Om

Kraft der heiligen Mantras

von S. Levent Oezkan

Om Tat Sat Mantra - ewigeweisheit.de

Ein spiritueller Trank für die durstige Seele: Das ist Japa-Yoga, wo man besondere Mantras wiederholt – entweder in Gedanken oder sprechend, als heilige Silbe, heiligen Namen oder heiligen Vers. Auf dem Weg zur Verwirklichung gleicht Japa einem geistigen Elixier, das den Übenden dem Göttlichen näher bringt.

Besonders in unserer heutigen Zeit, die sich, laut hinduistischer Kosmologie, im gegenwärtigen Kali-Yuga ereignet, dem »Zeitalter des Streites« (entsprechend »Eisernem Zeitalter« alt-griechischer Kosmologie), dient Japa-Yoga dem Übenden dabei aus sich selbst heraus Frieden zu finden.

An sich besteht Japa darin bestimmte Mantras zu wiederholen, die als »Nama«, dem Namen, und »Rupa«, dem heiligen Objekt unserer Vorstellung, untrennbar miteinander verbunden sind. Entsprechend sind Gedanke und Worte fest miteinander verbunden, wie ebenso Bilder im Geiste mit den konkreten Dingen unserer Welt.

Wann immer wir an den Namen denken, einer uns nahe stehenden Person, erscheint ihre Gestalt vor unserem geistigen Auge. Erscheint indessen dieser Mensch in unseren Gedanken, denken wir entsprechend an seinen Namen. Genauso ist es mit den heiligen Namen, die ein Yogi in seiner Japa-Praxis rezitiert (in Gedanken oder laut), wie etwa »Rama« (den göttlichen Namen der siebten Inkarnation Vishnus, des hinduistischer Gottes der Erhaltung der Welt) oder »Krishna« (der achten Inkarnation Vishnus, Wahrzeichen vervollkommneter göttlicher Hingabe).

Seit uralter Zeit des Alten Veda (Heilige Lehre der Hindus) standen die in den Mantras geheißenen göttlichen Namen für geistige Symbole höchster Göttlichkeit. Sie wurden den Weisen einst offenbart, in den innersten Lehren der göttlichen Gemeinschaft. Solche heiligen Symbole ermöglichen dem Japa-Yogi Zugang zu finden, zu den transzendentalen Bereichen absoluten Erfahrens. Dabei bildet Japa die exakte Wissenschaft spiritueller Praxis, in der sich jedes rezitierte Mantra aus den folgenden sechs Teilen zusammensetzt:

  1. Dem Rishi, das ist ein mystischer Weiser, der Selbstverwirklichung erlangte, da er derjenige war, dem ein besonderes Mantra zum ersten Mal offenbart wurde und durch den dieses Mantra entsprechend in die Welt kam.
  2. Chhandas bildet das Metrum eines Mantra, das den Tonfall der Stimme seines Sprechers vorgibt.
  3. Devata bildet die offenbarte Kraft, die in einem Mantra wirkt: Die dem Mantra vorsitzende Gottheit.
  4. Bija ist die Essenz eines Mantras und bildet dessen geistigen Keim. Das Bija stellt eine bedeutungsvolles Wort oder eine Reihe solcher Wörter dar, die einem Mantra seine besondere Kraft verleihen.
  5. Shakti ist die Energie die durch die Form (Schwingungsform, Klang) eines Mantras erzeugt wird und den Yogi zum Devata führt – zu seiner Schutzgottheit.
  6. Schließlich hat das Mantra einen Kilaka, dem Sanskrit-Wort für einen Stift oder Holzpfropfen. Symbolisch verschließt ein solcher, die in den Namen eines Mantra verborgene reine Essenz (Bija), die für das reine Bewusstsein eines spirituell Erwachten steht. Durch ständiges Wiederholen eines heiligen Namens, wird dieses darin liegende, verborgene reine Bewusstsein allmählich enthüllt.
  7. Der Chaitanya schließlich, bildet den zunächst verborgenen lebendigen Geist des Mantra. Sobald sich der »Stöpsel des Kilaka« durch ständige und anhaltende Wiederholung des Mantras allmählich löst, wird dieses verborgene Chaitanya enthüllt, so dass aus dem Übenden irgendwann ein Gottgeweihter wird, der da mit der Göttlichkeit (sanskr. »Ishtadevata«) zusammentrifft und die sich ihm hierbei zeigt (sanskr. »Darshana«).

