Dualität

Menge und Masse: Maßstäbe der Moderne

von S. Levent Oezkan

Bei den Begriffen Quantität und Qualität handelt es sich grundsätzlich um Gegensätze. Doch auch wenn sie sich ihrer Bedeutung nach offenbar unterscheiden, besteht zwischen beiden auch eine Wechselbeziehung, die von zentraler Bedeutung ist für unsere Kultur – damals, heute und dereinst.

Wenn sie nun aber in Beziehung zueinander betrachtet werden können, besitzen Quantität und Qualität dann nicht vielleicht auch eine gemeinsame Wurzel? Sollte uns im weiteren Verlauf gelingen, dafür einen Beweis zu finden, so müsste es auch Entsprechungen zu anderen Polaritäten geben.

Fest steht: Qualität und Quantität bildeten die ersten aller kosmischen Pole, zumal alles, das sich in unserer Welt manifestierte, geprägt ist vom Wesen dieser beiden Ausdrücke – insbesondere dann, wenn es darum geht an eine Sache Anforderungen zu stellen. Nicht aber nur in der natürlichen, sondern auch in der übernatürlichen Welt metaphysischer Anschauung, bilden beide Begriffe die beiden Enden ein und der selben Wahrheit – gebildet aus dem, wofür die Worte Essenz und Substanz stehen.

Unsere moderne Welt ist Herrschaftsgebiet des menschlichen Individuums, wo es aber weniger um die essentielle Wahrheit dessen geht, worüber der Mensch Herrschaft zu erlangen sehnt. Eher geht es um des Menschen Wunsch zu besitzen, abzuzählen, Mengen zu häufen. Kurz: Das Wesentliche in seinem Leben bildet die stoffliche Welt, die »Substanz der Massen«. Die Welt des Stoffes aber bezieht sich auf das Äußere einer Exoterik. Wenn wir hier aber nun den Begriff der Tradition ins Spiel bringen, so ließe sich das Essentielle unseres Seins, auch durch die Überlieferungen einer inneren, einer esoterischen Tradition ergründen, was wir im weiteren Verlauf dieses Aufsatzes versuchen wollen.

Quantität: Anzahl und Wert

Die Quantität der Dinge in unserer Welt, bildet die Grundlagen allen sinnlichen und körperlichen Seins darin, was dem Materiellen zugeschrieben wird. Alles was uns darüber die Wissenschaft liefert, wie ihr Name ja bereits sagt, ist eben Wissen, wo manche mehr davon, andere weniger davon haben. Ein Wissenschaftler kennt die Beschreibung dessen, was wirklich ist, kennt sein Maß der Wirklichkeit. Über das darin »Wirksame« aber, die darin liegende Essenz, wissen heute nur wenige. Im Westen scheint es eben gang und gäbe zu sein, den Wert einer Sache vor allem quantitativ festlegen zu wollen und dabei zu glauben, die dahinter stehende Realität erkennen zu können, als bezifferbar – auch wenn das dabei wahrgenommene Schimmern einer vermuteten Wirklichkeit, immer wieder neue Maße beeinflussen. Wäre es da aber nicht angebrachter sich davor zurückhalten, allein durch diese, abzählbar beschriebenen Teile des Dinglichen, auf das Wesen unserer Welt schließen zu wollen?

Was als Menge abzählbar ist, lässt zwar Folgerungen über das Betrachtete zu, doch je näher man der eigentlichen Sache dabei käme, desto weiter schweifte man gleichzeitig davon ab, da sich die dabei gefundenen Details, jeweils selbst wieder, in immer feinere Abzählbarkeiten deuten lassen; man denke etwa an die physikalische Untersuchung des Mikrokosmos, mit all seinen unzähligen Kristallstrukturen, molekularen, atomaren und subatomaren Auffächerungen. Letztendlich aber käme man doch zu dem Schluss, dass sich alles Sein aus Polarem ergibt, aus positiv wie negativ »Geladenem«, aus materiell Schwerem und Leichtem, aus energetisch Starkem und Schwachen, und so weiter. Zwar ließe sich darin alles nur Erdenkliche abmessen, quantifizieren und gegeneinander abwägen, doch bliebe das so erhalten Abzählbare, dabei immer nur eine Messung des Substantiellen und damit nur Erscheinung von Maßen, die wahrscheinlich einer Wirklichkeit entsprechen, die eben nicht entzifferbar ist, sondern immer nur erfahrbar bleibt.

Qualität kennt kein Maß

Den Wert dessen liefert die Qualität des Wirklichen, die den Betrachter nicht nur zur Erkenntnis darüber befähigt, sondern ungeachtet irgendwelcher abmessbaren Fakten, ihn mitunter sogar zu inspirieren vermag. Wenn in esoterischen Kreisen oft die Rede ist von »Einweihung«, meint das kein Inkenntnissetzen, sondern ein Erfahren des Einen, dem einer geweiht wird. Die Wirklichkeit die einer dabei kennenlernt, lässt sich jedoch nicht messen, sondern allenfalls betiteln. Was darin aber wirksam ist, ist die Essenz dessen, worum es sich bei dieser Betrachtung handelt: Es ist wie ein Same aus dem ein riesiger Baum wächst, wie ein Funke der ein großes Feuer entfacht, wie eine Wahrheit, von der erfahren, ein Mensch sein Leben als solches verändern möchte, eine Ursache, die manchmal sogar über Leben und Tod eines Individuums entscheidet. Doch auch viel weniger dramatische Vorgänge, lassen sich durch nichts bemessen oder abzählen, wie das Gefühl, dass man empfindet, wenn man sich verstanden fühlt, wie die Gewissheit die man verspürt, wenn man mit etwas im Leben abgeschlossen hat, und so weiter.

Doch durch all die Betitelungen dessen, was wir hier als Qualität definieren wollen, ist eine darin wirkende Essenz, anscheinend austauschbar geworden. Das heißt, dass die Güte eines Dinges nur Menge und Zahl bewerten, doch weniger der Wert an sich, der die eigentliche Qualität von etwas begrenzt, quantifiziert. Das aber verallgemeinert seine wesentliche Sinnbedeutung, verwischt sie sogar und macht sie ungreifbar. In der Erkenntnis des innersten Wesens einer Angelegenheit aber, wird aus dem darin wirksamen »Essentiellen«, vorrangig ein Prinzip, ein Grundsatz, aus dem sich weitere Prinzipien hierarchisieren lassen.

