Mönche

Die deutsche Prophetin vom Rupertsberg

von Johan von Kirschner

Hildegard von Bingen - ewigeweisheit.de

Den mystischen Schriften der Hildegard von Bingen wird nachgesagt, das Herz ihrer Leser zu erheben. Man erfahre darin vom geheimen Wesen der Natur, über die Schöpfung und das wahre Wesen Gottes. Sie war eine Universalgelehrte und Seherin, Autorin, Komponistin und Mystikerin, die auf ihre Zeitgenossen großen Einfluss ausübte. Besonders wegen ihrer Heilkunde, ist die Hildegard auch heute noch vielen Menschen bekannt.

1098 wurde die Heilige Hildegard von Bingen in eine wohlhabende Familie geboren und wuchs auf in einem Landgut in der Nähe des rheinhessischen Alzey. Schon als Kind empfing sie Visionen und vernahm in sich, himmlischen Gesang. Doch diese Gesichte und Auditionen, gingen einher mit Schwächeanfällen und Krankheit. Mit niemandem ihrer Familie aber sprach sie darüber. Was sie sah, verheimlichte sie, soweit sie konnte.

Dementsprechend führt Gott, wenn er seinen Geist im Dienst von Prophetie, Weisheit oder Wundern in einen Menschen schickt, dessen Fleisch häufig aber nicht durch Schmerzen bindet, dann wendet es sich leicht weltlichem Wandel zu.

- Aus der Vita

In ihren Audiovisionen wurde sie durch die Krankheiten, die ihr Gott sandte, zur Veröffentlichung der empfangenen Offenbarungen quasi gezwungen, wie Hildegard schrieb. Ihre »Schmerzen« dabei, dienten Gott als Instrument, um Hildegard vor Überheblichkeit zu bewahren. Denn das Durchleiden von Schmerzen und Krankheit, wahrt die nötige Demut, um die göttliche Schau zu vernehmen.

Gott wollte das arme Geschöpf, durch das er diese Schrift ausgegeben, mit dem Öle seiner Barmherzigkeit salben. Denn vom Tag ihrer Geburt ist sie in ein Netz von Schmerzen und Krankheiten verstrickt. Es gefiel jedoch dem Herrn noch nicht, dass sie aufgelöst werde, weil sie durch die Höhle ihrer Vernunft noch manche Geheimnisse schaut. Diese Schauung griff derartig ihre Gesundheit an, dass sie öfter vor Erschöpfung zusammenbrach. Darum ist sie auch in physischen Dingen wie ein Kind. Sie ist abhängig von der Inspiration des Heiligen Geistes, ist seine bestellte Dienerin.

- Aus dem Liber divinorum operum

Je feiner und zarter sich eben ein menschlicher Organismus zusammensetzt, um so leichter und intensiver kann er übernatürliche Anregungen empfangen. Nicht zufällig erfahren wir in der Geschichte der christlichen Mystik davon, dass fast alle auserwählten Seelen, die zu einer außergewöhnlich hohen Empfänglichkeit befähigt waren, schon durch ihre natürlichen, physiologischen Anlagen, dem leisesten Hauch übernatürlicher Einwirkung entsprachen. So konnten sie eben als Heilige, als Propheten Gottes, ihre Zeitgenossen und deren Nachfahren, von den empfangenen Weisheiten kosten lassen.

Das Hildegards Visionen und Auditionen, nichts Angedichtetes gewesen sein können, das belegt ihr außergewöhnliches Werk. Schließlich war sie ja nicht nur Verfasserin heiliger Texte und Gedichte, sondern komponierte einen bis dato nicht gewesenen Kirchengesang. Außerdem erfand sie eine komplett neue Heilkunde. Außergewöhnlich dabei ist, dass sie ihr riesiges Werk schuf, ohne jemals eine umfassende Bildung erfahren zu haben. Weder war sie früh geübt in der Schreibkunst, noch hatte sie eine Ausbildung als Komponistin wahrgenommen.

Wie man aus den Schriften des Zisterziensers Bernhards von Clairvaux erfährt, mit dem sie brieflichen und persönlichen Kontakt pflegte, grenzten Hildegards Begabungen recht an Wunder. Ein Hinweis auf ihre tatsächlich magere literarische Bildung ist, dass in ihren Schriften einfach Zitate fehlen, was wohl belegt, dass sie nie viel gelesen hat. Ihr Wissen ging also eigentlich nicht über das hinaus, was ihre Umgebung wusste. Was sie aber wusste, das erwarb sie in ihren Unterredungen und im Umgang mit den vielen gebildeten Theologen denen sie begegnet war.

Hildegards Erziehung

Bereits im Alter von acht Jahren, übergaben Hildebert und Mechthild von Bingen, ihre Tochter zur religiösen Erziehung an ihre Erzieherin Jutta von Spondheim (1092-1136). Mit zwölf Jahren bezog Hildegard das Benediktinerkloster Disibodenberg, bei Bad Kreuznach (Rheinland-Pfalz). Das Kloster war benannt nach dem irischen Einsiedlermönch, dem Heiligen Disibod, über den Hildegard später eine Biografie verfasste.

Der Heilige Disibod errichtete einst eine Mönchsklause, am Zusammenfluss von Nahe und Glan, auf dem Grund eines alten römischen Jupiter-Tempels. Dort sollte dereinst die 16-jährige Hildegard zur Nonne geweiht werden.

Nach dem Tod ihrer Meisterin Jutta von Spondheim wählten die Nonnen der Frauenklause des benediktinischen Klosters Disibodenberg, die Hildegard von Bingen zu ihrer neuen Meisterin. Doch es schien nicht alleine eine Abstimmung gewesen zu sein, als vielmehr eine göttliche Auserwählung, heißt es doch, dass die Lichtfunken ihres hohen Geistes, ein mystisches Zwielicht über ihre Gestalt ausgoss. Darin erkannten ihre Klosterschwestern den Segen Gottes, der auf der Hildegard ruhte.

Gotterleuchtung

Hildegards ausgeprägten visionären Fähigkeiten, entzündeten ihr Inneres mit dem Licht eines höheren Geistes. Die Menschen ihres Umfelds nahmen das auch wahr. Immer wieder schien sie in ein geheimnisvolles Ringen verstrickt, mit dem Geist Gottes. Weniger aber waren ihre mystischen Gesichte Kämpfe, als eher ein von innen her drängendes Vermächtnis, einer eigentlich noch höheren Aufgabe. Auf kurz oder lang nämlich, sollte in ihrem Wirken sich etwas entfalten, was schon ewig auf sein Erblühen wartete.

Als sie selbst noch ihrer Meisterin Jutta von Spondheim diente, hielt sie ihre visionäre Begabung zurück, vollkommen bescheiden und in ängstlicher Bemühung. Doch nun selbst zur neuen Meisterin ernannt, ereignete sich etwas, wodurch ihr anscheinend Prophetenrecht erteilt wurde. Im Alter von 42 Jahren, auf der Höhe ihres Lebens, erschien ihr ein himmlisches Licht, woraus eine Stimme zu ihr sprach:

Oh du gebrechliches Geschöpf, Staub von Staub, Asche von Asche, sprich und schreibe nicht nach menschlicher Rede, nicht nach menschlicher Einsicht, nicht nach menschlicher Darstellungsweise, sondern so, wie du es in Gott vernimmst, so wie der Schäler die Worte des Lehrers wiedergibt.

- Aus Scivias

Das Licht, das sie in diesem Moment durchflutete, glich einer Flammenzunge, die zwar nicht brannte, sie aber wärmte, wie die Strahlen der Sonne, die im Frühling die Natur zum Leben erweckt. In dieser Vision verspürte sie ihr Inneres erhellen, in einer solch wunderbaren Klarheit, dass sich ihr darin die höchsten Mysterien des Himmlischen offenbarten. Nicht etwa war das, was sie darin sah eine traumartige Einbildung und auch kein Produkt ihrer Phantasie, sondern ein seelischer Vorgang, der sich unabhängig von Gedanken und Sinneswahrnehmung vollzog.

In einem Brief an den Mönch Wibert von Gembloux (1125-1213), schrieb Hildegard über diese Erfahrung Folgendes:

Wie der Spiegel, der alles reflektiert, in einen Rahmen gefasst wird, so hat Gott die menschliche Vernunft in den Rahmen des Körpers eingeschlossen. Durch sie schaut der Mensch die Geheimnisse Gottes wie in einem Spiegel […] Von meiner Kindheit bis zu dieser Stunde, da ich über siebzig Jahre zähle, gewahre ich ununterbrochen jenes Licht in meinem Innersten. In diesem Licht erhebt sich meine Seele auf Gottes Geheiß zur Höhe des Himmels, in die Lüfte und zu den Wolken, zu den entferntesten Orten und ihren Bewohnern. Ich sehe alles bis ins Kleinste. Aber ich vernehme es nicht durch die fünf Sinne meines Körpers, ich erreiche es nicht durch intensive Gedankenarbeit, sondern alles steht klar vor meinem Geiste. Meine Augen sind offen, keine Ekstase umfängt mich. Ich schaue es Tag und Nacht, wachend und träumend, aber oft todkrank und sterbensmatt.

Das Licht, welches ich erblicke, ist an keinen Raum gebunden. Aber es ist heller als die Wolke, welche die Sonne trägt. Es hat weder Länge noch Breite noch Tiefe. Ich nenne es den 'Schatten des lebendigen Lichtes'. Wie Sonne, Mond und Sterne sich im Wasser spiegeln, so spiegelt sich in ihm Schrift und Wort, Tun und Lassen der Menschen. Was ich in diesem Lichte schaue, verstehe ich sofort und behalte es lange Zeit. Was ich aber nicht in diesem Lichte erkenne, bleibt mir fremd, da ich keine gelehrte Bildung besitze. Was ich in diesem Lichte sehe, höre oder schreibe, bringe ich in formlosen lateinischen Worten vor, so wie ich sie in der Vision vernehme. Ich schreibe nicht wie die Philosophen, meine Worte erklingen nicht wie die menschliche Stimme. Sie gleichen stattdessen einer zuckenden Flamme, einer Wolke die in klarer Luft schwebt.

