Magie

Zweideutige Botschaften aus dem Jenseits

von S. Levent Oezkan

John Dee und Edward Kelley - ewigeweisheit.de

Im römischen Kaiserreich mischten sich die Wissensströme von Hermetik und Gnosis zu dem, was man heute bezeichnet als die europäische Tradition der Magie. Eingeweihte dieser Geheimzunft aber waren in der Renaissance geächtet. Man fürchtete sich vor den in der Magie angerufenen okkulten Mächten. Wer die Vorgänge im Kosmos spirituell manipulieren wollte, galt als Handlanger des Teufels.

Einer, der damals ins Kreuzfeuer seiner Verfolger geriet, war der englische Mathematiker und Astrologe John Dee (1527-1608), ein bemerkenswerter Gelehrter der alten Wissenschaften. Dee studierte Mathematik und Geografie in den Niederlanden bei Gerhard Mercator, später auch Astrologie im belgischen Louvain. Sehr früh schon hielt Dee an der Universität von Paris Vorträge über Mathematik. Seine Reden waren berühmt. Menschen drängten sich an den Fenstern der Hörsäle, um seinen Vorträgen zu lauschen.

Auch an anderen Universitäten Europas hielt der junge John Dee Vorträge. Mit 24 Jahren kehrte er nach England zurück, um dort den Kapitänen der Britischen Marine Mathematik und Navigation beizubringen. Dees Schaffen sollte dereinst auch für das Britische Königshaus eine Schlüsselrolle spielen, vor allem bei der Eroberung der Weltmeere.

Wissenschaft mit einem Hang zum Dunklen

John Dee war ein echtes Genie seiner Zeit. Sein Ruf als ausgezeichneter Mathematiker, Astronom, als Gelehrter der Geometrie, Optik, der Kartografie und Navigation, reichte bis zu den gekrönten Häuptern Europas. Was ihn ebenso besonders wie geheimnisvoll machte, war sein auffälliges Interesse für Okkultismus und Magie. In eigenartigen Sitzungen, wo seine magischen Kenntnisse praktisch Anwendung fanden, erfuhr er, dass geistige Wesenheiten aus dem Jenseits, direkten Einfluss auf den Menschen ausüben – eben genau so, wie sich menschliches Handeln auf weltlicher Ebene auswirkt.

Dees Wirken war mehr als bekannt. Sein Einfluss reichte gar bis in die Literaturwelt. So nahm ihn William Shakespeare († 1616) als Vorbild für seine Theaterfigur »Prospero«, im Stück »Der Sturm«. Prospero war ein Magier mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, der selbst dem Himmel ein Unwetter abzuschwören vermochte. Doch er war auch im Stande Konflikte zu befrieden, was getrennt war wieder zu einen. Irgendwann aber verwarf Prospero sein magisches Wissen, erkannte er doch in dessen Anwendung immer die Gefahr sich großem Unheil auszusetzen. Denn wer Harmonie durch Anwendung okkulten Wissens erzielen will, den schwemmen seine Machenschaften irgendwann in einen dunklen Sumpf unheilvoller Intrigen.

Zu dieser Erkenntnis gelangte wohl auch John Dee irgendwann, nur leider erst, als er und sein berüchtigter Gehilfe vom Schicksal geschlagen wurden.

John Dees magischer Spiegel aus Obsidian - ewigeweisheit.de

John Dees aztekischer Spiegel aus Obsidian. Diese Reliquie befindet sich heute im British Museum London.

Ein magischer Spiegel

John Dees magisches Wirken begann mit einem glänzenden, schwarzen Stein. Es war ein 500 Jahre altes Relikt aus aztekischer Zeit. Während der Britischen Kolonialisierung Amerikas, gelangte diese merkwürdige Hinterlassenschaft über Umwege in die Sammlung des Hofes von Königin Elisabeth I. von England: ein polierter, schwarzer Spiegel aus Obsidian, einem Mineral aus vulkanischen Glas (siehe Abbildung). Dieser runde, glänzende Stein, sollte zu John Dees Werkzeug werden, um Kontakt aufzunehmen zu den Wesenheiten des Jenseits.

Seit alter Zeit verwendeten aztekische Wahrsager solche Steine für die Kirstallomantie. Dazu starrten sie prüfend auf seine Oberfläche, um dahinter Erscheinungen zu erspähen und dabei die Zukunft zu prophezeien. Als solch magisches Instrument, galt der Obsidian den aztekischen Hohepriestern als Mittel, um in die Welt der Dualität zu spähen, wo ihnen die Mächte des Guten und des Bösen erschienen – verkörpert im indianischen Gott Ometeotl.

Keiner der Wahrsagerei betreibt, kann sich der Dualität von Gut und Böse, von Positivem und Negativem entziehen. Jeder der schon einmal ein Keltisches Kreuz legte (Tarot), um Antworten zu finden, weiß worum es hier geht. Entweder ein Wahrsager kommuniziert mit den Engeln oder aber sind es Dämonen, die sich nur als solche gottgesandten Wesen ausgeben.

Wie John Dee glaubte, gelang es ihm mit seinem Obsidian auch tatsächlich solche Wesenheiten aus dem Jenseits zu kontaktieren. Sie erschienen ihm darin, wie er glaubte, um ihm Nachrichten aus der Schattenwelt zu übermitteln. Die Kommunikation endete immer damit, als sich in diesem schwarzen Spiegel scheinbar ein Vorgang zuzog.

Wäre John Dee dereinst nicht zu einem der wichtigsten Menschen für das aufstrebende British Empire geworden, könnte man über diese Episode einfach nur lächeln. Doch Dee war sicher kein Scharlatan, sondern jemand, der sogar die politischen Geschicke seiner Zeit beeinflusste.

Im Folgenden werden wir sehen, dass durch Dees magische Künste Entscheidungen getroffen wurden, die auch heute noch gelten – möglicherweise für alle Menschen auf diesem Planeten.

Magus der Queen

Im 16. Jahrhundert galten Wissenschaft, Aberglaube und Magie als Forschungsbereiche selben Ursprungs. Die Kirche aber beäugte Wissenschaftler damals mit Misstrauen. Die hohen Rechenkünste schmähte man gar als Schwarzmagie und verbrannte öffentlich Bücher über Mathematik oder Astronomie. Wohl auch darum, da letztere Wissenschaft damals zur selben Zunft wie die Astrologie zählte.

1553 erstellte John Dee ein Horoskop für Elisabeth Tudor – dereinstige Königin von England. Darin laß er, dass sie schon bald in London den Thron besteigen werde. Doch damit begab er sich in gefährliche Fahrwasser. Denn er sah in den Sternen, dass die gegenwärtige Königin Maria I. von England, bald sterben würde. Nur gelangte diese Information in die falschen Hände. Man verdächtigte Dee, als einen der schwarze Magie betreibt und es auf das Leben der Königin Maria abgesehen hat. Am 28. Mai 1555 warf man ihn ins Gefängnis, woraus er aber schon im August des selben Jahres wieder entlassen wurde. Zur selben Zeit kam ein Kind zur Welt, dass für John Dees Leben noch eine besondere Rolle spielen sollte, wenn auch nicht nur im guten Sinne: Edward Kelley.

Drei Jahre nach diesen Ereignissen, verschlechterte sich zunehmend der Zustand der damaligen Königin. Es mag wohl auch an ihrer Unbeliebtheit gelegen haben, dass sie sich oft in depressiven Zuständen befand und sich dadurch ihre ohnehin angeschlagene Gesundheit, immer weiter verschlechterte. Im August 1558 erkrankte sie schwer an einer Influenza. Als sie ihrem Tod bereits ins Auge sah, ernannte sie offiziell Elisabeth Tudor als ihre Erbin und Thronfolgerin. Maria erlag drei Monate später ihren Leiden.

Dees Prophezeiung hatte sich also tatsächlich bewahrheitet. Zwei Monate später, am 15. Januar 1559, einem Datum, dass John Dee aus selbigem Horoskop für seine Majestät berechnet hatte, krönte man Elisabeth in der Londoner Westminster Abbey zur Königin von England. Seit diesem Datum verbesserte sich auch das Schicksal John Dees.

John Dees bei einem Experiment - ewigeweisheit.de

Ausschnitt aus einem Ölgemälde von Henry Gillard Glindoni (1852-1913). John Dee bei einem Experiment vor Königin Elisabeth I. im Londoner Stadtteil Mortlake.

Auf der Suche nach verborgenen Mächten

Okkultismus und Spionage sind seit alter Zeit Schlafgenossen, was gar nicht überraschend sein dürfte, denn in beiden Fällen geht es darum geheime Informationen zu gewinnen. Hexen, Wahrsager und Astrologen behaupteten schon immer die Zukunft vorhersagen zu können und wie Spione wussten sie Dinge, die den gewöhnlichen Menschen verborgen bleiben.

Solche heimlichen Nachrichten zu sammeln und daraus Einsichten zu entwickeln, erfolgte immer unter einem Mantel des Schweigens. Spione wie auch Okkultisten wissen darum gleichermaßen, wie sie ihr Wirken vor den Blicken Unerfahrener verbergen. Eine weitere Gemeinsamkeit ist die Verwendung geheimer Schlüssel, Symbole und Kryptogramme, womit Geheimwissen vor Nichteingeweihten chiffriert wird.

Okkultisten und Geheimdienstmitarbeiter ähneln sich in vieler Hinsicht, da sie beide in einer dunklen Unterwelt verborgener Geheimnisse verkehren. Kein Wunder also, wenn manche ihrer Mitglieder, in beiden Gewerben gleichzeitig zugegen sind. Anscheinend war John Dee auch Mentor von Königin Elisabeths Chef des Geheimdienstes: Sir Francis Walsingham (1532-1590). Walsingham hatte das neue Britische Königreich viel zu verdanken. Mehrere geplante Attentate auf Elisabeth I. hatte er bereits im Entstehen vereitelt.

Die Kunst der verborgenen Wissensübermittlung

Abt Johannes Trithemius (1462-1516) verfasste 1499 sein nie veröffentlichtes Werk über Geheimsprachen und Verschlüsselung: Steganographia. Das diese Schrift im Verborgenen blieb hatte seine Gründe. Es war ein magisches Werk, das genaue Anleitung zur Kommunikation mit Geistwesenheiten über große Distanzen hinweg ermöglichen soll. Die darin enthaltenen Beschreibungen, hatten auch großen Einfluss auf die Okkultisten seiner Zeit, wie etwa Agrippa von Nettesheim.

Doch wegen seiner Steganographia geriet Trithemius beim Klerus unter Verdacht ein Schwarzmagier und Wahrsagerei. Drum setze man diese Schrift 1609 auf den Index Librorum Prohibitorum (einem Index verbotener Bücher), was aber kein Hinderungsgrund war, dass auch andere diese Schrift lasen. Unter ihnen John Dee, der die Gelegenheit nutzte eine gesamte Abschrift des Werkes anzufertigen. Doch dieses Manuskript verschwand später. Wahrscheinlich wurde es während Dees Reisen durch Europa, aus seiner Bibliothek in Mortlake gestohlen. Die Kenntnisse, die sich John Dee beim Studium Trithemius' magischer Steganographia aneignete, sollten nicht nur seinem späteren Wirken als Spion des englischen Königshauses nützen, sondern ihm insbesondere wegweisend sein, bei der Kommunikation mit den Geistern des Jenseits.

Okkulte Machenschaften der Geheimdienste

John Dee war der wohl wichtigste Geheimagent von Königin Elisabeth. In seiner Eigenschaft als Spion seiner Majestät unterzeichnete John Dee stets mit 007 – eine Ziffernfolge, die wohl den Meisten bekannt sein dürfte.

Seine späteren Reisen nach Holland, Polen und Böhmen, dienten bestimmt nicht allein seinem Forscherdrang als Okkultist, sondern waren vielleicht auch gezielte Spionage-Akte, die er im Auftrag Königin Elisabeths vollzog. Ob er aber immer selbst davon wusste, sei dahingestellt. Doch das muss eine Behauptung bleiben, denn es gibt dazu keine Beweise.

Nicht nur wurde John Dee im Gefolge geistiger Wesenheiten gelenkt, sondern es kamen auch Zeitgenossen in sein Leben, die ihm seine Wünsche als Okkultist und Magier durch ihr finanzielles Zutun erfüllen konnten. Doch alles hat einen Preis. Denn seine Neugier und sein Forscherdrang, sollten dereinst sein Seelenwohl gefährden. Ab einem gewissen Punkt nämlich schien es, als suchte nicht mehr er den Kontakt zu jenseitigen Geistern, sondern immer mehr spähten diese Wesen auch nach ihm. Ja schlimmer noch: Je tiefer er in die Welt des Okkulten eindrang, desto mehr wurde er ein Instrument von Geschöpfen, die sich ihm zwar als Engel ausgaben, in Wirklichkeit aber finstere Wesen waren aus einer anderen, fremden Welt.

Als was sich ihm diese Geschöpfe zeigten, können wir nur aus den über oder von Dee überlieferten Schriften herleiten. Doch man sollte in Betracht ziehen, dass das Wirken dieser finsteren Mächte, durchaus auch in Form unsichtbarer Kräfte wirksam wurde. Wir müssen wissen, dass die Menschen in der Renaissance ebenso wenig über elektrische Ladungen wussten, wie über Viren, Bakterien oder Mikroben. John Dees Zeitgenossen konnten diese Dinge nicht sehen und nannten sie drum einmal Engel oder ein andermal Dämonen.

Solche Wesen schienen also Einfluss zu nehmen auf den Magus der Queen. Aus esoterischer Sicht aber, waren es wohl die indirekten Auswirkungen höher gestellter Wesen, die John Dee dazu brachten sich auf bestimmte Weise zu verhalten. Denn sein magisches Wirken erfolgte doch Seite an Seite mit den politischen Machtbestrebungen seiner Hoheit der Königin von England. Natürlich ist das nur eine Behauptung, doch je näher man sich mit John Dee befasst, und seinem gegenseitigen Austausch mit dem englischen Königshaus, scheint sich einem diese Vermutung regelrecht aufzudrängen.

Nun muss dies vor allem in einem größeren historischen Zusammenhang gesehen werden. Denn wir befinden uns in einer Zeit, als sich in Europa die große Kirchentrennung vollzog. Im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, kam es durch die Reformation Martin Luthers (1483-1546) in den 1520er Jahren zur Glaubensspaltung und einer Trennung vom römischen Papsttum. Im folgenden Jahrzehnt, ereignete sich Ähnliches auch in England. König Heinrich VIII. (1491-1547) heiratete 1533, gegen den Willen der Kirche und des Papstes, seine Geliebte Anne Boleyn (1501-1536). Doch da ihm das katholische Glaubensoberhaupt seine zuvor erfolgte Annullierung der Ehe mit Katharina von Aragon verweigerte, wandte sich Heinrich VIII. von Rom ab. Das war die Geburt der Anglikanischen Kirche. Eine Tochter die aus dieser Ehe hervorgeht, sollte dereinst den englischen Thron besteigen: Elisabeth I. – die jungfräuliche Königin.

Neben der politischen Bedeutung, ist auch die Symbolkraft hinter dieser historischen Entwicklung, von wahrlich großer Tragweite. Schließlich war es eine Jungfrau, die England zur Weltherrschaft führte.

Der Nullmeridian - ewigeweisheit.de

Der Nullmeridian verläuft durch den Londoner Stadtteil Greenwich - Geburtsort von Königin Elisabeth I. (1533-1603).

Britisches Weltreich und Greenwich-Meridian

Königin Elisabeth wurde am 7. September 1533 im Londoner Stadtbezirk Greenwich geboren. Durch Greenwich verläuft heute der Nullmeridian der irdischen Längengrade: das heißt, 12:00 Uhr entspricht (Winterzeit, der eigentlichen Zeit vor Einführung der Sommerzeit), wenn sich die Sonne dort über diesem Nullmeridian (0° Nördlicher Länge) auf ihrem höchsten Punkt zu Mittag befindet. Auch wenn dieser Nullmeridian erst 1884 global festgelegt wurde, scheint das kaum ein Zufall zu sein. Denn in diesem Jahr hatte das Britische Weltreich seine größte Ausdehnung angenommen.

1568 veröffentlichte John Dee seine Propaedeumata Aphoristica, ein umfangreiches Kompendium über astronomische Mathematik, Astrologie and Magie, das er natürlich auch Königin Elisabeth I. präsentierte. In den folgenden Jahren trafen sich Dee und die Queen regelmäßig in seiner Bibliothek im Londoner Stadtteil Mortlake. Der Magus sollte für die britische Krone noch eine bedeutende Rolle spielen. Es ist darum anzunehmen, dass John Dee auch den berühmten Seefahrer und Weltumsegler Sir Francis Drake (1540-1596) in Geometrie und Kosmografie unterwies. 1577 legte Dee dem Geheimen Kronrat Elisabeths den Vorschlag zur Durchführung einer Weltumseglung vor, die Francis Drake auch tatsächlich durchführte.

Besonders wichtig ist, dass Drake, durch den verheerenden Sieg der Engländer über die Spanische Armada im Jahr 1588, ganz maßgeblich zu Englands Rolle als größte Seemacht beitrug. Ein gewaltiges Unwetter kam den Engländern damals zur Hilfe und die wenig wendigen Schiffe der Spanischen Armada, kamen im englischen Kanal ins Wanken. Der Legende nach soll dieses meteorologische Ereignis Francis Drake durch ein magisches Ritual ausgelöst haben, dass er vor Ankunft der spanischen Armada auf den Meeresklippen des südenglischen Plymouth vollzog. Etwa ein Viertel der spanischen Schiffe ging bei dem Sturm unter oder lief auf Riffe. Der Plan der Spanier, die wohl auch auf Geheiß des Papstes handelten, war damit gescheitert. Bald darauf gewann England gewaltigen Einfluss als Seemacht. Und wer damals die Meere beherrschte, der beherrschte die Welt. Es ist wohl nicht ganz zufällig, das John Dee ebenfalls den Begriff »British Empire« (deutsch: Britisches Weltreich) prägte.

Gewiss eine riskante Behauptung, doch wäre die Seeschlacht zu Gunsten der Spanier ausgegangen, so hätte sich in den kommenden Jahrhunderten nicht Englisch als erste Weltsprache etabliert, sondern Spanisch. Vielleicht hätte man sich dann auch nicht auf den Greenwich-Meridian geeinigt, sondern die Uhren tickten heute abgestimmt auf einen Nullmeridian in Madrid.

Fragen an die Wesen des Jenseits

Doch kommen wir wieder zurück auf John Dees magisches Wirken und seine Kommunikation mit dem Jenseits. Was er von den Wesenheiten erfuhr, ob Dämon, ob Engel, führte sicherlich nicht ganz zufällig zu Erkenntnissen, die zu dem politisch-religiösen Geschehen Europas Bezug hatten.

Was John Dee ab einem gewissen Grad seines okkulten Strebens jedoch niemals zu bedenken schien, war, dass er mit alle dem vielleicht zu unvorsichtig vorging. Denn ab einem gewissen Grad, erfuhr er nicht nur über die Geschicke seiner Heimat und der Welt, sondern glitt ab in die finsteren Gefilde von Wesenheiten, die er ganz und gar nicht mehr unter Kontrolle hatte.

Wenn man heute an einen Wahrsager denkt, kommt einem vielleicht gleichzeitig jemand in den Sinn, dessen Blicke um eine kristallene Kugel kreisen. Und gewiss ist das die älteste Form der Wahrsagekunst. Dabei geht es aber weniger darum in die Zukunft zu blicken, als über Gegenwärtiges zu spekulieren – das, was passieren könnte. Niemand weiß, was die Zukunft tatsächlich bringt. Das mit dieser magischen Kunst verbundene deutsche Wort, bilden die Silben »wahr« und »sagen«. Jemand der also »wahr-sagt« spricht über das, was ist. Und was ist, wird sein. Doch was ist, ist nicht für jeden offensichtlich. Manche aber, die die Gabe zur Hellsicht besitzen, nehmen auch wahr, was sich jenseits der fünf Sinne abspielt und sehen dabei was eigentlich ist.

Kristallkugel - ewigeweisheit.de

Die Kristallkugel: Ausschnitt aus einem Gemälde von John William Waterhouse  (1849-1917).

Kristallomantie

Schon im Alten Ägypten, bei den Sumerern und im Alten China, gab es Medien, die in ritueller Praxis, in Spiegeln und Kristallen, die Geschicke der Zeit abzulesen vermochten. Später dann, im 10. Jahrhundert, beschreibt der persische Dichter Abu Laqasim Firdausi (940-1020), in seinem Epos »Schahname«, einen Wahrsager, der auf der spiegelblanken Oberfläche eines Kelches nach spirituellen Eindrücken späht:

Er erhob den Kelch und starrte ihn an
Die sieben Weltgebiete spiegelten sich darin
Und jede Schau und Prophezeiung der hohen Himmel.

Wie gewohnt sah der Magierkönig, im Kelch die Zukunft.

- Aus dem Schahname des Firdausi

Doch auch im fernen Aztekenreich, wie wir oben sahen, bei den Zigeunern, in Sibirien und im fernen Japan, überall praktizierte man Nekromantie und Wahrsagekunst. Die Ägypter erblickten die Geister auf öligen Oberflächen, andere erkannten sie im Rauch.

Solcher Art Erkenntnis zu erlangen, galt auch dem Magier John Dee als höchstes Anliegen. Denn er versuchte verzweifelt neue Wege zu finden, die ihn an die Tore der Welt des Okkulten führen sollten. Doch er konnte nicht gleichzeitig als Medium und als Frager fungieren. Er war Wissenschaftler der von solch Kräften wusste, doch hätte eine mantische Beschwörung seine Vernunft nur benebelt. Darum suchte er jemanden der ihm half, seinen Geist aus der natürlichen, in die übernatürliche Welt zu befördern und mit Hilfe seines schwarzen Spiegels (siehe oben) eine direkte Verbindung zu den Engeln herzustellen und damit zu Gott. Dee schien jedoch zu ignorieren, dass er damit seinen Wahrsager und sich in Gefahr brachte, denn es konnten auch gefährliche Wesen angezogen und unvorbereitet ins Diesseits freigelassen werden.

Kommunikation mit der Anderswelt

John Dee hatte bereits verschiedene Wahrsager und Kristallomanten getroffen, die ihm bei seinen spiritistischen Sitzungen helfen sollten. Doch leider ohne Erfolg. Ein Mr. Clerkson, über den nichts weiter bekannt ist, stellte John Dee einen Mann vor, der sich Edward Talbot nannte. Er wollte Dee als Medium behilflich sein. Ein sonderbarer Kerl, der, wie sich herausstellen sollte, eine recht finstere Vergangenheit hatte, denn er änderte mehrmals seinen Namen. Auch Edward Talbot war ein Deckname. Als wirkliche Identität verbarg sich hinter Talbot der englische Alchemist Sir Edward Kelley (1555-1597). Bereits zwei Tage später bat er John Dee darum, ihm seine Fähigkeiten als Kristallomant unter Beweis stellen zu dürfen. Kelley entpuppte sich dabei als echtes Genie, der tatsächlich die magischen Schlüssel bot, um damit die Pforten in die Anderswelt zu eröffnen.

