Gral

Reise nach Avalon

Reise nach Avalon

Glastonbury Tor - ewigeweisheit.de

Ich saß gerade in der großen Buchhandlung in der Friedrichstraße, unweit von Unter den Linden. Zwei Frauen in bunten Gewändern unterhielten sich neben mir. Ein etwas ungewöhnliches Bild. Dann fiel da der Name Avalon. Ich dachte gleich an den Zauberer Merlin, den alten Druiden und Ratgeber des legendären König Artus.

Zuerst hatte ich, wie wohl auch viele andere, als Junge von dem sonderbaren Zauberer und seiner geheimnisvollen Insel gehört. In einem verborgenen Hain dort, wuchs Merlins magischer Apfelbaum, auf eben dieser Insel des Lichts, einem Hort der Unsterblichen.

Kein Wunder dass es schonmal vorkommt, dass jemand auf den Landkarten danach sucht, wenn es doch eine so wundervolle Stelle auf dem Globus gibt, wo man sich der Unvergänglichkeit erfreut. Diese Insel aber trägt den Namen Avalon. Immer schon auch ein Ort der Feen und Priesterinnen, ein überweltlicher Bereich der weiblichen Spiritualität.

Wo aber befindet sich diese mythische Insel heute und wo befand sie sich einst? Ist Avalon eine Gegend im Jenseits oder ist es wirklich eine Insel auf unserer Erde, in einer schwer zugänglichen Region?

Chalice Well Gardens Glastonbury - ewigeweisheit.de

In den Chalice Well Gardens im südenglischen Glastonbury.

Wenn man die Sagen um Morgan Le Fay, König Artus und Merlin liest, scheint sich Avalon sowohl im Diesseits als auch im Jenseits zu befinden.

In unserer Welt aber beansprucht der englische Ort Glastonbury für sich, jene Insel Avalon zu sein. Doch auch wenn es um den wundersamen Heiligen Gral geht, kommt man nicht umhin sich mit Glastonbury zu beschäftigen, dieser kleinen Stadt in der englischen Grafschaft Somerset.

Das Beltane-Fest

Schon einen Tag darauf saß ich in der Staatsbibliothek zu Berlin und schlug dort neue Bücher auf, worin ich fand dass Glastonbury in der Tat ein Ort ist, wo einst alter Paganismus auf die neue Religion der Christenheit traf - zwei spirituelle Strömungen, die sich dort auch auf ganz wundersame Weise vermischen sollten. Darum auch umwehen diese südenglische Kleinstadt unglaublich viele alte, doch auch neue Legenden.

Es war etwa Anfang April, als ich in der Staatsbibliothek über den arthurischen Gral, Druidentum und paganische Kulte im alten Europa recherchierte. Wie ich da herausfand, sollten sich in etwa vier Wochen in Glastonbury die alljährlichen Festlichkeiten zu Beltane ereignen, jener heiligen Nacht im Heidentum, der Walpurgisnacht vom 30. April auf den 1. Mai. Noch am selben Tag buchte ich meinen Flug nach Bristol. Ich konnte kaum erwarten nach Glastonbury zu kommen.

Druidenfeuer und Hexentanz

Beltane ist das Fest des hellen Feuers, das man überall im Kult der Druiden in dieser heiligen Nacht entzündet. In alter Zeit glaubte man, dass sich in dieser Nacht die Bewohner der Unterwelt zeigten und einem jeden der ihnen begegnet ein Weistum anvertrauen, was in Büchern kaum zu finden ist.

Für die alten Kelten begann an Beltane der Sommer und damit ein neues Jahr. Die keltische Priesterschaft der Druiden entzündete da des Nachts riesige Holzscheite, um deren Feuer man ekstatisch tanzte. Wohl kein Zufall das mancherorts auch heute noch Leute in der Nacht vom 30. April große Holzscheite in Flammen setzen und woanders »in den Mai tanzen«.

Wie ich allerdings erfuhr wurden diese Festlichkeiten in Glastonbury auf eine ganz intensive Weise begangen, was man nicht mit den Feierlichkeiten in anderen europäischen Städten vergleichen kann. Was dort nämlich in der Walpurgisnacht, an Beltane gefeiert wird, spielt sich irgendwo ab zwischen Euphorie und Wahn – und das in einer so kleinen Stadt von gerade einmal 9000 Einwohnern. In Deutschland gab es dazu mal den Heiligenberg am Neckar oder den Brocken im Harz.

Chalice Well Brunnen Glastonbury - ewigeweisheit.de

Der Brunnen Chalice Well in Glastonbury. Hier soll sich in verborgener Tiefe ein sakrales Gefäß befinden, dass man im Westen den Heiligen Gral nennt.

Am Brunnen Chalice Well

Als mein Flugzeug in Bristol gelandet war und ich damals zum ersten Mal meine Füße auf englischen Boden setzte, stieg eine eigenartige Vertrautheit in mir auf, die mich wissen ließ: Das ist ein guter Ort.

Mit meinem Mietwagen fuhr ich vom etwa 40 km entfernten Flughafen zum ersten Mal im Linksverkehr. Da dachte ich mir »hätte ich doch vielleicht besser ein Taxi genommen.« Doch schon nach etwa drei Kilometer begann sich alles immer vertrauter anzufühlen und ich sauste über die teils moosbewachsenen, engen Straßen Somersets.

Also kam ich schließlich an, dort im hübschen Städtchen Glastonbury. Ich hatte mich eingemietet in einem kleinen Landhaus. Von meinem Fenster aus konnte ich den magischen Turm auf dem Glastonbury Tor sehen. Unweit von dort befand sich auch ein schöner alter Brunnen.

Meine freundliche Gastgeberin lud mich ein zu einem Glas Tee und da lernte ich auch meine Zimmernachbarin kennen: Françoise aus Toulouse. Sie hatte schon viel über die Geschichte des Ortes gelesen und interessierte sich wie wohl fast alle Touristen hier, für alternative Themen der Heilkunde und Spiritualität.

Sie war schon einmal hier, ein Jahr zuvor, doch leider nur ein Wochenende. Diesmal hatte sie aber mehr Zeit mitgebracht, wie sie meinte, um auch die umliegenden Orte besuchen zu können. Françoise hatte große grüne Augen und blickte mich damit an, als sie mir versicherte dass in Glastonbury einfach alles miteinander vernetzt sei und, das wenn man an einem Ort begänne, bald schon zur nächsten interessanten Stätte eile, da sich dort mitunter das Rätsel einer begonnenen Geschichte auf wunderbare Weise löst. So ist das eben mit mythenbehafteten Orten in Glastonbury: Sie nehmen kein Ende.

Auch wollte sie sich einen Tag Zeit nehmen, um hier einen der drei esoterischen Buchhandlungen zu besuchen. Für einen kleinen Ort wie Glastonbury eine verblüffen hohe Dichte an »Spiritual Bookshops«.

Glastonbury ist voller solcher Läden und ähnlicher Seminarzentren, wo man ungewöhnliche Dinge lernt, wo man besonderen Schmuck, Kräuter, besondere Düfte und noch so einiges mehr kaufen kann, wo einem Wahrsagerinnen die Zukunft voraussagen wollen und man dort in den Genuss von allerlei alternativer Wellness kommt.

Besonders auch die Räumlichkeiten des Chalice Well Trust, einem esoterischen Zentrum direkt umgeben von den Chalice Well Gardens, bieten regelmäßige Veranstaltungen zu Meditation, alternativen Heilmethoden, zu den Jahreszeitlichen Festen wie Tagundnachtgleiche und Sonnenwende, doch auch mit vielen anderen interessanten Inhalten. Außerdem befindet sich hier der ehrwürdige Brunnen Chalice Well mit seinem wunderschön verzierten Deckel (siehe Bild).

Blick auf den Glastonbury Tor - ewigeweisheit.de

Blick auf den Glastonbury Tor. Das ganze Jahr über umgeben ihn grüne Wiesen.

Muttergöttin Erde

Glastonbury ist durchtränkt von einer sehr alten, scheinbar durch und durch keltisch geprägten Kultur, die ihre Gottesvorstellungen nicht unerreichbar in den Himmel verfrachtete, sondern eine ganz greifbare, fast einen ganz eigenen Geschmack besaß, den jene Priesterinnen ihren Bewunderern und Anhängern sprichwörtlich zu kosten gaben. Man kann hier auch von einem Kult um die alte Erdgöttin sprechen, die als Lebensspenderin den Menschen Gesundheit gab und Weisheit vermittelte – nun ja, es eigentlich auch heute noch tut.

Es ist auf jeden Fall das, was im frühen Druidentum zu höchster Entfaltung kommen sollte, doch irgendwann das Christentum ablöste.

In Glastonbury aber scheint sich mancherorts seit alter Zeit nichts verändert zu haben. Eher versucht man dort Druidentum und esoterisches Christentum auch heute noch gekonnt miteinander zu verbinden. Was die Muttergöttin im alten Keltentum bedeutete, das Selbe glaubt man zu erkennen in der christlichen Gottesmutter Maria.

Das wohl ist eines der wichtigen Augenmerke, wieso sich dieser alte Kult des keltischen Druidentums, bis heute als das erhalten hat, wofür so viele Menschen wieder Feuer und Flamme geworden sind.

Arkane Kräfte im Grund

Von meiner Nachbarin Françoise hatte ich außerdem erfahren, wie wichtig Glastonbury für spirituell gesinnte Menschen ist. Hier nämlich sollen in der Erde zwei Hauptkraftlinien verlaufen, die sich auf dem nahegelegenen Erdhügel in Form eines Labyrinths in einander verquirlen. Und dieser Hügel, der dort von einem Turm gekrönt aufragt, den nennt man den Glastonbury Tor.

Das Wort »Tor«, hatte mir Françoise bestätigt, kommt vom keltischen »Twr Avallach«, dem Erdberg, womit auch der Name Avalon verwandt ist. Wir werden aber noch sehen, was es damit sonst noch auf sich hat.

Direkt auf dem Gipfel des Glastonbury Tor nun, verlaufen wie gesagt zwei unterirdische Energielinien: Die sogenannte St-Michael-Linie und die Marien-Linie – ein männlicher Erdkraftstrom und ein weiblicher. Man spricht hier auch von den sogenannten »Ley-Linien«. Die ziehen sich entlang einer hunderte Kilometer langen Linie vom südwestlichen Cornwall bis nach Norfolk. Manche glauben gar sie verliefen noch weiter westlich im Meeresgrund, unter den heiligen Stätten des versunkenen Atlantis. Unzählige heilige Monumente liegen darauf, die von den Marien- und St-Michaels-Linien umwunden werden. In Glastonbury verdichten sich diese Kräfte unter dem Wearyall Hill, dem Tor, sowie der Abbey, der einstigen Kathedrale von Glastonbury.

 

Der Glastonbury Tor ist ein großer Kraftort. Wer schon einmal auf ihn stieg und von dort ins weit umläufige Gebirge geschaut hat, der spürt unweigerlich eine Art Vitalität, die dort echt aus dem Boden aufströmt. Feinfühlige Menschen empfinden da eine große magnetische Kraft, die sich aus dem Erdinnern gen Himmel öffnet. Ein anderer, nicht weit davon entfernter, sogenannter Kraftort, ist wo die beiden tausendjährigen Eichen stehen, denen man einst, in nachkeltischer Zeit, die Namen »Gog und Magog« gab.

Die saftig grünen Wiesen auf jeden Fall, die auch den Hügel des Glastonbury Tor bedecken, tragen ihren Teil zu dem bemerkenswerten Eindruck bei. In der wärmeren Jahreszeit sieht man hier auch kleine Herden weißer Schafe und es kommt schon einmal vor, dass sich einem ein solches, dort ja freilaufendes Tier, einfach für einen Spaziergang anschließt. Mir auf jeden Fall war das passiert. Ein kleiner Widder folgte mir. Nicht das er etwa auf irgend etwas Schmackhaftes hoffte. Ich weiß wirklich nicht was er an mir fand. Er lief mir einfach hinterher und blieb stehen, wenn ich mich nach ihm umdrehte. Irgendwie ulkig, doch gleichzeitig auch unheimlich.

Holy Oak Glastonbury - ewigeweisheit.de

Eine der beiden uralten Eichen Gog und Magog, etwa nordwestlich des Glastonbury Tor. Wen man hinter dem Gipfel des Hügels, etwa 400 m einem kleinen Weg (Stone Down Lane) folgt und die erste Abzweigung nach links nimmt, findet man sie dort.

Holy Oak Glastonbury - ewigeweisheit.de

Außer Rand und Band

Glastonbury ist wirklich klein, denn als ich mich abends in den wohl einzigen Pub begab, um dort den Klängen eines Konzerts zu lauschen, traf ich dort zufällig auch Françoise. In unserer Unterhaltung sprachen wir natürlich über Glastonbury. Sie hielt diese Stadt für einen der wichtigsten Orte in Europa, von wo aus das einstige Matriarchat der Neuzeit und auch ein neues Heidentum, noch einmal in den schönsten Farben zu blühen beginnen sollten.

Man konnte tatsächlich diesen Eindruck gewinnen, wenn man durch die kleine schöne High Street in Glastonbury spazierte, wo einem da und dort Hexen und weiß gekleidete, goldbehangene Druidinnen begegnen. In dieser Straße passiert man auch eine anglikanische Kirche, in deren Vorhof sich ein Labyrinth befindet, jener Form deren Ursprünge aus der sehr alten minoischen Kultur Griechenlands stammen, wo der Stier in der Zeit vom Übergang zwischen Matriarchat und Patriarchat, eine zentrale Symbolfigur gewesen war.

Dieser Ort in Somerset zeigt sich darum in einem wahrhaft seltsamen Zusammenspiel aus vielen uralten Kulten. Auf ganz kuriose Weise finden hier einander Druidentum, moderne Gesellschaft und christliches Gralsmysterium. Eben auch die alte Legende von dem heiligen Trinkbecher des Letzten Abendmahls Christi, hat in Glastonbury einen wichtigen Stellenwert.

In Glastonbury scheinen die Kräfte des Himmlischen und des Irdischen auf faszinierende Weise zusammenzulaufen und sich dort an den heiligen Stätten zu verbinden. Und nicht nur theoretisch. Man braucht sich nur zu Walpurgisnacht auf den Glastonbury Tor begeben, an dessen Hängen sich ja zwei heilige Quellen befinden – eine rote und eine weiße, eine »blutige« und eine »silbrige« – so zumindest scheinen es die sichtbaren Öffnungen der beiden Brunnen zu suggerieren. Denn aus der einen Quelle fließt anscheinend eher eisenhaltiges Wasser (Red Spring), wodurch ihr Lauf rot-orange gefärbt ist, während die andere Quelle eher silbrige Farben zeigt (White Spring).

Während meines Besuchs in Glastonbury, waren in der Beltane-Nacht an den Quellen, und auch sonst wo in der Stadt, Schamanen, Druiden und Hexen zu Gange. Wer sich nach Sonnenuntergang zum Brunnen von White Spring begab, fand dort ein kleines Gebäude, wo sich über viele Bahnen Wasserströme ergossen und wo zu lauten Trommelklängen Tänzer und Tänzerinnen um Becken voll »geheiligtem Wasser« einen wilden Reigen tanzten.