Mantras: Klänge und Bilder

Klänge sind Schwingungen, die in der Luft eines Raumes bestimmte Formen bilden. Geht soch Klangform von einem rezitierten heiligen Namen aus, so glauben die Yogis, gestaltet sich dabei ein geheimnisvolles Schallgebilde, das die Kraft hat die Manifestation der Göttlichkeit herbeizuführen, sie darin quasi einzuladen.

Zitiert man demnach ein Mantra auf die richtige Weise (ein Mantra das einer bestimmten Gottheit zugeordnet ist), bilden die dabei erzeugten Schwingungen in höheren Ebenen des Bewusstseins für diesen Moment eine besondere Form, die eine Gottheit verkörpert. Durch Wiederholen des Panchakshara-Mantra – »Om Namah Shivaya« (deutsch: »Om Ehre dem Shiva«) – erzeugt ein Yogi damit also die Form des Gottes Shiva und mit »Om Namo Narayanaya« die Form des Gottes Vishnu.

Götter beten dass Vishnu sich auf Erden inkarnieren möge - ewigeweisheit.de

Die Götter beten, dass Vishnu sich auf Erden inkarnieren möge (Titelcover einer Mahabharata-Ausgabe von Ramanarayanadatta Astri).

Die Herrlichkeit der Göttlichen Namen

Von dem Gesagten ließe sich also schließen, dass ein gesungener oder bewusst rezitierter Name Gottes, eine tatsächlich fühlbare Wirkung zeigen kann. So wie es des Feuers natürliche Grundlage ist zu brennen, so birgt jeder göttliche Name die Kraft, einen Menschen, der sein Mantra singt, zu glückseliger Vereinigung mit der ihm entsprechenden göttlichen Herrlichkeit zu führen. Was dabei jedoch vor sich geht, ereignet sich jenseits allen intellektuellen Verstehens, jenseits aller Vernunft. Nur durch hingebungsvolles Üben als gläubiger Mensch, kann das heilige Wirken der göttlichen Namen letztendlich verwirklicht werden.

In jedem Wort steckt eine Shakti, eine spirituelle Kraft. Spricht einer über Negatives in Gegenwart eines Freundes, der gerade seine Mahlzeit einnimmt, so wird dieser das Ungute darin mitessen. Andererseits ist es ja so, dass wir, wenn wir an eine unserer Leibspeisen nur denken, uns bereits das Wasser im Munde zusammenläuft. Wenn darum die Namen der gewöhnlichen Dinge dieser Welt, eine solche Kraft in uns freizusetzen vermögen, welch ungeheure Energie haben dann erst die Namen Gottes!

Was wir als Gott bezeichnen, meint die Vollendung und Vollkommenheit aller Existenz, und entsprechend ist auch sein Name unübertrefflich und makellos. Somit liegt in den göttlichen Namen – ob es uns nun bewusst ist oder nicht – eine unermessliche Kraft. Drängt sich da nicht die Frage auf, ob einem echten Japa-Yogi dann überhaupt noch etwas bleibt, das unmöglich ist?

Es sollte aber nicht unerwähnt bleiben, dass die Mantras der heiligen Namen nicht etwa Menschen erfanden. Sie kommen aus der Geisteswelt des Himmlischen und wurden uns als Mittel gegeben, damit sich Gott selbst in unserem Leben verwirklichen will – wenn auch nur, wie bei allem im Leben, für eine gewisse Dauer.

