Delphi

Metaphysik des Eros

Metaphysik des Eros

Gehen wir in der Zeit noch einmal einige Jahre zurück. Da ist die Rede von einem Trinkgelage im Hause des Tragödiendichters Agathon, von einem Gastmahl, worüber Platon in seinem »Symposion« schrieb. Sein Gastgeber, der in der Erzählung als junger Schriftsteller auftritt, hatte tags zuvor einen Dichter-Wettbewerb gewonnen. Dies wollte er mit seinen Freunden feiern, die er zu diesem Gastmahl einlud. Auch Sokrates zählte zu den Gästen, der in Platons Symposion die Hauptfigur ist.

In diesem Text lässt Platon den Bildhauer Apollodoros erzählen, über die da gehaltenen Reden, Dialoge und das allgemeine Geschehen dieser Zusammenkunft. Als Gäste sind, neben anderen, außerdem anwesend Aristodemos, einer der eifrigsten Anhänger des Sokrates, der Arzt Phaidros, der in Platons gleichnamigen Werk ein fiktives philosophisches Gespräch mit Sokrates führte, wie auch der Komödiendichter Aristophanes. Als einzige Frau anwesend ist die von Zeus geehrte, weise Frau aus Mantineia in Arkadien: Diotima – eine Kunstfigur, die Platon im Gastmahl nicht direkt auftreten lässt. Denn Sokrates erzählt im Symposion davon, wie er durch sie belehrt wurde über die Bedeutung des Eros.

Wie auch sonst sollte Sokrates, auch in diesem Treffen, mit seinen Schülern und Freunden, das Thema des Abends bestimmen – weniger aber durch besondere Argumentationen, als vielmehr durch eine, sagen wir, seelische Schönheit, die die Bewunderung seiner Zuhörer auf sich zog – ja sogar ihre Liebe zu ihm befeuerte. Sokrates' Vorbildfunktion dabei, als idealer Philosoph, hat eine so starke Wirkung auf seine Schüler, dass sie ihn gar erotisch attraktiv erscheinen lässt, ganz gleich ob Sokrates nun körperlich dem Schönheitsideal seiner Zeit entsprach oder nicht.

Sokrates schlug im Symposion vor, dass jeder eine Rede in der Tradition der Aphrodite halten könne. Und diese Aphrodite, welche die Römer Venus nannten, war die schaumgeborene Göttin der Liebe. Doch Aphrodite ist mehr als das. Es scheint nämlich eigentlich zwei Figuren zu geben, die ihren Namen tragen:

Die eine ist ja die ältere und mutterlose, die Tochter des Uranos, welche wir deshalb bekanntlich auch die »himmlische« nennen; die jüngere aber ist die Tochter des Zeus und der Dione, welche wir ja als die »irdische« bezeichnen. Notwendigerweise muss nun danach der Eros, welcher der Gehilfe der letzteren ist, auch der »irdische« heißen, der andere aber der »himmlische«.

- Aus Platons Symposion

Und dieser Uranos des griechischen Sagenkreises, der vergöttlichte Himmel, wurde zum Vater der Aphrodite. Sein Sohn Kronos schnitt ihm mit der Sichel das Glied vom Leibe, das sodann vom Himmel ins Meer fiel. Aus dem da so aufbrausenden Schaum erstand nun die Aphrodite, die man seither »die Schaumgeborene« nennt.

Dieser Schaum meint jedoch mehr, als was man sich im Mythos angedeutet, darunter vielleicht vorstellt: Seine Erscheinung ist eine Metapher für zwei, die gemeinsam den Liebesakt erleben, wo, wie man sagt, das Blut beginnt aufzuschäumen. Doch auch der Redefluss der Teilnehmer dieses Gastmahls war aufschäumend, wenn sie eifrig tranken, begeistert im Rausch über die Lüste diskutieren und übereinander scherzten. All das findet in der Horizontalen, auf Bastmatrazen statt, wo man isst und säuft. Und nicht etwa nur wird da über die Leidenschaften gesprochen, die einer mit Frauen hat. Auch sich mit Männern leidenschaftlich zu vergnügen, war den griechischen Philosophen nicht fremd. Eros ist eben eine Kraft die viel bewirkt: Gutes – doch viel zu oft auch Schlechtes. So wie ja auch der Gott Eros aus Himmel und Erde geboren, als Schlange aus dem göttlichen Ur-Ei entweicht, als jene Kraft, die seither verzweifelt versucht, den Urzustand der Ganzheit wiederherzustellen, der vor der Trennung in Himmel und Erde gewesen ist. Doch es scheint da, in allem was seither sich zu vereinigen sehnt, eine Urahnung lebendig zu sein, die diesen Grundzustand der Weltentstehung wieder herstellen will – doch gleichzeitig ahnend, dass dies sich nur augenblicklich erfüllen lässt: im Impuls höchster Erregtheit.

Als nun so ihr Körper in zwei Teile zerschnitten war, da trat jede Hälfte mit sehnsüchtigem Verlangen an ihre andere Hälfte heran, und sie schlangen die Arme umeinander und hielten sich eng umschlungen und waren voller Begierde wieder zusammenzuwachsen […]. Und wenn etwa die eine von beiden Hälften starb und die andere noch übrig blieb, dann suchte diese sich eine andere und umschlang diese, mochte sie dabei nun auf die Hälfte eines ganzen Weibes, also das, was wir jetzt Weib nennen, oder eines ganzen Mannes treffen, und so gingen sie zugrunde.

Da erbarmte sich Zeus und erfand einen andern Ausweg, indem er ihnen die Geschlechtsglieder nach vorne versetzte; […] So verlegte er sie also nach vorne und bewirkte dadurch die Erzeugung ineinander, nämlich in dem Weiblichen durch das Männliche, zu dem Zwecke, dass, wenn dabei ein Mann auf ein Weib träfe, sie in der Umarmung zugleich erzeugten und so die Gattung fortgepflanzt würde; […] Seit so langer Zeit ist demnach die Liebe zu einander den Menschen eingeboren und sucht die alte Natur zurückzuführen und aus zweien eins zu machen und die menschliche Schwäche zu heilen.

Jeder von uns ist demnach nur eine Halbmarke von einem Menschen, weil wir zerschnitten, wie die Schollen, zwei aus einem geworden sind. Daher sucht denn jeder beständig seine andere Hälfte.

- Aus Platons Symposion

Seitdem also sind wir Menschen auf der Suche nach dem Anderen, sehnen uns geliebt zu werden und wünschen uns zärtliche Zuneigung. Unser Ziel nämlich ist, diesen ursprünglichen Zustand wieder herzustellen.

Was mit dem Titel auf eine Metaphysik des Eros hindeutet, behandelte Platon in seinem Symposion, aus dem wir soeben das Zitat lasen. In diesem Werk behandelt er die Themen der Liebe, der Erotik und zuletzt auch was man Wahrheit, woraus sich im Grunde das Ideal der Liebe kristallisiert.

Wenn hier aber die Rede ist von »Eros«, so meint dieser Name den griechischen Gott der Liebe, einen wohltätigen und großen Gott, der so vielen Dichtern zu all den Lobliedern auf die Liebe verhalf.

