Bronzezeit

Eine kurze Geschichte der Abendländischen Zivilisation

Eine kurze Geschichte der Abendländischen Zivilisation

In einer Zeit, bis vor etwa 40.000 Jahren, die man als die frühe Altsteinzeit bezeichnet, lebte der Mensch in gänzlich archaischen Verhältnissen. Man kannte schon die Nutzung des Feuers. Vielleicht an dem einen oder anderen Ort, galt das Feuer sogar als etwas Sakrales, wo man es bereits zu konservieren wusste und damit das »Wahren einer Heiligen Flamme« pflegte.

Heilig war diese Flamme, da sie dem Überleben und dem damals so wichtigen Zusammenleben diente. Mit Feuer bereitete und konservierte man schließlich Nahrung oder schützte sich nachts damit vor wilden Tieren, da diese die lodernden Flammen mieden.

Es war eine Zeit in der die Menschen unterwegs waren, als Jäger und Sammler, und man in dieser Zeit noch keinen wirklichen Bezug hatte zu Raum und Zeit und auch gar nicht brauchte – denn man bewegte sich ja. Man lebte noch in vollständigem Einklang mit der Natur, mit den Tieren verschwistert, ohne zu werten, was einem da unterwegs begegnete.

Bewusst erlebten die damaligen Menschen eine vollständige Verbundenheit mit dem was sie umgab, ganz gleich ob die Gestirne, seine Mitmenschen oder die Wesen und Gegenstände in der Natur, wie Steine, Pflanzen und Tiere.

Damals pflegten die Menschen einen besonderen Ahnenkult, in dem sie sich verbunden fühlten mit der fernen Vergangenheit und dem Ursprung der Welt. Man hinterfragte nicht, sondern erlebte in dieser Voraussetzung das eigene Dasein auf Erden verwurzelt.

Allmählich wurde sich der Mensch aber auch seiner selbst bewusst, als einzelnes Wesen, wo eine noch rein intuitive, instinktive Wahrnehmung der Umgebung und der anderen Menschen in der eigenen Welt bewusst geworden war.

In der Tradition der Legenden, auf der sich auch die Lehren etwa der Theosophie oder Anthroposophie stützen, war das ungefähr auch die Zeit, als die Menschen noch auf dem mythischen Kontinent von Hyperboräa, »jenseits des Nordwinds« unterwegs waren. Aus heutiger Sicht gewiss ziemlich eigentümlich vorzustellen, doch man könnte durchaus in Erwägung ziehen, dass die heute, über das ganze Jahr hinweg von dicken Eisschichten bedeckten Regionen der Erde, einst vielleicht grün und bewaldet gewesen waren. Ein Beispiel für diese Annahme wäre etwa die dänische Insel Grønland, die ja wörtlich übersetzt »Grünland« heißt.

Wie aber kann es sein, dass es sich da tatsächlich um eine menschenwürdige Umgebung handelte? Nun, man kann sich da nur mit der einen oder anderen Erwägung behelfen. Überlegen wir uns etwa einmal, dass sich die Lage der Erdachse nicht immer in der selben Neigung befand. So gibt es heute auch archäologische Nachweise darüber, dass die Berglandschaften unter dem Eis der Antarktis, dem Südpol, vor sehr langer Zeit der Urgeschichte bewaldet gewesen waren. Angenommen also die Erdachse befand sich in aufrechter und nicht wie heute geneigter Lage, so dürfte es nur im höchsten Norden zu einer Vereisung gekommen sein, jedoch in einem Ausmaß, das weit jenseits dessen liegt, was wir heute vorfinden. Die Polkappen waren dann wohl weitaus dicker und bargen viel mehr Eis, als das heute der Fall ist, zumal es nicht zu jahreszeitlich bedingtem Abtauen kam.

In den Regionen der heute so genannten »Gemäßigten Zone« der Erde, dürften unter solchen Voraussetzungen damals dauerhaft frühlingshafte Verhältnisse vorgeherrscht haben.

Wir wollen auf all das im Folgenden noch einmal eingehen.

Beherrschung des Feuers

Dass der Mensch begann auf die Dinge die ihn umgaben Einfluss nehmen zu wollen, fing wohl ganz langsam an damit, dass man das Bewusstsein für eine gewisse Dimensionalität der Welt entwickelte. Historisch ließe sich das ansiedeln in den Jahrtausenden bis etwa 10.000 v. Chr., das heißt also in der Mittleren bis Jungen Steinzeit

Damals begannen die Menschen das Feuer tatsächlich als Kulturgut handzuhaben, da man Mittel und Wege gefunden hatte selbst Feuerzeuge herzustellen, vor vielleicht 30.000 Jahren, mittels Scharfkantiger Feuersteine (Quarz-Kiesel-Minerale) die man zum Beispiel gegen Pyrit-Kristalle schlug. Auch die ersten verbesserten Werkzeuge kannte man herzustellen, die in der Jagd ihre Verwendung fanden, wie etwa die ersten Wurfspeere.

Wollte man diese Zeit durch ein Tarot-Sinnbild kennzeichnen, eigneten sich dafür wohl die »Stäbe«, die ja sowohl lebendige Holzstöcke, wie auch Knüppel, Speere oder Lanzen symbolisieren, und bekanntlich dem alchemistischen Feuerelement zugeordnet sind.

Es war das auch die Zeit in der solche Weltlehrer die irdische Bühne betraten, wenn man so will, wie der irdische Adam der Bibel, sowie dessen Nachkommen wie Kain, Seth oder später auch Henoch, der in den Himmel entrückt von dort aus bis heute auf die Geschicke der geistigen Welt Einfluss nehmen soll.

Historisch bewegen wir uns nun in der Welt des Cro-Magnon-Menschen, des anatomisch mit dem heutigen Menschen identischen Homo Sapiens, eines nomadisch lebenden Jägers und Sammlers.

Durch die Fähigkeit selbst Feuer herzustellen, gewann natürlich auch die zivilisatorische Entwicklung einen neuen Schub. Man verstand seit dieser Zeit, vor etwa 30.000 Jahren, auch selbst Keramiken herzustellen, wozu natürlich Nutzgegenstände (wie etwa besondere Behältnisse) zählten, doch auch entstanden damals sogenannte heilige Figurinen, wie etwa die berühmte Venus von Willendorf.

In Zusammenhang mit dem daraus sich entwickelnden Mutterkult, pflegte man auch bestimmte Rituale, die sich wohl auf alte Vegetationszyklen bezogen, kurz gesagt, die man zu bestimmten Zeitpunkten pflegte, jedoch noch gänzlich losgelöst von etwaigen himmlischen Beobachtungen, die zur damaligen Zeit noch eine andere Rolle gespielt hatten.

Wie gesagt, besitzen wir heute keine wissenschaftlich belegbaren Fakten, doch dass die damaligen Menschen so lange den Kult einer irdischen Natur pflegten, mag wohl auch daran gelegen haben, dass man in dieser ewigen Frühlingsumgebung lebte, wo eine Beobachtung des Himmels und daraus erfolgende Voraussagen, noch keine für das Überleben relevante Rolle gespielt hatten.

Es war das eine »Magische Zeit«, wo man Götzenanbetung und Verehrung besonderer Idole betrieb, die da im Mittelpunkt ritueller Handlungen standen. Man war noch weit entfernt, von dieser heute im Verstandesdenken verhafteten Geistigkeit. Doch im Gegensatz zu dem Bewusstsein, das die Menschen in jener archaischen Zeit des Paläolithikum besaßen, begann man jetzt eine Dimensionalität in der Welt zu entdecken. Das begann wohl mit der Beobachtung eines Hier und Dort, einer Selbstwahrnehmung und einer Fremdwahrnehmung. Man erkannte das eigene Dasein im Verhältnis zum Sein eines Gegenübers – eines Menschen, eines Tieres oder jeder anders gearteten Sache.

Damit entwickelte sich im Empfinden der Menschen auch das, was man als Emotionalität beschreiben könnte, da man sich als Einzelnen wahrnahm, der getrennt war von dem was ihn umgab. Es dürfte damit einher gegangen sein ein Wundern über die Welt, die sich da um einen herum befand, wovon ein besonderer Zauber ausging.

Ein Zeitalter der Tugend

In dieser Welt-Erkenntnis formte sich wohl auch der Wunsch Orte entstehen zu lassen, wo man seine besondere Naturverehrung rituell zelebrierte. Die alte Kultstätte Göbekli Tepe in Kleinasien, in der heutigen Türkei, die dort vor etwa 11.500 Jahren entstanden war, deutet das an. Es war das die Menschheitsepoche, die sich im Platonischen Jahr dem Zeitalter des Löwen zuordnen lässt, dem, was in der griechischen Legende (gemäß Hesiod) dem Goldenen Zeitalter entspricht und was man in Indien das Satya-Yuga nennt: »Das Zeitalter der wahrhaftigen Tugenden«.

In der Welt der Sagen und Legenden, ist das die Phase der Geschichte gewesen, wo ganz im Westen der damals bekannten Welt, westlich des afrikanischen Atlasgebirges, im atlantischen Meer, sich eine riesige Insel befunden haben soll, wo eine damalige Hochzivilisation lebte: Atlantis. Was uns aus den Schriften des griechischen Philosophen Platon überliefert ist, ist die außergewöhnliche Form dieser Insel, die sich aus mehreren, das Meer unterteilenden Ringen bildete.

Doch, wie jeder weiß, kam es zu einer Katastrophe, in der diese Insel im Meer verschwand und das ist etwa auch die Zeit, wo wir in der griechischen Mythologie von einer »Deukalischen Flut« erfahren, die in der Bibel als die Sintflut beschrieben wird. Natürlich steht in Zusammenhang damit der Patriarch Noah und seine drei Söhne, Sem, Ham und Japeth. Interessant ist die Form jener alten Tempelanlage von Göbekli Tepe, die ja ebenfalls solche Ringform wie die der von Platon beschriebenen Atlantis besaß, was natürlich auch nur reiner Zufall sein könnte.

Vom Gold zum Silber

Nach dieser Zeit aber entstanden die ersten Siedlungen, wie etwa die von Çatalhöyük (in Kleinasien, heutiger Türkei) vor etwa 9.500 Jahren und auch die ersten Gehöfte dort, wo sich das heutige Athen in Griechenland befindet. Hieraus ergaben sich auch erste Machtstrukturen, in denen man begann Besitztum zu pflegen und Warenhandel zu betreiben mit anderen Siedlungen. Die matriarchal geprägte Gesellschaftsstruktur war bis dahin bestehen geblieben, man pflegte eine ausgeprägte Landwirtschaft und den sich daraus ergebenden Handel mittels Tauschwaren, wozu natürlich Edelmetalle wie Gold und Silber zählten.

