Magie

Die magischen Werke eines Rastlosen: Agrippa von Nettesheim und die okkulte Philosophie

von S. Levent Oezkan

Agrippa von Nettesheim - ewigeweisheit.de

Einer der sonderbarsten Gelehrten des sechzehnten Jahrhunderts, ist der Verfasser eines eigenartigen Werks: De Occulta Philosophia - drei Bücher über die Magie. Was hat sich der Autor dabei gedacht, als er geheime Traditionen und okkulte Schriften der Renaissance, in einem eigenen magischen System zusammenfasste?

Wen man damals nämlich verdächtige, sich mit Magie, mit Weissagekunst oder Nekromantie zu befassen, der konnte sich, doch auch seine Nächsten, in ernste Schwierigkeiten bringen. Sich mit solcher Geheimwissenschaft im 16. Jahrhundert zu beschäftigen, war ein äußerst abenteuerliches Unterfangen.

Im Aberglauben von einst, kannte man die wahre Bedeutung des Wortes »Magie« eigentlich nicht. Es ist ein Ausdruck indo-arischen Ursprungs, der einst die Künste einer alten Priesterkaste von Sterndeutern bezeichnete: den Magoi.

Heute verwendet man das Wort, um auf die Fähigkeit eines Menschen hinzuweisen, der etwas Außergewöhnliches, Unerklärliches zu tun vermag und durch geheime Macht auf die Dinge Einfluss nimmt. In der europäischen Renaissance aber glaubte man, Magie sei nichts als Teufelswerk. Was die Alten, als magische Handlungen fürchteten, dahinter vermuten die Menschen der Gegenwart vielleicht etwas Sonderbares, für das es aber sicher eine vernünftige Erklärung gibt. Kaum einer glaubt heute noch an das personifizierte Böse und schon gar nicht an die Hölle. Und wer sich jemandem als »Magier« vorstellt, dürfte ausgelacht werden.

Ahnungslosigkeit und Spekulation also – damals wie heute: Das Wort Magie bleibt ein Rätsel.
Wieso aber sollte man es lösen wollen?

Agrippa von Nettesheim, der Verfasser des Schriftwerks »De Occulta Philosophia«, hatte sich zur Aufgabe gemacht ein vollständiges Werk über die Geheimwissenschaften zu verfassen, was bis zum heutigen Tage die Hauptquelle vieler geblieben ist, die sich mit Hermetik, Kabbala, Alchemie, Numerologie oder Astrologie befassen. Seine Texte aber verwahrte der Autor zunächst im Verborgenen. Doch es blieb ihm nicht erspart, sich mit großen Unannehmlichkeiten und widrigen Umständen konfrontiert zu sehen. Schließlich schlug sein Wirken so große Wellen, dass man über ihn einfach sprechen musste – und das nicht nur unter Freunden.

Wir wollen im Folgenden versuchen, ein Bild des vielbewegten Lebens eines Mannes wiederzugeben, der sich, wie kaum ein anderer seiner Zeit, in so vielen Wissensgebieten auskannte und, wie es scheint, über schier übernatürliche Fähigkeiten zu verfügen schien – doch niemals zur Ruhe kam.

Goldmacher und Kabbalist

Am 14. September 1486 kam in Köln Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim zur Welt, als Erbe eines alten und reichen Rittergeschlechts. Früh schon beschäftigte sich Agrippa, wie man ihn heute kurz nennt, mit den Geheimwissenschaften. Er arbeitete am »Stein der Weisen«. Damit bewegte er sich in fürstliche Kreise, deren Mitglieder bald zu seinen Gönnern wurden und ihn rühmten, wegen seines »Großen Werks«, der Goldmacherkunst.

Zu Agrippas Lebzeiten, zählten die Geheimwissenschaften zu den wichtigen Interessengebieten zeitgenössischer Gelehrter; man denke etwa an John Dee, Edward Kelly oder Isaak Luria, mit denen wir uns noch an anderer Stelle beschäftigen werden. Alles was Agrippa damals an Literatur zum Thema zur Verfügung stand, scheint er auch gelesen zu haben. Seine klassische Bildung war durchaus bemerkenswert: Er verstand acht Sprachen, kannte die Evangelien und biblischen Texte wie zu seiner Zeit kaum ein anderer.

Schon mit 21 Jahren begab er sich nach Paris und stiftete dort eine Geheimgesellschaft. Ihr Zweck: das Studium und die Praxis der geheimen Künste. Dieser Orden breitete sich später sogar aus über Frankreich, fand Mitglieder in Deutschland, England und Italien. Doch bald schon musste er aus finanziellen Gründen nach Köln zurückkehren. Trotzdem setzte er sich das Ziel, bald wieder in Paris zu sein.

Agrippa wechselte immer wieder seinen Platz in der Gesellschaft. Er fand sich als Krieger auf dem Schlachtfeld, ein andermal erfüllte er seine Pflichten als Lehrer. Später begab er sich wieder in Gesellschaft seiner Ordensfreunde, die sich mittlerweile sogar in Spanien fanden. Sein Geld aber verdiente er durch astrologische Deutungen und andere Geheimkünste.

1509 hielt er im alten burgundischen Dola (heute Frankreich) öffentliche Vorlesungen über das Werk Johannes Reuchlins (1455-1522). Dieser hatte zu Lebzeiten, als Christ, wahrscheinlich mehr zur hebräischen Literatur und der Geheimlehre der Kabbala beigetragen, als so mancher ordentliche Rabbiner. In einem seiner wichtigsten Werke »De arte cabalistica«, leitete er die Bedeutung der zehn göttlichen Urkräfte her (siehe: Sefiroth), die bis heute eine zentrale Rolle spielen in der Kabbala. Agrippa auf jeden Fall, erregte mit seinen Vorträgen über Reuchlins Werk großes Aufsehen bei seinen Zuhörern. Man ernannte ihn zum Lehrer der Theologie an der Akademie von Burgund. Selbst die Räte des Parlaments, wohnten seinen Vorlesungen bei.

Doch je erfolgreicher er damit wurde und je mehr Menschen er mit seiner Lehre erreichte, desto mehr geriet er bald auch in Konflikt mit der hohen christlichen Geistlichkeit. Alles was man da nicht mehr verstand, galt als Irrtum und war darum Ketzerei. Nach Meinung der Kirchenoberhäupter konnte es nicht angehen, dass einer ungestraft so geheimnisvolle Bücher öffentlich erklärte, wie jene von Johannes Reuchlin. Vor Allem der burgundische Franziskaner Jean Catilinet (1450-1530) wandte sich gegen Agrippas öffentliches Wirken. Er verleumdete ihn wegen seiner öffentlichen Lehrtätigkeit zur Kabbala und klagte ihn an als Ketzer.
Waren diese Kirchenmänner wie Catilinet, einfach nur Unwissende oder ahnten sie hinter Agrippas Dasein und Wirken noch etwas Anderes?

Einer der zu viele Geheimnisse kannte

Agrippa versuchte nach all den Anschuldigungen, die man gegen ihn vorbrachte, die Gunst der Statthalterin der habsburgischen Niederlande zu gewinnen: Margarete von Österreich (1480-1530). Er schrieb damals, wohl als Widmung, seine Abhandlungen von der Vortrefflichkeit der Frauen und die Vorzüge des weiblichen Geschlechts, und seine Schilderungen der weiblichen Schönheit. Sie brachte er auch in Verbindung mit den kabbalistischen Gesetzen. Doch es schien nicht, als erreiche Agrippa damit seinen Zweck. Denn die Verfolgung von Seiten der Kirche hielten an. Als Vertriebener setzte er sich 1510 nach England ab. Dort verfasste er seine Verteidigungsschrift. Auch mit den Briefen des Heiligen Paulus befasste er sich in dieser Zeit und im selben Jahr noch kehrte er in seine Heimatstadt Köln zurück. Dort hielt er eine Zeit lang Vorlesungen über verschiedene theologische Themen. Wieder fanden diese großen Zulauf.

Portrait von Johannes Trithemius - ewigeweisheit.de

Portrait von Johannes Trithemius von einem Meister H. B., entstanden zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert.

Auf einer Reise nach Würzburg, lernte er den Abt Johannes Trithemius (1462-1516) kennen: einem der größten Adepten der Magie und der Kabbala. Er blieb eine Weile bei seinem neuen Meister, von dem er Vieles gelernt haben will. Auf Trithemius' Anregung, verfasste Agrippa schließlich De Occulta Philosophia. Er wollte darin die alte Magie in ihrer ursprünglichen Reinheit wieder herstellen und vom Vorwurf gefährlicher Irrlehren befreien.

Agrippas Wissen war zu diesem Zeitpunkt so umfassend, dass er auch über genaue Kenntnisse der Stoffe und der Alchemie verfügte. Man ernannte ihn nicht zufällig zum kaiserlichen Rat, denn sein alchemistisches Wissen »war Gold wert«, insbesondere auch, als es um die Verbesserung des Bergwesens zur Gewinnung von Erzen ging. Doch damit nicht genug. Im Jahre 1512 ernannte man ihn zum Hauptmann des kaiserlichen Heeres Maximilans I. Im Krieg gegen die Venezianer zeichnete er sich durch große Tapferkeit aus. Noch auf dem Schlachtfeld schlug man Agrippa zum Ritter. Seine militärischen Ehren, versuchte er auch seine akademische Anerkennung beizugesellen. Das Studium der Geheimwissenschaften aber setzte er über all die Zeit kontinuierlich fort.

Ich wurde Doctor beider Rechte und der Medizin, vorher noch Ritter. Diesen Stand (den eines Ritters) habe ich mir nicht erbettelt, nicht nach einer Seereise angenommen, nicht bei einer Königskrönung durch schamlose Aufdringlichkeit weggeschnappt, sondern auf dem offenen Schlachtfelde, mitten im Kampfe habe ich ihn durch Tapferkeit erworben.

Dereinst sollte Kardinal de Sainte Croix, Agrippa nach Pisa berufen, damit dort seine Talente als Theologe, ihm zu noch mehr Ruhm verhalfen. 1515 dann lehrte Agrippa im lombardischen Pavia. Er hielt dort Vorlesungen über den großen Hermes Trismegistos. Aber auch hier blieb er nur einige Zeit und es scheint. Musste er fliehen?

Agrippa: Anwalt, Arzt und Witwer

Agrippa war verheiratet und hatte einen Sohn. Von seiner Frau sprach er in höchsten Tönen. Sie war ihm, so wörtlich, »ein Weib nach seinem Herzen«, war schön, jung, klug und von edler Abstammung. Seine Freunde in Europa versuchten ihm eine ehrenvolle Stellung zu verschaffen, in Grenoble, Genf, Avignon oder in Metz.

1518 zog Agrippa nach Metz, wo er als Anwalt und Redner wirkte. Allmählich entspannten sich in dieser Zeit auch die Spannungen zwischen ihm und dem Klerus. Doch es war auch die Zeit, in der er sich unschuldig verfolgter Menschen annahm, die der Hexerei angeklagt auf seinen Rechtsbeistand angewiesen waren. Ein Jahr später aber schon, verließ er Metz wieder und begab sich erneut nach Köln. Dort hatte sich der Hauptsitz des deutschen Mönchtums entwickelt.

1521 verlor Agrippa seine liebe Gattin. Daraufhin reiste er nach Genf, wo er sich allerdings nicht in sehr günstigen Verhältnissen wiederfand. Bald schon reiste er wieder ab und kam 1523 ins schweizerische Freiburg, um dort als Arzt zu wirken, wie er es auch schon in Genf tat. Hier heiratete er ein zweites Mal eine Frau, die ihm ebenso lieb war, wie die erste.

Im Jahre 1524 setzte Agrippa seine Reisen fort. Damals kam er nach Lyon, wo er schon bald zu einem angesehenen Mediziner wurde. Die Mutter Königs Franz I. ernannte ihn zu ihrem Leibarzt. Später auch sollte Agrippa ihr als Astrologe dienen, um zu ermitteln, welchen Lauf der Heereszug ihres Sohnes nach Italien nehmen könnte. Agrippa jedoch verweigerte eine Erklärung dazu abzugeben. Es erschien ihm einfach lächerlich, sich mit solchen »Lapalien« zu beschäftigen. Diese Verweigerung nahm ihm die Königsmutter jedoch sehr übel. Schließlich hatte er in der Vergangenheit auch dem Herzog von Bourbon-Montpensier, einem erfolgreichen Heerführer, seine Erfolge prophezeit.

Im Laufe der folgenden vier Jahre, bedrückten Agrippa schwere Geldsorgen. Er verließ Frankreich und kam im Juli 1528 nach Antwerpen. Dort gewann er einen neuen Freund, dem er vielversprechende Aussichten stellte: ihn nämlich wollte er in die Geheimnisse der Alchemie einweihen. Bald erwarb er hier wieder einen sehr guten Ruf als Wunderarzt und erlangte auch in der Öffentlichkeit großes Ansehen. Das aber war auch die Zeit als seine zweite Gattin verstarb, die ihm mehrere Kinder geboren hatte.

Etwas Trost darüber fand er wohl, als er ein Jahr später von König Heinrich von England, dem Kanzler des Kaisers, zum kaiserlichen Archivar und Historiographen bestellt wurde. Doch all seine Erfolge, die ja nun in verschiedenen europäischen Städten bekannt waren, wurden ihm von jenen Mitgliedern des Klerus nicht gut vergönnt. Sie hatten ihn sogar beim Fürsten angeschwärzt. Auch bei anderen verleumdete man Agrippa. Besonders seine »Geheime Philosophie«, die er 1530 in Antwerpen drucken ließ, lieferte seinen Feinden neuen Stoff für Gründe, Agrippa zu verfolgen und auf die inquisitorische Anklagebank zu bringen. Schließlich warf man ihn 1531 tatsächlich in Brüssel ins Gefängnis. Glücklicherweise aber verblieb er dort nicht lange und schon im folgenden Jahr besuchte er den Erzbischof von Köln. Ihm nämlich hatte er seine Occulata Philosophia gewidmet. Der Druck seines Werkes konnte vielleicht darum und trotz der vehementen Angriffe der Inquisitoren, schließlich doch noch erfolgreich abgeschlossen werden. 1533 erschien die erste Ausgabe seines Buches.

Agrippa lebte später, bis 1535 in Bonn, hatte wieder geheiratet, doch sich von seiner dritten Ehefrau bald wieder scheiden lassen. Darauf kehrte er zurück nach Lyon. Hier aber warf man ihn in den Kerker, da er sich noch den Anschuldigungen der Mutter Franz I. ausgesetzt fand. Auf Bitte gewisser Unbekannter aber, ließ man ihn wieder frei.

Von Lyon machte er sich auf nach Grenoble, wo er aber dann noch im selben Jahr im Alter von 49 Jahren verstarb.

Der Mensch im Pentagramm - ewigeweisheit.de

Der Mensch im Pentagramm: Abbildung in Agrippas Werk über die Okkulte Philosophie.

Agrippa. Ein Schwarzmagier?

In der gesamten Zeit seines Wirkens, machten ihm seine Gegner den Vorwurf im Bund mit dem Teufel zu stehen und ein finsterer Zauber zu sein. Man unterstellte ihm, er solle immer einen schwarzen Hund bei sich geführt haben. Darüber berichtete sein Famulus Johann Wier:

Dieser schwarze Hund war von mittlerer Statur und hieß »Montfleur«, welches so viel als »Herr« bedeutet. Ich habe ihn besser gekannt, als irgend ein Anderer, und ihn nicht selten, wenn ich Agrippa begleitete, an einem Haarseile geführt; aber es war ein ganz natürlicher Hund männlichen Geschlechtes, dem Agrippa einen weiblichen fast von gleicher Farbe und Gestalt, den er »Mademoiselle« nannte, beigesellt.

Wie Johann Wier weiter meinte, liebte Agrippa seine Hunde über alles, dass er sie sogar öfters küsste und mit ihnen beim Essen zu Tische saß. Sogar im Bett sollen sie mit ihrem Herrchen geschlafen haben. Da Agrippa seine Wohnung teils wochenlang nicht verließ, doch über den Lauf der Dinge stets unterrichtet war, unterstellte man ihm, einer seiner Hunde sei der Teufel, der ihn über alles Geschehen unterrichte.

Als sich Agrippa dem Tode näherte, soll er diesen Hund zu sich genommen und sein mit Nägeln und nekromantischen Zaubersprüchen besetztes Halsband abgenommen haben und sprach darauf zu ihm:

Geh', unglückliche Bestie, die du Ursache meines ganzen Verderbens warst.

Dieser Hund sei dann zum Fluss Saône, westlich von Genf gerannt und habe sich in die rauschenden Wasser des Stromes gestürzt, ohne je daraus wieder zum Vorschein zu kommen.

Man unterstellte Agrippa, die Menschen so gut getäuscht zu haben, dass er in den Wirtshäusern seine Mahlzeiten mit Stücken aus Horn bezahlte, die die Wirte aber für bare Münzen hielten. Einer seiner Studenten kam ums Leben, als er in Abwesenheit seines Meisters den Teufel anrief. Als Agrippa nachhause kam, fand er dort dessen Leiche, während auf dem Dachfirst seines Hauses Dämonen tanzten. Einen von ihnen soll er dann in den Körper des Verstorbenen kommandiert haben, um ihn darauf hin auf den Marktplatz der Stadt zu zitieren.

Ist etwas an diesen Geschichten wahr? Oder waren es eher die üblen Verleumdungen seiner Gegner, die Agrippa als großen Zauberer in Verruf bringen wollten?

Es ist wohl nicht ganz zufällig, dass zu Lebzeiten Agrippas, die Geheimwissenschaften als solche, immer tiefer in die Verborgenheit verschwanden. Denn es war ihm wohl ganz und gar bewusst, dass er mit seinen okkulten Forschungen ein Wissensfeld betrat, das sehr wohl bei Anderen Missverständnis, Zweifel und sogar Furcht hervorrufen konnte. Wer öffentlich mit solchem Wissen auftritt, setzt sich Angriffen aus - das ist auch heute so. Stellt sich die Frage, wieso die Geheimlehren auch heute noch Menschen studieren?
Nun, es ist wohl bei allen Interessierten das Selbe: Sie suchen nach Wahrheit und haben das Verlangen die Wunder dieser Welt zu verstehen und mit dem so gewonnenen Wissen, ihr Leben zu etwas Besserem zu führen. Was spräche dagegen?

Viele Neugierige sind unter jenen, die sich selbst als Magier sehen, doch nicht die entsprechende Reife und Verantwortung entwickeln konnten. Sie gehen nur vom großen Nutzen ihres Geheimwissens aus. Die unzähligen Übel aber, die einem dabei auflauern können, werden von ihnen – aus Unwissenheit – leider ignoriert. Sie nämlich treten auf, wenn man diese Geheimnisse unrechtmäßig verwendet. Der Mensch ist leider unvorsichtig von Natur aus. Das rührt von seiner irdischen Körperlichkeit her, der er sich ja, dem Mythos nach, erst bewusst wurde, als er einst in den verlockenden roten Apfel biss.