Wenn sich also Quantität immer auf eine horizontale Sichtweise von etwas Bemessbarem oder Abwägbarem bezieht – man denke an die beiden Schalen einer Waage – so stehen die in einer Qualität wirksamen Prinzipien dazu vertikal, auch wenn man das Bessere durch Maße beziffern kann. Hierarchie und Qualität nun sind traditionell von einander untrennbare Begrifflichkeiten. Sie bildeten im Altertum die klerikalen oder aristokratischen Rangordnungen, die sich jedoch einer nach oben hin ewig weiter erstreckenden Überordnung beugten (man denke hier etwa an den Begriff des »Gottkönigtums«, dass besonders in der Esoterik ein geläufiger Begriff ist). Solch hierarchische Ordnung lässt sich aber auch auf den Mikrokosmos des menschlichen Körpers übertragen, in dem ja jedes Organ seine jeweils über- oder untergeordnete Rolle spielt.

Es ließe sich der so geschilderte, untrennbare Zusammenhang zwischen Hierarchie und Qualität symbolisch durch eine Vertikale skizzieren. Wobei das, was wir als Hierarchie andeuteten, natürlich von positiver oder negativer Qualität sein kann, so dann sich zur eben definierten Vertikalen, auch eine Horizontale ergibt, die beide im Symbol des Kreuzes zusammenlaufen. Nun ließe sich damit alles Vertikale, als Symbol des Hierarchischen der Qualität, alles Horizontale als Symbol für den Wert eines Dinges, seine positiven und negativen Aspekte betrachten.

Quantität und Qualität in Wechselbeziehung

Auch wenn im Allgemeinen Quantität und Qualität als gegenläufige Begriffe verstanden werden, widersprechen sie sich nicht wirklich. Ja sie ergänzen sogar einander gegenseitig und besitzen das Potential sich zu einen, dort wo ihre Prinzipien zusammenlaufen, sich überkreuzen. Wir hatten zuvor von einer Symbolik des Vertikalen und des Horizontalen gesprochen, wo erstere die Beschaffenheit des Qualitativen symbolisiert, letztere jene des Quantitativen. Im Symbol des Kreuzes laufen diese beiden Größen an der Stelle des Schnittpunkts zusammen. Das Spannungsfeld zwischen Rechtem und Linkem, zwischen Unten und Oben, zwischen Gut und Böse, zwischen Ursprung und Unendlichkeit, kommt in dieser Kreuzung zum Ausdruck – woraus sich ein aus vier Größen zusammengesetztes Ganzes ergibt. Wählte einer etwa nur die Quantität als Maßstab aller Dinge, entbehrte er durchaus wichtiger Hinweise auf das, was wirklich ist, was ja eben aus der Hierarchisierung des Ganzen, als Qualität hervorgeht.

Betrachten wir die Symbolik des Kreuzes, neben der berühmten Form des Symbols im Christentum, als, sagen wir, eine durch einen Kreis abgeschlossene Form, in der der rechtwinklige Achsenschnittpunkt den Kreis-Mittelpunkt bildet, ließe sich daraus eine universale Vierheit ableiten, eine »Quaternität«, die zum Beispiel für die Beschreibung der vier alchemistischen Elementen (Feuer, Wasser, Luft und Erde) ebenso griffe, wie in Betrachtungen der Gesetzmäßigkeiten der vier Jahreszeiten, bei den Lebensphasen eines Menschen und unzähligen anderen Größen, die auf einer elementaren Vierheit basieren.

Es scheint dabei aber kein Zufall zu sein, dass solche Mandalas oder Symbole der Quaternität, nicht nur in historischen Monumenten der Völker in West und Ost auftauchen, sondern ebenso in den nächtlichen Träumen ahnungsloser Menschen, deren Auffassung vom Sein ganz und gar durch die Moderne bestimmt ist. Denn diese Formen der Quaternität sind Ordnungssymbole, die sich einem Träumer vor allem in Zeiten darbieten, wo er nicht weiß wo im Leben er gerade steht oder aber erkennt, dass er sich neu erfindend orientieren muss. Und wenn sich eine Quaternität als universale Vierheit vor allem im Wachzustand dazu eignet, allgemeingültig eingesetzt zu werden, so findet eben angedeutete Orientierung doch dort statt, wo eben einer seinen inneren, individuellen Orientierungspunkt erkannt hat. Da erfindet er sich neu, um sich aus dem, was er vielleicht als Chaos im Leben satt hat, zu entfernen in Richtung des Lichts, das ja bekanntlich jeden Morgen im Osten als Sonne aufsteigt, der Richtung, die die Römer eben »Orient« nannten. Wer vom Pfade abkam, orientiert sich nach dem Licht.

Einen Richtungswechsel, eine »Neuorientierung« aber erfordert ein sich Einlassen auf diese, hier und im Folgenden gelieferte »symbolische Assistenz«. Das heißt, dass eine neue »Himmelrichtung« im individuellen Kosmos eines inneren Selbst bewusst gemacht wird, die sich jenseits dessen befindet, was moderne, technische oder digitale Hilfsmittel bieten. Denn wenn es um eine Neuentfaltung des Selbst geht, kann es sich nur im Bewusstsein eines Menschen ereignen, wodurch es seinen eigentlichen Daseinssinn wiedererlangen kann. Diesen Zugang aber versperren in unserer modernen Welt die äußeren Verbindlichkeiten, wozu aller Wunsch zur Anhäufung von Reichtümern ebenso gehört, wie das Klammern an das, was man bereits hat. Alles Sinnvolle aber, mit dem das Selbst des Individuums in diesem Körper auf Erden inkarnierte, scheint, seit jener Zeit der Aufklärung, die ja mit einer industriellen Revolution einherging, in Sinnwidriges verkehrt worden zu sein. Denn schon lange geht es nicht mehr darum, das Wesen und die Aufgabe des Selbst und die von ihm ausgehenden Botschaften zu erkennen. Eher fragt man da nach dem Sinn solcher Botschaften, da der an den modernen Massenmenschen eben besser verfüttert werden kann, in Form audiovisueller Medien. Ob dieser Sinn auch Qualität besitzt, spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Eher geht es darum solche Nachrichten weitgefächert zu verbreiten.

