach mal alles durch und probieren Sie einige der Tipps aus. Dann schauen Sie immer mal wieder auf dieser Seite vorbei und probieren sie dann weitere Tipps.

Meditieren benötigt nicht viel Zeit. Zwei Minuten sind völlig ausreichend. Alles andere ist Gier - meinte mal der weise Jiddu Krishnamurti. Jeden Tag zwei Minuten sind perfekt für den Anfang. Wenn Sie damit gut klarkommen, können sie nach einer Woche, nochmal eine Minute dranhängen und so weiter. Wenn sie dann in ein paar Monaten auf zehn Minuten gekommen sind, ist das richtig klasse. Doch am Anfang wollen wir klein beginnen.

Zu Beginn

Beginnen Sie den Tag mit Meditation. Warum? Da es sehr einfach ist, die Übung einfach zu vergessen, wenn sie es nicht morgens gleich als erstes tun. Sich den Wecker stellen, um zum Beispiel um 15 Uhr zu meditieren, ist weniger vorteilhaft. Hängen Sie sich also eine Erinnerung auf, kleben Sie sich etwas an den Schrank, dass Sie daran erinnert: zwei Minuten meditieren.

Einfach meditieren

Wie genau man meditieren kann: damit wurden schon Buchbände gefüllt. Meditieren sie also einfach. Viele zerbrechen sich den Kopf darüber wie sie sitzen sollten, auf welchem Kissen oder wo im Raum. Das ist zu Anfangs nicht so wichtig. Es geht eher darum überhaupt erstmal anzufangen. Setzen sie sich vielleicht einfach auf den Bettrand oder auf einen Stuhl oder auf die Couch. Klar, Sie könne sich auch auf den Boden setzen in Schneidersitz. Alles was wichtig ist, ist aufrecht zu sitzen, damit sie nicht wieder einschlafen. Nur zwei Minuten: einfach sitzen - ruhig und bequem. Alles andere dann.

Nehmen Sie sich wahr

Zuerst sollten Sie in sich hineinspüren, um zu sehen wie Sie sich führen. Wie fühlt sich ihr Körper an? Wie sieht Ihr Denken aus? Denken sie aufwühlende Gedanken? Sind Sie traurig? Fühlen Sie sich erschöpft? Sind Sie ängstlich? Was auch immer ist: es ist für diesen Augenblick in Ordnung - so wie es ist.

Achten Sie auf Ihren Atem

Zählen Sie Ihre Atemzüge. Wenn sie sich damit wohl fühlen, richten Sie Ihre volle Aufmerksamkeit auf Ihren Atem. Fühlen Sie, wie Ihr Atem in Ihre Nase einströmt und sich dabei der innere Gesichtsbereich ganz leicht abkühlt. Nehmen Sie wahr, wie der Luftstrom Ihre Lunge mit reiner Energie anfüllt. Versuchen Sie beim Einatmen, in Gedanken zu sagen "Eins" - und "Zwei" beim Ausatmen. Zählen Sie bis "Zehn" und beginnen Sie danach von vorne. Wenn Sie sich verzählen, beginnen Sie erneut mit "Eins".

Lassen Sie sich Zeit

Wenn Sie sich in Ihren Gedanken verirren, was so gut wie sicher ist, lächeln Sie und kehren Sie dann einfach um, zurück in die Meditation. Beginnen Sie erneut Ihre Atemzüge zu zählen. Es ist absolut kein Problem. Kann schon sein, dass sich das am Anfang etwas frustrierend anfühlt. Es ist aber vollkommen in Ordnung nicht konzentriert zu sein. Das passiert einfach jedem. Meditation ist kein Zwang. Meditation soll entspannen. Sie üben noch und am Anfang werden Sie nur langsam Fortschritte machen. Und doch: Sie erkennen schon bald, wie sich Ihre Wahrnehmung ändert. Also: weiter üben.

Freundlich mit sich selbst umgehen

Entwickeln Sie sich selbst gegenüber eine liebenswürdige Haltung. Wenn in der Meditation Ihre Gefühle aufbrausen, und Sie werden diese Erfahrung ganz bestimmt auch machen, betrachten Sie sie liebevoll. Ihre Gefühle gehören zu Ihnen und sind keine Fremdlinge. Sie sind ein Teil von Ihnen. Seien Sie freundlich zu sich selbst.

Sie tun Ihr bestes so, wie es Ihnen möglich ist

Sicher werden Sie sich etwas ärgern, wenn es nicht gleich so klappt, wie Sie es sich erhofften. Es gibt einfach nicht die "Perfekte Methode", um Meditieren zu lernen. Jeder versucht sein Bestes, auf seine individuelle Weise. Zuerst üben sie einfach achtsam zu atmen und Ihr Inneres und das Äußere wahrnehmen.

Denken ist normal

Viele glauben, in der Meditation ginge es darum, den Kopf klar zu kriegen oder den Gedankenfluss zu unterdrücken. Das aber ist es nicht. Es kann zwar schon vorkommen, dass einem so etwas gelingt, doch es ist nicht erstes Ziel der Meditationsübung.

Wir alle denken. Es ist normal, da unser Gehirn unentwegt neue Gedanken produziert. Es ist normalerweise nicht möglich das Gehirn einfach "abzustellen". Alternativ lohnt es sich aber zu versuchen, ihre Aufmerksamkeit verstärkt auf Ihren Atem zu richten, sobald Ihre Gedanken "ihr eigenes Ding drehen".

