Phoenix

Phoenix aus der Asche

von S. Levent Oezkan

Phoenix aus dem Aberdeen Bestiary - ewigeweisheit.de

Der Name des Phoenix hat seinen Ursprung im griechischen phoinix, was die alte Bezeichnung ist für den mythischen Vogel Greif. Auch der Name des alten Volkes der Phönizier, aus deren Alphabet sich auch unsere Buchstaben entwickelten, scheint von der gleichen Wortwurzel zu stammen. Als solch »phönizischer Vogel« bildet sein Kleid ein purpur-rotes Gefieder.

Clemens von Rom (50-101 n. Chr.), eine der bedeutendsten Gestalten des jungen Christentums, schrieb in Briefen an die Korinther über die besondere Natur dieses Wundervogels:

Es gibt einen bestimmten Vogel, der Phoenix genannt wird. Dieser ist der einzige seiner Art und lebt fünfhundert Jahre. Und wenn sich die Zeit seiner Auflösung nähert, dass er sterben muss, baut er sich ein Nest aus Weihrauch und Myrrhe und anderen Gewürzen, in das er, wenn die Zeit erfüllt ist, hineinfliegt und stirbt. Wenn aber das Fleisch verwest, entsteht eine bestimmte Art von Wurm, der, genährt von den Säften des toten Vogels, Federn hervorbringt. Dann, wenn er stark geworden ist, nimmt er das Nest, in dem sich die Knochen seines Elternteils befinden, und zieht mit diesen aus dem Land Arabien nach Ägypten, in die Stadt, die Heliopolis heißt. Am hellen Tag legt er sie vor den Augen aller Menschen auf den Sonnenaltar und kehrt dann an seinen früheren Aufenthaltsort zurück. Die Priester prüfen dann die Datumsregister und stellen fest, dass er genau so zurückgekehrt ist, wie das fünfhundertste Jahr vollendet wurde.

- Clemens von Rom, Brief an die Korinther 25:2-5

Aus Sicht des griechischen Völkerkundlers Herodot von Halikarnassos (490-420 v. Chr.) liegt der Ursprung des Phoenix im Alten Ägypten. Man nannte ihn dort den »Benu«, einem Namen für den neugeborenen Sohn, in der Hieroglyphenschrift abgebildet, als Symbol für den Purpur-Reiher. Möglicherweise hieraus, entwickelte sich im Laufe der Zeit das Phoenix-Motiv der Wiederauferstehung, womit auch die Vorstellungen einer Seelenwanderung zusammenhängen. Kaum verwunderlich darum, wenn der mythologische Phoenix zu einer Metapher für die Auferstehung Christi wurde.

Der Phoenix in der Alchemie

Splendor Solis 12 - ewigeweisheit.de

Tafel 12 aus dem Buch Spledor Solis.

Aber auch den Alchemisten gilt der Phoenix als wichtiges Symbol. Das Ziel der Alchemie, das Finden des sogenannten »Steins der Weisen«, gilt da als ein Entdecken des Phoenix, ist der sagenhafte Stein bekanntlich doch purpurrot. Und es ist eben dieser mythische Vogel Phoenix, der seinen Prozess der Seelenentwicklung durch eine Selbstopferung erzwingt, wobei er sein Nest zu seinem eigenen Scheiterhaufen macht, wo er es selbst entzündet um darin zu verbrennen. Aus seiner Asche aber erhebt er sich dann, zu neuem Leben verwandelt (die bekannte Redewendung »wie ein Phoenix aus der Asche« aufzuerstehen, steht ja für den Neuanfang nach einer endgültigen Niederlage).

Solcherart Erneuerung und Auferstehung, sind auch zwei grundlegende Konzepte der Alchemie. Und wird dieser roten Stein der Weisen, in einer Transmutation durch Feuer gewonnen. Drum findet man in einigen alchemistische Darstellungen den Phoenix abgebildet, als Sinnbild für die letzte Phase bei der Bereitung des Steins der Weisen, als quasi die Auferstehung des (roten) Steins.

