Jenseits

Zweideutige Botschaften aus dem Jenseits

von S. Levent Oezkan

John Dee und Edward Kelley - ewigeweisheit.de

Im römischen Kaiserreich mischten sich die Wissensströme von Hermetik und Gnosis zu dem, was man heute bezeichnet als die europäische Tradition der Magie. Eingeweihte dieser Geheimzunft aber waren in der Renaissance geächtet. Man fürchtete sich vor den in der Magie angerufenen okkulten Mächten. Wer die Vorgänge im Kosmos spirituell manipulieren wollte, galt als Handlanger des Teufels.

Einer, der damals ins Kreuzfeuer seiner Verfolger geriet, war der englische Mathematiker und Astrologe John Dee (1527-1608), ein bemerkenswerter Gelehrter der alten Wissenschaften. Dee studierte Mathematik und Geografie in den Niederlanden bei Gerhard Mercator, später auch Astrologie im belgischen Louvain. Sehr früh schon hielt Dee an der Universität von Paris Vorträge über Mathematik. Seine Reden waren berühmt. Menschen drängten sich an den Fenstern der Hörsäle, um seinen Vorträgen zu lauschen.

Auch an anderen Universitäten Europas hielt der junge John Dee Vorträge. Mit 24 Jahren kehrte er nach England zurück, um dort den Kapitänen der Britischen Marine Mathematik und Navigation beizubringen. Dees Schaffen sollte dereinst auch für das Britische Königshaus eine Schlüsselrolle spielen, vor allem bei der Eroberung der Weltmeere.

Wissenschaft mit einem Hang zum Dunklen

John Dee war ein echtes Genie seiner Zeit. Sein Ruf als ausgezeichneter Mathematiker, Astronom, als Gelehrter der Geometrie, Optik, der Kartografie und Navigation, reichte bis zu den gekrönten Häuptern Europas. Was ihn ebenso besonders wie geheimnisvoll machte, war sein auffälliges Interesse für Okkultismus und Magie. In eigenartigen Sitzungen, wo seine magischen Kenntnisse praktisch Anwendung fanden, erfuhr er, dass geistige Wesenheiten aus dem Jenseits, direkten Einfluss auf den Menschen ausüben – eben genau so, wie sich menschliches Handeln auf weltlicher Ebene auswirkt.

Dees Wirken war mehr als bekannt. Sein Einfluss reichte gar bis in die Literaturwelt. So nahm ihn William Shakespeare († 1616) als Vorbild für seine Theaterfigur »Prospero«, im Stück »Der Sturm«. Prospero war ein Magier mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, der selbst dem Himmel ein Unwetter abzuschwören vermochte. Doch er war auch im Stande Konflikte zu befrieden, was getrennt war wieder zu einen. Irgendwann aber verwarf Prospero sein magisches Wissen, erkannte er doch in dessen Anwendung immer die Gefahr sich großem Unheil auszusetzen. Denn wer Harmonie durch Anwendung okkulten Wissens erzielen will, den schwemmen seine Machenschaften irgendwann in einen dunklen Sumpf unheilvoller Intrigen.

Zu dieser Erkenntnis gelangte wohl auch John Dee irgendwann, nur leider erst, als er und sein berüchtigter Gehilfe vom Schicksal geschlagen wurden.

John Dees magischer Spiegel aus Obsidian - ewigeweisheit.de

John Dees aztekischer Spiegel aus Obsidian. Diese Reliquie befindet sich heute im British Museum London.

Ein magischer Spiegel

John Dees magisches Wirken begann mit einem glänzenden, schwarzen Stein. Es war ein 500 Jahre altes Relikt aus aztekischer Zeit. Während der Britischen Kolonialisierung Amerikas, gelangte diese merkwürdige Hinterlassenschaft über Umwege in die Sammlung des Hofes von Königin Elisabeth I. von England: ein polierter, schwarzer Spiegel aus Obsidian, einem Mineral aus vulkanischen Glas (siehe Abbildung). Dieser runde, glänzende Stein, sollte zu John Dees Werkzeug werden, um Kontakt aufzunehmen zu den Wesenheiten des Jenseits.

Seit alter Zeit verwendeten aztekische Wahrsager solche Steine für die Kirstallomantie. Dazu starrten sie prüfend auf seine Oberfläche, um dahinter Erscheinungen zu erspähen und dabei die Zukunft zu prophezeien. Als solch magisches Instrument, galt der Obsidian den aztekischen Hohepriestern als Mittel, um in die Welt der Dualität zu spähen, wo ihnen die Mächte des Guten und des Bösen erschienen – verkörpert im indianischen Gott Ometeotl.

Keiner der Wahrsagerei betreibt, kann sich der Dualität von Gut und Böse, von Positivem und Negativem entziehen. Jeder der schon einmal ein Keltisches Kreuz legte (Tarot), um Antworten zu finden, weiß worum es hier geht. Entweder ein Wahrsager kommuniziert mit den Engeln oder aber sind es Dämonen, die sich nur als solche gottgesandten Wesen ausgeben.

Wie John Dee glaubte, gelang es ihm mit seinem Obsidian auch tatsächlich solche Wesenheiten aus dem Jenseits zu kontaktieren. Sie erschienen ihm darin, wie er glaubte, um ihm Nachrichten aus der Schattenwelt zu übermitteln. Die Kommunikation endete immer damit, als sich in diesem schwarzen Spiegel scheinbar ein Vorgang zuzog.

Wäre John Dee dereinst nicht zu einem der wichtigsten Menschen für das aufstrebende British Empire geworden, könnte man über diese Episode einfach nur lächeln. Doch Dee war sicher kein Scharlatan, sondern jemand, der sogar die politischen Geschicke seiner Zeit beeinflusste.

Im Folgenden werden wir sehen, dass durch Dees magische Künste Entscheidungen getroffen wurden, die auch heute noch gelten – möglicherweise für alle Menschen auf diesem Planeten.

Magus der Queen

Im 16. Jahrhundert galten Wissenschaft, Aberglaube und Magie als Forschungsbereiche selben Ursprungs. Die Kirche aber beäugte Wissenschaftler damals mit Misstrauen. Die hohen Rechenkünste schmähte man gar als Schwarzmagie und verbrannte öffentlich Bücher über Mathematik oder Astronomie. Wohl auch darum, da letztere Wissenschaft damals zur selben Zunft wie die Astrologie zählte.

1553 erstellte John Dee ein Horoskop für Elisabeth Tudor – dereinstige Königin von England. Darin laß er, dass sie schon bald in London den Thron besteigen werde. Doch damit begab er sich in gefährliche Fahrwasser. Denn er sah in den Sternen, dass die gegenwärtige Königin Maria I. von England, bald sterben würde. Nur gelangte diese Information in die falschen Hände. Man verdächtigte Dee, als einen der schwarze Magie betreibt und es auf das Leben der Königin Maria abgesehen hat. Am 28. Mai 1555 warf man ihn ins Gefängnis, woraus er aber schon im August des selben Jahres wieder entlassen wurde. Zur selben Zeit kam ein Kind zur Welt, dass für John Dees Leben noch eine besondere Rolle spielen sollte, wenn auch nicht nur im guten Sinne: Edward Kelley.

Drei Jahre nach diesen Ereignissen, verschlechterte sich zunehmend der Zustand der damaligen Königin. Es mag wohl auch an ihrer Unbeliebtheit gelegen haben, dass sie sich oft in depressiven Zuständen befand und sich dadurch ihre ohnehin angeschlagene Gesundheit, immer weiter verschlechterte. Im August 1558 erkrankte sie schwer an einer Influenza. Als sie ihrem Tod bereits ins Auge sah, ernannte sie offiziell Elisabeth Tudor als ihre Erbin und Thronfolgerin. Maria erlag drei Monate später ihren Leiden.

