Dante

Dantes Göttliche Komödie: Führt der Weg ins Licht durch die Dunkelheit?

von S. Levent Oezkan

Dante Alighieri, Göttliche Komödie - ewigeweisheit.de

Das Schicksal des italienischen Dichters Dante, war eng geknüpft an die Wirren des politischen Lebens seiner Heimatstadt Florenz. Dort nämlich wurde er des Staatsbetruges angeklagt und verbannt. Als er in seiner Commedia, die Seelen-Läuterung eines Fliehenden durch's Jenseits beschrieb, ging es ihm auch um seine eigene Reise ins Ungewisse.

Früh schon begann ein regelrechter Kult um den Dichter-Philosophen Dante. Wohl auch deshalb, da über seine Leben nur wenig bekannt ist. Was man über ihn weiß, stützt sich insbesondere auf spätere Quellen.

Dante Alighieri wurde 1265 in Florenz geborenen. Seine Mutter verlor er früh. Die Familie Dantes gehörte zu einem italienischen Adelsgeschlecht, die zwar über Grundbesitz verfügte, doch nur wenig Geld.

1284 trifft Dante die schöne Bice, die in seinem Epos mit dem Namen Beatrice auftaucht. Es war das große Liebeserlebnis seines Lebens. Doch sie heiratete ein Jahr später den Bankier Simone dei Bardi. Schon ein Jahr darauf verstarb sie. Das mag einer der besonderen Gründe gewesen sein, dass sich Dante dem Studium der Philosophie hingab.

Ende des 13. Jahrhunderts bekleidete Dante hohe Ämter in Florenz. Das war in einer Zeit, wo es zwischen einzelnen italienischen Kommunen und auch innerhalb der Städte, immer wieder zu schweren Konflikten kam.

Damals entstand in Florenz auch das, was man heute Kapitalismus nennt. Fast 100000 Menschen bewegten sich damals täglich durch die Straßen der Metropole – mehr als in Rom oder London. Seit dieser Zeit veränderte sich die Art wie Menschen wirtschaften. Nicht allein das Bedürfnis nach materieller Versorgung zum Überleben spielt einzige Rolle, sondern um die Wende zum 14. Jahrhundert, wirtschaftete man in abstrakteren Kategorien und fragte sich wie sich mehr Gewinn als je zuvor erzielen ließe und aus Finanzkapital neues Geld geschlagen werden kann. Auch Dantes Vater, gehörte zu den florentinischen Bankiers.

Nach dem Sturz der politischen Partei Corsos im Jahr 1302, der auch Dante angehörte, verfolgte man ihn und er wurde aus Florenz vertrieben. Im selben Jahr noch verurteilte man ihn zum Tode, seine Familie wurde enteignet und verblieb zurück in bitterer Armut. Als Verbannter zog er durch Italien und Frankreich, ohne je seine Heimatstadt wiederzusehen. Er starb 1321 in Ravenna.

Illustration von Gustave Doré (1832-1883) – ewigeweisheit.de

Dante am Eingang eines dunklen Waldes. Illustration von Gustave Doré (1832-1883).

Wieso Komödie?

Der eigenartige Titel seines Werks, hatte sich erst lange nach seinem Tod, seit dem 16. Jahrhundert eingebürgert. Was sich jedoch Dante unter dem Wort »Komödie« vorstellte, dürfte stark von dem abweichen, was man darunter heute versteht.

Wer sich seinem Werk nähert, das bekanntlich ja zuerst durch einen Abstieg in die Hölle beginnt, dürfte sich womöglich fragen, wieso statt von einer Komödie, nicht von einer Tragödie die Rede ist? Doch wenn Dante es Commedia nannte, ging es ihm eher um eine besondere Reise, die für ihn, mit einem Aufstieg aus der Unterwelt, ins Diesseits bis in den Himmel, eben dem entspricht, was die Alten einen »Singenden Umzug« nannten (zusammengefügt aus dem griech. komos, die »Feier«, und aoidos, der »Sänger«). Denn wer aus Höllenqualen befreit hinauf strebt in die Ränge der Engel, den wird man wohl ganz gewiss in freudigem Gesang, in Freudentanz und in einer beglückten Stimmung antreffen.