Alles in der modernen Welt leuchtet, ist illuminiert und es scheint, im wahrsten Sinne des Wortes, als bringe uns in allen Lebensbereichen dieses Funkeln und Blinken die Umwelt so bei, wie auch wir, in unseren Händen haltend, uns selbst. Es sind darum immer mehr »Lichtträger« unterwegs. Schaut man sich die lateinische Bezeichnung dafür an, die sich aus den Wörtern »lux«, für das Licht, und »ferre«, tragen, ergibt, kommt man zum »Luziferischen«, ein Wort das die meisten unter uns mit Begriffen wie Bosheit und Arroganz assoziieren, und dabei womöglich auch Ängste in ihnen aufsteigen, die aber ohnehin schon mit immer neuen Hysterien, anscheinend in jedem von uns aufgerufen werden, mit dem Ziel den Konsum aufrecht zu erhalten, denn wer Angst hat hamstert und verbirgt sich hernach ungesehen in seinem Bau. Und wer sich dort verbrigt lässt sich besser kontrollieren.

Kontrast der Extreme von Gut und Böse

Jene Hypes und inszenierten Begeisterungen für den Wunsch sich zu fürchten, scheinen gleichzeitig eine Erwartungshaltung zu prägen, die sogar mediale Bilder von Naturkatastrophen und anderen Desastern, zu befriedigen scheinen. Alles was mit einer Moral einhergeht aber scheint als altmodisches Gewäsch nur abgewunken zu werden, zumal man solch Medien ja getrost im stillen Kämmerlein konsumiert. Das darin gezeigte Bilder aber nicht zufällig durch die Kanäle moderner Medien unser Bewusstsein mit Negativität überfluten, scheint immer zu bedenken zu geben, was vor 80 Jahren in Europa als eine in der Johannes-Offenbarung vorausgesagte Endzeit erfahren worden sein dürfte. Ereignete sich das damals auf materiellem Niveau, scheint nunmehr etwas auf Ebene des Emotionalen eingerissen zu werden, bei den meisten Menschen der Nationen, die teilnehmen an dem, was das Weltwirtschaftsforum die »Vierte industrielle Revolution« nennt.

Wesensglieder des Zweigeteilten

Werfen wir unseren Blick nun aber einmal in die ferne Vergangenheit. Da lesen wir in der Bibel über etwas, dass sich anscheinend, wie schon so häufig, gerade wieder abzuspielen scheint und die Rufe jener laut werden lässt, die auf eine Endzeit warten. So wie die Johannes-Offenbarung, am Ende des Neuen Testaments, nun auf ein Kommen des Antichristen hindeutet, soll diese Wesenheit die Macht auf Erden übernehmen – für gewisse Zeit. Und das auch nur für jene, die überhaupt aller spirituellen Tradition den Rücken gekehrt haben. Es ist eben doch die Tradition, die nicht allein den Sinn des abzählbaren Maßes von Gutem und Schlechtem, von digitaler Eins und Null, sondern sich immer auch der hierarchischen Lage dessen bewusst ist, auf der sich ein Maß vermeintlich bewertbarer Gegensätze bezieht.

Wenn wir zuvor nun aber von Qualität und Quantität sprachen, wieso kommt nun auf einmal die Sprache auf den Antichristen, den Widersacher dessen, den das Neue Testament den Christus nennt? Nun, es soll hierdurch überhaupt einmal deutlich gemacht werden, was sich im Erkennen des Hierarchischen der Qualität, für das Verständnis dessen ergibt, was man »Das Böse« nennt.

Christus und der Antichrist stehen im Verhältnis wie das Licht und der Schatten, wie die Wahrheit zur Unwahrheit, wie der Glanz zur Täuschung und letztendlich das Gute zum Bösen. Das Gute, könnte man sagen, existiert ohne Böses, denn es hat Substanz, während Letzteres substanzlos ist. Es ist – das Böse aber ist nicht. Wenn das Gute als wahrhaftig Besseres existiert, entspricht seine Fehlerhaftigkeit dem Bösen. Alles Gute trägt zur Besserung dessen bei, wovon man Gutes hält, während das Böse zur Schädigung dessen führt. Denn das Böse ist widernatürlich, schwächt und zerstört alles Natürliche.

Wenn aber, wie wir oben sagten, der Schatten als Gegenteil des Lichts angesehen wird, so kommt da aber noch der Faktor der Form ins Spiel, etwas, dass in unserer alltäglichen Welt etwa ein physisches Objekt bildet. Denn würden Licht und Schatten »gleichgültig nebeneinander« existieren, ergäbe sich Form erst durch ihr Zusammenwirken. Doch kann das überhaupt sein?

Fest steht, dass Schatten das Licht voraussetzt. Und so muss es auch eine Form geben, die den Schatten wirft, da sie das Licht verstellt. So wäre der Schatten also eine Abwesenheit des Lichts wegen der Form das es verstellt. Die Art aber, wie der Schatten dem Licht durch die Form gegenübersteht, setzt die Qualität dieser Form voraus: Ist sie perfekt, so ist auch der Schatten perfekt.

Doch all das bleibt zunächst nur philosophisches Beurteilen, das im Angesicht dessen, was etwas in den Konzentrationslagern von einst (und heute), nur wie blanker Hohn klingt, wenn da einer kommt und mit diesem Vergleich von Licht und Schatten behaupte, das Böse sei entsprechend »nur« die Abwesenheit des Guten.

Man sollte sich daher vorsehen, die eigentlichen Ebenen der Hierarchie dieser Gegensätze, auf einen Nenner bringen zu wollen. Eine abstrakte Vorstellung von Gut und Böse aber zu vergleichen mit Licht und Finsternis, wäre philosophisch durchaus denkbar. Doch wer vom Gräuel dessen weiß, was Menschen einander antun können, der wird dem Bösen keine Wesenhaftigkeit absprechen, sondern es als tatsächliche Wirkmacht ansehen, die im Feld des Guten immenses Leid zu verursachen vermag.

Es wäre daher vielleicht angebracht, die Pole von Gutem und Bösem, auf zumindest drei Ebenen im Menschsein, bewussten Hierarchien zuzuordnen, entsprechend Körper, Seele und Geist. Schaute man dabei, metaphorisch gesprochen, vom Geistigen hinab ins Körperliche, so erkannte man da eine Tendenz zu einem Dualismus von Gutem auf der einen und von Bösem auf der anderen Seite. Besonders in der modernen Kultur scheinen nur Extreme ihrer Gültigkeit gerecht zu werden, die sich allein nur zwischen Ja und Nein bewegen, zwischen Zusage und Absage, zwischen Positivem und Negativem, nur damit ihrem Wert gerecht werden. Würde man nun aber vom Körperlichen hinauf in die Geistigkeit schauen, so vielleicht ließe sich doch eine Tendenz eines Monismus des Guten erahnen – wo eben nur das Gute ist und alles was man dort Böse nennt, eben allein jener bereits angedeutete Abwesenheit des Gutem gleichkommt.

