Krieg

Zeitempfinden, Zeitersparnis und die »Optimierung des Menschen«

von S. Levent Oezkan

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Der Philosoph Heraklit, der im 5. Jahrhundert v. Chr. lebte, studierte das Verhältnis der Gegensätze. Ihm lag viel daran, aus den Erwägungen eines polaren Seins Erkenntnisse zu gewinnen, wo er sich zu finden suchte zwischen Wachsein und Schlafzustand, Licht und Finsternis, Eintracht und Zwietracht.

Für ihn standen solche und andere Polaritäten und Gegensätze, in einer spannungsgeladenen Einheit. Und wenn bei ihm die Rede von Spannung war, waren darin auch einbezogen die Schrecken des Krieges.

Der Krieg ist der Vater aller Dinge und der König aller. Die einen macht er zu Göttern, die andern zu Menschen, die einen zu Sklaven, die andern zu Freien.

- Heraklit

Bleibt bei diesem drastischen Urteil aber nicht eine wichtige Frage offen? Zumal ja alles was entsteht in einem Zusammenwirken in die Welt kommt: Was ist die Mutter aller Dinge? Ist es etwa die Physis unseres Planeten Erde, aus dem da Bodenschätze geschürft werden, die in Metalle verwandelt Technologie ermöglichen? Denn was wäre Krieg geblieben, hätte man nicht bereits vor Jahrtausenden schon die Herstellung von Stählen gekannt?

Auch die Nutzung des Kupfers (und seiner Legierungen Bronze und Messing) ist bereits sehr alt und war insbesondere seit dem 19. Jahrhundert die metallische Grundlage für die Übertragung elektrischer Energie und für das Entstehen der modernen Nachrichtentechnik. Sie nahm ihren Anfang wohl als die ersten Telegrafen und Telefone, die im zivilen Leben der Menschen seit dieser Zeit immer wichtiger wurden. Diese Technologien aber, wurden noch direkt über besondere Leitungen übertragen. Mit der Erfindung des Funks und Hörfunks – im Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert –, waren in einem Zug die Voraussetzungen geschaffen, um ein weltumfassendes Informationsnetz zu entwickeln.

Nach 1918: Radios

Im Ersten Weltkrieg entstand eine Hörfunk-Technologie, die, nach seinem Ende, Journalisten für zivile Zwecke zur Verfügung stand, zur Übertragung ihrer Nachrichten.

Nach 1945: Fernseher

Diese Technologie erhielt noch eine Verbesserung, nämlich damit, dass man die Radio-Wellen auch zur Bildübertragung nutzte. Und daraus eben wurde das Fern-Sehen möglich.

Nach 1989: Internet

In der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg der politischen Teilung der Welt (in die Mitglieder der NATO-Staaten im Westen und jener des Warschauer Vertrages im Osten), die einherging mit dem sogenannten »Kalten Krieg«, entstand im Verborgenen die Technologie für das heute gebräuchliche Internet. So wie zuvor Radio- und Fernsehtechnologie, wurde nach dem Fall des »Eisernen Vorhangs« (Herbstrevolution von 1989), dieses weltweite Netzwerk zum digitalen Informationsaustausch, öffentliches Gut.

WWW – 23 23 23

Fast jeder Mensch der in den Industrieländern geboren wurde, benutzt heute, ab einem gewissen Alter, das Internet. Und das, trotz das niemand weiß, welche Auswirkungen die ständigen Neuerungen (sogenannte »Updates«) der darin verwendeten digitalen Systeme, auf das soziale Leben des Einzelnen haben.

Sicher: Das Internet ist ein wertvolles Gut, um damit etwa tägliche Aufgaben zu erledigen. Es scheint aber auch, als wäre es überhaupt nicht mehr wegzudenken. Der Mensch neigt tendenziell eben zur Faulheit – was tatsächlich auch kein Grund für geringere Effizienz seines Daseins bilden muss. Vorausgesetzt einer weiß eben die Quellen des WWW zum Vorteil anderer so zu nutzen, während er darin seine Freude am Selbstausdrucks gefunden hat.

Entstehung der Vorstellung einer linearen Zeit

In den ersten beiden Dekaden des 21. Jahrhunderts versuchte man die Kommunikation im Außen zu perfektionieren. In 2021 aber bewegen wir uns scheinbar in einer Phase des Industriezeitalters, wo es um den Ausbau innererkörperlicher Umgestaltungen geht, mittels Nanotechnologie, die eine bessere Kontrolle über die auf Molekularebene biologisch-physiologischen Funktionen unseres Körpers, zu unserem Wohlergehen gewährleisten sollen.

Hierzu leistete die Menschheit natürlich entsprechende Vorarbeit. Man denke etwa an die Zeitmessung: Ohne sie wäre unsere gegenwärtige, in der Moderne entstandene Internet-Kultur gar nicht denkbar, zumal ja weltweit alle Internet-Server-Systeme die Zahl der Sekunden messen, die seit Mitternacht des 1. Januar 1970 vergangen sind.

Sonnenuhr: Messsystem zyklischer Zeit

Vor sehr langer Zeit aber waren Zeitmesssysteme, ja ganz einfache Technologien, die mit Hilfe der Sonnenbewegung und der damit einhergehenden Schattenbildung auf der Erde, bestimmte Tagesrhythmen andeuteten, mit den sogenannten Sonnenuhren. Sie erfüllten in erster Linie ihren Zweck als Orientierungshilfen für rituelle Handlungen sakraler Qualität.

Die damit festgelegten Zeitpunkte, waren jedoch recht abstrakt, die man noch nicht direkt als Technologie bezeichnen könnte.

Uhrwerk und Himmelslauf

Die sogenannten Astrolabien (scheibenförmige astronomische Rechengeräte) halfen seit dem 1. Jahrtausend den Frommen der Klöster, ihre Gebetszeiten auf die Bewegungen der Himmelskörper genau abzustimmen. Später sollten das mechanische Uhrwerke erübrigen, die man da in Klöstern installierte. Ein Glockenschlag markierte da etwa täglich, über das ganze Jahr hinweg die Stunden, die die Sonnenpositionen auf die vier Sonnenstände der eigentlichen Tagundnachtgleichen markierten (6 Uhr morgens den Sonnenaufgang, 12 Uhr den Zenit, 6 Uhr abends den Sonnenuntergang, 12 Uhr nachts den Nadir).

