Kybele

Göttin Mutter

von S. Levent Oezkan

Muttergottheit - ewigeweisheit.de

In der Urgeschichte der Menschheit, spielten Göttinnen der Erde und der Fruchtbarkeit für die Kulturentwicklung eine zentrale Rolle. Die Mutter als Lebensspenderin verehrte man mehr, als die anderen Gottheiten jener Zeit. Archäologische Funde aus der Steinzeit belegen das, wo sich unzählige Artefakte als weiblicher Archetyp präsentieren.

Aus dem Urbild der Venus, wie auch durch die Bildnisse anderer weiblicher Gottheiten, entstand vor langer Zeit eine Symbolik, woraus sich ablesen lässt, welche Rolle es damals spiele Erdboden und dessen Bewohner zu beherrschen. Und zu solchen Bewohnern der Erde zählen eben Menschen, Tiere, Pflanzen und auch die Minerale. In all diesen irdischen Verkörperungen nämlich glaubte man schon immer den Geist einer personifizierten Mutter Erde zu erkennen.

Wie die Venus aus Griechenland als Symbol aller Weiblichkeit im Westen bekannt wurde, hatte man sie zum Beispiel als Göttin Ischtar bereits sehr lange zuvor im Zweistromland verehrt.

Auch im benachbarten Kleinasien (heutige Türkei) gab es lange Zeit eine Religion die die Göttin Kybele als Muttergöttin in ihren Mysterienkulten verehrte. Kybele war da eine Herrin der Tiere, die später zu einer Fruchtbarkeitsgöttin werden sollte. Man nannte sie auch "Magna Mater", die "Große Mutter", als die sie seit der Bronzezeit in Anatolien verehrt wurde und die als solche als göttliche Verkörperung von Mutter Erde angesehen werden kann. Lange Zeit galt Kybele als Erzeugerin des Lebens, sowie als Mutter der Erde und der Gebirge.

Die Erde als Lebewesen

In alter Zeit erkannten die Menschen in der Erde ein eigenes Wesen, das alles Leben gebiert, bringt sie doch mit ihren Kräften in Fauna und Flora alles hervor, sowie auch die Menschen, die sich von ihr ernähren. Auch alle Rhythmen und Kreisläufe in der Natur, gibt dieses irdische Wesen vor. Damit erkannten die Menschen irgendwann, wie sich insbesondere die Erde für den Anbau von Nutzpflanzen eignete: Das war die Geburt des Ackerbaus.

Magna Mater rückte in der Jungsteinzeit sogar in den Mittelpunkt des spirituell-kultischen Lebens. Als sich die Menschen der Kultivierung des Erdbodens in den Dienst stellten, und sich dabei allmählich vom Jäger- und Sammlertum lösten, entstanden auch die ersten kleinen Kolonien. Somit sollte die Magna Mater auch eine Göttin der Siedlungskulturen werden.

Man begann damals Ackerbau, Pflanzen- und Tierzucht auf Vorratshaltung hin zu betreiben. Die Gesellschaft setzte sich aus Bauern und Hirten zusammen, was mit dem Entstehen einer gänzlich anders gearteten gesellschaftlichen Kultur einherging, als die, die ihre Nahrung einbrachte durch die Jagd auf wilde Tiere, den Fischfang oder durch das Sammeln von wildwachsenden Pflanzen. Daher stammt auch der Begriff der "Neolithischen Revolution", die einen Umbruch markierte, seit dem man in der Archäologie und Altertumswissenschaft von der Jungsteinzeit spricht.

Ob nun aber die Menschen sesshaft wurden weil sie Ackerbau betrieben oder sich entschlossen wegen ihrer Sesshaftigkeit Landwirtschaft zu entwickelten, kann heute nicht gesagt werden. Fest steht dabei jedoch, dass Äcker bewacht und geschützt werden wollen. Nicht etwa wegen menschlicher Diebe, sondern weil es Tiere gäbe, die dem Menschen zuvor kämen und an gewachsenen Nutzpflanzen nichts übrig ließen.

Matriarchale Kultur

Wieso sich die Menschen für die Sesshaftigkeit entschieden, bleibt unklar. Interessant an dieser Frage jedoch ist, dass man heute vermutet, dass sich vor etwa 11.500 Jahren ein verheerender Kataklysmus ereignete, über den man aus den Überlieferungen verschiedener Kulturen der Welt erfährt. Die Bibel spricht da von einer Sintflut.

Es gab tatsächlich einen Umbruch, der die Zivilisationen der Wendkreise der Erde wahrscheinlich dazu brachten, sich in Siedlungen niederzulassen, Ackerbau und Viehzucht zu betreiben und Vorräte zu horten. Archäologische Funde belegen, dass das zuerst in der heutigen Südosttürkei und in Nordsyrien stattfand. Das war auch die Zeit als man die ersten Sakralbauten errichtete. Hierzu zählt der in der Türkei gefundene Tempel Göbekli Tepe, der bereits vor 12 Jahrtausenden kultisch genutzt wurde und heute als die älteste archäologische Ausgrabungsstätte der Welt gilt.

Alteuropa

Göbekli Tepe - ewigeweisheit.de

Der 12.000 Jahre alte Tempel von Göbekli Tepe (Urfa, Türkei), gilt heute als ältester Sakralbau der Welt (Quelle: Bildausschnitt, Foto: Teomancimit, Lizenz CC 3.0).