Traditionell bedeutet nicht altmodisch

Wenn hier nun die Rede ist von einer Tendenz zum Monismus, meint das gleichzeitig auch den Hinweis auf die Tradition oder Philosophia Perennis – die Ewige Weisheit. Alles was in der Moderne erscheint ist einmalig und, ganz gleich ob von hoher Qualität oder nicht, wohl auch einzigartig. Doch über das, was Tradition bedeutet, scheint man nicht mehr zu wissen, sondern allenfalls mit dem Wort »altmodisch« zu verwechseln. Was wir zuvor als Qualität definierten aber ist als hierarchische, vertikale Dimension, deren Grade sich zwischen Himmel und Erde erstrecken, ganz eng mit dem Traditionsbegriff verbunden.

Entbehrt die Moderne aber der Kenntnis dessen, was Tradition bedeutet, so neigt auch ihre Fähigkeit zum Verständnis dessen, was die ersten und eigentlichen Prinzipien unseres Seins auf Erden bedeuten. Es wäre also falsch anzunehmen, dass es sich hierbei um reine Wissenschaft handelt, sondern eher um das, was man Verstehen nennt. Was im Westen als Lernen und erfolgreiches Leben verstanden wird, ist darum nichts als ein Maß für das Erreichte, das man sich zu eigen gemacht, sich erworben hat – seien es Wissen, Geld oder Güter. Das Element der Qualität dieser Dinge aber scheint nur eine nebensächliche Rolle zu spielen. Denn wenn es um Wissen geht, zählt nur das an Statistiken messbare Quantum an Kompetenz. Kurz: Dem modernen Geist mangelt es an Qualitativem. Masse steht über Klasse, allein Quantität zählt. Und diese Feststellung bezieht sich nicht allein auf den Durchschnittsbürger oder jene, die Qualität allein in Hinsicht auf ein Funktionieren in der mengenproduzierenden Industrie oder in der Datenverarbeitungsbranche bewerten; diese Mentalität findet sich leider auch unter Geisteswissenschaftlern moderner Pädagogik. Doch selbst wenn viele unter jenen sehr viel Wissen angehäuft haben, bedeutet das keineswegs, dass auch ihr Handeln entsprechend bedachter erfolgte oder »weiser« wäre. Einer den man einen »Wissenden« nennt, ist nicht einer der viel weiß. Sein Wissen ist von höchster Güte, das geäußert keiner weiteren Erläuterungen bedarf. Die Wissensgesellschaft aber, in der wir gegenwärtig leben, legt anscheinend mehr Wert auf das Quantum an Wissbarem, dass sich jedoch oft nur aus einer langen Reihe von Informationen zusammensetzt, die ihren Sinn allenfalls in Bezug auf Äußerlichkeiten erfüllen.

Wo ist das Leben, dass wir an unseren Lebensunterhalt verloren haben?
Wo ist die Weisheit, die wir ans Wissen verloren haben?
Wo ist das Wissen, das uns in den Informationen verloren ging?

- Thomas Stearns Eliot (1888-1965)

Diese Tendenz, die Menschen seit der industriellen Revolution entwickelten, beklakte auch der amerikanische Historiker Theodore Roszak (1933-2011), in einem Essay mit dem Titel »Ethik, Ekstase und das Studium der Neuen Religionen«:

Während der vergangenen zwei Jahrhunderte, bot uns eine allgemein weltlich geprägte Meinung, viele verschiedene Lesarten über die Natur des Menschen: Darwinismus, Marxismus, Freudianismus, Behaviourismus (naturwissenschaftliche Verhaltensforschung), Positivismus, Existenzialismus oder Soziobiologie. Da brachte man uns bei, dass wir »nackte Affen« und »Maschinen aus Fleisch« sind, Kreaturen »jenseits aller Freiheit und Würde«, deren Leben gesteuert wird von Neurofeedback oder einem Reflexbogen (der für die Auslösung oder Entstehung von Nervenimpulsen oder Reflexen verantwortlich ist), Interessen der gesellschaftlichen Klasse oder sexuellen Gelüsten, gelenkt durch ökonomischen Egoismus oder genetische Programmierung, durch kulturelle Konditionierung oder historische Notwendigkeit. Ist es aber nicht merkwürdig, wie all diese Bilder dazu bestimmt zu sein scheinen, unsere tiefgehende Intuition zu entwurzeln darüber, was Freiheit und ein höherer Sinn in unserem Leben sein könnten – und wie nichts davon unserer Sehnsucht nach Erfüllung gerecht wird, etwas Höheres im Leben zu erreichen. Niemand wässert da die Samen in uns, die nach Kultivierung verlangen.

Dabei ist Lebensqualität ja die Voraussetzung, für das, was man unter dem traditionellen Kulturbegriff versteht. Nur wird die Sichtweise, dass Qualität eher über Quantität steht, in unserer säkular geprägten Gesellschaft, die vorgeblich ganz ohne religiöse oder traditionelle Spiritualität auskommt, beharrlich abgelehnt. Es wäre aber falsch gegenüber dieser Tatsache Pessimismus walten zu lassen. Denn eine integrale Sicht auf die Welt, ließe sicherlich zu, die traditionellen Vorstellungen des Qualitativen, auch in unserer heutigen Kultur zu integrieren. Voraussetzung dafür aber wäre die Grundprinzipien dessen zu kennen, von wo aus ein qualitativer Standpunkt in der Betrachtung unserer Welt eingenommen werden müsste. Damit sich das aber tatsächlich ereignet, wäre erforderlich, dass sich ein entsprechendes Bewusstsein im Menschen aus der Bildungsschicht im Westen entwickelt, dass den Wunsch auslöst, sich mit solchen uralten Werten und auch Geheimnissen zu befassen – das ja bereits bei all jenen eingesetzt haben dürfte, die zum Beispiel Therapieformen mit ganzheitlichen Ansätzen, als wirksamer erachten, als rein wissenschaftliche Herangehensweisen. Auch wenn es um die Fragen einer nachhaltigen Land-, Garten- und Forstwirtschaft geht, dürfte so ein Umdenken nachhaltigere Tendenzen im Handeln der Menschen hervorbringen.