Negatives neugierig beobachten

Wenn Gedanken oder Gefühle in Ihnen aufsteigen, lassen Sie es zu. Wir alle versuchen Gefühle und Gedanken an Ärgerliches und an Ängste zu vermeiden. Doch genau da sollten wir aufmerksam sein. Wenn Angst- oder Wutgefühle in uns aufsteigen, können wir darin für einige Augenblicke verweilen und sie neugierig beobachten.

Sich kennenlernen

Es ist Zeit: lernen Sie sich besser kennen. Es geht nicht allein darum Ihre Wahrnehmung zu fokussieren: Es geht darum Ihre Denkweise besser kennen zu lernen:
"Was geht da vor sich in meinem Denken?"

"Ich bin mein Freund"

Freunden Sie sich mit sich an. Sie möchten sich besser kennenlernen? In Ordnung. Aber bitte seien Sie freundlich zu sich und kritisieren Sie sich nicht. Werden Sie zu Ihrem eigenen Freund, den Sie anlächeln und lieben lernen.

Innenwahrnehmung und Körperbewusstsein

Nach einigem Üben, fällt es Ihnen bald leichter Ihren Atem zu beobachten. Als nächstes nehmen Sie Ihren Körper wahr. Fühlen in jeden Teil Ihres Körpers hinein, während jedem Atemzug. Das heißt, dass Sie dabei an jeden einzelnen Körperteil denken: die Kopfhaut, das Gesicht, die Stirn, die Augenbrauen, die Augen, die Augenlieder, die Nase, den Mund, die Wangen, das Kinn, die Ohren, den Hals, die Schultern, die Wirbelsäule, dann an die Oberarme, die Unterarme, die Handgelenke, die Hände, die Finger, die Fingerspitzen, dann an die Brust, den Bauchnabel, den Schamhügel, dann an ihre Oberschenkel, an ihre Knie, an ihre Waden, die Knöchel, die Füße, die Fußsohlen, die Zehen und an die Zehenspitzen und kehren Sie zuletzt ins Zentrum ihres Körpers zurück: denken Sie an Ihren Solarplexus und dann an Ihr Herz.

Außenwahrnehmung

Nachdem Sie nun eine Woche geübt haben, können Sie nun damit beginnen, Geräusche und das Licht in Ihrer Umgebung wahrzunehmen.

Nur 40 Tage

Widmen Sie sich dieser Übung. Es reicht nicht aus zu sagen "Nun gut, ich will es mal für ein paar Tage ausprobieren". Versuchen Sie sich Ihren Meditationsübungen tatsächlich hinzugeben und jeden Morgen zu üben - wenigstens für 40 Tage. 40 ist eine magische Zahl, die einem hilft, sich eine neue Gewohnheit anzuerziehen.

Eine echte Bereicherung für's ganze Leben

Auch wenn Ihnen morgens "etwas dazwischen kommt": Sie können Meditation auch auf der Arbeit, in der Mittagspause oder auf dem Weg zur oder von der Arbeit praktizieren. Denn es geht ja vor allem um eins: bewusst zu Atmen, bewusst wahrzunehmen. Meditation wird irgendwann zum Normalzustand und eine alltägliche Gewohnheit. Doch das wir Ihr gesamtes Leben bereichern. Versprochen.

Wie geht's weiter?

Zu sitzen und den Atem zu beobachten ist eine echt hilfreiche Achtsamkeitsübung. Sie werden damit Ihre Konzentration verbessern. Wenn Sie für einige Zeit an einem ruhigen Ort Meditieren geübt haben, können Sie damit anfangen Ihre Achtsamkeit auszuweiten.

  • Wenn Sie etwas stresst, nehmen Sie sich eine Minute Zeit. Versuchen Sie in dieser Zeitspanne Ihre Aufmerksamkeit auf's Jetzt zu konzentrieren.
  • Bevor Sie darüber grübeln, wie die Zukunft aussehen könnte, gönnen Sie sich immer mal wieder einen Spaziergang. Am besten morgens. Beobachten Sie beim Gehen Ihren Atem, Ihre Körperbefindlichkeit, denken Sie an Ihre Fersen wie sie den Boden berühren und nehmen Sie die Dinge in Ihrer Umgebung wahr, ohne zu werten.
  • Wenn Sie essen, tun Sie es achtsam: spüren Sie wie es sich anfühlt wenn Sie kauen, schlucken und wie es schmeckt.
  • Eine ganz besondere Übung ist die japanische Teezeremonie, die man auch als "Laie" durchführen kann: Sie nehmen jeden Handgriff bei der Teezubereitung vollbewusst wahr. Das heißt, bevor Sie eine Handlung bei der Teezubereitung vornehmen, beabsichtigen Sie es zu tun. Sie meditieren in der Zeit wo der Tee zieht und nehmen ihn voll bewusst zu sich. Schmecken Sie, spüren Sie die Wärme. Tee-Trinken kann ein wunderbares Ritual sein.
  • Auch die Wohnung aufzuräumen, abzuwaschen und den Boden zu wischen: all das kann man in Achtsamkeit tun.

Sie können immer Achtsamkeit üben - jeden Moment: im Umgang mit anderen, bei Ihrer Arbeit. Es gibt noch so unzählige andere Beispiele. Finden Sie sie!