George Gurdjieff

Das Selbst und die geheimen Zeichen des Glücks

Das Selbst und die geheimen Zeichen des Glücks

Schlüssel jeder spirituellen Fortentwicklung ist persönliches Gewahrsein. Das heißt, wer seine Achtsamkeit steigert, erweitert dabei den Raum seiner bewussten Wahrnehmung. Und so wie sich das Bewusstsein damit vergrößern und entfalten lässt, wird es auch befähigt, sich allmählich zu erheben, hinweg über die vielen Ebenen der Wahrnehmung.

Solch erweiterte Bewusstheit eröffnet einem Menschen Möglichkeiten in der Welt, die über die im Alltag angeeigneten Fähigkeiten hinausgehen. So jemand erkennt dann seine Lebenswelt als großes Ganzes, was ihn ermächtigt die Begrenzungen seiner Persönlichkeit allmählich abzulegen und sich, seiner Berufung gemäß, frei in seinem Leben zu bewegen.

Unsere Persönlichkeit: Eine Maske unseres wahren Selbst

Als Kinder entwickelten wir das, was man das Ego, das Ich oder das beobachtende Selbst nennt. Es ist die physische Bewusstseinsebene des Menschen, mit der sich seine Wahrnehmung zunächst vertraut macht – mit dem Körper und seinen Sinnesorganen als solche – wie auch mit dem, was er über eine Sinne im Außen wahrnimmt.

Die meisten Menschen identifzieren sich mit diesen sinnlichen Fähigkeiten, ahnen aber nur selten, dass es eine höhere Wahrnehmung gibt, die man als Mensch entwickeln kann. Ihr beobachtendes Selbst bleibt damit aber gebunden, an die Körperfunktion des physischen Leibs.

Wer nun erkennt, dass das beobachtende Selbst zu viel mehr befähigt ist, könnte damit beginnen, allmählich jene Beschränkungen zu beseitigen, die sich ihm auf dem Weg zu einer höheren Bewusstheit in den Weg stellen. All die Äußerlichkeiten im Leben an denen wir hängen, sie bilden die Barrieren auf diesem Weg. Wer aber gelernt hat zu verzichten, wird sich auch leichter über höhere Hürden hinwegsetzen können, die ihn sonst an seinem Fortkommen gehindert hätten.

Das Spiegelbild

In Wirklichkeit ist das, was wir als unsere Persönlichkeit im Spiegelbild sehen, und das was wir unser Selbst nennen, nicht das Selbe. Eher gleicht die Persönlichkeit einer Maske hinter der sich unser wahres Selbst verbirgt, eine seelische Entität, die Namen, Geburtsort und Geburtsdatum bezeichnen, damit sie ihre Rolle in der Welt spielen kann. Nur wenige aber ahnen, welche Rolle auf der Bühne ihres Lebens sie eigentlich spielen sollten. Metaphorisch gesprochen: Häufig gibt man sich in dieser Rolle nicht wirklich zum Besten, sondern hüllt sich in etwas, das einem gar nicht entspricht oder übernimmt sogar die Rolle eines anderen Menschen. Manchen aber wird das irgendwann zur Last, selbst wenn sie den Grund dieser Bürde keineswegs kennen.

Die Darsteller im antiken griechischen Theater benutzten in ihren Rollen Masken, um ihrem Schauspiel einen besonderen Ausdruck zu verleihen: Sie nannten sie die »Persona« – der Ursprung der deutschen Wörter Person, Persönlichkeit, Personifikation, Personal, usw.

Der Schweizer Psychologe Carl Gustav Jung (1875-1961) übertrug diesen Begriff auf die menschliche Psychologie und schrieb über die Persona:

(Sie) ist aber, wie ihr Name sagt, nur eine Maske der Kollektivpsyche, eine Maske, die Individualität vortäuscht, die andere und einen selber glauben macht, man sei individuell, während es doch nur eine gespielte Rolle ist, in der die Kollektivpsyche spricht. [...] Sie ist ein Kompromiss zwischen Individuum und Gesellschaft über das, als was einer erscheint.

Es wäre also einen Versuch wert, sich zu erheben, über die Identifikation mit dieser Maske unserer Persönlichkeit. Nur so nämlich, ließe sich eine Verbindung zu dem herstellen, was man in der Esoterik das »Höhere Selbst« nennt.