Es geht damit einher die besondere Erfahrung des Alchemisten, durch eine dabei erfolgende Vergeistigung. Er hat sein Wesen so weit integriert, dass er nicht mehr auf seinen physischen Körper als Grundlage seines Seins angewiesen ist und steht nun auf der Gewissheit des Spirituellen – er hat in diesem Sinne den Stein der Weisen erlangt, als spirituellen Kern seines Wesens. Wir können darum auch vom Prozess einer Seelenalchemie sprechen, einer Integration und Reinigung, einer Transmutation der Seele. Alchemisten haben diesen Vorgang abgebildet, durch die Darstellung verschiedener Symbole, die Vögel abbilden, von denen der Phoenix eben als letzter erscheint, auch als ein Hinweis auf das symbolische Sterben im Leben, dass Voraussetzung für allen Neuanfang bildet. Für die Mystiker der Antike war der Phoenix darum auch ein Symbol für die Unsterblichkeit der menschlichen Seele.

Er galt darum den Eingeweihten von einst darum als Symbol der Umwandlung und Regeneration der schöpferischen Energie. Manche behaupten gar, dass der doppelköpfige Phoenix einen Prototyp des androgynen Menschen bildet, der angeblich dereinst als Wesen mit zwei Wirbelsäulensträngen auf Erden leben wird, mit deren Hilfe er das Schwingungsgleichgewicht im Körper aufrechterhalten will.

Der Phoenix bei Herodot

Es gibt noch einen anderen heiligen Vogel, der Phoenix genannt wird, den ich selbst nicht gesehen habe, außer auf einem Gemälde, denn in Wahrheit kommt er sehr selten zu ihnen, in Abständen, wie die Leute von Heliopolis sagen, von fünfhundert Jahren; und diese sagen, dass er regelmäßig kommt, wenn sein Vater stirbt; und wenn er wie das Gemälde ist, ist er von dieser Größe und Beschaffenheit, das heißt, einige seiner Federn sind von goldener Farbe und andere rot, und in Umriss und Größe ist er so ähnlich wie möglich wie ein Adler. Dieser Vogel, so sagt man (aber ich kann die Geschichte nicht glauben), geht folgendermaßen vor: Er zieht von Arabien aus und bringt seinen Vater, so sagt man, in den Sonnentempel (Helios), eingegipst in Myrrhe, und begräbt ihn im Sonnentempel; und er bringt ihn so: Er formt zuerst ein Ei aus Myrrhe, so groß, wie er es tragen kann, und dann versucht er, es zu tragen, und wenn er es ausreichend versucht hat, dann höhlt er das Ei aus und legt seinen Vater hinein und übergießt den Teil des Eies, wo er es ausgehöhlt hat, um seinen Vater hineinzulegen, mit anderer Myrrhe, und wenn sein Vater hineingelegt ist, beweist es (sagen sie), dass es das gleiche Gewicht hat, wie es war; und nachdem er es übergossen hat, bringt er das Ganze nach Ägypten zum Sonnentempel. So sagt man, dass dieser Vogel es tut.

- Aus Herodots Historiae II:73

Herodot beschrieb auch die Erscheinungsform des Phoenix, als einem Adler gleichend. Auch er beschreibt seinen Vogelleib mit glänzenden purpurroten Federn bedeckt, während seine langen Schwanzfedern abwechselnd blau und rot wären. Der Kopf des Phoenix aber ist von heller Farbe, seinen Hals schmückt ein goldener Federkranz. Man könnte auch sagen, dass der Phoenix der Schwan der Alten Griechen und der Adler der Römer war, wie vielleicht auch in Zusammenhang gesehen werden kann, mit dem Pfau als Symbol orientalischer Mythologie (etwa der »Melek Tausi« der Jesiden).

Der Phoenix ist ein heiliges Symbol für das Solare gewesen. Seine Lebensdauer von 500 Jahren setzte den Maßstab für die Bewegung der Himmelskörper, wobei seinen Namen auch ein südliches Sternbildes trägt, womit seine mythische Erscheinung als Symbol, damit auch eine astronomische und astrologische Bedeutung hat.