Während mir der benachbarte Chalice Well tagsüber eher als Ort der Besinnlichkeit erschien, war White Spring zu Beltane ein Ort der Hemmungslosigkeit, wo sich manche ganz den Kräften der Unterwelt hinzugeben schienen. Denn hier sollen sich die Tore nach »Annwn« öffnen, dem was die alten Kelten so als das Schattenreich titulierten.

Andere machten sich in dieser Nacht auf, um die Stufen auf den Gipfel des Glastonbury Tor zu erklimmen. Auf der Höhe dort soll sich einst ein großer Fels befunden haben. Den aber zerschlugen angeblich Christen als sie genug hatten vom wilden Treiben der Druiden, wo es, wie ich mal wo laß, auch schonmal vorkam dass ein Mensch den Göttern geopfert wurde.

So machten die Christen riesige Feuer um den Fels und zerschlugen hernach das darin glühende steinerne Ungetüm der Heiden. Aus den Steinen aber erbauten sie zu Ehren des Erzengels St. Michael dort auf dem Gipfel des Glastonbury Tor eine kleine Kirche.

Was mit dem heiligen Fels auf dem Glastonbury Tor geschah, dass schien den Göttinnen und Faunen der Umgebung gar nicht lange zu gefallen. Ein Erdbeben soll den Hügel so sehr erschüttert haben, dass das Kreuzschiff der kleinen Kapelle dort in sich zusammenfiel, bis eben auf jenen Turm der dort noch heute steht. Wollte das der Geist des Felsen? Erinnerten sich die Steine an ihren eigentlichen Ursprung?

Es ist eben eine weitere der vielen Sagen, die diesen magischen Ort zu umschweben scheinen.

Baum in Chalice Well Gardens, Glastonbury - ewigeweisheit.de

Die Äste dieses Baumes in den Chalice Well Gardens in Glastonbury, haben sich über die Jahrzehnte ineinander verwunden. Man sieht hier anscheinend die Effekte, die aus den Erdströmungen in den Pflanzen zum Vorschein kommen, denn so wie die Wurzel so auch Krone.

Baum in Chalice Well Gardens, Glastonbury - ewigeweisheit.de

Die Insel der Äpfel

Was bedeutet der Name »Avalon« seinem Ursprung nach?

Es ist ein keltisch-kymrisches Wort und kommt von »Abal« oder auch »Afall«, dem Apfel. Denn wie 1135 der alte Geistliche Geoffrey von Monmouth in seiner Geschichte über die englischen Könige verriet, nannte man eben jenen Ort, von dem hier die Rede ist, die »Insel der Äpfel«. Und eben diese Insel dachte man sich oft als jenen Hügel, den Glastonbury Tor.

In der Tat war das einst ein von Wasser umgebener Berg. Erst vor etwa 2000 Jahren zog sich von hier das Meerwasser des Bristol-Kanals allmählich zurück, so dass dort ein kleiner See entstand aus dessen Mitte da der Glastonbury Tor und der gegenüberliegende Wearyall Hill aus dem Wasser ragten. Die alten Kelten aber sollen hier einst eine kleine Siedlung gegründet haben.

Der Name Glastonbury aber kommt von »Glestinga Burg«. Hier nämlich herrschte wohl einst ein keltisches Adelsgeschlecht, die Glestinga, deren Name vielleicht verwandt ist mit dem englischen Wort »glistening«, dem Funkeln. Denn wenn dort auf dem Tor in den ersten Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung, vielleicht jene Menschen lebten, so sah man des Nachts dann wohl dort aus der Ferne, wie sich der schimmernde Glanz ihrer Feuerlichter im Wasser spiegelte. Auch heute noch kann man solche Phänomene im Winter beobachten, da dann die Felder in Feuchtigkeit getränkt, den Glastonbury Tor als tatsächliche Insel erscheinen lassen.

Heiliger Weißdorn und der Gral

Wie dem auch sei, sollte Glastonbury dereinst eine Stadt werden, wo sich sowohl das alte Heidentum und das jüngere Christentum trafen. Und da fällt der Name Josef von Arimathäa. Er war ein Onkel des Jesus von Nazareth, in dessen Grab man den am Kreuze gestorbenen Christus legte. Auch gab man ihm anscheinend den Gral – jenes heilige Trinkgefäß des letzten Abendmahls. Doch als die Römer erfuhren dass Josef von Arimathäa mit dem verurteilten Nazarener zu Gange gewesen war, verurteilte man ihn zu einer jahrelangen Kerkerhaft, ohne ihm dann dort aber Wasser oder Nahrung zu geben, in Erwartung das er dort sterbe. Allein durch die Kraft des Grals soll er in seinem Verließ überlebt haben, um dereinst seinen Auftrag zu erfüllen. Er sollte hier in Glastonbury die erste christliche Gemeinde Europas gründen.

Es heißt dass Josef von Arimathäa nach Avalon zu Schiff kam und auf dem Wearyall Hill landete, gegenüber des Glastonbury Tor. Da rammte er seinen Wanderstab aus Weißdorn in den Boden, woraus dann Wurzeln trieben und die heilige Pflanze zu wachsen begann. So will es der Mythos vom »Holy Thorn«, dem heiligen Weißdorn, der dort bis einst gewachsen war, doch anscheinend immer wieder neue Triebe aus seinem Stamm hervorschießen.

Den Gral aber brachte Josef von Arimathäa aus Jerusalem hierher, um ihn am Fuße des Glastonbury Tor zu verbergen. Darin nämlich hatte er die gottgesegneten Tropfen eingesammelt, die Jesus bei seinem Kreuzestod aus der Seite rannen, als Blut und Wasser, nachdem ihm der Centurio Longinus diese Wunde zugefügt hatte, mit seiner weißdornhölzernen Lanze.

An jener Stelle aber wo Josef von Arimathäa dort in Glastonbury den Kelch verbarg, sollen, so die Legende, dereinst die beiden Quellen Red Spring und White Spring entspringen – als Allegorie auf die Heilige Wunde des Christus. Diese Stelle nennt man darum »Chalice Well«, den Brunnen des Kelchs, die Quelle des heiligen Grals.

Glastonbury Abbey - die alte Abtei - ewigeweisheit.de

Die Ruinen der alten Abtei zu Glastonbury. Dort soll der Leichnam von König Artus begraben sein.

Glastonbury Abbey - die alte Abtei - ewigeweisheit.de

Warten im Jenseits

Wie mir meine französische Nachbarin Françoise am kommenden Morgen beim Frühstück erzählte, sollte ich unbedingt noch die alte Abtei zu Glastonbury besuchen. Das natürlich hatte ich mir bereits auf meine Reiseliste geschrieben. Angeblich sei dort, so Françoise, der Leichnam König Artus' beigesetzt und im rechten Winkel zu ihm seine Gattin Guinevere. Sie ruhte dort also nicht neben ihm. Man hatte sie  zu seinen Füßen beigesetzt.

Guinevere, so will es die Sage, hatte Artus betrogen mit dem eigentlich ehrenhaftesten aller Ritter der Tafelrunde: Lancelot, den Artus einst mit dem magischen Schwert Escalibur zwang sich ihm zu ergeben und anzuschließen.

»Doch auch Artus war nicht ohne«, meinte Françoise, die gerade ihren Tee austrank, um mich darauf wissen zu lassen, dass sie gleich zu einem »Hexentreffen« verabredet war. Ich musste unweigerlich schmunzeln darüber, doch schon reichte sie mir die Hand.

Was Françoise angedeutet hatte mit Artus, war wohl ein Hinweis auf seinen Sohn: Mordred. Zwar wusste Artus davon selbst erst nichts, denn es war finster in der Höhle und es scheint als hätte Merlin seine Finger da im Spiel gehabt. Doch einst an Beltane, zeugte er mit seiner Halbschwester, der großen Zauberin Morgan Le Fay, im Dunkel dort ein Kind, dass aber im Verborgenen bei Morgan aufwuchs. Dieser Junge aber, nicht wissend wer sein Vater ist, sollte genau ihn dereinst schwer verwunden.

Wie uns der alte französische Schriftsteller Chrétien de Troyes wissen lässt, kam es wirklich zum Kampf zwischen Sohn und Vater. Dabei wurde Artus fast getötet. Im Schwebezustand zwischen Leben und Tod kam er auf die magische Insel Avalon, schien dorthin entrückt worden zu sein, in jenen himmlischen, paradiesischen Apfelgarten. Dahin aber hatte Morgan Le Fay Zugang und pflegte ihn dort. Seither liegt er dort in einer Art Totenhalbschlaf, auf seine irdische Rückkehr wartend, um dereinst wieder zu erscheinen – in Glastonbury.

Kommen Sie ihm vielleicht zuvor?

 

Reisetipps

Anreise

Glastonbury im Südwesten Großbritanniens, in der Grafschaft (County) Somerset, befindet sich etwa 35 km südlich von Bristol. Mit dem Flugzeug fliegt man entweder nach Bristol oder nach London.

Mit dem Auto

Vom Flughafen Bristol kommt man gut über die North Side Road über die A38 ins etwa 40 km entfernte Glastonbury.

Je nachdem von welchem der vier Flughäfen in London man fährt, ist die Strecke zwischen 190-220 km nach Glastonbury.

Mit dem Bus

Vom Flughafen Bristol fährt der Bus A1 etwa alle 15 Minuten nach Bristol Temple Meads, von wo aus man dann mit dem Bus 376 nach Glastonbury kommt, der dort jede Stunde abfährt. Fahrzeit etwa 2 Stunden.

Von London aus fährt ab Paddington Rail Station der Bus 27 alle 10 Minuten nach Hammersmith Bus Station von wo aus man die Buslinie Superfast 3 (einmal täglich) nach Glastonbury nimmt.

Mit der Bahn (recht umständlich)

Vom Flughafen in Bristol fährt ein Bus regelmäßig zum Hauptbahnhof Bristol. Es gibt in Glastonbury allerdings keinen Bahnhof. Man kann jedoch mit dem Zug nach Castle Cary fahren. Hier halten Züge der West of England Railway und der Heart of Wessex Line. Der Ort Castle Cary befindet sich in etwa 1,5 km Entfernung vom Bahnhof. Ab Castle Cary kommt man mit dem Bus 667 nach Glastonbury.

Castle Cary wird auch von London Kings Cross / St. Pancrass angefahren.

Wichtigste Sehenswürdigkeiten in Glastonbury

  • Glastonbury Tor, freier Zugang
  • Chalice Well in der Chilkwell Street. Preis: ca. 4.,50 GBP (Stand 2019)
  • Glastonbury Abbey, Eintritt ca. 8 GBP (Stand 2019)
  • St. Margeret's Chapel die man über die Magdalene Street erreicht, von der ein schmaler Durchgang abgeht
  • Auf dem Stadtfriedhof findet man das Grab der berühmten Magierin, Rosenkreuzerin und Autorin Dion Fortune

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Suche nach dem Gral - Suche nach dem Selbst

von Johan von Kirschner

Der Heilge Gral - ewigeweisheit.de

Viele haben vom Heiligen Gral gehört, nur wenige aber wissen um seine wirkliche Bedeutung und Kraft. Die Legenden, die diesen sonderbaren Gegenstand umranken, wurden von den Troubadouren im mittelalterlichen Europa besungen. In ihrer Minnedichtung ging es um die »große Queste«: die Suche nach einem Objekt sakraler Vollkommenheit.

Queste – da klingt das englische Wort »Question« an – die Frage nach dem was ist, ein Suchen nach Antworten auf die Frage nach dem innersten und essentiellen Wesen des Selbst. Letztendlich eine Suche nach Gott. All das vereint in sich das Wort Gral.

Im Mittelalter kamen Legenden von solch einem Kuriosum, nur durch Troubadoure und Meistersinger unters Volk. Kaum jemand konnte damals lesen. Für denjenigen, der die große Gralsgeschichte Parzival verfasste, war das anscheinend nicht anders: Wolfram von Eschenbach sagte über sich selbst, Analphabet gewesen zu sein und der schriftlichen Sprache gar nicht mächtig. Anscheinend dichtete er aus freien Stücken, lernte auswendig. Das muss ihm ja aber einer diktiert haben, und da wird als Quelle angegeben Kyot de Provence, ein französischer Troubadour, der Kontakt hatte mit Wolfram. Wahrscheinlich trafen die beiden zusammen auf Wolframs Residenz im Odenwald, der Wildenburg- Dort erfuhr er von Kyot die geheimnisvolle Geschichte von der Suche nach dem heiligen Gral. Natürlich war es nichts, das sich Kyot selbst ausgedacht hatte, sondern seinerseits auf die Geschichte kam, im spanischen Toledo. Er selbst fand dort einst eine arabische Handschrift, die ein persisches Märchen erzählt.

Wenn man das Wort »Gral« betrachtet als was es in den Legenden erscheint, dann ist es manchmal ein Kelch, manchmal ein Stein, doch manchmal auch eine Perle – und das Wort Gral auf persisch, »gohar al«, ist die Perle der Weisheit. Von einer »kostbaren Perle« liest man auch im Matthäus-Evangelium. Insbesondere die Akten des Apostels Thomas, erzählen eine ganz wunderschöne Geschichte, die für die christliche Gnosis des 3. Jhd. n. Chr. und die Manichäer, von hoher Bedeutung war: »das Lied von der Perle«. Wie in Wolframs Parzival, ist in diesem gnostischen Märchen, ein Prinz auf der Suche nach einem besonderen Gegenstand. In seinem Fall ist es ein geheimnisvolle Perle. Sie soll er den Fängen eines Drachen entreißen. Der Prinz ist ein Sinnbild für die Seele. Und die Suche nach der Perle symbolisiert die Reinheit und Weisheit dieser Seele – die Gnosis. Dem dualistischen Weltbild der Manichäer, ähneln die Vorstellungen der zwischen dem 10. und 15. Jhd. in Europa lebenden Bewegung der Bogomilen – der »Gottesfreunde«. In ihrer Philosophie standen ihnen die Katharer und Albigenser Südfrankreichs nahe. Sie assimilierten Teile der manichäischen Philosophie.

Wolfram von Eschenbach - ewigeweisheit.de

Wolfram von Eschenbach - Illustration aus dem Codex Manesse (UB Heidelberg) um 1305.

Die Ahnen des Gralsgeschlechts

Im alten Perser war Ahura Mazda der Gott des Lichts. In der alten zoroastrischen Religion stand er im Mittelpunkt als höchster Gott des Lichtreiches. Bei Wolfram beginnt die Ahnenreihe der patrilinearen Linie mit dem Namen Mazadan, worin dieser Gottestitel anklingt. Ahura Mazda war Mazadans himmlischer Vorfahre, letzterer, wenn man so will, Ahura Mazdas irdische Inkarnation. Mazadan hatte mit Ter de la Schoye, einer Fee aus Avalon, zwei Söhne: Brickus und Lassalies. Brickus war der Vater von Uther Pendragon. Uther und Igraine, die eigentliche Gattin des Gorlois von Cornwall, wurden die Eltern des jungen Artus, dem späteren König der Tafelrunde.

Mazadans anderer Sohn Lassalies, wurde Vater von Addanz von Britannien, der seinerseits Vater des Gandin werden sollte. Gandin und Schoette zeugten Gamureth – den großen Streiter und Vater des Helden Parzival. Das ist die aus dem alten Perserland entsprungene, patrilineare Abstammungslinie der Gralssippe.

