Mund

Die mythische Ebene: Spiegelungen im Bewusstseinsfeld der Seele

Die mythische Ebene: Spiegelungen im Bewusstseinsfeld der Seele

Mysterien von Eleusis - ewigeweisheit.de

Heute gelten Nachrichten, Ereignisse und Aussagen nur dann als anerkannte Fakten, wenn sie einen Bezug haben zu einem Ort und einem Zeitpunkt, zumindest aber einer dieser beiden Größen. Selbst aber wenn das heute als Voraussetzung gilt, musste sich so etwas wie Raum- und Zeitbewusstsein erst entwickeln. Tausende von Jahren dauerte es, bis sich der Mensch den Mysterien von Raum und Zeit bewusst wurde.

Über das Empfinden der Bewegung seines selbst bewusst gewordenen Körpers durch die Welt, entwickelte der Mensch ein Gefühl für das, was wir heute »Raum« nennen. Dieses räumliche Wahrnehmen entfaltete sich allmählich zu einer geistigen Funktion, die irgendwann im Erleben des unendlichen Raumes gipfeln sollte. Das aber war die Voraussetzung dafür, das der Mensch schließlich ein weiteres, neues Geistesmaß entdeckte: die Zeit.

Wenn die geschichtliche Wissenschaft nun von einer Vorzeit spricht, bezeichnet dieser Ausdruck ganz deutlich das Element der magischen Bewusstseinsstruktur: Eine Vor-Zeit lag vor dem Zeit-Bewusstsein. Hiermit erübrigt sich jedoch eine Nachforschung wann es zu diesem menschlichen Empfinden der Raumzeit kam, zumal es in der Periode der magischen Bewusstseinsstruktur eben noch kein Zeitmaß gab. Womöglich aber ereignete sich diese nächste Bewusstseinsmutation in der nachatlantischen Epoche, also vermutlich vor ungefähr 12.000 Jahren.

In dieser Ära kam es zu verschiedenen, ganz maßgeblichen Veränderungen in der menschlichen Wahrnehmung. Ab einem gewissen Moment, vielleicht am Ende der letzten Eiszeit, begann man in Europa besondere jahreszeitliche Riten zu zelebrieren. Das ging einher damit, dass der Mensch begann die Bewegung der Himmelskörper voraussagen zu wollen. An den Himmelsbewegungen laß er ab, wann der Zeitpunkt für eben solche Feste gekommen war und vermerkte sie in seinen damals entwickelten Kalendern. Er wurde also einer sich verändernden Welt bewusst, worin er sich selbst wiederfand, in einem wohl als Spannungsfeld empfundenen Raum zwischen Irdischem und Himmlischem.

Was den Menschen der magischen Bewusstseinsstruktur noch in seiner Naturverflochtenheit gefangen hielt, daraus sollte er sich nun lösen, mit dem Erkennen der Rhythmen der Natur. In diesem Heraustreten aus den Verflechtungen seines eindimensionalen Empfindens aber, sollte er sich bewegen in ein Empfinden einer zunächst zyklischen Zeit.

In einer Welt sprechender Münder

Immer wieder hatte sich die Menschheit neu erfunden. In archaischer Zeit identifizierte sie sich noch als Einheit mit dem sie Umgebenden, empfand sich als Teil einer ursprünglichen Ganzheit allen Seins.

Die magischen Menschen sahen sich in der Natur verwoben, doch hatten sich darin erkannt, worin sie sich zum ersten Mal ihrer selbst bewusst wurden und begannen sich wahrzunehmen.

Jean Gebser führte nun noch eine weitere Stufe der Bewusstseinsentwicklung ein, die er als die »mythische Ebene« bezeichnete. Hierauf begab sich die Menschheit in einer Zeit, als jemand einen Anderen von Mund zu Ohr, über das Wesen des Seins unterrichtete.

