Paracelsus

Spagyrik oder: Die Alchemie des Paracelsus

von Johan von Kirschner

Paracelsus - ewigeweisheit.de

Die Ursprünge der Alchemie, sowie die Kunst der Spagyrik, reichen weit zurück in die Vergangenheit der Menschheitsgeschichte. Zwei Prinzipien der Veredelung standen dabei immer im Mittelpunkt des Werkes eines Alchemisten: Solve et Coagula – Löse und Binde.

Aus diesem Solve et Coagula leitet sich auch das Wort »Spagyrik« ab, dass sich ja entsprechend zusammensetzt aus den griechischen Wörtern »spao« und »ageiro«, die wörtlich bedeuten: »trennen« und wieder »vereinigen«.

Während die Alchemie aus der Mysterien-Tradition des Hermes Trisgmegistos hervorging, bildete die Spagyrik als naturheilkundliche Wissenschaft davon eine Teildisziplin. Nach den Gesetzen der Alchemie stellt man da aus Pflanzen, Giftpilzen und Mineralien Heilmittel her. Auf den dabei verwendeten, zwei oben genannten Prinzipien, basierten bereits im Alten Ägyptens die Arbeitsweisen bei der Herstellung solcher Naturheilmittel.

Was wir heute als Spagyrik (also Heilmittel-Alchemie) kennen, geht auf den schweizerischen Arzt Theophrastus von Hohenheim (1493-1541) zurück, genannt Paracelsus:

Darum so lerne Alchemie, sie sonst Spagyria heißt, die lehrt das Falsche scheiden von dem Gerechten

- Paracelsus in seinem »Opus paramirum«

In jenem Trennen oder Herauslösen einer edlen Substanz aus einer unedlen und der darauf folgenden Wiederverbindung beider, beabsichtigte Paracelsus eine Wirkungssteigerung der so behandelten pharmazeutischen Droge (das Wort »Droge« stammt vom niederländischen »droog«, dem Trocknen, womit man Pflanzenteile entsprechend haltbar macht). Damit hob sich Paracelsus ab von der Arzneimittelherstellung des Galenus (128-216 n. Chr.), nach dessen Lehre ein Mensch nur dann erkrankte, wenn das Gleichgewicht seiner vier Körpersäfte (Schleim, schwarze Galle, gelbe Galle und Blut) gestört war. Nach Galenus bereitete man dafür entsprechende pflanzliche Vielstoffgemische, um sie hernach als therapeutische Substanzen zu verwenden. Jene von Paracelsus angewendete Umwandlungsprinzipien zur Wirkungssteigerung fehlten dabei jedoch gänzlich.

Ursachen von Krankheit

Der Mensch bildete für Paracelsus einen Mikrokosmos – eine Welt des Kleinen –, der so im Zentrum der gesamten Schöpfung eines Makrokosmos stand – in einer Welt des Großen. Aus dieser Sichtweise auf das menschliche Sein leitete Paracelsus Zusammenhänge ab, die für ihn auch zwischen Krankheit und Medikament bestanden.

Gott brachte den Menschen zwar die Krankheiten in die Welt, so Paracelsus, doch mit ihnen auch die Heilungsformen. So wie alles in Mikrokosmos und Makrokosmos aus den selben Substanzen besteht, so entstünde nach Paracelsus auch Krankheit, nämlich dann, wenn durch eine äußere Substanz ein entsprechender »Zwilling« im Körper, entzündet zum Ausbruch kommt. Aus diesem Grund versuchte er seine Arzneien im Einklang mit himmlischen Konstellationen herzustellen, da er eben wusste, dass die Vorgänge im Makrokosmos mit denen im Mikrokosmos, und damit auch im Menschen korrespondieren. Am Stand der Sterne und Planeten las er die gleichen Prinzipien ab, mittels derer ein Mensch krank und auch wieder gesund werden konnte:

So nun der Mensch in seiner ganzen Zusammensetzung begriffen werden soll durch einen jeden Arzt, so wisset jetzt, dass die Astronomie (worin die Astrologie enthalten ist) der zweite Grund ist und die obere Sphäre der Philosophie darstellt.

Paracelsus’ Behandlungsmethode bestand jetzt darin, aus der verursachenden Substanz ein Heilmittel herzustellen und es dem Hilfesuchenden zu verabreichen (man denke zum Beispiel an die Verabreichung von Schlangengift bei einem Schlangenbiss). Die Herstellung solch reinen Heilmittels erfolgte mittels der paracelsischen Spagyrik. Durch »Sublimation« und »Destillation« versuchte Paracelsus die im Geheimen wirkenden Substanzen – »Arcana«, wie er sie nannte – von unreinen »Schlacken« zu befreien, und so aus den heilsamen Wirkstoffen Essenzen herzustellen.