Dees Prophezeiung hatte sich also tatsächlich bewahrheitet. Zwei Monate später, am 15. Januar 1559, einem Datum, dass John Dee aus selbigem Horoskop für seine Majestät berechnet hatte, krönte man Elisabeth in der Londoner Westminster Abbey zur Königin von England. Seit diesem Datum verbesserte sich auch das Schicksal John Dees.

John Dees bei einem Experiment - ewigeweisheit.de

Ausschnitt aus einem Ölgemälde von Henry Gillard Glindoni (1852-1913). John Dee bei einem Experiment vor Königin Elisabeth I. im Londoner Stadtteil Mortlake.

Auf der Suche nach verborgenen Mächten

Okkultismus und Spionage sind seit alter Zeit Schlafgenossen, was gar nicht überraschend sein dürfte, denn in beiden Fällen geht es darum geheime Informationen zu gewinnen. Hexen, Wahrsager und Astrologen behaupteten schon immer die Zukunft vorhersagen zu können und wie Spione wussten sie Dinge, die den gewöhnlichen Menschen verborgen bleiben.

Solche heimlichen Nachrichten zu sammeln und daraus Einsichten zu entwickeln, erfolgte immer unter einem Mantel des Schweigens. Spione wie auch Okkultisten wissen darum gleichermaßen, wie sie ihr Wirken vor den Blicken Unerfahrener verbergen. Eine weitere Gemeinsamkeit ist die Verwendung geheimer Schlüssel, Symbole und Kryptogramme, womit Geheimwissen vor Nichteingeweihten chiffriert wird.

Okkultisten und Geheimdienstmitarbeiter ähneln sich in vieler Hinsicht, da sie beide in einer dunklen Unterwelt verborgener Geheimnisse verkehren. Kein Wunder also, wenn manche ihrer Mitglieder, in beiden Gewerben gleichzeitig zugegen sind. Anscheinend war John Dee auch Mentor von Königin Elisabeths Chef des Geheimdienstes: Sir Francis Walsingham (1532-1590). Walsingham hatte das neue Britische Königreich viel zu verdanken. Mehrere geplante Attentate auf Elisabeth I. hatte er bereits im Entstehen vereitelt.

Die Kunst der verborgenen Wissensübermittlung

Abt Johannes Trithemius (1462-1516) verfasste 1499 sein nie veröffentlichtes Werk über Geheimsprachen und Verschlüsselung: Steganographia. Das diese Schrift im Verborgenen blieb hatte seine Gründe. Es war ein magisches Werk, das genaue Anleitung zur Kommunikation mit Geistwesenheiten über große Distanzen hinweg ermöglichen soll. Die darin enthaltenen Beschreibungen, hatten auch großen Einfluss auf die Okkultisten seiner Zeit, wie etwa Agrippa von Nettesheim.

Doch wegen seiner Steganographia geriet Trithemius beim Klerus unter Verdacht ein Schwarzmagier und Wahrsagerei. Drum setze man diese Schrift 1609 auf den Index Librorum Prohibitorum (einem Index verbotener Bücher), was aber kein Hinderungsgrund war, dass auch andere diese Schrift lasen. Unter ihnen John Dee, der die Gelegenheit nutzte eine gesamte Abschrift des Werkes anzufertigen. Doch dieses Manuskript verschwand später. Wahrscheinlich wurde es während Dees Reisen durch Europa, aus seiner Bibliothek in Mortlake gestohlen. Die Kenntnisse, die sich John Dee beim Studium Trithemius' magischer Steganographia aneignete, sollten nicht nur seinem späteren Wirken als Spion des englischen Königshauses nützen, sondern ihm insbesondere wegweisend sein, bei der Kommunikation mit den Geistern des Jenseits.

Okkulte Machenschaften der Geheimdienste

John Dee war der wohl wichtigste Geheimagent von Königin Elisabeth. In seiner Eigenschaft als Spion seiner Majestät unterzeichnete John Dee stets mit 007 – eine Ziffernfolge, die wohl den Meisten bekannt sein dürfte.

Seine späteren Reisen nach Holland, Polen und Böhmen, dienten bestimmt nicht allein seinem Forscherdrang als Okkultist, sondern waren vielleicht auch gezielte Spionage-Akte, die er im Auftrag Königin Elisabeths vollzog. Ob er aber immer selbst davon wusste, sei dahingestellt. Doch das muss eine Behauptung bleiben, denn es gibt dazu keine Beweise.

Nicht nur wurde John Dee im Gefolge geistiger Wesenheiten gelenkt, sondern es kamen auch Zeitgenossen in sein Leben, die ihm seine Wünsche als Okkultist und Magier durch ihr finanzielles Zutun erfüllen konnten. Doch alles hat einen Preis. Denn seine Neugier und sein Forscherdrang, sollten dereinst sein Seelenwohl gefährden. Ab einem gewissen Punkt nämlich schien es, als suchte nicht mehr er den Kontakt zu jenseitigen Geistern, sondern immer mehr spähten diese Wesen auch nach ihm. Ja schlimmer noch: Je tiefer er in die Welt des Okkulten eindrang, desto mehr wurde er ein Instrument von Geschöpfen, die sich ihm zwar als Engel ausgaben, in Wirklichkeit aber finstere Wesen waren aus einer anderen, fremden Welt.

Als was sich ihm diese Geschöpfe zeigten, können wir nur aus den über oder von Dee überlieferten Schriften herleiten. Doch man sollte in Betracht ziehen, dass das Wirken dieser finsteren Mächte, durchaus auch in Form unsichtbarer Kräfte wirksam wurde. Wir müssen wissen, dass die Menschen in der Renaissance ebenso wenig über elektrische Ladungen wussten, wie über Viren, Bakterien oder Mikroben. John Dees Zeitgenossen konnten diese Dinge nicht sehen und nannten sie drum einmal Engel oder ein andermal Dämonen.

Solche Wesen schienen also Einfluss zu nehmen auf den Magus der Queen. Aus esoterischer Sicht aber, waren es wohl die indirekten Auswirkungen höher gestellter Wesen, die John Dee dazu brachten sich auf bestimmte Weise zu verhalten. Denn sein magisches Wirken erfolgte doch Seite an Seite mit den politischen Machtbestrebungen seiner Hoheit der Königin von England. Natürlich ist das nur eine Behauptung, doch je näher man sich mit John Dee befasst, und seinem gegenseitigen Austausch mit dem englischen Königshaus, scheint sich einem diese Vermutung regelrecht aufzudrängen.

Nun muss dies vor allem in einem größeren historischen Zusammenhang gesehen werden. Denn wir befinden uns in einer Zeit, als sich in Europa die große Kirchentrennung vollzog. Im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, kam es durch die Reformation Martin Luthers (1483-1546) in den 1520er Jahren zur Glaubensspaltung und einer Trennung vom römischen Papsttum. Im folgenden Jahrzehnt, ereignete sich Ähnliches auch in England. König Heinrich VIII. (1491-1547) heiratete 1533, gegen den Willen der Kirche und des Papstes, seine Geliebte Anne Boleyn (1501-1536). Doch da ihm das katholische Glaubensoberhaupt seine zuvor erfolgte Annullierung der Ehe mit Katharina von Aragon verweigerte, wandte sich Heinrich VIII. von Rom ab. Das war die Geburt der Anglikanischen Kirche. Eine Tochter die aus dieser Ehe hervorgeht, sollte dereinst den englischen Thron besteigen: Elisabeth I. – die jungfräuliche Königin.