Die Kraft des Eros gebiert jedoch sowohl das Eine wie das Andere, bringt sowohl himmlische wie auch irdische Ekstase zur Welt. Das bedeutet jedoch nicht, dass Eros als nur schön und würdig empfunden wird. Insbesondere im Übermaß resultiert aus sinnlicher Liebe nur Verzweiflung, denn da kann sie nicht mehr befriedigt werden und wird zur Sucht, führt zu Abhängigkeit. Es ist damit wie mit allen Lüsten die, wurde von ihnen zu viel gekostet, nur zum Gegenteil beitragen – sei es der Genuss guten Essens, die Freude am Rausch oder die erotischen Leidenschaften. Alle die nicht genug kriegen können, werden an den Rand des physischen und psychischen Kollapses gedrängt.

Einer der berühmten Sprüche im Orakel-Tempel zu Delphi ermahnt: Gnothi seauton – Nichts im Übermaß. In der Mäßigkeit liegt der Schlüssel zu wahrem Glück.

Auch wenn die Teilnehmer des Gastmahls keine Kinder von Traurigkeit waren und um die ungeheuere Kraft des Begehrens wussten, war ihnen dennoch klar, wie wichtig es ist gesund zu bleiben. Wer darum in seinem Leben länger von den Genüssen der Welt kosten will, muss sie eben in vernünftigem, mäßigem Rahmen genießen. Das Bild das uns Platon über die Eltern des Eros gibt, Poros – der Gott des Reichtums – und Penia – die Göttin der Armut –, deutet an was man als einen Weg der Mitte bezeichnen könnte:

Als nämlich Aphrodite geboren war, hielten die Götter einen Schmaus, und mit den anderen auch Poros, der Sohn der Metis. Als sie aber gespeist hatten, da kam Penia, um sich etwas zu erbetteln, da es ja festlich herging, und stand an der Türe. Poros nun begab sich, trunken vom Nektar, denn Wein gab es damals noch nicht, in den Garten des Zeus und schlief in schwerem Rausche ein. Da macht Penia ihrer Bedürftigkeit wegen den Anschlag, ein Kind vom Poros zu bekommen: sie legt sich also zu ihm hin und empfing den Eros.

Deshalb ist Eros der Begleiter und Diener der Aphrodite, weil er an ihrem Geburtsfeste erzeugt ward und zugleich von Natur ein Liebhaber des Schönen ist, da ja auch Aphrodite schön ist. Als Sohn des Poros und der Penia nun ist dem Eros folgendes Los zuteil geworden: Erstens ist er beständig arm, und viel fehlt daran, dass er zart und schön wäre, wie die meisten glauben, sondern er ist rau und nachlässig im Äußern, barfuß und obdachlos, und ohne Decken schläft er auf der bloßen Erde, indem er vor den Türen und auf den Straßen unter freiem Himmel übernachtet, gemäß der Natur seiner Mutter stets der Dürftigkeit Genosse.

Von seinem Vater her aber stellt er wiederum dem Schönen und Guten nach, ist mannhaft, verwegen und beharrlich, ein gewaltiger Jäger und unaufhörlicher Ränkeschmied, der stets nach der Wahrheit trachtet und sie sich auch zu erwerben versteht, ein Philosoph sein ganzes Leben hindurch, ein gewaltiger Zauberer, Giftmischer und Sophist; und weder wie ein Unsterblicher ist er geartet noch wie ein Sterblicher, sondern an demselben Tage bald blüht er und gedeiht, wenn er die Fülle des Erstrebten erlangt hat, bald stirbt er dahin; immer aber erwacht er wieder zum Leben vermöge der Natur seines Vaters; das Gewonnene jedoch rinnt ihm immer wieder von dannen, so dass Eros weder Mangel leidet noch auch Reichtum besitzt und also vielmehr zwischen Weisheit und Unwissenheit in der Mitte steht.

- Aus Platons Symposion

Eros also vereint in sich zwei Extreme. Was in diesem Zusammenhang aber Armut meint, ist, dass jemand bedürftig nach Liebe, zu wenig davon hat. Sein oder ihr Reichtum ist der Liebe teilhaftig zu werden, die sie oder er für jemanden empfindet, der sie wiederum erwidert. Eros' Reichtum ist unermesslich reich, denn er bereichert alle Menschen. Aber ist er auch, wie der Gott Hermes, ein Mittler zwischen Himmlischem und Irdischem, zwischen Gott und Mensch. Und als solchen nannte man ihn im alten Griechenland einen Daimon1. Was das ist sehen wir uns später noch genauer an.

Was Eros als solch Daimon in den Menschen durch seine Kraft zu entfachen vermag, galt den alten Griechen als Gefühl einer Zeitlosigkeit und Unendlichkeit, wo sich unser seelisches Empfinden aus allen empfundenen Beschränkungen befreit und unsere körperliche Endlichkeit transzendiert.

Eros gibt dem Menschen die Möglichkeit die göttliche Ebene zu schauen, wenn zu Lebzeiten auch nur für die Dauer von Augenblicken. Aus aller Ignoranz und Unwissenheit entstiegen, erkennt er damit aber was Unendlichkeit bedeutet: das was die Seele im Tod vernehmen wird. Das Erlebnis des sexuellen Orgasmus jedoch, als »Kleiner Tod«, nimmt diese Erfahrung quasi vorweg – zumindest als ein Schmecken der Todeserfahrung. Ist das aber nicht ein Grund aufzumerken, wo der Orgasmus doch die Voraussetzung für neues Leben ist?

Diotima: Die weise Prophetin

Die innig-seelische Verschmelzung zweier Menschen, doch auch eines Menschen in seiner Liebe zu Gott, dass nennt man im Griechischen »Agape«. »Philia« ist die Freundschaft, die Zuneigung die man für andere Menschen oder auch für Dinge empfindet. Eros ist alles was jemand empfindet der sich in jemanden ver-liebt, ihm körperlich nahe sein will, ihn begehrt aus Lust und im Wunsch zur Verführung. Und genau die Liebe des Eros, war in diesem Gastmahl Sokrates Kern der Argumentation. Diotima nun, die Sokrates von der rechten Steuerung des erotischen Drangs erfahren lässt, spricht durch ihn auf dem Gastmahl als Daimon, über die Weisheit des Eros. Nicht aber, dass sie sich etwa seines Körpers bedient hätte, als vielmehr Sokrates mit seinen Freunden teilte, was Diotima ihn lehrte. Sie lässt ihn für sich sprechen lässt.

Doch, fuhr Sokrates fort, ich höre jetzt auf zu fragen, und teile euch ein Gespräch mit, das ich einst mit der Prophetin Diotima über Liebe gehalten habe. Ihr kennet dieses Weib, die nicht in der Philosophie der Liebe bloß, sondern überhaupt in allen Stücken große Einsichten hatte. […] Sie ist es, der auch ich meinen Unterricht in der Philosophie der Liebe danke. […] auch ich äußerte mich ihr gegenüber ungefähr auf ähnliche Weise, wie eben Agathon mir gegenüber, dass Eros nämlich ein großer Gott wäre und zu den Schönen gehöre […] sie (aber) widerlegte mich wiederum mit eben denselben Gründen, wie ich ihn, dahin, dass Eros […] weder schön noch gut sei. Ich aber hielt ihr entgegen: »Was soll das heißen, Diotima? Ist also Eros häßlich und schlecht?«

Diotima: »Ein wenig ehrerbietiger, wenn ich bitten darf! Meinst du, was nicht schön sei, das müsse notwendig hässlich sein?«

- Aus Platons Symposion

Sokrates geht also zu Anfangs davon aus, dass Eros ein Gott überirdischer Schönheit und nur so der Inbegriff der Liebe sein könne. Doch wie obiges Zitat zeigt, widerlegte Diotima seine Meinung und fügt hinzu:

[…] jeder Daimon macht ein Mittelwesen zwischen der Gottheit und dem Menschen aus.