 

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Geheimnisse der Großen Pyramide von Gizeh

von S. Levent Oezkan

Große Pyramide von Gizeh - ewigeweisheit.de

Traditionell leitet sich das Wort Pyramide von dem griechischen Wort für das Feuer ab: Pyr. Darin dachten sich die Menschen der Antike eine göttliche Flamme brennend, als Sinnbild für das Leben aller Geschöpfe. Die Eingeweihten alter Zeit sahen auch darum im Symbol der Pyramide eine ideale, heilige Form.

Aus ihrer geometrischen Gestalt glaubten die Initiierten eine geheime Lehre ablesen zu können. So wie die heiligen Berge der Erde, die man in verschiedenen Kulten rund um den Globus bis heute ehrt, so bildeten einst die Pyramiden Gegenbilder zu jenen hohen Stätten Gottes.

Die Gipfel heiliger Berge, wie auch die Spitzen der Pyramiden, galten einst und gelten auch heute noch, als spirituelle Pole der Erde. So wie die griechische Mythologie uns von einem Berg Olymp erzählt, wo ein mythische Unterweltsfluss Hades fließt, so führen geheime Wege auch durch die unterirdischen Gänge der Großen Pyramide im ägyptischen Gizeh.

Vier Seiten – drei Räume

Immer war diese Pyramide ein Gebäude der Weisheit, deren Erscheinung ganz fest in der Natur stehend, auf die unveränderlichen Gesetze der Welt hinweist. So etwa orientieren sich die vier Seiten der Großen Pyramide von Gizeh, exakt nach den vier Himmelsrichtungen, wobei sich in ihren vier dreieckigen Flächen jeweils zwei Extreme ablesen lassen:

  • Süden gegenüber Norden: Hitze und Kälte (zu Mittag und zu Mitternacht) und
  • Osten gegenüber Westen: Licht und Dunkelheit (zu Sonnenaufgang und zu Sonnenuntergang).

Die Basis der Pyramide stellt die vier materiellen Elemente dar, aus denen sich der Körper des Menschen zusammensetzt. Die zwölf Winkel ihrer vier Dreiecke aber, sie stehen für die zwölf astrologischen Zeichen des himmlischen Tierkreises. Von den Spitzen läuft zur Mitte hin die Kraft der vier fixen Astralzeichen: Stier, Löwe, Skorpion und Wassermann – symbolisiert als die vier biblischen Cherubim, die vier Engel – mit dem Haupt eines Stiers, eines Löwens, eines Adlers und eines Menschen (Hesekiel 1:4-10).

Die Große Pyramide in Gizeh besaß ein System aus drei großen Kammern:

  • die Felsenkammer befand sich ausgehöhlt im Grundgestein, auf dem man die Pyramide errichtete,
  • die Königinnenkammer war etwas höher im Kerngemäuer des Bauwerks gelegen und
  • die Königskammer darüber, worin sich ein Sarkophag befand, war vielleicht der Ort, wo man den König (Pharao) zur letzten Ruhe gesetzt hatte – als irdischen Repräsentanten des Lichtgottes Horus (dem Sohn des Osiris und der Isis).

Jene drei Kammern aber standen für eine Metaphysik, die Herz, Gehirn und das generative System im Menschen symbolisch verband, woraus sich auf höherer Ebene, symbolische Allegorien ergaben, als Abbilder für die geistigen Zentren der menschlichen Konstitution.

Diese Kammern waren im Innern der Pyramide, während sie eine Spitze krönte, in der man einen sakralen Teil des Monumentalbaues sah, worüber sich die himmlischen Kraftströme der Götter, auf die Erde ergießen konnten. Die Eingeweihten schauten auf die Pyramide, so als wäre sie das Emblem eines umgedrehten Baumes, dessen Wurzeln an der Spitze liegen und dessen Äste ins Fundament übergehen. So kommt die göttliche Weisheit zur Verbreitung auf Erden, indem sie an den auseinanderstrebenden Seiten herabfließend, in die ganze Welt hin ausstrahlt. Nur, was davon ist uns heute geblieben?