Das Buch der Geheimen Philosophie

Agrippa versuchte durch sein Werk, solche Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, mit denen sich der magische Praktiker konfrontiert sieht. Einem seiner Lehrer, dem oben erwähnten Johannes Trithemius, schrieb Agrippa:

Als ich neulich bei Euch, Ehrwürdiger Vater, in Eurem Kloster bei Würzburg eine Zeit lang mich aufhielt, und wir viel über chemische, magische, kabbalistische und sonstige Wissenschaften und Künste gesprochen hatten, da wurde unter Anderem auch die wichtige Frage aufgeworfen, warum wohl die Magie, die einst nach dem einstimmigen Urteil der alten Philosophen den höchsten Rang einnahm und bei den Weisen und Priestern des Altertums stets im größten Ansehen stand, in der Folge den heiligen Vätern seit der Entstehung der katholischen Kirche immer verhasst und verdächtig gewesen und endlich von den Theologen verworfen, von den heiligen Konzilen verdammt und überall durch gesetzliche Bestimmungen geächtet worden sei.

Es gab eben Zeiten, wo sich böswillige Menschen, Pseudo-Philosophen und angebliche Magier in die Gesellschaft einschlichen, aus reinem Eigennutz. Sie trieben üblen Missbrauch der Geheimlehren und gingen damit vor, gegen die Ordnung der natürlichen Gesetze. Sie gaben auch Schriften heraus, die nur dem Zwecke dienten, tatsächlich Schaden anzurichten.

Nun ist sicher die Frage berechtigt: Werden nicht durch die Verbreitung geheimen Wissens, solche Pseudo-Magier überhaupt erst auf den Plan gerufen?

Es ist sehr leicht okkulte Weisheiten allein zur Befriedigung eigennütziger Zwecke zu missbrauchen, so nach dem Motto »mal eben etwas Magie und schauen was dabei herauskommt«. Was aber einmal ausgesprochen und vernommen wurde, was einmal gedruckt und gelesen wurde, lässt sich nicht mehr zurückziehen. Wer es »in den falschen Hals« bekommt, droht daran entweder zu ersticken, da er nicht über die nötigen Mittel verfügt die Geheimnisse entsprechend zu ordnen und bekömmlich zu machen, oder aber er verdaut solches Wissen zu etwas, wovon ihm nur die übelste Losung bleibt – miefender Abfall, über den sich all die parasitischen Dämonen und bösen Geister hermachen. Darum wohl zieht jeder, der von sich als Magier reden macht, recht schattenhafte, dunkle Spuren hinter sich her – oder aber wird als Scharlatan verlacht.

Es ist sinnlos, seine Zeit mit niedrigen Tätigkeiten zu verschwenden. Damit aber ist keineswegs einfache Arbeit gemeint. Eher geht es um die kleinen »Vergehen«, von denen man glaubt, sie schaden doch eigentlich Niemandem. Was genau damit gemeint ist, darüber weiß nur der Leser selbst bescheid. Wer sich aber mit Magie und solch höherem Wissen der Geheimlehren befasst, sollte tunlichst vermeiden, seinem körperlichen Dasein, irgendwelche schändlichen Ausnahmen zu gestatten.

Und wieder: Das Niedere den Niederen, das Höhere sei nur den hervorragendsten Geistern unter den Menschen zu erlernen gestattet. In Vertrauen sollten solche Geheimnisse weitergegeben werden – von Mund zu Ohr. Wer anders tut, bringt sich entweder in Gefahr oder macht sich, wenn es gut läuft, allenfalls lächerlich.

Gib dem Ochsen Heu und nur dem Papagei den Zucker!

So unter Anderem, antwortete Johannes Trithemius auf Agrippas oben zitierten Brief. Man sollte sich in Acht nehmen, mit wem man über die Geheimnisse der okkulten Philosophie spricht, um nicht jenem Ochsen unter die Füße zu kommen. Doch alles was einer hier zu lesen findet, ist gut genug zu wissen auf was man sich einlässt. Mag sein, dass sich Menschen, die sich für Magie interessieren, sehr schnell voran kommen. Leider aber ahnen sie nicht, dass sie diesen Kreis dereinst, wenn sie es nicht mehr wünschen, kaum noch verlassen können! Man sollte sich also stets vor Augen führen, dass man mit dem Lesen jener Schriften, auch schon mal die Büchse der Pandora öffnet.

Zentrale Themen in Agrippas Werk

Wer sich mit Agrippas Büchern befasst, sieht, dass er die Welt darin als elementaren Kosmos beschreibt. Das heißt nicht das Selbe, worüber die heutige Physik spricht. Eher werden die Elemente der Natur darin beschrieben und wie diese sich so kombinieren lassen, dass man damit allerhand Wunderwerk vollbringt. Das zumindest war ja immer das Ziel jener, die sich dem Studium der Magie widmeten. Alles Untere, so schreibt er, wird beherrscht vom Oberen, empfängt und überträgt durch sich die Wirkungen der »Ersten Ursache«. Die erste Ursache ist das, was man als den »Unbewegten Beweger« bezeichnen könnte - also Gott. Der Urvater aller Alchemisten, Hermes Trismegistos, formulierte dieses hermetische Gesetz in seiner Tabula Smaragdina – der atlantischen Smaragdtafel.

Geheime Figuren der Rosenkreuzer - ewigeweisheit.de

Illustration aus den Geheimen Figuren der Rosenkreuzer. Das Bild zeigt wie vom Obersten, hier als der heilige Name der Kabbala יהוה (JHVH), aus dem ewigen Anfang allen Seins, sich über die Engelwelten über die Gestirne, auf mehreren Stufen, die Wirkungen des Urlichts sich letztendlich in den verschiedenen Formen der Materie enden. Vergrößern +

Durch eine dreifaltig gegliederte Weltordnung – himmlisch-göttlich, elementar-irdisch und intellektuell-geistig – waltet dieses Wirken der ersten Ursache im Kosmos. Und es sind diese drei Teile im Kosmos, über die Agrippa schrieb, in seinen drei Büchern über die Magie.

Wer sie ließt, so Agrippa, könne sich stufenweise durch diese drei Welten bewegen, bis vor Gottes Angesicht, den man darin etwa als einen »Autor des Kosmos« bezeichnen könnte. Wer so weit fortschreitet, wird außerdem selbst dazu befähigt, diese Kräfte vom Oberen ins Untere zu leiten. Doch Vorsicht! Wie damals, gilt auch heute der Energieerhaltungssatz. Wer sich in einem bestimmten Umfang bereichert, wird in seinem Leben, in eben gleichem Umfang geben müssen. Bester Beweis dafür scheint mir die Tatsache, dass alle sogenannten Magier, damals wie heute, meist sehr früh verstarben. Ob sie wohl über ihre Verhältnisse lebten?

Die edlen Wirkungen des Sternenlichts

Es gibt eine himmlische Sphärenharmonie, von der die moderne Astronomie nichts mehr zu wissen scheint. Doch die Planeten und Gestirne, sind über bestimmte numerologische Geheimnisse miteinander verbunden. Auch die Lehre von den raumzeitlichen Verhältnissen der Sterne und Planeten im Tierkreis, das heißt also dem, womit sich die Astrologie befasst, spielte bei Agrippa eine wichtige Rolle. Er liefert in seinen Büchern ganz wesentliche Gleichungen und Zuordnungstabellen, die dem Leser Tür und Tor öffnen, zu den verborgensten Geheimnissen des Okkulten und des Jenseits. Man achte auf die erste Stufe, die man hinter jenem Tor dorthin betritt.

Was Agrippa unter dem Wort Magie verstand, war das Wissen über die Natur und die Vollendung ihrer Erscheinungen. Die philosophische Disziplin, galt ihm ebenso dreifältig wie die Welt: natürlich, mathematische und theologisch.

Einer studiert die charakteristischen Erscheinungen in der Welt, ein anderer die Mengen dieser Erscheinungen und wie sie sich im raumzeitlichen Gefüge bewegen und verhalten. Was Letzterem aber abgeht, ist die wahre Verbindung zu kennen, zwischen jenen Erscheinungen in Natur und Kosmos und dem, was Gott ist, was der Geist, was die Engel, was der Teufel, was die Seele, was die Mysterien und was Glaube und Religion sind.

Wer aber beides, das Gemessene und das Ganze zu verbinden weiß, wer die Dimensionen der Dinge ebenso zu erkennen weiß, wie ihre Bedeutungen und Wirkungen im Universum, der, so Agrippa, habe die wahre Philosophie begriffen. Denn so einer kenne die Ursachen hinter den Erscheinungen der sichtbaren Welt. Er weiß von der Metaphysik, die das hinter der sinnlich erfahrbaren, natürlichen Welt Liegende erforscht.

Es ist wohl bekannt, dass Pythagoras und Plato sich nach Memphis begaben, um dort von den Sehern zu lernen und ganz Syrien, Ägypten und Judäa bereisten, die Schulen der Chaldäer aufsuchten, damit ihnen nur nicht entgingen, die allerheiligsten Merkmale und Aufzeichnungen der Magie, doch auch damit sie von Göttlichem erfüllt zur Erkenntnis gelangten.

- Agrippa von Nettesheim

Die Elemente

Was die alten Philosophen Griechenlands von den noch älteren Völkern erlernten, waren die Bedeutungen der Elemente, und zu was sich diese zusammensetzten in der Natur der Steine, Metalle, Pflanzen und im Tierreich.

Vier Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft: aus ihnen setzen sich alle Stoffe und alle Erscheinungen im Kosmos zusammen. Wenn hier aber zum Beispiel von Wasser die Rede ist, sprach Agrippa nicht allein von jener Flüssigkeit aus der sich die Meere bilden. Eher ist damit ein Prinzip des Fließens und seine gebärende Wirksamkeit gemeint. Sobald sich das Element Wasser mit Erde verbindet, kann der Heilige Geist daraus eine Seele hervorbringen (oder ein Mensch, wie etwa der Rabbi Löw seinen Golem zum Leben erwecken).

Auch Luft ist mehr als das, was man atmet. Es ist der Lebensgeist an sich, der alles Seiende durchdringt und bewegt. Atem als solcher ist Bewegung, bildet den kreislauf. Alles in der Welt atmet wenn man so will. Auch die vier Jahreszeiten sind ein kosmischer Atemvorgang: ein Ausatmen beginnt zu Frühlingsanfang und erreicht seinen Tiefpunkt im Herbst, wenn das kosmische Selbst im Innern der Erde, wieder »einatmet« und damit alles in der Natur entstandene, sich zurückzieht in die Dunkelheit des Winters.

Das Feuer entspricht dem Himmlischen und der Wärme des Wassers und der Erde. Letztere ist aber nicht nur das, was wir im Wald und auf den Äckern finden, sondern das Medium, worin sich ein Same zu Leben entfaltet, solange die Erde rein ist. Und dieser Same kann sowohl geistig, wie auch körperlich sein. Die Erde ist die Substanz, das Wasser gibt ihm die Form, das Feuer die Wärme und die Luft den Atem, so dass sich aus dem Samen, Leben entwickeln kann.

Auch im körperlichen Menschen, haben diese vier Elemente ihre Entsprechungen: Die Knochen bilden die Erde, die Muskeln die Luft (da sich der Körper ja durch sie bewegt), den Lebensgeist das Feuer und das Temperament das Wasser. Doch auch die Seele, setzt sich aus diesen vier Elementen zusammen: die Erkenntnis ist feurig, aus der Luft bildet sich die Vernunft, die Phantasie ist wässrig und die Sinne irdisch. Auch die Sinne lassen sich mittels der vier Elemente aufgliedern, wo das Sehen dem Feuer entspricht, das Hören der Luft (Schall), Geschmack und Geruch durch Wasser repräsentiert werden und schließlich das Empfinden, der Tastsinn irdisch ist.

Die vier Elemente finden sich überall im Kosmos und alles kann im Verständnis ihrer wahren Bedeutung, erkannt und verwendet werden. Denn aus ihnen lassen sich die darin existierenden Eigenschaften ableiten und zu etwas fortentwickeln, was ihnen wiederum entspricht. Das Feurige der Sonne, wird zu Trockenheit der Erde. Das wässrige im Mond, zu den Gezeiten der Meere.

Es sind eben nicht jene Elemente, wie sie die moderne Chemie erklären würde, sondern eher Qualitäten des Seins. Weniger geht es in der Magie um Messbares, als letztendlich um das, was erfahren und erlebt werden kann. Doch insbesondere was man für andere erfahr- und erlebbar macht.

Die Quintessenz und das Elixier

Alles Untere, so sagten wir bereits, empfängt seine Wirkungen vom Oberen. Für Agrippa entsprach auch allem Irdischen etwas Himmlisches: das Untere dem Oberen. Diese beiden Postulate bilden das erste hermetische Prinzip. Die Weltseele aber führt die Wirksamkeiten dieser Entsprechungen von oben nach unten, und wieder von der Wirkung zurück zur Ursache. Diese Ursachen zu kennen will Agrippa in seinen drei Büchern über die okkulte Philosophie, helfen genau zu verstehen.

Die sichtbaren Dinge entstehen durch bestimmte Impulse der geistigen Welt. Auch die in den Dingen liegenden Eigenschaften, und wie sie damit auf andere Dinge wirken. Es sind diese Wirkungen aber unterschiedlich im Grad. Je nach Reinheit oder Verunreinigung, erfüllt sie die selbe Kraft, die sie von der Anfangs erwähnten, impulsgebenden Ursache er-halten haben und nun für sich ent-halten.

Was aber ist diese Ursache beziehungsweise, welche wirksame Kraft liegt in ihr, so dass überhaupt etwas entstehen kann, an das ihre Wirkung übertragen wird?

Ein Mensch etwa, kann ja durchaus auf einen anderen Menschen seine Wirkung übertragen. Das macht er mittels seiner Seelenkräfte. Es ist wie mit einem Magneten: Wenn Sie ihn auf ein Stück Eisen legen, geht sein Magnetismus darauf über. Auch im zwischenmenschlichen Zusammenleben, macht man ähnliche Erfahrung. Unser Umgang prägt unser Leben.

Die Seele des Einen, wirkt auf die Seele eines Anderen, wobei sie selbst oder ihre Wirkungen verändert oder diese beeinflusst werden. Die Kräfte die dabei wirken, werden vermittelst der geistigen Weltsubstanz, der »quinta essentia«, wie sie die Alchemie nennt, vom Einen auf das Andere übertragen.

Wir hatten nun gesagt, dass sich die Dinge aus Feuer, Wasser, Erde und Luft zusammensetzen. Die eben definierte Quintessenz, gleicht einem fünften Element in der Hermetik – etwas, dass sich sowohl über den Vieren, außerhalb von ihnen befindet und sie durchdringt. Und so wie die Quintessenz nun aus dem Inneren der Welt wirkt, so wirkt sie auch aus dem Inneren des Menschen. So wie die Kräfte der menschlichen Seele an seine Körperglieder durch seinen Geist übertragen werden, so breiten sich die Kräfte der Weltseele, durch die Quintessenz aus und durchdringen, formen und verändern die dingliche Welt.

Nichts in der Welt existiert, dass nicht auch etwas von den Wirkungen der Quintessenz in sich trägt. Doch es gibt Dinge, in denen diese Quintessenz ganz reichlich vorhanden zur Wirkung kommt. Und das sind die Himmelskörper. Ihre Strahlen enthalten konzentrierte Wirkungen der Quintessenz. Was sich auf Erden befindet, seiner Natur nach aber diesen himmlischen Kräften entspricht, darauf haben die astralischen Kräfte besonderen Einfluss. Einfachstes Beispiel sind die Sternzeichen des Tierkreises, die einem Menschen bestimmte Veranlagungen mit auf seinen Lebensweg geben. Und diese Übertragung erfolgt durch eben dieses fünfte Element,  die Quintessenz.

Das bedeutet also, das alles real Existierende, von dem was über ihm steht beeinflusst wird, seien es Pflanzen, Steine, Metalle oder die Planeten, über denen die Wirkungen des Fixsternhimmels regieren.

Hieraus schloss Agrippa, dass derjenige, der den Geist der Quintessenz von Materie zu trennen vermag, oder von jenen Dingen Gebrauch macht, in denen die Quintessenz überwiegt (zum Beispiel in der Bewegung der Sternenlichter), wahrlich auf dem besten Wege ist, den Stein der Weisen zu bereiten. Denn auch die alten Alchemisten versuchten, die Quintessenz des Goldes oder des Silbers aus den entsprechenden Metallen zu extrahieren. Wem es unter ihnen gelang, der vermochte mit diesem heiligen Extrakt, jede Substanz in Gold oder Silber zu verwandeln – vorausgesetzt, sie wissen, wie die Quintessenz auf den vermeintlichen Stoff angewendet werden muss, damit sie ihn durchdringt und mit ihren geistigen Prinzipien vollkommen erfüllt.

Man sollte jedoch niemals vergessen, dass immer nur soviel von dem gewünschten Ding hergestellt werden kann, sei es Gold, Silber oder irgendeine andere Sache, wie man entsprechend anderswo, die vermeintliche Quintessenz zu extrahieren vermochte. Nur soviel das Pendel nach links ausschlägt, wird es auch nach rechts sich wenden, doch immer ein wenig schwächer als der erste Ausschlag.

Ähnliches dem Ähnlichen

Das Gesagte dürfte damit etwas erhellen, welche Absicht Agrippa mit seiner Schrift von den Okkulten Philosophie zur Verfügung stellte. Es ging ihm darum zu untersuchen und aufzuschreiben, welche der irdische Substanzen und Dinge, wozu natürlich auch der Mensch als Ganzes zählt, die himmlischen Wirkungen anzunehmen vermögen, um sie hier auf Erden zur etwas Höherem, etwas Geeigneterem zu formen. Das vollbringt aber nur derjenige, der die hermetischen Gesetze verinnerlicht hat.

Ähnliches bringt Ähnliches hervor, Wirkungen zeigen sich als Allegorien ihrer Ursache. Was immer lange stand und Salz enthielt, wird wohl auch irgendwann zu Salz. Das gilt ebenso für unser Leben. Wer sich lange genug mit einer bestimmten Sache beschäftigt, nützlich oder unnütz, und sich damit ihrer Wirkung aussetzt, wird ihr immer ähnlicher. Dieses Ähnlichkeits-Prinzip, fand seinen Weg auch in die Heilkunde. Der deutsche Arzt Samuel Hahnemann (1755-1843) sprach vom »similia similibus curentur«, wo es darum geht, das Ähnliches durch Ähnliches geheilt werden kann – besser bekannt als Simile-Prinzip der Homöopathie, wonach jede Krankheit durch die Substanz geheilt werden kann, die beim Gesunden, der Krankheit entsprechende, ähnliche Symptome hervorruft.

Wer demnach also Wirkungen erzielen will, sollte entsprechende Resultate in der Natur ausfindig machen und versuchen, daraus die besagte Quintessenz zu extrahieren. Je reiner diese Essenz, das »Elixier«, desto einfacher lassen sich damit Zwecke erfüllen und Dinge oder Umstände ineinander verwandeln, zum Wohle des Wissenden oder zu seinem Nachteil. Wer aber zurückschreckt vor der letztendlichen Konsequenz dessen, was auch an Grobheit notwendig ist, um die gewünschte Essenz herzustellen, sollte erst gar nicht damit anfangen. Denn wenn die Sterne auf die Planeten, und diese auf die Mineralien wirken, in die Pflanzen in der Erde gebettet gedeihen, die wiederum von Tieren gefressen werden, dürfte daraus abzuleiten sein, dass bei der Bereitung des Steins der Weisen, insbesondere auch der Tod eine Rolle spielt. Wahre Veränderung kann tatsächlich aufreiben, letztendlich gar zunichtemachen.