Die matrilineare Ahnenreihe geht auf das sagenhafte Troja zurück. Bestimmte Personen in dieser Abstammungslinie sind eng verbunden mit den bekannten Insignien und Symbolen, die mit dem Gralsmysterium assoziiert werden. Das ist einmal die Heilige Lanze, ein andermal der Kelch. Der Held Achilles hielt in seiner Hand diese Lanze, als er die Heere anführte bei der Eroberung Trojas. Diese Geschichte galt später als symbolisches Vorbild der römischen Centurionen, von denen einer für das spätere Christentum, ja eine wichtige Rolle spielen sollte: Longinus. Dieser Hundertschaftführer war angeblich im Besitz der Lanze des Achill, von der wir in der alten Sage vom Trojanischen Krieg erfahren. Mit ihr soll er dem sterbenden Jesus in die Seite gestochen haben, um ihn von den Kreuzesqualen zu erlösen. Im Kontext Alt-Trojas steht auch ein magisches Gefäß. Tros, der Ahnherr Trojas, hatte einen Sohn, Ganymed, der eine heilige Schale besaß. Mit ihr kredenzte er den Göttern auf dem Olymp den Trank der Unsterblichkeit – die Ambrosia. Es sollte diese magische Trinkschale über viele Generationen hinweg, weitergereicht werden, bis sie schließlich in die Hände von Joseph von Arimathäa kam. Er war ein reicher Jude und Jünger Jesu Christi. Mit dieser heiligen Schale, die identisch mit dem Kelch des Abendmahls ist, sammelte Joseph das Blut auf, das aus dem Körper Jesu, nach dem Lanzenstich des Longinus, aus seiner Seite rann. Von Pontius Pilatus erbat er sich den Körper des verstorbenen Heilands und legte ihn, in das für ihn selbst vorgesehene Grab auf Golgatha. Der mit dem Blut des Christus gesegnete Kelch wurde schließlich zum Symbol des heiligen Grals.

Stammbaum der Gralsfamilie - ewigeweisheit.de

Schaubild: Stammbaum der Gralsfamilie.
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Titurel - der erste Gralshüter

Die Römer waren sehr stolz auf ihr altes trojanisches Erbe. So auch der nach Jesus Zeiten lebende Kaiser Vespasian. Er soll maßgeblich an der Zerstörung des zweiten Tempels von Jerusalem beteiligt gewesen sein. Einer seiner Feldherren, Parille (das ist die westliche Variante des Namens Beryllus, der Stein), wurde einer der Vorfahren der Franken. Als großen Feldherrn belohnte man Parille mit viel Ländereien in Franken, d. h. dem heutigen Frankreich. Er heiratete die Argusille, die Tochter Kaisers Vespasian, mit der er einen Sohn hatte: Titurisone. Er ist die erste Person, die relevant ist in der Gralserzählung des Wolfram von Eschenbach. Titurisone vermählte sich später mit Elizabel von Aragon, einer spanischen Fürstentochter. Ihr Sohn, Titurel, sollte dann erster Gralskönig werden. Er errichtete die Gralsburg auf dem Montsalvatsch – dem Mont Salvationes, dem gesegneten Berg. Dort lebten gemeinsam mit Titurel, die sogenannten Tempeleisen, Ritter am Gral. Ganze 400 Jahre sollen Titurel und seine Ritter auf dem Montsalvatsch gelebt haben. Im Alter von unglaublichen 400 Jahren, empfing Titurel eine göttliche Eingebung. Er sollte sich vermählen und für Nachkommen der Gralssippe zu sorgen. Er heiratete die Richaude, die ihm den Frimutel gebar. Frimutel vermählte sich mit Klarissa. Sie wurden die Eltern der berühmten Gralsfamilie, über die wir im Folgenden sprechen wollen.

Die Kinder von Frimutel und Klarissa waren der sagenhafte Fischerkönig Amfortas, der Eremit Trevrizent, die Gralsjungfrau Repanse de Schoye und Herzeleide. Sie war Gemahlin des oben erwähnten Gamureth, aus der patrilinearen Ahnenreihe der Perser, mit dem sie einen Sohn hatte: Parzival. Doch Gamureth kam im fernen Babylon ums Leben. Um ihr einziges Kind vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren – denn er war alles was ihr geblieben war –, begab sie sich mit ihrem Sohn, ängstlich und verzweifelt, in die Einöde von Soltane. Dort lebten sie in der Isolation der Wildnis. Herzeleide wollte um jeden Preis verhindern, dass ihr Sohn Parzival auch ein Ritter wird, dem das gleiche Schicksal widerfährt, wie seinem Vater Gamureth. In Wolframs Parzival verkörpert sie Abhängigkeit in Person. Dies hatte sich selbst auf ihren Sohn übertragen. Sie hatte sich mit Parzival einen »Ersatzmann« geschaffen – wozu man heute vielleicht »Ödipuskomplex« sagen würde. Der kleine Parzival war völlig unselbstständig, völlig abhängig von seiner Mutter, hatte keine Vorbilder, Verantwortung war ihm fremd. Nun, diese Isolation, dieses soziale Vakuum, dem sich die beiden ausgesetzt haben, barg gleichzeitig, etwas Gutes. Denn wenn diese Isolation auch etwas anscheinend Negatives vermuten lässt, führte es doch dazu, dass ihr Sohn einst selbst König am Gral werden sollte.

Parzival – der Tumbe Tor

Wolframs Parzival ist eine Heldengeschichte und sie beginnt mit einem Vakuum, d. h. mit etwas völlig Sinnlosem, etwas Idiotischem. Doch wie in vielen Sagen und Märchen, ist es oft ja der Narr, der Dümmste, der Jüngste, der sich zum Retter verwandelt, zum Helden wird.

Am Anfang war die Leere, so erzählen es zumindest die Schöpfungsmythen. Und in dieser Leere entstand ein Chaos, dass sich aber selbst ordnete und in seiner Finsternis plötzlich ein Licht aufstrahlt. Im Parzival sollte sich das, symbolisch ereignen, als aus der Finsternis des dunklen Waldes von Soltane, plötzlich drei Ritter mit golden glänzenden Rüstungen erscheinen. Der kleine Parzival war gerade unterwegs auf der Jagd. Er sieht sie und hält die Ritter tatsächlich für Götter. Gleich eilt er ihnen entgegen und will eines ihrer Schwerter greifen. Das Schwert als Symbol des Sonnenhelden, steht für Mut und Macht. Mit Schwert und Lanze stürzte der solare Erzengel Michael, Luzifer und seine diabolischen Heere vom Himmel. Dieses Schwert stand auch, ohne das er es selbst wusste, dem Parzival zu, als eigentlichem Königssohn der Gralsfamilie. Doch das Schwert ist auch das, was trennt. Und in diesem Falle, das Alte vom Neuen, weil Parzival langsam erkennt, dass er sich nach einem edleren Leben, etwas abenteuerlichem sehnt. Von den Rittern erfährt er auch vom Hof des König Artus. Er will auch Ritter werden. Natürlich äußert er diesen Wunsch gegenüber seiner Mutter, die damit, wie könnte es anders sein, nicht einverstanden ist. Nichts aber kann Parzival mehr aufhalten. Das Auftauchen der Ritter in ihren glänzenden Rüstungen, ist für Parzival wie ein Ruf, etwas das ihn anspornt die wirkliche Welt zu entdecken.

Herzeleide kann ihn nicht mehr aufhalten, auch wenn sie mit allen Mitteln versucht ihn bei sich zu behalten. Sie steckt ihn in ein läppisches Narrenkostüm, zieht ihm eine Zipfelmütze auf und gibt ihm ihren alten Ackergaul; das alles in der Hoffnung, dass er in solch lächerlichem Erscheinen keinen Erfolg haben und schließlich zu ihr umkehren werde. Doch als Parzival zwischen den Bäumen des Waldes verschwunden ist, fühlt sie, dass sie ihn niemals mehr sehen wird und nimmt sich in ihrer Verzweiflung das Leben.

Die Gralsburg - ewigeweisheit.de

Die Gralsburg (1899) - Teil eines Gemäldes von Hans Thoma (1839–1924).

Diese drei Ritter sind also die ersten Vorbilder des kleinen Parzival. Und mit ihnen taucht die Frage auf: »Wer bin ich eigentlich«. Dabei erkennt Parzival vielleicht auch seine Unvollständigkeit. Seine Mutter hat ihn immer nur »mein kleiner Junge« genannt. Seinen wirklichen Namen aber kannte er nicht. Und diese Erkenntnis der eigenen Unvollkommenheit, der sind auch wir alle immer wieder ausgesetzt, da uns im Leben immerfort Probleme herausfordern, deren Namen wir noch nicht kennen, ihre Bezeichnung noch nicht verstehen.

Der einzige Weg für Parzival ist, eine Ergänzung für diese Unvollständigkeit zu finden, seinem Ruf zu folgen, der durch das Auftauchen der drei Ritter erschallte und durch den er die Vision bekommt, selbst Ritter zu werden. Jetzt aber hat er ein Ziel, dem er intuitiv durch seine Vision folgt. Ohne Ziel gibt es keine Bewegung, gibt es nur Starrheit, manchmal Halsstarrigkeit. Ohne Ziele und Visionen bleibt man Spielball äußerer Umstände. Das Gegenteil davon symbolisiert das Pferd: Parzivals Ross repräsentiert seine dynamische Kraft.

Parzival reitet planlos zu auf sein Ziel, ohne zu wissen, wohin es geht. Zügellos, taumelt er auf dem Pferd, auf seinem Psychopompos, seinem Seelenführer. Das Pferd Parzivals steht für den Instinkt. Und tatsächlich bringt ihn sein Pferd an einen Ort, wo jemand ist, der ihm seinen Namen offenbart. Und das ist seine Cousine Sigune. Ihr Name steht für die ᛊ Sig-Rune, die ja, für alle die sich mit Runenkunde auseinandergesetzt haben, das heilige Zeichen des Sonnenlichts ist.

Sol er landa ljome; luti ek helgum dome.
Sonne ist das Licht der Welt; Ich beuge mich der göttlichen Entscheidung.

- Vers aus einem altnorwegischen Gedicht

Sigune ist Parzival zwar unbekannt, doch sie erkennt ihn und wusste von der Mutter, die dort im Wald lebte mit ihrem Sohn. Sie sagt ihm seinen Namen und bringt Licht ins Dunkel seiner Unwissenheit. Und dieser Name, den wir ja selbst tragen, ist das Göttliche was uns aufgeprägt wird mit den heiligen Symbolen, den Buchstaben dieses Namens. Und diese Buchstaben sind ja anscheinend Symbole, die im alten Europa entstanden sind und vor mehr als 7000 Jahren bereits für die alten Priesterinnen der Muttergöttin, als heilige Zeichen im spirituellen Ritus verwendet wurden. Man fand diese Symbole später wieder im Phönizischen, dann irgendwann als Runen. Wer beide Zeichenlisten kennt, weiß um ihre Gemeinsamkeiten.

Der Name der die Dinge bezeichnet, gibt einem Macht über die Dinge. Wir wissen: Adam gab jedem der Wesen im Garten Eden seinen Namen. Es geht also um die Persönlichkeitsbildung mit der Kenntnis des Namens der Dinge. Ab einem bestimmten Entwicklungsgrad, wendet sich dieses Erkennen dem eigenen Namen zu. 

Trotz aber das Parzival seinen Namen jetzt erfuhr, blieb er zunächst ein Unwissender. Er war sich seines Namens noch nicht bewusst, denn er hatte eben keine Anhaltspunkte in der Vergangenheit, an denen er ihn festmachen konnte. Niemand zuvor hatte ihn so genannt. Er hatte alles zurück gelassen auch ohne zu wissen, wohin er sich eigentlich begibt. Und das ist eine Unwissenheit die eigentlich sehr hilfreich ist. Denn wenn wir unser Leben anschauen: sind wir eher von den Dingen in unserem Leben betroffen, die sich in unserer Vergangenheit ereigneten. Es ist eben dieses Anhaften an die Vergangenheit, dass statt Visionen des Mutes, Visionen der Furcht erzeugt, die all zu leicht in die Zukunft projiziert werden. Visionen der Furcht verwandeln sich zu Visionen der Wut, wenn sie über lange Zeit als Angst empfunden wurden – sie werden sogar zu feindseligen Vorstellungen; manchmal so, dass wir glauben andere Menschen hassen zu dürfen, obwohl sie uns nicht hassen. Vision der Angst sind eine Täuschung. Unser Held Parzival aber kennt keine Furcht. Wie ein Narr stürzt er sich ins Leben. Ohne also eine positive Vision, eine konstruktive Vision zu besitzen, ist es ein fragloses Hinnehmen der Umstände, was ja Parzival tat. Er aber hatte eben keine eigene Vergangenheit. Das ist der haarfeine Unterschied zum Durchschnittsmenschen.

Der Rote Ritter

Nur ohne Angst kann Parzival die Schwelle ins Abenteuer überschreiten. Und diese Schwelle ist das Wissen, das dort in der Ferne, im fränkischen Nantes, der Hof des König Artus tagt. Und dort an der symbolischen Schwelle, begegnet ihm ein Ritter in rotem Harnisch, den Parzival so fasziniert, das er des Ritters Rüstung unbedingt haben will. Er greift einfach nach seinem Speer, wirft ihn in das offene Visier des Helden, der dort auf seinem roten Pferd sitzt und tötet ihn. Parzival reißt ihm die Rüstung ab und bekleidet sich damit selbst – aber eben ohne sein dummes Narrenkostüm, seine alte »Haut», vorher ausgezogen zu haben, zieht er einfach die geraubte Rüstung darüber. Der Ritter aber ist tot. Und er weiß nicht, dass er gerade Ither von Gaheviez getötet hat – seinen Onkel.

Nun hat Parzival, ohne es zu wissen, sich Ritterehren erschlichen. Er war einfach nur vom Äußeren fasziniert. Diese Rüstung wird ihm aber dabei helfen, dass er von anderen Fürsten und Rittern, als solcher, erst einmal anerkannt wird. Insofern könnte man sagen – betrachtet aus der hermetischen, aus der alchemistischen Perspektive – das Parzival sich die Rubedo erschlichen hat: das ist die letzte Stufe im Großen Werk (Opus Magnum) bei der Schaffung des Steins der Weisen, bei der Bereitung des Elixiers des Lebens. Doch eben nur anscheinend. Und er weiß nicht, dass er damit gleichzeitig dunkle Mächte anzieht (Nigredo), mit denen er auf seinem Heldenweg erst noch konfrontiert wird.

Er reist weiter, trifft irgendwann zufällig auf seinen Lehrer Gurnemanz. Dort erhält er seine Erziehung und bringt ihm all die Fertigkeiten und Manieren bei, die ein Ritter kennen muss. Er sagt ihm aber leider auch, er solle nicht zu viele Fragen stellen. Doch in der Queste, die wir Anfangs ja bereits erwähnt haben, da geht es ja genau darum die Frage zu stellen. Sie ist der Mittelpunkt des ganzen Gralsthemas. Es ist doch oft die Frage die wir uns nicht trauen zu stellen, doch wie oft schon, haben wir eine solche Unterlassung bitter bereut.

Percival Gemälde - ewigeweisheit.de

Percival (1934) - Ölgemälde des englischen Künstlers Martin Wigand

In dieser Zeit der Lehre lernt er seine Liebe kennen, Condwiramur, mit der er eine gemeinsame Nacht verbringt. Sie heiraten und Condwiramur bringt einen Sohn zur Welt, der dereinst der Held einer anderen Erzählung sein wird: Lohengrin – der Schwanenritter.

