Islam

Al-Miradsch: Mohammeds (as) himmlische Reise

Al-Miradsch: Mohammeds (as) himmlische Reise

Als der Prophet die Verkündigung erhalten hatte und bei der Kaaba schlief, wie das die Quraisch zu tun pflegten, kamen die Engel Gabriel und Michael zu ihm und sprachen: Mit Bezug auf wen haben wir den Befehl erhalten? Worauf sie selbst erwiderten: Mit Bezug auf ihren Herrn. Darauf gingen sie fort, kamen aber in der nächsten Nacht zu Dreien wieder. Als sie ihn schlafend fanden, legten sie ihn auf den Rücken, öffneten seinen Leib, brachten Wasser vom Zamzam-Brunnen und wuschen das, was sie in seinem Leibe an Zweifel, Götzendienst, Heidentum und Irrtum fanden. Dann brachten sie ein goldenes Gefäss, das mit Glaube und Weisheit gefüllt war, und so wurde sein Leib mit Glaube und Weisheit gefüllt. Darauf wurde er zum untersten Himmel emporgehoben.

– At-Tabari

So wie At-Tabaris obiges Zitat bereits zeigte, ließe sich die sogenannte Al-Miradsch (auch: Al-Miraj), die Himmelsreise des Propheten Mohammed (as), als seine eigentlich prophetische Berufung deuten. Während dieser Reise begegnete er den anderen Propheten aus der abrahamitischen Tradition.

Zuvor aber öffneten ihm die beiden Erzengel Gabriel und Michael die Brust, um sie von allem "geistigen Schmutz" zu reinigen.

Im Heiligtum der Kaaba in Mekka führten Mohammed (as) Gabriel und Michael zu einem besonderen Platz. Dort befand sich die heilige Quelle Zamzam, die einst von Abd Al-Muttalib, dem Großvater Mohammeds (as), aufgrund einer Vision ausgegraben wurde.

Unweit von Zamzam befindet sich der Maqam Ibrahim, der Stein den dort Abraham platzierte, als er mit seinem Sohn Ismael die Kaaba errichtete.

Zwischen diesem Stein und dem Brunnen nun, war Mohammed (as) für seiner Reise eine Leiter aufgestellt, über die er sich in Bgeleitung mit dem Erzengel Gabriel, auf sieben Stufen gen Himmel erhob.

  1. Auf der ersten Stufe befand sich der Prophet Adem (Adam), Urvater der Menschheit.
  2. Auf der zweiten Stufe trafen sie den Propheten Yahya (Johannes den Täufer).
  3. Danach begegnete ihnen auf der dritten Stufe der schöne Prophet Yusuf (Joseph), der Sohn des Yakub (Jakob, jenem Patriarchen der selbst einst auf himmlischer Leiter die Engel auf- und niedersteigen sah, Genesis 28:11-22).
  4. Auf dann kamen sie auf die vierte Stufe, wo sich der entrückte Prophet Idries (Henoch) zu erkennen gab, den manche auch mit Hermes Trismegistos in Verbindung bringen.
  5. Dann, auf der fünften Stufe, begegnete ihnen jener einst so vom Volke geliebte Harun (Aaron).
  6. Hier nun trafen sie auf der sechsten Stufe den Propheten Moses.
  7. Zuletzte aber, auf der siebten Stufe sahen sie Abraham, in dessen Schoß dereinst die Verstorbenen einkehren werden.

Von diesem siebten Himmel aber wurde Mohammed (as) von Gott gebeten ohne Gabriel fortzuschreiten. Da kam er zum Lotusbaum an der äußersten grenze des Himmels, wo ihm Gottes Angesicht gewahr wurde:

beim Lotusbaum des Endziels,
bei dem der Garten der Zuflucht ist.
Als den Lotusbaum überdeckte, was (ihn) überdeckte,
da wich der Blick nicht ab, noch überschritt er das Maß.
Wahrlich, er (Mohammed) sah von den Zeichen seines Herrn die größten.

- Sure 53:14-18

Amulette und Talismane in der islamischen Welt

von S. Levent Oezkan

Arabisches Kalligramm - ewigeweisheit.de

Seit uralter Zeit verwenden die Araber Amulette und Talismane, um sich und ihren Besitz vor bösen Geistern und dem Bösen Blick zu schützen. Doch auch heute noch duldet die islamische Welt magische Objekte die Schutzformeln tragen. Gern wird das Wissen vom Gebrauch solchen Wunderwerks, dem islamischen Propheten Suleyman zugeschrieben: dem jüdischen König Salomon.

Keinem Sterblichen wurde je so viel verliehen, wie König Salomo, dem Sohne Davids. Er nämlich gebot über Menschen und Dschinnen, über Vögel und Vierbeiner. Sogar die Geister, die Mârids und die Satane vermochte er in Messingflaschen einzusperren, die er mit geschmolzenem Blei verschloß und mit seinem Siegelring versiegelte!

- Aus "Die Messingstadt", einem Märchen aus tausendundeiner Nacht

Ein wunderbarer Siegelring muss das gewesen sein. Wohl gewiss ein Archetyp eines magischen Amuletts und Talismans. Salomo soll über ihn durch Allahs Gnade verfügt haben. Allah, so die Legende, erlaubte dem König über dessen magische Kräfte zu verfügen. Es heißt, dieser magische Siegelring befinde sich heute, bei dem in der Verborgenheit lebenden Imam Mahdi.