Daraus entwickelten sich dann die ersten Uhren, die auch in den Klöstern für alle sichtbar angebracht waren. Später sollten solche Technologien schließlich auch an den Türmen von Kirchen und Rathäusern im Zentrum der Städte angebracht werden.

Als man dem Tag 24 Stunden überstülpte

Damals entstand da ein Vorstellung, die nicht mehr einen zyklischen Kreislauf der Gestirne (insbesondere Sonne und Mond) als Zeitempfinden suggerierte, sondern nun zu einer linearen Zeit wurde, die messbar festgelegt, immer den Gegensatz von Beginn und Ende, als eindimensionale Größe festlegte.

So wurde die Vorstellung vom 24-Stunden-Tag überall angenommen und entsprechend gerieten allgemeine Erfahrungswerte kosmischer Jahres-, Monats- und Tageszyklen nach und nach in Vergessenheit – da die Menschen damit auch zunehmend in Innenräumen verbrachten.

Natürlich wurde das irgendwann zu dem, was als Stand- und Wanduhren in den Häusern und Wohnzimmern, mit lautem Ticken und Gongschlag immer die richtige Zeit angab. Schließlich entwickelte sich die Technologie so weit, dass man mit Uhren (seit der Industriellen Revolution des 18. Jahrhunderts) an einem Armband, nun immer und überall diese abmessbare Zeit zur Verfügung hatte.

Mit dem Entstehen der digitalen Kristallanzeigen von Armbanduhren, erhielt auch der Wunsch nach genauer Zeit seinen Einzug ins menschliche Denken – Stichwort »Atomuhr« (Oktober 1967). Bis in die 1980er Jahre machte der Wunsch auch noch die ganz genaue Zeit zu wissen, die »119« zur meistgewählten Telefonnummer in Deutschland.

Erfahrbare Zeit

Hieraus etablierte sich schließlich der Sinn für eine »Innere Uhr«, die einen im Laufe des Lebens genau schätzen lässt, welche Zeit wohl gerade ist. Ist solch eine, an Uhren abmessbare Zeit aber nicht etwas ganz anderes, als erfahrene Zeit?

Angenommen man ließe das Maß weg: Bliebe da nicht nur ein recht abstrakter Zeitbegriff übrig?

Ohne Uhr beschreibt immer unser Empfinden gemachter Erfahrungen, wie sich Zeit tatsächlich anfühlt. Sie beginnt mit einem Ereignis, das diese Erfahrung auslöst, bis sie schließlich, ab einem gewissen Moment endet. So erfahren wir Zeit durchaus verschieden schnell oder langsam, je nachdem welche Erfahrung wir gerade machen.

Langeweile etwa, lässt uns auch nur wenige Minuten ewig erscheinen. Während uns eine Zeit konzentrierten Schaffens eine durchaus andere Qualität suggeriert.

Zeitersparnis: Wie lässt sich sparen, was ewig ist?

Zeit ist eine Dimension der Ewigkeit. Zeit ist. Und: Zeit vergeht. Wie wollte man Zeit jemals sparen?

Unser messbares Zeitempfinden jedoch führte uns bis heute in eine Erwartungshaltung, die einen Wunsch erwachsen ließ, unseren Tageslauf zu optimieren. Damit mag der eine oder andere sogar verzichten auf die Einhaltung bestimmter Regeln – wie einem morgendlichen Piepen des Weckers. Wer weiß: Ist das dereinst für niemanden mehr nötig? Sind da dann vielleicht Mechanismen, die aus jedem von uns heraus wirken und wo die ursprünglich von Uhren erwartete Erinnerung, sich in uns noch viel genauer auslösen lassen könnten?

Letztendlich hieße das, dass wir heute alle ein stückweit daran beteiligt sind, dass nicht nur die Vorstellung von dem was Zeit ist, sondern auch die, sie genau reproduzierende Technologie, wegen unserer Erwartungshaltung, immer mehr in unsere Körper einzudringen scheint.

Doch wofür? Damit wir endlich die Rolle eines »Optimierten Menschen« spielen dürfen?

Solch Technologie im Menschen soll uns dann – angeblich – das Leben immer mehr erleichtern, damit wir uns Herausforderungen (zum Beispiel zum Schutz vor Krankheiten) gegenüber besser gewappnet fühlen.

Doch was bedeutete das für unser Schicksal?

Vergäßen wir damit nicht, was von dem das wir tun, zum Guten unserer Mitmenschen beiträgt, durch unser rechtes Denken, Sprechen und Handeln?

Natürlich lässt sich das Leben immer mehr erleichtern durch bestimmte Hilfsmittel, die ihm durch äußere Einflussnahme zur Verfügung gestellt werden. Wo aber bleiben dann all die Kräfte, die tatsächlich aus uns und durch unser Denken in die Tat umgesetzt in der Welt wirken?

»Schicksal als Chance«

Wie ich, und sicher auch Sie, in unserem bisherigen Leben erfuhren, waren es doch die Schwierigkeiten, die uns, nachdem wir sie überwunden hatten, stärker machten. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse konnten wir sogar unseren Nächsten mitteilen, oft zu ihrer Hilfe, wenn sie uns vielleicht darum baten.

Was, es ginge allein um das Ausprobieren, wo man bewusst die Möglichkeit von Misserfolgen in Kauf nimmt, damit man durch Versuch und Irrtum seinem Ziel, seiner Erfüllung näher kommt?

Jeder von uns kann nur für sich selbst das Optimum für seinen Lebenswandel entdecken, indem er eben fortwirkt und keinem Automaten (zum Beispiel einer Künstlichen Intelligenz) seine Lebensgestaltung überlässt – zumindest aber mehr auf sein eigenes Erfahren vertraut, auch wenn ihm das nicht immer Erfolge, sondern auch Misserfolge einbringt.

Wie sollte man sonst seine wahren Stärken erkennen, wenn man nicht auch den Schwächen begegnete?

Am Ende sogar, kämen durch unsere Schwächen vielleicht jene Schlüssel ans Licht, mit denen sich die Tore eröffnen ließen, zu unseren bisher verborgenen, aber wahren Talenten und Begabungen. Doch das eben nur dann, wenn wir damit verbundene Erfahrungen auch machen und sie nicht, aus reiner Bequemlichkeit, nur simuliert und zur Berieselung unserer Sinne konsumieren.

