Magie

König Artus und die Legende vom Heiligen Gral

von Johan von Kirschner

Der Gral umgeben von der Tafelrunde der Artus-Ritter

Der Legende nach gab man den Leib Christi in die Obhut zweier Männer, auf die in den Evangelien nur kurz hingewiesen wird: Nikodemus und Joseph von Arimathäa. Zwar zählten die beiden Frommen nicht zu den zwölf Aposteln, doch auserkoren waren sie zu Hütern der heiligen Überreste ihres Herrn.

Joseph von Arimathäa sollte zu einem der eingeweihten Brüder werden und erster »Bischof der Christenheit«. In seine Obhut gab man die Symbole des heiligen Bundes: Einen immer vollen Kelch des Lebens und einen »blutenden«, wundheilenden Speer. Damit wurde er zum Hüter dieser heiligen Reliquien Christi und man vertraute ihm dadurch die geheime Macht des Glaubens an. So sollte sich um Joseph von Arimathäa dereinst die »Geheime Kirche des Heiligen Grals« gründen.

Von der Fahrt des Grals

Die apokryphen Acta Pilati aus dem 5. Jahrhundert berichten über die Verhaftung Josephs von Arimathäa. Als nämlich der Leichnam Jesu nach seiner Auferstehung aus dem Grab verschwunden war, verurteilte man Joseph, wegen Grabraubs zu 40 Jahren Kerkerhaft. Dort im Gefängnis jedoch erschien ihm der Christus, übergab ihm den Kelch des Letzten Abendmahls Jesu und bestimmte ihn zu seinem Hüter. Allein durch die Kraft des Kelches überlebte der heilige Joseph seine Haft im Kerker. Jeden Tag flog eine Taube zu ihm und legte ein Stück Brot darauf.

Später soll ihn der Heilige Apostel Philipp dazu aufgefordert haben, mit ihm und zwölf Missionaren Palästina zu verlassen, um jene beiden heiligen Reliquien nach England zu bringen.

Nach vielen Entbehrungen erreichten schließlich der heilige Joseph, der Apostel und die Missionare die südenglische Stadt Glastonbury, von der manche glauben, dass sie auf dem Boden der einst sagenhaften Insel »Avalon« gegründet wurde (durchaus war diese Region in der südenglischen Somerset Grafschaft immer ein Marschland gewesen, wo der größte Hügel dort – der »Glastonbury Tor« – einst ein von Wasser umgebenes Eiland bildete).

In Glastonbury nun erhielt Joseph einen Platz zugewiesen, um dort den Bau einer Klosterkirche zu leiten: Die Abtei zu Glastonbury entstand. Am Tag seiner Ankunft dort, rammte er seinen hölzernen Stab in die Erde auf dem Wearyall Hill. Dieser schlug dort tatsächlich Wurzeln und wuchs zu einem schönen Weißdornbaum heran. Über zweitausend Jahre sollte er dort zweimal im Jahr blühen. Man nannte ihn den »Glastonbury Thorn« (deutsch: Dorn von Glastonbury). So also gründete Joseph dort die erste christliche Gemeinde Europas.

Wann Joseph von Arimathäa starb, weiß niemand. Einige glauben, dass er wie Henoch entrückt wurde, andere, dass man ihn in der Abtei zu Glastonbury beigesetzt hatte. Immer wieder begaben sich Menschen auf die Suche nach diesem Heiligen Gral, von dem manche glauben, er sei in einer Krypta unter der alten Abtei, gemeinsam mit dem Leichnahm Josephs von Arimathäa verborgen.

Die heilende Kraft des Grals

Wo und wann der Ursprung des Gralsmythos seinen Anfang nimmt, ist heute nur schwer fassbar. Man findet aber zu Ausgangspunkten in der Volkskunde der Inseln Großbritanniens und Irlands. Darin stößt man auf viele Legenden über magische Kessel, Becher, Trinkhörner und Kelche. Manche davon beschreiben das Gefäß, als einen Kessel der niemanden, der aus ihm trank, je sich von ihm entfernen will, da er ihm auf allen Ebenen des Seins größte Zufriedenheit und Erfüllung spendet. Sein Inhalt sei unerschöpflich und jene, die ihn bedienen, leiden niemals Hunger noch Durst.

Auf solch wundersames Trinkgefäß verweist auch eine aus dem 15. Jahrhundert stammende literarische Komposition verschiedener Erzählungen aus der altfranzösischen und mittelenglischen Artus-Epik: »Le Morte d’Arthur« (deutsch: Der Tod König des Artus) zusammengestellt von dem englischen Ritter Sir Thomas Malory (1405-1471). An etlichen Stellen ließt man darin vom »Sangreal«, einem Wunderkelch der Hunger stillt und Wunden heilt, womit sich Sir Malory an anderer Stelle des Werks auf den Heiligen Gral bezieht.

Und so kam eine weiße Taube herein, und sie trug ein kleines goldenes Gefäß in ihrem Mund, und es gab allerlei Speisen und Getränke; und eine Maid trug den Sangreal [...] Und dann knieten sie nieder und hielten ihre Andacht, und es war ein solcher Duft, als ob alle Gewürze der Welt dort gewesen wären. Und als die Taube ihren Flug antrat, verschwand die Jungfrau mit dem Sangreal, wie sie gekommen war.

[...]