Wenn der Name einer Sache in dieser Welt das Bewusstsein dieser Sache im Geist erzeugt, so erzeugt der Name Gottes das Gottesbewusstsein im gereinigten Geist, das heißt, dass dabei das gesungene, heilige Mantra zur direkten Ursache der Verwirklichung wird, von eben solch höchster göttlichen Vollkommenheit.

Die verschiedenen Formen des Japa

Unser Verstand braucht Abwechslung. Wenn wir darum Mantra-Rezitation üben, sollten wir solch Mantras mal nur verbal, einige Zeit auch mal nur flüsternd und ein andermal ebenso allein im Geiste wiederholen. Die Yogis sprechen da vom »Manasika-Japa«, der mentalen Mantra-Rezitation. Laute Japa sind »Vaikharis«, die hörbar rezitiert, alle weltlichen Geräusche auszublenden vermögen.

Flüsternde oder summende Wiederholung werden »Upamshu« genannt. Selbst wenn die Wiederholung eines Mantras mal rein »mechanisch« erfolgt, ohne besondere Bewusstheit dafür, reinigt es Herz und Geist mit seiner spirituellen Kraft. Die Wirkung dessen stellt sich zwar erst später ein, doch der Vorgang dieser spirituellen Reinigung erfährt jeder, der regelmäßig Japa übt.

Es gibt aber noch eine weitere Form des Japa: »Likhita«. Hierbei schreibt der Yogi ein besonderes Mantra in ein, allein dafür vorgesehenes Heft, mit einer bestimmten Anzahl an Wiederholungen. Wichtig dabei ist außerdem, dass der Übende dabei einen Vorsatz der Schweigsamkeit einhält – eine Art »spirituelles Schweigen«. Das sanksritische Wort dafür ist »Mauna«. Eigentlich ist Mauna für sich gesehen bereits eine yogische Übung. Japa-Yogis nehmen sich dafür jede Woche Zeit, in der eine Stunde, doch auch einen ganzen Tag lang geübt werden kann. Nicht zufällig begeben sich manche Menschen auf sogenannte Schweige-Retreats, wo sie sogar eine ganze Woche lang schweigen.

Wie dem auch sei, hilft uns der Yoga des Likhita-Japa dabei unsere Konzentrationsfähigkeit weiterzuentwickeln. Es ist jedoch nicht ganz einfach die Vorteile dieses Mantra-Schreibens zu erklären. Eher geht es um die Erfahrung die der übende Yogi dabei macht. Denn das Schreiben von Mantras hilft nicht nur dabei unser Herz und unseren Geist zu reinigen, sondern ist auch eine ganz einfache Geduldsübung. Doch was schon ist Geduld in unserer heutigen, schnelllebigen Lebensart, die nur wenige Menschen noch als echte Stärke erkennen.

Wer jedoch beständig diese Form des Japa übt, wird bald einen friedlichen Geist entwickeln, da er die einem Mantra innewohnende Kraft, die Mantra-Shakti erweckt. So jemand wird allmählich erfahren, wie Göttlichkeit sein ganzes Dasein erfüllt. Weniger relevant dabei ist, ob man nun in Sanskrit einen heiligen Namen oder das Mantra einer anderen Sprache schreibt, als eher die Praxis an sich. Jeder der schreiben kann, ist dazu im Stande.

Vishvamitra, ein alter Hindu-Weiser, in tiefer Meditation. Man sieht ihn vor einem kleinen Feuer Gebetsperlen zählen - ewigeweisheit.de

Vishvamitra, ein alter Hindu-Weiser, in tiefer Meditation. Man sieht ihn vor einem kleinen Feuer Gebetsperlen zählen (Gemälde von Raja Ravi Varma aus dem Jahre 1897).