Sich über Beschränkungen erheben

Der erste Schritt dazu, wäre sich zuerst einmal bewusst zu machen, dass sich die Persona zusammenfügt, aus unserer äußeren Erscheinung, unserem Namen, unserem Geburtsort, unserem Geburtsdatum und unserer persönlichen Geschichte – kurz: als das, als was wir auch allen anderen erscheinen können. Dessen bewusst, kann man dann ein höheres Selbst voraussetzen, dass, in dieses existenzielle Konglomerat eingefügt, existiert.

Als Nächstes gilt es zu versuchen, wie von einer höheren Warte aus betrachtet, die eigentliche Persönlichkeit in ihrem Handeln zu beobachten. Doch nur beobachten und nicht beurteilen! Dann nämlich kann sich das beobachtende Selbst auf ein höheres Niveau als die Persönlichkeit begeben, da es sich zu lösen beginnt aus allem Gut und Schlecht, aus den Verstrickungen in vergangene Erinnerungen, aus Befürchtungen vor Zukünftigem, aus den Verhaftungen mit einem Ich oder einer Abgren- zung zum Du. Zusammengefasst könnte man sagen, dass ein so bewusst gewordenes Selbst, sich letztendlich ja über seine Todesangst erhoben hat, um sich dem Wesen seines Seelenkerns zu nähern.

Ein Beispiel: Sie machen einen kleinen Spaziergang und stellen sich dabei vor, wie ihr Höheres Selbst ihren Körper »ausführt«, statt sich mit dem laufenden Leib zu identifizieren. Ihr physischer Körper ist (nur) das Fahrzeug, das ihr Höheres Selbst steuert. Es gehört nicht zu ihrem Körper, sondern der Körper ist Besitz des höheren, beobachtenden Selbst, ist sein Diener. Das bedeutet, dass man nach und nach lernt, das beobachtende Selbst, nicht mehr mit dem sich abgefundenen Ich des Körperlichen zu identifizieren. Eher geht es in der Entfaltung eines höheren Bewusstseins darum, allmählich von Stufe zu Stufe immer weiter zu wachsen – vorausgesetzt, man löst sich von äußeren Dingen und von der Angst vor dem Tod.

Wir haben Gedanken, doch wir sind nicht unsere Gedanken

Der englische Religionsphilosoph Alan Watts (1915-1973) schrieb über diesen Aufstieg des beobachtenden Selbst Folgendes:

Es ist sowohl die Fähigkeit unser normales Alltagsbewusstsein zu bewahren, als es dabei auch gleichzeitig loszulassen. Sprich, man beginnt, ganz unbefangen, den Gedankenfluss im Auge zu behalten, all die Eindrücke, Gefühle und Erfahrungen geistig zu erfassen, die unentwegt unser Bewusstsein zu durchströmen versuchen. Statt aber die Gedanken zu kontrollieren und in den Gedankenstrom einzugreifen, lässt man sie so fließen, wie es einem gefällt. Normalerweise wird das Bewusstsein von diesem Gedankenstrom mitgerissen. Darum wäre es wichtig zu lernen, über diesen Gedankenstrom zu wachen, ohne dass er das Bewusstsein erfasst.

Vier Ebenen des Bewusstseins

Um die Wende zum 20. Jahrhundert begründete der griechisch-armenische Esoteriker und Abenteurer Georges I. Gurdjieff (1866-1949) ein spirituelles System, das Menschen helfen sollte eine »innere Evolution« anzustoßen. Gurdjieff sprach hier von einem »Vierten Weg« der einem Menschen helfen sollte diese innere Entwicklung des Bewusstseins anzustoßen. Dabei ging es ihm um vier Bewusstseinszustände:

  1. Der niedrigste Zustand dieser vier Entwicklungsstufen war für Gurdjieff der Schlaf.
  2. Den normalen Wachzustand, von dem die meisten Menschen glauben, er sei freies Bewusstsein, war für Gurdjie nichts weiter, als nur ein anderer Zustand des Schlafs. Denn was einen da wach hält, sind die in der Tiefe der menschlichen Psyche brausende Leidenschaften, vielleicht etwa mit dem vergleichbar, was der österreichische Psychologe Sigmund Freud (1856-1939) als das »Es« bezeichnete.
  3. Manche Menschen aber sind fähig, wahre Bewusstheit zu erfahren. Doch meist nur in kurzen Augenblicken. Das passiert wenn die verkrusteten Schichten der Persona (Maske der Persönlichkeit), an manchen Stellen abzuplatzen beginnen. In diesem Zustand erfährt man eine Art Erinnerung an das, was man das »Wahre Selbst« nennen könnte. Doch damit gehen auch Gefahren einher, da nicht jeder diesem »erwachten Gewahrsein« gewachsen ist.
  4. Der höchste Zustand ist vollkommene Erleuchtung, wo der »Erwachte« sich und die Dinge so sieht, wie sie tatsächlich sind. Es ist, was die Buddhisten den Samadhi-Zustand nennen, wo das beobachtende Selbst mit dem Atman, dem jedem Menschen innewohnenden göttlichen Funken, vereint wahrnimmt. Jeder Wunsch über Dinge oder andere Personen zu Urteilen verschwindet damit und wird überflüssig.

Um diese letzte Stufe zu erreichen, müsste ein Übender, so Gurdjieff, zuerst ein Bewusstsein in der 3. Stufe entwickeln. Das ist sicherlich ein längerer Weg. Denn man muss sich mit den Bewusstseinskräften, die in diesem Zustand wirken, erst vertraut machen, da sie zum »normalen Wachzustand« der 2. Stufe, eigentlich keine direkte Verbindung haben. Menschen die entweder sehr sensibel sind oder zu eifrig versuchen sich auf diese Stufe zu erheben, laufen durchaus Gefahr den Verstand zu verlieren.

Befreiung des Emotionskörpers

Fest steht, dass die meisten Menschen auf unserem Planeten, da sie vielleicht auch nie von diesen höheren Zuständen des Bewusstseins hörten, nur ganz gelegentlich, vielleicht in besonders schwierigen Lebenssituationen, eine solche höhere Bewusstheit plötzlich in sich aufsteigen fühlen.

Wer sein beobachtendes Bewusstsein diszipliniert, wird allmählich dazu befähigt, seine Gefühle zu kontrollieren und sich dabei eines feinstofflichen Leibes bewusst zu werden, der sich aus seinen Emotionen und Empfindungen zusammensetzt. Das ist der Emotionskörper.

Selbstbetrachtung ist ein sehr geeignetes Werkzeug, sich seine höheren Daseinsformen bewusst zu machen und die inneren und äußeren Muster zu erkennen, die einen Menschen seinem wirklichen Daseinsgrund näher bringen.

Darum geht es: Die Erfüllung unseres wahren Seins auf diesem Planeten zu verwirklichen. Wenn nicht in dieser, dann vielleicht in unserer kommenden Inkarnation – wo und was immer das sein wird.

Wichtigste Voraussetzung aber, um solch höheres Gewahrsein überhaupt zu erlangen, sind eine positive Lebenseinstellung und die Fähigkeit Mitgefühl zu entwickeln, für alles Leben in dieser Welt. Dabei ist es wichtig immer wenn man wütend über etwas ist, sich nicht mit den dabei aufsteigenden, negativen Emotionen zu identifizieren, noch sich von ihnen mitreißen zu lassen. Die Kunst ist es, solche Gefühlsbewegungen von einer anderen Warte aus zu beobachten. So kann es sogar gelingen sich von solchen Emotionen zu lösen und sie nicht weiter anzufeuern, noch bevor sie überhandnehmen.

Ärger, Sorgen, Hass und Wut entstehen aus den Problemen der Persönlichkeit eines Menschen. Sie als solche zu entlarven heißt, sich seinen Emotionskörper bewusst zu machen, ihn mit Hilfe des beobachtenden Selbst zu erkennen, doch sich nicht mit ihm zu identifizieren. Wem das gelingt, der kann Negativität durch selbst erzeugte Hochgefühle ausgleichen, innere Blockaden überwinden und sich dabei über bisher unbewusste Schranken erheben. Er befähigt sich damit, seinen Emotionskörper in Balance zu bringen und so auch zu heilen. Wie von selbst wird er damit die inneren und äußeren Widersacher seiner Persönlichkeit bezwingen und für mehr Glücksempfinden in seinem Leben sorgen.

Immer also wenn einen belastende Empfindungen und negative Gefühle plagen, kann man sich sagen:

Ich empfinde diese Emotionen, doch ich bin mehr als meine Emotionen: Ich bin grenzenloses Bewusstsein, ewig und frei.