So zog das heilige Gefäß des Sangreal mit allerlei Süße und Wohlgeruch vorüber; aber sie konnten nicht ohne weiteres sehen, wer das Gefäß trug, aber Sir Parzival warf einen flüchtigen Blick auf das Gefäß und auf das Mädchen, das es trug, denn er war ein vollkommen reines Mädchen; und sogleich waren sie beide so gesund und munter, wie sie es je in ihrem Leben waren

- Aus Le Morte d’Arthur, in Kapiteln 4 und 14

Der französische Name Sangreal steht für das »Blut des Königs«. Andere bringen mit dem Namen in Verbindung »Le Saing-Réal«, das »wahrhaftige Blut«, was sicherlich beides Anspielungen sind auf das Blut Christi (vergleiche Lukas 22:20).

Im Versroman »Parzival«, des deutschen Ritters Wolfram von Eschenbach (1160-1220), wird beschrieben, dass ein Mensch, ganz gleich wie schwer krank er auch sein mag, mit dem Anblick dieses Kelches geheilt sei, ja nicht einmal mehr sterben könne, sofern er ihn innerhalb acht Tagen wieder anblickt.

Als Gefäß fließender Lebenskraft, bildet der Gral also eine unerschöpfliche Quelle des Heils und eines natürlichen Lebens.

Zumal man aber Erwähnungen eines solchen heiligenden und heilenden Gefäßes auch in antiken Kulten Erwähnung findet, wäre es unangebracht die Gralssymbolik allein im christlichen Kontext zu betrachten. Solch heilige Kelche nämlich gibt es auch in den alt-griechischen Mythen um den Gott Dionysos oder Bakchos, der als Bacchus im alten Rom die Gottheit des Weines und der Ekstase personifizierte. Als Dionysos, durch die Bedeutung seines Namens, aber ebenso wie der Christus einen »Zweimalgeborenen« meint.

Halb Mensch, halb Dämon

In der Legende um den sagenhaften König Artus von England, begegnen wir einem rätselhaften Magier, über dessen Geburt man eine geheimnisvolle Legende erzählt: Als Gott den Christus Jesus gesandt hatte, um die Welt von der Knechtschaft des Bösen zu befreien, da beschloss der Widersacher, einen Antichristen zu schicken. Er sollte die Arbeit des Messias wieder zunichte machen. Da überschattete der Teufel in Gestalt eines schrecklichen Drachens, eine Jungfrau. Dieser Drachen hatte alle in ihrer Familie getötet, und spähte nun aus, auch nach ihr. Da flüchtete sie sich in ein Heiligtum, um dem Bösen zu entkommen.

Eines Tages aber brachte die junge Frau ein Kind zur Welt, dem sie den Namen »Merlin« gab. Er nahm von seiner Mutter menschliche Eigenschaften an, doch auch jene seines dämonischen Vaters. Merlin jedoch diente nicht den Mächten der Finsternis. Vielmehr hatte er sich dem Licht der Wahrheit zugekehrt, auch wenn er über zwei magische Stärken verfügte, die ihm sein Vater vererbt hatte: Die Macht der Prophezeiung und das Vermögen zur Wundertätigkeit.

Diese Geschichte über Merlins höllischen Vater, muss eigentlich allegorisch verstanden werden. Es ist nämlich eine Anspielung auf die Tatsache, dass er als »philosophischer Sohn« der Schlange (oder des Drachen) zur Welt kam – ein Titel, der auf alle Eingeweihten der Mysterien angewandt wird. Sie nämlich erkennen die Natur ihrer sterblichen Mutter an, so wie auch das, was man ihnen gab als die Weisheit ihres unsterblichen Vaters, symbolisiert in der Form eines sakralen Reptils. Was wir nämlich aus dem Buch Genesis erfahren, dass auch im Garten Eden eine Schlange die Kost vom Baum der Erkenntnis nahelegte, ist durchaus eine Tatsache, die bei anderer Auslegung überhaupt nicht allein mit den Mächten des Bösen verwechselt werden darf.

Ein himmlisches Schwert

Dieser Magier Merlin nun, war Ziehvater des kleinen Artus, den man ihm als Säugling in die Obhut übergab. In seiner Jugend bereits weihte ihn Merlin ein in die Geheimlehren der natürlichen Magie. Mit Hilfe Merlins sollte Artus zum führenden Ritter von Britannien aufsteigen: Einer dem Königtum ebenbürtigen Würde. Nachdem Artus ein Schwert aus einem Amboss gezogen hatte (andere sagen, er zog es aus einem Felsen), und auf dieser Tat seinen göttlichen Führungsanspruch gründete, half ihm Merlin dabei, von der sogenannten »Herrin vom See« das heilige Excalibur zu erlangen – ein Schwert, verfertigt aus dem Metall eines Meteors (»Himmelseisen«), dem magische und wundertätige Kräfte zugeschrieben wurden.

Eines Tages dann, sollte Artus einen auserkorenen Kreis zwölf edler Ritter um sich scharen, aus denen sich die sagenhafte Tafelrunde gründete. Nachdem Merlin dem Artus bei alle dem geholfen und seine Pflicht erfüllt hatte, verschwand er für immer. Einer Erzählung zufolge, entwich er in die Luft, wo er noch immer als Schatten existiert und nach Belieben mit den Sterblichen zu kommunizieren vermag. Einer anderen Legende nach, zog er sich aus eigenem Antrieb in ein großes steinernes Gewölbe zurück, das er jedoch von innen her verschlossen hatte – von dem wiederum einige behaupten, Nimue, die Herrin vom See (eine der avalonischen Priesterinnen) hätte ihn damit gefangen genommen.