Dante verband mit dem Begriff Komödie also ein Erfahren, dass er durch sein inneres, geistiges Sehen, auf seinem Weg von der Hölle, hinauf entlang der Ebenen des Läuterungsberges und schließlich das himmlische Paradies betretend, wohl als immer erfreulicheres Erleben wahrnahm. Divina, das Göttliche, diesen Titelzusatz erhielt Dantes Werk erst durch die Nachwelt.

Eine Reise zu sich selbst

Es geht in der Göttlichen Komödie um eine Reise, die Dante als eigene innere Entwicklung schildert. Sicher aber verband er damit auch eine Belehrung für seine Leser. Das Verfassen seiner Göttlichen Komödie, sollte wohl auch ein Bedürfnis danach stillen, die von Gott erschaffene Welt, in all ihren Erscheinungen, in eine für den Leser fassbare Ordnung zu bringen. Nicht zufällig stellte die Nachwelt Dantes Werk darum als einen totalen Weltentwurf dar, das heißt, jedes beschriebene Detail darin erfüllt seinen Sinn. Was jedoch offen bleibt, ist, ob Dante sich und seinen Lesern der Göttlichen Komödie, letztendlich eine allumfassende Antwort auf die Fragen der Menschheit geben konnte.

Mit Sicherheit aber kleidete er seine Visionen, in die Verse seines opulenten Werkes, auf so gekonnte Weise, dass er auch seinen Lesern ein Gespür zu vermitteln vermochte, das bereits in ihnen eine lebendige Weisheit veranlagt ist.

Doch diese Dichtung bleibt mehr als reine Fiktion. Vielmehr steht Dante damit in der Tradition eines Geisteslebens, dessen Vorstellungen man auch in anderen visionsartigen Schriften des späten Mittelalters findet. Was Dantes Schrift von anderen unterscheidet, ist, dass es ihm wie keinem anderen gelang, einen architektonischen Aufbau der damals bekannten Welt zu formen. Denn sowohl Wissen aus der Antike, wissenschaftliche Erkenntnisse des Mittelalters, wie auch christliche Weisheit, fügen sich in der Göttlichen Komödie zu einem großen Ganzen zusammen.

Dantes Universum – ewigeweisheit.de

Das Universum Dantes.
Hier klicken um zu vergrößern +

Die lebendige Erdkugel: Prüferin der Menschenseelen

Dante dachte sich die Erde kugelförmig und als eine von einem Meer umflossene Insel, die sich aus zwei Hemisphären zusammenfügt. Das vom griechischen Astrologen und Mathematiker Claudius Ptolemäus (100-160) entwickelte geozentrische Weltbild (Centrum Mundi), galt auch in Dantes Göttlicher Komödie, wo die Erde im Mittelpunkt des Universums steht, umgeben von den konzentrischen Kreisen einer Sternenwelt aus Planeten und Fixsternen.
Auf der nördlichen Halbkugel der Erde, bildet den diesseitigen Mittelpunkt die heilige Stadt Jerusalem. Die andere, südliche Hemisphäre, galt Dante als unbewohnt und vom Wasser des Meeres bedeckt. Inmitten dieses Meeres aber ragt der Berg der Läuterung empor, dessen Abhänge unterteilt sind in sieben Stufen. Auf diesen Ebenen der Läuterung, werden die Seelen von ihren begagnegen Sünden gereinigt. Den Gipfel des Läuterungsberges aber bildet das irdische Paradies. Dorthin gelangt nur, wer im wörtlichen Sinne »durch die Hölle ging«. Sie befindet sich unter der Stadt Jerusalem (interessant ist hier die Parallele zur Legende der Freimaurer, wo der Baumeister Hiram Abiff, vom Jerusalemer Tempelberg, auf außergewöhnliche Weise in die Unterwelt reist, bis zum Mittelpunkt der Erde, dem Wohnort des Brudermörders Kain). Doch Dante kommt ab vom Weg und verirrt sich im Gehölz eines dunklen Waldes, weit westwärts der heiligen Stadt.