Wie sich dem Werk der litauischen Anthropologin Marija Gimbutas (1921-1994) entnehmen lässt, entstand in den Jahrtausenden nach dieser Zeit, im Bereich zwischen dem Balkan und der Donau eine Kultur, die sie "Alteuropa" nannte: die Wiege unserer westlichen Welt. Sie war ganz und gar matriarchal geprägt. Man fand aus dieser Zeit chrakteristisch geformte Statuetten, die große Brüste und teils überbreite Hüften kennzeichneten. Auch in der jungsteinzeitlichen Großsiedlung Çatalhöyük (Türkei) fanden Archäologen solche Figuren, die man ins 8. vorchristliche Jahrtausend zurückdatiert.

Ein Stammbaum der Mütter

Wenn die Überschrift dieser Absätze eine matriachale Kultur betitelt, meint das auch, dass Bindungen in den Familien dieser alten Kutlur, stets matrilinear ausgestaltet waren. Das heißt, man führte die Abstammung mütterlicherseits fort. Damals stand im Mittelpunkt der Gesellschaft eben die Frau, wie auch die Mutter in der Familie an sich. Und so entstand da die religiöse Vorstellungen einer "Ahnfrau" oder "Großen Göttin", die der Menschheitskultur vorausging. Anders also als im Patriarchat, von einer durch den männlichen Samen abstammenden Ahnenlinie ausgegangen wird, bezieht sich in einem Matriarchat die Abstammung aus der "Gebärmutter".

Eine matrilineare Kultur also beruft sich auf eine Abstammungslinie über die Mutter, Großmutter, Urgroßmutter und geht so weiter bis zu der Stammmutter eines Volkes. Bekannteste aller dieser Urmütter der Menschheit ist wohl Eva aus dem biblischen Buch Genesis, nur brachte sie wohl nur drei Söhne zur Welt Kain, Abel und Seth. Islamischen Überlieferungen zu Folge aber soll Eva dem Adam zwanzig Mal Zwillinge geboren haben: je ein Mädchen und einen Jungen.

Muttergottheiten in West und Ost

Wir können heute nicht eindeutig sagen, wie, wo und wann genau sich erste Kulte um Muttergottheiten bildeten. Heute kursiert eine Vielzahl anschaulicher Theorien in der Wissenschaftswelt, die aber fast genauso viele Kritiker wieder in Frage stellen. Das mag zum einen auch daran liegen, dass aus solch alter Zeit, in der zum Beispiel in Europa eine matriarchale Gesellschaft bestanden haben soll, einfach noch nicht ausreichend entziffert wurde von dem, was uns heute an Symbolquellen vorliegt.

Und doch gibt es einige Theorien, die als authentisch wahrgenommen werden, auch wenn sie neben anderen Konstruktionen von Mythen, dennoch nur Hypothesen bleiben. Vielleicht aber geht es hier auch weniger um Beweisführungen, als vielmehr darum, mit dem, was aus solchen Ausarbeitungen zur Theorie der Muttergottheiten vorliegt, einen Rahmen zu schaffen, in dem sich ein als positiv empfundener Ritus zelebrieren ließe.

Wenn oben von Mythenkonstruktionen die Rede war, so meint das erfundene Sagen, die die Legenden um verschiedene Archetypen von Muttergöttinnen verschmolzen, um dann als Grundlage für neue kultisch-religiöse Leitbiler zu fungieren. Was auch als Urbild der "Großen Göttin" bekannt ist, lässt sich aber gewiss an symbol- und kulturhistorischen Gemeinsamkeiten, eigentlich aller Muttergottheiten in West und Ost, wiedererkennen. Denn überall auf der Erde wurden diese Mutterarchetypen als Göttinnen verehrt.

Die Germanen huldigten der Göttin Nerthus die ihnen als heiliger Inbegriff für Mutter Erde galt.

Als Brighid verehrten die alten Kelten Irlands eine Fruchtbarkeits- und Vegetationsgöttin.

Im alten Griechenland standen da Göttinnen wie Gaia, die Urmutter und Personifikation des Planeten Erde, deren Tochter Rhea dann zum Geschlecht der Titanen zählte: Jene riesenhaften Götter der griechischen Mythologie, die als erste über die Erde herrschten. Rheas Töchter wiederum waren Hera und Demeter, die beide zum Kreis der zwölf Olympier gehörten. Dabei verkörpert Hera den Archetyp der Mutter als Ehefrau, während Demeter und ihre Tochter Persephone, für die Mysterien der Erde stehen.

Weiter im Süden wurden die altägyptische Muttergöttin Hathor, als göttliche Himmelskuh angebetet, die aber gleichzeitig, als Göttin des Sonnenuntergangs, auch eine Totengöttin war. Es soll in diesem Zusammenhang auch darauf hingewiesen werden, dass die Symbolik der Mutter und die des Todes, ganz eng zusammenstehen. Wir werden weiter unten darauf noch einmal eingehen. Einige Symbole Hathors sollten später auch auf die Göttin Isis übergehen, die für die ägyptische Religionsgeschichte von herausragender Bedeutung ist.

Auch im alten Arabien vorislamischer Zeit verehrte man eine Göttin: Al-Laat. Sie war verwandt mit der morgenländischen Fruchtbarkeitsgöttin Astarte und ihrerseits als Muttergottheit verwandt mit der assyrischen Ischtar (eine etymologische Verwandschaft zum Götternamen "Astarte" ist naheliegend). Der Einfluss dieser Muttergottheit reichte gar bis in die Bibelgeschichte, wo sich im ersten Buch der Könige (Kapitel 11) ein Hinweis darauf findet, dass sogar König Salomo eine Zeit lang die Verehrung der Astarte förderte.