- Aus Platons Symposion

Denn allein dafür ja existiert ein Daimon: Himmlisches an Irdisches weiterzugeben, Göttliche Offenbarung an den Menschen zu übermitteln.

Sie sind Dolmetscher und Unterhändler zwischen den Göttern und Menschen. Jenen überbringen sie die Bitten und Opfer der Letzteren; diesen aber die Befehle von den Ersteren und ihre Antworten auf die Opfer. Als Mittelwesen zwischen beiden, machen sie gleichsam das Band, durch welches das Universum zusammenhängt.

- Aus Platons Symposion

Kann Eros aber überhaupt ein Gott sein, als solch Mittelwesen? Zumindest zählt er nicht zu den Sterblichen, wie sich der alt-griechischen Theologie entnehmen lässt. Wenn er nun aber aus der Hierarchie des Göttlichen in die Menschenwelt vermittelt, kann es sich bei seiner Liebe keineswegs nur um Lust, Leidenschaft und körperliche Befriedigung handeln.

Doch um was dann?

Begehrt man einen Menschen nicht allein wegen der Schönheit seines Körpers, sondern hauptsächlich wegen seiner seelischen, tugendhaften Anmut, trifft man da auf das Edelste der erotischen Anziehungskraft. Da geht es dann um die rechte Lenkung des erotischen Dranges, eine »philosophische Steuerung« der Leidenschaft und demnach das, was man die Platonische Liebe nennt. Der Liebende sieht dann das Schöne in den Handlungen seines begehrten Gegenübers, dass sich in unzähligen besonderen Begebenheiten zeigt.

Der göttliche Eros ähnelt seinem Vaters Poros, einem der für alles Schöne und Gute leidenschaftlich kämpft, doch eben nicht ergeben oder untertänig, sondern:

[…] tapfer, kühn, beharrlich, (als) ein gewaltiger Jäger, ein unaufhörlicher Ränkeschmied, der stets nach der Wahrheit trachtet, erfinderisch im Besiegen einer Schwierigkeit; Philosoph sein ganzes Leben hindurch; ein gefährlicher Zauberer, Giftmischer […] und weder wie ein Unsterblicher ist er geartet noch wie ein Sterblicher, sondern an demselben Tage bald blüht er und gedeiht, wenn er die Fülle des Erstrebten erlangt hat, bald stirbt er dahin; immer aber erwacht er wieder zum Leben […]

- Aus Platons Symposion

Wenn Sokrates nun aber, durch Diotima beeinflusst, im Gastmahl behauptet, dass Eros also in Wirklichkeit gar kein Gott ist, sondern einem Engel gleicht, erschien das den Bürgern Athens wohl sicherlich als ungeheuerliche Behauptung. Eros war da doch ein Gott, den man nur zu gerne zur Rechtfertigung für die eigene Unfehlbarkeit zur Verantwortung zog. Jeglicher Ehebruch wurde wegen seines Wirkens legitimiert, schließlich hatte einen Eros überkommen, hatte einen listig heimgesucht. Für jeden Ehebruch musste er herhalten. Bei diesem Glauben dürfte man sich kaum wundern, dass sich einige für seine Heimsuchung sogar im Tempel bedankten. Und da nun kam dieser Sokrates daher und behauptete, dass dieser vollkommenste Gott des Schönen, in Wirklichkeit nur Medium dessen ist, worüber ein Mensch zur Mäßigung findet – etwas, dass man ihm, neben anderem, wie wir noch sehen werden, zu Lasten legte und ihn dafür aufs Unbarmherzigste verurteilte.

Sokrates führte seine Zeitgenossen damit also zu der Einsicht, dass menschliches Begehren in Wirklichkeit in der Verantwortung dessen liegt, der durch seine Leidenschaften getriebenen handelt. Eros erwuchs damit nicht von Außen oder vom Himmel auf den von Lüsternheit Überwältigten, sondern entstehe in ihm selbst, so dass er dieses Begehren auch zurückhalten kann. Denn wäre Eros vollkommen, also ein Gott, wäre ihm alles Streben fremd, da er ja bereits als solcher alles besäße und vollkommen reich wäre. Erotisches Begehren ist aber eher das genaue Gegenteil von Reichtum. Zu glauben man könne wie Reichtum auch erotische Befriedigung anhäufen: gleicht das nicht einer Illusion?

Niemand liebt was er bereits hat

Diotima lässt Sokrates wissen, dass Eros ein Freund der Weisheit ist, wenn sie sagt:

Unter den schönen Gegenständen ist Weisheit einer der vorzüglichsten. Eros ist ein Freund des Schönen; er muss folglich auch ein Philosoph sein. Als solch ein Freund der Weisheit aber muss er zwischen dem Weisen und dem Toren in der Mitte stehen. Ursache auch hiervon ist ihm seine Geburt: weil er nämlich einen weisen und reichen Vater, aber eine dürftige und unweise Mutter hatte. Dies ist also die Natur dieses Daimons.

- Aus Platons Symposion

Wer liebt, der besitzt nicht, sondern hat zum Geliebten ein Verhältnis, berührt es allemal. Verfügte man aber über das Geliebte, was in aller Welt bliebe da noch zu begehren?

Es geht um die Mäßigkeit, um den Mittelweg, um das was Eros uns eben als Mittler lehrt: uns zwischen Schönem und Unschönem, zwischen Begehrtem und Unerwünschtem, zwischen Erreichbarem und Unerreichbarem zu bewegen. So ist es doch auch mit denen die wir mögen, die wir lieben oder sogar begehren: Nach ihnen verlangt uns nur so lange, als dass wir sie nicht andauernd um uns haben. Und was hierfür gilt, dass trifft auch für die Weisheit zu: Sie lässt sich lieben, doch lässt sich nicht besitzen. Sobald wir sie in unserer Welt integrieren wollen, entflieht sie uns, denn die Weisheit lässt sich nicht festhalten und berührt nie den Boden unseres irdischen Daseins. Wir wollen sie erlangen, wollen nach ihr streben und uns ihr annähern. Doch wie töricht erschiene einer, der sie sein Eigen nennt?

Sokrates, ja eigentlich Diotima, ging es darum, bei der geistigen Liebe auf den Gedanken einer einzigen reinen Vorstellung zu achten, nämlich der Idee des Schönen.

Wenn also jemand [...] nun das Urschöne selbst zu erblicken beginnt, dann dürfte er seinem Ziele ziemlich nahe gekommen sein. Denn dies ist die richtige Weise sich den Liebesdingen zuzuwenden oder von einem anderen dort hingeführt zu werden, wenn man um dieses Urschönen willen von jenem vielen Schönen ausgeht und so stufenweise innerhalb desselben immer weiter aufsteigt, als ob man eine Stufenleiter verwendete: von einem schönen Körper zu zweien und von zweien zu allen, und von den schönen Körpern zu den schönen Bestrebungen, und von den schönen Bestrebungen zu den schönen Erkenntnissen, bis man innerhalb der Erkenntnisse zu schließlich jener Erkenntnis kommt, die von nichts anderem als von jenem Urschönen selber die Erkenntnis ist, und so schließlich das allein wesenhafte Schöne erkennt.