Dantes Erde gleicht einem makrokosmischen Organismus, einem planetarischen Lebewesen, dass die auf die Erde kommenden Seelen der Menschen, zu Lebzeiten und nach dem Tode bindet, prüft und läutert, doch gemäß ihrem Los, dann irgendwann ins All entlässt. Dabei aber müssen Hölle und Läuterungsberg gar nicht jenseitige Orte sein. Vielmehr leben wir bereits dort – wenn wir all unser Vermögen und unsere Kräfte an das Irdische hängen, wegen Gier, übersteigerter Lust, dem Streben nach Besitz oder Macht.

Wer schlecht handelt, wer böse ist, lebt selbst im Bösen. Zerrissen zwischen Hass und Bedauern, sind alle jene die Zwietracht stiften. Der Verräter, der statt durch Liebe, die Welt mit Gewalt verändern will, verfrachtet sich ins höllische Eis, fernab von allem Geliebtwerden. Wer sich aber von diesen bösen Zielen verabschiedet und sich davon lösen will, dem gelingt vielleicht auch der Aufstieg am Läuterungsberg, wo er sich der Vergänglichkeit und Nichtigkeit all der irdischen Vergnügen und Zwänge bewusst wird. Damit wird es auch wahrscheinlicher, dass er dereinst doch seinen Frieden im Paradies findet.

Dantes dreigeteilte Welt

In der Göttlichen Komödie ist das Jenseits eine dreigeteilte Welt. Überhaupt ist die Zahl Drei in Dantes Epos von zentraler Bedeutung: In sogenannten Terzinen, einer gereimten Gedichtform italienischer Herkunft, besteht jede Strophe aus drei Versen. Drei Jenseitsreiche durchwandern die Seelen der Verstorbenen: die Hölle (Inferno), das Fegefeuer (Purgatorio) und endlich das Paradies (Paradiso). Jeder dieser drei Welten widmete Dante je 33 Gesänge - zusammen also 99 plus einem einleitenden Gesang, so dass es zu einer großen harmonischen und arithmetisch-poetischen Geschlossenheit kommt: 1 + 3 x 33 = 100.

Seine Dichtung der Göttlichen Komödie, beschrieb Dante als eine große Vision, wo er zuerst mit seinen Führer Vergil und später mit Beatrice, die Seelen der Verstorbenen durchs Jenseits begleitete. Die Geistesbilder, die er in diesem Erleben beschreibt, beginnen schauderhaft und hässlich, doch enden mit dem Schönen, Glückseligen und schließlich im Licht von Gottes Gegenwart.

 

Die im Folgenden verwendete dichterische Übersetzung der Verse aus Dantes Göttlicher Komödie, stammt vom deutschen Schriftsteller Karl Streckfuß (1778-1844).

 

Weiterlesen >>

Weiterlesen ...

Dantes Göttliche Komödie: Das Inferno und die neun Kreise der Hölle

Dantes Göttliche Komödie: Das Inferno und die neun Kreise der Hölle

Dante beschrieb den Ort der Hölle im Innern der Erde. Trichterförmig soll sie dort, mit der Spitze zum Erdmittelpunkt hin abfallen, wobei ihre Tiefe identisch ist mit dem Radius der Erde. Neun steile Terrassen verengen sich, hin zum irdischen Zentrum. Luzifer riss sie in die Erde, als ihn der Erzengel Michael auf die Erde stürzte. Auf diesen höllischen Ebenen, trachtet er nun als Satan den Sündern nach ihrem Unheil, dass Ihnen dort auf grauenhafte Art widerfährt.