Vier Ebenen der Zwölfheit - ewigeweisheit.de

Vier Ebenen der Zwölfheit: Ein Symbol für den Gral?
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Astrale Aspekte der arthurischen Tafelrunde

Es ist ziemlich sicher, dass man Legenden über Karl den Großen später mit Artus in Verbindung brachte. Gemeinsam mit ihm steht er in einer Linie idealen Rittertums, wie das Anfang des 14. Jahrhunderts der lothringische Dichter Jacques de Longuyon, in einem Versepos festlegte. Er nämlich verband die Ahnenlinien jener Ritter der Tafelrunde Artus’, mit Heldenfihuren der heidnischen (Hektor von Troja, Alexander dem Großen, Julius Caesar) und jüdischen Antike (Judas Makkabäus, König David, Prophet Joschua).

Welchen Zeremonien und Einweihungsritualen die Ritter der Tafelrunde unterzogen wurden jedoch, darüber gibt es keine verlässlichen Quellen. Legenden nach soll jener runde Tisch, mit sagenhaften Fähigkeiten ausgestattet gewesen sein: Er vermochte sich auszudehnen und zusammenzuziehen, und je nach Bedarf fünfzehn oder fünfzehnhundert Personen um sich herum Platz bieten. Gängige Überlieferungen sprechen über die Anzahl der Ritter der Tafelrunde, von zwölf, andere von vierundzwanzig. Als Zwölf aber halten Manche einen magischen Einfluss der zwölf Tierkreiszeichen für möglich, die manche christliche Esoteriker ja auch in Verbindung bringen mit den zwölf Aposteln Jesu. Auch waren es zwölf Missionare die mit Joseph von Arimathäa nach England kamen.

Die Namen der Ritter und ihre Wappen waren auf den Stühlen abgebildet. Saßen nun vierundzwanzig an der Tafel, so Stand jedes der zwölf Tierkreiszeichen über ihm in je einem seiner zwei Aspekte geteilt: einem lichten und einem dunklen, um damit die nächtlichen und täglichen Phasen eines jeden Zeichens zu kennzeichnen.

Da jedes Tierkreiszeichen jeden Tag zwei Stunden lang aufsteigt, lassen sich die vierundzwanzig Ritter mit den Stunden des Tages assoziieren, wie auch mit den vierundzwanzig Ältesten, die in der Offenbarung des Johannes vor dem Thron Gottes warten. Oder aber gibt es vierundzwanzig Gottheiten aus dem Alten Persien, die die Geister der Tagesabschnitte repräsentierten. Im Zentrum des Tisches befand sich ein Symbol der Rose: Sinnbild der Passion Christi und für seine Auferstehung von den Toten.

Auch soll da an diesem runden Tisch, sich ein geheimnisvoller leerer Platz befunden haben. Den nannte man den »Gefährlichen Sitzplatz«. Auf Anweisung Merlins, musste dieser Platz leer bleiben. Niemand durfte sich dort setzen, außer jenem, der eines Tages kommen und erfolgreich die Suche nach dem Heiligen Gral abschließen würde: Parzival.

Die Geheimbruderschaft der Artus-Runde

In der Erscheinung König Artus’ findet sich eine in der Geschichte der Mythen immer wiederkehrende kosmische Symbolik. Als Herrscher von Britannien repräsentiert er ein durch die Sonne symbolisiertes sakrales Königtum. In seinen Rittern aber verkörpert sich die Kraft des Tierkreises. Sein glänzendes Schwert Excalibur aber ist Sinnbild für den hellen Sonnenstrahl, mit dem Artus die Drachen der Finsternis besiegt. Artus' Tafelrunde versinnbildlicht auf diese Weise also das Universum, der gefährliche Sitzplatz aber ist der Thron des Menschen, der auf der Suche nach dem Gral seine Vollkommenheit fand.

König Artus stand im Zentrum der Ritter der Tafelrunde, als Großmeister einer geheimen christlich-mystischen Bruderschaft. Fragte man sie aber danach was sie sind, wohl hätten sie geantwortet »Ritter« zu sein. Die erhabene Position des Großmeisters dieser Ritter, erhielt Artus deshalb, weil er den Rückzug des Schwertes (seines Geistes) vom Amboss der unedlen Metalle (seiner niederen Natur) getreu vollzogen hatte.

Schon so oft aber, wurde auch der historische Artus mit den Mythen seines Ordens verwechselt, bis die beiden untrennbar miteinander verschmolzen. Mit dem anscheinenden Tod König Artus’, in der Schlacht von Camlann, endeten auch seine Mysterien.

In seinem Le Morte d’Arthur erzählt Malory von der geheimen Entrückung König Artus’ nach Avalon:

Und als sie am Wasser waren, fuhr ein kleiner Kahn mit vielen schönen Frauen am Ufer, und unter ihnen war eine Königin, und sie hatten alle schwarze Kapuzen, und sie weinten und schrien, als sie König Artus sahen. Nun setzt mich in den Kahn, sagte der König. Da empfingen ihn drei Königinnen in großer Trauer, und sie setzten sie nieder, und in einen ihrer Schöße legte König Artus sein Haupt. Und diese Königin (Morgan le Fay) sagte: Ach, lieber Bruder, warum seid ihr so lange von mir weggeblieben? leider hat die Wunde an eurem Kopf zu viel Kälte abbekommen. Und so ruderten sie vom Land weg, und Sir Bedivere sah, wie all diese Frauen von ihm gingen. Da rief Sir Bedivere: Ach, mein Herr Artus, was soll aus mir werden, jetzt wo ihr von mir geht und mich hier allein unter meinen Feinden zurücklasst? Tröste dich, sprach der König, und tue, was du kannst, denn auf mich ist kein Verlass; denn ich will in das Tal von Avilion (Avalon), um mich von meiner schmerzlichen Wunde zu heilen; und wenn du nie mehr von mir hörst, so bete für meine Seele.