 

Titelfoto: Visualization of the world wide web common crawl 2012 von Sebastian Schelter (CC BY-SA 3.0).

 

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Des Menschen spirituelle Entwicklung

von S. Levent Oezkan

Spirituelle Entwicklung - ewigeweisheit.de

Auch wenn uns die modernen Medien mit immer neuen Schreckensmeldungen bedrängen, sei darüber trotzdem eine wichtige Kernaussage gestellt: In unserer Welt bilden Liebe und Weisheit die höchsten Gesetze des Lebens. Sie formen ein spirituelles Fundament, auf dem alles Werden seinen Lauf nimmt: sowohl in den Lebenskreisläufen von uns Menschen, als auch in den großen Zyklen unseres Kosmos.

Ihre Prinzipien lenken die Sterne und unser Zentralgestirn Sonne, das als Leben und Helligkeit spendendes Wesen jeden Morgen zu uns wiederkehrt. Und so wie ihr Licht und ihre Wärme gemeinsam ein Exempel von Zuneigung, Wertschätzung und Weisheit zeichnen, so steht die Abwesenheit der Sonne für das Dunkel von Unwissenheit, Egoismus und Ignoranz.

Ein Leuchtendes Vorbild

Unseren Möglichkeiten zur spirituellen Weiterentwicklung aber, sind damit keine Grenzen gesetzt. Die Sonne in ihrer Rolle als kosmisches Vorbild für die symbolischen Wahrheiten des Lichts, der Liebe und der Weisheit, könnte der Erkennende versuchen nachzuahmen. Denn wenn auch nur wenige normalsterblicher Menschen in ihrer gegenwärtigen Lebensspanne ein solch erhabenes Ziel zu vollkommener Entfaltung brächten, zählte es dennoch zu den wohl erhabensten Vorsätzen die sich jemand setzen kann.

Unter unseren Vorfahren bewegten sich Menschen auf diesem Weg des Strebens nach einem guten Leben, schon seit sehr, sehr langer Zeit – und das wird auch niemals enden. Selbst dann, wenn sich ein Großteil der Menschheit in Aufruhr befindet und es überall Kriege, Hass, Unterdrückung und Ausbeutung gibt – was uns die Nachrichten zeigen –, bleiben die Maxime von Liebe und Weisheit dennoch auf ewig bestehen, bleiben etwas, an das man sich halten kann. Und wenn uns diese beiden höchst-erhabenen Gesetze des Lebens bewusst und wichtig geworden sind: ist es da nicht gut sich immer wieder daran zu erinnern, dass die Sonne, als kosmisch-manifestierter Inbegriff dieser Gesetze, auch morgen wieder aufgeht?

Menschliche Evolution

Gewiss mag das dem rational geprägten Gemüt zu romantisch erscheinen. Doch der Mensch ist eben mehr als nur sein Körper, sein Fühlen und sein Denken. Selbst wenn sich der Mensch in seiner evolutionären Entwicklung tatsächlich auf einen Affen als Vorfahren berufen müsste, was ja nur eine unter anderen Theorien bleibt, befindet er sich auch heute noch in einem Entwicklungsprozess.

Wenn die moderne Wissenschaft nur eine Ebene der menschlichen Existenz kennt, die körperlich-organische eben, worin auch das Seelenleben, die psychische Befindlichkeit, Geist und Denken, auf rein hormonal-nervliche Zusammenhänge zurückgeführt werden, bedeutet Evolution nicht, wie man heute meinen mag, nur auf technischem Fortschritt. Der moderne Mensch aber tendiert dazu die Weiterentwicklung unserer Spezies allein auf die angeblichen Errungenschaften immer neuer Technologien beschränken zu wollen.

Wir sind mehr als unser Körper, unsere Gefühle und Gedanken

Die Ewige Weisheit, oder nennen wir es das »Weistum der Alten«, lehrt uns weit mehr als nur von einem rein materiellen Dasein des Menschen. Da geht es, je nach geistiger Tradition, um sechs oder sieben, verschieden-stoffliche Körper, die ein erwachter Mensch, bewusst durch sein Leben zu führen vermag. Manchen sind diese feinstofflichen Körper mehr, anderen weniger oder gar nicht bewusst. Der Wissenschaft aber geht es buchstäblich nur um einen Bruchteil dessen, was wirklich ist und nur diesen erklärt sie einzig als gültig (natürlich will ich nicht allen Wissenschaftlern absprechen, dass ihnen durchaus bewusst ist, dass der Menschen neben seiner physischen Existenz auch noch in höheren, spirituellen Formen des Seins existiert).

Es ist dabei sehr interessant zu beobachten, dass die moderne Wissenschaft eigentlich nur einen Bruchteil dessen kennt, was sie in ihren Schulbüchern zu generalisieren versucht. Warum? Nun, man weiß heute, dass das Universum, das unser Planetensystem umgibt, zu 96% aus sogenannter Dunkler Materie und Dunkler Energie besteht. Hiervon natürlich gehen ganz wesentliche Kraftwirkungen aus, die das Sein in unserem Kosmos mit formen. Doch darüber weiß die moderne Wissenschaft bislang nur sehr, sehr wenig. Kein Physiker aber würde abstreiten, dass die gewaltige Masse an Dunkler Materie, eben auch eine besondere Gravitationswirkung auf ihre Umgebung ausübt. Was aber unsichtbar ist, lässt sich nicht messen. Doch die Welt in ihrer Ganzheit, lässt sich eben nicht nur durch den Augen-Blick erfassen.

Es ist wohl unsere Gewohnheit zu glauben, dass Wahrheit sich über das Beobachtbare erkennen ließe. Doch auf eine rein sinnlich erfahrbare Welt »bestehen zu wollen«, um es einmal so zu formulieren, bleibt die Schwäche unseres Egos, das immer auf seine Befriedigung aus ist. Symbol dafür ist der Spiegel – worin man sein Aussehen sieht und dabei vielleicht bedauert oder bewundert. Jeder aber weiß, das nur er selbst sich so im Spiegelbild sehen kann, während alle anderen Menschen ihn so sehen, wie er »wirklich« aussieht.