Signaturenlehre Paracelsus - ewigeweisheit.de

Illustration zur Signaturenlehre Paracelsus'. Darstellung der Sympathien zwischen Pflanzen und Tieren nach Giambattista della Porta (16. Jahrhundert), aus: Hans Biedermanns Medicina Magica, Metaphysische Heilmethoden in spätantiken und mittelalterlichen Handschriften.

Signaturenlehre

Diese Arcana könne ein weiser Arzt als Heilkräfte erkennen, so Paracelsus, sind sie doch allen Heilpflanzen und Heilmineralien in ihrer Erscheinungsform eingegeben. Schon im Alten Ägypten wusste man von der Wirksamkeit der sich daraus ergebenden Ähnlichkeitsprinzipien. Erst aber Paracelsus erforschte sie eingehend und entwickelte daraus seine Signaturenlehre: Jede Heilpflanze und jedes Heilmineral trägt ein besonderes Kennzeichen, dass einem klugen Alchemisten mitteilt, welche Krankheiten sich damit heilen lassen. Das daraus gewonnene Arcanum (lat. Singular von Arcana, also »Geheimnis«) konnte aber nicht allein den Körper, sondern auch den Geist eines Hilfesuchenden heilen.

Fünf Einflüsse

Mit Hilfe seiner Lebenserfahrung kann der Mensch die Ursachen der Krankheiten finden und dem entsprechend Heilmittel hervorbringen. Dies aber nur, sofern er eben mit den von Paracelsus definierten fünf Krankheitseinflüssen vertraut ist, den sogenannten »Fünf Entia« (von lat. Ens, »Sein« oder »Ursache«):

  • Ens Astrorum: Die Einflüsse der Gestirne.
  • Ens Veneni: Durch den Körper aufgenommene Gifte.
  • Ens Naturale: Die vorherbestimmte Konstitution eines Menschen (wie etwa durch Vererbung).
  • Ens Spirituale: Die Geistigen Einflüsse (etwa vergleichbar mit Psychosomatik, zu Paracelsus Zeiten jedoch vorgestellt als »Geister«).
  • Ens Dei: Der unmittelbare Einfluss Gottes.

Jede Krankheit also, ließ sich laut Paracelsus auf eine oder mehrere dieser Ursachen zurückführen. Hatte ein Mensch zum Beispiel eine schwache Konstitution (Ens Naturale), so erkannte Paracelsus daran, dass die Wirkung eines Giftes (Ens Veneni) auf ihn verstärkt war.

Für die paracelsische Medizin gilt darum die fünf Entia bei der Diagnose einer Krankheit mitzuberücksichtigen, um damit entsprechende Heilmittel herzustellen und Heilverfahren anwenden zu können.

Die fünf Entia bewirken nach Paracelsus ein Ungleichgewicht der drei von ihm genannten fundamentalen, den Körper ausmachenden Grundsubstanzen (Tria Principia): Sulphur, Mercurius und Sal (siehe Erläuterungen dazu unten). Durch die Wiederherstellung des Gleichgewichts dieser Tria Principia, kann dann Heilung erfolgen, beispielsweise durch die Verabreichung entsprechender Mittel. Und eben darum spielen die Dosierungen jener Tria Principia bei der Bereitung eines Heilmittels ihre zentrale Rolle, wo ein Gift durchaus als Heilmittel zur Anwendung gebracht werden kann – wo Gift und Gegengift einander entsprechen. Gemäß Paracelsus waren Arzneimittel nur dann wirksam, wenn sie denselben Ursprung wie die Krankheit selbst hatten.

Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis macht’s, dass ein Ding kein Gift sei.

- Paracelsus in seiner »Dritten Defension wegen des Schreibens der neuen Rezepte«

Die Tria Principia im Zusammenhang mit den vier alchemistischen Elementen - ewigeweisheit.de

Schaubild: Die Tria Principia im Zusammenhang mit den vier alchemistischen Elementen.
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Mit Hilfe aufwändiger Veredlungsprozesse extrahierte Paracelsus bestimmte Substanzen aus Heilpflanzen und vereinigte sie daraufhin wieder, nachdem er die ursprünglichen Bestandteile besonderen Umwandlungsprozessen unterzogen hatte. Was das im Einzelnen ist, wollen wir uns später noch genauer ansehen. Damit auf jeden Fall gewann er die sogenannten »Essenzen«, die er als besondere Heilmittel anwendete.

Paracelsus kam es hier darauf an, die in Pflanzen, Mineralien und Metallen wirksamen Prinzipien zu finden und daraus zu gewinnen, die er dann durch alchemistische Prozesse zu verstärken versuchte. Er hatte dabei die in den Stoffen Quecksilber, Schwefel und Salz wirkenden »philosophischen Prinzipien« erkannt (Tria Principia, siehe Abb. rechts), die er als Mercurius, Sulphur und Sal bezeichnete.