Dantes Reise beginnt an Karfreitag des Jahres 1300, als er sich mit 35 Jahren etwa in der Mitte seines Lebens befindet. Da kam er ab vom Pfad wahrer Tugend und verirrte sich in die Dunkelheit:

Auf halbem Weg des Menschenlebens fand
Ich mich in einen finstern Wald verschlagen,
Weil ich vom graden Weg mich abgewandt.

Wie schwer ist’s doch, von diesem Wald zu sagen,
Wie wild, rauh, dicht er war, voll Angst und Not;
Schon der Gedanke erneuert noch mein Zagen.

Nur wenig bitterer ist selbst der Tod;
Doch um vom Heil, das ich drin fand, zu kunden,
Sag ich, was sonst sich dort den Blicken bot.

- Inferno 1:1-9

Mit diesen Zeilen beginnt der erste Gesang der Göttlichen Komödie.

Bald begegnen ihm drei Tiere: Ein Panther, ein Löwe und eine Wölfin – Symbole für Sinnenlust, Hochmut und Habgier. Die Wölfin treibt Dante immer tiefer in ein dunkles Tal, wo er dann seinen Führer durch das Jenseits trifft: den alten römischen Dichter Vergil (70-19 v. Chr.). Der gegleitet den Reisenden durch die Nacht der Hölle und durchs Fegefeuer, hinauf am Läuterungsberg bis zum Dämmerlicht des Paradieses.

Dante trifft auf Vergil. Illustration von Gustave Doré (1832-1883) – ewigeweisheit.de

Dante begenet Vergil, seinem Führer durchs Jenseits. Illustration von Gustave Doré (1832-1883).

Indessen ich zur Tiefe stürzte im Fliehn,
Da zeigte meinem Blicke dort sich Einer,
Der durch zu langes Schweigen heiser schien.

»Wer du auch seist,« so rief ich, als ich seiner
Gewahrt in großer Wüste, »nenne ich dich
Mensch oder Schatten, – o erbarm dich meiner!«

Und jener sprach: »Nicht bin, doch Mensch war ich;
Lombarden waren die, so mich erzeugten,
Und beide priesen Mantuaner sich.

Spät, als die Römer sich dem Julius beugten,
Sah ich das Licht, sah des Augustus Thron,
Zur Zeit der Götter, jener Trugerzeugten.

Ich war Poet und sang Anchises Sohn,
Der Troja floh, besiegt durch Feindestücke,
Als, einst so stolz, in Staub sank Ilion.

Und du – du kehrst zu solchem Gram zurück?
Was bleibt die freudige Höhe nicht dein Ziel,
Die Anfang ist und Grund zum vollen Glücke?«

»So bist du«, rief ich, »bist du der Virgil,
Der Quell, dem reich der Rede Strom entflossen?«
Ich sprach’s mit Scham, die meine Stirn befiel.

»O Ehre und Licht der andern Kunstgenossen,
Vergilt jetzt große Liebe und langen Fleiß,
Die meinem Forschen dein Gedicht erschlossen.

Mein Meister, Vorbild! dir gebührt der Preis,
Den ich durch schönen Stil davongetragen,
Denn dir entnahm ich, was ich kann und weiß.«

- Inferno 1:61-87

Als ungetauftem Heiden war Vergil die Erlösung verwehrt, da er ja in vorchristlicher Zeit gelebt hatte. Und so blieb er später in den Gefilden der Erde zurück.

Wenig später verlassen Dante und Vergil den dunklen Wald. Da begegnet Dante der schönen Beatrice, seiner verehrten Jugendliebe, die viel zu früh verstarb. Die Heilige Mutter Maria entsandte sie zu Vergil, der nun ja Dante bis an die Pforten des Paradieses geleiten soll. Von Beatrice wird er dann von dort aus bis in die höchsten Höhen der Göttlichen Welt geleitet.

Charon, Fährmann der Unterwelt – ewigeweisheit.de

Charon, Fährmann der Unterwelt. Illustration von Gustave Doré.

Auf dem schwarzen Fluss ans Tor zur Hölle

Charon – ein Fährmann der Unterwelt – setzt Dante und Vergil über den schwarzen Fluss Archeron, dessen Ufer die Grenze zur Hölle formen. Auf der anderen Seite betritt Dante nun, als Lebender, das Totenreich.

