Kulturpessimismus

Menge und Masse: Maßstäbe der Moderne

von S. Levent Oezkan

Bei den Begriffen Quantität und Qualität handelt es sich grundsätzlich um Gegensätze. Doch auch wenn sie sich ihrer Bedeutung nach offenbar unterscheiden, besteht zwischen beiden auch eine Wechselbeziehung, die von zentraler Bedeutung ist für unsere Kultur – damals, heute und dereinst.

Wenn sie nun aber in Beziehung zueinander betrachtet werden können, besitzen Quantität und Qualität dann nicht vielleicht auch eine gemeinsame Wurzel? Sollte uns im weiteren Verlauf gelingen, dafür einen Beweis zu finden, so müsste es auch Entsprechungen zu anderen Polaritäten geben.

Fest steht: Qualität und Quantität bildeten die ersten aller kosmischen Pole, zumal alles, das sich in unserer Welt manifestierte, geprägt ist vom Wesen dieser beiden Ausdrücke – insbesondere dann, wenn es darum geht an eine Sache Anforderungen zu stellen. Nicht aber nur in der natürlichen, sondern auch in der übernatürlichen Welt metaphysischer Anschauung, bilden beide Begriffe die beiden Enden ein und der selben Wahrheit – gebildet aus dem, wofür die Worte Essenz und Substanz stehen.

Unsere moderne Welt ist Herrschaftsgebiet des menschlichen Individuums, wo es aber weniger um die essentielle Wahrheit dessen geht, worüber der Mensch Herrschaft zu erlangen sehnt. Eher geht es um des Menschen Wunsch zu besitzen, abzuzählen, Mengen zu häufen. Kurz: Das Wesentliche in seinem Leben bildet die stoffliche Welt, die »Substanz der Massen«. Die Welt des Stoffes aber bezieht sich auf das Äußere einer Exoterik. Wenn wir hier aber nun den Begriff der Tradition ins Spiel bringen, so ließe sich das Essentielle unseres Seins, auch durch die Überlieferungen einer inneren, einer esoterischen Tradition ergründen, was wir im weiteren Verlauf dieses Aufsatzes versuchen wollen.

Quantität: Anzahl und Wert

Die Quantität der Dinge in unserer Welt, bildet die Grundlagen allen sinnlichen und körperlichen Seins darin, was dem Materiellen zugeschrieben wird. Alles was uns darüber die Wissenschaft liefert, wie ihr Name ja bereits sagt, ist eben Wissen, wo manche mehr davon, andere weniger davon haben. Ein Wissenschaftler kennt die Beschreibung dessen, was wirklich ist, kennt sein Maß der Wirklichkeit. Über das darin »Wirksame« aber, die darin liegende Essenz, wissen heute nur wenige. Im Westen scheint es eben gang und gäbe zu sein, den Wert einer Sache vor allem quantitativ festlegen zu wollen und dabei zu glauben, die dahinter stehende Realität erkennen zu können, als bezifferbar – auch wenn das dabei wahrgenommene Schimmern einer vermuteten Wirklichkeit, immer wieder neue Maße beeinflussen. Wäre es da aber nicht angebrachter sich davor zurückhalten, allein durch diese, abzählbar beschriebenen Teile des Dinglichen, auf das Wesen unserer Welt schließen zu wollen?

Was als Menge abzählbar ist, lässt zwar Folgerungen über das Betrachtete zu, doch je näher man der eigentlichen Sache dabei käme, desto weiter schweifte man gleichzeitig davon ab, da sich die dabei gefundenen Details, jeweils selbst wieder, in immer feinere Abzählbarkeiten deuten lassen; man denke etwa an die physikalische Untersuchung des Mikrokosmos, mit all seinen unzähligen Kristallstrukturen, molekularen, atomaren und subatomaren Auffächerungen. Letztendlich aber käme man doch zu dem Schluss, dass sich alles Sein aus Polarem ergibt, aus positiv wie negativ »Geladenem«, aus materiell Schwerem und Leichtem, aus energetisch Starkem und Schwachen, und so weiter. Zwar ließe sich darin alles nur Erdenkliche abmessen, quantifizieren und gegeneinander abwägen, doch bliebe das so erhalten Abzählbare, dabei immer nur eine Messung des Substantiellen und damit nur Erscheinung von Maßen, die wahrscheinlich einer Wirklichkeit entsprechen, die eben nicht entzifferbar ist, sondern immer nur erfahrbar bleibt.

Qualität kennt kein Maß

Den Wert dessen liefert die Qualität des Wirklichen, die den Betrachter nicht nur zur Erkenntnis darüber befähigt, sondern ungeachtet irgendwelcher abmessbaren Fakten, ihn mitunter sogar zu inspirieren vermag. Wenn in esoterischen Kreisen oft die Rede ist von »Einweihung«, meint das kein Inkenntnissetzen, sondern ein Erfahren des Einen, dem einer geweiht wird. Die Wirklichkeit die einer dabei kennenlernt, lässt sich jedoch nicht messen, sondern allenfalls betiteln. Was darin aber wirksam ist, ist die Essenz dessen, worum es sich bei dieser Betrachtung handelt: Es ist wie ein Same aus dem ein riesiger Baum wächst, wie ein Funke der ein großes Feuer entfacht, wie eine Wahrheit, von der erfahren, ein Mensch sein Leben als solches verändern möchte, eine Ursache, die manchmal sogar über Leben und Tod eines Individuums entscheidet. Doch auch viel weniger dramatische Vorgänge, lassen sich durch nichts bemessen oder abzählen, wie das Gefühl, dass man empfindet, wenn man sich verstanden fühlt, wie die Gewissheit die man verspürt, wenn man mit etwas im Leben abgeschlossen hat, und so weiter.

Doch durch all die Betitelungen dessen, was wir hier als Qualität definieren wollen, ist eine darin wirkende Essenz, anscheinend austauschbar geworden. Das heißt, dass die Güte eines Dinges nur Menge und Zahl bewerten, doch weniger der Wert an sich, der die eigentliche Qualität von etwas begrenzt, quantifiziert. Das aber verallgemeinert seine wesentliche Sinnbedeutung, verwischt sie sogar und macht sie ungreifbar. In der Erkenntnis des innersten Wesens einer Angelegenheit aber, wird aus dem darin wirksamen »Essentiellen«, vorrangig ein Prinzip, ein Grundsatz, aus dem sich weitere Prinzipien hierarchisieren lassen.