Eine Sage aus dem griechischen Altertum, die sich auf diese Art des Menschseins anwenden lässt, ist der Narziss-Mythos. Narziss war der schöne Sohn des gewalttätigen Flussgottes Kephissos. Wegen seiner ungeheuren Schönheit umwarben ihn gleichermaßen Mädchen und Jünglinge. Herzlos aber wies er die Liebe anderer zurück. Eines Tages jedoch begab er sich an einen See und setzte sich dort ans Ufer. Da sah er sein Spiegelbild auf der stillen Wasseroberfläche und fand sich so schön, dass er sich in das Bild seiner eigenen Reflexion verliebte. So empfand dieser Jüngling ein etwas ungewöhnlich ausgeprägtes Selbstwertgefühl, das ihm aber zum Verhängnis werden sollte. Denn er wollte sein eigenes Abbild umarmen, doch fiel dabei und ertrank, gefangen in den tiefen Wassern des Sees.

Dieser alte Mythos ist eine Allegorie auf die geistige Natur des Menschen, denn wie Narziss schauten auch wir Menschen einst, aus den erhabenen Höhen unserer ursprünglichen, spirituellen Wohnstatt, in den Kosmos hinab, in die materielle Schöpfung, in der wir uns sehr wahrscheinlich auch morgen noch befinden. Dort nämlich sah unser geistiges Selbst sein eigenes Ebenbild, worin sich auch unsere Begierden spiegeln, die uns unsere geglaubte Schönheit vorgeben. Es ist das Abbild in dem wir die Schönheit unseres Geistes erkennen, wie er sich uns im Kosmos, in der äußeren Welt der Manifestationen zeigt.

Es gibt aber nichts im Außen, was nicht auch schon in uns latent vorhanden ist. Wenn wir also in die Welt des Außen blicken und dort etwas entdecken, wonach wir uns sehnen, ganz gleich wie das auch geartet sein möge, wollen wir uns da etwas zu eigen machen, das eben eine Projektion irgendeines Teiles in uns ist. Und damit fällt, wie einst Narziss ins tiefe Wasser, auch unser spirituelles Bewusstsein in eine nach außen gewandte Haltung, gefangen im Kosmos, gefesselt von der manifestierten Welt der sinnlichen Erscheinungen.

Sowohl in der westlichen wie auch in der östlichen Tradition, ist da dann die Rede der Fleischwerdung des Geistes (Inkarnation), wo die Bande der Körperlichkeit unseren Geist umschlingen. Wer aber als spiritueller Mensch nach und nach erkennt, dass sich dieses Inkarnationsereignis einst begeben haben muss, wird sich vielleicht danach sehen, zu seinem ursprünglichen Sein zurückzukehren: einem Zustand jenseits aller Körperlichkeit, außerhalb jeglicher Begrenzungen und Sorgen.

Alles ist im Fluss

Erst durch die Fähigkeit sich über die Begrenzungen der sichtbaren Welt zu erheben, wird man sich der unbegrenzten Möglichkeiten des eigenen menschlichen Vermögens bewusst. Auch unsere Sorgen und Ängste, die alle ihre Berechtigung zu haben scheinen, hängen zusammen mit dieser Anhaftung an die sichtbare, hörbare und fühlbare Welt der Erscheinungen.

Auch wenn in der Welt die Prinzipien der Entsprechung gelten (auch: Hermetische Gesetze) – im Innen und Außen, im Oberen und Unteren, im Großen und Kleinen –, bleibt in der Welt des Göttlichen nichts davon bestehen. Dies zu erkennen kann uns ruhig Anlass dazu geben, unser vielleicht verloren gegangenes Glück neu entdecken zu wollen, da wir wissen, das nichts bleibt, aber alles in ständigem Fluss ist und seine Gezeiten hat. Nur der Tod bleibt ewig. Doch wenn ein Mensch stirbt, entschläft, verendet da »nur« der physische Körper. Wie uns aber alle spirituellen und religiösen Traditionen der Erde lehren, lebt schließlich ein anderer Teil davon fort (beziehungsweise Teile davon), zu einem Lichtreich hinstrebend, worin vollkommene Glückseligkeit herrscht (Paradies) – dann wenn sich die Seele aus dem irdischen Seinszyklus tatsächlich gelöst hat.

Wie anders soll diese ultimative Trennung aber gelingen, als dass man bereits jetzt damit beginnt, in diesem Augenblick, ein Bewusstsein zu entwickeln, das die eigene Wahrnehmung von der sichtbaren, materiellen Welt im Außen allmählich abwendet und stattdessen nach innen schaut, auf den eigentlich geistigen Kern eines spirituellen Seins?

Denken und Sein

Gewiss zählt zu alle dem der Wunsch ein richtiges Denken zu entwickeln. Denn nur mit einem klaren, reinen Geist, lässt sich höheres Sein erringen. Das »Denken« als Aktivität jedoch, unterscheidet sich von dem, was man allgemein unter »Gedanken« versteht, sind sie doch eher zufällig aneinander folgende Einbildungen, die vom astralen, triebbezogenen Dasein her, unseren Geist durchströmen und dabei Erinnerungen aufwirbeln. Bewusstes Denken aber hat einen Anfang und ein Ziel, wobei sich an das Ziel ein nächster Anfang anschließen kann. Wer also ein Wirbeln unangenehmer Gedanken unterbrechen möchte, kann sich die Welt im Geiste erklären, das was er sieht, sich selbst im Geiste sprechend beschreiben, als eben das, was gerade vor seinem inneren oder äußeren Auge erscheint.

Die menschliche Fähigkeit zu Denken wird sich vielleicht schon in den folgenden Jahrzehnten, sicher aber in den kommenden Jahrhunderten erheben, über die gegenwärtige Form einer rein äußeren Kommunikation, durch die Medien von Schall und Licht. In ferner Zukunft werden die Menschen vielleicht wieder die Fähigkeit entwickeln, zu kommunizieren auf einer höheren, geistigen Ebene, etwas das man auch Telepathie nennt. Manche unter uns, haben sich aber gewiss bereits auf diesen Weg begeben.

