Brahma

Das wunderbare Märchen vom Götterkönig Indra

von S. Levent Oezkan

Gott Vishnu - ewigeweisheit.de

Die heilig-göttlichen Offenbarungen des Hinduismus, die Puranas, erzählen eine sehr eindrucksvolle Geschichte über das Wesen unseres Egos und unseres wahren Selbst. Alles was jetzt ist, war schon einmal da. Es gibt nichts Neues unter dem Himmel. Auch unser eigenes Leben, so will es der folgende Mythos, erlebte vor sehr, sehr langer Zeit vielleicht bereits ein anderer Mensch.

Dazu erzählen die indischen Brahmavaivarta Puranas eine interessante Geschichte.

Einst wand sich ein furchtbares Monster durch die Ozeane der Erde: der Schlangendämon Vritra. Wegen seinem Treiben erwärmte sich das Klima auf der Erde ganz drastisch und es kam zu einer großen Dürre. Schwer krankte die Erde an dieser Trockenheit.

Es dauerte einige Zeit, bis König Indra entdeckte, dass er in Besitz magischer Blitze war, die versteckt in einer Kiste lagen. Als Götterkönig und Regengott, war es seine Pflicht, die krankende Erde von der Dürre zu heilen. Er musste einfach nur die Blitze auf das Monster Vritra werfen, es elektrisieren und damit unschädlich machen. Das tat er – und siehe da: die Wasser begannen wieder zu fließen, erquickten die Erde und die Lebewesen labten sich am Guten, das mit dem Wasser kam. Da sagte Indra zu sich: Was bin ich doch für ein großartiger Mann!

Brahma – ewigeweisheit.de

Der indische Gott Brahma (links) - Erschaffer der Welt.

Der Palast des Indra

Nun bestieg Indra den Weltenberg, um darauf einen ihn angemessenen Palast zu errichten. Er ernannte den göttlichen Zimmermann Vishvakarma zu seinem Baumeister. Schon nach kurzer Zeit war der Palastbau weit fortgeschritten.

Doch jedesmal wenn Indra kam, um sich über die Fortschritte des Palastbaus zu erkundigen, kam ihm eine neue Idee, wie man den Palast weiter ausstaffieren und erweitern könnte. Schließlich sprach der Baumeister zu Indra:

Hört, wir beide sind unsterblich und seine Wünsche sind unendlich, drum bin ich damit für die Ewigkeit von ihm gefangen.

Also beschloss der Zimmermann eine Beschwerde zu richten, an den Schöpfergott Brahma.

Der Lotus des Vishnu

Brahma sitzt auf einem Lotus – dem Symbol göttlicher Energie und Huld. Dieser Lotus wächst aus dem Nabel des schlafenden Gottes Vishnu. Der erträumt sich die gesamte, gegenwärtige Schöpfung.

Als nun Vishvakarma an das Ufer des großen Lotusteichs kam, richtete er seine Beschwerde an den Gott Brahma.

Nachdem sich Brahma die Klagen des Vishvakarma angehört hatte, sprach er zu ihm: »Geh heim, ich will es für dich richten.« Nun stieg Brahma aus seinem Lotus und kniete nieder vor dem schlafenden Vishnu. Als Brahma zu ihm sprach, zeigte Vishnu ihm eine besondere Geste und sprach: »Höre, flieg los, etwas wird sich ereignen.«

Ein blauer Schönling

Am folgenden Morgen erschien am großen Tor des Palastes des Indra ein schöner, blauer Jüngling. Den umgaben eine Gruppe Kinder die sich an seiner Schönheit erfreuten. Der Torwächter war verwundert und eilte zu Indra, ihm von dem schönen, blauen Jungen zu berichten. Als das der Indra vernahm, antwortete er dem Wächter: »Nun, dann bring mir diesen Jungen her.«

Man brachte den blauen Jüngling also zu Indra, der auf seinem Götterthron auf ihn wartete. Indra sprach: »Junger Mann, sei Willkommen. Was verschafft mir die Ehre, dich in meinem Palast zu empfangen?«

»Nun« sprach der Junge mit einer tiefen Stimme, die dem Grollen eines Donners glich, den man vom Horizont heranrollen hört, »es kam mir zu Ohren, dass du einen wunderbaren Palast erbaust, wie es kein Indra jemals vor dir tat.« Und Indra antwortete verwundert, »Indras vor mir? Junger Mann, wovon sprichst Du eigentlich?«