Wenn sich also Quantität immer auf eine horizontale Sichtweise von etwas Bemessbarem oder Abwägbarem bezieht – man denke an die beiden Schalen einer Waage – so stehen die in einer Qualität wirksamen Prinzipien dazu vertikal, auch wenn man das Bessere durch Maße beziffern kann. Hierarchie und Qualität nun sind traditionell von einander untrennbare Begrifflichkeiten. Sie bildeten im Altertum die klerikalen oder aristokratischen Rangordnungen, die sich jedoch einer nach oben hin ewig weiter erstreckenden Überordnung beugten (man denke hier etwa an den Begriff des »Gottkönigtums«, dass besonders in der Esoterik ein geläufiger Begriff ist). Solch hierarchische Ordnung lässt sich aber auch auf den Mikrokosmos des menschlichen Körpers übertragen, in dem ja jedes Organ seine jeweils über- oder untergeordnete Rolle spielt.

Es ließe sich der so geschilderte, untrennbare Zusammenhang zwischen Hierarchie und Qualität symbolisch durch eine Vertikale skizzieren. Wobei das, was wir als Hierarchie andeuteten, natürlich von positiver oder negativer Qualität sein kann, so dann sich zur eben definierten Vertikalen, auch eine Horizontale ergibt, die beide im Symbol des Kreuzes zusammenlaufen. Nun ließe sich damit alles Vertikale, als Symbol des Hierarchischen der Qualität, alles Horizontale als Symbol für den Wert eines Dinges, seine positiven und negativen Aspekte betrachten.

Quantität und Qualität in Wechselbeziehung

Auch wenn im Allgemeinen Quantität und Qualität als gegenläufige Begriffe verstanden werden, widersprechen sie sich nicht wirklich. Ja sie ergänzen sogar einander gegenseitig und besitzen das Potential sich zu einen, dort wo ihre Prinzipien zusammenlaufen, sich überkreuzen. Wir hatten zuvor von einer Symbolik des Vertikalen und des Horizontalen gesprochen, wo erstere die Beschaffenheit des Qualitativen symbolisiert, letztere jene des Quantitativen. Im Symbol des Kreuzes laufen diese beiden Größen an der Stelle des Schnittpunkts zusammen. Das Spannungsfeld zwischen Rechtem und Linkem, zwischen Unten und Oben, zwischen Gut und Böse, zwischen Ursprung und Unendlichkeit, kommt in dieser Kreuzung zum Ausdruck – woraus sich ein aus vier Größen zusammengesetztes Ganzes ergibt. Wählte einer etwa nur die Quantität als Maßstab aller Dinge, entbehrte er durchaus wichtiger Hinweise auf das, was wirklich ist, was ja eben aus der Hierarchisierung des Ganzen, als Qualität hervorgeht.

Betrachten wir die Symbolik des Kreuzes, neben der berühmten Form des Symbols im Christentum, als, sagen wir, eine durch einen Kreis abgeschlossene Form, in der der rechtwinklige Achsenschnittpunkt den Kreis-Mittelpunkt bildet, ließe sich daraus eine universale Vierheit ableiten, eine »Quaternität«, die zum Beispiel für die Beschreibung der vier alchemistischen Elementen (Feuer, Wasser, Luft und Erde) ebenso griffe, wie in Betrachtungen der Gesetzmäßigkeiten der vier Jahreszeiten, bei den Lebensphasen eines Menschen und unzähligen anderen Größen, die auf einer elementaren Vierheit basieren.

Es scheint dabei aber kein Zufall zu sein, dass solche Mandalas oder Symbole der Quaternität, nicht nur in historischen Monumenten der Völker in West und Ost auftauchen, sondern ebenso in den nächtlichen Träumen ahnungsloser Menschen, deren Auffassung vom Sein ganz und gar durch die Moderne bestimmt ist. Denn diese Formen der Quaternität sind Ordnungssymbole, die sich einem Träumer vor allem in Zeiten darbieten, wo er nicht weiß wo im Leben er gerade steht oder aber erkennt, dass er sich neu erfindend orientieren muss. Und wenn sich eine Quaternität als universale Vierheit vor allem im Wachzustand dazu eignet, allgemeingültig eingesetzt zu werden, so findet eben angedeutete Orientierung doch dort statt, wo eben einer seinen inneren, individuellen Orientierungspunkt erkannt hat. Da erfindet er sich neu, um sich aus dem, was er vielleicht als Chaos im Leben satt hat, zu entfernen in Richtung des Lichts, das ja bekanntlich jeden Morgen im Osten als Sonne aufsteigt, der Richtung, die die Römer eben »Orient« nannten. Wer vom Pfade abkam, orientiert sich nach dem Licht.

Einen Richtungswechsel, eine »Neuorientierung« aber erfordert ein sich Einlassen auf diese, hier und im Folgenden gelieferte »symbolische Assistenz«. Das heißt, dass eine neue »Himmelrichtung« im individuellen Kosmos eines inneren Selbst bewusst gemacht wird, die sich jenseits dessen befindet, was moderne, technische oder digitale Hilfsmittel bieten. Denn wenn es um eine Neuentfaltung des Selbst geht, kann es sich nur im Bewusstsein eines Menschen ereignen, wodurch es seinen eigentlichen Daseinssinn wiedererlangen kann. Diesen Zugang aber versperren in unserer modernen Welt die äußeren Verbindlichkeiten, wozu aller Wunsch zur Anhäufung von Reichtümern ebenso gehört, wie das Klammern an das, was man bereits hat. Alles Sinnvolle aber, mit dem das Selbst des Individuums in diesem Körper auf Erden inkarnierte, scheint, seit jener Zeit der Aufklärung, die ja mit einer industriellen Revolution einherging, in Sinnwidriges verkehrt worden zu sein. Denn schon lange geht es nicht mehr darum, das Wesen und die Aufgabe des Selbst und die von ihm ausgehenden Botschaften zu erkennen. Eher fragt man da nach dem Sinn solcher Botschaften, da der an den modernen Massenmenschen eben besser verfüttert werden kann, in Form audiovisueller Medien. Ob dieser Sinn auch Qualität besitzt, spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Eher geht es darum solche Nachrichten weitgefächert zu verbreiten.

Alles in der modernen Welt leuchtet, ist illuminiert und es scheint, im wahrsten Sinne des Wortes, als bringe uns in allen Lebensbereichen dieses Funkeln und Blinken die Umwelt so bei, wie auch wir, in unseren Händen haltend, uns selbst. Es sind darum immer mehr »Lichtträger« unterwegs. Schaut man sich die lateinische Bezeichnung dafür an, die sich aus den Wörtern »lux«, für das Licht, und »ferre«, tragen, ergibt, kommt man zum »Luziferischen«, ein Wort das die meisten unter uns mit Begriffen wie Bosheit und Arroganz assoziieren, und dabei womöglich auch Ängste in ihnen aufsteigen, die aber ohnehin schon mit immer neuen Hysterien, anscheinend in jedem von uns aufgerufen werden, mit dem Ziel den Konsum aufrecht zu erhalten, denn wer Angst hat hamstert und verbirgt sich hernach ungesehen in seinem Bau. Und wer sich dort verbrigt lässt sich besser kontrollieren.