All das geschah im Übergang vom Satya-Yuga ins Treta-Yuga, was man im Westen etwa mit der Wende vom Goldenen in das Silberne Zeitalter beschreiben könnte. Gemäß der Zeitrechnung des Platonischen Jahres, befinden wir uns da in den Jahrhunderten des Übergangs vom Zeitalter des Löwen ins Zeitalter des Krebses. Es sind dies ja zwei Tierkreiszeichen, wo ersteres astrologisch vom Gestirn der Sonne regiert wird und letzteres vom Gestirn des Mondes. Das Licht von Sonne und Mond aber, ließ gemäß der esoterischen Lehren der babylonischen Sterndeuter von Chaldäa, in der Urzeit die Metalle Gold und Silber im Erdgrund gedeihen. Und es sind ja eben diese zwei Edelmetalle, die den beiden Zeitaltern oben genannter Wendezeit ihren Namen gaben. Weniger aber ist das eine Systematisierung, als eher ein äußerst bemerkenswerter Zufall.

Im Bewusstsein der Menschen auf jeden Fall vollzog sich damit ein großer Wandel. Denn nicht mehr wusste man nur zu verstehen das Verhältnis zwischen einem Hier und Dort, man begann auch eine Räumlichkeit zu entdecken, die allerdings, rein geometrisch, sich nur auf das Land, das heißt also, auf die Fläche bezog, wo man sich in der Zweiten Dimension bewegte. Das war natürlich der Tatsache geschuldet, das man ein Bewusstsein entwickelt hatte für Besitz und Grenzen, was ja einher ging mit dem Entstehen der ersten urbanen Siedlungen.

Auch entstand in dieser Zeit das, was man als »inneres Seelenleben des Menschen« bezeichnen könnte. Heute würde man da vielleicht vom »Traumbewusstsein« sprechen. Das heißt, die auch heute im Traum auftretenden archetypischen Symbole wurden da schon erkannt, als universale Bilder. Man wusste dieses, im Traum empfundene Sehen, noch nicht gänzlich abzugrenzen vom Sehen im Wachzustand, weshalb man aus heutiger Sicht darum von einem irrationalen Empfinden oder Denken sprechen würde. Leider aber wäre diese Bezeichnung zu negativ konnotiert, wobei sie in Wirklichkeit doch eine Fähigkeit beschreibt, die heute nur wenigen Menschen gegeben ist und die sie als solche auch konstruktiv im Leben anzuwenden wissen, da sie erkannt haben, dass das angebliche Wachbewusstsein, im Grunde ebenfalls ein Schlafzustand ist, aus dem man jedoch erwachen kann!

Zwischen Himmel und Erde

Es geht hier um eine Epoche, die man als »Mythischen Zeit« bezeichnen könnte, da die Menschen damals noch alles erkannten, als untereinander verbunden. Wer sich näher mit der griechischen Mythologie beschäftigt, verirrt sich leicht in einem dichten Wald unzähliger Assoziationsmöglichkeiten, zumal ja in all den vielen Legenden darin, die von Göttern, Dämonen und Helden berichten, anscheinend immer Verbindungen bestehen, zu einer großen Zahl anderer Legenden der selben Mythologie.

Es war das auch die Zeit, in den Jahrtausenden vor unserer Zeitrechnung, wo man begann die »Heiligen Mysterien« zu feiern, wo die Menschen eingeweiht wurden in die Geheimnisse ihrer eigenen Sterblichkeit, die sich anscheinend jedes Jahr auch in ihrer Umwelt, in der Natur zu zeigen schienen. Man hatte den Wandel eines großen Zyklus der Jahreszeiten erkannt, die sich in kleineren Zeitabschnitten im Tageszyklus zeigten, wie auch in größeren Zeitabschnitten im eigenen Leben. Himmelsbeobachtungen bekamen aus diesem Grund einen immer wichtigeren Stellenwert, nicht nur praktisch, sondern auch in einer Art »Ur-Theologie«, die den Menschen nicht mehr allein als irdisches Wesen begriff, sondern ihn eingeflochten sah, im Mittelpunkt stehend, zwischen Himmlischem und Irdischem, im ewigen Kreislauf der Gestirne und der Natur, die sich mehr oder weniger zu entsprechen schienen.

Zeitmaß und Tauschwert

Man fing damals an, besondere Kalender zu konstruieren, anhand derer Voraussagen der Zukunft ermöglicht wurden. Das mag anfangs zwar rein agrartechnische Funktionen erfüllt haben, doch führte den Menschen mit seinem Bewusstsein auch in ein theologisches Verständnis, für eine aus der Transzendenz wirkende Kraft. Da entstand der Glaube an ein höheres Wesen, dass aus einem hierarchisch geschichteten Makrokosmos, eines ewigen Kreislaufes zu wirken schien, das heißt: Da begann der Glaube an Gott.

Auch hatte man gelernt, durch immer weiterte Entwicklung der aus der Jungsteinzeit überlieferten Werkzeuge, in das Erdreich vorzudringen, um dort kostbare Erden zu bergen. Im Übergang vom Zeitalter des Krebses ins Zeitalter der Zwillinge fand man Wege, um das in mineralischer und metallischer Form vorliegende Kupfer zu nutzen, zur Herstellung von Werkzeugen. Man verfügte damals schon über eine hochspezialisierte Technik zur Keramikherstellung. Hierfür verwendete man besondere Brennöfen, in denen man sehr hohe Temperaturen zu entwickeln vermochte. Damit war auch die sogenannte »Verhüttung« von Kupfer möglich, die man zur Herstellung erster metallischer Nutzgegenstände verwendete. Hier wieder kann man die Bildsprache der Tarot-Arkana ins Spiel bringen, denn als Zeit der Metallgewinnung entspricht es dem Symbol der Münzen, die ja bekanntlich aus Gold, Silber und Kupfer hergestellt wurden (interessant dabei ist, dass diese drei Metalle alle einen Schmelzpunkt um die 1.000 °C besitzen, so dass man mit der selben antiken Technologie daraus entsprechende Tauschmittel, das heißt also »Geld« herstellen konnte).

Besonders die in der matriarchalen Vinča-Kultur kannte man Techniken, die zu Vorläufern einer damals beginnende Metallzeit wurden. In dieser alten Kultur, die sich im geografischen Gebiet des heutigen Serbien entwickelt hatte, entstand auch, fast 2.000 Jahre bevor man im vorderen Orient die Keilschrift entwickelt hatte, die erste Runenschrift, die nachweislich die Vorläufer unseres heutigen Alphabets bildet, dass sich ja bekanntlich in den Jahrtausenden danach, zur sogenannten Linear-B-Schrift weiterentwickelte, die sich dann später als »Phönizisches Alphabet« durch eben die Phönizier im gesamten Mittelmeerraum verbreitete.

Das Heilige Rind

Im besagten Zeitalter der Zwillinge, also in einer Zeit zwischen etwa 6.300 und 4.200 v. Chr. betraten die Weltbühne der Religionen, auf dem indischen Subkontinent, der Held und Avatara Rama. Im Gebiet der Levante wirkte der Patriarch Abraham. Im Übergang zum Zeitalter des Stiers begann dann das, was man als die »Jüdische Zeitrechnung« bezeichnet, genauer gesagt das Jahr 3761 v. Chr. Das war die Zeit die man im westlichen Kulturkreis als Beginn des Ehernen oder Bronzenen Zeitalters versteht, im Hinduismus dem Dvapara-Yuga entsprechend, einer Zeit, in der nur noch ein geringer Teil des göttlichen Bewusstseins des Menschen lebendig war.

Da trat in Indien der Avatara Krishna auf, der ja in vielen Darstellungen in Begleitung einer heiligen Kuh abgebildet ist. Natürlich nicht zufällig, denn, wie wir sagten, ist das das Zeitalter des Stiers gewesen, wo auch in der Ägyptischen Religion auf einmal Darstellungen der Heiligen Kuh zu sehen sind, die eine Sonnenscheibe auf ihrem Haupt trägt. Auch in dem bekannten Epos des Gilgamesch (2.700 v. Chr.) taucht das Symbol eines himmlischen Stieres auf, wohl als Ebenbild des damals angebeteten Gottes.

Es war das die Zeit als die wichtigen ägyptischen Städte gegründet wurden, etwa im 3. vorchristlichen Jahrtausend. Darunter Memphis, mit dem alten Tempel des Hu-Ka-Ptah, dem Ägypten seinen Namen zu verdanken hat, wie auch die Hafenstadt Alexandria, die in der Geistesgeschichte der westlichen Zivilisation über viele Jahrhunderte hinweg Dreh- und Angelpunkt gewesen war – Stichwort: Die Bibliothek von Alexandria (allerdings erst gegründet Anfang des 3. Jahrhundert v. Chr.). Um 2.500 v. Chr. entstanden die Pyramiden von Gizeh, mehr als zwei Jahrtausende bevor man die Stadt Kairo gründete.

Monotheismus

Wenn wir zuvor sprachen vom Bronzenen Zeitalter, dann ist das auch ganz praktisch zu verstehen, denn man begann damals das gewonnene Kupfer mit Zinn zu legieren, um daraus eben Bronze zu erzeugen, woraus man dann die ersten metallenen Waffen herzustellen begann.

In dieser Zeit auch entstanden, wie etwa in der Minoischen Kultur Kretas, zwischen 2.800 und 1.100 v. Chr., verschiedene sakrale Trinkgefäße, meist aus Keramik, doch wahrscheinlich später auch aus Bronze. Als Zuordnung in die Tarot-Symbolik, fiele in diese Zeit also das Sinnbild für das alchemistische Element Wasser: Die Kelche.

Es war das auch die Zeit der großen Könige und Priester, wozu sicherlich so Namen zählen wie der biblische Fürst David und sein Sohn Salomon. Doch auch der ägyptische Echnaton, der ja die Sonne als einzigen Gott über den bisherigen Polytheismus erhob und damit jenen, den durch den Patriarchen Abraham definierten Monotheismus, auf seine Weise in Ägypten zu festigen versuchte.

In Persien entstand der Zoroastrismus, den der Prophet Zarathustra auf einem Dualismus und ständigem Widerstreit der Kräfte des Guten und des Bösen gründete, den laut seiner Weisheit nur jener überwand, der sich selbst ermächtigen konnte zu rechtem Denken, rechter Rede und rechtem Handeln.

