Moderne

Eine kurze Geschichte der Abendländischen Zivilisation

Eine kurze Geschichte der Abendländischen Zivilisation

In einer Zeit, bis vor etwa 40.000 Jahren, die man als die frühe Altsteinzeit bezeichnet, lebte der Mensch in gänzlich archaischen Verhältnissen. Man kannte schon die Nutzung des Feuers. Vielleicht an dem einen oder anderen Ort, galt das Feuer sogar als etwas Sakrales, wo man es bereits zu konservieren wusste und damit das »Wahren einer Heiligen Flamme« pflegte.

Heilig war diese Flamme, da sie dem Überleben und dem damals so wichtigen Zusammenleben diente. Mit Feuer bereitete und konservierte man schließlich Nahrung oder schützte sich nachts damit vor wilden Tieren, da diese die lodernden Flammen mieden.

Es war eine Zeit in der die Menschen unterwegs waren, als Jäger und Sammler, und man in dieser Zeit noch keinen wirklichen Bezug hatte zu Raum und Zeit und auch gar nicht brauchte – denn man bewegte sich ja. Man lebte noch in vollständigem Einklang mit der Natur, mit den Tieren verschwistert, ohne zu werten, was einem da unterwegs begegnete.

Bewusst erlebten die damaligen Menschen eine vollständige Verbundenheit mit dem was sie umgab, ganz gleich ob die Gestirne, seine Mitmenschen oder die Wesen und Gegenstände in der Natur, wie Steine, Pflanzen und Tiere.

Damals pflegten die Menschen einen besonderen Ahnenkult, in dem sie sich verbunden fühlten mit der fernen Vergangenheit und dem Ursprung der Welt. Man hinterfragte nicht, sondern erlebte in dieser Voraussetzung das eigene Dasein auf Erden verwurzelt.

Allmählich wurde sich der Mensch aber auch seiner selbst bewusst, als einzelnes Wesen, wo eine noch rein intuitive, instinktive Wahrnehmung der Umgebung und der anderen Menschen in der eigenen Welt bewusst geworden war.

In der Tradition der Legenden, auf der sich auch die Lehren etwa der Theosophie oder Anthroposophie stützen, war das ungefähr auch die Zeit, als die Menschen noch auf dem mythischen Kontinent von Hyperboräa, »jenseits des Nordwinds« unterwegs waren. Aus heutiger Sicht gewiss ziemlich eigentümlich vorzustellen, doch man könnte durchaus in Erwägung ziehen, dass die heute, über das ganze Jahr hinweg von dicken Eisschichten bedeckten Regionen der Erde, einst vielleicht grün und bewaldet gewesen waren. Ein Beispiel für diese Annahme wäre etwa die dänische Insel Grønland, die ja wörtlich übersetzt »Grünland« heißt.

Wie aber kann es sein, dass es sich da tatsächlich um eine menschenwürdige Umgebung handelte? Nun, man kann sich da nur mit der einen oder anderen Erwägung behelfen. Überlegen wir uns etwa einmal, dass sich die Lage der Erdachse nicht immer in der selben Neigung befand. So gibt es heute auch archäologische Nachweise darüber, dass die Berglandschaften unter dem Eis der Antarktis, dem Südpol, vor sehr langer Zeit der Urgeschichte bewaldet gewesen waren. Angenommen also die Erdachse befand sich in aufrechter und nicht wie heute geneigter Lage, so dürfte es nur im höchsten Norden zu einer Vereisung gekommen sein, jedoch in einem Ausmaß, das weit jenseits dessen liegt, was wir heute vorfinden. Die Polkappen waren dann wohl weitaus dicker und bargen viel mehr Eis, als das heute der Fall ist, zumal es nicht zu jahreszeitlich bedingtem Abtauen kam.

In den Regionen der heute so genannten »Gemäßigten Zone« der Erde, dürften unter solchen Voraussetzungen damals dauerhaft frühlingshafte Verhältnisse vorgeherrscht haben.

Wir wollen auf all das im Folgenden noch einmal eingehen.

Beherrschung des Feuers

Dass der Mensch begann auf die Dinge die ihn umgaben Einfluss nehmen zu wollen, fing wohl ganz langsam an damit, dass man das Bewusstsein für eine gewisse Dimensionalität der Welt entwickelte. Historisch ließe sich das ansiedeln in den Jahrtausenden bis etwa 10.000 v. Chr., das heißt also in der Mittleren bis Jungen Steinzeit

Damals begannen die Menschen das Feuer tatsächlich als Kulturgut handzuhaben, da man Mittel und Wege gefunden hatte selbst Feuerzeuge herzustellen, vor vielleicht 30.000 Jahren, mittels Scharfkantiger Feuersteine (Quarz-Kiesel-Minerale) die man zum Beispiel gegen Pyrit-Kristalle schlug. Auch die ersten verbesserten Werkzeuge kannte man herzustellen, die in der Jagd ihre Verwendung fanden, wie etwa die ersten Wurfspeere.

Wollte man diese Zeit durch ein Tarot-Sinnbild kennzeichnen, eigneten sich dafür wohl die »Stäbe«, die ja sowohl lebendige Holzstöcke, wie auch Knüppel, Speere oder Lanzen symbolisieren, und bekanntlich dem alchemistischen Feuerelement zugeordnet sind.

Es war das auch die Zeit in der solche Weltlehrer die irdische Bühne betraten, wenn man so will, wie der irdische Adam der Bibel, sowie dessen Nachkommen wie Kain, Seth oder später auch Henoch, der in den Himmel entrückt von dort aus bis heute auf die Geschicke der geistigen Welt Einfluss nehmen soll.

Historisch bewegen wir uns nun in der Welt des Cro-Magnon-Menschen, des anatomisch mit dem heutigen Menschen identischen Homo Sapiens, eines nomadisch lebenden Jägers und Sammlers.

Durch die Fähigkeit selbst Feuer herzustellen, gewann natürlich auch die zivilisatorische Entwicklung einen neuen Schub. Man verstand seit dieser Zeit, vor etwa 30.000 Jahren, auch selbst Keramiken herzustellen, wozu natürlich Nutzgegenstände (wie etwa besondere Behältnisse) zählten, doch auch entstanden damals sogenannte heilige Figurinen, wie etwa die berühmte Venus von Willendorf.

In Zusammenhang mit dem daraus sich entwickelnden Mutterkult, pflegte man auch bestimmte Rituale, die sich wohl auf alte Vegetationszyklen bezogen, kurz gesagt, die man zu bestimmten Zeitpunkten pflegte, jedoch noch gänzlich losgelöst von etwaigen himmlischen Beobachtungen, die zur damaligen Zeit noch eine andere Rolle gespielt hatten.

Wie gesagt, besitzen wir heute keine wissenschaftlich belegbaren Fakten, doch dass die damaligen Menschen so lange den Kult einer irdischen Natur pflegten, mag wohl auch daran gelegen haben, dass man in dieser ewigen Frühlingsumgebung lebte, wo eine Beobachtung des Himmels und daraus erfolgende Voraussagen, noch keine für das Überleben relevante Rolle gespielt hatten.

Es war das eine »Magische Zeit«, wo man Götzenanbetung und Verehrung besonderer Idole betrieb, die da im Mittelpunkt ritueller Handlungen standen. Man war noch weit entfernt, von dieser heute im Verstandesdenken verhafteten Geistigkeit. Doch im Gegensatz zu dem Bewusstsein, das die Menschen in jener archaischen Zeit des Paläolithikum besaßen, begann man jetzt eine Dimensionalität in der Welt zu entdecken. Das begann wohl mit der Beobachtung eines Hier und Dort, einer Selbstwahrnehmung und einer Fremdwahrnehmung. Man erkannte das eigene Dasein im Verhältnis zum Sein eines Gegenübers – eines Menschen, eines Tieres oder jeder anders gearteten Sache.

Damit entwickelte sich im Empfinden der Menschen auch das, was man als Emotionalität beschreiben könnte, da man sich als Einzelnen wahrnahm, der getrennt war von dem was ihn umgab. Es dürfte damit einher gegangen sein ein Wundern über die Welt, die sich da um einen herum befand, wovon ein besonderer Zauber ausging.

Ein Zeitalter der Tugend

In dieser Welt-Erkenntnis formte sich wohl auch der Wunsch Orte entstehen zu lassen, wo man seine besondere Naturverehrung rituell zelebrierte. Die alte Kultstätte Göbekli Tepe in Kleinasien, in der heutigen Türkei, die dort vor etwa 11.500 Jahren entstanden war, deutet das an. Es war das die Menschheitsepoche, die sich im Platonischen Jahr dem Zeitalter des Löwen zuordnen lässt, dem, was in der griechischen Legende (gemäß Hesiod) dem Goldenen Zeitalter entspricht und was man in Indien das Satya-Yuga nennt: »Das Zeitalter der wahrhaftigen Tugenden«.

In der Welt der Sagen und Legenden, ist das die Phase der Geschichte gewesen, wo ganz im Westen der damals bekannten Welt, westlich des afrikanischen Atlasgebirges, im atlantischen Meer, sich eine riesige Insel befunden haben soll, wo eine damalige Hochzivilisation lebte: Atlantis. Was uns aus den Schriften des griechischen Philosophen Platon überliefert ist, ist die außergewöhnliche Form dieser Insel, die sich aus mehreren, das Meer unterteilenden Ringen bildete.

Doch, wie jeder weiß, kam es zu einer Katastrophe, in der diese Insel im Meer verschwand und das ist etwa auch die Zeit, wo wir in der griechischen Mythologie von einer »Deukalischen Flut« erfahren, die in der Bibel als die Sintflut beschrieben wird. Natürlich steht in Zusammenhang damit der Patriarch Noah und seine drei Söhne, Sem, Ham und Japeth. Interessant ist die Form jener alten Tempelanlage von Göbekli Tepe, die ja ebenfalls solche Ringform wie die der von Platon beschriebenen Atlantis besaß, was natürlich auch nur reiner Zufall sein könnte.

Vom Gold zum Silber

Nach dieser Zeit aber entstanden die ersten Siedlungen, wie etwa die von Çatalhöyük (in Kleinasien, heutiger Türkei) vor etwa 9.500 Jahren und auch die ersten Gehöfte dort, wo sich das heutige Athen in Griechenland befindet. Hieraus ergaben sich auch erste Machtstrukturen, in denen man begann Besitztum zu pflegen und Warenhandel zu betreiben mit anderen Siedlungen. Die matriarchal geprägte Gesellschaftsstruktur war bis dahin bestehen geblieben, man pflegte eine ausgeprägte Landwirtschaft und den sich daraus ergebenden Handel mittels Tauschwaren, wozu natürlich Edelmetalle wie Gold und Silber zählten.