Auch das große Schwert Excalibur, so Malory, wurde von dem edlen Ritter Sir Bedivere in die Wasser der Ewigkeit zurückgeworfen, was als Symbol gesehen werden kann für den Niedergang der kosmischen Nacht, am Ende des Tages universeller Manifestation.

Der Leichnam des historischen Artus wurde wahrscheinlich im Garten der Abtei zu Glastonbury beigesetzt, dem Gebäude, das eben ganz eng mit den mystischen Riten des Heiligen Grals, sowie des Artus-Zyklus verbunden ist.

Ziemlich sicher waren Rosenkreuzer-Bruderschaften der Vergangenheit im Besitz des wahren Geheimnisses des Artus-Zyklus und der Gralslegende (wo etwa zu nennen wären zwei französische Orden »L'Ordre de la Rose+Croix Esthétique du Temple et du Graal« oder »L'Ordre de la Rose Croix Catholique et Esthetique, du Temple et du Graal«).

Aber selbst wenn die Gralslegende von manchen Einweihungs-Orden, als offensichtlicher Schlüssel des westlichen Christus-Geheimnisses erkannt wurde, kennen sie heute die meisten Menschen – wenn überhaupt – leider nur aus Darstellungen moderner Popularliteratur.

 

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Die Hermetik: Eine Religion der Antike

von Johan von Kirschner

Hermes Trismegistos - ewigeweisheit.de

Nur die wenigsten unter uns haben jemals von der alten Stadt Harran gehört. Es scheint als sei dieser Name in Vergessenheit geraten, trotz dass es an diesem Ort einst eine Glaubensgemeinschaft gab, die insbesondere für die Hermetik von zentraler Bedeutung ist.

Und was ist die Hermetik? Wer darüber spricht, was manche auch als den »Hermetismus« bezeichnen, meint damit eine seit der Antike existierende Offenbarungslehre. Ihre religiös-philosophischen Weltanschauungen beeinflussten das Denken der Gelehrtenwelt, insbesondere in der europäischen Renaissance. Der Name »Hermetik« aber stammt von dem mythischen Wissensspender Hermes Trismegistos (dem »Dreifach Größten Hermes«). Ihm werden die Verse der berühmten Smaragdtafel (Tabula Smaragdina) zugeschrieben, die durch ihn, so die Legende, einst von Atlantis nach Ägypten kam. Von dort aus breitete sich die hermetische Offenbarungslehre dann in der ganzen antiken Welt aus, zwischen Zweistromland und dem Land der alten Hellenen Griechenlands.

Wieso die Hermetik nun aber insbesondere für das oben genannte Harran so wichtig war und wieso das auch für unsere weiteren Betrachtungen von Belang ist, das wollen wir uns im Folgenden ansehen.

Eine uralte Siedlung in Mesopotamien

Die Stadt Harran befindet sich heute in der Türkei, etwa 20 km nördlich der syrischen Grenze, gelegen zwischen Euphrat und Tigris. Die Gefilde der Ebene von Harran beherbergen die ältesten archäologischen Fundstätten der Erde. Dazu zählt die 11.500 Jahre alte Tempelanlage von Göbekli Tepe oder die 1993 in Şanlıurfa gefundene Statue des sogenannten Urfa-Mannes, dessen Alter manche bis ins 14. Jahrtausend zurück datieren.

Die Großstadt Şanlıurfa, das antike Edessa, beherbergte einst den Urmonotheisten Abraham. Hiermit kommt das alte Harran ins Spiel, das etwa 40 km südlich von Şanlıurfa gelegen ist und der Universität dieser Großstadt sogar ihren Namen verlieh. Nun, Harran wird im Buch Genesis erwähnt, als Heimatstadt des Terach (Genesis 11:32f) – dem Vater des Patriarchen Abraham. Manche glauben dass die antike Stadt Harran ihren Namen sogar von dem gleichnamigen Bruder Abrahams erhalten hatte (Genesis 11:26). Interessant ist auch, dass der Patriarch Jakob (Urvater der Zwölf Stämme Israels), ein Enkel Abrahams, einst von der heute israelischen Stadt Beer Scheva  (deutsch: »Brunnen der Sieben«) nach Harran reiste (Genesis 28:10-19). Auf dieser Reise hatte Jakob den aus der Bibel berühmten Traum von der sogenannten »Jakobsleiter« – einem Ereignis das ja insbesondere in der Kabbala-Tradition von zentraler Bedeutung ist.

Heute bedeckt den Hügel, auf dem einst das alte Harran lag, ein riesiges Trümmerfeld, auf dem man nur noch einzelne Mauersteine verstreut sieht. Lediglich erhalten sind Abschnitte der alten Stadtmauer, sowie Gebäudereste der alten Universität von Harran. Der dort einst befindliche Tempel der Sabier, wurde 1262 mit dem Einfall mongolischer Horden zerstört.

Großer Smaragd - ewigeweisheit.de

Der 14.000 Jahre alte Urfa-Mann (Museum der Stadt Şanlıurfa).

Wer die Sabier waren und welche Bedeutung sie für unsere Betrachtungen haben, dazu mehr in den nachfolgenden Ausführungen.