Japa-Praxis mit dem Rosenkranz der Mala

Wenn wir einem spirituellen Lehrer der östlichen Traditionen folgen – das kein ein Buddhistischer Guru sein, ein Yogi des indischen Vedanta, vielleicht ein christlicher Mönch oder auch ein Sufi-Sheikh der mystischen Tradition im Islam –, dann haben wir von diesem vielleicht ein besonderes Mantra (oder einen Gottesnamen) erhalten. Mittels einer Mala (Gebetskette, Rosenkranz) wiederholen wir dann im Japa dieses Mantra zwischen 108 bis 1.080 Mal täglich (im Sufismus mittels einer Misbaha- Gebetskette entsprechend 99 oder 990 Mal täglich). Besser ist da immer nur ein Mantra zu halten und irgendwann dann ein anderes.

Das von unserem Meister erhaltene Mantra aber behalten wir immer für uns und geben es niemals an andere weiter.

Meister des Vedanta raten in der Morgendämmerung zu beginnen, in der »Stunde Brahmas« (sanskr. Brahma Muhurta: zwischen 03:30 Uhr und 06:30 Uhr morgens) bis zu zwei Stunden lang Japa zu machen. Auch die Zeit der Abenddämmerung eignet sich für Japa und Meditation. Diese Zeit nämlich regiert das sogenannte »Guna Sattva« (deutsch: Kraft der Reinheit). Es ist aber auch möglich Japa etwa mittags oder vor dem Schlafengehen zu machen.

Man dusche oder wasche sich zuvor aber Hände, Mund Gesicht und die Füße, um sich damit für das Japa vorzubereiten. Bevor man mit dem Japa beginnt, rezitiert man ein Gebet (der Tradition entsprechend). Es ist wichtig, bevor man mit Japa beginnt, kurz über die Bedeutung des rezitierten Mantras nachgesonnen zu haben.

Die Japa-Yogis schauen während ihrer Rezitation nach Osten (oder auch Norden), was die Wirksamkeit des Japa erhöhen soll. Sie setzten sich dabei auf einen kleinen Teppich oder eine Wolldecke, damit der Körper frei beweglich bleibt. Grundsätzlich gilt in der Japa-Praxis jedoch eine ruhige Haltung zu behalten. Am besten sitzt man dafür in einem separaten Meditationsraum oder an einen anderen geeigneten Ort, wie etwa in einem Tempel oder aber in der freien Natur, an einem schattigen Plätzchen. Wichtig ist, dass man nicht abgelenkt wird, wie etwa durch ein klingelndes Telefon, Töne eintreffender Nachrichten oder dergleichen.

Man lasse die Mala während des Japa nicht unterhalb des Nabels hängen, sondern halte die zählende Hand mit der Mala, in der Nähe des Herzens. Mittelfinger und Daumen der rechten Hand werden verwendet, um die Perlen der Mala zu rollen (der Zeigefinger unterstützt).

Yogis stellen sich beim Japa vor, als sei der Rosenkranz der Mala das physische Mittel, mit dem sie durch Bewegen einer Perle den Geist immer näher zum Göttlichen hindrängen. Wenn man sein Mantra wiederholt, stelle man sich vor, dass der Name Gottes im eigenen Herzen sitzt und das damit durch den Geist eine reinigende Kraft fließt, die das Herz reinigt, sowie alle Begierden und böse Gedanken zerstreut und damit schließlich auflöst.

Eine Zeit lang macht man Japa nur in Gedanken. Schweift der Geist jedoch ab, mache man für einige Zeit lautes oder geflüstertes Japa – doch kehre alsbald wieder zum mentalen Japa zurück. Während dieser Praxis ist es wichtig, zunächst den Rhythmus der Mantra-Rezitation mit der des Atems zu verbinden. Nach einiger Zeit des Übens dann, beginnt ein erfahrener Yogi den Rezitations-Rhythmus seinem Herzschlag anzugleichen (etwa vergleichbar mit der griechisch-orthodoxen Tradition der Hesychasten, die dem Herzrhythmus folgend das Kyrie Eleyson rezitieren).