Das diese neu entstandene Bewusstseinsebene, als »mythisch« angesprochen wurde, hatte einen guten Grund: das griechische Wort »Mythos« nämlich bedeutet »Rede«, »Wort« oder »Bericht« und ist auch verwandt mit dem englischen Wort »mouth«, für den Mund. Das man im Deutschen synonym für Mythos das Wort »Sage« verwendet, kommt auch nicht von ungefähr, geht es da doch eben um ein »Sagen«, ein Erzählen.

Wenn wir uns aber der Bedeutung des griechischen Wortes »Mythos« zuwenden, insbesondere der darin enthaltenen Wurzel »my« oder »mu« (Anm.: der griechische Buchstabe »y«, wird sowohl als »i«, »ü« wie auch als »u« ausgesprochen), was »laut werden« oder »ertönen« bedeutet, stoßen wir auf einen interessanten Zusammenhang: denn auch ein anderes griechisches Wort besitzt benannte Wortwurzel »my«: das Wort »myein«, was für ein »Sichschließen« steht, womit eben der geschlossene Mund gemeint ist. Im Sanskrit gibt es ebenfalls ein Wort mit dieser Wurzel, nämlich »mukas«, dass diesen Zusammenhang noch unterstreicht: da bedeutet es »stumm«. Und auch im Lateinischen begegnet man dieser Silbe »mu« mit »mutus«, das ebenfalls »stumm« bedeutet.

Im Griechischen ist die Wurzel »mu« oder »my« überdies enthalten am Anfang dieser Wörter: »Mystos«, dem Mysten, der in die geheimen Mysterien eingeweiht wurde, sowie in »Mysterion«, dem entsprechenden Mysterienkult. Beides sind Ableitungen von »myo«, dass ebenfalls die Wurzel »my« (beziehungsweise »mu«) enthält, und für den eigentlichen Grund eines geschlossenen Menschenmundes steht: Über Geheimnisse wird geschwiegen.

Aus dem griechischen Mystos entwickelte sich später dann das, was man in christlicher Zeit zur Bezeichnung für jemanden verwendete, der sich in wortloser, innerer Versenkung befand: ein Mystiker.

So sind also die Bedeutungen dieser Wortwurzel anscheinend widersprüchlich, wo es doch im Wort Mythos um das Sprechen geht und im Wort Mystos um das Schweigen. Es wäre dabei jedoch falsch sich voreilig für eine der beiden Bedeutungen entscheiden zu wollen, sind doch beide gültig. Hier nämlich kommt eine Polarität zum Vorschein, die den alten Menschen zuerst einmal bewusst werden musste.

Ihr Eingebundensein in der Welt erhielt damit eine neue, zweite Dimension. Der Mensch begann sich von da an als Subjekt zu empfinden, zu den ihn umgebenden Objekten. Und da sich in dieser Umwelt unendlich viele Objekte befanden, ließ sich damit auch die Zweidimensionalität eines Kreises aufspannen, in dem der er seine Welt räumlich wahrzunehmen begann.

Führte die archaische Struktur durch den Verlust der Ganzheit zur Einheit der magischen Struktur, und war damit ein erstes dämmerhaft zunehmendes Bewusstwerden des Menschen als einer Einzelung vorgegeben, so brachte die magische Struktur durch den in ihr sich abspielenden Befreiungskampf gegen die Natur eine Herauslösung aus der Natur und damit die Bewusstwerdung der Außenwelt. Die mythische Struktur nun führt zu einer Bewusstwerdung der Seele, also der Innenwelt. Ihr Symbol ist der Kreis, der stets auch Symbol der Seele war.

- Aus Jean Gebsers Buch »Ursprung und Gegenwart«, Kapitel »Die mythische Struktur«

War das Resultat der magischen Struktur des Menschen die Bewusstwerdung von Erde und Natur, so brachte die mythische Struktur einen Gegenpol zur Erde: den Himmel. Darin wieder taucht die Symbolik des Kreises auf. Denn der Zyklus der Gestirne, vornehmlich der Lauf von Sonne und Mond durch Tag und Nacht, repräsentiert jene angedeutete Polarität von Subjekt und Objekt, in der sich der Menschen als Beobachter befindet und bewegt.