Der besagte Ring soll ein mit fünf ineinandergreifenden Linien gezeichnetes Pentagramm zeigen: das Siegel Salomos. Andere beschreiben den Ring mit der Gravur eines entsprechenden Hexagrams. Das es sich um ein Wunderding handelte, beschreibt Ludwig Storch in seinem Gedicht "Der Ring des Salomo", aus dem die ersten Verse hier wiedergegeben seien:

Tief aus des Ostens heiliger Morgenfrühe
Tönt eine Sage, wie aus Kindermund,
Und doch voll hohen Sinns uralter Weisheit
Und Gleichnis der Entwicklung unsres Geistes:
Das Märchen von dem Ring des Salomo.
Des Ringes werden wir noch heute froh.

An diesen Ring – so flüstert das Gedicht –
Gebunden war der Weisheit höchster Schatz
Und ob der Geisterwelt gewalt’ge Herrschaft.

Der Siegelring des weisen Königs war
Der Talisman, der jedes Übel abhielt
Und seinem Herrn zur größten Macht verhalf.
Denn der verstand nicht nur der Vögel Wort;
Der Dichtung Zauber und der Weisheit Hort,
Der Liebe Süße und der Eintracht Segen,
Sie haben – sagt man – in dem Ring gelegen.

- Aus "Der Ring des Salomo", Prolog zu Lessing’s "Nathan der Weise", von Ludwig Storch

Aus was dieser wundersame Ring des Salomon verfertigt war bleibt unbekannt, wie auch keine sicher weiß, wie das darauf befindliche Siegel letztendlich aussah. Sicher aber ist, dass die vermuteten Symbole darauf, ihre ganz eigenen Kräfte besitzen. So zumindest wollen es all jene, die sich mit den geheimen Schlüsseln des Salomon befassten.

Fest steht, dass Hexagramm und Pentagramm auf allen möglichen Talismanen, Amuletten oder Münzen zu sehen sind, um ihre ganz explizite Wirkung zu erzeugen.

Im Westen und im Orient sind solche Glückbringer und Schutz-Amulette aber nicht immer aus wertvollen Metallen oder Edelsteinen verfertigt. Heute werden solche Amulette oft aus Holz, Knochen oder kleinen Steinen hergestellt, auf denen sich eingraviert magische Formeln finden.

Üblich sind aber auch kleine beschriftete Papierstücke, auf denen sich heilige Namen, kurze Gebetsformeln oder Verse aus dem Koran befinden.

Die auf einem Amulett oder Talisman befindlichen Zeilen, sollte ein Mullah oder Imam auf von ihm erwählten Papier, mit schwarzer Tinte notiert haben. Zumindest soll der Hersteller eines islamischen Amuletts, ein frommer Muslim sein. Vor der Herstellung also, hat er die rituelle Waschung und das Gebet vollzogen.

Sobald das Stück Papier mit den heiligen Zeichen und Worten beschriftet ist, wird es gefaltet und dann vielleicht in ein simples Leder-Etui gesteckt, dass der Gläubige an einer Kette um seinen Hals trägt. Selten werden statt beschriebenem Papiel, auch dünne Bleiplättchen verwendet, in die Amulett-Texte geritzt sind. Sie faltet man dann und trägt sie bei sich in einem kleinen Metallbehältnis.

Das Wissen von der Magie der Symbole und Buchstaben

Da den 99 wichtigsten Namen Allahs magische Eigenschaften nachgesagt werden, verwendet man solche auch in Amulett-Inschriften. Auf arabischen Amuletten befinden sich auch geheime Symbole, Zahlen, magische Namen, Namen der Planeten, der Wochentage, Namen von Engeln und so weiter.

Da nun jedem der 28 arabischen Buchstaben, geheime Kräfte nachgesagt werden, finden sich in Amulett-Texten oft auch teils erfundene Namen, die sich aus arabischen Buchstaben zusammengefügt wurden, die von hoher magischer Relevanz sind. Schon die alten Araber wussten um die okkulten Eigenschaften ihrer Buchstaben. Wegen ihrer Anzahl assoziiert man sie seit alters her mit den 28 Mondstationen. Anderen der Buchstaben entsprechen besondere Himmelskörper, Sternzeichen oder astrologische Dekanate.

Aus diesem Wissen ergaben sich in der Hochphase der arabischen Kutlur im Mittelalter, ganz neue Sparten der magischen Wissenschaft. In unzähligen Traktaten über Mathematik, Sternenkunde, Astrologie und Magie, wurde ausführlich über die Kräfte der Planeten und den ihnen entsprechenden Buchstabensymbole gesprochen (hier sei natürlich das Rasa'il Ikhwan al-Safa angeführt, die Enzyklopädie der Eingeweihten Brüder der Reinheit).

28 Mondphasen mit arab. Buchstaben - ewigeweisheit.de

Schaubild: Die 28 Mondphasen mit den 28 arabischen Buchstaben.
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Die 28 arabischen Buchstaben

Jedem der Buchstaben des arabischen Alphabets werden magische Kräfte nachgesagt. Wie auch die Buchstaben anderer Alphabete (lateinisch, griechisch, hebräisch) verwendete man diese als Zahlensymbole, bevor sich das arabische Zahlensystem ab Ende des 9. Jhd. im Westen verbreitete. Für die Herstellung magischer Amulette, ist dies natürlich von essentieller Bedeutung, denn die "Welt ist Zahl", wie uns Pythagoras lehrt. Und wenn nun jedem Buchstaben eine besondere Zahl entspricht, lassen sich Buchstaben mittels ihrer Numerologie so anordnen, dass sie ihren magischen Zweck erfüllen.