 

Gurdjieff und das spirituelle System des Vierten Weges

von S. Levent Oezkan

George Gurdjieff - ewigeweisheit.de

Für den armenisch-griechischen Esoteriker George I. Gurdjieff lebten die meisten Menschen ohne voll entwickeltes Bewusstsein. Einheit in Denken, Fühlen und Körperlichkeit entsteht im Menschen nur, so Gurdjieff, wenn er aus seiner alltäglichen Hypnose erwacht. Was man unter normalem Wachzustand versteht, war für Gurdjieff nur eine andere Form des Schlafs, den die Illusion des Denkens aber für ein Wachsein hält.

Jedem Menschen steht aber zu sein wesentliches Potential voll zu entfalten und dadurch aus seinem allgemeinen Schlafzustand zu erwachen. Hierfür entwickelte Gurdjieff eine Methode, mit dem einfachen Namen "Die Arbeit", wo das Bewusstsein des Übenden zu voller Entfaltung kommt. Hierzu begibt er sich auf vier Wege: den Weg des Fakir, des Mönchs, des Yogis - die alle samt in den sogenannten "Vierten Weg" münden.

George I. Gurdjieff kam wahrscheinlich im Jahre 1866 zur Welt, in Alexandropol, im Russischen Kaiserreich. Sein Vater Ioannis Georgiadis war ein wohlhabender Viehhirte griechischer Abstammung, seine Mutter Evdokia, war Armenierin. Schon früh begann der junge Gurdjieff sich zu beschäftigen mit alten spirituellen Traditionen und Fragen über das Wesen menschlichen Bewusstseins. Bestimmt war das auch der Tatsache geschuldet, dass er in einer Region aufwuchs, wo viele verschiedene Ethnien und Konfessionen zusammenlebten. Seine Kindheit verbrachte Gurdjieff in Kars, damals eine von Russen verwaltete Stadt im Transkaukasus - heute eine Provinz der nördlichen Ost-Türkei. Damals lebten dort Armenier, Russen, kaukasische Griechen, Georgier, Türken, Kurden, kaukasische Deutsche und Estonier. Schon früh sprach George Gurdjieff darum Armenisch, Türkisch, Griechisch und Russisch. 

Sicher war Gurdjieffs Interesse für Mystik und spirituelle Traditionen auch von seinem Vater beeinflusst, der selbst ein Aschok (türkisch: Aşık) war - ein Barde, Geschichtenerzähler und Volksliedsänger. Ein naher Freund seines Vaters, Pater Borsh, war Dekan der russisch-orthodoxen Kirche. Er sollte Gurdjieffs erster spiritueller Lehrer werden.

Gurdjieff beschäftigte sich intensiv mit wissenschaftlicher Literatur, wurde aber auch Zeuge verschiedener, nicht-erklärbarer Phänomene, als er in Kontakt kam mit anderen Religionen, wie etwa der der Jesiden. Aus seinen Erfahrungen schloss er, dass hinter dem Vorhang moderner Wissenschaft und regulärer Kirchentradition, eine Geheimtradition verborgener Wahrheiten existiert. Danach wollte er forschen - als Sucher der Wahrheit.

Die geheimnisvolle Bruderschaft der Sarmoung

Als junger Mann unternahm Gurdjieff verschiedene Reisen. Da kam er nach Ägypten, in den Iran, nach Zentralasien, Tibet und Indien. Von wem er die dabei erlernten Weisheiten tatsächlich erfuhr, darüber schwieg Gurdjieff. Einzige Quelle in der auch Namen genannt werden, ist Gurdjieffs Buch "Meetings with Remarkable Men" ("Zusammenkünfte mit bemerkenswerten Menschen"), das zuerst 1963 in englischer Übersetzung erschien.

Auch wenn in diesem Buch, Namen genannt werden, kann dennoch nicht sicher gesagt werden, ob die damit erwähnten Personen auch tatsächlich existierten. Wichtigste Legende in diesem Buch ist wohl das Kloster der Sarmoung, nach dem Gurdjieff in Zentralasien suchte und dort auch die Grundlagen für sein zukünftiges Lehrsystem fand.

Laut Gurdjieffs Bericht lebten die Sarmoung als eine Bruderschaft von Eingeweihten, irgendwo an den westlichen Ausläufern des Pamir-Gebirges in einem schwer zugänglichen Tal. Manche sagen die Sarmoung seien christliche, buddhistische und muslimische Mitglieder einer Sekte, die eben unter diesem Namen, einen sehr alten Glauben praktizieren, dessen Ursprünge zurückreichen bis in die Zeit des alten Babylon.