Erster Höllenkreis

Vor Dante und seinem Führer Vergil breitet sich ein dunkles, nebelverhangenes Tal aus: die Vorhölle. Hier sitzen die »Tugendhaften Heiden«, schuldlose Seelen, denen nur der christliche Glaube zur Vollkommenheit fehlte. Auch die Seelen ungetauft gestorbener Kinder, weilen dort.

Zweiter Höllenkreis

Hier büßen alle, die der Sturmwind der Leidenschaften mitgerissen hatte. Es ist der Ort wo die Wollüstigen wegen ihrer Sünden leiden.

Da hört man Wehgeheul und Klagewort,
Wenn sie sich nahen des Abgrunds Felsenküsten,
Und Flüche und Lästerungen schallen dort.

Dass Fleisches-Sünder dies erdulden müssten,
Vernahm ich, die, verlockt vom Sinnentrug,
Einst unterwarfen die Vernunft den Lüsten.

- Inferno 5:34-37

Ihren Schmerz in sich fühlend, besinnungslos und schockiert, bricht Dante hier zusammen.

Dritter Höllenkreis

Hier wälzen sich im eisigen Schlamm unzählige Schattenleiber, die jenen Toten gehören, die einst der Gier verfallen waren. Es ist der Ort der Schlemmer, wo ihnen ebenbürtig, doch überlegen, sie der gefräßige Höllenhund Cerberus zähnefletschend bedroht:

Der Gott Plutus, ein Ebenbild Satans – ewigeweisheit.de

Der Gott Plutus - Anbeter Satans. Illustration von Gustave Doré.

Schwarz, feucht der Bart, die Augen rote Höhlen,
Mit weitem Bauch, die Tatzen scharf beklaut,
Viertheilt, zerkratzt und schindet er die Seelen.

Sie heulen, wie die Hunde, im Regen laut,
Und sie verschaffen sich durch öfteres Drehen
Auf einer Seite mindestens trockne Haut.

Der große Höllenwurm, der uns ersehen,
Riss auf die Rachen, zeigte uns ihr Gebiss,
Und ließ kein Glied am Leibe stille stehen.

- Inferno 6:16-24

Vierter Höllenkreis

Aleph, Pape Satan, Pape Satan!
Erhob nun Plutus seine rauhe Stimme.
Und er, der alles wohl verstand, begann

»Getrost, nicht fürchte dich vor seinem Grimme,
Durch alle seine Macht wird’s nicht verwehrt,
Dass ich mit dir den Felsen niederklimme.«

Und dann, zu dem geschwollnen Mund gekehrt, Rief er:
»Wolf, schweige, du Vermaledeiter!
Von deiner Wut sei in dir selbst verzehrt!

Wir gehen nicht ohne Grund zur Tiefe weiter,
Dort will man’s, dort, wo einst des Stolzes Schmach
Gezüchtigt Michael, der Himmelsstreiter.«

- Inferno 7:1-12

Auf dem Unterweltsfluss Styx – ewigeweisheit.de

Auf dem Unterweltsfluss Styx, am Rande zur unteren Hölle. Illustration von Gustave Doré.

Hier hindert der Gott der Reichtums, Plutus, zunächt Vergil und Dante daran, am Eingang weiter zu gehen. Geizige und Verschwender halten sich dort auf. Die einen tragen schwere Lasten, die anderen werfen alles von sich. Hier kommen ihnen die eigenen Leidenschaften als Spiegelbilder entgegen: Die Geizigen sehen, was sie mit ihrem Geiz anrichteten, als Verschwender. Die Verschwender aber sehen ihre Eigenschaften als Gegenbild des Geizigen.

Doch als sie noch lebten, war ihr Treiben auf Erden vergeblich, denn nicht beruhte es auf Gottes Vorsehung, sondern ereignete sich nur als eitles Spiel Fortunas, der Göttin des Zufalls.