Neben der politischen Bedeutung, ist auch die Symbolkraft hinter dieser historischen Entwicklung, von wahrlich großer Tragweite. Schließlich war es eine Jungfrau, die England zur Weltherrschaft führte.

Der Nullmeridian - ewigeweisheit.de

Der Nullmeridian verläuft durch den Londoner Stadtteil Greenwich - Geburtsort von Königin Elisabeth I. (1533-1603).

Britisches Weltreich und Greenwich-Meridian

Königin Elisabeth wurde am 7. September 1533 im Londoner Stadtbezirk Greenwich geboren. Durch Greenwich verläuft heute der Nullmeridian der irdischen Längengrade: das heißt, 12:00 Uhr entspricht (Winterzeit, der eigentlichen Zeit vor Einführung der Sommerzeit), wenn sich die Sonne dort über diesem Nullmeridian (0° Nördlicher Länge) auf ihrem höchsten Punkt zu Mittag befindet. Auch wenn dieser Nullmeridian erst 1884 global festgelegt wurde, scheint das kaum ein Zufall zu sein. Denn in diesem Jahr hatte das Britische Weltreich seine größte Ausdehnung angenommen.

1568 veröffentlichte John Dee seine Propaedeumata Aphoristica, ein umfangreiches Kompendium über astronomische Mathematik, Astrologie and Magie, das er natürlich auch Königin Elisabeth I. präsentierte. In den folgenden Jahren trafen sich Dee und die Queen regelmäßig in seiner Bibliothek im Londoner Stadtteil Mortlake. Der Magus sollte für die britische Krone noch eine bedeutende Rolle spielen. Es ist darum anzunehmen, dass John Dee auch den berühmten Seefahrer und Weltumsegler Sir Francis Drake (1540-1596) in Geometrie und Kosmografie unterwies. 1577 legte Dee dem Geheimen Kronrat Elisabeths den Vorschlag zur Durchführung einer Weltumseglung vor, die Francis Drake auch tatsächlich durchführte.

Besonders wichtig ist, dass Drake, durch den verheerenden Sieg der Engländer über die Spanische Armada im Jahr 1588, ganz maßgeblich zu Englands Rolle als größte Seemacht beitrug. Ein gewaltiges Unwetter kam den Engländern damals zur Hilfe und die wenig wendigen Schiffe der Spanischen Armada, kamen im englischen Kanal ins Wanken. Der Legende nach soll dieses meteorologische Ereignis Francis Drake durch ein magisches Ritual ausgelöst haben, dass er vor Ankunft der spanischen Armada auf den Meeresklippen des südenglischen Plymouth vollzog. Etwa ein Viertel der spanischen Schiffe ging bei dem Sturm unter oder lief auf Riffe. Der Plan der Spanier, die wohl auch auf Geheiß des Papstes handelten, war damit gescheitert. Bald darauf gewann England gewaltigen Einfluss als Seemacht. Und wer damals die Meere beherrschte, der beherrschte die Welt. Es ist wohl nicht ganz zufällig, das John Dee ebenfalls den Begriff »British Empire« (deutsch: Britisches Weltreich) prägte.

Gewiss eine riskante Behauptung, doch wäre die Seeschlacht zu Gunsten der Spanier ausgegangen, so hätte sich in den kommenden Jahrhunderten nicht Englisch als erste Weltsprache etabliert, sondern Spanisch. Vielleicht hätte man sich dann auch nicht auf den Greenwich-Meridian geeinigt, sondern die Uhren tickten heute abgestimmt auf einen Nullmeridian in Madrid.

Fragen an die Wesen des Jenseits

Doch kommen wir wieder zurück auf John Dees magisches Wirken und seine Kommunikation mit dem Jenseits. Was er von den Wesenheiten erfuhr, ob Dämon, ob Engel, führte sicherlich nicht ganz zufällig zu Erkenntnissen, die zu dem politisch-religiösen Geschehen Europas Bezug hatten.

Was John Dee ab einem gewissen Grad seines okkulten Strebens jedoch niemals zu bedenken schien, war, dass er mit alle dem vielleicht zu unvorsichtig vorging. Denn ab einem gewissen Grad, erfuhr er nicht nur über die Geschicke seiner Heimat und der Welt, sondern glitt ab in die finsteren Gefilde von Wesenheiten, die er ganz und gar nicht mehr unter Kontrolle hatte.

Wenn man heute an einen Wahrsager denkt, kommt einem vielleicht gleichzeitig jemand in den Sinn, dessen Blicke um eine kristallene Kugel kreisen. Und gewiss ist das die älteste Form der Wahrsagekunst. Dabei geht es aber weniger darum in die Zukunft zu blicken, als über Gegenwärtiges zu spekulieren – das, was passieren könnte. Niemand weiß, was die Zukunft tatsächlich bringt. Das mit dieser magischen Kunst verbundene deutsche Wort, bilden die Silben »wahr« und »sagen«. Jemand der also »wahr-sagt« spricht über das, was ist. Und was ist, wird sein. Doch was ist, ist nicht für jeden offensichtlich. Manche aber, die die Gabe zur Hellsicht besitzen, nehmen auch wahr, was sich jenseits der fünf Sinne abspielt und sehen dabei was eigentlich ist.

Kristallkugel - ewigeweisheit.de

Die Kristallkugel: Ausschnitt aus einem Gemälde von John William Waterhouse  (1849-1917).

Kristallomantie

Schon im Alten Ägypten, bei den Sumerern und im Alten China, gab es Medien, die in ritueller Praxis, in Spiegeln und Kristallen, die Geschicke der Zeit abzulesen vermochten. Später dann, im 10. Jahrhundert, beschreibt der persische Dichter Abu Laqasim Firdausi (940-1020), in seinem Epos »Schahname«, einen Wahrsager, der auf der spiegelblanken Oberfläche eines Kelches nach spirituellen Eindrücken späht:

Er erhob den Kelch und starrte ihn an
Die sieben Weltgebiete spiegelten sich darin
Und jede Schau und Prophezeiung der hohen Himmel.

Wie gewohnt sah der Magierkönig, im Kelch die Zukunft.

- Aus dem Schahname des Firdausi

Doch auch im fernen Aztekenreich, wie wir oben sahen, bei den Zigeunern, in Sibirien und im fernen Japan, überall praktizierte man Nekromantie und Wahrsagekunst. Die Ägypter erblickten die Geister auf öligen Oberflächen, andere erkannten sie im Rauch.

Solcher Art Erkenntnis zu erlangen, galt auch dem Magier John Dee als höchstes Anliegen. Denn er versuchte verzweifelt neue Wege zu finden, die ihn an die Tore der Welt des Okkulten führen sollten. Doch er konnte nicht gleichzeitig als Medium und als Frager fungieren. Er war Wissenschaftler der von solch Kräften wusste, doch hätte eine mantische Beschwörung seine Vernunft nur benebelt. Darum suchte er jemanden der ihm half, seinen Geist aus der natürlichen, in die übernatürliche Welt zu befördern und mit Hilfe seines schwarzen Spiegels (siehe oben) eine direkte Verbindung zu den Engeln herzustellen und damit zu Gott. Dee schien jedoch zu ignorieren, dass er damit seinen Wahrsager und sich in Gefahr brachte, denn es konnten auch gefährliche Wesen angezogen und unvorbereitet ins Diesseits freigelassen werden.