Hathor - ewigeweisheit.de

Hieroglyphe der Muttergöttin Hathor, die den alten Ägyptern auch eine Göttin war sowohl des Todes, der Liebe, des Friedens, der Schönheit und auch der Kunst.

Schauen wir weiter Richtung Fernost, so begegnen wir der hinduistischen Jaganmata, die man als Mutter des Universums verehrt. Sie gilt auch als Inkarnation der Göttin Parvati, der Gemahlin des Gottes Schiva (der ja bekanntlich auch die Attribute einer Todesgottheit besitzt).

All diesen weiblichen Gottheiten gemein ist, dass ihre Rolle als Schöpferin dessen, was sie letztendlich erschaffen, doch auch wieder aus seiner Existenz verschwinden wird.

Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt

Als man in alter Zeit verschiedene Gottheiten verehrte, in ihrer besonderen Rolle für den Menschen, sollten sie sich, wie uns etwa aus der griechischen oder ägyptischen Mythologie bekannt ist, immer wieder durch die Geburt himmlischer Nachfahren in ihrer Rolle als Götter erübrigen. So wurde immer wieder von einer scheidenden Gottheit ein Nachkomme gezeugt (zum Beispiel Horus, Sohn der Isis und des verstorbenen Gottes Osiris). Besonders der Jahreslauf der Sonne (und des Mondes) scheint seit uralter Zeit hierfür eine Grundlage zu bilden, wo im jährlichen Wiederaufblühen der Natur, aus der Muttergöttin neues Leben auf Erden geboren wird.

Hieraus lässt sich ganz klar die Symbolik eines immerwährenden Kreislaufs des Lebens ablesen, der mit der Geburt beginnt, dem eine Wachstums- und Reifephase folgt, um schließlich mit dem Tod zu enden. Diesem Tod aber folgt wieder eine Wiedergeburt: Jedes Jahr erleben wir das im Ablauf der vier Jahreszeiten.

In den matriarchal geprägten religiösen Kulten war da eine Symbolsprache, die sich im Zusammenhang mit diesem zyklischen Vorgang von Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt, folgendermaßen zusammensetzte:

  • Symbole des Lebens: Schlangen, Fische, Wasservögel, Frösche, sowie Linienmuster aus Spiralen oder Netzen.
  • Symbole des Todes: Eulen und Geier die eine Muttergöttin begleiten.
  • Symbole der Wiedergeburt, Erneuerung und Transzendenz: Ei, Gebärmutter, Phallus, sowie die mit der Mondsichel angedeuteten Mondphasen, wie auch Rinder- oder Widderhörner, die die drängenden natürlichen Kraftimpulse versinnbildlichen.

Kult der Großen Göttin

Bei alle dem kann dennoch nicht eindeutig gesagt werden, ob es jemals so etwas wie einen globalen Kult einer Großen Göttin zeitgleich auf unserem Planeten gab. Doch wenn auch nur kleinere, matriarchal geprägte Gruppen, sich die ganze Welt als göttliche Mutter dachten, sind solche Tatsachen eine Betrachtung wert.

Die genannten göttlichen Wesen waren aber nicht expilzit Wesen der Erde, sondern als Göttin Gaia wiederum selbst gebettet in einen vollständig von weiblichen Kräften durchdrungenen Kosmos. Schaut man etwa in die Überlieferungen der Gnosis, so ist da die Rede von "Sophia", der personifizierten göttlichen Weisheit, aus der das Universum entstand. Der Himmel als Urraum aber, indem sich dieses Universum ausbreitet, ist dabei jungfräulich gewesen, damit in ihm eine Göttin der Atmosphäre das Sein in seine Existenz bringen konnte.

Darunter befindet sich die Menschenwelt, wo man in Gegenwart der Frauengöttin lebt. Mit ihrer Kraft belebt sie Land und Meer und alles was darin zuhause ist.

Unter der Menschenwelt aber liegt das Reich der "Alten Frau", die als Todesgöttin alles Leben in den Abgrund zieht, darin auflöst, doch zugleich aus der Tiefe wiederauferstehen lässt. Sie reflektiert den ewigen Kreislauf von Untergang und Wiederkehr, dem auch alle astronomischen und vegetativen Zyklen unterliegen.

Es herrschen diese drei Göttinnen also über die kosmische Ordnung. Man könnte sie sich auch nur als eine Muttergöttin denken, die eben in drei verschiedenen Erscheinungsformen verehrt wird. Das diese kosmische Dreiheit aber eigentlich identisch ist mit dem, was patriarchale Kulturen prägt, wird deutlich in dem Bild der Dreiheit von Gott, Mensch und Erde (oder Unterwelt).

Das im Zusammenhang mit einer kosmischen Muttergöttin auch die Symbolik des Mondes eine Rolle spielt ist naheliegend, zumal sich ja diese Dreiheit in den sichtbaren Mondphasen (zunehmend, voll, abnehmend) wiedererkennen lässt.

Lunare Weiblichkeit

Wenn seit alter Zeit manche Frauen einen besonderen Bezug ihrer Weiblichkeit zum Mond betonen, dann liegt das sicher daran, dass sich eben der Menstruationszyklus monatlich wiederholt. Und was ist ein Monat anderes, als eben ein Mondzyklus (unschwer zu vermuten, dass die Wörter "Mond" und "Monat" etymologisch miteinander verwandt sind).