Damit schließt sich auch der Kreis zu dem, was wir zuvor über die besagte Wortwurzel »mu« oder »my« andeuteten: Aus ihr wachsen zwei anscheinende Widersprüche – Mystos und Mythos – Schweigen und Sagen, welche in direktem Zusammenhang stehen mit der dunklen Abwesenheit und der lichtvollen Anwesenheit der Sonne. Was bedeutet das?

Um sich in der Welt zu empfinden, musste der mythische Mensch das polare Verhältnis seines Seelenseins nicht nur zu einem über-erdhaften Himmel (Berg Olymp), sondern ebenso zu einem unter-erdhaften Schattenreich (Fluss Hades) erkennen.

In diesem inneren Gewahrwerden einer neuen Dimension, worin die Pole eines Sternenzelts und einer Unterwelt, eines Himmels und einer Hölle, einen Kreis der Zweidimensionalität aufspannen, dort im Mittelpunkt dieses Kreises lernte der Mensch das Wesen seiner Seele zu empfinden. In ihr nämlich spiegelte sich sein mythisch-mystisches Sein, darin reflektierte die Doppelnatur alles Weltlichen, symbolisch-diabolisch, göttlich-teuflisch, hell-dunkel, licht-finster, gut-schlecht, überweltlich-tiefgründig.

Diese Pole im Kreis, umspannen im Leben eines Menschen den Zyklus von Werden und Vergehen – im Erkennen der Zeit.

Über die Wirksamkeit des Schweigens

Was in der Seele des Menschen zum einen als stummes Bild erscheint, erklingt daraus ein andermal durch den Mund, als tönendes Wort. Das als inneres Bild Vernommene hat seine polare, bewusst gewordene Entsprechung im ausgesagten Wort. Dabei erkennt der Mensch seine Seele, worüber er den in nächtlicher Stummheit geschauten Traum, im Wachbewusstsein sprechend hörbar macht. Indem er darüber spricht, richtet er die sich ent-sprechenden Pole von Traum und Wachheit aufeinander aus.

So ist das Wort stets Spiegel des Schweigens; so ist der Mythos Spiegel der Seele. Erst die blinde Seite ermöglicht die sehende. Und da alles Seelische vor allem auch Spiegelcharakter hat, trägt es nicht nur naturhaften Zeitcharakter, sondern ist stets auf den Himmel bezogen; die Seele ist ein Spiegel des Himmels – und der Hölle. So schließt sich der Kreis von Zeit – Seele – Mythos – Hölle und Himmel – Mythos – Seele – Zeit.

- Aus Jean Gebsers Buch »Ursprung und Gegenwart«, Kapitel »Die mythische Struktur«

Etwas zu sagen oder darüber zu schweigen obliegt die besondere Entscheidung einer Ver-Antwortung. Jemand kann das im Gesagten Geschiedene ent-scheiden und so das darin Scheidende aufheben. Darum ist es nicht notwendig beim Berichten über eine Sache, alles bis aus dem letzten Bedeutungswinkel heraus erklären zu wollen. Vielmehr macht das Nichtgesagte, das im Gesagten mitschwingt, einen Bericht oder eine Rede erst interessant. Damit nämlich erhält das Gesagte seine Tiefe und einen Gegenpol, die es in die Spannung eines wirkenden Lebens bringt.

Von daher bewirkt etwas beim Zuhörer nur anzudeuten, weit mehr als ein vollständiges und bis ins letzte Detail erfolgte Erklären. Klarheit soll sich der Zuhörer durch eben jene, in der Rede tiefer liegende, jedoch unausgesprochene Aussage, selbst verschaffen, durch seine eigene Imagination.