Vor diesem Hintergrund wussten die Araber sich nur jede erdenkliche Form eines Amuletts herzustellen. Meist wurden die Buchstaben dazu rechteckig zusammengestellt und nach Maß eines magischen Quadrats geordnet.

Magisches Quadrat des Saturn - ewigeweisheit.de

Das Magische Quadrat des Saturn.

Es gibt sieben magische Quadrate die mit den Planetenkräften der sieben astrologischen Gestirne korrespondieren: Sonne (6x6), Mond (9x9), Mars (5x5), Merkur (8x8), Jupiter (4x4), Venus (7x7) und Saturn (3x3).

Werden nun also bestimmte arabische Namen oder sogar die Buchstaben ganzer Koran-Verse in einem dieser magischen Quadrat untergebracht, sollen sie die Kraft der in den Ayat eingezeichneten Sprüche transformieren.

Das einfachste magische Quadrat bilden die Ziffern 1-9 (3 x 3 = 9) – das Saturn-Quadrat.

Wieso aber nennt man diese Quadrate "magisch"?

Die Zahlen sind darin so angeordnet, dass die Summen, ganz gleich ob in den Reihen, Spalten oder Diagonalen, immer den selben Wert ergeben. Für ein 3x3-Magisches-Quadrat mit den Ziffern von 1-9, ergibt sich immer die selbe Summe: 15.

Wie aber schafft man in diesen 9 Positionen Platz für 28 Buchstaben?

22 4 27 9 20 2
13   18   11  
21 3 23 5 25 7
12   14   16  
26 8 19 1 24 6
17   10 28 15  

Tab. 1: Magisches Saturn-Quadrat mit 28 geordneten Zahlen

Die Methode ist denkbar einfach: man addiert die Anzahl der darin enthaltenen Ziffern auf die Zahlen in den einzelnen Positionen – so oft, bis die Zahl 28, der Reihe nach erreicht wurde: Position 1 erhält noch eine 10, die 2 noch eine 11, und so weiter, bis nach dem 3. Durchlauf die Stelle des 28. Buchstaben wieder auf die Position 1 fällt (siehe Tab. 1 und 2). Natürlich ist das bei jedem magischen Quadrat anders.

In obiger Tabelle lassen sich nun aus Worten besondere Sigillen bilden, die sich als Namen im magischen Quadrat eines Planeten einzeichnen lassen. Besonders den 99 Namen Allahs, werden ganz ausgesprochene magische Kräfte zugeschrieben. Doch auch die Namen der Erzengel, Verse aus den Koran-Suren, erfüllen ihren Zweck bei der Erzeugung von Sigillen. Doch es eignen sich auch alle anderen Namen und Sätze, von denen der Hersteller des Amuletts glaubt, dass sie dem Träger von Diensten sind.

Die schönsten Namen Allahs

Die eigentliche Bedeutung des Wortes "Allah" bleibt ein Geheimnis. Die "99 schönsten Namen" aber (arab. "Asma Al-Husna"), die das Wort "Allah" umschreiben, über sie sagte Mohammed (as):

Wer sie rezitiert wird das Paradies betreten.

ت د ظ ط ر ب
م   ص   ك  
ش ج ث ه ذ ز
ل   ن   ع  
ض ح ق ا خ و
ف   ي غ س  

Tab. 2: Magisches Saturn-Quadrat mit den 28 arabischen Buchstaben, entsprechend ihres Stellenwerts geordnet. In diesem, wie auch in den anderen 6 Planetensiegeln, lassen sich die Asma Al-Husna auf besondere Weise einzeichnen. Dazu an anderer Stelle mehr.

Im Koran wird Allah mit jedem dieser Namen beschrieben. Sie bilden gemeinsam die göttlichen Attribute und schönsten Namen Gottes, wie es heißt. Jeder von ihnen resoniert auch mit einem Lebensthema:

1. Ar-Rahman الرحمن der Gnädige  –  2. Ar-Rahim الرحيم der Barmherzige  –  3. Al-Malik الملك der König  –  4. Al-Quddus القدوس der Heilige  –  5. As-Salam السلام der Verleiher des Friedens  –  6. Al-Mumin المؤمن der Bewahrer  –  7. Al-Muhaymin المهيمن der Beschützer  –  8. Al-Aziz العزيز der Ehrwürdige  –  9. Al-Jabbar الجبار der Gewaltige  –  10. Al-Mutakabbir المتكبر der Vornehme  –  11. Al-Khaliq الخالق der Erschaffer  –  12. Al-Bari البارئ Der, der alles aus dem Nichts erschuf  –  13. Al-Musawwir المصور der Former  –  14. Al-Ghaffar الغفار der große Vergeber  –  15. Al-Qahhar القهار der alles Bezwingende  –  16. Al-Wahhab الوهاب der Geber und Verleiher  –  17. Ar-Razzaq الرزاق der Versorger  –  18. Al-Fattah الفتاح der Eröffner  –  19. Al-Alim العليم der Allwissende  –  20. Al-Qabid القابض der Zügelnde  –  21. Al-Basit الباسط der Gewährer  –  22. Al-Khafid الخافض der Erniedriger der Hochmütigen  –  23. Ar-Rafi الرافع der Erhörer der Demütigen  –  24. Al-Muizz المعز der Verleiher wahrer Ehre  –  25. Al-Mudhill المذل der Demütiger  –  26. As-Sami السميع der Hörende  –  27. Al-Basir البصير der Sehende  –  28. Al-Hakam الحكم der Richter  –  29. Al-Adl العدل der Gerechte  –  30. Al-Latif اللطيف der Feinfühlige  –  31. Al-Khabir الخبير der Kundige  –  32. Al-Halim الحليم der Nachsichtige  –  33. Al-Azim العظيم der Großartige  –  34. Al-Ghafur الغفور Der Vergebende  –  35. Ash-Shakur الشكور der Dankbare  –  36. Al-Aliy العلي der Erhabene  –  37. Al-Kabir الكبير der unvergleichlich Große  –  38. Al-Hafiz الحفيظ der Bewahrer  –  39. Al-Muqit المقيت der Stärkende  –  40. Al-Hasib الحسيب der Garant  –  41. Al-Jalil الجليل der Majestätische  –  42. Al-Karim الكريم der Ehrenvolle  –  43. Ar-Raqib الرقيب der Beobachter  –  44. Al-Mujib المجيب der Erhörer der Gebete  –  45. Al-Wasi الواسع der Allumfassende  –  46. Al-Hakim الحكيم der Weise  –  47. Al-Wadud الودود der Liebende  –  48. Al-Mayid المجيد der Glorreiche  –  49. Al-Baith الباعث der Erwecker  –  50. Ash-Shahid الشهيد der Zeuge  –  51. Al-Haqq الحق der Wahre  –  52. Al-Wakil الوكيل der Vertrauenswürdige  –  53. Al-Qawwiyy القوى der Starke  –  54. Al-Matin المتين der Standhafte  –  55. Al-Waliyy الولى der Patron  –  56. Al-Hamid الحميد der Preiswürdige  –  57. Al-Muhsi المحصى der alles Aufzeichnende  –  58. Al-Mubdi المبدئ der Beginnende  –  59. Al-Muid المعيد der wieder Herstellende  –  60. Al-Muhyi المحيى der Belebende  –  61. Al-Mumit المميت der Tötende  –  62. Al-Hayy الحي der aus sich Lebende  –  63. Al-Qayyum القيوم der Fortdauernde  –  64. Al-Wajid الواجد der Findende  –  65. Al-Majid الماجد der Ruhmvolle  –  66. Al-Wahid الواحد der Eine  –  67. Al-Ahad الاحد der Alleinige  –  68. As-Samad الصمد der Ewige  –  69. Al-Qadir القادر der Mächtige  –  70. Al-Muqtadir المقتدر der Obsiegende  –  71. Al-Muqaddim المقدم der Beförderer  –  72. Al-Muakhkhir المؤخر der Aufschiebende  –  73. Al-Awwal الأول der Erste  –  74. Al-Akhir الأخر der Letzte  –  75. Az-Zahir الظاهر der Offenbarer  –  76. Al-Batin الباطن der Verborgene  –  77. Al-Wali الوالي der Schutzherr  –  78. Al-Mutaali المتعالي der Reine  –  79. Al-Barr البر der Rechtschaffene  –  80. At-Tawwab التواب der Reue Annehmende  –  81. Al-Muntaqim المنتقم der Vergelter  –  82. Al-Afuww العفو der Vergebende  –  83. Ar-Rauf الرؤوف der Mitleidige  –  84. Malik-ul-Mulk مالك الملك Inhaber aller Reichtümer  –  85. Dhul-Dschalali-wal-Ikram ذو الجلال والإكرام Dem Majestät und Ehre gebühren  –  86. Al-Muqsit المقسط der unparteiisch Richtende  –  87. Al-Jami الجامع der Versammler  –  88. Al-Ghaniyy الغني der Unabhängige  –  89. Al-Mughni المغني der unabhängig Machende  –  90. Al-Mani المانع der Zurückweisende  –  91. Ad-Darr الضار der Peiniger  –  92. An-Nafi النافع der Wohltäter  –  93. An-Nur النور Das Licht  –  94. Al-Hadi الهادي der Führende  –  95. Al-Badi البديع der Erschaffer des Neuen  –  96. Al-Baqi الباقي der Dauernde  –  97. Al-Warith الوارث der Erbe  –  98. Ar-Rashid الرشيد der recht Leitende  –  99. As-Sabur الصبور der Geduldige.

Das Wichtige an diesen Namen ist, dass wenn Allah durch ihre Rezitation angerufen wird, Engel dazu verpflichtet werden, dem Gebetswunsch des Rezitierenden zu entsprechen. Und was für das Aufsagen gilt, soll in vielleicht anderer Form, auch bei der Verwendung in Amuletten seine Pflicht erfüllen.

Aus diesem Grund sollte jemand der nach göttlicher Hilfe sucht, sich zuerst genau überlegen, welchen der Namen er für die Herstellung eines Amuletts verwenden möchte. Schließlich erhoffen sie sich Allah's Zuneigung und eine Antwort auf ihr Flehen.

Der Koran als Amulett

والله Bei Allah!
علي بن ابي طالب الغالب Ali ibn Abi Talib ist der Siegreiche!
رضي الله تعالى عنه Der erhabene Gott möge an ihm Wohlgefallen haben
وكرم الله وجهه und Gott möge ihm Ehre erweisen!

Für die Araber ist der Koran an sich ein Amulett, das seinen Besitzer schützt. Daher reisen viele niemals ohne einen Koran mit sich zu führen.

Einige der im Koran befindlichen Kapitel – die Suren (auch: Suras) – erachten Muslime als besonders wichtig. Auch bestimmte Verse – die Ayats – aus manchen Suren, nehmen eine prominente Rolle ein. Dazu etwa gehört der sogenannte Thronvers, (arab. "Ayat Al-Kursi"), Sure 2:255.

Er beschreibt auf wunderbare Weise das, was man die "Göttliche Vorsehung" nennen könnte, etwas also, dass dem Menschen auf ewig unbegreiflich bleibt.