Bezogen auf den Menschen galt Paracelsus:

  • der Sulphur ist das Prinzip der Seele,
  • der Geist ist Prinzip des Mercurius und
  • das Sal entspricht  dem Körper.

Die Inneren Wirkungsweisen des Menschen

Der Mensch in seinem ganzen Dasein gleicht einem Zusammenspiel aller seiner Bestandteile – sowohl physischer, emotionaler wie auch geistiger. Und so wie die Dinge in der natürlichen Welt mit der Welt der Archetypen korrespondieren, so auch die im Folgenden dargestellten Bestandteile des menschlichen Seins. Was der Mensch etwa an Emotionen in sich trägt, lässt sich mittels der paracelsischen Signaturenlehre ableiten auch aus den natürlichen Formen der Welt der Pflanzen, der Tiere und Mineralien. In dieser Lehre der Korrespondenzen beschrieb Paracelsus Entsprechungen, aus denen er die Existenz vierer innerer Wirkungsweisen im Menschen ableitete.

1. Spiritus Rector: Der Ätherleib

Hiermit ist die Urkraft gemeint, die den Organismus aller Lebewesen individuell beherrscht. Dieser Spiritus Rector galt Paracelsus als das geistige Prinzip, das alle Dinge zusammenhält, als des Menschen innerer Doppelkörper, der in allen Leibesgliedern wirkt, ihnen ihr spezifisches Wesen verleiht und sie bis zum Tod zusammenhält, beginnen diese doch zu zerfallen, sobald einen Menschen die Lebenskraft verlassen hat.

2. Mumia: Die Lebenskraft

Sie ist eine überaus feine, geistige Wirkung, die in allen Körperteilen (Blut, Gewebe und Ausscheidungen) präsent ist. Selbst wenn ein Mensch verstarb, verbleibt diese Kraft noch eine Zeit lang im Körper. Es handelt sich um eine Art Magnetismus, der sich auch auf einen Körper übertragen lässt, was etwa, von Paracelsus inspiriert, später durch den Wiener Arzt Franz Anton Mesmer (1734-1815), in Form sogenannter »Magnetischer Kuren« zur therapeutischen Anwendung kam.

3. Virtutes: Die Naturkräfte

Laut Paracelsus wohnen allen Mineralien und Pflanzen (sowie auch Tieren) bestimmte Wirkungen inne, die sich pharmazeutisch nutzen lassen. Solche wirksamen Kräfte kann ein Arzt an ihren sogenannten »Signa« ablesen, also jenen oben bereits erwähnten Signaturen, wo eben ähnlich aussehende Pflanzen auch ähnliche Wirkungen haben.

4. Tartarus: Die Grobstofflichkeit

Als Tartarus bezeichnete Paracelsus den sogenannten »Weinstein« (chemisch: Kaliumhydrogentartrat, Kaliumsalz der Weinsäure), der sich als kristalliner Bodensatz in Weinfässern bildet. Alchemisten meinten darin ein Bild für die grobstoffliche Materie zu erkennen. Entsprechend dieses eher chemischen Phänomens leitete Paracelsus ab, dass entsprechend, bei sogenannten »tartarischen Erkrankungen«, feste Ablagerungen eben zu entsprechenden Krankheitssymptomen führen (wie zum Beispiel Gallen-, Blasen- und Nierensteine, Gicht, Arthrose, Gewebeverhärtungen, Hautflechten oder Lungenerkrankungen).

Alchemie der Heilkunst

Die Herstellung therapeutisch wirksamer Substanzen kannte man seit alters her. Auch Paracelsus schöpfte aus diesen alten Wissensquellen, doch wusste außerdem, wie er die inneren Wirkkräfte von Pflanzen, Mineralien oder Metallen therapeutisch nutzbar machen konnte, durch ein Herauslösen der Prinzipien von Sulphur, Mercurius und Sal.

Auch heute geht ein Spagyriker hierfür schrittweise vor: Zuerst bereitet er den Ausgangsstoff (die »Prima Materia«). Daraufhin verändert er diese Substanz in mehreren Schritten, wozu insbesondere die Gärung, die Destillation und die sogenannte Veraschung zählen. Alle diese alchemistischen Vorgänge erfolgen in Abstimmung auf makrokosmische Prozesse, die der Alchemist da mittels astrologischer Beobachtung am Stand von Sonne, Mond und Planeten abliest.