Kommunikation mit der Anderswelt

John Dee hatte bereits verschiedene Wahrsager und Kristallomanten getroffen, die ihm bei seinen spiritistischen Sitzungen helfen sollten. Doch leider ohne Erfolg. Ein Mr. Clerkson, über den nichts weiter bekannt ist, stellte John Dee einen Mann vor, der sich Edward Talbot nannte. Er wollte Dee als Medium behilflich sein. Ein sonderbarer Kerl, der, wie sich herausstellen sollte, eine recht finstere Vergangenheit hatte, denn er änderte mehrmals seinen Namen. Auch Edward Talbot war ein Deckname. Als wirkliche Identität verbarg sich hinter Talbot der englische Alchemist Sir Edward Kelley (1555-1597). Bereits zwei Tage später bat er John Dee darum, ihm seine Fähigkeiten als Kristallomant unter Beweis stellen zu dürfen. Kelley entpuppte sich dabei als echtes Genie, der tatsächlich die magischen Schlüssel bot, um damit die Pforten in die Anderswelt zu eröffnen.

So kam es zur Zusammenarbeit von Dee and Kelley. Sie widmeten die meiste Zeit den spirituellen Zusammenkünften mit Engeln und ihren Abgesandten. Ihr Ziel war es, durch ihre Gebete und Kommunikationen mit der Engelwelt, zur Ökumene beizutragen. Sie wollten den Riss der durch die englische Christenheit verlief heilen. In den Jahren zwischen 1582 und 1589, war Edward Kelley darum auf's Engste an das Leben seines 27 Jahre älteren Meisters John Dee geknüpft.

Das erste geistige Wesen das Kelley kontaktierte war der Erzengel Uriel. Als nächstes sollten sie in Kommunikation mit Erzengel Michael treten. Unter diesen Umständen aber war John Dee extrem aufgeregt. Schließlich war das ein Lichtwesen von sehr hohem Rang, dass eigentlich mit Normalsterblichen niemals kommunizieren würde. Wie es in der okkulten Wissenschaft heißt, kontaktieren Erzengel allenfalls Propheten und Gottgesandte. Vom Erzengel Michael aber, sollen John Dee and Edward Kelly in das System der Henochischen Engelmagie eingeweiht worden sein. Was daran wirklich wahr ist, sei einmal dahin gestellt. Denn die Bezeichnung »henochisch« (nach dem biblischen Urvater Henoch benannt), stammt aus jüngerer Zeit. Denn weder John Dee noch Edward Kelley gaben dem, von ihnen gefundenen System einen Namen.

Wenn andere Magier über John Dees Engel-Konversationen meinten, sie seien in der »Henochischen Sprache« erfolgt, wollte man damit zuerst einmal auf Dees Engel-Konversationen hinweisen. Sicher aber waren sie sehr daran interessiert das biblische Buch Henoch zu finden. Darin nämlich glaubten sie, klinge die Weisheit des alten Henoch an – jenes biblischen Propheten, der einst in den Himmel entrückt ward. Es heißt, im Alter von 365 Jahren nahm Gott ihn zu sich auf. Henoch muss von der Ursprache der Menschen gewusst haben, der Zunge Adams, die erst mit dem Turmbau zu Babel in die 72 Sprachen zerfiel.

John Dee vermutete, dass die einige Ursprache Adams mit der Sprache Gottes sogar übereinstimmte – worin sich die Urworte der Schöpfung finden. Jene göttlichen Ausdrucksformen waren Teil der Sprache der Engel – einer Sprache des Lichts.

Und Gott (Elohim) sprach: Es werde Licht!

- Genesis 1:3

Als Dee und Kelley sich ihren Engel-Konversationen widmeten, war Dee davon überzeugt, dass die Hebräische-Sprache durch Anwendung Kabbalistischen Geheimwissens derart angeglichen werden könne, um damit jene Ursprache Adams wiederzufinden – als eine Sprache des Himmels, an die sich eben der alte Prophet Henoch erinnerte.

Wie dem auch sei, eröffneten sich ab diesem Zeitpunkt John Dee Wege zu einer bisher unbekannten Quelle, die – wie sich aber leider herausstellen sollte – ganz und gar außerhalb seiner Kontrolle lag. Außerdem glaubte John Dee, dass die Engel ihm das Wissen offenbaren würden, um neue, verborgene Ländereien der Erde zu entdecken, die dereinst der englischen Krone zugehören sollten.

Der Prophet Henoch - ewigeweisheit.de

»Und Henoch wandelte mit Gott und ward nicht mehr gesehen, denn Gott hatte ihn entrückt.«, Genesis 5:24
Die Entrückung Henochs. Illustration von Gerard Hoet (1648-1733).

In der Sprache der Engel

Bis 1582 kannte niemand die Sprache Henochs. Doch Kelley evozierte sie mittels Kristallomantie in Dees Bibliothek in Mortlake. Dee notierte dann die Henochische Sprache nach dem Diktat seines Mediums Kelley. Wie bereits angedeutet, hielten sie diese Sprache als das Kommunikationssystem zwischen Gott und seinen Engeln. Was Dee und Kelley aus ihren Konversationen mit den Engeln gewannen, war ein vollständiges Alphabet, ein Wortschatz und eine entsprechende Grammatik.

Nach Schilderungen Kelleys, stieg in den Séancen aus dem Kristall ein Licht auf, dass vor ihm zu schweben begann. Aus diesem Licht erhielt er die, wie er sie nannte, »Henochischen Rufe« der Engel, die ihm Nachrichten übermittelten. John Dee hatte sich entsprechend vorbereitet, um sich von Kelley Details diktieren zu lassen, die er auf mehreren Tafeln niederschrieb. Mehr und mehr aber schien John Dee in diesen Übermittlungen aus dem Jenseits, die Büchse der Pandora geöffnet zu haben. Was in diesen Sitzungen aus der geistigen Welt wirklich hervortrat, darüber herrscht Uneinigkeit. Was als »Henochisch« niedergeschrieben wurde, ging weitestgehend aus Kelley hervor, als John Dees Medium.

Nun muss man sich vor Augen führen, vor welchem Hintergrund diese Séancen stattfanden. Denn wie oben beschrieben, war Dee nicht irgendein Gelehrter, sondern vor Allem Berater der Queen gewesen. Auch durch sein Wirken strebte Britannien zur Weltmacht auf. Nur war Kelley eben auch, wie jeder andere Magier und Wahrsager, nur ein Mensch mit entsprechenden Neigungen. Gut möglich dass er Dee davon überzeugen wollte, das sich beide doch als geistige Väter einer neuen politischen Ordnung Europas Geltung zu verschaffen hätten.

Leider nahmen die Séancen mehr und mehr schaurige Züge an. Jene vermeintlichen »Engel« nämlich, fingen an darauf zu bestehen, dass Dee und Kelley alles gemeinsam haben sollten – sogar ihre Ehefrauen. Wo menschliche Bemühungen auf Versprechungen von Geistern basieren, dürfte es kaum verwundern, wenn solch Unterfangen dann doch zu einem entwürdigenden Ende kommt – und genau das trat auch ein für John Dee und Edward Kelley.

Die Situation in Mortlake nahm immer schaurigere Züge an. Königin Elisabeth ließ Dee und Kelley darum durch ihren Chefspion Sir Francis Walsingham überwachen.

Der Engel Madimi

Nun lud die englische Königin 1583 einen polnischen Prinzen und Palatin nach London ein: Albert Łaski von Schieratz († 1604), einem Abenteuerer, der seit früher Jugend in Verbindung stand sowohl mit dem Hause Habsburg, dem russischen Zaren und auch mit den osmanischen Sultanen. Die Habsburger waren im Übrigen ein mächtiges europäisches Adelsgeschlecht, worunter zur Zeit Königin Elisabeths I. auch König Phillip II. von Spanien zählte, dessen Armada dereinst von Francis Drake besiegt werden sollte – jenem oben geschilderten Wendepunkt der Weltgeschichte.