Erst in den vergangenen Jahrzehnten, kehrte diese Erkenntnis ins Bewusstsein der Menschen zurück. Und so entstand da ein echter Kult um das, was wir hier immer wieder als "Muttergöttin", "Mutter Erde" oder schlicht die "Große Göttin" bezeichneten. Hieraus emanzipierte sich in den vergangenen Jahren eine auf solche Muttergöttinnen ausgerichtete Spiritualität. Ereignete sich das aber als Gegenpol oder gar Protest, zu den patriachal geprägten Weltreligionen, dürfte es damit irgendwann wieder zusammenfallen.

Fest steht dabei, dass in unserer Zeit die Erkenntnisse aus jenem Urwissen der Frauen über das Leben und die Natur, von immens wichtiger Bedeutung sind. Denn es ist die Natur, aus der sich der menschliche Körper aufbaut, die ihm Nahrung und Lebensraum spendet. Wenn eine weibliche Spiritualität also ganz deutlich auf die Wichtigkeit dieser Erkenntnis hinweist, scheint sie ihre Rolle in der Gegenwart auf jeden Fall zum Wohle aller erfüllen zu wollen.

 

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Christliche Feste heidnischen Ursprungs

von S. Levent Oezkan

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Noch bis ins 5. Jhd. huldigten die Römer der Muttergöttin Kybele und deren Sohn Attis. Viele Aspekte dieses und anderer heidnischer Kulte, insbesondere des Mithraskults, scheint die Christenheit später in ihre religiösen Zeremonien integriert zu haben.

Den alten Kult von Kybele und Attis, gab es überall im Römischen Reich. Zuerst wurde die Magna Mater (Große Mutter) in Kleinasien, später auch in Griechenland und Rom verehrt. Es ging in diesem Kult um einen Dualismus, das Zusammenwirken der Geschlechter, mit dem Ziel Neues in die Welt zu gebären. Nach alter Vorstellung wurde die Welt aus dem finsteren, wüsten Chaos des Universums geboren, als sich der männliche Himmel und die weibliche Erde vereinten. Man glaubte diese Geburt jedes Jahr erneut im Frühlingserwachen zu erkennen, wo quasi aus der Dunkelheit des Winters, Pflanzen und Tierwelt, ins neue Licht treten, zu neuem Leben erwachen. Viele Symbole dieses Frühlingserwachens, finden sich im kleinasiatischen Mythos von Kybele und Attis, wie auch im Kult um den iranischen Sonnengott Mithras. Bis in die Spätantike waren diese Mysterienkulte im ganzen römischen Reich verbreitet.

Der Mythos von Attis und Kybele

Nach dem von Pausanias überlieferten Mythos schlief Zeus einmal auf dem Agdos (Berg in Kleinasien) ein. Wild träumend ergoß sich sein Samen auf die Erde. Sofort wuchs an dieser Stelle, aus einem Felsen, ein zwitterhaftes Wesen hervor: Agdistis. Es war eine wahre Schreckgestalt, vor der sich die anderen Götter fürchteten. Aus Angst verbündeten sie sich gegen Agdistis. In einem listigen Akt kastrierten sie ihn. So entmannt, verwandelte sich Agdistis zur Großen Muttergöttin Kybele. Die abgetrennten Genitalien aber verwandelten sich in den Jungen Attis – gleichzeitig Sohn und Gemahl der Kybele. Sich gegenseitig immer noch anziehend, zogen sie als glücklich verliebtes Geschwisterpaar durch Kleinasien. Doch da begegneten sie der schönen Prinzessin von Pessinus, in die sich Attis sofort verliebte. Doch die vor Eifersucht rasende Kybele schlug Attis, die Prinzessin und den gesamten Hofstaat von Pessinus mit Wahnsinn. Vollkommen irre, rannte Attis hinaus in den Wald und entmannte sich unter einer Pinie. An dieser Verletzung verblutete er. Nun sah Kybele das Ergebnis ihres Zornes. Sie bedauerte was sie mit ihrem Sohngemahl angerichtet hatte. Reumütig bat sie Zeus, ihren geliebten Attis wieder zum Leben zu erwecken. Zwar gewährte der Göttervater und gab dem Attis sogar ewiges Leben, doch er sollte von nun an für immer schlafen. Alles was sich an ihm bewegte war der kleine Finger seiner Hand.

Kybele trug den schlafenden Attis zu einer Höhle, nahe der Stadt Pessinus, wo sie später, ihm zu Ehren, ein Tempel errichteten. Von da an feierte man dort jedes Jahr ein großes Fest, wo der ewig Schlafende beweint wurde. An diesem Ort soll sich auch ein schwarzer Meteorit befunden haben.

Die Figur des schlafenden Attis in der Höhle, ist natürlich ein Symbol für die Seele, die unbewusst in der Höhle des menschlichen Körpers schlummert.

Blutorgie

Um Frühlingsanfang feierte man im römischen Kleinasien die Einweihungsmysterien der Göttin Kybele. In Aufsehen erregenden Umzügen, tanzten weiß bemalte Kybele-Priester, mit nach Rosen duftenden Haaren, durch die Stadt. Die Straßen waren gesäumt von der jubelnden Menge. In gewisser Hinsicht ähneln solche Ereignisse dem griechischen Mysterienkult von Eleusis. Vom Volk sammelte die Priesterschaft Almosen zur Vergebung für das Blutvergießen des Attis.

Die Kybele-Riten waren ein Blutkult: man sah, wie sich die tanzenden Priester Becher reichten und daraus einen dicken, roten Saft tranken: wohl das Blut eines geopferten Lammes. Erinnert das nicht an den viel jüngeren Kult der christlichen Eucharistie?

Das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.