Als Kinder lasen wir Fabeln, wo bestimmte Tiere für bestimmte Haltungen und Charaktereigenschaften eines Menschen stehen. Wer diese Eigenschaften in seinem Leben zur Wirkung bringen will, der muss sich eben an jene Tiere wenden und die lebendige Essenz aus ihnen zu geeignetem Zeitpunkt gewinnen, um sie für sich nutzbar zu machen.

Wer sich nun also, mit einem Wissen bereichern will, dass ihm erklärt, wie in solchem Vorgehen zu handeln ist, der kann sich mit Agrippas okkulten Philosophie befassen. Bis ins Detail geht er darin auf die notwendigen Vorkehrungen ein. Wer unter den Lesern aber macht sich die aufwendige Mühe, diese Vorkehrungen auch tatsächlich zu treffen?

Viele Fragen bleiben offen.

 

 

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Magie in der Zeit vor der Sintflut

von S. Levent Oezkan

Sohar - ewigeweisheit.de

Im 13. Jahrhundert tauchte in Spanien ein sonderbares Buch auf: Der Sohar – das Buch des strahlenden Glanzes. Es gilt heute als das bedeutendste Schriftwerk der Kabbala.

Es soll aber schon lange existiert haben, bevor jüdische Gelehrte versuchten die Bedeutungen der Namen, Worte und Silben des Bibeltextes zu analysieren, durch Numerologie, Gematrie und andere Techniken.

Das Buch Sohar enthält Kommentare zum Schriftwerk der Hebräischen Bibel (manchmal auch »Altes Testament« genannt), sprich, die fünf Bücher Moses. Dabei spielt insbesondere das erste Buch Moses eine zentrale Rolle: Die Genesis – auf hebräisch Bereshith ראשית (hebräisch ließt sich von rechts nach links). Dieses Wort bedeutet auf deutsch übersetzt »Im Anfang«.

Und viele Seiten des Buches Sohar widmen sich diesem Anfang der Bibel, wobei da, die verborgenen Bedeutungen biblischer Wörter, auf ihre mystische und magische Bedeutung hin untersucht werden. Jedem Buchstaben des hebräischen Alphabets nämlich, entsprechen außer verborgenen Zahlenwerten, auch geheime Symbole und Entsprechungen in Mikrokosmos und Makrokosmos, im Menschen und am Sternenhimmel.

Damit ist die Bedeutung des Wortes Bereshith ראשית eben nicht nur »Im Anfang«, sondern jeder einzelne Buchstabe erzählt selbst eine kleine Geschichte – was diesem Wort natürlich einen enormen Raum an Bedeutungen zugesteht. Somit ließen sich die im Buch Sohar besprochenen Techniken der mystischen Auslegung von Worten und Namen, auch als eine der Quellen für die numerologische Wissenschaft sehen. Denn auch in der Numerologie, werden verborgene Zahlenwerte hinter jedem Buchstaben eines Namens, ihrer Bedeutung nach analysiert.

Wenn nun die Rabbis das Buch Genesis, fast Wort für Wort auf diese Weise interpretierten, fing sein Text quasi an zu atmen, wo in jedem Aushauchen eines Buchstaben, auch einen mystischen Sinngehalt befördert.

Auch aus beinahe unwichtigen Details der Bibel, eröffnen sich plötzlich vollkommen neue Perspektiven der Interpretation. So scheint jedes Bibelwort und jeder heilige Name in sich, eine besondere Welt zu enthalten. Dafür steht das Wort Kabbala – das Vernehmen einer Geheimlehre, einem okkulten Wissen, hinter der Fassade der Offensichtlichkeiten.

Das Buch Sohar ist in Dialogform verfasst. Es unterhalten sich darin verschiedene Charaktere, die gemeinsam nach einer tieferen Auslegung des Bibeltextes forschen. So ist der Sohar gewissermaßen die esoterische Variante zum hebräischen Midrasch, der eine exoterische Auslegung der Bibel darstellt.

Die an diesem Dialog beteiligten Personen sind Rabbiner, die im Folgenden zu Wort kommen.

Rabbi Jose sprach:

Wegen seines Ungehorsams gegen Gottes Gebot, verlor der Mensch das Geheimwissen und die okkulten Mächte und Bedeutungen der Buchstaben des Alphabets – außer den beiden letzten Buchstaben ש Shin und ת Tav. Denn obwohl er sündigte, wurde die in ihm bewahrte Güte nicht gänzlich ausgelöscht. Als Zeichen seines Dankes für Gottes entgegenkommen, nannte er seinen (dritten) Sohn Seth שת (Genesis 4:25). Nach seiner Reuebekundung und Versöhnung mit seinem Herrn, eröffneten sich auch wieder die mystischen Geheimnisse und Mächte der Buchstaben. Dementsprechend aber in umgekehrter Reihenfolge ת Tav, ש Shin, ר Resh, ק Qoph, bis zu dem Tage, da die Kinder Israels am Fuße des Berges Sinai standen. Erst da erhielten die Buchstaben wieder ihre natürliche Reihenfolge, wie an dem Tag, da Himmel und Erde erschaffen wurden. Diese Umverteilung der alphabetischen Buchstaben, trug zum dauerhaften Wohl und Bestand der Welt bei.

Rabbi Abba antwortete:

Als sich Adam versündigte, begannen Himmel und Erde zu schaukeln und sehnten sich nach Auflösung in ihre ursprünglichen Elemente. Schließlich war der Bund zwischen Gott und den Menschen gebrochen, der Grund ihrer Existenz. Dazu sagt die Schrift,

Meinen Bund mit dem Tag und der Nacht werde ich niemals brechen, und die Ordnungen von Himmel und Erde lasse ich für alle Zeiten gelten.

- Jeremia 33:25

Wir wissen, dass dieser Bund einst brach durch die Übertretung des Gesetzes durch Adam, wozu die Schrift sagt

Die Israeliten sind mir untreu geworden, schon damals in der Stadt Adama. Und seitdem haben sie immer wieder den Bund gebrochen, den ich einst mit ihnen geschlossen habe

- Hosea 6:7

Hätte der Heilige bei Ankunft Israels am Berge Sinai nicht vorausgesehen, das sein Volk den Bund annehme, wären alle Himmel und die Erde aus ihrer Existenz verschwunden, zurück ins Chaos.

Darauf sprach Rabbi Hezekiah:

Der Heilige erlässt und vergibt jedem der sich zu seinen Sünden und Übeltaten bekennt. Schau da recht hin, als die Welt erschaffen wurde: der Heilige schloss einen Bund über jenen, für den die Welt fortbesteht. Daraus entnehmen wir die Bedeutung des Wortes Bereshith ראשית, das eigentlich so geschrieben werden sollte: bereרא, shith שית. Das bedeutet 'Er schuf das Fundament' oder den Bund, den der Buchstabe Yod י repräsentiert, im Zentrum des Wortes shith שית. Auch wenn es der kleinste aller Buchstaben des Alphabets ist, steht er dennoch für den Bund, durch den allen Menschen Segnungen zukommen. Als ihm ein Sohn geboren wurde, bekannte sich Adam zu seiner Sünde und der Heilige vergab ihm. Und darum nannte er ihn Seth שת, was die selben Konsonanten enthält wie das Wort shith שית, nur eben ohne Yod י, Symbol des Bundes, gegen den er verstieß. Außerdem symbolisiert den Heiligen Bund auch der Buchstabe Bethר, der einverleibt wurde mit ש Shin und ת Tav, als die Kinder Israels am Fuße des Berges Sinai standen und so gründete sich der Sabbath שרת, von dem es heißt,

Alle Israeliten – heute und in allen künftigen Generationen – sollen sich daran halten. Sie sollen den Sabbath feiern als Zeichen des Bundes, den ich mit ihnen geschlossen habe.

- Exodus 31:16

Rabbi Jose bestätigte:

Die beiden Buchstaben ש Shin und ת Tav wurden auf diese Weise assoziiert und als die Kinder Israels den Bund am Berg Sinai entgegennahmen, erwarben sie damit okkulte Geheimnisse und ein Verständnis für die mystische Bedeutung aller Buchstaben des Alphabets, außer ש Shin und ת Tav. Ihre (wahre) Bedeutung aber ging der Menschheit verloren.

Dazu sagte Rabbi Jehuda:

Seit der Geburt des Seth שת bis zur Ankunft der Kinder Israels am Berg Sinai, entfalteten sich allmählich die Geheimnisse der Buchstaben und enthüllten ihre Bedeutungen den Patriarchen. Doch dies geschah nicht vollständig, da sich die Buchstaben damals nicht in ihrer normalen Reihenfolge befanden wie heute.

Rabbi Eleazar sprach:

In den Tagen des Enosch (erster Sohn des Seth), waren die Menschen sehr bewandert in Okkultismus und den magischen Wissenschaften. Sie wussten auf die Naturkräfte Einfluss zu nehmen. Seit den Zeiten Adams, dessen Hauptbeschäftigung darin lag, die Blätter des Baumes der Erkenntnis von Gutem und Bösem genau zu studieren, besaß keiner solch magische Fähigkeiten wie Enosch. Er war es der dies okkulte Wissen lehrte und seinen Zeitgenossen überlieferte. Sie aber sollten es weitergeben an die Menschen vor der Sintflut, den aufdringlichen und verdorbenen Gegnern Noahs. Sie rühmten sich damit, wegen ihrer magischen Kenntnisse das Gericht Gottes abwenden zu können. In der Zeit des Enosch wurden die Menschen eingeweiht in das höhere Leben – davon kündet die Schrift. Dann begannen Menschen den Namen JHVH anzurufen.

Dazu meinte Rabbi Isaak:

Alle Gerechten die nach Enosch lebten, wie Jared, Methusalem und Henoch, taten alles in ihrer Macht Stehende, die Menschen an der Ausübung der magischen Künste zu hindern. Doch ihre Bemühungen sollten nutzlos bleiben. Ihre Gläubigen wurden stattdessen immer stolzer auf ihr Geheimwissen, rebellierten und zeigten dem Herrn Ungehorsam, sprachen

Wer ist Schaddai der Allmächtige, das wir ihm dienen sollten. Welchen Nutzen sollten wir haben, wenn wir ihn bis zum Ende anbeten?

So sprachen sie. Sie glaubten, dass sie mit ihrem Okkultismus und ihrer Magie, dem kommenden Gericht entgehen könnten, das sie vollkommen auslöschen sollte. Als sie ihre üblen Taten und Praktiken ansahen, sorgte der Heilige dafür, das sich die Erde zurückbewege in ihren Ausgangszustand und damit alles in den Fluten der Meere versank.

Nach der Sintflut jedoch, übergab er die Erde erneut der Menschheit. In seiner Gnade versprach er, dass sie niemals wieder auf so verheerende Weise zerstört würde. Dazu heißt es in der Schrift,

Der Herr thront über den Fluten, als König herrscht er für alle Zeit.

- Psalm 39:10

Der Wort für 'Herr' das hier steht, ist JHVH und nicht Elohim: der erste Name steht für die Gnade, letzterer für Härte und das Gericht. In der Zeiten des Enosch, wurden sogar Kinder eingeweiht in die Mysterien und das Wissen einer Geheimlehre.

Rabbi Jose fragte:

Wenn all das wahr ist, warum nur waren sie so unglaublich dämlich und blind, dass sie ungeachtet all ihrer okkulten Wissenschaften, trotzdem nicht die Sintflut vorhersahen, die der Heilige schon vorbereitet hatte?

Rabbi Isaak antwortete:

Sie wussten sehr wohl was geschehen würde. Doch wegen ihrer verdorbenen Herzen sprachen sie

Wir kennen die Engel die über Wasser und Feuer walten. Und unsere magische Wissenschaft wird uns befähigen uns vor ihrer Gewalt zu schützen.

Doch ach, wie dumm waren sie nur! Wussten Sie denn nicht, dass der Heilige über die Welt regiert und das durch ihn Urteil und Strafe über sie kommt? Die Engel verwirklichten seine Gebote. Das schien ihnen nicht bewusst zu sein – bis zu dem Tag der großen Flut und obwohl der Heilige Geist sie warnte, dass

die Sünder sollen ein Ende nehmen auf Erden, und die Gottlosen nicht mehr sein.

- Psalm 104:35

Der Heilige blieb ihnen gegenüber nachsichtig und ertrug still ihren Hochmut, so lange Jared Methusalem und Henoch lebten. Nach ihrem Hinscheiden, sollte das Gericht ihrer habhaft werden und sie wurden hinweggerafft wegen ihrer Sünden und Falschheit – so steht es geschrieben:

So vertilgte er alles, was auf dem Erdboden war.

- Genesis 7:23

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Mystik oder Magie: Bedarf es einer Entscheidung?

von S. Levent Oezkan

Foto by Jens Lelie - ewigeweisheit.de

Auch wenn es keinen direkten Zusammenhang gibt, spricht einiges für die Annahme, das sich mit dem Einsetzen des Christusereignisses die alten Mysterien erübrigten. Was man dazumal im Geheimen erfuhr, schien sich in jenem allbekannten Kreuzweg Jesu für immer zu enthüllen: die Bedeutung von Leiden und Sterben, und dem daraus erstehenden neuen Leben.

Von so etwas ausgehend dürfte es kaum verwundern, wenn in den Jahrhunderten nach Christus ein riesiger Schriftkorpus mystischer Theologie entstand. Dazu zählt sicherlich auch das Johannes-Evangelium, worauf vielleicht auch die darin enthaltenen sieben charakteristischen »Ich-Bin-Verse« hindeuten. Einer davon etwa lautet:

Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.

- Johannes 14:6

Jener Weg, von dem der Vers spricht, steht für den verborgenen Pfad, der durch eine Innere Welt der Rückbesinnung führt. Einem Weg beschaulicher Meditation. Wer sich auf ihm bewegt, entsagt allem Niederen, nähert sich einem Leben in Wahrheit. Dem Sucher eröffnet sich dieser Weg zur Wahrheit, die im christlichen Sinne in Gott liegt. Er vergilt dem Gläubigen diese Suche, lässt in ihm, in seiner Seele, das Wesen wahren Seins anklingen.

Die Texte Christlicher Mystik geben dem Leser einen Leitfaden, um sich einem Leben in Gott zu nähern. Hiermit, was dabei manchmal als Christuskraft bezeichnet wird, strömen dem Sucher jene geistigen Einflüsse zu, die sein Herz mit Glück zu erfüllen vermögen. In diesem Heiligen Geist nämlich, läutert sich auch der menschliche Geist, wird zu etwas Höherem, Edlerem.

Jene geistigen Kräfte himmlischer Heiligkeit aber, stammen aus einem Bereich, der uns Menschen zunächst verborgen ist. All jene Symbole, die durch den Christus der Menschheit offenbart wurden, bleiben dem uneingeweihten Herzen ein Rätsel. Doch es ist in Wirklichkeit das, was sich in alter Zeit den Teilnehmern der großen Mysterienfeiern, als zentrales Geheimnis offenbarte: der symbolische Tod.

Welche Bedeutung liegt dem zu Grunde?

Wenn die Symbolik des Todes das innigste Geheimnis der alten Mysterien bildete, wurde es im Zeichen des sterbenden Christus am Kreuz eigentlich allen Menschen eröffnet. Im Kreuzestod und der Auferstehung des Gottgesandten, fand letztendlich auch die Enthüllung einer der verborgensten Mysterien-Geheimnisse statt.

Die in den alten Mysterien gemachten Erfahrungen, waren jedoch nicht durch Worte beschreibbar. Darum verpflichteten sich die Initianden, gar unter Todesandrohung, ihre Erlebnisse der Einweihung geheim zu halten. Was die Initianden in den Mysterienspielen am eigenen Leibe erfuhren, war eben nicht durch Worte beschreibbar. Wer darüber gesprochen hätte, hätte ihren eigentlich Sinn vollkommen verfehlt und nichts als Verwirrung gestiftet.

Es ging aber wohl auch um die Wahrheit dessen, dass ohne zu Sterben kein Leben möglich ist. Und ja: Wir sterben jeden Augenblick und werden im Folgenden wieder geboren. Den ersten Atemzug nahmen wir nach unserer Geburt, atmeten ihn wieder aus und von da ab, immer wieder ein und aus, bis unser letzter Atemzug genommen und im Sterben ausgehaucht wurde.

Diese offenbare Tatsache, berührten vielleicht auf die Initiationsereignisse der Mysterien, jedoch auf eine noch einhelligere, stimmigere Weise. Was das insbesondere heißen könnte, darauf verweist vielleicht ein weiterer der sieben Ich-Bin-Verse des Johannes-Evangeliums:

Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben.

- Johannes 11:25f

Bild-Tafel am Knappenaltar in der Hallstatt-Kirche Oberösterreich

Christus am Kreuz. Bild-Tafel am Knappenaltar in der Hallstatt-Kirche Oberösterreich.

Vom Erkennen der eigenen Göttlichkeit

Wer über die Abgründe des christlichen Kreuzigungsweges, sowie jene hohe Heiligkeit der Auferstehung kontempliert, der kann nach und nach zu einem Wissenden werden – zu einem, in dem jener »Weg der Wahrheit und des Lebens« seine Wirkung zeigt.

Was sich einst im alten Griechenland in den Mysterienfeiern um Demeter, Persephone und Dionysos ereignete, sollte dereinst das Christusmysterien ablösen. Denn mit der Erscheinung des großen Weltlehrers Jesus, schien sich die göttliche Wesensart zum ersten Mal in einem Menschen zu verkörpern.

In jedem von uns aber existiert ein göttlicher Funke der unvergänglich und in einem ewigen Kreislauf von Sein und Nichtsein lebendig ist.

Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende, der Erste und der Letzte.

- Offenbarung 22:13

Dennoch aber hatte auch dieser Zustand ewig göttlicher Einwohnung, seinen Beginn. Am Anfang war das Nichts, wie es heißt (Genesis 1:2), war Wüste und Leere und daraus erst entstand das Dingliche der Welt, worin auch die Seelen ihre Körper erhielten (Genesis 2:7).

In den Fleischwerdungen der ersten Menschen, war bereits die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis veranlagt (Genesis 3:7). Doch mit der Erkenntnis der eigenen Körperlichkeit, entdeckte der Mensch auch seine eigentliche Trennung vom göttlichen Ursprung – ohne aber seinen Fall als solchen auch zu verstehen. Adam und Eva erkannten im Essen vom verbotenen Baum ihre Nacktheit, hüllten diese in Kleider und identifizierten sich seit jener Zeit mit ihrem Körper – der in Wirklichkeit aber zum Schutz ihrer in die Weltlichkeit gefallene Seele diente. Seit dieser Zeit aber scheint das Empfinden jener ursprünglichen Seligkeit verloren. Der Mensch zog sich zurück aus seiner eigentlichen Einheit in Gott. Als sich die Seele so individualisierte, wurde ihre Göttlichkeit in den Pferch des Körpers eingefangen, worin sie bis zum Tode des Selben weilt.

All das aber sind nur Beschreibungen eines viel höheren Mysteriums, dass sich durch Worte nicht zufriedenstellend erfassen lässt. Was bleibt ist ein Umriss dessen, was der Mensch in seinem Individuationsprozess in der Trennung vom Göttlichen erlebt und sich damit in den Zustand einer allgemeinen Unwissenheit begibt.