So kam es zur Zusammenarbeit von Dee and Kelley. Sie widmeten die meiste Zeit den spirituellen Zusammenkünften mit Engeln und ihren Abgesandten. Ihr Ziel war es, durch ihre Gebete und Kommunikationen mit der Engelwelt, zur Ökumene beizutragen. Sie wollten den Riss der durch die englische Christenheit verlief heilen. In den Jahren zwischen 1582 und 1589, war Edward Kelley darum auf's Engste an das Leben seines 27 Jahre älteren Meisters John Dee geknüpft.

Das erste geistige Wesen das Kelley kontaktierte war der Erzengel Uriel. Als nächstes sollten sie in Kommunikation mit Erzengel Michael treten. Unter diesen Umständen aber war John Dee extrem aufgeregt. Schließlich war das ein Lichtwesen von sehr hohem Rang, dass eigentlich mit Normalsterblichen niemals kommunizieren würde. Wie es in der okkulten Wissenschaft heißt, kontaktieren Erzengel allenfalls Propheten und Gottgesandte. Vom Erzengel Michael aber, sollen John Dee and Edward Kelly in das System der Henochischen Engelmagie eingeweiht worden sein. Was daran wirklich wahr ist, sei einmal dahin gestellt. Denn die Bezeichnung »henochisch« (nach dem biblischen Urvater Henoch benannt), stammt aus jüngerer Zeit. Denn weder John Dee noch Edward Kelley gaben dem, von ihnen gefundenen System einen Namen.

Wenn andere Magier über John Dees Engel-Konversationen meinten, sie seien in der »Henochischen Sprache« erfolgt, wollte man damit zuerst einmal auf Dees Engel-Konversationen hinweisen. Sicher aber waren sie sehr daran interessiert das biblische Buch Henoch zu finden. Darin nämlich glaubten sie, klinge die Weisheit des alten Henoch an – jenes biblischen Propheten, der einst in den Himmel entrückt ward. Es heißt, im Alter von 365 Jahren nahm Gott ihn zu sich auf. Henoch muss von der Ursprache der Menschen gewusst haben, der Zunge Adams, die erst mit dem Turmbau zu Babel in die 72 Sprachen zerfiel.

John Dee vermutete, dass die einige Ursprache Adams mit der Sprache Gottes sogar übereinstimmte – worin sich die Urworte der Schöpfung finden. Jene göttlichen Ausdrucksformen waren Teil der Sprache der Engel – einer Sprache des Lichts.

Und Gott (Elohim) sprach: Es werde Licht!

- Genesis 1:3

Als Dee und Kelley sich ihren Engel-Konversationen widmeten, war Dee davon überzeugt, dass die Hebräische-Sprache durch Anwendung Kabbalistischen Geheimwissens derart angeglichen werden könne, um damit jene Ursprache Adams wiederzufinden – als eine Sprache des Himmels, an die sich eben der alte Prophet Henoch erinnerte.

Wie dem auch sei, eröffneten sich ab diesem Zeitpunkt John Dee Wege zu einer bisher unbekannten Quelle, die – wie sich aber leider herausstellen sollte – ganz und gar außerhalb seiner Kontrolle lag. Außerdem glaubte John Dee, dass die Engel ihm das Wissen offenbaren würden, um neue, verborgene Ländereien der Erde zu entdecken, die dereinst der englischen Krone zugehören sollten.

Der Prophet Henoch - ewigeweisheit.de

»Und Henoch wandelte mit Gott und ward nicht mehr gesehen, denn Gott hatte ihn entrückt.«, Genesis 5:24
Die Entrückung Henochs. Illustration von Gerard Hoet (1648-1733).

In der Sprache der Engel

Bis 1582 kannte niemand die Sprache Henochs. Doch Kelley evozierte sie mittels Kristallomantie in Dees Bibliothek in Mortlake. Dee notierte dann die Henochische Sprache nach dem Diktat seines Mediums Kelley. Wie bereits angedeutet, hielten sie diese Sprache als das Kommunikationssystem zwischen Gott und seinen Engeln. Was Dee und Kelley aus ihren Konversationen mit den Engeln gewannen, war ein vollständiges Alphabet, ein Wortschatz und eine entsprechende Grammatik.

Nach Schilderungen Kelleys, stieg in den Séancen aus dem Kristall ein Licht auf, dass vor ihm zu schweben begann. Aus diesem Licht erhielt er die, wie er sie nannte, »Henochischen Rufe« der Engel, die ihm Nachrichten übermittelten. John Dee hatte sich entsprechend vorbereitet, um sich von Kelley Details diktieren zu lassen, die er auf mehreren Tafeln niederschrieb. Mehr und mehr aber schien John Dee in diesen Übermittlungen aus dem Jenseits, die Büchse der Pandora geöffnet zu haben. Was in diesen Sitzungen aus der geistigen Welt wirklich hervortrat, darüber herrscht Uneinigkeit. Was als »Henochisch« niedergeschrieben wurde, ging weitestgehend aus Kelley hervor, als John Dees Medium.

Nun muss man sich vor Augen führen, vor welchem Hintergrund diese Séancen stattfanden. Denn wie oben beschrieben, war Dee nicht irgendein Gelehrter, sondern vor Allem Berater der Queen gewesen. Auch durch sein Wirken strebte Britannien zur Weltmacht auf. Nur war Kelley eben auch, wie jeder andere Magier und Wahrsager, nur ein Mensch mit entsprechenden Neigungen. Gut möglich dass er Dee davon überzeugen wollte, das sich beide doch als geistige Väter einer neuen politischen Ordnung Europas Geltung zu verschaffen hätten.

Leider nahmen die Séancen mehr und mehr schaurige Züge an. Jene vermeintlichen »Engel« nämlich, fingen an darauf zu bestehen, dass Dee und Kelley alles gemeinsam haben sollten – sogar ihre Ehefrauen. Wo menschliche Bemühungen auf Versprechungen von Geistern basieren, dürfte es kaum verwundern, wenn solch Unterfangen dann doch zu einem entwürdigenden Ende kommt – und genau das trat auch ein für John Dee und Edward Kelley.

Die Situation in Mortlake nahm immer schaurigere Züge an. Königin Elisabeth ließ Dee und Kelley darum durch ihren Chefspion Sir Francis Walsingham überwachen.

Der Engel Madimi

Nun lud die englische Königin 1583 einen polnischen Prinzen und Palatin nach London ein: Albert Łaski von Schieratz († 1604), einem Abenteuerer, der seit früher Jugend in Verbindung stand sowohl mit dem Hause Habsburg, dem russischen Zaren und auch mit den osmanischen Sultanen. Die Habsburger waren im Übrigen ein mächtiges europäisches Adelsgeschlecht, worunter zur Zeit Königin Elisabeths I. auch König Phillip II. von Spanien zählte, dessen Armada dereinst von Francis Drake besiegt werden sollte – jenem oben geschilderten Wendepunkt der Weltgeschichte.

Für einen polnischen, katholischen Adeligen auf jeden Fall, war Prinz Łaski ein recht eigenwilliger Typ. Er setzte sich einfach über religiöse Konventionen hinweg, beschäftigte sich intensiv mit so häretischen Wissenschaften wie Alchemie und Magie. Anscheinend hatte er viele Schulden und hoffte auf die Goldmacherkünste eines Alchemisten. Vor allem aber stand er als Getreuer Roms nun in Kontakt mit dem Oberhaupt der Englischen Reformation: Königin Elisabeth I.

Łaski bat die Königin mit John Dee Bekanntschaft machen zu dürfen, denn er wollte dessen Bibliothek in Mortlake besuchen und mit ihm über Magie sprechen. Der Prinz besuchte viele Male Dee in seinem Haus in Mortlake. Schon bald nahm Łaski sogar an den Henochischen Kommunikationen teil, die Dee und Kelley unternahmen – ein echt gefährliches Unterfangen. Łaski aber war interessiert an seiner Zukunft und erhoffte sich durch die kristallomantischen Sitzungen Kelleys, mehr über sein Schicksal in Erfahrung zu bringen.

Als Albert Łaski einmal abwesend war, trat in den Engel-Kommunikationen Kelleys plötzlich ein Wesen in Erscheinung, dass sich »Madimi« nannte – eine der faszinierendsten übersinnlichen Projektionen Kelleys. Es war der erste weibliche Engel, der sich Dee und Kelley zeigte: ein kleines Mädchen in einem Satin-Kleid. Es trat aus dem Kristall hervor und verselbstständigte sich, rann als Geist auf- und ab entlang der Bücherregale in Dees Bibliothek in Mortlake.

Doch Madimi war nicht etwa »niedlich«, sondern ein Wesen ungeheuerlicher Macht, dem Edward Kelley kaum gewachsen war. Sie sprach zu ihm auf griechisch, wovon er kein Wort verstand. Doch es kam noch besser, denn Madimi schlug ihm vor, alternativ alles auf arabisch zu kommunizieren. Er aber setzte ihr wütend entgegen, das er einfach nicht mehr mit ihr kommunizieren wolle, wenn sie nicht eine Sprache spreche, die er auch verstünde. Auch schien er einfach Angst zu haben, da diese Stimme eindringlich auf ihn in einer fremden Sprache einredete, von der er nicht wusste, ob sich dahinter nicht etwa eine andere Kraft eingeschaltet hatte.

Bin ich denn nicht ein schönes Mädchen? Lass mich in deinem Hause spielen. Meine Mutter sagte sie wolle hier einziehen. Ich bin das letzte aber eines der Kinder meiner Mutter, zuhause habe ich Kleinkinder.

Madimi enthüllte Dee, dass sie eine der sieben Töchter des Lichts sei und das sie mit ihren Schwestern kam, um mit John Dee in seinem Haus zu wohnen. Ihre Mutter, der Engel Galcah, sollte ihr später folgen. Doch anders als Kelley verliebte sich Dee in den Geist Madimi. Mehr und mehr nahm sie eine zentrale Rolle in ihren Séancen ein. Die weiteren Sitzungen mit Madimi begannen mit Fragen über die Ahnen von Albert Łaski. Laut Madimi und anderen Engeln, war er verwandt mit der englischen Monarchin und ihren Vorfahren. Die Queen schien ihn außerdem beschützen zu wollen, in einem größeren Unterfangen, dass sich wohl um die Krone Englands drehte.

Die erste und letzte Reise

Prinz Łaski lud Dee, Kelley und ihre Familien dazu ein mit ihm auf den Kontinent zu reisen. Edward Kelley verließ zum ersten Mal in seinem Leben England, im Gegensatz zu John Dee der ein vielbereister Mann gewesen ist. Doch Łaski befand sich anscheinend auf der Flucht vor seinen englischen Gläubigern. Er hoffte eben darauf, dass ihm diese beiden Alchemisten behilflich sein könnten, seine finanzielle Situation zu glätten. Schießlich galt er als polnischer Thronfolger. Mit ihrer Hilfe wollte er König seines Landes werden.

Gemeinsam mit Łaski kamen sie im September 1583 über Amsterdam nach Hamburg und Lübeck, über Rostock nach Stettin und verbrachten Weihnachten in Poznan (Polnisches Königreich). Von dort kamen sie wieder nach Bremen und danach erneut ins polnische Krakau. Ob John Dee auf dieser Reise mit Łaski auch geheimdienstlichen Aufträgen nachging, ist heute zwar nicht bekannt, doch recht wahrscheinlich. Denn schon in dieser Zeit liefen die Vorbereitungen zu jenem oben angedeuteten Englisch-Spanischen Seekrieg (1585-1604).

Aus der Familie der Habsburger stammte auch der damalige Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, Rudolf II. 1584 waren John Dee und Prinz Łaski bei ihm zu einer Audienz geladen. Rudolf war auf die alchemistischen Künste Dees und Kelleys aus. Doch da er mehrfach von reisenden Goldmachern Alchemisten betrogen worden war, misstraute er den beiden bereits und wusste nicht so recht, was er von Edward Kelley und John Dee eigentlich halten sollte. Das war auch die Zeit, als Dee und Kelley in einer Séance, von einem Engel angeblich den Auftrag erhielten ihre Frauen zu tauschen und dabei mit ihnen zu schlafen. John Dee war damals 60 Jahre alt – Edward Kelley 32.

Danach kam es zum Bruch. John Dee kehrte 1589 zurück nach England, während Kelley weiterhin als Alchemist am Hofe Kaiser Rudolfs II. diente. Dort aber kam es zum Eklat: Kelley wurde 1591 verhaftet und saß zwei Jahre im Kerker. Doch seine Schuld wog schwerer, denn Kaiser Rudolf beschuldigte ihn, den Hofbeamten Georg Hunkler im Streit erschlagen zu haben. Zwar ist es nicht gesichert, doch anscheinend erbat Elisabeth I. die Freilassung Kelleys. Bei einem Fluchtversuch wurde Kelley schwer verletzt und verlor ein Bein. Zwar entließ man ihn später, doch kurz darauf wurde er erneut verhaftet und in einen Kerker auf der Burg Hněvín im tschechischen Most festgehalten, wo er zwischen 1597 und 1598 starb – angeblich beging er Selbstmord.

Einsichten eines Ent-Täuschten

John Dee kehrte in seine Heimat zurück als enttäuschter, ernüchterter, alter Mann. Ihm wurde bewusst, dass er sich so lange Zeit an einen Irrglauben an Engel und Geister geklammert hatte – etwas, dass ihm nun ganz und gar unnütz erschien. Über nichts von dem, was er über sein Medium Edward Kelley in den gemeinsamen Séancen fand, hatte er Beweise.

Als er sein Haus in Mortlake nach sechsjähriger Abwesenheit betrat, erschrak er, denn Einbrecher hatten dort gewütet. Seine Bibliothek war zerstört und viele seiner wertvollsten Bücher und Instrumente waren verschwunden. Schwere Zeiten brachen für ihn an und es blieb ihm kaum Geld, um für Frau und Kinder zu sorgen.

Was John Dee jedoch der Nachwelt hinterließ, waren beispiellose Errungenschaften, deren intellektuelles Erbe den Gelehrten der kommenden Jahrhunderte noch Rätsel aufgab. Mag sein, dass Dee und Kelley als Hexenmeister und Zauberer verschrieen waren. Viele aber erinnerten sich vor allem an John Dee als gebildetes Genie und einen der wahrscheinlich glanzvollsten Berater der Britischen Krone. Etwa ein Jahr nach Dees Tod (zwischen 1608 und 1609), ließ William Shakespeare in seinem Theaterstück Prospero zu Wort kommen:

Unsere Spiele sind nun zu Ende. Diese unsere Schauspieler, wie ich euch vorhin sagte, sind alle Geister, und zerflossen wieder in Luft, in dünne Luft, und so wie diese wesenlose Luftgesichte, so sollen die mit Wolken bekränzten Türme, die stattlichen Paläste, die feierlichen Tempel, und diese große Erdkugel selbst, und alles was sie in sich fasst, zerschmelzen, und gleich diesem verschwundenen unwesentlichen Schauspiel nicht die mindeste Spur zurücklassen.

- Der Sturm 4. Aufzug, Szene 1

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Einer der sonderbarsten Gelehrten des sechzehnten Jahrhunderts, ist der Verfasser eines eigenartigen Werks: De Occulta Philosophia - drei Bücher über die Magie. Was hat sich der Autor dabei gedacht, als er geheime Traditionen und okkulte Schriften der Renaissance, in einem eigenen magischen System zusammenfasste?

Wen man damals nämlich verdächtige, sich mit Magie, mit Weissagekunst oder Nekromantie zu befassen, der konnte sich, doch auch seine Nächsten, in ernste Schwierigkeiten bringen. Sich mit solcher Geheimwissenschaft im 16. Jahrhundert zu beschäftigen, war ein äußerst abenteuerliches Unterfangen.

Im Aberglauben von einst, kannte man die wahre Bedeutung des Wortes »Magie« eigentlich nicht. Es ist ein Ausdruck indo-arischen Ursprungs, der einst die Künste einer alten Priesterkaste von Sterndeutern bezeichnete: den Magoi.

Heute verwendet man das Wort, um auf die Fähigkeit eines Menschen hinzuweisen, der etwas Außergewöhnliches, Unerklärliches zu tun vermag und durch geheime Macht auf die Dinge Einfluss nimmt. In der europäischen Renaissance aber glaubte man, Magie sei nichts als Teufelswerk. Was die Alten, als magische Handlungen fürchteten, dahinter vermuten die Menschen der Gegenwart vielleicht etwas Sonderbares, für das es aber sicher eine vernünftige Erklärung gibt. Kaum einer glaubt heute noch an das personifizierte Böse und schon gar nicht an die Hölle. Und wer sich jemandem als »Magier« vorstellt, dürfte ausgelacht werden.

Ahnungslosigkeit und Spekulation also – damals wie heute: Das Wort Magie bleibt ein Rätsel.
Wieso aber sollte man es lösen wollen?

Agrippa von Nettesheim, der Verfasser des Schriftwerks »De Occulta Philosophia«, hatte sich zur Aufgabe gemacht ein vollständiges Werk über die Geheimwissenschaften zu verfassen, was bis zum heutigen Tage die Hauptquelle vieler geblieben ist, die sich mit Hermetik, Kabbala, Alchemie, Numerologie oder Astrologie befassen. Seine Texte aber verwahrte der Autor zunächst im Verborgenen. Doch es blieb ihm nicht erspart, sich mit großen Unannehmlichkeiten und widrigen Umständen konfrontiert zu sehen. Schließlich schlug sein Wirken so große Wellen, dass man über ihn einfach sprechen musste – und das nicht nur unter Freunden.

Wir wollen im Folgenden versuchen, ein Bild des vielbewegten Lebens eines Mannes wiederzugeben, der sich, wie kaum ein anderer seiner Zeit, in so vielen Wissensgebieten auskannte und, wie es scheint, über schier übernatürliche Fähigkeiten zu verfügen schien – doch niemals zur Ruhe kam.

Goldmacher und Kabbalist

Am 14. September 1486 kam in Köln Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim zur Welt, als Erbe eines alten und reichen Rittergeschlechts. Früh schon beschäftigte sich Agrippa, wie man ihn heute kurz nennt, mit den Geheimwissenschaften. Er arbeitete am »Stein der Weisen«. Damit bewegte er sich in fürstliche Kreise, deren Mitglieder bald zu seinen Gönnern wurden und ihn rühmten, wegen seines »Großen Werks«, der Goldmacherkunst.

Zu Agrippas Lebzeiten, zählten die Geheimwissenschaften zu den wichtigen Interessengebieten zeitgenössischer Gelehrter; man denke etwa an John Dee, Edward Kelley oder Isaak Luria, mit denen wir uns noch an anderer Stelle beschäftigen werden. Alles was Agrippa damals an Literatur zum Thema zur Verfügung stand, scheint er auch gelesen zu haben. Seine klassische Bildung war durchaus bemerkenswert: Er verstand acht Sprachen, kannte die Evangelien und biblischen Texte wie zu seiner Zeit kaum ein anderer.

Schon mit 21 Jahren begab er sich nach Paris und stiftete dort eine Geheimgesellschaft. Ihr Zweck: das Studium und die Praxis der geheimen Künste. Dieser Orden breitete sich später sogar aus über Frankreich, fand Mitglieder in Deutschland, England und Italien. Doch bald schon musste er aus finanziellen Gründen nach Köln zurückkehren. Trotzdem setzte er sich das Ziel, bald wieder in Paris zu sein.

Agrippa wechselte immer wieder seinen Platz in der Gesellschaft. Er fand sich als Krieger auf dem Schlachtfeld, ein andermal erfüllte er seine Pflichten als Lehrer. Später begab er sich wieder in Gesellschaft seiner Ordensfreunde, die sich mittlerweile sogar in Spanien fanden. Sein Geld aber verdiente er durch astrologische Deutungen und andere Geheimkünste.

1509 hielt er im alten burgundischen Dola (heute Frankreich) öffentliche Vorlesungen über das Werk Johannes Reuchlins (1455-1522). Dieser hatte zu Lebzeiten, als Christ, wahrscheinlich mehr zur hebräischen Literatur und der Geheimlehre der Kabbala beigetragen, als so mancher ordentliche Rabbiner. In einem seiner wichtigsten Werke »De arte cabalistica«, leitete er die Bedeutung der zehn göttlichen Urkräfte her (siehe: Sefiroth), die bis heute eine zentrale Rolle spielen in der Kabbala. Agrippa auf jeden Fall, erregte mit seinen Vorträgen über Reuchlins Werk großes Aufsehen bei seinen Zuhörern. Man ernannte ihn zum Lehrer der Theologie an der Akademie von Burgund. Selbst die Räte des Parlaments, wohnten seinen Vorlesungen bei.

Doch je erfolgreicher er damit wurde und je mehr Menschen er mit seiner Lehre erreichte, desto mehr geriet er bald auch in Konflikt mit der hohen christlichen Geistlichkeit. Alles was man da nicht mehr verstand, galt als Irrtum und war darum Ketzerei. Nach Meinung der Kirchenoberhäupter konnte es nicht angehen, dass einer ungestraft so geheimnisvolle Bücher öffentlich erklärte, wie jene von Johannes Reuchlin. Vor Allem der burgundische Franziskaner Jean Catilinet (1450-1530) wandte sich gegen Agrippas öffentliches Wirken. Er verleumdete ihn wegen seiner öffentlichen Lehrtätigkeit zur Kabbala und klagte ihn an als Ketzer.
Waren diese Kirchenmänner wie Catilinet, einfach nur Unwissende oder ahnten sie hinter Agrippas Dasein und Wirken noch etwas Anderes?

Einer der zu viele Geheimnisse kannte

Agrippa versuchte nach all den Anschuldigungen, die man gegen ihn vorbrachte, die Gunst der Statthalterin der habsburgischen Niederlande zu gewinnen: Margarete von Österreich (1480-1530). Er schrieb damals, wohl als Widmung, seine Abhandlungen von der Vortrefflichkeit der Frauen und die Vorzüge des weiblichen Geschlechts, und seine Schilderungen der weiblichen Schönheit. Sie brachte er auch in Verbindung mit den kabbalistischen Gesetzen. Doch es schien nicht, als erreiche Agrippa damit seinen Zweck. Denn die Verfolgung von Seiten der Kirche hielten an. Als Vertriebener setzte er sich 1510 nach England ab. Dort verfasste er seine Verteidigungsschrift. Auch mit den Briefen des Heiligen Paulus befasste er sich in dieser Zeit und im selben Jahr noch kehrte er in seine Heimatstadt Köln zurück. Dort hielt er eine Zeit lang Vorlesungen über verschiedene theologische Themen. Wieder fanden diese großen Zulauf.

Portrait von Johannes Trithemius - ewigeweisheit.de

Portrait von Johannes Trithemius von einem Meister H. B., entstanden zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert.

Auf einer Reise nach Würzburg, lernte er den Abt Johannes Trithemius (1462-1516) kennen: einem der größten Adepten der Magie und der Kabbala. Er blieb eine Weile bei seinem neuen Meister, von dem er Vieles gelernt haben will. Auf Trithemius' Anregung, verfasste Agrippa schließlich De Occulta Philosophia. Er wollte darin die alte Magie in ihrer ursprünglichen Reinheit wieder herstellen und vom Vorwurf gefährlicher Irrlehren befreien.

