Platon

Mysterium Cosmographicum: Ein Geheimnis unseres Sonnensystems

von S. Levent Oezkan

Mysterium Cosmographicum - ewigeweisheit.de

Was uns durch die Arbeiten des alten Mathematikers und Astrologen Claudius Ptolemäus (um 100-160 n. Chr.) gegeben wurde, entspricht bis heute eigentlich dem natürlichen Empfinden eines Menschen, wenn er die zyklischen Bewegungen der Gestirne beobachtet. Aus dem ptolemäischen Geozentrismus entstand schließlich das, worauf auch die esoterische Wissenschaft der Astrologie basiert.

Für Ptolemäus war zwar noch die Erde verankert im Mittelpunkt des Weltalls, während alle anderen Planeten und Sterne um sie kreisten, seine Berechnungen der Planetenbahnen waren jedoch äußerst präzise. Sie ermöglichten lange Zeit exakte Vorhersagen über die Bewegungen der Wandelsterne, der Sonne und des Mondes. Über den sogenannten »Satz des Ptolemäus« lässt sich auch das Goldene Verhältnis (»Goldener Schnitt«) berechnen, dass ja eine ganz wesentliche Bedeutung für die Heilige Geometrie hat.

Was sich dann ab dem 15. Jahrundert ereignete, war gewissermaßen eine erste Trennung von esoterischer und exoterischer Wissenschaft. Da nämlich sollten sich die Wege der Astrologie und der Astronomie scheiden, die bis dato eine gemeinsame Sternenkunde gebildet hatten.

In der Renaissance dann trat da ein Johannes Kepler (1571-1630) auf die Weltbühne der Astronomie. In seinem Buch »Mysterium Cosmographicum«, dem »Weltgeheimnis«, entwickelte er 1596 ein Modell unseres Sonnensystems, mittels der fünf Platonischen Körper (siehe unten). Für ihn nun befand sich nicht mehr die Erde im Zentrum der Welt, wie fast eineinhalb Jahrtausende vor ihm Ptolemäus glaubte, sondern bildete die Sonne den Mittelpunkt unseres Planetensystems. Diese Überzeugung übernahm er von dem preussischen Astronomen Nikolaus Kopernikus (1473-1543).

Doch Kepler hatte eine ungewöhnliche Idee. Die von dem griechischen Philosophen Platon definierten fünf dreidimensionalen Körper

Tetraeder Würfel Oktaeder Dodekaeder Ikosaeder

verwendete er auf eine bisher nicht dagewesene Weise. Bevor wir uns das ansehen, soll an dieser Stelle aber darauf hingewiesen sein, dass Kepler keinesweg Atheist war, nur weil er den Himmel mittels des Dezimalsystems zu vermessen wusste (das es im Übrigen zu Ptolemäus Zeiten im Westen noch nicht gab).

Johannes Kepler war ein sehr gläubiger Mensch. Für ihn existierte eine ganz klare Verbindung zwischen der physischen und der geistigen Welt. Drum galt ihm das Universum selbst als Abbild Gottes, wobei die Sonne dem Vater, die Sternensphäre dem Sohn und der Zwischenraum dem Heiligen Geist entsprach. Es war ihm darum auch ein Anliegen, den Heliozentrismus mit besonderen Bibelstellen zu versöhnen, die den alten Geozentrismus des Ptolemäus sogar zu unterstützen schienen.

Umlaufbahnen entsprechend platonischer Körper – ewigeweisheit.de

Schematische Darstellung des von Kepler angenommenen Verhältnisses der Planetenbahnen (rot) um die Sonne, hier jeweils den ihnen entsprechenden platonischen Körpern (graue Vielecke als Querschnitte der platonischen Körper) angepasst. Kepler schrieb in seinem Mysterium Cosmographicum dazu: »Die Erdbahn ist das Maß für alle anderen Bahnen. Ihr umschreibe ein Dodekaeder, die diesen umspannende Sphäre ist der Mars. Der Marsbahn umschreibe ein Tetraeder, die diese umspannende Sphäre ist der Jupiter. Der Jupiterbahn umschreibe man einen Würfel. Die diesen umspannende Sphäre ist der Saturn. Nun lege in die Erdbahn ein Ikosaeder; die dieser eingeschriebene Sphäre ist die Venus. In die Venusbahn lege ein Oktaeder, die dieser eingeschriebene Sphäre ist der Merkur.«