Nun ist Parzival aber ja getrennt von seiner Mutter und er hat große Sehnsucht, sie wieder zu treffen. Er trennt sich von Condwiramur – trennt sich von seinem Lehrer Gurnemanz, reitet davon, denn er will seine guten Erfahrungen mit seiner lieben Mutter teilen, weis aber nicht wohin er reiten soll. Er ist jetzt aber einen großen Schritt gegangen, durch die Erfahrung der Sexualität. Mit Condwiramur hat er diesen Schritt getan – heraus aus der Pubertät, hinein ins Erwachsensein.

Wenn wir uns daran erinnern, als wir das erste mal verliebt waren. Welche führende Kraft doch von dieser Liebe ausging. In ihr erkannten wir zum ersten mal, was die Unterschiede in dieser Welt sind. Der Unterschied zu meinem Partner – der Unterschied den die Polarität der Geschlechter verdeutlicht. Der Erkenntnisbaum im Paradies, ist dafür ein Symbol. Und es heißt ja, im vierten Kapitel der Genesis, dass Adam seine Frau erkannte, und sie dabei schwanger wurde. Ist das Erkennen der Polarität also eine Schöpfungsakt? Die Schlange auf dem Baum gibt dieses Erkenntnismittel weiter, das Erkennen der Polarität. Es ist diese Schlange diabolisch, die Erkenntnis aber ist symbolisch – Diabol als Erkennen der Polarität, das Symbol als Form der Einheit. So bilden beide zusammen eine Dreiheit, die sich das eine mal als göttliche, ein andermal als irdische Wahrheiten erweisen.

Himmelspol und Weltenberg

Erwachsen sein: soweit war Parzival noch nicht. Er war auf der Suche nach seiner Mutter. Als es Abend wird kommt er an einen See und sieht dort Fischer und fragt sie nach einer Herberge. Unter ihnen ist Amfortas – der König der Fischer. Er weist ihm den Weg auf die Gralsburg Montsalvatsch, wo man ihn schon erwartet. Feierlich werden dem Parzival die Tore zur Montsalvatsch geöffnet. Als er eintritt hüllt man ihn sogleich in einen Purpurmantel, als sei er bereits der König. Das Ankommen Parzivals auf der Burg Montsalvatsch, ist ein Symbol für die Vergöttlichung der Seele. Der Montsalvatsch – die magische Burg – symbolisiert den heiligen Berg, das Symbol der Weltachse, der Axis Mundi, ähnlich dem Berg Meru der Inder, wie auch dem Berg Moriah der Israeliten – auf dessen Gipfel der Polarstern scheint.

Wenn der Polarstern den höchsten Punkt des Himmelsberges beleuchtet, so formt das Licht der Sonne einen Licht-Dom, der sich um den Polarkreis bildet. Wie Sie ja vielleicht wissen, wechseln Tag und Nacht am Polarkreis, nur einmal im Jahr. Ein Tag heißt: sechs Monate, indem sich die Sonne unentwegt, im Kreis, über den Horizont, in drei Monaten, nach oben »schraubt« und sich in drei Monaten wieder schneckenförmig hinab bewegt, und so eine Spirale des Lichts bildet. So wird jedes Jahr, zwischen Frühlings- und Herbsttagundnachtgleiche, der Licht-Dom um die mystische Gralsburg errichtet. Auf dieser Gralsburg berührt der Himmel also die Erde. Alle geistigen Dinge im Himmel haben eine Entsprechung auf der Erde. Diese Gralsburg Montsalvatsch, wie sie Wolfram von Eschenbach beschrieb, ist vielleicht der Montsegur, heute in Südfrankreich – die alte Festung der Katharer.

Dort angekommen tritt Parzival in einen großen Saal, der von tausenden Lichtern erfüllt ist. Vor sich sieht er 400 Ritter, die alle traurig drein blicken, doch voll hoffnungsvoller Erwartung sind. Der Fischerkönig Amfortas sitzt bereits an einem Kamin und bittet den Erwarteten neben sich Platz zu nehmen. Nun ereignet sich etwas Sonderbares. Parzival sieht wie ein großes, ehernes Portal sich vor ihm öffnet und in Brokat gekleidete Jungfrauen, sanften Schrittes langsam in den Saal kommen. Jede trägt eine brennende Kerze in der Hand, stellt sich in einem Halbkreis vor ihn und Amfortas. Ihnen folgt ein Page mit einem Schwert. Er legt es zu Füßen Parzivals. Der ist über all das sehr verwundert und würde gerne fragen, ist sehr neugierig, doch er fragt nicht.

Ein weiterer Page kommt in den Saal, mit einem Speer, der an der Spitze blutet. Schließlich hört man Musik und im Rhythmus der Harfentöne schreitend, wird der Gral von der Jungfrau Repanse de Schoye in des Saal getragen. Der Gral leuchtet hell wie das Licht der Sonne. Parzival hört die Ritter flüstern: »Der Gral! Der Gral!«

Mit dem Eintreffen des Grals, decken sich alle Tische im Saal, mit köstlichen Speisen. Das Zaubergefäß stillt alle Bedürfnisse. Zu seiner Verwunderung aber merkt Parzival, dass Amfortas schwer krank ist. Und er wüsste gern die Bedeutung, doch er erinnert sich an seine Mutter, erinnert sich an die Vergangenheit, das was ihm Gurnemanz beigebracht hat: »Stelle keine unnötigen Fragen«. Doch alle warten eigentlich auf die Frage. Parzival aber hat Angst.

Enttäuscht von Parzivals unangebrachter Zurückhaltung, trägt man Amfortas auf seiner Liege wieder aus dem Saal – die Ritter rücken ab. In der Nacht hat Parzival, dort auf der Montsalvatsch, furchtbare Alpträume. Er flüchtete morgens aus der völlig verlassenen Burg, als wäre niemals jemand dagewesen. Seine Irrfahrt geht weiter! Parzival ist ein wahrer Odysseus des Nordens – doch er ist allein!

Kleiner Wagen Swastika - ewigeweisheit.de

Der äußerste Stern der Deichsel im Sternbild des Kleinen Wagens (Kleine Bär) bildet heute den Polarstern (in der Abb. gelb). Momentaufnahmen dieses Sternbilds, zu den vier Tageszeiten (Morgendämmerung, Mittag, Abenddämmerung, Mitternacht), ergeben eine rechtsdrehende Swastika: das 11.000 Jahre alte Glückssymbol der Hindus.

Im Labyrinth des Karmas

Parzival überollte regelrecht die Abfolge von Ereignissen, die sich im Saal auf der Gralsburg vor ihm abspielten. Was sollten die Forderungen die man ihm stellte? Er wusste nicht, dass er »die Frage« hätte stellen soll – die »erlösende Frage«? Parzival wollte ja eigentlich, aber er hatte immer noch die Befehle im Kopf, die Stimmen aus der Vergangenheit.

Ungewissheit umgab ihn, vielleicht als Gefahr empfunden, doch Parzival musste es einfach durchstehen – in diesem Zustand seiner Reise, durch das öde Land weitergehen – in einem Land das gemeinsam mit seinem König Amfortas leidet.

Nun hat sich Parzival im Labyrinth seines eigenen Karmas verirrt. Er tötete seinen Onkel Ither (Roter Ritter) und unterließ ebenso unwissend, die Frage zu stellen. Jetzt beginnt der andere Aspekt der Nordsonne wirksam zu werden, die sich diesmal nämlich, in der zweiten Jahreshälfte, unter die Erde bewegt und dort als Mitternachtssonne, quasi ein imaginäres Labyrinth gräbt. Hier findet die Konfrontation statt mit den Finsterniskräften, mit den schwarzen Aspekt des Seelenlebens, den Schatten. Dahinter lauert der Minotaurus – jene kretische Bestie, halb Mensch, halb Stier – der griechischen Mythologie, der symbolisch immer wieder auf den qualvollen Lebensweg des Menschen hindeutet. Doch eben in dieser finsteren Phase beginnt die eigentliche Verwandlung unseres Helden, seine Transformation zu etwas Höherem, Größerem und Vollkommenerem. Am Anfang versuchte er den Leidensweg der Finsternis auszulassen, wenn auch unwissend, indem er sich in die Rüstung des getöteten Roten Ritters kleidete. Die eigentliche Nigredo, die erste Stufe bei der Bereitung des Steins der Weisen, erfolgte erst jetzt. Sein altes Ich musste absterben, damit etwas neues in seinem Leben kommen kann.

Nur durch das Ablassen vom Alten, ist Neues möglich. Die Vergangenheit bleibt zurück, stirbt und wird begraben. Doch dafür muss sich Parzival seinem Schattenselbst stellen, dem, was einst in Kreta der finstere Minotaurus im sagenhaften Labyrinth darstellte. Denn das Äußere, spiegelt unser Inneres wieder. Nur so, im Verstehen dessen, können wir in das große Weltgeschehen eingebunden werden. Durch das Annehmen dieser Schatten in uns, können wir aufgenommen werden, indem wir uns trennen von alten, damit wir neue Freunde finden können – indem wir alte, durch neue Gewohnheiten ersetzen.

Ja, das Thema der Wiedergeburt, ist das Thema der Nigredo – sie ist der erste Schritt, um dieses erhabene Ziel zu erreichen. Und interessanterweise bezeichnet den Namen für die Seele, das griechische Wort »Psyche«, was gleichzeitig das griechische Wort für den Schmetterling ist. Der Schmetterling verpuppt sich ja und würde in seiner Hülle verrecken, entpuppte er sich nicht, damit er fliegen lernte. Seine alte Hülle verlassend, fliegt er hinein in ein neues Leben, um allen seine wahre Schönheit zu zeigen. Wer will in der alten Hülle bleiben? Wer will anhaften, an alten Verkrustungen und alten Starrheiten? Wer will an alten Erinnerungen, an festen Standpunkten festhalten?

Durch diese Erkenntnis erneuert, findet Parzival wie von selbst den Weg an den Artushof. Er trägt noch immer den roten Harnisch – ist noch auf dem Weg – ja, hat seinen Weg vielleicht immer noch nicht wirklich angetreten. Wegen seiner Erscheinung wird er aber gleich in die Tafelrunde aufgenommen. Es ist ein feierlicher Vorgang der Einweihung in die Ritterlichkeit. Jetzt tritt eine besondere Figur auf seine Lebensbühne: die Gralsbotin Kundrie. Sie ist eine Frau mit einem vollkommen guten Herzen, in dem eine wunderbare Seele wohnt. Doch ihr äußeres Wesen mutet schauerlich an, denn sie ist wirklich sehr, sehr hässlich – die Vorstellung einer Hexe wäre bezeichnend. Auch ihre Art lässt nicht ein gutes Herz vermuten, denn ihre Güte ist zu diesem Zeitpunkt noch in ein Kostüm grauenhafter Alpträume gekleidet.

Sie verflucht die Artusrunde, denn den jungen Mann, den man hier eben mal zum Ritter gemacht hat, hat sich diese Ehren erschlichen. Es steht ihm nicht zu. Stattdessen hat er Schande über die Edelmänner der Artusrunde gebracht: er hat seinen Onkel getötet und hat Amfortas die Frage nicht gestellt.

Aber da: es ist ja ein Glück für Parzival, endlich zu verstehen, was er eigentlich besser unterlassen hätte und was er eigentlich besser hätte tun sollen! Sein Ziel war der königliche Hof des Artus, als er noch als dummer Junge, im schützenden Umfeld von Soltane lebte. Jetzt ist er hier. Er ist angekommen, ist schockiert. Ist es nicht oft so, dass, wenn wir erst einmal haben was wir unbedingt wollten, es sich ganz anders anfühlt als wir erwarteten? Ein Ziel entsteht mit der Absicht es zu erreichen. der Wunsch aber, der diese Absicht hervorbringt, mag ein anderer sein, als was er sich am Ende erfüllt.

Nun, diese erneute Konfrontation mit Kundrie, die hier das Böse symbolisiert, gleichzeitig aber zu Parzivals vorübergehender Meisterin wird, lähmt ihn. Wir würden heute sagen: er verfällt in Depressionen. Doch nur in diesem Zustand, in diesen engen Tiefen der eigenen Seele, erkennt er eigentlich, was das Böse und was der Nutzen des Bösen ist. Er schaut nach innen, sieht sich als einsamen Reisenden. Die Suche nach dem Gral ist eben eine Reise, die nur jeder alleine machen kann, weil er nach etwas sucht, das absolut allein ist, in ewiger Einsamkeit.

Die Tafelrunde des König Artus - ewigeweisheit.de

Die Tafelrunde des König Artus (1475) in deren Mite der Gral erstrahlt. Gemälde von Evrard d'Espinques.

Par ce val – Pfad durchs Tal

Dieser Teil der Geschichte, mit dem Vorfall am Artushof, wie auch die folgende Episode, beschreiben Parzivals absoluten Tiefpunkt. Er beginnt an allem zu zweifeln, auch an Gott, an den er ja eigentlich glaubte. Ja, er hasst Gott regelrecht, denn er empfindet alles was ihm widerfuhr als große Ungerechtigkeit. Letztendlich leidet er aber unter seinem mangelnden Verständnis dafür, dass alles einen höheren Zweck erfüllt. Doch seine Einstellung ist nur all zu menschlich. Oft finden wir uns wütend über andere oder uns selbst, weil wir nicht den Sinn hinter diesen und jenen Vorgängen im Leben verstehen. Es sind Überbleibsel von Handlungen in unserer Vergangenheit, die bis in die Kindheit zurückreichen. Darin lebt unser ichbezogenes Wesen fort, das ein kleines Kind bleiben will, ohne Verantwortung zu übernehmen, doch mit dem Anspruch, sich jede Freiheit in der Welt nehmen zu können.

In dieser Stimmung setzt Parzival seine Reise fort bis Karfreitag. Jetzt erinnert er sich an seinen Gottesglauben, weiß nun wieder, dass es sich lohnt zu suchen, weiterzugehen. Karfreitag ist von großer Bedeutung in der Erzählung des Wolfram von Eschenbach. Es ist die Rede von einer weißen Taube, die vom Himmel hinabfliegt und eine Hostie auf den Gral legt, um seine Wunderkraft, seine Nährkraft zu erneuern. Dafür steht die Farbe Weiß – die Albedo, die zweite Hauptstufe des Großen Werks in der Alchemie. Die weiße Taube ist auch eins der Hauptsymbole der Aphrodite, dem griechischen Pendant der Venus – und die Venus ist ja der Planet, den die alten Lateiner »Luzifer« nannten – den »Lichtbringer«, da er als Morgenstern die Dämmerung ankündigt – das Licht bringt (lucis, ferre).

Wir hatten bereits über den »Streit im Himmel« gesprochen. In der Offenbarung des Johannes kämpfen die englischen Heerscharen des Michael, gegen die dämonischen Heerscharen des Luzifer. Dabei schlägt ein Schwert einen Stein aus der Krone des Luzifer. Es ist ein Smaragd der vom Himmel auf die Erde fällt. Man nennt ihn auch den »Chintamani-Stein«. Es ist der sprichwörtliche Zacken, der dem übermütigen Luzifer aus der Krone gehauen wurde: der grüne Stein ist Gral, ist die Smaragdtafel (Tabula Smaragdina), auf der ja der große Eingeweihte Hermes Trismegistos, die Verhältnisse des Oberen und Unteren in ihre Bedeutung, im Sinne des »Einigen Dinges« beschrieben hat.

