Leere

Shunyata: Alles ist Leerheit

von S. Levent Oezkan

Sinnbild für Shunyata - ewigeweisheit.de

In eigentlich allen philosophischen Schulen des Buddhismus ist die Idee einer eigentlichen Leerheit allen Seins von zentraler Bedeutung. Da gibt es kein den Dingen innewohnendes Dasein – weder in Bezug auf Körperliches, noch auf Geistiges.

Sowohl inneren, wie auch äußeren Erscheinungen fehlt damit jeder substanzielle Inhalt. Demgemäß aber stehen Inneres und Äußeres in direktem Zusammenhang miteinander und man könnte sagen, dass einen das zu der Erkenntnis führt, dass sich dabei auch alle Ebenen der Wahrnehmung auflösen müssen. Indem die Beziehung zwischen einem Gegenstand und seinem Zweck, von einem Menschen richtig erkannt wird, offenbart sich dem Beobachter dabei ein natürlicher, jedoch nicht-dualer Raum (das heißt also ein in sich einheitlicher Raum). Ein Mensch begönne da die wahre Natur des Geistes und der äußeren Erscheinungen zu erkennen. Ohne diese Erkenntnis aber, könnte das wahre Wesen der Dinge nicht verstanden werden – so die buddhistischen Weisen.

In gewisser Weise aber ist es gefährlich, den Hintergrund des hier Postulierten misszuverstehen. Denn wenn da von »Shunyata«, also einer Leerheit allen Seins die Rede ist, könnte das die eine oder der andere so auffassen, als handele es sich um einen Nihilismus, der ja dem Glauben an eine Sinnlosigkeit allen Daseins entspricht.

Existenz, bar jeder Individualität

In den Lehrreden des Buddha Siddhartha Gautama, wie wir sie im Pali-Kanon finden (der großen Sammlung buddhistischer Lehrreden), wird der Begriff der Leerheit an mehreren Stellen überliefert. In der ihm zugehörigen Schriftensammlung der Samyutta-Nikaya finden wir die Schilderung eines Dialogs, zwischen dem Buddha und einem seiner Schüler, Ananda:

Ananda: »Welt, Welt« sagt man, o Herr. Inwiefern aber, o Herr, sagt man »Welt«?

Buddha: Was da Dinge des Welkens sind, Ananda, das nennt man in der Ordnung des Edlen »Welt«. Was sind Dinge des Welkens, Ananda? Die sechs Innen- und Außengebiete, die sechs Arten des Bewusstseins, die sechs Berührungen, die achtzehn Gefühle. Was da Dinge des Welkens sind, das wird, Ananda, in der Ordnung der Edlen »Welt« genannt.

Ananda: »Leer, ist die Welt, leer ist die Welt«, o Herr, sagt man. Inwiefern aber wird gesagt, die Welt sei leer?

Buddha: Was da, Ananda, leer von Ich und zum Ich Gehörigen ist, zu dem, Ananda, wird gesagt: »Leer ist die Welt«. Was aber ist leer von Ich oder zum Ich Gehörigen? Die sechs Innen- und Außengebiete, die sechs Arten des Bewusstseins, die sechs Berührungen, die achtzehn Gefühle. Das ist leer von Ich und zum Ich Gehörigen.

- Samyutta Nikaya 35:85

Wenn in diesem Dialog zum einen die Rede ist vom Leersein, und andererseits vom Ich, so bezieht sich Letzteres auf eine entsprechende Ichlosigkeit. Das etwa wäre, aus praktischer Sicht, ein bereits aufgelöster Ego-Anteil im Bewusstsein eines Menschen. Hat der Buddhist dies verwirklicht, ist er keine individuelle Person mehr, sondern leer. Das bedeutet: Alles was ein Mensch ist, zu dem wurde er. Er ist entstanden durch Zusammensetzung, doch wird genau so auch wieder zerfallen.

Die Leerheit des Shunyata basiert auf der Vorstellung vom »Nicht-Ich« oder »Nicht-Selbst«, die allem Glauben an die Existenz einer ewigen und unzerstörbaren Essenz des Geistes offenkundig widerspricht (solch ewig bestehende geistige Essenz aber, stellt man sich gemäß abendländisch-religiöser Lehren vor als die Existenz der Seele). Interessant dabei allerdings ist, dass zwar, laut dieser buddhistischen Lehre, alles um uns herum sein lebendiges Dasein hat, jedoch ebenso wie wir, aller Wesentlichkeit entbehrt und damit keine Individualität besitzt. Damit also unterscheiden wir uns nicht mehr von dem, was uns umgibt, so dass alles davon mit uns eins ist, wenn auch leer ist.

Im Gegensatz zu Annahmen etwa aus den abrahamitischen Religionen, blickt der Buddhismus also auf den Raum und nicht auf die Objekte darin. Denn im Raum findet alle Existenz statt, findet Lieben und Leiden statt – ganz real. Doch diese Realität wird dieser Vorstellung einer eigentlichen Leerheit gerecht. Man könnte darum durchaus die Frage stellen, ob es dann nicht eigentlich sinnlos wäre noch an irgend etwas festhalten zu wollen, wenn es doch eigentlich leer ist. Denn mit allem, das an einem Anhaften an das Sein festhält, und dazu zählen sowohl materielle Dinge, wie auch besondere Gefühle und Gedanken, gehen leider auch alle Übel des Seins einher. Durch eine Desidentifikation von den Gegenständen des Seienden aber, kann man sich von Leid und Schmerz erleichtern. Dann nämlich würde einem vielleicht bewusst, dass man zwar bestimmte Gedanken, Gefühle und Empfindungen hat, doch diese kein Teil von einem sind, da, wenn wir Leerheit sind, ja auch nichts ein Teil von uns sein kann.

Shunyata in den Weisheitslehren des Bodhisattva Prajnaparamita

Der im Buddhismus verwendete Begriff für das Dharma, steht für eines der vom Buddha erkannten und verkündeten Daseinsgesetze, zu denen der Buddhist im Gebet Zuflucht zu nehmen vermag. Es ist da die Rede von den sogenannten »Drei Juwelen der Zuflucht« (sanskr. Triratna):

  • Ich nehme Zuflucht zu Buddha (die Gegenwart des Erwachten).
  • Ich nehme Zuflucht zum Dharma (die ethische Lehre des Buddha).
  • Ich nehme Zuflucht zum Sangha (die Gemeinschaft der Edlen, das sind die buddhistischen Mönche und Nonnen).

Gemäß den Prajnaparamita-Sutras, die im Buddhismus als Lehren vollkommener Weisheit gelten, entbehren alle Dharmas einer ihnen inwendigen Natur. Sie bestehen also nicht an sich, noch basieren sie auf einer ewigen und essentiellen Lehre. Die Lehren des Dharma existieren ganz und gar nur als Begriffe und sind damit reine Konstrukte des Geistes. Hierzu findet man in den Prajnaparamita-Sutras verschiedene Metaphern, die die Natur dieser Leerheit zu erklären versuchen, indem sie von den Dingen als Illusionen, als »Maya« sprechen:

Was nicht existiert, dieses Nicht-Existierende stellen sich nur die Törichten vor; sie formen (in ihren Vorstellungen) Nicht-Existenz wie auch Existenz.
Als dharmische Tatsachen sind Existenz und Nicht-Existenz beide nicht-existent.
Ein Bodhisattva geht daran vorüber, wenn er dies weise erkennt.

Wenn er die fünf Skandhas (Form, Empfindung, Vorstellung, Geistestätigkeit, Bewusstsein) als eine Illusion erkennt, aber nicht die Illusion zu einer Sache macht und die Skandhas zu einer anderen; wenn er, befreit von der Vorstellung der vielen Dinge, in Frieden weitergeht – dann ist das seine Weisheitsübung, die ihn zu höchster Vollkommenheit führt.

- Sutra aus der Astasahasrika-Prajnaparamita

Lehren wie diese zeigen, dass wir uns zwar in einer Welt konkreter und voneinander getrennter Dinge bewegen und wir die Dinge darin auch wahrnehmen, aber diese Dinge in Wirklichkeit »leer« sind und eben keine Identität besitzen. Nur ihre Namen und Bezeichnungen, verleihen ihnen ihre Selbstheit, ihre Echtheit. Aus diesem Grund sagte der Buddha, dass ihre Erscheinung unser Erkenntnisvermögen täuschten und keine Realität sondern eine Illusion darstellen.

Die Texte oben genannter Prajnaparamita-Sutras (Lehren vollkommener Weisheit) betonen darum, dass an sich eigentlich nichts Fundamentales existieren kann, was selbst für die höchsten buddhistischen Geisteskonzepte zutrifft. Dazu zählen

  • die Existenz der erwachten Wesen der Erleuchtung (Bodhisattvas),
  • die selbstlose Entschlossenheit des erleuchteten Geistes (Bodhichitta) und
  • eine den gesamten Kosmos durchdringende Weisheit (Prajna).

Auch das Nirvana, der Austritt aus dem Kreislauf der Wiedergeburten (Samsara), ist, laut buddhistischer Weisheit, leer. Das Nirvana an sich ist, gleicht einer magischen Illusion. Hier sollte man allmählich erkannt haben, wie fein der Grat ist zwischen dem hier beschriebenen Begriff des Shunyata und dem Glauben an die Sinnlosigkeit alles Bestehenden (Nihilismus). Wer darum Shunyata, aus allen Lehren des Buddhismus mal eben herausgreift, könnte vielleicht auf Abwege geraten und dabei die Sinnhaftigkeit selbst seines eigenen Lebens in Frage stellen! Doch damit bestünde die gefährliche Tendenz individuelle, zwischenmenschliche und gesellschaftliche Werte, als eigentlich nichtig abzuwerten. Doch um vielmehr als das, geht es bei der Lehre über die Shunyata! Die in ihr beschriebene Leerheit steht nämlich nicht etwa über dem Sein, womit sie das Sein ja überflüssig machen würde. Shunyata ist vielmehr gleichzusetzen mit dem Sein, ist mit ihm austauschbar. Im sogenannten Sutra der Höchsten Weisheit (auch Herz-Sutra genannt), geht es darum die hiermit getroffene Aussage dem buddhistischen Weisheitsschüler zu vermitteln. Über dieses Sutra sagen buddhistische Gelehrte, es gliche der Essenz einer besonderen Erhabenheit, durch deren Verstehen einer hinübergelange ans »jenseitige Ufer der Weisheit«. Das heißt, dass so jemand verstehen wird, dass die fünf Skandhas (Form, Empfindung, Vorstellung, Geistestätigkeit, Bewusstsein), von denen in obigem Zitat bereits die Rede war, gemeinsam mit den fünf Sinnen auch dieser Leerheit entsprechen:

Form ist Leerheit, Leerheit is Form.
Leerheit ist nicht von Form getrennt, Form ist nicht getrennt von Leerheit.
Was auch immer Form ist, ist Leerheit, was auch immer Leerheit ist, ist Form.

- Aus dem Sutra der Höchsten Weisheit

Dölpopa - ewigeweisheit.de

Dolpopa Sherab Gyaltsen, kurz Dölpopa, war ein bedeutender Lama der Jonang-Tradition des tibetischen Buddhismus.

Shunyata im tibetischen Buddhismus

Der sogenannte »Mittlere Weg« (sanskr. »Madhyamaka«) im Mahayana (Buddhismus des Großen Fahrzeugs), den man im Tibetischen Buddhismus lehrt, liefert, für westliche Vorstellungen, eine wohl noch am ehesten vermittelbare Definition dessen, was wir hier als Shunyata-Konzept einführten. In der inneren Schule der tibetischen Kagyü-Tradition etwa heißt es dazu, dass die höchste Realität zwar jenseits aller formellen Strukturen existiert, ihrer also quasi »entleert« ist, doch die Lichtnatur des Buddha-Geistes immer bewahrt bleibt und ihrer eben nicht »entleert« ist.

Auch für den tibetischen Meister Dolpopa Sherab Gyaltsen (1292-1361) der tibetischen Jonang-Schule, war die Buddha-Natur nicht leer. Aus seiner Sicht war der Buddha-Geist erfüllt von ewig-unveränderlichen Tugenden und nur frei (»entleert«) von Unbeständigkeit und Bedingtheit. Nicht also der Buddha-Geist galt ihm als entleert, von einem eigenen Selbst, sondern war im Gegenteil sogar Träger einer geistigen Lichtnatur. Diese Realität bildete für die Lehrer der Jonang-Schule die Grundlage des Seins, die dabei aber sowohl ungeschaffen, wie auch deshalb unzerstörbar ist. Sie ist nicht zusammengesetzt, sondern ist eine Wirklichkeit jenseits der Kette abhängigen Entstehens.

Nicht-materielle Leerheit, Leerheit, die weit von einer vernichtenden Leerheit entfernt ist, große Leerheit, die die letztendlich ursprüngliche Weisheit der Erhabenen ist […] ursachenloser ursprünglicher Buddha.

[…] Dauerhaft, stabil, ewig, immerwährend. Nicht durch Ursachen und Bedingungen zusammengesetzt ist die Matrix des Einen, der gegangen ist, von Natur aus mit den letztendlichen Buddha-Qualitäten von Körper, Rede und Geist, wie den zehn Kräften, ausgestattet; sie ist nicht etwas, das vorher nicht existierte und neu erzeugt wird; sie ist selbst-entstanden.

- Dolpopa Sherab Gyaltsen

Es sieht also danach aus, dass die Leerheit des Shunyata nicht an sich eine Leerheit ist, sondern eine »Leerheit des Anderen«. Damit ist gemeint, wie sich obigem Zitat entnehmen lässt, dass diese Leerheit nicht ihrer eigenen Wirklichkeit entleert ist, sondern nur entleert von alle dem, dass anders ist als sie selbst. Dolpopa betrachtete diese Sicht auf Shunyata als Maha Madhyamaka, als den »Großen Mittleren Weg«.

Dieser Sicht jedoch widerspricht der 14. Dalai Lama (der der tibetischen Gelug-Schulrichtung angehört), wenn er sagt:

Nach der Theorie der Leerheit ist jeder Glaube an eine sachliche Wirklichkeit, der auf der Annahme eines eigenständigen, unabhängigen Daseins beruht, einfach unhaltbar.

Alle Dinge und Ereignisse, ob nun »materiell«, geistig oder sogar abstrakte Konzepte wie Zeit, sind ohne jede eigene, unabhängige Existenz […] Dinge und Ereignisse sind insofern »leer«, als sie niemals eine unveränderliche Essenz, eine ihnen innewohnende Wahrheit oder ein absolutes »Sein« besitzen können, das ihnen Unabhängigkeit verleiht.

- Der 14. Dalai Lama in seinem Buch »Die Welt in einem einzigen Atom: Meine Reise durch Wissenschaft und Buddhismus«

 

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Dem Elfenbeinturm des Ego entkommen

von S. Levent Oezkan

Pieter Bruegel der Ältere: Turm zu Babel

Niemand ändert sich wirklich, wenn er nicht gezwungen ist sich zu ändern. Jedes Problem aber, das sich uns entgegenstellt, lässt uns nur darum straucheln, damit wir aufwachen, um uns zu befreien – aus dem was war und uns jetzt vielleicht behindert – in ein Sein, losgelöst von allem Denken, Grübeln und Bewerten.

Denn alle Widrigkeiten im Leben fordern jemanden, ja manchmal gar eine ganze Gemeinschaft dazu auf, die Umstände zu verändern in der sie sich gegenwärtig ereignen. Was war, das war, doch es geht so nicht weiter.

Wie der Einzelne oder die Mitglieder einer Gesellschaft mit so etwas umgehen, das mag sich auf zwei Arten äußern: Entweder man verschließt sich dem eigentlichen Aufruf und hält mit allen Mitteln daran fest was war und sieht in dem Problem reine Negativität. Das aber festigt eigentlich nur die Muster in uns, die auf egoistischer Unbewusstheit basieren, sich aber manchmal sogar zuspitzen und dann zu Angst, Wut und Depression mutieren.

Es birgt ein Problem aber immer auch eine Chance, nämlich dann, wenn die plötzlich eingetretenen widrigen Umstände im Leben eines Menschen (oder einer Gemeinschaft), als eigentliche Gelegenheit erkannt werden, sich aus den Schranken des Altbekannten zu lösen, um in einem bewussteren Leben dem Schlaf der Alltäglichkeit zu entkommen. In allen Traditionen in West und Ost spricht man darum auch von einem »Erwachen«. Und so etwas geschieht manchmal auch durch etwas im Außen, das vielleicht so drastisch ist, sodass es einen aus dem Schlaf der Gewohnheit reißt, aus dem Schlummer eigentlich nur scheinbarer Vernunft. Was einen da aber in solch Unbewusstheit gefangen hielt, das war sein Ego.

Über die Geburt des Ich-Empfindens

Und dieses Ego stützt unser innerer Dialog: wenn da nämlich mehrere Stimmen »zu Wort kommen«, die sich aus einer vermeintlichen Problemsituation – wie auch immer geartet – herausreden wollen. Das geschieht aber nur, um dem Ego Genugtuung vorzutäuschen. Was damit gemeint ist, wollen wir uns im Folgenden genauer ansehen.

Da gibt es die Legende von Narziss, einem jungen, ungemein schönen Mann, den wegen seines Liebreizes alle begehrten. Doch wie uns dieser uralte Mythos mitteilt, antwortete Narziss auf das Begehren seiner Verehrerinnen und Verehrer einfach nur arrogant. Dabei wusste er gar nicht wie er aussah, denn Spiegel gab es damals noch keine.

Eines Tages nun kam er in die Nähe einer Quelle, deren silberhelles Wasser ganz und gar rein und tief war, woraus nie ein Tier getrunken und deren Wasser nie ein welkes Blatt verschmutzt hatte. Ganz in der Nähe ruhte sich der schöne Jüngling aus. Als ihn durstete ging er zu dem Quell um daraus zu trinken. Doch als er sich dort zum ersten Mal, auf der reflektierenden Oberfläche des Wassers sah, da verliebte er sich in sein eigenes Spiegelbild, wo jedesmal, als er vom Wasser trank, sich ihm der Mund seines Gegenübers anscheinend zum Küssen näherte. Er wiederholte dieses Spiel, wie von Wahn ergriffen, und versuchte in sein Spiegelbild vernarrt, dieses sogar zu umarmen, bis er schließlich ausglitt, ins tiefe Wasser stürzte und darin ertrank. Wegen seiner wahnhaften Selbstliebe aber, so die Legende, schimmert auf der Oberfläche dieses verborgenen Quells, das Abbild des schönen Narziss noch heute.

Es ist dieser Mythos ein Sinnbild närrischer Eigenliebe, wegen welcher jemand andere Menschen verachtet. Nur aber eigentlich wegen seiner egoistischen Dummheit verhält er sich so und genau darum kommt er auch zu Fall.

Was sich aus dem Mythos von Narziss herauslesen lässt, ist die Entstehung des menschlichen Ego. Tatsächlich musste der Mensch in der langen Geschichte seiner irdischen Existenz, erst einmal so etwas wie ein Ich- oder Ego-Bewusstsein entwickeln, wo er sich als Individuum umgeben von anderen erkannte. Für den deutsch-schweizerischen Philosophen Jean Gebser (1905-1973) setzte diese Entwicklung vor vielleicht 6.000 Jahren ein, als der menschliche Geist begann sich auf bestimmte Objekte auszurichten. Da verließ der Mensch den beschirmenden Bereich einer rein gefühlsbetont erfahrenen Welt und begann sein Leben durch Denken zu bewältigen.

Dieses Ich-Bewusstsein nun, oder nennen wir es Ego-Gewahrsein, lässt vor unserem inneren Auge, wie der Mythos von Narziss deutlich macht, ein Phantom-Selbst entstehen, dass jeder von uns mit sich herumträgt. Und dieses Phantom nährt unser innerer Dialog. Die meisten von uns halten das für ihr wahres Selbst. Aus diesem Bewusstsein aber kam der Drang zur Welt, sich mit etwas identifizieren zu wollen. Im Falle des Narziss erfüllte diesen Sinn sein Spiegelbild. Identifikation aber ist immer der Versuch, sich mit etwas im Außen gleichsetzen zu wollen, zumindest aber ihm ähnlich zu sein. Gewöhnlich zeigt sich das im Wunsch nach Besitz. Was aber der Narziss-Mythos andeutet, ist, dass dieser Wunsch nach Identifikation letztendlich auch mit einem Begehren nach Überlegenheit einhergeht, auch wenn das vollkommen unbewusst stattfindet – nach etwa dem Motto:

Ich habe und du hast nicht, darum bin ich.

Im Falle Narziss' war das seine Schönheit.

Im Umgang mit anderen

Ganz ohne Ego kann heute keiner lernen, sich in dieser Welt zurechtzufinden. Jeder junge Mensch muss erst einmal ein Ego entwickeln, einen Ich-Sinn erkennen, damit er in der Gemeinschaft überhaupt klar kommt. Er braucht eine Identifizierung mit seiner körperlichen Erscheinung, die einen Namen, eine Herkunft und eben ein bestimmtes Aussehen hat. Bei einem Menschen der vielleicht einen schönen Körper oder ein hübsches Gesicht hat, mag dass der Weg der Selbstidentifikation sein. Bei jemandem der vielleicht schon immer gerne sehr viel gelesen hat, mag sich diese Selbstidentifikation vielleicht derart äußern, dass er sich für sehr viel klüger oder gebildeter als andere empfindet. Vermutlich sind bei einem Menschen, der in eine reiche Familie geboren wurde, das Geld oder sein Besitz, Objekte der Identifikation.

Doch der damit eigentlich immer einhergehende Wunsch sich ein Gefühl der Dominanz gegenüber anderen Menschen zu verschaffen, birgt in sich doch eigentlich einen Mangel und das Gefühl das etwas fehlt. Fühlt man sich darum von der Identität eines anderen konfrontiert und gerät dabei in ein Spannungsfeld zwischen Überlegenheit und Unterlegenheit, muss dafür oft die eigene Identität herhalten, um sich darauf basierend, in einem inneren Dialog, ein Dominanzgefühl herbeizureden. Das heißt: War das der Grund zur Identifikation, geht diese Form der »Selbst-Erkenntnis« ja eigentlich einher mit einem ganz tief sitzenden Unbehagen, wo einer bemerkt:

Ich bin mir selbst nicht genug.

Narziss - ewigeweisheit.de

Narziss - der schöne Sohn des Kephissos verliebt sich in sein Spiegelbild. Gemälde von Caravaggio (1599).

Das Selbstbild

In unserer modernen Kultur gilt das geistige Ideal, das jemand von sich hat, als das womit er sich identifiziert. Das ist beim Einen etwas das er besitzt, beim Anderen etwas das er tut oder beim Nächsten eine bestimmte Haltung die er einnimmt, um einem äußeren Bild zu entsprechen. Alle aber versuchen ihr Sein nach einem bestimmten Modell hin auszurichten. Leider aber lässt sich das nur all zu leicht verwechseln mit dem, was wir oben bereits als den »inneren Dialog« ansprachen, wo sich einer immer wieder einredet, dass er etwas besser kann, mehr besitzt oder zum Beispiel nach einem Streitgespräch in seiner Erinnerung die Situation noch einmal durchspielt, wobei er selbst daraus aber als Gewinner hervorgeht.

Es scheint also, als würden wir uns auf diese Weise ins Verhältnis setzen zu unserem Leben:

Ich und mein Leben.

Manche sind vielleicht für eine bestimmte Zeit in ihr Leben verliebt. Andere hassen es vielleicht. Man identifiziert sich dabei aber mit dem was man glaubt zu sein, so als betrachte man sein Leben wie auf einer Leinwand vor sich ablaufen, worauf man Wunschbilder oder vielleicht auch Feindbilder projiziert. Doch ganz gleich ob man mit einem gegenwärtigen Istzustand zufrieden oder unzufrieden ist: In beiden Fällen geht es um das, womit sich das Ego identifiziert, was es vielleicht vergöttert oder verachtet. Ist aber, von einem gewissen Zeitpunkt an, das Ego in unserem Leben nicht überflüssig, wenn es uns doch ununterbrochen damit behelligt uns entscheiden zu müssen?

Tiere haben diese Schwierigkeit nicht und erkennen sich auch nicht im Spiegel. Eine Katze oder ein Hund, die ihre Erscheinung reflektiert sehen, verwundern sich eher, denken dort einen Zeitgenossen zu erblicken und schauen vielleicht, wenn möglich, hinter den Spiegel, um sich dessen zu vergewissern. Was wir zuvor bemerkten, würde darum voraussetzen, dass Tiere auch kein Ego besitzen. So ist ihnen ein Selbstwertgefühl ebenso fremd und damit auch der Wunsch, anderen Tieren gegenüber besonders schön zu erscheinen. Wir Menschen aber, zumindest die meisten von uns, schauen in den Spiegel, bevor wir das Haus verlassen. Rührt einer mit solch eitler Haltung, nicht aber bereits auch den Kern aller Probleme an?

Und was ist ein Problem? Seiner etymologischen Bedeutung nach setzt sich das Wort zusammen aus den griechischen Silben »pro«, etwas das sich vor einem befindet, und »ballo«, schmeißen oder werfen. Somit ist ein Problem also eine Hürde oder ein Hindernis, das scheinbar wie aus dem Nichts einem den Weg versperrt und einen abhält von einer bisherigen, vielleicht vermeintlichen Freiheit. Tiere begehren so etwas intuitiv zu überwinden, ohne es mit irgendetwas aus ihrer Vergangenheit vorher abgleichen oder bewerten zu wollen. Auch ein Kleinkind, dass so etwas wie ein Ego noch nicht entwickelte, würde ähnlich reagieren, was sich etwa darin zeigt, da es intuitiv weiß was zu tun ist, wenn es in tiefes Wasser fällt: Es schwimmt ohne es vorher gelernt zu haben! Solches Tun ist dann also nicht von irgendwelchen Haltungen, Meinungen, Einstellungen oder vermeintlichem Wissen abhängig, sondern geschieht aus der Situation heraus.

Wen aber sein Ego nötigt, sich unter all den vielen Standpunkten, mit denen er sich identifiziert, erst entscheiden zu müssen: Wie sehr doch hindert ihn das, endlich zur Tat überzugehen?

Erwachen aus dem Schlaf des Ego-Bewusstseins

Scheinbar rühren die meisten unserer Probleme darum vom Wunsch nach Identifikation mit bestimmten Sichtweisen, die jedoch nur auf den geistigen Konstrukten unseres Egos basieren, wobei das Ego dann also nichts anderes ist, als eine bestimmte Art zu denken. Viel weniger sind es da noch die Objekte worauf sich unsere Gedanken beziehen, als eher die Gedanken an sich, ja insbesondere unsere Erinnerungen und daraus erwachsene Meinungen. Aber gestaltet man damit sein Leben nicht aus einem ewigen Gestern?

Innerer Dialog

Aller Egoismus entwickelt sich aus bestimmten Formen des Denkens, mittels derer man das Gefühl einer Identität überhaupt erst wahrnimmt. Diese Denkweisen aber halten wir alle, mehr oder weniger, für das was uns ausmacht. Mit dem Gesagten aber scheinen sie nicht mehr zu sein, als eine andere Form des Schlafs, denn sobald das Denken aufhört und der innere Dialog endet: Was bleibt da noch?

Um wieder zurückzukommen auf das zuvor angedeutete »Erwachen«, von dem so viele Priester und Gurus in West und Ost immer wieder sprechen: Bedeutet das, dass man sich auf einmal dieses inneren Dialogs bewusst wird, wie auch der Gefühle, die damit verbunden in uns aufsteigen?

Zu erwachen bedeutet zuerst einmal, zum Beobachter dessen zu werden, was da eigentlich vor sich geht, im Geiste und den daraus projizierten Emotionen. Wer lernt zu meditieren, beginnt damit, sich nicht mehr mit seinen immer neu auftretenden Gedanken zu identifizieren, sondern beobachtet sie, wie sie kommen und gehen, als blicke er in den blauen Himmel, durch den immer mal wieder Gedankenwolken ziehen, wovon manche auch dunkel sind und zuweilen in Gefühlsbewegungen, sozusagen »abregnen«.

Wenn die Identifikation mit unseren alltäglichen Gedankenmustern, einen zuvor gänzlich in Anspruch nahm und man darum glaubte

Ich bin mein Denken

und einen dieser Geistesstrom vollkommen vereinnahmte, wird man durch das Zurücktreten daraus, sich auf einmal dessen bewusst, was da eigentlich stattfindet. Nicht aber nur in einem selbst, sondern auf einmal erscheint einem die Umwelt gänzlich anders, da der Einfluss der Objekte der Identifikation, darin zu schwinden beginnt.

Problemen zu trotzen

Wenn sich in unserem Leben nun aber Widrigkeiten oder Herausforderungen ergeben, gerät das Ego, dass sich ja normalerweise mit den Objekten im Außen identifiziert, sehr leicht aus dem Gleichgewicht. Das führt meist dazu, dass es sich sehr unglücklich fühlt, über das plötzlich aufgetretene Problem und sich dann dagegenstellt. Immer nämlich braucht das Ego ein Gegenüber – überhaupt dadurch definiert es sich.

Das Ego muss sich also mit etwas identifizieren oder aber eben nicht identifizieren, um den Grund seines Daseins vor sich zu rechtfertigen. Es entsteht erst durch die Möglichkeit sein eigenes Dasein in einem Gegenüber zu reflektieren – sei es ein Vorbild oder eine andere Sache. Diese Haltung setzt bei Kindern in der Zeit ein, wo sie lernen »Nein« zu sagen, wo, wenn man sie etwa fragt:

Bist du hungrig?

sie antworten:

Nein! –

doch sobald man ihnen das Essen vorsetzt, verschlingen sie es mit dem größten Genuss.

Unser Ego braucht den Anderen oder das Andere. Auch Feinde erfüllen diesen Zweck: Menschen, denen gegenüber man sich vielleicht überlegen fühlen möchte oder aber die man beneidet und sich darum gegen das stellt, was sie tun oder was sie einem zu sein scheinen. Wenn sich das Ego aber, um überhaupt bestehen zu können, zuerst mit bestimmten Objekten oder Ansichten identifiziert, hält es daran fest, denn nur dadurch rechtfertigt es ja seine Existenz.

Dringt nun aber etwas Neues in dieses abgeschlossene System ein, was ein Mensch oder aber ein Problem sein kann, entbehrt der ego-fixierte Mensch jeder Fähigkeit damit umzugehen. Er versucht nämlich sein Identifikationsmuster dem plötzlich Aufgetretenen überzustülpen – ein Bild, das sein Ego für den anderen angefertigt hat. So jemand reagiert also nicht mehr auf eine eigentliche Situation, sondern nur auf das, was er als Egoist daraus ableitet, ja fast schon wie aus dem Nichts erschaffen kann.

Desidentifikation von den Sinnesobjekten

Was einen bewussten Menschen aber auszeichnet, sind meiner Meinung nach Einfühlungsvermögen, Mitgefühl und Liebe. So jemand lebt in der Gemeinschaft zu ihrem Wohle. So einer ist

gestorben, bevor er starb.

Was da den Tod fand und sich damit auflöste, war sein Ego, während der Mensch in seinem Leben als Erwachter fortlebt. Er hat gelernt, dass er nicht das ist was er denkt, hat gelernt sich zu »desidentifizieren«, wie es der italienische Psychologe Roberto Assagioli (1888-1974) nannte. So jemand lebt bewusst, denn er hat erkannt, dass es jenseits allen Denkens eine andere Dimension des Bewusstseins gibt: ein unendliches Feld voller Vergegenwärtigung, losgelöst von allen Sinneseindrücken, frei von allem objektiven Wahrnehmen.

Was bleibt also übrig, wenn man nicht mehr über das nachdenkt, was womöglich kommen wird oder was man vielleicht befürchtet und sich auch keinen Kopf mehr darüber zerbricht, was einmal war und wie man sich dabei fühlte? Dann auf einmal könnte man sich des gegenwärtigen Augenblicks bewusst werden, in dem sich ein Selbst befindet, das jenseits aller mit dem Ego verstrickten Konzepte besteht. Es ließe sich vielleicht vergleichen als ein Teil des Ganzen, der sich mit Allem verbunden erfährt. Wer diesen Zustand erreicht hat, erkennt auf einmal, dass da ein ganz wohltuendes Sosein, wie es die Buddhisten nennen, bisher einfach nur im Lärm allen Denkens untergegangen war.

Was aber, wenn dieser Lärm abklingt und sich unser Geist beruhigt hat?

Man stelle sich etwa vor, wie all die wahrnehmbaren Objekte der Umwelt, eine Leere umgibt – ein Raum der eben nicht ist. Denn was sonst sind unsere Gedanken, als Verhaftungen in den Objekten unserer Sinne? Im Gewahrsein der eigentlichen Leere aber, in der sich die Objekte unserer direkten Umgebung befinden, wird man sich einer Polarität von Sein und Nichtsein bewusst, von Existenz und Inhaltslosigkeit, von Identifikation und Intuition.

Wir wissen heute, dass es zum größten Teil Leere ist, die unser Weltall ausmacht. Der nächste Stern da draußen, ist sage und schreibe mehr als 30 Billionen Kilometer von unserer Sonne entfernt. Dazwischen ist nichts als schwarzes Vakuum, eines schier unendlich großen Raumes. Auch in den Atomen befinden sich riesige Zwischenräume, wie man heute weiß, die die Elektronen vom Atomkern trennen. In einem scheinbar omnipräsenten Nichts also, ereignet sich der größte Teil eines mannigfaltig strukturierten Seins – sowohl im Mikrokosmos, als auch im Makrokosmos.

Leere und Nichtsein - ewigeweisheit.de

Die Abwesenheit allen Lichts: Schwärze als Sinnbild für Leere und Nichtsein.

Ist nur die Leere wahrhaftig?

Was aber ist dann die Essenz von Allem, wenn also scheinbar ein Nichtsein das Sein umgibt und ihm sogar innewohnt? Ist es etwa die Leere selbst? Und wenn so die Objekte in der Leere ihre Gestalt besitzen: Was wäre da wohl, man erführe die Leere, statt der wahrnehmbaren Objekte? Kämen da nicht sofort alle Gedanken zum erliegen, die sich doch immer auf ein Gegenüber, auf einen Gegenstand der Wahrnehmung beziehen?

Man betrachte also einmal nichts, sondern sehe um sich und erfahre dabei die überall und alles umgebende Leere – in diesem Raum, zum Beispiel in einer Stadt, auf einer Wiese oder in einem Wald, auf dieser Erde. Man wechsle einmal die Sicht auf das, was da durch die objektive Wahrnehmung gesehen wird, und dehne dann sein Bewusstsein aus in das, was die gesehenen Objekte umgibt, wechsle zum Beispiel zwischen der Sicht auf die Gegenstände die einen umgeben, und dehne dann einmal sein Fühlen in die Leere aus, die diese Gegenstände umgibt und diesen Raum erfüllt.

 

Sich dieses Unterschieds gewahr zu werden, ist ein ganz tiefgreifendes Erlebnis, da man sich plötzlich bewusst wird, dass etwas immer gegenwärtig ist, gänzlich losgelöst von allen Anhaftungen. Da endet alles Denken, alles Zeitempfinden verliert da seine Wichtigkeit und man erwacht im Hier und Jetzt, ganz und gar.

Wenn wir nachdenken, über die Objekte die uns umgeben, uns mit ihnen identifizieren oder eben nicht identifizieren, sie lieben oder über sie urteilen: dann sind wir im Tun. Durch die Desidentifikation aber, von dem was wir kennen oder über unsere Sinne wahrnehmen, erübrigt sich dieses Tun und was da bleibt ist nur reines Sein, und darin vollkommene Wahrnehmung – bar jeder Wertung oder Empfindung.

Eine Anleitung zur Lösung aller Probleme

So entspricht also der passiven Polarität von Objekt und Leere, eine Aktivität von Tun und Sein. Aus dem Denken entsteht unsere Identifikation mit der objektiven Formwelt, woran an sich auch nichts Schlechtes ist, sondern durchaus etwas, dass sich wertschätzen lässt. Denn es ist unser objektives Bewusstsein, worin all die Dinge in unserem Denken und Fühlen aufsteigen.

Für die meisten von uns, ist Bewusstsein aber allein nur das, doch leider nicht mehr. Was aber existiert, das musste erst entstehen und was entsteht, bleibt nur für begrenzte Zeit. Und wenn das objektive Bewusstsein alles ist, worüber jemand verfügt, so wird er auch niemals wirklich ein Ziel erreichen. Denn sobald er sich dahin auf den Weg macht, ist es ja bereits im Auflösen begriffen. Nichts darum befriedigt so jemanden auf lange Sicht, da er, je älter er wird, allmählich versteht, dass eben alles was ihn umgibt oder worüber er nachdenken kann, sich einem immerwährenden Wandel beugen muss. Was aber bleibt ist die Leere. Sie ist keiner Veränderung unterworfen. Zwar beinhaltet sie die sich wandelnden Objekte unserer Wahrnehmung, doch besteht unberührt bis in alle Ewigkeit. Doch geht es nicht darum die Leere an sich wahrzunehmen, sondern sich seiner selbst bewusst zu werden, durch ein Trennen der Wahrnehmung von den Objekten im Außen.

Wenn hier jedoch die Rede von einer Leere ist, meint das nicht alleine den Raum, der leer sein kann oder eine Leere die die Objekte darin umgibt. Auch in der Zeit umgeben die darin geschehenden Ereignisse Leerräume, Pausen, in denen sich nichts ereignet. Ein Gedanke endet. Doch bevor in unserem Geist ein neuer Gedanke aufsteigt, gibt es da eine Pause, derer man sich bewusst werdend öffnen kann. Die Kunst dabei ist, den Augenblick zu erkennen, wenn dieser neue Gedanke, aber auch jegliches andere Ereignis, eintritt. Das kann zum Beispiel ein Klang sein, der ertönt und dem man lauscht, ohne ihn aber zu bewerten, zu benennen oder sich nach seinem Ursprung zu fragen.

Sich dieses, mit unseren Sinnen erfassbaren Augenblicks, in dem sich etwas ereignet, bewusst zu werden, zum Beispiel ein Aufgang der Sonne am Morgen oder des Vollmonds nach Sonnenuntergang, führt zu einem natürlichen Ausdehnen jener Leere, in deren Sein wir uns erkennen können. Das lässt sich erreichen, indem wir den Zeitpunkt ausdehnen, bevor wir dem eingetretenen Ereignis einen Namen geben, es schön finden oder aber wir uns deshalb sorgen. Damit beginnt man die Welt der Form als angenehm zu empfinden, da nicht mehr die Objekte und Ereignisse relevant sind, sondern die leeren Zwischenräume, worin sie sich unserem Bewusstsein zeigen.

Wer so das Sein wahrzunehmen vermag, dem gelingt allmählich auch, die Sicht auf all seine Probleme zu relativieren. Besonders wenn es Vorfälle sind, die gänzlich fremd erscheinen, versucht jemand dann nicht mehr gleich ältere Erfahrungswerte zur Lösung der damit auftretenden Probleme anzuwenden. Denn da sie wegen der Andersartigkeit des Vorfalls nicht greifen würden, ist das vorrangig nicht-wertende Bewusstwerden dessen was ist, der einzige Weg, erst einmal zu beobachten. So vermeidet man Ärger und sogar Angst. Wenn sich nämlich durch das Lösen vom Ego auch alles bewertende Denken auflösen lässt: ginge damit nicht auch ein erleichtertes Lösen von etwaig aufgetretenen Problemen einher?

Ist Ihre Antwort auf diese Frage »Ja«, so könnten wir sagen, dass unser innerer Dialog ganz eng verbunden ist mit dem, was wir als in unserem Leben vorausgesetzt halten und auch wollen, dass es so bleibt. Da aber nichts in unserem Leben ewig dauert, können wir uns auch aus allen Lebenssorgen winden, indem wir erkennen, wohin sich alles in der materiellen Welt Seiende entwickelt: nämlich hin zur eigenen Auflösung in Nichts, in eine vollkommen leere Inhaltslosigkeit. Das allein ist wahr. Leere begrenzen weder Form, Raum noch Zeit. Vielmehr wird alles aus der Leere, aus dem Nichtsein und der Unordnung geboren.

Und die Erde war wüst und leer […] Und Gott sprach: Es werde Licht!

- Genesis 1:2f

Erst mit dem Denken entsteht die objektive Welt der Formen.

Im Anfang war das Wort […] und Gott war das Wort.

- Johannes 1:1

Die Leere, die die Objekte unserer Umwelt umgibt, die Unterbrechung des Gedankenstroms: Sie zu erleben geben uns die Möglichkeit dem Elfenbeinturm unseres Egos zu entkommen, um dabei zu erwachen und die Dinge, die sich in unserem Leben ereignen, als das zu beobachten was sie wirklich sind.

Alles Sein ist nur von gewisser Dauer. Diese Erkenntnis gewährt uns unser Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, womit wir beginnen uns jetzt am Leben zu erfreuen, so wie es gegenwärtig ist, losgelöst von allen Erinnerungen an die Vergangenheit und hoffnungsvollen Erwartungen an die Zukunft.

Was entsteht, das vergeht auch wieder, wird Ruhestätte der Auflösung und des Verfalls, damit aus dem schwarzen Mischmasch im Grab gewesener Dinge und Ereignisse, eine Brutstätte neuer Ideen und Erkenntnisse entstehen kann.

 

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