Für einen polnischen, katholischen Adeligen auf jeden Fall, war Prinz Łaski ein recht eigenwilliger Typ. Er setzte sich einfach über religiöse Konventionen hinweg, beschäftigte sich intensiv mit so häretischen Wissenschaften wie Alchemie und Magie. Anscheinend hatte er viele Schulden und hoffte auf die Goldmacherkünste eines Alchemisten. Vor allem aber stand er als Getreuer Roms nun in Kontakt mit dem Oberhaupt der Englischen Reformation: Königin Elisabeth I.

Łaski bat die Königin mit John Dee Bekanntschaft machen zu dürfen, denn er wollte dessen Bibliothek in Mortlake besuchen und mit ihm über Magie sprechen. Der Prinz besuchte viele Male Dee in seinem Haus in Mortlake. Schon bald nahm Łaski sogar an den Henochischen Kommunikationen teil, die Dee und Kelley unternahmen – ein echt gefährliches Unterfangen. Łaski aber war interessiert an seiner Zukunft und erhoffte sich durch die kristallomantischen Sitzungen Kelleys, mehr über sein Schicksal in Erfahrung zu bringen.

Als Albert Łaski einmal abwesend war, trat in den Engel-Kommunikationen Kelleys plötzlich ein Wesen in Erscheinung, dass sich »Madimi« nannte – eine der faszinierendsten übersinnlichen Projektionen Kelleys. Es war der erste weibliche Engel, der sich Dee und Kelley zeigte: ein kleines Mädchen in einem Satin-Kleid. Es trat aus dem Kristall hervor und verselbstständigte sich, rann als Geist auf- und ab entlang der Bücherregale in Dees Bibliothek in Mortlake.

Doch Madimi war nicht etwa »niedlich«, sondern ein Wesen ungeheuerlicher Macht, dem Edward Kelley kaum gewachsen war. Sie sprach zu ihm auf griechisch, wovon er kein Wort verstand. Doch es kam noch besser, denn Madimi schlug ihm vor, alternativ alles auf arabisch zu kommunizieren. Er aber setzte ihr wütend entgegen, das er einfach nicht mehr mit ihr kommunizieren wolle, wenn sie nicht eine Sprache spreche, die er auch verstünde. Auch schien er einfach Angst zu haben, da diese Stimme eindringlich auf ihn in einer fremden Sprache einredete, von der er nicht wusste, ob sich dahinter nicht etwa eine andere Kraft eingeschaltet hatte.

Bin ich denn nicht ein schönes Mädchen? Lass mich in deinem Hause spielen. Meine Mutter sagte sie wolle hier einziehen. Ich bin das letzte aber eines der Kinder meiner Mutter, zuhause habe ich Kleinkinder.

Madimi enthüllte Dee, dass sie eine der sieben Töchter des Lichts sei und das sie mit ihren Schwestern kam, um mit John Dee in seinem Haus zu wohnen. Ihre Mutter, der Engel Galcah, sollte ihr später folgen. Doch anders als Kelley verliebte sich Dee in den Geist Madimi. Mehr und mehr nahm sie eine zentrale Rolle in ihren Séancen ein. Die weiteren Sitzungen mit Madimi begannen mit Fragen über die Ahnen von Albert Łaski. Laut Madimi und anderen Engeln, war er verwandt mit der englischen Monarchin und ihren Vorfahren. Die Queen schien ihn außerdem beschützen zu wollen, in einem größeren Unterfangen, dass sich wohl um die Krone Englands drehte.

Die erste und letzte Reise

Prinz Łaski lud Dee, Kelley und ihre Familien dazu ein mit ihm auf den Kontinent zu reisen. Edward Kelley verließ zum ersten Mal in seinem Leben England, im Gegensatz zu John Dee der ein vielbereister Mann gewesen ist. Doch Łaski befand sich anscheinend auf der Flucht vor seinen englischen Gläubigern. Er hoffte eben darauf, dass ihm diese beiden Alchemisten behilflich sein könnten, seine finanzielle Situation zu glätten. Schießlich galt er als polnischer Thronfolger. Mit ihrer Hilfe wollte er König seines Landes werden.

Gemeinsam mit Łaski kamen sie im September 1583 über Amsterdam nach Hamburg und Lübeck, über Rostock nach Stettin und verbrachten Weihnachten in Poznan (Polnisches Königreich). Von dort kamen sie wieder nach Bremen und danach erneut ins polnische Krakau. Ob John Dee auf dieser Reise mit Łaski auch geheimdienstlichen Aufträgen nachging, ist heute zwar nicht bekannt, doch recht wahrscheinlich. Denn schon in dieser Zeit liefen die Vorbereitungen zu jenem oben angedeuteten Englisch-Spanischen Seekrieg (1585-1604).

Aus der Familie der Habsburger stammte auch der damalige Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, Rudolf II. 1584 waren John Dee und Prinz Łaski bei ihm zu einer Audienz geladen. Rudolf war auf die alchemistischen Künste Dees und Kelleys aus. Doch da er mehrfach von reisenden Goldmachern Alchemisten betrogen worden war, misstraute er den beiden bereits und wusste nicht so recht, was er von Edward Kelley und John Dee eigentlich halten sollte. Das war auch die Zeit, als Dee und Kelley in einer Séance, von einem Engel angeblich den Auftrag erhielten ihre Frauen zu tauschen und dabei mit ihnen zu schlafen. John Dee war damals 60 Jahre alt – Edward Kelley 32.

Danach kam es zum Bruch. John Dee kehrte 1589 zurück nach England, während Kelley weiterhin als Alchemist am Hofe Kaiser Rudolfs II. diente. Dort aber kam es zum Eklat: Kelley wurde 1591 verhaftet und saß zwei Jahre im Kerker. Doch seine Schuld wog schwerer, denn Kaiser Rudolf beschuldigte ihn, den Hofbeamten Georg Hunkler im Streit erschlagen zu haben. Zwar ist es nicht gesichert, doch anscheinend erbat Elisabeth I. die Freilassung Kelleys. Bei einem Fluchtversuch wurde Kelley schwer verletzt und verlor ein Bein. Zwar entließ man ihn später, doch kurz darauf wurde er erneut verhaftet und in einen Kerker auf der Burg Hněvín im tschechischen Most festgehalten, wo er zwischen 1597 und 1598 starb – angeblich beging er Selbstmord.

Einsichten eines Ent-Täuschten

John Dee kehrte in seine Heimat zurück als enttäuschter, ernüchterter, alter Mann. Ihm wurde bewusst, dass er sich so lange Zeit an einen Irrglauben an Engel und Geister geklammert hatte – etwas, dass ihm nun ganz und gar unnütz erschien. Über nichts von dem, was er über sein Medium Edward Kelley in den gemeinsamen Séancen fand, hatte er Beweise.

Als er sein Haus in Mortlake nach sechsjähriger Abwesenheit betrat, erschrak er, denn Einbrecher hatten dort gewütet. Seine Bibliothek war zerstört und viele seiner wertvollsten Bücher und Instrumente waren verschwunden. Schwere Zeiten brachen für ihn an und es blieb ihm kaum Geld, um für Frau und Kinder zu sorgen.