Zu den wichtigsten Suren des Koran, zählen

  • die 1. Sure Al-Fatiha, "die Eröffnende",
  • Sure 112 Al-Ichlas, "Die Aufrichtigkeit",
  • Sure 113 Al-Falaq, "Die Dämmerung" und
  • Sure 114 An-Nas, "Die Menschheit".

Kalligramme auf Amuletten

In Arabischen Traktaten, die sich mit magischen Texten befassen, werden auch solche heiligen Verse besprochen, die auf kunstvolle Weise in verschiedene Formen geschrieben, als Kalligramme darin Menschen, Tiere, Engel, ja gar den ganzen Tierkreis und die sieben Planeten abbilden. Sie durchsetzen also irdische, himmlische und göttliche Erscheinungen durch heilige Namen und Sätze.

Eines der wohl bekanntesten Beispiele eines solchen arabische Kalligramm-Amuletts, ist das Bild des "Löwen Gottes", einem Beinamen des Kalifen Ali ibn Abi Talib, dem Schwiegersohn des Propheten Mohammed (as).

Weniger geht es darum, dieses Amulett einfach nur um den Hals zu tragen, als dass es dem Träger als religiöses Hilfsmittel dient.

Über solche geweihten Amulette, die heilige Namen und Worte enthalten, soll der Gläubige direkt mit Allah in Kontakt treten können. Damit, heißt es, erhält er seinen ersehnten Schutz. Die Araber sehen das Tragen eines solchen Amuletts darum als Würde, macht es doch aus dem der es zu verwenden weiß, einen frommen Menschen.

 

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Vom Streben der Sufis nach innerer Gotterfahrung

von S. Levent Oezkan

Die Sufis - ewigeweisheit.de

Das unterscheidet die Anhänger der profanen Religionen von den Mystikern: Judentum, Christentum, Islam gehen grundsätzlich nicht davon aus, dass ein Eins-Werden mit Gott möglich ist. Die Mystiker des Sufismus aber glauben sehr wohl, dass der Mensch nicht für immer Gott "nur" gegenübersteht, sondern tatsächlich eine Einheit in Gott erfahren kann.

Für profane Gläubige ist eine solche Vorstellung ganz unmöglich, wenn nicht sogar Gotteslästerung. Ähnlich den sufistischen Vorstellungen, erstrebten im Mittelalter auch christliche Mystiker ein solches Einswerden mit Gott. Viele von ihnen aber wurden von der Inquisition verdächtigt und verfolgt. Diese Rolle scheint heute der radikalisierte Islam übernommen zu haben.

Zwischen dem 10. und 14. Jahrhundert entwickelte die Sufi-Bewegung einflussreiche Glaubensstrukturen, die neben den islamischen Gesetzesschulen existierten und diese teils stark beeinflusste.

Sufis besitzen ihre eigene Theologie und eigenen Frömmigkeitsformen, die sie in ihren Begegnungszentren pflegen, den Dargas (auch "Tekke" genannt).

Vielen Menschen im Westen fehlt heute der Zugang zum Islam. Sicher trugen dazu solche Ereignisse bei, wie der 11. September 2001 und der gegenwärtige, sogenannte "Islamistische Terror". Unter Sufismus verstehen viele aber einen moderaten Islam, der wegen seiner mystischen Elemente, insbesondere für spirituell Suchende recht interessant erscheint.

Der Begriff Dschihad, ruft bei den meisten Menschen Assoziationen von Angst und Gewalt in Erinnerung, wobei in Wirklichkeit dieses arabische Wort nicht auf Waffengewalt deutet, sondern auf die Anstrengung des Einzelnen, auf dem Weg zur ultimativen Gotterfahrung. So aber ist es mit Wörtern: sie werden oft nur als Hülsen verwendet, um sie mit irreführenden Inhalten zu stopfen. Insofern aber, verfügen auch die Sufis über eine sehr starke "Waffe" - wie es einmal der pakistanische Friedensforscher Syed Qamar Afzal Rizwi formulierte - und diese Waffe ist die Liebe.

Mystik der Sufis

Wenn jemand das Wort "Sufi" oder "Sufismus" gebraucht, verweist er damit auf die Mystiker im Islam. Was aber ist ein Mystiker? Etwas "Mystisches" ist ja etwas Rätselhaftes, Seltsames - vielleicht sogar Irrationales? Das Wort "Mystik" ist griechischen Ursprungs und verweist auf die zentrale Haltung der Mystiker: sie nämlich, verschließen ihren Mund, griechisch myein, da sie mit Uneingeweihten nicht über die Geheimnisse ihrer Tradition sprechen. 

Somit ist der Sufi, als islamischer Mystiker, eigentlich jemand, der sich ausschweigt über die Geheimnisse seines Glaubens, seiner Spiritualität und der Lehren seiner Schule. "Profane Ohren" gehen die Geheimnisse der Sufis nichts an. Es geht hier aber nicht etwa um Geheimniskrämerei, was manche Verschwörungstheoretiker oft ja auch den Bruderschaften der Freimaurer unterstellen. Eher hat das Schweigen einen viel triftigeren Grund: manche Geheimnisse zu erfahren, würden einem Nicht-Eingeweihten einfach nur schaden. Das Verschwiegenheitsgebot dient also dem inneren Heil des Uneingeweihten. Schließlich lassen sich die in den inneren Zirkeln der Sufi-Bruderschaften gemachten Erfahrungen, auch gar nicht intellektuell erfassen. Darum können sie auch nicht erzählt werden. 