Der Goldene Schlussstein der Großen Pyramide von Gizeh – ewigeweisheit.de

Der Schlussstein

Der Großen Pyramide von Gizeh fehlt der Deckstein – und das schon seit sehr langer Zeit. Gut möglich, dass sich dort einst eine entsprechend kleinere, aber goldene Pyramide befunden hat, die die Große Pyramide als ihre Krönung vollendete. Nur leider kann niemand sagen, ob sich dieser goldene Deckstein dort auch tatsächlich befunden hat. Hatte man ihn absichtlich ausgelassen?

Unter den Erbauern sakraler Bauwerke, tendieren merkwürdiger Weise auch andere dazu, ihre Schöpfungen unvollendet zu lassen. Wohl wollen sie damit signalisieren, dass Gott allein vollständig ist. Der Schlussstein der Großen Pyramide aber – wenn es ihn denn gäbe, wäre wohl selbst eine Miniaturpyramide, deren Spitze wiederum einen kleineren Block ähnlicher Form bedecken würde, und so weiter bis ins Unendliche. So würde dieser eigentümliche Deckstein damit also den Inbegriff des gesamten Bauwerks bilden, da er eine Krönung bildet dessen, was in seiner geometrischen Urform ja bereits selbst vorhanden ist.

Wenn dem nun aber so wäre: Welchen Zweck dann sollte das erfüllen?

Die Pyramide ist ein Symbol für das Universum, der Schlussstein kann mit dem Menschen verglichen werden. Folgt man einer daraus abgeleiteten Kette von Analogien, so entspräche dem menschlichen Verstand ein weiterer, kleinerer Schlussstein. Der Geist würde den Schlussstein des Verstandes bilden – und Gott, als der Inbegriff des Universalen, den Schlussstein des Geistes.

Aus dieser Allegorie entstand das Bild des Menschen als roher und unbehauener Block, den man aus einem Steinbruch los machte, um ihn dann durch die geheimen Riten der Mysterien, allmählich in einen geglätteten und vollkommenen pyramidenförmigen Schlussstein zu verwandeln. Erst wenn der Eingeweihte da selbst zur lebendigen Spitze des Sakralbaues wurde, war dieser vollendet und die Wirkungen des Göttlichen erstreckte sich ab da, auf die darunter liegende, auseinanderstrebende Struktur der Pyramide – als Symbol für den Menschen, wie auch für den Sakralbau, ja letztendlich gar für das gesamte Universum.

So verehrte man im Alten Ägypten die Große Pyramide als heiligsten Sakralbau, in dem die höchste Gottheit unsichtbar gegenwärtig ist. Die Pyramide war der erste Tempel der Mysterien, das erste Bauwerk, das man als Aufbewahrungsort für jene geheimen Wahrheiten errichtet hatte, die die sichere Grundlage aller Künste und Wissenschaften bilden.

Darum auch assoziierte man mit der Pyramide den Weisen Hermes Trismegistos, den die Ägypter »Thoth« nannten: Gott der Weisheit, der Schrift und der Magie. Ihn verehrte man über den Planeten Merkur und sah in ihm den vom größten Gott gesandten Meister – einen, der den Menschen zur Erleuchtung führt. Was da geschah, war, dass der Initiierte durch Thoth erfuhr, dass die Große Pyramide ein Wahrzeichen von Mikrokosmos und Makrokosmos war, worin sich, nach den alten Geheimlehren Ägyptens, das Grab des Osiris befand: Des schwarzen Gottes der Fruchtbarkeit des Nil. In Osiris aber tritt in Erscheinung eine bestimmte Kraftwirkung der Sonne. Die Große Pyramide, als sein Haus und als sein Grab, ist ein Sinnbild für das Universum, in dessen quadratisch-kreuzförmiger Struktur er beigesetzt ist.

Löwengesichtiger Hierophant – ewigeweisheit.de

Alt-Ägyptische solare Löwengottheit Sechmet.

In Gedenken an das Goldene Zeitalter des Löwen

In alter Zeit bewegten sich die Eingeweihten durch die geheimnisvollen Gänge und Kammern der Großen Pyramide. Irgendwo in den Tiefen ihrer sakralen Architektur wohnte ein heiliger Meister, der der Außenwelt unbekannt war, der aber die Einzuweihenden dort in seiner Unterwelt empfing. Es war der »löwengesichtige Hierophant«, der niemals diesen Ort verließ, weshalb ihn niemals einer sah, der nicht die Tore der Vorbereitung und Läuterung durchschritten hatte. Als Unwissende begaben sich die Neophyten durch eine verborgene Pforte ins Innere der Großen Pyramide, um dort zu erfahren. Als Wissende traten sie daraus wieder hervor, als Erfahrene.