Was John Dee jedoch der Nachwelt hinterließ, waren beispiellose Errungenschaften, deren intellektuelles Erbe den Gelehrten der kommenden Jahrhunderte noch Rätsel aufgab. Mag sein, dass Dee und Kelley als Hexenmeister und Zauberer verschrieen waren. Viele aber erinnerten sich vor allem an John Dee als gebildetes Genie und einen der wahrscheinlich glanzvollsten Berater der Britischen Krone. Etwa ein Jahr nach Dees Tod (zwischen 1608 und 1609), ließ William Shakespeare in seinem Theaterstück Prospero zu Wort kommen:

Unsere Spiele sind nun zu Ende. Diese unsere Schauspieler, wie ich euch vorhin sagte, sind alle Geister, und zerflossen wieder in Luft, in dünne Luft, und so wie diese wesenlose Luftgesichte, so sollen die mit Wolken bekränzten Türme, die stattlichen Paläste, die feierlichen Tempel, und diese große Erdkugel selbst, und alles was sie in sich fasst, zerschmelzen, und gleich diesem verschwundenen unwesentlichen Schauspiel nicht die mindeste Spur zurücklassen.

- Der Sturm 4. Aufzug, Szene 1

Weiterlesen ...

Das Mysterium des Todes

von S. Levent Oezkan

Mysterium des Todes - ewigeweisheit.de

Manche meinen der Tod sei ein sehr, sehr langer Schlaf. Was schläft ist aber nichts als der verwesende Leib. An die Unsterblichkeit der Seele zu glauben hingegen bedeutet den Tod als Befreier der Seele zu erkennen. Dies wissend fragt sich: Wieso überhaupt sollte man sich dann vor dem Tod noch fürchten?

Es ist wohl eher die Angst vor dem Sterben, das vielleicht mit Leid und Schmerzen einher geht. Darum spricht sicher niemand in hohen Tönen von seinem Tod. Eher zuckt einer zusammen bei dem Gedanken daran.

Jeden Augenblick jedoch kann uns der Tod holen, auch wenn es fast unmöglich scheint. Wer dieser, seiner letztendlichen Konsequenz schon mal ins Auge sah, der weiß worum es hier geht: Ein Grauen das über einen kommt, wenn man sich bewusst macht, dass man schon nachher nicht mehr leben könnte. Kaum zufällig unterstellen viele Märchen und Legenden diesem Inbegriff des Schreckens stets eine hässliche, furchterregende Wesenart, auch wenn es ja selbst keine Person oder Sache ist.

Grausamer aber noch als der eigene Tod, den man ja gerne in die ferne Zukunft verschiebt, ist wenn ein nahestehender Freund oder Familienangehöriger stirbt. So viele Menschen tauchen danach ab, in tiefste Verzweiflung, wo sich ein Riss durch ihr Sein zieht, wo die Gefühle liebevoller Erinnerung und schmerzlicher Wahrheit die Seele entzwei zu reißen scheinen.

Ist der Tod wesenhaft?

Das Ende der irdischen Körperlichkeit ist meiner Ansicht nach eigentlich nur der Beginn eines Übergangs, wo sich sich die Seele aus dem Körper löst, um als nicht-physisches Wesen fortzuexistieren. Der physische und ätherische Teil des Menschen aber wird wieder eins mit der Erde und lässt sich niemals mehr in die Form vor seinem Tod zurückverwandeln.

Den Seelengeist kleidet ein geistiger Leib, der ebenso wahrnimmt, wie der physische Körper. Dass das nicht allein auf Spekulationen beruht, dafür stehen all die Berichte von Menschen die eine Nahtod-Erfahrung machten, sich aus ihrem Körper lösten, ihn vor sich sahen und auch die Worte der Menschen in ihrer Nähe vernahmen, auch dann, wenn man sie bereits als klinisch tot erklärte.

Human Pardon. Félicien Joseph Victor Rops (1833-1898) - ewigeweisheit.de

Begnadigung des Menschen - Gemälde von Félicien Rops (1833-1898).

Der Tod kommt unaufgefordert

Tod bedeutet Stille. Doch es ist keine Stille vor der man sich fürchten braucht, da es ja bereits der Tod selbst ist. Eher ist der Tod wie ein Freund, der den Wesenskern des Menschen – seine Seele – aus seiner engen Körperlichkeit dann endlich befreit hat. Niemand als der eigene Tod besitzt die Schlüssel, um jenes Seelentor zu öffnen, dass das wahre Wesen des eigenen Seins enthüllt.

Der Tod begleitet uns stets an unserer Seite. Wer ihm begegnet, dessen Seele wird abberufen, auf einen Pfad der in die Fremde führt. Er ist ein strenger Besucher, der sich von seiner Pflicht durch nichts in der Welt abbringen lässt. Der Tod ist ungeduldig. Drum, wenn er zuschlägt, bleibt dem Sterbenden keine Zeit. Selbst jene, die im Begriff sind auch nur die kleinste Tätigkeit anzugehen, die in nur Augenblicken erfolgen würde, selbst sie unterliegen seiner Ungeduld.

Aufgabe des Todes ist die Seele aus den Banden des Fleisches zu entfesseln, quasi als letzter Akt menschlichen Seins. Der Tod trägt die Seelen davon, den verstorbenen Körper aber lässt er zurück, dessen sich die Seele zu Lebzeiten als Fahrzeug bediente.

Manch einer wird vom Tod im Schlaf heimgesucht, so dass er nicht ins Bewusstsein seines Leibes zurückkehrt, als vielmehr in einem anderen Bewusstseinszustand erwacht. Schlaf und Tod sind Geschwister.

Der eigentliche Tod ist ein Wechsel ohne Wiederkehr. Er aber ist nicht das Leid, das jemand vielleicht während langer, tödlicher Krankheit im Sterben erfährt. Es ist keine Reise, die ein Mensch mit seiner Seele beginnt, nichts, wo lange Zeit vergeht, vom einen Hier zum anderen Dort. Es ist ein zeitlich gänzlich simpler Vorgang, den der Tod ad hoc bewerkstellig.

Wer weiß dass er sterben wird, der braucht kein neues Gewand anzulegen, braucht keine Besitztümer mehr auszuwählen. Alles was der Tod vom Menschen fordert ist seine geistig-spirituelle Vorbereitung auf den Tag seines Ablebens.

Wer ist darauf vorbereit?
Wer schon beschäftigt sich mit seinem jüngsten Tag?
Wäre es nicht immer an der Zeit?

Im Land der Toten

Sobald sich die Seele eines Menschen vom verstorbenen Leib löste, so die Geheimlehren, begegnen ihr zuerst die Seelen jener Menschen die sie einst während ihres irdischen Aufenthalts kannte, doch die selbst schon verstorben waren. Sie freuen sich über die Ankunft der Seele des Verstorbenen. Unter ihnen sind nur aber jene, die dazu Erlaubnis erhielten. Kaum verwunderlich dass diese Seelen am Eingang in die Zwischenwelt genau wissen, was der Verstorbene durchgemacht hat, zählten sie doch selbst einst zu jenen, die ihrerseits dort feierlich empfangen wurden. Auch sie mussten traurig Abschied nehmen von ihren lieben Freunden und Familienangehörigen.

Doch es ist nicht immer so, dass die Seele nach dem Tod des Körpers tatsächlich in den Kreis der Bekannten eintritt, noch ist es wahrscheinlich, dass sie alle ab da an zusammen sind. Man war ja auch auf Erden nicht ununterbrochen zusammen.

Der Glaube dass mit dem Tod alles zu Ende ist, stimmt also anscheinend für jene, die sich immer nur mit ihrem Körper identifizieren. In den Geheimwissenschaften in Ost und West aber ist die Rede von einem Teil der Existenz, der fortwährend an seiner eigenen Weiterentwicklung interessiert ist. Die Station Erde ist dabei nur ein Teil auf diesem langen Weg des Aufstiegs.