- Matthäus 26:28

Auch die Thematik der Wiederauferstehung, klingt an im alten Kult um Kybele und Attis. Der alte Körper stirbt, befreit sich dabei von den Sünden, wieso Blut zu seiner Vergebung vergossen wird. Die wahre Bedeutung dieser symbolischen Handlungen, blieb der tosenden Menge jedoch unbekannt. Sie fühlten sich einfach nur hingerissen, von der Magie dieses orgiastischen Treibens.

Die Mysterien der Muttergöttin Kybele waren im Orient nur eins, einer Vielzahl ähnlicher religiöser Riten. Im alten römischen Reich verbreiteten und vermischten sich verschiedene Mysterien-Ideale.

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Die Göttin Kybele

Eine kulturelle Zeitenwende

In den alten Gesellschaften Griechenlands und Roms galt, sich als Individuum der Gemeinschaft unterzuordnen. Die Bürger, als Teil des Staats, bildeten das Fundament für Gemeinwohl und Sicherheit. Man erhoffte sich damit aber nicht alleine weltliche Sicherheit, sondern glaubte, dass sie auch in der kommenden Welt, sozusagen »nach der Auferstehung« fortbestehe.

So schenkten die Bürger einer Stadt ihre Hingabe dem öffentlichen Zusammenleben. Schon als Kinder lernten sie die Uneigennützigkeit als höchstes Ideal kennen. Selbst wenn sie benachteiligt aufwuchsen, oder es die göttliche Vorsehung nicht so gut mit ihnen meinte, widmeten sie sich trotzdem dem öffentlichen Dienst an ihrer Mitbürgern. Das Interesse des Gemeinwohls, zog man den eigenen Wünschen vor. Eine recht ungewöhnliche Sicht auf das Leben, verglichen mit unserer heutigen Welt.

Doch als sich die alt-orientalischen Religionen in Europa verbreiteten, veränderte sich diese Haltung. Wir verstehen heute unter »orientalisch« vornehmlich islamische Länder. Doch der Islam ist ja eine recht junge Religion, die sich erst im 7. Jhd. n. Chr. verbreitete, im Gebiet des alten römischen Reichs und weit darüber hinaus. Was damals aber geschah war vielmehr die Ausbreitung einer bisher nicht dagewesenen Vorstellung darüber, was die Seele des Menschen eigentlich ist. Man sah in der Seele des Einzelnen ein direktes Bindeglied zu Gott. Durch dieses, dem Westen wohl noch vollkommen neuen, religiösen Ideal, sah man, dass Erlösung für das Individuum möglich war – auch unabhängig vom Gemeinwohl. Der Überbau einer staatlichen Gemeinschaft war für die Erlangung ewigen Heils also garnicht notwendig. Dem Staat durch das eigene Dasein zum Wohlstand zu verhelfen, wurde damit natürlich immer uninteressanter. Es ließ sich somit nicht mehr vermeiden, dass sich »Gläubige«, immer mehr aus dem Dienst an der Gemeinschaft zurückzogen, denn sie waren nun auf ihre eigene emotionale und spirituelle Erfüllung aus.

In dieser Zeit begannen die Menschen verachtend auf das gegenwärtige Leben herab zu schauen. Die gegenwärtige Inkarnation war mehr eine Vorstufe in ein besseres, ewiges Leben. Höchstes Ideal des Menschseins war nun nicht mehr das Gemeinwohl, sondern das himmlische Fortbestehen der eigenen Seele. Irdische Helden vergaß man, einstige Patrioten, die für ihr Land starben, galten nicht mehr viel. Alles was mit dem irdischen Dasein und dem Leben in den Städten zu tun hatte, verachtete man zunehmend. Das Reich der Gottheit siedelte man nicht mehr auf Erden an, sondern sah das Paradies im Himmel. So verlagerte sich die Bedeutung eines gegenwärtigen, irdischen Lebens, hin zu einem zukünftigen himmlischen Leben in Gott.

Abwendung vom Weltlichen

Mit dieser Entwicklung setzte eine Auflösung des alten politischen System ein. Die Beziehungen zwischen Staat und Familie lockerten sich, die Bande zwischen Gemeinwesen und Individuum lösten sich immer mehr. Nur wohin sollte das führen? War mit dem Zerfall dieser uralten Gesellschaftsstruktur, nicht ein Rückfall in die Barbarei gegeben? Nur wenn die Menschen einer Gesellschaft bereit dazu sind zusammenzuarbeiten und sich den Interessen des Gemeinwohls unterzuordnen, kann ein sicheres Zusammenleben überhaupt funktionieren. Mehr und mehr aber identifizierte man das Irdische, die materielle Welt, mit dem Prinzip des Bösen. Man begann nun also nach dem eigenen seelischen Wohlergehen zu streben, wandte der irdischen Welt folglich den Rücken.

Tausend Jahre lang, bis ins Mittelalter, lebten immer mehr Menschen in dieser, fast schon wahnhaften Abkehr von allem Weltlichen. Erst mit der Renaissance (europäische, Kulturepoche des 15. und 16. Jhd.) wurden in Europa, neue gesellschaftliche Fundamente geschaffen, die auf aristotelischer Philosophie und römischem Recht basierten. So versuchte die westliche Weltgesellschaft zurückzukehren zu ihrem alten gesellschaftlichen Erbe. Nur waren die Grundlagen dieser alten Weltanschauung, nicht wie einst weiblich geprägt. Jetzt nahm den Platz der antiken Muttergöttin der Erde, ein väterlicher Himmelsgott ein.