Nie haben Stillstand ihre Wechselstreiche;
So macht sie, von Notwendigkeit gejagt,
Aus Reichen Arme, dann aus Armen Reiche.

Sie ist’s, die ihr an’s Kreuz oft wütend schlagt,
Von der ihr oft, wenn ihr, anstatt zu schmollen,
Sie loben solltet, fälschlich Böses sagt.

Doch sie, die Selige, hört nicht euer Grollen;
In andrer Erstgeschaffenen Seligkeit
Lässt sie, nichts achtend, ihre Sphäre rollen.

- Inferno 7:88-96

Fünfter Höllenkreis

Im stinkenden Sumpf des Unterweltflusses Styx büßen die Seelen der Jähzornigen und Verdrossenen. Über diesen Fluss führt sie der Fährmann Phlegyas, und setzt Dante und Vergil ab vor dem Tor der unteren Hölle. Hier öffnen sich die Pforten zu der von Flammen erfüllten Stadt des Dis.

»Dis« ist die römische Bezeichnung für Pluto, den Herrn der Unterwelt – ein Synonym für Luzifer, der als Oberhaupt der abgefallenen Engel, nun mit dem Namen Satan im Erdmittelpunkt die bösen Seelen zu sich zerrt.

Im Wald der Selbstmörder – ewigeweisheit.de

Im Wald der Selbstmörder, wo die geflügelten Harpien wachen. Illustration von Gustave Doré.

Sechster Höllenkreis

Vor dem mächtigen Tor der Stadt des Dis, liegen in Steinsärgen die Anhänger Epikurs. Es sind die Vertreter einer Weltanschauung, die sich gänzlich auf die Erweiterung des Diesseits richtet. Diese Materialisten aber gleichen lebendigen Toten, denn sie identifizieren ja ihr gesamtes Dasein nur mit ihrem sterblichen Körper. Doch damit wäre der Mensch ein bloßer Leichnam.

Verbrannt von den Flammen des Dis, liegen sie als tote Seelen in Särgen.

Grabhügel sind im Lande rings umher,
Wo auf unebenem Grunde Tote modern;
So hier, doch schreckte dieser Anblick mehr;

Denn zwischen Gräbern sieht man Flammen lodern,
Und alle sind so durch und durch entflammt,
Dass Künste keine mehr vom Eisen fordern.

Halb offen ihre Deckel allesamt,
Und draus erklingen solche Klagetöne,
Dass man erkennt, wer drinnen, sei verdammt.

- Inferno 9:115-123

Siebenter Höllenkreis

Diesen Bereich, in dem die Seelen der Gewalttätigen büßen, gliedert sich in drei Ringe, wo jene leiden, die sich gewalttätig an ihren Nächsten vergingen, wo Selbstmörder ihres fast ewigen Daseins fristen und all jene die sich an Gott und der Natur vergingen, schwere Foltern durchleiden.

Wald der Selbstmörder – ewigeweisheit.de

Im Graben der Diebe und Räuber, die mal als Mensch und mal als Schlangen erscheinen. Illustration von Gustave Doré.

Erster Ring

Überall hier, hört Dante grausame Schreie und die Wehklagen der Gewalttäter. Zentauren treiben sie mit Pfeil und Bogen in den roten, kochenden Blutstrom des Unterweltsflusses Phlegeton. Als noch Lebender kann Dante den Strom nicht durchschreiten und wird darum von einem der Zentauren hinübergebracht, zum zweiten Ring.

Zweiter Ring

Die Selbstmörder haben ihre Menschengestalt verloren und fristen hier, zu Bäumen und Sträuchern verwandelt, ein körperloses Dasein. Ahnungslos bricht Dante ein Ästchen ab, worauf sofort ein Blutstrom hervorquillt und er dabei erschrickt, über die schmerzerfüllte Stimme eines der Verfluchten. Ihn hatte man aufgrund einer Verleumdung in den Kerker geworfen, wo er sich das Leben nahm.