Es ist wichtig, dass man nach dem Japa nicht sofort den Ort verlässt und sich unter Leute mischst oder sich gleich danach in weltliche Aktivitäten stürzt. Mindestens zehn Minuten lang sollte man ganz still sitzen bleiben, ein kleines Gebet summen, sich an Gott erinnern und dabei über seine Liebe zum Göttlichen nachsinnen.

Man verbeuge sich nach dem Japa, verlasse den Ort und nehme seine täglichen Pflichten wieder auf. So bleibt die spirituelle Verbindung mit dem Göttlichen erhalten. So kann man allmählich zu einer dauerhaften, spirituellen Freude finden.

Appendix

Viel zieierte Mantras der vedischen und buddhistischen Tradition:

  • Om
  • Om Namah Sivaya
  • Om Mani Padme Hum
  • Om Namo Bhagavate Vasudevaya
  • Om Namo Narayanaya
  • Om Tare Tuttare Ture Svaha
  • Mahamrityunjaya
  • Gayatri
  • Hare Krishna
  • Nam-myoho-renge-kyo
  • Sri Ram Jay Ram Jay Jay Ram
  • Swaminarayan

Titelbild: Das hier in Sanskrit geschriebene Mantra Om Tat Sat steht für das nicht-manifeste, absolute Sein.

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Eine einfache, wirksame Atem-Meditation

Eine einfache, wirksame Atem-Meditation

Was wir im Außen erleben hängt zusammen mit unserer inneren Einstellung zum Leben. Besonders in Phasen wo uns das Leben scheinbar Fallen stellt, will man so etwas kaum glauben. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass durch meine innere Haltung, sich auch mein Handeln, mein ganzes Verhalten ändert. Das bekommt meine Umwelt mit und reflektiert mir entsprechend mein Verhalten.

Der Atem nun ist das, was uns Leben lässt. Atem ist Leben. Denn unser Atem richtig sich nach unseren Gedanken. Im Umkehrschluss aber bedeutet das ja, dass durch einen bewussten und ruhigen Atem sich auch unsere Gedanken daran angleichen und wir so unser Wohlsein stillen.

Die folgende Übung soll helfen zu innerer Ruhe zu finden.

  1. Setzen Sie sich aufrecht hin ohne sich anzulehnen und bringen Sie ihre Hände vor Ihrem Herzen zusammen. Ihre linke Hand liegt über Ihrem Herzen und Ihre rechte darüber.
  2. Atmen Sie tief durch die Nase in ihre Brust ein und dann mit geöffnetem Mund ganz langsam wieder aus.
  3. Wiederholen Sie diesen Atemzyklus dreimal.
  4. Atmen Sie nun in ihren Bauch ein, entspannt, und atmen Sie aus, durch Ihre Nase.
  5. Mit jedem weiteren Ausatmen entspannen Sie Ihre Schultern.
  6. Entspannen Sie Ihre Stirn.
  7. Entspannen Sie Ihre Lippen.
  8. Entspannen Sie Ihre Augenbrauen.
  9. Schließen Sie nun mit dem nächsten Ausatmen Ihre Augen.
  10. Hören Sie auf Ihre Atmung.

Beenden Sie jetzt die Übung, indem Sie Ihre Hände langsam auf den Oberschenkeln ablegen.
Spüren Sie mit geschlossenen Augen einen Moment nach.

Öffnen Sie jetzt ihre Augen.

Nehmen Sie sich jeden Tag fünf Minuten Zeit, um diese Übung zu wiederholen.

Die Heilige Silbe Om

Die Heilige Silbe Om

Om - ewigeweisheit.de

Gut möglich, dass Sie das Wort Om schon öfter gehört haben. Vielleicht zu Beginn oder am Ende Ihrer Yoga-Stunde? Yogis in Fernost nennen es den »Klang des Universums«. Eine echt umfassende Bedeutung für ein so winziges Wort. Da stellt sich die Frage: Was bedeutet es nun eigentlich?

Om – was manchmal auch »Aum« geschrieben wird – ist im Glauben der Hindus eine mystische Silbe. Doch auch die Anhänger des Sikhismus, die Jains und Buddhisten verwenden diese heilige Silbe in ihrer religiösen Praxis. Da gilt das Om als größtes aller Mantras und als heiligste aller Gebetsformeln.