Verehrung des Gottes Mithras

Der Himmelsgott der nach der Zeitenwende an Bedeutung gewann, war der himmlische Sonnengott Mithras. Auf dem Gebiet des alten römischen Reichs, finden sich unzählige Denkmäler, die auf diesen alten Mysterienkult hinweisen. Den ursprünglich iranischen Gott Mithras, verehrte man als personifizierte Sonne. Viele Elemente die sich in den alten Mutterkulten finden, wie auch solche aus der viel jüngeren Christenheit, ähneln dem Mithraskult in Ritus und Bildnis. Die Priester der noch jungen Christenheit sahen in den Mithras-Bildnissen und -Kultstätten vielleicht eine Gefahr, zumindest aber eine gefährliche Konkurrenz. Für sie waren sie schlicht ein Werk des Teufels, die die Seelen der Christen-Gläubigen gefährde und vom wahren Glauben abbringe. Was konnte man gegen Mithras, den Nebenbuhler Christi, unternehmen?

Zweifellos war der Mithras-Kult für die junge Christenheit ein schwieriger Rivale. Manche Historiker der Vergangenheit, so etwa der Franzose Ernest Renans (1823-1892) vertraten die Meinung, dass die westliche Welt bis heute vielleicht den Mithraismus als Staatsreligion angenommen hätte, wäre nicht das Christentum aufgrund zufälliger Ereignisse in seiner Ausbreitung gehemmt worden. Beide »Kulte«, Mithraismus und Christentum, ähnelten sich in vieler Hinsicht. Wie die Christen, strebten die Anhänger des Mithras nach moralischer Reinheit und hofften auf Unsterblichkeit. Wahrscheinlich übernahm die christliche Kirche, auch das Datum des Weihnachtsfest, aus dem alten römischen Mithras-Kult. Aus den Evangelien erfahren wir nichts über den Geburtstag Jesu und so feierten die ersten christlichen Sekten, bis ins 4. Jhd., die Geburt ihres Heilands an verschiedenen Tagen.

Der 25. Dezember, der erste Tag nach der Wintersonnenwende, wurde ab einem bestimmten Datum als Geburtstag Jesu festgelegt. Ab diesem Tag nahm die Kraft der Sonne wieder zu, die Tage wurden wieder länger, das Tageslicht wurde in dieser Phase des Jahreslaufs geboren.

Ursprung des Weihnachtsdatums

In Syrien und Ägypten war Weihnachten ein ekstatisches Fest. Nachdem sich die Priester für einige Zeit in die Stille eines Schreins zurückgezogen hatten, kamen sie an Mitternacht zum 25. Dezember laut rufend heraus auf die Straßen:

Die Jungfrau hat den Heiland geboren! Das Licht nimmt zu!

Dabei trugen sie den Gläubigen das Bildnis eines Kindes entgegen, als Sinnbild des neugeborenen Sonnengottes. Das Bild, der am 25. Dezember gebärenden himmlischen Jungfrau, stammt ohne Zweifel aus dem Orient. Seine römischen Verehrer nannten den Mithras »die unbesiegte Sonne« – unbesiegt, da er mit seiner jährlichen Geburt am 25. Dezember, die Finsternis des Winters überwand.

Zu etwa selber Zeit etablierte sich, bei den ägyptischen Christen (Koptische Kirche), der 6. Januar als Christi Geburtstag. Dieses Datum galt bald für alle Ostkirchen (z. B. Griechisch-Orthodox, Russisch-Orthodox). Bis heute markiert es den Weihnachtstag. Diese Datumsfestlegung haben die Westkirchen jedoch nie übernommen. Für sie blieb der wahre Geburtstag des Herrn der 25. Dezember. Dieses Datum akzeptierten später auch die orthodoxen Ostkirchen. Heute feiert auch die griechisch-orthodoxe Kirche am 25. Dezember das Weihnachtsfest. Diese Vereinbarung wurde im Jahr 375 n. Chr. in Antiochien (antike Stadt, heute türk. Antakya) festgelegt. Ausnahme bildet das griechisch-orthodoxe Kloster St. Kathrin im Sinai (Ägypten), dass Weihnachten auch heute noch am 6. Januar feiert.

Wieso aber kam es zu dieser Datumsänderung? Nun, die damaligen Christen nahmen noch teil an den Feierlichkeiten der »Heiden«, die am 25. Dezember die Wiedergeburt der »Sonne der Gerechtigkeit« feierten. Man entzündete zu diesem Anlass Lichter, was wir ja auch heute noch in unseren Breiten vollziehen: brennende Kerzen werden an den Zweigen des Weihnachtsbaumes entzündet.