Kontrast der Extreme von Gut und Böse

Jene Hypes und inszenierten Begeisterungen für den Wunsch sich zu fürchten, scheinen gleichzeitig eine Erwartungshaltung zu prägen, die sogar mediale Bilder von Naturkatastrophen und anderen Desastern, zu befriedigen scheinen. Alles was mit einer Moral einhergeht aber scheint als altmodisches Gewäsch nur abgewunken zu werden, zumal man solch Medien ja getrost im stillen Kämmerlein konsumiert. Das darin gezeigte Bilder aber nicht zufällig durch die Kanäle moderner Medien unser Bewusstsein mit Negativität überfluten, scheint immer zu bedenken zu geben, was vor 80 Jahren in Europa als eine in der Johannes-Offenbarung vorausgesagte Endzeit erfahren worden sein dürfte. Ereignete sich das damals auf materiellem Niveau, scheint nunmehr etwas auf Ebene des Emotionalen eingerissen zu werden, bei den meisten Menschen der Nationen, die teilnehmen an dem, was das Weltwirtschaftsforum die »Vierte industrielle Revolution« nennt.

Wesensglieder des Zweigeteilten

Werfen wir unseren Blick nun aber einmal in die ferne Vergangenheit. Da lesen wir in der Bibel über etwas, dass sich anscheinend, wie schon so häufig, gerade wieder abzuspielen scheint und die Rufe jener laut werden lässt, die auf eine Endzeit warten. So wie die Johannes-Offenbarung, am Ende des Neuen Testaments, nun auf ein Kommen des Antichristen hindeutet, soll diese Wesenheit die Macht auf Erden übernehmen – für gewisse Zeit. Und das auch nur für jene, die überhaupt aller spirituellen Tradition den Rücken gekehrt haben. Es ist eben doch die Tradition, die nicht allein den Sinn des abzählbaren Maßes von Gutem und Schlechtem, von digitaler Eins und Null, sondern sich immer auch der hierarchischen Lage dessen bewusst ist, auf der sich ein Maß vermeintlich bewertbarer Gegensätze bezieht.

Wenn wir zuvor nun aber von Qualität und Quantität sprachen, wieso kommt nun auf einmal die Sprache auf den Antichristen, den Widersacher dessen, den das Neue Testament den Christus nennt? Nun, es soll hierdurch überhaupt einmal deutlich gemacht werden, was sich im Erkennen des Hierarchischen der Qualität, für das Verständnis dessen ergibt, was man »Das Böse« nennt.

Christus und der Antichrist stehen im Verhältnis wie das Licht und der Schatten, wie die Wahrheit zur Unwahrheit, wie der Glanz zur Täuschung und letztendlich das Gute zum Bösen. Das Gute, könnte man sagen, existiert ohne Böses, denn es hat Substanz, während Letzteres substanzlos ist. Es ist – das Böse aber ist nicht. Wenn das Gute als wahrhaftig Besseres existiert, entspricht seine Fehlerhaftigkeit dem Bösen. Alles Gute trägt zur Besserung dessen bei, wovon man Gutes hält, während das Böse zur Schädigung dessen führt. Denn das Böse ist widernatürlich, schwächt und zerstört alles Natürliche.

Wenn aber, wie wir oben sagten, der Schatten als Gegenteil des Lichts angesehen wird, so kommt da aber noch der Faktor der Form ins Spiel, etwas, dass in unserer alltäglichen Welt etwa ein physisches Objekt bildet. Denn würden Licht und Schatten »gleichgültig nebeneinander« existieren, ergäbe sich Form erst durch ihr Zusammenwirken. Doch kann das überhaupt sein?

Fest steht, dass Schatten das Licht voraussetzt. Und so muss es auch eine Form geben, die den Schatten wirft, da sie das Licht verstellt. So wäre der Schatten also eine Abwesenheit des Lichts wegen der Form das es verstellt. Die Art aber, wie der Schatten dem Licht durch die Form gegenübersteht, setzt die Qualität dieser Form voraus: Ist sie perfekt, so ist auch der Schatten perfekt.

Doch all das bleibt zunächst nur philosophisches Beurteilen, das im Angesicht dessen, was etwas in den Konzentrationslagern von einst (und heute), nur wie blanker Hohn klingt, wenn da einer kommt und mit diesem Vergleich von Licht und Schatten behaupte, das Böse sei entsprechend »nur« die Abwesenheit des Guten.

Man sollte sich daher vorsehen, die eigentlichen Ebenen der Hierarchie dieser Gegensätze, auf einen Nenner bringen zu wollen. Eine abstrakte Vorstellung von Gut und Böse aber zu vergleichen mit Licht und Finsternis, wäre philosophisch durchaus denkbar. Doch wer vom Gräuel dessen weiß, was Menschen einander antun können, der wird dem Bösen keine Wesenhaftigkeit absprechen, sondern es als tatsächliche Wirkmacht ansehen, die im Feld des Guten immenses Leid zu verursachen vermag.

Es wäre daher vielleicht angebracht, die Pole von Gutem und Bösem, auf zumindest drei Ebenen im Menschsein, bewussten Hierarchien zuzuordnen, entsprechend Körper, Seele und Geist. Schaute man dabei, metaphorisch gesprochen, vom Geistigen hinab ins Körperliche, so erkannte man da eine Tendenz zu einem Dualismus von Gutem auf der einen und von Bösem auf der anderen Seite. Besonders in der modernen Kultur scheinen nur Extreme ihrer Gültigkeit gerecht zu werden, die sich allein nur zwischen Ja und Nein bewegen, zwischen Zusage und Absage, zwischen Positivem und Negativem, nur damit ihrem Wert gerecht werden. Würde man nun aber vom Körperlichen hinauf in die Geistigkeit schauen, so vielleicht ließe sich doch eine Tendenz eines Monismus des Guten erahnen – wo eben nur das Gute ist und alles was man dort Böse nennt, eben allein jener bereits angedeutete Abwesenheit des Gutem gleichkommt.

Traditionell bedeutet nicht altmodisch

Wenn hier nun die Rede ist von einer Tendenz zum Monismus, meint das gleichzeitig auch den Hinweis auf die Tradition oder Philosophia Perennis – die Ewige Weisheit. Alles was in der Moderne erscheint ist einmalig und, ganz gleich ob von hoher Qualität oder nicht, wohl auch einzigartig. Doch über das, was Tradition bedeutet, scheint man nicht mehr zu wissen, sondern allenfalls mit dem Wort »altmodisch« zu verwechseln. Was wir zuvor als Qualität definierten aber ist als hierarchische, vertikale Dimension, deren Grade sich zwischen Himmel und Erde erstrecken, ganz eng mit dem Traditionsbegriff verbunden.