Neben seiner Wortbedeutung, spielt das Om auch als heiliges Symbol eine zentrale Rolle im Glauben der Hindus: ॐ. So erscheint es häufig in der Ikonographie alter Manuskripte. Man sieht es in Tempeln ebenso wie in den Klöstern der Buddhisten und Jains. In all diesen Religionen besitzt das Symbol Om eine wichtige Bedeutung, auch wenn sie zwischen den verschiedenen Schulrichtungen teilweise differiert.

Die drei Klänge des Om

Diese Silbe setzt sich aus den Sanskrit-Vokalen A und U zusammen, die im Klang eines O verschmelzen. Mit dem Buchstaben für M am Ende, bildet die heilige Silbe eine dreifaltige Klang- und Symbolerscheinung, die mitunter diese heiligen Triaden identifizieren:

  • die drei Welten der Himmel, Erde und Unterwelt,
  • Denken, Sprechen, Handeln,
  • Wachen, Träumen, traumloser Schlaf,
  • die drei materiellen Qualitäten (Gunas) gütiger Weisheit, Leidenschaftlichkeit und dunkler Trägheit,
  • die drei heiligen Veden – Rigveda, Yajurveda und Samaveda,
  • sowie die dreifaltigen Hindugottheiten Brahma (Erschaffer), Vischnu (immerwährender Erhalter) und Schiva (Zerstörer des Erschaffenen).

Eine ausführliche Beschreibung dieser heiligen Silbe Om, finden wir in den Upanischaden – einer Sammlung philosophisch-esoterischer Schriften des Hinduismus.

Alles wird aus dem Om geboren

In den Mandukya-Upanischaden geht es insbesondere um die heilige Silbe Om. In einem Kommentar zu dieser Schrift, schrieb der Weise Shankaracharya (788-820):

Das Wort Om ist all dies. Wie alle facettenreichen Dinge die wir um uns sehen, die alle ihren eigenen Namen haben, unterscheiden sie sich ebenso wenig von den ihnen entsprechenden Namen, wie vom Om an sich. Darum also ist wahrlich alles das Om. So wie ein Ding durch seinen Namen bekannt ist, so ist auch der höchste Name des Brahman bekannt, nur allein durch das Om. Darum ist das höchste Brahman selbst das Om. […] Alles was die Dreiheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft prägt, ist aus den genannten Gründen ebenfalls das Om. Alles das sich jenseits dieser Dreiheit befindet, also zeitlos ist und doch aber wegen seiner Wirkungen bekannt ist, was man Avyakrta nennt, das Nicht-Manifeste, auch das ist wahrlich das Om.

Om ist universal!

Wichtigstes aller esoterischen Symbole

Das Symbol Om verweist sowohl auf das Atman – das Seelenselbst des Menschen – sowie auf das Brahman – die endgültige Realität des gesamten Universums, seine Göttlichkeit, Wahrheit und sein kosmisches Wissen. Damit steht das Om für den Wesenskern des gesamten Mikrokosmos und Makrokosmos.

Seit dem 6. Jhd. verwendet man das Om-Symbol ॐ, um den Anfang heiliger Texte zu kennzeichnen. Man findet es häufig zu Beginn und am Ende spiritueller Abhandlungen. Doch es wird ebenso üblich in Gebeten, in der Rezitation heiliger Texte, wie auch in sakralen, doch auch in alltäglichen Ritualen und Zeremonien verwendet.

Das Symbol ॐ ist eine Ligatur (zusammengezogene Buchstaben-Verbindung) des Sanskrit-Wortes ओम्. Selbst die 卍 Swastika (Hakenkreuz) gilt als esoterische Darstellung der heiligen Silbe Om.