Nach diesem Kleinod sucht unser Held – ohne es selbst zu wissen. Er sucht nach dem Stein der Weisen – einem Stein des Lichts. Auf seiner Reise ist er diesem erhabenen Ziel schon ein gutes Stück näher gekommen. Doch Gralshüter ist er noch nicht.

Lange nach Ostern, lange nach diesem Vorfall erst, im Winter, kommt er nachts an eine Klause, die sich in einer großen Höhle befindet. Dort trifft er auf einen Eremiten: das ist sein Onkel Trevrizent. Irgendwie wusste der von seinem Kommen bereits und empfängt ihn freundlich. Dort in der Höhle wird Parzival von Trevirzent in die Bedeutung und Wichtigkeit des heiligen Grals eingeweiht:

Ich weiß es wohnt eine Schar
Beim Gral zu Montsalvatsch immer dar
Ihre Arbeit und ihren Preis
Ihm ganz geweiht
Tempeleisen heißen,
Sich seines Dienstes sich befleißen.
Ihre Nahrung spendet ein Edelstein,
Wunderkräftig, klar und rein.
Mit Namen 'Lapis Exillis'.

Durch ihn verbrennt der Phönix,
Zu Asche sich,
Doch diese schafft ihm Leben wieder,
So dass er steigt empor aus neuer Kraft
Und schöner als er war zuvor.

Dem Menschen kann kein Leid geschehen,
Am Tag da er den Stein gesehen.
Und eine Woche nach der Zeit,
Bleibt er vom Tode befreit.

Wer ihn täglich erblicken kann,
Dem, sei es Frau oder Mann,
Bleibt unverändert Farb' und Haut,
Wie in schönster Jugend sie ward geschaut.
Und sähe er ihn zweihundert Jahre,
Ihm ergrauten dennoch nie die Haare.
Und solche Kraft verleiht der Stein,
Dem Menschen, das ihm Fleisch und Bein,
In ungeschwächter Jugend bleiben.

Der Stein, des Wunder ich versuchte zu beschreiben,
Wird der Gral genannt,
Gesendet von der höchsten Hand.
 

Die Gralsjungfrau - ewigeweisheit.de

Die Gralsjungfrau Repanse de Schoye.

Wiedergeburt

Die Höhle, in der sich Parzival bei Trevrizent aufhält, ist ja das alte und urtümliche Refugium, ein Ort an dem Einweihungen stattfinden. Die Höhle ist Symbol des Uterus, aus dem das neue Leben geboren wird: und darum geht’s ja. Es ist das Sein der Seele in diesem Leib, der stirbt und in neuer Form wieder aufersteht. Die schwarzen und weißen Kacheln über die der Neophyt im Freimaurer-Ritus schreitet, zeigt genau diese Bedeutung an: wir Sterben und werden wiedergeboren, jeden Augenblick. Das beschreiten des Einweihungsweges ist der Gang durch die Gegensätze, der zur Einung führt von Gut und Böse, Unschuld und Erfahrung, Schwarz und Weiß. In diesem Sinne ist die Höhle ein gleichnishaftes Bild des Weltalls, wo Sterne funkeln als Licht im Kontrast zur tiefen Finsternis.

Die Höhle stellt ein inneres Weltzentrum der Einweihung dar, während der Berg, als das Pendant zur Höhle, ein äußeres Weltzentrum darstellt. Im Menschen entspricht diese Höhle der fünften, verborgenen Herzkammer, während das Denken ständig die Gipfelhöhen des menschlichem Geistes erklimmen will.

Das Heraustreten aus dieser Höhle, der Einweihungsstätte seines Onkels Trevrizent, war für Parzival ein Heraustreten aus seiner Eingeschlossenheit in sich selbst, eine Befreiung aus seiner Introvertiertheit. Nur aber in der Akzeptanz von alle dem was vorgefallen war, konnte diese Einweihung zu seiner neuen, eigenen Lebensvision beitragen, ihm ein Licht sein, auf dem Weg zum wahren Lebensziel. Er erkennt nun wofür seine Mitmenschen existieren. Wichtiger noch: er sieht all die Verbindungen innerhalb einer Gemeinschaft, die alle Menschen zusammenhält.

Seinen Onkel Trevrizent zu treffen war also ein ganz wichtiger Schritt, um zu diesen essentiellen Erkenntnissen zu gelangen. Bei ihm erhielt er die klare Vision für seine eigentliche Lebensaufgabe. Doch für all das musste er sein ganzes bisheriges Leben zurücklassen. Sogar seine geliebte Mutter! Dieses Sterbenlassen des alten Lebens: Wie oft sind wir dazu bereit? Wie oft fehlt und hierzu die Vision, der wir danach folgen könnten? Oder ist es jener Einsiedler, dem wir bisher noch nicht begegnet sind, der wir vielleicht, zumindest für eine angemessene Zeit, selbst werden müssen?

Der Eremit Trevrizent gibt unserem Helden zu wissen, dass er sich noch einmal auf die Gralsburg begeben muss, um seine Heldenreise zu komplettieren. Wer schon einmal in Okzitanien, der französischen Arriege gewesen ist, weiß, dass sich unweit der legendären Festung auf dem Montségur, besondere Höhlen befinden. Dort wurden bereits vor mehr als 12.000 Jahren Menschen eingeweiht in die Mysterien der Großen Mutter. Auch wenn es nicht das erste mal ist, dass jemand diese Vermutung anstellt: es könnte gut sein, dass Kyot de Prevance die Geschichte vom Helden Parzival mit dieser Region romantisch assoziierte.

Die entscheidende Frage

So stieg Parzival nach seiner Einweihung aus der Höhle bei Trevrizent, passierte den engen Eingang. Da musste er sich wohl gefühlt haben wie das Kind das durch den Geburtskanal, in ein neues Leben geboren wird – von der Dunkelheit heraus ins Licht. Dort draußen begibt er sich zum Gipfel des Berges, auf dem sich die Burg Montsalvatsch befindet. Er wird erwartet. Nur durch einen Nachfolger kann der Fischerkönig Amfortas von seinem Leid erlöst werden. Von Trevrizent erfuhr er außerdem die zentrale Frage, um die sich ja die ganze Gralsgeschichte dreht. Endlich stellt Parzival dem Amfortas die alles erlösende Frage:

Was fehlt Dir Oheim?

Wäre es nicht manchmal angebracht, wir stellten auch unseren Mitmenschen ähnliche Fragen? Ein Arzt kuriert schon allein damit, dass er einen Leidenden fragt: »Was fehlt Ihnen?« – »Was haben Sie?«

Parzivals Frage, die er König Amfortas stellt, ist der mündliche Vollzug der Herrschaftsübernahme des Gralstums. So wird Amfortas endlich von seinem Leid erlöst. Dieser Vorgang entspricht dem, was man in der Hermetik den »Phönix im Rosengarten« nennt: Das Rot der Rose, zeigt die Rubedo an – die letzte Stufe bei der Schaffung des Steins der Weisen. So hat Parzival schließlich, nach langem Suchen, diesen Teil gefunden, diesen Aspekt seines zeitlich begrenzten, natürlichen Wesenskerns. Jetzt erkennt er, das seine Suche, eine Suche war, nach seinem wahren Selbst – die Suche nach dem verborgenen Licht im Herzen. Es ist ein Licht, das verborgen in jener geheimen Herzkammer schimmert, in der sich alle Leben des großen Inkarnationszyklus, auf- und wieder abrollen. Danach sollen wir suchen, das sollen wir zu erkennen trachten. Denn dort, in der Tiefe unseres inneren Seelenbrunnens, auf dessen grün strahlendem Grund, hier befindet sich der Heilige Gral. Die Erkenntnis ist also im Herzen; die Erkenntnis der göttlichen Absicht, dort im smaragdenen Licht dieser Herzkammer, dort erscheint die Vision der wahren Lebensabsicht.

Der Weg zu uns selbst

Um diesen Weg zu gehen, müssen wir all die Schwierigkeiten im Leben durchstehen. Die Umwege im Leben führen uns zu uns selbst, während der kürzeste Weg nirgendwo wo anders hinführt, als direkt ins Grab. Und dennoch wollen viele Erleuchtung erlangen, ohne bereit zu sein auch zu Irren und den Weg des Leidens zu gehen.

Ich hatte lange Zeit das Gefühl, es müsste unbedingt so sein, dass ich alles in der Welt verstehe. Doch ich wollte eigentlich nur kontrollieren, was mich immer mehr an die Welt gebunden hat, mich nur immer unfreier machte. Das oder Ähnliches unterstelle ich hiermit dem Leser, aber möglicherweise weiß er oder sie, worauf ich eigentlich hinaus will: Wenn man auf seinem spirituellen Weg, so schnell wie möglich ans Ziel kommen möchte, ohne in sich selbst zuerst einen Frieden geschaffen zu haben, ohne die Sicherheit, die man sich im Außen wünscht, zuerst einmal in sich selbst geschaffen hat, wohin soll der Weg uns dann führen? Es ist wichtig ohne den Zwang erfolgreich zu sein, Visionen zu erzeugen – Vision von Zielen, die wir im Leben erreichen wollen. Das sind Ziele, die unser neues Leben erschaffen. Lebensziele führen einen auch zu den Menschen, die einem gut tun – und darum geht es: zusammen zu verstehen, zusammen zu arbeiten, zusammen neues, schönes zu schaffen.

Mit einem Ziel vor Augen, weiß man genau wonach man sucht. Und suchen tun wir doch immer nur danach, was wir auch brauchen. Jede Suche aber ist mit Fragen verbunden. Wer nicht fragt und glaubt schon alles zu wissen, der kommt einfach nicht weiter und findet auch keine Freunde.

Das ganz Große müssen wir nicht erreichen, im Kleinen aber den Glauben bewahren. Dann werden wir die Meisterschaft über die großen Dinge erringen. Es ist der Glaube daran, dass die Erneuerung unseres Selbst immer möglich ist, egal wie alt wir sind. Dann werden die großen Aufgaben von alleine kommen, die zur Lösung der Probleme in unserem Leben beitragen. Daraus erwachsen dann jene Ideen, mit denen sich auch die Probleme unserer Mitmenschen lösen lassen – dem was von Wert ist, für unsere Welt.

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Der Einfluss der Hermetik auf die moderne Wissenschaft

von S. Levent Oezkan

Camille Flammarion's L'atmosphère: météorologie populaire (Paris, 1888) - ewigeweisheit.de

Pythagoras war einer der wichtigsten Vertreter der hermetischen Philosophie in Europa. Auf seinen vielen Reisen sah er was andere nie zu Gesicht bekamen. Während eines langen Aufenthalts in Ägypten soll er von Priestern des Thoth in die hermetische Wissenschaft eingeweiht worden sein. Andere Überlieferungen behaupten, sein Initiator war Hermes Trismegistos selbst.

Die Überlieferungen der Pythagoreer wurden zu einer wichtigen Grundlage für Platons Philosophie. Vielleicht hatte aber auch er zu Füßen ägyptischer Meister gesessen und die Weisheiten der "Hohen Kunst" vernommen.
Die Philosophie seines Schülers Aristoteles sollte bis in die Neuzeit hinein das wissenschaftliche Denken im Westen prägen.
Aristoteles war auch Erzieher Alexanders des Großen - dem Gründer Alexandrias. 700 Jahre lang war diese Stadt das Zentrum der Gelehrsamkeit und weit über die Grenzen Ägyptens hinaus berühmt. Alexandria war ein Schmelztiegel der Weisheiten Griechenlands, Ägyptens, Palästinas, Babylons, Persiens und Indiens.

Alexandrias legendäre Bibliothek machte die Stadt im ganzen Mittelmeerraum bekannt und wurde zu einem Statussymbol der ptolemäischen Herrscher Ägyptens. Doch bereits vor Beginn der christlichen Zeitrechnung gab es in dieser Gegend Privatbibliotheken vieler esoterischer Schulen, die sich mit der Heiligen Wissenschaft der Hermetik befassten. Darunter waren auch Geheimbibliotheken der Therapeuten - einer ägyptischen Sekte der Essener.
Der alexandrinische Geist dieser alten Zeit beförderte hermetisches, neupythagoreisches und neuplatonisches Gedankengut, wie man es auch in den 42 Büchern des Hermes findet.

Im 7. Jhd. entstand eine neue Religion in Arabien: der Islam. Mit seiner schnelle Ausdehnung, verbreitete sich auch viel esoterisches Wissen aus dem Orient, zunächst in Westasien und Afrika, drang später über Marokko ins spanische Europa vor (Andalusien, Cordoba, Granada). Die islamische Wissenschaft erreichte ihren Höhepunkt mit der Gründung des "Hauses der Weisheit" - einer Akademie, die durch den Kalifen Al-Mamun von Bagdad im 9. Jhd. ins Leben gerufen wurde.
Im 11. Jhd. machten sich die Templer mit den islamischen Wissenschaften vertraut. Wegen ihres großen Einflusses (Einführung des europäischen Bankwesens) verbreitete sich islamisches Wissensgut schließlich in ganz Europa. Diese besondere Stellung der islamischen Wissenschaften im Mittelalter, ist noch heute zu erkennen. Namen von Sternen wie Vega, Formalhaut, Algol oder Ras Algethi, als auch Bezeichnungen wie Alchemie, Algebra, Alkohol und Alkali, sind arabischen Ursprungs.

Diese Einflüsse inspirierten im Mittelalter viele Denker, woraus schließlich der Wunsch aufkam, die Grenzen alter, kirchlicher Dogmen und Glaubenszwänge, mit Vernunft, Forscherdrang und Empirie zu überwinden. Dieser Forschergeist sollte in Europa bis in die Renaissance lebendig bleiben. Man gewann neue Inspirationen aus den alten Mythenschätzen der Magie, des Okkultismus und Hermetizismus. Dogmen die die Kirche untermauerten, gerieten immer mehr ins Wanken.
Das bedeutet aber nicht, dass christliche Glaubensvorstellungen von Hermetikern abgelehnt wurden. Vielmehr verschmolzen diese mit älterem, teils paganem Wissensgut, in einer spirituell-wissenschaftlichen Strömung.

Islamische Hermetik in Ägypten und Persien

Für den ägyptische Naturmystiker und Sufi-Heiligen Dhul-Nun Al-Misri (796-859) war die hermetische Tradition der Alchemisten, eine kosmologische Tradition göttlicher Offenbarung. Sein wissenschaftliches Streben stand im Einklang mit der Natur. Er gewann seine Erkenntnisse aus Gleichnissen, die er in seiner Umwelt wahrnahm, während andere versuchten so etwas in den heiligen Schriften zu finden.
Dhul-Nuns poetische Gebete, die dem koranischen Wort treu blieben, beeinflussten auch die Naturschilderungen der Sufi-Mystiker Persiens. Unter diesen mag sich auch Abdullah ibn Sina (980-1037) befunden haben: Arzt, Alchemist, Philosoph und Dichter - in der europäischen Gelehrtenwelt bekannt unter dem Namen "Avicenna". Er entwickelte u. a. verschiedene alchemistische Verfahren, wie etwa die Herstellung ätherischer Öle und Pflanzenauszüge für medizinische Zwecke.
Durch seine große Kenntnis westlicher und östlicher Geisteshaltungen in Naturwissenschaft und Philosophie, galt Avicenna als Brückenbauer zwischen Orient und Okzident. Seine hermetische Philosophie hatte viele Gemeinsamkeiten mit aristotelischen Weltanschauungen. Darum wurden in Europa die Werke Aristoteles' häufig gemeinsam mit den Schriften Avicennas herausgegeben.