Es scheint ebenso kein Zufall zu sein, dass sich heute viele Menschen der Moderne, eher nach Fernost richten, wenn es um die Frage der Existenz einer geistigen Welt geht und die damit zusammenhängenden, traditionellen Weltanschauungen, die auch einen direkt praxisbezogenen Anteil besitzen. Doch sollte damit eher kein Ersatz für die Traditionen des Westens geschaffen, sondern in fernöstlicher Weisheit vielmehr Inspirationsquellen recherchiert werden, die sich in ihrer Universalität auch in den alten Traditionen des Westens zu erkennen geben, es sei denn, man ist bereit dazu sie zu entdecken und hat die nötige Selbsterfahrung entwickelt, um sie als solche auch zu erkennen.

 

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Die Bewusstseinsstruktur des Mentalen

Die Bewusstseinsstruktur des Mentalen

Rodin: Denker, Gemälde Munch - ewigeweisheit.de

Visionen erschuf der mythische Mensch, aus seinem von Polarität umfassten Geist. Seine Gehirnaktivitäten beherrschten vornehmlich Bilder bestehender Vorstellungen. Es waren Imaginationen die er aus einem untereinander verflochtenen und miteinander verbundenen, spirituellen Gewebe bildete. Sein Denken prägten also eher Bilder als Worte. Was er erzielen wollte imaginierte er und tat es sogleich.

Auch heute begibt sich ein Mensch durch seine Imagninationsgabe, in diese, manchmal traumartige Vorstellungswelt, wo er das ihn Umgebende, als den anderen Pol seiner Wahrnehmung empfindet. Jeder der schöpferisch oder kreativ tätig ist, wendet diese Fähigkeit an – ganz gleich welcher Tätigkeit er dabei auch nachgeht.

Vor vielleicht 6.000 Jahren entwickelte die Menschheit etwas, dass Jean Gebser »Gerichtetes Denken« nennt. Es ist eine Geistesaktivität die nicht mehr polarbezogen ist, sondern objektbezogen. Das heißt, Gerichtetes Denken kehrt sich vom polaren Bewusstsein ab und richtet sich auf voneinander getrennte Gegensätze, die für sich stehend einer ursprünglich polaren Ergänzung entbehren. Hiermit erhält das Bewusstsein eine Kraft, die ihm von da an aus dem Ich des Einzelnen zufließt.

So auch kam das Ego in die Welt, was einher ging mit einer ganz grundlegenden Veränderung menschlichen Bewusstseins. Denn der Mensch verließ damit den bewahrenden Kreis des Seelischen und begann seine Welt durch Denken zu bewältigen. Was heißt das?

Nun, hierzu ist es sicher hilfreich, wenn wir uns zunächst noch einmal gedanklich zurückbegeben in die mythische Bewusstseinsstruktur. Denn lange vor der Zeitenwende in die mentale Struktur, sollte besonders ein Mythos wichtig werden: Die Sage von der Heirat des griechischen Göttervaters Zeus mit der Metis. Sie war die Tochter der Gottheiten des Meeres und selbst »Göttin des klugen Rats«. Ihr Name galt den griechischen Philosophen auch als Synonym für die Personifikation des »Scharfsinns«, eine Geistesfähigkeit die man ja auch als praktisches Wissen oder reine Vernunft beschreiben könnte.

Aus diesem Mythos aber erfahren wir nun Folgendes: Unter Schmerzen zerbrach sich Zeus den Kopf darüber, ob Metis ihm vielleicht einen mächtigeren Sohn gebären könnte, als ihm wirklich lieb sei. Er fürchtete dass ihm ein Junge vielleicht sogar den Platz als Götterkönig streitig machen könnte. Seine Angst aber schlug um in blinden Zorn und drum verschlang er seine schwangere Geliebte, samt einem in ihrem Leibe wachsenden Mädchen.

Da traten der olympische Götterschmied Hephaistos und der titanische Feuerbringer Prometheus auf. Mit der Axt des himmlischen Fabers, spaltete der Titan Zeus den Kopf, wonach dem klaffenden Götterschädel, mit lautem Kriegsgeheul, eine reife Jungfrau entstieg. In voller Rüstung kam sie zur Welt, ihre goldenen Waffen schwingend: Pallas Athene – Göttin der Weisheit, des Verstandes, der Kriegskunst und des Handwerks.

Dieser Mythos beschreibt den klassischen Anfang von Zivilisation und Städtekultur, die einen gewaltigen Bewusstseinssprung für die Menschheit einleiten sollte, denn die »göttliche Kopfgeburt« Athene »zivilisierte« die Griechen mit der Gründung der nach ihr benannten Stadt Athen.

Nicht aber nur in Griechenland schien sich da etwas zu wandeln. Auch die mosaische Tradition der Juden führte Menschen sprichwörtlich auf neuen Boden. Vom Berge Sinai herabgestiegen, stellte der Prophet Moses diesem neuen, im Menschen erwachten »Ich«, einen zürnenden doch auch verständigen Gott JHVH gegenüber. Hierbei entstand das, was wir heute Monotheismus nennen. Moses führte seine Leute aus dem Land der Ägypter, die er mit JHVHs Zorn durch Plagen und Seuchen schlug. Über die Halbinsel Sinai kam das Volk Israel schließlich ins gelobte Land, wo die Juden ihre erste Stadt erbauten: Jerusalem.

Diese scheinbar widersprüchlichen Gegensätze von Zorn und Verstand, die sowohl Zeus, Athene oder dem jüdischen JHVH zu eigen sind, eint das lateinische »mens«: ein Wort mit weitem Bedeutungsspielraum, der neben den Begriffen »Absicht«, »Mut«, »Gedanke«, »Vorstellung« oder »Sinnesart«, eben genau diese Wörter »Zorn« wie auch »Verstand« umfasst. Geht man dem indoeuropäischen Ursprung des Wortes »mens« nach, begegnet man auch dem »manas« des Sanskrit, das in sich ebenso diese Doppelbedeutung von Verstand und Zorn eint.

Krieg der Gegensätze

In den Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung nun, entstanden sowohl im Abendland wie auch im Morgenland, zwei epische Dichtungen, die »heilige Kampfhandlungen« beschreiben: der Grieche Homer schilderte da in seiner Illias den Trojanischen Krieg, während man aus der Bhagavad Gita der Inder, ebenso von einem großen, heiligen Krieg erfährt. Beide Dichtungen sollten sowohl in West und Ost ganz maßgeblich die Kulturgeschichte beeinflussen.