Dritter Ring

Hier ist der Ort wo die Seelen der Gewalttätigen ihre schwere Folter erfahren. Manche von ihnen liegen herum, und andere laufen. Die Liegenden haben sich gegen Gott versündigt, die Laufenden gegen die Natur: unter ihnen die »Sodomiten«, wie man im Mittelalter die Homosexuellen nannte. Einen unter ihnen begleitet Dante, der zu ihm sagt:

O Gottes Rache! Jeder fürchte dich,
Dem, was ich sah mein Lied wird offenbaren,
Und wende schnell vom Lasterwege sich.

Denn nackte Seelen sah ich dort in Scharen,
Die, alle klagend jämmerlich und schwer,
Doch sich nicht gleich in ihren Strafen waren.

Die lagen rücklings auf der Erd umher,
Die sah ich sich zusammenkrümmend kauern,
Noch Andre gingen immer hin und her.

Die Mehrzahl musste im Gehen die Strafe erdauern.
Der Liegenden war die geringere Zahl,
Doch mehr gedrängt zum Klagen und zum Trauern.

Langsamen Falls sah ich mit rotem Strahl
Hernieder breite Feuerflocken wallen,
Wie Schnee bei stiller Luft im Alpental.

- Inferno 14:16-30

Achter Höllenkreis

Ein eigenartiges, doch gütig und gerecht anmutendes Mischwesen – teils Mensch, teils Löwe, teils Drachen: der Flugdrache Geryon, trägt Dante und Vergil hinunter in den Abgrund des achten Höllenkreises. Dort büßen die Seelen aller Betrüger.

In zehn Gräben ist dieser Bereich der Hölle gegliedert, wo im ersten Kuppler und Verführer büßen.

Im zweiten waten Schmeichler und Huren in stinkendem Kot.

Die sogenannten »Simonisten« fristen ihre Buße im dritten Graben. Es sind jene Geistlichen, die Kirchenämter für Geld vergeben hatten.

Im vierter Graben aber halten sich die Wahrsager und Zauberer auf:

Im Graben der Wahrsager und Zauberer – ewigeweisheit.de

Den Wahrsagern und Zauberern ist der Kopf hier so verrenkt, dass sie von da an immer nach hinten blicken müssen. Gemälde von Stradanus (1523-1605).

Viel Leute gingen langsam in der Runde,
So, wie ein Wallfahrtszug die Schritte lenkt,
Stillschweigend, weinend in dem tiefen Grunde.

Als tiefer ich den Blick auf sie gesenkt,
Sah ich – ein Wunder scheint es und erdichtet –
Vom Kinn sie bis zum Achselbein verrenkt,

Das Angesicht zum Rücken hingerichtet;
Drum mussten sie gezwungen rückwärts gehn,
Und ihnen war das Vorwärtsschauen vernichtet.

- Inferno 20:7-15

Den fünften Graben teilen sich all die Schacherer in Staatsämtern, die ihr Amt missbrauchten, um sich selbst zu bereichern. Dort stecken sie in siedendem Pech. Sobald einer unter ihnen den Kopf zu heben wagt, schlägt darauf heftig ein Teufel ein mit seinem Dreizack.

Im sechsten Graben schreiten die Heuchler umher, gehüllt in grausam junkende, furchtbar schwere vergoldete Bleimäntel.

Den Graben der Diebe und Räuber, beschreibt Dante als in sich verknäuelte, grausig windende Schlangen. Sie fressen die Diebe, doch flammen plötzlich auf und zerfallen sodann zu Staub. Doch der setzt sich wieder zusammen und wird dann mal ein Mensch, ein andermal wieder eine Schlange.

Im achten Graben lodern nur noch Flammen in Menschengestalt. Es sind die Seelen aller hinterlistigen Ratgeber, die dort schmachten.

Alle Zwietrachtstifter büßen im neunten Graben, wo sie von Teufeln zerfetzt und verstümmelt eines schrecklichen Höllendaseins fristen.