So wie Gott in den Herzen der Menschen gegenwärtig ist, so sollte daraufhin auch Weisheit im Initiierten wohnen, als einem, der aus dem »Schoß der Mysterien« in die Welt hinaustrat. Damit bildete die Große Pyramide einen Ort, wo der Initiand seinen mystischen Tod erfuhr, um darauf in seiner »zweiten Geburt« wiederaufzuerstehen, in ein neues Leben – dem Einen geweiht.

Wer aber war dieser löwengesichtige Hierophant, der Meister der Mysterien, der anscheinend (oder nur angeblich) im Innern der mächtigen Pyramide lebte?

Wer war dieser Mensch mit dem Haupt eines Löwen, zu dem sich die Ahnungslosen begaben, durch all die vielen Räume, im Innern dieses monumentalen Baus?

Nie erblickte der doch andere, außer den »Wiedergeborenen«, an die er dort herantrat, um ihnen ins Ohr zu flüstern, von einem siebenfältigen Geheimnis.

Im Zweifel gestorben, dem Einen geweiht

Durch die Einweihung, wurde dem Initiierten die Macht offenbart, seinen Schutzgeist zu erkennen. Ab da verstand er, was es bedarf den materiellen Körper von seinen göttlichen Träger zu lösen. In diesem »Großen Werk«, wie man es auch aus der Alchemie kennt (Opus Magnum), wurde dem Neophyten der geheime und unaussprechliche Name des Höchsten Gottes offenbart und sein Geist damit veredelt. Wer das erfahren hatte, gelangte an ein Bewusstsein, wo er sich in Gott, selbst bewusst erfuhr. Mit der Übergabe dieses heiligen, unsagbaren Namens, erfuhr der neu Eingeweihte in sich eine Kraft, die aus der Erkenntnis der Geheimnisse der Pyramide hevorstrahlte – so wie unzählige anderen Initiierte, die ebenfalls dort einst spirituelle Erleuchtung erlangen durften.

Da hatte sich in ihm etwas abgespielt, das die Mysterien-Tradition das »Drama des zweiten Todes« nennt. In der Großen Pyramide fand zu dieser Erfahrung der Neophyt in die Königskammer, ein dem Lichtgott Horus geweihter Raum. Wohl erfuhr er da die Ambivalenz der Mächte des Lichts und der Finsternis, als er da in die Augen des Lichtgottes blickte:

  • Im linken Auge des Horus, glaubte er ein Mondlicht schimmern zu sehen und
  • in seinem rechten Auge, den Strahl der mystischen Sonne.

Nachdem man dann den Initianden die Kreuzeserfahrung im zentralen Schnittpunkt der beiden solaren Solstitien (Sonnenwenden) und Äquilibrien (Tagundnachtgleichen) machen ließ – ein »initiatische Sterben« – setzte man ihn bei, in einem Sarkophag. Wie dieser Vorgang letztendlich erfolgte, dass ist bis heute ein streng gehütetes Geheimnis. Wohl aber herrschte an diesem sagenhaften Ort eine eigentümliche, todesähnliche Kälte, die in diesem Ritual bis ins Mark der Knochen des Neophyten gedrungen sein dürfte.

Der Seelenvogel Ba – ewigeweisheit.de

Alt-Ägyptische Darstellung eines bestimmten seelischen Aspekts der Seele: Der Ba-Vogel (hier in einer Abbildung aus dem Ägyptischen Totenbuch), bildert mit dem Ka (den Tod überdauernder Seelenanteil) und dem Ach (Ahnengeist) eine seelische Dreiheit. Trotz seiner engen Bindung an den Körper, kann sich die Exkursions-Seele des Ba von diesem aber lösen und von ihm entfernen. Nach dem physischen Tod eines Menschen, fliegt der Ba als Falke mit Menschenhaupt zum Himmel auf, um sich dort wieder zu verwandeln in sein entsprechendes Tierzeichen.