Die fünf platonischen Körper nun stellte er sich vor, in Kugeln gefasst, die er daraufhin mehrfach ineinander verschachtelte, jeweils wieder von einer Kugel umfasst. Die so entstandenen Orbitale wusste er nun so zu ordnen, dass die Abstände dazwischen, tatsächlich den von Kopernikus vorausgesetzten Abständen der Planeten im Sonnensystem ziemlich genau entsprachen. Sie weichten von seinen astronomischen Beobachtungen weniger als 10% ab. Das muss Kepler wohl als wirkliches Wunder erschienen sein.

Da ihm jedoch, mittels der Maße der platonischen Körper, keine genaue Proportionierung dieser Planetenumlaufbahnen gelang, forschte er daran weiter. Doch durch die, den platonischen Körpern vorausgesetzten Proportionen, kam er überhaupt erst zu einer vollkommen neunen und überaus wichtigen Erkenntnis: die Planeten bewegten sich nicht auf genauen Kreisbahnen, sondern elliptisch um die Sonne, was dem kopernikanischen Modell eine Neuerung hinzufügte.

Wäre er zu dieser Erkenntnis ohne sein anfängliches Modell überhaupt gekommen, hätte er es nur dabei belassen? Sicherlich war Johannes Kepler einer der ersten Forscher, die wagten sowohl spirituelle als auch wissenschaftliche Gesetze miteinander in Einklang wiederzugeben.

Es wäre außerdem nicht richtig zu glauben, das seinem Ausgangspunkt nicht doch eine gewisse Wahrheit zu Grunde liegt, die vielleicht kein mathematisch genaues Modell unseres Sonnensystems bildet, doch auf jeden Fall ein esoterisches Schema, über dass sich die Zusammenhänge im Makrokosmos auf jene Verhältnisse des Mikrokosmos abgestimmt zeigen. Das heißt, dass auch Kepler davon überzeugt gewesen sein dürfte, dass das von ihm zuerst entwickelte kosmologischen Modell auf Grundlage der fünf platonischen Körper, zu seiner erstaunlichen Erkenntnis führen sollte.

Astronomie treiben heißt, die Gedanken Gottes nachlesen.

- Johannes Kepler

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Sokrates: Durch Fragen zur Weisheit

Sokrates: Durch Fragen zur Weisheit

Sokrates - ewigeweisheit.de

Ein Philosoph ist jemand der die Weisheit liebt, was aber gar nicht bedeuten muss, dass er schon weise ist. Vielmehr strebt er nach Weisheit, möchte sie entdecken, sie erringen. Für den Denker Sokrates ähnelte der Philosoph dem Eros, dem Gott der Liebe, für den nicht der Besitz des Geliebten wichtig ist, sondern das Streben danach.

Ein Philosoph ahnt von dieser Liebe, die er irgendwo, vielleicht in der Ferne, in einer Weisheit finden könnte, verliebt sich darin und bricht schließlich auf, um ihr zu begegnen, sie zu finden und sie allenfalls zu erlangen.

Und zu so etwas fand einer etwa auf der Agorá – dem Marktplatz des alten Athen. Hier wandelten, in Dialoge vertieft, der große Philosoph Sokrates, Platon oder Aristoteles – alles Namen, die bis heute noch vielen Menschen bekannt sein dürften. Und es waren diese drei Weisen, jeweils Lehrer und Schüler, über die sich fast schon eine Familiengeschichte der klassischen Philosophie schreiben ließe, die sich in einer Zeit begab zwischen dem 5. und 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung.

Neben Sokrates' wichtigstem Schüler Platon, schrieb auch der Schriftsteller und spätere Feldherr Xenophon über die Weisheit seines Lehrers. Eine Geschichte erzählt, dass sich Sokrates dem damals noch jungen Xenophon in einer engen Gasse in den Weg stellte und fragte, wo man diverse Lebensmittel kaufen könne. Nachdem ihm Xenophon antwortete, fragte Sokrates weiter:

Und wo werden die Menschen edel und tüchtig?