Die Gestalt des Lichtes, umfasse ich so wenig, als ich die Sonnenkugel mit meiner Hand umspannen kann. Manchmal, jedoch nicht häufig, sehe ich in der Lichtwolke ein anderes helleres Licht, dass ich das 'lebendige Licht' nenne. Wann und wie ich es sehe, vermag ich nicht zu beschreiben. Aber wenn ich es schaue, dann entschwindet mir jede Trauer und jede Not. Dann fühle ich mich wieder jung und vergesse, dass ich eine alte Frau bin.

- Aus den Schriften der Hildegard von Bingen, herausgegeben von Jean-Baptiste Pitra

Von der Nonnenklause zum eigenen Kloster

Wegen Hildegards ungewöhnlichem Charisma, drängten immer mehr neue, adlige Jungfrauen in die Nonnenklause auf dem Disibodenberg. Von Jahr zu Jahr wurde die Unterkunft enger. Auch Umbauten und Erweiterungen der Klostergehöfte durch die Benediktiner, sollten nicht mehr ausreichen. Nur ärmlich erschien das Frauenklösterlein neben den Wohnstätten der Mönche.

Die Heilige Hildegard war aber von weit größerer Bedeutung, mehr als nur die Spitze eines Anhangs auf dem Kloster Disibodenberg. So beratschlagten die Nonnen über eine Verlegung des Klosters. Schließlich leuchtete der Hildegard in einer Vision, der Ort ihrer zukünftigen Heimat auf. Ehe aber die Meisterin ihren geistlichen Töchtern den Ort offenbarte, traf sie eine schwere Krankheit. Sie verlor ihr Augenlicht und verfiel in einen Zustand der Lähmung! Kaum aber hatte sie den Schwestern ihre Vision verkündet, konnte sie wieder sehen und die Lähmungserscheinungen lösten sich allmählich auf. Als Ort war ihr der Rupertsberg verheißen worden, an der Flussmündung der Nahe in den Rhein.

Hier sollte die Gründung ihres Frauenklosters Gestalt annehmen. Nach Hildegards Vorstellungen, wurde das Kloster dort gemäß eines Idealplans gebaut. Wegen seiner besonderen Bauweise, seiner Arbeits- und Wohnräume und dem fließenden Wasser, das dort zur Verfügung stand, war das Kloster Rupertsberg weit über seine Grenzen hinaus bekannt.

Klosterruine Rupertsberg - ewigeweisheit.de

Klosterruine Rupertsberg - Gemälde von Carl Woog

Politik einer Asketin

Grundsätzlich kann man in Hildegards Nachwirken erkennen, dass sie nicht allein durch ihr Sendungsbewusstsein die Geschicke der Kirche beeinflusste, sondern auch durch ihre gekonnte Selbstinszenierung – wie sonst auch hätten Kleriker, Bischöfe und sogar Päpste über sie gesprochen?

Doch auch wenn sie ihre persönlichen, spirituellen Erfahrungen von Gott empfing, bezog sie diese keineswegs nur auf sich selbst, noch behielt sie sie einfach nur für sich. Eher fühlte sie sich, ihrer Empfindung nach dazu berufen, ihre Mission an andere Menschen zu übermitteln und sie damit zu einem besseren Leben zu führen.

Doch wie auch ihr Zeitgenosse Bernhard von Clairvaux, ermahnte sie im 10. Jahrhundert den Klerus Verantwortung zu übernehmen, beim Kampf gegen die Sekte der Katharer. Auch hier wird deutlich, wie lang der Schatten der katholischen Kirche, seine Furchen in die damalige gnostische Bewegung Südfrankreichs riss. War es die Angst vor einem Machtverlust, dass die katholischen Kleriker dazu brachte, die in Europa so rasch wachsende katharische Bewegung ausrotten zu wollen? Oder waren hier noch subtilere Einflüsse zu Gange?

Die asketische Lebensweise der Katharer, die eigentlich dem Mönch- und Nonnentum sehr ähnelte, unterschied sich jedoch, durch einen Glauben wo Körper und Geist synonym begriffen wurden, als Manifestationen des Bösen zum Einen und des Göttlichen zum Anderen. So interpretierte man im Katharerglauben, oberflächlich betrachtet, als Böses auch die Schöpfung des menschlichen Leibes. In einem Dualismus dieser katharischen Theologie, wurzelte darum eine Ablehnung der Ehe und damit natürlich der Fortpflanzung. Die »Weltflucht der Katharer« stand entgegen dem Glauben, dass Jesu Christi in fleischlicher Menschwerdung, als Sohn Gottes auf Erden erschien.

Da die Katharer aber in so kurzer Zeit erheblichen Einfluss in Europa gewannen, wurden sie zur echten Gefahr für die Kirche. Es wurden also Gegenmaßnahmen eingeleitet und man bat die Hildegard von Bingen um Rat. Man verlangte von ihr sogar, den häretischen Katharismus auf ihren Predigtreisen anzuprangern, leugneten die Katharer doch die wichtigsten Dogmen des katholischen Christentums. Im 11. und 12. Jahrhundert schien sich in der damaligen, alten Welt, eine wesentliche Neuordnung zu vollziehen. Wer als Christ eine neue spirituelle Strömung in den Lauf der christlichen Geschichte einführen wollte, was für Hildegard von Bingen ja zutraf, der sah sich anscheinend gezwungen, allen anderen Glaubensbewegungen Einhalt zu gebieten, um die Ekklesia, die christliche Gemeinschaft, nach eigenen Vorstellungen zu formen und einen ganz eindeutigen Weg zu Gott zur Verfügung zu stellen.

Schwierig aus heutiger Sicht einzuordnen, was diese alten Vorstellungen von rechtem und unrechtem Gottesglauben prägte. Im Hochmittelalter wussten nur die Eingeweihten von anderen Völkern und Kulturen. So stand es einfach außer Frage, welche Lehren sich aus Weisheiten ziehen ließen, die einst jenseits der Grenzen des damals bekannten Morgenlands entstanden waren. Man wusste nicht von einer persischen Hochkultur, die damals der europäischen bei Weitem überlegen war.

Das war die Zeit, wo eben genau wegen des hohen Selbstbildes christlicher Heiliger, wie Hildegard von Bingen oder Bernhard von Clairvaux, man überhaupt erst jene Brücken baute, über die neues Wissen aus dem Orient nach Europa kommen und das hiesige Geistesdenken beflügeln sollte. Was in dieser Zeit des Übergangs jedoch auf politischer und gesellschaftlicher Ebene, mit diesem Bestreben einher ging, das steht auf einem anderen Blatt. Denn es ist klar, dass diese Vorgänge grausames Blutvergießen begleitete: die Kreuzzüge. In Westeuropa hinterließ das, aus heutiger Sicht betrachtet, bei immer mehr Menschen darum nichts als nur Zweifel oder sogar Abscheu, gegenüber der Institution Katholische Kirche.

Mystische Schriften

Es bleibt aber unbestritten, dass in den monastischen Schriften der Heiligen Hildegard, sich wahre Weisheit finden lässt. Ganz und gar noch unabhängig von orientalischem Einfluss, entfachten sie eine regelrechte Euphorie, im Kreise ihres Wirkens.

Im Alter von 43 Jahren, begann Hildegards literarisches Schaffen. Worüber sie schrieb, waren die in ihren Visionen empfangenen mystischen Erfahrungen. In Offenbarungen habe Gott sie beauftragt, ihre durch Vision und Audition empfangenen Eingebungen aufzuschreiben.

Voller Furcht und zitternd vor gespannter Aufmerksamkeit, blickte ich gebannt auf ein himmlisches Gesicht. Da sah ich plötzlich einen überhellen Glanz aus dem mir eine Stimme vom Himmel zurief: 'Du hinfälliger Mensch, du Asche, du Fäulnis von Fäulnis, sage und schreibe nieder, was du siehst und hörst. Doch weil du furchtsam bis zum Reden, in deiner Einfalt die Offenbarung nicht auslegen kannst, und zu ungelehrt bist zum Schreiben, rede und schreibe darüber nicht nach Menschenart, nicht aus verstandesmäßiger menschlicher Erfindung heraus, oder in eigenwilliger menschlicher Gestaltung, sondern so, wie du es in himmlischen Wirklichkeiten in den Wundertaten Gottes siehst und hörst.'

- Aus Scivias

Die Heilige Hildegard war sehr bescheiden, verwies sie doch selbst immer wieder auf ihre fehlende Bildung und ihre schwächliche körperliche Konstitution. Ihre Weiblichkeit erschien ihr als Grund, sich stets selbst demütig erniedrigen zu wollen. Nur so nämlich glaubte sie dem allmächtigen Gott empfänglich dienen zu können.

Ihre visionären Offenbarungen, zeigten sich der Hildegard als »lebendiges Licht« (lat. lux uiuens), woraus ihr einer zurief – für sie, die Stimme Gottes. Was sie da vernahm schrieb sie nieder, woraus ihr erstes Werk entstand: »Sci vias Domini«, kurz »Scivias« – das Buch der Visionen. Sie verfasste es als Zeugnis ihrer von Gott eingegebenen Visionen, der den Gläubigen als geistlicher Wegweiser dienen sollte.

Aus dem offenen Himmel fuhr blitzend ein feuriges Licht hernieder. Es durchdrang mein Gehirn und setzte mein Herz und die ganze Brust wie eine Flamme in Brand. Es verbrannte nicht, war aber heiß, wie die Sonne den Gegenstand erwärmt, auf den ihre Strahlen fallen. Und plötzlich erhielt ich Einsicht in die Schriftauslegung […]

- Aus Scivias

Da die Heilige Hildegard nun aber keine höhere Bildung besaß und ein, wollen wir sagen, »einfaches Gemüt«, schien sie diese »himmlische Stimme«, eben gerade deshalb auch auserwählt zu haben. Denn als Wort Gottes, konnte es sich nur in seiner vollen Reinheit offenbaren. Eine umfassende Bildung zu besitzen, geht wohl immer einher mit einer gewissen Voreingenommenheit, die einer »Prophetin«, wie man die Heilige Hildegard nennt, wohl eher geschadet hätte.

Das »feurige Licht«, über das Hildegard im Buch Scivias schreibt, ließ sie anschließend die vernommene Offenbarung verstehen, ohne dass sie sich das Verständnis hätte erschließen müssen, wie etwa durch die Bearbeitung der Texte. Der Sinn Gottes, hinter der »fleischlichen Sichtbarkeit« der Dinge, wurde von ihr durch »Hören und Sehen« erfasst. Ohne Auslegung der Verse der Heiligen Schrift, vermochte sie deren Bedeutung intuitiv zu erfassen.

In ihren Auditionen und Visionen aber, war sie stets bei klarem Verstand, das heißt, sie empfing die Offenbarungen nicht während eines »Anfalls«, in Trance oder in Ohnmacht. Was sie während ihrer »Gesichte« vernahm, erfolgte nicht in Form einer geistigen Entrückung. Sie fühlte sich vielmehr wachbewusst, ganz in den Dienst Gottes gestellt. Als sein Instrument, gab sie eben nur seine Offenbarungen prophetisch wieder.

Mutterschaft aus dem Geiste und dem Wasser - ewigeweisheit.de

Aus dem Scivias-Codex (um 1165): Mutterschaft aus dem Geiste und dem Wasser.

Adam und Eva als Wesen vollkommener Liebe

Im Mittelalter verstand man die Welt als Realität eines Mikrokosmos und Makrokosmos. In dieser Welt lebte der Mensch mit Leib und Seele, und stand in Verantwortung gegenüber der Gemeine, der Natur und dem was an Gottes Gnade ihm zu Gute kam.

Hildegard galten Adam und Eva als Wesen, die in vollkommenster Liebe füreinander und gleichberechtigt zusammenlebten und sich auf diese Weise auch vereinigten, ohne sich dabei durch rein körperliche Begierden zu »beschmutzen«. Vielmehr ging es ihnen um ihre Lebensentfaltung, die durch den andersgeschlechtlichen Partner überhaupt erst ermöglicht wurde. Denn als Mann und Frau, bildeten sie als erste Menschen, das Werk Gottes auf Erden. So hatte im Paradies ein Ideal geschlechtlichen Zusammenseins geherrscht.

Mann und Frau sind auf eine solche Weise miteinander vermischt, dass einer das Werk des anderen ist. Ohne die Frau könnte der Mann nicht Mann heißen, ohne Mann könnte die Frau nicht Frau genannt werden.

- Aus dem Liber divinorum operum

Doch schließlich wurde Eva durch den Teufel betrogen und damit von ihr die Sünde empfangen. Adam hatte ihr wie ein kleiner Junge vertraut und ebenfalls vom verbotenen Apfel gekostet. Damit war die Sünde auch auf die Fortpflanzung der ersten Menschen übergegangen. Hier sah Hildegard die grundsätzliche Last, die damit dem Menschengeschlecht aufgebürdet wurde.

So wie die Schlange des Teufels, die Eva verführte vom Baum der Erkenntnis zu schmausen, so war der Mensch von da an stets darauf aus nach Gründen zu suchen, seine Geilheit und sexuelle Lust anzuschirren. Denn der Teufel verleitete sie zur Befriedigung dieser Begierden. So waren Mann und Frau nicht mehr in vollkommener Liebe (Minne) verbunden, sondern brachen die Ehe und vereinigten sich geschlechtlich, nur zur reiner Lustausübung.

Doch darf der Mann vor den Jahren seiner Manneskraft seinen Samen nicht in unnützer Ausschweifung vergeuden. Es ist nämlich eine vom Teufel eingegebene Versuchung zur Sünde, wenn er in wollüstiger Begierde versucht, Samen auszustreuen, bevor dieser, Kraft seiner Glut und Hitze, in festerem Zustand vorhanden sein kann.

- Aus Scivias

Von Generation zu Generation und von Mensch zu Mensch, wurde diese »sündhafte Beschmutzung« weitergegeben.

Wer nun aber durch das Wort Christi seine reinigende Kraft empfange, dem böte sich Aussicht auf Reinigung von den Befleckungen des paradiesischen Sündenfalls und damit die Erlangung der Jungfräulichkeit all jener, die ihr Fleisch gereinigt haben. Denn durch Mariens jungfräuliche Empfängnis des göttlichen Wortes, statt durch männlichen Samen, war das Fleisch ihres Kindes unbefleckt und ebenso jungfräulich.

Emanzipation des Weiblichen

Augustinus von Hippo (354-430), lateinischer Kirchenlehrer der Spätantike, beschränkte die Möglichkeit weiblicher Selbstverwirklichung auf die Jungfräulichkeit, die Ehe und die Witwenschaft. In Mutter Maria sah Augustinus zwar die Vollendung des frommen Frauentypus, doch erscheint sie nie als eigenständige Persönlichkeit. Stets erfüllt sie das Leitbild einer dienenden Ehefrau und Mutter, was sie immer nur in Beziehung zu einem männlichen Partner befolgte: als jungfräuliche Gebärerin Jesu und untergeordnete Gattin Josefs. Weibliche Sexualität aber, war für Augustinus immer an die Sünde Evas geknüpft. Man warf ihm darum später vor, mitverantwortlich zu sein, für die Jahrhunderte anhaltende männliche Dominanz im christlichen Kulturkreis.

Auch wenn Hildegard von Bingen unter dem Einfluss der Moralvorstellungen des Augustinus stand, schien sie seiner eher frauenfeindlichen Tendenz entgegengewirkt zu haben. Sie rückte den weiblichen Körper in ein positiveres Licht, indem sie Eva's Weiblichkeit in ein völlig neues Verhältnis zur Jungfräulichkeit Mariens stellte.

Hildegard sprach nicht Eva die Schuld dafür zu, dass das menschliche Fleisch durch den Sündenfall beschmutzt worden sei. Es war des Teufels List, durch die Eva betrogen, gegenüber Gott in Ungehorsam fiel. Sie stellte Maria und Eva nicht mehr einander entgegen, sondern sah Eva als in Maria enthalten, waren doch beide Urtypus der Mutterschaft: Eva als Mutter des Menschengeschlechts und Maria als Mutter des Erlösers des Menschengeschlechts.

Ein makelloser Spiegel Gottes

Für Hildegard wurde Eva von Gott erschaffen, als Spiegelgestalt, in der das gesamte Menschengeschlecht bereits latent vorhanden war. In Eva wurde es bereits vorbereitend versammelt. Dieses Attribut des göttlichen Spiegels, deutet ihre göttliche Zugewandtheit an. Inbegriff dieser Symbolik natürlich ist die Maria, als Spiegel der Jungfräulichkeit, für das göttliche Licht empfänglich.

Hildegard knüpfte nun an die Vorstellung der Empfänglichkeit Evas (irdisch) und Marias (himmlisch) eine dritte Form der Empfängnisbereitschaft: die Ekklesia – die Gemeinde der Gläubigen. Wenn sich nämlich die Menschen, als ebenso gereinigter Spiegel und in christlicher Gemeinschaft, als scheinbarer Mutterschoß dem Heiligen Geist hin öffnen, ließe sich ebenso in ihnen das Werk Gottes verwirklichen.

In ihrer Scivias stellte Hildegard die Ekklesia darum als riesengroße Frauengestalt dar. Doch weder hatte diese Beine noch Füße. Sie stand auf ihrem Rumpf vor dem Angesicht Gottes:

Ihr Leib war wie ein Netz von vielen Öffnungen durchbohrt, durch die eine große Menge Menschen ausgingen und eingingen. […] Und die Gestalt breitete ihren Glanz aus wie ein Gewand und sprach: 'Ich muss empfangen und gebären.'

- Aus dem Scivias

Durch die Taufe werden die Mitglieder der Gemeinschaft der Kirchengemeinde gereinigt und so auf die Jungfräulichkeit der Ekklesia vorbereitet. Die Aussage »Ich muss empfangen und gebären« verweist auf die Verbundenheit der Ekklesia zur Mutter Erde, wo die Kirche als lebendige Erde, fruchtbar und trächtig neue Gläubige hervorbringen kann.

Dafür stand bei Hildegard als Symbol der Mond. Denn sein Licht existiert nur durch das Licht der Sonne, für die im christlichen Glauben, die Erscheinung Christi steht. Seit uralter Zeit war der symbolische Mond daher Inbegriff des Vermittlers zwischen Himmlisch-Göttlichem (Sonne) und Irdisch-Weltlichem (Erde), da er das Licht von der Sonne empfangend, an die Erde weitergibt. Diese kosmischen Prinzipien, lassen sich ebenso übertragen auf die Beziehung zwischen Mann und Frau, Adam und Eva, Christus und Kirche. So wie der Mond das Wasser der Erde lenkt, galt Hildegard die Kirche als Wasserspenderin und Mutter allen spirituellen Lebens, Mittlerin zwischen dem Licht Gottes und dem Individuum.

Das Wesen der Sonne nun, ist zu stark für den Einzelnen, denn wer sie direkt anblickt wird geblendet. Doch der Mond, als Spiegel und Mittler des Lichts der Sonne, kann betrachtet und »genossen« werden. Auf diese Weise mildere auch die Kirche die gleißenden Strahlen des Göttlichen, wenn sie diese als jungfräuliche Braut aufnimmt und zu den Gläubigen bringt. Durch den Ritus der Taufe nun, wird damit auch der Kirche, die Kraft des Gebärens gleichnishaft verliehen. Als geistige Mutter nämlich, verbindet sie sich mit Eva und Maria, als ihre symbolische Nachfahrin.

Die wahre Dreiheit in der wahren Einheit - ewigeweisheit.de

Aus dem Scivias-Codex (um 1165): Die wahre Dreiheit in der wahren Einheit.

Flüssiges Licht

Das Titelbild dieses Essays (siehe ganz oben) ist eine Miniatur aus dem »Liber divinorum operum« – Hildegards visionärer Schriftsammlung, »Buch der göttlichen Werke«. Darin sieht man in der Mitte Hildegard in der Situation des Empfangens einer Audiovision. Das von oben kommende, »flüssige Licht«, wie sie es nannte, manifestierte sich als Bild ihrer Vision in ihrem Körper, dass sie dann auf einer Wachstafel in Händen niederschrieb.

Neben ihr befindet sich die Nonne Richardis von Stade, zu der Hildegard ein besonders inniges Verhältnis hatte. Sie war die Augenzeugin Hildegards visionärer Momente. Was Hildegard aber auf ihrer Wachstafel aufzeichnete, wurde von dem Mönch Volmar auf Pergament schriftlich festgehalten. Nicht aber war ihr der Mönch übergeordnet, oder ließ seine eigenen Erkenntnisse oder Gedanken in die Niederschrift mit einfließen. Hildegard blieb alleinige Autorin aller ihrer Werke. Sie war die Lehrerin Volmars, der als ihr Sekretär fungierte und ihr half, den Schriftkorpus ihrer Visionen niederzuschreiben. Die Miniaturen in den Schriften der Hildegard von Bingen, sollten an ihre Offenbarungen erinnern und dem Leser als Inspirationsquelle dienen.

In seiner Hildegard-Biografie, der Vita S. Hildegardis virginis (Leben der Heiligen Jungfrau Hildegard) schrieb Theoderich von Echternacht:

Großartig ist auch dies und bewundernswert, dass sie das, was sie im Geist gehört und gesehen hat, in derselben Bedeutung und mit denselben Worten besinnen und klaren Sinnes eigenhändig schrieb und mündlich mitteilte, wobei sie mit einem einzigen zuverlässigen Mann als eingeweihtem Mitarbeiter zufrieden war, der es wagte, um Dienst der Klarheit der grammatischen Struktur, von der er selbst nichts verstand, Kasus (grammatischer Fall), Tempora (grammatische Zeitform) und Genera (grammatische Geschlechter) in Ordnung bringen, ohne aber ihrer Bedeutung ihrem Verständnis etwas hinzuzufügen oder fortzunehmen.

»Wisse die Wege des Herrn«

Wie Hildegard in ihrem Scivias andeutet, drängte sie Gott in 26 Visionen zum Schreiben. Daraus wurde noch zu ihren Lebzeiten im Kloster Rupertsberg eine Handschrift hergestellt, die wohl zu den schönsten Kodizes des 12. Jahrhunderts gehört.

Beschreibungen ihrer Visionen über Gott, die Engel, den Urzustand der Welt, Fall und Erlösung des Menschen, die Seele in ihren Kämpfen, Kirche, Eucharistie, Antichrist und Weltende, »reihen sich wie Perlen verschiedener Größe auf den Rosenkranz des Scivias«. So formulierte es der christliche Historiker Johannes May, in seiner 1911 erschienenen Hildegard-Biografie.

Als Wegweiser, lässt der Scivias inhaltlich keine Widersprüche zu. Darum beanspruchte Hildegard für sich, dass ihre göttlichen Visionen, konkrete Wahrheiten sind. Nicht mehr schüchtern wie einst, sondern mit einer gewissen Autorität, sprach sie von ihren Visionen:

  • Der Sohn ruht im Herzen des Vaters.
  • Ihn schmücken die sieben Gaben des Heiligen Geistes.
  • Er verkörpert die menschliche Schönheit.
  • Die Empfängnis des Menschen gilt als Schuld.
  • Durch die fünf Wunden Christi sind die fünf Sinne des Menschen geheiligt.
  • Maria heißt Morgenröte, da sie das lichterfüllte Blut des Erlösers in ihrem Schoße barg.

Doch außer diesen konkreten Einzelheiten, die wohl insbesondere für ihre monastischen und klerikalen Mitbrüder und Mitschwestern von Bedeutung gewesen sein dürften, besaß der Scivias Bedeutung als Wegweiser. Das galt auch für viele ihrer anderen Zeitgenossen, denn schon früh wurden Hildegards Visionen aus dem Scivias durch Abschriften verbreitet.

Ihre Visionen empfing sie, wie zuvor beschrieben, durch Belehrungen des »Lebendigen Lichts«. Diese lichthaften, inneren Erscheinungen, hatten sie Zeit ihres Wirkens nicht verlassen.

Dann sah ich ein außergewöhnlich helles Licht und in dem Licht die Gestalt eines Menschen, der die Farben eines Saphir besaß, aus dem herrlich brennendes, rotes Feuer strahlte. Und das helle Licht durchflutete all das rote Feuer und das rote Feuer, durch all das helle Licht und das helle Licht, sah man zusammen in der Gestalt des Menschen, so dass sie ein Licht mit einer Macht und Stärke waren. Und da sprach wieder das Lebendige Licht zu mir.

- Aus Scivias

Dieses »Lebendige Licht« natürlich, signalisiert das Göttliche. Und wenn von einem farbig leuchtenden Saphir die Rede war, so ist das de facto eine Metapher für den gottgesandten Christus. Die Röte jenes Lichts, das von ihm ausgeht, steht für das Feuer des Heiligen Geistes, durch den Maria jungfräulich empfangen, den »Sohn Gottes« Jesus Christus gebar.

Die sich gegenseitig durchflutenden Lichter und das rote Feuer, die eins sind, stehen für die Einheit von Vater, Sohn und Heiligem Geist in Gott, als Einheit vollkommener Majestät.

Im Scivias schreibt Hildegard, wie sich ihr der Sinn hinter dem Geheimnis Gottes offenbarte. Damit ein Mensch versteht, worin die Vollkommenheit Gottes bestehe, bleibt der Ursprung Gottes im Verborgenen, was allerding auch bedeutet, dass es darin an nichts mangelt. Damit lassen sich alle nur erdenklichen Ströme geistiger Kraft empfangen. Wäre Gott nämlich nicht vollkommen, wäre wohl auch alles Geschaffene umsonst. In diesem Ideal des göttlichen Werkes, erkannte Hildegard den Erschaffer allen Seins.

Nonne und Heilige

Weltliches und Himmlisches waren für Hildegard keine Gegensätze. Wohl eben darum wusste sie das lichthafte Wirken Gottes zu erkennen, in allem Lebendigen, im Kosmos, in der Natur und im Menschen. Darum wohl gelang ihr als Dichterin, Komponistin und eine der bedeutendsten Universalgelehrten des Hochmittelalters, vielen Menschen die heilsame Kraft des Göttlichen zuzuführen. Durch ihre Schriften und Prophezeiungen wurde Hildegard von Bingen eine der bekanntesten christlichen Persönlichkeiten der Neuzeit. Ihr Einfluss war immens, stand sie doch in Briefwechsel mit Päpsten und Königen. Immer aber galt ihre Sorge auch den einfache Menschen und den Armen, die zu ihr kamen und bei ihr Rat und Hilfe fanden.

Hildegard starb am 17. September 1179.

Am 10. Mai 2012 sprach sie Papst Benedikt XVI. heilig.

 

 

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Eine Chimäre in der Geschichte der Mystik: Bernhard von Clairvaux

von Johan von Kirschner

Bernhard von Clairvaux - ewigeweisheit.de

Um sich ein Bild zu machen, von dem französischen Mystiker und Heiligen Bernhard von Clairvaux, muss man ihn im geschichtlichen Kontext des 12. Jahrhunderts sehen. Europa befand sich damals in einer Phase gewaltiger Umbrüche. Wer in jenen Tagen an der Spitze der theologischen Geistesschulen stand, dessen Denken reflektierte unweigerlich die Verstimmtheit seiner Zeit.

Bernhard von Clairvaux setzte als Mönch und Prediger wichtige Zeichen, die auf die Geschicke der abendländischen Kultur direkten Einfluss ausübten. Viele schicksalhafte Fügungen, über die wir aus den Chroniken dieser Zeit erfahren, schienen auf sonderbare Weise mit Bernhard und den ihm nahestehenden Personen verquickt gewesen zu sein.

Es war die Zeit, als Nachrichten nach Europa kamen, über die Blüte einer fremden Hochkultur im Morgenland. Mathematik, Philosophie, Physik, Metaphysik, Medizin, Architektur und die schönen Künste, erlebten dort gerade ihr Goldenes Zeitalter und waren dem abendländischen Geistesleben in vielen Dingen überlegen. In Europa aber schien man davon nur zu ahnen – vielleicht aber auch nichts wissen zu wollen, denn die christlichen Heiligtümer von einst, bewachten jetzt die Fürsten jener unbekannten Religion, wo man angeblich einen Götzen Namens Mahomet anbetete. Das gemeine Volk wusste nicht, dass das kein falscher Gott, sondern der Prophet einer noch jungen Religion war, des Islam – in dem Juden und Christen das »Volk des Buches« genannt werden und die, wie auch Muslime, die spirituellen Nachkommen des Propheten Abraham sind. Sehr wahrscheinlich jedoch wusste Bernhard von Clairvaux sehr wohl wie es um diese Religion stand.

Zwischen Geistlichem und Weltlichem

Bernhard war ein frommer Mönch mit außergewöhnlichen spirituellen Fähigkeiten. Immer aber beschäftigten ihn auch weltliche Belange. Unzählige Widersprüche zankten offenbar im Verborgenen seiner Persönlichkeit. Als eigentlicher Verkünder des Friedens, führte er nicht nur die Christen seiner Zeit näher an ihren Glauben, sondern außerdem tausende Ritter, die wenn nötig, auch im Namen ihres Herrn sterben würden.

Bernhard wurde 1090 als Sohn burgundischer Adeliger geboren. Als er mit 22 Jahren seiner Familie erklärte Mönch zu werden, erstarrte sie in Fassungslosigkeit. Doch es kam noch besser, denn mit ihm zogen vier seiner Brüder ins nahegelegene Zisterzienserkloster Cîteaux ein. Auch viele seiner Freunde folgten ihm 1112 dorthin nach und wurden ebenfalls Mönche. Bernhard verstand es seine Mitmenschen ihrem wahren Wesen nach zu erkennen, sie so zu sehen wie sie wirklich sind, mit all ihren Anfälligkeiten und Versuchungen. Das schienen seine Zeitgenossen an ihm zu lieben und sich darum auch für seine spirituellen Ideen zu begeistern.

1115 entsandte der Abt des Klosters Cîteaux, Stephen Harding (1060-1134), Bernhard im Gefolge 12 anderer Mönche, nach Vallée d'Absinthe. Dort sollte er ein neues Kloster gründen, dem Bernhard den Namen Claire Vallée gab, woraus schließlich »Clairvaux« wurde.

Als Abt dieses neu gegründeten Klosters, verfasste Bernhard dort seine inspirierenden Schriften. Man könnte sagen, dass die Geschichte der Christlichen Mystik mit diesem Abt von Clairvaux begann. Seine persönliche Anziehungskraft, wegen der ihm schon seine Geschwister und Freunde gefolgt waren, sollte noch über größere Kreise hinweg wirken. Denn um den begnadeten Prediger von Clairvaux zu hören, besuchten Menschen aus ganz Europa sein Kloster. Wegen seiner bemerkenswerten Kenntnis der Heiligen Schrift, die er so wundervoll zu predigen vermochte, nennt man ihn auch den Doctor Mellifluus – den »honigfließenden Lehrer«.

Bernhard war im Stande auch die innere Bedeutung der Heiligen Schrift zu enthüllen, ihr Flügel zu verleihen und zum Leben zu erwecken. Er konnte auch in Anderen, die seine Predigten hörten oder lasen, ein wirkliches Empfinden der Bibeltexte entfachen. Doch dies gelang ihm nur, da das der echte Ausdruck seiner persönlichen Empfindung war – etwas, dass er an mystischer Erfahrung selbst erlebt hatte.

Im Mittelpunkt abendländischer Geisteskultur

Die Klöster Clairvaux und Cîteaux gediehen im 12. Jahrhundert zu einem spirituellen Zentrum, in dem die geistigen Kräfte des abendländischen Zeitalters zusammenliefen. Von hier aus prägte Bernhard von Clairvaux in seinem Wirken, ein halbes Jahrhundert europäischer Geschichte.

Sein gewaltiger Einfluss reichte in die Ränge des Vatikan und die Politik seiner Zeit. Er war Mentor von Päpsten und diente den Fürsten seines Landes als Berater. Aus dem Kreise seiner Familie stammte auch der Adlige Hugo von Payens (1070-1136) – der dann der erste Großmeister des Ordens der Templer sein sollte – für den Bernhard noch eine sehr wichtige Rolle spielte.

Die große Wirkung seiner spirituellen Betätigung, hinterlies ihre Spuren in den Gemütern ganz Europas. Dereinst sollte sogar der Papst ihn bitten, die Bildung eines der einflussreichsten Ritterorden der Geschichte voran zu treiben: Der Orden der Tempelritter. Seine Lobreden auf diesen christlichen Ritterorden und das Regelwerk das er für seine Mitglieder erschuf, sollte bald zum Ideal der abendländischen Aristokratie werden. Unter Bernhards Einfluss, gewannen die Templer immer mehr Mitglieder. Durch seine Predigt-Reisen rekrutierte er überall in Europa junge Adlige, die sich diesem neuartigen ritterlichen Mönchsorden anschlossen. Doch dazu später mehr.

Mystik des Heiligen Bernhard

Wenn man sich heute an Bernhard von Clairvaux erinnert, denkt man nicht zuerst an seine Kreuzzugspredigten, als eher an seine Spiritualität.

Bernhards Begabung als Mystiker war bemerkenswert. In 120 Predigten, die auch schriftlich niedergelegt wurden, schuf er einen Schriftkorpus, mit dem er die Angehörigen seines Ordens in das christliche Mysterium einweihte. Den wichtigster Teil seines Werkes bildet wohl das De Diligendo Deo – Über die Gottesliebe – und die Sermones super Cantica Canticorum – die Predigten über das Hohelied Salomos.

Seine Spiritualität stellte allerdings auch einen Gegenpol zur wissenschaftlichen Rationalität dar, die in der scholastischen Theologie, zu seiner Zeit viel Zustimmung fand.

Der Glaube der Frommen vertraut, er diskutiert nicht.

- Bernhard von Clairvaux

Statt das Wesen Gottes in einer Dialektik zu entzweien, versuchte Bernhard seinen Schülern das zu vermitteln, was man die Unio Mystica nennt, die mystische Liebesvereinigung der menschlichen Seele mit Gott. Dies gelang ihm in der sogenannten Brautmystik, die er aus den Versen des Hohelied Salomos entwickelte.

Für Bernhard bildete die menschliche Seele ein Ebenbild zu Gott. Dadurch war sie – und somit auch jeder Mensch – zur Unio Mystica mit Gott befähigt. Dank dieses angeborenen Seelenadels, bestand für jeden Menschen Zuversicht, durch seine Gottesliebe, den Wunsch nach Erlösung aus weltlichem Schmerz, letztendlich sich auch selbst erfüllen zu können.

Doch nicht jedem war diese hohe Form der Spiritualität zugänglich. Die in seinen Predigten verwendeten Gleichnisse, konnten darum den meisten seiner Zuhörer, nur eine erste Ahnung vom esoterischen Gehalt seiner Lehre vermitteln.

Hochzeit von Christus und der Kirche – ewigeweisheit.de

Die Mystische Hochzeit zwischen dem Christus und den Menschen der Gemeinde. Aus einem Buch des Herzogs von Berry (15. Jahrhundert).

Menschliche Seele - Göttliche Braut

In der wundervollen, liebeslyrischen Sprache des Hohelieds Salomos, erlebt der Leser einen erotischen Wechselgesang, wo es um die leidenschaftliche Hingabe eines Liebespaares geht: der jungen Königin von Saba und dem König Salomo. Der heilige Bernhard fand im Hohelied eine höhere Erzählebene, auf der er die ultimative Liebe zwischen Gott und seinem auserwählten Volk erfährt, was er letztendlich übertrug auf die Liebe zwischen Christus und seiner bräutlichen Kirchengemeinde.

Diese sogenannte Brautmystik, ist jedoch keineswegs nur allegorisch zu verstehen, sondern meint das betont körperbezogene Erleben des Lesers, während seiner Meditation über die Zeilen des Hohelieds. Es befähigt den Betenden, die darin verdichtete Weisheit in seinem Verstand so aufzunehmen, dass sie sich mit seinem emotionalen Empfinden auch tatsächlich begreifen lässt. Denn Bernhard galt Theologie nicht etwa nur als abstrakter Versuch die Wahrheit zu finden. Eher versuchte er durch seine Predigten tatsächlich seine Zuhörer auf einen spirituellen Pfad zu führen, wobei er durch seine mystische Sprache, in den Seelen aller Anwesenden, eine Liebe zu entfachen vermochte die ihnen gar das Empfinden einer heiligen Kommunion mit Gott vermittelte.

Inmitten seines Gebets träumt er (der Betende) von Gott. Was er da sieht ist (zwar nur) eine schummrige Spiegelung, kein Traumbild Auge in Auge. Doch selbst wenn es nur eine vage Ahnung ist, und kein echtes Sehen, vernimmt er den flüchtigen Anblick einer funkelnden Pracht vollkommenster Vorzüglichkeit, wobei er in Liebe entflammt und spricht: 'Von Herzen begehre ich dein des Nachts; dazu mit meinem Geist in mir wache ich früh zu dir (Jesaja 26:9).'

Eine Liebe wie diese ist voller Leidenschaft. Es ist eine Liebe, die die Freundin des Bräutigams wird, Liebe, die die treu ergebene und kluge Dienerin inspiriert, die der Herr für seine Familie (die Gemeinde der Kirche) bestimmt. […]

Letztendlich ist Gott selbst Liebe, und nichts Erschaffene kann befriedigen, den in Gottes Ebenbild geschaffenen Menschen, außer dem, nur ein Gott der Liebe ist, der alleinig über allem Geschaffenen steht.

- Sermones super Cantica Canticorum (Predigten über das Hohelied) 18:6

Wie die erotische Kraft eines sehnsüchtig Liebenden, schirrte er in Anderen eine Fähigkeit an, die sie zur spirituellen Reflexion führte. Immer schon war die erotische Allegorie ein Mittel der Initiation durch das Wort, was etwa auch im Buch Genesis erfolgte, wo spirituelles Erkennen und der Akt körperlicher Liebe, als synonyme Ausdrücke verwendet werden (Genesis 4:1).

Lectio Divina: Gebet in Meditation

Einer der rituellen Bestandteile des täglichen Klosterlebens ist die meditative Gebetspraxis. Mönche lesen dabei aufmerksam bestimmte Abschnitte aus der Bibel, worüber sie dann meditieren. Hierzu wählt ein Mönch einen bestimmten Vers aus der Heiligen Schrift, zum Beispiel einen Psalm, den er beständig wiederholt und leise vor sich hinmurmelt. Während dieses Lesens vernimmt der Betende das Wort Gottes, über das er dabei meditierend nachsinnt und aus dem gelesenen Bibelvers eine Antwort auf diese Anrede Gottes erhält.

Die Aufgabe der Mönche besteht nun darin, während ihrer geflüsterten Bibellektüre, dem Klang ihrer Stimme nachzuspüren. Damit machen sie aus der Heiligen Schrift etwas Lebendiges. In der Kontemplation über das biblische Wort, bewegt sich die Seele des Meditierenden dabei in geistigen Dialog mit Gott.

In dieser intensiven Beschäftigung mit den Versen der Heiligen Schrift, werden sich die Mönche der tieferen Bedeutung des Wortes gewahr. Allmählich beginnt der Betende, der im Bibelwort enthaltenen Weisheit voll bewusst zu werden, fängt an, eine Art Süße aus dem Text herauszulesen. Er beginnt sozusagen zu schmecken, was er in der Heiligen Schrift ließt, löst er in seiner Lektüre der Zeilen doch ein Mysterium.

Zu lesen, bedeutet auch einer Spur zu folgen. Einer Spur folgt auch der Winzer beim Lesen der Trauben vom Rebstock. Auch die Bienen in den Weinbergen folgen ihren Spuren, wenn sie die Blüten beehren. Ihre Lust ist es deren Nektar auszulösen, während sie sie bestäubt, damit in Zukunft auch die Nachkommen ihres Volkes wieder blüten aufsuchen werden.

Ein »Honigsammler« war auch der Heilige Bernhard, der den Spuren der Wörter der Heiligen Schrift folgte. Immer wieder sucht er ihre Buchstaben auf, um die darin enthaltene Süße auszulesen.

So wie Speise dem Gaumen süß ist, so schmeckt der Gesang der Psalmen dem Herzen. Doch die Seele, die inniglich weise ist, darf nicht unterlassen, ihn (den Psalm) sozusagen mit den Zähnen der Einsicht zu zerkleinern, denn wenn sie ihn in einem Brocken herunterschlingt, würde der Gaumen um den köstlichen Wohlgeschmack betrogen werden, der süßer ist als Honig der aus der Wabe fließt. Drum lasst uns beim himmlischen Gastmahle mit den Aposteln Honigwaben darbringen, auf die Festtafel des Herrn. Denn so wie Honig aus der Wabe fließt, soll aus der Schrift Ehrerbietung fließen (Hohelied 4:10f). Sonst nämlich, wenn du die Schrift ohne die Würze des Geistes hinunterschlingst, bleiben da nur Buchstaben toter Schrift zurück.

- Sermones super Cantica Canticorum (Predigten über das Hohelied) 7:5

Vom Schweigen über die Geheimnisse

Dem Heiligen Bernhard war bewusst, dass er in seinen Interpretationen gewiss Zurückhaltung wahren musste. Denn nicht jeder war mit dem angemessenen Bewusstsein ausgestattet, so großen spirituellen Themen wie der Heiligen Hochzeit, überhaupt gewachsen zu sein. Er wusste, dass das im Hohelied Salomos beschriebene Mysterium, durchaus vor Missverständnissen und Missdeutungen geschützt bleiben musste.

Bernhards in lateinischer Sprache verfassten Predigten über das Hohelied, waren nur jenen vorbehalten, die das nötige Bewusstsein besaßen, um seine Worte auch wirklich zu begreifen. Dazu gehörten wohl zuerst die Mönche des Klosters Clairvaux. Wen dann die Praxis der Lectio Divina, zu einem wahren spirituellen Leben befähigte, der brachte wohl auch die notwendige Verantwortung mit, die Bernhards Schriften ihren Lesern abverlangen.

Die Anweisungen, mit denen ich mich an euch wende, meine lieben Brüder, sollten sich von denen unterscheiden, die ich den Menschen in der Welt überliefere, zumindest die Art und Weise ist eine andere. Wer als Priester der Methode des Heiligen Paulus folgen will, gibt ihnen eher Milch zu trinken, als dass er ihnen feste Nahrung serviert (die sie nämlich nicht verdauen können) und serviert nahrhaftere Kost jenen, die spirituelle Erleuchtung erlangten: 'Und davon reden wir', so sprach er (der Heilige Paulus), 'auch nicht mit Worten, welche menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen (1. Korinther 2:13).' Und wieder: 'Von Weisheit reden wir aber unter den Vollkommenen (1. Korinther 2:6)', in deren Gemeinschaft, davon bin ich überzeugt, man euch findet, es sei den, dass euere Studien der göttlichen Lehren nicht anhielten, euere Sinne verendet sind, und ihr Tag und Nacht im Sinnen über das Gesetz Gottes verbrachtet. Daher seid bereit dazu euch eher vom Brot zu nähren, als von der Milch. Salomon hat vortreffliches Brot für euch, dass gar köstlich ist. Es ist das Brot eines Buches, dass man das 'Hohelied' nennt. Lasst es uns brechen, wenn ich bitten darf, und so verkünden.

- Sermones super Cantica Canticorum (Predigten über das Hohelied) 1:1

Rosen vor die Säue – ewigeweisheit.de

Ausschnitt aus einem Gemälde Pieter Brueghel des Älteren: Die niederländischen Sprichwörter (1559). Hier wirft einer Rosen vor die Säue - verschwendet etwas Kostbares an Unwürdige.

Worauf sich Bernhard hier bezieht ist die Arkandisziplin: der Grundsatz, nur im Kreise Eingeweihter über Geheimnisse zu sprechen. Denn Esoterik darf nichts Profanes werden, nicht zu Allerweltlichem verkommen und

die Perlen nicht vor die Säue geworfen werden.

- Matthäus 7:6

Und doch kann der, der Geheimnisse durch Allegorien und Metaphern verkündet, sich einer möglichen Auskunft nicht ganz versagen. Doch was er weiß, sind die ihm gesetzten Grenzen, die ein Uneingeweihter nicht kennt. Der spricht was ihm sein Wunsch nach Wichtigkeit gebietet.

Auf der anderen Seite, ist die Wissbegierde der meisten Menschen doch eher oberflächlich. Ein Wissender sollte also zuerst versuchen, neugierige Fragen in ihrer Bedeutungslosigkeit zu entlarven. Denn je wissensdurstiger jemand auf esoterisches Wissen ist, desto mehr zeigt das seine spirituelle Unreife.

Jesus ließ die meisten Menschen über die Bedeutung seiner Gleichnisse im Unklaren. Nur im Kreise der Zwölf, machte er den Grund dafür bekannt:

Euch ist's gegeben, zu wissen die Geheimnisse des Himmelreichs, diesen aber ist's nicht gegeben. Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat. Darum rede ich zu ihnen in Gleichnissen. Denn mit sehenden Augen sehen sie nicht und mit hörenden Ohren hören sie nicht; und sie verstehen es nicht. Und an ihnen wird die Weissagung Jesajas erfüllt, die da sagt (Jesaja 6,9-10): 'Mit den Ohren werdet ihr hören und werdet nicht verstehen; und mit sehenden Augen werdet ihr sehen und werdet nicht erkennen. Denn das Herz dieses Volkes ist verfettet, und mit ihren Ohren hören sie schwer, und ihre Augen haben sie geschlossen, auf dass sie nicht mit den Augen sehen und mit den Ohren hören und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren, dass ich sie heile.' Aber selig sind eure Augen, dass sie sehen, und eure Ohren, dass sie hören.

- Matthäus 13:11-1

Es bedarf einer gewissen Seelenhygiene, die ein Mensch erst im Laufe seines Lebens entwickeln muss – vorausgesetzt, er befasste sich über lange Zeit damit, was seinem Seelenleben gut tut. Erst dann ist einer dazu befähigt, aus seinem esoterischen Wissen anderen mitzuteilen. Es kann einer eben nur so weit andere führen, wie er schon selbst fortgeschritten ist. Was darüber hinausgeht, ist gefährlich – besonders dann, wenn einer zur Masse spricht. Wer ohne die entsprechende Erfahrung über die Bedeutung der Geheimnisse spricht, setzt damit nicht unbedingt seine eigene, gewiss aber die Sicherheit anderer aufs Spiel.

Du könntest alle Geheimnisse kennen, du könntest die Größe der Erde kennen, die Höhen des Himmels und die Tiefen des Meeres: Doch wenn du dich selbst nicht kennst, würdest du jemandem gleichen, der ohne Fundamente eine Ruine, statt eines Gebäudes errichtete. Alles was du außerhalb deiner selbst aufrichtest, wird wie ein Staubhaufen sein, der dem Wind preisgegeben ist. Keiner ist also weise, der nicht über sich selbst Bescheid weiß. Ein Weiser wird in Weisheit über sich selbst informiert sein, und er trinkt auch als Erster aus der Quelle seiner eigenen Wasserfülle.

- De Consideratione (Über das Nachdenken) II:3:6

Das schrieb Bernhard circa 50 Jahre nach dem ersten Kreuzzug. Papst Urban II. jedoch schien solchen Nachdenkens zu entbehren, als er 1095 zum Ersten Kreuzzug aufrief. Denn was sich damit von Frankreich in Richtung Palästina aufmachte, war ein unorganisierter Mob, gemeinen, ungebildeten Volkes.
Bereits in Ostfrankreich kam es zu Massenmorden an der jüdischen Bevölkerung. Solcher Art Pogrome zogen sich entlang der Kreuzfahrerroute bis in Heilige Land. Im syrischen Maarat an-Numan, sollte der Erste Kreuzzug seinen Höhepunkt an Grausamkeit annehmen, wo die barbarischen Kreuzfahrer in ihrer Hungersnot, sogenannte Ungläubige aufspießten und geröstet fraßen. Das berichtete der normannische Radulf von Caen (1080-1120) in seiner Kreuzfahrer-Chronik.

Ob der Heilige Bernhard von diesen Schreckenstaten wusste? Ignorierte er die Grausamkeiten und die unzähligen Menschen die auf dem Kreuzzug umkamen, auch die vielen Christen die aus Unwissenheit der Kreuzfahrer einen so erbärmlichen Tod fanden?

Abaelard und Heloise – ewigeweisheit.de

Abaelard und Heloise in einer Handschrift aus dem 14. Jahrhundert.

Wozu Bernhard außerdem fähig war

Die Äbtissin Heloise (1095-1164) vom französischen Frauenkloster Le Paraclet, könnte sehr wohl in Bernhards Werken und Wirken eine nicht unbedeutende Rolle eingenommen haben. Zu der nur fünf Jahre jüngeren Nonne, hatte Bernhard über lange Zeit Kontakt gepflegt und die beiden standen wohl auch in spirituellem Austausch.

Zwischen 1116-1118 traf Heloise den Mönch Pierre Abaelard (1079-1142). Er war zuerst ihr Lehrer, doch die beiden verliebten sich. Heloise wurde schwanger. Als Nonne aber war sie nun gezwungen ihr Kind im Geheimen zur Welt zu bringen. Abaelard wurde heftig bestraft. Viele Texte der Literatur des Hochmittelalters schrieben über diese verbotene, tragische Romanze.

In Briefen an Abaelard sprach Heloise interessanterweise auch das Hohelied Salomos an. Und da sie immer auch in Verbindung stand zu Bernhard von Clairvaux, liegt die Vermutung nahe, dass die Inspiration zu seinem Kommentar zum Hohelied, vielleicht auch mit ihr zu tun hatte. Dafür gibt es bisher keine genauen historischen Belege. Es bleibt also eine Vermutung. Bestätigt aber ist, dass Bernhard von der Liebesaffäre zwischen Heloise und Abaelard wusste. Doch nie sprach er darüber öffentlich.

Es scheint Bernhard aber gequält zu haben, von dieser Liebschaft zu wissen. Denn es war fast absurd, wie vehement er sich gegen die Lehren Peter Abaelards wandte. Der nämlich vertrat eine Philosophie der Vernunft, wo nicht-religiöse philosophische Techniken, zur Erklärung des Glaubensbegriffes zur Anwendung kamen. Das galt Bernhard als vollkommenes Absurdum. Denn jene mystische Liebe, die ein Gläubiger gegenüber Gott in der Unio Mystica erfährt, sei auch durch wissenschaftliches Hinterfragen nicht zu erklären. Abaelards Rationalismus und seine Mittel zur methodischen Wahrheitsfindung erschienen Bernhard darum einfach zwecklos. Für ihn war christlicher Glaube nur im Herzen zu erfahren. Bernhard glaubte, dass wer durch Verstandesdenken einen Beweis für die Existenz Gottes logisch herzuleiten gesuchte, nichts als nur den Teufel fand.

Bernhard erschien Abaelars Philosophie aber sogar als Angriff auf seinen christlichen Glauben. Und durch sein Drängen, verwarf die Katholische Kirche Abaelards Lehren sogar als Häresie, für die dieser vor dem Konzil von Sens (1141) der Ketzerei angeklagt wurde. Ein Gerücht behauptet, Bernhard hätte die Anwesenden trunken gemacht, um sie leichter zu ihrem Urteil gegen Abaelard zu bewegen. Schließlich verurteilte man Abaelard später zu einer Klosterhaft und ewigem Schweigen. Seine philosophischen Schriften wurden sogar öffentlich in Rom verbrannt!

Nach Abaelards Tod in 1142, führte Heloise als Äbtissin, noch für 20 Jahre das Kloster Paraclet. Trotz der Tragödie um Abaelard, hielt sie in dieser Zeit weiter Kontakt zu Bernhard von Clairvaux. Auf Heloisas Bitten hin wurde Abaelards Leichnam in ihr Kloster überführt, wo sie dann auf eigenen Wunsch, nach ihrem Tod neben Abaelard bestattet wurde.

Aufruf zum Zweiten Kreuzzug

Während all dieser Jahre schien das Heilige Land in sicherer Hand des dort residierenden christlichen Adels. Doch im Jahr 1144 wurde die Kreuzfahrerstadt Edessa erobert und fiel an die Türken. Der Emir Imad ad-Din Zengi (1087-1146) stürmte die Festungsstadt im Gefolge von 30.000 Soldaten. Er war der Legende nach ein Sohn der Markgräfin Ida von Österreich. Zengis Truppen mordeten alle Bewohner der Stadt in einem grausamen Gemetzel.

Die Nachricht von der Einnahme Edessas durch die Ungläubigen, zwang die Könige und Fürsten der anderen vier Kreuzfahrerstaaten (Königreich Jerusalem, Fürstentum Antiochia und die Grafschaft Tripolis) zum Handeln. Darum entsandte Prinz Raimund von Antiochien seinen Bischof Hugo von Jabala nach Rom, wo er 1145 Papst Eugen III. vom Fall Edessas berichtete. Einer der Anwesenden dabei war auch der deutsche Chronist Otto von Freising. Ihm erzählte Bischof Hugo in Gegenwart des Papstes, von einem nestorianischen Christen, der im fernen Osten als mächtiger Herrscher regiere: Priesterkönig Johannes von Indien. Er sollte ein Nachfahre eines der Heiligen drei Könige sein, der sich anscheinend mit einem riesigen Heer nach Jerusalem aufmachte, »vor nicht all zu langer Zeit« wie es hieß, um das Heilige Land vor der Hand der Ungläubigen zu erretten.

In diesem Jahr noch, rief Papst Eugen III. zum Zweiten Kreuzzug auf. Doch diesem Aufruf schienen nur wenige der europäischen Fürsten überhaupt Aufmerksamkeit zu schenken. Darum wandte er sich an Bernhard von Clairvaux, seinen einstigen Lehrer: Er sollte den Kreuzzug predigen. Das weltliche Gepränge am päpstlichen Hof und all die politischen Machenschaften des Vatikan waren Bernhard allerdings zutiefst zu wider. Es muss ihn dennoch gedrängt haben, seine geistlichen Nachkommen, vor einem aus der Ferne bedrohenden Unbekannten zu schützen – vor einem fremden Gottesglauben, von dem keiner ahnte, wofür er eigentlich stand. Und so wurde Bernhard von Clairvaux auf einmal zum Organ des Vatikan und zum Prediger eines weiteren Kreuzzugs berufen. Er sollte den Eifer einer neuen Ritterschaft anschirren, durch seine Predigten und die von ihm verordneten Ordensregeln.

Bernhard wandte sich mit seinen Predigten aber gezielt an den Adel, um eine Wiederholung eines neuen Volkskreuzzuges zu vermeiden. Auf den Ritter-Haudegen von einst, sollten nun Tugenden und christliche Pflichten angewendet werden, um aus diesen alten Kämpen des Ersten Kreuzzugs, nun wahre Edelleute zu machen. Vor allem aber, und das hatte es bisher nicht gegeben, sollte dieser neue Orden in sich Rittertum und Mönchtum vereinigen.

Aus den Kreisen der Aristokratie, rekrutierte Bernhard die Mitglieder dieses neuen geistlichen Ordens, der vermutlich von Mitgliedern seiner Familie 1118 in Jerusalem ins Leben gerufen wurde. Denn einer der neun Gründungsmitglieder war Andreas von Montbard (1103-1156), ein Onkel Bernhards.

Tempelritter – ewigeweisheit.de

Der Orden der Templer: Mönchsritterschaft der Katholischen Kirche.

Bernhard von Clairvaux: Mentor des Templerordens

Unter den Heimkehrern vom Ersten Kreuzzug befand sich der französische Adlige Hugo von Payens, den man in Frankreich als Helden feierte. Er sollte erster Großmeister einer Gruppe von Edelleuten sein, die sich als Wächter des Jerusalemer Tempelbergs, zu einem außergewöhnlichen Orden organisierten. Sie nannten sich die »Arme Ritterschaft Christi und des salomonischen Tempels zu Jerusalem«.

Für diesen neu gegründeten Orden sollte Bernhard von Clairvaux schon bald eine ganz bedeutende Rolle spielen. Denn auf Bitten von Hugo von Payens, verfasste Bernhard seine berühmte Mahnrede an die Templer.

Es ist gut möglich, dass sich Bernhard und Hugo von Payens schon begegnet waren, als Bernhard noch ein Kind war. Denn sowohl die Gründungsmitglieder der Templer als auch Bernhard von Clairvaux, stammten aus den selben Kreisen des mittelalterlichen Adels in Frankreich.


Alles was Bernhard in seinem Leben tat, geschah immer aus vollem Herzen. Wenn er nun also den Zweiten Kreuzzug predigte, schwelgte er dabei in der selben christlichen Überzeugung, wie in seinen Predigten vor seinen Klostergenossen. Er meinte sogar, dass im Namen Christi zu töten, keine Sünde sei.

Vielleicht wäre ihm zuerst lieber gewesen, dass sich durch seine Predigten mehr Menschen einem christlichen Klosterleben verschrieben hätten, doch naheliegender schien ihm in dieser Zeit, jene Vereinigung von Mönch- und Rittertum, was er in seiner Mahnrede an den Orden der Templer addressierte:

Aber wenn beide Menschen (Mönch und Ritter) in einer Person, ein jeder sich kraftvoll mit dem Schwert umgürten […], wer würde einen solchen nicht aller Bewunderung für höchst würdig erachten, zumal es sich ja um Außergewöhnliches handelt? Ein solcher ist jedenfalls ein unerschrockener Ritter, allenthalben gefeit; er umgibt seinen Leib mit der Rüstung aus Eisen, seine Seele aber mit der des Glaubens. Da er nun durch beiderlei Waffen geschützt ist, fürchtet er weder Teufel noch Menschen. Nicht einmal vor dem Tode fürchtet sich der, der sich zu sterben sehnt. Denn was könnte der im Leben oder im Tode fürchten, dem Christus Leben und Sterben Gewinn ist? […] Schreitet also sicher voran, ihr Ritter, und vertreibt unerschrocken die Feinde des Kreuzes Christi in der Gewissheit, dass weder Tod noch Leben euch von der Liebe Gottes trennen kann, die sich in Christus Jesus offenbart. In jeder Gefahr wiederholt für euch das Wort: 'Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn (Römer 14:8)'

- Aus dem Buch an die Tempelritter von Bernhard an Clairvaux

Unter der Führung Bernhards von Clairvaux fand am 13. Januar 1129 die Synode von Troyes statt, bei der auch Hugo von Payens und Andreas von Montbard anwesend waren. Hierbei erhielt der Templerorden seine offizielle Anerkennung durch die Katholische Kirche und bekam feste Ordensregeln. Zu diesen Regeln lieferte Bernhard einen ganz wesentlichen Beitrag. In der damit verfassten Urkunde wurde auch explizit auf die Anwesenheit von Payens und Montbard hingewiesen.

Nach dem Aufruf zum Zweiten Kreuzzug durch Papst Eugen III. begann dann nach 1145 Bernhards kirchenpolitische Vermittlertätigkeit. Dank seiner Unterstützung bei der Rekrutierung neuer Mitglieder, wurde aus dem erst winzigen Templerorden von gerade mal neun Mitgliedern, in nur kurzer Zeit eine ganze Armee! Es dürfte darum kaum verwundern, dass das großes Gefallen fand – sowohl im Vatikan als auch im europäischen Adel.

Ein versiegeltes Geheimnis

Mit dem bisher Gesagten, scheint Bernhard weit mehr als nur Mönch gewesen zu sein. Fast könnte man ihn als Vorboten eines neuen Zeitalters bezeichnen. Dann aber war er sicher eine Doppelgestalt – ein Prophet sowohl des Lichts wie auch der Finsternis.

Diese chimärenhafte Erscheinung Bernhards und sein Einfluss auf den Templerorden, führte in zeitgenössischer Literatur auf eine Unmenge an Verschwörungstheorien. Doch zu solchen Vermutungen kommt ohnehin sehr schnell, wer von den vielen Querverbindungen zu Kirche, Adel und Mysteriengeschichte erfährt, die einem gemeinsam mit dem Namen »Templer« begegnen.

Das liegt wohl daran, dass der Einfluss der Templer über zwei Jahrhunderte eine ganz wesentliche Rolle spielte, in der spirituellen und politischen Entwicklung der damals bekannten Welt. Auch die vielen Widersprüche, für die der Templerorden steht, gab manchem Anlass viel über die Geheimnisse dieser Bruderschaft zu spekulieren.

Eines der wichtigsten Themen die einem bei der Recherche immer wieder begegnet, ist die Frage, ob die Kreuzzüge, neben ihrem offiziellen Grund, auch eine okkulte Bedeutung hatten. Weit verbreitet ist eine Annahme, dass diese »Arme Ritterschaft Christi« Ausgrabungen im Tempelberg durchführte, um nach etwas zu suchen, dass sich einst unter dem Salomonische Tempel befunden haben soll. Worum es sich dabei handelte ist nicht endgültig klar.

Wie uns aus den Büchern der hebräischen Bibel überliefert wurde, stand im Heiligtum des Salomonischen Tempels eine heilige Lade, worin sich besondere Gegenstände befanden. Sie soll die Israeliten einst mit großer Macht ausgestattet haben. Damit nämlich teilten sie das im Buch Exodus beschriebene Schilfmeer und ließen mit der Kraft die aus dieser Lade strömte, die Mauern von Jerichon einstürzen.

Von Jerusalem aus, so wollen es manche Schriftsteller, sollte die Lade dann von Hugo von Payens nach Chartres in Frankreich gebracht worden sein, wo sie im Fundament der dortigen, neu gebauten gotischen Kathedrale integriert wurde. Dazu sandte sie angeblich Bernhard von Clairvaux aus, um das heilige Reliquium aus dem Heiligen Land nach Frankreich zu bringen. Sicher aber sollten die Templer im Heiligen Land von den Muslimen überhaupt die Bildung erhalten, solch umfangreichen Unternehmens überhaupt fähig zu sein.

Das die Templer tatsächlich sehr mächtig waren, bleibt unbezweifelt. Schließlich gründet sich auf ihrem bargeldlosen Zahlungsverkehr das moderne Bankenwesen. Das machte sie zur reichsten Organisation der gesamten damals bekannten Welt. Ihr Einfluss und ihr Vermögen war so groß, dass manch Monarch ihren Besitz neidisch beäugte. Da sie außerdem im Geheimen Rituale praktizierten, die nicht dem Regelwerk der katholischen Kirche entsprach, sollte das jenen Neidern dienen, sie dereinst wegen ketzerischer Machenschaften zu überführen. In Wirklichkeit aber waren diese nur auf den Besitz der Templer aus.

Seltsam nun, dass dieser Order ja überhaupt nur entstand, da die Katholische Kirche ihren Gläubigen einen Pilgerweg ins heilige Land schaffen wollte, worauf sie von den Mitgliedern der Templer beschützt wurden.

Einer der Hauptgründe für spätere Ahndungen gegen den Orden, war ihre Verehrung für einen Kopf mir zwei Gesichtern: das Janushaupt. In diesem Symbol blicken zwei Gesichter sinnbildlich in die Vergangenheit und in die Zukunft. Daher auch der Name des Monats Januar, der ja mit dem neuen Jahr beginnt, wo um den Jahreswechsel, Menschen quasi gleichzeitig auf das vergangene und auf das neue Jahr schauen.

Das Janushaupt nannten die Templer anscheinend auch Baphomet – ein Name, mit dem heute eine ganz und gar zwielichtige, teuflische Gestalt assoziiert wird. Baphomet entspricht »dem Tier« aus der Offenbarung Johanni, einer Chimäre aus gehörntem Engel, Mensch, Ziege oder Steinbock. Anscheinend galt den Templern dieses Wesen, wie auch das Janushaupt, als esoterisches Symbol für den Dualismus aller Dinge in der Welt, die immer als gemeinsames Ganzes betrachtet werden sollten. Wohl nicht zufällig, ist der Ziegenfisch, den die moderne Astrologie den »Steinbock« nennt, jenes Tierkreiszeichen, durch das sich die Sonne eben genau durch den Jahreswechsel zwischen Ende Dezember und Anfang Januar bewegt.

Nun ist auch bekannt, dass sich mit weißer und schwarzer Magie auch König Salomon befasste – jener König und Prophet, dessen Hohelied ja auch den Bernhard von Clairvaux in seinen Predigten verzückte. Wie die »Arme Ritterschaft vom salomonischen Tempel«, war auch Salomon laut Bibelurkunde, der reichste Mann seiner Zeit. Darüber lesen wir in der Bibel, im Ersten Buch der Könige. Darin ist die Rede von Salomos Goldbesitz der durch eine eigenartige Zahl beziffert wird (1. Könige 10:14), auf die auch das Buch der Offenbarung des Johannes (Offenbarung 13:18) hinweist, wo sie sowohl die »Zahl eines Menschen«, wie auch die »Zahl eines Tieres« ist. Und dieses Tier eben scheint eigenartiger Weise, jenem, oben erwähnten Ziegenfisch verblüffend zu ähneln (Offenbarung 13:1).

Das solche Geheimnisse zu damaliger Zeit aber gegen die Templer verwendet wurden, wissen alle, die sich mit dem Ende dieser einstigen Mönchsritter befassen. Denn wie konnte es sein, dass ein Katholischer Ritterorden Christi, sich mit solchen Dingen beschäftigt? Nach außen hin waren sie die frommen Ritter Christi, doch im inneren Kreise vollzogen sie anscheinend genau das Gegenteil. Liegt hinter solchem Handeln ein höherer, okkulter Sinn?

Es scheint als wussten die Mitglieder des Templerordens ein Geheimnis in der Welt, dass den Gläubigen der weltlichen Christenheit nicht bekannt war. Sicher war es kein Zufall, wieso sich, schon in ihrer Erscheinung in der Geschichte, etwas abzeichnete, dass offensichtlich widersprüchlich war. Mindestens so widersprüchlich wie die Erscheinung Bernhards von Clairvaux – der als Abt die Liebe zu Gott predigte, dem Ritterorden der Templer aber überhaupt erst ermöglichte, so viele neue Mitglieder zu gewinnen, die auf einem neuen Kreuzzug im Namen Jesu Christi, vermeintlich Ungläubige im Heiligen Land töten sollten.

Anscheinend zeichnete sich der Templerorden aber eben genau durch solche Widersprüchlichkeiten aus. Denn um in den Orden aufgenommen zu werden, musste ein Ritter zuerst ein Armutsgelübde ablegen, doch schloss sich damit einem Orden an, der wegen seines immensen Reichtums berühmt war. Die Templer waren nach außen hin mit weltlichen Belangen beschäftigt, pflegten im Geheimen aber okkulte, diabolische Rituale. Sie waren zum einen asketische Mönche, zum anderen gehörten sie zu den gefürchtetsten Rittern ihrer Zeit.

Bernhard und auch die Tempelritter wussten anscheinend um Dinge, die dem Normalsterblichen nur schwer verdaulich sind. Nichteingeweihten bleiben sie bis heute ein Rätsel. Es wäre darum sehr unvorsichtig, vorschnell die Person des Bernhard von Clairvaux oder die Templer zu verurteilen – solange noch der eigene Wissenseifer, das Siegel Salomos verschlossen hält.

 

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