Der junge Mann sprach: »Es gab Indras vor Dir. Ich sah sie kommen und gehen, kommen und gehen. Stell dir nur vor: Vishnu schläft in seinem kosmischen Ozean und aus seinem Nabel wächst der Lotus des Universums. Auf diesem Lotus sitzt Brahma, der Schöpfer. Wenn Brahma seine Augen dem Licht öffnet, entsteht eine neue Welt, über die ein Indra regiert. Wenn Brahma seine Augen wieder schließt, entschwindet diese Welt dem Sein. Ein Leben Brahmas sind 432.000 Jahre. Wenn er stirbt, zieht sich der Lotus zurück. Dann formt sich ein neuer Lotus, woraus ein neuer Brahma ersteigt. Denke an die Galaxien jenseits der Galaxien, in einem unbegrenzten Raum. Jede entfaltet sich als Lotus, in dem ein Brahma sitzt, der seine Augen öffnet und seine Augen wieder schließt.
Vielleicht gäbe es Freiwillige, die die Wassertropfen der Ozeane und die Sandkörner ihrer Strände zählen würden. Niemand aber könnte jene Brahmanen zählen – viel weniger noch jene Indras.«

Als der Junge so zu Indra sprach, krabbelte plötzlich ein gigantischer Ameisenstaat neben ihnen über den Boden. Die kleinen Insekten schienen tatsächlich eine Parade vor den beiden abzuhalten. Der blaue Jüngling konnte sich nicht zurückhalten und begann zu lachen. Indra standen die Haare zu Berge und er sprach zu dem Jungen: »Warum lachst du denn?« worauf dieser antwortete, »Frage nicht, solange du nicht bereit bist Schmerz zu ertragen.«

Indra sprach darauf zu dem Jungen: »Ich frage! Du aber lass Deine Lehre verlauten.« Darauf richtete der Junge seinen Zeigefinder auf die Ameisen und sprach zu Indra: »Alle früheren Indras stiegen über viele Leben hinweg, immer wieder aus niedrigsten Verhältnissen auf, zu höchster Erleuchtung. Dann warfen sie ihren Blitz auf ein Monster und dachten sich 'Was für ein großartiger Mann ich doch bin.' Und danach gehen sie wieder unter.«

Vishnu schläft gebettet auf der Weltschlange – ewigeweisheit.de

Vishnu schläft in Gegenwart seiner Frau Lakshmi auf der Weltschlange Shesha. Aus seinem Bauchnabel wächst ein Lotus, in dem Brahma sitzt und die Welten erschafft.

Der alte, nackte Greis

Als der blaue Jüngling so sprach, tauchte im Palast plötzlich ein schrulliger, alter Yogi auf. Er trug einen Sonnenschirm, verfertigt aus den Blättern des Bananenbaumes. Bis auf einen Lendenschurz war der alte Mann nackt. Auf seiner Brust sammelten sich kreisrund ein paar Haare.

Der Junge grüßte den alten Mann und fragte ihn, was gerade Indra im Begriff war zu fragen: »Alter Mann, wie ist dein werter Name? Woher kommst du? Wo lebt deine Familie? Wo ist dein Heim? Und was hat die eigenartige Haarfrisur auf deiner Brust zu bedeuten?«

»Nun«, sagte der alte Mann »man nennt mich 'den Behaarten'. Ich habe kein Haus. Dafür ist das Leben einfach zu kurz. Alles was ich besitze ist dieser Sonnenschirm. Ich habe keine Familie. Alles was ich tue ist zu Füßen Vishnus meditieren und ich denke dabei an die Ewigkeit und daran, wie schnell doch die Zeit vergeht. Weißt Du, immer wenn ein Indra stirbt, verschwindet mit ihm eine ganze Welt. Die Welten rauschen einfach vorüber. Jedesmal wenn ein Indra stirbt, fällt von meiner Brust ein Haar. Die Hälfte aller Haare sind nun ausgefallen. Schon bald werden sie alle ausgefallen sein. Das Leben ist kurz. Wieso also sollte man ein Haus bauen?« Danach verließen den Indra, der blaue Jüngling und der nackte Alte.

Der Junge war eine Erscheinung Vishnus, der beschützende Herrgott. Der alte Yogi war Shiva – Erschaffer und Zerstörer der Welt. Letzterer sollte Indra darin unterweisen, dass er, Indra, nur ein geschichtlicher Gott sei, darin aber irrt zu glauben, er sei alles was man sich vorstellen könne.