- Aus Diogenes Laertius: Leben und Meinungen berühmter Philosophen

Diese Frage wusste der junge Mann nicht zu beantworten, blieb ganz verständnislos, wollte jedoch verstehen lernen und folgte seitdem Sokrates. Einst sollte er die Dialoge mit Sokrates als eine Sammlung von Weisheitsschriften verfassen, worin er seinen Lehrer beschrieb im Gespräch mit anderen – denn das ist was Sokrates tat: Sprechen. Alles was er der Nachwelt hinterließ, wissen wir nur durch jene, die sein Gesagtes notierten.

Philosophische Geburtshilfe

Als vor zweieinhalb Jahrtausenden Sokrates' die Weltbühne der Weisen betrat und sie auf so ungewöhnliche Weise wieder verließ, sollte eine neue Ära in der westlichen Philosophie eingeleitet werden. Wer war dieser Mann, dessen Erscheinen und Wirken die Schulen des Denkens im Westen, so von Grund auf verändern sollte?

Alles was in der alten Welt Griechenlands an Denkern und Weisheitsliebenden zu Gegen war, deren Wege sollten nach Sokrates im Sande der Vergangenheit versiegen. Denn mit seinem Auftreten und Fortwirken, durch seinen wohl wichtigsten Schüler Platon, endete das, was der deutsch-schweizerische Kulturphilosoph Jean Gebser (1905-1973) in seinem Werk »Ursprung und Gegenwart«, als die »Mythische Bewusstseinsstruktur« bezeichnete. Der alte Glaube an ein im Himmel weilendes Göttergeschlecht, dass die Verantwortung für das Leben in der Welt trug, sollte durch Sokrates nun auf die Ebene menschlichen Seins gebracht und in den Schulen des Denkens eingeführt werden. Was das bedeutet brachte der römische Schriftsteller Marcus Tullius Cicero (106-43 v. Chr.) auf den Punkt:

Sokrates rief die Philosophie vom Himmel herab, hat sie in den Städten angesiedelt und sogar in die Häuser hinein geführt und er zwang die Menschen über das Leben, über die Sitten und über Gut und Böse nachzudenken.

Seine vielfach gewandte Art des Unterrichts und die Mannigfaltigkeit der Gegenstände und die Größe seines Geistes, durch Platon zum ewigen Gedächtnis in Schriften niedergelegt, veranlasste mehrere Schulen abweichender Philosophen.

- Aus Ciceros Hymnus auf die
Philosophie

Durch Sokrates Wirken kam der Wunsch nach Antworten auf die praktischen Lebensfragen unter die Menschen. In den Weisheitslehren von Pythagoras, Parmenides, Thales oder Heraklit war das, was man später Philosophie nannte, noch eine recht abstrakte Geisteswissenschaft. Was die Führung des eigenen Lebens aber anbetrifft, so sollte dies erst durch Sokrates' menschliches Ansinnen bedeutsam werden. Aus diesem Grund war er für den schweizerischen Philosophen Karl Jaspers (1883-1969) sogar eine ebenso wichtige Gestalt, wie der Buddha, wie Konfuzius oder Jesus – waren sie doch andere wichtige Weisheitslehrer der Antike, die den Menschen authentische Lebensweisheiten brachten.

Sicher spielte Sokrates in der Geschichte des antiken Geisteslebens auch sonst eine Sonderrolle, als eben der eigenartige Mensch der er war und der sich, wie Jesus nach ihm, eigentlich unschuldig hingerichtet werden sollte, doch sich seinem offensichtlich ungerechten Todesurteil stellte.

Sokrates wahrlich lebte Philosophie. Auch wenn er von Haus aus eigentlich das Handwerk des Steinmetzes erlernt hatte, übte er diesen Beruf nie wirklich aus. Eher lag ihm daran sich mit seinen Zeitgenossen zu unterhalten – vor Allem aber Fragen zu stellen, und dabei herauszufinden, was Menschen etwa damit meinen, wenn sie von ihren Tugenden sprechen.