- Aus Platons Symposion

Die höchste Stufe dieses Aufstiegs erreicht jener, der das ultimativ Schöne schaut. Nicht aber etwa wie es ihm in Gestalt einer schönen Frau oder eines schönen Mannes entgegentritt, oder anders geartetem Schönen, sondern als Urprinzip, das in allem Schönen wirksam ist. Wem so widerfährt, der wird das Schöne in seiner reinsten Form anbeten wollen.

Für Sokrates drückte sich in der Liebe das Verlangen des Menschen nach Unsterblichkeit aus. Verbrächte einer sein Leben vollkommen allein, ohne je mit anderen Menschen in Kontakt zu sein, wäre er einer, den man durchaus als »Weltverlorenen« bezeichnen könnte. Vom ungeheueren Reichtum des Lebens aber, dass er im Zusammensein mit den anderen erlebt, würde er niemals erfahren.

Eros dabei steht für die unerschöpfliche, ununterbrochen zischende Energiequelle, aus der der Strom von Leben und Liebe hervorsprudelt. Wer aus ihr zu schöpfen vermag, der wird zum wahren Schöpfer, der im Stande ist das Schöne zu erschaffen, zu erzeugen.

Alle Menschen nämlich tragen Zeugungsstoff in sich, körperlichen sowie geistigen, und wenn wir zu einem gewissen Alter gelangt sind, so strebt unsere Natur zu erzeugen.

- Aus Platons Symposion

 

Zum Orakel von Delphi

Zum Orakel von Delphi

Orakeltempel Delphi - ewigeweisheit.de

Früh morgens verließ ich Athen. Es war Mai und morgens noch nicht warm. An meinem Zielort erwartete ich entsprechend mäßige Temperaturen, denn ich fuhr auf 630 Meter Höhe: nach Delphi – zu einem der interessantesten Orte der westlichen Kultur.

Mit dem Mietwagen kommt man von Athen ganz bequem ins etwa 190 km nordwestlich gelegene Delphi, im Übrigen auch mit dem Reisebus. Da ich schon vormittags dort sein wollte nahm ich also den Bus um 8:30 Uhr, der in etwa drei Stunden dort hin fährt.

Meine Mitreisenden kamen von überall her und schienen ebenso gespannt wie ich, was wir dort wohl sehen und erfahren werden, an jenem sakralen Ort der Griechischen Antike. Das wir tatsächlich in ein Gebirge fahren, signalisierte mir auch mein Sitznachbar in seiner Bergmannsmontur, ein freundlicher Grieche mittleren Alters, der mich irgendwie an den Filmemacher Theo Angelopoulos erinnerte.

Ich genoss die Fahrt und als wir nach etwa anderthalb Stunden die Autobahn verließen und sich unser Bus nach und nach in die Gebirgsregion Mittelgriechenlands bewegte, da wechselten auch die Perspektiven. Die Hügel wurden zu Bergen, die Kurven der Straße zu Serpentinen und zusehends folgte unsere Fahrt schlängelnden Bewegungen.

Da kam mir unweigerlich die alte Legende von der riesigen Schlange Python in den Sinn, die sich hier am Berge Parnass womöglich einst auch um die Felsen wand, mit einem Auge die Eingänge ihrer sagenhaften Höhle im Blick, worin sie wohl ihr Gold hortete.

Heiliger Berg Parnass in Mittelgriechenland - ewigeweisheit.de

Der Heilige Berg Parnass in Mittelgriechenland.

Der Berg Parnass: Wohnort der Nymphen

Vor sehr langer Zeit, so die Legende, in der Blütezeit der Menschheit, wo Kriege, Verbrechen und Laster noch unbekannt waren, weilte dort auf dem hohen Parnass im Frühling das lebendige Licht Gottes, dessen Strahlen dereinst den schönen Künsten ihren vollen Glanz verleihen sollten: Dieses Licht verkörperte Apollon – der leuchtende Sonnenkönig aus Hyperboräa. Er auch war es der die grässliche Schlange Python erschlug und damit eine neue Ära einleiten sollte.

Der Gipfel des Parnass aber war einst, zu Beginn des Eisernen Zeitalters, vor vielleicht 12000 Jahren, der Landeplatz eines besonderen Schiffes.

Wie aber soll das gehen? Ein Schiff auf 2455 Metern?

Nun, es ist eben ein Mythos. Doch der alte griechische Schriftsteller Apollodor von Athen schrieb davon ganz ausführlich, so als hätte sich das vor langer Zeit wirklich ereignet: Es kam auf der ganzen Erde zu einer Katastrophe ungeheuerlichen Ausmaßes. Alles versank während einer riesigen Überschwemmung. König Deukalion und seine Gattin Phyrra konnten sich noch in ein Schiff retten, auf dem sie dann über die Wassermassen dieser riesigen Sintflut hinweg fuhren, bis sie hier aufsetzten, zwischen den felsigen Zinnen des Parnass. So entstand auf diesem Berg eine neue Zivilisation – das zumindest schrieb Apollodor für seine Erzähler auf.

Am Fuße des Parnass musste sich das neue Menschengeschlecht von diesem Armageddon aber erst über viele Jahrhunderte hinweg regenerieren. Und da kam der Gott Apollon zu ihnen, als Spender von Licht und Heil. Jeden Frühling reiste er von jenseits des Nordwinds, vom mythischen Kontinent Hyperboräa, hier nach Delphi. Er kam um Kranke zu heilen und jungen Priesterinnen die Kunst der Weissagung zu lehren. So eine nannte man dann »Pythia«, in Anlehnung an den Namen ihrer Vorgängerin, der Python nämlich, die man in sehr alter Zeit dort anrief um die Botschaften der Stimmen aus der Zukunft zu vernehmen.

Doch nachdem Apollon das Ungeheuer getötet hatte, verweste der Kadaver des Ungetüms zwischen Felsspalten, wo ausgerechnet dereinst die heilige Tempelanlage Delphis erbaut werden sollte. Über tiefen Schächten stand der Dreifuß Pythias, wo sie berauscht von dem unter ihr aufsteigenden, geruchlosen Gas des wesenden Ungeheuers, ihre Orakel verkündete. So will es ein Mythos.

Delphi war trotz allem weit mehr als das. Schon immer war es auch ein Ort politischer Entscheidungen, an dem man aber ebenfalls Künstler und Musiker bejubelte. Das etwa belegt das große Amphitheater in einem der beiden dort befindlichen Tempel, das nachher auch als Parlament einen Zweck erfüllte. Was auch immer man dort sonst noch tat, sei der Fantasie überlassen.

Hier musizierte Apollon für die Menschen auf seiner viersaitigen Lyra, mit seinen singenden Mädchen, wo göttliche Harmonien erklangen. So erst fand das Wort Musik zu seiner Geltung, durch Apollons schöne Töchter – den Musen.

Apollon war der Sohn des Göttervaters Zeus, der einst zwei Adler entsandte: einen aus dem Westen und einen aus dem Osten. Sie trafen sich dann hier in Delphi, das damit zum Nabel der Welt wurde.