Der Raum dieser Königskammer in der Großen Pyramide, bildete da ein Tor von der materiellen Welt in die transzendentalen Sphären einer kosmischen Natur. Während der Körper des Neophyten in dem Sarg lag, schwebte sein Seelenvogel über ihm – sein »Ba«, wie es die Ägypter nannten: ein seelischer Aspekt, der sich trotz seiner engen Bindung an den Körper von diesem lösen und auch entfernen kann.

Wie ein Falke mit menschlichem Kopf flog er dann durch die sieben himmlischen Reiche, um selbst und unmittelbar, die Ewigkeit des Lebens, des Lichts und der Wahrheit zu erfahren, sowie die Illusion des Todes, der Dunkelheit und der Sünde zu überwinden. Wer das erlebt hatte, der erfuhr die eigentliche Einheit allen Lichts und aller Dunkelheit in sich, woraufhin sich alles ursprüngliche Ent-Scheiden erübrigen sollte.

Immer bildete für die Eingeweihten damit die Große Pyramide von Gizeh ein mystisches Tor, durch das die alten Priester einige wenige zur Erlangung ihrer individuellen Vollendung passieren ließen, um ihnen dabei den höchsten Grad der Mysterien zu verleihen.

Über das Ende der Mysterien-Tradition

Einst aber sollte der Löwengesichtige den Weg der Weisen verlassen. Denn heute ist dieses »Haus der Einweihung« leer. Die Lobgesänge hallen nicht mehr in gedämpften Tönen durch die Räume. Kein Neophyt mehr wandelt durch die Gänge dort und verweilt in den Kammern der sieben Sterne. Nicht mehr erhört der Initiand die »Worte des Lebens« von den Lippen des Ewigen. Nichts scheint übrig geblieben zu sein von dem, was das Auge des Menschen einst dort erkennen konnte, als nur eine leere Hülle, die wie der äußere Schatten einer inneren Wahrheit, heute un(be)greifbar an ihm vorüberzieht. Was einst ein Haus Gottes war, wurde schließlich zur Gruft einer immer mehr verblassenden Erinnerung.

Auferstehung des Phoenix

Heute, in unserer modernen Welt, mag all das Gesagte vielleicht klingen, als hätte es jemand in einem Märchenbuch gefunden. In Wirklichkeit aber, haben die meisten von uns diese alten Riten längst vergessen, geschweige denn davon jemals erfahren. Wissenschaftler wie Theologen gleichermaßen, blicken ratlos auf das so heilig Anmutende der Großen Pyramide von Gizeh und fragen sich: Welcher grundlegende Drang wohl, hat die Errichtung dieses monumentalen Bauwerks inspiriert?

Leider gaben, bei der Suche nach einer Antwort auf diese Frage, viele Forscher zu schnell auf. Hätten sie einen Augenblick mehr darüber nachgedacht, vielleicht wäre ihnen die Erkenntnis zugefallen, dass in der Seele des Menschen ein geheimes Drängen darauf wartet, ausgelöst zu werden, um damit einen inneren Impuls der Inspiration freizusetzen. Dieser nämlich führt zu dem jähen Erfahren der eigentlichen Enge, die mit der körperlichen Sterblichkeit des Menschseins einhergeht. Doch noch viel mehr: In solch Erleben nämlich, würde sich einer bewusst, dass er diese Enge gegen eine viel größere Weite göttlicher Erleuchtung einzutauschen vermag, um so die Erfüllung eines ewigen, doch unbewussten Wunsches zu erfahren, der ihn verstehen, der ihn begreifen lässt und damit zu einem »Wissenden« macht, der weit mehr vermag, als einer der nur viel weiß.

Kein Wunder, wenn aber jene unter solchen, die Große Pyramide als das vollkommenste Bauwerk der Welt bezeichneten, als einen Ort der Initiation und ein Tor das sich ins Ewige hin zu öffnen vermag.