Ganz gleich ob nun manche an die Wiedergeburt glauben oder andere ihre Seele nach dem Tod einem Paradies oder einer Hölle gegenüberstehend finden wollen, geht es doch immer um die Läuterung der Seele. Es ist ein Pfad auf dem Weg zur Vervollkommnung – auch dann, wenn dieser Begriff nicht mit dem identisch ist, wie wir ihn zu Lebzeiten auf Erden definiert hatten.

Niemand kann sagen, wie lange dieser Seelenweg der Läuterung tatsächlich ist. Gemäß einfachster hermetischer Prinzipien dürfte er aber sehr wahrscheinlich in die Einheit allen Seins führen, wo sich das Getrennte dann verbinden wird.

Dante's Paradiso - ewigeweisheit.de

Dante's Paradiso: die himmlischen Gefilde der Seeligen und Engel. Illustration von Gustave Doré (1832-1883).

Bleibt alles beim Alten nach dem Tod?

Auch wenn man nicht mehr in seinem Körper über irdischen Grund wandelt, bleibt man als Seelenwesen am Leben. So wollen es die Geheimlehren in West und Ost. Manche meinen gar zu behaupten, dass man sich gar nicht verändere, sondern die Lebensreise im Jenseits, gewissermaßen die diesseitige Reise einfach nur fortsetze.

Wenn im Osten nun die Rede ist von Karma, dem Prinzip von Ursache und Wirkung, denkt man sich dabei die Konsequenzen, die die Taten eines Menschen mit sich bringen. Wer frei ist von allem Übel, der soll nicht mehr auf diesem Planeten reinkarnieren müssen – einem Ort, der ja manchmal ein Ort der Finsternis ist, wo Leid, Angst und Schmerz jeden Lebenden plagen. Doch sind es nicht eben diese Attribute, die die westliche Tradition auch mit der Hölle assoziiert?

Für jemanden der auf dieser Erde leidet, dürften Vorstellungen von einer Hölle oder der Fortsetzung irdischer Leiden im Jenseits, auf den ersten Blick gewiss ganz unangenehm erscheinen. Fest steht jedoch dass sich alles im Leben ändert, ganz gleich wie grausam es im Augenblick auch erscheinen mag.

Jedes Leid kommt zu seinem Ende und was Trauer war, wird irgendwann vergessen sein.
Statt Schmerz wird dann Freude empfunden und Verzweiflung weicht der Zuversicht.

Natürlich ist all das viel komplexer, als dass man es hier in wenigen Zeilen schreiben könnte. Viele Seiten mehrerer Bücher ließen sich füllen mit der Beantwortung der Frage: Was geschieht im Übergang vom irdischen Leben ins Jenseits?

Manche mögen darauf antworten dass sie gemäß ihres Karmas wiedergeboren würden. Doch ob sich das in der Tat, eins zu eins auch so ereignen wird, kann niemand beantworten der auf dieser Erde lebt. Selbst er wüsste es, bedeutete das trotzdem nicht, dass es auch ebenso für jeden anderen Menschen gelten würde.

Ohnehin basiert solches »Geheimwissen« meist nur auf intellektuell angereicherten Details, die man hier oder da fand, die ein Autor oder Seminarleiter zu wissen vorgab. Leider sind unter diesen oft aber auch welche die nicht wirklich wissen wovon sie eigentlich sprechen. Sie geben einfach nur das wieder, was sie anderswo hörten oder lasen.

Das bedeutet natürlich nicht, dass wenn hier geschrieben steht dass Andere lediglich fremdes Wissen kopieren, dass alles daran falsch ist. Vielleicht macht es aber Sinn es so zu formulieren: Wer an die Existenz seiner Seele glaubt, dem dürfte schwer fallen sich nicht die Frage zu stellen, was mit diesem Teil seines Seins nach dem Tod wirklich geschieht – insbesondere dann wenn sie eben nicht allein eine psychologische Entität ist, sondern tatsächlich ein eigenständiges Wesen – etwas, das einen Körper angenommen hatte, von dem es sich aber durch den Tod wieder scheiden wird.

Wenn es so etwas wie eine Seele gibt, die den Tod übersteht, und das erfahren wir ja aus den philosophischen Schulrichtungen und Religionen in Ost und West, ist ihr Fortleben gewiss eine Weiterführung des irdischen Lebens. Auch dann, wenn es sich »nur« um Erinnerungen handelt.

Das bedeutet aber auch, dass sich alle Sorgen und Ängste in gewisser Weise erhalten, bis man sie schließlich überwunden hat. Dabei müssen es gar nicht die Alltagssorgen sein, die einem im irdischen Leben zu schaffen machten, als eher das als Sorge empfundene Gefühl – oder besser – die intuitive Emotion, die uns mitteilt: etwas ist nicht in Ordnung.

Freitod

Der Übergang vom Leben in den Tod ähnelt einem Umzug von einer Stadt in eine andere. Seine moralischen Verpflichtungen nimmt ein Mensch jedoch immer mit. Deshalb ist es gänzlich sinnlos zu glauben, dass ein Selbstmord, auch noch so gravierenden Probleme und Sorgen auf dieser Erde erübrigen könnte. Wer sich selbst tötet bekennt sich aber zu seiner totalen Unfähigkeit zu leben.

Schaut man hier etwa auf die westlichen religiösen Traditionen, so meinen diese nun, dass ein Selbstmörder unbedingt in der Hölle landet. Dort versucht die Seele eines Selbstmörders erneut ihr Leben durch Gewalt zu beenden, was ihr als unsterbliche Einheit jedoch niemals gelingen kann, sie aber nur immer tiefer in immer weitere Komplikationen hinabzieht, bis sie schließlich erkennt, dass Selbstmord niemals einen Zweck erfüllen kann.

Eine solche Tat ist eben nichts, worüber jemand zuvor reflektierte oder über die Auswirkungen nachdachte. Es ist eine Tat vollkommener Aggression. Denn hätte jemand über seine Auswirkungen nachgedacht, wäre seinem absurden Wunsch durch eigenes Zutun zu sterben, wohl doch die Vernunft in die Quere gekommen und hätte ihn von dieser Tat abgehalten.

Die Vorstellung mag manchen sehr beängstigend erscheinen oder gar wahnwitzig. Doch es gibt kein Entkommen! Probleme wollen gelöst, Schwierigkeiten aus dem Weg geschafft, Hürden wollen überwunden werden. Auch wenn das im Diesseits manchen einfacher zu gelingen scheint als anderen, bedeutet das nicht wirklich, dass sie, selbst in üblem Handeln, auf ewig frei von Schwierigkeiten bleiben.

Was auf Erden erreicht wurde, welches Endziel der Mensch beim Tod seines Körpers fand, dass wird seine Seele in transformierter Form auf einer anderen Ebene fortsetzen. Hoffentlich aber auf einer höheren Stufe der Vervollkommnung.

Das Leben im Jetzt, in diesem Körper, an diesem Ort, an dem Sie sich in diesem Augenblick befinden, ist ein Ausschnitt einer ewigen Weiterreise, die durch Freude und Schmerz ebenso führt, wie durch Verlust und Gewinn.

Es ist unsere Gewohnheit, die uns in raum-zeitlich materiellen Termini denken lässt. Man identifiziert sich mit seinem Körper, mit dem Ort an dem man lebt und dem Augenblick, in dem man Lust oder Leid, Freude oder Trauer verspürt. Und all diese Empfindungen besitzen ganz und gar ihre eigene Wirklichkeit und Wichtigkeit. Nur wenige aber empfinden sie bewusst als tatsächliche Verpflichtungen in dieser Lebensspanne, in der wir unseren Körper auf der Erde bewegen.

Der Weg, den wir dereinst durch den Tod in der physisch-zeitlichen Welt beenden werden, wird in anderer Form dennoch weiter beschritten werden müssen. Dort wo er im diesseitigen Leben endete, setzt er sich im jenseitigen Leben fort.