Auch der alt-persische Kult um den Gott Mithra ist belegt, für etwa diese Zeit des 14. vorchristlichen Jahrhunderts. Zwar erst in späterer Zeit pflegte man in Rom einen besonderen Mithraskult, der sich in seiner Symbolik an diese Zeit aber zu erinnern schien, wenn auch in einer Form, die eben den Übergang vom Stier- ins Widder-Zeitalter symbolisierte, worin man in besonderen Bildnissen, in den sogenannten »Mithräen« der Tötung eines Stiers huldigte.

Es war dieses Zeitalter des Widder auch der Beginn der Eisenzeit, was auch insofern interessant ist, zumal ja astrologisch über den Widder der Mars herrscht, dem, nach Lehre der Chaldäer, auf Erden ja das Eisen entspricht.

Mit der Verhüttung von Eisen ging natürlich auch einher die Herstellung verbesserten Werkzeugs für Landwirtschaft und Städtebau, aber ebenso die Herstellung von Waffen, wobei die ersten Stähle in ihrer Härte, den Bronzewaffen weit überlegen waren. Vielleicht ließe sich darum auch historisch, hier der Beginn des Eisernen Zeitalters markieren, der finstersten Epoche der Menschheitsentwicklung, die bis zum heutigen Tage anhält – wir zumindest aber ihre schlimmen Auswirkungen noch immer spüren. Das nämlich was die Inder als das Kali-Yuga bezeichnen, das Zeitalter der Kriege und des Streits der Menschen, das wohl mit dem Beginn der Eisenzeit begann.

Unterscheidungsfähigkeit und die Bildung des Ego

In dieser Zeit gründeten die mythischen, von einer Wölfin großgezogenen Brüder Romulus und Remus, im Jahre 753 v. Chr. die Stadt Rom.

Etwa 200 Jahrhunderte nach dieser Zeit, betraten die Bühne der geschichtlichen Welt die griechischen Philosophen Parmenides und Pythgoras. Besonders jene, auf letzteren Weisheitslehrer zurückgehende Schule der Pythagoreer, sollte eine wichtige Wegmarken zeichnen, in der abendländischen Geistesgeschichte der Philosophie und Spiritualität. Im Westen wurde diese spirituelle Entwicklung auch betont mit dem Auftreten des Patriarchen Moses, sowie nach ihm durch der Propheten Hesekiel, auf den ja das berühmte Symbol des Tetramorph zurückgeht (Vier Symbole im Kreis: Mensch, Adler, Löwe, Stier; später stellvertretend verwendet als christliche Zeichen der vier Evangelisten). Im fernen China lehrte zu etwa dieser Zeit der große Philosoph Lao-Tse.

Es begann da ein Zeitabschnitt in der Weltgeschichte, den man als »Mentale Zeit« bezeichnen könnte, wo die Menschen durch einen Wandel ihrer Bewusstheit auf einmal begannen, eine in den Jahrhunderten zuvor entwickelte Unterscheidungsfähigkeit anzuwenden. Man begann zu urteilen was recht und was unrecht, was gut und was schlecht war – am deutlichsten versinnbildlicht wohl im Zeichen des Schwerts, das im Tarot das alchemistische Element der Luft versinnbildlicht, das Element der Bewusstwerdung des Raumes.

Man entwickelte also eine stärkere Bezogenheit auf den Raum und das Äußere. Damals begann man eben auch den geometrischen Raum zu erkennen, und die ihn bezeichnende Dritte Dimension.

Es scheint, als ob sich darin ein einziger Gott noch besser vorstellen ließ, als in jener Zeit, wo man dieses Raumbewusstsein noch nicht besaß. Man begann seine Betrachtungen der Welt, wohl zum ersten Mal abstrahieren zu können, woraus sich die Fähigkeit zur Reflexion entwickelte. Man erkannte sich selbst in der Welt, hatte unbewusst begonnen ein Ich zu entwickeln – psychologisch betrachtet, sein Ego zu festigen –, was einher ging mit der Herausbildung eines bewussten Lebenswillens (oder eben Unwillens).

Ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. sollten die damit entstandenen Sichtweisen auf die Welt, der Geistesentwicklung der Menschen einen weiteren Entwicklungsschub geben. Das erfolgte im Westen insbesondere mit dem Auftreten des Philosophen Sokrates – jenem Denker des Abendlandes, dem man die Entwicklung des Fragens und Hinterfragens zuschreiben kann. Sein wichtigster Schüler Platon war mehr oder minder, der Mann, der das Denken seines Lehrers Sokrates in Schriftform festhielt, so dass, wenn man von einer platonischen spricht, immer auch eine sokratische Philosophie meint.

In Fernost betrat der Buddha Siddharta Gautama die Weltbühne der Spiritualität, der auf seine Weise einen Bezug des Daseins in der materiellen Welt zu abstrahieren vermochte, eine Fähigkeit die seinen Zeitgenossen fehlte und er wohl auch deshalb als dieser Weltlehrer auftrat, um sie an ihr inneres, seelisch-geistiges Dasein zu erinnern. Das war in etwa auch das, was im Abendland Sokrates vermittelt hatte. Denn die oben angedeutete Entwicklung des persönlichen Ego, was zu einer inneren Teilung des Seelenlebens im Menschen geführt hatte, entfremdete ihn von seiner eigentlichen Bestimmung, wodurch er zunehmend begann, sich mit einer rein materiellen Welt zu identifizieren.

In dieser Zeit auch entwickelte der Mensch ein Empfinden für die Zeit, wo man das »Ablaufen des Lebens« nicht mehr nur an den vier Haupt-Tageszeiten ablas, sondern den Tagesablauf in abmessbare Stunden zu unterteilen begann.

Es war das die Zeit, als Vorstellungen eines Weltbildes entstanden, in dem die Erde im Mittelpunkt als kugelförmiger Körper stand und eben nicht mehr nur eine zweidimensionale Scheibe blieb. Detaillierte Studien hierüber betrieb bereits der Platon-Schüler Aristoteles.

Übergang ins Zeitalter der Fische

Wie zuvor bereits angedeutet, kam es im Westen durch die Gründung Roms und die daraus entstandene Römische Republik, am Anfang des 6. vorchristlichen Jahrhunderts, zu einem neuen Schub in der Urbanisierung des Lebens der Menschen, durch das, was zuvor »nur« theoretisiert wurde, wie etwa in Platons »Staat«. Damit einher ging natürlich auch die Ausbildung eines durch und durch organisierten militärischen Organs eines Heeres, das sich seit damaliger Zeit, in den Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung, nach Westen und Osten hin immer weiter ausdehnte.

Die Zeit des tausendjährigen Römischen Reichs halbierte die Geburt Christi, womit dann ja unsere, bis heute verwendete christliche Zeitrechnung begann. Auch der große jüdische Prophet Johannes der Täufer kam da zur Welt, etwa fünf Jahre vor dem Erscheinen des Messias.

Im 2. nachchristlichen Jahrhundert bestätigte der griechische Philosoph und Astronom Claudius Ptolemäus , die in den Jahrhunderten zuvor angenommene Geozentrik durch seine Himmelsbeobachtungen. Während der beiden Jahrhunderte danach, entstanden die religiösen Lehren des Gnostizismus, die jedoch bald zum theologischen Hauptgegner der damals noch jungen Christenheit werden sollten. Auch die Philosophie der sich damals bildenden Gruppierung der Neuplatoniker, entstand in dieser Zeit und teilweise auch in Konkurrenz mit den Lehren der Gnosis.

Es war das auch die Zeit, zwischen dem ausgehenden 3. bis ins 4. Jahrhundert, als die ersten christlichen Kirchengemeinden entstanden, die Christi Geburt jedoch alle noch an verschiedenen Tagen im Jahr zelebriert hatten.

325 n. Chr. tagte dann das von dem römischen Kaiser Konstantin I. in Nicäa (heute Iznik in der Türkei) einberufene Konzil, womit danach auch das Christentum zur römischen Staatsreligion wurde. 70 Jahre danach kam es zur Reichsteilung in Westrom, wo in der alten Stadt Rom der christliche Katholizismus durch den Papst und Ostrom, das heißt also Konstantinopel (heute Istanbul, Türkei), vom christliche-orthodoxen Patriarchen vertreten wurden. In Westeuropa scheinen in etwa dieser Zeitperiode, die Wurzeln der Sage um den Drachentöter Siegfried zu liegen, die auch dort bereits einen Übergang markiert, von einem germanischen Heidentum in eine eher christliche Spiritualität.

Innerhalb des Platonischen Jahres, bewegen wir uns seit etwa vier Jahrhunderten bereits im Zeitalter der Fische, deren Symbolik ja für die christliche Epoche ganz ausschlaggebend ist.

Dunkles Zeitalter und Heiliger Gral

Den Beginn des Mittelalters prägt auch das Auftreten des arabischen Propheten Mohammed und mit der sogenannten Hidschra, dem Auszug der ersten Muslime aus Mekka, im Jahre 622 n. Chr. die islamische Zeitrechnung. Das ereignete sich auch innerhalb der Epoche, als ein sagenhafter Priesterkönig Johannes in der abendländischen Geschichte auftauchte, scheinbar aber gleichzeitig auch in Nordafrika und Fernost.

Im Dunkel jedoch liegt die ungefähr 500-jährige Periode der westlichen Zivilisation. Während dieser Zeit nämlich ordnet man heute die mythischen Episoden eines christlich-paganischen Fürsten ein: Dem legendären König Artus, der vermutlich in dieser dunklen Epoche der franko-angelsächsischen Geschichte, als ein Brückenbauer wirkte, zwischen der noch heidnisch geprägten Kultur des alten Britannien und Irlands und dem mit den Römern nach England gebrachten Christentums. Es war das auch wohl die Zeit, wo der legendäre Held Parzival, einer der Ritter der arthurischen Tafelrunde, in der Weltgeschichte aufgetreten sein könnte, wo ja insbesondere das Symbol des sagenhaften »Heilige Grals« Einzug nahm in die christliche Sagenwelt des Abendlandes.