Die Seele ist göttlichen Ursprungs, doch bewegt sich während ihrer Existenz, im Übergang durch die Welt in einem für sie geborenen menschlichen Körper. In diesem Gefährt strebt sie dem Göttlichen zu, bis sie mit dem physischen Tod wieder zurückkehrt zum Einen, dem universalen Zentrum in Gott. Während eines Menschenlebens aber, verdunkelt der Körper diese lichtvolle Verbindung zwischen der Menschenseele und der Weltseele im Göttlichen.

Wer sich hiermit eingehender befasst, dem könnte das Gesagte womöglich zweifelhaft erscheinen. Es sieht nämlich danach aus, dass jener universale Weltengeist die Seele in all ihren Inkarnationen, in scheinbar unzähligen Menschenkörpern versklavt, auf einem teils leidvollen Weg über die Erde. Das bliebe aber nur die eine Hälfte der Wahrheit, wenn da nicht auch die menschliche Fähigkeit zur Selbsterkenntnis wäre. In jenem lebendigen Gedanken der Erkenntnis nämlich liegt das, was Jesus Christus als das »Lebendige Wort« bezeichnete:

die da wiedergeboren sind, nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Samen, nämlich aus dem lebendigen Wort Gottes, das da ewig bleibt.

- 1. Petrus 1:23

Die Erkenntnis des Selbst aber erspart einem nicht die Bemühung, sich eher mit der Seele und weniger mit seinem Körper zu identifizieren. Denn je länger wir uns in unserer leiblichen Inkarnation befinden, kranken wir noch. Im Streben eines Seelenlebens nach unserem eigentlich göttlichen Ursprung aber, darin lässt sich wahre Heilung finden.

In diesem Streben der Seele nach einer Rückkehr in die Einheit in Gott, liegt die eigentlich höchste Weisheit. Es ist das, was die Hermetik als »Solve et Coagula« bezeichnet: »Lösen und Binden«. Um auf eine höhere Ebene des Seins zu gelangen, gilt es alte Bindungen zu lösen, damit sich neue Verbindungen schließen lassen – bis es irgendwann auch diese wieder zu lösen gilt, um weiter fortzuschreiten.

Erfolgt dieses kontinuierliche Auftrennen und Aneinanderfügen in angemessenen Zeiträumen, kann eine Person ihren irdischen Ausgangszustand immer weiter veredeln, bis sie sich in jene geheime Gefilde begeben hat, wo sich allmählich jener verborgene Stein der Weisen zu enthüllen beginnt – mit dem einer alles Unedle umzuwandeln vermag, in eine goldene Vollkommenheit des Seins.

Die Notwendigkeit des Todes

Was zuvor mit dem Streben der Seele nach Höherem angedeutet wurde, setzt folglich auch ein Sterben voraus. Die Konsequenzen des Fortschreitens auf diesem Weg, auf den auch Jesus seine Jünger verwies, ist wovor sich die meisten Menschen fürchten: die unaufhaltsame Tatsache vom Tod des eigenen Leibes. Denn alle Materie ist an die Zeit gebunden. Sie nagt an ihr, bis sich der aus ihr geformte Körper irgendwann wieder in Nichts auflöst.

bis dass du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.

- Genesis 3:19

Was viele am Sterben so erschreckt, ist der Übergang ins Unbekannte. Denn eigentlich erfolgt unser Tod schmerzlos oder erlöst einen Menschen endlich nach langem Leiden. Immer aber entledigt sich die Seele dabei ihrer körperlichen Barrieren und bekleidet sich stattdessen mit einem Gewand göttlichen Lichts.

All das aber hat wenig zu tun mit tagtäglichem Nachdenken und Grübeln über unser Leben. Weder Meditation noch die Anrufung der Heiligen und der Engel können herbeiführen, was hier angedeutet wurde: Da nämlich war unser Körper tot und unsere Seele bereits in ihrer ganzen Bloßheit vor dem Angesicht Gottes. Trotzdem liegt darin das »Große Werk« wodurch der geheimste und allerheiligste Tempel errichtet wird, die Wohnstätte Gottes. Hierher kehren dereinst alle von Gott ausgesendeten Seelen zurück.

Vor diesem Hintergrund erscheint es darum auch falsch, den Leidensweg Christi nur für ein grausames Ereignis zu halten. Denn er starb nicht nur in seinem Körper, sondern erstand in ihm auf zu neuem Leben.

Und doch fand all das statt zwischen der Christusseele und Gott. Es war als hätte die Seele den einen Gott und sich selbst, als die eine Anbeterin erkannt. Sie war allein mit dem Alleinigen. Schließlich aber löste sich diese Anbeterin in Gott auf, war fortan mit ihm eins und errang allein sein einiges Bewusstsein.

Hierin liegt das wahre Geheimnis höheren Selbstbewusstseins: Weniger geht es um Selbstreflexion, als vielmehr um das Einfließen des Selbst in die Einheit ewigen Bewusstseins. In diesem Zustand nämlich wird der Erkennende selbst zur Erkenntnis, löst sich in ihr auf. Damit fallen alle Schranken der Getrenntheit und das Selbst erkennt seinen eigentlich göttlichen Ursprung.

In dieser Erkenntnis erblüht jene kosmische Kraft, die man Liebe nennt. Und in dieser Liebe lösen sich alle trennenden Übergänge zwischen Subjekt und Objekt auf. Was bleibt ist die göttliche Liebe an sich. Das ist die Lichtseite, der sich ein Mystiker zuwenden kann, wenn er bereit ist, selbst einen Kreuzweg auf sich zu nehmen und dabei über sein bisheriges Sein hinauszuwachsen.

Geheimwissenschaften der Ausflucht

All das aber ist schneller geschrieben und gelesen, als letztendlich auch herbeigeführt. Denn viel zu oft glauben wir, durch allerhand Ausflüchte Probleme zu umgehen, die wir in Wirklichkeit aber aus dem Weg räumen sollten. Etwas das nur geht, indem wir uns unseren Problemen stellen und nach Wegen ihrer Lösung suchen.

Immer aber gab es Menschen, die sich mit Techniken und Riten geheimer Wissenschaften auseinandersetzten, um die eigentlich schwierige Arbeit am Selbst zu meiden. Entweder drängt jemanden ein eigennütziges Anliegen oder es ist vielleicht die Neugier darüber, wie sich über verborgene, magische Fähigkeiten Macht erringen ließe.

Jene bereits angedeuteten Wege, die an die Pforten des verschlossenen, himmlischen Königspalastes führen, gibt es auch jenseits christlicher Mystik. Es sind Abkürzungen, die zu den Hintereingängen jenes Licht-Palastes führen, an die einen dann jene Wesenheit bringt, von der wir auch im zweiten Kapitel der biblischen Genesis erfahren. Da nämlich gewann der Mensch Erkenntnis als er ein Verbot missachtete und eine Grenze überschritt. Diese Grenze aber sollte sich für immer zwischen ihm und dem himmlischen Gottesreich auftun. Laut der Geheimtradition wusste König Salomon von jenen Gesetzmäßigkeiten, mit deren Schlüsseln er die verborgene Hintertür zu öffnen vermochte. Er aber war ein Prophet und kein gewöhnlicher Mensch.

Eine gegenläufige Tradition

Selbst im himmlischen Königreich wird ein Stück weit die Heftigkeit von Liebes- und Erleuchtungsereignissen toleriert. So zumindest will es die heilige Schrift. Es ist etwas, das zwischen der Erkenntnis über das Wesen von Gutem und Bösem hinausdrängt. Wer die darin liegende Wahrheit erfährt, befähigt sich anscheinend den innersten Gefilden der Welt Gottes zu nähern. Und diese Annäherung will durch jenen verborgenen Hintereingang erfolgen, der sich auf der tiefsten Seite einer Tradition befindet, die ganz und gar das Gegenteil von dem zu sein scheint, was oben über den »Weg und die Wahrheit und das Leben« gesagt wurde.

Sie ist, was man als »Gegenläufige Tradition« bezeichnen könnte: eine Suche nach Wunderkräften und Mitteln diese auch zu erlangen und über sie nach Belieben zu verfügen. Zusammengefasst geht es also um das Streben des Magus. Er verfolgt aber Ziele, die genau nach dem Gegenteil dessen suchen, wonach sich das Herz eines Mystikers sehnt. Ersterer hegt den Wunsch mit höheren Geistesfähigkeiten Materielles oder gar Personen zu bezwingen. Ein Mystiker aber richtet sich allein auf sein Herz aus, auf seine Wesensmitte, wo er sich nach der Einheit in Gott sehnt.

Mit den Ambitionen eines Magiers aber entfernt sich ein Mensch von sich und damit von Gott, auch wenn er sich der geheimen Schlüssel Salomons bedient.

Schließlich aber wird sich ab einem gewissen Grad auch so jemand bewusst, dass darin auch die negativen Konsequenzen seiner kommenden Niederlagen schwelen könnten. Ist diese Zeit aber bereits eingetreten, scheinen sich die Auswege leider immer weiter zu verminder, da die gerufenen Geister nun einen Weg gefunden haben, an der eigenen Körperlichkeit teilzuhaben und sich, wenn überhaupt, nur äußert ungern verscheuchen lassen.

Wenn Erkenntnisse an den Abgrund führen

In der Kabbala ist die Rede von der Höhe der Krone der Schöpfung – genannt Sefirah Kether, dem höchsten Punkt des Lebensbaumes. Das spirituelle Gewächs des Lebensbaumes aber wurzelt in der Sefirah Malkuth – Sinnbild unserer materiellen Welt.

Unterhalb Malkuths, befindet sich ein tiefer Abgrund. Darin warten die dunklen Hüllen der Klipoth: der unreinen Schalen spiritueller Finsternis. Nur in einer strahlt ein Licht hervor, die man die Klipa Nogah nennt: die Venusschale – Schale des Glanzes (der hier verwendete hebräische Begriff Klipa, ist der Singular von Klipoth). Darin schimmert jenes Licht der Erkenntnis, dass Luzifer den ersten Menschen einbläute. So erkannten sie ihr Geschlecht und wurden selbst zu Schöpfern. Sie erfuhren aber auch vom Nutzen, der von jener glänzenden Schale ausging, in die ihr innerstes Sein gehüllt ist. Aus ihr wirkt das Stille Wissen über die Magie. Und doch steht sie jenseits allen göttlichen Segens. Es ist also eine Frage der Entscheidung, wo der Mensch, allein in seiner Verantwortung steht. Damit aber nähert er sich der Unterwelt, worin sich also auch die schädlichen Klipoth befinden.

Da die Wirkungen der göttlichen Gnadenströme gänzlich universell sind, scheinen sie weniger effizient und sich in dieser Angelegenheit der Manipulation von Geist und Materie, recht schnell zu ermüden. Das ist der Grund dass sich Menschen mit den dunklen Geheimwissenschaften beschäftigen, da sich daraus eben jene Wahrscheinlichkeiten konzentrieren lassen, die zu jeder nur erdenklichen Wirkung führen – negativ wie positiv – dem was bezeichnet wird als Schwarze und Weiße Magie. Letztendlich steht dahinter aber immer ein Streben nach Macht über andere. Wie aber will man sie gewinnen, wenn man nicht einmal Macht über das eigene Triebverhalten gewonnen hat und sich ermächtigte jene venusische Klipa Nogah vollkommen zu kontrollieren?

Wer sich trotzdem auf diesem schmalen Grat fortbewegt, ist angewiesen ganz und gar präzise Handlungen auszuführen. Wer nur ausprobiert bringt sich in Gefahr, denn in seinem Hochmut vergisst er leicht jenen tiefen Schlund des finsteren Abgrunds, der sich unter ihm immer weiter öffnet. Wer in Unwissenheit zur eigenen Bereicherung handelt, ist bereits verloren.

In den Irrgärten ewiger Nacht

Zu den oben angedeuteten Geheimwissenschaften, gehört ohne Zweifel auch die Alchemie: die wundersame Kunst die dem Menschen helfen soll (oder auch kann) chemische Elemente in einander umzuwandeln (Blei in Gold), Krankheiten zu heilen oder gar Menschenleben zu verlängern.

Doch dieser berüchtigten Wissenschaft haftet auch ein esoterischer Zug an, der sich weniger der Materie, als eher dem Seeleleben zuwendet. Alchemie ist die Erforschung jenes »Hintereingangs« von dem oben die Rede war. Daran ist eigentlich auch nichts Verwerfliches. So aber wie sich da eine Pforte aus der Seele heraus, hin zum Göttlichen eröffnen lässt, gibt es auch eine, die in die finsteren Schlacken der Unterwelt führt. Nichts aber von dem was sich dort befindet, könnte man »erhaben« nennen. Es gleicht eher einer Jauchegrube, wo aus den Faulgasen negativer Gedanken und Handlungen, etwas aufsteigt, das manche tatsächlich für Spiritualität halten.

Die Waage der Maat in der Szene aus dem alt-ägyptischen Totengericht, Illustration aus dem Totenbuch des Hunefer – ewigeweisheit.de

Die Waage der Maat in der Szene aus dem alt-ägyptischen Totengericht, Illustration aus dem Totenbuch des Hunefer (um 1275 v. Chr.). Anubis, Führer in der Totenwelt wiegt das Herz (links) des Verstorbenen gegen die Feder der Maat (rechts). Die Jenseitsgöttin Ammit (rechts) wacht über den Vorgang.

Die in diese Richtung geöffnete Pforte, gleicht einer getarnten Falltür. Wer dort hineinfällt, stirbt an diesem Abgrund für immer und ohne Wiederkehr. Sein Herz nämlich wiegt dort schwerer als die Feder der Maat, jenem alt-ägyptischen Symbol wahrer Gerechtigkeit. Dort verschlingt ihn Ammit, die Jenseitsgöttin des Totengerichts. Und von da an fristet er in diesem Abgrund ohne Wiederkehr, einer riesigen Grube in der sich die Überreste aller verlorenen Seelen befinden. Es ähnelt wohl jener tiefsten Hölle von der in Dantes Inferno die Rede ist. Ein Gefängnis der von Gott ausgeschlossenen Seelen, die dort bis zum jüngsten Tage fristen.

Ebenso aber wie sich Engel und Heilige den Seelen der Himmlischen zuneigen, entsprechend herrschen in diesem Abgrund dämonische Gebieter des Grauens. Alles was einem Schwarzmagier dann noch an Erhabenheit bleibt, ist einzig das Teuflische. Das könnten die Folgen des Strebens sein, solche Dämonen zu egoistischen Zwecke angerufen zu haben. Wer sich den Tiefen jenes Abgrunds zuneigt, macht sich zum Sklaven des Satan und seinen verkümmerten aber grausamen Sendboten.

Eine Seele die an Schwarzer Magie (auch weißer Magie?) Gefallen findet, begibt sich in die Gemäuer dieser Schattenwelten, die erfüllt sind von Gier, Neid, Hass, Boshaftigkeit und Rachsucht und was sonst noch jemals an Zwietracht zwischen Menschen gesät wurde. Eine solche Seele sucht das Böse um seiner selbst willen – weiß in Wirklichkeit aber nichts davon.

Umkehr auf den Pfaden inneren Lichts

Wer Verstand besitzt neigt sich daher jenen Pforten zu, die seiner Seele erlauben sich auch Gott zuzuwenden. Auch wenn der Weg dorthin steinig ist, einem große Mühen bereitet und scheinbar kein Ende nimmt, wird sich einem schließlich doch jener Eingang zum Höchsten eröffnen.

Bei alle dem muss aber auch gesagt sein, dass jene höllischen Tiefen, von denen zuvor die Rede war, ebenso unantastbar sind wie die himmlischen Höhen, auf die oben hingedeutet wurde. Es sind eben keine Orte in Raum und Zeit. Doch liegt darin nicht ein Widerspruch? Vielleicht liefert das dritte hermetische Axiom darauf eine Antwort:

Alles ist zweifach, alles hat Pole, alles hat seine Paare von Gegensätzen, gleich und ungleich sind dasselbe. Gegensätze sind von Natur aus identisch, jedoch verschieden im Grad. Extreme berühren sich. Alle Wahrheiten sind nur Halbwahrheiten. Alle Widersprüche können miteinander in Einklang gebracht werden.

Wer erkennt, dass jene symbolische Tür, die sich nach oben hin öffnet, auf den Pfad zur Befreiung und Zufriedenheit der Seele führt, wird sich gewiss von allem Dunkel magischer Geheimwissenschaft lossagen.

Im Beschreiten jenes Lichtpfades bewegt sich der Sucher jenseits von Magie, Weissagung, Hellsicht oder dem Austausch mit Geistern und Dämonen. Er sehnt sich nicht mehr nach den sagenhaften Mächten eines Magiers, die man sich im Ausführen besonderer Rituale zu gewinnen erhofft. Vielmehr geht es um ein Begehren jener Heiligkeit, wo sich die Seele am übersprudelnden Brunnen göttlicher Wonnen labt. Hier ist alle Komplexität überwunden, sind aller Prunk und Unmäßigkeit passé. Ein Rückzug aus alltäglichem Wunschdenken und eigennützigem Handeln in dieser Welt findet hier ein Ende.

Es sind keine äußeren, profanen Sehnsüchte die der Seele Genugtuung versprechen. Sicher fühlt sich eher, wessen Suche sich bewusst auf die inneren Pfade des Seelenlebens konzentriert. Darum dürfte es nur logisch erscheinen, dass wir nach Gott eigentlich in uns suchen sollten. Wer sich seinem Selbst auf nämlich diese Weise nähert, hat gar kein Bedürfnis mehr sich den Dingen im Außen ermächtigen zu wollen. Eher erwächst damit ein Streben nach dem, was sich ihm im Innersten seiner Seele offenbart und ihn leitet, den Zweck seines eigenen Daseins auf Erden zu finden.

 

Titelfoto: Jens Lelie

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Magie im Alten Ägypten

von S. Levent Oezkan

Jon Bodsworth: Figure of Thoth in Luxor, Egypt - ewigeweisheit.de

In der Religion der Alten Ägypter spielte Magie eine zentrale Rolle. Darauf verweisen Hieroglyphentexte auf Pharaonengräbern und alten Zauber-Papyri. Man glaubte an die Kraft magischer Namen, Beschwörungen, Symbole und Amulette. Sie verwendeten ägyptische Hohepriester rituell, um damit Übernatürliches zu bewirken.

Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass der kontinuierliche Fortschritt dieser 3000-jährigen Zivilisation, auch diesen Fähigkeiten geschuldet war. Schließlich besaß diese alte Nilkultur schon damals einen verblüffend hohen intellektuellen Wissenstand. Denn seit den Ursprüngen der alt-ägyptischen Kultur, beeinflussten Geistesleben und Spiritualität die alt-ägyptische Kultur. So konnten sich auch übernatürliche Fähigkeiten entwickeln und man dem Wesen magischer Gesetze auf den Grund gehen. Dieser Glaube prägte die Haltung der Menschen gegenüber dem Vergänglichen ebenso, wie ihre Sicht auf die Dinge der spirituellen Welt.

Was aber die Ägypter dabei tatsächlich empfunden haben mögen, werden wir leider niemals erfahren. Sicher jedoch ist, dass sie ihre unzähligen religiösen Zeremonien und Ritualvorgänge, mit peinlich genauer Behutsamkeit ausübten. Man folgte bei der magischen Anrufung der Götter ganz genauen Regeln. Wegen dieser besonderen Hingabe an sowohl Religion wie auch Magie, galten die Ägypter in der Alten Welt sowohl als Frömmler wie auch als abergläubische Menschen.