All das geschah im Übergang vom Satya-Yuga ins Treta-Yuga, was man im Westen etwa mit der Wende vom Goldenen in das Silberne Zeitalter beschreiben könnte. Gemäß der Zeitrechnung des Platonischen Jahres, befinden wir uns da in den Jahrhunderten des Übergangs vom Zeitalter des Löwen ins Zeitalter des Krebses. Es sind dies ja zwei Tierkreiszeichen, wo ersteres astrologisch vom Gestirn der Sonne regiert wird und letzteres vom Gestirn des Mondes. Das Licht von Sonne und Mond aber, ließ gemäß der esoterischen Lehren der babylonischen Sterndeuter von Chaldäa, in der Urzeit die Metalle Gold und Silber im Erdgrund gedeihen. Und es sind ja eben diese zwei Edelmetalle, die den beiden Zeitaltern oben genannter Wendezeit ihren Namen gaben. Weniger aber ist das eine Systematisierung, als eher ein äußerst bemerkenswerter Zufall.

Im Bewusstsein der Menschen auf jeden Fall vollzog sich damit ein großer Wandel. Denn nicht mehr wusste man nur zu verstehen das Verhältnis zwischen einem Hier und Dort, man begann auch eine Räumlichkeit zu entdecken, die allerdings, rein geometrisch, sich nur auf das Land, das heißt also, auf die Fläche bezog, wo man sich in der Zweiten Dimension bewegte. Das war natürlich der Tatsache geschuldet, das man ein Bewusstsein entwickelt hatte für Besitz und Grenzen, was ja einher ging mit dem Entstehen der ersten urbanen Siedlungen.

Auch entstand in dieser Zeit das, was man als »inneres Seelenleben des Menschen« bezeichnen könnte. Heute würde man da vielleicht vom »Traumbewusstsein« sprechen. Das heißt, die auch heute im Traum auftretenden archetypischen Symbole wurden da schon erkannt, als universale Bilder. Man wusste dieses, im Traum empfundene Sehen, noch nicht gänzlich abzugrenzen vom Sehen im Wachzustand, weshalb man aus heutiger Sicht darum von einem irrationalen Empfinden oder Denken sprechen würde. Leider aber wäre diese Bezeichnung zu negativ konnotiert, wobei sie in Wirklichkeit doch eine Fähigkeit beschreibt, die heute nur wenigen Menschen gegeben ist und die sie als solche auch konstruktiv im Leben anzuwenden wissen, da sie erkannt haben, dass das angebliche Wachbewusstsein, im Grunde ebenfalls ein Schlafzustand ist, aus dem man jedoch erwachen kann!

Zwischen Himmel und Erde

Es geht hier um eine Epoche, die man als »Mythischen Zeit« bezeichnen könnte, da die Menschen damals noch alles erkannten, als untereinander verbunden. Wer sich näher mit der griechischen Mythologie beschäftigt, verirrt sich leicht in einem dichten Wald unzähliger Assoziationsmöglichkeiten, zumal ja in all den vielen Legenden darin, die von Göttern, Dämonen und Helden berichten, anscheinend immer Verbindungen bestehen, zu einer großen Zahl anderer Legenden der selben Mythologie.

Es war das auch die Zeit, in den Jahrtausenden vor unserer Zeitrechnung, wo man begann die »Heiligen Mysterien« zu feiern, wo die Menschen eingeweiht wurden in die Geheimnisse ihrer eigenen Sterblichkeit, die sich anscheinend jedes Jahr auch in ihrer Umwelt, in der Natur zu zeigen schienen. Man hatte den Wandel eines großen Zyklus der Jahreszeiten erkannt, die sich in kleineren Zeitabschnitten im Tageszyklus zeigten, wie auch in größeren Zeitabschnitten im eigenen Leben. Himmelsbeobachtungen bekamen aus diesem Grund einen immer wichtigeren Stellenwert, nicht nur praktisch, sondern auch in einer Art »Ur-Theologie«, die den Menschen nicht mehr allein als irdisches Wesen begriff, sondern ihn eingeflochten sah, im Mittelpunkt stehend, zwischen Himmlischem und Irdischem, im ewigen Kreislauf der Gestirne und der Natur, die sich mehr oder weniger zu entsprechen schienen.

Zeitmaß und Tauschwert

Man fing damals an, besondere Kalender zu konstruieren, anhand derer Voraussagen der Zukunft ermöglicht wurden. Das mag anfangs zwar rein agrartechnische Funktionen erfüllt haben, doch führte den Menschen mit seinem Bewusstsein auch in ein theologisches Verständnis, für eine aus der Transzendenz wirkende Kraft. Da entstand der Glaube an ein höheres Wesen, dass aus einem hierarchisch geschichteten Makrokosmos, eines ewigen Kreislaufes zu wirken schien, das heißt: Da begann der Glaube an Gott.

Auch hatte man gelernt, durch immer weiterte Entwicklung der aus der Jungsteinzeit überlieferten Werkzeuge, in das Erdreich vorzudringen, um dort kostbare Erden zu bergen. Im Übergang vom Zeitalter des Krebses ins Zeitalter der Zwillinge fand man Wege, um das in mineralischer und metallischer Form vorliegende Kupfer zu nutzen, zur Herstellung von Werkzeugen. Man verfügte damals schon über eine hochspezialisierte Technik zur Keramikherstellung. Hierfür verwendete man besondere Brennöfen, in denen man sehr hohe Temperaturen zu entwickeln vermochte. Damit war auch die sogenannte »Verhüttung« von Kupfer möglich, die man zur Herstellung erster metallischer Nutzgegenstände verwendete. Hier wieder kann man die Bildsprache der Tarot-Arkana ins Spiel bringen, denn als Zeit der Metallgewinnung entspricht es dem Symbol der Münzen, die ja bekanntlich aus Gold, Silber und Kupfer hergestellt wurden (interessant dabei ist, dass diese drei Metalle alle einen Schmelzpunkt um die 1.000 °C besitzen, so dass man mit der selben antiken Technologie daraus entsprechende Tauschmittel, das heißt also »Geld« herstellen konnte).

Besonders die in der matriarchalen Vinča-Kultur kannte man Techniken, die zu Vorläufern einer damals beginnende Metallzeit wurden. In dieser alten Kultur, die sich im geografischen Gebiet des heutigen Serbien entwickelt hatte, entstand auch, fast 2.000 Jahre bevor man im vorderen Orient die Keilschrift entwickelt hatte, die erste Runenschrift, die nachweislich die Vorläufer unseres heutigen Alphabets bildet, dass sich ja bekanntlich in den Jahrtausenden danach, zur sogenannten Linear-B-Schrift weiterentwickelte, die sich dann später als »Phönizisches Alphabet« durch eben die Phönizier im gesamten Mittelmeerraum verbreitete.

Das Heilige Rind

Im besagten Zeitalter der Zwillinge, also in einer Zeit zwischen etwa 6.300 und 4.200 v. Chr. betraten die Weltbühne der Religionen, auf dem indischen Subkontinent, der Held und Avatara Rama. Im Gebiet der Levante wirkte der Patriarch Abraham. Im Übergang zum Zeitalter des Stiers begann dann das, was man als die »Jüdische Zeitrechnung« bezeichnet, genauer gesagt das Jahr 3761 v. Chr. Das war die Zeit die man im westlichen Kulturkreis als Beginn des Ehernen oder Bronzenen Zeitalters versteht, im Hinduismus dem Dvapara-Yuga entsprechend, einer Zeit, in der nur noch ein geringer Teil des göttlichen Bewusstseins des Menschen lebendig war.

Da trat in Indien der Avatara Krishna auf, der ja in vielen Darstellungen in Begleitung einer heiligen Kuh abgebildet ist. Natürlich nicht zufällig, denn, wie wir sagten, ist das das Zeitalter des Stiers gewesen, wo auch in der Ägyptischen Religion auf einmal Darstellungen der Heiligen Kuh zu sehen sind, die eine Sonnenscheibe auf ihrem Haupt trägt. Auch in dem bekannten Epos des Gilgamesch (2.700 v. Chr.) taucht das Symbol eines himmlischen Stieres auf, wohl als Ebenbild des damals angebeteten Gottes.

Es war das die Zeit als die wichtigen ägyptischen Städte gegründet wurden, etwa im 3. vorchristlichen Jahrtausend. Darunter Memphis, mit dem alten Tempel des Hu-Ka-Ptah, dem Ägypten seinen Namen zu verdanken hat, wie auch die Hafenstadt Alexandria, die in der Geistesgeschichte der westlichen Zivilisation über viele Jahrhunderte hinweg Dreh- und Angelpunkt gewesen war – Stichwort: Die Bibliothek von Alexandria (allerdings erst gegründet Anfang des 3. Jahrhundert v. Chr.). Um 2.500 v. Chr. entstanden die Pyramiden von Gizeh, mehr als zwei Jahrtausende bevor man die Stadt Kairo gründete.

Monotheismus

Wenn wir zuvor sprachen vom Bronzenen Zeitalter, dann ist das auch ganz praktisch zu verstehen, denn man begann damals das gewonnene Kupfer mit Zinn zu legieren, um daraus eben Bronze zu erzeugen, woraus man dann die ersten metallenen Waffen herzustellen begann.

In dieser Zeit auch entstanden, wie etwa in der Minoischen Kultur Kretas, zwischen 2.800 und 1.100 v. Chr., verschiedene sakrale Trinkgefäße, meist aus Keramik, doch wahrscheinlich später auch aus Bronze. Als Zuordnung in die Tarot-Symbolik, fiele in diese Zeit also das Sinnbild für das alchemistische Element Wasser: Die Kelche.

Es war das auch die Zeit der großen Könige und Priester, wozu sicherlich so Namen zählen wie der biblische Fürst David und sein Sohn Salomon. Doch auch der ägyptische Echnaton, der ja die Sonne als einzigen Gott über den bisherigen Polytheismus erhob und damit jenen, den durch den Patriarchen Abraham definierten Monotheismus, auf seine Weise in Ägypten zu festigen versuchte.

In Persien entstand der Zoroastrismus, den der Prophet Zarathustra auf einem Dualismus und ständigem Widerstreit der Kräfte des Guten und des Bösen gründete, den laut seiner Weisheit nur jener überwand, der sich selbst ermächtigen konnte zu rechtem Denken, rechter Rede und rechtem Handeln.

