Dante Alighieri

Die Bewusstseinsstruktur des Mentalen

Die Bewusstseinsstruktur des Mentalen

Rodin: Denker, Gemälde Munch - ewigeweisheit.de

Visionen erschuf der mythische Mensch, aus seinem von Polarität umfassten Geist. Seine Gehirnaktivitäten beherrschten vornehmlich Bilder bestehender Vorstellungen. Es waren Imaginationen die er aus einem untereinander verflochtenen und miteinander verbundenen, spirituellen Gewebe bildete. Sein Denken prägten also eher Bilder als Worte. Was er erzielen wollte imaginierte er und tat es sogleich.

Auch heute begibt sich ein Mensch durch seine Imagninationsgabe, in diese, manchmal traumartige Vorstellungswelt, wo er das ihn Umgebende, als den anderen Pol seiner Wahrnehmung empfindet. Jeder der schöpferisch oder kreativ tätig ist, wendet diese Fähigkeit an – ganz gleich welcher Tätigkeit er dabei auch nachgeht.

Vor vielleicht 6.000 Jahren entwickelte die Menschheit etwas, dass Jean Gebser »Gerichtetes Denken« nennt. Es ist eine Geistesaktivität die nicht mehr polarbezogen ist, sondern objektbezogen. Das heißt, Gerichtetes Denken kehrt sich vom polaren Bewusstsein ab und richtet sich auf voneinander getrennte Gegensätze, die für sich stehend einer ursprünglich polaren Ergänzung entbehren. Hiermit erhält das Bewusstsein eine Kraft, die ihm von da an aus dem Ich des Einzelnen zufließt.

So auch kam das Ego in die Welt, was einher ging mit einer ganz grundlegenden Veränderung menschlichen Bewusstseins. Denn der Mensch verließ damit den bewahrenden Kreis des Seelischen und begann seine Welt durch Denken zu bewältigen. Was heißt das?

Nun, hierzu ist es sicher hilfreich, wenn wir uns zunächst noch einmal gedanklich zurückbegeben in die mythische Bewusstseinsstruktur. Denn lange vor der Zeitenwende in die mentale Struktur, sollte besonders ein Mythos wichtig werden: Die Sage von der Heirat des griechischen Göttervaters Zeus mit der Metis. Sie war die Tochter der Gottheiten des Meeres und selbst »Göttin des klugen Rats«. Ihr Name galt den griechischen Philosophen auch als Synonym für die Personifikation des »Scharfsinns«, eine Geistesfähigkeit die man ja auch als praktisches Wissen oder reine Vernunft beschreiben könnte.

Aus diesem Mythos aber erfahren wir nun Folgendes: Unter Schmerzen zerbrach sich Zeus den Kopf darüber, ob Metis ihm vielleicht einen mächtigeren Sohn gebären könnte, als ihm wirklich lieb sei. Er fürchtete dass ihm ein Junge vielleicht sogar den Platz als Götterkönig streitig machen könnte. Seine Angst aber schlug um in blinden Zorn und drum verschlang er seine schwangere Geliebte, samt einem in ihrem Leibe wachsenden Mädchen.

Da traten der olympische Götterschmied Hephaistos und der titanische Feuerbringer Prometheus auf. Mit der Axt des himmlischen Fabers, spaltete der Titan Zeus den Kopf, wonach dem klaffenden Götterschädel, mit lautem Kriegsgeheul, eine reife Jungfrau entstieg. In voller Rüstung kam sie zur Welt, ihre goldenen Waffen schwingend: Pallas Athene – Göttin der Weisheit, des Verstandes, der Kriegskunst und des Handwerks.

Dieser Mythos beschreibt den klassischen Anfang von Zivilisation und Städtekultur, die einen gewaltigen Bewusstseinssprung für die Menschheit einleiten sollte, denn die »göttliche Kopfgeburt« Athene »zivilisierte« die Griechen mit der Gründung der nach ihr benannten Stadt Athen.

Nicht aber nur in Griechenland schien sich da etwas zu wandeln. Auch die mosaische Tradition der Juden führte Menschen sprichwörtlich auf neuen Boden. Vom Berge Sinai herabgestiegen, stellte der Prophet Moses diesem neuen, im Menschen erwachten »Ich«, einen zürnenden doch auch verständigen Gott JHVH gegenüber. Hierbei entstand das, was wir heute Monotheismus nennen. Moses führte seine Leute aus dem Land der Ägypter, die er mit JHVHs Zorn durch Plagen und Seuchen schlug. Über die Halbinsel Sinai kam das Volk Israel schließlich ins gelobte Land, wo die Juden ihre erste Stadt erbauten: Jerusalem.