Die Sternenreligion der Sabier

Sowohl jüdische als auch islamische Quellen behaupten, dass Abraham ein Sternenverehrer gewesen war. Harran, der Ort in dem Abraham zeitweise gelebt haben soll, war eine von sieben Städten, von denen jede einem der sieben Planeten gewidmet war. Ihre antiken Strukturen sollen gebaut worden sein, auf der Grundlage sehr feiner astronomischer Berechnungen der Gestirnbewegungen, insbesondere jener der zwölf Sternbilder und der sieben klassischen Planeten. Drei dieser sieben hatten sie übernommen von ihren griechischen Vorvätern, darunter Helios (Sonne), Ares (Mars) und Kronos (Saturn). Zwei akkadische Götter kamen hinzu, nämlich der Mondgott Sin und Merkur, sowie zwei aramäische Sternengottheiten: Bal (Jupiter) und Balti (Venus). Die Sabier verwendeten damit die auch bei uns bis heute verwendete Zuordnung der sieben Planeten zu den Wochentagen.

Insbesondere in ihren Riten verehrten die Sabier diese planetarischen Gottheiten, um sich mit dem Lauf der Dinge ihrer Gemeinschaft, auf die kosmischen Zyklen abzustimmen. Man opferte da im Namen dieser Wandelsterne dem alleinigen Schöpfer der Welt. Hieraus entwickelte sich der Glaube an die Planeten als Vermittler zwischen den Menschen und Gott. Man sah die Planeten da als körperliche Erscheinungen an, denen göttliche Geistwesenheiten innewohnten und diese regierten (entsprechend eben genannten, den Wochentagen zugeordneten sieben Götter: Kronos, Helios, Sin, Ares, Merkur, Bal und Balti).

Alles in der Natur gestaltete sich und bildete sich fort durch die Einwirkung der Planeten. Die Gesamtheit des Seins war ihrem Einfluss unterworfen. Nichts in der Natur konnte sich bewegen oder entwickeln, so glaubten die Sabier, ohne den Einfluss jener geistigen Potenzen der sieben planetarischen Kräfte.

Der Schöpfer der Welt, so die Sabier, vermochte wegen seiner essenziellen, ursprünglichen Einfachheit, sich in den sieben leitenden Planeten zu vervielfältigen und zu personifizieren. Sie wirkten und wirken auch heute noch, laut der sabischen Lehre, in die irdischen Körper der Wissenden (Eingeweihten) hinein. Bei alle dem aber bliebe die Einheit des Wesens Gottes davon unberührt. Nur sein Handeln kommt in den sieben Sphären zur Wirkung, wobei er darüber auf das Menschsein wirkt und darin zur Erscheinung kommt.

Vermittelst unserer Zungen spricht Gott, vermittelst unserer Augen sieht er, vermittelst unserer Ohren hört, vermittelst unserer Hände greift er, vermittelst unserer Füße kommt und geht er und vermittelst unserer Glieder handelt er.

Es ist nun schwer zu sagen ob entweder der Polytheismus die ursprüngliche Form der Gottesverehrung war oder der Monotheismus. Diese Frage aber dürfte sich vielleicht erübrigen, wenn man eben jene, aus der abrahamitischen Tradition wahrgenommene eine Gottheit, eben als einen Gott der Götter, einen Herrn der Herren, einen Schöpfer alles Erschaffenen ansieht. Gut möglich dass sich aus dieser Vorstellung von einst, dann eine Art von Monotheismus entwickelte. Dabei dürfte es selbsterklärend sein, dass so ein höchstes, göttliches Wesen, in der Vielfältigkeit seiner Erscheinung, später von den abrahamitischen Religionen verschiedenartig aufgefasst wurde.

Aber nicht allein im Abrahametismus existierte die monotheistische Vorstellung des Göttlichen. Auch der griechische Philosoph Platon (428-347 v. Chr.) erwähnte in seinem Werk an verschiedenen Stellen ein höchstes Wesen, als den Vater aller Dinge, den Schöpfer der Götter. Hierauf ging auch der Neuplatoniker Porphyrius (395-420 n. Chr.) ein, in seiner Geschichte der Philosophie. Darin nämlich beschreibt er diesen »einzigen Gott Platons«, als einen »dem kein Name und nichts Menschliches zukommt«. Porphyrius hielt darum auch für unangebracht, diesem höchsten Wesen etwas Materielles zu opfern. Vielmehr durfte man ihn nur durch reines Schweigen und reine Gedanken verehren.

Wie wir später noch sehen werden, stand im Mittelpunkt des sabischen Glaubens ja der sagenhafte Hermes Trismegistos. Wie sich den ihm zugeschriebenen Schriften entnehmen lässt, sprach auch er über diese Einheit des Göttlichen, wo ihm alle Dinge der Welt als Glieder Gottes galten. In dem hermetischen Text Poimandres ließt man dazu:

So wie Himmel, Erde, Wasser und Luft die Glieder der Welt sind, so sind auch Leben, Unsterblichkeit, Kraft, Geist, Notwendigkeit, Natur, Seele, Verstand, dieser Aller Fortdauer und das sogenannte Gute Gottes Glieder. Weil Gott aber Alles vorstellbar macht, so ist er auch durch Alles in Allem [...] der Himmel regiert die intellektuelle Substanz, das heißt die Gottheit. Der Himmel, die Götter, die denselben untergeordneten Daimonen und die Menschen sind alle Teile Gottes.