Agrippas Wissen war zu diesem Zeitpunkt so umfassend, dass er auch über genaue Kenntnisse der Stoffe und der Alchemie verfügte. Man ernannte ihn nicht zufällig zum kaiserlichen Rat, denn sein alchemistisches Wissen »war Gold wert«, insbesondere auch, als es um die Verbesserung des Bergwesens zur Gewinnung von Erzen ging. Doch damit nicht genug. Im Jahre 1512 ernannte man ihn zum Hauptmann des kaiserlichen Heeres Maximilans I. Im Krieg gegen die Venezianer zeichnete er sich durch große Tapferkeit aus. Noch auf dem Schlachtfeld schlug man Agrippa zum Ritter. Seine militärischen Ehren, versuchte er auch seine akademische Anerkennung beizugesellen. Das Studium der Geheimwissenschaften aber setzte er über all die Zeit kontinuierlich fort.

Ich wurde Doctor beider Rechte und der Medizin, vorher noch Ritter. Diesen Stand (den eines Ritters) habe ich mir nicht erbettelt, nicht nach einer Seereise angenommen, nicht bei einer Königskrönung durch schamlose Aufdringlichkeit weggeschnappt, sondern auf dem offenen Schlachtfelde, mitten im Kampfe habe ich ihn durch Tapferkeit erworben.

Dereinst sollte Kardinal de Sainte Croix, Agrippa nach Pisa berufen, damit dort seine Talente als Theologe, ihm zu noch mehr Ruhm verhalfen. 1515 dann lehrte Agrippa im lombardischen Pavia. Er hielt dort Vorlesungen über den großen Hermes Trismegistos. Aber auch hier blieb er nur einige Zeit und es scheint. Musste er fliehen?

Agrippa: Anwalt, Arzt und Witwer

Agrippa war verheiratet und hatte einen Sohn. Von seiner Frau sprach er in höchsten Tönen. Sie war ihm, so wörtlich, »ein Weib nach seinem Herzen«, war schön, jung, klug und von edler Abstammung. Seine Freunde in Europa versuchten ihm eine ehrenvolle Stellung zu verschaffen, in Grenoble, Genf, Avignon oder in Metz.

1518 zog Agrippa nach Metz, wo er als Anwalt und Redner wirkte. Allmählich entspannten sich in dieser Zeit auch die Spannungen zwischen ihm und dem Klerus. Doch es war auch die Zeit, in der er sich unschuldig verfolgter Menschen annahm, die der Hexerei angeklagt auf seinen Rechtsbeistand angewiesen waren. Ein Jahr später aber schon, verließ er Metz wieder und begab sich erneut nach Köln. Dort hatte sich der Hauptsitz des deutschen Mönchtums entwickelt.

1521 verlor Agrippa seine liebe Gattin. Daraufhin reiste er nach Genf, wo er sich allerdings nicht in sehr günstigen Verhältnissen wiederfand. Bald schon reiste er wieder ab und kam 1523 ins schweizerische Freiburg, um dort als Arzt zu wirken, wie er es auch schon in Genf tat. Hier heiratete er ein zweites Mal eine Frau, die ihm ebenso lieb war, wie die erste.

Im Jahre 1524 setzte Agrippa seine Reisen fort. Damals kam er nach Lyon, wo er schon bald zu einem angesehenen Mediziner wurde. Die Mutter Königs Franz I. ernannte ihn zu ihrem Leibarzt. Später auch sollte Agrippa ihr als Astrologe dienen, um zu ermitteln, welchen Lauf der Heereszug ihres Sohnes nach Italien nehmen könnte. Agrippa jedoch verweigerte eine Erklärung dazu abzugeben. Es erschien ihm einfach lächerlich, sich mit solchen »Lapalien« zu beschäftigen. Diese Verweigerung nahm ihm die Königsmutter jedoch sehr übel. Schließlich hatte er in der Vergangenheit auch dem Herzog von Bourbon-Montpensier, einem erfolgreichen Heerführer, seine Erfolge prophezeit.

Im Laufe der folgenden vier Jahre, bedrückten Agrippa schwere Geldsorgen. Er verließ Frankreich und kam im Juli 1528 nach Antwerpen. Dort gewann er einen neuen Freund, dem er vielversprechende Aussichten stellte: ihn nämlich wollte er in die Geheimnisse der Alchemie einweihen. Bald erwarb er hier wieder einen sehr guten Ruf als Wunderarzt und erlangte auch in der Öffentlichkeit großes Ansehen. Das aber war auch die Zeit als seine zweite Gattin verstarb, die ihm mehrere Kinder geboren hatte.

Etwas Trost darüber fand er wohl, als er ein Jahr später von König Heinrich von England, dem Kanzler des Kaisers, zum kaiserlichen Archivar und Historiographen bestellt wurde. Doch all seine Erfolge, die ja nun in verschiedenen europäischen Städten bekannt waren, wurden ihm von jenen Mitgliedern des Klerus nicht gut vergönnt. Sie hatten ihn sogar beim Fürsten angeschwärzt. Auch bei anderen verleumdete man Agrippa. Besonders seine »Geheime Philosophie«, die er 1530 in Antwerpen drucken ließ, lieferte seinen Feinden neuen Stoff für Gründe, Agrippa zu verfolgen und auf die inquisitorische Anklagebank zu bringen. Schließlich warf man ihn 1531 tatsächlich in Brüssel ins Gefängnis. Glücklicherweise aber verblieb er dort nicht lange und schon im folgenden Jahr besuchte er den Erzbischof von Köln. Ihm nämlich hatte er seine Occulata Philosophia gewidmet. Der Druck seines Werkes konnte vielleicht darum und trotz der vehementen Angriffe der Inquisitoren, schließlich doch noch erfolgreich abgeschlossen werden. 1533 erschien die erste Ausgabe seines Buches.

Agrippa lebte später, bis 1535 in Bonn, hatte wieder geheiratet, doch sich von seiner dritten Ehefrau bald wieder scheiden lassen. Darauf kehrte er zurück nach Lyon. Hier aber warf man ihn in den Kerker, da er sich noch den Anschuldigungen der Mutter Franz I. ausgesetzt fand. Auf Bitte gewisser Unbekannter aber, ließ man ihn wieder frei.

Von Lyon machte er sich auf nach Grenoble, wo er aber dann noch im selben Jahr im Alter von 49 Jahren verstarb.

Der Mensch im Pentagramm - ewigeweisheit.de

Der Mensch im Pentagramm: Abbildung in Agrippas Werk über die Okkulte Philosophie.

Agrippa. Ein Schwarzmagier?

In der gesamten Zeit seines Wirkens, machten ihm seine Gegner den Vorwurf im Bund mit dem Teufel zu stehen und ein finsterer Zauber zu sein. Man unterstellte ihm, er solle immer einen schwarzen Hund bei sich geführt haben. Darüber berichtete sein Famulus Johann Wier:

Dieser schwarze Hund war von mittlerer Statur und hieß »Montfleur«, welches so viel als »Herr« bedeutet. Ich habe ihn besser gekannt, als irgend ein Anderer, und ihn nicht selten, wenn ich Agrippa begleitete, an einem Haarseile geführt; aber es war ein ganz natürlicher Hund männlichen Geschlechtes, dem Agrippa einen weiblichen fast von gleicher Farbe und Gestalt, den er »Mademoiselle« nannte, beigesellt.

Wie Johann Wier weiter meinte, liebte Agrippa seine Hunde über alles, dass er sie sogar öfters küsste und mit ihnen beim Essen zu Tische saß. Sogar im Bett sollen sie mit ihrem Herrchen geschlafen haben. Da Agrippa seine Wohnung teils wochenlang nicht verließ, doch über den Lauf der Dinge stets unterrichtet war, unterstellte man ihm, einer seiner Hunde sei der Teufel, der ihn über alles Geschehen unterrichte.

Als sich Agrippa dem Tode näherte, soll er diesen Hund zu sich genommen und sein mit Nägeln und nekromantischen Zaubersprüchen besetztes Halsband abgenommen haben und sprach darauf zu ihm:

Geh', unglückliche Bestie, die du Ursache meines ganzen Verderbens warst.

Dieser Hund sei dann zum Fluss Saône, westlich von Genf gerannt und habe sich in die rauschenden Wasser des Stromes gestürzt, ohne je daraus wieder zum Vorschein zu kommen.

Man unterstellte Agrippa, die Menschen so gut getäuscht zu haben, dass er in den Wirtshäusern seine Mahlzeiten mit Stücken aus Horn bezahlte, die die Wirte aber für bare Münzen hielten. Einer seiner Studenten kam ums Leben, als er in Abwesenheit seines Meisters den Teufel anrief. Als Agrippa nachhause kam, fand er dort dessen Leiche, während auf dem Dachfirst seines Hauses Dämonen tanzten. Einen von ihnen soll er dann in den Körper des Verstorbenen kommandiert haben, um ihn darauf hin auf den Marktplatz der Stadt zu zitieren.

Ist etwas an diesen Geschichten wahr? Oder waren es eher die üblen Verleumdungen seiner Gegner, die Agrippa als großen Zauberer in Verruf bringen wollten?

Es ist wohl nicht ganz zufällig, dass zu Lebzeiten Agrippas, die Geheimwissenschaften als solche, immer tiefer in die Verborgenheit verschwanden. Denn es war ihm wohl ganz und gar bewusst, dass er mit seinen okkulten Forschungen ein Wissensfeld betrat, das sehr wohl bei Anderen Missverständnis, Zweifel und sogar Furcht hervorrufen konnte. Wer öffentlich mit solchem Wissen auftritt, setzt sich Angriffen aus - das ist auch heute so. Stellt sich die Frage, wieso die Geheimlehren auch heute noch Menschen studieren?
Nun, es ist wohl bei allen Interessierten das Selbe: Sie suchen nach Wahrheit und haben das Verlangen die Wunder dieser Welt zu verstehen und mit dem so gewonnenen Wissen, ihr Leben zu etwas Besserem zu führen. Was spräche dagegen?

Viele Neugierige sind unter jenen, die sich selbst als Magier sehen, doch nicht die entsprechende Reife und Verantwortung entwickeln konnten. Sie gehen nur vom großen Nutzen ihres Geheimwissens aus. Die unzähligen Übel aber, die einem dabei auflauern können, werden von ihnen – aus Unwissenheit – leider ignoriert. Sie nämlich treten auf, wenn man diese Geheimnisse unrechtmäßig verwendet. Der Mensch ist leider unvorsichtig von Natur aus. Das rührt von seiner irdischen Körperlichkeit her, der er sich ja, dem Mythos nach, erst bewusst wurde, als er einst in den verlockenden roten Apfel biss.

Das Buch der Geheimen Philosophie

Agrippa versuchte durch sein Werk, solche Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, mit denen sich der magische Praktiker konfrontiert sieht. Einem seiner Lehrer, dem oben erwähnten Johannes Trithemius, schrieb Agrippa:

Als ich neulich bei Euch, Ehrwürdiger Vater, in Eurem Kloster bei Würzburg eine Zeit lang mich aufhielt, und wir viel über chemische, magische, kabbalistische und sonstige Wissenschaften und Künste gesprochen hatten, da wurde unter Anderem auch die wichtige Frage aufgeworfen, warum wohl die Magie, die einst nach dem einstimmigen Urteil der alten Philosophen den höchsten Rang einnahm und bei den Weisen und Priestern des Altertums stets im größten Ansehen stand, in der Folge den heiligen Vätern seit der Entstehung der katholischen Kirche immer verhasst und verdächtig gewesen und endlich von den Theologen verworfen, von den heiligen Konzilen verdammt und überall durch gesetzliche Bestimmungen geächtet worden sei.

Es gab eben Zeiten, wo sich böswillige Menschen, Pseudo-Philosophen und angebliche Magier in die Gesellschaft einschlichen, aus reinem Eigennutz. Sie trieben üblen Missbrauch der Geheimlehren und gingen damit vor, gegen die Ordnung der natürlichen Gesetze. Sie gaben auch Schriften heraus, die nur dem Zwecke dienten, tatsächlich Schaden anzurichten.

Nun ist sicher die Frage berechtigt: Werden nicht durch die Verbreitung geheimen Wissens, solche Pseudo-Magier überhaupt erst auf den Plan gerufen?

Es ist sehr leicht okkulte Weisheiten allein zur Befriedigung eigennütziger Zwecke zu missbrauchen, so nach dem Motto »mal eben etwas Magie und schauen was dabei herauskommt«. Was aber einmal ausgesprochen und vernommen wurde, was einmal gedruckt und gelesen wurde, lässt sich nicht mehr zurückziehen. Wer es »in den falschen Hals« bekommt, droht daran entweder zu ersticken, da er nicht über die nötigen Mittel verfügt die Geheimnisse entsprechend zu ordnen und bekömmlich zu machen, oder aber er verdaut solches Wissen zu etwas, wovon ihm nur die übelste Losung bleibt – miefender Abfall, über den sich all die parasitischen Dämonen und bösen Geister hermachen. Darum wohl zieht jeder, der von sich als Magier reden macht, recht schattenhafte, dunkle Spuren hinter sich her – oder aber wird als Scharlatan verlacht.

Es ist sinnlos, seine Zeit mit niedrigen Tätigkeiten zu verschwenden. Damit aber ist keineswegs einfache Arbeit gemeint. Eher geht es um die kleinen »Vergehen«, von denen man glaubt, sie schaden doch eigentlich Niemandem. Was genau damit gemeint ist, darüber weiß nur der Leser selbst bescheid. Wer sich aber mit Magie und solch höherem Wissen der Geheimlehren befasst, sollte tunlichst vermeiden, seinem körperlichen Dasein, irgendwelche schändlichen Ausnahmen zu gestatten.

Und wieder: Das Niedere den Niederen, das Höhere sei nur den hervorragendsten Geistern unter den Menschen zu erlernen gestattet. In Vertrauen sollten solche Geheimnisse weitergegeben werden – von Mund zu Ohr. Wer anders tut, bringt sich entweder in Gefahr oder macht sich, wenn es gut läuft, allenfalls lächerlich.

Gib dem Ochsen Heu und nur dem Papagei den Zucker!

So unter Anderem, antwortete Johannes Trithemius auf Agrippas oben zitierten Brief. Man sollte sich in Acht nehmen, mit wem man über die Geheimnisse der okkulten Philosophie spricht, um nicht jenem Ochsen unter die Füße zu kommen. Doch alles was einer hier zu lesen findet, ist gut genug zu wissen auf was man sich einlässt. Mag sein, dass sich Menschen, die sich für Magie interessieren, sehr schnell voran kommen. Leider aber ahnen sie nicht, dass sie diesen Kreis dereinst, wenn sie es nicht mehr wünschen, kaum noch verlassen können! Man sollte sich also stets vor Augen führen, dass man mit dem Lesen jener Schriften, auch schon mal die Büchse der Pandora öffnet.

Zentrale Themen in Agrippas Werk

Wer sich mit Agrippas Büchern befasst, sieht, dass er die Welt darin als elementaren Kosmos beschreibt. Das heißt nicht das Selbe, worüber die heutige Physik spricht. Eher werden die Elemente der Natur darin beschrieben und wie diese sich so kombinieren lassen, dass man damit allerhand Wunderwerk vollbringt. Das zumindest war ja immer das Ziel jener, die sich dem Studium der Magie widmeten. Alles Untere, so schreibt er, wird beherrscht vom Oberen, empfängt und überträgt durch sich die Wirkungen der »Ersten Ursache«. Die erste Ursache ist das, was man als den »Unbewegten Beweger« bezeichnen könnte - also Gott. Der Urvater aller Alchemisten, Hermes Trismegistos, formulierte dieses hermetische Gesetz in seiner Tabula Smaragdina – der atlantischen Smaragdtafel.

Geheime Figuren der Rosenkreuzer - ewigeweisheit.de

Illustration aus den Geheimen Figuren der Rosenkreuzer. Das Bild zeigt wie vom Obersten, hier als der heilige Name der Kabbala יהוה (JHVH), aus dem ewigen Anfang allen Seins, sich über die Engelwelten über die Gestirne, auf mehreren Stufen, die Wirkungen des Urlichts sich letztendlich in den verschiedenen Formen der Materie enden. Vergrößern +

Durch eine dreifaltig gegliederte Weltordnung – himmlisch-göttlich, elementar-irdisch und intellektuell-geistig – waltet dieses Wirken der ersten Ursache im Kosmos. Und es sind diese drei Teile im Kosmos, über die Agrippa schrieb, in seinen drei Büchern über die Magie.

Wer sie liest, so Agrippa, könne sich stufenweise durch diese drei Welten bewegen, bis vor Gottes Angesicht, den man darin etwa als einen »Autor des Kosmos« bezeichnen könnte. Wer so weit fortschreitet, wird außerdem selbst dazu befähigt, diese Kräfte vom Oberen ins Untere zu leiten. Doch Vorsicht! Wie damals, gilt auch heute der Energieerhaltungssatz. Wer sich in einem bestimmten Umfang bereichert, wird in seinem Leben, in eben gleichem Umfang geben müssen. Bester Beweis dafür scheint mir die Tatsache, dass alle sogenannten Magier, damals wie heute, meist sehr früh verstarben. Ob sie wohl über ihre Verhältnisse lebten?

Die edlen Wirkungen des Sternenlichts

Es gibt eine himmlische Sphärenharmonie, von der die moderne Astronomie nichts mehr zu wissen scheint. Doch die Planeten und Gestirne, sind über bestimmte numerologische Geheimnisse miteinander verbunden. Auch die Lehre von den raumzeitlichen Verhältnissen der Sterne und Planeten im Tierkreis, das heißt also dem, womit sich die Astrologie befasst, spielte bei Agrippa eine wichtige Rolle. Er liefert in seinen Büchern ganz wesentliche Gleichungen und Zuordnungstabellen, die dem Leser Tür und Tor öffnen, zu den verborgensten Geheimnissen des Okkulten und des Jenseits. Man achte auf die erste Stufe, die man hinter jenem Tor dorthin betritt.

Was Agrippa unter dem Wort Magie verstand, war das Wissen über die Natur und die Vollendung ihrer Erscheinungen. Die philosophische Disziplin, galt ihm ebenso dreifältig wie die Welt: natürlich, mathematische und theologisch.

Einer studiert die charakteristischen Erscheinungen in der Welt, ein anderer die Mengen dieser Erscheinungen und wie sie sich im raumzeitlichen Gefüge bewegen und verhalten. Was Letzterem aber abgeht, ist die wahre Verbindung zu kennen, zwischen jenen Erscheinungen in Natur und Kosmos und dem, was Gott ist, was der Geist, was die Engel, was der Teufel, was die Seele, was die Mysterien und was Glaube und Religion sind.

Wer aber beides, das Gemessene und das Ganze zu verbinden weiß, wer die Dimensionen der Dinge ebenso zu erkennen weiß, wie ihre Bedeutungen und Wirkungen im Universum, der, so Agrippa, habe die wahre Philosophie begriffen. Denn so einer kenne die Ursachen hinter den Erscheinungen der sichtbaren Welt. Er weiß von der Metaphysik, die das hinter der sinnlich erfahrbaren, natürlichen Welt Liegende erforscht.

Es ist wohl bekannt, dass Pythagoras und Plato sich nach Memphis begaben, um dort von den Sehern zu lernen und ganz Syrien, Ägypten und Judäa bereisten, die Schulen der Chaldäer aufsuchten, damit ihnen nur nicht entgingen, die allerheiligsten Merkmale und Aufzeichnungen der Magie, doch auch damit sie von Göttlichem erfüllt zur Erkenntnis gelangten.

- Agrippa von Nettesheim

Die Elemente

Was die alten Philosophen Griechenlands von den noch älteren Völkern erlernten, waren die Bedeutungen der Elemente, und zu was sich diese zusammensetzten in der Natur der Steine, Metalle, Pflanzen und im Tierreich.

Vier Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft: aus ihnen setzen sich alle Stoffe und alle Erscheinungen im Kosmos zusammen. Wenn hier aber zum Beispiel von Wasser die Rede ist, sprach Agrippa nicht allein von jener Flüssigkeit aus der sich die Meere bilden. Eher ist damit ein Prinzip des Fließens und seine gebärende Wirksamkeit gemeint. Sobald sich das Element Wasser mit Erde verbindet, kann der Heilige Geist daraus eine Seele hervorbringen (oder ein Mensch, wie etwa der Rabbi Löw seinen Golem zum Leben erwecken).

Auch Luft ist mehr als das, was man atmet. Es ist der Lebensgeist an sich, der alles Seiende durchdringt und bewegt. Atem als solcher ist Bewegung, bildet den kreislauf. Alles in der Welt atmet wenn man so will. Auch die vier Jahreszeiten sind ein kosmischer Atemvorgang: ein Ausatmen beginnt zu Frühlingsanfang und erreicht seinen Tiefpunkt im Herbst, wenn das kosmische Selbst im Innern der Erde, wieder »einatmet« und damit alles in der Natur entstandene, sich zurückzieht in die Dunkelheit des Winters.

Das Feuer entspricht dem Himmlischen und der Wärme des Wassers und der Erde. Letztere ist aber nicht nur das, was wir im Wald und auf den Äckern finden, sondern das Medium, worin sich ein Same zu Leben entfaltet, solange die Erde rein ist. Und dieser Same kann sowohl geistig, wie auch körperlich sein. Die Erde ist die Substanz, das Wasser gibt ihm die Form, das Feuer die Wärme und die Luft den Atem, so dass sich aus dem Samen, Leben entwickeln kann.

Auch im körperlichen Menschen, haben diese vier Elemente ihre Entsprechungen: Die Knochen bilden die Erde, die Muskeln die Luft (da sich der Körper ja durch sie bewegt), den Lebensgeist das Feuer und das Temperament das Wasser. Doch auch die Seele, setzt sich aus diesen vier Elementen zusammen: die Erkenntnis ist feurig, aus der Luft bildet sich die Vernunft, die Phantasie ist wässrig und die Sinne irdisch. Auch die Sinne lassen sich mittels der vier Elemente aufgliedern, wo das Sehen dem Feuer entspricht, das Hören der Luft (Schall), Geschmack und Geruch durch Wasser repräsentiert werden und schließlich das Empfinden, der Tastsinn irdisch ist.

Die vier Elemente finden sich überall im Kosmos und alles kann im Verständnis ihrer wahren Bedeutung, erkannt und verwendet werden. Denn aus ihnen lassen sich die darin existierenden Eigenschaften ableiten und zu etwas fortentwickeln, was ihnen wiederum entspricht. Das Feurige der Sonne, wird zu Trockenheit der Erde. Das wässrige im Mond, zu den Gezeiten der Meere.

Es sind eben nicht jene Elemente, wie sie die moderne Chemie erklären würde, sondern eher Qualitäten des Seins. Weniger geht es in der Magie um Messbares, als letztendlich um das, was erfahren und erlebt werden kann. Doch insbesondere was man für andere erfahr- und erlebbar macht.