1. Fermentatio: Gärung

Wer Geistiges aus dem Materiellen (er)lösen will, muss Letzteres zerstören. Ist der Ausgangsstoff pflanzlich, so erfolgt das durch Verwesung, Verfaulung oder Gärung. Hierbei wird das Material einem organischen Auflösungsprozess unterworfen, wobei Alkohol entsteht, den Paracelsus als Träger des »merkurialischen Prinzips« der Pflanze ansah. Nur so können die drei Prinzipien von Sal (Körper), Sulphur (Seele, Wesen) und Mercurius (Geist) gleichzeitig gewonnen werden. Alle drei Prinzipien behalten dabei ihre Wirkung.

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Abbildung eines Alembik (Destillierhelm) in einer mittelalterlichen Handschrift.

2. Distillatio: Herabtröpfeln

Die aus dem ersten Schritt der Fermentatio hervorgegangene Masse kann wird im nächsten Schritt destilliert. Man setzt dazu meist die schonende Wasserdampfdestillation ein (Wasser verdampft bei 100 °C, während die meisten ätherischen Öle zwischen 40 bis 90 °C verdampfen, Alkohol bei etwa 79 °C). Was dabei als Rückstand bleibt ist

  • ein »fixer« Sulphur und
  • das Destillat eines gereinigten Mercurius und »flüchtigen« Sulphurs.

In diesem Schritt werden also flüchtige Stoffe gewonnen (Alkohol, ätherische Öle). Was als Rest im Destillierkolben zurückbleibt wird danach getrocknet.

3. Calcinatio: Veraschung

Die Trocknung und anschließende Veraschung des Destillier-Rückstands, bei hoher Temperatur, liefert das Sal. Es besteht aus den in der Pflanze vorhandenen, anorganischen Bestandteilen (Asche besteht vor allem aus Oxiden und Karbonaten verschiedener Metalle und Halbmetalle, wie etwa Kalium, Calcium, Eisen, Magnesium, Mangan, Silicium, Natrium). Durch anschließendes Herausspülen aus der Asche (Lösung) werden diese Mineralstoffe und Spurenelemente gewonnen.

4. Coniunctio: Vereinigung

Mit dem letzten Schritt erfolgt die Herstellung der spagyrischen Tinktur: hierfür werden Destillat und Asche miteinander vereinigt. Im daraus entstandenen spagyrischen Präparat wirken die Kräfte einer sogenannten »Chymischen Hochzeit«, deren Symbolik sich etwa abbilden ließe, in der Darstellung einer Vereinigung von Sonne und Mond (makrokosmisch) beziehungsweise Mann und Frau (mikrokosmisch).

Die Spagyrische Essenz

Um aus einer spagyrischen Tinktur eine sogenannte Essenz herzustellen, muss die Tinktur einem mehrmaligen Zirkulationsprozess unterzogen werden. Dafür wird sie innerhalb eines Jahres, bei mäßigen Temperaturen, destilliert. Dieser lange Destillationsvorgang führt zur vollständigen Reinigung der Prinzipien Sulfur und Mercurius, während die Materie des Sal dabei in »Licht« verwandelt und aus dem stofflichen Körper ein »Energiekörper« wird. Bei alle dem werden auch astrologische Zyklen mitberücksichtigt, damit dieser lange Zirkulationsprozess zum »Großen Werk« wird – dem Opus Magnum, was in der Alchemie die erfolgreiche Veredelung des Ausgangsstoffes anzeigt.

 

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Was ist der Stein der Weisen?

Was ist der Stein der Weisen?

Der Stein der Weisen - ewigeweisheit.de

Paris im Jahr 1659: Der legendäre Alchemist Basilius Valentinus veröffentlicht ein geheimnisvolles Buch, mit dem eigenartigen Titel »L'Azoth des Philosophes«, auf deutsch: »Das Azoth der Philosophen«. Was beutet das?

Das Wort Azoth an sich schon ist ein Geheimnis, denn es deutet hin auf jenes »Einige Ding«, von dem in der wundersamen Smaragdtafel des Hermes Trismegistos (Tabula Smaragdina Hermetis) die Rede ist:

Das was oben ist, entspricht dem was unten ist. Und das was unten ist, gesellt sich wiederum zum Oberen, mit dem Vermögen die Wunderwerke eines einigen Dinges zu vollbringen.

- Tabula Smaragdina II

Die ersten beiden Buchstaben A und Z im Namen Azoth, beziehen sich auf den Anfang und das Ende aller Dinge – bei dem das »Einige Ding« am immer es selbst bleibt.

Alchemisten und Magier suchten nach einer einzigartigen, rein-geistigen Substanz. Sie glaubten darin sowohl das Chaos vom Uranfang des Universums zu finden, wie auch jenes vollkommen vollendete Werk, dass sie als den perfekten Stein der Weisen bezeichnen. In der Vereinigung dieser beiden universalen Urformen des Kosmos, sah man in uralter Zeit das, was die Smaradtafel das »Einiges Ding« nennt.