Hieraus ergibt sich das, was man vielleicht als die Geburt des Dualismus bezeichnen könnte: Zwei verfeindete Lager kämpfen gegeneinander, wo jeweils die einen die Guten und die anderen die Bösen sind. Es war das auch die Zeit wo in Persien der Prophet Zarathustra (um 600 v. Chr.) auftrat, um zu künden vom ewigen Streit der Mächte des Guten und des Bösen. Ein Gott der Weisheit stritt da mit einem Teufel der Zerstörung: der hell strahlende Ahura Mazda trat an gegen den finsteren Ahriman – zwei Namen allerdings die eine etymologisch gemeinsame Wurzel vermuten lassen.

Vor dieser Zeit der dualistischen Trennung des Polaren waren die Glieder der wahrgenommenen Welt eben noch untereinander verbunden, entsprachen einander. Was Polarität im Gegensatz zum Dualismus bedeutet, wird anschaulich in der Betrachtung der Pole unserer Erde. Ihr Vorhandensein nämlich ergibt sich aus der Rotationsachse unseres Planeten, über die sie ja ganz konkret miteinander verbunden sind.

Diese zwei Pole sind eben auch ein Hinweis auf jene Bewegungsform des Kreises (der Signatur der mythischen Struktur), wobei ja die Herkunft des Wortes »Pol« auf das griechische »pólos« zurückgeht, das »drehen« bedeutet – was ja eben die Bewegung der Erdachse ist.

Während jedoch das Bewusstsein der Menschheit mit dem Übergang in die mentale Struktur mutierte, wies ihr oben angedeutetes »Gerichtetsein« beispielsweise nur noch auf die Himmelsrichtungen an sich. Das heißt: man abstrahierte Norden und Süden beziehungsweise Osten und Westen, die damit sinngemäß für sich selbst stehend wurden und man sie nicht mehr primär als wechselseitige Entsprechungen empfand. Was zuvor die gegenseitige Entsprechung polarer Gegensätze war, war von da an aufgehoben.

Dieses einschneidende Ereignis, das sich in der Menschheitsgeschichte als Aufspaltung in den Dualismus äußerte, brachte nun das Prinzip der Mittlertätigkeit ins Spiel. Es bedurfte von da an eines einigenden, versöhnenden Elements, was am deutlichsten jene »Herabgestiegenen« oder »Menschensöhne« verkörpern sollten. Ihr Erscheinen in der Geschichte der Menschheit, als Mittler zwischen Mensch und Gott, zwischen Himmel und Erde, erweiterte die Dualität um ein anscheinend notwendiges Element, was in die göttliche Dreieinigkeit führte – die Trinität.

Ihr begegnen wir auch in der Trimurti des Hinduismus, die für die Vereinigung der drei kosmischen Funktionen von Erschaffung, Erhaltung und Umformung steht: als Brahma, Vishnu und Shiva. Dem Erhalter Vishnu aber kommt dabei jene Mittlertätigkeit zwischen Göttlich-Himmlischem und Irdisch-Menschlichem zu, wo er in seinen zehn Inkarnationen, den Avataras (Herabgestiegene), als Menschheitslehrer auf Erden erscheint – darunter etwa als Krishna oder Buddha, oder als Kalki-Avatar am Ende unseres gegenwärtigen Zeitalters, das die Inder das Kali-Yuga nennen: das »Zeitalter des Streits«.

Platon und Aristoteles - ewigeweisheit.de

Bildausschnitt des Gemäldes von Raphael (1483–1520): Die Schule von Athen. In der Mitte die Philosophen Platon (links) und Aristoteles (rechts).

Die Geburt des Materialismus

Ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. trat die Menschheit aus der bergenden Welt der dunklen Höhlen in die Wachheit des Tages von Himmel und Licht. Wohl kaum ein Zufall wenn damals auch Platon sein Höhlengleichnis formulierte. Darin nämlich geht es um jene »Zurückgebliebenen«, die die Schatten des Lichts auf den Höhlenwänden für die eigentliche Wirklichkeit hielten. Einem von ihnen aber gelang die Höhle verlassend, sich hinaus ins Licht des Tages zu begeben. Dort oben wurde er der Sonne gewahr. Ihr Licht aber blendete ihn. So eigentlich blieb es aber doch nur ein Sehen von Schattierungen, selbst wenn man seit damals in Europa begann, die Sonne zum Symbol einer ultimativen Wirklichkeit zu erheben.

Es war das eben die Zeit in der man zu unterscheiden begann zwischen einer dunklen Unterwelt ewiger Nacht und einer tageshellen, von der Sonne erleuchteten himmlischen Welt. Dazwischen aber befand sich der Mensch in gespanntem Empfinden dieser Gegensätze.

Was wir mit der Spaltung des Seins und der Trennung der Pole andeuteten, sollte sich damit auch tatsächlich auf die menschliche Wahrnehmung der Welt übertragen. Das wird anschaulich wenn man die indoeuropäische Wortwurzel »me« oder »ma« genauer ansieht. Aus ihr nämlich leiten sich Bedeutungen ab, die sich beiderseits auf Irdisch-Unterweltliches, wie auch auf Geistig-Himmlisches übertragen lassen. Das heißt: Was in der archaischen, der magischen und mythischen Bewusstseinsstruktur noch verbunden war (wie zum Beispiel in der Einheit von Erde und Himmel), sollte die mentale Ebene nun von einander (anscheinend) für immer trennen.

Schon das Wort »mental« ist ja mit dieser Wurzel »me« (oder »ma«) verbunden und es lässt sich hieraus eine gesamte Familie weiterer Bedeutungen ableiten, die charakteristisch sind für den Wechsel von der mythischen, in eben jene der mentalen Bewusstseinsstruktur. Erinnern wir uns hier auch noch einmal an Metis, deren Name sich ja ebenso aus der Wortwurzel »me« ableitet.

Neben dem im Sanskrit bereits erwähnt auftauchenden »Manas«, dem Verstand, lässt sich aus der Wurzelsilbe »ma«, wiederum die Silbe »mat« ableiten. Aus ihr entsteht das Sanskrit-Wort »Matar«, die Mutter, das sich seinem indoeuropäischem Ursprung nach auf die griechischen Wörter »Mater«, die Mutter, und »Materie« übertragen lässt, worauf sich zum Beispiel auch »Metrum« und damit das »Maß« des »Meters« belaufen, sowie auch alles was eben als »Materialismus« einer vollständig ausgemessenen, von menschlichem Geist bestimmten Welt entstand.