Auch der alt-persische Kult um den Gott Mithra ist belegt, für etwa diese Zeit des 14. vorchristlichen Jahrhunderts. Zwar erst in späterer Zeit pflegte man in Rom einen besonderen Mithraskult, der sich in seiner Symbolik an diese Zeit aber zu erinnern schien, wenn auch in einer Form, die eben den Übergang vom Stier- ins Widder-Zeitalter symbolisierte, worin man in besonderen Bildnissen, in den sogenannten »Mithräen« der Tötung eines Stiers huldigte.

Es war dieses Zeitalter des Widder auch der Beginn der Eisenzeit, was auch insofern interessant ist, zumal ja astrologisch über den Widder der Mars herrscht, dem, nach Lehre der Chaldäer, auf Erden ja das Eisen entspricht.

Mit der Verhüttung von Eisen ging natürlich auch einher die Herstellung verbesserten Werkzeugs für Landwirtschaft und Städtebau, aber ebenso die Herstellung von Waffen, wobei die ersten Stähle in ihrer Härte, den Bronzewaffen weit überlegen waren. Vielleicht ließe sich darum auch historisch, hier der Beginn des Eisernen Zeitalters markieren, der finstersten Epoche der Menschheitsentwicklung, die bis zum heutigen Tage anhält – wir zumindest aber ihre schlimmen Auswirkungen noch immer spüren. Das nämlich was die Inder als das Kali-Yuga bezeichnen, das Zeitalter der Kriege und des Streits der Menschen, das wohl mit dem Beginn der Eisenzeit begann.

Unterscheidungsfähigkeit und die Bildung des Ego

In dieser Zeit gründeten die mythischen, von einer Wölfin großgezogenen Brüder Romulus und Remus, im Jahre 753 v. Chr. die Stadt Rom.

Etwa 200 Jahrhunderte nach dieser Zeit, betraten die Bühne der geschichtlichen Welt die griechischen Philosophen Parmenides und Pythgoras. Besonders jene, auf letzteren Weisheitslehrer zurückgehende Schule der Pythagoreer, sollte eine wichtige Wegmarken zeichnen, in der abendländischen Geistesgeschichte der Philosophie und Spiritualität. Im Westen wurde diese spirituelle Entwicklung auch betont mit dem Auftreten des Patriarchen Moses, sowie nach ihm durch der Propheten Hesekiel, auf den ja das berühmte Symbol des Tetramorph zurückgeht (Vier Symbole im Kreis: Mensch, Adler, Löwe, Stier; später stellvertretend verwendet als christliche Zeichen der vier Evangelisten). Im fernen China lehrte zu etwa dieser Zeit der große Philosoph Lao-Tse.

Es begann da ein Zeitabschnitt in der Weltgeschichte, den man als »Mentale Zeit« bezeichnen könnte, wo die Menschen durch einen Wandel ihrer Bewusstheit auf einmal begannen, eine in den Jahrhunderten zuvor entwickelte Unterscheidungsfähigkeit anzuwenden. Man begann zu urteilen was recht und was unrecht, was gut und was schlecht war – am deutlichsten versinnbildlicht wohl im Zeichen des Schwerts, das im Tarot das alchemistische Element der Luft versinnbildlicht, das Element der Bewusstwerdung des Raumes.

Man entwickelte also eine stärkere Bezogenheit auf den Raum und das Äußere. Damals begann man eben auch den geometrischen Raum zu erkennen, und die ihn bezeichnende Dritte Dimension.

Es scheint, als ob sich darin ein einziger Gott noch besser vorstellen ließ, als in jener Zeit, wo man dieses Raumbewusstsein noch nicht besaß. Man begann seine Betrachtungen der Welt, wohl zum ersten Mal abstrahieren zu können, woraus sich die Fähigkeit zur Reflexion entwickelte. Man erkannte sich selbst in der Welt, hatte unbewusst begonnen ein Ich zu entwickeln – psychologisch betrachtet, sein Ego zu festigen –, was einher ging mit der Herausbildung eines bewussten Lebenswillens (oder eben Unwillens).

Ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. sollten die damit entstandenen Sichtweisen auf die Welt, der Geistesentwicklung der Menschen einen weiteren Entwicklungsschub geben. Das erfolgte im Westen insbesondere mit dem Auftreten des Philosophen Sokrates – jenem Denker des Abendlandes, dem man die Entwicklung des Fragens und Hinterfragens zuschreiben kann. Sein wichtigster Schüler Platon war mehr oder minder, der Mann, der das Denken seines Lehrers Sokrates in Schriftform festhielt, so dass, wenn man von einer platonischen spricht, immer auch eine sokratische Philosophie meint.

In Fernost betrat der Buddha Siddharta Gautama die Weltbühne der Spiritualität, der auf seine Weise einen Bezug des Daseins in der materiellen Welt zu abstrahieren vermochte, eine Fähigkeit die seinen Zeitgenossen fehlte und er wohl auch deshalb als dieser Weltlehrer auftrat, um sie an ihr inneres, seelisch-geistiges Dasein zu erinnern. Das war in etwa auch das, was im Abendland Sokrates vermittelt hatte. Denn die oben angedeutete Entwicklung des persönlichen Ego, was zu einer inneren Teilung des Seelenlebens im Menschen geführt hatte, entfremdete ihn von seiner eigentlichen Bestimmung, wodurch er zunehmend begann, sich mit einer rein materiellen Welt zu identifizieren.

In dieser Zeit auch entwickelte der Mensch ein Empfinden für die Zeit, wo man das »Ablaufen des Lebens« nicht mehr nur an den vier Haupt-Tageszeiten ablas, sondern den Tagesablauf in abmessbare Stunden zu unterteilen begann.

Es war das die Zeit, als Vorstellungen eines Weltbildes entstanden, in dem die Erde im Mittelpunkt als kugelförmiger Körper stand und eben nicht mehr nur eine zweidimensionale Scheibe blieb. Detaillierte Studien hierüber betrieb bereits der Platon-Schüler Aristoteles.

Übergang ins Zeitalter der Fische

Wie zuvor bereits angedeutet, kam es im Westen durch die Gründung Roms und die daraus entstandene Römische Republik, am Anfang des 6. vorchristlichen Jahrhunderts, zu einem neuen Schub in der Urbanisierung des Lebens der Menschen, durch das, was zuvor »nur« theoretisiert wurde, wie etwa in Platons »Staat«. Damit einher ging natürlich auch die Ausbildung eines durch und durch organisierten militärischen Organs eines Heeres, das sich seit damaliger Zeit, in den Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung, nach Westen und Osten hin immer weiter ausdehnte.

Die Zeit des tausendjährigen Römischen Reichs halbierte die Geburt Christi, womit dann ja unsere, bis heute verwendete christliche Zeitrechnung begann. Auch der große jüdische Prophet Johannes der Täufer kam da zur Welt, etwa fünf Jahre vor dem Erscheinen des Messias.

Im 2. nachchristlichen Jahrhundert bestätigte der griechische Philosoph und Astronom Claudius Ptolemäus , die in den Jahrhunderten zuvor angenommene Geozentrik durch seine Himmelsbeobachtungen. Während der beiden Jahrhunderte danach, entstanden die religiösen Lehren des Gnostizismus, die jedoch bald zum theologischen Hauptgegner der damals noch jungen Christenheit werden sollten. Auch die Philosophie der sich damals bildenden Gruppierung der Neuplatoniker, entstand in dieser Zeit und teilweise auch in Konkurrenz mit den Lehren der Gnosis.

Es war das auch die Zeit, zwischen dem ausgehenden 3. bis ins 4. Jahrhundert, als die ersten christlichen Kirchengemeinden entstanden, die Christi Geburt jedoch alle noch an verschiedenen Tagen im Jahr zelebriert hatten.

325 n. Chr. tagte dann das von dem römischen Kaiser Konstantin I. in Nicäa (heute Iznik in der Türkei) einberufene Konzil, womit danach auch das Christentum zur römischen Staatsreligion wurde. 70 Jahre danach kam es zur Reichsteilung in Westrom, wo in der alten Stadt Rom der christliche Katholizismus durch den Papst und Ostrom, das heißt also Konstantinopel (heute Istanbul, Türkei), vom christliche-orthodoxen Patriarchen vertreten wurden. In Westeuropa scheinen in etwa dieser Zeitperiode, die Wurzeln der Sage um den Drachentöter Siegfried zu liegen, die auch dort bereits einen Übergang markiert, von einem germanischen Heidentum in eine eher christliche Spiritualität.

Innerhalb des Platonischen Jahres, bewegen wir uns seit etwa vier Jahrhunderten bereits im Zeitalter der Fische, deren Symbolik ja für die christliche Epoche ganz ausschlaggebend ist.

Dunkles Zeitalter und Heiliger Gral

Den Beginn des Mittelalters prägt auch das Auftreten des arabischen Propheten Mohammed und mit der sogenannten Hidschra, dem Auszug der ersten Muslime aus Mekka, im Jahre 622 n. Chr. die islamische Zeitrechnung. Das ereignete sich auch innerhalb der Epoche, als ein sagenhafter Priesterkönig Johannes in der abendländischen Geschichte auftauchte, scheinbar aber gleichzeitig auch in Nordafrika und Fernost.

Im Dunkel jedoch liegt die ungefähr 500-jährige Periode der westlichen Zivilisation. Während dieser Zeit nämlich ordnet man heute die mythischen Episoden eines christlich-paganischen Fürsten ein: Dem legendären König Artus, der vermutlich in dieser dunklen Epoche der franko-angelsächsischen Geschichte, als ein Brückenbauer wirkte, zwischen der noch heidnisch geprägten Kultur des alten Britannien und Irlands und dem mit den Römern nach England gebrachten Christentums. Es war das auch wohl die Zeit, wo der legendäre Held Parzival, einer der Ritter der arthurischen Tafelrunde, in der Weltgeschichte aufgetreten sein könnte, wo ja insbesondere das Symbol des sagenhaften »Heilige Grals« Einzug nahm in die christliche Sagenwelt des Abendlandes.

Erst im 12. Jahrhundert verfasste der deutsche Dichter Wolfram von Eschenbach seine Verse zu diesem Helden Parzival und dem heiligen Gral, der ja als Trinkgefäß beim letzten Abendmahl Christi dem Jesus und seinen Jüngern als Trinkbecher gedient haben soll und in den dann, nach dem Ableben des Christus am Kreuz, dessen Blut damit aufgefangen wurde, durch den sagenhaften Joseph von Arimathäa. Der soll den heiligen Kelch dann selbst in die englische Stadt Glastonbury gebracht haben (das legendäre Avalon), um dort die erste christliche Gemeinde in Europa zu gründen.