Die Etymologie des Wortes Azoth aber ist arabischen Ursprungs und bedeutet schlicht Quecksilber (arab. الزَّاوُوق‎ Az-Zawuq). Für Alchemisten gilt Quecksilber, genannt Mercurius, als Seele aller Metalle. Dem deutschen Arzt Paracelsus (1493-1541) war Mercurius sogar der Inbegriff einer Universalmedizin. Kaum aber meinte er damit das giftige Metall, als vielmehr ein rein-geistiges, heilendes Prinzip, dass dem Unwissenden jedoch für immer unzugänglich bleibt.

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Illustration im Buch Azoth des Basilius Valentinus: Es veranschaulicht das gesamte Wesen von der siebenstufigen Veredelung des Selbst im Leben eines Menschen.
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Ein alchemistisches Emblem

Im Zentrum dieser außergewöhnlichen Illustration, sieht man das Gesicht eines alten, bärtigen Mannes. Er ist im Begriff sein Werk zu beginnen, indem er die Kräfte des Oberen und des Unteren in sich und in der Welt eint. Das ist das Ziel seiner hermetischen Arbeit.

Wer darum das Bild des Azoth versteht, kann es durchaus als Bild für die Kontemplation verwenden. Dann ist es so, als schaue der Meditierende in einem Spiegel ein Mandala, worin er die Transmutation seines eigenen Lebens zu etwas höherem, erkennen kann.

Der große innere Kreis des Emblems überlagert ein Dreieck, dessen drei Ecken unter ihm hervorragen und die Formen höheren Lebens andeute:

  • Spiritus – Der Geist
  • Anima – Die Seele
  • Corpus – Der Körper

Gemeinsam symbolisieren sie drei archetypische Urkräfte, die den Alchemisten bekannt sind als Sulphur, Mercurius und Sal – die drei philosophischen Prinzipien. Sie bilden eine Heilige Dreiheit im Universum. Als solche wirken sie in allem, was in der manifestierten Welt existiert: materiell oder imateriell. Alles im Kosmos unterliegt ihrer Wirkung: unser Geist, unsere Emotionen, unser Körper, die Planeten des Himmels, die Mineralien, die Pflanzen und die Tiere. Auch in nicht-physische Wesen und Geistern sind diese drei Wirkprinzipien präsent.

Das Siebenfältige Werk

Jenen großen Kreis in der Mitte des Bildes, unterteilen sieben Strahlen eines großen Sterns. Das ist ein Symbol für die siebenfältigkeit von Mikrokosmos und Makrokosmos. Daher enthält jeder der Strahlen das Symbol eines der sieben klassischen Planeten (Makrokosmos), dass gleichzeitig einem klassischen Metall (Mikrokosmos) zugeordnet ist.

Paracelsus nannte dieses Symbol den Stern im Menschen, der die geheimen alchemistischen Prozesse in allen Seelen repräsentiert. Sie entsprechen gleichzeitig den Vorgängen in der universalen Weltseele des gesamten Kosmos.

Die Ziffern 1 bis 7 im Bild weisen hin auf die sieben Arbeitsgänge bei der Bereitung des Steins der Weisen und der Herstellung des Lebenselixiers:

  1. Die Calcinatio – die Kalzinierung oder Veraschung,
  2. die Solutio – die Auflösung,
  3. die Separatio – die Trennung oder Filterung,
  4. die Conjunctio – die Vermählung oder das Schwängern,
  5. die Fermentatio – die Fermentierung,
  6. die Destillatio – die Destillierung und
  7. die Coagulatio – die Gerinnung, die, durch die in der Destillatio erhaltene Substanz, schließlich zur Verfestigung beziehungsweise Manifestierung des erzielten Zustands führt.

Dem aufmerksamen Lesen dürfte auffallen, dass sich zu diesen sieben Stufen, gewiss auch Parallelen ziehen ließen, zum Siebentagewerk im ersten Kapitel der biblischen Genesis.