Die Quintessenz und das Elixier

Alles Untere, so sagten wir bereits, empfängt seine Wirkungen vom Oberen. Für Agrippa entsprach auch allem Irdischen etwas Himmlisches: das Untere dem Oberen. Diese beiden Postulate bilden das erste hermetische Prinzip. Die Weltseele aber führt die Wirksamkeiten dieser Entsprechungen von oben nach unten, und wieder von der Wirkung zurück zur Ursache. Diese Ursachen zu kennen will Agrippa in seinen drei Büchern über die okkulte Philosophie, helfen genau zu verstehen.

Die sichtbaren Dinge entstehen durch bestimmte Impulse der geistigen Welt. Auch die in den Dingen liegenden Eigenschaften, und wie sie damit auf andere Dinge wirken. Es sind diese Wirkungen aber unterschiedlich im Grad. Je nach Reinheit oder Verunreinigung, erfüllt sie die selbe Kraft, die sie von der Anfangs erwähnten, impulsgebenden Ursache er-halten haben und nun für sich ent-halten.

Was aber ist diese Ursache beziehungsweise, welche wirksame Kraft liegt in ihr, so dass überhaupt etwas entstehen kann, an das ihre Wirkung übertragen wird?

Ein Mensch etwa, kann ja durchaus auf einen anderen Menschen seine Wirkung übertragen. Das macht er mittels seiner Seelenkräfte. Es ist wie mit einem Magneten: Wenn Sie ihn auf ein Stück Eisen legen, geht sein Magnetismus darauf über. Auch im zwischenmenschlichen Zusammenleben, macht man ähnliche Erfahrung. Unser Umgang prägt unser Leben.

Die Seele des Einen, wirkt auf die Seele eines Anderen, wobei sie selbst oder ihre Wirkungen verändert oder diese beeinflusst werden. Die Kräfte die dabei wirken, werden vermittelst der geistigen Weltsubstanz, der »quinta essentia«, wie sie die Alchemie nennt, vom Einen auf das Andere übertragen.

Wir hatten nun gesagt, dass sich die Dinge aus Feuer, Wasser, Erde und Luft zusammensetzen. Die eben definierte Quintessenz, gleicht einem fünften Element in der Hermetik – etwas, dass sich sowohl über den Vieren, außerhalb von ihnen befindet und sie durchdringt. Und so wie die Quintessenz nun aus dem Inneren der Welt wirkt, so wirkt sie auch aus dem Inneren des Menschen. So wie die Kräfte der menschlichen Seele an seine Körperglieder durch seinen Geist übertragen werden, so breiten sich die Kräfte der Weltseele, durch die Quintessenz aus und durchdringen, formen und verändern die dingliche Welt.

Nichts in der Welt existiert, dass nicht auch etwas von den Wirkungen der Quintessenz in sich trägt. Doch es gibt Dinge, in denen diese Quintessenz ganz reichlich vorhanden zur Wirkung kommt. Und das sind die Himmelskörper. Ihre Strahlen enthalten konzentrierte Wirkungen der Quintessenz. Was sich auf Erden befindet, seiner Natur nach aber diesen himmlischen Kräften entspricht, darauf haben die astralischen Kräfte besonderen Einfluss. Einfachstes Beispiel sind die Sternzeichen des Tierkreises, die einem Menschen bestimmte Veranlagungen mit auf seinen Lebensweg geben. Und diese Übertragung erfolgt durch eben dieses fünfte Element,  die Quintessenz.

Das bedeutet also, das alles real Existierende, von dem was über ihm steht beeinflusst wird, seien es Pflanzen, Steine, Metalle oder die Planeten, über denen die Wirkungen des Fixsternhimmels regieren.

Hieraus schloss Agrippa, dass derjenige, der den Geist der Quintessenz von Materie zu trennen vermag, oder von jenen Dingen Gebrauch macht, in denen die Quintessenz überwiegt (zum Beispiel in der Bewegung der Sternenlichter), wahrlich auf dem besten Wege ist, den Stein der Weisen zu bereiten. Denn auch die alten Alchemisten versuchten, die Quintessenz des Goldes oder des Silbers aus den entsprechenden Metallen zu extrahieren. Wem es unter ihnen gelang, der vermochte mit diesem heiligen Extrakt, jede Substanz in Gold oder Silber zu verwandeln – vorausgesetzt, sie wissen, wie die Quintessenz auf den vermeintlichen Stoff angewendet werden muss, damit sie ihn durchdringt und mit ihren geistigen Prinzipien vollkommen erfüllt.

Man sollte jedoch niemals vergessen, dass immer nur soviel von dem gewünschten Ding hergestellt werden kann, sei es Gold, Silber oder irgendeine andere Sache, wie man entsprechend anderswo, die vermeintliche Quintessenz zu extrahieren vermochte. Nur soviel das Pendel nach links ausschlägt, wird es auch nach rechts sich wenden, doch immer ein wenig schwächer als der erste Ausschlag.

Ähnliches dem Ähnlichen

Das Gesagte dürfte damit etwas erhellen, welche Absicht Agrippa mit seiner Schrift von den Okkulten Philosophie zur Verfügung stellte. Es ging ihm darum zu untersuchen und aufzuschreiben, welche der irdische Substanzen und Dinge, wozu natürlich auch der Mensch als Ganzes zählt, die himmlischen Wirkungen anzunehmen vermögen, um sie hier auf Erden zur etwas Höherem, etwas Geeigneterem zu formen. Das vollbringt aber nur derjenige, der die hermetischen Gesetze verinnerlicht hat.

Ähnliches bringt Ähnliches hervor, Wirkungen zeigen sich als Allegorien ihrer Ursache. Was immer lange stand und Salz enthielt, wird wohl auch irgendwann zu Salz. Das gilt ebenso für unser Leben. Wer sich lange genug mit einer bestimmten Sache beschäftigt, nützlich oder unnütz, und sich damit ihrer Wirkung aussetzt, wird ihr immer ähnlicher. Dieses Ähnlichkeits-Prinzip, fand seinen Weg auch in die Heilkunde. Der deutsche Arzt Samuel Hahnemann (1755-1843) sprach vom »similia similibus curentur«, wo es darum geht, das Ähnliches durch Ähnliches geheilt werden kann – besser bekannt als Simile-Prinzip der Homöopathie, wonach jede Krankheit durch die Substanz geheilt werden kann, die beim Gesunden, der Krankheit entsprechende, ähnliche Symptome hervorruft.

Wer demnach also Wirkungen erzielen will, sollte entsprechende Resultate in der Natur ausfindig machen und versuchen, daraus die besagte Quintessenz zu extrahieren. Je reiner diese Essenz, das »Elixier«, desto einfacher lassen sich damit Zwecke erfüllen und Dinge oder Umstände ineinander verwandeln, zum Wohle des Wissenden oder zu seinem Nachteil. Wer aber zurückschreckt vor der letztendlichen Konsequenz dessen, was auch an Grobheit notwendig ist, um die gewünschte Essenz herzustellen, sollte erst gar nicht damit anfangen. Denn wenn die Sterne auf die Planeten, und diese auf die Mineralien wirken, in die Pflanzen in der Erde gebettet gedeihen, die wiederum von Tieren gefressen werden, dürfte daraus abzuleiten sein, dass bei der Bereitung des Steins der Weisen, insbesondere auch der Tod eine Rolle spielt. Wahre Veränderung kann tatsächlich aufreiben, letztendlich gar zunichtemachen.

Als Kinder lasen wir Fabeln, wo bestimmte Tiere für bestimmte Haltungen und Charaktereigenschaften eines Menschen stehen. Wer diese Eigenschaften in seinem Leben zur Wirkung bringen will, der muss sich eben an jene Tiere wenden und die lebendige Essenz aus ihnen zu geeignetem Zeitpunkt gewinnen, um sie für sich nutzbar zu machen.

Wer sich nun also, mit einem Wissen bereichern will, dass ihm erklärt, wie in solchem Vorgehen zu handeln ist, der kann sich mit Agrippas okkulten Philosophie befassen. Bis ins Detail geht er darin auf die notwendigen Vorkehrungen ein. Wer unter den Lesern aber macht sich die aufwendige Mühe, diese Vorkehrungen auch tatsächlich zu treffen?

Viele Fragen bleiben offen.

 

 

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Magie in der Zeit vor der Sintflut

von S. Levent Oezkan

Sohar - ewigeweisheit.de

Im 13. Jahrhundert tauchte in Spanien ein sonderbares Buch auf: Der Sohar – dessen Namen sich wörtlich übersetzen ließe als »Das Buch des strahlenden Glanzes«. Seit jeher gilt es als bedeutendstes Schriftwerk der Kabbala.

Dieses Buch enthält Kommentare zum Schriftwerk der Hebräischen Bibel, sprich, also den fünf Büchern Moses. Besonders das erste Bucht ist von zentraler Bedeutung: Bereshith ראשית, auch griechisch »Genesis«. Bereshith aber bedeutet auf deutsch übersetzt »Im Anfang«, so wie eben das griechische Genesis »Ursprung« bedeutet.

Und viele Seiten des Buches Sohar widmen sich diesem Anfang der Bibel, wobei da die verborgenen Bedeutungen biblischer Wörter auf ihre mystische und magische Bedeutung hin untersucht werden. Jedem dieser Buchstaben des hebräischen Alphabets aber entpsrechen, neben seinem phonetischem und numerologischen Wert, außerdem noch geheime Symbole, die auf besondere Bedeutungen im Menschen und im Kosmos hinweisen.

Damit ist die Bedeutung des Wortes Bereshith ראשית eben nicht nur »Im Anfang«, sondern jeder einzelne Buchstabe erzählt selbst eine kleine Geschichte – was diesem Wort natürlich einen enormen Raum an Bedeutungen zugesteht. Somit ließen sich die im Buch Sohar besprochenen Techniken der mystischen Auslegung von Worten und Namen, auch als eine der Quellen für die numerologische Wissenschaft sehen. Denn auch in der Numerologie, werden verborgene Zahlenwerte hinter jedem Buchstaben eines Namens, ihrer Bedeutung nach analysiert.

Wenn nun die Rabbis das Buch Genesis fast Wort für Wort auf diese Weise interpretierten, fing sein Text quasi an zu atmen, wo in jedem Aushauchen eines Buchstaben quasi auch die Kräfte seiner mystischen Bedeutungen mit ausgelöst wurden. Auch aus beinahe unwichtigen Details der Bibel, eröffnen sich damit vollkommen neue Perspektiven der Interpretation. So scheint jedes Bibelwort und jeder heilige Name in sich, eine besondere Welt zu enthalten. Damit kann der Text der Heiligen Schrift auf vielen verschiedenen Ebenen analysiert werden. Und für so eine dedizierte Herangehensweise mystischer Betrachtung, wurde auch das Wort Kabbala gefunden. Es steht für das Vernehmen einer Geheimlehre, eines okkulten Wissens, hinter der Fassade aller Offensichtlichkeiten.

Dies wissend wurde natürlich auch das Buch Sohar geschrieben. Es unterhalten sich darin verschiedene Charaktere in Dialogform, die gemeinsam nach einer tieferen Auslegung des Bibeltextes forschen. So ist der Sohar gewissermaßen die esoterische Variante zum hebräischen Midrasch, der eine exoterische Auslegung der Bibel darstellt.

Die an diesem Dialog beteiligten Personen, sind Rabbiner. Im Folgenden sollen einige Textstellen aus diesem Schriftwerkes er jüdischer Literatur zitiert werden.

Rabbi Jose sprach:

Wegen seines Ungehorsams gegen Gottes Gebot, verlor der Mensch das Geheimwissen und die okkulten Mächte und Bedeutungen der Buchstaben des Alphabets – außer den beiden letzten Buchstaben ש Shin und ת Tav. Denn obwohl er sündigte, wurde die in ihm bewahrte Güte nicht gänzlich ausgelöscht. Als Zeichen seines Dankes für Gottes entgegenkommen, nannte er seinen (dritten) Sohn Seth שת (Genesis 4:25). Nach seiner Reuebekundung und Versöhnung mit seinem Herrn, eröffneten sich auch wieder die mystischen Geheimnisse und Mächte der Buchstaben. Dementsprechend aber in umgekehrter Reihenfolge ת Tav, ש Shin, ר Resh, ק Qoph, bis zu dem Tage, da die Kinder Israels am Fuße des Berges Sinai standen. Erst da erhielten die Buchstaben wieder ihre natürliche Reihenfolge, wie an dem Tag, da Himmel und Erde erschaffen wurden. Diese Umverteilung der alphabetischen Buchstaben, trug zum dauerhaften Wohl und Bestand der Welt bei.

Rabbi Abba antwortete:

Als sich Adam versündigte, begannen Himmel und Erde zu schaukeln und sehnten sich nach Auflösung in ihre ursprünglichen Elemente. Schließlich war der Bund zwischen Gott und den Menschen gebrochen, der Grund ihrer Existenz. Dazu sagt die Schrift,

Meinen Bund mit dem Tag und der Nacht werde ich niemals brechen, und die Ordnungen von Himmel und Erde lasse ich für alle Zeiten gelten.

- Jeremia 33:25

Wir wissen, dass dieser Bund einst brach durch die Übertretung des Gesetzes durch Adam, wozu die Schrift sagt

Die Israeliten sind mir untreu geworden, schon damals in der Stadt Adama. Und seitdem haben sie immer wieder den Bund gebrochen, den ich einst mit ihnen geschlossen habe

- Hosea 6:7

Hätte der Heilige bei Ankunft Israels am Berge Sinai nicht vorausgesehen, das sein Volk den Bund annehme, wären alle Himmel und die Erde aus ihrer Existenz verschwunden, zurück ins Chaos.

Darauf sprach Rabbi Hezekiah:

Der Heilige erlässt und vergibt jedem der sich zu seinen Sünden und Übeltaten bekennt. Schau da recht hin, als die Welt erschaffen wurde: der Heilige schloss einen Bund über jenen, für den die Welt fortbesteht. Daraus entnehmen wir die Bedeutung des Wortes Bereshith ראשית, das eigentlich so geschrieben werden sollte: bereרא, shith שית. Das bedeutet 'Er schuf das Fundament' oder den Bund, den der Buchstabe Yod י repräsentiert, im Zentrum des Wortes shith שית. Auch wenn es der kleinste aller Buchstaben des Alphabets ist, steht er dennoch für den Bund, durch den allen Menschen Segnungen zukommen. Als ihm ein Sohn geboren wurde, bekannte sich Adam zu seiner Sünde und der Heilige vergab ihm. Und darum nannte er ihn Seth שת, was die selben Konsonanten enthält wie das Wort shith שית, nur eben ohne Yod י, Symbol des Bundes, gegen den er verstieß. Außerdem symbolisiert den Heiligen Bund auch der Buchstabe Bethר, der einverleibt wurde mit ש Shin und ת Tav, als die Kinder Israels am Fuße des Berges Sinai standen und so gründete sich der Sabbath שרת, von dem es heißt,

Alle Israeliten – heute und in allen künftigen Generationen – sollen sich daran halten. Sie sollen den Sabbath feiern als Zeichen des Bundes, den ich mit ihnen geschlossen habe.

- Exodus 31:16

Rabbi Jose bestätigte:

Die beiden Buchstaben ש Shin und ת Tav wurden auf diese Weise assoziiert und als die Kinder Israels den Bund am Berg Sinai entgegennahmen, erwarben sie damit okkulte Geheimnisse und ein Verständnis für die mystische Bedeutung aller Buchstaben des Alphabets, außer ש Shin und ת Tav. Ihre (wahre) Bedeutung aber ging der Menschheit verloren.

Dazu sagte Rabbi Jehuda:

Seit der Geburt des Seth שת bis zur Ankunft der Kinder Israels am Berg Sinai, entfalteten sich allmählich die Geheimnisse der Buchstaben und enthüllten ihre Bedeutungen den Patriarchen. Doch dies geschah nicht vollständig, da sich die Buchstaben damals nicht in ihrer normalen Reihenfolge befanden wie heute.

Rabbi Eleazar sprach:

In den Tagen des Enosch (erster Sohn des Seth), waren die Menschen sehr bewandert in Okkultismus und den magischen Wissenschaften. Sie wussten auf die Naturkräfte Einfluss zu nehmen. Seit den Zeiten Adams, dessen Hauptbeschäftigung darin lag, die Blätter des Baumes der Erkenntnis von Gutem und Bösem genau zu studieren, besaß keiner solch magische Fähigkeiten wie Enosch. Er war es der dies okkulte Wissen lehrte und seinen Zeitgenossen überlieferte. Sie aber sollten es weitergeben an die Menschen vor der Sintflut, den aufdringlichen und verdorbenen Gegnern Noahs. Sie rühmten sich damit, wegen ihrer magischen Kenntnisse das Gericht Gottes abwenden zu können. In der Zeit des Enosch wurden die Menschen eingeweiht in das höhere Leben – davon kündet die Schrift. Dann begannen Menschen den Namen JHVH anzurufen.

Dazu meinte Rabbi Isaak:

Alle Gerechten die nach Enosch lebten, wie Jared, Methusalem und Henoch, taten alles in ihrer Macht Stehende, die Menschen an der Ausübung der magischen Künste zu hindern. Doch ihre Bemühungen sollten nutzlos bleiben. Ihre Gläubigen wurden stattdessen immer stolzer auf ihr Geheimwissen, rebellierten und zeigten dem Herrn Ungehorsam, sprachen

Wer ist Schaddai der Allmächtige, das wir ihm dienen sollten. Welchen Nutzen sollten wir haben, wenn wir ihn bis zum Ende anbeten?

So sprachen sie. Sie glaubten, dass sie mit ihrem Okkultismus und ihrer Magie, dem kommenden Gericht entgehen könnten, das sie vollkommen auslöschen sollte. Als sie ihre üblen Taten und Praktiken ansahen, sorgte der Heilige dafür, das sich die Erde zurückbewege in ihren Ausgangszustand und damit alles in den Fluten der Meere versank.

Nach der Sintflut jedoch, übergab er die Erde erneut der Menschheit. In seiner Gnade versprach er, dass sie niemals wieder auf so verheerende Weise zerstört würde. Dazu heißt es in der Schrift,

Der Herr thront über den Fluten, als König herrscht er für alle Zeit.

- Psalm 39:10

Der Wort für 'Herr' das hier steht, ist JHVH und nicht Elohim: der erste Name steht für die Gnade, letzterer für Härte und das Gericht. In der Zeiten des Enosch, wurden sogar Kinder eingeweiht in die Mysterien und das Wissen einer Geheimlehre.

Rabbi Jose fragte:

Wenn all das wahr ist, warum nur waren sie so unglaublich dämlich und blind, dass sie ungeachtet all ihrer okkulten Wissenschaften, trotzdem nicht die Sintflut vorhersahen, die der Heilige schon vorbereitet hatte?

Rabbi Isaak antwortete:

Sie wussten sehr wohl was geschehen würde. Doch wegen ihrer verdorbenen Herzen sprachen sie

Wir kennen die Engel die über Wasser und Feuer walten. Und unsere magische Wissenschaft wird uns befähigen uns vor ihrer Gewalt zu schützen.

Doch ach, wie dumm waren sie nur! Wussten Sie denn nicht, dass der Heilige über die Welt regiert und das durch ihn Urteil und Strafe über sie kommt? Die Engel verwirklichten seine Gebote. Das schien ihnen nicht bewusst zu sein – bis zu dem Tag der großen Flut und obwohl der Heilige Geist sie warnte, dass

die Sünder sollen ein Ende nehmen auf Erden, und die Gottlosen nicht mehr sein.

- Psalm 104:35

Der Heilige blieb ihnen gegenüber nachsichtig und ertrug still ihren Hochmut, so lange Jared Methusalem und Henoch lebten. Nach ihrem Hinscheiden, sollte das Gericht ihrer habhaft werden und sie wurden hinweggerafft wegen ihrer Sünden und Falschheit – so steht es geschrieben:

So vertilgte er alles, was auf dem Erdboden war.

- Genesis 7:23

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Mystik oder Magie: Bedarf es einer Entscheidung?

von S. Levent Oezkan

Foto by Jens Lelie - ewigeweisheit.de

Auch wenn es keinen direkten Zusammenhang gibt, spricht einiges für die Annahme, das sich mit dem Einsetzen des Christusereignisses die alten Mysterien erübrigten. Was man dazumal im Geheimen erfuhr, schien sich in jenem allbekannten Kreuzweg Jesu für immer zu enthüllen: die Bedeutung von Leiden und Sterben, und dem daraus erstehenden neuen Leben.

Von so etwas ausgehend dürfte es kaum verwundern, wenn in den Jahrhunderten nach Christus ein riesiger Schriftkorpus mystischer Theologie entstand. Dazu zählt sicherlich auch das Johannes-Evangelium, worauf vielleicht auch die darin enthaltenen sieben charakteristischen »Ich-Bin-Verse« hindeuten. Einer davon etwa lautet:

Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.

- Johannes 14:6

Jener Weg, von dem der Vers spricht, steht für den verborgenen Pfad, der durch eine Innere Welt der Rückbesinnung führt. Einem Weg beschaulicher Meditation. Wer sich auf ihm bewegt, entsagt allem Niederen, nähert sich einem Leben in Wahrheit. Dem Sucher eröffnet sich dieser Weg zur Wahrheit, die im christlichen Sinne in Gott liegt. Er vergilt dem Gläubigen diese Suche, lässt in ihm, in seiner Seele, das Wesen wahren Seins anklingen.

Die Texte Christlicher Mystik geben dem Leser einen Leitfaden, um sich einem Leben in Gott zu nähern. Hiermit, was dabei manchmal als Christuskraft bezeichnet wird, strömen dem Sucher jene geistigen Einflüsse zu, die sein Herz mit Glück zu erfüllen vermögen. In diesem Heiligen Geist nämlich, läutert sich auch der menschliche Geist, wird zu etwas Höherem, Edlerem.

Jene geistigen Kräfte himmlischer Heiligkeit aber, stammen aus einem Bereich, der uns Menschen zunächst verborgen ist. All jene Symbole, die durch den Christus der Menschheit offenbart wurden, bleiben dem uneingeweihten Herzen ein Rätsel. Doch es ist in Wirklichkeit das, was sich in alter Zeit den Teilnehmern der großen Mysterienfeiern, als zentrales Geheimnis offenbarte: der symbolische Tod.

Welche Bedeutung liegt dem zu Grunde?

Wenn die Symbolik des Todes das innigste Geheimnis der alten Mysterien bildete, wurde es im Zeichen des sterbenden Christus am Kreuz eigentlich allen Menschen eröffnet. Im Kreuzestod und der Auferstehung des Gottgesandten, fand letztendlich auch die Enthüllung einer der verborgensten Mysterien-Geheimnisse statt.

Die in den alten Mysterien gemachten Erfahrungen, waren jedoch nicht durch Worte beschreibbar. Darum verpflichteten sich die Initianden, gar unter Todesandrohung, ihre Erlebnisse der Einweihung geheim zu halten. Was die Initianden in den Mysterienspielen am eigenen Leibe erfuhren, war eben nicht durch Worte beschreibbar. Wer darüber gesprochen hätte, hätte ihren eigentlich Sinn vollkommen verfehlt und nichts als Verwirrung gestiftet.