Perspektiven in einer Zeit der Neuordnung

Mit dem Beginn der Renaissance, im Umbruch vom Mittelalter zur Neuzeit (15. und 16. Jahrhundert) entwickelte sich etwas, das eine tatsächliche Wegmarke, nicht allein in der Geschichte der Bildenden Kunst markierte: Die Entdeckung der Perspektive, die Künstlern eine Methode gab, um mit mathematischer Exaktheit Verkürzungen in der Raumtiefe abzubilden. Zeichnungen und Gemälde erhielten damit seit dem 15. Jahrhundert eine fast realitätsidentische Wiedergabe optischer Eindrücke, was natürlich im Laufe der Zeit einen erheblichen Wandel im Bewusstsein der Menschen einleitete. Was als dritte Dimension des Raumes angenommen wurde, erhielt damit eine ganz relevante Konkretisierung. Im Menschen entwickelte sich aus diesem Bewusstwerden aber anscheinend auch der Wunsch, Dinge haben zu wollen, da er sie nicht mehr nur örtlich begriff, sondern auch ihr Ausmaß, perspektivisch betrachtend, unterscheiden ließ, zwischen einem mehr und einem weniger.

Das erste Jahrhundert der Neuzeit aber sollte noch weitere, für die Geisteskultur dieser damaligen Epoche, doch insbesondere für alles andere in der Folgezeit Entstehende, ganz wichtige Wegmarken kennzeichnen. Damals nämlich erfand der Mainzer Goldschmied Johannes Gutenberg den modernen Buchdruck mit beweglichen Lettern, was eine wahre Revolution bedeutete, für die Art der Verbreitung von Wissen. Was in den Jahrtausenden zuvor mühsam als Handschriften angefertigt wurde, und entsprechend damit nur sehr wenigen Menschen zugänglich war, konnte sich ab Ende des 15. Jahrhunderts viel einfacher als Nachricht oder Wissen verbreiten lassen.

Hätten Martin Luther und andere Reformatoren, ohne die Buchdruck-Technik Gutenbergs die Bibel übersetzt? Vielleicht, doch kaum jemand hätte je davon erfahren. Wenn Luther zuvor zwar nur über die Freiheit des Christenmenschen schrieb, um damit einen jeden über die wahre Religionsgeschichte zu unterrichten, ermahnte er die Menschen aber gleichzeitig dazu, in ihrer ständischen Ordnung zu verharren. Das dies aber nicht lange gehalten werden konnte, zeigt uns die Geschichte, etwa mit dem Deutschen Bauernkrieg von 1524, der sich nur fünf Jahre nach Luthers Thesenanschlag ereignete.

Neben der Übersetzung der Bibel kamen natürlich eine ganze Reihe anderer Schriften in Umlauf, so dass sich dadurch auch neue Überzeugungen bilden konnten, über das Wesen des Seins jenseits religiöser Weltanschauungen. Auch der Beweis für einen eigentlichen Heliozentrismus (um 1650), der die Erde als Mittelpunkt der Welt für immer erübrigen sollte, trug das Seine dazu bei.

Insbesondere ab Ende des 18. Jahrhunderts kam es da zu einem Aufbegehren gegen monarchische Strukturen in Europa. Interessanterweise war das eine Entwicklung nicht nur auf weltlicher Ebene, sondern es schien sich auch etwas im Makrokosmos zu zeigen, dass man vorher noch nicht kannte. Die Entdeckung des Planeten Uranos, im Jahre 1781, ließ den bisherigen Kosmos einer klassischen Astrologie der sieben Gestirne (Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus und Saturn) einstürzen.

Es scheint, als hätte sich so etwas mit noch einer enormeren Sprengkraft auch im Weltlichen ereignet, zumal um das letzte Viertel des 18. Jahrhunderts sich mehrere Revolutionen ereigneten, die die staatlichen und sozialen Gefüge in ihren Grundfesten erschütterten:

Mit der industriellen Revolution, deren Auswirkungen ab dem Jahr 1760 überall sichtbar werden sollten, gingen natürlich auch politische Umwälzungen der Gesellschaftsstruktur einher. Zwar gibt es keinen direkten Zusammenhang aus rein historischer Sicht, doch es ist interessant, dass in den wenigen Folgejahren des Endes des 18. Jahrhunderts, etwa 1775, die Vereinigten Staaten ihre Unabhängigkeit vom British Empire erklärten und es 1789 zur Französischen Revolution kam, die zur Abschaffung der Stände führte. Die Konsequenzen all dessen sollten ganz wesentliche Impulse überall in Europa auslösen, die das damalige Königtum fundamental veränderten und auch zu einer baldigen Schwächung des Einflusses der Kirche führten.

Zuvor bildete die Hohe Geistlichkeit den ersten Stand im französischen Staat, der Adel den zweiten und den dritten Stand alle anderen: Die Bauern und die Bürger der Städte. Der dritte Stand kam auf für die Versorgung aller, doch hatte keine Rechte. Zur Abgabe der Zehnt-Steuer an den Klerus war jedoch auch der Adel verpflichtet – ein Brauch, der sich tatsächlich seit der Zeit des Patriarchen Abraham nicht geändert hatte, der ja selbst verpflichtet war dem Priesterkönig Melchisedek von Salem »den Zehnten von Allem« zu geben (Genesis 14:20).

Strahlkraft der Vernunft?

Anscheinend kam da das Eine zum Andern und man begann immer mehr all das in Frage zu stellen, wofür die Könige und der Klerus gestanden hatten, in den Jahrtausenden zuvor. Das aber war auch die Zeit, in der ja der größte Teil der Menschheit in dunkler Unwissenheit lebte, so dass sich die Tendenz entwickelt hatte, mit der Strahlkraft der Vernunft auf-klären zu wollen. Der deutsche Philosoph Immanuel Kant, der ja in dieser Zeit der großen sozialen Umwälzungen gelebt hatte, schrieb über dieses Zeitalter der Vernunft:

Aufklärung ist der Aufgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.

In der Zeit der Aufklärung ging es nun nicht mehr um den Glauben, sondern um Beweise. Wobei das Wort »Glauben«, vielleicht seine ursprüngliche Wortherkunft teilt, mit einem glauben als vermuten. Doch das ist nicht das Selbe. Eher doch ist der Glaube an eine aus der Transzendenz wirkende Kraft, auch ein »sich Einlassen« auf ein spirituelles System, dass der Seele zur Freiheit verhelfen soll und weniger dem Körperlichen dient, noch weiter in den Mittelpunkt des Bewusstseins zu gelangen. Letzterem, das heißt der Materie, aber begann man insbesondere mit der Aufklärung zu huldigen, da sich die Dinge der physischen Welt ja durch Maß und Technik beschreiben ließen.

Wären Klerus und Adel in den Jahrhunderten bis zur Französischen Revolution aber verantwortungsvoller mit jenen umgegangen, über die sie herrschten und ihnen nicht das Recht abgesprochen hätten ein menschenwürdiges Leben zu führen, sich als freier Mensch in der Welt zu bewegen und auch selbst über Eigentum verfügen zu dürfen: Wäre es da überhaupt zu einer solchen Umwälzung gekommen?

All das auf jeden Fall, ganz gleich ob der Glaube an einen Gott oder die alten Wissenschaften, die man heute in den Bereich des Okkultismus verdrängt hat, schien während der Aufklärung unter der Oberfläche des alltäglichen, vernunftgesteuerten Denkens zu versinken – zumindest aber unterdrückt worden zu sein. Was einst eine spirituelle Praxis der Alchemie bedeutete – wo man ja nicht nur verzweifelt versuchte Gold herzustellen, sondern vielmehr seines inneren Seelenlebens gewahr zu werden – sollte eben in dieser Zeit der Französischen Revolution durch einen Antoine Laurent de Lavoisier zu einer wissenschaftlichen Chemie werden.

Interessant ist, dass sich in dieser Herauslösung des Spirituellen aus den modernen Geisteswissenschaften, auch ergab, dass sich jene, die sich um die Pflege der Esoterik, das heißt der »Inneren Wissenschaften« verpflichtet sahen, nun in den Untergrund, sich ins Verborgene zurückziehen mussten.

Eine Geheimgesellschaft die vielleicht solch innere Wissenschaften betrieben hatte, war wohl der 1776 von dem deutschen Philosophen Adam Weishaupt gegründete Orden der Illuminaten. Interessanterweise aber wird diesem Orden auch unterstellt, dass durch sein Wirken es überhaupt zur Französischen Revolution kam und dem darauf folgenden, in ganz Europa stattfindenden Kampf gegen die katholische Spiritualität. Wandte man da im geheimen Untergrund Jahrtausende altes esoterisches Wissen an, um damit ganz weltliche Veränderungen einzuleiten?

Fest steht, dass es mit diesen Revolutionen am Ende des 18. Jahrhunderts, zu einer Trennung von Offensichtlichem und Geheimem kam, von dem jedoch nur jene wussten, die schon einmal die »beiden Gesichter des Janus« gesehen hatten. Kaum verwunderlich wenn sich bereits zuvor, im Übergang ins 18. Jahrhundert, in Europa die ersten Logen der Freimaurer gründeten.

An der Oberfläche der neu entstehenden Staatengesellschaften kam es aber immer mehr zur Verhärtung eines Materialismus, was die Definition des Begriffs vom »Kapital«, durch den deutschen Philosophen Karl Marx, festigen sollte.

Auf Ebene des Bewusstseins aber entwickelten die Menschen eine wiederum neue Sicht auf die Dinge in der Welt, wurden sich, durch die allmählich gewonnene Fähigkeit zur Abstraktion, einer weiteren, der Vierten Dimension bewusst: Der Zeit. Was man als »Perspektivisches Denken« zuvor voraussetzen konnte, wandelte sich in der auf das Zeitalter der Aufklärung folgenden Moderne, in ein »Aperspektivisches Denken«. Da entstanden solch Künste, wie die durch den Spanier Pablo Picasso geprägte »Abstrakte Kunst« des 20. Jahrhunderts.

Leider aber ereigneten sich in diesem Jahrhundert auch die schlimmsten, durch Menschen verursachten Katastrophen aller Zeiten: Zwei verheerende Weltkriege, der Abwurf der Atombombe, sowie die vielen Völkermorde und der grausame Holocaust im nationalsozialistischen Deutschland.