Um diesen wichtigen Punkt aber auch physisch zu markieren wurde hier der »Omphalos« platziert: der »Nabelstein«. Dieser Stein schmückte das Adyton, den allerheiligsten, verborgenen Raum des Orakel-Tempels zu Delphi.

Der Nabelstein Omphalos im Museum von Delphi - ewigeweisheit.de

Der Nabelstein Omphalos im Museum von Delphi.

Ein 6000 Jahre alter Pilgerweg

Auf der Fahrt dachte ich über all diese Einzelheiten nach. Doch auf einmal wurde ich aus meinem Wachtrum entrissen. Unvermittelt verringerte der Bus sein Tempo. Doch wir Passagiere wunderten uns nur kurz. Wir machten einfach nur Halt an einer dieser schönen griechischen Raststätten, wo es immer all die vielen Süßigkeiten gibt, auch wenn ich selbst kein Zuckeresser bin. Gegen einen weiteren Kaffee aber war nichts einzuwenden. Damit setzte ich mich nach draußen zu den anderen, unter eine große Platane.

Mein Sitznachbar, mit dem ich bisher noch kaum gesprochen hatte, saß unweit von mir. Wir stellten uns vor und kamen ins Gespräch. Marios war Athener und ein begeisterter Wanderer und Skifahrer, wie ich erfuhr.

In unserem Gespräch erzählte er von einem eigentümlichen Ort, von dem ich nur beiläufig gehört hatte: der Korykischen Höhle. Marios versicherte mir, mit einem leichten Schmunzeln, dass er dorthin jeden Frühling wandere zur »Wallfahrt«. Etwa drei Stunden dauert der Aufstieg von der Kleinstadt Arachova, die auf 960 Metern Höhe gelegenen, sich etwa zehn Kilometer östlich von Delphi befindet. Von Arachova aber fahre auch ein Bus in die Richtung der Höhle, so dass man sich den größten Teil des Aufstiegs ersparen kann und der Weg von der Haltestelle »nur« anderthalb Stunden entfernt ist, wie mich Marions wissen ließ.

Er aber besteht auf den Fußweg, zumal das die einzige Möglichkeit ist in den vollen Genuss der sagenhaften Aussichten zu kommen, blickt man von der Südseite des Parnass doch auf den Golf von Korinth, bis auf die Zinnen der hohen Zweitausender der Gebirgslandschaft der Peleponnes. Er versicherte mir das selbst Pausanias (115-180 n. Chr.), der alte griechische Reiseschriftsteller, diesen Ort als höchst sehenswert empfahl.

Er meinte das es ihm darum jedesmal von Neuem ein Vergnügen sei, von Arachova aus zur Korykischen Höhle auf 1360 Metern zu steigen (von Delphi aus braucht man etwa anderthalb Stunden länger). Marios wollte, wie er meinte, sich hineinversetzen in diese alte Zeit, wo schon vor 6000 Jahren Menschen wanderten, um die sagenhafte Kraft dieses magischen Berges auch wirklich zu erfahren.

Diese Grotte soll einst bewohnt gewesen sein, der Legende nach zuerst von der Nymphe Korykia, einer Gefährtin des Apollon, nach der die Höhle benannt werden sollte. Von dort aus wachte die Nymphe über die Kastalische Quelle Delphis, zwischen den beiden großen Felsen, den Phädriaden.

Mir schien als hätte sich Marios' Ausstrahlung verändert, als er mir das alles erzählte. Da fragte ich ihn ob er sich auch mit Geomantie beschäftigen würde und hatte das Ja erwartet, dass ich auch prompt von ihm bekam. Er erzählte mir dass an solchen Orten besondere terrestrische Kraftlinien verlaufen, deren Energie sich direkt wahrnehmen lasse. Sofort musste ich an die Berichte denken, die ich mal über den sogenannten »Tempelschlaf« laß, wo doch schon in alter Zeit Menschen heilige Orte aufsuchten, um dort in Träumen Antworten zu finden auf zentrale Lebensfragen. Als ich Marios darüber erzählte lächelte er und sagte:

Genau das ist der Grund wieso ich mich dorthin auf den Weg mache.

Die Gipfel des Parnass

Im Vorübergehen bat uns der Busfahrer freundlich auf unsere Plätze zurückzukehren. Etwa eine Stunde später sollten wir in Delphi sein. Die Fahrt ging also weiter und als wir etwa zwanzig Minuten später vor uns die Höhen des Parnass aufragen sahen, schien sich der Stimmenpegel im Bus zu heben. Einige deuteten staunend auf die teils schneeweißen Gipfelscharten des Berges und begannen Fotos zu schießen.

Wahrscheinlich hörte man ähnliches Gemunkel, wäre man einer der hellenischen Pilger gewesen, die sich schon vor tausenden Jahren hier, nach wohl tagelanger Wanderung, in diesen Gebirgslichtungen trafen und ehrfürchtig staunten, über ein vielleicht ähnliches Panorama.

Auf der Weiterfahrt nach Delphi setzten Marios und ich unsere Unterhaltung fort. Wir sprachen über den Mythos des Ortes und wie sich aus der Entwicklung seiner eigentümlichen Tempelbauten damals, gewisse Parallelen zur heutigen Welt ziehen lassen. Jede Kultur entwickelt sich immer wieder so weit, bis sie einen gewissen Gipfel erreicht, meinte Marios, um schließlich von einer neuen und jüngeren Kultur verdrängt oder schlicht aufgegeben zu werden. Was aber immer bleibt wären jene Formen die den Menschen zu allen Zeiten gut tun. Doch sie müsse man erst erkennen und interpretieren lernen. Das solcher Art Anstrengungen de facto auch unternommen wurden, dass steht für Delphi jedoch fest, auch wenn es heute nur noch für ganz wenige auch ein religiöser Pilgerort ist.

Etwa zehn Kilometer vor Delphi erreichten wir Arachova, von wo aus im Winter sich Skifahrer auf die Pisten des Parnass begeben. Der Bus machte hier kurz Halt und Marios verabschiedete sich von mir. Als ich ihn da so vor mir in seiner vollen Trekking-Montur sah, wusste ich, dass er sich sogleich auf den Weg machen würde zu jener Nymphenhöhle.

Der Eherne Schlangensäule am Apollon-Tempel in Delphi - ewigeweisheit.de

Eherne Schlangensäule am Apollon-Tempel in Delphi.

Drache, Mond und Erde

Jahrtausende lang huldigte man in den namhaften Kultstätten Europas Schlangen- und Drachengottheiten. Drum erbaute man auch an solchen Kultstätten wie Delphi einst chtonischen Göttern Heiligtümer. Das waren der Erde zugehörige, mächtige Wesen, über die die große Mutter Gaia herrschte. Ihr Sohn war Typhon, der mit seinen zahlreichen Drachenköpfen sich aus einer tiefen Höhle in Kleinasien erhob, die ausgerechnet den selben Namen trägt, wie eben jene Korykische Höhle am Parnass. Ein Zufall?

Zumindest scheint es mit Typhon eine klare Parallele zu geben zu jener reptilischen Gottheit Python, der man vor dem Erscheinen Apollons in Delphi huldigte. Sieht man sich die Buchstaben dieser beiden Namen an, kommt einem wohl unweigerlich der Gedanke, dass es sich hier um Synonyme handelt.