Avicenna (Ibn Sina) - ewigeweisheit.de

Der persische Alchemist Abdullah ibn Sina (Avicenna)

Einer der in der Tradition Avicennas stand, war der persische Philosoph und Mystiker Schihab Al-Din Al-Suhrawardi (1154–1191), den man später den "Meister der Erleuchtung" nannte. Trotz das Suhrawardi in seinem Studium die Lehren Avicennas vollständig verinnerlicht hatte, kritisierte er an dessen Lehrgebäude, die gesamte Welt allein durch logische Schlussfolgerungen begreifen zu wollen. Doch da zu damaliger Zeit die aristotelisch geprägte Weltanschauung Avicennas, in der islamischen Gelehrtenwelt allgegenwärtig war, gelang ihm zunächst nicht, seinen Zeitgenossen den hohen Wert seiner hermetischen Philosophie zu vermitteln.

Suhrawardi beschreibt ein immaterielles Licht (vergl. Genesis 1:3) in dem nichts manifest ist. Dieses Licht entfaltet sich über mehrere Stufen hinab, bis es sich in den dichtesten und dunkelsten Formen der Materie erhärtet. Mit anderen Worten: in Suhrawardis Philosophie besteht das Universum mit all seinen Ebenen der Existenz, aus graduellen Schattierungen von Licht und Finsternis.
Außerdem unterteilte er die körperlichen Formen der irdischen und kosmischen Natur, gemäß ihres Vermögens und Unvermögens, göttliches Licht aufzunehmen. Für diejenigen Menschen die d
ieses Licht aufzunehmen vermochten, war es eine Inspirationsquelle der Erkenntnis.

Diese neue Art Einsichten zu gewinnen, ließen sich nur schwer mit den Lehren Avicennas vereinbaren. Suhrawardi war auf der Suche nach Antworten, die ihm aber niemand geben konnte! Doch eines Nachts erschien ihm im Traum Aristoteles, von dem er seine lang gesuchte Antwort bekam. Mit Hilfe dieser Traumvision schuf er die Grundlagen für seine Erkenntnistheorie der Erleuchtung. Er erkannte: nur durch die Zusammenführung von göttlich inspirierter Intuition und wissenschaftlich-philosophischer Werkzeuge der Vernunft (Aristoteles), kann spirituelles Wissen für jeden verständlich gemacht werden.

Hermetik als Inspirationsquelle der Wissenschaften

Der durch islamische Mystiker (Sufis) überlieferte Wissensschatz der Hermetik, übte großen Einfluss auf das im 17. Jhd. entstehende Rosenkreuzertum aus und bildete eine wichtige Inspirationsquelle für europäische Gelehrte. Unter ihnen befanden sich Persönlichkeiten wie Nikolaus Kopernikus, Johannes Kepler, Francis Bacon und Isaac Newton. Isaac Newton übersetzte einen der wohl bedeutendsten Texte der Hermetik ins Englische: die Tabula Smaragdina (Smaragdtafel).
Viele zeitgenössische Wissenschaftler verschließen gerne die Augen, wenn es um die okkultistisch-religiös geprägte Geschichte Isaac Newtons geht. Newton war nämlich ein streng gläubiger Mensch und außerdem jemand, der so "ketzerische Wissenschaften" wie Hermetik und Alchemie betrieb. Insbesondere im hermetischen Gedankengut fand er Wissen, das seinen Zeitgenossen unzugänglich blieb. Ohne die Erkenntnisse die er aus dem Hermetismus gewann, hätte er höhere Bereiche der Wissenschaften, wie z. B. die Gravitationsgesetze oder die Gesetze der Optik, niemals erklommen.

Hermetisches Denken war im Zeitalter der Aufklärung für viele Naturwissenschaftler als Werkzeug unablässig. Die Beschreibungen der Natur hatte darum einen entsprechend hermetischen Sinngehalt.
Auch Nikolaus Kopernikus bediente sich hermetischen Vokabulars, um etwa sein heliozentrisches Weltsystem zu beschreiben:

Inmitten des Alls thront die Sonne. Wo sonst im Himmelstempel sollten wir das schöne Gestirn platzieren, damit es alles erleuchte auf seine Weise? Nicht ohne Grund wird sie die Leuchte, die Regentin, der Geist des Universums genannt. Hermes Trismegistos nannte sie den sichtbaren Gott - Elektra (in der Tragödie des Dichters Sophokles) die 'Allsehende'. Auf königlichen Thron sitzend, regiert sie Planeten die um sie kreisen.

Isaac Newton - ewigeweisheit.de

Isaac Newton - Übersetzer der Tabula Smaragdina

Der Stein der Weisen und das Elixier des Lebens

In der Hermetik werden die unsichtbaren Verbindungen der himmlischen Ebenen mit den irdischen Ebenen des Seins untersucht. Aus den daraus gewonnenen Erkenntnissen entwickeln Hermetiker Verfahren, um ihrerseits die verborgenen Verbindungen zwischen den Dingen, den Lebewesen oder den Seelen zu erkennen. So können Naturphänomene und die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Ebenen des Seins erkannt werden. Dies verstehend erzielt der Hermetiker seinen Einfluss auf die Natur. Hermetiker waren daher immer auch Alchemisten. Sie waren auf der Suche nach dem Stein der Weisen, dem "lapis philosophorum" oder "lapis exillis" (Gral) - einem magischen "Elixier des Lebens". Die Bereitung dieses Wundersteins ist aber nicht primär auf die Handhabung mit Substanzen im Außen ausgerichtet. Eher geht es um die allmähliche Vergeistigung eines physischen Körpers, was in drei Phasen erfolgt:

  1. Nigredo, die "Schwärzung" wird durch den Raben symbolisiert. Auf Seelenebene geht es um die Konfrontation mit dem Schattenselbst. Hinsichtlich der alchemistisch zu veredelnden Ausgangssubstanz, werden durch "Verwesung" (lat. putrefactio) verunreinigender Aspekte ausgeschieden.
  2. Albedo, die "Weißung" wo sich der symbolische Rabe in eine weiße Taube verwandelt. Hiermit beginnt die "Vergeistigung" der Ausgangssubstanz, die Reinigung von den Abfällen aus dem Nigredo-Prozess. Auf seelischer Ebene wird sich der Hermetiker jetzt seines gegengeschlechtlichen Anteils bewusst - das was C. G. Jung bei der Frau als Animus, beim Mann als Anima bezeichnet. Alte psychische Konzepte werden in der Albedo verworfen.
  3. Rubedo, die "Rötung" als Symbol für die Rose und das Blut, sowie die Farbe der Weisheit, signalisiert das Ende des Großen Werks (Opus Magnum). In C. G. Jungs Archetypenlehre entspricht die Rubedo dem Selbst in seiner Verschmelzung mit dem Ich (Ego): die "Rote Morgendämmerung des Erwachens". Der Stein der Weisen wurde gefunden.

Dieser Stein, auch "Roter Löwe" genannt, soll rubinfarbig leuchtend, durchsichtig und sehr schwer sein. Wer ihn gefunden hat, soll minderwertige Metalle in Gold transmutieren, Kranke gesund machen und ewige leben können!

Nikolas Flamel - ewigeweisheit.de

Der "Goldmacher" Nikolas Flamel

Quacksalber oder Goldmacher

Avicenna verwies in seinen Schriften auf die zentrale Bedeutung des Merkur (→ Planet Merkur, griech. Hermes), der ja mikrokosmisch dem Metall Quecksilber entspricht (→ Mercurius). Mercurius ist der Mittler zwischen Gott und der Welt, zwischen Himmlischem und Irdischem, zwischen Anfang und Ende.
Nicht zufällig ist dem Wochentag Mittwoch (zwischen Montag und Sonntag) der Planeten Merkur (zwischen Mond und Sonne, laut ptolemäischem Weltbild) zugeordnet!
Mit Hilfe der merkurialen Kräfte des Quecksilbers, soll laut Avicenna die Bereitung des sagenhaften Steins gelingen:

Quecksilber ist kalt und feucht. Mit ihm hat Gott alle Metalle geschaffen. Es ist luftig und wird flüchtig durchs Feuer. Und wenn es dieses Feuer einige Zeit ausgestanden hat, erreicht man mit ihm Wunderwerke.
Der lebendige Geist des Quecksilbers ist von beispielloser Kraft. Man nennt es auch das Weiße oder Rote Elixier - "Ewiges Wasser", das "Wasser des Lebens" oder die "Milch der Jungfrau". Wer immer es zu sich nimmt wird den Tod nicht schmecken (Hinweis: Quecksilber ist ein starkes Nervengift! Ein Widerspruch also? Oder ist hier von einem anderen Quecksilber die Rede?).
Um das weiße und das rote Elixier zu gewinnen, müssen zwei Körper vereinigt werden. Selbst wenn Gold das perfekteste und edelste aller Metalle ist, wird es aufgelöst und durch seine verborgene Hitze geistig und flüchtig wie das Quecksilber. Es ist die sagenhafte Tinktur, das rote Elixier, das auch der "heiße männliche Same" genannt wird. Hingegen hat das weiße Elixier einen kalten und trockenen Charakter. Es gleicht dem aufgelösten Silber und wird darum der "kalte weibliche Same" genannt. Im Stein (der Weisen) sind beide Elixiere vereinigt. Dieser Stein ist eine flüssige Wundermedizin.

Unsterbliche Alchemisten

Es bleibt letztendlich ungeklärt, welchen Personen es gelang den sagenhaften "Roten Löwen" zu finden. Die wohl bekannteste Legende rankt sich um den französischen Alchemisten Nikolas Flamel (1330-1418, offiziell). In einem Traum erschien ihm ein Engel der ihm Hinweise auf ein besonderes Buch gab, das er sich darauf hin für wenig Geld beschaffte. Er fand darin sieben allegorische Bilder, welche die Arbeitsschritte bei der Bereitung des Steins der Weisen enthüllten. Nach langen Nachforschungen traf er auf einer Rückreise von Santiago de Compostela (Spanien) einem Gelehrten namens Maître Canches. Dieser erkannte den jüdischen Ursprung der darin gezeigten Bilder. Er identifizierte sie als Bilder aus dem "Buch Abrahams des Juden". Mit Canches' Hilfe konnte Flamel diese magischen Bilder entschlüsseln:

  1. Calcinatio - die Operation des Feuers.
  2. Solutio - die Operation des Wassers.
  3. Coagulatio - die Operation der Erde.
  4. Sublimatio / Destillatio - die Operation der Luft.
  5. Putrefactio / Fermentatio - der Fäulungsvorgang durch Verwesung.
  6. Separatio - die Destillation, Sublimation und Verdunstung.
  7. Conjunctio - der Höhepunkt des Großen Werks (Opus Magnum).

Am 17. Januar 1382 soll Flamel gemeinsam mit seiner Frau erstmals die Herstellung von Silber aus Quecksilber gelungen sein. Am 25. April desselben Jahres, gelang ihnen dann die Transmutation auf Gold!
Mit Hilfe des sagenhaften Buches, fanden Nikolas Flamel und seine Frau schließlich das "Elixier des ewigen Lebens". Einer Legende zu Folge begegneten die Flamels noch im 18. Jhd. (mehr als 400 Jahre alt!) Leuten in der Türkei. Manche Legenden behaupten sogar, Nikolas Flamel sei einstiger Großmeister der Prieuré de Sion gewesen. In diesem Zuge versuchen ihn Verschwörungstheoretiker auch mit dem Geheimnis von Rennes-le-Chateau und dem verborgenen Schatz der Katharer in Verbindung zu bringen.

Ebenso kursieren Gerüchte über den mysteriösen Graf von Saint-Germain (1710-1784, offiziell) der ebenfalls Unsterblichkeit erlangt haben soll. Der Legende nach soll er als unbekannter, "Ewiger Wanderer" noch weit bis ins 19. Jhd. in Europa gesehen worden sein.
Saint-Germain verzauberte mit seinem magischen Violinspiel seine Zuhörer auf Bühnen in England. In Italien kannte man ihn als fabelhaften Bildhauer, in Deutschland wiederum bewunderte man ihn als genialen Chemiker. Besonders aber in Frankreich kursierten verschiedene Gerüchte über Saint-Germain. Es heißt, er pflegte innige Verbindungen zum französischen Königshaus. König Ludwig XV. und seine Mätresse Madame de Pompadour, behandelten ihn als äußerst respektablen Zeitgenossen. Ludwig hielt ihn für eine Person edelster Abstammung. Er glaubte Saint-Germain kenne das Geheimnis der Transmutation von Metallen in Gold. Doch viele hielten ihn für einen Betrüger und Hochstapler. Die pariser Polizei suchte nach Beweisen, die zeigen sollten, dass Saint-Germain auf ungesetzliche Weise zu seinem Reichtum kam. Doch leider versagte der Versuch irgendeine normale Quelle für seinen Wohlstand ermitteln zu können. Eine andere Legende erzählt, dass eine 45-jährigen Edeldame ein Fläschchen von Saint-Germain bekam. Diese enthielt ein Wunderelixier das die Frau auf einen Zug austrank. Niemand erkannte sie danach, denn sie verjüngte sich, ohne es selbst zu merken, in eine sechzehn jähriges Mädchen!

Graf von St. Germain - ewigeweisheit.de

Der unsterbliche Graf von Saint-Germain

Hermetik, Naturwissenschaft und die Industrielle Revolution

Durch die Erkenntnisse aus der Hermetik gelang die Herauslösung wissenschaftlicher Bestrebungen aus den Zwängen kirchlicher Dogmatik und Glaubensnormen. Damit sich aber die Formen der Wissenschaften weiter kristallisieren konnten, mussten bestimmte hermetische Gesetze erneut verworfen werden. Nur so konnte eine letztendliche Trennung vom Kirchenglauben erfolgen. Der alte Wunsch nach Erleuchtung musste wissenschaftlichem Forschen weichen.
Als Offenbarungslehre diente die Hermetik also der Trennung von Wissen und Glauben - blieb aber gleichzeitig als Bindeglied zwischen diesen beiden Haltungen menschlichen Intellekts erhalten.

Mit der Wissenschaftlichen Revolution gegen Ende des 18. Jhd., kam es zur eigentlichen Trennung von Astrologie und Astronomie, von Alchemie und Chemie, von Hermetik und Naturwissenschaft. Ansichten über die Natur wurden immer mehr in einem mechanistischen Weltbild untergebracht.
1776 wurde die erste einsatzfähige Dampfmaschine nach dem Prinzip von James Watt in England installiert; das war die Geburt des industriellen Zeitalters. Durch die Einführung quantitativer Messmethoden in der Chemie durch den Franzosen Antoine de Lavoisier, wurden materielle Weltanschauung gefestigt. Man wollte nun mit Vernunft und Logik nach wahrem Wissen streben und sich so, ein für alle mal von Religion und Spiritualität trennen.
Gleichzeitig veränderten sich Ende des 18. Jhd. auch die politischen Verhältnisse in der westlichen Welt. Die Macht der Monarchien begann zu schwinden. Geheimgesellschaften wie z. B. der Illuminaten-Orden (gegründet 1776 von Adam Weishaupt in Ingolstadt) gewannen an Einfluss. Amerika deklarierte 1776 seine Unabhängigkeit vom britischen Königshaus und mit der Französischen Revolution von 1789, begann die Zerschlagung des absolutistischen Machtapperats der Monarchie in Frankreich.