Erst im 12. Jahrhundert verfasste der deutsche Dichter Wolfram von Eschenbach seine Verse zu diesem Helden Parzival und dem heiligen Gral, der ja als Trinkgefäß beim letzten Abendmahl Christi dem Jesus und seinen Jüngern als Trinkbecher gedient haben soll und in den dann, nach dem Ableben des Christus am Kreuz, dessen Blut damit aufgefangen wurde, durch den sagenhaften Joseph von Arimathäa. Der soll den heiligen Kelch dann selbst in die englische Stadt Glastonbury gebracht haben (das legendäre Avalon), um dort die erste christliche Gemeinde in Europa zu gründen.

Perspektiven in einer Zeit der Neuordnung

Mit dem Beginn der Renaissance, im Umbruch vom Mittelalter zur Neuzeit (15. und 16. Jahrhundert) entwickelte sich etwas, das eine tatsächliche Wegmarke, nicht allein in der Geschichte der Bildenden Kunst markierte: Die Entdeckung der Perspektive, die Künstlern eine Methode gab, um mit mathematischer Exaktheit Verkürzungen in der Raumtiefe abzubilden. Zeichnungen und Gemälde erhielten damit seit dem 15. Jahrhundert eine fast realitätsidentische Wiedergabe optischer Eindrücke, was natürlich im Laufe der Zeit einen erheblichen Wandel im Bewusstsein der Menschen einleitete. Was als dritte Dimension des Raumes angenommen wurde, erhielt damit eine ganz relevante Konkretisierung. Im Menschen entwickelte sich aus diesem Bewusstwerden aber anscheinend auch der Wunsch, Dinge haben zu wollen, da er sie nicht mehr nur örtlich begriff, sondern auch ihr Ausmaß, perspektivisch betrachtend, unterscheiden ließ, zwischen einem mehr und einem weniger.

Das erste Jahrhundert der Neuzeit aber sollte noch weitere, für die Geisteskultur dieser damaligen Epoche, doch insbesondere für alles andere in der Folgezeit Entstehende, ganz wichtige Wegmarken kennzeichnen. Damals nämlich erfand der Mainzer Goldschmied Johannes Gutenberg den modernen Buchdruck mit beweglichen Lettern, was eine wahre Revolution bedeutete, für die Art der Verbreitung von Wissen. Was in den Jahrtausenden zuvor mühsam als Handschriften angefertigt wurde, und entsprechend damit nur sehr wenigen Menschen zugänglich war, konnte sich ab Ende des 15. Jahrhunderts viel einfacher als Nachricht oder Wissen verbreiten lassen.

Hätten Martin Luther und andere Reformatoren, ohne die Buchdruck-Technik Gutenbergs die Bibel übersetzt? Vielleicht, doch kaum jemand hätte je davon erfahren. Wenn Luther zuvor zwar nur über die Freiheit des Christenmenschen schrieb, um damit einen jeden über die wahre Religionsgeschichte zu unterrichten, ermahnte er die Menschen aber gleichzeitig dazu, in ihrer ständischen Ordnung zu verharren. Das dies aber nicht lange gehalten werden konnte, zeigt uns die Geschichte, etwa mit dem Deutschen Bauernkrieg von 1524, der sich nur fünf Jahre nach Luthers Thesenanschlag ereignete.

Neben der Übersetzung der Bibel kamen natürlich eine ganze Reihe anderer Schriften in Umlauf, so dass sich dadurch auch neue Überzeugungen bilden konnten, über das Wesen des Seins jenseits religiöser Weltanschauungen. Auch der Beweis für einen eigentlichen Heliozentrismus (um 1650), der die Erde als Mittelpunkt der Welt für immer erübrigen sollte, trug das Seine dazu bei.

Insbesondere ab Ende des 18. Jahrhunderts kam es da zu einem Aufbegehren gegen monarchische Strukturen in Europa. Interessanterweise war das eine Entwicklung nicht nur auf weltlicher Ebene, sondern es schien sich auch etwas im Makrokosmos zu zeigen, dass man vorher noch nicht kannte. Die Entdeckung des Planeten Uranos, im Jahre 1781, ließ den bisherigen Kosmos einer klassischen Astrologie der sieben Gestirne (Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus und Saturn) einstürzen.

Es scheint, als hätte sich so etwas mit noch einer enormeren Sprengkraft auch im Weltlichen ereignet, zumal um das letzte Viertel des 18. Jahrhunderts sich mehrere Revolutionen ereigneten, die die staatlichen und sozialen Gefüge in ihren Grundfesten erschütterten:

Mit der industriellen Revolution, deren Auswirkungen ab dem Jahr 1760 überall sichtbar werden sollten, gingen natürlich auch politische Umwälzungen der Gesellschaftsstruktur einher. Zwar gibt es keinen direkten Zusammenhang aus rein historischer Sicht, doch es ist interessant, dass in den wenigen Folgejahren des Endes des 18. Jahrhunderts, etwa 1775, die Vereinigten Staaten ihre Unabhängigkeit vom British Empire erklärten und es 1789 zur Französischen Revolution kam, die zur Abschaffung der Stände führte. Die Konsequenzen all dessen sollten ganz wesentliche Impulse überall in Europa auslösen, die das damalige Königtum fundamental veränderten und auch zu einer baldigen Schwächung des Einflusses der Kirche führten.

Zuvor bildete die Hohe Geistlichkeit den ersten Stand im französischen Staat, der Adel den zweiten und den dritten Stand alle anderen: Die Bauern und die Bürger der Städte. Der dritte Stand kam auf für die Versorgung aller, doch hatte keine Rechte. Zur Abgabe der Zehnt-Steuer an den Klerus war jedoch auch der Adel verpflichtet – ein Brauch, der sich tatsächlich seit der Zeit des Patriarchen Abraham nicht geändert hatte, der ja selbst verpflichtet war dem Priesterkönig Melchisedek von Salem »den Zehnten von Allem« zu geben (Genesis 14:20).

Strahlkraft der Vernunft?

Anscheinend kam da das Eine zum Andern und man begann immer mehr all das in Frage zu stellen, wofür die Könige und der Klerus gestanden hatten, in den Jahrtausenden zuvor. Das aber war auch die Zeit, in der ja der größte Teil der Menschheit in dunkler Unwissenheit lebte, so dass sich die Tendenz entwickelt hatte, mit der Strahlkraft der Vernunft auf-klären zu wollen. Der deutsche Philosoph Immanuel Kant, der ja in dieser Zeit der großen sozialen Umwälzungen gelebt hatte, schrieb über dieses Zeitalter der Vernunft:

Aufklärung ist der Aufgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.

In der Zeit der Aufklärung ging es nun nicht mehr um den Glauben, sondern um Beweise. Wobei das Wort »Glauben«, vielleicht seine ursprüngliche Wortherkunft teilt, mit einem glauben als vermuten. Doch das ist nicht das Selbe. Eher doch ist der Glaube an eine aus der Transzendenz wirkende Kraft, auch ein »sich Einlassen« auf ein spirituelles System, dass der Seele zur Freiheit verhelfen soll und weniger dem Körperlichen dient, noch weiter in den Mittelpunkt des Bewusstseins zu gelangen. Letzterem, das heißt der Materie, aber begann man insbesondere mit der Aufklärung zu huldigen, da sich die Dinge der physischen Welt ja durch Maß und Technik beschreiben ließen.

Wären Klerus und Adel in den Jahrhunderten bis zur Französischen Revolution aber verantwortungsvoller mit jenen umgegangen, über die sie herrschten und ihnen nicht das Recht abgesprochen hätten ein menschenwürdiges Leben zu führen, sich als freier Mensch in der Welt zu bewegen und auch selbst über Eigentum verfügen zu dürfen: Wäre es da überhaupt zu einer solchen Umwälzung gekommen?

All das auf jeden Fall, ganz gleich ob der Glaube an einen Gott oder die alten Wissenschaften, die man heute in den Bereich des Okkultismus verdrängt hat, schien während der Aufklärung unter der Oberfläche des alltäglichen, vernunftgesteuerten Denkens zu versinken – zumindest aber unterdrückt worden zu sein. Was einst eine spirituelle Praxis der Alchemie bedeutete – wo man ja nicht nur verzweifelt versuchte Gold herzustellen, sondern vielmehr seines inneren Seelenlebens gewahr zu werden – sollte eben in dieser Zeit der Französischen Revolution durch einen Antoine Laurent de Lavoisier zu einer wissenschaftlichen Chemie werden.

Interessant ist, dass sich in dieser Herauslösung des Spirituellen aus den modernen Geisteswissenschaften, auch ergab, dass sich jene, die sich um die Pflege der Esoterik, das heißt der »Inneren Wissenschaften« verpflichtet sahen, nun in den Untergrund, sich ins Verborgene zurückziehen mussten.

Eine Geheimgesellschaft die vielleicht solch innere Wissenschaften betrieben hatte, war wohl der 1776 von dem deutschen Philosophen Adam Weishaupt gegründete Orden der Illuminaten. Interessanterweise aber wird diesem Orden auch unterstellt, dass durch sein Wirken es überhaupt zur Französischen Revolution kam und dem darauf folgenden, in ganz Europa stattfindenden Kampf gegen die katholische Spiritualität. Wandte man da im geheimen Untergrund Jahrtausende altes esoterisches Wissen an, um damit ganz weltliche Veränderungen einzuleiten?

Fest steht, dass es mit diesen Revolutionen am Ende des 18. Jahrhunderts, zu einer Trennung von Offensichtlichem und Geheimem kam, von dem jedoch nur jene wussten, die schon einmal die »beiden Gesichter des Janus« gesehen hatten. Kaum verwunderlich wenn sich bereits zuvor, im Übergang ins 18. Jahrhundert, in Europa die ersten Logen der Freimaurer gründeten.

An der Oberfläche der neu entstehenden Staatengesellschaften kam es aber immer mehr zur Verhärtung eines Materialismus, was die Definition des Begriffs vom »Kapital«, durch den deutschen Philosophen Karl Marx, festigen sollte.

Auf Ebene des Bewusstseins aber entwickelten die Menschen eine wiederum neue Sicht auf die Dinge in der Welt, wurden sich, durch die allmählich gewonnene Fähigkeit zur Abstraktion, einer weiteren, der Vierten Dimension bewusst: Der Zeit. Was man als »Perspektivisches Denken« zuvor voraussetzen konnte, wandelte sich in der auf das Zeitalter der Aufklärung folgenden Moderne, in ein »Aperspektivisches Denken«. Da entstanden solch Künste, wie die durch den Spanier Pablo Picasso geprägte »Abstrakte Kunst« des 20. Jahrhunderts.