 

 

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Die Bewusstseinsstruktur des Mentalen

Die Bewusstseinsstruktur des Mentalen

Rodin: Denker, Gemälde Munch - ewigeweisheit.de

Visionen erschuf der mythische Mensch, aus seinem von Polarität umfassten Geist. Seine Gehirnaktivitäten beherrschten vornehmlich Bilder bestehender Vorstellungen. Es waren Imaginationen die er aus einem untereinander verflochtenen und miteinander verbundenen, spirituellen Gewebe bildete. Sein Denken prägten also eher Bilder als Worte. Was er erzielen wollte imaginierte er und tat es sogleich.

Auch heute begibt sich ein Mensch durch seine Imagninationsgabe, in diese, manchmal traumartige Vorstellungswelt, wo er das ihn Umgebende, als den anderen Pol seiner Wahrnehmung empfindet. Jeder der schöpferisch oder kreativ tätig ist, wendet diese Fähigkeit an – ganz gleich welcher Tätigkeit er dabei auch nachgeht.

Vor vielleicht 6.000 Jahren entwickelte die Menschheit etwas, dass Jean Gebser »Gerichtetes Denken« nennt. Es ist eine Geistesaktivität die nicht mehr polarbezogen ist, sondern objektbezogen. Das heißt, Gerichtetes Denken kehrt sich vom polaren Bewusstsein ab und richtet sich auf voneinander getrennte Gegensätze, die für sich stehend einer ursprünglich polaren Ergänzung entbehren. Hiermit erhält das Bewusstsein eine Kraft, die ihm von da an aus dem Ich des Einzelnen zufließt.

So auch kam das Ego in die Welt, was einher ging mit einer ganz grundlegenden Veränderung menschlichen Bewusstseins. Denn der Mensch verließ damit den bewahrenden Kreis des Seelischen und begann seine Welt durch Denken zu bewältigen. Was heißt das?

Nun, hierzu ist es sicher hilfreich, wenn wir uns zunächst noch einmal gedanklich zurückbegeben in die mythische Bewusstseinsstruktur. Denn lange vor der Zeitenwende in die mentale Struktur, sollte besonders ein Mythos wichtig werden: Die Sage von der Heirat des griechischen Göttervaters Zeus mit der Metis. Sie war die Tochter der Gottheiten des Meeres und selbst »Göttin des klugen Rats«. Ihr Name galt den griechischen Philosophen auch als Synonym für die Personifikation des »Scharfsinns«, eine Geistesfähigkeit die man ja auch als praktisches Wissen oder reine Vernunft beschreiben könnte.

Aus diesem Mythos aber erfahren wir nun Folgendes: Unter Schmerzen zerbrach sich Zeus den Kopf darüber, ob Metis ihm vielleicht einen mächtigeren Sohn gebären könnte, als ihm wirklich lieb sei. Er fürchtete dass ihm ein Junge vielleicht sogar den Platz als Götterkönig streitig machen könnte. Seine Angst aber schlug um in blinden Zorn und drum verschlang er seine schwangere Geliebte, samt einem in ihrem Leibe wachsenden Mädchen.

Da traten der olympische Götterschmied Hephaistos und der titanische Feuerbringer Prometheus auf. Mit der Axt des himmlischen Fabers, spaltete der Titan Zeus den Kopf, wonach dem klaffenden Götterschädel, mit lautem Kriegsgeheul, eine reife Jungfrau entstieg. In voller Rüstung kam sie zur Welt, ihre goldenen Waffen schwingend: Pallas Athene – Göttin der Weisheit, des Verstandes, der Kriegskunst und des Handwerks.

Dieser Mythos beschreibt den klassischen Anfang von Zivilisation und Städtekultur, die einen gewaltigen Bewusstseinssprung für die Menschheit einleiten sollte, denn die »göttliche Kopfgeburt« Athene »zivilisierte« die Griechen mit der Gründung der nach ihr benannten Stadt Athen.

Nicht aber nur in Griechenland schien sich da etwas zu wandeln. Auch die mosaische Tradition der Juden führte Menschen sprichwörtlich auf neuen Boden. Vom Berge Sinai herabgestiegen, stellte der Prophet Moses diesem neuen, im Menschen erwachten »Ich«, einen zürnenden doch auch verständigen Gott JHVH gegenüber. Hierbei entstand das, was wir heute Monotheismus nennen. Moses führte seine Leute aus dem Land der Ägypter, die er mit JHVHs Zorn durch Plagen und Seuchen schlug. Über die Halbinsel Sinai kam das Volk Israel schließlich ins gelobte Land, wo die Juden ihre erste Stadt erbauten: Jerusalem.

Diese scheinbar widersprüchlichen Gegensätze von Zorn und Verstand, die sowohl Zeus, Athene oder dem jüdischen JHVH zu eigen sind, eint das lateinische »mens«: ein Wort mit weitem Bedeutungsspielraum, der neben den Begriffen »Absicht«, »Mut«, »Gedanke«, »Vorstellung« oder »Sinnesart«, eben genau diese Wörter »Zorn« wie auch »Verstand« umfasst. Geht man dem indoeuropäischen Ursprung des Wortes »mens« nach, begegnet man auch dem »manas« des Sanskrit, das in sich ebenso diese Doppelbedeutung von Verstand und Zorn eint.

Krieg der Gegensätze

In den Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung nun, entstanden sowohl im Abendland wie auch im Morgenland, zwei epische Dichtungen, die »heilige Kampfhandlungen« beschreiben: der Grieche Homer schilderte da in seiner Illias den Trojanischen Krieg, während man aus der Bhagavad Gita der Inder, ebenso von einem großen, heiligen Krieg erfährt. Beide Dichtungen sollten sowohl in West und Ost ganz maßgeblich die Kulturgeschichte beeinflussen.

Hieraus ergibt sich das, was man vielleicht als die Geburt des Dualismus bezeichnen könnte: Zwei verfeindete Lager kämpfen gegeneinander, wo jeweils die einen die Guten und die anderen die Bösen sind. Es war das auch die Zeit wo in Persien der Prophet Zarathustra (um 600 v. Chr.) auftrat, um zu künden vom ewigen Streit der Mächte des Guten und des Bösen. Ein Gott der Weisheit stritt da mit einem Teufel der Zerstörung: der hell strahlende Ahura Mazda trat an gegen den finsteren Ahriman – zwei Namen allerdings die eine etymologisch gemeinsame Wurzel vermuten lassen.