Entbehrt die Moderne aber der Kenntnis dessen, was Tradition bedeutet, so neigt auch ihre Fähigkeit zum Verständnis dessen, was die ersten und eigentlichen Prinzipien unseres Seins auf Erden bedeuten. Es wäre also falsch anzunehmen, dass es sich hierbei um reine Wissenschaft handelt, sondern eher um das, was man Verstehen nennt. Was im Westen als Lernen und erfolgreiches Leben verstanden wird, ist darum nichts als ein Maß für das Erreichte, das man sich zu eigen gemacht, sich erworben hat – seien es Wissen, Geld oder Güter. Das Element der Qualität dieser Dinge aber scheint nur eine nebensächliche Rolle zu spielen. Denn wenn es um Wissen geht, zählt nur das an Statistiken messbare Quantum an Kompetenz. Kurz: Dem modernen Geist mangelt es an Qualitativem. Masse steht über Klasse, allein Quantität zählt. Und diese Feststellung bezieht sich nicht allein auf den Durchschnittsbürger oder jene, die Qualität allein in Hinsicht auf ein Funktionieren in der mengenproduzierenden Industrie oder in der Datenverarbeitungsbranche bewerten; diese Mentalität findet sich leider auch unter Geisteswissenschaftlern moderner Pädagogik. Doch selbst wenn viele unter jenen sehr viel Wissen angehäuft haben, bedeutet das keineswegs, dass auch ihr Handeln entsprechend bedachter erfolgte oder »weiser« wäre. Einer den man einen »Wissenden« nennt, ist nicht einer der viel weiß. Sein Wissen ist von höchster Güte, das geäußert keiner weiteren Erläuterungen bedarf. Die Wissensgesellschaft aber, in der wir gegenwärtig leben, legt anscheinend mehr Wert auf das Quantum an Wissbarem, dass sich jedoch oft nur aus einer langen Reihe von Informationen zusammensetzt, die ihren Sinn allenfalls in Bezug auf Äußerlichkeiten erfüllen.

Wo ist das Leben, dass wir an unseren Lebensunterhalt verloren haben?
Wo ist die Weisheit, die wir ans Wissen verloren haben?
Wo ist das Wissen, das uns in den Informationen verloren ging?

- Thomas Stearns Eliot (1888-1965)

Diese Tendenz, die Menschen seit der industriellen Revolution entwickelten, beklakte auch der amerikanische Historiker Theodore Roszak (1933-2011), in einem Essay mit dem Titel »Ethik, Ekstase und das Studium der Neuen Religionen«:

Während der vergangenen zwei Jahrhunderte, bot uns eine allgemein weltlich geprägte Meinung, viele verschiedene Lesarten über die Natur des Menschen: Darwinismus, Marxismus, Freudianismus, Behaviourismus (naturwissenschaftliche Verhaltensforschung), Positivismus, Existenzialismus oder Soziobiologie. Da brachte man uns bei, dass wir »nackte Affen« und »Maschinen aus Fleisch« sind, Kreaturen »jenseits aller Freiheit und Würde«, deren Leben gesteuert wird von Neurofeedback oder einem Reflexbogen (der für die Auslösung oder Entstehung von Nervenimpulsen oder Reflexen verantwortlich ist), Interessen der gesellschaftlichen Klasse oder sexuellen Gelüsten, gelenkt durch ökonomischen Egoismus oder genetische Programmierung, durch kulturelle Konditionierung oder historische Notwendigkeit. Ist es aber nicht merkwürdig, wie all diese Bilder dazu bestimmt zu sein scheinen, unsere tiefgehende Intuition zu entwurzeln darüber, was Freiheit und ein höherer Sinn in unserem Leben sein könnten – und wie nichts davon unserer Sehnsucht nach Erfüllung gerecht wird, etwas Höheres im Leben zu erreichen. Niemand wässert da die Samen in uns, die nach Kultivierung verlangen.

Dabei ist Lebensqualität ja die Voraussetzung, für das, was man unter dem traditionellen Kulturbegriff versteht. Nur wird die Sichtweise, dass Qualität eher über Quantität steht, in unserer säkular geprägten Gesellschaft, die vorgeblich ganz ohne religiöse oder traditionelle Spiritualität auskommt, beharrlich abgelehnt. Es wäre aber falsch gegenüber dieser Tatsache Pessimismus walten zu lassen. Denn eine integrale Sicht auf die Welt, ließe sicherlich zu, die traditionellen Vorstellungen des Qualitativen, auch in unserer heutigen Kultur zu integrieren. Voraussetzung dafür aber wäre die Grundprinzipien dessen zu kennen, von wo aus ein qualitativer Standpunkt in der Betrachtung unserer Welt eingenommen werden müsste. Damit sich das aber tatsächlich ereignet, wäre erforderlich, dass sich ein entsprechendes Bewusstsein im Menschen aus der Bildungsschicht im Westen entwickelt, dass den Wunsch auslöst, sich mit solchen uralten Werten und auch Geheimnissen zu befassen – das ja bereits bei all jenen eingesetzt haben dürfte, die zum Beispiel Therapieformen mit ganzheitlichen Ansätzen, als wirksamer erachten, als rein wissenschaftliche Herangehensweisen. Auch wenn es um die Fragen einer nachhaltigen Land-, Garten- und Forstwirtschaft geht, dürfte so ein Umdenken nachhaltigere Tendenzen im Handeln der Menschen hervorbringen.

Es scheint ebenso kein Zufall zu sein, dass sich heute viele Menschen der Moderne, eher nach Fernost richten, wenn es um die Frage der Existenz einer geistigen Welt geht und die damit zusammenhängenden, traditionellen Weltanschauungen, die auch einen direkt praxisbezogenen Anteil besitzen. Doch sollte damit eher kein Ersatz für die Traditionen des Westens geschaffen, sondern in fernöstlicher Weisheit vielmehr Inspirationsquellen recherchiert werden, die sich in ihrer Universalität auch in den alten Traditionen des Westens zu erkennen geben, es sei denn, man ist bereit dazu sie zu entdecken und hat die nötige Selbsterfahrung entwickelt, um sie als solche auch zu erkennen.

 

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Fortschritt und Tradition

von S. Levent Oezkan

Hätten Sie gedacht, dass etwas mehr als 25 Jahre nach Einführung des WWW, überall auf den Straßen, Menschen mit gebeugtem Kopf und runzliger Stirn, mit etwas in ihrer Hand auf der Suche sind? Was haben sie in dieser Welt verloren? Welch dauerhafter Wert lässt sich auf diese Weise finden?