Er selbst hätte sich gern immerfort über die menschlichen Dinge unterhalten, indem er untersuchte, was fromm, was gottlos; was schön, was schimpflich; was gerecht, was ungerecht sei; worin die Besonnenheit und Tollheit, die Tapferkeit und die Feigheit bestehe; wie ein Staat und ein Staatsmann, eine Regierung und ein Regent sein müsse, und Anderes der Art, was nach seiner Überzeugung Jeden, der es weis, zu einem guten und edlen Menschen macht, demjenigen aber, welcher damit unbekannt ist, mit Recht den Ruf einer knechtischen Seele zuzieht.

- Aus Xenophons Erinnerungen an Sokrates 1:16

Nur wer diese Dinge gut weiß, der konnte laut Sokrates auch gut handeln. Drum stellte er immer und immer wieder die sogenannten »Was ist«-Fragen:

Was ist Besonnenheit?

Was ist Frömmigkeit?

Was ist Tapferkeit?

Sein Anliegen bei der Suche nach Antworten sollte zur zentralen Frage und dem Hauptgeschäft der gesamten Philosophie werden. Dabei lag Sokrates niemals daran seinem Gegenüber irgendwelches Wissen aufzudrängen. Vielmehr wollte er auf jemanden zugehen, um dabei von ihm etwas zu erfahren. Sokrates also wollte statt lehren, lernen.

 

Wie es Sokrates' Mutter als Hebamme verstand Kinder zur Welt zu bringen, so schien ihr Sohn diese Kunst durch sein Fragen auszuüben, um dabei besonderen Antworten zur Geburt zu verhelfen, als Weisheiten, die in seinen Gesprächspartnern bereits schlummerten, doch danach drängten zur Welt gebracht und bewusst zu werden. So wie also eine Hebamme nicht eigene, sondern fremde Kinder zur Welt bringt, so ging es auch Sokrates in erster Linie nicht darum selbst Wissen oder Weisheit zu gebären, sondern anderen bei der Geburt ihrer Weisheit zu helfen, die in ihrem Inneren nur darauf wartet sich im Licht der Welt zu erklären.

Diese ganz eigene Form des Dialogs existierte vor ihm noch nicht. Sokrates sah in manchen seiner Gesprächspartner, wie ihre eigentlichen Fähigkeiten und Veranlagungen, scheinbar in die äußere Wirklichkeit der Gegenwart drängten. Er verhalf ihren dadurch so geplagten Seelen dabei, ihr wirklich wesentliches Naturell zu gebären. So wie eine Hebamme zu erkennen vermag ob überhaupt eine Schwangerschaft vorliegt, wusste auch Sokrates um das vielleicht verborgene Potential seiner Gesprächspartner – sei es positiv oder negativ. Durch seine drängenden Fragen brachte er es aus ihnen zum Vorschein. Gewiss ähnelt das dem heute so oft angeratenen »Coaching«, dass sich wohl insbesondere darin versucht die richtigen Fragen zu stellen, deren Antworten dem Fragenden Richtungen im Leben weisen.

Manche sahen in Sokrates aber eher einen Plagegeist und weniger einen Geburtshelfer, der in Anderen Erkenntnisse hervorbringt. Das ihm sein Fragen dereinst teuer zu stehen kommen würde, schien er, wenn auch schon erwartet, kaum Beachtung zu schenken.

Zwar suchte sich Sokrates für seine Themen stets Kenner der Materie, zumindest aber Menschen, die sich für solche hielten. So fragte er einen Priester aus über Frömmigkeit, wollte über Gerechtigkeit von einem Mann des Staats wissen oder suchte Antworten bei einem Feldherrn über die Tapferkeit. Was aber die dabei befragten Tugenden beförderten, war gar kein Wissen, sondern eher etwas, dass man als »Nicht-Wissen« bezeichnen könnte.