Wie aber passt das zusammen? Sind denn religiöser Glaube und Aberglaube keine Gegenteile?

Ursprünge Ägyptischer Magie

Bevor die ersten Königsdynastien entstanden, pflegten die Ägypter einen ganz eigentümlich Schamanismus. Man glaubte an eine durch und durch belebte Welt und Unterwelt. Auch die Lüfte und den Himmel dachte man sich von unsichtbaren Wesenheiten bevölkert. Von dort aus wirkten sie auf Mensch und Natur, waren gut gesinnte oder böse Geister.

Diesen geheimnisvollen Wesen schrieben die Ureinwohner Ägyptens außerdem menschenähnliche Eigenschaften zu. Man glaubte, auch Geister und Dämonen seien getrieben von Leidenschaften, fühlten Emotionen, hatten Schwächen und Gebrechen.

Das war die Zeit in der die Alt-Ägyptische Magie entstand; etwas das wohl zugleich Kunst und Wissenschaft war. Von solchem höheren Wissen, versprach man sich Macht über die Geister des Himmels, der Gewässer und der Erde.

Hierzu war es üblich Amulette mit besonderen Formeln oder heiligen Namen anzufertigen. Von solch magischen Objekten erhoffte man sich Schutz gegen böse Geister. Ja es entstand gar eine ganze Wissenschaft, die sich allein um die Herstellung von Amuletten dreht. Auch glaubte man die Kraft hoher Wesenheiten über die Zeichen eines Amuletts auf den Träger des selben übertragen zu können. Somit erwartete man von diesen magischen Objekten, ihren Träger mit übernatürlichen Kräften auszustatten

Zwischen Animismus und Götterglaube

Ziel Ägyptischer Magie war einem Menschen sowohl schützende wie auch zerstörerische Kräfte zu verleihen. Ja selbst den höchsten Gott wünschte man nach eigenem Ermessen beschwichtigen oder gar beeinflussen zu können. Das mag wohl daran liegen, dass bevor ein Glaube an die Götter im Alten Ägypten entstand, magische Praktiken bereits weit verbreitet waren.

Es gilt als gesichert, dass eine Großzahl religiöser Zeremonien, aber aus noch älterer Zeit stammen, wo das Weltbild der Menschen des Niltals noch ein starker Aberglaube prägte. Erst später entwickelte sich ein Götterglaube, wie man ihn nachher etwa auch bei den alten Griechen fand. Das zeigen die Hieroglyphen, die Götter oder Gottheiten bezeichneten. Es waren oft Symbole besonderer Werkzeuge, die in den noch schamanischen Anfängen Alt-Ägyptens eine Rolle gespielt hatten. Ihnen schrieb man göttliche Mächte zu.

Worte der Macht

In dieser Zeit genossen die Hohepriester Ägyptens sehr hohes Ansehen. Manche hielten sie gar selbst für Götter, galt doch die Macht dieser Wissenden als schier unbegrenzt. Das aber hatte gar nichts mit Aberglauben zu tun. Wer zum Chor der Hohepriester gehörte, verfügte tatsächlich über magische Fähigkeiten, die dem Normalsterblichen ein Rätsel blieben.

Büste eines alt-ägyptischen Hohepriesters (ca. 2. Jhd. v. Chr.)

Büste eines alt-ägyptischen Hohepriesters (ca. 2. Jhd. v. Chr.).

Durch die Aussprache besonderer, geheimer Namen der Kraft, konnten sie mit ihrer dafür geschulte Stimme tatsächlich Kranke heilen und Menschen von geistigen Besetzungen befreien. Gar Tote – so die Legenden – erweckten sie durch die Magie besonderer Gebetsformeln zu neuem Leben.

Wem solch Wunderwerk gelang: könnte so jemand nicht gar heute noch unter uns weilen?

Von den geheimen, magischen Worten der Priesterschaft hieß es außerdem, dass sich durch sie die Seele eines Menschen, in einen anderen Menschen projizieren ließe. Das galt ebenso für tierische Lebensformen, etwa die eines Adlers, Stiers oder eines Löwen. Auf ihr Geheiß verwandelte sich Totes in Lebendiges und Lebendiges in Totes.

Manche sagen, der junge Prophet Moses hätte diese Fähigkeiten in seiner Jugend von jenen Eingeweihten Ägyptens erlernt, um sie aus Not dann dereinst aber, beim Auszug aus der pharaonischen Knechtschaft, mit ihren eigenen spirituellen Waffen zu schlagen.

Das besondere Worte und Namen magische Kräfte übertragen sollen, davon erfahren wir in eigentlich allen Kulturen der Welt. Die Macht der Sprache ist dem Menschen gegeben. Wenn auch überwiegend als Mittel der Kommunikation, gibt es aber besondere Worte, die weit mehr als nur Information oder Bezeichnungen für etwas enthalten.

Dem ägyptischen Thoth, Gott der Magie, der Sprache und der Wissenschaften, jenem großen Weisen der alten Atlantis, werden all diese magischen Wunderkräfte nachgesagt. Ihm sollen gar die göttlichen Schöpfungsworte bekannt gewesen sein, mit denen einst die Erde erschaffen wurde. Mit diesem Wissen, so der Mythos, beeinflusste Thoth selbst den Lauf der Sonne.

Das geheime Buch des Thoth

All das klingt natürlich recht märchenhaft und die Legenden dieses sonderbaren alten Volkes berichten von gar unglaublichen Wunderwerken.

Wenn all das aber mehr als reine Chimären sind, woher kannten ägyptische Priester solch wundersame Namen und Zaubersprüche der Macht?

In einem Papyrus aus der Zeit der Ptolemäer, ist die Rede vom ägyptischen Prinzen Setnau Khaem-Uast, Sohn des Pharaos Ramses II. Er war ein zutiefst religiöser Menschen, der sich dem alten ägyptischen Ritus verpflichtet sah. Er kannte solche Formeln der Macht und wusste sich allerhand magischer Amulette und Talismane zu bedienen. Ihm schienen selbst die Geheimnisse von Leben und Sterben zu Füßen zu liegen. Wann immer er es für notwendig hielt, eröffnete er auch gewöhnlichen Menschen Schicksal und Lebensbestimmung.

Setnau fand sein magisches Wissen im alten Memphis, einer 3000 Jahre alten Stadt am Nildelta, wo sich einst der Tempel Hu-Ka-Ptah befand: Ursprung des Namens »Ägypten«. Das sollen unter anderem alte hieratische Schriften belegen. Es bleibt jedoch ein Legende, dass Setnau in einer geheimen Gruft des Prinzen Neferkaptah, das geheimnisvolle Buch fand, das angeblich aus der Feder des Gottes Thoth stammte.

Es heißt, die großen Mysterien des Lebens und des Sterbens offenbaren sich dem, der aus diesem Buch die Zaubersprüche gewissenhaft zu rezitieren vermag. Selbst sein eigenes Schicksal würde sich ihm beim Lesen des Buches offenbaren. Alle nur erdenklichen, mächtigen Namen und Zaubersprüche seien darin verzeichnet, die den Leser befähigen, Wissen aus Vergangenheit, Zukunft, sowie aus fernen Gegenden zu gewinnen. Ein Buch der Wahrsagerei?

Sicher lebten Erinnerungen an dieses Buch, in späteren magischen Kulten und Geheimorden fort, wie etwa im Golden Dawn oder dem Ordo Templi Orientis.

Manche sehen im Buch des Thoth gar die atlantischen Ursprünge des Tarot.

Spätere Varianten der Schrift

Kaum verwunderlich darum, dass sich Fragmente dieses Textes allmählich, jedoch in minderwertiger beziehungsweise verfälschter Form, auch in Kreisen Normalsterblicher verbreitete.

Diese Verweltlichung alter Geheimnisse aber führt zu all dem Aberglauben, der die Wahrheiten um den Begriff der Magie, allmählich in die Bedeutungslosigkeit abdrängte. Vom ursprünglichen Wissen der geheimen Namen, scheint damit kaum etwas geblieben zu sein. Vielleicht sind es auch nicht nur die Namen und ihre Symbolschrift an sich, die dem Rezitator bekannt sein müssen, als er vielmehr durch Form und Ritus ihrer Äußerungen, das vollbringt, was auch den alten Priestern zu Memphis gelang.

Was jene Wissende besaßen, waren keine Rituale die auf Mutmaßungen basieren, sondern wohl auf wirklich gemachten Erfahrungen. Ihnen waren die Symbole und die tiefliegenden Aussagen jener Sprüche und magischen Namen bekannt und sie hatten die geheimen Formen ihrer Rezitation verinnerlicht.

Auch wenn jemand das Selbe dem vorliegenden Text unterstellen möge, scheint insbesondere heute verfügbares, sogenanntes »magisches Geheimwissen«, meist nur auf Vermutungen zu basieren – etwas, das man wo laß oder wo hörte. Mit magischem Wissen aber hat das nichts zu tun.

Verbergen sich dahinter aber nicht auch Gefahren?

Zumindest ist das, was man heute als Esoterik bezeichnet, nicht das Selbe wofür der Begriff ursprünglich stand. Damals nämlich galt Esoterik als tatsächliches Geheimwissen, das nur einem inneren Kreis von Personen zugänglich war (alt-griech. »esoterikos«, das Innerliche).

Wer heute aber die Wurzeln dieses uralten, inneren Wissens nicht mehr kennt, der läuft Gefahr sich mit dem magischen Wissen der alten Ägypter sogar sehr zu verwirren. Denn eine nur oberflächliche Beschäftigung mit dem, was man bei den alten Ägyptern als Magie bezeichnete, meint oft genau das Gegenteil von dem, wofür man den Begriff heute hält.

Einfach nur aus einem spirituell-magisch-religiösen Gesamtkonzept, mal eben das vermeintlich Beste herauszugreifen und damit arbeiten zu wollen, erscheint mir nicht nur unangebracht, sondern sogar bedenklich. Schließlich begibt man sich in Sphären, deren Wesen man nicht genau kennt.

Wenn Prinz Setnau auch eine recht mysteriöse Gestalt der alt-ägyptischen Geschichte war, schien sein Wissen auf Erfahrungswerten zu basieren. Vor allem aber hatte er den Kult seiner Religion verinnerlicht.

Heute tendieren viele Möchtegernmagier dazu sich mal eben solchen Geheimwissens zu bedienen. Doch das ohne sich dabei einer Religion oder einem traditionalen Ritus unterzuordnen. Weder kennt man die verwendeten Quellen, noch jene damit verbundenen, religiösen Riten. Stellt sich da nicht die Frage: Wieso überhaupt greift man nach solchen Mitteln? Aus Neugier? Aus dem Wunsch nach Kontrolle und Macht?

Leider gab es immer solche, die skrupellos ihr Halbwissen als Wahrheit verkündeten, Sekten gründeten und ganze Schwärme Unwissender ins Unglück trieben. Solche nämlich gaben vor über die Wahrheiten des Übernatürlichen zu verfügen. Und solch falsches Halbwissen verkauften sie für teueres Geld an Unwissende, Hilflose oder wieder jene, die letztendlich selbst auf so etwas aus sind.

So mutierten die Inhalte wahrer Magie zu einem riesigen Hokuspokus um Wunderheiler und Wochenend-Erleuchtete, wo Unwissende sich zu sprühenden Lichtarbeitern verwandeln. Wenig überraschend darum, dass wenn sich heute jemand öffentlich als Magier bezeichnet, weniger als ein Vasall des Teufels gefürchtet, als einfach nur ausgelacht wird. Jemand aber der sich bewusst den dunklen Mächten verschreibt, dem wird wohl leider das Lachen vergehen.

Religion und Magie: Ein Widerspruch?

In den Anfängen der alt-ägyptischen Kultur entwickelten sich Magie und Religion parallel zueinander. Daran änderte sich nichts bis ans Ende der letzten pharaonischen Dynastien der ersten Jahrhunderte vor Christus.

Was man heute als die Magie der Ägypter bezeichnen kann, übte in alter Zeit großen Einfluss aus auf andere Kulturen, die in den Ländern nahe des Nilreiches florierten. Zwar kann keiner genau sagen, welchen Einfluss das Wissen der Ägypter in diesen Ländern hatte, zweifellos aber findet man manche der alt-ägyptischen Vorstellungen, wie etwa von den magischen Kräften der Buchstaben und Namen, auch in anderen religiösen Systemen. Dazu zählen ohne Zweifel Geheimwissenschaften wie die Kabbala. Doch auch die Riten erster christlicher Sekten, ließen sich durchaus zurückverfolgen auf diese alt-ägyptischen Ursprünge.

Allem voran bewegt sich da wohl die Vorstellung von dem einen Allschöpfer, dem einen Gott aus dem alles Belebte und Unbelebte hervorging. Spätestens seit der 18. Dynastie des Neuen Ägyptischen Reiches, konzentrierte sich diese Vorstellung, letztendlich unter Pharao Echnaton, in Aton – der göttlichen Sonnenscheibe. Das war wohl die Geburt des Monotheismus.

Grab des Ramose: Echnaton und Nofretete im sogenannten "Fenster der Erscheinungen" - ewigeweisheit.de

Relief im Grab des Ramose (14. Jhd. v. Chr.): Echnaton und Nofretete im sogenannten "Fenster der Erscheinungen". Über ihnen die Sonnenscheibe Aton. Die Enden ihrer Strahlen führen in Hände, die teilweise das berühmte Heilsymbol des Ankh halten.

Auch der Glaube an die Wiederauferstehung eines vergöttlichten, vollkommenen und ewig fortdauernden Leibes, dürfte später auch in das Christus-Mysterium übergegangen sein. Weniger aber als eine Variante jener alt-ägyptischen Vorstellungen, als eher eine unveränderliche Gesetzmäßigkeit, die nur schon im alten Ägypten als solche erkannt wurde und die man schon damals für heilig hielt. Vieles auch, dass man in den Symbolen des Lebens- und Leidensweges Jesu Christi findet, existierte in etwas anderer Form auch in der Geschichte von Osiris' Kampf gegen die Mächte der Finsternis (Seth) und seine Wiederverkörperung als König der Welt.

Trotz dieser recht hohen intellektuellen religiösen Vorstellungen vom irdischen Sein zwischen Himmel und Unterwelt, ließen die alten Ägypter niemals ab von ihren schamanischen Ursprüngen. Darauf verweisen archäologische Funde magischer Amulette und Talismane, sowie Inschriften auf Grabsteinen und die Hieroglyphen der magischen Zauber-Papyri. Aus diesen Dingen erhoffte man sich höhere Fähigkeiten und vertraute darauf, Leibes- und Seelenleben vor bösen, schädlichen Einflüssen zu schützen.

Im Alten Ägypten verschmolzen Magie und Religion zu einer Einheit. Hier galten sie nicht als unvereinbare Wege. Die Priesterschaft nämlich war sowohl damit beschäftigt, die heiligen Schriften zu verfassen, doch eben auch solche, die magische Sprüche enthielten. Letztere waren Anleitungen zur Rezitation und für magische Zeremonien, die zu bestimmten Tages- und Nachtzeiten ausgeführt werden mussten. Denn nur so konnte sich ihre magische Wirkung entfalten. Kaum verwunderlich dann, wenn wir Ähnliches in religiösen Riten finden, wo die Stände und Konjunktionen von Sonne und Mond, wichtige Marken religiöser Feste bilden.

Titelfoto: Jon Bodsworth

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Mysterien des Atems

Mysterien des Atems

Atem, Atem und Leben, Atem und Geist. Weniges wohl im Leben ist so unscheinbar wie der Atem. Doch wer sich mit den Mysterien dieser Welt beschäftigt, der dürfte wohl bald ahnen, dass zumeist gerade die alltäglichsten Dinge und die unauffälligsten die tiefsten Geheimnisse bergen, nicht aber das Laute und Reißerische. Einige dieser Mysterien des Atems sollen im folgenden Artikel vorgestellt werden.

Die Bedeutung des Atems

Atemübungen stellen in vielen spirituellen Traditionen einen wesentlichen und unverzichtbaren Grundpfeiler der eigentlichen Praxis dar. Im indischen Yoga sind sie bekannt unter dem Namen Pranayama, in China spricht man von Qi Gong und auch die westlichen Mysterientraditionen kennen eine Vielzahl entsprechender Übungen. Der Grund für die Wichtigkeit des Atems in der spirituellen Praxis soll im nächsten Kapitel beleuchtet werden. Zunächst aber folgt noch ein kurzer Blick auf das sprachliche Umfeld des Atembegriffs.

Die alten Sprachen, welchen häufig ein besonderes, intuitives oder überliefertes Verständnis der Welt zugrunde liegt, deuten auf weitreichende Zusammenhänge zwischen Atem, Geist, Seele und Leben hin. Beispiele hierfür sind das altgriechische Pneuma (τὸ πνεῦμα), was sich beispielsweise als Atem, Odem, Leben, Geist und Seele übersetzen lässt. Des Weiteren die hebräische Ruach (רוח), übersetzbar u.a. als Hauch, Atem, Wind, Lebensprinzip, Seele, Geist, Sinn und Gemüt. Auch der lateinische Spiritus (spiritus) umfasst ein Bedeutungsfeld, welches von Luft und Hauch über Atem, Leben, Seele und Geist bis hin zu Mut und dichterischem Schaffen reicht.

Bereits hier zeigt sich deutlich, dass der Atem in engem Zusammenhang mit Geist, Leben und Seele steht: Er begleitet den Menschen wahrhaftig vom ersten bis zum letzten Atemzug, er verbindet das Reich von Menschen und Tieren mit dem Reich der Pflanzen in einem wunderbaren Kreislauf der Natur und er bildet einen wichtigen Schlüssel zu vielen Mysterien des Lebens. Die vier folgenden, besonderen Mysterien des Atems möchte ich in diesem Artikel vorstellen:

  1. Der Atem als Träger der Lebenskraft;
  2. Der Atem im Zusammenhang mit dem Rhythmus des universalen Lebens;
  3. Der Atem als Bindeglied zwischen "Oben und Unten";
  4. Der Atem als Symbol für die Freiheit des Menschen.

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Das ist Magie

von S. Levent Oezkan

Wer nach der wahren Bedeutung des Wortes Magie sucht, muss zuerst einen großen Irrtum beseitigen: Es geht nicht um den Handel mit Illusionen! Magie ermöglicht dem individuellen Geist sich mit der endgültigen, göttlichen Realität zu verbinden - einer Realität in der alles möglich ist!

Magie ist die Erweiterung des menschlichen Seelenlebens und die Ausdehnung der geistigen Fähigkeiten des Menschen. Der magische Mensch will nicht nur in der Welt sein, sondern er will in der Welt handeln. Die Wörter Machen und Magie stammen aus der gleichen indoarischen Wortwurzel magh - dem Vermögen etwas zu tun. Das entsprechende Substantiv maghá steht für Gabe, Geschenk, Reichtum und Wohlstand. Die Silbe magh hat immer mit etwas Großartigem zu tun. Sie ist in dem Wort Magazin ebenso enthalten, wie auch in Mechanik, Macht, Maschine, Magnat, Magma, Magnifikat oder Magnet (im alten Griechenland fand man massenweise magnetisches Erz auf der Insel Magnes).
Magie steht für Ausdehnung, Erweiterung, Vergrößerung und Anziehungskraft.