- Aus dem hermetischen Poimandres Kapitel 12

Astral-Heiligtümer Harrans

In Harran befanden sich einst sieben Tempel, entsprechend den sieben klassischen Himmelskörpern Saturn, Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter und Venus. Ein hexagonaler Tempel des Saturn stand dort zusammen mit jeweils einem trigonalen Tempel des Jupiters und Merkurs. Die Architektur Mars-Tempels war rechteckig, jener der Sonne aber quadratisch. Der Sin-Tempel, dem Mond geweiht, besaß eine achteckige Struktur. Dieser dem Mondgott Sin geweihte Tempel wurde sehr wahrscheinlich im Neusumerischen Reich erbaut, wohl um 2.000 v. Chr. Der Tempel zu Ehren der Göttin Venus war, wie der der Sonne, als Quadrat geformt, das in sich jedoch einen trigolanen Bau einfasste. Die Idole in den Tempeln der Sabier waren meist aus den ihnen vorstehenden Planetengottheiten verfertigt. Im Sonnentempel fand man goldene Statuen und Idole, im Mondtempel entsprechend aus silber gehauene Standbilder.

Im Mittelpunkt des Sternenkultes der Sabier aber stand der Mondgott Sin.

Lehmbauten in Harran - ewigeweisheit.de

Lehmbauten in der heutigen Altstadt Harrans.

Sabische Geistesgrößen

Wichtige Geistesgrößen des frühen Mittelalters lebten und wirkten in Harran, wie etwa der im iranischen Tus geborene Jabir ibn Hayyan (721-812), der unter dem Namen »Geber« in die Geschichte der Alchemie eingehen sollte. Doch vor allem die Schriften des in Harran geborenen Magiers und Astrologen Thabit ibn Qurra (826-901), sollten später einmal großen Einfluss haben auf die Gelehrsamkeit jener europäischer Weiser, die zwischen der Zeit des Mittelalters bis in die Renaissance lebten.

Ibn Qurras, im 16. Jahrhundert aus dem Arabischen ins Lateinische übersetztes Werk zur Hermetik, »De Imaginibus« (zu deutsch »Über Bilder«), sollte in der Renaissance zum wichtigsten Text über astrologische Magie werden (neben dem Buch Picatrix aus dem 13. Jahrhundert). So fanden Ibn Hayyans und Ibn Qurras Schriftwerke auch ihren Weg in die christlichen Klöster Europas.

Hermes Trismegistos

Die Sabier von Harran schöpften ihr Wissen aus vielen Quellen. Was sie über die Astralwelt wussten, scheinen sie von den Neuplatonikern (Schulrichtung die im 3. Jahrhundert n. Chr. entstand) übernommen zu haben. Aber auch Wissen aus dem alten Sternenkult der Chaldäer spielte eine wichtige Rolle für sie.

Die Sabier von Harran waren, zwischen 856 bis 1050, für das Geistesleben und die Vermittlung wissenschaftlicher Bildung, wichtig für Rest der arabischen Welt. Durch sie nämlich erhielten sich über die Jahrhunderte hinweg die Weisheiten aus der griechischen Antike, deren Philosophie und Wissenschaft durch ihr Wirken scheinbar problemlos in islamisches Geistesdenken einfließen konnte.

Besonders hervorgehoben werden aber muss die Tatsache, dass sie Hermes Trismegistos als ihren Propheten verehrten und sein Corpus Hermeticum ihr heiliges Buch war. Darauf verweist die Handschrift des Kitab Ihwan as-Safa (Buch der Brüder der Weisheit), einer arabischen Enzyklopädie des 10. Jahrhunderts, dessen Inhalte nicht unbedeutend sind für Geschichte und Entstehung des Geheimordens der Rosenkreuzer.

Andernorts galt Hermes Trismegistos damals als alter ägyptischer Weiser, den man als Erfinder des Schrifttums ansah und als legendären Autor vieler wissenschaftlicher Bücher über Mathematik, Astrologie, Magie, Alchemie, Ethik und Medizin. In seinem Corpus Hermeticum finden sich Lehren in Form mystischer Visionen.

Man setzte Hermes Trismegistos damals auch gleich mit dem griechischen Gott Hermes und dem ägyptischen Gott Thoth (auch: Tehuti). Dass er den Sabiern als Prophet galt, lag an der Tatsache, dass sie das Corpus Hermeticum als Portrait eben dieses göttlich inspirierten Lehrers betrachteten.

Damals begannen manche muslimische Gelehrte Hermes Trismegistos auch gleichzusetzen mit dem im Koran erwähnten Idris, der im jüdisch-christlichen Kontext der biblischen Gestalt Henochs entspricht.

Die Harraner (Sabier) waren im Nahen Osten die wichtigsten Erben des sogenannten ‘orientalischen Pythagoreismus‘, sowie die Wächter und Verbreiter der Hermetik in der islamischen Welt. Sie praktizierten ‘die Religion der Erben des Propheten Idris’

- Seyyed Hossein Nasr

Seit wann die Sabier ihre Kulte jedoch ausübten, ist bisher nicht geklärt. Sie dürften schon im 6. Jahrhundert v. Chr. bestanden haben, doch sollten bereits zwischen dem 12. und 13. Jahrhundert n. Chr. untergegangen sein.

Übersetzung des Corpus Hermeticum ins Lateinische

Im Jahr 1460 gelangte eine seltene, arabische Handschrift nach Florenz. Möglicherweise war sie in den fünf Jahrhunderten zuvor von Harran in byzantinische Hände übergegangen. Man beauftragte drei Jahre später den berühmten italienischen Philosophen Marsilio Ficino (1433-1499) damit, den Text ins Lateinische zu übersetzen. Die Fertigstellung seiner Übersetzung im Jahr 1471 könnte durchaus angesehen werden, als eine Geburt der europäischen Hermetik. Man verwendete damals den Namen, aus dem oben bereits zitierten »Poimandres«, um damit den Druck dieser Schrift zu betiteln.