Bloßes Schweigen ist magische Gebanntheit; bloßes Reden ist rationaler Leerlauf.

- Aus Jean Gebsers Buch »Ursprung und Gegenwart«, Kapitel »Die mythische Struktur«

Magie: Machen mit gleich-gültigen Mitteln

Magie: Machen mit gleich-gültigen Mitteln

Höhlenschamane - ewigeweisheit.de

Das Wort »machen« ist seiner Herkunft gemäß verwandt mit den Wörtern »Macht«, »Mechanik« oder »Magie«. Als der Mensch sein Selbst in der Welt fand, war er nicht mehr nur in der Welt sondern begann über sie verfügen zu wollen. Er wollte auf die ihn umgebende Natur Einfluss nehmen, um in ihr besser überleben zu können.

Dieser machende, »magische Mensch«, zentrierte sein Sein in der Welt, in der er sich begann zu erkennen. Hiermit einher ging natürlich auch das Bedürfnis sein Leben in einer oft gefahrvollen Umgebung zu kontrollieren. Um etwa die Gefahr durch wilde Tiere zu bannen, verkleidete er sich als diese Tiere oder zeichnete sie, um so über sie Macht zu erhalten.

Hiermit empfand sich der magische Mensch irgendwann im Mittelpunkt der Welt stehend, wodurch sich seine Bewusstseinsstruktur in eine erste Dimension entfaltete: Er erkannte sich in der Welt, fand darin Bezugspunkte, zu denen er sich ins Verhältnis setzte.

Natürlich ergaben sich damit unendlich viele Bezugspunkte zwischen ihm und der Welt, zwischen sich und dem ihn umgebenden Sein. Und da der magische Mensch noch kein Raum- und Zeitempfinden besaß, war damals diese Verbindung zu seiner Welt weder unterschieden durch ein Da oder Dort, noch durch ein Vorher oder Nachher. Alles fand sozusagen »gleichzeitig« und »überall« statt.

So ein Erfahren erlebt der heutige Durchschnittsmensch vielleicht gerade einmal im nächtlichen Traum, wo er zum Beispiel Menschen aus der Vergangenheit, vielleicht schon Verstorbene trifft oder sich geschwind von einem an einen ganz anderen Ort begeben kann.

Magische Bewusstseinsstrukturen konnten sich aber erhalten, besonders bei den indigenen Völkern, zumindest bis ins 20. Jahrhundert. Über diese Fähigkeit schrieb der deutsche Ethnologe Leo Frobenius (1873-1938), in seiner 1933 erschienenen »Kulturgeschichte Afrikas«. Darin berichtet er von einem, von ihm so genannten »Licht-Ritual« der Kongo-Pygmäen, dessen Zeuge er auf einer Expedition werden durfte. Da begleiteten ihn drei Männer und eine Frau dieses afrikanischen Jägerstammes.

Frobenius und sein Forscherteam hatten eines Abends einen Wunsch, der den Pygmäen recht ungewöhnlich erschien: sie sollten für sie Wild erlegen. Hierüber erstaunt wiesen diese jedoch darauf hin, dass es ja bereits dunkel sei und sie keine Vorbereitungen für eine Jagd getroffen hätten. Nach längerem Verhandeln erklärten sich die Pygmäen zuletzt dann aber bereit, am nächsten Morgen dem Wunsch des Expeditionsteams nachzukommen.