Es ging aber wohl auch um die Wahrheit dessen, dass ohne zu Sterben kein Leben möglich ist. Und ja: Wir sterben jeden Augenblick und werden im Folgenden wieder geboren. Den ersten Atemzug nahmen wir nach unserer Geburt, atmeten ihn wieder aus und von da ab, immer wieder ein und aus, bis unser letzter Atemzug genommen und im Sterben ausgehaucht wurde.

Diese offenbare Tatsache, berührten vielleicht auf die Initiationsereignisse der Mysterien, jedoch auf eine noch einhelligere, stimmigere Weise. Was das insbesondere heißen könnte, darauf verweist vielleicht ein weiterer der sieben Ich-Bin-Verse des Johannes-Evangeliums:

Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben.

- Johannes 11:25f

Bild-Tafel am Knappenaltar in der Hallstatt-Kirche Oberösterreich

Christus am Kreuz. Bild-Tafel am Knappenaltar in der Hallstatt-Kirche Oberösterreich.

Vom Erkennen der eigenen Göttlichkeit

Wer über die Abgründe des christlichen Kreuzigungsweges, sowie jene hohe Heiligkeit der Auferstehung kontempliert, der kann nach und nach zu einem Wissenden werden – zu einem, in dem jener »Weg der Wahrheit und des Lebens« seine Wirkung zeigt.

Was sich einst im alten Griechenland in den Mysterienfeiern um Demeter, Persephone und Dionysos ereignete, sollte dereinst das Christusmysterien ablösen. Denn mit der Erscheinung des großen Weltlehrers Jesus, schien sich die göttliche Wesensart zum ersten Mal in einem Menschen zu verkörpern.

In jedem von uns aber existiert ein göttlicher Funke der unvergänglich und in einem ewigen Kreislauf von Sein und Nichtsein lebendig ist.

Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende, der Erste und der Letzte.

- Offenbarung 22:13

Dennoch aber hatte auch dieser Zustand ewig göttlicher Einwohnung, seinen Beginn. Am Anfang war das Nichts, wie es heißt (Genesis 1:2), war Wüste und Leere und daraus erst entstand das Dingliche der Welt, worin auch die Seelen ihre Körper erhielten (Genesis 2:7).

In den Fleischwerdungen der ersten Menschen, war bereits die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis veranlagt (Genesis 3:7). Doch mit der Erkenntnis der eigenen Körperlichkeit, entdeckte der Mensch auch seine eigentliche Trennung vom göttlichen Ursprung – ohne aber seinen Fall als solchen auch zu verstehen. Adam und Eva erkannten im Essen vom verbotenen Baum ihre Nacktheit, hüllten diese in Kleider und identifizierten sich seit jener Zeit mit ihrem Körper – der in Wirklichkeit aber zum Schutz ihrer in die Weltlichkeit gefallene Seele diente. Seit dieser Zeit aber scheint das Empfinden jener ursprünglichen Seligkeit verloren. Der Mensch zog sich zurück aus seiner eigentlichen Einheit in Gott. Als sich die Seele so individualisierte, wurde ihre Göttlichkeit in den Pferch des Körpers eingefangen, worin sie bis zum Tode des Selben weilt.

All das aber sind nur Beschreibungen eines viel höheren Mysteriums, dass sich durch Worte nicht zufriedenstellend erfassen lässt. Was bleibt ist ein Umriss dessen, was der Mensch in seinem Individuationsprozess in der Trennung vom Göttlichen erlebt und sich damit in den Zustand einer allgemeinen Unwissenheit begibt.

Die Seele ist göttlichen Ursprungs, doch bewegt sich während ihrer Existenz, im Übergang durch die Welt in einem für sie geborenen menschlichen Körper. In diesem Gefährt strebt sie dem Göttlichen zu, bis sie mit dem physischen Tod wieder zurückkehrt zum Einen, dem universalen Zentrum in Gott. Während eines Menschenlebens aber, verdunkelt der Körper diese lichtvolle Verbindung zwischen der Menschenseele und der Weltseele im Göttlichen.

Wer sich hiermit eingehender befasst, dem könnte das Gesagte womöglich zweifelhaft erscheinen. Es sieht nämlich danach aus, dass jener universale Weltengeist die Seele in all ihren Inkarnationen, in scheinbar unzähligen Menschenkörpern versklavt, auf einem teils leidvollen Weg über die Erde. Das bliebe aber nur die eine Hälfte der Wahrheit, wenn da nicht auch die menschliche Fähigkeit zur Selbsterkenntnis wäre. In jenem lebendigen Gedanken der Erkenntnis nämlich liegt das, was Jesus Christus als das »Lebendige Wort« bezeichnete:

die da wiedergeboren sind, nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Samen, nämlich aus dem lebendigen Wort Gottes, das da ewig bleibt.

- 1. Petrus 1:23

Die Erkenntnis des Selbst aber erspart einem nicht die Bemühung, sich eher mit der Seele und weniger mit seinem Körper zu identifizieren. Denn je länger wir uns in unserer leiblichen Inkarnation befinden, kranken wir noch. Im Streben eines Seelenlebens nach unserem eigentlich göttlichen Ursprung aber, darin lässt sich wahre Heilung finden.

In diesem Streben der Seele nach einer Rückkehr in die Einheit in Gott, liegt die eigentlich höchste Weisheit. Es ist das, was die Hermetik als »Solve et Coagula« bezeichnet: »Lösen und Binden«. Um auf eine höhere Ebene des Seins zu gelangen, gilt es alte Bindungen zu lösen, damit sich neue Verbindungen schließen lassen – bis es irgendwann auch diese wieder zu lösen gilt, um weiter fortzuschreiten.

Erfolgt dieses kontinuierliche Auftrennen und Aneinanderfügen in angemessenen Zeiträumen, kann eine Person ihren irdischen Ausgangszustand immer weiter veredeln, bis sie sich in jene geheime Gefilde begeben hat, wo sich allmählich jener verborgene Stein der Weisen zu enthüllen beginnt – mit dem einer alles Unedle umzuwandeln vermag, in eine goldene Vollkommenheit des Seins.

Die Notwendigkeit des Todes

Was zuvor mit dem Streben der Seele nach Höherem angedeutet wurde, setzt folglich auch ein Sterben voraus. Die Konsequenzen des Fortschreitens auf diesem Weg, auf den auch Jesus seine Jünger verwies, ist wovor sich die meisten Menschen fürchten: die unaufhaltsame Tatsache vom Tod des eigenen Leibes. Denn alle Materie ist an die Zeit gebunden. Sie nagt an ihr, bis sich der aus ihr geformte Körper irgendwann wieder in Nichts auflöst.

bis dass du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.

- Genesis 3:19

Was viele am Sterben so erschreckt, ist der Übergang ins Unbekannte. Denn eigentlich erfolgt unser Tod schmerzlos oder erlöst einen Menschen endlich nach langem Leiden. Immer aber entledigt sich die Seele dabei ihrer körperlichen Barrieren und bekleidet sich stattdessen mit einem Gewand göttlichen Lichts.

All das aber hat wenig zu tun mit tagtäglichem Nachdenken und Grübeln über unser Leben. Weder Meditation noch die Anrufung der Heiligen und der Engel können herbeiführen, was hier angedeutet wurde: Da nämlich war unser Körper tot und unsere Seele bereits in ihrer ganzen Bloßheit vor dem Angesicht Gottes. Trotzdem liegt darin das »Große Werk« wodurch der geheimste und allerheiligste Tempel errichtet wird, die Wohnstätte Gottes. Hierher kehren dereinst alle von Gott ausgesendeten Seelen zurück.

Vor diesem Hintergrund erscheint es darum auch falsch, den Leidensweg Christi nur für ein grausames Ereignis zu halten. Denn er starb nicht nur in seinem Körper, sondern erstand in ihm auf zu neuem Leben.

Und doch fand all das statt zwischen der Christusseele und Gott. Es war als hätte die Seele den einen Gott und sich selbst, als die eine Anbeterin erkannt. Sie war allein mit dem Alleinigen. Schließlich aber löste sich diese Anbeterin in Gott auf, war fortan mit ihm eins und errang allein sein einiges Bewusstsein.

Hierin liegt das wahre Geheimnis höheren Selbstbewusstseins: Weniger geht es um Selbstreflexion, als vielmehr um das Einfließen des Selbst in die Einheit ewigen Bewusstseins. In diesem Zustand nämlich wird der Erkennende selbst zur Erkenntnis, löst sich in ihr auf. Damit fallen alle Schranken der Getrenntheit und das Selbst erkennt seinen eigentlich göttlichen Ursprung.

In dieser Erkenntnis erblüht jene kosmische Kraft, die man Liebe nennt. Und in dieser Liebe lösen sich alle trennenden Übergänge zwischen Subjekt und Objekt auf. Was bleibt ist die göttliche Liebe an sich. Das ist die Lichtseite, der sich ein Mystiker zuwenden kann, wenn er bereit ist, selbst einen Kreuzweg auf sich zu nehmen und dabei über sein bisheriges Sein hinauszuwachsen.

Geheimwissenschaften der Ausflucht

All das aber ist schneller geschrieben und gelesen, als letztendlich auch herbeigeführt. Denn viel zu oft glauben wir, durch allerhand Ausflüchte Probleme zu umgehen, die wir in Wirklichkeit aber aus dem Weg räumen sollten. Etwas das nur geht, indem wir uns unseren Problemen stellen und nach Wegen ihrer Lösung suchen.

Immer aber gab es Menschen, die sich mit Techniken und Riten geheimer Wissenschaften auseinandersetzten, um die eigentlich schwierige Arbeit am Selbst zu meiden. Entweder drängt jemanden ein eigennütziges Anliegen oder es ist vielleicht die Neugier darüber, wie sich über verborgene, magische Fähigkeiten Macht erringen ließe.

Jene bereits angedeuteten Wege, die an die Pforten des verschlossenen, himmlischen Königspalastes führen, gibt es auch jenseits christlicher Mystik. Es sind Abkürzungen, die zu den Hintereingängen jenes Licht-Palastes führen, an die einen dann jene Wesenheit bringt, von der wir auch im zweiten Kapitel der biblischen Genesis erfahren. Da nämlich gewann der Mensch Erkenntnis als er ein Verbot missachtete und eine Grenze überschritt. Diese Grenze aber sollte sich für immer zwischen ihm und dem himmlischen Gottesreich auftun. Laut der Geheimtradition wusste König Salomon von jenen Gesetzmäßigkeiten, mit deren Schlüsseln er die verborgene Hintertür zu öffnen vermochte. Er aber war ein Prophet und kein gewöhnlicher Mensch.

Eine gegenläufige Tradition

Selbst im himmlischen Königreich wird ein Stück weit die Heftigkeit von Liebes- und Erleuchtungsereignissen toleriert. So zumindest will es die heilige Schrift. Es ist etwas, das zwischen der Erkenntnis über das Wesen von Gutem und Bösem hinausdrängt. Wer die darin liegende Wahrheit erfährt, befähigt sich anscheinend den innersten Gefilden der Welt Gottes zu nähern. Und diese Annäherung will durch jenen verborgenen Hintereingang erfolgen, der sich auf der tiefsten Seite einer Tradition befindet, die ganz und gar das Gegenteil von dem zu sein scheint, was oben über den »Weg und die Wahrheit und das Leben« gesagt wurde.

Sie ist, was man als »Gegenläufige Tradition« bezeichnen könnte: eine Suche nach Wunderkräften und Mitteln diese auch zu erlangen und über sie nach Belieben zu verfügen. Zusammengefasst geht es also um das Streben des Magus. Er verfolgt aber Ziele, die genau nach dem Gegenteil dessen suchen, wonach sich das Herz eines Mystikers sehnt. Ersterer hegt den Wunsch mit höheren Geistesfähigkeiten Materielles oder gar Personen zu bezwingen. Ein Mystiker aber richtet sich allein auf sein Herz aus, auf seine Wesensmitte, wo er sich nach der Einheit in Gott sehnt.

Mit den Ambitionen eines Magiers aber entfernt sich ein Mensch von sich und damit von Gott, auch wenn er sich der geheimen Schlüssel Salomons bedient.

Schließlich aber wird sich ab einem gewissen Grad auch so jemand bewusst, dass darin auch die negativen Konsequenzen seiner kommenden Niederlagen schwelen könnten. Ist diese Zeit aber bereits eingetreten, scheinen sich die Auswege leider immer weiter zu verminder, da die gerufenen Geister nun einen Weg gefunden haben, an der eigenen Körperlichkeit teilzuhaben und sich, wenn überhaupt, nur äußert ungern verscheuchen lassen.

Wenn Erkenntnisse an den Abgrund führen

In der Kabbala ist die Rede von der Höhe der Krone der Schöpfung – genannt Sefirah Kether, dem höchsten Punkt des Lebensbaumes. Das spirituelle Gewächs des Lebensbaumes aber wurzelt in der Sefirah Malkuth – Sinnbild unserer materiellen Welt.

Unterhalb Malkuths, befindet sich ein tiefer Abgrund. Darin warten die dunklen Hüllen der Klipoth: der unreinen Schalen spiritueller Finsternis. Nur in einer strahlt ein Licht hervor, die man die Klipa Nogah nennt: die Venusschale – Schale des Glanzes (der hier verwendete hebräische Begriff Klipa, ist der Singular von Klipoth). Darin schimmert jenes Licht der Erkenntnis, dass Luzifer den ersten Menschen einbläute. So erkannten sie ihr Geschlecht und wurden selbst zu Schöpfern. Sie erfuhren aber auch vom Nutzen, der von jener glänzenden Schale ausging, in die ihr innerstes Sein gehüllt ist. Aus ihr wirkt das Stille Wissen über die Magie. Und doch steht sie jenseits allen göttlichen Segens. Es ist also eine Frage der Entscheidung, wo der Mensch, allein in seiner Verantwortung steht. Damit aber nähert er sich der Unterwelt, worin sich also auch die schädlichen Klipoth befinden.

Da die Wirkungen der göttlichen Gnadenströme gänzlich universell sind, scheinen sie weniger effizient und sich in dieser Angelegenheit der Manipulation von Geist und Materie, recht schnell zu ermüden. Das ist der Grund dass sich Menschen mit den dunklen Geheimwissenschaften beschäftigen, da sich daraus eben jene Wahrscheinlichkeiten konzentrieren lassen, die zu jeder nur erdenklichen Wirkung führen – negativ wie positiv – dem was bezeichnet wird als Schwarze und Weiße Magie. Letztendlich steht dahinter aber immer ein Streben nach Macht über andere. Wie aber will man sie gewinnen, wenn man nicht einmal Macht über das eigene Triebverhalten gewonnen hat und sich ermächtigte jene venusische Klipa Nogah vollkommen zu kontrollieren?

Wer sich trotzdem auf diesem schmalen Grat fortbewegt, ist angewiesen ganz und gar präzise Handlungen auszuführen. Wer nur ausprobiert bringt sich in Gefahr, denn in seinem Hochmut vergisst er leicht jenen tiefen Schlund des finsteren Abgrunds, der sich unter ihm immer weiter öffnet. Wer in Unwissenheit zur eigenen Bereicherung handelt, ist bereits verloren.

In den Irrgärten ewiger Nacht

Zu den oben angedeuteten Geheimwissenschaften, gehört ohne Zweifel auch die Alchemie: die wundersame Kunst die dem Menschen helfen soll (oder auch kann) chemische Elemente in einander umzuwandeln (Blei in Gold), Krankheiten zu heilen oder gar Menschenleben zu verlängern.

Doch dieser berüchtigten Wissenschaft haftet auch ein esoterischer Zug an, der sich weniger der Materie, als eher dem Seeleleben zuwendet. Alchemie ist die Erforschung jenes »Hintereingangs« von dem oben die Rede war. Daran ist eigentlich auch nichts Verwerfliches. So aber wie sich da eine Pforte aus der Seele heraus, hin zum Göttlichen eröffnen lässt, gibt es auch eine, die in die finsteren Schlacken der Unterwelt führt. Nichts aber von dem was sich dort befindet, könnte man »erhaben« nennen. Es gleicht eher einer Jauchegrube, wo aus den Faulgasen negativer Gedanken und Handlungen, etwas aufsteigt, das manche tatsächlich für Spiritualität halten.

Die Waage der Maat in der Szene aus dem alt-ägyptischen Totengericht, Illustration aus dem Totenbuch des Hunefer – ewigeweisheit.de

Die Waage der Maat in der Szene aus dem alt-ägyptischen Totengericht, Illustration aus dem Totenbuch des Hunefer (um 1275 v. Chr.). Anubis, Führer in der Totenwelt wiegt das Herz (links) des Verstorbenen gegen die Feder der Maat (rechts). Die Jenseitsgöttin Ammit (rechts) wacht über den Vorgang.

Die in diese Richtung geöffnete Pforte, gleicht einer getarnten Falltür. Wer dort hineinfällt, stirbt an diesem Abgrund für immer und ohne Wiederkehr. Sein Herz nämlich wiegt dort schwerer als die Feder der Maat, jenem alt-ägyptischen Symbol wahrer Gerechtigkeit. Dort verschlingt ihn Ammit, die Jenseitsgöttin des Totengerichts. Und von da an fristet er in diesem Abgrund ohne Wiederkehr, einer riesigen Grube in der sich die Überreste aller verlorenen Seelen befinden. Es ähnelt wohl jener tiefsten Hölle von der in Dantes Inferno die Rede ist. Ein Gefängnis der von Gott ausgeschlossenen Seelen, die dort bis zum jüngsten Tage fristen.

Ebenso aber wie sich Engel und Heilige den Seelen der Himmlischen zuneigen, entsprechend herrschen in diesem Abgrund dämonische Gebieter des Grauens. Alles was einem Schwarzmagier dann noch an Erhabenheit bleibt, ist einzig das Teuflische. Das könnten die Folgen des Strebens sein, solche Dämonen zu egoistischen Zwecke angerufen zu haben. Wer sich den Tiefen jenes Abgrunds zuneigt, macht sich zum Sklaven des Satan und seinen verkümmerten aber grausamen Sendboten.

Eine Seele die an Schwarzer Magie (auch weißer Magie?) Gefallen findet, begibt sich in die Gemäuer dieser Schattenwelten, die erfüllt sind von Gier, Neid, Hass, Boshaftigkeit und Rachsucht und was sonst noch jemals an Zwietracht zwischen Menschen gesät wurde. Eine solche Seele sucht das Böse um seiner selbst willen – weiß in Wirklichkeit aber nichts davon.

Umkehr auf den Pfaden inneren Lichts

Wer Verstand besitzt neigt sich daher jenen Pforten zu, die seiner Seele erlauben sich auch Gott zuzuwenden. Auch wenn der Weg dorthin steinig ist, einem große Mühen bereitet und scheinbar kein Ende nimmt, wird sich einem schließlich doch jener Eingang zum Höchsten eröffnen.

Bei alle dem muss aber auch gesagt sein, dass jene höllischen Tiefen, von denen zuvor die Rede war, ebenso unantastbar sind wie die himmlischen Höhen, auf die oben hingedeutet wurde. Es sind eben keine Orte in Raum und Zeit. Doch liegt darin nicht ein Widerspruch? Vielleicht liefert das dritte hermetische Axiom darauf eine Antwort:

Alles ist zweifach, alles hat Pole, alles hat seine Paare von Gegensätzen, gleich und ungleich sind dasselbe. Gegensätze sind von Natur aus identisch, jedoch verschieden im Grad. Extreme berühren sich. Alle Wahrheiten sind nur Halbwahrheiten. Alle Widersprüche können miteinander in Einklang gebracht werden.

Wer erkennt, dass jene symbolische Tür, die sich nach oben hin öffnet, auf den Pfad zur Befreiung und Zufriedenheit der Seele führt, wird sich gewiss von allem Dunkel magischer Geheimwissenschaft lossagen.

Im Beschreiten jenes Lichtpfades bewegt sich der Sucher jenseits von Magie, Weissagung, Hellsicht oder dem Austausch mit Geistern und Dämonen. Er sehnt sich nicht mehr nach den sagenhaften Mächten eines Magiers, die man sich im Ausführen besonderer Rituale zu gewinnen erhofft. Vielmehr geht es um ein Begehren jener Heiligkeit, wo sich die Seele am übersprudelnden Brunnen göttlicher Wonnen labt. Hier ist alle Komplexität überwunden, sind aller Prunk und Unmäßigkeit passé. Ein Rückzug aus alltäglichem Wunschdenken und eigennützigem Handeln in dieser Welt findet hier ein Ende.

Es sind keine äußeren, profanen Sehnsüchte die der Seele Genugtuung versprechen. Sicher fühlt sich eher, wessen Suche sich bewusst auf die inneren Pfade des Seelenlebens konzentriert. Darum dürfte es nur logisch erscheinen, dass wir nach Gott eigentlich in uns suchen sollten. Wer sich seinem Selbst auf nämlich diese Weise nähert, hat gar kein Bedürfnis mehr sich den Dingen im Außen ermächtigen zu wollen. Eher erwächst damit ein Streben nach dem, was sich ihm im Innersten seiner Seele offenbart und ihn leitet, den Zweck seines eigenen Daseins auf Erden zu finden.

 

Titelfoto: Jens Lelie

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Magie im Alten Ägypten

von S. Levent Oezkan

Jon Bodsworth: Figure of Thoth in Luxor, Egypt - ewigeweisheit.de

In der Religion der Alten Ägypter spielte Magie eine zentrale Rolle. Darauf verweisen Hieroglyphentexte auf Pharaonengräbern und alten Zauber-Papyri. Man glaubte an die Kraft magischer Namen, Beschwörungen, Symbole und Amulette. Sie verwendeten ägyptische Hohepriester rituell, um damit Übernatürliches zu bewirken.

Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass der kontinuierliche Fortschritt dieser 3000-jährigen Zivilisation, auch diesen Fähigkeiten geschuldet war. Schließlich besaß diese alte Nilkultur schon damals einen verblüffend hohen intellektuellen Wissenstand. Denn seit den Ursprüngen der alt-ägyptischen Kultur, beeinflussten Geistesleben und Spiritualität die alt-ägyptische Kultur. So konnten sich auch übernatürliche Fähigkeiten entwickeln und man dem Wesen magischer Gesetze auf den Grund gehen. Dieser Glaube prägte die Haltung der Menschen gegenüber dem Vergänglichen ebenso, wie ihre Sicht auf die Dinge der spirituellen Welt.

Was aber die Ägypter dabei tatsächlich empfunden haben mögen, werden wir leider niemals erfahren. Sicher jedoch ist, dass sie ihre unzähligen religiösen Zeremonien und Ritualvorgänge, mit peinlich genauer Behutsamkeit ausübten. Man folgte bei der magischen Anrufung der Götter ganz genauen Regeln. Wegen dieser besonderen Hingabe an sowohl Religion wie auch Magie, galten die Ägypter in der Alten Welt sowohl als Frömmler wie auch als abergläubische Menschen.

Wie aber passt das zusammen? Sind denn religiöser Glaube und Aberglaube keine Gegenteile?

Ursprünge Ägyptischer Magie

Bevor die ersten Königsdynastien entstanden, pflegten die Ägypter einen ganz eigentümlich Schamanismus. Man glaubte an eine durch und durch belebte Welt und Unterwelt. Auch die Lüfte und den Himmel dachte man sich von unsichtbaren Wesenheiten bevölkert. Von dort aus wirkten sie auf Mensch und Natur, waren gut gesinnte oder böse Geister.