Betrachtet man nun etwa die Ligatur des arabischen Namens ﷲ Allah, so scheint eine gewisse Ähnlichkeit vorzuliegen. Und auch die Bedeutung dieses arabischen Namens für Gott, ist eigentlich identisch mit dem, was die Hindus in der Bedeutung der Silbe Om ॐ sehen. Auch das im Islam verwendete heilige Wort »Amin«, dass im Judentum und Christentum entsprechend »Amen« heißt, ist seinem Klang nach mit dem »Aum« beziehungsweise »Om« verwandt, beziehungsweise davon abgeleitet.

Om: Sein Zentrum überall – Seine Grenze nirgendwo

Die vielen Bedeutungsebenen dieses kleinen, anscheinend viel erforschten Wortes, sind aber nur einer seiner wichtigsten Aspekte. Denn wer sich seiner wahren Bedeutung bewusst ist (oder wird), verspürt in der Rezitation des Om außerdem die Schwingungen seines Klanges – gesprochen oder gesungen.

Manche sagen in den Worten Om, Amen oder Amin, läge bereits eine mystische Kraft, die auf den Rezitierenden beruhigend, ja sogar heilend wirke. Wohl auch wegen seiner Simplizität, ist es über alle negativen oder störenden Gedanken erhaben. In der einfachen Rezitation dieses Wortes eben, bewegt sich der Geist des Rezitierenden hin, zu dem für was das Wort Om steht: unendliches, ewiges Allsein.

Im Gesang dieser heiligsten aller Silben, bewegt sich alle Zerstreutheit des menschlichen Geistes, hin zu einem Zustand vollkommener Kontemplation über die Essenz individuellen wie ebenso universellen Seins. Denn in der Betrachtung oder Imagination seiner Struktur – als Klang oder als Symbol – finden Wahrnehmenwollen und Denken ein Ende. Der Rezitierende findet Ruhe.

Wenn nun aber das Om alles enthält und in Allem überall und für immer enthalten ist, so wird durch das Singen oder Aufsagen der Silbe, auch eine Verbindung hergestellt, zu allem räumlich und zeitlich weit Entfernten.

Der indische Philosoph Paramahansa Yogananda (1893-1952) sagte dazu:

Wir singen das Om, weil es seit Jahrtausenden vor uns von Yogis gesungen wurde. Und wenn wir es singen, so verbinden wir uns mit diesen Asketen auf geheimnisvolle Weise. Damit ziehen wir ihre praktischen Erfahrungen an, die sie über sehr, sehr lange Zeit des Übens erlangten.

Meditation über die Heilige Silbe Om

Das heilige Om kann auch in der Meditation empfunden werden, ganz gleich ob es nun ertönt oder symbolisiert wurde. Da es überall enthalten ist, kann man es auch übersinnlich wahrnehmen.

  1. In der Meditation stellt man sich das Om vor, als die in aller Materie manifestierte, spirituelle und kosmische Energie.
  2. Diese Energie ist die Essenz aller Schwingungen im Makrokosmos und Mikrokosmos - im Weltall und im menschlichen Körper, sowie im Handeln, Fühlen und Denken.
  3. Diese Heilige Schwingung vibriert im Innern unserer Wirbelsäule, schirrt unsere Lebenskräfte an und ermöglicht uns die Welt als solche wahrzunehmen.
  4. Das Om vibriert als irdischer Klang in den Atomen ebenso, wie wir es in unserem Körper wahrnehmen können: im Herzen, in den Lungen, in unserem Kreislauf, wie auch in Wachstums- und Heilungsprozessen. All das wird angeschirrt vom kosmischen Klang des Om. Dies umfasst das akustische Klangspektrum, wie auch jenes der Schwingungen, die unsere Ohren nicht hören können.
  5. Damit schwingt das Om auch in allem Sichtbaren - im Feuer, im Sonnenlicht, im elektrischen Strom, sowie in den nicht messbaren Astrallichtern.
  6. Doch auch all das, was jenseits sinnlicher Wahrnehmung liegt, durchdringen seine feinstofflichen Schwingungen.

 

Om