Der Ursprung dieses recht ungewöhnlich klingenden Namens ließe sich möglicherweise so deuten: Sarmoung steht wahrscheinlich für den alt-perischen Namen für die Biene - dem Insekt, dass den sinnbildlichen Honig, als Essenz der "Blüten der Weisheit" sammelt. Gewiss ist das auch die Symbolik der Bienen auf dem Wappen des Vatikan. Wegen seiner langen Haltbarkeit war Honig aber auch immer ein Symbol für das Bewahren alter Lehren und Traditionen. Diese Essenz der Süße, dafür steht der persische Satz "amal misazad yak za'ati shirin", was soviel heißt wie "Arbeit erzeugt eine süße Essenz". Mit dieser Essenz ist natürlich die Baraka gemeint, jene im Islam beschriebene göttliche Segenskraft, die an einen bestimmten Menschen, doch auch an besondere Dinge (Bäume, Steine) oder Orte (etwa Kraftplätze) gebunden ist und von da aus auf einen Menschen übertragen werden kann.

Und dein Herr hat der Biene eingegeben: 'Baue dir Häuser in den Bergen und in den Bäumen und in den Spalieren, die sie errichten. Dann iss von allen Früchten und folge den Wegen deines Herrn, leicht gemacht.'
Aus dem Leib der Bienen kommt ein Saft, verschiedenartig in Farben. In ihm liegt Heilkraft für die Menschen.

- Aus der Koran-Sure "Die Biene" (16:68-69)

So wie eine Biene Honig sammelt, so sammelten und bewahrten die Mitglieder der Sarmoung-Burderschaft Wahrheiten aus ferner Vergangenheit, dem Heil der Menschheit zum Dienste.

Im Umfeld Gurdjieffs ist die Rede von einem alten Text aus dem 13. Jhd. mit dem Titel "Die Bienen", der lange Zeit in einem nestorianischen Kloster in Zentralasien aufbewahrt wurde. Im Mittelpunkt des Textes steht eine Jahrtausende alte Lehre, die von einer geheimnisvollen Macht kündet, die gar zurück gehen soll, bis in die Zeit des Propheten Zarathustra. Schließlich sollte sich mit dem Auftreten Christi, diese Macht in der Welt manifestieren.

Uralte Weisheit der Sarmoung

1912 traf Gurdjieff auf einer seiner Reisen auf einen Mönch mit dem Namen Telvant. Dazu schrieb er folgendes:

Unser werter Vater Telvant wusste sehr wohl von den Wahrheiten der Sarmoung-Bruderschaft zu berichten. Tatsächlich soll sich Orden der Sarmoung nahe der Stadt Siranousch befunden haben und vor fünfzig Jahren, nicht lange nach der Völkerwanderung, bewegten auch sie (die Bruderschaft) sich und ließen sich später nieder im Tal von Izrumin, einer dreitägigen Reise von Nivssi.

- Aus dem Buch "Meetings with Remarkable Man"

Er und seine Gefährten, so Gurdjieff, waren mehrmals auf ihren Abenteuern auf den Namen dieser mysteriösen Bruderschaft gestoßen. Das Wort "Sarmoung" bezeichnete laut Gurdjieff eine alte, bereits 2.500 v. Chr. in Mesopotamien gegründete Geheimschule. Manche meinen gar ihre Lehren hätten die Sintflut überlebt, was bedeuten würde, das sie wohl sogar aus der Zeit der Atlantis überliefert wurde.

Wenn die Lehren der Sarmoung tatsächlich so alt sind, handelt es sich in Gurdjieffs Wegbeschreibung, beim Namen Nivssi, möglicherweise um die Ruinen der antiken Stadt Niniveh. Es sollen die Sarmoung in Mesopotamien bis etwa ins 5. oder 6. Jhd. nach Chr. gelebt haben. Was danach mit der Bruderschaft geschah bleibt ungeklärt. Alles was man über Gurdjieff von den Sarmoung erfährt, ist, dass sie über großes Wissen verfügten, worin sie die Schlüssel zu vielen geheimen Mysterien bewahrten.