Der schweizerische Psychologe Carl Gustav Jung schrieb sogar von einem Ende der christlichen Epoche, als Beginn eines Zeitalters des Antichristen:

Das antichristliche Zeitalter hat es an sich, dass in ihm der Geist zum Ungeist wird und dass der lebendig machende Archetypus allmählich im Rationalismus, Intellektualismus und Doktrinarismus untergeht, was folgerichtig zu einer Tragik der Moderne führt, welche, wie ein Damoklesschwert, greifbar über unseren Köpfen hängt.

– Aus C. G. Jung: Aion – Beiträge zur Symbolik des Selbst

Wird sich also der Menschen erst in der Gegenwart bewusst jener uralten Annahme – wie sie vor etwa 3.000 Jahren ein Zarathustra oder später die Gnosis definierte –, dass es kein Gutes gibt ohne dass es ein Böses zu korrumpieren versucht? Ist dann das Böse sogar noch viel gefährlicher, je weniger man es als solches auszumachen vermag? Wie auch sollte man es erkennen, wenn es sich in diesen, jenen und anderen »Ismus« hüllt, worin der moderne Mensch ja versucht, ein eigentlich lebendiges Wesen der Dinge, kategorisch einzupferchen.

Schnell erkennt man, dass das Stellen solcher Fragen äußerst heikel ist, ja es wahrscheinlich sogar sehr gefährlich ist, sie überhaupt zu stellen. Denn bekommt man es als Mensch zu tun mit diesen absoluten Gegensätzen von Gut und Böse, die sich, wie uns besonders die jüngere Geschichte zeigt, in solch unschuldige Begriffe kleiden wie »Wohlfahrt«, »Existenzsicherheit« oder »Friede unter den Völkern«, wird einem schnell gewahr, dass damit nicht nur die Welt politisch zerreißt, sondern sich immer häufiger auch das Herzen des einzelnen Menschen in zwei Hälften zu spalten scheint.

Chancen für eine Menschheit der Gegenwart

Bei alle dem jedoch, ist uns heute etwas gegeben, wozu unsere alten Vorfahren noch keinen Zugang hatten. Denn mit den Erkenntnissen über das Wesen der Dinge, die uns eben auch ein wissenschaftlicher Skeptizismus lieferte, besitzen wir damit heute eine bewertbare Gegenüberstellung zur reinen Annahme eines gläubigen Vermutens. Daher ist uns, in dieser gegenwärtigen Epoche, scheinbar möglich geworden, die eigene Fähigkeit zur Innenschau zu entwickeln, die jeder üben kann, ohne dabei das Äußere ausschließen zu müssen.

Durch die sich immer weiter klärende Transparenz, die sich zwischen dem Beginn der Neuzeit bis ins Zeitalter der Vernunft entwickelte, wodurch der Mensch das Wesen seines Bewusstseins immer näher zu erkennen vermochte, widersprachen sich darin auftauchende Bewusstseinselemente nicht mehr als »Ratio« oder »Iratio«, sondern es konnte eine »Aratio« entstehen. Das heißt, dass jedem von uns heute eine gewisse Arationalität, oder sagen wir »Unvernünftigkeit«, dabei behilflich sein kann, den wirklichen Grund unseres Daseins und unsere vielleicht verschütteten Fähigkeiten, durch ein tieferes Eindringen in die Welt des individuellen und kollektiven Unbewussten, als geborgenen Schatz ans Tageslicht unseres Bewusstseins zu befördern. Denn wir Menschen sind heute dazu fähig, das in unser Leben zu integrieren, was unsere Vorfahren an Fähigkeiten entwickelt hatten. Der deutsch-schweizerischer Philosoph Jean Gebser bezeichnete die gegenwärtige Menschheitsepoche darum als »Integrale Zeit«.

Räume der Stille

Aus dem Wunsch nach Geistesleere und innerer Stille, vermag ein Mensch in sich einen Raum zu erschaffen, woraus er bewusst – etwa durch Visualisierung – geistige Dinge in der Welt manifestieren kann. Nicht mehr nämlich ist sein geistiges Wirken allein auf die Dritte Dimension, auf eine reine Materialität beschränkt. Vielmehr kann er durch allmähliches Auflösung seines Ego, sein Bewusstsein regelrecht systematisieren, um damit kreativ handelnd, Dinge in der Raumzeit der Vierten Dimension zu erschaffen – ja sich in Zukunft darüber gar zu erheben –, etwas, worauf bereits vor über 2.000 Jahren der Christus Jesus hingewiesen hatte, in dem berühmten Gleichnis vom Senfkorn in Matthäus 17:20:

So ihr Glauben habt nur der Größe eines Senfkorns, so möget ihr sagen zu diesem Berge: Hebe dich von hinnen dorthin! So wird er sich heben und euch wird nichts unmöglich sein.

Sich eines solchen großen Glaubens an das Mögliche zu vergewissern, sollte heute gewiss zu einer Überzeugung werden. Warum? Da sich unsere moderne Weltgesellschaft, in Gegenwart einer Vierten Industriellen Revolution, wie sie das Weltwirtschaftsforum bewirbt, in immer schlimmere Krisen verfrachtet. Und es sprechen sehr viele Argumente dafür, dass, wenn wir so weitermachen wie bisher – jeder von uns –, wir unweigerlich in die Katastrophe schlittern.

Selbst aber wenn eine Wahrscheinlichkeit zur Besserung unserer Verhältnisse auf der Erde nur noch sehr gering wäre, sollten wir trotzdem alles dafür geben, Möglichkeiten zu finden, mit denen wir die Voraussetzungen schaffen für ein gesundes und nachhaltiges Zusammenleben auf unserer Erde.

So lange noch, in Fragen des Lebens, eine kleine Chance besteht, sagen wir von ein oder zwei Prozent, solange darf man nicht aufgeben. So lange muss man versuchen, die Katastrophe zu vermeiden. Wenn man mit dem Leben handelt ist es etwas anderes, als wenn man mit Geld handelt. Wenn man Geld investieren will und nur zwei Prozent Chancen hat dass es einem nicht verloren geht, dann wird nur ein Narr es investieren. Wenn ein Mensch schwer krank ist und nur zwei Prozent Chance ist, dass sein Leben gerettet werden kann, wird die Medizin mit allen Mitteln versuchen, um wegen dieser zwei Prozent, sein Leben zu retten, für das die Chance so gering ist. Und es geht bei den gesellschaftlichen Fragen um das Leben der Menschheit. Man muss also den Standpunkt einnehmen: Wenn die Chancen auch ganz gering sind, so lange man den Glauben haben kann, dass doch noch fast ein Wunder geschehen kann, so lange man nicht beweisen kann, dass es unmöglich ist […] so lange muss man jeden Versuch machen […] die Menschen aufzuwecken.

- Der Psychologe Erich Fromm in einem Interview aus dem Jahr 1977

 

Das Leben: Ein Tänzer

Das Leben: Ein Tänzer

In den spirituellen Traditionen des Westens und des Ostens, bedeuten schwere Lebenskrisen eigentlich etwas ganz anderes als das, als was man sie vielleicht persönlich empfindet. Und was für die persönliche Erfahrung gilt, das trifft auch zu auf die kollektive Empfindung schwerer Krisen.

Letztendlich bieten sich uns in Krisen sehr gute Chancen, um uns selber näher zu kommen, und dabei zu entdecken, wie wir in der Gemeinschaft erscheinen - entweder tatsächlich oder zunächst nur theoretisch.

Aus der Ruhe zum Entschluss

Die Menschheit musste sich durch unzählige Krisen schleppen und schien immer wieder - so zumindest finden wir es in den alten Überlieferungen - dem Abgrund und ihrem Ende nahe.

Wer heute Krisen durchlebt, sollte sie, zumindest ein Stück weit, erst einmal auch geschehen lassen. Bevor er sich für dies oder das zu tun entscheidet, bewahrt er Fassung doch nur durch Annehmen dessen was ist. Nur ein gefasstes Gemüt vermag richtige Entscheidungen zu treffen.

Wir sehen ohnehin erst im Rückblick, wofür eine bestimmte Krise im Leben vielleicht gut war. Und was für den Einzelnen gilt, dass ist auch wahr für die Gemeinschaft. Man muss jedoch vorsichtig sein, wenn man sich dazu anderen gegenüber äußert. Denn es kann leicht passieren, dass man mit seiner Sprache etwas zu sehr verallgemeinert. Besonders wenn es um schlimme Bosheiten geht, die Menschen anderen Menschen antaten, wäre es unverantwortlich davon zu sprechen, dass auch das Negative einen Zweck erfüllt. Wer aber in schwierigen Zeiten nach Trost sucht, sollte durchaus erwägen, die Kehrseite des Negativen als solche zu erkennen, das heißt, in den daraus wirkenden Effekten, auch etwas Gutes zu finden. Das ist möglich.

Schwere Krisenzeiten belasten uns natürlich. In fast jeder Krise aber steckt auch eine Chance. Doch um sie als solche zu erkennen, muss man die Möglichkeit zur Chance überhaupt erst einmal einräumen. Verliert man zum Beispiel seine Arbeit oder geht eine Liebesbeziehung in die Brüche, ist das schmerzhaft und man fühlt sich verunsichert. Das Leben aber bietet Überraschungen, wo doch niemand genau sagen kann was die Zukunft bringt. Und was war muss gar nicht besser sein, als das was kommt. Neue Aufgaben oder neue Lebenspartner, könnten sogar besser zu einem passen.

Sich dem Möglichen zuwenden

Als ich mit Freunden vor etwa 10 Jahren im Süden Griechenlands zurück nach Athen fuhr, passierten wir riesige Aschefelder, die große Waldbrände dort hinterließen. Mein Bedauern darüber mündlich geäußert, sagte meine Sitznachbarin zu mir:

Auch aus einem Aschefeld kommt dereinst wieder eine Blume zur Blüte.

Mir kam das damals als etwas übereifriger Optimismus vor, doch ich konnte ihrer Aussage trotzdem nur zustimmen. Zwar sah man noch die Auswirkungen dieser Katastrophe. Was aber blieb den Menschen übrig, als zu überlegen, welche nächsten Schritte notwendig waren. Bedauern nämlich half da keinem.

Nur was gegenwärtig aus einer Situation gemacht wird: Das ist relevant. Dem Vergangenen zu folgen: Wie soll das gehen? Doch dass man aus vergangenen Tragödien auch Erkenntnisse gewinnt, brauche ich niemandem einzuschärfen. Nicht aber jeder Mensch hat die selben Voraussetzungen oder das Wissen, um aus eigenen oder kollektiven Unglückserfahrungen zu lernen. Denn zu lernen bedarf einer Anstrengung und es sind nur wenige, denen im Leben die dazu notwendige Energie zur Verfügung steht.