Vor dieser Zeit der dualistischen Trennung des Polaren waren die Glieder der wahrgenommenen Welt eben noch untereinander verbunden, entsprachen einander. Was Polarität im Gegensatz zum Dualismus bedeutet, wird anschaulich in der Betrachtung der Pole unserer Erde. Ihr Vorhandensein nämlich ergibt sich aus der Rotationsachse unseres Planeten, über die sie ja ganz konkret miteinander verbunden sind.

Diese zwei Pole sind eben auch ein Hinweis auf jene Bewegungsform des Kreises (der Signatur der mythischen Struktur), wobei ja die Herkunft des Wortes »Pol« auf das griechische »pólos« zurückgeht, das »drehen« bedeutet – was ja eben die Bewegung der Erdachse ist.

Während jedoch das Bewusstsein der Menschheit mit dem Übergang in die mentale Struktur mutierte, wies ihr oben angedeutetes »Gerichtetsein« beispielsweise nur noch auf die Himmelsrichtungen an sich. Das heißt: man abstrahierte Norden und Süden beziehungsweise Osten und Westen, die damit sinngemäß für sich selbst stehend wurden und man sie nicht mehr primär als wechselseitige Entsprechungen empfand. Was zuvor die gegenseitige Entsprechung polarer Gegensätze war, war von da an aufgehoben.

Dieses einschneidende Ereignis, das sich in der Menschheitsgeschichte als Aufspaltung in den Dualismus äußerte, brachte nun das Prinzip der Mittlertätigkeit ins Spiel. Es bedurfte von da an eines einigenden, versöhnenden Elements, was am deutlichsten jene »Herabgestiegenen« oder »Menschensöhne« verkörpern sollten. Ihr Erscheinen in der Geschichte der Menschheit, als Mittler zwischen Mensch und Gott, zwischen Himmel und Erde, erweiterte die Dualität um ein anscheinend notwendiges Element, was in die göttliche Dreieinigkeit führte – die Trinität.

Ihr begegnen wir auch in der Trimurti des Hinduismus, die für die Vereinigung der drei kosmischen Funktionen von Erschaffung, Erhaltung und Umformung steht: als Brahma, Vishnu und Shiva. Dem Erhalter Vishnu aber kommt dabei jene Mittlertätigkeit zwischen Göttlich-Himmlischem und Irdisch-Menschlichem zu, wo er in seinen zehn Inkarnationen, den Avataras (Herabgestiegene), als Menschheitslehrer auf Erden erscheint – darunter etwa als Krishna oder Buddha, oder als Kalki-Avatar am Ende unseres gegenwärtigen Zeitalters, das die Inder das Kali-Yuga nennen: das »Zeitalter des Streits«.

Platon und Aristoteles - ewigeweisheit.de

Bildausschnitt des Gemäldes von Raphael (1483–1520): Die Schule von Athen. In der Mitte die Philosophen Platon (links) und Aristoteles (rechts).

Die Geburt des Materialismus

Ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. trat die Menschheit aus der bergenden Welt der dunklen Höhlen in die Wachheit des Tages von Himmel und Licht. Wohl kaum ein Zufall wenn damals auch Platon sein Höhlengleichnis formulierte. Darin nämlich geht es um jene »Zurückgebliebenen«, die die Schatten des Lichts auf den Höhlenwänden für die eigentliche Wirklichkeit hielten. Einem von ihnen aber gelang die Höhle verlassend, sich hinaus ins Licht des Tages zu begeben. Dort oben wurde er der Sonne gewahr. Ihr Licht aber blendete ihn. So eigentlich blieb es aber doch nur ein Sehen von Schattierungen, selbst wenn man seit damals in Europa begann, die Sonne zum Symbol einer ultimativen Wirklichkeit zu erheben.

Es war das eben die Zeit in der man zu unterscheiden begann zwischen einer dunklen Unterwelt ewiger Nacht und einer tageshellen, von der Sonne erleuchteten himmlischen Welt. Dazwischen aber befand sich der Mensch in gespanntem Empfinden dieser Gegensätze.

Was wir mit der Spaltung des Seins und der Trennung der Pole andeuteten, sollte sich damit auch tatsächlich auf die menschliche Wahrnehmung der Welt übertragen. Das wird anschaulich wenn man die indoeuropäische Wortwurzel »me« oder »ma« genauer ansieht. Aus ihr nämlich leiten sich Bedeutungen ab, die sich beiderseits auf Irdisch-Unterweltliches, wie auch auf Geistig-Himmlisches übertragen lassen. Das heißt: Was in der archaischen, der magischen und mythischen Bewusstseinsstruktur noch verbunden war (wie zum Beispiel in der Einheit von Erde und Himmel), sollte die mentale Ebene nun von einander (anscheinend) für immer trennen.

Schon das Wort »mental« ist ja mit dieser Wurzel »me« (oder »ma«) verbunden und es lässt sich hieraus eine gesamte Familie weiterer Bedeutungen ableiten, die charakteristisch sind für den Wechsel von der mythischen, in eben jene der mentalen Bewusstseinsstruktur. Erinnern wir uns hier auch noch einmal an Metis, deren Name sich ja ebenso aus der Wortwurzel »me« ableitet.

Neben dem im Sanskrit bereits erwähnt auftauchenden »Manas«, dem Verstand, lässt sich aus der Wurzelsilbe »ma«, wiederum die Silbe »mat« ableiten. Aus ihr entsteht das Sanskrit-Wort »Matar«, die Mutter, das sich seinem indoeuropäischem Ursprung nach auf die griechischen Wörter »Mater«, die Mutter, und »Materie« übertragen lässt, worauf sich zum Beispiel auch »Metrum« und damit das »Maß« des »Meters« belaufen, sowie auch alles was eben als »Materialismus« einer vollständig ausgemessenen, von menschlichem Geist bestimmten Welt entstand.

Der griechische Philosoph Pythagoras (570-510 v. Chr.) war der erste »Vermesser des Abendlandes«. Er erfand die Verhältnisse im Dreieck, bewiesen in seinem berühmten mathematischen Satz. Er auch stellte eine Verbindung zwischen den Tönen her (mit dem von ihm erfundenen, einsaitigen Monochord), die während der magischen Bewusstseinsstruktur noch in den wohl überwirklich klingenden Gesängen ertönten, und dem was in dieser Zeit der mentalen Bewusstseinsstruktur, durch die Zahlen sichtbar und messbar gemacht werden sollte. Das war der Ursprung der Harmonik und eigentlich der Anfang aller Wissenschaft.