Ficino fasste in seiner Vorrede an den Auftraggeber Cosimo de Medici (1389-1464) die antiken Quellen zu Hermes zusammen und konstruierte eine Tradition ursprünglicher Weisheit. Diese Tradition nämlich hatte laut Ficino sogar wesentliche Elemente des Christentums eingeschlossen. Man geht darum auch davon aus, dass es zu ersten Schriftlegungen des Corpus Hermeticum, zunächst zwischen 100 und 300 n. Chr. gekommen sein könnte. Erst später hatte sich das Wissen um das Schriftwerk des Hermes Trismegistos verdunkelt und zersplittert in verschiedene Disziplinen.

(Hermes) stand [...] in Geistesschärfe und Gelehrsamkeit allen Philosophen voran. Als Priester legte er zudem die Grundlagen für ein Leben in der Art eines Heiligen und er übertraf in der Verehrung des Göttlichen sämtliche Priester. Er übernahm schließlich die Königswürde und verdunkelte durch seine Gesetzgebung und Taten den Ruhm der größten Könige. Daher nannte man ihn zurecht den dreimal Größten (Trismegistos). Als Erster unter den Philosophen wandte er sich von der Naturkunde und der Mathematik der Erkenntnis des Göttlichen zu. Als Erster konferierte er über die Herrlichkeit Gottes voller Weisheit, wie auch über die Ordnung der Dämonen und die Wandlungen der Seele. Daher nennt man ihn den ersten Theologen.

- Marsilio Ficino, in seiner Vorrede an den Auftraggeber Cosimo de Medici

Manche behaupten, dass diese Arbeit so großen Einfluss auf das damalige Geistesdenken hatte, dass der eine oder andere sogar vorschlug das Corpus Hermeticums gar in den Textkorpus der Bibel aufzunehmen.

Schließlich aber ließ das Interesse an dem Text nach. Man stieß auf ein jüngeres, in griechischer Sprache verfasstes Werk, das vom Christentum und Neuplatonismus beeinflusst war. Im Untergrund jedoch sollte sich hermetisches Gedankengut weiter verbreiten. Das aber der gesamte hermetische Textcorpus nicht alleinig sabischen Ursprungs ist, sollten die 1945 im ägyptischen Nag Hammadi entdeckten Handschriften bestätigen, womit sich eher von einer ägyptischen Wurzel des Corpus Hermeticum ausgehen lässt.

Erben eines verlorenen Wissens

Interessant ist, dass die Hermetik als Wissenskult von den Sabiern in Harran, in der besonderen Art ihres religiösen Kultes, aufrechterhalten werden konnte, so dass sich daraus unterschiedliche wissenschaftliche und spirituelle Disziplinen, bis ins Mittelalter hinein entfalten konnten. Das sollte die esoterische Tradition des Hermetismus bis in die heutige Zeit merklich bereichern. Könnten die Sabier darum als Erben eines verlorenen Wissens angesehen werden, das einst auf der ganzen Welt verbreitet wurde?

Sicherlich trug ihr Einfluss dazu bei, dass man in der islamischen Welt des 7. und 8. Jahrhunderts, bereits über die mathematischen Mittel verfügte, um damit die Himmelsbewegungen von Sonne und Mond zu berechnen. Denn die Zeitpunkte für das Fasten im Monat Ramadan, wie auch für die fünf täglichen Gebete der Muslime, waren (und sind) auf diese Gestirnsbewegungen genau abgestimmt.

Gemäß dem arabischen Philosophen Abu Yaqub ibn Ischaq Al-Kindi (800-873), basierte die Lehre der Sabier auf der grundlegenden Ansicht, dass die Welt schon immer existierte, basierend auf der Grundlage des Einen, was jedoch unbeschreiblich bleiben muss, da sich diese Wahrheit jenseits allem daraus Entstandenen befindet. Jene astral-planetarischen Zyklen basierten für die Sabier ebenfalls, auf diesem höchsten einen Sein. Wohl das war auch der Grund, dass sie damals als Religionsgemeinschaft von ihren muslimischen Zeitgenossen als Monotheisten toleriert wurden.

 

 

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Über die Römische Kultpraxis zur Zeit Kaisers Augustus

von S. Levent Oezkan

Kaiser Augustus als Höchster Priester Roms - ewigeweisheit.de

Ausgustus, der über das Römische Reich von 31 v. Chr. bis 14 n. Chr. herrschte, nannten die Römer Pater Patriae, den Vater des Vaterlandes. Kein anderer römischer Herrscher hatte diesen Titel vor ihm getragen. Er war auch das geistliche Operhaupt des Römischen Reichs.

Ihm zu Ehren sogar, erhielt der römische sechste Monat im Sonnenjahr, Sextilis, dann ab dem Jahre 8 n. Chr. den Titel "Augustus". Es war der sechste Monat deshalb, zumal das römische Jahr am 1. März begann. Mit der Festlegung der christlichen Zeitrechnung, rückte der Monat August entsprechend an die achte Stelle im Jahr.

Religiöse Kulte im Alten Rom

Neben seiner Herrschertum, hatte Kaiser Augustus auch das Amt des höchsten Oberpriester der alt-römischen Religion inne. Entsprechend eng war die innenpolitische Verbindung von Religion und Politik.