In den Industrieländern besitzen 2016 fast 1 Milliarde Menschen ein Smartphone. Monatlich nutzen fast 2 Milliarden Menschen digitale Netzwerke wie Facebook, WhatsApp, Instagram usw. Allein in den vergangenen drei Jahren, kamen mehr als 300 Millionen neue Internet-Nutzer hinzu. In den kommenden 5-10 Jahren wird sich der Kreis der Teilnehmer noch einmal, um etwa 3-4 Milliarden Menschen aus Schwellen- und Entwicklungsländern erweitern. Soweit der Zustand unserer digitalisierten Welt.

Global betrachtet, scheint sich die Menschheit in eine riesige Generation von Cyber-Drohnen zu verwandeln, die in einem elektronisch-vernetzen Bienenstock emsig Geld produzieren. Nur weiß es kaum einer. Die Zahl derer, die wissen, dass ihre Inhalte und Fotos indirekte Werbemittel sind, ist gering. Doch damit machte Facebook im Jahr 2015 ca. 18 Milliarden US-Dollar Umsatz – 44% mehr als noch 2014.

Vorteile für jeden

Natürlich sind Computer, Smartphones, Internet und Soziale Netzwerke, längst fester Bestandteil unseres kulturellen Lebens. Sie bieten ja auch wirklich Vorteile: Man kann mit Freunden und Familie in der Ferne einfacher in Kontakt bleiben oder neue Menschen mit gleichen Interessen kennenlernen. Auch Geld lässt sich mit dem Internet vielseitiger verdienen.

In Zukunft wird das Internet weiter dazu beitragen, das weniger Kinder vermisst, Wirtschaft und Politik noch transparenter werden, das Redefreiheit und Bürgerbeteiligung wachsen, öffentliche Dienste effizienter genutzt werden können, der Zugang zu Bildung noch einfacher wird und wegen der wirtschaftlichen Teilhabe aller, es zu einer immer stärkeren Demokratisierung kommt.

Transparenz für alle

Mehr Transparenz erfordert mehr Sicherheit. Denn mit steigender Transparenz wächst auch das Ausmaß von Überwachung und Manipulation. Ebenso problematisch ist der wachsende Identitätsdiebstahl. Gesichtserkennung und moderne Cyberbrillen (in denen z. B. personenbezogene Daten sich sofort in das Gesichtsfeld ihres Trägers einblenden lassen), werden die individuelle Privatsphäre immer mehr aufweichen, was natürlich zu allen möglichen Formen von Online-Mobbing führen wird, zu Polarisierung und Diskriminierung. Virtuell geschaffene Räume (unterstützt durch 3D-Brillen, elektronisch optimierte und intelligente Kleidung) sorgen für immer mehr Ablenkung und Realitätsflucht aus dem wirklichen Leben.

Krieg ist der Vater aller Dinge

Alle kulturellen Errungenschaften der modernen Welt, wie Radio, Fernsehen und Internet, wurden, bevor man sie zivil nutzte, für militärische Zwecke entwickelt. Der griechische Philosoph Heraklit sagte einmal:

Krieg ist der Vater aller Dinge, König aller Dinge. Die einen macht er zu Göttern, die anderen zu Menschen, die einen zu Sklaven, die anderen zu Freien.

Das ist eine ganz wertfreie Feststellung über das Wesen der Zivilisation an sich. In Zeiten des Krieges wollen beteiligte Regierungen bestenfalls ihre Bevölkerung gegen Angriffe schützen. Was noch vor 100 Jahren ein Grenzschutz leisten konnte, das sind heute außerdem digitale Schranken, die man im Fachjargon als »Firewalls« bezeichnet. Sie werden in Computersystemen installiert, zum Schutz von Privatleuten, Unternehmen und Regierungen gegen Angriffe auf ihre Daten.

Die Grauzonen zwischen Legalität und Illegalität, zwischen Verbündeten und wirtschaftlicher Wettbewerbsfreiheit, scheinen sich ausgedehnt zu haben. Wie immer erfordert die Nachfrage das Angebot, denn jeder von uns, wenn auch nur passiv, möchte die Vorteile der technologischen Entwicklung nutzen. Und es gibt sie, diese Vorteile!

Noch mehr Vorteile

In 10 Jahren werden immer mehr Elektro-Fahrzeuge (z. B. Tesla-Motors) auf den Straßen fahren, verbesserte Recycling-Verfahren zu einer saubereren Umwelt beitragen, Solarenergie effizienter genutzt und damit weniger fossile Rohstoffe verbrannt werden. Das alles trägt zur Gesundung unseres Lebensraumes bei: weniger Smog, weniger Lärm, weniger Müll.

Die hierfür notwendige technologische Infrastruktur erfordert auch immer intelligentere Computer. Viele Prozesse im Leben werden durch diese Strukturen optimiert, fordern den Menschen dazu auf, sein Leben diesen Optimierungs-Vorgängen anzugleichen. Wir können heute jedoch nicht sagen, ob das dazu führt das der Mensch unbewusster wird, was seine wahre Herkunft und die Bedeutung der Natur anbelangt. Es scheint aber, dass durch diese Optimierungen der Lebensabläufe, weniger Zeit für den Broterwerb aufgewendet werden muss, stattdessen mehr Zeit zur Verfügung steht für Bildung.

Wenn aus jedem Menschen in Zukunft ein Produzent schöner, brauchbarer Dinge und Ideen würde, und er sich so aus der Konsumhaltung befreite, wären all die Cyber-Technologien eher unproblematisch. Wir sollten die Konsum-Mentalität des 20. Jahrhunderts ablegen. Wer nur konsumiert, wird in Zukunft immer einfacher steuerbar und ohne es zu merken, zu einem immer effizienteren »Verbraucher« erzogen. Doch nicht allein von Personen, sondern immer mehr auch durch KI – Künstliche Intelligenz (AI, Artificial Intelligence).

Im WWW werden unsere Daten für uns unsichtbar, ständig optimiert, um besser auf uns zurück zu wirken – besonders durch Werbung. Zum Glück aber gibt es jede Menge Software, die all die unzähligen Werbeeinblendungen unterbindet – genannt Ad-Blocker. Trotzdem wird unsere Suche im Internet ständig optimiert und auf Produktangebote angeglichen. Selbst wenn direkte Manipulationen der Suchergebnisse wegfielen, so inkludieren Suchroboter in die Suchergebnisliste immer auch kommerzielle Inhalte. Das liegt im Wesen der Dinge.

Big Brother in einer Schönen Neuen Welt

Experten aus Wirtschaft und Industrie erwarten in den kommenden Jahren gigantische Techno-Tsunamis, wegen denen ganze Industriezweige und wesentliche Bestandteile unserer gesellschaftlichen Infrastruktur weggerissen werden. Schon bald werden wir uns mit neuen Spielregeln beschäftigen müssen. Der Übergang von der »Alten Welt«, in das, was nach dieser »Vierten Industrielle Revolution« kommt, wird die digitalisierte Menschheit vor immer komplexere Aufgaben stellen. Immer mehr Künstliche Intelligenz wird eine Rolle spielen. Wo aber Verläuft die Grenze zwischen Nutzen und Sinn? Läuft all das nicht auch darauf hinaus, das sich der Mensch, durch Überoptimierung seiner Umwelt, irgendwie selbst abschafft?