Wenn der Sufi-Scheich einen Neophyten in die Geheimnisse seines Ordens einweiht, vermittelt er ihm eine unmittelbar intuitive Erfahrung. Für die Sufis ist das die Einheitserfahrung mit Gott. Erkenntnis und Weisheit, Licht und Liebe: das sind Erfahrungswerte die man nur gewinnen, jedoch nicht intellektuell erklären kann. Eine Erfahrung jemandem zu erklären, der sie noch nicht gemacht hat, wäre ebenso umständlich, wie als wollte man jemanden den Unterschied zwischen Zuckerwasser und Honig erklären. Wer vom Honig aber kostet: was bedarf es da noch einer Erklärung?

Entsagung im Sufitum

Mystik und Asketentum liegen nahe beieinander. Die frühen Sufis zeichneten sich dadurch aus, dass sie grobe Wollgewänder trugen. Daher auch ihr Name: Suf ist der arabische Name für die Wolle. Das arabische Wort für Mystik ist Tasawwuf, was wörtlich meint "sich in Wolle kleiden". Jene Wollgewand tragenden Asketen waren oft auch Sufis, die wegen ihrer eigenartigen Philosophie und teils besonderen islamischen Frömmigkeit auffielen. Seit den Anfängen des Islam (7. Jahrhunder), gab es Sufis. Die ersten unter ihnen waren vielleicht ersten Anhänger Mohammeds (as), die eine enge Liebe zu Gott verspürten und eine mystische Vereinigung mit ihm anstrebten. Ihnen war der islamische Prophet ein Vorbild, gar die Verkörperung, für diese Liebe in Gott.

Die ursprünglichen Einflüsse des Sufismus, sind aber viel älter als der Islam. Man kann sagen, dass verschiedene Hauptströmungen die spätere Geschichte des Sufismus beeinflussten. Das war neuplatonisches Gedankengut von der göttlichen Einheit und dem Wesen der Seele. Das Eremitentum christlicher Mönche, sollte die Sufis ebenso beeinflussen, wie jene buddhistische Asketen, deren Meditations- und Atemtechniken, die Sufis in ihre Tradition integrierten. Auch Einflüsse der Schamanen, mit denen besondere naturmystische Bräuche und Sitten überliefert wurden, findet man im Sufismus.

Generell kann man sagen, dass die Ursprünge des Sufismus gewiss auch im islamischen Asketentum wurzeln. Nicht zufällig eben tragen Sufis das grobe Wolltuch, die Kleidung der armen Leute. Daher auch der persische Name "Derwisch", was einen armen Menschen ohne Besitz bezeichnet.

Sufis waren immer auch Leute, die mit ihrer Art provozierten. Vielleicht würde man heute von "Aussteigern" sprechen, die die bestehende Gesellschaft verachtete, die aber aktive Kämpfer für den wahren Glauben wurden (Dschihad). Doch nicht etwa im Sinne militanten Handelns (wenngleich in der Geschichte auch davon berichtet wird), als vielmehr Schwärmern, die vor Gottes Drohung und Zorn in Gottes Schutz und Arme flohen.

Anders als durchschnittliche Muslime praktizierten die ersten Sufis fromme Entsagung. Sie ordneten sich den Gesetzen Gottes unter und legten höchsten Wert auf Frömmigkeit und sakrale Reinheit. Dieses Streben ergab sich in der Zeit des Kalifats der Umayyaden, Anfang des 8. Jhd. Man stellte sich aktiv gegen die damals in der arabischen Welt zunehmende Verweltlichung und sah im Wunsch nach Luxus nur einen allgemeinen Sittenverfall. Vielen war Vorbild Al-Hasan Al-Basri (gestorben 728) - ein arabischer Asket, der ein schlichtes, doch rechtschaffenes Leben im Dienste Allahs anstrebte. Was er und seine Anhänger suchten, war allein der Wunsch in Gott aufgehoben zu sein - etwas, dass natürlich nur durch Selbstverleugnung zu erzielen ist.

Vom Wunsch die Freundschaft Gottes zu erlangen

Mystik ist jedoch mehr als Asketentum und Selbstverleugnung. Ein Mystiker ist einer, der bewusst nach der inneren Erfahrung göttlicher Wirklichkeit strebt. Doch eigentlich müssen wir gar nicht unterscheiden zwischen Asket und Mystiker, bejahen schließlich beide eine Abkehr vom Weltlichen. Das heißt, dass die Sufis immer versuchen, sich im Innern, teilweise aus der menschlichen Gesellschaft loszulösen und zu befreien. Askese ist dabei nur eine Übung, nur eine Station auf dem Weg. Es geht den Derwischen vor allem um die Inneneinkehr, mit dem Ziel eine unmittelbare Einheit in Gott zu erlangen, ein Freund Gottes zu werden. Daher der Name für die Sufis: Auliya Allah - die Gottesfreunde.

Dichtung und Musik sind ganz essentielle Bestandteile der mystischen Praxis der Derwische. In den Kreistänzen der Mevlevi-Derwische (aus dem türkischen Konya), dem Semâ, bringen sich die Tänzer in Extase, vergessen sich selbst und versuchen so, ihr Ich im unermesslichen Absoluten Allahs aufzulösen und damit Eins zu werden.

Ein anderer wichtiger Aspekt ist das Gedenken Gottes - Dhikr Allah: Mittel zur Erlangung ekstatischer Zustände. Darin werden rhythmisch, litaneienhaft Gott und seine 99 Namen angerufen. Auch bestimmte Formeln aus dem Koran sind dabei relevant. Insbesondere aber die Schahada, das islamische Glaubensbekenntnis:

La ilaha illa llahu - لا إله إلا الله - Es gibt keinen Gott außer Gott!