Die drängenden Fragen, die Sokrates wohl anscheinend auf alle Antworten seines Gegenübers folgen ließ, vereitelten jeden Einwand und veranlassten seine Gesprächspartner einräumen zu müssen, dass sie eigentlich keine Antworten hatten. Und zu solchem Schluss sollten leider auch jene kommen, die unter seinen Zeitgenossen die großen Herren waren: Staatsmänner, Admiräle oder Richter. Doch auch die großen Seher, Wahrsager und Priester dieser Zeit wussten meist keine Antworten auf Sokrates' Fragen. Sie alle mussten mit ihrer Sprachlosigkeit bitter hinnehmen, dass sie vom Göttlichen eigentlich gar nichts wussten. Das aber führte immer zu einem recht unbefriedigenden Ergebnis, denn fast alle seine Dialoge führten zu einem Ende ohne Lösung – Sokrates' Hebammenkunst scheiterte also, was Sokrates auf ganz beeindruckende Weise einfach so hinnahm.

Keineswegs empfand sich Sokrates darum als einer, der es besser wusste. Er war sich durchaus bewusst, dass er auch selbst keine Antwort oder Lösung hatte. Doch unglücklich war er deshalb nicht. Allein in seinem Gegenüber eine Antwort hervorzubringen, war für ihn schon ein Gewinn. Bleiben doch die unbeantworteten Fragen das, was uns streben lässt. Das Unerfüllbare, das aus uns ein neues Ansinnen hervorbringt ist von Wert, wo sich einer stets bewusst ist, dass er eben nichts weiß – und wenn doch, dann nur sehr wenig. Schließlich stammte von Sokrates der berühmte Satz:

Ich weiß, dass ich nichts weiß.

Wobei diese Übersetzung seiner Aussage einen kleinen, jedoch nicht unerheblichen Fehler beinhaltet, denn das griechische oîda ouk eidōs müsste eigentlich korrekt übersetzt heißen:

Ich weiß, dass ich nicht weiß.

Und das ja ist die Aussage eines Weisen, der nicht von sich glaubt ein Wissender zu sein und noch viel weniger das Selbe behaupten würde. Genauer hieße es vielleicht: Ich bin Mitwisser meiner Selbst, als jemandem der eigentlich nicht über begründetes Wissen verfügt. Das klingt nun vielleicht bescheidener als es letztendlich ist. Sokrates nämlich sah sich damit seinen Mitmenschen einen Schritt voraus.

Mit dieser weisen Einsicht aber empfand sich Sokrates eben auch nicht als Vorbote, der den Menschen von einem Besseren kündete, sondern forderte sein Gegenüber damit heraus, dass er äußerst treffliche Fragen zu stellen wusste – auch jenen die nicht einmal gefragt werden wollten.

Menon: O Sokrates, ich habe schon gehört, ehe ich noch mit dir zusammengekommen bin, dass du allemal nichts als selbst in Verwirrung bist und auch andere in Verwirrung bringst. Auch jetzt kommt mir vor, dass du mich bezauberst und mir etwas antust und mich offenbar besprichst, dass ich voll Verwirrung geworden bin, und du dünkst mich vollkommen, wenn ich auch etwas scherzen darf, in der Gestalt und auch sonst, jenem breiten Seefisch, dem Zitterrochen, zu gleichen. Denn auch dieser macht jeden, der ihm nahekommt und ihn berührt, erstarren. Und so, dünkt mich, hast auch du mir jetzt etwas Ähnliches angetan, dass ich erstarre.

- Aus Platons Dialog Menon

Das Sokratische Problem

Sokrates war keineswegs jemand, den man als gewöhnlichen Mann bezeichnen könnte. Nicht aber war er nur ein kluger Spinner, der anderen auf die Nerven ging. Was durch ihn zum Begriff der Philosophie kam, konnte recht lästig sein, musste man doch sein ewiges Fragen durch Antworten erwidern.