Diese scheinbar widersprüchlichen Gegensätze von Zorn und Verstand, die sowohl Zeus, Athene oder dem jüdischen JHVH zu eigen sind, eint das lateinische »mens«: ein Wort mit weitem Bedeutungsspielraum, der neben den Begriffen »Absicht«, »Mut«, »Gedanke«, »Vorstellung« oder »Sinnesart«, eben genau diese Wörter »Zorn« wie auch »Verstand« umfasst. Geht man dem indoeuropäischen Ursprung des Wortes »mens« nach, begegnet man auch dem »manas« des Sanskrit, das in sich ebenso diese Doppelbedeutung von Verstand und Zorn eint.

Krieg der Gegensätze

In den Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung nun, entstanden sowohl im Abendland wie auch im Morgenland, zwei epische Dichtungen, die »heilige Kampfhandlungen« beschreiben: der Grieche Homer schilderte da in seiner Illias den Trojanischen Krieg, während man aus der Bhagavad Gita der Inder, ebenso von einem großen, heiligen Krieg erfährt. Beide Dichtungen sollten sowohl in West und Ost ganz maßgeblich die Kulturgeschichte beeinflussen.

Hieraus ergibt sich das, was man vielleicht als die Geburt des Dualismus bezeichnen könnte: Zwei verfeindete Lager kämpfen gegeneinander, wo jeweils die einen die Guten und die anderen die Bösen sind. Es war das auch die Zeit wo in Persien der Prophet Zarathustra (um 600 v. Chr.) auftrat, um zu künden vom ewigen Streit der Mächte des Guten und des Bösen. Ein Gott der Weisheit stritt da mit einem Teufel der Zerstörung: der hell strahlende Ahura Mazda trat an gegen den finsteren Ahriman – zwei Namen allerdings die eine etymologisch gemeinsame Wurzel vermuten lassen.

Vor dieser Zeit der dualistischen Trennung des Polaren waren die Glieder der wahrgenommenen Welt eben noch untereinander verbunden, entsprachen einander. Was Polarität im Gegensatz zum Dualismus bedeutet, wird anschaulich in der Betrachtung der Pole unserer Erde. Ihr Vorhandensein nämlich ergibt sich aus der Rotationsachse unseres Planeten, über die sie ja ganz konkret miteinander verbunden sind.

Diese zwei Pole sind eben auch ein Hinweis auf jene Bewegungsform des Kreises (der Signatur der mythischen Struktur), wobei ja die Herkunft des Wortes »Pol« auf das griechische »pólos« zurückgeht, das »drehen« bedeutet – was ja eben die Bewegung der Erdachse ist.

Während jedoch das Bewusstsein der Menschheit mit dem Übergang in die mentale Struktur mutierte, wies ihr oben angedeutetes »Gerichtetsein« beispielsweise nur noch auf die Himmelsrichtungen an sich. Das heißt: man abstrahierte Norden und Süden beziehungsweise Osten und Westen, die damit sinngemäß für sich selbst stehend wurden und man sie nicht mehr primär als wechselseitige Entsprechungen empfand. Was zuvor die gegenseitige Entsprechung polarer Gegensätze war, war von da an aufgehoben.

Dieses einschneidende Ereignis, das sich in der Menschheitsgeschichte als Aufspaltung in den Dualismus äußerte, brachte nun das Prinzip der Mittlertätigkeit ins Spiel. Es bedurfte von da an eines einigenden, versöhnenden Elements, was am deutlichsten jene »Herabgestiegenen« oder »Menschensöhne« verkörpern sollten. Ihr Erscheinen in der Geschichte der Menschheit, als Mittler zwischen Mensch und Gott, zwischen Himmel und Erde, erweiterte die Dualität um ein anscheinend notwendiges Element, was in die göttliche Dreieinigkeit führte – die Trinität.

Ihr begegnen wir auch in der Trimurti des Hinduismus, die für die Vereinigung der drei kosmischen Funktionen von Erschaffung, Erhaltung und Umformung steht: als Brahma, Vishnu und Shiva. Dem Erhalter Vishnu aber kommt dabei jene Mittlertätigkeit zwischen Göttlich-Himmlischem und Irdisch-Menschlichem zu, wo er in seinen zehn Inkarnationen, den Avataras (Herabgestiegene), als Menschheitslehrer auf Erden erscheint – darunter etwa als Krishna oder Buddha, oder als Kalki-Avatar am Ende unseres gegenwärtigen Zeitalters, das die Inder das Kali-Yuga nennen: das »Zeitalter des Streits«.