Bei all ihrer Praxis ist Vorbild der Prophet Mohammed (as), als ein Mensch der erfüllt ist von Gerechtigkeit, Freundlichkeit, Mitleid und Erbarmen. Kein anderer wie er, so die Derwische, hatte die Vertrautheit mit Gott erreicht. Wer darum versucht den Lebensweg Mohammeds (as) nachzuahmen, der wird als Sufi fähig sein, auch selbst eine ähnliche Vertrautheit mit Allah zu erlangen. Kurz: der Pfad des Sufi führt vom islamischen Gesetz Scharia auf dem mystischen Weg Tariqa zur göttlichen Wahrheit Haqiqa. Diese göttliche Wahrheit als wirklichste Wirklichkeit kann erfahren, wer den praktischen Pfad des Sufismus beschreitet. Das ist die beständige Arbeit an sich selbst unter Führung eines Meisters (Sheikh), wie auch die direkte persönliche Erfahrung Gottes. Statt rationalen Lehren und Aneignung von Wissen, streben die Sufis eine praktische Seelenführung an.

Vielleicht ist das der Grund, wieso viele Sufis mit dem Konzept der Philosophie, wie etwa der der Hellenen, nichts wirklich anfangen können. Vielmehr versuchen sie die Wege ihres Herzens zu ergründen und statt Nachdenken, durch Innenschau Erkenntnis zu erlangen. Insofern wäre es falsch zu sagen, Sufismus sei islamische Philosophie, wie manche behaupten. Vielmehr ist Ziel des Sufismus, seine Anhänger gleichzeitig zu Gelehrten wie auch Seelenführern zu machen. Sufis wollen ihren Mitmenschen durch ihre religiösen Kenntnisse, spirituellen Einsichten und mystische Erfahrung, eine philanthropische, menschenfreundliche Ethik vermitteln.

Sufistische Mystik entwickelte sich nicht etwa parallel oder ohne den geistigen Überbau des Korans. Die Sufis sehen sich als geistige Erben des Propheten Mohammed (as), der die Strophen des Koran ja direkt von Allah empfing.

Wort des Koran

Wer im heiligen Buch der Muslime schon einmal gelesen hat, dem fällt auf, wie unerbitterlich die Verse dieses Buches, den Mensch zu einem rechtschaffenen, gottergebenen Leben ermahnen. Goethe schrieb dazu in seinem West-östlichen Divan:

Der Stil des Korans ist seinem Inhalt und Zweck gemäß streng, groß, furchtbar, stellenweise wahrhaft erhaben; so treibt ein Keil den andern, und darf sich niemand über die große Wirksamkeit des Buches verwundern. Weshalb es denn auch von den echten Verehrern für unerschaffen und mit Gott gleich ewig erklärt wurde.

Und ja: der Koran zeichnet sich definitiv durch seine Strenge und Schärfe aus. Doch die Sufis sagen, dass man den Koran nicht allein mit den Augen des Kopfes, sondern mit dem "Auge des Herzens" lesen soll. So kann einer die innere Natur dieses heiligen Buches erfassen. Damit wird der Koran anders gelesen, und lässt sich tolerant und friedlich auslegen - was für Muslime heute wichtiger ist als denn je.

Liebe der Sufis

Was echte Mystik vom Asketentum unterscheidet, ist, was die Sufis unter wahrer Liebe verstehen. So gilt die Vereinigung mit Gott, den Mystikern als höchstes Ziel, während das Asketentum die Traurigkeit des Verzichts prägt und oft wohl plagt. Dschallaladin Rumi sagt:

Sufismus ist Freude finden im Herzen, wenn die Zeit des Kummers kommt.

In diesem mystischen Herzen Qalb, stehen die niederen Aspekte der Triebseele Nafs, mit dem Intellekt Ruh, im Widerspruch. So ist das mystische Herz für die Sufis in einem ständigen Konflikt, was sich verschlimmert, wenn jenes Auge des Herzens, von dem oben die Rede war, blind bleibt. Wie auf einem Schlachtfeld kämpfen die Triebe gegen den Intellekt, in diesem mystischen Herzen.

Rumi auf der Rückseite einer alten türkischen Banknote – ewigeweisheit.de

Der Sufi Dschallaladin Rumi auf der Rückseite einer alten türkischen Banknote (5000 Lira). Rechts im Bild die Blaue Moschee in Konya - Ort der tanzenden Mevlevi-Derwische.

Die Mystiker des Sufismus sehen im Herzen den Ursprung gewollten Handelns, wie auch alle aus Intuition geborenen Handlungen.

Aus Qalb, das wie im Vedanta das Anahata-Chakra, auch im Sufismus, als feinstoffliches Herz erkannt wird, strömt, was die Sufis Ishq nennen - göttliche Liebe. Das Wort taucht als solches im Koran nicht auf, doch geht das Buch auf andere Weise ein auf den Aspekt der Liebe. Eher spricht der Koran von Hubb, der Zuneigung oder Ashaq, was bedeutet an etwas festzuhalten, so wie sich der Efeu am Gemäuer hält, den die Araber Ashaqa nennen. Da die Wörter der arabischen Sprache nun auf den sogenannten Wortwurzeln basieren, sind Ashaq, das Festhalten, und Ishq, die Liebe, natürlich miteinander verwandt. 