Bei Vater Telvant fand Gurdjieff ein altes Pergament, worin er wohl zum ersten Mal den Namen Sarmoung las. Das alte Schriftstück enthielt anscheinend auch eine Art Wegbeschreibung zu dem Kloster dieses uralten Geheimbundes. Gurdjieff reiste zuerst nach Ägypten, später aber nach Buchara, der usbekischen Geburtsstadt des Gründers des Sufi-Ordens der Naqshbandi - Baha-ud-Din Naqshband Buchari (1318-1389).

In Buchara traf er auf den Derwisch Bogga Eddin, über den - oder zumindest über dessen Gefolgschaft - er erfuhr, wie man das Sufi-Kloster der Sarmoung in einer zwölftägigen Reise zu Pferd erreichen könne. Nach gefährlicher Reise brachte ihn ein Führer tatsächlich an den Ort des Klosters. Doch Gurdjieff verband man unterwegs die Augen.

Während seines Aufenthalts im Sufi-Kloster der Sarmoung kam Gurdjieff in Kontakt mit antiken Lehren, die weit älter waren, als der islamische Sufismus. Gurdjieff sah Verbindungen in den Lehren und heiligen Praktiken der Sarmoung-Bruderschaft, zu den Weisheiten des antiken Sumer und Ägypten. Laut seinem Reisebericht, soll er in diesem Sufi-Kloster eingeführt worden sein, in besondere Körperhaltungen und Tänze. Was er dort erlernte integrierte er später in die für Gurdjieff typischen, heiligen Tänze - die sogenannten "Movements".

Es ist, wie gesagt, nicht abschließend geklärt, wer die Sarmoung-Bruderschaft nun wirklich war und ob sie überhaupt existierte - zumindest dann, wenn man sich nur auf die Berichte Gurdjieffs verlässt. Doch auch andere Autoren berichten von dieser mysteriösen, zentralasiatischen Sufi-Gemeinschaft. So lesen wir etwa bei Desmond R. Martin von den Sarmouni (einem anderen Namen für die Sarmoung), die in kleinen Gemeinschaften, an verborgenen Felshängen im Hindukusch (größtenteils afghanisches Gebirge) in ihren Klöstern leben. Dort in der Verborgenheit des Hochgebirges, werden die Anwärter in alten Riten sakralen Dienstes und Selbstdisziplin unterwiesen. Auch Eingeweihte und ältere Mönche pilgern zu diesen Klöstern zu dem sagenhaften Schrein von "Moses dem Geduldigen", um sich dort zur Ruhe zu setzen.

Manche sagen dass der Name Sarmouni eigentlich ein anderes Wort für eine Grußße von Derwischen sei, die an den Quellen des Amudarja-Flusses lebten, an der heutigen Grenze zwischen Tadjikistan und Afghanistan. Wieder andere meinen, die Sarmouni-Derwische lebten nicht an einem besonderen Ort oder in Klöstern, sondern in kleineren Gemeinschaften, in den Gebirgen Zentralasiens, träfen sich an bestimmten Tagen zu Hause bei privaten Gastgebern, um dort ihre Lehren zu unterrichten und ihre Riten zu praktizieren. Auch der britisch-afghanische Autor Idries Shah, schrieb in seinem Buch "Geschichten der Derwische" über die Sarmoung. Darin ist die Rede von einem Pir-i-do-Sara, der Ende des 18. Jhd. angeblich der Sarmoung-Bruderschaft angehörte.

Selbst wenn nicht klar ist ob das folgende Gedicht, tatsächlich aus der Feder eines Sarmoung-Derwisches stammt, lassen sich darin trotzdem deutliche Hinweise auf die Lehren Gurdjieffs sehen:

Einer der weiß und nicht weiß, dass er weiß: der schläft.
So werde er eins und ganz.
So werde er erwachen.
Einer der wusste, doch nicht (mehr) weiß: lass ihn erneut den Anfang aller Dinge sehen.
Wer nicht wissen mag, doch aber sagt dass er wissen sollte: ihn führe man in Sicherheit zum Licht.

Einer der nicht weiß und weiß, dass er nicht weiß: Er soll durch sein Wissen wissen.
Einer der nicht weiß, doch glaubt zu wissen: ihn befreie man von seinen Irrungen und seiner Unkenntnis.
Einer der weiß und auch weiß, dass er ist: so einer ist weise. Ihm sollen sie folgen.
Allein seine Anwesenheit, verwandelt sein Gegenüber (d. h. durch seine Baraka).