Schon in naher Zukunft drängen kommerziell verfügbare Geräte auf den Markt, die in den menschlichen Körper eindringen. Herzschrittmacher und Cochlea-Implantate waren nur der Anfang – man könnte fast sagen: harmlos. Ins Gehirn implantierte Telefonie und Internet sind längst in der Entwicklung. Brillen werden mit dem Internet verbunden sein, so dass zu vielen Objekten in unserer Umgebung sofort weitere Informationen abgerufen werden können (z. B. »Google Glass«). Was einst geheim war, weiß sofort jeder über jeden. Wer ein Facebook-Konto besitzt und schon einmal auf einem Foto von einem Freund mit Namen zugeordnet wurde, den können andere mit oben genannter Technologie überall identifizieren.

All das ist kein Pessimismus und auch keine Antiutopie. Es sind reine Fakten.

Die Digitale Maske

Zunehmend verschmelzen physisch-biologische mit digitalen Systemen. Viele sehen darin nur Vorteile. Andere wenige aber sehen darin eine immer enger werdende Fessel. Die meisten Internet-Nutzer wissen leider nicht, wenn sie schlafen, mit ihrem Partner im Bett liegen, im Bad sind oder irgendeiner anderen Aufgabe nachgehen die nichts mit dem Internet zu tun hat, ihre digitale Persona im Internet unterwegs ist und durch Google, Facebook, Amazon und andere Firmen ununterbrochen optimiert wird. Diese Persona wirkt auf jeden von uns zurück. Sie ist unser digitales Doppel. Durch sie blicken wir ins Internet und je mehr wir das tun, desto mehr identifizieren wir uns mit ihr und desto optimaler gestaltet sie sich aus. Selbst wenn wir das nur als Vorteil empfinden, wirkt diese Persona auf unsere Interessen zurück, insbesondere auf unser Kaufverhalten.

Zunehmende Komplexität

Die Komplexität in der Welt nimmt beständig zu. Leben im 21. Jahrhundert heißt: ständig dazu lernen, ständig sein Leben verändern. Wer aber keiner spirituellen Tradition folgt und sein Leben ständig dem Diktat der digitalen Techno-Welt unterordnet, aus dem wird schon bald ein Android, der gar kein eigenes Leben mehr hat, sondern sich gemäß dem digitalen Diktat ständig verbessert – Stichwort »Selbstoptimierung«. Der Glaube an eine anscheinend ultimative Freiheit, die das Internet und mobile Digitaltechnologie bieten, ist gefährlich. Smartphones fördern unseren Narzissmus. Noch mehr Aufmerksamkeit will mit ihrer Nutzung befriedigt werden und langsam entleert sich unser inneres Leben nach Außen.

Sicherheit vs. Religion und Terror

Wir sollten nicht allen Drohszenarien trauen, die sich uns durch Internet, TV und Presse aufdrängen. Vieles sind schön ausgeschmückte Intrigen. Es liegt halt im Wesen der Sache: fast alle von uns lieben Skandale. Danach suchen Journalisten für uns. Die Nachfrage bestimmt die Medienlandschaft. Manipulation wird weniger, wenn der Konsumdrang nachlässt.

Das terrorgetränkte Weltgeschehen soll sich, laut Medien, allein in der Arena der Religionen abspielen. Im Westen will man den Muslimen an allem die Schuld geben. In Wirklichkeit aber werden die vermeintlichen Feinde unserer Zivilisation, von teils bekannten, teils unbekannten Quellen gefördert – die lediglich Teil eines großen Technologie-Komplotts sind. Nur sehr, sehr wenige Menschen verstehen, was in der Technologie-Branche eigentlich gerade passiert. Auf viele Bereiche unseres Alltags werden sich die disruptiven Technologien schon bald auswirken. Disruptive Technologien sind Innovationen, die bestehende Produkte, Technologien oder Dienstleistungen, vollständig verdrängen. In wenigen Jahren wird die Weltgesellschaft Zeuge eines schlagartigen Zerbrechens, ja, einer regelrechten Zerstörung alter Systeme. Das wird sich auswirken auf die Wirtschaft, das Wesen der Arbeit, auf die Art der Produkte und ihre Vermarktung, auf Firmenstrukturen, ja auch auf ganze Staaten und die Art der globalen Zusammenarbeit. Da der Mensch aber in Zeiten großer Not dazu neigt, sich an höhere Mächte zu wenden, beginnen jetzt die Führer der Religionsgemeinschaften, Menschen wie Schäfchen auf ihre Weiden zu locken, mit der vermeintlichen Absicht, das Individuum aus den Klauen der großen Daten- und Fernsehbilderkrake zu reißen.

Börse, Daten und unser Geld

Alte Formen des Handwerks werden heute durch neue, stark anwachsende und »innovative« Technologien gestört. Politik und Wirtschaft werden nicht alleine durch Menschen bestimmt, sondern immer deutlicher drängt sich den Entscheidern das »Diktat des Siliciums« auf – um es einmal so zu nennen. D. h.: die Halbleiter-Schaltkreise all der unzähligen Computerchips in Servern und Computern weltweit (die ja auf dem Halbmetall Silicium basieren), optimieren sich gegenseitig, ohne das je ein Mensch darauf Einfluss nimmt, geschweige denn en détail verfolgen könnte, was eigentlich passiert. Viele wissen nicht einmal, wie Computer, geschweige denn das Internet funktioniert! Ignorant trägt fast jeder so ein »Datenmonster« in seiner Hosen- oder Handtasche.

Überall dort, wo moderne Medien und Technologien präsent sind, ist das »Blut« dieses globalen, elektro-digitalen Organismus, das Giralgeld – das Geld der Geschäftsbanken, das von Girokonto zu Girokonto fließt, von Aktienwert zu Aktienwert übertragen wird. Es fließt ungesehen durch Glasfaserkabel durch den Atlantik und über die Datenleitungen der Kontinente. Wir alle rühren in der finanziellen Datensuppe mit, wenn auch nur mit unserem kleinen Smartphone oder unserem so unschuldigen Internetzugang. Jede Handlung im Internet wirkt sich direkt oder indirekt auf das finanzielle Weltgeschehen aus. Die Zahlen dazu laufen auf den Bildschirmen von Agenten, Maklern und Brokern an der Börse. Irgendwelchen Oligarchen und Wirtschaftsmagnaten mag das heute noch nützen. Doch nur ihnen die Schuld an der gegenwärtigen Weltkrise zu geben: ist das realistisch? Für die meisten Menschen ist das Internet einfach wie ein großer Selbstbedienungsladen und keinen interessiert noch, wo das eigentlich alles herkommt.