Am nächsten Tag stand Frobenius auf noch vor Sonnenaufgang, um den Platz zu finden, den sich die Pygmäen zur Vollziehung ihrer Jagd ausgesucht hatten:

Noch im Grauen kamen die Männer, aber nicht allein, sondern mit der Frau. Die Männer kauerten sich auf den Boden, rupften einen kleinen Platz frei und strichen ihn glatt. Dann kauerte der eine Mann sich nieder und zeichnete mit dem Finger etwas in den Sand, währenddessen murmelten die Männer und die Frau irgendwelche Formeln und Gebete. Danach abwartendes Schweigen. Die Sonne erhob sich am Horizont. Einer der Männer, mit dem Pfeil auf dem gespannten Bogen, trat neben die entblößte Stelle. Noch einige Minuten, und die Strahlen der Sonne fielen auf die Zeichnung am Boden. Im selben Augenblick spielte sich blitzschnell Folgendes ab: die Frau hob die Hände wie greifend zur Sonne und rief laut einige mir unverständliche Laute; der Mann schoss den Pfeil ab; die Frau rief noch mehr; dann sprangen die Männer mit ihren Waffen in den Busch. Die Frau blieb noch einige Minuten stehen und ging dann in das Lager. Als die Frau fortgegangen war, trat ich aus dem Busch und sah nun, dass auf dem geebneten Boden das etwa vier Spannen lange Bild einer Antilope gezeichnet war, in deren Hals nun der abgeschossene Pfeil steckte.

[…] Am Nachmittage kamen die Jäger mit einem hübschen Buschbocke uns nach. Er war durch einen Pfeil in die Halsader erlegt. Die Leutchen lieferten ihre Beute ab und gingen dann mit einigen Haarbüscheln und einer Fruchtschale voll von Antilopenblut zu dem Platz auf dem Hügel zurück.

Was in diesem Jagdritual vor sich ging, musste anscheinend eine ganz besondere magische Vorstellung zugrunde liegen, die nicht ohne weiteres deutbar ist. Fest steht jedoch, dass Sonne und Blut dabei von zentraler Bedeutung sind. Denn was die Pygmäen als Bild in die Sandoberfläche gezeichnet hatten, identifizierten sie augenscheinlich mit dem Tier selbst. Den Pfeilschuss verstand man synonym für das Fallen des Sonnenstrahls auf das Bild.

Nicht aber der Pfeil der Pygmäen war es der tötete, sondern der erste Strahl der Sonne, der auf das Tier fiel. Der tatsächliche Pfeil war da nur Symbol – der Sonnenstrahl der tötende Pfeil. Nicht umgekehrt.

Der magische Vollzug dieses Rituals konnte dabei nur durchgeführt werden, da die vier Pygmäen die Verantwortung ihres Gruppen-Ichs auf die Sonne zu übertragen wussten. Das heißt, dass das was man heute vielleicht als sittliche Verantwortung bezeichnen könnte, nicht etwa durch eine Art Treue übertragen wurde, auf das Licht einer angebeteten Sonne. Vielmehr war ihr Ich bislang nicht individualisiert, sondern mit dem Sonnenlicht noch eins. Entsprechend konnten sie da anscheinend Sonnenstrahl und Pfeil einfach miteinander austauschen.

Magie und Wollen

Voraussetzung, in diesem Bewusstsein etwas in der Umwelt zu erwirken, war, dass der Urmensch in dieser Phase der Menschheitsentwicklung begann »zu wollen«. Dieser Wille floss ein in Beschwörungen und Banne, in Totems und Tabus, womit sich der Mensch zum Macher, zum Magier entwickelte. Mit Hilfe solch magischer Utensilien begann er erstmals seine Seele zu lösen, aus der Übermacht der Natur.

Was die Pygmäen in ihrem naturbezogenen kultischen Leben anscheinend bis ins 20. Jahrhundert hinein erhalten haben, war eben diese magische Fähigkeit jeden Punkt mit einem beliebig anderen Punkt nicht nur in Verbindung zu bringen, sondern ihn sogar ganz frei mit jedem Punkt zu identifizieren. Die Vertauschung des Sonnenstrahls der auf den Tierkörper fällt und der Pfeil der in das Sandbild jenes Tieres eindringt, bildeten für sie eine Einheit.