Als jedenfalls später der Apollon-Tempel in Delphi errichtet wurde, schien man sich zu Ehren Gaias daran erinnern zu wollen, befinden sich hier doch zwei um einander windende, zu einer hohen Säule verbundene, ehern-bronzene Schlangen, denen jedoch einst die Häupter abgeschlagen wurden.

Ähnliche Standbilder finden sich auf dem gesamten Gebiet des antiken Griechenland von Süd-Anatolien (dort in Tarsus), über Byzanz (Istanbul), bis nach Mittelgriechenland und auf den Ionischen Inseln. Dort eben herrschte einst ein Kult der großen Muttergottheit und ihren reptilischen Nachkommen.

Wohl darum finden wir in Delphi zwei Tempel: einen älteren und einen neueren, wobei ersterer der Athena Pronoia gewidmet war und letzterer eben dem Drachentöter Apollon.

Der Tempel der Athena Pronoia aber wurde über noch viel älteren Bauwerken errichtet, wo sich zuerst ein Kultort zu Ehren Gaias befand. Später erbaute man hier der Mondkönigin Artemis (Apollons Zwillingsschwester) ein Heiligtum, bis dort schließlich die vermännlichte Athena ihren Platz bekam – Göttin der Weisheit im patriarchal geprägten Griechenland und Namensgeberin der Stadt Athen.

Apollon-Tempel und Amphitheater in Delphi - ewigeweisheit.de

Apollon-Tempel und Amphitheater in Delphi.

Eindeutig Zweideutig

Jahrhunderte lang besuchten Könige und Diplomaten, Philosophen und auch gewöhnliche Leute das Orakel von Delphi. Unter ihnen befanden sich auch so sagenhafte Gestalten wie der reiche König Krösus oder Alexander der Große. Sie und viele andere suchten dort Rat, nach Antworten auf ihre brennendsten Fragen und nach deutlichen Zeichen, die sie zu richtigen Entscheidungen führen sollten.

Zu jenen Fragen die der Orakel-Priesterin Pythia gestellt wurden, gehörten persönliche Anliegen ebenso wie politische Fragestellungen, wo letztere aber zu Entscheidungen führen sollten, die manchmal gar das Bestehen oder den Untergang eines ganzen Volkes betrafen.

Anfänglich durfte das Orakel nur an einem Tag im Jahr angerufen werden. Und das war der Geburtstag des Lichtgottes, um die Zeit der Frühlings-Tagundnachtgleiche, wo ja das Licht wieder der Dunkelheit zu überwiegen beginnt und Apollon eben zurückkehrt, um den Menschen wieder mehr Licht, Gesundheit und Wohlbefinden zu schenken.

Aus dieser Zunahme des Sonnenlichts im Frühling, gewann auch die Priesterin Pythia ihre Kraft, um das verborgene Weistum der Unterwelt an die Erdoberfläche zu Tage zu befördern. Doch eben so wie sie damit zwischen der Lichtwelt Apollons und der Unterwelt Pythons stand, so zweideutig waren auch ihre Orakelsprüche.

Das erfahren wir etwa von dem griechischen Historiker Herodot, wie einst die Antwort des Orakels zum Untergang eines Reiches führen sollte, da sein König die eigentliche Warnung der Pythia, als Ansporn missverstanden hatte. Und dieser Fürst hieß Krösus – der reiche König von Lydien (Westen Kleinasiens).

Krösus hatte aber einen Feind. Der Perserkönig Kyros bedrängte ihn von Osten her mit seiner Streitmacht. Durch eine List gelang ihm auch an das Geld des Krösus zu kommen, worauf dieser auf Rache sann und zu einem Feldzug gegen die Perser rüstete. Doch bevor er seine Offensive startete befragte er das Orakel von Delphi, um zu erfahren was geschehe, wenn er in das Reich des Kyros mit seiner Armee eindringt. Pythia sprach:

Wenn du den Fluss Halys (heute: Kizilirmak) überschreitest, wirst du ein großes Reich zerstören.

Krösus jedoch ahnte nicht: es war sein eigenes Reich, denn Kyros sollte ihn besiegen.

Ganz gleich welcher Art Orakel man befragt, um über den zukünftigen Ausgang einer Sache zu erfahren, sollte man stets auf der Hut sein vor vermeintlich gut aussehenden und günstig klingenden Berufungen. Sie können uns offenbar auch irreführen, doch damit einen ganz und gar unerwarteten Zweck erfüllen. Doch sicher ergäbe auch dass dann seinen Sinn.

Ausblick in Delphi, Golf von Korinth und Peleponnes - ewigeweisheit.de

Ausblick in Delphi, Golf von Korinth und Peleponnes.

Die berühmte Inschrift am Delphischen Orakel-Tempel

Mein Bus erreichte nach fast genau drei Stunden den kleinen Ort Delphi. Von dort nahm ich ein Taxi in das nahe gelegene Hotel, wo ich dann drei Tage verbringen wollte.

Als ich dort ankam, hieß mich ein freundlicher Portier willkommen, der sich mir vorstellte als Panaiotis. Gleich dachte ich an die Avant-Garde-Musik der amerikanischen »Deep Listening Band«, deren eines Mitglied auch Panaiotis heißt.

Wirklich atemberaubend war der Blick den ich von meinem sonnenbeleuchteten Balkon aus hatte. Ich schaute von dort auf den Golf von Korinth und die teils noch schneebedeckten Gipfel, der jenseits davon liegenden Berge des Peleponnes.

Bei Sonnenuntergang suchte ich gleich nach einem passenden Titel der eben erwähnten Musikgruppe. Ihre sphärischen Kompositionen genießend, sah ich dann von meinem schönen Balkon aus, wie von Süd-Osten her das Licht der rötlichen Strahlen des Sonnenuntergangs, die riesigen Täler vor mir in eine wundervolle Abendstimmung tauchte.

Am nächsten Morgen stand ich früh auf, um die aufgehende Sonne zu begrüßen.

Die Gebirgsvorläufer vor mir umwuchsen riesige Haine von wahrscheinlich mehr als tausend Oliven, einem ganzen Wald von Ölbäumen der sich erstreckte bis an die Küste der Bucht von Itea, wo sich, wie ich später herausfand, eine kleine Fischergemeinde befand.

Bei diesen wundervollen Eindrücken erinnerte ich mich an einen Spruch:

Ein Suchender schaut morgens aufmerksam gen Osten, der aufgehenden Sonne entgegen und empfindet dabei vielleicht in Ehrfurcht verzückt, ein kosmisches Liebesgefühl, dass ihm signalisiert: Folge Deinem Herzen.

Und was ist das Herz? Ist es nicht jene Stelle in uns, wo die Essenz unseres Selbst zu liegen scheint?

Zumindest ist das Herz jener Kraftpol in uns, der, ganz gleich woran wir denken, uns losgelöst von Allem, von unserer Mitte her mit Lebenskraft und Wärme versorgt. Dabei bilden Atem und Herzschlag in ihren sich überlagernden Schwingungen eine Allegorie auf eben das, was uns die Sonne jeden Tag aufs Neue mit ihrem Licht, ihrer Wärme und als aufsteigender Himmelspol beibringt: das nämlich alles einem stetigen Wandel unterliegt – auch unser lebendiges Selbst.

Was dort oben am Himmel uns täglich leben lässt, ist sinnbildhaft auch in uns. Sonne und Herz sind die Zentren unseres Selbst – im Außen und Großen, wie im Innern und Kleinen.