Ishq bezieht sich auf den unwiderstehlichen Wunsch von der Liebe Gottes Besitz zu ergreifen, ausgedrückt in der Schwäche des Liebenden Ashiq, der nur durch die Erwiderung seiner Liebe geheilt werden kann, um damit Vollkommenheit Kamal zu erlangen.

Gewiss erinnert dieses Liebesbestreben der Sufis, an jene Liebesmystik und Poesie der mittelalterlichen Troubardoure Frankreichs und Spaniens (11. Jhd). Für sie war Liebe ein Begriff wahrhaft kultivierten Umgangs von Menschen edler Gesinnung, wie man sie etwa in den Legenden der Artusritter oder der Gralslegende findet. Wohl nicht ganz zufällig tauchte Ende des 11. Jhd. im maurischen Spanien, eine ganz wichtige Sufi-Abhandlung über Liebe auf, die aus der Feder des Sufi Said Ibn Hazm (994-1064) stammte: Das Halsband der Taube - ein Gedicht von der Liebe und den Liebenden, geschrieben 1022, fast tausend Jahre vor unserer Zeit.

Als Liebe galt Said Ibn Hazm allein die Verbindung der Seelen: sowohl zwischen zwei verliebten Menschen, wie auch der Liebe eines Sufi zu Gott. Damit verwies er auf folgenden Koranvers:

Er ist es, der euch aus einer Seele erschaffen hat

- Sure 4:1

Die Liebe die Ibn Hazm in seiner Poesie beschreibt, scheint uns heute vielleicht befremdlich. Doch wie ja auch der Minnesang der mittelalterlichen Troubardoure, meinte Ibn Hazm eine andere Art Liebe, als was man darunter heute vielleicht versteht:

Ich möchte, dass ein Schwert zerteilt
Mir meines Herzens Schrein,
Dass man ihn erfüllt mit dir und ihn dann
Verschließt im Busen mein.

Dann weiltest du in ihm und schlügest
Sonst nirgendwo dein Zelt auf,
Bis aus dem Grab erstanden und
Die Welt gerichtet ist.

Du lebst in ihm, solang ich bin.
Und wenn der Tod mich ruft,
Wohnst du in des Herzens Tiefe
Im Dunkel meiner Gruft.

 

- Aus dem "Halsband der Taube" des Ibn Hazm

Rumi auf der Rückseite einer alten türkischen Banknote – ewigeweisheit.de

Abbildung einer Handschrift Ibn Hazms Werk "Halsband der Taube" (Universitätsbibliothek Leiden, Niederlande).

Drei Formen wahrer Liebe

Es gibt drei Formen der Liebe bei den Sufis. Zuerst wäre da die Ishq-e-Majazi, was sich als metaphorische Lieben übersetzen ließe. Der Sufi bezieht sich hier auf die Liebe zur göttlichen Schöpfung, wie auch die Liebe zwischen zwei Menschen - etwas dass mit der äußeren Schönheit eines Menschen zu tun hat und darum auch mit körperlichen Verlangen zum anderen. Das aber widerspricht ja, wenn wir zu Anfangs gesagt haben, dass eine "metaphorische Liebe" gemeint ist. Es ist eben die verallgemeinerte Weise des Verständnisses, die auf diesen Aspekt der Liebe verweist. Eigentlich aber soll die Isha-e-Majazi als Liebe, zu Mohammed (as) führen und über seine Segenskraft Baraka, schließlich zu Gott. Somit ist sie eine transformierte Form der Liebe, zu etwas Höherem, Vollkommenerem.

Damit wird die wahre Liebe zu Mohammed (as) erzielt, die man Ishq-e-Rasul nennt. Alles was in der Schöpfung existiert, so die Sufis, dient seinem Schöpfer, das heißt Allah. Daher der Glaube der Sufis, dass alle Seelen der Schöpfung, der Seele Mohammeds (as) ähneln. Drum will die geläuterte Seele des Liebenden zu ihm zurückkehren, was er erfährt, indem für ihn alle Attribute Allahs in Mohammed (as) widerscheinen.

Die Ishq-e Haqiqi ist das, was die Sufis die "Wahre Liebe" nennen, Bezug nehmend darauf, dass nur Gott wahrer Liebe wert ist. Nur Allah kann diese Liebe zu ihm erwidern. Es ist eine reine Liebe des Herzens. Nur dort kann sie vom wahren Gottsucher empfunden werden. Dort sieht sie der Sufi mit dem Auge des Herzens - etwas das dem Tier fehlt.

 

In allen diesen drei Formen der Liebe zum Absoluten, unterscheidet sich Mystik vom Asketentum. Es ist nicht der Verzicht, der den Mystiker ausmacht, sondern sein Wunsch die Liebe in der Vereinigung mit Gott zu erfahren.

Doch diese Gotterfahrung lässt sich nur schwer in Worte kleiden. Liebe muss erlebt, muss erfahren werden. Sie führt den Liebenden zum Geliebten, dass er mit ihm eins werde. Es ist wie mit dem Nachtfalter: bis zum Sonnenaufgang fliegt er um das offene Licht des Feuers und hält es für die Sonne. Jede Nacht wiederholt er dieses Trauerspiel, will der Lichtquelle näher kommen, doch versengt sich nur die Flügel. Doch jede Nacht verliebt er sich mehr in die Schönheit dessen, was er für die Sonne hält. Er kehrt zurück zu den Seinen, um ihnen von dieser Schönheit zu berichten. Und sie folgen ihm. 

Dann, am folgenden Abend wartet der Falter bis Sonnenuntergang und wünscht sich nichts mehr, als völlig in das Licht des Feuers einzugehen - fliegt in die Flamme und wird mit ihr eins.

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