So auch empfanden die alten Menschen die Welt als Ganzes, wo jeder Teil im Kleinen einem Großen entspricht und umgekehrt. Alle Punkte darin sind austauschbar in ihrer Einigkeit. Es geht da aber nicht etwa um eine Einigkeit in der Verbindung von Ursache und Wirkung (Kausal-Konnex); denn wenn die magischen Menschen Objekte bebilderten oder Tiere an Höhlenwände malten, fand für sie ein Verbinden von Gleichem statt, eine Vertauschung. Doch ihre Magie war da nicht etwa nur ein Täuschen, ein Illusionieren, sondern der Versuch sich der Kräfte der Natur, mit gleich-gültigen Mitteln zu ermächtigen. Man wollte durch Ritualhandlungen machen, durch Macht gewinnen (Vital-Konnex).

Vom Schließen des Mundes und dem Leuchten der Aura

In alter Zeit, wo sich also diese magische aus der archaischen Bewusstseinsstruktur entwickelte, besaßen die Menschen in ihrem Sein noch eine besondere Naturnähe. Bereits in frühen bildhaften Darstellungen dieser alten Menschen scheint das zum Ausdruck zu kommen. Da nämlich stellte man das Haupt und manchmal auch den ganzen Körper dar, eingeflochten in den umgebenden Raum. Diese Art naturverwobener Abbildungen existieren überall auf der Erde, selbst bei unabhängig voneinander lebenden, durch Ort und Zeit getrennten Menschengruppen.

In ihrer besonderen Naturnähe verfügten die alten Menschen über magische Fähigkeiten, die in solchen Zeichnungen, Bildern und Masken, deutlich zum Ausdruck kommen.

Eines der markantesten Merkmale dieser magischen Bewusstseinsstruktur nun, war die Mundlosigkeit, der zu dieser Epoche bildhaft dargestellten Götter oder Adepten. Man könnte das vielleicht verstehen als Ausdruck von Passivität, Verinnerlichung des Äußeren oder einem Wunsch nach Schutz und Geborgenheit.

Damals wie heute ist es der Mund, über den ein Mensch zum ersten Mal Kontakt aufnimmt mit seiner Umwelt, wenn er damit als Säugling an der Mutterbrust saugt. Der Mund und seine Erlebniswelt steht damit am Anfang allen menschlichen, äußeren Bewusstwerdens. Wenn das Kleinkind dann aber sehen lernt, realisiert es bei einem anderen Menschen zuerst die Augenpartie und die Nasenwurzel, wobei der Mund des anderen noch gar nicht gesehen wird. Interessanterweise ist jene vom Kleinkind zuerst identifizierte Gesichtspartie auch der Bereich, der von einem Menschen an einem anderen wahrgenommen wird, wenn er ihn in Meditation betrachtet: Die Mundpartie verschwindet oder wird nur ganz verschwommen wahrgenommen.

Venus von Brassempouy - ewigeweisheit.de

Venus von Brassempouy: Eine der ältesten (zwischen 26.000 und 24.000 Jahre alt) bekannten Darstellungen eines menschlichen Gesichtes ohne Mund.

Nun ist interessant, dass auch bei alten Götterdarstellungen in verschiedenen indigenen Kulturen (Mexiko, Peru, Papua, Australien) der Mund entweder fehlt oder nur mit einem dünnen Strich angedeutet wird, während man Augenhöhlen und Nasenpartie ganz ausgeprägt abbildet. Allen gemein ist aber, dass in Darstellungen dieser Götterwesen, alle eine Art »Aura« besitzen, die darauf als Auswüchse am Kopf oder gar am ganzen Körper abgebildet oder durch Punkte angedeutet sind. Es scheint als gäbe es einen Zusammenhang zwischen Mundlosigkeit und Aura.