Der zehnte Graben schließlich ist der Ort der Fälscher. Sie leiden dort an ekelhaften Krankheiten. Gestank von angefaulten Gliedern weht von dort herauf.

In Gegenwart Satans – ewigeweisheit.de

Bei Satan: Dem König der Hölle. Illustration von Alessandro Vellutello (1534).

Neunter Höllenkreis

Hier nun sind Dante und Vergil in der tiefsten Hölle angekommen. Da büßen die Verräter im eisigen Fluss Kozytus, stecken darin bis zum Halse eingefroren.

Ein Bereich dieses Kreises ist nach dem Brudermörder Kain benannt: die Kaina – ein Ort der Verräter an Verwandten. Der andere Bereich heißt Antenora, wo die Seelen der politischen Verräter leiden. In der Grube des Ptolemäus, halten sich jene auf, die ihre Tischgenossen verrieten. Eine schmerzende Eiskruste bedeckt ihr Gesicht.

Unter all jenen aber, ist auch die Seele eines Verräters, dessen Körper gleich einem Untoten von einem Dämon besetzt noch auf Erden wandelt, während seine Seele schon hier in der tiefsten Hölle büßt.

Schließlich erreichten Dante und Vergil das Judasland, den Ort der Verräter an Gott, zu denen Judas Ischkarioth und der gestürzte Engel Luzifer zählen. Hier nun also, in der untersten, der tiefsten Hölle, dort treten sie vor Dis – vor Satans Angesicht.

Als hinter ihm ich so weit vorwärts rückte,
Dass es dem Meister nun gefällig schien,
Mir den zu zeigen, den einst Schönheit schmückte,

Da trat er weg von mir, hieß mich verziehn,
Und sprach zu mir: »Bleib, um den Dis zu schauen
Und hier lass nicht dir Mut und Kraft entfliehn.«

Wie ich da starr und sprachlos ward vor Grauen,
Darüber schweigt, o Leser, mein Bericht,
Denn keiner Sprache lässt sich dies vertrauen.

- Inferno 34:16-24

Satan sitzt in der Mitte der Erde. Seine Gürtellinie trennt die nördliche von der südlichen Hemisphäre.

Blick aus der Hölle – ewigeweisheit.de

Dante und Vergil treten aus dem Gang zur Hölle hervor, am Südpol der Erde. Illustration von Gustave Doré.

Dort angelangt, wo in den Hüftgelenken
Des Riesen sich der Lenden Kugel drehn,
Eilte er, mit Mühe und Angst, sich umzuschwenken.

Wo erst der Fuß war, kam das Haupt zu stehn;
Die Zotten fassend, klomm er aufwärts weiter,
Als sollten wir zurück zur Hölle gehn.

»Hier halte fest dich; denn auf solcher Leiter
Entkommt man nur so großem Leid«, so sprach
Tief keuchend, wie ein Müder, mein Begleiter,

Worauf er Bahn sich durch ein Felsloch brach,
Dann setzte er mich auf einen Rand daneben,
Und klomm mit mir den Fuß behutsam nach.

Ich blickte empor, und glaubte, wie ich eben
Den Dis gesehen, so stelle er noch sich dar;
Doch seine Füße sah ich sich erheben.

[...]

»Wo ist das Eis? Wie steckt Dis köpflings fest?
Und wie hat Sol (Sonnengott) so schnell aus solchen Weiten
Die Überfahrt gemacht zum Ost vom West?«

»Du glaubst dich auf des Zentrums andrer Seiten,
Wo du am Wurme, der die Erde kränkt
Und sie durchbohrt, mich sahest hernieder gleiten.«

Nun trat mein Führer auf verborgnem Gang
Den Rückweg an entlang des Baches Windung;
Und wie ich, rastlos folgend, aufwärts drang,

Da blickte durch der Felsschlucht obere Ründung
Der schöne Himmel mir aus heitrer Ferne,
Und wir entstiegen aus der engen Mündung

Und traten vor zum Wiedersehen der Sterne.

- Inferno 34:76-90,103-108,133-139