Gold, Geld und Zinseszins

Der Großteil derer, die im Internet mit Werbung und Handel Geld verdienen, müssen irgendjemandem Zinsen zahlen. Und nicht nur das: sie zahlen auch Zinsen auf ihre Zinsen. Das ist ein wichtiges Problem der Weltwirtschaft. Wie die meisten wohl wissen, muss die Währungsordnung von Geldbeträgen, einen Umtauschkurs zu Gold garantieren. Wie aber soll Geld, dass sich als Zinseszins im Geldsystem von selbst vermehrt, mit Gold gedeckt werden? Je mehr sich Schulden in einer bestimmten Währung durch Zinsen vergrößern, desto mehr driftet ein Staat oder eine Währungsunion (z. B. die Europäische Union) in die Krise. Es scheint das jedes Geldsystem ein System auf Zeit ist. Wenn die Werte nicht mehr mit Gold umgetauscht werden können, fordern Gläubiger bekanntlich Naturgüter oder andere Waren und Dienstleistungen. Wenn ein Staat sehr hoch verschuldet ist und weder seine Kredite bezahlen kann noch seine Zinsen, droht ein Krieg. Da sich aber durch den internationalen Handel von Gütern und Dienstleistungen, die Grenzen zwischen Staaten immer mehr aufweichen, ist die Situation etwas komplizierter geworden. Manche befürchten zwar einen Dritten Weltkrieg, doch die mit dem Geldsystem verbandelte Technologie-Entwicklung, geht wohl ihre eigenen Wege.

Die Computer-Branche wirkt auf noch viel höherer Potenz auf das Geschehen unserer Weltgesellschaft zurück. Wie Geld, verliert auch Software beständig an Wert. Ständig gibt es Software-Aktualisierungen, die auch durchgeführt werden müssen, da Anwendungen sonst fehleranfällig und unsicher werden. Zwar ist das ein Vorgang, den man auch an physischen Strukturen feststellen kann, nur sind die Zeitzyklen in der digitalen Welt sehr, sehr viel kürzer.

Was irgendwie nicht passt: Internet und Gott

Die gegenwärtige technologische Revolution, die auch eine industrielle und gesellschaftliche Revolution ist, hat begonnen. Die Menschen sind zu sehr mit ihrer Angst beschäftigt, nach der sie sich offenbar sehnen: jeden morgen beim Frühstück läuft bei vielen schon was auf der Mattscheibe (z. B. »Frühstücksfernsehen«).

Schon lange prophezeien Moral-Apostel vieler Geistesschulen und Religionen, ein aufdämmerndes, gesellschaftliches Desaster. Das Problem: die Führer der Glaubensgemeinschaften innerhalb ihrer Institutionen sind zerrüttet. Innere Kräfte wenden sich gegen sie. Man schaue nur in den Vatikan. Die islamische Welt ist ebenso gespalten. Radikalisierte Gruppen behaupten über die Häupter der Gläubigen hinweg, den Dschihad (»Heiliger Krieg«) im Außen durchführen zu müssen. Andererseits waren es aber nicht die gläubigen Rabbiner, die 2014 in Panzern durch den Gazastreifen rollten. Jahrhunderte lang lebten Juden, Christen und Muslime friedlich miteinander im heiligen Land. Erst nach dem Holocaust und dem Völkermord in Europa, kam es zur Staatsgründung Israels. Das aber die Technologie-Verwirrung, all die vielen Konflikte anschirrt, liegt auf der Hand - wenn es auch kaum einer weiß. Man denke an all die Smartphone-Filme, die von Nachrichtensendern, für ihre Berichterstattung verwendet werden. Ist das alles glaubwürdig?

Gretchenfrage und Ignoranz

Wenn Menschen aufhören an etwas zu glauben, dann glauben sie an jeden Unsinn – wie uns die Wellness-Esoterik-Szene beweist. Anfang des 20. Jhd. befanden sich die Menschen in Europa in ähnlicher Verfassung. Das führte zum deutschen Nazismus und zum sowjetischen Kommunismus. Was bei den einen die Rasse-Reinheit galt, forderten die Anderen mit erzwungener Gleichheit.

Leben wir heute nicht in ähnlichen Verhältnissen? Wieviele Menschen belächeln, wenn jemand sagt: »Ich glaube an Jesus Christus.« Auch damals glaubte keiner mehr so richtig an irgendetwas, hatte sich schon lange vom Glauben an einen Gott abgewandt, sich über die Religionen lustig gemacht. Alternativreligion war der Sozialismus – der nationale, wie der kommunistische. Den »Einen Gott« ersetzte ein Führer: Hitler oder Stalin.

Das Eine Ding

Vielleicht wäre es gut, mehr Menschen zögen in Erwägung, ihr Handeln auf eine Sache hin zu konzentrieren, etwas das ihnen Zuversicht und Stärke vermittelt – etwas worauf man sein Bewusstsein ausrichten kann. Etwas Verlässliches sollte es sein, eine Art Ritus der einen erdet, wo man Ruhe findet, etwas auf das man sich konzentrieren kann. Es ist schwierig sich einfach nur das Allerbeste aus allen Religionen herauspicken und zu versuchen, nur die schönsten und praktischsten Riten und Gebräuche ins Leben zu integrieren. Aus einfachem Grund: wer sich längere Zeit mit den traditionellen Geistesschulen und Religionsformen beschäftigt, erkennt zwar ihren gemeinsamen Kern, doch unterscheiden sich die Formen ihrer spirituellen Praxis. Genau aber die regelmäßige, spirituelle Praxis ist es, die uns hilft, Halt in einer Welt zunehmender Komplexität zu finden. Sich auf eine Tradition festzulegen, sich einem Glauben anzuschließen, heißt nicht, alle anderen spirituellen Wege abzulehnen oder ignorieren zu sollen. Sich zu einer spirituellen Praxis bekennen bedeutet, dass man sich wenigstens einmal im Leben mit etwas wirklich beschäftigt hat! – und eben nicht nur eine neue Gebrauchsanweisung verinnerlicht, die in einem Jahr schon wieder überflüssig geworden ist.

Tradition heißt nicht, die Asche bewahren, sondern das Feuer weitertragen.

- Ricarda Huch, deutsche Philosophin und Historikerin

Die materielle Welt ist heute sehr komplex und wird immer komplizierter. Umso wichtiger wird ein konkreter, einfacher Kern der Spiritualität, den man praktisch lebt, auf den man sich jeder Zeit hin ausrichten kann, sich dorthin wenden kann, wenn die Welt im Außen zu turbulent wird und nervt.

In die Mitte kommen heißt: die Mitte kennen.