Leider aber ereigneten sich in diesem Jahrhundert auch die schlimmsten, durch Menschen verursachten Katastrophen aller Zeiten: Zwei verheerende Weltkriege, der Abwurf der Atombombe, sowie die vielen Völkermorde und der grausame Holocaust im nationalsozialistischen Deutschland.

Der schweizerische Psychologe Carl Gustav Jung schrieb sogar von einem Ende der christlichen Epoche, als Beginn eines Zeitalters des Antichristen:

Das antichristliche Zeitalter hat es an sich, dass in ihm der Geist zum Ungeist wird und dass der lebendig machende Archetypus allmählich im Rationalismus, Intellektualismus und Doktrinarismus untergeht, was folgerichtig zu einer Tragik der Moderne führt, welche, wie ein Damoklesschwert, greifbar über unseren Köpfen hängt.

– Aus C. G. Jung: Aion – Beiträge zur Symbolik des Selbst

Wird sich also der Menschen erst in der Gegenwart bewusst jener uralten Annahme – wie sie vor etwa 3.000 Jahren ein Zarathustra oder später die Gnosis definierte –, dass es kein Gutes gibt ohne dass es ein Böses zu korrumpieren versucht? Ist dann das Böse sogar noch viel gefährlicher, je weniger man es als solches auszumachen vermag? Wie auch sollte man es erkennen, wenn es sich in diesen, jenen und anderen »Ismus« hüllt, worin der moderne Mensch ja versucht, ein eigentlich lebendiges Wesen der Dinge, kategorisch einzupferchen.

Schnell erkennt man, dass das Stellen solcher Fragen äußerst heikel ist, ja es wahrscheinlich sogar sehr gefährlich ist, sie überhaupt zu stellen. Denn bekommt man es als Mensch zu tun mit diesen absoluten Gegensätzen von Gut und Böse, die sich, wie uns besonders die jüngere Geschichte zeigt, in solch unschuldige Begriffe kleiden wie »Wohlfahrt«, »Existenzsicherheit« oder »Friede unter den Völkern«, wird einem schnell gewahr, dass damit nicht nur die Welt politisch zerreißt, sondern sich immer häufiger auch das Herzen des einzelnen Menschen in zwei Hälften zu spalten scheint.

Chancen für eine Menschheit der Gegenwart

Bei alle dem jedoch, ist uns heute etwas gegeben, wozu unsere alten Vorfahren noch keinen Zugang hatten. Denn mit den Erkenntnissen über das Wesen der Dinge, die uns eben auch ein wissenschaftlicher Skeptizismus lieferte, besitzen wir damit heute eine bewertbare Gegenüberstellung zur reinen Annahme eines gläubigen Vermutens. Daher ist uns, in dieser gegenwärtigen Epoche, scheinbar möglich geworden, die eigene Fähigkeit zur Innenschau zu entwickeln, die jeder üben kann, ohne dabei das Äußere ausschließen zu müssen.

Durch die sich immer weiter klärende Transparenz, die sich zwischen dem Beginn der Neuzeit bis ins Zeitalter der Vernunft entwickelte, wodurch der Mensch das Wesen seines Bewusstseins immer näher zu erkennen vermochte, widersprachen sich darin auftauchende Bewusstseinselemente nicht mehr als »Ratio« oder »Iratio«, sondern es konnte eine »Aratio« entstehen. Das heißt, dass jedem von uns heute eine gewisse Arationalität, oder sagen wir »Unvernünftigkeit«, dabei behilflich sein kann, den wirklichen Grund unseres Daseins und unsere vielleicht verschütteten Fähigkeiten, durch ein tieferes Eindringen in die Welt des individuellen und kollektiven Unbewussten, als geborgenen Schatz ans Tageslicht unseres Bewusstseins zu befördern. Denn wir Menschen sind heute dazu fähig, das in unser Leben zu integrieren, was unsere Vorfahren an Fähigkeiten entwickelt hatten. Der deutsch-schweizerischer Philosoph Jean Gebser bezeichnete die gegenwärtige Menschheitsepoche darum als »Integrale Zeit«.

Räume der Stille

Aus dem Wunsch nach Geistesleere und innerer Stille, vermag ein Mensch in sich einen Raum zu erschaffen, woraus er bewusst – etwa durch Visualisierung – geistige Dinge in der Welt manifestieren kann. Nicht mehr nämlich ist sein geistiges Wirken allein auf die Dritte Dimension, auf eine reine Materialität beschränkt. Vielmehr kann er durch allmähliches Auflösung seines Ego, sein Bewusstsein regelrecht systematisieren, um damit kreativ handelnd, Dinge in der Raumzeit der Vierten Dimension zu erschaffen – ja sich in Zukunft darüber gar zu erheben –, etwas, worauf bereits vor über 2.000 Jahren der Christus Jesus hingewiesen hatte, in dem berühmten Gleichnis vom Senfkorn in Matthäus 17:20:

So ihr Glauben habt nur der Größe eines Senfkorns, so möget ihr sagen zu diesem Berge: Hebe dich von hinnen dorthin! So wird er sich heben und euch wird nichts unmöglich sein.

Sich eines solchen großen Glaubens an das Mögliche zu vergewissern, sollte heute gewiss zu einer Überzeugung werden. Warum? Da sich unsere moderne Weltgesellschaft, in Gegenwart einer Vierten Industriellen Revolution, wie sie das Weltwirtschaftsforum bewirbt, in immer schlimmere Krisen verfrachtet. Und es sprechen sehr viele Argumente dafür, dass, wenn wir so weitermachen wie bisher – jeder von uns –, wir unweigerlich in die Katastrophe schlittern.

Selbst aber wenn eine Wahrscheinlichkeit zur Besserung unserer Verhältnisse auf der Erde nur noch sehr gering wäre, sollten wir trotzdem alles dafür geben, Möglichkeiten zu finden, mit denen wir die Voraussetzungen schaffen für ein gesundes und nachhaltiges Zusammenleben auf unserer Erde.

So lange noch, in Fragen des Lebens, eine kleine Chance besteht, sagen wir von ein oder zwei Prozent, solange darf man nicht aufgeben. So lange muss man versuchen, die Katastrophe zu vermeiden. Wenn man mit dem Leben handelt ist es etwas anderes, als wenn man mit Geld handelt. Wenn man Geld investieren will und nur zwei Prozent Chancen hat dass es einem nicht verloren geht, dann wird nur ein Narr es investieren. Wenn ein Mensch schwer krank ist und nur zwei Prozent Chance ist, dass sein Leben gerettet werden kann, wird die Medizin mit allen Mitteln versuchen, um wegen dieser zwei Prozent, sein Leben zu retten, für das die Chance so gering ist. Und es geht bei den gesellschaftlichen Fragen um das Leben der Menschheit. Man muss also den Standpunkt einnehmen: Wenn die Chancen auch ganz gering sind, so lange man den Glauben haben kann, dass doch noch fast ein Wunder geschehen kann, so lange man nicht beweisen kann, dass es unmöglich ist […] so lange muss man jeden Versuch machen […] die Menschen aufzuwecken.

- Der Psychologe Erich Fromm in einem Interview aus dem Jahr 1977

 

Wir Kinder des Feuers

von S. Levent Oezkan

Ehrfürchtig verehrten die Urmenschen die übermächtige, Licht und Wärme spendende Sonnenscheibe. Ein durch Blitzschlag und Vulkanausbrüche entfachtes Feuer auf der Erde war für sie ein wunderbares Abbild des Sonnenfeuers. Um so heiliger muss es dem Urmenschen erschienen sein, als er zum ersten Mal selbst ein Feuer entfachte.

Auch wenn wir uns heute das Feuer längst dienstbar gemacht haben, übt der Anblick lodernder Flammen immer noch einen geheimnisvollen Zauber auf uns aus. Wie viel mehr musste das der Fall sein, wo Feuer noch etwas Seltenes war, wo man es an Gewitterbränden oder in Vulkankratern entzündet in die Siedlungen trug.

Der Urmensch ahnte im Feuer instinktiv ein mächtiges Lebensprinzip, das aus einer ihm unzugänglichen Sphäre heraus wirkte. In der Kultur der Ur-Indoeuropäer verkörperte Feuer das erste göttliche Wesen. Als der Mensch irgendwann das Feuer selbst entfachen konnte, war das der erste Kultusakt der Menschheit: eine Zeitenwende der urzeitlichen Zivilisation.

Mit jeder Landnahme errichteten die Ur-Indoeuropäer einen Feueraltar. Feuer war für sie, wie später für die iranischen Zarathustrier (auch: Zoroastrier), ein Medium durch das ihnen Offenbarungen der geistigen Welt zuströmten. Aus dem heiligen Licht seiner Flammen strahlte ihnen der höchste Gott Dyaus Pita entgegen - Allvater des strahlenden Himmels. In seinem Namen liegt der Ursprung der Blitze schlagenden Donnerers Zeus Pater, Ju-Piter und Deus Pater. Letzterer formte sich Jahrtausende später zum christlichen »Gott Vater«, dessen »Sohn Jesus Christus« sich bekanntlich ja auch als »Licht der Welt« bezeichnete.

In der indogermanischen Religion war Dyaus Pita ein hohes Lichtwesen, der mit Prittvi, der vedischen Mutter Erde, die Götter Surya, Ushas und Indra zeugte. Sie repräsentieren die himmlischen Lichtaspekte des Sonnenfeuers, der Morgenröte und des blitzenden Donners. Als charakteristische Verkörperung der irdischen Erscheinung von Dyaus Pitas trat ein weiterer Sohn Gottes zu Tage: Agni - vedischer Repräsentant des sakralen Feuers. In seinem Namen liegt der Ursprung des lateinischen ignis (Feuer).

Im Himmel geboren fuhr Agni in Gestalt eines Blitzes auf die Erde hernieder. Gemäß dem Rigveda wurde er durch den Feuerpriester Atharvan empfangen – einem der sieben Rishis, die nach der Sintflut vom Manu begleitet die Kulturtechniken auf der Erde hervorbrachten. Seinem Namen nach ist Atharvan mit Atar verwandt, dem Konzept des heiligen Feuers der Zarathustrier (Parsen). Im heiligen Licht Atars offenbarte sich Zarathustra's prophetische Berufung. Sowohl Atharvan wie auch Atar gehen aus der indoeuropäischen Wortwurzel athr hervor: das Feuer. Das ist auch der Ursprung des alt-griechischen Wortes Aither (deutsch: Äther): geistiger Sitz des Lichts, der Götter und der Gedanken.