Der griechische Philosoph Pythagoras (570-510 v. Chr.) war der erste »Vermesser des Abendlandes«. Er erfand die Verhältnisse im Dreieck, bewiesen in seinem berühmten mathematischen Satz. Er auch stellte eine Verbindung zwischen den Tönen her (mit dem von ihm erfundenen, einsaitigen Monochord), die während der magischen Bewusstseinsstruktur noch in den wohl überwirklich klingenden Gesängen ertönten, und dem was in dieser Zeit der mentalen Bewusstseinsstruktur, durch die Zahlen sichtbar und messbar gemacht werden sollte. Das war der Ursprung der Harmonik und eigentlich der Anfang aller Wissenschaft.

Die Zahl ist das Wesen aller Dinge

- Ausspruch des Pythagoras

Mit dem direkten Erfahren der magischen und mythischen Struktur schien seitdem ein Wille zur Abstraktion zu rivalisieren. Und dieses Abstrahieren begann durch die Erfindung der Zahlen als Ziffern. Nur wenig früher entstanden im alten Griechenland die Münzen als »Zahlungs«-Mittel.

Jenes oben bereits beschriebene lateinische »mens«, das etymologisch verwandt ist mit dem englischen »mind« (Denken, Vernunft, Erinnerung), sollte zum Wort für den intellektuellen Menschen werden, für den Menschen als Denker, in diesem Übergang aus der mythischen Bewusstseinsstruktur in die mentale.

Kehren wir aber erneut zurück zur Symbolik der Athene-Geburt. Wie der Mythos besagt, spaltete Prometheus mit der Axt des Hephaistos dem höchsten Gott Zeus den Schädel. Er aber sollte den Menschen auch das Feuer bringen. Ein anderer Mythos fügt dem hinzu, dass jener Himmelsschmied Hephaistos aus Lehm eine Frau schuf und ihr Leben einhauchte: Pandora – ein Wesen das über alle Gaben verfügte (pan »alles«, doron »Gabe«). Gewiss erinnert einen das an die Erschaffung des Menschen, wie durch den Demiurgen der Gnostiker oder die Elohim der biblischen Genesis, wo ja ebenso einem aus Lehm geschaffen Wesen Leben eingehaucht wurde.

Prometheus nun brachte den Menschen zwar das Feuer, damit er hiermit Metalle schmelze, sie in Formen gieße und daraus Werkzeuge schmiede; doch als Zeus die Pandora zu ihnen sandte, und sie unter ihnen ihre sprichwörtliche Büchse öffnete, ergoss sich alles Übel über die Menschheit, vor allem Seuchen und Krankheit.

Zeus fürchtete eben den feuerbesitzenden Menschen und ließ es nur daher dazu kommen. Die Pandora war anscheinend, so wie auch das biblische Paar Edens, ein dem bisher lebenden, sogenannten »primitiven Menschen« angeblich überlegenes Wesen. Was Pandora in ihrer Unheil versprühenden Büchse jedoch zurückhielt war die Hoffnung: das Gegenteil der Angst. Denn Angst und Hoffnung waren in der Wirklichkeit des mythischen Bewusstseins einfach die beiden, sich entsprechenden Pole dessen, was in der Zeit des magischen Bewusstseins noch ein und das Selbe war.

Nun lassen sich aus diesem Ausschnitt der griechischen Mythologie, gewiss eine Vielzahl an Parallelen zur semitischen Tradition (wie etwa in den Erzählungen über die Nachfahren Kains) finden, doch wie es scheint auch zu all dem, was mit der dereinst entstandenen Zivilisation der Menschheit einher gehen sollte. Es war der Anfang des sogenannten »Eisernen Zeitalters«, der Periode in der Geschichte der Menschheit, die im Hinduismus als das »Dunkle Zeitalter«, als das bereits oben besprochene »Kali-Yuga« bezeichnet wird.

Recht-Sprechung und Isolation

Die Verfestigung der mentalen Bewusstseinsstruktur im Abendland, erfolgte praktisch in zwei Schritten: Zum einen kam es in den 200 Jahren zwischen 550-350 v. Chr. zu einer Wende mit dem Wirken von Pythagoras, Parmenides, Sokrates, Platon und Aristoteles. Doch auch im ebenso langen Zeitraum zwischen 1.300 und 1.500 n. Chr. sollten etwa ein Dante Alighieri oder ein Leonardo da Vinci die Kulturentwicklung des Abendlandes ganz maßgeblich beeinflussen.

Es scheint als wären in diesen beiden Wendezeiten die Kernmerkmale der mentalen Struktur ganz deutlich geworden. Was wir zuvor als jene Gerichtetheit in der Raumzeit andeuteten, sollte da zu einem Nachrichten oder Ausrichten an vorgegebenem Gesetz werden, von etwas Beschlossenem also, was sich folge-richtig im selben Bedeutungshorizont bewegt wie die Wörter »Gericht« und »Recht«. Auch das »Rechte«, die Seite »rechts«, muss in diesem Zusammenhang mit angeführt werden.

Seit Pythagoras kamen auch besondere »Rechtsvorschriften« zum Ausdruck, der seinen Schülern vorgab stets auf der rechten Seite in ein Heiligtum einzutreten und etwa immer den rechten Schuh zuerst anzuziehen. Solch rechtes Handeln schien sich bis heute allgemein in der eher verbreiteten Rechtshändigkeit erhalten zu haben (in der Rechten das Wahre, in der Linken das Falsche).

Die römische Rechtslehre schließlich sollte das festigen, was man das »Ich-Bewusstsein« nennt. Im römischen Zwölftafelgesetz aus dem 5. Jahrhundert n. Chr., legte man die Rechte und Pflichten des Einzelnen im Staat fest.

Im 14. Jahrhundert nahm Römisches Recht dann entscheidenden Einfluss auf die Rechtsprechung Mitteleuropas, da im Mittelalter, in manchen Staaten dieser Region, kein einheitliches Rechtssystem bestand.

Jene zwölf römischen Tafeln aber erinnern gewiss an jene Mittlerfunktion von der bereits die Rede war. Sie waren für jeden sichtbar ausgestellt, auf dem Forum Romanum, dem Mittelpunkt des politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und religiösen Lebens in Rom.

Solch Mittlerfunktion sollten auch die Gesetzestafeln mit den zehn Geboten, sowie später die jüdische Tora einnehmen. Moses überbrachte dem Volk Israel die beiden Gesetzestafeln, als er vom Berge Sinai zu ihnen hinabstieg. Was aber sowohl in der angeführten, alten römischen Gesetzgebung auch für die jüdische galt, war die Abstraktion dessen was als allgemein strukturiertes Gesetz einem Volk gegeben wurde, zur Angleichung an eine weit höhere, übergeordnete Instanz.

