Marsilio Ficino

Prisca Theologia oder: Die gemeinsame Wurzel aller Religionen

Prisca Theologia oder: Die gemeinsame Wurzel aller Religionen

Unter den vielen Religionen auf unserem Planeten findet sich ein gemeinsames Muster, dass den Menschen in ein spirituelles System stellt, wo er auf der Erde wohnend mit der Fähigkeit ausgestattet ist, sein Leben auszurichten auf besondere himmlische Einflüsse. So kann man sagen, dass überall die Seele als Teil einer Dreiheit steht, die sich gliedert in Himmel, Mensch und Erde.

Das zumindest ist ein Teil verschiedener Hierarchien, denen man zum Beispiel in den Religionen der westlichen Weltkultur begegnet. Ihre Ursprünge aber reichen bis in die östlichen Regionen des einstigen, alten Reichs der Perser.

Um über so ein Grundsystem hinter allen Religionen sprechen zu können, bildete sich in der Renaissance die Bezeichnung der Prisca Theologia, einem lateinischen Begriff für eine »Uralte Religion«. Es war wohl der italienische Philosoph und Humanist Marsilio Ficino (1433-1499) der so eine Urreligion voraussetzte, aus deren System sich die verschiedenen philosophischen Weltbilder der westlichen Kultur ableiten lassen.

Ficino ging in seiner Lehre von der Prisca Theologia also davon aus, dass es schon immer eine einheitliche, wahre Theologie gab, die wie ein Goldener Faden durch alle Religionen verläuft. Er gleicht einem heiliger Strang göttlicher Weisheit, dessen eines Ende aus der Hand Gottes von den Völkern der Erde angenommen, über die Jahrtausende hinweg immer wieder weitergegeben wurde (man könnte diese Vorstellung auch vergleichen mit der Silsila der Sufis, der spirituellen, goldenen Kette von Lehrern, die einen Schüler über frühere Generationen von Mystikern, mit dem Propheten Mohammed und dadurch mit Allah verbindet).

Mit einem seiner Zeitgenossen, dem jungen Philosophen Giovanni Pico della Mirandola (1463-1394), bemühte sich Marsilio Ficino die Lehren der Katholischen Kirche zu reformieren. In seinen Schriften, die eben so eine Prisca Theologia voraussetzten, ging Pico della Mirandola davon aus, dass die Weisheiten

  • des Neuplatonismus (eine aus dem 3. Jhd. n. Chr. entstandene Philosophenschule, die sich auf Platon berief),
  • des Hermetismus (die religiös-philosophische Offenbarungslehre des mythischen Wissensspenders Hermes Trismegistos) und
  • der noch älteren Mosaischen Tradition (entstanden aus den fünf Büchern des Propheten Moses),

sich als solch universale Urreligion sehen ließen. Der Mosaischen Tradition der Juden jedoch, stellte Marsilio Ficino noch die Chaldäischen Orakel des Zarathustra voran (des iranischen Priesterphilosophen, Propheten und Religionsstifters des Zoroastrismus).

Ficiono wiederum verstand sich als Gelehrten in einer langen Kette von Vorgängern, die durch Gottes Erlaubnis dazu befugt waren zu diesem Wissensspeicher einer universalen Philosophie beizutragen. Nur durch die immer neu erblühenden Religionen, so Ficino, könne sich die göttliche Weisheit auf Erden allmählich entfalten. Und diese Fortentwicklung hielten Ficiono und all seine Vorgänger in Buchform fest.

Jeder dieser alten Theologen spielte dabei seine besondere Rolle. Es oblag ihnen allen eine Urwahrheit herauszuarbeiten und zu dokumentieren aus dem, was uns eben durch Platon, Hermes Trismegistos oder den persischen Propheten Zarathustra (auch »Zoroaster« genannt) überliefert wurde. Um diese Prisca Philosophia immer wieder zu verkünden, dienten jene alten Heiligen als Gefäße Göttlicher Wahrheit, als Überlieferer eines Wissens, in das sie nicht einmal selbst voll eingeweiht waren.

Ficiono und Pico della Mirandola sahen in allen Religionen nur die kulturellen Variationen einer uralten, einfachen göttlichen Wahrheit. Doch ihre Sicht schien im Zeitalter der Aufklärung (ab dem 17. Jahrhundert) vollkommen verdrängt zu werden. Denn seit dieser Zeit leugnete man jede Form einer göttlich offenbarten Weisheit, die den Menschen direkt von Gott als Religion gegeben worden sei. Was bedeutete da schon eine Prisca Theologia?

Auch wenn sich über die Vorstellungen von einer Urreligion streiten ließe, ist sie also solche, als Prisca Theologia, dennoch verwandt mit dem Konzept der Sophia Perennis, der Ewigen Weisheit. Unter der Prisca Theologia hat man sich allerdings die Urform aller Religion vorzustellen, die ihren Urpsrung nahm in ferner Vergangenheit, im Dunkel vergessener Zeiten, während die Sophia Perennis einen essentiellen Ewigkeitsaspekt aller Philosophien hervorgeheben will. Damit ließe sich gewissermaßen feststellen, dass nur die ältesten religiösen Prinzipien und Riten, jene Urreligion in ihrer reinsten Form abbilden. Je älter die Schriftquelle also ist, desto näher befindet man sich an dieser Urform religiösen Denkens.

So ließe sich die Prisca Theologia als die Wurzel aller religiösen Zweige auf Erden auffassen. Die »Wahre Religion«. Und was bedeutet das Wort Religion? Es steht für den Wunsch sich auf etwas zurück zu besinnen und sich damit wohl dem Bund eines uralten Glaubens anzuschließen.