Platon und Aristoteles - ewigeweisheit.de

Bildausschnitt des Gemäldes von Raphael (1483–1520): Die Schule von Athen. In der Mitte die Philosophen Platon (links) und Aristoteles (rechts).

Die Geburt des Materialismus

Ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. trat die Menschheit aus der bergenden Welt der dunklen Höhlen in die Wachheit des Tages von Himmel und Licht. Wohl kaum ein Zufall wenn damals auch Platon sein Höhlengleichnis formulierte. Darin nämlich geht es um jene »Zurückgebliebenen«, die die Schatten des Lichts auf den Höhlenwänden für die eigentliche Wirklichkeit hielten. Einem von ihnen aber gelang die Höhle verlassend, sich hinaus ins Licht des Tages zu begeben. Dort oben wurde er der Sonne gewahr. Ihr Licht aber blendete ihn. So eigentlich blieb es aber doch nur ein Sehen von Schattierungen, selbst wenn man seit damals in Europa begann, die Sonne zum Symbol einer ultimativen Wirklichkeit zu erheben.

Es war das eben die Zeit in der man zu unterscheiden begann zwischen einer dunklen Unterwelt ewiger Nacht und einer tageshellen, von der Sonne erleuchteten himmlischen Welt. Dazwischen aber befand sich der Mensch in gespanntem Empfinden dieser Gegensätze.

Was wir mit der Spaltung des Seins und der Trennung der Pole andeuteten, sollte sich damit auch tatsächlich auf die menschliche Wahrnehmung der Welt übertragen. Das wird anschaulich wenn man die indoeuropäische Wortwurzel »me« oder »ma« genauer ansieht. Aus ihr nämlich leiten sich Bedeutungen ab, die sich beiderseits auf Irdisch-Unterweltliches, wie auch auf Geistig-Himmlisches übertragen lassen. Das heißt: Was in der archaischen, der magischen und mythischen Bewusstseinsstruktur noch verbunden war (wie zum Beispiel in der Einheit von Erde und Himmel), sollte die mentale Ebene nun von einander (anscheinend) für immer trennen.

Schon das Wort »mental« ist ja mit dieser Wurzel »me« (oder »ma«) verbunden und es lässt sich hieraus eine gesamte Familie weiterer Bedeutungen ableiten, die charakteristisch sind für den Wechsel von der mythischen, in eben jene der mentalen Bewusstseinsstruktur. Erinnern wir uns hier auch noch einmal an Metis, deren Name sich ja ebenso aus der Wortwurzel »me« ableitet.

Neben dem im Sanskrit bereits erwähnt auftauchenden »Manas«, dem Verstand, lässt sich aus der Wurzelsilbe »ma«, wiederum die Silbe »mat« ableiten. Aus ihr entsteht das Sanskrit-Wort »Matar«, die Mutter, das sich seinem indoeuropäischem Ursprung nach auf die griechischen Wörter »Mater«, die Mutter, und »Materie« übertragen lässt, worauf sich zum Beispiel auch »Metrum« und damit das »Maß« des »Meters« belaufen, sowie auch alles was eben als »Materialismus« einer vollständig ausgemessenen, von menschlichem Geist bestimmten Welt entstand.

Der griechische Philosoph Pythagoras (570-510 v. Chr.) war der erste »Vermesser des Abendlandes«. Er erfand die Verhältnisse im Dreieck, bewiesen in seinem berühmten mathematischen Satz. Er auch stellte eine Verbindung zwischen den Tönen her (mit dem von ihm erfundenen, einsaitigen Monochord), die während der magischen Bewusstseinsstruktur noch in den wohl überwirklich klingenden Gesängen ertönten, und dem was in dieser Zeit der mentalen Bewusstseinsstruktur, durch die Zahlen sichtbar und messbar gemacht werden sollte. Das war der Ursprung der Harmonik und eigentlich der Anfang aller Wissenschaft.

Die Zahl ist das Wesen aller Dinge

- Ausspruch des Pythagoras

Mit dem direkten Erfahren der magischen und mythischen Struktur schien seitdem ein Wille zur Abstraktion zu rivalisieren. Und dieses Abstrahieren begann durch die Erfindung der Zahlen als Ziffern. Nur wenig früher entstanden im alten Griechenland die Münzen als »Zahlungs«-Mittel.

Jenes oben bereits beschriebene lateinische »mens«, das etymologisch verwandt ist mit dem englischen »mind« (Denken, Vernunft, Erinnerung), sollte zum Wort für den intellektuellen Menschen werden, für den Menschen als Denker, in diesem Übergang aus der mythischen Bewusstseinsstruktur in die mentale.