Gurdjieffs Vorstellung vom Bewusstsein

Wie Anfangs angedeutet, behauptete Gurdjieff, dass fast alle Menschen die Realität nicht wirklich warnähmen, da sie sich in einer Art Hypnose befänden, einem Zustand "wachenden Schlafs".

Der Mensch lebt sein Leben schlafend und schlafend stirbt er.

Da liegt auf der Hand dass jeder in seinem individuellen Schlafmodus, die Dinge so wahrnimmt, wie es ihm in seinem wachenden Schlafzustand möglich ist. Er sieht die Erscheinungen und Ereignisse in seinem Leben nicht wie sie sind, sondern erfährt sie nur subjektiv. Für Gurdjieff waren diese "Unerwachten" nur unbewusste Maschinen. Doch er war sich absolut sicher, dass jede Person in ein völlig neues Leben erwachen kann und zu einem vollkommen anderen Menschen werden.

Heute haben viele religiöse und spirituelle Traditionen leider ihre ursprüngliche Verbindung zu dem verloren, was sie einst wirklich waren. Nur das alleinige Zitieren und Rezitieren ihrer sakralen Texte ist nicht zweckmäßig, solange keine Praxis dazu ausgeübt wird. Erst in der wirklichen Praxis, werden Religionen und Spiritualität lebendig, was ja der eigentliche Sinn ihres Ursprungs ist: Religionen wurden gegründet, damit Gläubige ein praktisches Hilfmittel im Leben haben. Die profane Religionslehre aber scheint das, zumindest in den sogenannten "Gottesdiensten", bei den Gläubigen nicht mehr so recht in Erinnerung rufen zu können.

An diesem Umstand scheint sich seit Jahrhunderten nicht viel geändert zu haben. Und so kam es, meinte Gurdjieff, das die Menschen dabei versagten, den eigentlichen Sinn dieser uralten Wahrheiten zu begreifen.

Jeder dieser Unglücklichen, sollte sich während er existiert, ununterbrochen der Unvermeidbarkeit seines eigenen Todes gewahr sein, als auch über den Tod eines jeden, auf dem seine Augen und seine Aufmerksamkeit ruhen.

Illustration von Alexander de Salzmann – ewigeweisheit.de

Deckblatt eines Prospekts zu Gurdjieffs "Institut für die Harmonische Entwicklung des Menschen" (Illustration von Alexander de Salzmann).

Arbeit am Selbst

Gurdjieff meinte einmal, dass die meisten Menschen, je älter sie würden, sich mehr und mehr zu Automaten entwickeln - steuerbar durch äußere Einflüsse. Diese Haltung führte vor etwas mehr als 100 Jahren zum Ersten Weltkrieg, der für Gurdjieff alle Anzeichen einer Massenpsychose hatte. 
Solch beunruhigenden Bewegungen scheinen auch heute wieder allgegenwärtig zu sein - besonders wenn man sich die Entwicklungen des Transhumanismus anschaut, wo tatsächlich geforscht wird, wie man das Leben eines Menschen unendlich verlängern kann. Doch solch Bestreben ist weit entfernt von dem, was Gurdjieff in seiner Lehre unter einem vollkommen "integrierten" Menschen verstand. "Integral" meint hier die Einheit des Bewusstseins, von Körper, Emotionen und Denken, was zu einer Vervollkommnung menschlichen Seins wird - dem, was die Inder den "Arhat" nennen.

Jemand der sein gesamtes Sein auf diesem Planeten in seinem gegenwärtigen Leben "integrieren" will, sollte sich zuerst vom alltäglichen, oberflächlichen Leben zurückziehen. Hierzu muss der Schüler, so Gurdjieff, sich auf drei Pfaden bewegen:

  • Fakir - die Läuterung der Wahrnehmung durch, unter anderem, wirkliche Existenzkämpfe. Dabei übt der Schüler seinen Körper vollkommen in den Griff zu bekommen. Das erfolgt unter anderem durch Körperübungen, wie etwa die Movements.
  • Mönch - auch hier wieder geht es um die Läuterung der Wahrnehmung, durch "bewusstes Leiden" (was auf keinen Fall gleichbedeutend ist mit Jammern, sondern sogar das Gegenteil davon!) und die Beseitigung lästiger Neigungen. Es ist das was im Westen, insbesondere im Christentum, der Weg des Herzens genannt wird.
  • Yogi - dieser dient wie die beiden anderen Wege der Läuterung und Schulung der Wahrnehmung. Dabei versucht der Übende sein Denken und seine geistigen Vorgänge vollständig zu kontrollieren.