Die Römer empfanden ihre Religion als vertragsmäßige Übereinkunft mit den Göttern. Augustus aber wirkte als der Pontifex Maximus, Brückenbauer zwischen der irdischen Menschenwelt und der himmlischen Welt der Götter.

Das Wesen jener römischen Götter nun, hatten noch ältere Vorstellungen über planetare Gottwesenheiten geprägt, wie man sie über lange Zeit vorher schon im Alten Griechenland verehrt hatte. Aus dem alten Kronos wurde der römische Saturn, aus Zeus wurde Jupiter, der griechische Kriegsgott Ares erhielt den römischen Namen Mars. Die Liebesgöttin Aphrodite wurde zur heiligen Venus der Römer, der Götterbote Hermes zu Merkur. Helios gab man den Namen Sol und der Mond, als Göttin Selene, bekam Luna, als neuen römische Namen.

Do ut des - Ich gebe, damit du gibst.

Auf diesem Prinzip basierte die alte Religion der Römer. Es war eine Opferreligion, wo die Götter den Menschen als Gegenleistung für deren kultische Verehrung, Hilfe und Beistand gewährten. So versuchte man durch Erbringen von Opfern in Rom, die Pax Deorum zu bewahren, die göttlich vorgegebene friedliche Ordnung. Zum Beispiel erhielt der Gott Jupiter vor der Aussaat ein entsprechendes Speise- und Trankopfer.

Bei allen Opferhandlungen aber empfand der Gläubige sowohl anziehende Bewunderung, wie entsprechende schaudervolle Ehrfurcht vor der verehrten Gottheit. Das fassten die Römer im Begriff des numen zusammen, dessen Bedeutung schließlich bei uns das Adjektiv numinos bezeichnet.

Religio

Natürlich bildet dieses Wort den Ursprung unseres heute verwendeten Substantivs Religion. Es klingt darin das lateinische religere an:

Etwas wie zuvor beachten.

In der römischen Religio also verband sich da einer zurück auf etwas Sakrales, das er einmal von einem Priester vernommen hatte. Was ein römischer Geistlicher da als spirituelle Tradition beschrieb, war eine aus der Transzendenz wirkenden Macht. Mit dieser Macht verband man sich in den religiösen Riten, im Gedenken an sie. Und das erfolgte eben durch die Opferrituale.

Hierbei kam auch der Einzelne mit einer aus der Transzendenz wirkenden Gottheit zusammen, wobei er ganz gewissenhaft die dazu notwendigen kultischen Bräuche praktizierte.

Zu diesem Zweck feierte man viele Feste, wozu im August auch das Vinalia Rustica zählte (10.08.), das ländliche Weinfest. Da verehrte man die Fruchtbarkeitsgöttin Venus und weihte den ihr gewidmeten Tempel am Circus Maximus in Rom.

Die Sibyllinische Bücher

Wie man heute weiß, prägten die Rituale der alt-römischen Religion magische Praktiken. Hielt sich der Zelebrator bei den dazu vollführten Zeremonien, streng an die überlieferten Riten, wusste er sicher, dass sich damit die Götter genötigt sahen, ihr Wohlwollen den Menschen zu schenken.

Doch bereits geringste Abweichungen von den darin ausgeführten heiligen Zeremonien, zwangen zu deren Wiederholung. Sonst nämlich lief man Gefahr, den göttlichen Zorn auf sich zu ziehen. Eine daraus erwachsene Detailversessenheit der alten Römer, spiegelte sich etwa darin, dass genaueste Regeln für die Opferung für Tiere eingehalten werden mussten, wie zum Beispiel die Art des verwendeten Feuerholzes, oder die Wahl des Geschlechts und der Hautfarbe des Opfertieres.

Diese und unzählige weitere Handlungsanweisungen waren niedergeschrieben in den sogenannten Libri Sibyllini, den Sibyllinischen Büchern. Darin waren entsprechende magische Rituale beschrieben und sie enthielten besondere Orakelsprüche.

Alle Inhalte dieser Bücher aber wurden streng geheimgehalten. Erst durch Beschluss des römischen Senats, durfte darin Einsicht genommen werden. Der magische Ritus spielte im alten Rom, also tatsächlich eine staatstragende Rolle.

Gottkönigtum im Alten Rom

Als Adoptivsohn Cäsars verlieh man Augustus als Kind den Titel Divi filius, "Sohn Gottes". Nach seinem Tod im Jahr 14 n. Chr. wurde Augustus zum Divus Augustus erhoben, wurde zum "Göttlichen Augustus". Doch auch wenn andere römische Herrscher sich schon zu Lebzeiten als Götter oder Erscheinungsformen von Göttern verehren ließen, lehnte Augustus solcher Art Ehrerbietung ab.

Dennoch erweckte der Kult um sein Herrschertum beim Volk wahrhaft religiöse Ehrfurcht, so dass er in manchen römischen Provinzen eben doch als Personifikation der Gottheit Roma verehrt wurde. Ihm zu Ehren errichtete man die "Tempel der Roma und des Augustus", im französischen Lyon, in Athen, im heute türkischen Ankara und andernorts im Römischen Reich.

Augustus neigte in seiner Rolle als Oberster Priester des Staats jedoch zu einer Rationalisierung der Religion. Ihm erschien es dabei wichtig, sich von der Magischen Kultpraxis zu lösen und den Mythos als Bestandteil der römischen Religion zu fördern. Genau im Zeitraum seiner Regentschaft wurde ja auch Jesus von Nazareth geboren, mit dessen Erscheinen und Wirken, ja in der Westlichen Welt sich ebenso ein religiöser Wendepunkt ereignet hatte.

 

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