Sokrates aber war ein echter Weiser, jemand der allein durch seinen Geist und durch seine wunderbare Sprache, auf diese Weise im Anderen vermochte eine Wandlung zu vollziehen. Etwas, das wohl keinem anderen Philosophen nach ihm gelang. Doch keineswegs waren alle denen Sokrates seine Fragen stellte, dafür auch dankbar. Im Gegenteil: Aus Ermangelung an Antworten mussten sie plötzlich feststellen, dass sie, wenn von ihnen auch anders angenommen, eigentlich nichts wirklich wussten. Sokrates war sozusagen der lästige Typ, der jedem, der von überschwänglichem Selbstbewusstsein aufgeblasen durch die Straßen ging, verfängliche Fragen stellte, auf die er keine Antwort wusste. Da fühlte sich immer mal wieder jemand einfach nur bloß gestellt, da sich herausstellte, dass sein Wissen eigentlich nur Scheinwissen war. Manche waren so erbost über sein Fragen, dass sie ihn sogar körperlich attackierten.

Wer war Sokrates wirklich?

Nun, zugegebenermaßen müssen wir uns hier auf all das stützen, was uns durch seine Schüler Platon und Xenophon überliefert wurde. Und es gibt wohl etliche philosophie-historische Abhandlungen und Arbeiten darüber, wer der historische Sokrates in Wirklichkeit war und wie sehr ihn insbesondere Platon zu seiner Kunstfigur stilisiert hatte, in der er seine eigene Philosophie zum Ausdruck bringt: man nennt das das »Sokratische Problem«, das bis heute ungeklärt bleibt.

Wahrscheinlich war es Platons Lebensaufgabe, das Werk seines Meisters auf eben seine Weise niederzuschreiben, dass es der Nachwelt auf ewig erhalten bleibe. Dabei erscheint Sokrates, in dem was Platon über ihn schrieb, fast schon als einer, den man, aus christlicher Sicht, durchaus einen Heiligen, ja vielleicht sogar einen Propheten nennen könnte. Denn schon die Art wie er starb, worauf wir später noch eingehen wollen, deuten durchaus Parallelen an zu demjenigen, den die Christen als ihren Heiland und Sohn Gottes Jesus Christus verehren. Es scheint daher auch kein Zufall, dass Sokrates eine Vorbildfunktion einnehmen sollte, wie er zu seiner Aufgabe als Unbeirrbarer in voller Verantwortung stand. Seine Rolle als eine Art Heldenfigur, sollte ganz wesentlich das Denken des späteren Altertums im Westen beeinflussen. Man deutete dies auf ganz eigentümliche Weise auch in die christliche Botschaft hinein. Sogar noch bis ins 18. Jahrhundert nämlich, wurden Sokrates und Jesus immer wieder miteinander verglichen.

 

Es spricht einiges dafür, dass es sich bei Sokrates' Verteidigungsrede (Apologie) und den vor seiner Hinrichtung geführten Dialogen (Phaidon), um die wahre Person Sokrates handelt. Wäre dem nicht so, hätte Platon wohl viele gegen sich aufgebracht. Die Gerichtsverhandlung nämlich fand statt, was im Übrigen auch für die Gespräche nach seiner Verurteilung im Kreise seiner Freunde zutrifft. Vor allem aber empört wären wohl die Gegner des Sokrates darüber gewesen, hätte Platon, aus ihrer Sicht, in der Wiedergabe der Geschehnisse und Aussagen seines Meisters, den tatsächlichen Inhalt einfach nur schöngeredet.

 

Metaphysik des Eros

Metaphysik des Eros

Gehen wir in der Zeit noch einmal einige Jahre zurück. Da ist die Rede von einem Trinkgelage im Hause des Tragödiendichters Agathon, von einem Gastmahl, worüber Platon in seinem »Symposion« schrieb. Sein Gastgeber, der in der Erzählung als junger Schriftsteller auftritt, hatte tags zuvor einen Dichter-Wettbewerb gewonnen. Dies wollte er mit seinen Freunden feiern, die er zu diesem Gastmahl einlud. Auch Sokrates zählte zu den Gästen, der in Platons Symposion die Hauptfigur ist.

In diesem Text lässt Platon den Bildhauer Apollodoros erzählen, über die da gehaltenen Reden, Dialoge und das allgemeine Geschehen dieser Zusammenkunft. Als Gäste sind, neben anderen, außerdem anwesend Aristodemos, einer der eifrigsten Anhänger des Sokrates, der Arzt Phaidros, der in Platons gleichnamigen Werk ein fiktives philosophisches Gespräch mit Sokrates führte, wie auch der Komödiendichter Aristophanes. Als einzige Frau anwesend ist die von Zeus geehrte, weise Frau aus Mantineia in Arkadien: Diotima – eine Kunstfigur, die Platon im Gastmahl nicht direkt auftreten lässt. Denn Sokrates erzählt im Symposion davon, wie er durch sie belehrt wurde über die Bedeutung des Eros.

Wie auch sonst sollte Sokrates, auch in diesem Treffen, mit seinen Schülern und Freunden, das Thema des Abends bestimmen – weniger aber durch besondere Argumentationen, als vielmehr durch eine, sagen wir, seelische Schönheit, die die Bewunderung seiner Zuhörer auf sich zog – ja sogar ihre Liebe zu ihm befeuerte. Sokrates' Vorbildfunktion dabei, als idealer Philosoph, hat eine so starke Wirkung auf seine Schüler, dass sie ihn gar erotisch attraktiv erscheinen lässt, ganz gleich ob Sokrates nun körperlich dem Schönheitsideal seiner Zeit entsprach oder nicht.

Sokrates schlug im Symposion vor, dass jeder eine Rede in der Tradition der Aphrodite halten könne. Und diese Aphrodite, welche die Römer Venus nannten, war die schaumgeborene Göttin der Liebe. Doch Aphrodite ist mehr als das. Es scheint nämlich eigentlich zwei Figuren zu geben, die ihren Namen tragen:

Die eine ist ja die ältere und mutterlose, die Tochter des Uranos, welche wir deshalb bekanntlich auch die »himmlische« nennen; die jüngere aber ist die Tochter des Zeus und der Dione, welche wir ja als die »irdische« bezeichnen. Notwendigerweise muss nun danach der Eros, welcher der Gehilfe der letzteren ist, auch der »irdische« heißen, der andere aber der »himmlische«.

- Aus Platons Symposion

Und dieser Uranos des griechischen Sagenkreises, der vergöttlichte Himmel, wurde zum Vater der Aphrodite. Sein Sohn Kronos schnitt ihm mit der Sichel das Glied vom Leibe, das sodann vom Himmel ins Meer fiel. Aus dem da so aufbrausenden Schaum erstand nun die Aphrodite, die man seither »die Schaumgeborene« nennt.

Dieser Schaum meint jedoch mehr, als was man sich im Mythos angedeutet, darunter vielleicht vorstellt: Seine Erscheinung ist eine Metapher für zwei, die gemeinsam den Liebesakt erleben, wo, wie man sagt, das Blut beginnt aufzuschäumen. Doch auch der Redefluss der Teilnehmer dieses Gastmahls war aufschäumend, wenn sie eifrig tranken, begeistert im Rausch über die Lüste diskutieren und übereinander scherzten. All das findet in der Horizontalen, auf Bastmatrazen statt, wo man isst und säuft. Und nicht etwa nur wird da über die Leidenschaften gesprochen, die einer mit Frauen hat. Auch sich mit Männern leidenschaftlich zu vergnügen, war den griechischen Philosophen nicht fremd. Eros ist eben eine Kraft die viel bewirkt: Gutes – doch viel zu oft auch Schlechtes. So wie ja auch der Gott Eros aus Himmel und Erde geboren, als Schlange aus dem göttlichen Ur-Ei entweicht, als jene Kraft, die seither verzweifelt versucht, den Urzustand der Ganzheit wiederherzustellen, der vor der Trennung in Himmel und Erde gewesen ist. Doch es scheint da, in allem was seither sich zu vereinigen sehnt, eine Urahnung lebendig zu sein, die diesen Grundzustand der Weltentstehung wieder herstellen will – doch gleichzeitig ahnend, dass dies sich nur augenblicklich erfüllen lässt: im Impuls höchster Erregtheit.