Wiege der Magie

Vor etwa 6.000 Jahren kamen die Arier in die Region Baktriens, einer historischen Landschaft die sich über das östliche Hochland Irans bis nach Afghanistan hin ausdehnt und vom Hochgebirge des Pamir und des Hindukusch umgeben ist ("Iran" bedeutet "Land der Arier"). Im 2. Jahrtausend v. Chr. kam es zu einer Trennung der arischen Bevölkerung. Ein Gruppe der Arier begab sich auf den indischen Subkontinent, wo sie die Flussebenen des Indus besiedelte. Der Name Indus ist das altpersische Wort für "Fluss". Vom Namen Indus erhielt das Land Indien, wie auch die dort entstandene Religion, der Hinduismus, seinen Namen.
Mit dem Auftreten des Propheten Zoroaster um etwa 1.000 v. Chr. breitete sich das baktrische Ariertum später weiter nach Westen hin aus. Weitere 1.000 Jahre später kamen die berühmten Magoi Apo Anatolon (altgriech. μάγοι ἀπὸ ἀνατολῶν) - die heiligen Magier aus dem Morgenland nach Bethlehem. Und Magoi war das altgriechische Wort zur Bezeichnung der Angehörigen der zoroastrischen Priesterklasse.

Als aber Jesus geboren war in Bethlehem in Judäa in den Tagen des Königs Herodes, siehe da erschienen Magier vom Morgenland in Jerusalem und sagten: wo ist der neugeborene König der Juden? wir haben nämlich seinen Stern gesehen im Osten, und sind gekommen, ihm zu huldigen.

- Matthäus 2:1-2

Man könnte sagen, dass die spirituelle Tradition der indischen Arier die Grundlage der Mystik bildet, während aus der baktrischen Tradition der Arier das erhalten blieb, was man heute als Magie bezeichnet. Doch beide Wege - Mystik und Magie - führen den Menschen zu einem Bewusstsein, dass sich außerhalb des Bereichs körperlicher Erfahrung befindet. Damit sind jene Ebenen der Wahrnehmung gemeint, die nicht abhängig von normalen Sinneswahrnehmungen sind.

Der mystische Weg ist ein introvertierter, meditativer Weg, der im buddhistischen Orient, wie im christlichen Okzident seine Spuren hinterlassen hat. Mystik ist eine reflektive Methode, in der sich der Praktizierende durch Innenschau auf den Weg der Erleuchtung begibt.
Der magische Weg ist das extravertierte Erheben der äußeren Wahrnehmung. Magie ist eine projektive Methode, wobei innere Bilder auf etwas im Außen gelenkt werden, was diese Bilder empfängt und materialisiert. Die Spuren des magischen Weges kreuzen die Hermetik, die Gnosis und die Kabbala.

Die "projektive Art" des Magiers darf nur von jemandem ausgeführt werden, der psychisch stabil ist. Gott lässt keine Psychopathen magisch arbeiten!
Wer trotz seiner psychischen Probleme versucht magisch zu arbeiten, läuft Gefahr, in seinem Leben Veränderungen herbeizuführen, die mitunter alles andere als gut sind. Wer seine Sinne nicht so recht beisammen hat, der sollte sich auch nicht mit Magie beschäftigen!
Bevor man mit der magischen Arbeit beginnt, ist es vielleicht ratsam sich einer Therapie zu unterziehen. Insbesondere heutzutage, wo Stress und Täuschung allgegenwärtig sind. Oft wissen wir nicht einmal, dass in uns bestimmte Geister am Werk sind, die vielleicht Negatives verlangen, Angst oder Visionen einer negativen Zukunft hervorrufen. Pessimismus und Magie passen einfach nicht zusammen. Wer Trost sucht, wird ihn in der Magie nicht finden.
Magie ist nichts Emotionales, sondern etwas Geistiges.

Magie im alten Alexandria

Einen wichtigen Beitrag zur Magie lieferten die Schulen im alten Alexandria, deren magische Tradition sich bis heute erhalten hat.
In Alexandria lebten und wirkten Neuplatoniker, Gnostiker und Hermetiker, die alle auch Magier gewesen sind. Gängige Sprache im alexandrinischen Mittelmeerraum war das Altgriechische, in dem auch viele alte Lehrschriften der Magie abgefasst sind. Altgriechisch als Sprache der Gelehrten, wurde aber Anfang des ersten Jahrtausend immer weiter durch die lateinische Sprache verdrängt. Damit versank hermetisches und magisches Wissen immer weiter im Untergrund.

Erst im 18. Jhd. - insbesondere im Zeitalter der Aufklärung - kam hermetisches und magisches Wissen wieder in Umlauf. Zwischen Ende des 19. und Anfang des 20. Jhd. gründeten sich neue, magisch arbeitende Geheimorden. Ihre Mitglieder bezeichneten sich jedoch als Philosophen - nicht als Magier. Wenn die Philosophie die Liebe zur Weisheit ist, dann enthält diese Wissenschaft auch die Liebe zur Magie.
Es geht hier vor allem um praktische Philosophie.
Für den Neuplatoniker Iamblichos von Chalkis (245-325) war das Studium der Schriften Platos nur sinnvoll, wenn damit auch praktisch gearbeitet wurde.
Nur über Dinge nachzudenken ist einfach nicht ausreichend, denn Denken führt nur zu noch mehr denken und bleibt immer nur Denken. Ohne die praktische Anwendung der gewonnenen Weisheiten, kann sich die menschliche Seele nicht ausdehnen. Doch das ist letztendlich das Ziel der Magie: das Bemühen das individuelle Bewusstsein in Richtung der endgültigen Realität Gottes auszudehnen. Nur so gewinnt der Magus Erkenntnisse, die ihm den Aufenthaltsort von Wesenheiten offenbaren, mit deren Hilfe er seine magische Arbeit vollbringen kann.

Pharos von Alexandria - ewigeweisheit.de

Der Neuplatoniker Iamblichos.

Das Zwischenreich - eine magische Region

In eigentlich allen Kulturen der Welt gibt es ein existentielles Grundbedürfnis instinktiv handeln zu können. Diesem Grundbedürfnis gleichen sich alle anderen Bedürfnisse an.
Wenn wir mehr Geld verdienen möchten, wünschen wir uns in der materiellen Welt auszudehnen. Die Notwendigkeit unsere Seele zu erweitern ist aber bei weitem wichtiger als mehr Geld auf dem Konto zu haben. Trotzdem aber dehnen wir unser inneres Verlangen immer weiter aus, um Objekte im Außen zu erlangen - ohne wirklich zu wissen, wie viel wir davon tatsächlich gebrauchen können. Und gleichzeitig glauben viele, dass die Dinge im Außen begrenzt sind. Doch in Wirklichkeit gibt es für den magisch arbeitenden Menschen gar keine Begrenzung. Nicht einmal der Himmel beschränkt die Ausdehnung seiner Seele.
Aus dieser Haltung entwickelte sich die Magie, als Weg unsere innere Natur über die Grenzen unserer Existenz auszudehnen und zu erkennen: wir sind hier und dort ist Gott. Zwischen diesen beiden Ebenen des Bewusstseins begibt sich der Magier in ein Feld direkten Austauschs. Es ist ein Bereich der sich zwischen der individuellen Realität unserer Seele und der unaussprechlichen, äußeren Realität Gottes befindet: Das ist das Zwischenreich.
Die alten Weisen wussten von dieser magischen Region, die sich zwischen der individuellen und der endgültigen, göttlichen Realität befindet. Es ist ein magisches Gebiet, in dem sich geordnete Geistformen hierarchisch strukturieren - ein Reich von Daimonen, Geistführern, Engeln und Gottheiten.

Als wir auf dieser Erde geboren wurden, kam unsere Seele durch diese Region, bevor sie in den Leib unserer Mutter einzog. Durch dieses magische Gebiet kehrt sie nach dem Tod unseres Körpers wieder zurück in den unbegrenzten Ozean aller Seelen.
Dieses Zwischenreich, das durch Magie angesprochen wird, ist unzugänglich auf körperlicher Ebene. Es ist immateriell und kann nur mittels unseres Bewusstseins und unseres Geistes angesprochen werden.

Emblem - Oculus Non Vidit - ewigeweisheit.de

Das Emblem - Oculus Non Vidit
"Kein Auge hat gesehen und kein Ohr gehört was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben" - 1 Korinther 2:9

Die uralte Tradition der Magier

Das magische Zwischenreich von dem hier die Rede ist, fügt sich aus einem System magischer Gesetzmäßigkeiten zusammen. Diese Gesetze haben sich über viele tausend Jahre hinweg theoretisch wie auch praktisch bewahrheitet. Wahre Magie stütz sich auf diese sehr alte Tradition, ohne die, keine magische Arbeit möglich ist.
Viele befolgen heute aber nur halbherzig diese magischen Gesetzmäßigkeiten. Und so gibt es jede Menge Dilettanten - die sich aber dennoch als Magier ausgeben. Doch niemand unter solchen bringt auch nur annähernd Resultate hervor. Zwar wissen viele, dass die menschliche Psyche magische Fähigkeiten hat und stehen vielleicht auch in Kontakt mit den Wesenheiten dieses magischen Zwischenreichs, doch sie haben keine Macht über sie. Es kommt darum öfter vor, dass Wesenheiten des Zwischenreichs solchen "Möchtegern-Magiern" schmeicheln, denn sie sehen in ihnen die Möglichkeit, am Geschehen auf der Erde teilzunehmen, was ihnen ohne den Menschen verwehrt bliebe. In einem solchen Fall spricht man auch von "Besetzungen". Dann wird das Individuum im Glauben gehalten es verfüge über magische Fähigkeiten, wird aber stattdessen von diesen Wesenheiten für andere Zwecke eingesetzt, was mitunter mit schwerwiegenden psychischen Störungen einhergeht.

Viele versuchen sich mal schnell irgendwas auszudenken, um damit anderen zu imponieren. Es mag sein, dass solche magischen Kleinarbeiten ihre Wirkung haben - doch alles nur Kurzweil. Es führt einfach zu nichts, wenn man kein Ziel verfolgt. Generell gilt das für alle Vorhaben eines Menschen.

Wer kein Ziel hat, bleibt der Sklave der Ziele anderer!

Ähnlich ist es mit der Heilkunde: Man kann zwar schnell jemanden anscheinend gesund machen - das bedeutet aber nicht, dass er auch wirklich geheilt ist und gesund bleibt. Heilen heißt nicht, ein Symptom verschwinden zu lassen - Heilen heißt jemanden von innen an die Wahrheit seiner Existenz, und damit zur Gesundheit zu führen - doch leider sind der Dilettanten viele!

Wenn wir uns bei unserer magischen Arbeit nicht auf eine Tradition besinnen, sondern Formeln und Vorgehensweisen verwenden, deren Ursprünge uns nicht bekannt sind, dann führen sie ebenso ins Nirgendwo, so wie wir auch nicht wissen woher sie stammen!

Alle Dinge und Zustände die wir uns sehnlichst im Leben wünschen, wünschten sich auch schon andere Menschen in der Vergangenheit. Wir sollten uns darum auf das Gedankengut, lang erhaltener Weisheiten stützen. Das liefert uns die Tradition.

Éliphas Lévi Zahed - ewigeweisheit.de

Der französische Magier Eliphas Levi (1810-1875)

Der Hermetische Orden der Goldenen Morgenröte

1888 wurde in London der "Hermetic Order of the Golden Dawn" gegründet. Die Gründer dieses Ordens waren so illustre Gestalten wie z. B. der Arzt Dr. Wynn Wescott oder S. L. MacGrecor Mathers. Mitglieder des Ordens waren Wissenschaftler, Künstler und Dichter, darunter William Butler Yates (Nobelpreisträger für Literatur 1923). Weitere Mitglieder waren die Schriftstellerin Dion Fortune, der Theosoph A. P. Sinnett, Arthur Edward Waite, der Entwickler des Rider-Waite-Tarot, und der Autor Bram Stoker (Autor des "Dracula").

Als Organisation existierte der Golden Dawn nur etwas mehr als 30 Jahre. Doch in den Jahrzehnten seines Wirkens war dieser Orden sehr kreativ und schuf einen riesigen Corpus an Schriften und praktischen Anleitungen.
Der Orden beschäftigte sich mit Kabbala, Tarot und Weissagung. Ein großer Teil des vom Golden Dawn verwendeten magischen Systems, wurde von dem französischen Diakon und Okkultisten Eliphas Levi übernommen. Levi glaubte dass Veränderungen in der materiellen Natur allein durch den Willen hervorgerufen werden können. Für ihn war Magie auch ein Mittel, Veränderungen im Denken eines anderen Menschen hervorzurufen.

Liebe ist das Gesetz. Liebe unter Willen!

- Aleister Crowley

Solche und andere Auffassungen sollten zentrale "Glaubensvorstellungen" der Mitglieder des Golden Dawn werden. Dieser Glaube wurde später auch von anderen Organisationen wie dem O.T.O. (Ordo Templi Orientis) übernommen - zu deren Mitgliedern auch Aleister Crowley (Begründer der neureligiösen Bewegung Thelema), Rudolf Steiner (Begründer der Anthroposophie), Henry Spencer Lewis (Gründer des A.M.O.R.C., dem Alten mystischen Orden vom Rosenkreuz) oder Franz Hartmann (Theosoph und Übersetzer der Bhagavad Gita und des Dao-De-Ging) zählten.

Magie ist die Kunst und Wissenschaft, die Welt in Übereinstimmung mit dem Willen zu formen.

- Aleister Crowley

Neophyten werden in das System des Golden Dawn durch drei praktische Übungen eingeführt, die wir uns im Folgenden ansehen wollen.

Divination mit Tarot - ewigeweisheit.de

Divination mit Hilfe des Tarot

1. Divination

Divination ist im Golden Dawn eine Methode der Weissagung und Prophezeiung mit Hilfe des Tarot, des chinesischen I-Ging, der Geomantie und der Astrologie. All diese Hilfsmittel dienen der Sensibilisierung des Fragers, womit er seine Vorstellungskraft allmählich verfeinert. Es geht um eine innere, imaginative Welt von Bildern, die aus der oben erwähnten Zwischenregion stammen, mit dem Ziel die Gottheiten um Rat zu fragen.

Es gibt besondere Kräfte im Kosmos, inklusive den tieferen Ebenen unseres Bewusstseins. Sie sehnen sich regelrecht danach sehnen uns zu helfen, all die Wirrnisse die uns im Leben fordern, zu überwinden. Wer ihre Hilfe in seinem Leben verfügbar zu machen weiß, wird sein Bewusstsein wirklich bereichern. Das ist die eigentliche Essenz der Divination.
Zuerst hält man Ausschau danach, welche Zeichen sich in bestimmten Situationen ergeben. Jedes Zeichen besitzt einen individuellen Modus. Alles was man im Sonnenlicht erblicken kann, kann ein Hinweis sein. Das heißt nicht, dass man vor jeder schwarzen Katze zusammenzucken soll, denn nicht alles ist gleich wichtig - relevant ist der Stellenwert der Erscheinungen. Diesen Wert zu ermitteln ist Kunst der Divination.

Vier magische Waffen - ewigeweisheit.de

2. Vision

Um die Fähigkeit der Vision zu schulen, verwendet das Golden-Dawn-System die indischen Tattva-Symbole. Sie repräsentieren die Elementarkräfte: Akasha (Äther), Luft, Feuer, Wasser und Erde. Jedes dieser fünf Tattvas hat ein besonderes Symbol, das der Magier visualisiert. Die Erde ist ein goldgelbes Quadrat, das Wasser ein graublauer Halbmond, die Luft ist ein hellblauer Kreis, das Feuer ein rotes Dreieck und das Akasha wird meist in Form einer schwarzblauben Vesica, manchmal als Ei abgebildet.
Für die Visions-Übungen fertigt der Neophyt ein großes Bild eines Tattva-Symbols an. In meditativer Haltung davor sitzend blickt er solange darauf, bis das Symbol nach einer Weile Farbe und Form verändert. Das ist der Zeitpunkt, wo sich das Tattva zu einem Tor in das oben genannte, imaginative Zwischenreich öffnet. Nach einer bestimmten Abfolge betritt der Magus nun das Feld dieses Zwischenreichs und verlässt es danach wieder - sofern er den Weg zurück findet!

3. Evokation

Mit der Evokation erhält der Magus ein wichtiges Werkzeug, um mit den Wesenheiten im magischen Zwischenreich in Kontakt zu treten. Dazu begibt er sich in einen auf den Boden gezeichneten Schutzkreis. In diesem Ritual verwendet er "magische Waffen", um die Kräfte des Zwischenreichs zu bannen: ein Stab, ein Schwert, ein Kelch oder ein Pentakel, die je einem der vier Elemente entsprechen. Während dieser Zeremonie steht er vor einem Dreieck, auf dem verschiedene Symbole angebracht sind.
Er kann diese Übung aber nicht allein ausführen. Darum kommt immer eine zweite Person ins Spiel, die als Medium und Empfänger fungiert. Durch das Medium erhält der Magus Antworten der Wesenheiten aus dem Zwischenreich.

Der kluge Pan - ewigeweisheit.de

Der kluge Pan mit seiner "Zauberflöte" - ein Mischwesen - halb Mensch, halb Bock.

Der Magus rezitiert bei seinen Beschwörungen, poetische, teils schwülstige Zauberformeln, um damit ein bestimmtes Wesen anzurufen. Für jede dieser Anrufungen wird der Wesenheit entsprechend ein Räucherwerk entzündet und von den Praktizierenden bestimmte Substanzen eingenommen, Farben getragen, Töne gesungen und Objekte in den Händen geführt. Damit werden alle Sinne auf eine höhere Ebene der Transzendenz erhoben. Die Zusammenstellung von Gerüchen, Geschmäckern, Farben, Tönen und greifbaren Dingen, entnehmen die Magier des Golden Dawn besonderen Zuordnungstabellen. Solche finden sich auch in Aleister Crowley's Buch "Liber 777".
Magus und Medium stehen sich in einem dunklen Raum gegenüber. Licht spenden zwei Kerzen, die das Medium in seinen Händen hält. Während der Magus die Evokation durchführt, erscheinen dem Medium in einem Spiegel die angerufenen Wesenheiten und geben Auskunft über die gestellte Frage bzw. das erwünschte Ereignis. Durch die Anrufung dieser Mächte erhält der Magus einen bestimmten Umfang an Informationen und Weisheiten.
Dies sind aber keine Engel oder lichthaften Wesen, sondern sehr alte Bewusstseinsformen, die mit der Erde und mit den Kräften der Natur zu tun haben - manchmal in Form eines Reptils (z. B. Schlangen, Kröten oder Drachen), eines Vogels oder eines anderen Tieres, oder Mischwesen wie Satyrn, Greifen, Sphinxen und anderen. Es sind in etwa die archetypischen Charaktere von denen man auch aus Märchen erfährt. Auch in der Bibel, insbesondere in der Offenbarung des Johannes, begegnen uns diese magischen Charaktere.