Die Reihenfolge der sieben hier benannten Arbeitsschritte jedenfalls, sollte der Alchemist bei der Schaffung des Steins der Weisen einhalten. Was in den einzelnen Arbeitsschritten geschieht, erläutern außerdem die Vignetten, die sich zwischen den Strahlen des Siebensterns befinden. Sie enthalten besondere, dem Uhrzeigersinn  folgende Bilder, die wie folgt beschrieben werden:

  1. Vignette: Ein schwarze Krähe sitzt auf einem Totenkopf. Dieses Bild steht für die Nigredo, den Vorgang der Schwärzung, dem Anfangszustand des alchemistischen Prozesses.
  2. Vignette: Hier beobachtet die Krähe, wie sie sich selbst auflöst und sich vor ihr die reineren, weißen Bestandteile ihres Seins zeigen. Was also zurückbleibt war zuvor im Innern verborgen und wird nun sichtbar.
  3. Vignette: Hier sieht man zwei weiße Vögel die an der auf dem Boden liegenden Krähe zerren und sie in Stücke reißen. Dieses Bild steht für die Trennung beziehungsweise Isolierung der Essenz, die zuvor aus der Materie ausgelöst wurde.
  4. Vignette: Zwei weiße Vögel fliegen gen Himmel und erhöhen mit ihren Schnäbeln dabei eine goldene Krone. Dies symbolisiert die Läuterung, der die gewonnene Essenz unterzogen wird. Dabei werden ihr himmlisch-göttliche Kräfte zugeführt und sie damit veredelt.
  5. Vignette: Man sieht hier die beiden Vögel die auf einem Baum in ihrem Nest brüten. Hiermit beginnen die geheimnisvollen Prozesse im Werk des Alchemisten. Denn was dort ausgebrütet wird ist zwar noch verborgen, doch wird sich schon sehr bald offenbaren.
  6. Vignette: Vor einem Rosenbusch liegt ein weißes Einhorn. Nie konnte ein Jäger dieses legendäre Wundertier gefangen. Doch es wird ganz zahm, wenn sich ihm eine Jungfrau nähert. Sie nämlich symbolisiert die vollkommen geläuterte Materie, die sich bereits in greifbarer Nähe befindet. Sie ist der Inbegriff vollkommener Reinheit und Unschuld. Das nämlich sind die maßgeblichen Voraussetzungen, um den Stein der Weisen entgegennehmen zu dürfen.
  7. Vignette: Hier sieht man einen jungen Menschen, der aus einem Grab aufersteht. Jetzt wurde der Stein der Weisen gefunden und das Große Werk der Alchemie vollbracht. Denn jene Auferstehung steht für das ewige Leben, in das der Besitzer jenes geheimnisvollen Steins erwacht. Es wird dieser Stein manchmal auch »der Gral« genannt. Ihn hat der Sucher nun in sich entdeckt.

Sol und Luna: Die Königlichen Himmelsleuchten

Der schematisch dargestellte Körper des Alchemisten, ist der Sprössling der hervorgeht aus der Vermählung der Archetypen des Sonnenkönigs (Sol) und der Mondkönigin (Luna). Sol reitet zu seiner Rechten auf einem Löwen, während Luna zu seiner Linken auf einem Fisch das Meer durchquert.

Auf der Smaragdtafel lesen wir:

Sein Vater ist die Sonne, Seine Mutter der Mond

- Tabula Smaragdina IV

Bei genauem Hinsehen, erkennt man, dass der Sonnenkönig lächelt. Das ist ein Hinweis auf seine extravertierte Art. Er hält in seiner Linken ein Schild und in seiner Rechten ein Szepter: Sinnbilder für seine Macht über Vernunft und die sichtbare Welt.

Der Löwe auf dem er sitzt ruht selbst auf einem Felsen, in dem sich eine Höhle befindet. Daraus erscheint ein feuerspeiender Drache. Er weist hin auf des Sonnenkönigs verborgene, unbewusste Triebe. Denn aus dem extravertierten, immer frohen König, wird manchmal ein arroganter Despot. Damit aber besiegelt er bereits sein Ende, denn der feurige Drachenhauch aus dem Urgrund seines Bewusstseins, wird ihn in seinen Leidenschaften verbrennen.

Die Mondkönigin macht einen eher melancholischen Eindruck. Sie aber hält in ihren Zügeln einen riesigen Fisch, der ihre Macht über das Unbewusste symbolisiert. So hat die Mondkönigin die Vorgänge in ihrem Unterbewusstsein vollkommen unter Kontrolle, etwas also das dem Sonnenkönig fehlt. In ihrer Linken wiegt sie Pfeil und Bogen. Sie stehen für die Hinnahme von Kummer und Leid, dass die Mondkönigin als Teil des Lebens anerkennt.

»Die Chymische Hochzeit«

Sonnenkönig und Mondkönigin stehen für die Ausgangsubstanzen, mit denen der Alchemist sein Werk beginnt. Sie verkörpern seine Erfahrungen, Gefühle und Gedanken, die für seine Arbeit von Bedeutung sind. Er nämlich ist der Erschaffer des Steins der Weisen.