Ganzheitliche Wissenschaft im 21. Jahrhundert

Bis Anfang des 20. Jhd. versuchten Wissenschaftler alles Wahrnehmbare mit dem Tatsächlichen gleichzusetzen. Das heißt, wenn man Naturerscheinungen erforschte, glaubte man im Beobachten dieser Erscheinungen, ihre charakteristische Wesensart zu erkennen. Wenn z. B. ein Stern an einer bestimmten Position strahlte, so hielt man diese Position auch für seinen tatsächlichen Aufenthaltsort am Himmel. Doch wie man heute weiß, krümmen schwere Sterne die Raumzeit. Die Positionen vieler Sterne sind darum von der Erde aus betrachtet verschoben. Diese, durch Albert Einsteins Relativitätstheorie vorausgesagte Raumkrümmung, wurde Anfang des 20. Jahrhunderts durch Arthur Eddington bestätigt. Am 28. Mai 1919 ereignete sich eine totale Sonnenfinsternis. Um den Rand der Finsternis konnte Eddington Sterne fotografieren, die sich eigentlich hätten hinter der Sonne befinden müssen. Durch die große Masse aber, krümmte die Sonne die Raumzeit so, dass sich der Lichtstrahl des Sterns auf einer gebogenen Linien um die Sonne herumbewegte und so gesehen werden konnte.

John Dalton's neues System der chemischen Philosophie - ewigeweisheit.de

John Dalton's "Neues System der Chemischen Philosophie"

Auch die Atomphysik sollte im 20. Jhd. eine Revolution erfahren. Mehr als 2.500 Jahre lang glaubte man, dass Atome unteilbar seien. Doch 1911 entdeckte Ernest Rutherford (1871-1937), dass sich Atome aus einem "festen" Kern und einer "durchlässigen" Hülle zusammensetzen. Im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts sollte sich außerdem zeigen, dass die materielle Welt des Mikrokosmos in Wirklichkeit überhaupt nichts Festes enthält!
In den Atomkernen erkannte man noch kleinere Bausteine: die Nukleonen (Protonen und Neutronen). Das Modell einer "Atomhülle" aus Elektronen, wurde zu einem wolkenartigen Orbitalmodell aus "Wahrscheinlichkeitsräumen" erweitert, in dem sich die Elektronen eines Atoms aufhalten können.
Die Nukleonen wiederum setzten sich aus sogenannten Quarks zusammen, Quarks und Elektronen aus den noch kleineren T- und V-Rishons. Neuere Theorien der Quantenphysik sprechen gar von kneuelartigen, mitunter chaotischen Strukturen (sogentannte "Strings"), aus denen diese Quarks zusammengesetzt sind.

Das Alte auflösen um darin das Neue zu verbinden

Im 20. Jhd. sollten die Erkenntnisse aus der Relativitätstheorie und der Quantenphysik, alte physikalische Denkgebäude endgültig zum einstürzen bringen. Materie und Energie waren nicht etwa mehr verschiedene physikalische Zustände, sondern in bestimmten Fällen ein und das Selbe!

Albert Einstein - ewigeweisheit.de

E = m · c² – Energie ist Masse mal Lichtgeschwindigkeit im Quadrat

Astrophysiker fanden "Schwarze Löcher", deren Schwerkraft so stark war, dass sie eintretendes Licht anscheinend "verschluckten", während in ihrer Nähe die Zeit stehenblieb. Das sind wissenschaftliche Tatsachen, die den menschlichen Verstand bei weitem übersteigen. Auch Experimente im subatomaren Bereich liefern je nach Art der Beobachtung immer andere Ergebnisse. Kurz: man sieht das alles relativ ist - der Betrachter bestimmt den Ausgang eines materiellen Experiments.

Je weiter also unser Blick in den Makrokosmos abschweift und je genauer wir in die Feinheiten des Mikrokosmos zu spähen versuchen, desto mehr verliert menschliche Vernunft an Bedeutung.
​Beobachter und Beobachtetes sind untrennbar miteinander verbunden - das was untersucht wird ist eine Reflexion des Untersuchenden. Was im Universum vor sich geht, das geschieht ebenso in seinem Innern.

Wenn sich der Mensch von alten Vorstellungen löst, um neue Erkenntnisse zu gewinnen, so sollte er dennoch das überlieferte Wissen nicht vollständig verwerfen. Wir erinnern uns an den Traum des Suhrawardi!
Eines der Ziele der Hermetik war immer, bestehendes aufzulösen und darin neue Erkenntnisse zu verbinden. Darum lautet eines der wichtigsten Axiome der Hermetik:

Solve et Coagula

Diese Formel beschreibt den Prozess der Trennen oder Auflösung (Solve) eines Zustandes und das anschließende Zusammenfügen (Coagula) seiner Komponenten, was zur Erhöhung seines Ausgangszustandes führt.
Fortschritt im Denken der Menschen ist also nur durch ein kontinuierliches Trennen von alten Vorstellungen und einem Verbinden mit neuen Vorstellungen möglich.
Mündlich überlieferte Weisheiten aus dem altägyptischen Paganismus, kristallisierten sich während des jüdischen Exodus im Sinai zu einer Buchreligion. Als sich diese Form der Überlieferung im christlichen Mittelalter verhärteten, kam es schließlich zur Herauslösung wissenschaftlichen Denkens. So konnten sich unabhängig voneinander Intellekt und Spiritualität weiterentwickeln und sich gewissermaßen in einem Opus Magnum der Menschheit, getrennt voneinander zu ihrer höchsten Form veredeln - exoterisch und esoterisch.

Dieses Streben führte auf getrennten Wegen durch die Welt der Erkenntnisse. Im aufdämmernden aquarianischen Zeitalter des 21. Jahrhunderts, werden diese Wege sich aber immer häufiger kreuzen und schließlich wieder zu einem gemeinsamen Weg zusammenlaufen - einem Weg der die Menschheit zurückführt zur Einheit im Göttlichen.

[...] mit dem Vermögen die Wunderwerke eines einigen Dinges zu vollbringen.

- Tabula Smaragdina

Dieser Artikel ist außerdem erschienen in der Zeitschrift Adyar der Theosophischen Gesellschaft, 71. Jahrgang, Heft 2, Juni 2016  

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Lebendiges Wasser und das Mysterium des heiligen Grals

Was mich seit einiger Zeit interessiert, ist wie sich die Einweihungsmysterien in Europa während der letzten 150 Jahre so rasch verbreiten konnten, so dass heute jeder Mensch auf uraltes, teils geheimes Wissen Zugriff hat. Hierzu habe ich mit der Berliner Autorin Usch Henze gesprochen.

S. Levent Oezkan: Um die Legende vom Heiligen Gral rankt sich regelrecht ein ganzer Mysterienkosmos. Hilft die Sage auch jemand ahnungslosem auf einem Einweihungsweg?

Usch Henze: Es ist bis heute nicht gelungen, dem Gral eine einzige Gestalt zu geben, der Gral hat viele Gesichter und Bedeutungen. Da erhebt sich zunächst die Frage, ob der Gral ein Kelch ist - also ein Gefäß -, ob er nur ein Symbol darstellt hinter dem sich andere Geheimnisse verbergen, oder ob es um die Suche nach dem Gral geht?

Der Heilige Gral wurde in den Überlieferungen verschiedener Zeitepochen und Glaubensvorstellungen interpretiert; und bei der Vielfalt dessen, was man darunter verstehen kann, bedarf es einer Differenzierung. Hierbei muss man bedenken, dass über Jahrhunderte tradierte Sagen und Legenden eine Kurzfassung sind, deren subtiler, symbolischer Charakter oft schwer verständlich ist. Ein Ahnungsloser wird zumindest ergründen müssen, was der Kern dieser Sagen und was unter ’Einweihung’ im Sinne einer sehr alten Tradition zu verstehen ist.

S. Levent Oezkan: Die Legende vom Gral wurde vielfach erwähnt, da sie einen prinzipiellen Gang des Menschen durch die Wandlungsstufen im Leben beschreibt. So auch in Bezug auf das letzte Abendmahl in den Evangelien des Neuen Testaments.

Usch Henze: Es ist zu bedenken, dass die Legenden auf eine sehr alte Zeit zurückgehen, in der Einweihungswege zur Bildung, vor allem von Priesterschaften, Herrschern von Völkern und Führern von Stammesgruppen gehörten. Es gab über die Zeiten hinweg verschiedene Wege, ’den Gral zu suchen’. Wir kennen unterschiedliche Formen und Stufen, die abhängig von Stammesriten, kulturellen Überlieferungen oder anderen spirituellen Vorstellungen durchgeführt wurden. Die Texte der Gralssagen werden daher nicht zu Unrecht als Fragmente eines einst zusammenhängenden heidnischen Ursprungs angesehen.

Im keltischen Druidentum in Europa war es die traditionelle ’Hohe Queste’. Ein Teil der darin enthaltenen Einweihungselemente wurden später mit dem Christentum verknüpft, erst daraus entstanden in viel späterer Zeit die mittelalterlichen Gralslegenden, in denen von der ’Suche nach dem Heiligen Gral’ die Rede ist. Darin sind aber die ursprünglichen, höchst anspruchsvollen Einweihungselemente nur noch als Fragmente zu finden.

Die Hohe Queste oder die Suche nach dem Gral war einst verbunden mit bewusst herbeigeführten Herausforderungen und Prüfungen, die auf dem Fundament einer großen Weisheitslehre zur Erkenntnis und damit zur Wandlung der Persönlichkeit im Sinne einer sowohl intellektuellen als auch geistigen Reife führen sollten. Dazu war auf einer sehr hohen spirituellen Ebene die Überwindung der scheinbaren Wirklichkeit der irdischen Ebene erforderlich. Wer die Hohe Queste bestanden oder die letzte Stufe der Einweihung zum Heiligen Gral erreicht hatte, triumphierte über das irdisch-menschliche Bewusstsein.

Keineswegs ist der Gral einzig als der Kelch Jesu beim letzten Abendmahl zu sehen, es sei denn man würde darin symbolisch den Weg Jesu mit einem Einweihungsweg verbinden, wovon heute viele Menschen überzeugt sind, denn auch in der jüdischen Tradition gab es hohe Einweihungen.

Fest steht, dass der Heilige Gral niemals einer einzigen Heilslehre gedient hat. Für das Christentum mussten bestimmte Elemente eingefügt werden, sonst wäre der Gralsheld ganz ohne die Hilfe der neuen Religion zum ’Heil’ gelangt. Das Abendmahl hat in der christlichen Liturgie den Stellenwert einer Wandlung übernommen. In einem Kelch wird Wein gereicht, als ’das Blut Jesu’, wie es dieser bei dem letzten Abendmahl mit seinen Jüngern zelebriert haben soll.

S. Levent Oezkan: Leider wurde die Legende vom Heiligen Gral auch schon missbraucht.

Usch Henze: Auf jeder spirituellen oder religiösen Ebene finden wir Missbrauch, auch innerhalb sogenannter ’Mysterien-Schulungen’, sei es durch Anmaßung, die zu einem Machtmissbrauch führen kann, oder durch mangelnde Kenntnis und Weisheit. Dem wird sich ein in die universellen, hermetischen Gesetze ’Eingeweihter’ entziehen, weil er weiß, dass das auf ihn zurückfällt.

S. Levent Oezkan: Kann man im Gralsmysterium Dinge auch falsch interpretieren?

Usch Henze: Selbstverständlich, man kann sich aus jeder Weisheitslehre bestimmte Dinge herausziehen und, ohne den umfassenderen Hintergrund, so oder so zum Verständnis bringen; man kann sie auch ’zurechtbiegen’, so dass sie in ein bestimmtes Konzept passen. Die Geschichte ist voll davon!

Zu bedenken ist aber auch, dass die ursprünglichen ’Gralslegenden’ aus der Zeit um 500-600 n.Chr. stammen, zu dieser Zeit haben die authentischen ’Gralskönige’ gelebt, deren spirituelle Welt noch sehr geprägt war von vor-christlichen Glaubensvorstellungen. Darauf gehen die im 12. und 13. Jahrhundert ’neu aufgelegten’ Texte zurück. Nach so langer Zeit muss man sich nicht über Fehlinterpretationen wundern, auch nicht über die an den ’Zeitgeist’ oder an die christliche Religion angepasste, inzwischen meist abgeflachte und oft fundamentalistisch anmutende Interpretation einer alten Lehre.

Darüber hinaus ist die Suche nach dem Gral ein Mysterium, das jeder individuellen Erfahrung offensteht, die die eine oder andere Interpretation zulässt, weil sich auf dem Wege einer spirituellen Entwicklung viele unterschiedliche Erkenntnisse ergeben.

Chalice Well - Photo: S. Levent Oezkan

S. Levent Oezkan: Die heilige Quelle "Chalice Well" am Fuße des Glastonbury Hügels in der englischen Grafschaft Somerset, gilt als der Brunnen, an dem König Artus einst den Gralskelch versteckt haben soll.

Usch Henze: Diese Fragestellung gleicht einem Rätsel und bedarf einer etwas ausführlicheren Beantwortung, denn hier überlagern sich verschiedene Vorstellungen und Überlieferungen die zu Irrtümern geführt haben.

Wir müssen hier wiederum unterscheiden zwischen dem weitverbreiteten Symbol eines Kelches für den Heiligen Gral und dem Kelch als Gefäß, in dem, nach christlicher Lehre, während der Kreuzigung das ’Blut Christi’ aufgefangen wurde, den man später ebenfalls ’Gralskelch’ nannte.

Welchen Kelch soll nun Artus an der Quelle verborgen haben? Um welchen Kelch es sich handeln könnte, vermischt sich auch in den Sagen um Artus, die in Glastonbury und anderswo erzählt werden. Die meisten davon sind Interpretationen aus dem Artus-Kult, der erst im 12./13. Jh. entstand, daher glauben viele, dass ’König Artus’ in dieser Zeit gelebt habe. Die bildlichen Darstellungen der Gralsritter an der Tafelrunde sind viel später entstanden und allenfalls allegorisch zu sehen; hin und wieder steht auf dem Tisch der Artus-Runde ein Kelch, meistens wird eine andere Symbolik angeboten.

Der historische Artus hat im 6. Jh. nach Christus gelebt, das würde bedeuten, wenn ein Gefäß aus der Zeit Jesu – wo auch immer - über diesen langen Zeitraum aufbewahrt wurde, es in seine Hände gelangt war. Das wäre eines der größten und am besten gehüteten Geheimnisse der Geschichte gewesen.

Realistischer spricht man in Glastonbury in diesem Zusammenhang von Joseph von Arimathäa (nach dem NT war es der Mann, der Jesus vom Kreuz genommen hat), der einige Jahre später das »Blut Jesu« nach Glastonbury gebracht habe. Die gleiche Ausdrucksweise finden wir in den Legenden um Maria Magdalena, einer Gefährtin Jesu, die um die gleiche Zeit das »Blut Jesu« nach Frankreich gebracht habe. Dem ist aus aktuellen Nachforschungen nichts anderes zu entnehmen, als dass sie ihre Heimat Israel verlassen hatten und in diesen beiden Ländern begannen, das Christentum zu verbreiten.