Auch in Religionen außerhalb des indoeuropäischen Kulturkreises galt Feuer als Vermittler zwischen dem Menschen und den Göttern. Im Opferfeuer wurde die fromme Spende von den Flammen verzehrt und trug sich im Rauch verflüchtigend empor zu den himmlischen Göttern. So pries man das Feuer als vermittelnden Boten zwischen Mensch und dem Höchsten.

Die vedischen Hymnen betonen besonders die geistigen Fähigkeiten Agnis. Er wird dort als ein weiser, mit vorausschauender Klarsicht begabter Heiliger bezeichnet, der mit seiner schöpferischen Vorstellungskraft im Spiel der Flammen, zahllose kosmische und biologische Synthesen hervorbrachte.
So scheint Agni auch Vorbild für den Titanen Prometheus geworden zu sein – dem griechischen Genius und Töpferdämon der »nach seinem Bilde« den Menschen aus Ton formte, belebte und mit Denkkraft und Vorausschau begabte.
Dieser Titan war so stolz auf sein Schöpfungswerk, dass er sich am Liebsten selbst auf der Stufe des Höchsten (Zeus) gesehen hätte. Aus Furcht vor dem Rebell verbarg deshalb Zeus vor ihm und seinen Geschöpfen das Feuer. Doch mit größter List und Verschlagenheit gelang es Prometheus das Feuer zu stehlen und den Menschen zu bringen. Am solarischen Feuer der Himmelsschmiede entzündete er eine Doldenstaude (Narthex) die er brennend zu den Menschen am Fuße des Kaukasus trug. Im Zorn gebot Zeus seinem Sohn Hephaistos (römisch: Vulcanos) den Prometheus an den Kasbek anzuketten - einem hohen Vulkan im Kaukasus-Gebirge. Hephaistos erschuf auch Pandora, um dem bisher männlichen Menschenvolk eine Frau zu senden. Doch was aus ihrer Büchse über die Welt kam, waren Fluch und Tod, den die Menschen seit damals »im Schweiße ihres Angesichts« versuchten zu überwinden. Seit dieser Zeit wohl, hielt man in Griechenland die Mysterien der Demeter-Anesidora ab, wo Menschen in die Künste der Landwirtschaft, des Bergbaus und der Schmiedekunst eingeweiht wurden.

Es scheint als träfen sich hier Mythos und Geschichte, denn die Besiedelung vulkanischer Regionen (z. B. im Kaukasus) war in der Urzeit durchaus üblich. Unsere frühen Vorfahren konnten Feuer noch nicht selbst entfachen, sondern entzündeten in der Nähe von Vulkankratern trockene Pflanzen oder hielten einen durch Blitzschlag oder Vulkanausbrüche natürlich entstandenen Brand als Lagerfeuer am Leben. Außerdem wuchsen in der fruchtbaren, mineralstoffreichen Vulkanerde wahrscheinlich viele Pflanzen die den Steinzeitmenschen als Nahrung dienten. Erstarrte Lava gab auch wichtige Werkstoffe: das schwarze, vulkanische Quarzglas Obsidian war aufgrund seiner scharfen Bruchkanten bis in die Bronzezeit eines der wichtigsten Mineralien zur Herstellung von Keilen, Klingen, Pfeilspitzen und Schabern. Stellen wir die bereits damalige Nutzung von Quarzen ihrer gegenwärtigen Bedeutung gegenüber, so ist das darin enthaltene Silicium (chemisch setzen sich Quarze aus Siliciumdioxid-Molekülen zusammen) bis heute für den Menschen äußert wichtig geblieben, denn schließlich werden Informationen auf Siliciumbasis (Halbleitertechnik mit Siliciumkristallen) gespeichert und transportiert (mit Glasfaserkabeln und Glas bekanntlich ja amorphes Siliciumdioxid). An anderer Stelle werden wir auf den geheimnisvollen Einfluss des Siliciums auf die menschliche Zivilisation noch genauer eingehen.

Fest steht, dass die Umgebung von Vulkanen immer wichtige Siedlungsgebiete der Menschheit gewesen sein müssen, denn bis heute lebt ca. ein Zehntel der Weltbevölkerung im direkten Einflussbereich aktiver Vulkane.

Feuer und Zivilisation

Wenn der mythische Prometheus auf dem Olymp tatsächlich die Ursache der Blitze fand, so hat er diese Technik ganz sicher seinen Geschöpfen verraten. So konnte der Mensch irgendwann ohne den himmlischen Blitz selbst elektrische Kräfte entfachen, um damit ein Feuer zu entzünden. Dazu verwendeten unsere Vorfahren ein steinzeitliches »Feuerzeug«: ein Pyrit aus dem sie mit einem spitzen Feuerstein (Quarzkiesel) Funken schlugen, um einen Zunder zum Brennen zu bringen. Dieses leicht entzündliche Brennmaterial war meist ein in Urin getränkter, nachträglich aber getrockneter Baumpilz (z. B. Fomes fomentarius, »Zunderschwamm«). Damit konnte überall schnell ein Feuer entzündet werden.
Mit dem Feuers konnte der Mensch dann auch Nachts arbeiten, es in dunklen Höhlen entzünden, um von dort etwa wertvolle Mineralien und Erze ans Tageslicht zu befördern. So erhob er sich mit der Handhabung des Feuers über das Tier. Er wurde sesshaft und konnte seine Behausungen von den Bäumen auf die Erde verlagern, denn gefährliche Raubtiere und Insekten hielten sich vom Feuer fern. Es ist für uns heute kaum noch vorstellbar, was der Sonnenuntergang für die Urmenschen bedeutete. Bevor man Feuer handhaben konnte gab es besonders in Neumondnächten überhaupt kein Licht, man schlief in völliger Finsternis und war auflauernden Raubtieren somit hilflos ausgeliefert.

Mit der Meisterung des Feuers verfügte der Mensch jetzt auch über ein Mittel der Transmutation. Was zuvor nur die Sonne in einem langwierigen Prozess bewirkte, konnte durch Feuer viel rascher erreicht werden. Speisen und Fleisch wurden durch die Zubereitung mit Feuer einfacher verzehrbar und leichter verdaubar. Als unsere Vorfahren ihre Nahrung noch roh verzehrten, verbrachten sie täglich mehr als neun Stunden mit Essen. Zum einen weil sie die Nahrung sehr lange kauen mussten, um sie ebenso lange zu verdauen.

In der Evolution vom Homo Erectus zum heutigen Menschen verkleinerten sich mit der Verwendung des Feuers, über einen Zeitraum von etwa 2 Mio. Jahren, sowohl die Zähne als auch der Verdauungstrakt des Menschen. Die zuvor aufgewendete Energie für die Verdauung, verwendeten Evolutionsmechanismen nun zur Vergrößerung des Gehirns. Dies war der Aufgang einer neuen, denkenden Menschheit. Das war der Übergang vom Jäger- und Sammlertum zur Sesshaftigkeit und Domestizierung von Pflanze und Tier. Mit dem Feuer wurde der Mensch zum Schöpfer – wurde wie ein Gott!

Auch die Art der Herstellung von Gebrauchsgegenständen änderte sich mit der »Feuergabe«. Primitive Töpferkunst verwandelte sich in hochwertige Keramiktechniken. Mit der Entwicklung der Metallurgie, der späteren Kupfergewinnung durch Verhüttung, und der daraus entstehenden Schmiedekunst, sollte der Mensch schließlich die höchste Stufe seines Kulturschaffens erklommen haben.

Diego Velázquez (1599–1660): La Fragua de Vulcano

Die Schmiede des Vulcanos (Hephaistos) - Gemälde von Diego Velázquez (1599–1660)

 

Das blitzende Metall der Himmelsschmiede

Kehren wir noch einmal zurück zu den alten Mythen die sich um das Element Feuer drehen. Im Glauben der alten Griechen brachte die Göttermutter Hera als Jungfrau ihren Sohn Hephaistos zur Welt. Er sollte Gott und Schutzherr aller Schmiede, Metallurgen und Kunsthandwerker werden. Wegen seiner Hässlichkeit aber verstieß sie ihn vom leuchtenden Berg Olymp. Wie ein leuchtender Meteor stürzte er auf die Erde.

Auf der Erde wurde Hephaistos in einer Höhle von Nymphen aufgezogen. Sie brachten ihm den Umgang mit Feuer und den Metallen bei. Als Schmied der Götter und Helden erfand Hephaistos später den Hammer, den Amboss und die Zange. Damit schmiedete er aus Bronze den mythischen automaton und gab ihm den Namen Talon. Es war der »erste Roboter« der ihm und seinen Gehilfen, den Zyklopen, bei seinen Schmiedearbeiten behilflich war.

Raymond Monvoisin - Ninfas en el baño

Die Nymphen beim Bad - Gemälde von Raymond Monvoisin (1790-1870)

Für Zeus verfertigte Hephaistos eine magische Axt. Damit spaltete er das Haupt des Göttervaters und aus dem gespaltenen Kopf wurde die Weisheitsgöttin Athene in voller Rüstung geboren. Sofort verliebte sich Hephaistos in die schöne Zeustochter. Von Verlangen überwältigt kam sein Same auf die Erde und daraus erstieg der Zwitter Erichthonios. Er besaß den Oberkörper eines Menschen und den Unterkörper einer Schlange. Er war es der Rad, Deichsel und Wagen erfand.

Auch im Schamanismus war der erste Schmied himmlischen Ursprungs: ein Vorbild aller irdischen Helden und Herrscher, die in den Legenden der Mongolen und Tartaren, als legendäre Sänger und Poeten auftraten. Auch die alten Germanen verehrten einen Metallarbeiter: Odin - »der singende Schmied«.

Der große Gengis Khan wurde von seinen Zeitgenossen »Der Eisenarbeiter« (oder Schmied) genannt. Das liegt an seinem Kindernamen Temüjin – in dem zwei mongolisch-türkische Wörter enthalten sind: Eisen - temür, und Arbeit - jin.
Ein alter schamanischer Mythos der sibirischen Burjäten berichtet vom Gott Boshintoj. Er kam mit seinen neun Söhnen vom Himmel, um den Menschen die Kunst der Metallurgie zu lehren. Boshintoj kehrte bald darauf zurück, während seine Söhne auf der Erde blieben, da sie sich in die irdischen Töchter verliebten und Nachkommen mit ihnen zeugten. Das waren die Urahnen aller Schmiede.