Was aber meinte der griechische Weise Chilon von Sparta, wenn er einst sagte: Gnothi seauton – »Erkenne Dich selbst«? Dieser berühmte, so häufig zitierte Spruch stand nämlich einst am Eingang des delphischen Apollon-Tempels.

Dieser Satz dürfte den meisten wohl fast schon abgenutzt erscheinen, da er schon so oft irgendwo zu lesen war oder ihn jemand zitierte. Seine wahre Bedeutung aber scheint man dabei nur all zu leicht zu übersehen. Denn nicht zufällig wurde er im Westen zu dem wahrscheinlich berühmtesten Wahrspruch aller Zeiten, der sich uns mehr als 2500 Jahre erhalten hat.

Auch wenn wir ihn schon hundertmal gehört haben, lohnt es sich doch immer wieder einige Augenblicke darüber nachzufühlen, was er in uns an Bedeutungen aufsteigen lässt. Jetzt.

Apollon-Tempel in Delphi - ewigeweisheit.de

Apollon-Tempel in Delphi.

Die Frage nach dem Weg

Imposant ragten die verbliebenen dorischen Säulen der alten Ringhalle vor mir auf, als ich schließlich den Apollon-Tempel morgens früh, als erster Besucher betrat. Hier also befand sich einst das große Bauwerk, worin in einem besonderen Raum die Pythia auf ihrem hohen Dreifuß sitzend wahrsagte, über der schwärenden Spalte sitzend, in die Apollon die vermeintlich getötete Schlange Python hinabstieß.

Dort saß sie in Dunkelheit, vielleicht umgeben vom Schein einiger Öllichter, als man den Frager vor sie führte, damit er sich befreie aus vermeintlich unbeantworteter Ahnungslosigkeit. Darüber sann ich nach, als ich langsam über die Heilige Straße des Tempelbezirks schritt, vorbei am alten Schatzhaus der Athener, hinauf zum großen Amphitheater.

Auch ich und wahrscheinlich auch Sie, die gerade diesen Text lesen, haben viele unbeantwortete Fragen. Woher aber kommen all unsere Fragen eigentlich? Wieso stellen wir sie uns?

Schon immer wohl haben Menschen das Bedürfnis verspürt nach etwas Größerem zu streben. Wir sind mit dem was wir haben vielleicht schon viel zu lange zufrieden, oder sogar bereits unzufrieden. Nagen tun Fragen auch den, der schon viel erreicht hat, denn er glaubt kaum noch mehr erreichen zu können.

Alexander der Große besuchte das Delphische Orakel im Jahr 336 v. Chr. und wollte von der Pythia hören, dass er bald die ganze Welt erobern würde. Doch zu seinem Erstaunen verwehrte ihm das Orakel eine Prophezeiung und bat ihn wieder zu kommen. In Raserei empört zog er Pythia an ihren Haaren, bis sie schrie:

Du bist unbesiegbar mein Sohn!

Als er das hörte ließ er sie los und sagte:

Jetzt habe ich meine Antwort.

13 Jahre später hatte Alexander der Große die ganze damalige Welt erobert. Doch da brach er in Tränen aus, da für ihn nichts mehr zu erobern blieb. Nicht lange danach wurde er krank und starb, als er nicht einmal sein 33. Lebensjahr vollendet hatte.

Wer hat ein Ziel?

Als Mensch kann man sich zwar auf die Suche begeben und dabei ein besonderes Ziel anstreben, doch man kommt im Grunde niemals an. Wer sucht eröffnet neue Fragen. Ist es darum überhaupt wichtig ein Ziel zu haben?

Und ob! Auch wenn die Pythia nur einmal im Jahr weissagte, fanden bei Ihr Antwort doch nur jene, die einen Vorsatz hatten und einen Zweck erfüllen wollten.

Nur wer Ziele hat bewegt sich, bleiben dem Ziellosen doch alle Möglichkeiten offen. Und das lässt ihn nur erstarren, da er nicht weiß wohin er sich wenden soll. Ziellos mit gebeugtem Haupt passieren sie uns, all die vielen Menschen heute, auf etwas Leuchtendes blickend, woraus sich schier unendlich viele Ziele aufrufen lassen. Doch was davon ist wichtig und was ist richtig?

Die Freiheit der Wahl ist bedeutungslos wenn wir keine Ziele haben. Haben wir ein Ziel gefunden liegt dessen Erreichen aber allein im Antreten und dem Zusteuern darauf. Denn etwas zu erreichen ist eine einmalige Sache, die sich zum ersten Mal, nur einmal erreichen lässt. Alle weiteren Male sind Wiederholungen und werden darum irgendwann zum Trott.

Wahre Ziele zu erreichen heißt darum auch mit etwas Altem abzuschließen. Und wer eine neue Reise antreten will der braucht, wie könnte es anders sein, ein neues Ziel.

Transmutation auf Gold

Transmutation auf Gold

transmutation auf Gold - ewigeweisheit.de

Assoziativ gesprochen: bei der Transmutation auf Gold geht es auch um den Drachen. In verschiedenen Mythen und Legenden bewacht er, in Höhlen wohnend, das kostbare Sonnenmetall. An einem unzugänglichen Hort im Innern der Erde hält er es verborgen.

Wegen seines unteriridschen Wohnorts scheint er zwar ein recht jämmerliches Dasein in der Dunkelheit zu fristen, doch der Drache birgt in sich ein Feuer, dass er aus dem Gold bezieht. Ja, aus dem Gold!

Gold galt den Alten als geronnenes Sonnenlicht und war somit auch ein Sinnbild äußerer Wärme. Deshalb jagt der Drache dem Gold nach, so die Alchemisten. In der düsteren Kälte der Felsen seiner Gruft würde es ihn sonst wohl frieren. Bevor das Gold in der Sonne glänzt, verbirgt es also ein Drache vor allen Menschen bei sich, im Dunkel der Erde.

Sankt Michael tötet den Drachen - ewigeweisheit.de

Sankt Michael tötet den Drachen. Spanische Illustration aus dem frühen 15. Jahrhundert.
Die Rote Farbe seiner Rüstung ließe sich als Hinweis auf die Rubedo (Rötung) deuten: Die letzte und höchste Stufe im großen Werk bei der Bereitung des Steins der Weisen. Jenen legendären Stein verwendeten die Alchemisten um unedle Metall in Gold umzuwandeln.

Gottessohn des Lichts

Sonne und Gold sind beides Symbole reinen Lichts. Vis-a-vis stehen ebenjene Symbole der Dunkelheit. Als Sonnenkönig ist der alt-griechische Gott Apollon das lichterfüllte Gegenstück zum schwarzen Drachen Delphis. Apollon aber tötete ihn und damit endete eine alte Zeit, so dass etwas Neues geboren werden konnte: das goldene Zeitalter des Lichts. Das aber ist lange her.

Apollon ist ein Lichtbringer, dem man als solchem im späteren Christentum aber den Namen Luzifer gegeben hätte (Lichtbringer oder Lichtträger). Unwissende setzten ihn damit wohl auch gleich, mit der alten Schlange Satan. Dann aber haben wir wieder mit dem Drachen zu tun. Was nun also? Beides?