S. Levent Oezkan: Die heilige Quelle "Chalice Well" am Fuße des Glastonbury Hügels in der englischen Grafschaft Somerset, gilt als der Brunnen in dem der Gralskelch verborgen liegen soll. Was hat es mit diesem Ort auf sich?

Usch Henze: Nach der Überlieferung von Glastonbury wurden Joseph von Arimathäa und zwölf seiner Gefolgsleute dort im keltischen Avalon ein Stück Land zur Verfügung gestellt. Das Land lag auf dem Areal einer sehr alten druidischen Einrichtung von größter Bedeutung. Es war das sagenumwobene Avalon, ’die heilige Insel’, ein spiritueller Kernpunkt des keltischen Königreiches, mit dem die Herrscher und das Druidentum seit undenklichen Zeiten tief verbunden waren.


Zu diesem Areal gehört der Glastonbury-Tor, ein mystischer, sagenumwobener Hügel der sich weithin sichtbar über das Land erhebt, und ein Bereich, auf dem später die Glastonbury Abbey und ein christlicher Klosterbezirk entstand. Nicht weit davon entspringt die heilige Quelle, Chalice Well. Das Wasser der Quelle ist hochgradig eisenhaltig, was dazu führte, dass die Steine im Quellbereich rötlich-braun gefärbt sind, deshalb wird Chalice Well auch "Blutquelle" genannt.


Vor diesem Hintergrund haben sich im Laufe der Zeit viele Legenden gebildet. Eine Legende will sogar wissen, wo dort genau Artus den "Gralskelch" verborgen habe.


Über der Quelle, die durch einen Brunnenschacht aus der Tiefe nach oben sprudelt, wurde eine Kammer aus monolithischen Steinblöcken errichtet. Ein einziger riesiger Felsblock bildet drei Seiten der Quelleneinfassung und das Mauerwerk ist mit der größten Genauigkeit eingepasst. Niemand weiß mehr, wann diese unglaubliche Anlage eingerichtet wurde, einiges deutet auf die vor-keltische Zeit.

Wenn am Mittsommertag die Sonne über die Kuppe des Tor-Hill steigt, fällt ein Lichtstrahl genau in die innere Brunnenkammer. In einer Wand dieser Kammer befindet sich eine Art von Schleusenöffnung, die es möglich macht, das Wasser abzulassen, so dass man die innere Kammer betreten kann.

Sobald die Schleuse geschlossen ist, füllt sich die Kammer schnell wieder mit Wasser. Diese Einrichtung hat zu manchen Spekulationen geführt, ob sie ein geeignetes Versteck für den Artus-Kelch gewesen wäre, sei dahingestellt.

Viel mehr sehe ich die Auflösung Ihrer Frage in der Tatsache, dass Glastonbury einst ein großes Schulungs- und Einweihungszentrum gewesen ist. Es war ein legendärer Kraftort aus keltischer und vor-keltischer Zeit, mit einem hohen Schwingungspotential an dem die Hohe Queste und später, zur Zeit der Gralsritter, die Suche nach dem Heiligen Gral ihre Erfüllung finden konnte.

Das heißt nichts anderes als einen hochgradigen Einweihungsweg bis zum Ende gegangen zu sein, bei dem der Einzuweihende nach einem langen Wege das "Mysterium der letzten Dinge" erfuhr und die höhere Weihe entgegennehmen durfte.

Diese höchste Auszeichnung wurde später so interpretiert, dass der Gral dort verborgen war.

In den mittelalterlichen Gralserzählungen war es jeweils ein Gralstempel, von denen es einige gab. Sie alle standen an mystischen, energetisch hochaufgeladenen Kraftplätzen, und hatten eine dementsprechende, für die letzte Einweihung geeignete Innenausstattung. Dort stand der "gefährliche Sitz", auf dem der Ritter Platz nehmen sollte, der "Stein des Schicksals" oder am Ende der "Sitz der Ehre".
Nicht jedem wurde diese hohe Ehre zuteil. Vorher musste er seine Prüfung an der "gefährlichen Quelle" bestehen, die wild kocht und von "drei Löwen" bewacht wird. Der Ritter muss die Löwen erschlagen, um die Quelle zur Ruhe zu bringen. Auch das ist ein "codierter", allegorisch verschlüsselter Text aus den Gralsmysterien, der zu Ihrer nächsten Frage überleitet.

S. Levent Oezkan: Unter vielen Erwähnungen in der mystischen Tradition des Westens, taucht der Rote Drache als Figur in der Offenbarung des Johannes auf. Ebenso ist er ein
zentrales Symbol der Alchemie. Dort steht er in Verbindung mit dem Vitriol - dem
Wandlungsprozess bei der Bereitung des Steines der Weisen. Darin ist die Rede von
der Suche nach dem Unteren der Erde, welche es zu vervollkommnen gilt um den
Quell des Lebens finden zu können.

Usch Henze: Grundsätzlich war und ist die Suche des Alchimisten nach dem Stein der Weisen nichts anderes als ein Einweihungsweg. Ein Kapitelauszug aus meinem Merowinger-Buch mag Ihre Frage erhellen:
"Im Mittelalter kannte man die »Alchemie des Essigs«, den Namen verwendete man für ein Mittel gegen die Pest, es war aber auch ein Deckname unter dem sich die »Die drei Löwen« verbargen. »Die Große Zeremonie« der Gralsritter, wenn sie am Ende ihrer Suche im Gralstempel angekommen waren, war die »Einweihung in die Drei Löwen«.
Der »Grüne Löwe«, der »Rote Löwe« und der »Weiße Löwe« waren die … drei Dinge, die zur Meisterschaft führten.

Der Weiße Löwe stand für die Vereinigung mit dem »Göttlichen Sein«. Dafür kannte man verschiedene Substanzen, die dem Menschen zu höchsten Bewusstseinsstufen verhalfen, wie bestimmte ätherische, hochkonzentrierte Essenzen (z.B. Weihrauch). Eine seit undenklichen Zeiten als »Brot« bezeichnete Substanz ist in der heutigen Zeit wieder bekannt geworden als white powder gold, es war wertvoller als Gold und scheint dem Weißen Löwen zu entsprechen.

Der Rote Löwe war bei den Alchemisten das »Große Rote Wasser«, ein Getränk, dem eine Supraleitfähigkeit auf höheren Schwingungsebenen zugeschrieben wurde, der Alchemieforscher Fulcanelli nannte es »Morgentau«.

Die Essenz des Grünen Löwen war als »Vitriol der Weisen« bekannt und führte zu einer Metamorphose des Geistes. Als »Grüner Drache« wurden auch Mittel bezeichnet, die Gold lösen konnten. Derartige Flüssigkeiten standen am Anfang des »Großen Werkes« bei der Herstellung des »Steins der Weisen«.

Im Mittelalter gab es das Aurum Potabile, das Trinkgold der Alchemisten, es war nicht nur als Heilmittel angesehen. Alle Eingeweihten wussten, dass Gold auch in fester Form als Metall »Licht-Energie« zuführt, die die natürliche Schwingung von Körper, Geist und Seele erhöht, mit anderen Worten unterstützt es die Entwicklung des Bewusstseins.
In den verschiedenen Legenden wird der Heilige Gral in anderen Formen beschrieben. Auch als ein kleiner Stein (lapis), dem große spirituelle Kraft zugeschrieben wird, und auch die »Heilige Lanze« der Merowinger gehörte zu den Gralsgegenständen, nur mit ihr ist der heldenhafte Gralsritter imstande, den erkrankten Fischerkönig zu heilen. Wenn die Heilung vollbracht ist, wird das zerstörte, unfruchtbare Land wieder zu einem Paradies erblühen."

S. Levent Oezkan: Sind Wandlungsprozesse in uns nötig, damit wir uns weiterentwickeln können? Müssen wir uns ständig verändern um gesund und lebendig zu bleiben?

Usch Henze: Diese Frage könnte ich mit einem einfachen "Ja" beantworten, doch das wird hier nicht genügen. Im Grunde werden wir "in der Schule des Lebens" nicht danach gefragt, ob wir Wandlungsprozesse für nötig halten. Alles Leben entwickelt sich im Fluss von Veränderungen und beinhaltet Wachstum in verschiedenen Stufen, auf verschiedenen materiellen und geistigen Ebenen in einem höheren, niemals endgültigen Plan der Schöpfung.
In den Einweihungslehren der alten Völker wurde diese Erkenntnis als Grundpfeiler einer geistigen Entwicklung angesehen und die Wahrnehmung dafür in größtem Maße gefördert. Auf diesem Prinzip beruhte die geistige Entfaltung des Menschen. Dies erforderte jedoch Weisheit und die Beachtung ewig gültiger universeller Gesetzmäßigkeiten, deren Kenntnis erworben werden musste. Gott und die Schöpfung waren nicht etwas Seiendes, sondern etwas Werdendes, und dieses Werden umfasste die Welt. Diese Gottesauffassung enthielt aber auch den ständigen Appell an das Sein im Sinne von Bemühung und Tatkraft, sowohl für den einzelnen als auch für die Gemeinschaft, zum Werden beizutragen.
Diese Einstellung ist frei von "muss ich" oder "ist es nötig", sondern es war eine selbstverständliche Herausforderung, die in der Alten Welt auf einem holistischen Weltbild von "Ganzheitlichkeit" beruhte, d.h. auf der Erkenntnis, dass alles mit allem verbunden ist und was das bedeutet.
Dieses Weltbild und die daraus folgende Einstellung zum Lebens ist uns verlorengegangen, diese Werte werden heute von keiner äußeren Instanz vertreten, jeder wird mehr oder weniger gezwungen, sie für sich selbst zu erringen. Das ist ein Grund dafür, dass viele Menschen heute ein Bedürfnis nach den alten Weisheitslehren haben, nach einem Weg der Erkenntnis, der sich im einfachsten Falle einstellen mag aus dem Nachdenken über Sinn und Inhalt des Lebens, über das eigene Schicksal, um Werte und Inhalte zu finden für eine neue Zielrichtung.
Ob Menschen körperlich oder geistig gesund oder krank sind, sollte man in diese Frage nicht verallgemeinernd einbeziehen. Das darf kein Gradmesser sein, es lässt sich nicht im Einzelfall ermessen, wodurch eine Krankheit hervorgerufen wird. Ohne Frage haben wir heute in unserer Welt und Umwelt krankmachende Faktoren, seien es Stress und Überbelastung, oder auch die Vergiftung unserer Umwelt. Dem entkommen auch spirituell entwickelte Menschen nicht. Darüber hinaus können Krankheit oder Behinderungen auch auf dem Weg einer geistig-seelischen Entwicklung vorgegeben sein. Es wäre also falsch, an einen spirituellen Weg die Hoffnung oder das Versprechen von Gesundheit zu knüpfen.

S. Levent Oezkan: Das Tarot ist eines der ältesten Wahrsagesysteme. Vor allem aber zeigen uns die Archetypen, die wir auf den 22 Trumpf-Karten abgebildet finden, einen Einweihungsweg in die Mysterien von Leben, Tod und Liebe. Gibt es solche archetypischen Symbole auch in der Gralslegende?

Usch Henze: Symbole aus der Gralslegende gibt es einige, ich kenne aber keine, die in diesem Sinne in einem weitführenden und geordneten Spektrum, wie im Tarot, überliefert sind. Das heißt jedoch nicht, dass man bestimmte Archetypen in späterer Zeit mit einer vergessenen, wenn nicht mit einer Pseudo-Gralssymbolik verbunden und solche Kartendecks angeboten hat. Kartendecks mit Symbolen, die aus verschiedenen Quellen zusammengetragen wurden, gibt es heute unzählige.
Man sollte bei Ihrer Frage nicht vergessen, dass das Tarot nicht nur einem Einweihungsweg dienen kann, sondern auch ein Wahrsagesystem, besser gesagt eine Divinationstechnik ist. Die Gralslegenden haben sich vorwiegend in einer Zeit verbreitet, in der in einer aufstrebenden christlichen Kirche alles verpönt und verboten war, was im weitesten Sinne mit Einweihung, mit der Ergründung der Seele oder gar mit heidnischen Symbolen zu tun hatte. Das Ziel im Christentum war allein die »Erlösung« durch die Kraft des Glaubens.
Die Christen waren der Ansicht, daß Divination an sich ein Übel und Gotteslästerung sei. Diese Einstellung bezog sich auf alle ursprünglichen Divinationsmethoden mit tiefenpsychologischem Charakter, oder auf alles was auf andere Weise ein umfassenderes Verständnis des Lebens herbeiführte, wie das jahrtausendealte chinesische I Ging, Astrologie, sogar auf Brettspiele, die in griechischer und römischer Zeit im ähnlichen Sinne genutzt wurden.

S. Levent Oezkan: Die kleinen Arkana mancher Tarot-Decks bilden bestimmte Symbole ab: lebendiges Holz, "Das Schwert", einen Kelch und die Münzen auf denen ein Pentakel abgebildet ist. Besteht hier vielleicht eine Verbindung zum sakralen Königtum der Merowinger?

Usch Henze: Zum Königtum der Merowinger insofern, als alles was Sie hier erwähnen, auch in der sakralen Welt des keltischen Druidentums und in germanischer Zeit eine Rolle gespielt hat, womit insbesondere die frühen Merowinger zutiefst verbunden waren.
Das "lebendige Holz" kam in der keltischen Taufzeremonie vor. Das Pentakel hatte einen hohen Stellenwert und wurde "Druidenfuß" genannt, es ist eines der Symbole aus der Heiligen Geometrie. Das Heilige Schwert spielte sowohl in keltischer auch als germanischer Zeit und noch bei den Merowingern eine große Rolle. In der Alten Welt war es ein Symbol militärischer Tugend. Es symbolisiert männliche Kraft und Tapferkeit, als schneidendes Instrument ist es aber ebenfalls ein Symbol der Entscheidung, der Trennung von Gut und Böse und damit ein Sinnbild der Gerechtigkeit. Im Artus-Mythos ist es das magische Schwert Excalibur.
Bei der Einführung der christlichen Religion während der Merowingerzeit fand eine Assimilierung statt, bei der – wie immer in einem Übergang – viele Elemente und Symbole aus der alten spirituellen Tradition übernommen und mit christlichen Inhalten verschmolzen wurden. Hierbei spielte auch der Kelch eine Rolle, der häufig als Symbol des Grals angesehen wurde. Beschrieben wurde der Gral jedoch auch als Schale, als Kessel oder als Füllhorn mit unversiegbarem Inhalt, oder einfach als strahlende Lichtquelle.
Wenn man nach einer älteren Symbolik sucht, ist eine davon der keltische "Kessel der Erneuerung" oder auch "Kessel der Wiedergeburt". Diese traditionelle Symbolik trägt sehr, sehr alte schamanische Aspekte in sich, in dem Sinne, dass auf einem Einweihungsweg die ganze Persönlichkeit hinterfragt, sozusagen "in Stücke geschnitten" wird, um nach einem Prozess der Wandlung, der den Menschen zu einem neuen Bewusstsein geführt hat, aus dem Kessel der Erneuerung in Gesundheit und Schönheit wieder hervorzugehen.

 

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