Der Sonnenkönig repräsentiert die Macht des Geistes über das Denken, was im Makrokosmos dem Weltgeist (Spiritus Mundi) entspricht. Die Mondkönigin dagegen repräsentiert die menschlichen Gefühle und Emotionen, die auf makrokosmischer Ebene der Weltseele (Anima Mundi) entsprechen. In der Kabbala ließen sich diese Wirkformen, mit den Sefiroth Binah (göttliche Intelligenz) und Chokmah (göttliche Weisheit) vergleichen. Der Weltgeist ergießt sich als göttliche Intelligenz und ordnende Instanz, in das in der Weltseele wütende, magische Urchaos.

Es scheint nun naheliegend, dass daher beide Prinzipien auf gegenseitige Ergänzung drängen und sich die Ordnung mit dem Chaos vermählen will, der Geist mit der Seelensubstanz, der Intellekt mit der Weisheit. Damit käme es zur sogenannten Heiligen Hochzeit (Hieros Gamos) von Sonnenkönig und Mondkönigin. Auf den Menschen übertragen bedeutete das einen Bewusstseinszustand, in dem ihm gelingt sein Denken mit seinem Fühlen zu verbinden, in sich quasi eine emotionale Intelligenz zu schaffen. Dieser Zustand aber, kann geläutert und erhöht werden, was den Alchemisten in die Lage einer perfekten Intuition versetzt. Damit aber gelingt ihm die vollkommene Erkenntnis über das innerste Wesen der Realität. In der Tabula Smaragdina heißt es dazu:

Alle Finsternis wird von Dir weichen.

- Tabula Smaragdina IX

Womit gemeint sind, die:

Vollendungen der ganzen Welt

- Tabula Smaragdina VI

Ziel des großen Werks

Alle Alchemisten suchten nach diesem Zustand, vollkommener ungetrübter, edelster Weisheit. Man könnte sagen, dass sie versuchten jenen Moment der Erleuchtung, im gesuchten und letztendlich geschaffenen Stein der Weisen zu gewinnen und darin zu bewahren.

Es wäre aber falsch hier nur an ein physisches Mineral oder eine perfekten Edelstein, wie etwa den Smaragd zu denken. Vielmehr handelt es sich beim Stein der Weisen um einen Bewusstseinszustand vollkommener, geistig-seelischer Ordnung. Diese spirituelle Struktur erschafft der wahre Alchemist durch die heilige Vermählung der Gegensätze in ihm – das was C. G. Jung als den Animus und die Anima bezeichnete.

Der Leib des Alchemisten

In der vorliegenden Illustration des Azoth, stehen die vier Gliedmaßen des Alchemisten, für die vier alchemistischen Elemente:

  • sein rechtes Bein steht auf dem Land (Erde),
  • sein linkes Bein steht im Meer (Wasser),
  • seine rechte Hand hält eine brennende Fackel (Feuer) und
  • seine linke Hand greift nach einer Feder (Luft).

Sein Haupt aber steht für das verborgene fünfte, geistige Element: den Äther. Es ist die unsichtbare Quintessenz, durch die sich das im Geist Ausgemalte, in der Realität manifestiert. In der Smaragdtafel heißt es dazu:

Seine Kraft ist am vollkommensten, wenn es sich in die Erde ergießt und sich mit ihr vereint.

- Tabula Smaragdina VII

Zwischen seinen Beinen baumelt ein Würfel, den sechs Sterne umgeben. Dieses Symbol, dass das Wort »Corpus« – der Körper – kennzeichnet, steht für die sechs Richtungen der materiellen Welt: oben, unten, links, rechts, hinten und vorn.

Was aber ist über seinem Haupt zu sehen? Eigentlich sollte sich ja dort der Kopf des Alchemisten befinden. Doch der scheint ins Herz verrückt zu sein. Was man hier aber sieht, ist ein kleines Gebilde, dass zwei lange Flügel tragen: ist damit etwa das dritte Auge gemeint – jene lichtempfindliche Drüse im Zentrum des menschlichen Gehirns?

Geflügelte Sonne - ewigeweisheit.de

Die geflügelte Sonnenscheibe: ein häufiges Symbol im Alten Ägypten, das links und rechts eine Uräus-Schlange ziert. Eigentlich ist dieses Bild auf dem gesamten Erdball verbreitet. Man denke etwa an die Ähnlichkeit des zoroastrischen Faravahar-Symbols.

Womöglich entwickelte sich diese Symbolik aus der geflügelten Sonnenscheibe des Echnaton. Dieses uralte Emblem krönt den magischen, schlangenumwundenen Stab des Hermes: den Caduceus. Er ist das, was im Allgemeinen unter der Bezeichnung »Zauberstab« verstanden wird. Die beiden Schlangen nämlich, die sich daran emporwinden, stehen für zwei geheimnisvolle Kräfte im Körper.