Diesen geheimnisvollen Wesen schrieben die Ureinwohner Ägyptens außerdem menschenähnliche Eigenschaften zu. Man glaubte, auch Geister und Dämonen seien getrieben von Leidenschaften, fühlten Emotionen, hatten Schwächen und Gebrechen.

Das war die Zeit in der die Alt-Ägyptische Magie entstand; etwas das wohl zugleich Kunst und Wissenschaft war. Von solchem höheren Wissen, versprach man sich Macht über die Geister des Himmels, der Gewässer und der Erde.

Hierzu war es üblich Amulette mit besonderen Formeln oder heiligen Namen anzufertigen. Von solch magischen Objekten erhoffte man sich Schutz gegen böse Geister. Ja es entstand gar eine ganze Wissenschaft, die sich allein um die Herstellung von Amuletten dreht. Auch glaubte man die Kraft hoher Wesenheiten über die Zeichen eines Amuletts auf den Träger des selben übertragen zu können. Somit erwartete man von diesen magischen Objekten, ihren Träger mit übernatürlichen Kräften auszustatten

Zwischen Animismus und Götterglaube

Ziel Ägyptischer Magie war einem Menschen sowohl schützende wie auch zerstörerische Kräfte zu verleihen. Ja selbst den höchsten Gott wünschte man nach eigenem Ermessen beschwichtigen oder gar beeinflussen zu können. Das mag wohl daran liegen, dass bevor ein Glaube an die Götter im Alten Ägypten entstand, magische Praktiken bereits weit verbreitet waren.

Es gilt als gesichert, dass eine Großzahl religiöser Zeremonien, aber aus noch älterer Zeit stammen, wo das Weltbild der Menschen des Niltals noch ein starker Aberglaube prägte. Erst später entwickelte sich ein Götterglaube, wie man ihn nachher etwa auch bei den alten Griechen fand. Das zeigen die Hieroglyphen, die Götter oder Gottheiten bezeichneten. Es waren oft Symbole besonderer Werkzeuge, die in den noch schamanischen Anfängen Alt-Ägyptens eine Rolle gespielt hatten. Ihnen schrieb man göttliche Mächte zu.

Worte der Macht

In dieser Zeit genossen die Hohepriester Ägyptens sehr hohes Ansehen. Manche hielten sie gar selbst für Götter, galt doch die Macht dieser Wissenden als schier unbegrenzt. Das aber hatte gar nichts mit Aberglauben zu tun. Wer zum Chor der Hohepriester gehörte, verfügte tatsächlich über magische Fähigkeiten, die dem Normalsterblichen ein Rätsel blieben.

Büste eines alt-ägyptischen Hohepriesters (ca. 2. Jhd. v. Chr.)

Büste eines alt-ägyptischen Hohepriesters (ca. 2. Jhd. v. Chr.).

Durch die Aussprache besonderer, geheimer Namen der Kraft, konnten sie mit ihrer dafür geschulte Stimme tatsächlich Kranke heilen und Menschen von geistigen Besetzungen befreien. Gar Tote – so die Legenden – erweckten sie durch die Magie besonderer Gebetsformeln zu neuem Leben.

Wem solch Wunderwerk gelang: könnte so jemand nicht gar heute noch unter uns weilen?

Von den geheimen, magischen Worten der Priesterschaft hieß es außerdem, dass sich durch sie die Seele eines Menschen, in einen anderen Menschen projizieren ließe. Das galt ebenso für tierische Lebensformen, etwa die eines Adlers, Stiers oder eines Löwen. Auf ihr Geheiß verwandelte sich Totes in Lebendiges und Lebendiges in Totes.

Manche sagen, der junge Prophet Moses hätte diese Fähigkeiten in seiner Jugend von jenen Eingeweihten Ägyptens erlernt, um sie aus Not dann dereinst aber, beim Auszug aus der pharaonischen Knechtschaft, mit ihren eigenen spirituellen Waffen zu schlagen.

Das besondere Worte und Namen magische Kräfte übertragen sollen, davon erfahren wir in eigentlich allen Kulturen der Welt. Die Macht der Sprache ist dem Menschen gegeben. Wenn auch überwiegend als Mittel der Kommunikation, gibt es aber besondere Worte, die weit mehr als nur Information oder Bezeichnungen für etwas enthalten.

Dem ägyptischen Thoth, Gott der Magie, der Sprache und der Wissenschaften, jenem großen Weisen der alten Atlantis, werden all diese magischen Wunderkräfte nachgesagt. Ihm sollen gar die göttlichen Schöpfungsworte bekannt gewesen sein, mit denen einst die Erde erschaffen wurde. Mit diesem Wissen, so der Mythos, beeinflusste Thoth selbst den Lauf der Sonne.

Das geheime Buch des Thoth

All das klingt natürlich recht märchenhaft und die Legenden dieses sonderbaren alten Volkes berichten von gar unglaublichen Wunderwerken.

Wenn all das aber mehr als reine Chimären sind, woher kannten ägyptische Priester solch wundersame Namen und Zaubersprüche der Macht?

In einem Papyrus aus der Zeit der Ptolemäer, ist die Rede vom ägyptischen Prinzen Setnau Khaem-Uast, Sohn des Pharaos Ramses II. Er war ein zutiefst religiöser Menschen, der sich dem alten ägyptischen Ritus verpflichtet sah. Er kannte solche Formeln der Macht und wusste sich allerhand magischer Amulette und Talismane zu bedienen. Ihm schienen selbst die Geheimnisse von Leben und Sterben zu Füßen zu liegen. Wann immer er es für notwendig hielt, eröffnete er auch gewöhnlichen Menschen Schicksal und Lebensbestimmung.

Setnau fand sein magisches Wissen im alten Memphis, einer 3000 Jahre alten Stadt am Nildelta, wo sich einst der Tempel Hu-Ka-Ptah befand: Ursprung des Namens »Ägypten«. Das sollen unter anderem alte hieratische Schriften belegen. Es bleibt jedoch ein Legende, dass Setnau in einer geheimen Gruft des Prinzen Neferkaptah, das geheimnisvolle Buch fand, das angeblich aus der Feder des Gottes Thoth stammte.

Es heißt, die großen Mysterien des Lebens und des Sterbens offenbaren sich dem, der aus diesem Buch die Zaubersprüche gewissenhaft zu rezitieren vermag. Selbst sein eigenes Schicksal würde sich ihm beim Lesen des Buches offenbaren. Alle nur erdenklichen, mächtigen Namen und Zaubersprüche seien darin verzeichnet, die den Leser befähigen, Wissen aus Vergangenheit, Zukunft, sowie aus fernen Gegenden zu gewinnen. Ein Buch der Wahrsagerei?

Sicher lebten Erinnerungen an dieses Buch, in späteren magischen Kulten und Geheimorden fort, wie etwa im Golden Dawn oder dem Ordo Templi Orientis.

Manche sehen im Buch des Thoth gar die atlantischen Ursprünge des Tarot.

Spätere Varianten der Schrift

Kaum verwunderlich darum, dass sich Fragmente dieses Textes allmählich, jedoch in minderwertiger beziehungsweise verfälschter Form, auch in Kreisen Normalsterblicher verbreitete.

Diese Verweltlichung alter Geheimnisse aber führt zu all dem Aberglauben, der die Wahrheiten um den Begriff der Magie, allmählich in die Bedeutungslosigkeit abdrängte. Vom ursprünglichen Wissen der geheimen Namen, scheint damit kaum etwas geblieben zu sein. Vielleicht sind es auch nicht nur die Namen und ihre Symbolschrift an sich, die dem Rezitator bekannt sein müssen, als er vielmehr durch Form und Ritus ihrer Äußerungen, das vollbringt, was auch den alten Priestern zu Memphis gelang.

Was jene Wissende besaßen, waren keine Rituale die auf Mutmaßungen basieren, sondern wohl auf wirklich gemachten Erfahrungen. Ihnen waren die Symbole und die tiefliegenden Aussagen jener Sprüche und magischen Namen bekannt und sie hatten die geheimen Formen ihrer Rezitation verinnerlicht.

Auch wenn jemand das Selbe dem vorliegenden Text unterstellen möge, scheint insbesondere heute verfügbares, sogenanntes »magisches Geheimwissen«, meist nur auf Vermutungen zu basieren – etwas, das man wo laß oder wo hörte. Mit magischem Wissen aber hat das nichts zu tun.

Verbergen sich dahinter aber nicht auch Gefahren?

Zumindest ist das, was man heute als Esoterik bezeichnet, nicht das Selbe wofür der Begriff ursprünglich stand. Damals nämlich galt Esoterik als tatsächliches Geheimwissen, das nur einem inneren Kreis von Personen zugänglich war (alt-griech. »esoterikos«, das Innerliche).

Wer heute aber die Wurzeln dieses uralten, inneren Wissens nicht mehr kennt, der läuft Gefahr sich mit dem magischen Wissen der alten Ägypter sogar sehr zu verwirren. Denn eine nur oberflächliche Beschäftigung mit dem, was man bei den alten Ägyptern als Magie bezeichnete, meint oft genau das Gegenteil von dem, wofür man den Begriff heute hält.

Einfach nur aus einem spirituell-magisch-religiösen Gesamtkonzept, mal eben das vermeintlich Beste herauszugreifen und damit arbeiten zu wollen, erscheint mir nicht nur unangebracht, sondern sogar bedenklich. Schließlich begibt man sich in Sphären, deren Wesen man nicht genau kennt.

Wenn Prinz Setnau auch eine recht mysteriöse Gestalt der alt-ägyptischen Geschichte war, schien sein Wissen auf Erfahrungswerten zu basieren. Vor allem aber hatte er den Kult seiner Religion verinnerlicht.

Heute tendieren viele Möchtegernmagier dazu sich mal eben solchen Geheimwissens zu bedienen. Doch das ohne sich dabei einer Religion oder einem traditionalen Ritus unterzuordnen. Weder kennt man die verwendeten Quellen, noch jene damit verbundenen, religiösen Riten. Stellt sich da nicht die Frage: Wieso überhaupt greift man nach solchen Mitteln? Aus Neugier? Aus dem Wunsch nach Kontrolle und Macht?

Leider gab es immer solche, die skrupellos ihr Halbwissen als Wahrheit verkündeten, Sekten gründeten und ganze Schwärme Unwissender ins Unglück trieben. Solche nämlich gaben vor über die Wahrheiten des Übernatürlichen zu verfügen. Und solch falsches Halbwissen verkauften sie für teueres Geld an Unwissende, Hilflose oder wieder jene, die letztendlich selbst auf so etwas aus sind.

So mutierten die Inhalte wahrer Magie zu einem riesigen Hokuspokus um Wunderheiler und Wochenend-Erleuchtete, wo Unwissende sich zu sprühenden Lichtarbeitern verwandeln. Wenig überraschend darum, dass wenn sich heute jemand öffentlich als Magier bezeichnet, weniger als ein Vasall des Teufels gefürchtet, als einfach nur ausgelacht wird. Jemand aber der sich bewusst den dunklen Mächten verschreibt, dem wird wohl leider das Lachen vergehen.

Religion und Magie: Ein Widerspruch?

In den Anfängen der alt-ägyptischen Kultur entwickelten sich Magie und Religion parallel zueinander. Daran änderte sich nichts bis ans Ende der letzten pharaonischen Dynastien der ersten Jahrhunderte vor Christus.

Was man heute als die Magie der Ägypter bezeichnen kann, übte in alter Zeit großen Einfluss aus auf andere Kulturen, die in den Ländern nahe des Nilreiches florierten. Zwar kann keiner genau sagen, welchen Einfluss das Wissen der Ägypter in diesen Ländern hatte, zweifellos aber findet man manche der alt-ägyptischen Vorstellungen, wie etwa von den magischen Kräften der Buchstaben und Namen, auch in anderen religiösen Systemen. Dazu zählen ohne Zweifel Geheimwissenschaften wie die Kabbala. Doch auch die Riten erster christlicher Sekten, ließen sich durchaus zurückverfolgen auf diese alt-ägyptischen Ursprünge.

Allem voran bewegt sich da wohl die Vorstellung von dem einen Allschöpfer, dem einen Gott aus dem alles Belebte und Unbelebte hervorging. Spätestens seit der 18. Dynastie des Neuen Ägyptischen Reiches, konzentrierte sich diese Vorstellung, letztendlich unter Pharao Echnaton, in Aton – der göttlichen Sonnenscheibe. Das war wohl die Geburt des Monotheismus.

Grab des Ramose: Echnaton und Nofretete im sogenannten "Fenster der Erscheinungen" - ewigeweisheit.de

Relief im Grab des Ramose (14. Jhd. v. Chr.): Echnaton und Nofretete im sogenannten "Fenster der Erscheinungen". Über ihnen die Sonnenscheibe Aton. Die Enden ihrer Strahlen führen in Hände, die teilweise das berühmte Heilsymbol des Ankh halten.

Auch der Glaube an die Wiederauferstehung eines vergöttlichten, vollkommenen und ewig fortdauernden Leibes, dürfte später auch in das Christus-Mysterium übergegangen sein. Weniger aber als eine Variante jener alt-ägyptischen Vorstellungen, als eher eine unveränderliche Gesetzmäßigkeit, die nur schon im alten Ägypten als solche erkannt wurde und die man schon damals für heilig hielt. Vieles auch, dass man in den Symbolen des Lebens- und Leidensweges Jesu Christi findet, existierte in etwas anderer Form auch in der Geschichte von Osiris' Kampf gegen die Mächte der Finsternis (Seth) und seine Wiederverkörperung als König der Welt.

Trotz dieser recht hohen intellektuellen religiösen Vorstellungen vom irdischen Sein zwischen Himmel und Unterwelt, ließen die alten Ägypter niemals ab von ihren schamanischen Ursprüngen. Darauf verweisen archäologische Funde magischer Amulette und Talismane, sowie Inschriften auf Grabsteinen und die Hieroglyphen der magischen Zauber-Papyri. Aus diesen Dingen erhoffte man sich höhere Fähigkeiten und vertraute darauf, Leibes- und Seelenleben vor bösen, schädlichen Einflüssen zu schützen.

Im Alten Ägypten verschmolzen Magie und Religion zu einer Einheit. Hier galten sie nicht als unvereinbare Wege. Die Priesterschaft nämlich war sowohl damit beschäftigt, die heiligen Schriften zu verfassen, doch eben auch solche, die magische Sprüche enthielten. Letztere waren Anleitungen zur Rezitation und für magische Zeremonien, die zu bestimmten Tages- und Nachtzeiten ausgeführt werden mussten. Denn nur so konnte sich ihre magische Wirkung entfalten. Kaum verwunderlich dann, wenn wir Ähnliches in religiösen Riten finden, wo die Stände und Konjunktionen von Sonne und Mond, wichtige Marken religiöser Feste bilden.

Titelfoto: Jon Bodsworth

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Geschichte des Tarot

Geschichte des Tarot

Die aus alter Zeit stammenden Bilder des Tarot sind voller Andeutungen und Geheimnisse. Es sind esoterische Symbol-Schlüssel, mit denen sich dem Suchenden die esoterischen Wissenschaften der Numerologie, Kabbala, Astrologie und Hermetik eröffnen. Der vielgestaltige Symbolgehalt des Tarot und die geistreiche Zusammensetzung seiner Abbildungen, machen aus ihm eines der besten Werkzeuge für die Selbsteinweihung in die okkulte Tradition.

Woher aber stammen diese Bilderschlüssel des Tarot? Was weiß man über ihre Geschichte und Bedeutung? Was ist ihr innerstes Mysterium?

Archetypen der menschlichen Psyche

Manchmal begegnet man an eigentümlichen Orten besonderen Figuren: in alten Kapellen, Gräbern, Höhlen, geheimen Gängen, in Grotten oder an wilden, unbewohnten Orten, lassen uns geheimnisvolle Bilder und Symbole aufmerken. Solche Symbole, wie man sie auch im Tarot findet, ähneln den archetypischen Bildern die uns nachts in unseren Träumen begegnen. Es sind Zeichen und Wegweiser auf den verborgenen Pfaden unserer Seele. Die Figuren des Tarot übersetzen solche Symbole für den Uneingeweihten. Durch ihre universale Bildsprache befördern sie eine für alle verständliche Ausdrucksform.

Für ein besseres Verständnis der Kartensymbole bietet die mystische Kabbala viele Hinweise. Beim Studium des kabbalistischen Lebensbaumes erkennen wir nach und nach auch die esoterischen Zusammenhänge der 78 Karten besser. Seine 22 Zweige korrespondieren mit den 22 Großen Arkana. Darum empfiehlt es sich diese Grafik eingehend zu studieren und über die darin abgebildeten Zusammenhänge zu meditieren.

Die Liebenden - ewigeweisheit.de

VI - Die Liebenden - im Rider-Waite-Tarot.

Die 78 Urbilder des Tarot sind Teil des kollektiven Unbewussten (ein Begriff den der schweizerische Psychologe C. G. Jung einführte). Sie sind der Teil der Psyche, der seine Existenz nicht persönlichen Erfahrungen verdankt, sondern sich im Wesentlichen aus Motiven und Traumbildern zusammensetzt, die ihren Ursprung in der Kulturgeschichte der Menschheit haben. Es sind Bilder die in allen Märchen, Mythen und Legenden, in allen Kulturen wiederkehren. Die Symbole und Bilder des Tarot bilden eine psychische Grundlage aller Menschen. Insbesondere die Bilder der Großen Arkana - wie die Hohepriesterin, der Herrscher (auch: Kaiser), die Herrscherin, die Liebenden, der Stern, der Mond, die Sonne, die Welt, um einige zu nennen - sind Archetypen die jedem Menschen irgendwann bekannt sind.

All diese Bilder in unserer Psyche fügen sich als verschiedene Seelen-Aspekte zu einer inneren Einheit. Wie bei einer divinatorischen Tarotlegung treten in der Seele einer Person jeweils andere dieser Aspekte in den Vordergrund. Der eine hat mehr von dem Einen, der andere mehr von dem Anderen.

Die vielen archetypischen Grundwesenszüge aus denen sich unsere Seelenwelt zusammensetzt, lassen sich in den Weisheitsbildnissen auf den Tarotkarten entdecken. So ist das Tarot ein universales System zur Selbsterkenntnis.

Tarocchi-Spieler - ewigeweisheit.de

"Die Tarocchi-Spieler" - Fresco im Casa Borromeo (Milan, Italien) aus dem Jahre 1440.

Geschichte des modernen Tarot

Neben seinem spirituell-initiatorischen Aussagewert hat das Tarot vor allem auch Bekanntheit erlangt als Zukunftsorakel. Seinen wahren Ursprung verdunkeln aber die Schleier der Geschichte. Man kann letztendlich nicht genau sagen, ob die Karten morgenländischen oder abendländischen Ursprungs sind. Ebenso geheimnisvoll ist die Etymologie seines Namens. Es gibt viele Theorien darüber, woher die Begriffe Tarot, Tarosh, Tarock oder Tarocchi stammen.

Immer wieder gab es Versuche den Namen des Spiels mit Orten in Verbindung zu bringen. So sollen die Karten erstmals in der Nähe des norditalienischen Flusses Taro aufgetaucht sein. Dem widersprechen aber andere Historiker, die den Ursprungs des Tarot in der marokkanischen Gelehrtenstadt Fez sehen wollen. Auch dem burmesischen Dorf mit dem Namen Taro wurde bereits die Ehre zuteil, für den Ursprungsort des Kartenspiels gehalten zu werden. Es folgen der See Tarok Tso im Hochland von Tibet, während andere altkluge Forscher den Ursprung der Karten bei den präkolumbianischen Maya ausmachen wollen.
Auch soll das Tarot ein Erbe des altchinesischen Spiels Chaturunga sein, auf das auch die Entstehung des Schachspiels zurückgeht. Da man für die Karten der großen Arkana oft die Bezeichnung »Trumpf« (von ital. Trionfi) verwendet, lautet wieder eine andere Theorie, dass das Tarotspiel eine bildliche Darstellung der mittelalterlichen Triumphzüge und christlichen Karnevalsmärsche sei. Für die Kirche allerdings waren Spielkarten einfach nur ein Werk des Teufels. Man sah in Kartenspielen Überbleibsel eines zu verachtenden Heidentums, das nur der teuflischen Belustigung dienen konnte, durchtrieben von schwarzer Magie und Hexerei.

Manche Tarot-Karten hinterlassen beim Betrachter tatsächlich einen ziemlich finsteren Eindruck, wie etwa der Tod, der Teufel oder der Turm, oder die Schwertkarten der kleinen Arkana im Rider-Waite-Tarot. Sicher hat das zu missgünstigen Ansichten geführt, so das das Tarot-Spiel der Öffentlichkeit vorenthalten blieb. Wenn es nicht von vornherein nur ästhetischen Ansprüchen genügen sollte, wie etwa das Kartendeck von Visconti, diente die exoterische Variante des Tarotspiels allein der Unterhaltung.

Ardhanari - ewigeweisheit.de

Ardhanarishvara (ardha = halb, nari = Frau, ishvara = Herr, „der Herr, der halb Frau ist“) ist eine Mischgestalt des Gottes Shiva mit seiner Gemahlin Parvati.

Die vier Farben des Tarot-Spiels

Um 1435 entstand in Norditalien das Tarocchi. Wie das heutige Tarot setzt sich das Tarocchi aus 78 Karten zusammen. Damals erhielten die Farbenkarten der kleinen Arkana ihre Symbole: Stäbe, Schwerter, Münzen und Kelche. Auf den ersten Blick scheint es sich um christliche Symbole zu handeln, die sich mit Jesus von Nazareth (Stab: Lanze des Longinus; Kelch: Abendmahlskelch) und Johannes dem Täufer (Schwert des Henkers; Scheibe: Teller der Salomé) in Verbindung bringen ließen. Wahrscheinlich aber sind diese vier Symbole Insignien einer noch viel älteren Zeit, da die Vierheit von Stäben, Kelchen, Schwertern und Münzen, in ähnlicher Form auch in alt-irischen Sagen als Knüppel, Schwert, Kessel und Stein vorkommt.
Sogar im fernen Tibet bilden die vier Symbole von Vajra (eine Art Donnerkeil), Schwert, Glocke und Lotus (manchmal auch das Rad), wichtige Symbole bei der Initiation im Vajrayana-Buddhismus. Es sind heilige Symbole universalen Charakters, die die vier Weltrichtungen andeuten, wie auch die vier Sonnenstationen im Jahr.

Aus den vier Farben des alten Tarot entstanden außerdem die vier Farben der heutigen 52 Karten des französischen und des deutschen Blatts:

  • Kelche: Herz - Rot
  • Schwerter: Pik - Schippe
  • Münzen: Karo - Schellen
  • Stäbe: Kreuz - Eichel

Über den Ursprung der Spielkarten

Nach heutigem Kenntnisstand kamen die ersten Kartenspiele aus Fernost nach Europa. Die Idee Spielkarten zu drucken war vermutlich inspiriert vom Papiergeld-Druck, den es in China seit der Tang-Dynastie im 7. Jhd. gibt. Auch Spielkarten aus China und Korea, lassen sich bis ins 11. Jhd. zurückdatieren. Zwar gibt es keine Hinweise, doch es ist möglich, dass sich die Hersteller europäischer Kartenspiele von ihren chinesischen Zeitgenossen inspirieren ließen. Wahrscheinlich brachten heimkehrende Kaufleute die Spielkarten aus Fernost nach Europa. Denn im Frühmittelalter kam aus China auch die Idee des Papiergeldes auf den Handelsruten zu uns.