Die Zahl ist das Wesen aller Dinge

- Ausspruch des Pythagoras

Mit dem direkten Erfahren der magischen und mythischen Struktur schien seitdem ein Wille zur Abstraktion zu rivalisieren. Und dieses Abstrahieren begann durch die Erfindung der Zahlen als Ziffern. Nur wenig früher entstanden im alten Griechenland die Münzen als »Zahlungs«-Mittel.

Jenes oben bereits beschriebene lateinische »mens«, das etymologisch verwandt ist mit dem englischen »mind« (Denken, Vernunft, Erinnerung), sollte zum Wort für den intellektuellen Menschen werden, für den Menschen als Denker, in diesem Übergang aus der mythischen Bewusstseinsstruktur in die mentale.

Kehren wir aber erneut zurück zur Symbolik der Athene-Geburt. Wie der Mythos besagt, spaltete Prometheus mit der Axt des Hephaistos dem höchsten Gott Zeus den Schädel. Er aber sollte den Menschen auch das Feuer bringen. Ein anderer Mythos fügt dem hinzu, dass jener Himmelsschmied Hephaistos aus Lehm eine Frau schuf und ihr Leben einhauchte: Pandora – ein Wesen das über alle Gaben verfügte (pan »alles«, doron »Gabe«). Gewiss erinnert einen das an die Erschaffung des Menschen, wie durch den Demiurgen der Gnostiker oder die Elohim der biblischen Genesis, wo ja ebenso einem aus Lehm geschaffen Wesen Leben eingehaucht wurde.

Prometheus nun brachte den Menschen zwar das Feuer, damit er hiermit Metalle schmelze, sie in Formen gieße und daraus Werkzeuge schmiede; doch als Zeus die Pandora zu ihnen sandte, und sie unter ihnen ihre sprichwörtliche Büchse öffnete, ergoss sich alles Übel über die Menschheit, vor allem Seuchen und Krankheit.

Zeus fürchtete eben den feuerbesitzenden Menschen und ließ es nur daher dazu kommen. Die Pandora war anscheinend, so wie auch das biblische Paar Edens, ein dem bisher lebenden, sogenannten »primitiven Menschen« angeblich überlegenes Wesen. Was Pandora in ihrer Unheil versprühenden Büchse jedoch zurückhielt war die Hoffnung: das Gegenteil der Angst. Denn Angst und Hoffnung waren in der Wirklichkeit des mythischen Bewusstseins einfach die beiden, sich entsprechenden Pole dessen, was in der Zeit des magischen Bewusstseins noch ein und das Selbe war.

Nun lassen sich aus diesem Ausschnitt der griechischen Mythologie, gewiss eine Vielzahl an Parallelen zur semitischen Tradition (wie etwa in den Erzählungen über die Nachfahren Kains) finden, doch wie es scheint auch zu all dem, was mit der dereinst entstandenen Zivilisation der Menschheit einher gehen sollte. Es war der Anfang des sogenannten »Eisernen Zeitalters«, der Periode in der Geschichte der Menschheit, die im Hinduismus als das »Dunkle Zeitalter«, als das bereits oben besprochene »Kali-Yuga« bezeichnet wird.

Recht-Sprechung und Isolation

Die Verfestigung der mentalen Bewusstseinsstruktur im Abendland, erfolgte praktisch in zwei Schritten: Zum einen kam es in den 200 Jahren zwischen 550-350 v. Chr. zu einer Wende mit dem Wirken von Pythagoras, Parmenides, Sokrates, Platon und Aristoteles. Doch auch im ebenso langen Zeitraum zwischen 1.300 und 1.500 n. Chr. sollten etwa ein Dante Alighieri oder ein Leonardo da Vinci die Kulturentwicklung des Abendlandes ganz maßgeblich beeinflussen.

Es scheint als wären in diesen beiden Wendezeiten die Kernmerkmale der mentalen Struktur ganz deutlich geworden. Was wir zuvor als jene Gerichtetheit in der Raumzeit andeuteten, sollte da zu einem Nachrichten oder Ausrichten an vorgegebenem Gesetz werden, von etwas Beschlossenem also, was sich folge-richtig im selben Bedeutungshorizont bewegt wie die Wörter »Gericht« und »Recht«. Auch das »Rechte«, die Seite »rechts«, muss in diesem Zusammenhang mit angeführt werden.

Seit Pythagoras kamen auch besondere »Rechtsvorschriften« zum Ausdruck, der seinen Schülern vorgab stets auf der rechten Seite in ein Heiligtum einzutreten und etwa immer den rechten Schuh zuerst anzuziehen. Solch rechtes Handeln schien sich bis heute allgemein in der eher verbreiteten Rechtshändigkeit erhalten zu haben (in der Rechten das Wahre, in der Linken das Falsche).

Die römische Rechtslehre schließlich sollte das festigen, was man das »Ich-Bewusstsein« nennt. Im römischen Zwölftafelgesetz aus dem 5. Jahrhundert n. Chr., legte man die Rechte und Pflichten des Einzelnen im Staat fest.

Im 14. Jahrhundert nahm Römisches Recht dann entscheidenden Einfluss auf die Rechtsprechung Mitteleuropas, da im Mittelalter, in manchen Staaten dieser Region, kein einheitliches Rechtssystem bestand.

Jene zwölf römischen Tafeln aber erinnern gewiss an jene Mittlerfunktion von der bereits die Rede war. Sie waren für jeden sichtbar ausgestellt, auf dem Forum Romanum, dem Mittelpunkt des politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und religiösen Lebens in Rom.

Solch Mittlerfunktion sollten auch die Gesetzestafeln mit den zehn Geboten, sowie später die jüdische Tora einnehmen. Moses überbrachte dem Volk Israel die beiden Gesetzestafeln, als er vom Berge Sinai zu ihnen hinabstieg. Was aber sowohl in der angeführten, alten römischen Gesetzgebung auch für die jüdische galt, war die Abstraktion dessen was als allgemein strukturiertes Gesetz einem Volk gegeben wurde, zur Angleichung an eine weit höhere, übergeordnete Instanz.