Ähnliches findet sich auch in der biblischen Genesis:

Da sich aber die Menschen begannen zu mehren auf Erden und ihnen Töchter geboren wurden, da sahen die Söhne Gottes nach den Töchtern der Menschen, wie schön sie waren, und nahmen zu Weibern, welche sie wollten. […] Es waren zu dieser Zeit auch die Nephilim auf Erden; denn da die Söhne Gottes zu den Töchtern der Menschen eingingen und sie ihnen Kinder gebaren, wurden daraus Riesen in der Welt und berühmte Männer.

Genesis 6:1-2,4

Kain (wörtlich: Schmied), der erste Sohn Adams, hatte einen Sohn: Henoch. Laut den Büchern Henochs waren die oben erwähnten »Söhne Gottes« Rebellen wie auch der Titanensohn Prometheus einer war. Als Nachkommen des Seth, des dritten Sohnes von Adam (Genesis 4:25, 5:3), lebten sie auf dem Himmelsberg (vergl. Olymp) jenseits der Erde, jenseits der Nachkommen des Brudermörders Kain. Als sie nun die schönen Kainstöchter erblickten (»Töchter der Menschen«) stiegen sie vom Himmelsberg auf die Erde hinab und widersetzten sich damit dem Verbot Gottes. Darum wurden sie vom Himmel auf die Erde verstoßen (vergl. Hephaistos). Dort zeugten sie Nachkommen mit den Töchtern des Kain. Gemäß den Henochbüchern war ihr Anführer der Engel Azazel, der seinen Nachkommen verbotene Dinge und Himmelsgeheimnisse verriet, so wie ja der Prometheus beim Feuerraub seine Menschen.

Und Azazel lehrte den Menschen wie man Schwerter und Messer und Schilde und Brustplatten herstellt und zeigte ihnen die Metalle der Erde und die Kunst mit ihnen zu arbeiten und Kettchen und Ornamente und die Verwendung des Antimon, womit sich das Schminkzeug der Frauen herstellen ließ

1. Henoch 8:1

Lamech, ein Nachkomme Kains und Sohn des alten Methusalem hatte vier Kinder: Jabal war der Stammvater aller Nomaden und Viehhirten, Jubal Stammvater aller Harfen- und Flötenspieler, Tubal-Kain schmiedete die Geräte aller Erz- und Eisenhandwerker, Naama lehrte die Frauen sich schön zu kleiden, zu frisieren, zu schminken und wie sie mit ihren weiblichen Reizen in den Weinschenken für die Unterhaltung der männlichen Gäste sorgten.
Auf verschiedenen kulturellen Ebenen und der Völker der Erde existiert eine enge Verbindung zwischen Schmiedehandwerk, der Musik, dem Gesang, dem Tanz und den Initiations- und Geheimwissenschaften (Schamanismus, Magie, Heilkunst, etc.). Darum spielt Tubal-Kain eine zentrale Rolle in der Tempellegende der Freimaurer.

Ebenso gehören zu dieser Gruppe die Zigeuner. Seit alters her waren unter ihnen viele Schmiede, Handwerker, Musiker, Heiler und Wahrsager. Sie werden in alten Sanskrit-Texten mit den Dalits identifiziert, die man in Indien die »Unberührbaren« nennt. Sie sind außerhalb des indischen Kastensystems, gleichen »Ausgestoßenen«. Viele Schmiede und Musiker zählen in Indien zu den Dalits.

Vielleicht erklärt sich all das auch in der alten Furcht der Menschen vor den Schmieden. Mit Hilfe von Feuer und Metall wurden dort alle möglichen ungeheuren Dinge hervorgebracht. Schmieden befanden sich darum oft am Rande der Dörfer.Das heilige Schmiedehandwerk war und ist etwas Magisches. Alle Schmiede bewahren die Geheimnisse ihrer Zunft. Das ließ sie in vielen Kulturen, besonders in Afrika, zum Kulturheros aufstiegen. Ihr initiatorisches Wissen über den Umgang mit Feuer, Metall, Hammer, Zange und Amboss, wurde über unzählige Generationen verfeinert. Außerdem erhielten Schmiede, Metallurgen und Gießer über mehreren Jahrtausende die Tradition einer ganzen Gesellschaft, denn sie waren es die die Waffen, Werkzeug und Schmuck, die Kirchenglocken und Burgtore fertigten.

Mutter Erde und ihre Nachkommen

Cultura, das lateinische Wort für den Ackerbau, steht für die Techniken der Landwirtschaft. Die Kultivierung von Getreide erfordert aufmerksame Pflege und Schutz. Man kann Getreide nicht aussähen ohne es zu hüten, da es sonst von allen möglichen Tieren weggefressen wird. In alter Zeit mussten die Felder darum aufmerksam bewacht werden. Daher erklärt sich, dass Ackerbau und Sesshaftigkeit untrennbar miteinander verbunden sind.

Seit 8.000 v. Chr. wurde wild wachsendes Getreide wie Weizen, Gerste, Hirse und Reis allmählich domestiziert. Das heißt, über viele Generationen hinweg wurde die Nutzbarkeit der Samen durch Auslese verbessert. Zum ersten mal in der Geschichte der Menschheit wurde direkt Einfluss genommen auf die biologische Entwicklung von Pflanzen. In gewisser Hinsicht war das die Geburt der Biotechnologie und Gentechnik.

Durch die Optimierung des Getreidewuchses entstand mit der Lagerung landwirtschaftlicher Güter auch der Besitz. Die Wörter »Sesshaftigkeit« und »Besitz« enthalten beide ja auch das selbe Verb: »sitzen«.

Besitz erzeugt Gründe ihn zu schützen, wenn nötig auch zu verteidigen. Nicht zufällig war der alt-griechische Kriegsgott Ares (römisch: Mars) auch der Gott der Ackergrenzen!

Mit dem allmählichen Rückgang des Nomadentums und der zunehmenden Bedeutung des Getreide-Ackerbaus, kam es zu einer immer schnelleren Vermehrung der Bevölkerung. So entstanden die ersten großen Siedlungen. In der anatolischen Siedlung Çatalhöyük lebten zwischen 7.500 und 5.700 v. Chr. bereits um die 10.000 Menschen. Das war noch vor dem Beginn der Metallzeit. Werkzeuge und Waffen wurden in Çatalhöyük aus Obsidian hergestellt. Man beschaffte den Stein vom 190 km entfernten Vulkan Göllü Dağ (Zentralanatolien). Mit der Zunahme der Bevölkerung und dem damit einhergehenden Bedarf an Nahrungsmitteln, verbesserte sich auch das dazu verwendete Werkzeug.

Einen ganz wesentlichen Sprung in der Menschheitsentwicklung machte um das 4. Jahrtausend v. Chr. die georgische Kura-Araxes-Kultur (benannt nach den Flüssen Kura und Araxes). Sie waren die ersten die Werkzeuge und Waffen aus Kupfer und Bronze verfertigten. Besonders die Nutzung bronzegefertigter Sicheln, Hacken und Pflügen, vermehrten die landwirtschaftliche Produktion um ein Vielfaches. Der dadruch immer weiter zunehmende Besitz bildete ein festes Fundament für die Formierung einer einheitlichen Gemeinschaft und politischen Gesellschaft. Das erforderte die Existenz von Anführern, woraus sich das Königtum entwickelte. Was einst Ackergrenzen als Einflussbereich von Herrschern markierten, sollten später einmal die Grenzen zwischen Staaten werden.

Erze: Kinder der Erde

Die Orte aus denen Menschen Erze geborgen haben, waren häufig vulkanischen Ursprungs. In geologisch aktiven Gebieten dringt in die Erdkruste Magma ein, das einen hohen Anteil an wertvollen Metallen besitzt. Bei der Abkühlung des Magmas kommt es zur Auskristallisierung dieser Minerale - so entstanden unterirdische Erzlagerstätten. Metallerze und Reinmetalle wie etwa Gold, doch auch Edelsteine, darunter Smaragde und Rubine, wachsen aus dem steinigen Boden hervor - werden über viele Millionen Jahre daraus geboren. Drum nannte man im Altertum solche Gesteinsareale Petri Genitrix: »fruchtbare Felsen«. Diese subterranen »Kinder der Erde«, so glaubten die alten Feuermeister, würden dort von Erdgeistern, Genien und Devas gehütet werden. Ein Schmelzer warb deshalb um die Gunst dieser Wesenheiten. Aus Respekt vor den Erdgeistern war die Senkung einer neuen Mine immer mit einem religiösen Ritus verbunden. Bei den Germanen glaubte man, »Meister Hömmerling« (ein Poltergeist) könnte durch das Grubenwerk der Bergleute gestört werden und aus Zorn einen Erdrutsch auslösen. Man wollte die Wesen des Erdreichs darum stets günstig stimmen. Darum holte der Bergmeister das Erz aus der Mine ganz sorgsam hervor, und beförderte es ebenso ehrfürchtig in den Schmelzofen.
Für die Bergleute war das Erz wie ein Embryo im Uterus der Erdmutter. Der Schmelzofen war wie eine Gebärmutter, worin die »Reifung des Metalls« erfolgte und darin seine Schwangerschaft vollendete. Metallurgie ist darum eine Art Geburtshilfe.
Die Hitze des Ofens war der Ersatz für die Hitze im Erdinnern. Darin reifen die Erze um auf der Erde zu kristallisieren. Erz und Embryo sind magisch miteinander verbunden. Im Schmelzvorgang sag man eine Frühgeburt, weshalb man abergläubisch tatsächliche Embryos, meist von Tieren, in die Schmelze warf um so den Vorgang magisch zu beschleunigen.