So legten die Kleriker der Westkirche später fest, dass also die Geburt Christi am 25. Dezember, Heilige Drei Könige dann am 6. Januar stattfinden sollten. Daher kommt der Brauch, dass die Weihnachtslichter (Kerzen, Öllampen) bis zum 6. Januar brennen. Hat die junge Christenheit die heidnischen Festlichkeiten aber vielleicht einfach in ihren Glauben übernommen? Wenn dem so ist, besteht kaum Zweifel, dass auch das Osterfest, an dem die Erlösung und der Tod Christi gefeiert wird, sowie seine Auferstehung, ebenso aus einer anderen asiatischen Religion assimiliert wurde. Wenn wir uns verschiedene mediterrane Osterriten ansehen, ist die Ähnlichkeit zu den Riten des Adonis recht auffällig. Sie waren insbesondere wichtig für die damalige, griechisch sprechende Bevölkerung Süditaliens (Sizilien) und Griechenlands. Der Name Adonis ist außerdem ein Lehnwort aus der semitischen Sprache, dass dem hebräischen Adonai – dem Namen, der in der Bibel zur Bezeichnung des Herrn JHVH (Jahve) verwendet wird. Auch Adonis war, wie andere Götter (unter ihnen der ägyptische Osiris oder der kleinasiatische Attis), ein Gott der Wiederauferstehung und der Vegetation. So scheint es sehr wahrscheinlich, dass die junge Christenheit den alten Glauben tatsächlich in ihren eigenen assimilierte. Schließlich galt die Legende vom sterbenden und wieder auferstehenden Gott als heilig. Und das war etwas, dass eben in jener Region entstand, wo sich später das Christentum verbreitete. Was Adonai in Palästina, Osiris in Ägypten, Attis im alten Kleinasien oder Adonis im alten Griechenland war, sollte Anfang des ersten Jahrtausends der Christus ersetzen. Schließlich verbot man im Jahr 391 die alten Kulte (unter Kaiser Theodosius I.), deren Ausübung von da an mit dem Tode bestraft wurde. Nun war das Christentum römische Staatsreligion.

Ostern und andere christliche Feste

Bevor man den alten Kult verbot, wurden im alten römischen Reich, offiziell Attis und die Große Muttergöttin Kybele verehrt. Attis' Tod und Wiederauferstehung wurden zwischen dem 24. und 25. März gefeiert – also in etwa um die Frühlings-Tagundnachtgleiche. Kein anderes Datum wäre für die Auferstehung eines Fruchtbarkeitsgottes passender gewesen, denn es markiert den Frühlingsanfang, wo die Natur quasi wiederaufersteht.

Bevor man in der Westkirche das Osterdatum anhand des ersten Vollmonds nach der Frühlings-Tagundnachtgleiche berechnete, wurde Christi Wiedergeburt einfach am 25. März gefeiert. Man übernahm dieses Datum aus den Festlichkeiten zu Ehren des Attis (bzw. Adonis). Die Passion Christi wurde also mit einem viel älteren Kult »harmonisiert«. Das Datum, an dem man heute das christliche Osterfest feiert, ist also bereits sehr alt.

Interessant in diesem Zusammenhang, ist die Ansicht eines alten französischen Kirchenhistorikers: für Louis Duchesne (1843-1922) war der Todestag des »Sohn Gottes«, selben Datums wie der Tag an dem »Gott der Vater« die Welt erschuf! Im alten Rom vereinigten sich dieser »Sohn« und »Vater« in der Gottesgestalt des Attis. Seine Auferstehung feierten die Römer eben an diesem Tag – dem 25. März.

Auch andere Daten heidnischer Feste, ersetzte die Kirche durch christliche Feste:

  • Der Geburtstag des Heiligen St. Georg, der 23. April, trat an die Stelle des heidnischen Hirtenfestes Parilia, an dem man opferte, sich und den Hausstand zur Erneuerung reinigte.
  • Das Fest der Sommersonnenwende am 24. Juni, wurde zum Geburtstag des Propheten Johannes dem Täufer.
  • Einst feierte man die Nemoralia zu Ehren der römischen Jagdgöttin Diana (griech. Artemis) am 15. August. Die Kirche ersetzte das Fest durch Mariä Himmelfahrt.
  • Am 1. November feierte man im alten Irland das keltische Totenfest Samhain, bis es durch das katholische Allerheiligen (Haloween) ersetzt wurde.

Selbst wenn das Wesen der Kirchenfeste einzigartig bleibt, und der christliche Klerus natürlich darauf besteht, ist es sicherlich mehr als ein bemerkenswerter Zufall, dass die Daten der heidnischen Fruchtbarkeits-, Geburts- und Totenfeste, mit denen der christlichen Feste übereinstimmen. Es ist sogar sehr unwahrscheinlich, dass sich diese Übereinstimmung zufällig ergab. Es gibt neben den Zeitpunkten auch sonstige verblüffende Parallelen zwischen Heidentum und Christentum. Besonders der Kontext in dem der solare Gott Mithra von den Römern verehrt wurde, scheint einfach ins Christentum übernommen worden zu sein:

  • Bevor Mithras starb, hielt er mit zwölf Jüngern ein letztes Abendmahl. Dabei wurden Brot oder Fleisch, Wasser oder Wein gereicht.
  • Mithras wurde begraben und erstand auf von den Toten.
  • Mithras war als Sonnengott, der Sonntag geweiht, eben jener Tag an dem bis heute die Christen ihren offiziellen Gottesdienst ausüben.
  • Wichtigstes Symbol des Mithraismus war das Kreuz.
  • Der höchste Mithras-Priester trug als Amtszeichen eine phrygische Mütze – die »Mitra«, der Vorläufer der Bischofsmütze. Seinen Körper kleidete ein rotes Gewand, er trug einen besonderen Ring und den Hirtenstab.