Wenn Moses als Mittler, die später im Salomonischen Tempel aufbewahrten Gebotstafeln, dem Volke Israel (auf Erden) vom Gipfel des Berges Sinai (vom Himmel), von Gott empfangen überbrachte, kommt da eben wieder die zuvor angedeutete dritte Dimension der mentalen Bewusstseinsstruktur zum Vorschein.

Hatten wir nun der magischen Struktur als Signatur den Punkt zugeordnet […], hatten wir der mythischen Struktur den Kreis zugeordnet […], so ist es nur folgerichtig, wenn wir der dreidimensionalen Struktur das Dreieck als Signatur zuordnen […] Dabei steht die Basis des Dreiecks mit ihren beiden gegensätzlichen Punkten für das duale Gegensatzpaar, das in der Spitze geeint wird.

- Aus Jean Gebsers Buch »Ursprung und Gegenwart«, Kapitel »Die mentale Struktur«

Das Dreieck als Signatur der dritten Dimension, wurde immer auch als Richtungsweiser verwendet, was uns eben wieder zurückführt auf das »Gerichtete Denken« der mentalen Struktur und eben auf jene Rechtsprechung, sowohl im römischen Reich wie auch andererseits für die Israeliten. Es war das die Zeit, als man zur optischen Perspektive fand, die sich ja eben genau aus der Dreiheit der »Trigonometrie« entwickelte.

Schon sehr viel früher aber, am Ende der Zeit des mythischen Bewusstseins, brach etwas auf, wurde gespalten, das erst durch Gesetze (juristisch, politisch, religiös) wieder gerichtet beziehungsweise berichtigt werden sollte.

Mit dem gerichteten Denken ging eine allmähliche Quantifizierung der Welt einher, samt aller bewusst gewordenen Dinge der darin lebenden Menschen. Als bestes Beispiel ließe sich da etwa der in der ersten Wendephase zur mentalen Bewusstseinsstruktur lebende Philosoph Demokrit anführen, der im 5. Jahrhundert v. Chr. die Vorstellung vom Atom entwickelte. Das bedeutete eine bis zu diesem Zeitpunkt nicht dagewesene Fragmentierung der Anschauung der materiellen Welt.

Alles was den oben erwähnten zwei Mutationsphasen der mentalen Struktur, mit dem Beginn der Neuzeit folgen sollte, war eine noch drastischere Fragmentierung der Wirklichkeit. Eine wissenschaftliche oder ökonomische Philosophie, sollte sich im Abendland aller möglichen Mittel zur Erreichung ihrer Zwecke bedienen. Da Vinci exhumierte Leichname, um ihre toten Leiber aufzuschneiden und so ihre organische und skeletthafte Struktur zu untersuchen, was spätestens für die spätere Chirurgie von Belang geworden sein durfte.

Seit der Renaissance begannen aber die negativen Aspekte der mentalen Bewusstseinsstruktur, immer mehr in ihrer zunehmenden Oberflächlichkeit zum Vorschein zu kommen. Sobald das Mentale in Form des Rationalen aber maßlos wurde und sich dabei richtungslos ausbreitete, erlangte das was man als »negativen Aspekt der Psyche« bezeichnen könnte, die Herrschaft über die Vernunft. Und eben das sollte den einst noch mentalen, fließenden Dualismus, in eine ganz kompromisslos getrennte Zweiheit überführen. Damit ist gemeint, was nicht mehr auf einer einstigen Ermittlung des aus einer Logik entstandenen Wahren basiert, sondern auf Rhetorik und einer damit einhergehenden Kunst des Überzeugens. Es schien da ein reines Argumentieren die einfache Fähigkeit zur Erkenntnis übertrumpfen zu wollen.

In den fünf Jahrhunderten nach der Renaissance begannen sich die Menschen eben einfach selbst immer wichtiger zu nehmen. Was sich seit dieser Zeit, aus ihrem Ich zu einer Person, eben einer »persona«, wörtlich also einer »Maskierung« des Seelischen, verhärtete, führte zu all dem was sich in den Kulturen des Abendlandes in der Verwissenschaftlichung der Welt äußern sollte. Das ging einher mit der damals einsetzenden Überheblichkeit eines Fremdartigkeit aufbürdenden Kolonialismus.

Wo man nichts mehr zu vermessen fand, da wollte man noch weiter in die Ferne vordringen, um dabei andere Länder und Kontinente als neuen Lebensraum zu erobern.

In dem Moment, da das Maßvolle vom Maßlosen der Ratio abgelöst wurde […] begann sich die Abstraktion in ihre äußerste Manifestationsform zu wandeln, die durchaus mit dem Begriff der Isolation beschrieben werden darf

- Aus Jean Gebsers Buch »Ursprung und Gegenwart«, Kapitel »Die mentale Struktur«

Und mit dieser Isolation scheint in unseren Tagen etwas immer weiter auszuarten, das mit einer zusätzlichen Rationalisierung, einer Abstraktion und letztendlichen Technisierung all unserer Lebensbereiche in Erscheinung treten wird.

Im Sinne einer übermäßig verstandesbetonten Rationalisierung seines Lebens, die man heute als Optimierung rechtfertigt, isoliert sich der Mensch zunehmend. Und diese Isolation geht keineswegs mit irgend geartetem Schutz einher, wird die Verbindung des Menschen mit seiner Außenwelt doch durch allerhand Hightech, nur immer mehr geteilt und weiter aufgespalten.

Das heißt, dass sich jene oben angedeutete mythische Axt des Hephaistos, sich heute anscheinend in unzählige moderne Technologien differenziert hat. Sie allerdings erschaffen, allegorisch gesprochen, den in winzige Teilstücke fragmentierten Gitterrost einer Gefängniszelle, worin sich der wahre Mensch zunehmender Bedrängnis ausgesetzt fühlt. Gemäß seiner Veranlagung aber, sich wegen Sinnesreizen dem Außen gegenüber zu öffnen, verschafft er indessen immer mehr Beklemmendem Zugang zu seinem Inneren.

So ist der Mensch nicht mehr aus sich selber heraus Mensch, sondern folgt abhängig, ist gezwungen sich gegebenen Bedingungen anzupassen – seien es neue Gesetze, neue Moden oder neue Technologien. Doch wohin soll das führen?