Das aber führte dazu, dass Indra nun völlig desillusioniert auf seinem Thron saß. Er fühlte sich regelrecht bloßgestellt. Er grübelte über das Vorgefallene und war tief erschüttert. Sein Leben erschien ihm wie ein Traum. Darum fühlte er kein Verlangen mehr, seinen göttlichen Glanz zu vermehren, was er ja durch den Bau seines riesigen Palastes erzielen wollte. Darum rief er den Zimmermann Vishvakarma zu sich und sprach zu diesem: »Ich möchte den Bau des Palastes hiermit beenden. Du sei entlassen.« Er überhäufte ihn mit Juwelen und kostbaren Geschenken und entließ ihn mit einem prunkvollen Fest. So erfüllte sich die Absicht des Baumeisters. Er war damit entlassen, der Bau des Palastes eingestellt.

Indra jedoch entschloss sich dazu ein Yogi zu werden und zu Füßen des großen Vishnu zu meditieren. Wenn da nicht die schöne Königin Indrani gewesen wäre. Als Indrani von Indras Plan erfuhr, wandte sie sich an den Hohepriester und sprach: »Jetzt ist er übergeschnappt und plant wegzugehen, will ein Yogi zu werden. Nun«, sprach der Priester, »komm mit mir Liebste, damit wir uns setzen und überlegen, wie wir die Lage retten.«

Sie begaben sich an den Thron des Gottesfürsten Indra, setzten sich nieder und der Priester sprach: »Nun, vor vielen Jahren schrieb ich ein Buch für Dich, über die Kunst des Regierens. Du hast die Position des Götterkönigs inne. In Raum und Zeit lebst du, als Manifestierung des geheimnisvollen Brahma. Das ist ein hohes Privileg. Das solltest du zu schätzen wissen, solltest es ehren. Drum gehe mit deinem Leben um als jener, der du tatsächlich bist. Davon abgesehen, werde ich nun gehen und dir ein Buch über die Kunst der Liebe schreiben, damit du und deine Frau verstehen: im wunderbaren Geheimnis der Zwei die Eins werden, darin ist der Schöpfer Brahma gegenwärtig, von da strahlt er aus.«

Indra wirft seine Blitze – ewigeweisheit.de

Götterkönig Indra seine Blitze werfend.

Diese Anweisungen erhalten, verwarf Indra seine fixe Idee ein Yogi zu werden. Stattdessen wurde ihm gewahr, dass er in seinem Leben das Ewige als Symbol für Brahma repräsentierte.

Indra: Symbol des Göttlichen in uns?

Jeder von uns ist, auf die eine oder andere Weise, selbst ein Indra seines eigenen Lebens. Natürlich kann man sich dazu entschließen, sich in die Abgeschiedenheit zu begeben, um dort zu meditieren. Auch kann man am Weltgeschehen teilnehmen, am alltäglichen Leben und im Job den man ausübt, um die Welt zu einem Besseren zu formen. Oder man strebt danach sein Liebesleben zu verschönern und kümmert sich um seinen Lebenspartner oder seine Familie. Doch die Erde, auf der all das stattfindet, ist nur ein winziger Teilabschnitt, in der langen Geschichte des Weltalls.

In seiner periodischen Wandlung, entwickelt es sich zur Vollkommenheit, um sich danach allmählich wieder aufzulösen, bis es schließlich vollkommen zerfallen, wieder aus seiner Existenz verschwindet. Dann aber, wenn es in die kosmische Nacht zurückgekehrt ist, wird ein neues Weltall geboren. Der uranfängliche Vorgang göttlicher Vollendung beginnt damit erneut.

Wir sollten uns stets daran erinnern, dass auch unser Leben einem ähnlichen Wandel von Entstehen und Vergehen unterliegt. Zwar ist unser eigenes Leben natürlich äußerst wertvoll, nur werden die Lebensdramen oft überbewertet, da man sich einfach zu wichtig nimmt. Doch die Verleitung ist groß so eine Haltung einzunehmen. Darauf verweist ja auch der obige Ausspruch Indras: »Was bin ich doch für ein großartiger Mann!«

Doch wie die Geschichte weiter zeigt, ist auf der Bühne des Weltgeschehens, offensichtlich nicht Indra der Hauptdarsteller. Wie er, wollen auch wir uns oft mit egozentrischer Hartnäckigkeit, gegen den Fluss der Zeit stellen. Das es aber das Ewige gibt, was immer währt, davon wollen wir nichts wissen. Viele Menschen täuschen sich, was Ewigkeit in Wirklichkeit bedeutet, denn sie hat nichts zu tun mit "sehr langer Zeit". Ewigkeit steht außerhalb des Zeitphänomens - besitzt sie doch weder einen Anfang, noch ein Ende.