Gutes und Böses, zwei Seiten der selben Münze auf deren Rand eine Gravur zu lesen ist:

ABRAXAS

Das ist der griechische Name des Gottessohnes der 365 Tage, dem Zeitraum in der sich die Erde um die Sonne "schlängelt". Was aber hat dieser Name mit 365 zu tun? Nun, es soll nicht alles gleich verraten werden. Aber: Sechs mal Sechs mal Zehn und Fünf – oder: 1 + 2 + 100 + 1 + 200 + 1 + 60 = 365. Was hat es damit auf sich?

Diabolisch. Symbolisch. Metabolisch

Werfen wir aber zunächst einmal einen Blick auf das Sinnbild des Lebensbaumes der Kabbala. Diese Struktur nennen manche jüdische Gelehrte den Sefirothbaum. Sefiroth sind archetypische Konzepte, wenn man so will, etymologisch verwandt mit dem deutschen Wort für die "Sphären", hermetischen Gefäßen quasi, in denen sich ganz besondere Eigenschaften verwirklichen lassen, sobald man einen Weg hinein gefunden hat. Dann aber lassen sich in solch abgeschlossenen Einheiten alchemistische Prozesse anstoßen.

In manchen Darstellungen sieht man ein Reptil, eine schwarze Schlange, die sich entlang der Äste dieses geheimnisvollen Lebensbaumes nach oben windet, zur Krone – "nach Kether hin", wie die Kabbalisten sagen. Eine Sonne aber leuchtet im Zentrum dieses Wunderbaumes. Und diese solare Mitte umhüllt Tiphereth, die Schönheit, die sechste Sefirah (Singular von Sefiroth) im Lebensbaum der Kabbala.

Kabbala-Gelehrte haben später die Alchemisten dazu inspiriert, den einzelnen Positionen im Lebensbaum, bestimmte planetarische Mächte zuzuordnen. An der sechsten Position im Lebensbaum aber, der Sefirah Tiphereth, befindet sich gemäß der chaldäischen Reihe die Sonne. Sechs entspricht dem Sonnenlicht.

Nun lesen wir im Neuen Testament:

Und ich sah ein anderes Tier aus der Erde aufsteigen; und es hatte zwei Hörner gleich einem Lamm, und es redete wie ein Drache. [...] Hier ist die Weisheit. Wer Verständnis hat, berechne die Zahl des Tieres!

- Offenbarung 13:11,18

Wer weiterließt kommt zur Symbolik dreier Sechsen. Und jene Zahl, die hier nich stehen muss, ergibt sich wie folgt: In der Magie ist die Rede vom sogenannten "Planetenquadrat der Sonne". Zu diesem, wie zu den anderen sechs klassischen Himmelskörpern, gibt's ein magisches Quadrat. Warum aber magisch? Schauen wir uns dazu einmal die erste Reihe der folgenden Tabelle an, die so ein magisches Quadrat zeigt:

 

6 32 3 34 35 1
7 11 27 28 8 30
19 14 16 15 23 24
18 20 22 21 17 13
25 29 10 9 26 12
36 5 33 4 2 31

 

Addiert man nun einmal alle Zahlen in der obersten Reihe, da erhält man eine bestimmte Summe. Magisch an dieser Figur ist nun die Tatsache, dass egal aus welcher Reihe des Quadrats man die Zahlen zusammenzählt (sechs waagrecht liegende Ziffern, sechs senkrechte oder die beiden diagonalen Zahlenreihen), man immer die selbe Summe sieht. Und da dieses magische Quadrat der Sonne dem Gold und damit auch der Zahl Sechs entspricht, fühlt sich vielleicht die eine oder der andere dazu verleitet, diese Summe eben mit Sechs zu multiplizieren. Und siehe da: Man hält wohl inne, beim Entdecken des wirklichen Endes vom 13. Kapitels jener Offenbarung, aus der wir oben zitierten.

Als erstes sechsmal gesprochen FALABA CALADA LEA.
Danach dann ...

Wissen Sie wie es weitergeht? Obiges Sonnenquadrat verrät's. Drum Vorsicht!

Der Rote Löwe

Wenn nun also die Sonne sym-bolisch aus der sechsten Sefirah Tiphereth strahlt, ist ihr, aus alchemistischer Sicht, das Metall Gold zugeordnet (so wie der Dritten das Metall Blei, der vierten Sefirah das Zinn und der fünften das Eisen) – das Metall also, dass dem dia-bolischen Drachen in seiner pythischen Erdspalte Wärme spenden soll.

Wiederum steht in diesem Zusammenhang nun, mit der zuvor erwähnten, durch den Sonnenkönig Apollon vollzogenen Tötung des bösen Drachen (der die dortige Erdspalte bewachte woraus ein edles Gas hervorströmte), die christliche Symbolik St. Michaels. Erzengel Michael – in der Kabbala bewohnt auch er die sechste Sefirah Tiphereth – erstach den Drachen, stürzte ihn vom Himmel, wo sich ja bekanntlich der paradiesische Lebensbaum befindet – so dass er ins Innere der Erde fiel: Die irdische Unterwelt des Drachen den Apollon erschlug. In der Symbolik Michaels und des Drachen sieht man den Erzengel, wie auch er mit Schwert oder Lanze, das reptilische Ungeheuer tötet. Es geht hier um die "Marter der Metalle", wie es die Alchemie nennt. Mit Lanzenklingen wurde auch Christus am Kreuz von seinen Martern erlöst und Johannes der Täufer vom stählernen Schwert enthauptet. Und dies hat auch eine Querverbindung zum Element Feuer, so wie das Schwert dem Element Luft, der Kelch oder Gral dem Element Wasser und der Stein dem Element Erde zugeordnet sind.

Wenn Michael nun also den Drachen mit einer Lanze ersticht, so kommt da das Feuerprinzip ins Spiel. Ist das dann nicht auch eine Transmutation auf Gold? Man denke etwa an das Simileprinzip des Paracelsus, und assoziiere damit die Reihe: Feuer – Lanze – Sonne – Gold. Und wenn nun die Lanze, ihrer esoterischen Bedeutung nach, mit dem Feuer assoziiert wird, und das Feuer das Element des astrologischen Löwen ist, einem Sternbild über das, astrologisch, wiederum die Sonne regiert, so kommt hier sicher auch der "Rote Löwe" (auch: "Roter Leu") der Alchemisten ins Spiel.

Da ward ein roter Leu, ein kühner Freier,
Im lauen Bad der Lilie vermählt,
Und beide dann mit offnem Flammenfeuer
Aus einem Brautgemach ins andere gequält.
Erschien darauf mit bunten Farben
Die junge Königin im Glas,
Hier war die Arzenei, die Patienten starben,
Und niemand fragte: wer genas?

Aus Goethes Faust – Der Tragödie erster Teil: "Vor dem Tor", Faust zu seinem Famulus Wagner

Jede Veredelung (Transmutation auf Gold) erfolgt ancheinend über den leidvollen, ja sogar qualvollen Weg (Marter). Das Körperliche Prinzip muss geopfert werden, entsprechend dem am Kreuz geopferten Leib Christi, damit das Lichtprinzip der Geistesseele entweichen kann, wie auch der Heilige Dunst aus der Erdspalte zu Delphi, wo nach Apollons Sieg, seither ein toter Drachen fault.

Sonne und Drachen,
wie Apollon und Python,
in Licht und Finsternis,
durch Feuer und Erde,
ergeben die Sechs mal Drei
und Gold aus Blei.

LAFELAC DABLA