Aus der Sagenwelt Europas etwa erfahren wir, dass die Seele – als das Bewusstseinselement aller Lebenden – nun über den Mund aus dem Körper eines Sterbenden entweicht. Ist der Mund in den oben angedeuteten Götter-Darstellungen aber geschlossen, scheint die Seele darin noch im unreflektierten Zustand zu schlummern. Diese eben angedeutete Aura aber wird durch den geschlossenen Mund, in ihrer eigentlichen Macht gespeist durch eine anscheinend »nicht entwichene seelische Kraft«. Doch das Schweigen manchmal weit mehr erreicht als Gerede, zeigt sich uns ja auch in vielen alltäglichen Lebenssituationen.

Schon in alten Steinzeit-Statuetten findet sich diese Mundlosigkeit. Dazu zählen zum Beispiel die Venus von Dolní Věstonice (Alter: 25.000 bis 29.000 Jahre) oder die Venus von Brassempouy (Alter: 21.000 bis 26.000 Jahre), in deren Köpfen Augen markiert oder eingeritzt sind, doch die keine Münder besitzen. Auch auf jüngeren Artefakten ist diese Mundlosigkeit noch vorhanden, wie etwa beim Gesicht der fast zwei Meter hohen Statue des sogenannten Urfa-Mannes (Alter: 11.000 Jahre). Auch die mesopotamischen »Augen-Idole« von Uruk (Alter: 5.500-6.000 Jahre) verfügen noch nicht über einen Mund.

Bemerkenswerteste Wandmalereien solcher mundlosen Wesen finden sich auch in der australischen Kimberley-Region, die neben mehr als 20.000 Jahre alten Gemälden, von den einstigen Ureinwohnern des Kontinents in Höhlen abgebildet wurden. Sie zeigen die sogenannten »Wandjina«, besondere Geistwesen die in der Mythologie der Aborigines von Bedeutung sind. Es sind diese Bilder, die Gesichter mit Augen und Nase zeigen, jedoch immer ohne Mund.

Was diese Mundlosigkeit bedeutet wird ersichtlich, wenn man realisiert, in welch betontem Maß diese Darstellungen (Malereien und Statuetten) Ausdruck der magischen und nicht etwa der mythischen Bewusstseinsstruktur sind. Denn erst dort, wo Mythos ist, ist auch der ihn aussagende Mund. […] Unserem Deutungsversuch für das Fehlen des Mundes liegt die Tatsache zugrunde […] in welchem Maße noch nicht das Gesprochene Bedeutung hat, sondern, wie wir sogleich sehen werden, das Gehörte, d. h. die Laute der Natur, die auf den magischen Menschen einwirken. […] Die Verständigung innerhalb des Gruppen-Ich, des »Wir«, bedarf noch nicht der Sprache, sondern erfolgte gewissermaßen »subkutan« (unter der Haut) oder telepathisch

- Aus Jean Gebsers Buch »Ursprung und Gegenwart«, Kapitel »Die magische Struktur«

Welch wichtige Rolle das Schweigen für die alten Menschen innerhalb der magischen Bewusstseinsstruktur spielte, wurde oben deutlich, als wir die Jagdszene der Pygmäen beschrieben, wo ja das Warten auf den Sonnenaufgang in vollkommen schweigsamer Stille erfolgte.

Die alten, magischen Menschen versuchten auf akustischem Wege, eben nur die sie beherrschenden Mächte anzurufen, um sie dadurch zu bannen – etwas das unserem heutigen Verständnis möglicherweise nur schwer zugänglich ist. Der Schall galt ihnen eben allein als magisches Mittel. Aufgrund dessen erzeugte man mit dem Mund akustische Signale nur für solche Zwecke und nicht zur Kommunikation, die in alter Zeit, wegen des noch überwiegenden Gruppenbewusstseins, wohl noch nicht notwendig gewesen war. Vielmehr dienten durch den Mund geäußerte, wahrscheinlich rhythmische Laute, als energetischer Ausdruck der Gemeinschaftsseele der Gruppe, der in den oben angedeuteten magischen Ritualen der Pygmäen seinen Zweck erfüllte.