Natürlich versuchen alle spirituellen Schulen neue Mitglieder zu rekrutieren und bekämpfen darum andere Schulrichtungen, ja es scheint als wäre es nie schlimmer gewesen. Immer aber gab es mystische Strömungen in den Traditionen in West und Ost (Schamanismus, Kabbala, Sufismus, Gnosis, Rosenkreuzertum, Voodoo, Bön, Vajrayana, Vedanta), deren Anhänger den wahren Kern aller Religionen kannten. Doch sie waren es immer auch, die sich auf gefährlichem Wege durch die Weltgesellschaft bewegten. Mystiker wurden wegen ihrer universellen Weltsicht, von ihren Glaubensbrüdern oft heftigst angefeindet. Aber gäbe es heute keine Mystiker, fände wohl überhaupt keine Verständigung mit anderen Glaubensrichtungen statt. Sie sind es, die das Wesen der Ewigen Weisheit (Sophia Perennis) kennen.

Kreativität ist so wichtig

Sind wir nicht alle dazu angehalten, in dieser Zeit des großen Weltwandels, zur Verständigung zwischen Menschen beizutragen und dem Verständnis für die Umstände anderer, mehr Raum zu geben? Wer dieser Aufforderung folgen will, benötigt die Fähigkeit kreativ zu denken und zu handeln.

Heraus aus der Konsumhaltung, hinein in die Kreativität!

Wir müssen uns von den Barrieren der modernen Welt befreien, müssen Brücken bauen zu den alten Werten unserer Zivilisation. Zuerst in uns, dann im Außen. Ersteres ist ein Lebensprozess, begleitet von der Arbeit mit den Menschen.

Bei allem was wir tun, sollten wir zuerst nach innen gehen. Ebenso weit wie sich alles ins unendliche Weltall ausdehnt, ebenso tief können wir uns auf eine innere Reise begeben. Es lohnt sich die Substanzen unseres ganzen Daseins zu entdecken. Nur so kann Integration stattfinden.

Es ist sicherlich eine schwierige Aufgabe, denn in dieser Welt werden die Menschen erzogen nur im Außen Veränderungen zu erreichen. Doch damit entstehen immer wieder neue Meinungen, die mit der Bildung immer neuer Seelenanteile einhergehen. Und diese Seelenanteile werden zu ganz eigenwilligen Psycho-Entitäten, die Spuren in unser Unterbewusstsein zeichnen. Diesen Spuren folgen wir unbewusst. Wer das Innere seiner Seelenwelt aber allmählich entlarvt, klärt das Verhältnis zu den Menschen die ihm täglich begegnen. Alles gewinnt an Wert, sobald man seine eigene Wichtigkeit auflöst. Was uns davon abhält sind die neuen Medien. Sie produzieren Feindbilder im Außen. Schließlich kostet es nichts Kritik zu üben. Wahres Urteil fällt aber nur, der ohne Meinungen ist. Wer kennt es nicht: in einer Diskussion zog man den kürzeren und später spielt man die Situation noch einmal durch, um in einem inneren Dialog mit einem Phantom des Opponenten, am Schluss Recht zu gewinnen. Das lässt uns in einem ewigen Gestern festsitzen. Etwas zu zerstören ist sehr einfach. Aufbau ist mit wirklicher Arbeit verbunden und der Fähigkeit zur Kreation. Wer sich ignorant dieser Arbeit verweigert, der wird immer Sklave äußerer Umstände bleiben, im Glauben Freunde dort zu finden, wo neue Feindbilder entstehen. Es ist so einfach Feindbilder zu generieren. Doch es hilft niemandem. Nur wieso empfindet es der Mensch als Erleichterung, wenn er sich über Probleme auslässt, Feindbilder pflegt und sich, schlimmsten Falls, mit Untergangsszenarien, seiner eigenen kleinen Welt oder des gesamten Planeten befasst? Es gibt ein physikalisches Gesetz, das man den »zweiten Hauptsatz der Thermodynamik« nennt. Dieser Satz besagt, das alles was entstanden ist, irgendwann wieder zerfällt. Alle Materie ist an die Zeit gebunden. Wer sich über die Welt beschwert und destruktiv kritisiert, hat sein Leben überhaupt nicht im Griff, sondern ist Sklave dieses Zerfallsprozesses. Sich gegenüber den Details der eigenen Seelenhierarchie zu verantworten, bedeutet, sich bedingungslos dem Schicksal zu stellen. Alles was einem geschieht, alle Ungerechtigkeiten, alle Krankheiten und alles Leid, müssen zuerst angenommen werden, um sie aufzulösen!

Wer seine inneren Gegner überwunden hat und nicht mehr versucht seine Mitmenschen zu ändern und den Mut hat, klug genug zu sein an Wunder zu glauben, der wird sich nach und nach aus der selbst geschaffenen, engen »Schlangenhaut«, zu einem neuen Leben heraus winden. All die materiellen Dinge an denen wir hängen, die gepflegt und gewartet werden wollen, sind ebenso ein Ballast, wie die vielen Meinungen die wir im Laufe unseres Lebens gesammelt haben. Es ist unser »Meinungskörper«, an den sich ständig neue Meinungen heften. Es sind unsere vielen Absichten, von denen wir glauben, dass sie uns ausmachen. Sind es aber nicht die selben, die uns daran hindern Neues zu erfahren? Was von all den vielen Meinungen die wir mit uns herumtragen, sind in Wahrheit Unwahrheiten? Mit der Meinung ist es wie mit einer Münze: sie hat zwei Seiten – doch auch ihr Rand ist geprägt, worauf eigentlich niemand achtet. Es scheint, als würde das was die Widersprüche verbindet, gerne ignoriert.

Arbeit und Tradition

Das eigene Leben zu verändern und gleichzeitig wieder in der alten Umwelt weiter zu leben, ist sehr schwierig. Wer große Schritte gemacht hat, für den ist die Rückkehr in die alte Welt nicht einfach - oft unmöglich! Neue Lebenseinstellungen lassen sich nicht einfach integrieren und an alte Beziehungen anpassen. Doch wir müssen uns verändern.

Wer den Weg der Selbsterkenntnis geht, der muss zur Quelle vordringen. Doch bekanntlich muss man sich dabei gegen den Strom bewegen. Wir können nur so gewinnen: unser Leben verändern. Diese Aufforderung ist gegenwärtig noch viel bedeutender als früher. Flexibilität wird immer wichtiger. Wer aber keinen festen Halt in seinem Leben hat, der ist ständig neu entstehenden Aufgaben hilflos ausgeliefert. Flexibel bleiben kann, wer im Leben Halt gefunden hat. Dafür steht die traditionelle, spirituelle Praxis. Mit ihr verbinden wir uns mit dem Roten Faden der überlieferten Tradition. Hierauf kann man sich festlegen.

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