Wer diese Wesen befragt, bekommt Antworten. Doch welchen Wert haben diese Antworten?
Da es sich hier um sehr eindrucksvolle Vorgänge handelt, inspirieren sie die Vorstellungskraft des Durchführenden. Vor allem die Veränderung des menschlichen Bewusstseins, die in einer solchen Zeremonie bewirkt werden, ist beträchtlich. Doch damit auch sehr, sehr gefährlich. Insbesondere bei einem ängstlichen Menschen, werden Tür und Tor geöffnet, durch die allerhand "ungebetene Gäste" das Bewusstsein besetzen können!

Die Invokation

Die hier beschriebenen Übungen gehen einher mit dem Lernen des großen Corpus an theoretischem Wissen aus Religion, Kabbala, Astrologie, Geomantie, Mythologie und Heilkunde. All das sind Informationen mit denen sich der Magus zuvor vertraut machen muss.

Nachdem der Schüler der Magie Divination, Vision und Evokation erlernt hat erfolgt das, was als "Invokation" (lat. invocatio "Hineinrufung") bezeichnet wird. Die niedrigeren Wesenheiten werden evoziert (von lat. evocare "herausrufen") - d. h. durch Evokation angerufen - die höheren Wesenheiten invoziert.
Diese durch Invokation angerufenen Wesenheiten, stammen aus einem transzendenten, himmlisch-göttlichen Feld. Es sind Wesen, die in alter Zeit als Götter und Göttinnen bekannt waren.

Der Heilige Schutzengel

Jedes Individuum ist mit einem spirituellen Selbst begabt, dass Teil des Göttlichen ist. Dieses höhere Selbst hat in sich Gottebenbildlichkeit und vermittelt dem Magus ein besonderes Bewusstsein, mit dem er den lebendigen, göttlichen Funken in sich erkennen kann. Es ist die Essenz des Göttlichen und der Weg zur endgültigen Realität Gottes. Es ist dies auch die höchste Form der Zeremonialmagie, die zur Verbindung mit dem höheren Selbst und damit zur Verbindung mit Gott führt.

Höchstes Bestreben der Zeremonialmagie ist die Vereinigung des Magus mit seinem heiligen Schutzengel. Diesen Schutzengel nennt man auch den Geistführer. In der Kabbala gibt es 72 heilige Namen Gottes, von denen jeweils drei, gemeinsam den Namen des heiligen Schutzengels einer Person bezeichnen. Bei der Ermittlung dieses heiligen Namens, muss aber unbedingt beachtet werden, dass der Golden Dawn ein anderes System für die 72 Namen verwendet, als das traditionelle kabbalistische System bereitstellt. Jedem der 72 Namen entspricht nämlich ein astrologisches Sternzeichen. Im Golden-Dawn-System beginnt der erste Name mit dem Tierkreiszeichen Löwe, während in der traditionellen Kabbala der erste Name mit dem Widder beginnt. Das ist ein gravierender Unterschied!
Bevor man also irgendwelche Buchstabenfolgen zusammenstellt, um durch Invokation seinen heiligen Schutzengel anzurufen, sollte man sich erst vollkommen sicher sein, dass dies auch der richtige Name ist. Alles andere wäre nämlich verheerend! Der heilige Schutzengel ist ein sehr machtvolles Wesen, dass dem Individuum auf ganz vertrauliche Art und Weise Macht vermittelt. Jedes Individuum, hat einen Genius, den man den Daimonion nennt (griech. für "persönlicher Schutzgeist").
Im Golden Dawn verstand man unter diesem individuellen, heiligen Schutzengel, dass, was in der Psychologie als das höhere Selbst bezeichnet wird. Der Magier lernt nach der Vision seines heiligen Schutzengels, diesen immer besser kennen. So kann ein tatsächlicher Austausch mit ihm stattfinden, bis sich die beiden tatsächlich näher kommen und vereinigen. Das ist der magische, aktive und auch kürzere Weg zur Erleuchtung - gleichzeitig aber auch der gefährlichere (siehe oben). Es ist wie beim Besteigen eines Berggipfels: während der Mystiker den langen beschwerlichen Weg auf sich nimmt, klettert der Magier die Steilwand empor - doch immer in der Gefahr zu Tode zu stürzen!

Gut ist das wahrhaftig Lichtvolle

Der persische Prophet Zarathustra - ewigeweisheit.de

Der Prophet Zoroaster (Zarathustra) wirkte um 1.000 v. Chr. im alten Persien (cc).

In der magischen Arbeit öffnen sich bestimmte Bewusstseinsfelder. Dem Individuum können daraus große Mengen Energie zuströmen.
Je nach Erwartung und Haltung des Individuums, wird sich in seinem Leben Entsprechendes ereignen.

Magier wie Mystiker berichten von den atemberaubenden Erlebnissen, die einer erfährt, der mit den Wesenheiten des Zwischenreichs in Kontakt tritt. Es geht hier um Ebenen des Bewusstseins, die mit anderen Mitteln nicht erreicht werden können. Was dabei erfahren wird, ist viel lebendiger als das alltägliche, irdische Leben. Darum ereifern sich viele an den Phänomenen, die sich aus der praktischen Arbeit in der Magie ergeben. Magie vermittelt ein Gefühl vom "Leben der Seele".

Die Magie bietet dem Menschen Mittel, mehr zu werden als er bisher war. Doch es gibt einen Energieerhaltungssatz, der besagt, dass wer nimmt auch geben muss. Wer etwas anderes behauptet, der verrät sich als Lügner.
Wer um jeden Preis mit den Geistformen des Zwischenreichs Verbindung aufnehmen will, muss damit rechnen, dass "gelieferte Dienste" auch in der physischen, alltäglichen Realität von jenen Wesenheiten eingefordert werden, die man darin "konsultierte". Und wer Böses verlangt, von dem wird Böses verlangt. Wer allerdings Gutes will, dem wird Gutes widerfahren.

Man hat als Mensch die freie Wahl, sich für den rechten Weg, den Weg der Wahrhaftigkeit zu entscheiden. Dafür steht die ewig gültige Lehre des Propheten Zoroaster, die jedem Menschen rät

  • gute Gedanken zu denken,
  • gute Worte zu sprechen und
  • gute Taten zu vollbringen.

Auf diesem Fundament der Wahrhaftigkeit ist die Welt gegründet. Da der Mensch das einzige Lebewesen ist, welches die Möglichkeit hat, zu unterscheiden, zu führen und zu verändern, muss er stets versuchen das Gute zu bewirken. Welcher Weg dabei gegangen wird - sei es der des Mystikers oder der des Magiers - das sei jedem selbst überlassen - solange er sich nur für das Gute entscheidet!

 

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Der Atem und die Freiheit

Der Atem und die Freiheit

Noch einen letzten Gedanken möchte ich zu den Mysterien des Atems zur Sprache bringen. Der Atem ist nämlich zugleich eine vollkommene Analogie auf das Wesen der menschlichen Freiheit. Dies also ist das Thema des letzten Kapitels: Atem und Freiheit.

Ist der Mensch frei? Ja und Nein. Irgendwie schon, denn als Mensch kann ich z.B. blinzeln, immer wenn ich es will. Ich kann mich, wenn ich nicht gerade gefesselt bin, im Kreise drehen, so oft ich es will, gehen, wohin ich will, machen, was ich will... Aber, so ganz stimmt das doch auch wieder nicht: Fliegen kann ich nicht mit meinem irdischen Körper einfach so. Ich kann mir auch nicht kaufen, was ich will, wenn ich kein Geld dafür habe. Wenn ich im Gefängnis sitze, dann kann ich nicht einmal gehen, wohin ich will.

Es schein also einerseits einen gewissen Grad der Freiheit zu geben und andererseits einen gewissen Grad der Einschränkung, des Zwangs. Nun, ebenso verhält es sich auch mit dem Atem. Klar, ich kann einatmen und ausatmen, wann und wie ich will, aber wenn ich einmal versuche, fünf Minuten lang nur auszuatmen, dann dürfte ich wohl schnell feststellen, dass es aus mir selbst heraus - genau genommen vom unteren Bewusstsein her kommend - einen Zwang gibt, der mich dazu bringt und mich dazu zwingt, nun doch wieder einzuatmen. Die Willkür des Menschen, sein oberes Bewusstsein also, hat demnach einen gewissen Spielraum. Überschreitet es allerdings bestimmte Grenzen, so kommt der Zwang, das untere Bewusstsein, ins Spiel und korrigiert gewissermaßen diese Grenzüberschreitung.

Beim Atmen kommt der Zwang immer dann ins Spiel, wenn der Mensch auf eine Weise atmen wollen würde, welche unnatürlich ist und das Leben gefährdet. Fünf Minuten lang nur auszuatmen ist ein Beispiel dafür. Ebenso ist es aber nicht nur im menschlichen Körper, sondern auch in der Welt. Denn dem Analogiegesetz folgend lässt sich das Leben des einzelnen Menschen als Abbild des universellen Lebens des Kosmos verstehen. Der Mikrokosmos entspricht dem Makrokosmos.

Was bedeutet dies nun konkret? Es bedeutet, dass in jedweder Beziehung, in welcher ein Mensch unfrei und gezwungen ist, eine Korrektur durch das universelle Leben stattfindet, welche tatsächlich heilsam und förderlich für die Seele des entsprechenden Menschen ist, auch wenn die Persönlichkeit dies vielleicht nicht anerkennen will.

Es gibt natürlich viele grausame Extremfälle auf Erden, in welchen ein solcher Zusammenhang kaum nachvollziehbar oder irgendwie gerechtfertigt erscheint. Die Auseinandersetzung auch mit diesen dunkelsten Seiten des Lebens ist natürlich wichtig für den spirituell und philosophisch Suchenden. Dennoch soll an dieser Stelle darauf verzichtet werden, da nur eine lange und ausführliche Untersuchung diesen Phänomenen gerecht werden kann. Es geht mir jetzt vielmehr darum, diesen Gedanken für den Alltag praktisch anwendbar zu machen.

Dies ist ein Experiment, welches von jedem Menschen unternommen werden kann: Immer dann nämlich, wenn ich einerseits etwas wünsche und danach strebe, andererseits aber bemerke, dass ich immer wieder durch äußere, vielleicht zufällig anmutende Zwänge und Einflüsse davon abgehalten werden, sollte ich mir zumindest die Zeit nehmen, einmal in Ruhe über diesen Wunsch nachzudenken oder zu meditieren: Ist dies wirklich förderlich für meine Seele und mein Leben? - Vielleicht werde ich dabei herausfinden, dass das, was ich zuvor noch als einen unnötigen, störenden Zwang und Zufall empfunden hatte, eigentlich eine helfende oder rettende Maßnahme des universellen Lebens war... Ein Beinbruch, eine verpasste Zugfahrt, eine plötzliche Erkrankung, ein Streit - all dies können Hilfsmaßen des Lebens sein, die den Menschen davon abhalten, seine Freiheit zu missbrauchen.

Das Leben, Gott, der Kosmos, liebt den Menschen über alle Vorstellung und manchmal muss die Persönlichkeit leiden oder der Körper Schaden nehmen, um die Gesundheit der Seele zu bewahren und/oder wiederherzustellen. Wer gesund atmet, den wird der Atem niemals zwingen, und wer seine Freiheit in gesundem Maße gebracht, den wird das Leben niemals zwingen. Wen der Zwang im Leben drängt, dem sei hiermit empfohlen, sich intensiv und ernsthaft mit den eigenen Wünschen und Absichten auseinanderzusetzen.

Schlussgedanken

Nach dieser kleinen Reise durch die Mysterien des Atems hat sich ein Eindruck hoffentlich tief in die Seele eingeprägt: Das Unscheinbare, das Alltägliche, das Allgegenwertige, dies ist zumeist der Schlüssel zu vielen großen und tiefen Mysterien. Der Atem verbindet den Menschen mit der ganzen Schöpfung, mit dem universellen Leben im Kosmos, dem Rhythmus des Lebens, der philosophischen Frage nach der Freiheit, den Fähigkeiten der praktischen Magie und vielen weiteren Aspekten, die in diesem Artikel nicht alle angeführt werden konnten.

Alles, was im Kosmos ist, das ist auch irgendwo im Menschen, und wenn der Mensch beginnt sich selbst zu erforschen, so beginnt er auch, das Weltganze zu erforschen und zu verstehen. Das ist das "Gnothi seauton" (γνῶθι σεαυτόν), das "Erkenne Dich selbst!", des Delphischen Orakels und dafür braucht der Mensch weder Computer noch Raumschiffe noch Geld noch Teilchenbeschleuniger, sondern einzig und allein seinen eigenen Körper, seinen Geist, seine Seele und sein gegebenes Lebensumfeld. Der Atem ist ein Aspekt des Menschen und durch seine Erforschung lässt sich ein Aspekt des Ganzen erfahren und ein Aspekt der ewigen, göttlichen Wesenheit. Forsche, hier und jetzt, Du selbst, bei Dir selbst und durch Dich selbst! Atem. Atem und Leben. Atem und Geist.

Der Atem als Bindeglied

Der Atem als Bindeglied

Die Alten sahen oben den Himmel und unten die Erde. Zwischen ihnen und in stetiger Bewegung wehten Wind und Wetter. Dieses Kapitel beschäftigt sich mit dem Atem als Bindeglied zwischen 'Oben und Unten'.

Ein wesentlicher Aspekt aller Mysterientraditionen ist die Verbindung zweier verschiedener Formen des Bewusstseins. Diese beiden Pole tragen in den verschiedenen Traditionen die unterschiedlichsten Namen. Ich möchte im Folgenden einfach von einem oberen Bewusstsein und einem unteren Bewusstsein sprechen, um die Bedeutung zunächst möglichst intuitiv und offen zu halten. 'Oben und unten' ist dabei bitte völlig wertungsfrei zu verstehen. Erst einmal gilt es, sich ein ungefähres Bild von diesen beiden Polen zu machen, welches durchaus eine Vereinfachung sein wird, aber für den hier behandelten Sachverhalt völlig genügt.

Das obere Bewusstsein ist im Kopfbereich und im Hirn beheimatet. Hierin gründen die willkürlichen und bewussten Prozesse: Sehen, Hören, Sprechen, bewusste Motorik, Denken... Im Bauchbereich wiederum befindet sich der Sitz des unteren Bewusstseins, worin generell die unbewussten und unwillkürlichen Prozesse gründen: Wachsen, Verdauen, Galle ausscheiden, Magensäure produzieren, Affekte, Leidenschaften... Die Funktionen des unteren Bewusstseins werden üblicherweise nicht bewusst bewirkt, sondern geschehen einfach. So zumindest aus Sicht des oberen Bewusstseins, mit welchem sich viele Menschen identifizieren.

Im unteren Bewussten ruhen jedoch unglaubliche Fähigkeiten und Kenntnisse, die der Mensch beispielsweise dann erfährt, wenn er etwas 'aus dem Bauch heraus' erfolgreich tut und es ihm ohne viel Nachdenken einfach gelingt. Ein Koch z.B., der die Zutaten nicht mit der Feinwaage abmisst, sondern gerade so in das Essen hineingibt, wie es sich für ihn stimmig anfühlt. Der Bauch des Menschen hat ganz andere Kenntnisse und Fähigkeiten als der Kopf und leider ist es doch häufig so anzutreffen, dass diese beiden, Kopf und Bauch, gegeneinander ankämpfen.

Der Atem nun ist ein besonderes Mittel der Wahl, wenn es um Praktiken geht, durch welche der Mensch diese beiden Pole miteinander verbindet und harmonisiert. Der Atem nämlich lässt sich leicht als das Mittelglied zwischen oberem und unterem Bewusstsein ausmachen: Denn die menschliche Atmung ist zumeist ein unwillkürlicher und unbewusster Prozess. Egal ob der Mensch schläft, ob er beschäftigt ist, ob er spricht, der Atem fließt, ohne dass es nötig wäre, einen Gedanken darauf zu verwenden. Er scheint also in diesem Sinne zum unteren Bewusstsein zu gehören, wie auch die Verdauung und der Wachstumsprozess. Aber, im Gegensatz zu diesen den beiden letztgenannten, kann der Mensch auch völlig willkürlichen Einfluss auf seine Atmung nehmen. Er kann sich denken: "Jetzt atme ich aus." Und dann kann er ausatmen, seiner Willkür gemäß.

Da der Atem also eine Verbindung zum oberen wie zum unteren Bewusstsein des Menschen hat, lassen sich beide Pole durch entsprechende Atemübungen miteinander verbinden und in Einklang bringen, und die verschiedensten Traditionen haben eine Vielzahl von Übungen zu genau diesem Zwecke entwickelt. Wer sich mit bewusster Atemtechnik in der Praxis beschäftig, der wird früher oder später mit solcherlei Techniken zu tun haben und lernen, die pranischen Energien der beiden Zentren (Kopf und Bauch) durch Pranayama gezielt fließen zu lassen und untereinander auszutauschen. In der westlichen Esoterik wird dieser Austausch häufig mit einem geschlossenen Stromkreislauf vergleichen, welcher zu einem starken Anstieg der verfügbaren Energien führt.

In der Kabbalah werden den drei angesprochenen Zentren im Menschen, dem oberen, dem unteren und dem mittleren, übrigens auch die drei Mutterbuchstaben Aleph, Schin und Mem symbolisch zugeordnet, welche ihrerseits wiederum mit bestimmten Elementen korrespondieren. Zudem ist diesen drei Zentren auch jeweils ein entsprechender Seelenteil analog, wobei der mittlere Seelenteil Ruach heißt, was, wie eingangs gesagt, auch Atem bedeutet. Wer hier weiter forscht, dem offenbaren sich eine Menge sehr aufschlussreicher Analogie. Hier nochmal die entsprechende Übersicht: (Dabei ist es äußerst wichtig zu verstehen, dass es sich in dieser Übersicht um Entsprechungen und nicht um Gleichsetzungen handelt! Das obere Bewusstsein entspricht Neschamah, aber es ist nicht Neschamah!)

  1. Oberes Bewusstsein - Kopfbereich - Schin (ש) - Feuer - Seele: Neschamah (נשמה),
  2. Mittleres Bewusstsein - Brustbereich - Aleph (א) - Luft - Seele: Ruach (רוח),
  3. Unteres Bewusstsein - Bauchbereich - Mem (מ) - Wasser - Seele: Nephesch (נפש).

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch Genesis 1.4, wo es wörtlich heißt: Und die Ruach (Geist, Seele, Atem; im hebräischen feminin!) von Elohim (vereinfacht oft mit Gott übersetzt. Eigentlich aber ein Wortspiel mit der Bedeutung: Das göttliche Wesen, welches männlich, weiblich, einer und viele zugleich ist.), eine Schwebende über den Wassern. So also wie beim Menschen die Brust, der Atem, die Ruach, über dem Bauch, dem Wasser, liegt, ebenso ist es auch am ersten Schöpfungstag bei Elohim: Die Ruach schwebt über den Wassern. Eine sehr interessante und vielsagende Analogie.

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Der Rhythmus des Lebens

Der Rhythmus des Lebens

Nun möchte ich zu Betrachtung verschiedener Analogien übergehen, welche mit der Atmung unmittelbar zusammenhängen. In dieses Kapitel sollen in diesem Zusammenhang auch das Assoziative Denken und das Analogiegesetz angesprochen werden.