Wer das in sich wahrnehmen kann, der wird bald die Erkenntnis erlangen, dass all unsere Entzückungen, Erwerbungen, unser Stolz über unsere Errungenschaften, nur Teil unserer Lebenszeit ist, die ja dereinst enden wird. Da dieser Zeitabschnitt unseres relativ kurzen Lebens, aber in einem Jahrtausende währenden Äon stattfindet, verliert das eigene Leben darin schnell an Bedeutung. Erst diese Einsicht, macht den eigenen Bewusstseinsraum frei und hilft uns der Wirklichkeit Gottes zuzuwenden.

 

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Was ist Gott und was sind wir?

von S. Levent Oezkan

Gott ist eine Essenz ohne Dualität, doch nicht ohne Beziehungen. Er ist die absolute, ungeteilte Gegenwart, an der alles Leben teilhat. Er ist die Essenz des Guten, Wahren und Weisen, die sich auf zwei Arten offenbart: als Seiendes und Werdendes. Gott bleibt ewig und unsterblich. Er verkörpert sich in weltlichen Geschöpfen, die aber sterblich sind.

Diese Arten göttlichen Erscheinens, bilden eine allumfassende Ganzheit. Sie wirkt sich direkt und indirekt auf die Welt und die in ihr lebenden Wesen aus: Z. B. einmal als das Grollen des Donners, ein andermal als das sanfte Gefühl des eigenen Herzschlags. Im Hinduismus steht dafür das »Schabda-Schabda«: Schabda ist der Grundton der Welt, wie auch der hörbare Lebensstrom eines jeden lebendigen Wesens. Schabda-Schabda ist der Klang des Urklangs, die lebendige Essenz der Essenzen. Das bezeichnet im indischen Vedanta das Wort »Advaita« - die ewige Einheit, an der alles in der Welt Anteil hat - jedes lebendige Wesen. In Advaita sind Seiendes und Werdendes eins.

Um den Sinn dieser göttlichen Einheit zu begreifen, bedarf es zunächst eines Wesens, das diesen Sinn überhaupt begreifen will. Und da Gott nicht ohne das von ihm geschaffene Leben existiert, ergeben sich unzählige Beziehungen zu all seinen Lebewesen. Im lebenspendende Atem von Mensch, Tier und Pflanze, ist Gott gegenwärtig. Das Wort »Atem« ist verwandt mit dem indischen »Atman«: das Selbst. Nicht zufällig üben alle Meditationsformen die Entwicklung eines Selbst bewussten Atmens. Wer vollbewusst seinen Atem »erkennt« und gleichzeitig sich vom Strom der Gedanken löst, der nähert sich der oben erwähnten Einheit Gottes. Wer immer die Einheit auf diese Weise unmittelbar erfahren hat, d. h. den in ihr innewohnenden Eigenschaften schon einmal gewahr wurde, beginnt die Aspekte des Göttlichen zu verstehen. So jemand kann sich jenseits des Bereichs der normalen Sinneswahrnehmung begeben und sich ganz von den äußeren Reizen lösen. Er überschreitet die Grenzen der endlichen Erfahrungswelt seiner Sinne, Gefühle und Gedanken – begibt sich jenseits des normalen Wahrnehmungshorizonts – kurz: er ist in der Lage die Grenzen seines Egos zu übersteigen. Erst dann wird der Prozess der Erkenntnis überhaupt in Gang gesetzt. Es ist die Erkenntnis, dass die mikrokosmische Person die in unserem Herzen wohnt, einer makrokosmischen Person entspricht, die im Herzen der Sonne wohnt. Das ist ein Bild dafür, was im Vedanta mit Atman und Brahman bezeichnet wird: dem individuellen Selbst und der kosmischen Weltseele.

Gott Brahma - ewigeweisheit.de

Der Gott Brahma: Lehrer der Götter und der Menschen.

So können wir sagen, dass Gott nicht von irgendwo herkommt, noch zu irgendetwas wird, sondern sich allen möglichen Arten der Existenz, als lebenspendendes Wesen anbietet – was ja auch die Sonne gegenüber den Lebewesen auf der Erde tut. Den »Besitzern des Atman«, also den Menschen, ist selbst überlassen, ob sie dieses Angebot annehmen oder ablehnen, daran teilhaben oder es ignorieren.