Auch wenn wir heute, in unserer modernen Welt eine Million angeblicher Geheimnisse kennen, kannte die initiierten Menschen der Antike nur ein einziges, jedoch wahrhaftiges Geheimnis. Und dieses Eine war größer als die Millionen, die als scheinbar gelüftete Geheimnisse, nur das Ego in immer neue, ungelöste Rätsel verstricken. Denn über all die vielen Merkwürdigkeiten der Welt erfahren zu wollen, entspringt doch nur einem selbstsüchtigen Wissensdurst, der sich als solcher jedoch niemals stillen lässt und den Wissbegierigen letztendlich in ein Chaos führt. Das eine große Geheimnis, dem man die Neophyten dort in der Großen Pyramide weihte, aber schenkte Leben, spendete ein Licht der Weisheit und die Erkenntnis der wahren Ursachen menschlichen Seins.

Es wird wohl wieder eine Zeit kommen, in der jene angedeutete geheime Weisheit, im Mittelpunkt religiöser und philosophischer Anschauungen stehen wird. Manche glauben gar, dass der Tag unmittelbar bevorstehe, der einen Untergang der Dogmen der Gegenwart einläutet.

Nicht aus großen Felsen, sondern aus Lehmziegeln und Schleimmörtel, errichtete man einst den großen theologischen Turm zu Babel, worauf sich die biblische Legende der Sprachverwirrung ereignete. Das Wissen jenes Einen aber, war damit gebrochen und zerstreute sich in unzählige, immer feinerer Glieder einer Ahnungslosigkeit. Wie Staub bedeckte sie Jahrtausende lang das Wissen um eben jene eine Weisheit, von der hier immer wieder die Rede ist. Doch es wird da eine Zeit anbrechen, wo aus dieser erkalteten Asche lebloser Glaubensbekenntnisse, sich phoenixartig die alten Mysterien zu neuer Lebendigkeit erheben werden.

Die Pyramide: Ein Symbol der Einigkeit

Die Entwicklung spiritueller Fähigkeiten stand in alter Zeit im Mittelpunkt der geistigen Arbeit des Menschen, ja war einst sogar eine Wissenschaft, der man einen mindestens so hohen Stellenwert zumaß, wie etwa der Astronomie, der Medizin oder den Rechtswissenschaften. Das auch war der ursprüngliche Grund, dass sich Religionen gründeten, aus denen letztendlich ja die Wissenschaften, wie Philosophie wie auch die Logik hervorgingen. Der Wunsch die genauen Positionen der sieben klassischen Planeten voraussagen zu können, hatte primär religiöse Gründe, zumal sich mit dieser Kenntnis die entsprechenden Feiertage festlegen ließen, an denen man die ihnen entsprechende, ewige Gottheit verehrte.

Ein nur anscheinend verstorbener Gott, wird dereinst in der Erkenntnis seines unendlichen Seins, in den Herzen der Ungläubigen in neuem Licht wiederauferstehen. Wie auch hätte er sterben können, wurde er doch niemals geboren!

Die geheimen Kammern im Haus der verborgenen Orte, werden dann wiederentdeckt werden, wenn die Zeit dafür gekommen ist, dass Menschen in der Pyramide wieder ein Sinnbild erkennen, worin sich die wahre Natur allen Verbundenseins zeigt, wie ebenso des Zusammenhalts, sowie des Sterbens und der Regeneration.

Während der Sand der Zeit eine Zivilisation nach der anderen unter ihrem Gewicht begrub, blieb die Große Pyramide dort bestehen, spiegelte sich in ihr doch das, was als die Ewige Weisheit in der Welt fortdauert.

Gut möglich, dass uns eine Zeit bevorsteht, in der man wieder den Gesängen jener Eingeweihten lauscht, wie sie auch schon einst in Säulengängen der Großen Pyramide zu hören waren. Dann wird da der Meister des verborgenen Hauses auf das Kommen jenes Menschen warten, der den Irrtum eines Glaubens aus dem Weg schaffen wird, einem Glauben der auf rein materiellen Vorstellungen basiert. Er wird wieder zum heiligen Trank der Erkenntnis führen, den er den Menschen zur Erfahrung des Licht und des ewigen Lebens gereicht.

 

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