Die Verhüttung von Metallen ist bereits sehr alt; das belegen über 10.000 Jahre alte archäologische Funde aus Anatolien und dem Iran. Ab 7.500 v. Chr. wurde im mesopotamischen Uruk bereits Kupfer verarbeitet. Ab dem 5. Jahrtausend v. Chr. verbreitete sich höheres Wissen über die Metallverarbeitung wahrscheinlich zuerst im Kaukasus-Gebirge Georgiens. In der Antike besaß Georgien die wichtigsten Metall- und Erzlagerstätten der Welt. 
Im Land vom »Goldenen Vlies«, dem alten Kolchis (»Reich des Aietes«), gab es eine Fülle an Goldvorkommen. Hier lebte eine hoch entwickelte Gesellschaft, die wegen ihres Goldes über großen Reichtum verfügte und einem gotterwählten König unterstand. Solch ein König war auch der Sohn des Sonnengottes Helios: Aietes von Kolchis. Das west-georgische Kolchis war für die alten Griechen die ferne Goldquelle am Schwarzen Meer. Laut dem römischen Geschichtsschreiber Appian (90-160 n. Chr.) gewannen die alten Kolcher mit Hilfe von Schaf- oder Widderfellen den goldhaltigen Sand aus Flussläufen des kaukasischen Phasis (heute: Rioni). Dazu legten sie zottige Felle ins Wasser und fingen die kleinen Goldteilchen auf.
Möglicherweise ist das eine Erklärung für den Ursprung des Mythos vom Goldenen Vlies, wofür sich die Argonauten vor mehr als 3.000 Jahren in das sagenhafte Goldland von Kolchis begaben. Das Goldene Vlies befand sich laut Mythos an einer Eiche befestigt im Hain des Ares. Ein Drache bewachte den Ort. Der Held Jason tötete das Reptil und nahm das heilige Widderfell an sich. Wie der griechische Mythos weiter berichtet, erhielt der finstere König Aietes vom Himmelsschmied Hephaistos zwei feuerschnaubende Stiere aus Bronze. Das Goldene Vlies lag zwar bereits in Jasons Händen, doch Aietes ließ ihn nicht eher gehen, bevor er nicht mit diesen Stieren einen dem Ares geweihten Acker pflügte. Darein sollte er die Zähne des getöteten Drachen sähen. Laut Mythos ersprossen aus den Zähnen Krieger, die in schwere Rüstungen aus Bronze gekleidet waren.

Diese Geschichte zwingt zur Vermutung, dass die feuerschnaubenden Stiere des Hephaistos und die ausgesäten Drachenzähne Symbole antiker Technologie sind, um aus der Erde Erze zu gewinnen bzw. diese Erze in hochwertige Metalle (Kupfer) zu verwandeln. In der Alchemie symbolisiert der Drachen den Ausgangsstoff zur Herstellung des Steins der Weisen, d. h. ein Agens zur Verwandlung eines unedlen Stoffes, in diesem Fall Erz, zu etwas hochwertigem: das Edelmetall Kupfer.

Da nun im Osten Georgiens, am Großen Kaukasus, bereits zwischen dem 5. und 4. Jahrtausend v. Chr. große Mengen an Kupfererz abgebaut und verhüttet wurden, scheint die Behauptung, das es sich bei der Argonautensage auch um die Schilderung einer Initiation in die Metallurgie handelte, nicht ganz unwahrscheinlich. Denn von Georgien aus kam metallurgisches Wissen über Anatolien nach Ägypten und Griechenland, später nach Mitteleuropa und England, wo die hohe Kunst der Metallverarbeitung weiter verfeinert wurde.

Und Wir haben das Eisen herab gesandt

Eisen, das stärker als jedes Metall ist,
In des Gebirgs Talgründen,
Vom flammenden Feuer bezwungen,
Unter der Hand des Hephaistos zerschmilzt auf der heiligen Erde;
So denn schmolz von der Lohe des flammenden Feuers die Erde.

Aus der Theogonie des Hesiod

Hesiods Gedicht beschreibt einen heftigen Waldbrand in dem ein Eisenklumpen schmilzt. Es kann sich dabei nur um Meteoreisen handeln. Das er eine zufällige Reduktion von Eisenerz beschreibt ist sehr unwahrscheinlich, denn so hätte es schon nach kurzer Zeit zu rosten begonnen. Wegen des hohen Nickelanteils (ca. 5-20 %) in Meteoreisen bleibt eine Korrosion aber aus. Schon vor der eigentlichen Eisenzeit, wurde überall auf der Erde meteoritisches Eisen zur Herstellung von Kultgegenständen, Werkzeugen und Waffen verwendet und wegen seiner großen Seltenheit, war es sogar wertvoller als Gold!

Dem Menschen bot das himmlische Eisen schon vor Jahrtausenden einzigartige Vortrefflichkeit, denn es war das härteste aller Metalle. Im alten Sumer (Mesopotamien im 3. Jahrtausend v. Chr.) nannte man es an-bar, das »Feuer aus dem Himmel« oder urudu-an-bar das »Kupfer des Himmels«. Auch die Hethiter (2. Jahrtausend v. Chr. in Kleinasien und alten Syrien) kannten es als ku-an.
Im mesopotamischen Ur, dem Geburtsort Abrahams (Genesis 11), entdeckte man um 3.100 v. Chr. einen Königsdolch aus Meteoreisen mit goldenem Griff – 2.000 Jahre vor der Eisenerzeugung aus Erz! Wenn Tubal-Kain (»Tubal der Schmied«), ein Nachkomme Kains, der etwa um diese Zeit gelebt haben könnte, in Genesis 4:22 als Eisenhandwerker erwähnt wird, so verfertigte er Kultgegenstände und Waffen aus Meteoreisen, da man zu dieser Zeit die Eisenerzverhüttung noch nicht kannte.

Die Hebräer nannten Eisen parzil, die Assyrer barzillu - »Metall Gottes« oder »Himmelsmetall«. Das es sich um etwas Himmlisches handelt, das bestätigt auch der bis heute in Georgien verwendete Name für Meteoreisen: tsis-natckhi – »himmlisches Bruchstück«. Auch im alt-ägyptischen Namen bj-n-pt für das »Eisen des Himmels« sind die Wörter bj, der Blitz und pt, Himmel, enthalten. Es ist gut möglich dass in Ägypten, wo es sehr selten regnet, in ferner Vergangenheit nicht wirklich unterschieden werden konnte zwischen Blitz, Donner und Meteoriten. Auffällige, blitzartige Lichterscheinungen am Himmel, die von lautem Prasseln und Donnern begleitet waren, wurden mit wetterbedingtem Blitz und Donner wahrscheinlich gleichgesetzt. Vielleicht fand man nach solchen Blitzeinschlägen manchmal an den Stellen schwarze Steine oder schwere Meteorklumpen, was die Alten wohl als eine Botschaft der Götter auffassten. Solche himmlischen Objekte lieferten das Material aus dem heilige Werkzeuge hergestellt wurden: so etwa das Werkzeug für das alt-ägytische Mundöffnungsritual der Mumie (siehe Abb.).

Abbildung aus dem Ägyptischen Totenbuch des Hunefer (ca. 1.300 v. Chr.). Das in der Mitte abgebildete Werkzeug aus Meteoreisen, wird an den Mund des verstorbenen Pharao geführt (cc).

Donnerschlag und Blitzerscheinung waren immer schon die stärksten Kräfte in der Natur. So glaubten die schamanischen Medizinmänner oder keltischen Hohepriester, dass durch die ungeheuerliche Kraft eines Blitzes das aufzusprengen wäre, was der Tod verhüllte. Man glaubte Totes durch die magische Kraft der Elektrizität lebendig machen zu können. Blitz, Donner, Meteore und himmlisches Eisen galten darum lange Zeit als Ausdruck göttlicher Aktivität. Das zeigt sich auch im blitzenden Hammer des germanischen Gottes Thor. Er besaß ebenso blitzende Donnerwaffen wie der griechische Zeus oder der indogermanische Diyaus Pita.

Magische Waffen des Sagenhelden Siegfried oder des König Artus, wurden sehr wahrscheinlich aus Meteoreisen verfertigt. Auch geschichtliche Helden und Eroberer wie der Hunnenkönig Attila († 453) oder Timur Lenk (1336-1405 – Timur ist vom türkischen Temür abgeleitet, das Wort für »Eisen«), besaßen aus Meteoreisen geschmiedete »Himmlische Schwerter«. Auch die arabischen Kalifen führten Schwerter aus Meteoreisen in der Hand.

Und Wir haben das Eisen herab gesandt. In ihm ist starke Gewalt und Nutzen für die Menschen –, damit Allah kennt, wer Ihm und Seinen Gesandten im Verborgenen hilft.

Aus der Sure »Der Stern« (Al Najm)

Manche Legenden behaupten dass der heilige Stein der Kaaba in Mekka, von Abraham aus einem 1.100 km östlich von Mecca befindlichen Meteoritenkrater in die heilige Stadt gebracht worden sei. Dieser Schwarze Stein der Kaaba soll aus extraterrestrischem Silikat-Glas bestehen, worin Meteoreisen eingeschlossen ist. Vermutlich handelt es sich dabei um ein Bruchstück des Meteoriten der vor ungefähr 6.000 Jahren im saudi-arabischen Wabar niederging. Über dieses Ereignis scheinen viele arabische Poeten geschrieben zu haben. Sogar der Koran erwähnt diesen Ort als das »Iram der Säulen«: eine Stadt die in verschiedenen Fabeln (Märchen aus 1000 und einer Nacht) manchmal als das Atlantis des Sandes erwähnt wird, das wegen der Bösartigkeit seines Königs einem »Himmelsbrand« zum Opfer fiel.

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr mit den 'Âd verfuhr, jenen Bewohnern der Stadt Iram, mit den emporragenden Säulen, dergleichen in keiner Stadt sonst errichtet worden waren? Und mit den Thamûd, die Felsen zum Bauen ins Tal brachten? und mit Pharao, dessen Heerscharen seine Herrschaft wie Pfähle stützten? Sie trieben maßlos in den Städten ihr Unwesen und richteten viel Unheil an. So überhäufte dein Herr sie mit peinvoller Strafe. Dein Herr beobachtete alles genau.

Aus der Sure »Die Morgendämmerung« (Al Fajr)

Wir können davon ausgehen, dass schon die Urzeitmenschen, lange vor der Neusteinzeit und Bronzezeit, kleinere Stücke aus Meteoreisen als Werkzeug bei sich trugen. Meteoreisen war das beste Metall das zu damaliger Zeit ohne Verhüttung zur Verfügung stand. So besaßen die Urmenschen eine Eisenlegierung die alles überragte was bis 1890 an Metallgegenständen industriell hergestellt werden konnte!

Erst seit den 1920er Jahren wurde viel Geld ausgegeben, um einen der größten Metall-Meteoriten in der Geschichte der Erde zu untersuchen: der Canyon Diablo (»Teufelsschlucht«). Der ca. 300.000 Tonnen schwere Eisenmeteorit hat einen der größten und berühmtesten Krater in der Wüste von Arizona hinterlassen. In den Bruchstücken die man bis heute fand, kam auch eine besondere Substanz vor, die man bis zum damaligen Zeitpunkt auf der Erde noch nicht als chemische Substanz kannte: Siliciumcarbid – heute synthetisch hergestellt, wird diese Silicium-Verbindung als Halbleiter in Leuchtdioden verwendet.

Fortsetzung folgt

 

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