Namen der Einheit

All die vielen Namen dessen, war wir hier zu definieren versuchen, sind nur Bezeichnungen eines selben, ewiglichen Seins und Werdens, das man Elohim, ein andermal Jahwe, JHVH, Christus, Deiwos, Zeus, Guda, Manitu, Tyr, Odin, Wodan, Isis, Gaia, Ymir, Aton, Ra, Brahma oder Allah nennt. Ein Gott oder eine Göttin verkörpern sich eben in der Form, wie sie von ihren Verehrern vorgestellt wird. Mal ist Gott ein alter Wolkenmann mit langem Bart, ein andermal der Gekreuzigte. Der Islam verbietet, sich überhaupt ein Bild vom göttlichen Namen zu machen. Wieder andere denken sich ihn als die »Emanationen aus den Schwingen des kosmischen Adlers«. All diese Namen und Verkörperungen dessen, was wir hier der Einfachheit halber aber weiterhin »Gott« nennen wollen, dafür steht in Indien die heilige Silbe »Om«. In etwas abgewandelter Form sprechen die Schamanen Zentralasiens »Ommen«, was natürlich dem im Westen gebräuchlichen »Amen« entspricht. Die heilige Silbe Om wird in der vedischen Tradition die »Essenz der Essenzen« genannt.

Die Essenz aller Lebewesen ist die Erde,
Die Essenz der Erde ist das Wasser
(denn sonst wäre sie nur Staub),
Die Essenz des Wassers sind die Pflanzen
(den sie wachsen nur dort, wo es Wasser gibt),
Die Essenz der Pflanzen ist der Mensch
(da er sich von pflanzlicher Nahrung ernährt),
Die Essenz des Menschen ist die Sprache
(denn durch sie unterscheidet er sich von anderen Lebewesen),
Die Essenz der Sprache ist der Rigveda
(der älteste Teil der indischen Veden),
Die Essenz des Rigveda ist der Samaveda
(der melodische Gesang der Verse des Rigveda),
Die Essenz des Samaveda ist der Udgitha
(das ist die heilige Silbe Om die in der Lithurgie gesunden wird).
Dieser Udgitha (Om) ist die beste aller Essenzen, ist die Höchste, die die höchste Stufe verdient, die Achte
(denn sie ist die achte Essenz all der hier aufgeführten Essenzen).

- Chandogya Upanischaden 1:1:1-3

Diese heiligen Verse aus den Upanischaden zeigen, was allen spirituellen Vorstellungen über Gott gemein ist: So wie der Pflanzensaft durch die Äste eines Baumes, gleichgeartete Früchte an seinen vielen Zweigen nährt, ebenso haben die vielen Gläubigen auf dieser Erde Anteil an einer ewigen, ungeteilten und werdenden Essenz, der sie nur ihre individuellen Namen, Formen und Symbole geben.

Der, die, das Eine

All die Formen in der Vorstellung eines Gläubigen, sind nur Mittel, sich dem Formlosen anzunähern. Der Mensch verwendet gesehene Bilder, um sich das Unsichtbare zu visualisieren, verwendet das Gehörte, um sich das Ungehörte vorzustellen. Ganz gleich ob wir ihn als männliches, weibliches oder neutrales Hauptwort bezeichnen, als die »Große Mutter«, »Allah«, »Sonne«, »Den Einen« oder sonst wie: sie alle vereinigen sich in der hier immer wieder erwähnten Essenz. Um an der lebenspendenden Essenz dieser universalen, spirituellen Einheit teilzuhaben, sollten wir uns aber allmählich von den vielen Vorstellungen darüber lösen.

Pilger beim Bad im heiligen Fluss Ganges (1880) - ewigeweisheit.de

Pilger beim Bad im heiligen Fluss Ganges (1880).