Es dürfte nicht verwundern, wenn es in den ersten Jahrhunderten der jungen Christenheit, wohl darum zu erheblichen Konflikten gekommen war, zwischen Christen und sogenannten Heiden. Für die Anhänger der Mysterien um Attis und Kybele war ganz klar, dass die Kirchenfeste reine Imitationen ihres eigenen Kults waren. Für sie war die Auferstehung Christi eine fadenscheinige Imitation der Auferstehung des Attis. Seitens des christlichen Klerus aber, war, wie könnte es anders sein, Attis nur eine diabolische Nachahmung Christi. Die Heiden wussten natürlich, dass Attis keine Kopie Christi sein konnte, da ihr Kult ja viel älter war als das damals noch blutjunge Christentum. Doch der Klerus wies diese Beschuldigung von sich. Satan versuchte durch Attis die natürliche Ordnung des Reiches Gottes, zu seinen Gunsten umzukehren. Man sah in Christus ein hohes Wesen, dass den Scharfsinn Satans überwand und den wahren Weg zum Heil führte. Es war für die Kirche aber in Wirklichkeit ein Kompromiss. Die jungen Christen waren gezwungen die Feste ihres Heilands, zu selber Zeit wie ihre heidnischen Rivalen zu feiern. Wie sonst hätten sie es geschafft, das Wesen des alten Attis zu überwinden? Hätte man die christlichen Feste an anderen Tagen des Jahres gefeiert, denen noch dazu der solar-kosmische Aspekt fehlte (vier jährliche Sonnenstationen), hätten Mithraismus oder Attiskult, das junge Christentum womöglich verdrängt. Darum sollte der alte Heiland durch den Christus ausgetauscht werden, was auch geschah, und, wie es scheint, sich nach dem Gesetz einer höheren Ordnung auch tatsächlich ereignete. Wenn christliche Urmissionare außerdem mit ihrem neuen Glauben die Welt erobern wollten, mussten sie die unbiegsamen Bedingungen ihres Gründers Jesus Christus etwas lockern. Eine Öffnung gegenüber dem sogenannten Heidentum, erfolgte also durch die Übernahme der Festdaten, der viel älteren Kulte von Attis oder Mithras.

Der schmale Weg, der zum Leben führt

- Matthäus 7:14

Es scheint also, als hätten die damaligen Anhänger des jungen Christentums, diesen Weg von dem Jesus im Matthäus-Evangelium spricht, für sich etwas breiter gemacht, indem sie die heidnischen Feste in ihren christlichen Glauben einfach übernahmen.

Neue Religionen ersetzen alte Kulte

Doch diese Entwicklung gab es nicht allein im Westen. Auch in Fernost ereignete sich, wenn auch einige Jahrhunderte früher und vor einem anderen Hintergrund, eine Anpassung alter Riten an die Gegebenheiten eines neuen Zeitalters. In mancher Hinsicht ähnelt die Geschichte des Buddhismus der des Christentums. Beide »Religionen« basieren scheinbar auf der ethischen Reform eines viel älteren Glaubens. Vorläufer des tibetischen Buddhismus war der Bön. Im Hinduismus Indiens galt Buddha als neunte Inkarnation Vishnus. Im Westen bezeichnete sich schließlich Jesus Christus als »König der Juden«.

Die Gründer dieser neuen spirituellen Traditionen, Buddha bzw. Christus, betonten in ihren Lehren gleichermaßen Mitgefühl, Gewaltlosigkeit und Nächstenliebe. Sie sollten die Menschheit, jeder auf seine Weise, aus ihrer schwachen, irrenden Wesensnatur herausführen und den Einzelnen zu moralischer Tugend erziehen. Beiden ging es um das ewige Heil des Einzelnen, die Läuterung der individuellen Seele und die Befreiung aus körperlichen Begierden. Nur war, und ist, der Weg zu diesem hohen Ziel, für die meisten Menschen einfach zu eng und die Gefahr von diesem Weg abzukommen leider groß. Nur wenigen gelingt es ihn zu beschreiten – wie es scheint nur jenen, die in der Abgeschiedenheit der Klöster leben. Mönchtum, Askese und Eremitentum, sind ein typisch buddhistisches und christliches Phänomen.

Damit diese Glaubensrichtungen, einheitlich von einer ganzen Nation akzeptiert werden, müsste im Buddhismus und im Christentum, eine dahingehende Änderung vollzogen werden, als dass sie gewissermaßen mit den Vorurteilen, dem Zorn und dem Aberglauben des verantwortungslosen Pöbels, in Übereinstimmung gebracht würden. Bis heute übernehmen diese Aufgabe weniger »feinstofflich empfindenden« Individuen. In Buddhismus sind das die Lamas, im Christentum die Bischöfe. Sie sind Mittler zwischen den hohen Weisen, die als Eremiten in der Abgeschiedenheit leben, und der »Herde der Gläubigen«. Im Laufe der Zeit jedoch, absorbierten diese beiden Religionen immer mehr pagane Elemente. Sie wurden im Sinne der neuen Religion institutionalisiert, um den älteren, heidnischen Glauben auch wirklich auszumerzen.

Wir sollten nicht vergessen, dass in Buddhismus und Christentum, Armut und Zölibat immer angepriesen wurden. Doch damit sind sie keine Religionen für alle Menschen, sondern eigentlich nur für jene, die sich in ihrer individuellen Seelenexistenz, direkt angesprochen fühlen. Der größte Teil der Menschheit folgt dieser Weisheit (oder Torheit?) aber nicht. Selten maß man der Errettung der eigenen Seele all zu viel Bedeutung zu, da man sie nicht als eigenständiges Wesen sah, dass den Körper als Erfahrungsvehikel benötigt. Außerdem führte eine solche Errettung der Seele, wie sie in Christentum und Buddhismus angepriesen werden, ja eigentlich zur Auslöschung der menschlichen Spezies.

Christentum, wie auch Buddhismus, streben die »bescheidene Entsagung« an, die die Seele aus den Qualen irdischen Lebens für immer befreien soll. Doch diese Auffassung können nur jene teilen, die sich nicht mehr mit ihrem Körper identifizieren wollen, sondern die Befreiung aus der materiellen Welt anstreben.

 

 

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