Stellt sich da aber nicht die Frage: Was in unserem Leben frisst die meiste Energie?

Gieriges Ego

Wichtig bei Krisen ist, dass sie uns über uns selbst oder über unsere Gemeinschaft Dinge verraten können, auf die wir ohne solche Krisen niemals kämen. Wie schnell gelingt es dabei einem Menschen, die Hindernisse seines Ego zu überwinden. Und so wie es ein Ego des Einzelnen gibt, dass sich bis tief ins Unbewusste ragend, verhärtet hat, so ist es dann auch wirksam in der Gemeinschaft, als egozentrierter Gruppengeist.

Besonders heute, unterstützt durch all die vielen modernen Gerätschaften und maschinell automatisierten Hilfsmittel, scheint sich das Problem des Ego, reihum im Kreise unserer Mitmenschen (und damit unter uns), als schwieriges Problem, unsere Herzen mit immer neuen Schichten von Ichbezogenheit zu überziehen. Da wird es immer schwerer mit dem zu sehen, was die alten Mystiker das "Auge des Herzens" nannten: ein intuitiv-bewusstes, direktes Empfinden, jenseits allen Denkens.

Was die Auswirkungen dieser, in unserer modernen Gesellschaft, so tief verwurzelten Ich-Haltung bedeuten, scheint an allen Ecken und Enden immer mehr aufzulodern, bereits einer globalen Massen-Psychose ähnelnd. Beim einen, als recht schwerwiegend empfunden, weiß man dann: "Der ist krank". Doch auch andererseits, in eher lästig empfundenen Situationen mit anderen Menschen, geht es um die Wirkungen dieses allgemein gängigen Ego-Problems, das wie ein bösartiger Erreger, alle Menschen der Industire-Zivilisation infiziert hat. Es scheint da etwas am verhärteten Ego-Kern des Individuums zu zerren, das ihm überhaupt erst seine Daseinsberechtigung verleiht. Was den meisten Menschen bleibt, ist allein die Identifikation mit dem Ego.

Doch das Ego fühlt sich gerne auch ungerecht behandelt, sucht die Schuld stets bei den Anderen. In Wirklichkeit aber werden wir an unsere eigenen Unzulänglichkeiten erinnert, und der Wohlfühlbereich, von dem wir glauben, er bliebe uns für immer, wirkt auf einmal so unbehaglich. Sobald er gar zu bröckeln beginnt und wir mit dem Bereinigen unseres polierten Selbstbildes nicht mehr nachkommen, empfinden wir unser Leben zunehmend als Last.

Viel zu oft schon warteten wir zu lange in Situationen, harrten darin aus, was uns jedoch nur vermeintlich als Gelegen erschien. Längst überfällig gewordenes Tun wurde unterlassen, verschwand unter der Hand, während wir damit unserem Ego neuen Aufwind gaben: "intelligente Geräte" hektisch bedienend, damit Fotos und auch immer mehr Sprachnachrichten sendend. Auch wenn jedem klar ist, dass niemals alles, von dem was da in unserem Ego aufbrodelt und davon ausstrahlt, von anderen gelesen wird, fühlt sich unser Ego damit anscheinend ganz munter, denn das, was es da mit den anderen teilt, gibt ihm ein kurzes Gefühl der Überlegenheit, zumal es im Augenblick des Versendens ja "mehr weiß", als der Empfänger.

Viel Zeit wird heute daran verschwendet, selbst dann, wenn man dies und das auch noch andichtet, das in Wirklichkeit gar nicht existiert.

Krisen durchleben

Die Krisen die die Menschheit der Gegenwart bedrängen, scheinen also vor allem Krisen des Ego zu sein - auch wenn sie sich uns auf ganz und gar andere Weise präsentieren. Wir leben eben alle in der Annahme, dass wir unser Leben leben. Doch in Wahrheit lebt das Leben uns. In einem seiner Bücher stellte der spirituelle Lehrer Eckhart Tolle (*1948) dazu einmal treffend fest:

Das Leben ist der Tänzer und wir sind der Tanz.

Mit Passivität hat das nichts zu tun. Eher geht es darum selbst den üblen Launen des Seins nicht entkommen zu wollen, sondern sie zu durchleben, da sie uns eben auf dem Weg halten und damit daran hindern einen falschen Weg einzuschlagen - oder - falls wir uns bereits auf Abwegen befinden, uns wieder unserem Selbst näher bringen, dass dann nicht mehr dem Diktat unseres Ego gehorcht, sondern sein wahres Wesen erkannt, zum Wohle aller handelt.

Unsere durch das Ego gesteuerte Gesellschaft aber ist genau das Gegenteil eines solchen Ideals. Es ist weniger vorteilhaft zu glauben, dass man ein Leben führen könnte, das außerhalb der Gemeinschaft stattfindet. Selbst wenn da ein Eremit in diesem Moment, irgendwo in den Gemäuern oder Höhlen, seine Klausur meditierend oder betend verbringt, bedeutet das nicht, dass sich sein Wirken jenseits des Gemeinschaftswohles oder in einer fremden Welt ereignete. Oft nämlich sind es doch jene, die andere, vielleicht ganz einflussreiche Persönlichkeiten aufsuchen - einst und auch heute noch -, um guten Rat zu erhalten und damit zum Wohle der Gemeinschaft zu handeln. Und darum geht es: um das Mit-Ein-Ander, wo sich kein Ego mehr mit gegebenen Formen identifizieren braucht, sondern sich der voll bewusst gewordene Mensch, als Teil des Ganzen empfindet, selbst wenn ihm die äußeren Gegebenheiten das Gegenteil vortäuschen.

 

 

Menge und Masse: Maßstäbe der Moderne

von S. Levent Oezkan

Bei den Begriffen Quantität und Qualität handelt es sich grundsätzlich um Gegensätze. Doch auch wenn sie sich ihrer Bedeutung nach offenbar unterscheiden, besteht zwischen beiden auch eine Wechselbeziehung, die von zentraler Bedeutung ist für unsere Kultur – damals, heute und dereinst.

Wenn sie nun aber in Beziehung zueinander betrachtet werden können, besitzen Quantität und Qualität dann nicht vielleicht auch eine gemeinsame Wurzel? Sollte uns im weiteren Verlauf gelingen, dafür einen Beweis zu finden, so müsste es auch Entsprechungen zu anderen Polaritäten geben.

Fest steht: Qualität und Quantität bildeten die ersten aller kosmischen Pole, zumal alles, das sich in unserer Welt manifestierte, geprägt ist vom Wesen dieser beiden Ausdrücke – insbesondere dann, wenn es darum geht an eine Sache Anforderungen zu stellen. Nicht aber nur in der natürlichen, sondern auch in der übernatürlichen Welt metaphysischer Anschauung, bilden beide Begriffe die beiden Enden ein und der selben Wahrheit – gebildet aus dem, wofür die Worte Essenz und Substanz stehen.

Unsere moderne Welt ist Herrschaftsgebiet des menschlichen Individuums, wo es aber weniger um die essentielle Wahrheit dessen geht, worüber der Mensch Herrschaft zu erlangen sehnt. Eher geht es um des Menschen Wunsch zu besitzen, abzuzählen, Mengen zu häufen. Kurz: Das Wesentliche in seinem Leben bildet die stoffliche Welt, die »Substanz der Massen«. Die Welt des Stoffes aber bezieht sich auf das Äußere einer Exoterik. Wenn wir hier aber nun den Begriff der Tradition ins Spiel bringen, so ließe sich das Essentielle unseres Seins, auch durch die Überlieferungen einer inneren, einer esoterischen Tradition ergründen, was wir im weiteren Verlauf dieses Aufsatzes versuchen wollen.

Quantität: Anzahl und Wert

Die Quantität der Dinge in unserer Welt, bildet die Grundlagen allen sinnlichen und körperlichen Seins darin, was dem Materiellen zugeschrieben wird. Alles was uns darüber die Wissenschaft liefert, wie ihr Name ja bereits sagt, ist eben Wissen, wo manche mehr davon, andere weniger davon haben. Ein Wissenschaftler kennt die Beschreibung dessen, was wirklich ist, kennt sein Maß der Wirklichkeit. Über das darin »Wirksame« aber, die darin liegende Essenz, wissen heute nur wenige. Im Westen scheint es eben gang und gäbe zu sein, den Wert einer Sache vor allem quantitativ festlegen zu wollen und dabei zu glauben, die dahinter stehende Realität erkennen zu können, als bezifferbar – auch wenn das dabei wahrgenommene Schimmern einer vermuteten Wirklichkeit, immer wieder neue Maße beeinflussen. Wäre es da aber nicht angebrachter sich davor zurückhalten, allein durch diese, abzählbar beschriebenen Teile des Dinglichen, auf das Wesen unserer Welt schließen zu wollen?

Was als Menge abzählbar ist, lässt zwar Folgerungen über das Betrachtete zu, doch je näher man der eigentlichen Sache dabei käme, desto weiter schweifte man gleichzeitig davon ab, da sich die dabei gefundenen Details, jeweils selbst wieder, in immer feinere Abzählbarkeiten deuten lassen; man denke etwa an die physikalische Untersuchung des Mikrokosmos, mit all seinen unzähligen Kristallstrukturen, molekularen, atomaren und subatomaren Auffächerungen. Letztendlich aber käme man doch zu dem Schluss, dass sich alles Sein aus Polarem ergibt, aus positiv wie negativ »Geladenem«, aus materiell Schwerem und Leichtem, aus energetisch Starkem und Schwachen, und so weiter. Zwar ließe sich darin alles nur Erdenkliche abmessen, quantifizieren und gegeneinander abwägen, doch bliebe das so erhalten Abzählbare, dabei immer nur eine Messung des Substantiellen und damit nur Erscheinung von Maßen, die wahrscheinlich einer Wirklichkeit entsprechen, die eben nicht entzifferbar ist, sondern immer nur erfahrbar bleibt.

Qualität kennt kein Maß

Den Wert dessen liefert die Qualität des Wirklichen, die den Betrachter nicht nur zur Erkenntnis darüber befähigt, sondern ungeachtet irgendwelcher abmessbaren Fakten, ihn mitunter sogar zu inspirieren vermag. Wenn in esoterischen Kreisen oft die Rede ist von »Einweihung«, meint das kein Inkenntnissetzen, sondern ein Erfahren des Einen, dem einer geweiht wird. Die Wirklichkeit die einer dabei kennenlernt, lässt sich jedoch nicht messen, sondern allenfalls betiteln. Was darin aber wirksam ist, ist die Essenz dessen, worum es sich bei dieser Betrachtung handelt: Es ist wie ein Same aus dem ein riesiger Baum wächst, wie ein Funke der ein großes Feuer entfacht, wie eine Wahrheit, von der erfahren, ein Mensch sein Leben als solches verändern möchte, eine Ursache, die manchmal sogar über Leben und Tod eines Individuums entscheidet. Doch auch viel weniger dramatische Vorgänge, lassen sich durch nichts bemessen oder abzählen, wie das Gefühl, dass man empfindet, wenn man sich verstanden fühlt, wie die Gewissheit die man verspürt, wenn man mit etwas im Leben abgeschlossen hat, und so weiter.

Doch durch all die Betitelungen dessen, was wir hier als Qualität definieren wollen, ist eine darin wirkende Essenz, anscheinend austauschbar geworden. Das heißt, dass die Güte eines Dinges nur Menge und Zahl bewerten, doch weniger der Wert an sich, der die eigentliche Qualität von etwas begrenzt, quantifiziert. Das aber verallgemeinert seine wesentliche Sinnbedeutung, verwischt sie sogar und macht sie ungreifbar. In der Erkenntnis des innersten Wesens einer Angelegenheit aber, wird aus dem darin wirksamen »Essentiellen«, vorrangig ein Prinzip, ein Grundsatz, aus dem sich weitere Prinzipien hierarchisieren lassen.

Wenn sich also Quantität immer auf eine horizontale Sichtweise von etwas Bemessbarem oder Abwägbarem bezieht – man denke an die beiden Schalen einer Waage – so stehen die in einer Qualität wirksamen Prinzipien dazu vertikal, auch wenn man das Bessere durch Maße beziffern kann. Hierarchie und Qualität nun sind traditionell von einander untrennbare Begrifflichkeiten. Sie bildeten im Altertum die klerikalen oder aristokratischen Rangordnungen, die sich jedoch einer nach oben hin ewig weiter erstreckenden Überordnung beugten (man denke hier etwa an den Begriff des »Gottkönigtums«, dass besonders in der Esoterik ein geläufiger Begriff ist). Solch hierarchische Ordnung lässt sich aber auch auf den Mikrokosmos des menschlichen Körpers übertragen, in dem ja jedes Organ seine jeweils über- oder untergeordnete Rolle spielt.

Es ließe sich der so geschilderte, untrennbare Zusammenhang zwischen Hierarchie und Qualität symbolisch durch eine Vertikale skizzieren. Wobei das, was wir als Hierarchie andeuteten, natürlich von positiver oder negativer Qualität sein kann, so dann sich zur eben definierten Vertikalen, auch eine Horizontale ergibt, die beide im Symbol des Kreuzes zusammenlaufen. Nun ließe sich damit alles Vertikale, als Symbol des Hierarchischen der Qualität, alles Horizontale als Symbol für den Wert eines Dinges, seine positiven und negativen Aspekte betrachten.

Quantität und Qualität in Wechselbeziehung

Auch wenn im Allgemeinen Quantität und Qualität als gegenläufige Begriffe verstanden werden, widersprechen sie sich nicht wirklich. Ja sie ergänzen sogar einander gegenseitig und besitzen das Potential sich zu einen, dort wo ihre Prinzipien zusammenlaufen, sich überkreuzen. Wir hatten zuvor von einer Symbolik des Vertikalen und des Horizontalen gesprochen, wo erstere die Beschaffenheit des Qualitativen symbolisiert, letztere jene des Quantitativen. Im Symbol des Kreuzes laufen diese beiden Größen an der Stelle des Schnittpunkts zusammen. Das Spannungsfeld zwischen Rechtem und Linkem, zwischen Unten und Oben, zwischen Gut und Böse, zwischen Ursprung und Unendlichkeit, kommt in dieser Kreuzung zum Ausdruck – woraus sich ein aus vier Größen zusammengesetztes Ganzes ergibt. Wählte einer etwa nur die Quantität als Maßstab aller Dinge, entbehrte er durchaus wichtiger Hinweise auf das, was wirklich ist, was ja eben aus der Hierarchisierung des Ganzen, als Qualität hervorgeht.

Betrachten wir die Symbolik des Kreuzes, neben der berühmten Form des Symbols im Christentum, als, sagen wir, eine durch einen Kreis abgeschlossene Form, in der der rechtwinklige Achsenschnittpunkt den Kreis-Mittelpunkt bildet, ließe sich daraus eine universale Vierheit ableiten, eine »Quaternität«, die zum Beispiel für die Beschreibung der vier alchemistischen Elementen (Feuer, Wasser, Luft und Erde) ebenso griffe, wie in Betrachtungen der Gesetzmäßigkeiten der vier Jahreszeiten, bei den Lebensphasen eines Menschen und unzähligen anderen Größen, die auf einer elementaren Vierheit basieren.

Es scheint dabei aber kein Zufall zu sein, dass solche Mandalas oder Symbole der Quaternität, nicht nur in historischen Monumenten der Völker in West und Ost auftauchen, sondern ebenso in den nächtlichen Träumen ahnungsloser Menschen, deren Auffassung vom Sein ganz und gar durch die Moderne bestimmt ist. Denn diese Formen der Quaternität sind Ordnungssymbole, die sich einem Träumer vor allem in Zeiten darbieten, wo er nicht weiß wo im Leben er gerade steht oder aber erkennt, dass er sich neu erfindend orientieren muss. Und wenn sich eine Quaternität als universale Vierheit vor allem im Wachzustand dazu eignet, allgemeingültig eingesetzt zu werden, so findet eben angedeutete Orientierung doch dort statt, wo eben einer seinen inneren, individuellen Orientierungspunkt erkannt hat. Da erfindet er sich neu, um sich aus dem, was er vielleicht als Chaos im Leben satt hat, zu entfernen in Richtung des Lichts, das ja bekanntlich jeden Morgen im Osten als Sonne aufsteigt, der Richtung, die die Römer eben »Orient« nannten. Wer vom Pfade abkam, orientiert sich nach dem Licht.

Einen Richtungswechsel, eine »Neuorientierung« aber erfordert ein sich Einlassen auf diese, hier und im Folgenden gelieferte »symbolische Assistenz«. Das heißt, dass eine neue »Himmelrichtung« im individuellen Kosmos eines inneren Selbst bewusst gemacht wird, die sich jenseits dessen befindet, was moderne, technische oder digitale Hilfsmittel bieten. Denn wenn es um eine Neuentfaltung des Selbst geht, kann es sich nur im Bewusstsein eines Menschen ereignen, wodurch es seinen eigentlichen Daseinssinn wiedererlangen kann. Diesen Zugang aber versperren in unserer modernen Welt die äußeren Verbindlichkeiten, wozu aller Wunsch zur Anhäufung von Reichtümern ebenso gehört, wie das Klammern an das, was man bereits hat. Alles Sinnvolle aber, mit dem das Selbst des Individuums in diesem Körper auf Erden inkarnierte, scheint, seit jener Zeit der Aufklärung, die ja mit einer industriellen Revolution einherging, in Sinnwidriges verkehrt worden zu sein. Denn schon lange geht es nicht mehr darum, das Wesen und die Aufgabe des Selbst und die von ihm ausgehenden Botschaften zu erkennen. Eher fragt man da nach dem Sinn solcher Botschaften, da der an den modernen Massenmenschen eben besser verfüttert werden kann, in Form audiovisueller Medien. Ob dieser Sinn auch Qualität besitzt, spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Eher geht es darum solche Nachrichten weitgefächert zu verbreiten.

Alles in der modernen Welt leuchtet, ist illuminiert und es scheint, im wahrsten Sinne des Wortes, als bringe uns in allen Lebensbereichen dieses Funkeln und Blinken die Umwelt so bei, wie auch wir, in unseren Händen haltend, uns selbst. Es sind darum immer mehr »Lichtträger« unterwegs. Schaut man sich die lateinische Bezeichnung dafür an, die sich aus den Wörtern »lux«, für das Licht, und »ferre«, tragen, ergibt, kommt man zum »Luziferischen«, ein Wort das die meisten unter uns mit Begriffen wie Bosheit und Arroganz assoziieren, und dabei womöglich auch Ängste in ihnen aufsteigen, die aber ohnehin schon mit immer neuen Hysterien, anscheinend in jedem von uns aufgerufen werden, mit dem Ziel den Konsum aufrecht zu erhalten, denn wer Angst hat hamstert und verbirgt sich hernach ungesehen in seinem Bau. Und wer sich dort verbrigt lässt sich besser kontrollieren.

Kontrast der Extreme von Gut und Böse

Jene Hypes und inszenierten Begeisterungen für den Wunsch sich zu fürchten, scheinen gleichzeitig eine Erwartungshaltung zu prägen, die sogar mediale Bilder von Naturkatastrophen und anderen Desastern, zu befriedigen scheinen. Alles was mit einer Moral einhergeht aber scheint als altmodisches Gewäsch nur abgewunken zu werden, zumal man solch Medien ja getrost im stillen Kämmerlein konsumiert. Das darin gezeigte Bilder aber nicht zufällig durch die Kanäle moderner Medien unser Bewusstsein mit Negativität überfluten, scheint immer zu bedenken zu geben, was vor 80 Jahren in Europa als eine in der Johannes-Offenbarung vorausgesagte Endzeit erfahren worden sein dürfte. Ereignete sich das damals auf materiellem Niveau, scheint nunmehr etwas auf Ebene des Emotionalen eingerissen zu werden, bei den meisten Menschen der Nationen, die teilnehmen an dem, was das Weltwirtschaftsforum die »Vierte industrielle Revolution« nennt.

Wesensglieder des Zweigeteilten

Werfen wir unseren Blick nun aber einmal in die ferne Vergangenheit. Da lesen wir in der Bibel über etwas, dass sich anscheinend, wie schon so häufig, gerade wieder abzuspielen scheint und die Rufe jener laut werden lässt, die auf eine Endzeit warten. So wie die Johannes-Offenbarung, am Ende des Neuen Testaments, nun auf ein Kommen des Antichristen hindeutet, soll diese Wesenheit die Macht auf Erden übernehmen – für gewisse Zeit. Und das auch nur für jene, die überhaupt aller spirituellen Tradition den Rücken gekehrt haben. Es ist eben doch die Tradition, die nicht allein den Sinn des abzählbaren Maßes von Gutem und Schlechtem, von digitaler Eins und Null, sondern sich immer auch der hierarchischen Lage dessen bewusst ist, auf der sich ein Maß vermeintlich bewertbarer Gegensätze bezieht.

Wenn wir zuvor nun aber von Qualität und Quantität sprachen, wieso kommt nun auf einmal die Sprache auf den Antichristen, den Widersacher dessen, den das Neue Testament den Christus nennt? Nun, es soll hierdurch überhaupt einmal deutlich gemacht werden, was sich im Erkennen des Hierarchischen der Qualität, für das Verständnis dessen ergibt, was man »Das Böse« nennt.

Christus und der Antichrist stehen im Verhältnis wie das Licht und der Schatten, wie die Wahrheit zur Unwahrheit, wie der Glanz zur Täuschung und letztendlich das Gute zum Bösen. Das Gute, könnte man sagen, existiert ohne Böses, denn es hat Substanz, während Letzteres substanzlos ist. Es ist – das Böse aber ist nicht. Wenn das Gute als wahrhaftig Besseres existiert, entspricht seine Fehlerhaftigkeit dem Bösen. Alles Gute trägt zur Besserung dessen bei, wovon man Gutes hält, während das Böse zur Schädigung dessen führt. Denn das Böse ist widernatürlich, schwächt und zerstört alles Natürliche.

Wenn aber, wie wir oben sagten, der Schatten als Gegenteil des Lichts angesehen wird, so kommt da aber noch der Faktor der Form ins Spiel, etwas, dass in unserer alltäglichen Welt etwa ein physisches Objekt bildet. Denn würden Licht und Schatten »gleichgültig nebeneinander« existieren, ergäbe sich Form erst durch ihr Zusammenwirken. Doch kann das überhaupt sein?

Fest steht, dass Schatten das Licht voraussetzt. Und so muss es auch eine Form geben, die den Schatten wirft, da sie das Licht verstellt. So wäre der Schatten also eine Abwesenheit des Lichts wegen der Form das es verstellt. Die Art aber, wie der Schatten dem Licht durch die Form gegenübersteht, setzt die Qualität dieser Form voraus: Ist sie perfekt, so ist auch der Schatten perfekt.

Doch all das bleibt zunächst nur philosophisches Beurteilen, das im Angesicht dessen, was etwas in den Konzentrationslagern von einst (und heute), nur wie blanker Hohn klingt, wenn da einer kommt und mit diesem Vergleich von Licht und Schatten behaupte, das Böse sei entsprechend »nur« die Abwesenheit des Guten.

Man sollte sich daher vorsehen, die eigentlichen Ebenen der Hierarchie dieser Gegensätze, auf einen Nenner bringen zu wollen. Eine abstrakte Vorstellung von Gut und Böse aber zu vergleichen mit Licht und Finsternis, wäre philosophisch durchaus denkbar. Doch wer vom Gräuel dessen weiß, was Menschen einander antun können, der wird dem Bösen keine Wesenhaftigkeit absprechen, sondern es als tatsächliche Wirkmacht ansehen, die im Feld des Guten immenses Leid zu verursachen vermag.

Es wäre daher vielleicht angebracht, die Pole von Gutem und Bösem, auf zumindest drei Ebenen im Menschsein, bewussten Hierarchien zuzuordnen, entsprechend Körper, Seele und Geist. Schaute man dabei, metaphorisch gesprochen, vom Geistigen hinab ins Körperliche, so erkannte man da eine Tendenz zu einem Dualismus von Gutem auf der einen und von Bösem auf der anderen Seite. Besonders in der modernen Kultur scheinen nur Extreme ihrer Gültigkeit gerecht zu werden, die sich allein nur zwischen Ja und Nein bewegen, zwischen Zusage und Absage, zwischen Positivem und Negativem, nur damit ihrem Wert gerecht werden. Würde man nun aber vom Körperlichen hinauf in die Geistigkeit schauen, so vielleicht ließe sich doch eine Tendenz eines Monismus des Guten erahnen – wo eben nur das Gute ist und alles was man dort Böse nennt, eben allein jener bereits angedeutete Abwesenheit des Gutem gleichkommt.

Traditionell bedeutet nicht altmodisch

Wenn hier nun die Rede ist von einer Tendenz zum Monismus, meint das gleichzeitig auch den Hinweis auf die Tradition oder Philosophia Perennis – die Ewige Weisheit. Alles was in der Moderne erscheint ist einmalig und, ganz gleich ob von hoher Qualität oder nicht, wohl auch einzigartig. Doch über das, was Tradition bedeutet, scheint man nicht mehr zu wissen, sondern allenfalls mit dem Wort »altmodisch« zu verwechseln. Was wir zuvor als Qualität definierten aber ist als hierarchische, vertikale Dimension, deren Grade sich zwischen Himmel und Erde erstrecken, ganz eng mit dem Traditionsbegriff verbunden.

Entbehrt die Moderne aber der Kenntnis dessen, was Tradition bedeutet, so neigt auch ihre Fähigkeit zum Verständnis dessen, was die ersten und eigentlichen Prinzipien unseres Seins auf Erden bedeuten. Es wäre also falsch anzunehmen, dass es sich hierbei um reine Wissenschaft handelt, sondern eher um das, was man Verstehen nennt. Was im Westen als Lernen und erfolgreiches Leben verstanden wird, ist darum nichts als ein Maß für das Erreichte, das man sich zu eigen gemacht, sich erworben hat – seien es Wissen, Geld oder Güter. Das Element der Qualität dieser Dinge aber scheint nur eine nebensächliche Rolle zu spielen. Denn wenn es um Wissen geht, zählt nur das an Statistiken messbare Quantum an Kompetenz. Kurz: Dem modernen Geist mangelt es an Qualitativem. Masse steht über Klasse, allein Quantität zählt. Und diese Feststellung bezieht sich nicht allein auf den Durchschnittsbürger oder jene, die Qualität allein in Hinsicht auf ein Funktionieren in der mengenproduzierenden Industrie oder in der Datenverarbeitungsbranche bewerten; diese Mentalität findet sich leider auch unter Geisteswissenschaftlern moderner Pädagogik. Doch selbst wenn viele unter jenen sehr viel Wissen angehäuft haben, bedeutet das keineswegs, dass auch ihr Handeln entsprechend bedachter erfolgte oder »weiser« wäre. Einer den man einen »Wissenden« nennt, ist nicht einer der viel weiß. Sein Wissen ist von höchster Güte, das geäußert keiner weiteren Erläuterungen bedarf. Die Wissensgesellschaft aber, in der wir gegenwärtig leben, legt anscheinend mehr Wert auf das Quantum an Wissbarem, dass sich jedoch oft nur aus einer langen Reihe von Informationen zusammensetzt, die ihren Sinn allenfalls in Bezug auf Äußerlichkeiten erfüllen.

Wo ist das Leben, dass wir an unseren Lebensunterhalt verloren haben?
Wo ist die Weisheit, die wir ans Wissen verloren haben?
Wo ist das Wissen, das uns in den Informationen verloren ging?

- Thomas Stearns Eliot (1888-1965)

Diese Tendenz, die Menschen seit der industriellen Revolution entwickelten, beklakte auch der amerikanische Historiker Theodore Roszak (1933-2011), in einem Essay mit dem Titel »Ethik, Ekstase und das Studium der Neuen Religionen«:

Während der vergangenen zwei Jahrhunderte, bot uns eine allgemein weltlich geprägte Meinung, viele verschiedene Lesarten über die Natur des Menschen: Darwinismus, Marxismus, Freudianismus, Behaviourismus (naturwissenschaftliche Verhaltensforschung), Positivismus, Existenzialismus oder Soziobiologie. Da brachte man uns bei, dass wir »nackte Affen« und »Maschinen aus Fleisch« sind, Kreaturen »jenseits aller Freiheit und Würde«, deren Leben gesteuert wird von Neurofeedback oder einem Reflexbogen (der für die Auslösung oder Entstehung von Nervenimpulsen oder Reflexen verantwortlich ist), Interessen der gesellschaftlichen Klasse oder sexuellen Gelüsten, gelenkt durch ökonomischen Egoismus oder genetische Programmierung, durch kulturelle Konditionierung oder historische Notwendigkeit. Ist es aber nicht merkwürdig, wie all diese Bilder dazu bestimmt zu sein scheinen, unsere tiefgehende Intuition zu entwurzeln darüber, was Freiheit und ein höherer Sinn in unserem Leben sein könnten – und wie nichts davon unserer Sehnsucht nach Erfüllung gerecht wird, etwas Höheres im Leben zu erreichen. Niemand wässert da die Samen in uns, die nach Kultivierung verlangen.

Dabei ist Lebensqualität ja die Voraussetzung, für das, was man unter dem traditionellen Kulturbegriff versteht. Nur wird die Sichtweise, dass Qualität eher über Quantität steht, in unserer säkular geprägten Gesellschaft, die vorgeblich ganz ohne religiöse oder traditionelle Spiritualität auskommt, beharrlich abgelehnt. Es wäre aber falsch gegenüber dieser Tatsache Pessimismus walten zu lassen. Denn eine integrale Sicht auf die Welt, ließe sicherlich zu, die traditionellen Vorstellungen des Qualitativen, auch in unserer heutigen Kultur zu integrieren. Voraussetzung dafür aber wäre die Grundprinzipien dessen zu kennen, von wo aus ein qualitativer Standpunkt in der Betrachtung unserer Welt eingenommen werden müsste. Damit sich das aber tatsächlich ereignet, wäre erforderlich, dass sich ein entsprechendes Bewusstsein im Menschen aus der Bildungsschicht im Westen entwickelt, dass den Wunsch auslöst, sich mit solchen uralten Werten und auch Geheimnissen zu befassen – das ja bereits bei all jenen eingesetzt haben dürfte, die zum Beispiel Therapieformen mit ganzheitlichen Ansätzen, als wirksamer erachten, als rein wissenschaftliche Herangehensweisen. Auch wenn es um die Fragen einer nachhaltigen Land-, Garten- und Forstwirtschaft geht, dürfte so ein Umdenken nachhaltigere Tendenzen im Handeln der Menschen hervorbringen.

Es scheint ebenso kein Zufall zu sein, dass sich heute viele Menschen der Moderne, eher nach Fernost richten, wenn es um die Frage der Existenz einer geistigen Welt geht und die damit zusammenhängenden, traditionellen Weltanschauungen, die auch einen direkt praxisbezogenen Anteil besitzen. Doch sollte damit eher kein Ersatz für die Traditionen des Westens geschaffen, sondern in fernöstlicher Weisheit vielmehr Inspirationsquellen recherchiert werden, die sich in ihrer Universalität auch in den alten Traditionen des Westens zu erkennen geben, es sei denn, man ist bereit dazu sie zu entdecken und hat die nötige Selbsterfahrung entwickelt, um sie als solche auch zu erkennen.

 

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