Der Tod - ewigeweisheit.de

XIII - Der Tod - aus dem Tarot-Unikat von Jacquemin Gringonneur.

Es gibt auch eine indische Legende über den Ursprung des Kartenspiels. Die Frau eines Maharadschas soll für ihren Mann das Kartenspiel erfunden haben. Damit wollte sie ihm helfen, sich von seinen schlechten Angewohnheiten abzulenken. Als Vorlage für die vier Kartenfarben verwendete sie die Symbole der vierarmigen Hindugottheit Ardhanari, einer androgynen Gestalt, zur einen Hälfte Shiva (männlich) und zur anderen Hälfte Devi (weiblich). In ihren Händen hält Ardhanarishvara einen Dreizack (Stäbe), eine Trommel (Kelche), ein Schwert (Schwerer) und einen Ring (Münzen; als Bhairava-Shiva hält der Gott statt eines Ringes eine Schädeldecke). Manchmal wird auch der indische Affengott Hanuman mit ähnlichen Symbolen abgebildet.

Kartenfarben und das indische Kastensystem

Dem Mythos nach flohen die Gypsies (Roma, Sinti) im ausgehenden 14. Jhd. aus ihrer kriegsgebeutelten, zentralindischen Heimat und begaben sich nach Europa. Da sie aber seitens der Inquisition durch den Ruf der Gottlosigkeit diskreditiert wurden, wanderten sie von Land zu Land, um ihren Verfolgern zu entrinnen. Durch sie verbreiteten sich möglicherweise alt-indische Weisheiten im damaligen Europa und sie sollen es auch gewesen sein, die das vierfarbige Kartenspiel mitbrachten.

Die auf den Karten abgebildeten Tarotsymbole sollen von einer geheimnisvollen, verborgenen Schrifttafel stammen, die bis heute streng gehütet wird. Mit ihrem Ursprung werden oft die Farben des Tarot assoziiert, da sie den vier Varnas entsprechen: den vier Kasten, von denen sich die Vorfahren der Gypsies möglicherweise einst trennten (als die Dalit, die »Unberührbaren«).

Wenn die vier Tarotfarben tatsächlich auf das indische Kastensystem verweisen, ließe sich vielleicht folgende Zuordnung machen:

  • Priesterklasse der Brahmanen - Kelche,
  • Kriegerkaste der Kshatriyas - Schwerter,
  • Kaufleute der Vaishyas - Münzen,
  • Handwerker der Shudras - Stäbe.
Siebenerreihen des Tarot - ewigeweisheit.de

Drei Siebener-Reihen des Tarot (zusammengestellt aus dem Tarot de Marseilles).
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Die Arkana des Tarot

Von den 22 großen Arkana sagt man sie kämen aus Ägypten. Diese Theorie stammt ursprünglich von dem Theologen und Freimaurer Antoine Court de Gébelin (1719-1784). Diese Vortstellung verbreitete sich seit etwa 1781 in Europa.

Für den französischen Okkultisten Éliphas Lévi (1810-1875) stammten die 22 Tarot-Trümpfe aus der Geheimlehre der Kabbala, gibt es doch ebenso viele hebräische Buchstaben, von denen jeder einzelne, magische Eigenschaften hat. Er sprach von einer umfassenden Wissenschaft der Hieroglypen, denen die 22 Buchstaben zu Grunde lagen. Hinter jedem dieser Buchstaben stand eine göttliche Vorstellung, denen als Grundlage wiederum die Zahlen als perfekte Symbole dienten.

Der okkultistische Autor Arthur Edward Waite (1857-1942) suchte den Ursprung der Bilder der 22 Großen Arkana bei den Albigensern (Katharer), den jener Überlebende vom Montségur, Ende des 13. Jhd. in seinem sagenhaften Schatz gerettet haben könnte.

Gemeinsam mit den vielleicht aus Asien stammenden 56 kleinen Arkana auf jeden Fall, wurden sie zu den uns heute bekannten 78 Tarotkarten. Es könnte gut sein, dass das Tarot also erst in Europa seine bis heute erhaltene Form angenommen hat. Ziemlich wahrscheinlich wurden die Karten schon bei ihrem ersten Auftreten im 14. Jhd. zum Wahrsagen und als Schlüssel zur Entwicklung eines magischen Weltbilds verwendet. 

Eine erste schriftliche Erwähnung des Kartenspiels gibt es aus dem Jahre 1377: ein Mönch eines schweizerischen Dominikanerklosters in Brefeld, beschrieb die Karten als »genaue Abbilder der Weltordnung«. 1378 tauchen die Karten dann auch in Regensburg auf, wurden aber bald verboten. In Belgien werden im Jahre 1379 die Karten von Johanna Herzogin von Brabant gekauft. 1380 werden die Karten in Nürnberg wieder erlaubt, während man sie im französischen Marseilles, ein Jahr später als Teufelswerk wieder verbietet. In Florenz erscheint 1393 eine Liste von Spielen, unter denen die Karten als erlaubt aufgeführt werden. Es ist kaum anzunehmen, dass die Parallelität der historischen Phänomene der Ankunft »indischer Fahrender« (Gypsies, Zigeuner) und die rasante Verbreitung des Tarot, sowie anderen okkulten Gedankengutes in Europa, reiner Zufall waren.

Die Liebenden - ewigeweisheit.de

VI - Die Liebenden - aus dem Visconti Sforza Tarot von Bonifacio Bembo (1420–1477).

Um 1423 werden die Karten von St. Bernadin von Siena verurteilt und erneut verboten.

Trotzdem setzte sich im Volk die Nachfrage nach Spielkarten gegen den religiösen Widerstand durch. Gegen Mitte des 15. Jhd. gediehen Kartenmanufakturen in Italien, Frankreich, Deutschland und Belgien. Im Hinblick auf die Vielfalt der neuen Spiele und Spielkarten, die seit dieser Zeit entwickelt wurden, ist es erstaunlich, wie sich durch die Jahrhunderte hindurch, die komplexen und rätselhaften Darstellungen der Tarotkartenbilder, bis in die heutige Zeit hinein erhalten haben.

Im Auftrag Karls VI. von Frankreich gestaltete der Maler Jacquemin Gringonneur im Jahre 1392 drei vergoldete Kartenspiele, zum Zeitvertreib des Fürsten. 1392 war auch das Jahr, als Karl VI. leider seinen Verstand verlor!
Über Gringonneur heißt es, er hätte in Paris mit dem berüchtigten Alchemisten und Goldmacher Nicolas Flamel in Verbindung gestanden. So Gestalten wie Flamel, verfügten natürlich über ein ganz tief reichendes, esoterisches Wissen. Wer sich mit so jemandem traf, der muss eine wohl ebenso geheimnisvolle Person gewesen sein.

Gringonneurs Tarotset könnte sehr gut die Vorlage für spätere Spiele gewesen sein - wie z. B. das Visconti-Sforza-Tarot von Bonifacio Bembo, einem der ältesten erhaltenen Tarotspiele Europas. Das Visconti-Tarot besteht allerdings nur aus den 22 Symbolen der großen Arkana. Die italienischen Tarotkünstler des 15. Jhd. nannten die 22 großen Arkana - trionfi -, Trümpfe. Später hießen die Karten einfach »Tarocchi«, was das Spiel mit den 78 Karten bezeichnet. Aus Tarocchi leitet sich wahrscheinlich das französische, englische und deutsche Lehnswort »Tarot« ab.

Sol - ewigeweisheit.de

Sol - die Sonne - aus dem Tarot de Mantegna von Andrea Mantegna (1431-1506).

Ebenfalls Vorläufercharakter hat das Tarocchi di Mategna (um 1470). Es enthält belehrenden und erbaulichen Inhalt und wurde wahrscheinlich vom italienischen Kupferstecher Andrea Mantegna (1431-1506) geschaffen. Auch wenn es kein eigentliches Tarotspiel ist, lassen sich seine Bilder mit den Darstellungen der großen Arkana vergleichen. Albrecht Dürer (1471-1528) nahm die Mantegna-Karten als Vorbild für seine 21 Federzeichnungen, die heute bekannt sind als das »Albrecht-Dürer-Tarot«.

Ende des 15. Jhd. entsteht das Tarot des Marseilles, dessen Bilder sich bis heute großer Beliebtheit erfreuen. Neben dem Rider-Waite-Tarot ist das Tarot de Marseilles zu einem Standard-Tarotset geworden, von dem es zahllose Varianten gibt.

Tarot und Freimaurerei

Immer wieder wurde die besondere Symbolik des Spiels Gegenstand intensiver Studien seitens spiritueller Logen. Man glaubte in den Karten Verbindungen zu den ältesten philosophischen Systemen der Menschheit zu finden. Da die Sichtweisen und Meinungen über den wahren Ursprung in den vergangenen 700 Jahren jedoch stark differierten, lieferten sich Esoteriker erbitterte Debatten über die wahre Bedeutungen der Tarot-Bilder. Eine Theorie besagt, dass das ursprüngliche Tarot, das kleine Arkanum bildet. Andere ließen nur die 22 großen Arkana als echtes Tarot gelten, während wieder andere behaupten, dass nur mit allen 78 Karten ein Tarotspiel »richtig« sei. Auch wenn sich letztere Variante durchgesetzt hat, unterscheidet man zwischen 22 großen und 56 kleinen Arkana (lat. arcanum: Geheimnis).

Der Magier - ewigeweisheit.de

I - Der Magier - aus einem Tarot-de-Marseilles-Deck des Künstlers Jean Dodal (Lyon).

Im 18. Jhd. interpretierte man das Tarot völlig neu. Mit der damals aufkommenden, jahrzehnte dauernden Okkultismuswelle, gab es eine regelrechte Flut an Neugründungen geheimwissenschaftlicher Bünde und Bruderschaften. Der Theologe und Alchemist Samuel Richter gründete 1710 den Orden des Gold- und Rosenkreuzes. 1767 organisierte sich um den Franzosen Martinès de Pasqually (1727–1774) der freimaurerische Martinistenorden. 1776 wurde in Ingolstadt der Illuminatenorden von Adam Weishaupt gegründet. Es war auch die Zeit der legendären Grafen Cagliostro (1743-1795) und Saint-Germain (1710-1784).

An anderer Stelle haben wir bereits über Antoine Court de Gébelin gesprochen. Er gilt als Vater des esoterischen Tarot. Für Gébelin waren die Tarot-Bilder Nachbildungen des geheimnisvollen Buches Thoth (Thoth, auch Toth oder Tehuti, war der alt-ägyptische Gott der Magie, der Schreiber und der Wissenschaften). Damit traf Gébelin den Nerv der Zeit, denn damals wurde dem Land der alten Ägypter eine wachsende Aufmerksamkeit entgegengebracht.
Jeder wollte die Bilder dieses außergewöhnlichen und kostbaren Buches kennenlernen. So wurde Gébelins Theorie populär und fand zahlreiche Unterstützer. Für Gébelin bewahrten die Tarotbilder die uralten Weisheiten der alt-ägyptischen Kultur. Sie warteten nur darauf, so Gébelin, eingeweihten Augen ihre Geheimnisse preiszugeben. In seinem 1781 erschienen Werk »Le Monde Primitif« schrieb er:

Das Tarot ist rein ägyptischen Ursprungs. Seine 22 großen Arkana aber können nur Eingeweihte deuten.

Etteilla - ewigeweisheit.de

Etteilla: Pseudonym des Franzosen Jean-François Alliette (1738-1791).

Das erste Tarot-Buch

Jean-François Alliette (1738-1791), ein Pariser Barbier und Perückenmacher, war der erste Autor, der 1783 zu den Bildern des Tarot ein Buch mit Erklärungen verfasste. Unter dem Pseudonym »Etteila« (der Name Aliette, rückwärts geschrieben) veröffentlichte er bis 1787 verschiedene Bücher und Tarotspiele oder versah sie mit einigen Neuerungen. In einem seiner Bücher behauptet er, dass er angeblich die genauen Entstehungsjahre des Buches Thoth kenne: 1828 Jahre nach der Erschaffung der Welt und 171 Jahre nach der Sintflut. Diese und andere seiner Geheimlehren waren über Jahre in der französischen Okkultszene sehr populär. Alliette war außerdem der erste professionelle Kartenleger Frankreichs.

Das Tarot im 19. und 20. Jahrhundert

Alphonse Louis Constant (1810-1875), besser bekannt unter dem Namen Eliphas Levi, war ein französischer Diakon, Schriftsteller und Zeremonialmagier. Er gilt als Wegbereiter des modernen Okkultismus. In seinem 1854 erschienen Buch »Dogme et Rituel de la Haute Magie« (Dogma und Ritual der Hohen Magie) bezeichnet er das Tarot als wichtigste Informationsquelle zur Erklärung esoterischer Geheimnisse. Laut Levi sollte ein Gefangener der nichts als ein Tarot besäße, mit dem er sich ausgiebig beschäftigt, die Möglichkeit haben ein Kenner seiner selbst, der Welt und der Götter zu werden. Er fand zudem, dass die Tarotkarten sehr eng mit dem System der Kabbala zusammenhängen. Die 22 großen Arkana waren mit den 22 hebräischen Buchstaben, die vier Farben der kleinen Arkana mit den vier alchemistischen Elementen und den vier Buchstaben des göttlichen Namens JHVH verknüpft. Mit seinem Wissen über das Tarot, die Kabbala und die Magie, beeinflusste Levi ganz maßgeblich die Entwicklung der New Thought Bewegung im 19. und 20. Jhd. Seine Einflüsse finden sich in den Schriften Helena Blavatskys, seine Lehren durchdringen die Schulen des französischen Okkultismus (Papus) und durch die Übersetzung seiner Schriften ins Englische, gelangte er auch in die Kreise des Golden Dawn.

Rider-Waite-Smith-Tarot - ewigeweisheit.de

Das Ass der Kelche im Rider-Waite-Smith-Tarot.

Levis Schriften beeinflussten die Arbeiten des schottischen Freimaurers Samuel Liddell Mathers und Dr. Wynn Wescott. Auch der amerikanische Freimaurer Albert Pike zitiert in seinem Buch »Morals and Dogma« passagenweise aus dem »Dogme et Rituel de la Haute Magie« von Eliphas Levi. Das Golden-Dawn-Tarot Mathers' unterschied sich allerdings von dem Levis', schon alleine deshalb, weil er die Karte »Der Narr« nicht als 22. Karte nummerierte. Stattdessen setzte er sie an den Anfang der Folge mit der Ziffer 0, was später von Edward Arthur Waite und Aleister Crowley übernommen werden sollte.

Im Jahre 1910 veröffentlichte Waite, einstiges Mitglied des Golden Dawn, sein berühmtes Rider-Waite-Tarot. Die Illustrationen der 78 Karten malte die englisch-jamaikanische Künstlerin Pamela Colman Smith. Dieses Set bildet heute das weltweit gängigste Tarotspiel. Es ist das erste Tarot, das die bildliche Darstellung kunstvoll ausgearbeiteter Szenen, auch auf die kleinen Arkana ausdehnte. Damit erweitereten Waite und Coleman Smith die ursprünglich einfache, formale Anordnung der Farbenzeichen, wie sie etwa im Tarot de Marseilles dargestellt wurden.

Zu den originellsten und ungewöhnlichsten Tarotspielen gehört das von Aleister Crowley und Lady Frida Harris entworfene »Book of Thoth«. Crowley trat 1898 dem Golden Dawn bei, geriet später jedoch mit Mathers aneinander und gründete daraufhin im Jahre 1905 den Orden des Silbernen Sterns. Sein Tarotspiel wurde 1944 in London gedruckt. Zwar basiert es auf den Zuordnungen des Golden Dawn, die Abbildungen und Namen modifizierte Crowley aber nach seinem eigenen System. Das die Kartendecks des Rider-Waite-Tarot oder des Tarot de Marseilles, heute populärer sind als Thoth-Tarot, mag möglicherweise daran liegen, dass Crowleys teils extreme Ideen von anderen Okkultisten abgelehnt wurden.

Pamela Colman Smith - ewigeweisheit.de

Pamela Colman Smith (1878-1951): Die Illustratorin des Rider-Waite-Tarot.

Crowley führte in seinem Tarot-System eine Neuerung ein: Da jede der 22 großen Arkana jeweils einem hebräischen Buchstaben entspricht, können die einzelnen Karten in die 22 Pfade des kabbalistischen Lebensbaumes integriert werden. Damit ist Crowleys Kartenspiel nicht nur ein divinatorisches Werkzeug, sondern bildet ein Einweihungssystem und eine Methode zur Selbsterkenntnis.

Die Smaragdene Tafel von Thoth dem Atlanter

Zusammenfassend ließe sich sagen, dass wahrscheinlich indische, ägyptische und jüdische Geheimlehren zur Entwicklung der Tarotkarten beitrugen. Trotzdem lässt sich die tatsächliche Herkunft des Tarot nicht eindeutig einem Ort auf der Erde zuordnen. Vielleicht existiert der Ort seines Entstehens heute nicht mehr auf der Erde. Laut mancher Legenden soll das Land wo einst die Bilder des Tarot entstanden, mit der Sintflut verschwunden sein. Der geheimnisvollen Akasha-Chronik können manche Medien entnehmen, dass die Priester von Atlantis kurz vor dem Untergang des Kontinents, all ihr Wissen in Form von Bildern festhielten. Wollten sie diese Bilder vor dem Vergessen bewahren?

In grauer Vorzeit, so heißt es, erfand der ibisköpfige Gott Thoth die Schrift und gravierte sie in die Smaragdene Tafel (Tabula Smaragdina). Damit gab Thoth den Menschen alles Wissen , dieser Welt. Die Eingeweihten sollten dieses Wissen bewahren und bewachen. Die auf Papyri gemalten Symbole und Zeichen bilden das »Buch des Thoth«. Schon Apollonius von Tyana, wie später auch Raymondus Lullus, nahmen in ihren Schriften Bezug auf dieses uralte Buch.

Aleister Crowley - ewigeweisheit.de

Aleister Crowley (1875-1947): Erschaffer des Thoth-Tarot (1935).

Jenes sagenhafte Werk des altägyptischen Schreibergottes Thoth bezeichnete Antoine de Gébelin als esoterisches Unterweltsbuch. Darin sei eine Landkarte der Unterwelt wiedergegeben, auf der sich sieben Tore befinden, die von sieben Torhütern bewacht werden, die der Jenseitsreisende (verkörpert in der Karte »Der Narr«) durch sieben Losungsworte passieren darf. So kann er das sagenhafte Totenreich der Göttin Amentet betreten und daraus auch wieder ins Diesseits zurückkehren. Im Totenreich kostet er von der Milch sieben heiliger Kühe, überwindet zweimal sieben Hügel und durchschreitet dreimal sieben Pforten, um in der Unterwelt, zur strahlenden Sonne des Osiris zu kommen.

Diese Siebener-Reihen (7, 14, 21) waren für Gébelin ganz eindeutig dreimal sieben Einweihungsstufen, die der Neophyt auf dem Weg zur Meisterschaft durchschreiten muss. Jede dieser Stufen repräsentiert eine der Karten des Großen Arkanums.
Auf der 21. Stufe (im Tarot die Karte »Die Welt«) erhielt er schließlich ein allumfassendes Bewusstsein, mit dem er als Erleuchteter in die diesseitige Welt zurückkehrte.

Das ist Magie

von S. Levent Oezkan

Wer nach der wahren Bedeutung des Wortes Magie sucht, muss zuerst einen großen Irrtum beseitigen: Es geht nicht um den Handel mit Illusionen! Magie ermöglicht dem individuellen Geist sich mit der endgültigen, göttlichen Realität zu verbinden - einer Realität in der alles möglich ist!

Magie ist die Erweiterung des menschlichen Seelenlebens und die Ausdehnung der geistigen Fähigkeiten des Menschen. Der magische Mensch will nicht nur in der Welt sein, sondern er will in der Welt handeln. Die Wörter Machen und Magie stammen aus der gleichen indoarischen Wortwurzel magh - dem Vermögen etwas zu tun. Das entsprechende Substantiv maghá steht für Gabe, Geschenk, Reichtum und Wohlstand. Die Silbe magh hat immer mit etwas Großartigem zu tun. Sie ist in dem Wort Magazin ebenso enthalten, wie auch in Mechanik, Macht, Maschine, Magnat, Magma, Magnifikat oder Magnet (im alten Griechenland fand man massenweise magnetisches Erz auf der Insel Magnes).
Magie steht für Ausdehnung, Erweiterung, Vergrößerung und Anziehungskraft.

Wiege der Magie

Vor etwa 6.000 Jahren kamen die Arier in die Region Baktriens, einer historischen Landschaft die sich über das östliche Hochland Irans bis nach Afghanistan hin ausdehnt und vom Hochgebirge des Pamir und des Hindukusch umgeben ist ("Iran" bedeutet "Land der Arier"). Im 2. Jahrtausend v. Chr. kam es zu einer Trennung der arischen Bevölkerung. Ein Gruppe der Arier begab sich auf den indischen Subkontinent, wo sie die Flussebenen des Indus besiedelte. Der Name Indus ist das altpersische Wort für "Fluss". Vom Namen Indus erhielt das Land Indien, wie auch die dort entstandene Religion, der Hinduismus, seinen Namen.
Mit dem Auftreten des Propheten Zoroaster um etwa 1.000 v. Chr. breitete sich das baktrische Ariertum später weiter nach Westen hin aus. Weitere 1.000 Jahre später kamen die berühmten Magoi Apo Anatolon (altgriech. μάγοι ἀπὸ ἀνατολῶν) - die heiligen Magier aus dem Morgenland nach Bethlehem. Und Magoi war das altgriechische Wort zur Bezeichnung der Angehörigen der zoroastrischen Priesterklasse.

Als aber Jesus geboren war in Bethlehem in Judäa in den Tagen des Königs Herodes, siehe da erschienen Magier vom Morgenland in Jerusalem und sagten: wo ist der neugeborene König der Juden? wir haben nämlich seinen Stern gesehen im Osten, und sind gekommen, ihm zu huldigen.

- Matthäus 2:1-2

Man könnte sagen, dass die spirituelle Tradition der indischen Arier die Grundlage der Mystik bildet, während aus der baktrischen Tradition der Arier das erhalten blieb, was man heute als Magie bezeichnet. Doch beide Wege - Mystik und Magie - führen den Menschen zu einem Bewusstsein, dass sich außerhalb des Bereichs körperlicher Erfahrung befindet. Damit sind jene Ebenen der Wahrnehmung gemeint, die nicht abhängig von normalen Sinneswahrnehmungen sind.