Wenn Moses als Mittler, die später im Salomonischen Tempel aufbewahrten Gebotstafeln, dem Volke Israel (auf Erden) vom Gipfel des Berges Sinai (vom Himmel), von Gott empfangen überbrachte, kommt da eben wieder die zuvor angedeutete dritte Dimension der mentalen Bewusstseinsstruktur zum Vorschein.

Hatten wir nun der magischen Struktur als Signatur den Punkt zugeordnet […], hatten wir der mythischen Struktur den Kreis zugeordnet […], so ist es nur folgerichtig, wenn wir der dreidimensionalen Struktur das Dreieck als Signatur zuordnen […] Dabei steht die Basis des Dreiecks mit ihren beiden gegensätzlichen Punkten für das duale Gegensatzpaar, das in der Spitze geeint wird.

- Aus Jean Gebsers Buch »Ursprung und Gegenwart«, Kapitel »Die mentale Struktur«

Das Dreieck als Signatur der dritten Dimension, wurde immer auch als Richtungsweiser verwendet, was uns eben wieder zurückführt auf das »Gerichtete Denken« der mentalen Struktur und eben auf jene Rechtsprechung, sowohl im römischen Reich wie auch andererseits für die Israeliten. Es war das die Zeit, als man zur optischen Perspektive fand, die sich ja eben genau aus der Dreiheit der »Trigonometrie« entwickelte.

Schon sehr viel früher aber, am Ende der Zeit des mythischen Bewusstseins, brach etwas auf, wurde gespalten, das erst durch Gesetze (juristisch, politisch, religiös) wieder gerichtet beziehungsweise berichtigt werden sollte.

Mit dem gerichteten Denken ging eine allmähliche Quantifizierung der Welt einher, samt aller bewusst gewordenen Dinge der darin lebenden Menschen. Als bestes Beispiel ließe sich da etwa der in der ersten Wendephase zur mentalen Bewusstseinsstruktur lebende Philosoph Demokrit anführen, der im 5. Jahrhundert v. Chr. die Vorstellung vom Atom entwickelte. Das bedeutete eine bis zu diesem Zeitpunkt nicht dagewesene Fragmentierung der Anschauung der materiellen Welt.

Alles was den oben erwähnten zwei Mutationsphasen der mentalen Struktur, mit dem Beginn der Neuzeit folgen sollte, war eine noch drastischere Fragmentierung der Wirklichkeit. Eine wissenschaftliche oder ökonomische Philosophie, sollte sich im Abendland aller möglichen Mittel zur Erreichung ihrer Zwecke bedienen. Da Vinci exhumierte Leichname, um ihre toten Leiber aufzuschneiden und so ihre organische und skeletthafte Struktur zu untersuchen, was spätestens für die spätere Chirurgie von Belang geworden sein durfte.

Seit der Renaissance begannen aber die negativen Aspekte der mentalen Bewusstseinsstruktur, immer mehr in ihrer zunehmenden Oberflächlichkeit zum Vorschein zu kommen. Sobald das Mentale in Form des Rationalen aber maßlos wurde und sich dabei richtungslos ausbreitete, erlangte das was man als »negativen Aspekt der Psyche« bezeichnen könnte, die Herrschaft über die Vernunft. Und eben das sollte den einst noch mentalen, fließenden Dualismus, in eine ganz kompromisslos getrennte Zweiheit überführen. Damit ist gemeint, was nicht mehr auf einer einstigen Ermittlung des aus einer Logik entstandenen Wahren basiert, sondern auf Rhetorik und einer damit einhergehenden Kunst des Überzeugens. Es schien da ein reines Argumentieren die einfache Fähigkeit zur Erkenntnis übertrumpfen zu wollen.

In den fünf Jahrhunderten nach der Renaissance begannen sich die Menschen eben einfach selbst immer wichtiger zu nehmen. Was sich seit dieser Zeit, aus ihrem Ich zu einer Person, eben einer »persona«, wörtlich also einer »Maskierung« des Seelischen, verhärtete, führte zu all dem was sich in den Kulturen des Abendlandes in der Verwissenschaftlichung der Welt äußern sollte. Das ging einher mit der damals einsetzenden Überheblichkeit eines Fremdartigkeit aufbürdenden Kolonialismus.

Wo man nichts mehr zu vermessen fand, da wollte man noch weiter in die Ferne vordringen, um dabei andere Länder und Kontinente als neuen Lebensraum zu erobern.

In dem Moment, da das Maßvolle vom Maßlosen der Ratio abgelöst wurde […] begann sich die Abstraktion in ihre äußerste Manifestationsform zu wandeln, die durchaus mit dem Begriff der Isolation beschrieben werden darf

- Aus Jean Gebsers Buch »Ursprung und Gegenwart«, Kapitel »Die mentale Struktur«

Und mit dieser Isolation scheint in unseren Tagen etwas immer weiter auszuarten, das mit einer zusätzlichen Rationalisierung, einer Abstraktion und letztendlichen Technisierung all unserer Lebensbereiche in Erscheinung treten wird.

Im Sinne einer übermäßig verstandesbetonten Rationalisierung seines Lebens, die man heute als Optimierung rechtfertigt, isoliert sich der Mensch zunehmend. Und diese Isolation geht keineswegs mit irgend geartetem Schutz einher, wird die Verbindung des Menschen mit seiner Außenwelt doch durch allerhand Hightech, nur immer mehr geteilt und weiter aufgespalten.

Das heißt, dass sich jene oben angedeutete mythische Axt des Hephaistos, sich heute anscheinend in unzählige moderne Technologien differenziert hat. Sie allerdings erschaffen, allegorisch gesprochen, den in winzige Teilstücke fragmentierten Gitterrost einer Gefängniszelle, worin sich der wahre Mensch zunehmender Bedrängnis ausgesetzt fühlt. Gemäß seiner Veranlagung aber, sich wegen Sinnesreizen dem Außen gegenüber zu öffnen, verschafft er indessen immer mehr Beklemmendem Zugang zu seinem Inneren.

So ist der Mensch nicht mehr aus sich selber heraus Mensch, sondern folgt abhängig, ist gezwungen sich gegebenen Bedingungen anzupassen – seien es neue Gesetze, neue Moden oder neue Technologien. Doch wohin soll das führen?