Kehren wir aber erneut zurück zur Symbolik der Athene-Geburt. Wie der Mythos besagt, spaltete Prometheus mit der Axt des Hephaistos dem höchsten Gott Zeus den Schädel. Er aber sollte den Menschen auch das Feuer bringen. Ein anderer Mythos fügt dem hinzu, dass jener Himmelsschmied Hephaistos aus Lehm eine Frau schuf und ihr Leben einhauchte: Pandora – ein Wesen das über alle Gaben verfügte (pan »alles«, doron »Gabe«). Gewiss erinnert einen das an die Erschaffung des Menschen, wie durch den Demiurgen der Gnostiker oder die Elohim der biblischen Genesis, wo ja ebenso einem aus Lehm geschaffen Wesen Leben eingehaucht wurde.

Prometheus nun brachte den Menschen zwar das Feuer, damit er hiermit Metalle schmelze, sie in Formen gieße und daraus Werkzeuge schmiede; doch als Zeus die Pandora zu ihnen sandte, und sie unter ihnen ihre sprichwörtliche Büchse öffnete, ergoss sich alles Übel über die Menschheit, vor allem Seuchen und Krankheit.

Zeus fürchtete eben den feuerbesitzenden Menschen und ließ es nur daher dazu kommen. Die Pandora war anscheinend, so wie auch das biblische Paar Edens, ein dem bisher lebenden, sogenannten »primitiven Menschen« angeblich überlegenes Wesen. Was Pandora in ihrer Unheil versprühenden Büchse jedoch zurückhielt war die Hoffnung: das Gegenteil der Angst. Denn Angst und Hoffnung waren in der Wirklichkeit des mythischen Bewusstseins einfach die beiden, sich entsprechenden Pole dessen, was in der Zeit des magischen Bewusstseins noch ein und das Selbe war.

Nun lassen sich aus diesem Ausschnitt der griechischen Mythologie, gewiss eine Vielzahl an Parallelen zur semitischen Tradition (wie etwa in den Erzählungen über die Nachfahren Kains) finden, doch wie es scheint auch zu all dem, was mit der dereinst entstandenen Zivilisation der Menschheit einher gehen sollte. Es war der Anfang des sogenannten »Eisernen Zeitalters«, der Periode in der Geschichte der Menschheit, die im Hinduismus als das »Dunkle Zeitalter«, als das bereits oben besprochene »Kali-Yuga« bezeichnet wird.

Recht-Sprechung und Isolation

Die Verfestigung der mentalen Bewusstseinsstruktur im Abendland, erfolgte praktisch in zwei Schritten: Zum einen kam es in den 200 Jahren zwischen 550-350 v. Chr. zu einer Wende mit dem Wirken von Pythagoras, Parmenides, Sokrates, Platon und Aristoteles. Doch auch im ebenso langen Zeitraum zwischen 1.300 und 1.500 n. Chr. sollten etwa ein Dante Alighieri oder ein Leonardo da Vinci die Kulturentwicklung des Abendlandes ganz maßgeblich beeinflussen.

Es scheint als wären in diesen beiden Wendezeiten die Kernmerkmale der mentalen Struktur ganz deutlich geworden. Was wir zuvor als jene Gerichtetheit in der Raumzeit andeuteten, sollte da zu einem Nachrichten oder Ausrichten an vorgegebenem Gesetz werden, von etwas Beschlossenem also, was sich folge-richtig im selben Bedeutungshorizont bewegt wie die Wörter »Gericht« und »Recht«. Auch das »Rechte«, die Seite »rechts«, muss in diesem Zusammenhang mit angeführt werden.

Seit Pythagoras kamen auch besondere »Rechtsvorschriften« zum Ausdruck, der seinen Schülern vorgab stets auf der rechten Seite in ein Heiligtum einzutreten und etwa immer den rechten Schuh zuerst anzuziehen. Solch rechtes Handeln schien sich bis heute allgemein in der eher verbreiteten Rechtshändigkeit erhalten zu haben (in der Rechten das Wahre, in der Linken das Falsche).

Die römische Rechtslehre schließlich sollte das festigen, was man das »Ich-Bewusstsein« nennt. Im römischen Zwölftafelgesetz aus dem 5. Jahrhundert n. Chr., legte man die Rechte und Pflichten des Einzelnen im Staat fest.

Im 14. Jahrhundert nahm Römisches Recht dann entscheidenden Einfluss auf die Rechtsprechung Mitteleuropas, da im Mittelalter, in manchen Staaten dieser Region, kein einheitliches Rechtssystem bestand.

Jene zwölf römischen Tafeln aber erinnern gewiss an jene Mittlerfunktion von der bereits die Rede war. Sie waren für jeden sichtbar ausgestellt, auf dem Forum Romanum, dem Mittelpunkt des politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und religiösen Lebens in Rom.

Solch Mittlerfunktion sollten auch die Gesetzestafeln mit den zehn Geboten, sowie später die jüdische Tora einnehmen. Moses überbrachte dem Volk Israel die beiden Gesetzestafeln, als er vom Berge Sinai zu ihnen hinabstieg. Was aber sowohl in der angeführten, alten römischen Gesetzgebung auch für die jüdische galt, war die Abstraktion dessen was als allgemein strukturiertes Gesetz einem Volk gegeben wurde, zur Angleichung an eine weit höhere, übergeordnete Instanz.

Wenn Moses als Mittler, die später im Salomonischen Tempel aufbewahrten Gebotstafeln, dem Volke Israel (auf Erden) vom Gipfel des Berges Sinai (vom Himmel), von Gott empfangen überbrachte, kommt da eben wieder die zuvor angedeutete dritte Dimension der mentalen Bewusstseinsstruktur zum Vorschein.

Hatten wir nun der magischen Struktur als Signatur den Punkt zugeordnet […], hatten wir der mythischen Struktur den Kreis zugeordnet […], so ist es nur folgerichtig, wenn wir der dreidimensionalen Struktur das Dreieck als Signatur zuordnen […] Dabei steht die Basis des Dreiecks mit ihren beiden gegensätzlichen Punkten für das duale Gegensatzpaar, das in der Spitze geeint wird.

- Aus Jean Gebsers Buch »Ursprung und Gegenwart«, Kapitel »Die mentale Struktur«

Das Dreieck als Signatur der dritten Dimension, wurde immer auch als Richtungsweiser verwendet, was uns eben wieder zurückführt auf das »Gerichtete Denken« der mentalen Struktur und eben auf jene Rechtsprechung, sowohl im römischen Reich wie auch andererseits für die Israeliten. Es war das die Zeit, als man zur optischen Perspektive fand, die sich ja eben genau aus der Dreiheit der »Trigonometrie« entwickelte.

Schon sehr viel früher aber, am Ende der Zeit des mythischen Bewusstseins, brach etwas auf, wurde gespalten, das erst durch Gesetze (juristisch, politisch, religiös) wieder gerichtet beziehungsweise berichtigt werden sollte.

Mit dem gerichteten Denken ging eine allmähliche Quantifizierung der Welt einher, samt aller bewusst gewordenen Dinge der darin lebenden Menschen. Als bestes Beispiel ließe sich da etwa der in der ersten Wendephase zur mentalen Bewusstseinsstruktur lebende Philosoph Demokrit anführen, der im 5. Jahrhundert v. Chr. die Vorstellung vom Atom entwickelte. Das bedeutete eine bis zu diesem Zeitpunkt nicht dagewesene Fragmentierung der Anschauung der materiellen Welt.

Alles was den oben erwähnten zwei Mutationsphasen der mentalen Struktur, mit dem Beginn der Neuzeit folgen sollte, war eine noch drastischere Fragmentierung der Wirklichkeit. Eine wissenschaftliche oder ökonomische Philosophie, sollte sich im Abendland aller möglichen Mittel zur Erreichung ihrer Zwecke bedienen. Da Vinci exhumierte Leichname, um ihre toten Leiber aufzuschneiden und so ihre organische und skeletthafte Struktur zu untersuchen, was spätestens für die spätere Chirurgie von Belang geworden sein durfte.

Seit der Renaissance begannen aber die negativen Aspekte der mentalen Bewusstseinsstruktur, immer mehr in ihrer zunehmenden Oberflächlichkeit zum Vorschein zu kommen. Sobald das Mentale in Form des Rationalen aber maßlos wurde und sich dabei richtungslos ausbreitete, erlangte das was man als »negativen Aspekt der Psyche« bezeichnen könnte, die Herrschaft über die Vernunft. Und eben das sollte den einst noch mentalen, fließenden Dualismus, in eine ganz kompromisslos getrennte Zweiheit überführen. Damit ist gemeint, was nicht mehr auf einer einstigen Ermittlung des aus einer Logik entstandenen Wahren basiert, sondern auf Rhetorik und einer damit einhergehenden Kunst des Überzeugens. Es schien da ein reines Argumentieren die einfache Fähigkeit zur Erkenntnis übertrumpfen zu wollen.

In den fünf Jahrhunderten nach der Renaissance begannen sich die Menschen eben einfach selbst immer wichtiger zu nehmen. Was sich seit dieser Zeit, aus ihrem Ich zu einer Person, eben einer »persona«, wörtlich also einer »Maskierung« des Seelischen, verhärtete, führte zu all dem was sich in den Kulturen des Abendlandes in der Verwissenschaftlichung der Welt äußern sollte. Das ging einher mit der damals einsetzenden Überheblichkeit eines Fremdartigkeit aufbürdenden Kolonialismus.

Wo man nichts mehr zu vermessen fand, da wollte man noch weiter in die Ferne vordringen, um dabei andere Länder und Kontinente als neuen Lebensraum zu erobern.

In dem Moment, da das Maßvolle vom Maßlosen der Ratio abgelöst wurde […] begann sich die Abstraktion in ihre äußerste Manifestationsform zu wandeln, die durchaus mit dem Begriff der Isolation beschrieben werden darf

- Aus Jean Gebsers Buch »Ursprung und Gegenwart«, Kapitel »Die mentale Struktur«

Und mit dieser Isolation scheint in unseren Tagen etwas immer weiter auszuarten, das mit einer zusätzlichen Rationalisierung, einer Abstraktion und letztendlichen Technisierung all unserer Lebensbereiche in Erscheinung treten wird.

Im Sinne einer übermäßig verstandesbetonten Rationalisierung seines Lebens, die man heute als Optimierung rechtfertigt, isoliert sich der Mensch zunehmend. Und diese Isolation geht keineswegs mit irgend geartetem Schutz einher, wird die Verbindung des Menschen mit seiner Außenwelt doch durch allerhand Hightech, nur immer mehr geteilt und weiter aufgespalten.

Das heißt, dass sich jene oben angedeutete mythische Axt des Hephaistos, sich heute anscheinend in unzählige moderne Technologien differenziert hat. Sie allerdings erschaffen, allegorisch gesprochen, den in winzige Teilstücke fragmentierten Gitterrost einer Gefängniszelle, worin sich der wahre Mensch zunehmender Bedrängnis ausgesetzt fühlt. Gemäß seiner Veranlagung aber, sich wegen Sinnesreizen dem Außen gegenüber zu öffnen, verschafft er indessen immer mehr Beklemmendem Zugang zu seinem Inneren.

So ist der Mensch nicht mehr aus sich selber heraus Mensch, sondern folgt abhängig, ist gezwungen sich gegebenen Bedingungen anzupassen – seien es neue Gesetze, neue Moden oder neue Technologien. Doch wohin soll das führen?

Dantes Göttliche Komödie: Führt der Weg ins Licht durch die Finsternis?

von S. Levent Oezkan

Dante Alighieri, Göttliche Komödie - ewigeweisheit.de

Das Schicksal des italienischen Dichters Dante war eng geknüpft an die Wirren des politischen Lebens seiner Heimatstadt Florenz. Dort nämlich wurde er des Staatsbetruges angeklagt und verbannt. Als er in seiner Commedia die Seelen-Läuterung eines Fliehenden durch's Jenseits beschrieb, ging es ihm auch um seine eigene Reise ins Ungewisse.

Früh schon begann ein regelrechter Kult um den Dichter-Philosophen Dante. Wohl auch deshalb, da über sein Leben nur wenig bekannt ist. Was man über ihn weiß, stützt sich insbesondere auf spätere Quellen.

Dante Alighieri wurde 1265 in Florenz geborenen. Seine Mutter verlor er früh. Die Familie Dantes gehörte zu einem italienischen Adelsgeschlecht, die zwar über Grundbesitz, doch nur über wenig Geld verfügte.

1284 trifft Dante die schöne Bice, die in seinem Epos mit dem Namen Beatrice auftaucht. Sie sollte das große Liebeserlebnis seines Lebens werden. Doch sie heiratete ein Jahr später den Bankier Simone dei Bardi. Schon ein Jahr darauf verstarb sie. Das mag einer der traurigen Anlässe gewesen sein, dass sich Dante dem Studium der Philosophie hingab.

Ende des 13. Jahrhunderts bekleidete Dante hohe Ämter in Florenz. Das war in einer Zeit, wo es zwischen einzelnen italienischen Kommunen und auch innerhalb der Städte, immer wieder zu schweren Konflikten kam.

Damals entstand in Florenz auch das, was man heute Kapitalismus nennt. Fast 100000 Menschen bewegten sich damals täglich durch die Straßen der Metropole – mehr als in Rom oder London. Seit dieser Zeit veränderte sich die Art wie Menschen wirtschaften. Nicht allein das Bedürfnis nach materieller Versorgung zum Überleben spielt einzige Rolle, sondern um die Wende zum 14. Jahrhundert, wirtschaftete man in abstrakteren Kategorien und fragte sich wie sich mehr Gewinn als je zuvor erzielen ließe und aus Finanzkapital neues Geld geschlagen werden kann. Auch Dantes Vater, gehörte zu den florentinischen Bankiers.

Nach dem Sturz der politischen Partei Corsos im Jahr 1302, der auch Dante angehörte, verfolgte man ihn und er wurde aus Florenz vertrieben. Im selben Jahr noch verurteilte man ihn zum Tode, seine Familie wurde enteignet und verblieb zurück in bitterer Armut. Als Verbannter zog er durch Italien und Frankreich, ohne je seine Heimatstadt wiederzusehen. Er starb 1321 in Ravenna.

Illustration von Gustave Doré (1832-1883) – ewigeweisheit.de

Dante am Eingang eines dunklen Waldes. Illustration von Gustave Doré (1832-1883).

Wieso Komödie?

Der eigenartige Titel seines Werks, hatte sich erst lange nach seinem Tod, seit dem 16. Jahrhundert eingebürgert. Was sich jedoch Dante unter dem Wort »Komödie« vorstellte, dürfte stark von dem abweichen, was man darunter heute versteht.

Wer sich seinem Werk nähert, das bekanntlich ja zuerst durch einen Abstieg in die Hölle beginnt, dürfte sich womöglich fragen, wieso statt von einer Komödie, nicht von einer Tragödie die Rede ist? Doch wenn Dante es Commedia nannte, ging es ihm eher um eine besondere Reise, die für ihn, mit einem Aufstieg aus der Unterwelt, ins Diesseits bis in den Himmel, eben dem entspricht, was die Alten einen »Singenden Umzug« nannten (zusammengefügt aus dem griech. komos, die »Feier«, und aoidos, der »Sänger«). Denn wer aus Höllenqualen befreit hinauf strebt in die Ränge der Engel, den wird man wohl ganz gewiss in freudigem Gesang, in Freudentanz und in einer beglückten Stimmung antreffen.

Dante verband mit dem Begriff Komödie also ein Erfahren, dass er durch sein inneres, geistiges Sehen, auf seinem Weg von der Hölle, hinauf entlang der Ebenen des Läuterungsberges und schließlich das himmlische Paradies betretend, wohl als immer erfreulicheres Erleben wahrnahm. Divina, das Göttliche, diesen Titelzusatz erhielt Dantes Werk erst durch die Nachwelt.

Eine Reise zu sich selbst

Es geht in der Göttlichen Komödie um eine Reise, die Dante als eigene innere Entwicklung schildert. Sicher aber verband er damit auch eine Belehrung für seine Leser. Das Verfassen seiner Göttlichen Komödie, sollte wohl auch ein Bedürfnis danach stillen, die von Gott erschaffene Welt, in all ihren Erscheinungen, in eine für den Leser fassbare Ordnung zu bringen. Nicht zufällig stellte die Nachwelt Dantes Werk darum als einen totalen Weltentwurf dar, das heißt, jedes beschriebene Detail darin erfüllt seinen Sinn. Was jedoch offen bleibt, ist, ob Dante sich und seinen Lesern der Göttlichen Komödie, letztendlich eine allumfassende Antwort auf die Fragen der Menschheit geben konnte.

Mit Sicherheit aber kleidete er seine Visionen, in die Verse seines opulenten Werkes, auf so gekonnte Weise, dass er auch seinen Lesern ein Gespür zu vermitteln vermochte, das bereits in ihnen eine lebendige Weisheit veranlagt ist.

Doch diese Dichtung bleibt mehr als reine Fiktion. Vielmehr steht Dante damit in der Tradition eines Geisteslebens, dessen Vorstellungen man auch in anderen visionsartigen Schriften des späten Mittelalters findet. Was Dantes Schrift von anderen unterscheidet, ist, dass es ihm wie keinem anderen gelang, einen architektonischen Aufbau der damals bekannten Welt zu formen. Denn sowohl Wissen aus der Antike, wissenschaftliche Erkenntnisse des Mittelalters, wie auch christliche Weisheit, fügen sich in der Göttlichen Komödie zu einem großen Ganzen zusammen.