Der mystische Weg ist ein introvertierter, meditativer Weg, der im buddhistischen Orient, wie im christlichen Okzident seine Spuren hinterlassen hat. Mystik ist eine reflektive Methode, in der sich der Praktizierende durch Innenschau auf den Weg der Erleuchtung begibt.
Der magische Weg ist das extravertierte Erheben der äußeren Wahrnehmung. Magie ist eine projektive Methode, wobei innere Bilder auf etwas im Außen gelenkt werden, was diese Bilder empfängt und materialisiert. Die Spuren des magischen Weges kreuzen die Hermetik, die Gnosis und die Kabbala.

Die "projektive Art" des Magiers darf nur von jemandem ausgeführt werden, der psychisch stabil ist. Gott lässt keine Psychopathen magisch arbeiten!
Wer trotz seiner psychischen Probleme versucht magisch zu arbeiten, läuft Gefahr, in seinem Leben Veränderungen herbeizuführen, die mitunter alles andere als gut sind. Wer seine Sinne nicht so recht beisammen hat, der sollte sich auch nicht mit Magie beschäftigen!
Bevor man mit der magischen Arbeit beginnt, ist es vielleicht ratsam sich einer Therapie zu unterziehen. Insbesondere heutzutage, wo Stress und Täuschung allgegenwärtig sind. Oft wissen wir nicht einmal, dass in uns bestimmte Geister am Werk sind, die vielleicht Negatives verlangen, Angst oder Visionen einer negativen Zukunft hervorrufen. Pessimismus und Magie passen einfach nicht zusammen. Wer Trost sucht, wird ihn in der Magie nicht finden.
Magie ist nichts Emotionales, sondern etwas Geistiges.

Magie im alten Alexandria

Einen wichtigen Beitrag zur Magie lieferten die Schulen im alten Alexandria, deren magische Tradition sich bis heute erhalten hat.
In Alexandria lebten und wirkten Neuplatoniker, Gnostiker und Hermetiker, die alle auch Magier gewesen sind. Gängige Sprache im alexandrinischen Mittelmeerraum war das Altgriechische, in dem auch viele alte Lehrschriften der Magie abgefasst sind. Altgriechisch als Sprache der Gelehrten, wurde aber Anfang des ersten Jahrtausend immer weiter durch die lateinische Sprache verdrängt. Damit versank hermetisches und magisches Wissen immer weiter im Untergrund.

Erst im 18. Jhd. - insbesondere im Zeitalter der Aufklärung - kam hermetisches und magisches Wissen wieder in Umlauf. Zwischen Ende des 19. und Anfang des 20. Jhd. gründeten sich neue, magisch arbeitende Geheimorden. Ihre Mitglieder bezeichneten sich jedoch als Philosophen - nicht als Magier. Wenn die Philosophie die Liebe zur Weisheit ist, dann enthält diese Wissenschaft auch die Liebe zur Magie.
Es geht hier vor allem um praktische Philosophie.
Für den Neuplatoniker Iamblichos von Chalkis (245-325) war das Studium der Schriften Platos nur sinnvoll, wenn damit auch praktisch gearbeitet wurde.
Nur über Dinge nachzudenken ist einfach nicht ausreichend, denn Denken führt nur zu noch mehr denken und bleibt immer nur Denken. Ohne die praktische Anwendung der gewonnenen Weisheiten, kann sich die menschliche Seele nicht ausdehnen. Doch das ist letztendlich das Ziel der Magie: das Bemühen das individuelle Bewusstsein in Richtung der endgültigen Realität Gottes auszudehnen. Nur so gewinnt der Magus Erkenntnisse, die ihm den Aufenthaltsort von Wesenheiten offenbaren, mit deren Hilfe er seine magische Arbeit vollbringen kann.

Pharos von Alexandria - ewigeweisheit.de

Der Neuplatoniker Iamblichos.

Das Zwischenreich - eine magische Region

In eigentlich allen Kulturen der Welt gibt es ein existentielles Grundbedürfnis instinktiv handeln zu können. Diesem Grundbedürfnis gleichen sich alle anderen Bedürfnisse an.
Wenn wir mehr Geld verdienen möchten, wünschen wir uns in der materiellen Welt auszudehnen. Die Notwendigkeit unsere Seele zu erweitern ist aber bei weitem wichtiger als mehr Geld auf dem Konto zu haben. Trotzdem aber dehnen wir unser inneres Verlangen immer weiter aus, um Objekte im Außen zu erlangen - ohne wirklich zu wissen, wie viel wir davon tatsächlich gebrauchen können. Und gleichzeitig glauben viele, dass die Dinge im Außen begrenzt sind. Doch in Wirklichkeit gibt es für den magisch arbeitenden Menschen gar keine Begrenzung. Nicht einmal der Himmel beschränkt die Ausdehnung seiner Seele.
Aus dieser Haltung entwickelte sich die Magie, als Weg unsere innere Natur über die Grenzen unserer Existenz auszudehnen und zu erkennen: wir sind hier und dort ist Gott. Zwischen diesen beiden Ebenen des Bewusstseins begibt sich der Magier in ein Feld direkten Austauschs. Es ist ein Bereich der sich zwischen der individuellen Realität unserer Seele und der unaussprechlichen, äußeren Realität Gottes befindet: Das ist das Zwischenreich.
Die alten Weisen wussten von dieser magischen Region, die sich zwischen der individuellen und der endgültigen, göttlichen Realität befindet. Es ist ein magisches Gebiet, in dem sich geordnete Geistformen hierarchisch strukturieren - ein Reich von Daimonen, Geistführern, Engeln und Gottheiten.

Als wir auf dieser Erde geboren wurden, kam unsere Seele durch diese Region, bevor sie in den Leib unserer Mutter einzog. Durch dieses magische Gebiet kehrt sie nach dem Tod unseres Körpers wieder zurück in den unbegrenzten Ozean aller Seelen.
Dieses Zwischenreich, das durch Magie angesprochen wird, ist unzugänglich auf körperlicher Ebene. Es ist immateriell und kann nur mittels unseres Bewusstseins und unseres Geistes angesprochen werden.

Emblem - Oculus Non Vidit - ewigeweisheit.de

Das Emblem - Oculus Non Vidit
"Kein Auge hat gesehen und kein Ohr gehört was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben" - 1 Korinther 2:9

Die uralte Tradition der Magier

Das magische Zwischenreich von dem hier die Rede ist, fügt sich aus einem System magischer Gesetzmäßigkeiten zusammen. Diese Gesetze haben sich über viele tausend Jahre hinweg theoretisch wie auch praktisch bewahrheitet. Wahre Magie stütz sich auf diese sehr alte Tradition, ohne die, keine magische Arbeit möglich ist.
Viele befolgen heute aber nur halbherzig diese magischen Gesetzmäßigkeiten. Und so gibt es jede Menge Dilettanten - die sich aber dennoch als Magier ausgeben. Doch niemand unter solchen bringt auch nur annähernd Resultate hervor. Zwar wissen viele, dass die menschliche Psyche magische Fähigkeiten hat und stehen vielleicht auch in Kontakt mit den Wesenheiten dieses magischen Zwischenreichs, doch sie haben keine Macht über sie. Es kommt darum öfter vor, dass Wesenheiten des Zwischenreichs solchen "Möchtegern-Magiern" schmeicheln, denn sie sehen in ihnen die Möglichkeit, am Geschehen auf der Erde teilzunehmen, was ihnen ohne den Menschen verwehrt bliebe. In einem solchen Fall spricht man auch von "Besetzungen". Dann wird das Individuum im Glauben gehalten es verfüge über magische Fähigkeiten, wird aber stattdessen von diesen Wesenheiten für andere Zwecke eingesetzt, was mitunter mit schwerwiegenden psychischen Störungen einhergeht.

Viele versuchen sich mal schnell irgendwas auszudenken, um damit anderen zu imponieren. Es mag sein, dass solche magischen Kleinarbeiten ihre Wirkung haben - doch alles nur Kurzweil. Es führt einfach zu nichts, wenn man kein Ziel verfolgt. Generell gilt das für alle Vorhaben eines Menschen.

Wer kein Ziel hat, bleibt der Sklave der Ziele anderer!

Ähnlich ist es mit der Heilkunde: Man kann zwar schnell jemanden anscheinend gesund machen - das bedeutet aber nicht, dass er auch wirklich geheilt ist und gesund bleibt. Heilen heißt nicht, ein Symptom verschwinden zu lassen - Heilen heißt jemanden von innen an die Wahrheit seiner Existenz, und damit zur Gesundheit zu führen - doch leider sind der Dilettanten viele!

Wenn wir uns bei unserer magischen Arbeit nicht auf eine Tradition besinnen, sondern Formeln und Vorgehensweisen verwenden, deren Ursprünge uns nicht bekannt sind, dann führen sie ebenso ins Nirgendwo, so wie wir auch nicht wissen woher sie stammen!

Alle Dinge und Zustände die wir uns sehnlichst im Leben wünschen, wünschten sich auch schon andere Menschen in der Vergangenheit. Wir sollten uns darum auf das Gedankengut, lang erhaltener Weisheiten stützen. Das liefert uns die Tradition.

Éliphas Lévi Zahed - ewigeweisheit.de

Der französische Magier Eliphas Levi (1810-1875)

Der Hermetische Orden der Goldenen Morgenröte

1888 wurde in London der "Hermetic Order of the Golden Dawn" gegründet. Die Gründer dieses Ordens waren so illustre Gestalten wie z. B. der Arzt Dr. Wynn Wescott oder S. L. MacGrecor Mathers. Mitglieder des Ordens waren Wissenschaftler, Künstler und Dichter, darunter William Butler Yates (Nobelpreisträger für Literatur 1923). Weitere Mitglieder waren die Schriftstellerin Dion Fortune, der Theosoph A. P. Sinnett, Arthur Edward Waite, der Entwickler des Rider-Waite-Tarot, und der Autor Bram Stoker (Autor des "Dracula").

Als Organisation existierte der Golden Dawn nur etwas mehr als 30 Jahre. Doch in den Jahrzehnten seines Wirkens war dieser Orden sehr kreativ und schuf einen riesigen Corpus an Schriften und praktischen Anleitungen.
Der Orden beschäftigte sich mit Kabbala, Tarot und Weissagung. Ein großer Teil des vom Golden Dawn verwendeten magischen Systems, wurde von dem französischen Diakon und Okkultisten Eliphas Levi übernommen. Levi glaubte dass Veränderungen in der materiellen Natur allein durch den Willen hervorgerufen werden können. Für ihn war Magie auch ein Mittel, Veränderungen im Denken eines anderen Menschen hervorzurufen.

Liebe ist das Gesetz. Liebe unter Willen!

- Aleister Crowley

Solche und andere Auffassungen sollten zentrale "Glaubensvorstellungen" der Mitglieder des Golden Dawn werden. Dieser Glaube wurde später auch von anderen Organisationen wie dem O.T.O. (Ordo Templi Orientis) übernommen - zu deren Mitgliedern auch Aleister Crowley (Begründer der neureligiösen Bewegung Thelema), Rudolf Steiner (Begründer der Anthroposophie), Henry Spencer Lewis (Gründer des A.M.O.R.C., dem Alten mystischen Orden vom Rosenkreuz) oder Franz Hartmann (Theosoph und Übersetzer der Bhagavad Gita und des Dao-De-Ging) zählten.

Magie ist die Kunst und Wissenschaft, die Welt in Übereinstimmung mit dem Willen zu formen.

- Aleister Crowley

Neophyten werden in das System des Golden Dawn durch drei praktische Übungen eingeführt, die wir uns im Folgenden ansehen wollen.

Divination mit Tarot - ewigeweisheit.de

Divination mit Hilfe des Tarot

1. Divination

Divination ist im Golden Dawn eine Methode der Weissagung und Prophezeiung mit Hilfe des Tarot, des chinesischen I-Ging, der Geomantie und der Astrologie. All diese Hilfsmittel dienen der Sensibilisierung des Fragers, womit er seine Vorstellungskraft allmählich verfeinert. Es geht um eine innere, imaginative Welt von Bildern, die aus der oben erwähnten Zwischenregion stammen, mit dem Ziel die Gottheiten um Rat zu fragen.

Es gibt besondere Kräfte im Kosmos, inklusive den tieferen Ebenen unseres Bewusstseins. Sie sehnen sich regelrecht danach sehnen uns zu helfen, all die Wirrnisse die uns im Leben fordern, zu überwinden. Wer ihre Hilfe in seinem Leben verfügbar zu machen weiß, wird sein Bewusstsein wirklich bereichern. Das ist die eigentliche Essenz der Divination.
Zuerst hält man Ausschau danach, welche Zeichen sich in bestimmten Situationen ergeben. Jedes Zeichen besitzt einen individuellen Modus. Alles was man im Sonnenlicht erblicken kann, kann ein Hinweis sein. Das heißt nicht, dass man vor jeder schwarzen Katze zusammenzucken soll, denn nicht alles ist gleich wichtig - relevant ist der Stellenwert der Erscheinungen. Diesen Wert zu ermitteln ist Kunst der Divination.

Vier magische Waffen - ewigeweisheit.de

2. Vision

Um die Fähigkeit der Vision zu schulen, verwendet das Golden-Dawn-System die indischen Tattva-Symbole. Sie repräsentieren die Elementarkräfte: Akasha (Äther), Luft, Feuer, Wasser und Erde. Jedes dieser fünf Tattvas hat ein besonderes Symbol, das der Magier visualisiert. Die Erde ist ein goldgelbes Quadrat, das Wasser ein graublauer Halbmond, die Luft ist ein hellblauer Kreis, das Feuer ein rotes Dreieck und das Akasha wird meist in Form einer schwarzblauben Vesica, manchmal als Ei abgebildet.
Für die Visions-Übungen fertigt der Neophyt ein großes Bild eines Tattva-Symbols an. In meditativer Haltung davor sitzend blickt er solange darauf, bis das Symbol nach einer Weile Farbe und Form verändert. Das ist der Zeitpunkt, wo sich das Tattva zu einem Tor in das oben genannte, imaginative Zwischenreich öffnet. Nach einer bestimmten Abfolge betritt der Magus nun das Feld dieses Zwischenreichs und verlässt es danach wieder - sofern er den Weg zurück findet!

3. Evokation

Mit der Evokation erhält der Magus ein wichtiges Werkzeug, um mit den Wesenheiten im magischen Zwischenreich in Kontakt zu treten. Dazu begibt er sich in einen auf den Boden gezeichneten Schutzkreis. In diesem Ritual verwendet er "magische Waffen", um die Kräfte des Zwischenreichs zu bannen: ein Stab, ein Schwert, ein Kelch oder ein Pentakel, die je einem der vier Elemente entsprechen. Während dieser Zeremonie steht er vor einem Dreieck, auf dem verschiedene Symbole angebracht sind.
Er kann diese Übung aber nicht allein ausführen. Darum kommt immer eine zweite Person ins Spiel, die als Medium und Empfänger fungiert. Durch das Medium erhält der Magus Antworten der Wesenheiten aus dem Zwischenreich.

Der kluge Pan - ewigeweisheit.de

Der kluge Pan mit seiner "Zauberflöte" - ein Mischwesen - halb Mensch, halb Bock.

Der Magus rezitiert bei seinen Beschwörungen, poetische, teils schwülstige Zauberformeln, um damit ein bestimmtes Wesen anzurufen. Für jede dieser Anrufungen wird der Wesenheit entsprechend ein Räucherwerk entzündet und von den Praktizierenden bestimmte Substanzen eingenommen, Farben getragen, Töne gesungen und Objekte in den Händen geführt. Damit werden alle Sinne auf eine höhere Ebene der Transzendenz erhoben. Die Zusammenstellung von Gerüchen, Geschmäckern, Farben, Tönen und greifbaren Dingen, entnehmen die Magier des Golden Dawn besonderen Zuordnungstabellen. Solche finden sich auch in Aleister Crowley's Buch "Liber 777".
Magus und Medium stehen sich in einem dunklen Raum gegenüber. Licht spenden zwei Kerzen, die das Medium in seinen Händen hält. Während der Magus die Evokation durchführt, erscheinen dem Medium in einem Spiegel die angerufenen Wesenheiten und geben Auskunft über die gestellte Frage bzw. das erwünschte Ereignis. Durch die Anrufung dieser Mächte erhält der Magus einen bestimmten Umfang an Informationen und Weisheiten.
Dies sind aber keine Engel oder lichthaften Wesen, sondern sehr alte Bewusstseinsformen, die mit der Erde und mit den Kräften der Natur zu tun haben - manchmal in Form eines Reptils (z. B. Schlangen, Kröten oder Drachen), eines Vogels oder eines anderen Tieres, oder Mischwesen wie Satyrn, Greifen, Sphinxen und anderen. Es sind in etwa die archetypischen Charaktere von denen man auch aus Märchen erfährt. Auch in der Bibel, insbesondere in der Offenbarung des Johannes, begegnen uns diese magischen Charaktere.

Wer diese Wesen befragt, bekommt Antworten. Doch welchen Wert haben diese Antworten?
Da es sich hier um sehr eindrucksvolle Vorgänge handelt, inspirieren sie die Vorstellungskraft des Durchführenden. Vor allem die Veränderung des menschlichen Bewusstseins, die in einer solchen Zeremonie bewirkt werden, ist beträchtlich. Doch damit auch sehr, sehr gefährlich. Insbesondere bei einem ängstlichen Menschen, werden Tür und Tor geöffnet, durch die allerhand "ungebetene Gäste" das Bewusstsein besetzen können!

Die Invokation

Die hier beschriebenen Übungen gehen einher mit dem Lernen des großen Corpus an theoretischem Wissen aus Religion, Kabbala, Astrologie, Geomantie, Mythologie und Heilkunde. All das sind Informationen mit denen sich der Magus zuvor vertraut machen muss.

Nachdem der Schüler der Magie Divination, Vision und Evokation erlernt hat erfolgt das, was als "Invokation" (lat. invocatio "Hineinrufung") bezeichnet wird. Die niedrigeren Wesenheiten werden evoziert (von lat. evocare "herausrufen") - d. h. durch Evokation angerufen - die höheren Wesenheiten invoziert.
Diese durch Invokation angerufenen Wesenheiten, stammen aus einem transzendenten, himmlisch-göttlichen Feld. Es sind Wesen, die in alter Zeit als Götter und Göttinnen bekannt waren.

Der Heilige Schutzengel

Jedes Individuum ist mit einem spirituellen Selbst begabt, dass Teil des Göttlichen ist. Dieses höhere Selbst hat in sich Gottebenbildlichkeit und vermittelt dem Magus ein besonderes Bewusstsein, mit dem er den lebendigen, göttlichen Funken in sich erkennen kann. Es ist die Essenz des Göttlichen und der Weg zur endgültigen Realität Gottes. Es ist dies auch die höchste Form der Zeremonialmagie, die zur Verbindung mit dem höheren Selbst und damit zur Verbindung mit Gott führt.

Höchstes Bestreben der Zeremonialmagie ist die Vereinigung des Magus mit seinem heiligen Schutzengel. Diesen Schutzengel nennt man auch den Geistführer. In der Kabbala gibt es 72 heilige Namen Gottes, von denen jeweils drei, gemeinsam den Namen des heiligen Schutzengels einer Person bezeichnen. Bei der Ermittlung dieses heiligen Namens, muss aber unbedingt beachtet werden, dass der Golden Dawn ein anderes System für die 72 Namen verwendet, als das traditionelle kabbalistische System bereitstellt. Jedem der 72 Namen entspricht nämlich ein astrologisches Sternzeichen. Im Golden-Dawn-System beginnt der erste Name mit dem Tierkreiszeichen Löwe, während in der traditionellen Kabbala der erste Name mit dem Widder beginnt. Das ist ein gravierender Unterschied!
Bevor man also irgendwelche Buchstabenfolgen zusammenstellt, um durch Invokation seinen heiligen Schutzengel anzurufen, sollte man sich erst vollkommen sicher sein, dass dies auch der richtige Name ist. Alles andere wäre nämlich verheerend! Der heilige Schutzengel ist ein sehr machtvolles Wesen, dass dem Individuum auf ganz vertrauliche Art und Weise Macht vermittelt. Jedes Individuum, hat einen Genius, den man den Daimonion nennt (griech. für "persönlicher Schutzgeist").
Im Golden Dawn verstand man unter diesem individuellen, heiligen Schutzengel, dass, was in der Psychologie als das höhere Selbst bezeichnet wird. Der Magier lernt nach der Vision seines heiligen Schutzengels, diesen immer besser kennen. So kann ein tatsächlicher Austausch mit ihm stattfinden, bis sich die beiden tatsächlich näher kommen und vereinigen. Das ist der magische, aktive und auch kürzere Weg zur Erleuchtung - gleichzeitig aber auch der gefährlichere (siehe oben). Es ist wie beim Besteigen eines Berggipfels: während der Mystiker den langen beschwerlichen Weg auf sich nimmt, klettert der Magier die Steilwand empor - doch immer in der Gefahr zu Tode zu stürzen!

Gut ist das wahrhaftig Lichtvolle

Der persische Prophet Zarathustra - ewigeweisheit.de

Der Prophet Zoroaster (Zarathustra) wirkte um 1.000 v. Chr. im alten Persien (cc).

In der magischen Arbeit öffnen sich bestimmte Bewusstseinsfelder. Dem Individuum können daraus große Mengen Energie zuströmen.
Je nach Erwartung und Haltung des Individuums, wird sich in seinem Leben Entsprechendes ereignen.

Magier wie Mystiker berichten von den atemberaubenden Erlebnissen, die einer erfährt, der mit den Wesenheiten des Zwischenreichs in Kontakt tritt. Es geht hier um Ebenen des Bewusstseins, die mit anderen Mitteln nicht erreicht werden können. Was dabei erfahren wird, ist viel lebendiger als das alltägliche, irdische Leben. Darum ereifern sich viele an den Phänomenen, die sich aus der praktischen Arbeit in der Magie ergeben. Magie vermittelt ein Gefühl vom "Leben der Seele".

Die Magie bietet dem Menschen Mittel, mehr zu werden als er bisher war. Doch es gibt einen Energieerhaltungssatz, der besagt, dass wer nimmt auch geben muss. Wer etwas anderes behauptet, der verrät sich als Lügner.
Wer um jeden Preis mit den Geistformen des Zwischenreichs Verbindung aufnehmen will, muss damit rechnen, dass "gelieferte Dienste" auch in der physischen, alltäglichen Realität von jenen Wesenheiten eingefordert werden, die man darin "konsultierte". Und wer Böses verlangt, von dem wird Böses verlangt. Wer allerdings Gutes will, dem wird Gutes widerfahren.

Man hat als Mensch die freie Wahl, sich für den rechten Weg, den Weg der Wahrhaftigkeit zu entscheiden. Dafür steht die ewig gültige Lehre des Propheten Zoroaster, die jedem Menschen rät

  • gute Gedanken zu denken,
  • gute Worte zu sprechen und
  • gute Taten zu vollbringen.

Auf diesem Fundament der Wahrhaftigkeit ist die Welt gegründet. Da der Mensch das einzige Lebewesen ist, welches die Möglichkeit hat, zu unterscheiden, zu führen und zu verändern, muss er stets versuchen das Gute zu bewirken. Welcher Weg dabei gegangen wird - sei es der des Mystikers oder der des Magiers - das sei jedem selbst überlassen - solange er sich nur für das Gute entscheidet!

 

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