In den Fußstapfen unserer Vorgänger

Ist es nicht so, das wir alle irgendwelchen Vorgängern nachlaufen, die dieser Essenz, der göttlichen Einheit, nur unterschiedliche Namen gaben? Wir folgen ihren Fußstapfen, auf der Suche nach unserem eigenen spirituellen Weg. Doch in der »Welt der Wahrheit«, gibt es keine Wege, keine verborgenen Pfade die man auffinden könnte. Wir müssen den Mut haben, dieses »Land der Begriffslosigkeiten« selbst, ohne einen Führer zu betreten. Es ist, wie als würden wir einen Fluss durchwaten hinauf zur Quelle. Jeder weiß, dass auf dem Grund des Flusses alles fort gespült wird, woran man sich orientieren könnte. Ganz gleich wie breit dieser Fluss auch sein mag: gehen wir nicht bereits in die richtige Richtung, wenn wir uns gegen den Strom bewegen?

So wie das Wasser der vielen Seitenarme in den Flussdeltas von Ganges (Indien) und Nil (Ägypten) ins Meer fließen, so strömt sinnbildlich die Essenz der göttlichen Weltseele, in das Meer aller Menschenseelen.

Der Nil (NASA Bild aus dem Weltall) - ewigeweisheit.de

Der Nil (NASA Bild aus dem Weltall).

Panta rhei - Alles fließt

Die alten Ägypter verehrten den Nil als göttlichen Vater-Mutter-Androgyn – als männlich-weiblichen Gott. Der Nil ähnelt einer fließenden Lebensachse, von Süden nach Norden – auf dessen beiden Ufern Bauern ihre Äcker bestellen. Hierin wird auf die anfangs erwähnte Nicht-Dualität Gottes hingewiesen. Zwar hat jeder Fluss zwei Ufer, er selbst kann sie aber nur als ein Fluss trennen. Somit verkörpert er ein Symbol der Befreiung von den Gegensätzen.

Wer sich immer zwischen den Polen von Rechtem und Schlechtem bewegt, wird brüchig, bis er gänzlich in der Hilflosigkeit der äußeren Lebensumstände erstarrt. Leben aber heißt Fließen.

Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.
Wer in denselben Fluss steigt, dem fließt anderes und wieder anderes Wasser zu.
Wir steigen in denselben Fluss und doch nicht in denselben,
Wir sind es und wir sind es nicht.

- Aus Fragmenten der Vorsokratiker

Der Mensch muss lernen sich über die Gegensätze zu erheben, über das was war und das was sein könnte. Gutes und Böses, Angenehmes und Widerliches, Glück und Unglück sollten wir mit dem selben Gleichmut hinnehmen, als ob gar kein Unterschied bestünde. So nähern wir uns dem, was der alte chinesische Meister Laotse »Tao« nannte. Tao ist der eine Weg, auf dem jene gehen, denen die Vereinigung der Gegensätze gelingt –, symbolisiert durch das Yin-und-Yang. Wer diesem Weg folgt, wird Gott ähnlich. Tao wurde von den alten Chinesen auch als »Tau Gi«, der »Große Firstbalken« bezeichnet. Dieser Balken bildet in einem Haus das Gerippe, das die Sparren des Dachstuhls zusammenhält. Dieser Balken ist auch der Kiel, der das Unterste vom Balkenwerk des Schiffsbauches bildet (jenem Schiff, dass sich auf dem Lebensfluss auf die Quelle des Lebens zubewegt). Auch die menschliche Wirbelsäule entspricht diesem Einen, woraus die Rippen ebenso hervorgehen, wie die Rippen aus dem Kiel des Schiffsbauches. Im indischen Kundalini-Yoga trägt die Wirbelsäule den Namen »Meru«, da der Körper zur Wirbelsäule im selben Verhältnis steht, wie der Kosmos zum Weltenberg Meru (den die Juden »Moriah« nannten).

In diesem Tao – dem mittleren Weg – dem Dachkiel und Mittelpfosten unseres spirituellen Himmelsgebäudes, finden wir die Essenz der göttlichen Einheit. Nach ihr sollten wir suchen – sie sollten wir zu erkennen trachten.

Auch wenn wir uns gleichzeitig immer nur auf einem, dann auf einem anderen Pfad bewegen können, beabsichtigen letztendlich alle spirituellen Wege, den Menschen näher an die Essenz seiner lebendigen Seele heranzuführen. Dies erfolgt solange, bis eines Tages alle Seelen den letzten Schritt in ihrem Werdeprozess auf Erden gegangen sind. Dann verlassen sie den langen Inkarnationszyklus der Erde, um die unendlichen Weiten des Universums zu durchmessen. Ihnen bleibt auch nichts anderes übrig, denn dereinst, in einigen Milliarden Jahren, wird die Sonne mit der Erde und den anderen Planeten, wieder zu einer großen Einheit verschmelzen.

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