Dantes Universum – ewigeweisheit.de

Das Universum Dantes.
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Die lebendige Erdkugel: Prüferin der Menschenseelen

Dante dachte sich die Erde kugelförmig und als eine von einem Meer umflossene Insel, die sich aus zwei Hemisphären zusammenfügt. Das vom griechischen Astrologen und Mathematiker Claudius Ptolemäus (100-160) entwickelte geozentrische Weltbild (Centrum Mundi), galt auch in Dantes Göttlicher Komödie, wo die Erde im Mittelpunkt des Universums steht, umgeben von den konzentrischen Kreisen einer Sternenwelt aus Planeten und Fixsternen.
Auf der nördlichen Halbkugel der Erde, bildet den diesseitigen Mittelpunkt die heilige Stadt Jerusalem. Die andere, südliche Hemisphäre, galt Dante als unbewohnt und vom Wasser des Meeres bedeckt. Inmitten dieses Meeres aber ragt der Berg der Läuterung empor, dessen Abhänge unterteilt sind in sieben Stufen. Auf diesen Ebenen der Läuterung, werden die Seelen von ihren begagnegen Sünden gereinigt. Den Gipfel des Läuterungsberges aber bildet das irdische Paradies. Dorthin gelangt nur, wer im wörtlichen Sinne »durch die Hölle ging«. Sie befindet sich unter der Stadt Jerusalem (interessant ist hier die Parallele zur Legende der Freimaurer, wo der Baumeister Hiram Abiff, vom Jerusalemer Tempelberg, auf außergewöhnliche Weise in die Unterwelt reist, bis zum Mittelpunkt der Erde, dem Wohnort des Brudermörders Kain). Doch Dante kommt ab vom Weg und verirrt sich im Gehölz eines dunklen Waldes, weit westwärts der heiligen Stadt.

Dantes Erde gleicht einem makrokosmischen Organismus, einem planetarischen Lebewesen, dass die auf die Erde kommenden Seelen der Menschen, zu Lebzeiten und nach dem Tode bindet, prüft und läutert, doch gemäß ihrem Los, dann irgendwann ins All entlässt. Dabei aber müssen Hölle und Läuterungsberg gar nicht jenseitige Orte sein. Vielmehr leben wir bereits dort – wenn wir all unser Vermögen und unsere Kräfte an das Irdische hängen, wegen Gier, übersteigerter Lust, dem Streben nach Besitz oder Macht.

Wer schlecht handelt, wer böse ist, lebt selbst im Bösen. Zerrissen zwischen Hass und Bedauern, sind alle jene die Zwietracht stiften. Der Verräter, der statt durch Liebe, die Welt mit Gewalt verändern will, verfrachtet sich ins höllische Eis, fernab von allem Geliebtwerden. Wer sich aber von diesen bösen Zielen verabschiedet und sich davon lösen will, dem gelingt vielleicht auch der Aufstieg am Läuterungsberg, wo er sich der Vergänglichkeit und Nichtigkeit all der irdischen Vergnügen und Zwänge bewusst wird. Damit wird es auch wahrscheinlicher, dass er dereinst doch seinen Frieden im Paradies findet.

Dantes dreigeteilte Welt

In der Göttlichen Komödie ist das Jenseits eine dreigeteilte Welt. Überhaupt ist die Zahl Drei in Dantes Epos von zentraler Bedeutung: In sogenannten Terzinen, einer gereimten Gedichtform italienischer Herkunft, besteht jede Strophe aus drei Versen. Drei Jenseitsreiche durchwandern die Seelen der Verstorbenen: die Hölle (Inferno), das Fegefeuer (Purgatorio) und endlich das Paradies (Paradiso). Jeder dieser drei Welten widmete Dante je 33 Gesänge - zusammen also 99 plus einem einleitenden Gesang, so dass es zu einer großen harmonischen und arithmetisch-poetischen Geschlossenheit kommt: 1 + 3 x 33 = 100.

Seine Dichtung der Göttlichen Komödie, beschrieb Dante als eine große Vision, wo er zuerst mit seinen Führer Vergil und später mit Beatrice, die Seelen der Verstorbenen durchs Jenseits begleitete. Die Geistesbilder, die er in diesem Erleben beschreibt, beginnen schauderhaft und hässlich, doch enden mit dem Schönen, Glückseligen und schließlich im Licht von Gottes Gegenwart.

 

Die im Folgenden verwendete dichterische Übersetzung der Verse aus Dantes Göttlicher Komödie, stammt vom deutschen Schriftsteller Karl Streckfuß (1778-1844).

 

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