Ich möchte den Atem jetzt also unter einem ganz anderen Gesichtspunkt betrachten, obwohl natürlich alle hier angesprochenen Gedanken tatsächlich miteinander in Beziehung stehen. Die Praxis des Atmens lehrt uns - und auch hier wird erneut erkennbar, dass die Praxis für das Verständnis unverzichtbar ist - , dass es vier Phasen im Atemprozess gibt:

  1. Einatmen,
  2. Voll-Sein,
  3. Ausatmen,
  4. Leer-Sein.

Im Sanskrit, der heiligen Sprache Indiens, derer sich der Yoga bedient, heißen diese vier Phasen wie folgt:

  1. Puraka,
  2. Antara-Kumbhaka,
  3. Rechaka,
  4. Bahya-Kumbhaka.

Werden diese vier Phasen abstrahiert betrachtet, können sie folgendermaßen benannt werden:

  1. Bewegung,
  2. erreichen Zustand,
  3. Gegenbewegung,
  4. erreichter Gegenzustand.

Dies kann man sich auch nach dem Bilde eines Pendels vorstellen:

  1. Das Pendel schlägt nach rechts aus.
  2. Das Pendel erreicht den Höhepunkt seines Ausschlags rechts.
  3. Das Pendel schlägt nach links aus.
  4. Das Pendel erreicht den Höhepunkt seines Ausschlags links.

Diesen Rhythmus nun gilt es sich gut einzuprägen, was natürlich besonders effektiv durch bewusste Atemübungen erreicht werden kann. Nun folgt der nächst Schritt. Es geht um einen absoluten Grundbaustein aller Mysterien: Das Assoziative Denken. Das Assoziative Denken ist ein Denken in Entsprechungen und Analogien, also in der Form "Wie dieses, so auch jenes". Damit steht es im Kontrast zum allgemein bekannten Kausaldenken: "Weil dieses, deshalb jenes". Das Assoziative Denken gründet auf dem sogenannten Analogiegesetz, welches u.a. seine Niederschrift in der bekannten tabula smaragdina fand und häufig vereinfacht wie folgt zusammengefasst wird: Wie oben, so unten. Wie unten, so oben. ("Quod est inferius, est sicut quod est superius, et quod est superius, est sicut quod est inferius..." - tabula smaragdina)

Ich möchte im Folgenden dieses Gesetz zur Anwendung bringen und nach Analogie zur Atmung suchen: So wie sich der Atem "unten" im Menschen verhält, ebenso sollte es sich dem Analogiegesetz zufolge auch oben, beispielsweise im Himmel, verhalten. Ein erstes gutes Beispiel dafür ist der Sonnenlauf. Wichtig ist, zu beachten, dass bei der Anwendung des Analogiegesetztes die phänomenologische Erlebnisperspektive des Menschen beibehalten werden kann, in welcher sich z.B. die Sonne sichtbar um die Erde bewegt:

  1. Die Sonne geht auf.
  2. Die Sonne steht im Zenit (höchster Sonnenstand).
  3. Die Sonne geht unter.
  4. Die Sonne steht im Nadir (tiefster Sonnenstand), bzw. die Sonne ist weg.

Aber nicht nur die Sonne, sondern beispielsweise auch der Mond fügt sich ganz natürlich in diesen vierteiligen Rhythmus des Lebens ein:

  1. Der Mond nimmt zu.
  2. Der Mond ist voll - Vollmond.
  3. Der Mond nimmt ab.
  4. Der Mond ist leer - Neumond.
Vollmond - ewigeweisheit.de

Vollmond: Antara-Kumbhaka des Mondes (Bildquelle).

Natürlich können solche gefundenen Assoziationen auch für praktische Übungen verwendet werden. So kann z.B. die entsprechende Mondphase während der Atmung bei geschlossenen Augen imaginiert werden. Diese Übung findet sich beispielsweise unter der Bezeichnung Mondatmung bei Katja Wolff in ihrem durchaus lesenswerten Buch mit dem schlichten Titel 'Magie' (vgl.: Wolff, Katja: Magie. Kunst des Wollens - Macht des Willens. München: 1992, S. 184 ff). Der Phantasie und Kreativität, die verschiedensten sinnvollen Assoziationen mit der Atmung zu verbinden, sind dabei keine Grenzen gesetzt. Hier eine kurze Übungsbeschreibung in tabellarischer Form:

  1. Einatmen - vier Zählzeiten - Imagination: Der Mond nimmt immer weiter zu.
  2. Atem anhalten - zwei Zählzeiten - Imagination: Vollmond.
  3. Ausatmen - vier Zählzeiten - Imagination: Der Mond nimmt immer weiter ab.
  4. Atem anhalten - zwei Zählzeiten - Imagination: Neumond.

Beim Anhalten des Atems ist es äußerst wichtig, dies durch das Zwerchfell zu bewerkstelligen und niemals durch ein krampfhaftes Verschließen von Nasen- und Rachenraum! Es darf dabei grundsätzlich kein Druck oder Unterdruck in der Lunge entstehen. Als nächstes möchte ich gerne den Jahreskreis betrachtet, in welchem sich ebenfalls der Rhythmus des universellen Lebens finden lässt:

  1. Frühling: Es wird wärmer.
  2. Sommer: Es ist warm.
  3. Herbst: Er wird kälter.
  4. Winter: Es ist kalt.

Diesem Kreislauf folgt natürlich auch der Kreislauf der Vegetation, wie sich an den Bäum gut beobachten lässt:

  1. Der Baum treibt Blätter und Blüten.
  2. Der Baum steht in voller Blüte.
  3. Die Blätter und Blüten fallen ab.
  4. Der Baum steht kahl.

Es lassen sich noch eine ganze Menge anderer Analogien finden und ich möchte es an dieser Stelle gerne den Leserinnen und Lesern selbst überlassen, nach weiteren Entsprechungen zu suchen. Eine solche Analogie selbst zu entdecken und zu erfahren ist nämlich noch wesentlich beeindruckender, als irgendwo davon zu lesen! Ich meine allerdings, dass die bislang angeführten Beispiele genügen sollten, um einen Gedanken erkennbar zum Ausdruck zu bringen: Die vermeintlich einfachsten Dinge des Lebens, wie beispielsweise der Atem, spiegeln sich überall in der Natur und im Kosmos wieder. Wer dies erkennt und im Herzen begreift, in dem entsteht ein Gefühl der Verbundenheit mit allem, was ist, und des tieferen Sinns in allen Phänomenen. Im Leben des Menschen pulsiert derselbe Rhythmus, der auch im Baum, im Jahr, in der Sonne und im Mond pulsiert. Dieser Rhythmus ist das universelle Leben, ist Gott oder besser gesagt einer seiner Aspekte.

Die alten Kulturen schauten diese Wahrheit auf eine selbstverständliche, zum Teil fast kindlich einfache Weise, als sie Leben, Atem, Seele und Geist in ein und dasselbe Wort brachten. Und auch einer der wichtigsten, heiligen Gottesnamen der hebräischen Tradition, der Kabbalah, das sogenannte Tetragrammaton (τετραγράμματον: wörtlich heißt dies 'Vierbuchstabe'), scheint diesen Rhythmus in seinen vier Buchstaben geradezu unmissverständlich auszudrücken: Jehovah (יהוה - zu lesen von rechts nach links):

  1. י - Die Bewegung,
  2. ה - Der Zustand,
  3. ו - Die Gegenbewegung,
  4. ה - Der Gegenzustand.

Der Mensch ist durch Analogien verbunden mit der ganzen Welt und der Atem ist ein wunderbares Beispiel dafür. Zuletzt möchte ich noch zwei besonders interessante Facetten dieser Analogie ansprechen. Die erste ist das Bild des atmenden Brahma in der indischen Philosophie. Brahma, so heißt es, atme ein und aus, und so entstehe und vergehe immer wieder die ganze Welt in einem gewaltigen Zyklus. In diesem Bilde findet sich ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis des Verhältnisses von Zeit und Ewigkeit. Eine Fragestellung, die auch den Neoplatoniker Plotinus im dritten Buch der Eneaden und den christlichen, lateinischen Kirchenlehrer Augustinus von Hippo im elften Buch seiner Confessiones stark beschäftigte. Das indische Bild vom atmenden Brahma bringt dieses Verhältnis auf den Punkt. Brahma atmet in Ewigkeit, in seinem Atem entsteht und vergeht die Welt und damit auch die Zeit:

  1. Brahma atmet aus: Die Welt und die Zeit entstehen.
  2. Brahma hält den Atem an: Die Welt und die Zeit existieren.
  3. Brahma atmet ein: Die Welt und die Zeit vergehen.
  4. Brahma hält den Atem an: Die Welt und die Zeit existieren nicht.

Das zweite besonderes Bild, was ich an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen möchte, betrifft die Reinkarnation des Menschen. Bereits in der Illias von Homer findet sich im sogenannten Blättergleichnis (Homer: Illias VI, 146 - 149) der Vergleich zwischen den Menschengeschlechtern und den Blättern der Bäume. Wer erkennt, dass die ganze Natur vom Kreislauf des Lebens geprägt ist - Atem, Sonnenlauf, Jahreslauf, Mond ... -, dem wird es immer schwerer fallen, zu glauben, dass das menschliche Leben sich wie eine mathematische Strecke verhalt soll, mit Anfang und Ende. Die folgenden Entsprechungen sollen diesen Umstand verdeutlichen:

  1. Frühling: Die knospenden Bäume treiben die Blätter. - Der menschliche Körper wird geboren. - Die Seele inkarniert.
  2. Sommer: Die Bäume stehen in voller Pracht. - Der menschliche Körper ist voll entwickelt. - Die Seele lebt im Körper.
  3. Herbst: Die Blätter fallen als Laub zu Boden. - Der menschliche Körper stirbt. - Die Seele trennt sich vom Körper.
  4. Winter: Die Bäume stehen kahl. - Der Körper löst sich auf, bzw. ist aufgelöst. - Die Seele lebt außerhalb der materiellen Welt.

Ebenso also, wie der Baum sich jedes Jahr neue Blätter schafft, so schafft sich auch die Seele jedes Erdenleben einen neuen Körper. Der Rhythmus des Lebens, welcher zugleich der Rhythmus des Atems ist, gewährt dem Menschen unter Anwendung des Analogiegesetzes tiefste Einblicke in die Mysterien des ewigen Lebens. Erforsche Deinen Atem, erforsche die Welt, erforsche das Leben, erforsche Dich selbst!

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Der Atem und die Lebenskraft: Prana - Qi - Od

Der Atem und die Lebenskraft: Prana - Qi - Od

Dieses Kapitel ist der Lebenskraft gewidmet. Dabei möchte ich einige der verschiedenen Begriffe für diese Kraft benennen, auf die besondere Verbindung von Lebenskraft und Atem eingehen und zudem die Wirkung und das Wesen dieser Kraft ansprechen. Des Weiteren soll auch die Frage danach nicht unbeachtet bleiben, ob diese Lebenskraft überhaupt tatsächlich existiert.

Wird der Atem aus einer modernen, naturwissenschaftlichen Perspektive heraus betrachtet, so offenbart er sich als ein Austausch von Gasen. Dies ist sicherlich richtig und auch interessant, aber da die meisten Leserinnen und Leser über diese Prozesse wohl ausreichend informiert sein dürften, verzichte ich darauf, diese Vorgänge genauer zu beleuchten.

Wichtig aber ist nun das Folgende: Die Naturwissenschaften arbeiten mit ganz bestimmten Methoden und kommen dadurch zu bestimmten Ergebnissen. Andere Künste und Wissenschaften können jedoch zu anderen Ergebnissen gelangen, indem sie andere Wege beschreiten. Das Wort 'Methode' nämlich kommt aus dem Alt-Griechischen von ἡ ὁδός (= der Weg) und der Präposition μετά (= mit/mittels/gemäß) und bezeichnet einen bestimmten Weg, eine feste Herangehensweise, gemäß welcher verfahren wird. Die Ergebnisse, welche aus den verschiedenen Herangehensweisen resultieren, können einander somit ergänzen und müssen nicht als Widersprüche aufgefasst werden.

Ebenso verhält es sich in Bezug auf den Atem. Verschiedene Mysterientraditionen aus den unterschiedlichen Kulturen der Welt sehen noch etwas anderes im Atem als den bloßen Austausch von Gasen. Etwas Unwägbares, bislang Unmessbares, so behaupten diese Traditionen, liege der Atmung zugrunde: Die Lebenskraft. Im fernen Asien heißt diese üblicherweise Qi, im Sanskrit und somit im Yoga spricht man vom Prana und in den westlichen Mysterienschulen trägt sie zumeist den Namen Od. Diese Lebenskraft - Od, Prana, Qi - so heißt es, liege allen Lebensäußerungen zugrunde.

Ying Yang - ewigeweisheit.de

Ying und Yang als Symbol für das Qi im Daoismus, welches beide Polaritäten in sich vereint (cc).

Das Prana - ich verwende die Ausdrücke im Folgenden synonym - bildet das Zwischenglied zwischen Geist und Materie. Es ermöglicht die gegenseitige Wechselwirkung und somit alles, was der Mensch als Leben bezeichnet. Es lässt sich durch die verschiedensten praktische Übungen kontrollieren, ansammeln und ausströmen und bildet das Medium für die unterschiedlichsten spirituellen und magischen Praktiken: Durch das Prana können Menschen heilen (auch das Reiki beruht in seiner Wirkung auf dem Prana), besondere Bewusstseinszustände erlangen, die ungewöhnlichsten körperlichen Leistungen vollbringen (besonders eindrucksvoll im Qi Gong und Kung Fu), Energien z.B. von der Sonne, dem Mond oder der Natur aufnehmen und magische Phänomene bewirken.

Das Thema Lebenskraft hat gewiss eine eigene, umfassende Untersuchung verdient, doch in diesem Artikel möchte ich es bei dem Gedanken belassen, dass es überhaupt eine Lebenskraft gibt und dass der Atem ein besonderes Medium darstellt, um mit dieser Kraft in Kontakt zu treten und zu interagieren. Eine Frage allerdings soll noch behandelt werden: Gibt es diese Lebenskraft, Qi, Prana, Od, denn tatsächlich oder handelt es sich dabei doch eher um ein Gespinst von spirituellen Romantikern und verqueren Esoterikern?

Nun, beantworten möchte ich diese sich nicht ganz einfache Frage durch eine persönliche Anekdote: Gegen Ende meiner Schulzeit wohnte ich in München. Damals übte ich mich über etwa vier Jahre im Shaolin Kung Fu (Wushu) an der WuYuan Schule bei Meister Sun Jianguo. Stets war ich sehr beeindruckt von den körperlichen Fähigkeiten, der Schnelligkeit, der Gewandtheit und der Aufmerksamkeit meines Meisters. Zur gleichen Zeit absolvierte ich gerade mein Abitur am naturwissenschaftlichen Zweig eines Gymnasiums im Münchner Landkreis.

Nun kam es gelegentlich vor, dass der Meister vom Qi sprach, welches man fließen lassen könne und welches für die richtigen Bewegungen wichtig sei. Ich kann mich noch genau erinnern, wie ich mich damals innerlich fragte: "Vom Qi habe ich niemals etwas in der Schule gehört, weder in Biologie noch in Physik oder Chemie. Was soll dieses Qi also sein?" Für mich ließ dieser Umstand nur die zwei folgenden Schlüsse zu: Entweder ist diese Kraft den Naturwissenschaften und meinen Lehrern nicht bekannt, oder der Meister, den ich, wie bereits gesagt, in vielerlei Hinsicht für seine praktischen Fähigkeiten bewunderte, dieser Mann - mit Verlaub - glaubt wohl an Märchen, was dieses Qi betrifft. Und so traurig es auch klingen mag, so nachvollziehbar ist es irgendwie: Damals hielt ich die zweite Variante für die deutlich wahrscheinlichere Antwort und fand mich damit ab, dass das sogenannte Qi wohl eher ein chinesisches Märchen sei und für meine praktische Übung nicht relevant...

Was möchte ich mit dieser Geschichte sagen? Zum einen, dass der westliche, rationale Mensch häufig ein sehr großes Vertrauen in die alleinige Wahrheit der naturwissenschaftlichen Erkenntnis legt. Dies grenzt zuweilen an einen Dogmatismus, der genau genommen alles andere als rational ist: Der unbegründete Glaube an dasjenige Weltbild, in welchem ich aufgewachsen bin. Zum anderen, dass sich die Frage nach der tatsächlichen Existenz der Lebenskraft zumindest bislang nur auf eine subjektive, empirische und praktische Weise ergründen lässt - durch eigene Versuche, Forschungen und Erfahrungen.

Viele Jahre später kam ich mit Yoga und westlicher Magie in Berührung. Ich experimentierte selbst mit Atemübungen, Pranayama und anderen Techniken, um 'das Qi fließen zu lassen'. Irgendwann gehörte es für mich fast schon zu den Selbstverständlichkeiten, dass ich spürte, wie das Qi fließt. Und heute bin ich persönlich von dessen Existenz genauso überzeugt, wie von der Existenz meines eigenen Herzschlags. Aber die Leserinnen und Leser dieses Artikels werden es auch nicht unbedingt glauben müssen oder können, nur weil ich von meiner persönlichen Erfahrung berichte. Die eigene Erfahrung ist unverzichtbar - und dies gilt wohl auch für alle anderen Bereiche der Magie, der Mystik und der Spiritualität.

Der Quantenphysiker Werner Heisenberg erwähnte einst die interessante und sinnvolle Unterscheidung zwischen Realität und Wirklichkeit (vgl.: Heisenberg, Werner: Der Teil und das Ganze. Gespräche im Umkreis der Atomphysik. München: 1988, S. 23): Realität, von der lateinischen res (die Sache) herkommend, umfasst für ihn die wahrnehmbaren Gegenstände, wie etwa einen Stuhl oder einen Tisch. Zur Wirklichkeit wiederum gehört für ihn alles, was eine Wirkung hat. So z.B. die Elektronen, welche dem Menschen zwar nicht als Sache entgegentreten, deren Wirkung und Wirklichkeit sich allerdings während der Lektüre dieses Textes auf einem elektronischen Bildschirm schwer verleugnen lässt.

Das Od ist eine Wirklichkeit, auch wenn es nicht Teil der Realität ist. Es ist keine sinnlich wahrnehmbare Sache, aber wer sich in der Praxis damit auseinandersetzt, der wird früher oder später kaum verneinen können, dass es spürbar auf ihn wirkt. Wer die Lebenskraft erkennen will, der muss sich praktisch mit ihr beschäftigen. Da hilft leider kein Bücherlesen... Einige sehr schöne und empfehlenswerte Gedanken zum Verhältnis von Bücherwissen und erlerntem/erfahrenen Wissen finden sich übrigens auch im platonischen Mythos von der Erfindung der Schrift (Platon: Phaidros 274e1 - 275b2).

Vielleicht hat die oder der eine oder andere nun bereits Lust bekommen selbst einige Experimente mit Atemübungen zu versuchen. Dies ist natürlich sehr zu begrüßen. An dieser Stelle ist allerdings der folgende Hinweis angebracht und unbedingt zu beachten: Atemübungen sind aus verschiedenen Gründen durchaus nicht ungefährlich. Wer sich also an die Praxis heranwagen möchte, dem sei hiermit wärmstens empfohlen, sich zuvor mindestens einmal gründlich zu informieren und nach Möglichkeit gerade am Anfang unter der Anleitung und Aufsicht eines erfahrenen Lehrers zu praktizieren! Ein empfehlenswertes Buch zur Vertiefung dieser Thematik ist: Licht auf Pranayama von B.K.S. Iyengar.

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