Alles was wir in dieser Welt erreicht haben, dass nimmt unsere Seele in sich auf und führt sie mit, im sogenannten »kommenden Leben«. Dabei ist es ganz gleich, ob wir an Reinkarnation glauben oder an ein Leben nach dem Tod, wo unsere Seele in Himmel oder Hölle überführt wird. Was wir an Schulden aufnahmen oder andererseits an Begierden ablegen konnten: Das ist der Ausgangspunkt von dem wir uns in die kommende Welt nach dem Tod bewegen.

Der Tod spielt eine Melodie: Frans Francken der Jüngere (1581–1642) - ewigeweisheit.de

Der Tod spielt eine Melodie: Gemälde von Frans Francken dem Jüngeren (1581–1642)

Macht im Diesseits - im Jenseits Ohnmacht

Nun stellt sich dem einen oder anderen sicher die Frage, was mit den Menschen im Jenseits geschieht, die hier auf Erden ihr wortwörtliches Unwesen treiben? All die Verbrecher, Bösewichte oder Kriegstreiber die jemals lebten oder etwa Positionen großer Macht bekleideten: Was passiert mit ihren Seelen?

Alle Macht und Gewalt die ein Mensch durch seine bösen Umtriebe auf Erden bewirkt, finden meistens auf physischer Ebene statt. Stirbt einer von ihnen, so wird seiner Seele aller Spielraum entrissen, doch der Wunsch festzuhalten und die vielleicht damit verbundene materielle Sicherheit, verschwinden mit einem Mal. Für jemanden der nichts besitzt, mag das ganz gleich sein. Einer der mit großem Besitz aufwartet und dem seine Macht über andere alles bedeutet, dem dürfte die Vorstellung von einem Augenblick auf den nächsten all das zu verlieren, wohl unvorstellbare Angst einflößen. Sein Leben besteht vielleicht allein aus materiellem Besitz, aus Luxus und sinnlichen Lebensfreuden – Dingen, an die man sich nur all zu leicht gewöhnen kann.

Das gewissenlose Handeln mächtiger Unholde, die ihre Gewaltherrschaft mit allen Mitteln behalten wollen, rührt her von einer gefährlichen Hilflosigkeit, denn nichts ist ihnen geblieben als das Grauen vor ihrem Verlust. So einer wird alles daran setzen, so viel wie möglich Menschen seinem Joch zu unterwerfen. Wie arm aber ist eine Seele dran, die das dann nach dem Tod alles nicht mehr haben kann?

Führt man sich vor Augen, dass das Seelenleben ein Sein in der Ewigkeit ist, wie unbedeutend kurz ist doch dann das Leben in dieser Welt. Was jedoch nicht heißt, dass wir uns der Verantwortung auf diesem Planeten entziehen können.

Der Tod ist ein Ratgeber

Wenn heute der letzte Tag in ihrem Leben wäre, was würden sie tun?
Würde dieser Tag dann so enden, wie schon die Tage zuvor?

Die Antworten auf diese Fragen, dürften recht ähnlich ausfallen. Und doch sind nur wenige Menschen dazu bereit, sich morgens diese Frage zu stellen:
Wenn heute mein letzter Tag auf Erden wäre, würde ich dann das tun, was ich mir heute vorgenommen habe?

Selbst wenn sich einer diese Frage tatsächlich stellt, ist es damit allein wohl kaum getan. Denn worauf ich hier hinaus will, wenn es oben heißt, dass der Tod ein Ratgeber ist, ist ganz und gar etwas anderes gemeint, als nur eine philosophische Pflicht zu erfüllen. Eher geht es bei der Suche nach der Antwort auf diese Frage darum, wie oft sie mit einem Nein beantwortet wurde. Je öfter das nämlich der Fall ist, desto unzufriedener werden wir, da sich etwas wiederholt, auf das wir eigentlich keine Lust (mehr) haben. Es lohnt sich, diese Frage also gleich noch einmal zu stellen:

Wenn heute mein letzter Tag auf Erden wäre, würde ich dann das tun, was ich mir heute vorgenommen habe?

Sich daran zu erinnern, dass man bald sterben könnte, heißt nicht, dass man eine besessene Todesangst entwickeln soll! Ganz im Gegenteil. Es geht darum, jeden Atemzug bewusst zu nehmen und dankbar zu erkennen, dass man am Leben ist.

Doch wenn der Tod zur Sprache kommt, fürchten sich die meisten untern uns. Es ist eben das düsterste Thema in unserem Leben. Was aber ganz und gar nicht bedeutet, dass man eigentlich den Unterschied zwischen dem Tod eines geliebten Freundes oder Verwandten, als etwas ganz anderes erfährt, als den eigenen Tod. Der Tod markiert in unserer westlichen Kultur eben ein Tor ins Ungewisse, in einen Bereich der gänzlich fremd und undurchschaubar bleibt.

Grau und Schwarz ist nur der Kummer

Jeder der schon einmal auf einer Beerdigung war, hörte dort vielleicht einen Priester sagen »Nun ruht er in Frieden«. Nicht ganz einfach diese Aussage, insbesondere dann nicht, wenn hier behauptet werden soll: Der Tod ist keine Bereicherung, wie man sie etwa zu Lebzeiten durch etwas erfahren könnte. Und dazu gehört allemal ein Leben in Frieden. Ein Tod in Frieden macht gewiss nicht wirklich Sinn. Nichts was wir nicht sowieso schon haben, könnte uns der Tod mit dem Verlassen unseres irdischen Daseins geben, das wir nicht bereits besitzen. Wie auch, ist der Tod doch eigentlich Inbegriff allen Verlusts!

Wessen Seele also nicht bereits zu Lebzeiten in Frieden mit sich und der Welt ist, wird wohl auch nach dem Tod weitersuchen. Denn Glück und Gelassenheit sind nicht allein stellvertretend für das, wofür sie stehen. Es sind Gemütszustände, die es zu erlangen gilt. Wer sie aber erwarb, der sollte sie sorgsam pflegen.

Was war, setzt sich also fort. Wer im Saus und Braus lebte, dessen Seelenleben, wird sich auch nach dem Tod nach Ähnlichem, wenn auch nicht Gleichem sehnen. In den tibetischen Totenbüchern etwa, ist die Rede von den Bardos, den Zuständen der Seele nach dem Tod, in die sie eintritt und durch die sie sich begeben muss, bis sie erneut auf Erden inkarniert. Ab einem gewissen Grad dieser Reise durch das Jenseits aber, sieht sie kopulierende Paare, in denen sie die rechten Verkörperungen dessen erblickt, für die es sich lohnt erneut zu inkarnieren.

Auch wenn die Vorstellung des Zustands der Seele nach dem Tod bei Juden, Christen und Muslimen sich davon unterscheidet, geht es auch hier darum, in welcher Gemütsverfassung sich der Verstorbene vor dem Tod befand. War es ein ruhiger, gelassener, friedvoller und hilfsbereiter Mensch, wird er im Zustand nach seinem Tod, ganz gleich ob man nun an eine Reinkarnation glaubt oder nicht, entsprechend dem zustreben, wonach sich seine Seele auch zu Lebzeiten sehnte. Ein ruhiges Seelenleben wird als solches fortgeführt, wie auch ein durchtriebenes – so lange, bis der Zweck diesen Empfindens seine Aufgabe erfüllt hat.

Wie glücklich kann sich einer schätzen, der an das Fortleben seines Seelenlebens glaubt. Denn je stärker dieser Glaube, desto geringer die Angst vor dem Tod.

Weiterlesen ...