Somit ist der Caduceus an sich ein Symbol für die oben näher erläuterte Heilige Hochzeit des mikrokosmischen Spiritus und der Anima im Menschen, wie ebenso Weltgeist und Weltseele im Makrokosmos.

Was in Basilius Valentinus Emblem also zwischen den beiden Flügeln in der Mitte zu sehen ist, symbolisiert die aufgestiegene Seelenessenz desjenigen, der sie in seinem Körper auf die höchste Stufe des Gehirns brachte. Denn von diesem zerebralen Zentrum aus, kann sich menschliches Bewusstsein, dass diesen Grad der Vollendung erreichte, vom Körper lösen und sich in andere Gefilde des Seins begeben.

In den alt-ägyptischen Mysterien, weihte man die Adepten ein, in diesen Zustand ultimativen Gewahrseins. Man führte ihren Körper an die Todesgrenze, so dass sie ihn als Leiche empfanden, doch gleichzeitig bei vollem Bewusstsein blieben.

Es ist also die Krone des Caduceus, die hier hinter der großen, siebengeteilten Scheibe emporragt. Links brennt ein Feuer, worin sich ein Salamander befindet. Und so wie der Salamander die Wärme des Sonnenlichts benötigt, so benötigt auch die Seele (Anima) das Licht des Geistes.

Auf der rechen Seite der geflügelten Caduceus-Krone aber befindet sich ein Adler, der für den Geist (Spiritus) steht. So wie die kühlende Nacht den Geist beruhigt und ihm zur Reflexion verhilft, so gleitet am Abend der Adler in sein mondbeschienenes Nest.

Vitriol-Formel-Emblem in den Geheimen Figuren der Rosenkreuzer - ewigeweisheit.de

Eine Illustration der berühmten Vitriol-Formel, die ursprünglich in Valentinus' Buch Azoth erschien, jedoch vielfach kopiert wurde. Diese Version stammt aus dem sogenannten "Dritten und letzten Heft" der Geheimen Figuren der Rosenkreuzer.
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Smaragdgrüner Stein der Weisen

In alter Zeit nannte man das smaragdgrüne Eisensalz der Schwefelsäure »Vitriol«. Den Alchemisten aber ist es außerdem der verschlüsselte Name für die prima materia, die Ausgangssubstanz bei der Bereitung des Steins der Weisen. Es handelt sich also nicht um das gewöhnlichesbuchstaben Eisenvitriol, sondern eher um ein geistiges Ausgangsprinzip.

Schauen wir uns noch einmal die Basilius Valentinus' Illustration an: in den Zwischenräumen, umgeben von den sieben Strahlen des Sterns, lesen wir sieben Worte. Ihre Anfangsbuchstaben bilden ein Akronym: Vitriol!

Die innere Bedeutung des Namens Vitriol also ergibt der Satz, den diese sieben Worte im Urhzeigersinn gelesen ergeben:

Visita Interiora Terrae Rectificando Invenies Occultum Lapidem.
Besuche das Innere der Erde, inmitten der du dich läuterst, und du wirst finden den geheimen Stein.

Mit jenem visita, dem Besuch, ist der Beginn einer Reise gemeint, die der Alchemist in den interiora, den innersten Empfindungen seines Körpers auf der terrae, der Erde, einer rectificando, einer Läuterung unterziehen muss. Ist das aber vollzogen, wird er finden, invenies, den Stein der Weisen: occultum lapidem.

Die drei Philosophischen Prinzipien in der Hermetik

Die drei Philosophischen Prinzipien in der Hermetik

Die drei philosophischen Elemente, die man auch als die Tria Principia - "Drei Prinzipien", bezeichnet, wurden von Pracelsus in ihre heutige Form gebracht. Es sind drei substantielle Prinzipien:

Die Tria Principia im Zusammenhang mit den vier alchemistischen Elementen - ewigeweisheit.de

Schaubild: Die Tria Principia im Zusammenhang mit den vier alchemistischen Elementen.
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  1. Sulphur: das brennbare Prinzip des Feuers und der Luft
  2. Mercurius: das flüchtig-flüssige Prinzip des Wassers
  3. Sal: das feste, formgebende Prinzip der Erde

Alle Stoffe und Metalle entstehen in der Alchemie durch das Zusammenwirken dieser drei philosophischen Prinzipien. Auch die Prozesse die bei Krankheit und Heilung wirken, wurden von Pracelsus in diesen drei philosophischen Prinzipien erkannt.

Diese drei Prinzipien lassen sich, wie wir oben bereits sahen, in Beziehung setzen zu den vier alchemistischen Elementen. Im Kontext paracelsischer Alchemie (Spagyrik) ergiebt sich daraus folgende Veranschaulichung: