Leid

Die Sonnentanz-Zeremonie

von S. Levent Oezkan

Sonnentanz - ewigeweisheit.de

In den Great Plains, den großen Ebenen die sich von Norden nach Süden, mitten durch die Vereinigten Staaten ziehen, praktizieren indigene Stämme den Sonnentanz. Das ist ein wahrhaft intensives Ritual, wo sich die Initianden zum Wohle der Gemeinschaft selbstaufopfern, hiermit aber einen Weg der Einsicht betreten, der sie zu ihren innersten spirituellen Kräften führt.

Es versammelt sich meist die gesamte Stammesgemeinde, Freunde und Familienmitglieder, die neben dem eigentlichen Tanz, in den dazu errichteten Lagern für Heilung beten. Außerdem werden Heilungszeremonien durchgeführt, wo es zu ungewöhnlichen Gesundungserfolgen Betroffener kommen soll.

Die Tänzer aber fasten viele Tage lang, während sie dann im Freien, und auch bei jedem Wetter, das Einweihungsritual des Sonnentanzes vollziehen.

Rückkehr zur alten Tradition

Anfang des 19. Jahrhunderts, als Angehörige der neu gegründeten Vereinigten Staaten von Amerika, in den damals noch »Wilden Westen« vordrangen, kamen die in den Great Plains lebenden Indigenen zunehmend in Bedrängnis. Die Ausübung des Sonnentanzes wurde durch jene Eindringlinge aus Europa untersagt, mit dem Ziel die indigene Kultur zu unterdrücken und die Mitglieder ihrer Stämme zu zwingen, stattdessen mit nach Amerika gebrachte kulturelle Werte zu übernehmen. Auch das Sprechen der indianischen Muttersprache war den in den Great Plains lebenden indigenen Völkern untersagt, wie ihnen auch das Besuchen der heiligen Stätten verboten war.

Die Auswirkungen dessen sind bis heute spürbar, denn nur ein geringer Teil der Nachfahren der Ureinwohner der Great Plains, sprechen die Sprache ihrer Vorfahren. All das steht außerdem im Schatten der Greuel, die an der amerikanisch-indigenen Kultur verübt wurden (Stichwort »Wounded Knee«). Im Fortgang solcher Verläufe des Vergessens, um es einmal so zu nennen, scheinen Vorboten, ja eigentlich böse Omen dessen zu sein, was sich gerade auch andernorts auf unserem Globus, als gigantischer Werteverfall der Menschheitskulturen ereignet.

Seit dem Jahr 1993 leitet der amerikanische Shoshone-Häuptling James Trosper, im Wind-River-Reservat, die dort jährlich stattfindende Sonnentanz-Zeremonie. Er steht in der Traditionskette seines Urgroßvaters John Truhujo (auch genannt »John Trehero«), einem Mann der ein stolzes Alter von 113 Jahren erreichte (1985). Truhujos Wirken sollte dazu führen, dass eine Wiederbelebung der alten Kultur der Plains-Indianer stattfand. Als er in seinen Dreißigern war, übergab ihm seine Mutter den sogenannten »Heiligen Medizinbund«, ein Bündel geweihter Gegenstände, die dem Empfänger der Würden eines Medizinmannes verliehen werden. Die Ausübung seiner damit einhergehenden Arbeit als Heiler und als Leiter der heiligen Zeremonien, war damals jedoch nicht erlaubt.

Die damalige Regierung der Vereinigten Staaten, hatte Anfang des 19. Jahrhunderts die Ausübung solcher Heilarbeit und zeremonieller Riten untersagt, wozu auch der Sonnentanz gehört. Außerdem versuchte man in besonderen Internaten, den jungen Angehörigen indianischer Stämme der Great Plains, ihre Identität auszureden. Es fand damals eine regelrechte Gehirnwäsche statt, wo man den Indianern suggerierte, dass der spirituelle Weg ihres Stammes schlecht sei und nur das gut war, was sie vom Christentum lernen konnten. Alle indianischen Bräuche sollten sich damit als falsch erübrigen, ganz gleich ob es spirituelle oder gesellschaftliche Gepflogenheiten waren.

Der Häuptling John Truhujo ging nun eines Tages zum Vorsteher jener Behörde die die Stammesmitglieder der Shoshone beaufsichtigte. Er erklärte ihm was es mit dem Tipi (typisches kegelförmiges Indianerzelt) auf sich habe, das durch zwölf Holzstäbe aufgerichtet, jedoch ohne Bedeckung nach oben hin offen bleibt, so dass man dadurch zum Himmel blicken kann, während man da die heilige Sonnen-Zeremonie begeht, mit Gebeten, Gesängen und diesem besonderen Tanz, dem, was man den »Sonnentanz« nennt:

Er erklärte diesem Vorsteher all das auf eine Weise, wodurch dieser Mann die Bedeutung des Tipi und des indianischen Weges auch verstehen konnte. Und er wusste, dass dieser Mann ein Christ war, weshalb er zu ihm in Begriffen sprach, die er auch verstehen konnte und er erzählte ihm vom Mittelpunkt und sagte: 'Wissen Sie, der Mittelpunkt ist ein Medium zwischen uns und dem Schöpfer. An diesen Mittelpunkt richten wir unsere Gebete, von wo aus dann Segnungen auf jeden von uns niederkommen, als Antwort auf unsere Gebete. In gewisser Weise ähnelt es dem, was sie als Jesus Christus bezeichnen. Es ist das was uns der Mittelpunkt bedeutet.' Und er sprach: 'Diese zwölf Polstäbe, die das Tipi stützen, gleichen den Jüngern Christi.'

- Aus einem Vortrag von Häuptling James Trosper im Rahmen der Londoner Temenos Academy

John Truhujo hatte nämlich längst verstanden gehabt, dass beide Religionen, die der Christen und die der Shoshone, vom Großen Geist beflügelt sind, auch wenn er niemals die beiden Erscheinungen ihrer Form nach miteinander zu vermischen oder zu vergleichen versuchte.

Was er jedoch dem Vorsteher dieser Kontrollbehörde vermittelte, sollte im Jahr 1934 dazu führen, dass die Shoshone wieder ihren traditionellen Sonnentanz offiziell, doch nur unter sich ausüben durften, was außerdem zum Wendepunkt in der Geschichte der gesamten amerikanische Ureinwohner der Great Plains führen sollte (im sogenannten »Indian Re-organization Act«). Es sollte jedoch bis in die späten 1970er Jahre dauern, bis die indigenen Völker Nordamerikas ihre Zeremonien öffentlich ausüben durften (»American Indian Religious Freedom Act« von 1978).

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Ein Ritual solarer Kraft

Was in der Sonnentanz-Zeremonie vollzogen wird, beinhaltet eine ganz klare symbolische Bedeutung, die für jeden Teilnehmenden tatsächlich als überwältigendes Erlebnis in Erinnerung bleibt. Das schrieb der schweizerische Traditionalist Frithjof Schuon (1907-1998) über seine eigene Erfahrung damit. Schuon war 1980 nach Bloomington umgesiedelt, im amerikanischen Bundesstaat Indiana. Dort sollte er ein enger Freund von Thomas Yellowtail (1903-1993) werden, dem wichtigsten Sonnentanz-Häuptling des 20. Jahrhunderts.

Über den Sonnentanz und seine Symbolik schrieb Schuon:

Der Baum ist die Achse, und das ist in unserem Herzen; Die verschiedenen Elemente unserer Seele drehen sich um diese Achse und bewegen sich in Veräußerlichung und Verinnerlichung, Unterscheidung und Vereinigung hin und her. An diesem Baum aber hängt der mit Salbeizweigen geschmückte Büffelkopf, dessen Blick auf den Sonnenuntergang gerichtet ist. Ein Adler aber blickt auf den Sonnenaufgang.

Die Salbeizweige hängen von den Augen des Büffels herab, der die heilige Urkraft und Fruchtbarkeit der Erde symbolisiert. Der Adler ist Symbol des Lichts, das von oben kommt, als Offenbarung; der Büffel ist der symbolische Berg oder Felsen, und der Adler eine Allegorie auf den Himmel und den Blitz. Der Büffel ist jedoch auch die Sonne beziehungsweise ihr irdisches Abbild.

Im Sonnentanz erlebt man ein Erinnern an Gott, eine Reinigung von Vielheit und Äußerlichkeit, eine Vereinigung mit dem Einen und dem Realen.

- Aus Frithjof Schuons Reisetagebuch

Ablauf und Ereignisse des Sonnentanzes

In den Legenden und Erzählungen der Lakota (der westlichsten Stammesgruppe der Sioux), erfährt man von der »Weißen Büffelfrau«. Als Tochter des Großen Geistes, überbrachte sie ihnen sieben heilige Riten, wovon eine der Sonnentanz war.

In dieser besonderen Zeremonie tanzen die Initanden, unter Führung des Sonnentanz-Häuptlings, zu besonderen Trommelklängen und Gesängen, einen dafür vorgesehenen Tanz. Zuvor werden gemeinsam bestimmte Pflanzen gepflückt, die man während der Zeremonie rituell verwendet. Außerdem geht dem Ritus des Sonnentanzes eine Fastenzeit voraus und erfolgt dann, als eine, sagen wir, aktive Form des Gebets. Denn alle Sinne werden dabei miteinbezogen, womit ein dafür ganz eigenes Gemeinschaftsgefühl einhergeht, sowohl mit den Angehörigen des Stammes, wie auch mit den Ahnen und dem Großen Geist.

Nicht aber, dass dieser Tanz alleine zur Unterhaltung stattfände. Es ist eine wirklich erfahrene, wenn nicht sogar sehr anstrengende Sache für die Tänzer. Sie werden dabei nicht nur spirituell einer Prüfung unterzogen, sondern auch physisch, mit dem Ziel sich selbst als Opfer für ihr Volk darzubieten.

Einige der Sonnentänzer durchstechen sich hierzu die Haut an Brust oder Rücken. Durch diese blutenden Stellen schieben sie sich kleine Holzpflöcke, an denen Rohleder-Riemen befestig werden. Man nennt das »Piercing«. Diese Riemen werden dann an dem in der Mitte des Sonnenzeltes errichteten Baum, dem zentralen Pol, befestigt, um den die Tänzer dann vier Tage lang, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang tanzen – ohne Schatten, Nahrung oder Wasser. Dies findet zwar in einzelnen Runden mit Pausen statt, doch ist wohl etwas, dass uns durchaus drastisch erscheinen dürfte, wenn nicht gar unmöglich für einen Normalsterblichen vorzustellen. Denn die Initianden lassen sich dann letzten Endes sogar mit ihrem ganzen Körpergewicht an den Riemen hängen, bis die unter der Haut befestigen Holzpflöcke aus ihrem Körper reißen. Durch diese schlimmen Torturen soll der Tänzer einen »todesähnlichen Zustand« erreichen. Und aus der dabei gemachten tranceartigen Erfahrung, steigen in ihm besondere Visionen auf, die ihm grundlegende Fragen des Lebens beantworten oder aber aufwerfen.

Denkt man hierbei etwa an die Symbolik der Kreuzigung Christi, dürften einem einige Parallelen auffallen. Besonders die Indianer Nordamerikas sind solchen Betrachtungen durchaus aufgeschlossen (auch wenn man sie über so lange Zeit zwang den christlichen Glauben anzunehmen und sie ihrer alte Kultur zu entreißen). Wer auf das Leben Jesu Christi schaut, entdeckt darin viele Parallelen zum eigenen Ritus des Sonnentanzes. Auch an der bildlichen Allegorie von Jesus am Kreuz, lässt sich eine solare Thematik ablesen.

Christus wurde gekreuzigt, aber die Indianer kreuzigten sich auf dem Pappelbaum; Das Kreuz Christi war aus Eichenholz gewesen, während der Sonnentanzbaum genau das Pappelholz war. Ein Querschnitt durch einen Ast dieses Baumes zeigte immer einen goldenen Stern.

- Aus Frithjof Schuons Reisetagebuch

Wir wissen ja außerdem, dass die frühen Christen trotz der Verfolgungen, denen sie vor etwa 2.000 Jahren wegen ihrer religiösen Bekenntnis ausgesetzt waren, dennoch nicht von ihrem Glauben abließen. Man peinigte, ja folterte sie, um ihnen ihren »christlichen Irrglauben« auszutreiben. Wie könnte darum, mit all den vielen Parallelen zum Christentum, den indigenen Stämmen Nordamerikas ihr eigener Glaube ausgeredet werden? Ja mehr noch: Wäre es überhaupt verwunderlich, wenn manche unter ihnen dem Christentum sogar noch etwas abgewinnen könnten?

Viele Indianer glauben nämlich, dass das was sie unter einer transzendenten Realität verstehen, dadurch bereichert wird, wenn sie nur dazu bereit sind die unterschiedlichen Sichtweisen ein und der selben Realität zu betrachten. Was wir nämlich zuvor im Vergleich der Sonnentanz-Piercings zum christlichen Kreuzigungsereignis sagten, erschien ihnen eben nur als verschiedene Offenbarungen eines selben Prinzips: Das wahre, innere Erkenntnis nämlich nur auf Grundlage von echtem Leid erfolgt. Das ist eine Vorstellung, die bestimmt unzählige Menschen ablehnen, da sie vielleicht auch einen möglichen Grund für die eigentliche Besiedelung unseres Planeten, nie in Frage stellten.

Alle Menschen sollten, ganz unabhängig von ihrem Glauben, sich vereinen und zusammen beten. Du hast den verschiedenen Menschen auf der ganzen Welt eben verschiedene Wege gegeben (»Du« meint hier den »Großen Geist«). Wie wir wissen, ist diese Erde rund wie ein Wagenrad. Bei einem Wagenrad sind alle Speichen um die Mitte herum angeordnet. Der Kreis des Rades ist rund und alle Speichen kommen aus der Mitte und die Mitte bist Du, Acbadadea, Schöpfer aller himmlischen Dinge.

Jede Speiche kann als eine andere Religion der Welt betrachtet werden, die Du den verschiedenen Menschen und Rassen gegeben hast. Alle Menschen auf der Welt sitzen am Rand dieses Rades und müssen einer dieser Speichen folgen, um zum Zentrum zu gelangen. Die verschiedenen Wege wurden uns gegeben, aber sie führen alle zum selben Ort. Wir alle beten zum selben Gott, zu Dir. Hilf uns, diese Weisheit zu erkennen. Aho! Aho!

- Häuptling Thomas Yellowtail, in Frithjof Schuons »The Feathered Sun: Plains Indians in Art and Philosophy«

 

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Leid und Freuden, Freude und Leidenschaft

von S. Levent Oezkan

Welchem Zweck dient all das viele Leid auf Erden? Was sind seine wahren Ursachen? Auf solche Fragen haben manche vielleicht eine plausible Antwort. Wer aber das Feld dieser Problematik betritt, über Leid und seine Ursachen spricht oder schreibt, sollte nicht verallgemeinern. Zumal Leid immer etwas Persönliches ist – auch dann, wenn etwa wegen eines Vorfalls viele Menschen gleichzeitig leiden.

Auch die Geografie ist wesentlich, für das Verständnis und die Erklärung von Leidursachen. Denn worunter Menschen in den Industrieländern leiden, mag Menschen aus Staaten in denen große Armut herrscht, recht fragwürdig erscheinen. Mitleidsempfindungen scheinen sich proportional zum Gefälle zwischen reich und arm zu verhalten. Damit ist Leid etwas Relatives – besonders im Wissen, dass die Menschen ihr Leid ja auf verschiedenen Ebenen des Seins bekümmert.

Das Wort »Leid« wird aber ebenso verwendet um den Gemütszustand eines depressiven Menschen, mit dem eines Hungernden zu bezeichnen. Echt schwierig wird's dann aber, wenn einer versucht einheitliche Regeln festlegen zu wollen, die zur Auflösung von Leidursachen führen sollen. Doch genau das geschieht, wenn in manchen Glaubensgemeinschaften das Konzept »Leid« religiös generalisiert wird. Dann nämlich treten die Atheisten auf den Plan und stellen die Frage: Warum muss es Leid geben, wenn ein allmächtiger Gott über Gut und Böse verfügt? Hätte ein so omnipotentes Wesen vollkommener Intelligenz, nicht eine Welt erschaffen können, worin seine Geschöpfe ohne Leid leben?

Das sind durchweg berechtigte Fragen, zu denen wir im Folgenden Antworten finden wollen.

Freiheit der Wahl

Der Mensch hat eine relative Freiheit zu entscheiden, zu tun und zu lassen was er will. Doch zuvor legt ihn sein Unterbewusstsein auf das fest, wofür er sich letztendlich entscheidet. Seiner Wahlfreiheit ist damit nur ein gewisser Spielraum gesetzt. Normen prägen Bewusstseinsmotive, die das Unbewusste begrenzen. Auf dieser Grundlage entscheidet ein Mensch welchen Weg er geht. Vorausgesetzt natürlich, ihm sind die Optionen seines Handlungsspielraums bewusst.

Jeder von uns mag wählen, ob er höheren Zielen zustrebt oder sich damit zufrieden gibt, sich allein niederen Instinkten zu überlassen. Gewiss aber lastet dabei auf ihm immer auch ein Teil des Gesamtwillens der Gesellschaft in der er lebt. Nur in seiner sexuellen Freiheit scheint der Mensch uneingeschränkt zu bleiben. Und so werden Leidenschaften als Vorwand ausgelebt, um wichtige Leidursachen zu verharmlosen und vor sich nicht zugeben zu müssen. Doch daraus wird heutzutage eine Menge Kapital geschlagen.

Je mehr Möglichkeiten sich uns bieten, desto schwerer fällt die Entscheidung. Statt sich zu bewegen, kommt es irgendwann zum Stillstand. Was aber wäre, wenn einem Menschen keine Wahl bleibt? Er bliebe einfach in Bewegung, ohne innezuhalten und sich zu fragen: Schlage ich diesen oder jenen Weg ein? Verlöre der Wunsch nach Freiheit dann nicht an Bedeutung?

In dieser Welt scheinen sich unzählige Gelegenheiten zu bieten, wegen denen wir unsere Wahlfreiheit bemühen, um dies oder das zu tun. Doch sind das echte Mühen? Oder versinken wir in Wirklichkeit nur immer tiefer in eine Art Schlaf, aus dem uns nur noch Leid erwachen lässt? Wenn das der Fall wäre, würde wohl das Wissen darüber verloren gehen, was einem selbst, geschweige denn anderen wirklich gut tut. Doch dieses Wissen ist ja die Grundlage des Zusammenlebens überhaupt. Und wer auf der Welt kann alleine überleben?

Die Gleichnis von der Schlange am Baum

Wenn wir als Mensch nun über die Fähigkeit zu entscheiden verfügen, bedeutet das trotzdem nicht, dass wir auch tatsächlich selbst auswählen. Meist laufen eigene Wünsche mit denen anderer zusammen oder entstehen sogar erst, wenn gewisse äußere Einflüsse an Bedeutung gewinnen.

Die biblische Symbolik der Schlange am Baum der Erkenntnis von Gutem und Bösen, deutet hin auf den Zwist der Kräfte von Licht und Finsternis, von Leben und Tod, von Freuden und Leiden. Dieses uralte Thema verdichtete sich vor ungefähr 2000 Jahren, zum zentralen Symbol der Christenheit: dem gekreuzigten Messias. So wie die Schlange sich zwischen den Ästen des Baumes der Erkenntnis emporwand, so richtete man den Leib Christi am Kreuzesbaum auf, als ultimatives Symbol für die Auflösung jener Ursünde, zur Erretung der Menschheit.

Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden.

- Johannes 3:14

Die christlichen Evangelien beschreiben Jesus als den Erlöser, der die Menschen heilte und den Unglücklichen half. Doch er tat das nicht seiner selbst willen, sondern opferte sich allen auf, für seine göttliche Bestimmung. Er trat den Leidensweg also freiwillig an, was offensichtlich genau das Gegenteil davon ist, wonach wir in unserem tagtäglichen Leben heute suchen: die Vermeidung von Leid.

Da ist eigentlich nichts, was dieses Streben in Frage stellen könnte, als ein kleines, jedoch nicht unbedeutendes Detail: Wenn wir uns erinnern, als wir selbst einmal gelitten haben oder durch eine sehr schwere und beengende Lebensphase gingen, war es da nicht so, dass wir danach klüger waren und uns ähnliche Leiderfahrungen viel weniger schmerzlich erschienen? Was man einst durchstand, wiederholt sich niemals auf selbe Weise, sondern ist als solches mit dem Durchschreiten der Leiden oder der Angst, auf immer gebannt. Man eignete sich dann nämlich, wenn vielleicht auch ungewollt, das nötige Handwerkszeug an, um in der Zukunft ähnlichen Problemen mit mehr Gelassenheit zu begegnen.

Ängste und Leiden zu überstehen, sind unsere wichtigsten Lektionen in der Schule des Lebens. Sie bereiten uns vor auf das, was man das ultimative Ziel im Leben nennt: den Tod.

Ewiges Leben ohne Leidenschaft?

Nun versucht jeder vernünftige Mensch, möglichem Leid oder dem noch schlimmeren Risiko des Todes, aus dem Weg zu gehen. Es ist ratsam und auch gesund davon auszugehen, dass wir in diese Welt geboren wurden, um ein angenehmes Leben zu führen. Weder Leid noch Tod aber, lassen sich vermeiden – auch wenn gegenwärtig manche Wissenschaftler forschen, ob der Tod nicht sogar überwunden werden könnte, in dem man den menschlichen Geist digitalisiert und auf einem Medium außerhalb des Körpers sichert. Wenn es damit sogar tatsächlich gelänge, ein elektronisches, selbst-denkendes System zu kreieren, das von einem Informationsträger aus agiert, stellt sich die Frage, wie es dann aussieht mit dem freien Willen dieses Denksystems?

Wieso außerdem, sollte diese digitale Kopie überhaupt fortleben wollen? Auf den ersten Blick ließe sich damit vielleicht der »vollständige Tod« umgehen. Doch was ist, wenn man bereits zu Lebzeiten eine digitale Kopie seines Geistes mehrfach erstellen ließe? Welche davon bliebe dann das eigentliche Ich? Und was würde geschehen, wenn nun eine dieser Kopien die Daseinsexistenz des Originals anzweifelte oder ihr sogar das Lebensrecht abspräche: Würden so nicht noch mehr Quellen des Leids entstehen?

Solche Fragen mögen heute vielleicht noch etwas fantastisch anmuten, doch es dauert keine Jahrzehnte mehr, bis so etwas tatsächlich möglich ist. Dann wäre die Frage wirklich berechtigt, ob der Wunsch Leben, Fühlen und Denken zu überlisten, zur Quelle unsäglichen Leids führen könnte.

Zu denken was man ist

Der wahrscheinlich größte Teil, auch körperlicher Leiden, steht in direktem Zusammenhang mit dem Denken eines Menschen. Denn so wie es in der physischen Welt Gesetze gibt, die Ordnung und Stabilität sichern sollen, so gibt es auch geistige Gesetze, die sich begünstigend auf das gesamte Leben auswirken.

Ganz wenige Menschen nur haben die natürliche Veranlagung positiv zu denken. Die Wertung »positives Denken« mag manchen schon recht abgedroschen erscheinen, was aber wohl nur daran liegt, dass sie es nie wirklich versucht haben. Es hilft eben nicht, alleine nur ein gutes Buch über bessere Lebensführung oder Ernährung zu lesen. Nur wer tagtäglich zur Entwicklung seiner konstruktiver Weltsicht durch richtiges Denken beiträgt, wird positive Resultate ernten, die irgendwann auch auf seine Umwelt übergehen.

Jeder Schöpfung geht ein Gedanke voraus und Denken ist eine kreative Kraft, mit der man äußert vorsichtig umgehen sollte. Zweifel, Sorgen und Ängste scheinen Unglück regelrecht einzuladen. Und wer sein Bewusstsein ständig mit Negativinformationen beeindruckt, darf sich nicht wundern, wenn sich diese auch irgendwann als leidvolle Erfahrungen im Leben manifestieren.

Wir sind was wir denken, und was wir denken wird zu dem, was uns in unserem Leben begegnet. Man sollte sich darum immer wieder daran erinnern, dass Ängste tatsächlich in Erfüllung gehen, vielleicht noch schneller, als man denkt. Das Selbe aber gilt auch für unsere Wünsche. Doch Vorsicht! Viele von uns nämlich erhoffen sich dies und das im Leben, einen Liebespartner, mehr Geld oder Gesundheit, sind aber mental noch gar nicht auf die Erfüllung des Wunsches vorbereitet. Und wenn sich diese Wünsche dann erfüllen, hat man sich vielleicht alles ganz anders vorgestellt. Jeder von uns ändert sich ständig. Und wenn so ein Wunsch sich erfüllt, sind wir vielleicht bereits über ihn hinausgewachsen und er erscheint uns womöglich unbedeutend.

Oft sind außerdem viele der Wünsche die wir hegen, die Wünsche anderer, die sich nur als unsere eigenen ausgeben. Hierzu zählen sicherlich all die Moden, die wir alle mehr oder minder mitmachen. Individualismus scheint dazu ein wirksames Gegenmodell, dass sich dem Wahn aufoktroyierter Sehnsüchte zu entziehen versucht. Wer das aber als Lebensmotto wählt, dürfte irgendwann die leidvolle Erfahrung machen, das man mit so etwas sehr schnell vereinsamt.

Herren des Seelengifts

Schwierig wird es, wenn Regierungen mancher Staaten Steuergelder verschwenden, um den Menschen Ideologien einzubläuen, die sie gegen anders gesinnte Menschen aufbringen. Das scheint besonders heute sehr einfach zu gelingen, bei all den Falschmeldungen in sozialen Medien. Bestes Beispiel ist die Verteufelung des Islam. Doch auch die Lächerlichkeit mit der über christliche Gläubige geurteilt wird, basiert auf eigentlicher Unwissenheit.

Wenn auch indirekt, ist es die Unwissenheit unter der die Menschheit gegenwärtig am meisten leidet. Der Großteil der Weltbevölkerung hat eben nicht die leiseste Ahnung von der Kraft unserer Gedanken. Einem verständigen Menschen dürfte das aber vollkommen absurd erscheinen.

Statt das Regierungen riesige Geldmengen bewegen, um damit Hass zu schüren, gegen die Mitglieder einer anderen Gemeinschaft, bedürfte es viel weniger Geld die Mittel zur Verfügung zu stellen, um in den Köpfen der Menschen, durch entsprechendes Wissen, zuerst einmal Frieden zu schaffen – ist es doch der Frieden, der den Menschen in der Gemeinschaft stärkt.

Gemeinsam eine Menschheit

Immer mehr scheint das Verständnis über das gemeinsame Miteinander zu schwinden. Begriffe wie Brüderlichkeit und Menschlichkeit, empfinden viele nur noch als Erinnerungen aus alter Zeit. Unzählige junge Menschen »üben« Zerstörung und Krieg, wenn auch »nur« im Spiel. Wo aber verläuft die Grenze?

In diesem Bewusstsein entsteht eine vollständige Entfremdung von dem, was Menschsein eigentlich ausmacht: das Anteil haben am Leben der Anderen, nicht um einen Zweck zu erfüllen, sondern weil alle Menschen auf diesem Planeten aufeinander angewiesen sind – direkt oder indirekt. Jeder Mensch ist Teil unserer gesamten Menschheit. Nur, wie viele Menschen erinnern sich daran, bevor sie morgens das Haus verlassen?

Jeder von uns ist unlösbar verbunden mit dem Rest der Menschheit. Denn was andere tun, sagen und denken, beeinflusst unser Leben, unser Schicksal und trägt zu unserem Glück oder Unglück bei. Was wir unserem Nächsten antun, tun wir gewiss der ganzen Menschheit an. Und so lange auch nur ein Mensch leidet, hält das Leid der Menschheit an.

»Geld heilt alle Wunden«

Viele glauben, dass wenn sie nur genügend Geld hätten, sich ihre Probleme lösen ließen. Armut aber ist nur einer der vielen Gründe für Kummer und Sorgen. Wenn nämlich allein Geld die Schwierigkeiten in der Welt lösen könnte, hätten die Reichen keine Probleme mehr. So mag es vielen auch erscheinen, doch in Wirklichkeit ist das nur eine Seite der Wahrheit.

Sorgen die Geld zu heilen vermag, sind keine wirklichen Sorgen. Der Besitz und Verlust von Geld jedoch, führt manchmal zu viel größeren Tragödien, besonders dann, wenn damit menschliche Enttäuschungen, Trennungen und der Schmerz der Einsamkeit einher gehen.

Manche, sehr reiche Menschen scheinen ein unbeschwertes Leben zu führen. Doch nur sie wissen welche Last ihre Herzen bedrückt. Wer hinter die Fassaden vermeintlichen Glücks schauen könnte, würde sich wohl wundern zu sehen, dass es keinen Menschen gibt, der ohne Last beladen auf dieser Erde wandelt.

Geld an sich versklavt den Menschen, doch wir alle brauchen das Geld. Je mehr wir davon aber haben, desto eher neigen wir dazu Dinge zu tun, die sich gegen unser gutes Gewissen richten. Denn Geld will nicht nur besessen werden, es will auch beschützt sein. Und je mehr Geld einer hat, desto größer die Gefahr, dass es ihn darum zu seinem eigenen Sklaven macht.

Kein Leid ohne Freude - keine Süße ohne Bitternis

Jeder der schon einmal gezwungen war sich durch eine schwierige Phase in seinem Leben zu drängen, der weiß nur zu gut wie es sich anfühlt, wenn die schweren Fesseln der Sorgen fallen. Vielleicht war es die Einstellung, die einer der Sache gegenüber hatte, die mühevolle Überwindung etwas zu schaffen, vor dem er sich bisher fürchtete. Doch ist das erst einmal erfolgt, lösen sich die dunklen Wolken der Angst schnell auf.

Wenn man der wortgetreuen Bedeutung der Begriffe »Freuden« und »Leidenschaften« nachgeht, könnte man den Eindruck gewinnen, als seien auch Freude und Leid irgendwie miteinander verwandt. Könnte es sogar sein, dass sie sich gegenseitig bedingen?

Fest steht, dass Freude nur erfahren werden kann, wenn man auch weiß was Leid ist. Man denke an die Kinder, die wegen jeder Kleinigkeit in Geheul ausbrechen. Und dann wieder ist ihr freudiges Lächeln so süß, dass auch Erwachsene zu grinsen beginnen.

Wir können Freude nur empfinden, wenn wir im Leben auch schonmal vom Leid kosteten. Ohne Schatten kein Licht, ohne Klang keine Stille, ohne Bitterkeit keine Süße. Etwas lässt sich nur als gut bemessen, wenn wir auch schon Schlechtes, Nachteile und Unwohlsein erfuhren. Keine Unendlichkeit ohne Begrenzungen im Raum, keine Wahrheit ohne vom Irrtum zu wissen!

Immer vergleicht der Mensch die Gegensätze – im Geist und im Gefühlten. Wie, als nur durch den Vergleich, sollte ein Mensch darum Freude genießen, wenn ihm niemals Leid widerfuhr? Nur wer schonmal Schmerzen überwunden hat, kann Wonne genießen. Niemand kann andauernde Wohlgefühle haben. Gewohnte Harmonie nehmen wir nur dann als Glück wahr, wenn sie sich wieder einstellt, nach unmittelbar vorangegangenem Unglück. Für einen weisen Menschen liegt Wonne bereits darin, zu erkennen, dass man gerade kein Leid erfährt.

Den Leidensweg zu Ende gehen

Unsere Zivilisation pflegt eine regelrechte Leid-Vermeidungs-Kultur. Die Ursprünge dessen liegen wohl sehr weit in der Vergangenheit, als sich der Großteil der Menschheit vom Nomadentum verabschiedete, um sesshaft zu werden. Man lagerte Vorräte und die dort verwahrten Güter mussten in Speichern beschützt werden. Das war auch die Zeit der ersten Könige, die ihre Männer in Armeen scharten, um über ihre Äcker und Ländereien zu wachen.

Wer mehr besaß, wurde beneidet, was letztendlich Missgunst anderer aufbrachte. Räuber kamen und wurden bekämpft. Das aber sollte sich dereinst zur grausamsten Ursache allen Leids verschlimmern: dem Krieg.

Die Vermeidung von Leid in unserer heutigen Zeit, ergibt sich, wie schon damals, allein aus der Unwissenheit des eigentlichen Zwecks der Leiden. Es kann also vorkommen, dass ein leidender Mensch seinen Leidensweg nicht zu Ende geht. Dann bleibt er stehen, erträgt willig was geschieht und sagt zu allem Ja. Damit glauben die meisten tatsächlich bereits die höchste Stufe des Seins erlangt zu haben. Mit Glück und Freude hat das aber nichts zu tun. Viele darunter werden zu Nörglern oder Kritikern, da sie, wenn auch unwissend, sich nur am Schaden der Anderen erfreuen. Doch gleichzeitig fürchten sie sich panisch davor, dass ihr Leben nur begrenzt ist. Würden diese Menschen aber verstehen, das sie sich nur durch Leiden über diese Furcht erheben können, gelänge es ihnen auch diese Begrenzungen zu überwinden. Doch die Gewohnheit hält sie davon ab.

Vielleicht ist es auch die über viele Jahrhunderte missverstandene Bedeutung jenes berühmten Leidensweges Christi. Jesus warb nicht für obligatorischen Jammer, sondern versuchte den Menschen zu verdeutlichen sich nicht gegen das Leid zu stellen, sondern es durchzustehen, um letztendlich Freude zu ernten. Das aber setzt voraus, dass man überhaupt erst einmal gelernt hat sich zu freuen!

Die Ehrfurcht vor Verboten, Strafen und Züchtigungen – die es in allen Religionen gibt – hält viele davon ab sich aus den Fesseln des Leids zu lösen und sich endlich auch einmal zu freuen. Ist das aber nicht eine Verleugnung des eigenen Schmerzes, ein Verbergen der Tränen unter einem Lächeln, das eigentlich nur ein allzu leidendes, allzu verwundbares Gemüt verbirgt?

Aus der Tiefe des Leids strebt zwar keine Heiterkeit oder Sorglosigkeit empor, doch wer das Leben grundsätzlich bejaht – auch in Zeiten von Not, Schmerz oder Sorgen –, entwickelt ein natürliches Vertrauen dafür, dass kein Problem endgültig ist.

Der Weg geht vom Leiden müssen, durch Leiden wollen, zum Leiden können und schließlich zur Heiligung des Leids. Doch ist dabei der Blick nicht auf das Leid zu richten, sondern auf eine sicher kommende Erheiterung.

Unsere Leiden sind nie das Ziel, immer nur der Weg – der Weg zur Freude, zum Strahlen und zum Licht.

 

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