Was Gurdjieff nun den "Vierten Weg" nannte, war nicht etwa eine weitere Ebene der Schulung und Selbstbeherrschung, sondern vielmehr ein Weg, der den Übenden befähigt, an allen drei Ebenen, Körper, Emotionen und Denken, gemeinsam zu arbeiten - und sich nicht nur auf eine Bewusstseinsebene zu beschränken. So kann ein Mensch seine innere Konstitution ausbalancieren.

Im Gegensatz zu anderen spirituellen Traditionen, legte Gurdjieff allerdings größten Wert auf die tatsächliche Arbeit, die für eine Transformation des Selbst notwendig ist. Darum nannte er sein System "The Work" - "Die Arbeit am Selbst". 

Auch wenn Gurdjieff den Begriff des "Vierten Weges" in seinen Schriften niemals selbst verwendete, wurde er später durch seinen Schüler Pjotr Demjanowitsch Uspenski (1848-1947) zum wichtigsten Begriff für die "Arbeit". Ouspenskys Schüler veröffentlichten später Texte, in denen der Begriff des "Vierte Weges" dann aber von zentraler Bedeutung war.

Glaube, Liebe und Hoffnung

Bewusster Glaube ist Freiheit.
Gefühlsbedingter Glaube ist Schwäche.
Mechanischer Glaube ist Dummheit.

Bewusste Liebe, bringt das Selbe an die Oberfläche.
Gefühlsbedingte Liebe, bringt das Gegenteil hervor.
Körperliche Liebe, ist allein abhängig von Typus und Polarität.

Bewusste Hoffnung gibt Unerschütterlichkeit.
Hoffnung voller Zweifel ist Feigheit.
Von Furcht durchsetzte Hoffnung ist Schwäche.

Aus Gurdjiefffs "Beelzebubs Erzählungen für seinen Enkel"

Die Wichtigkeit des Gewissens

Die Lehren Gurdjieffs beschäftigen sich mit der großen Frage, was der Platz der Menschheit im Universum ist. Jeder Mensch trägt in sich, latent, große Möglichkeiten der eigenen Fortentwicklung. Nur aber wenige unter uns wissen ihre Begabungen voll zum Einsatz zu bringen. Höhere Bewusstseinsebenen, die sogenannten "Höheren Körper" mit eingeschlossen, kann ein jeder erreichen, durch inneres Wachstum. Doch wie bereits erwähnt: eine solche Entwicklung erfordert wirkliche Arbeit am Selbst.

In unserer heutigen, schnelllebigen Zeit, wer kann sich da noch mit "dem Selbst" intensiv beschäftigen? Ist es mit einem Wochenendworkshop nicht getan oder mit einer einjährigen Psychotherapie? Wohl eher ist es die tägliche Arbeit am Selbst.

Gurdjieff ging es vor allem auch um die universale Anwendbarkeit seiner Lehre. Dem Begriff "Moral" traute er nicht recht, ist das doch immer etwas, was sehr stark von einer Kultur abhängt. So finden sich in vielen moralischen Dogmen auch Unmengen an Widersprüchen. Darum betonte er in seinen Lehren vor allem die Wichtigkeit der Entwicklung eines "wahren Gewissens".

 

Viele Menschen, darunter auch Prominente Persönlichkeiten, sollten im System des Vierten Weges ein sehr hilfreiches Mittel zur Entwicklung eines höheren Bewusstseins finden. Hierzu verwandte Gurdjieff verschiedene Methoden und Materialien - darunter: informelle Treffen, Musik, Heilige Tänze (seine "Movements"), Malerei, Schreiben, Vorlesungen und auf den Einzelnen beschränkte Praxis - die zum Beispiel auch durch harte körperliche Arbeit ausgeführt wurde. 
Zweck dieser Arbeit war die tief-sitzenden und festgefahrenen Verhaltensmuster einer Person zu untergraben und so bestimmte Denkweisen zu lösen, wobei der "Betroffene" besondere Einsichten gewann - gewissermaßen also eine Einweihung in die Mysterien des Lebens erhielt.

Gurdjieff war sich aber sehr wohl bewusst, dass sein System persönlichen Wachstums, sich nicht zwingend für jedermann eignete. Doch er war stets darauf bedacht, es eben zu verbessern.

 

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