Als nun so ihr Körper in zwei Teile zerschnitten war, da trat jede Hälfte mit sehnsüchtigem Verlangen an ihre andere Hälfte heran, und sie schlangen die Arme umeinander und hielten sich eng umschlungen und waren voller Begierde wieder zusammenzuwachsen […]. Und wenn etwa die eine von beiden Hälften starb und die andere noch übrig blieb, dann suchte diese sich eine andere und umschlang diese, mochte sie dabei nun auf die Hälfte eines ganzen Weibes, also das, was wir jetzt Weib nennen, oder eines ganzen Mannes treffen, und so gingen sie zugrunde.

Da erbarmte sich Zeus und erfand einen andern Ausweg, indem er ihnen die Geschlechtsglieder nach vorne versetzte; […] So verlegte er sie also nach vorne und bewirkte dadurch die Erzeugung ineinander, nämlich in dem Weiblichen durch das Männliche, zu dem Zwecke, dass, wenn dabei ein Mann auf ein Weib träfe, sie in der Umarmung zugleich erzeugten und so die Gattung fortgepflanzt würde; […] Seit so langer Zeit ist demnach die Liebe zu einander den Menschen eingeboren und sucht die alte Natur zurückzuführen und aus zweien eins zu machen und die menschliche Schwäche zu heilen.

Jeder von uns ist demnach nur eine Halbmarke von einem Menschen, weil wir zerschnitten, wie die Schollen, zwei aus einem geworden sind. Daher sucht denn jeder beständig seine andere Hälfte.

- Aus Platons Symposion

Seitdem also sind wir Menschen auf der Suche nach dem Anderen, sehnen uns geliebt zu werden und wünschen uns zärtliche Zuneigung. Unser Ziel nämlich ist, diesen ursprünglichen Zustand wieder herzustellen.

Was mit dem Titel auf eine Metaphysik des Eros hindeutet, behandelte Platon in seinem Symposion, aus dem wir soeben das Zitat lasen. In diesem Werk behandelt er die Themen der Liebe, der Erotik und zuletzt auch was man Wahrheit, woraus sich im Grunde das Ideal der Liebe kristallisiert.

Wenn hier aber die Rede ist von »Eros«, so meint dieser Name den griechischen Gott der Liebe, einen wohltätigen und großen Gott, der so vielen Dichtern zu all den Lobliedern auf die Liebe verhalf.

Die Kraft des Eros gebiert jedoch sowohl das Eine wie das Andere, bringt sowohl himmlische wie auch irdische Ekstase zur Welt. Das bedeutet jedoch nicht, dass Eros als nur schön und würdig empfunden wird. Insbesondere im Übermaß resultiert aus sinnlicher Liebe nur Verzweiflung, denn da kann sie nicht mehr befriedigt werden und wird zur Sucht, führt zu Abhängigkeit. Es ist damit wie mit allen Lüsten die, wurde von ihnen zu viel gekostet, nur zum Gegenteil beitragen – sei es der Genuss guten Essens, die Freude am Rausch oder die erotischen Leidenschaften. Alle die nicht genug kriegen können, werden an den Rand des physischen und psychischen Kollapses gedrängt.

Einer der berühmten Sprüche im Orakel-Tempel zu Delphi ermahnt: Gnothi seauton – Nichts im Übermaß. In der Mäßigkeit liegt der Schlüssel zu wahrem Glück.

Auch wenn die Teilnehmer des Gastmahls keine Kinder von Traurigkeit waren und um die ungeheuere Kraft des Begehrens wussten, war ihnen dennoch klar, wie wichtig es ist gesund zu bleiben. Wer darum in seinem Leben länger von den Genüssen der Welt kosten will, muss sie eben in vernünftigem, mäßigem Rahmen genießen. Das Bild das uns Platon über die Eltern des Eros gibt, Poros – der Gott des Reichtums – und Penia – die Göttin der Armut –, deutet an was man als einen Weg der Mitte bezeichnen könnte:

Als nämlich Aphrodite geboren war, hielten die Götter einen Schmaus, und mit den anderen auch Poros, der Sohn der Metis. Als sie aber gespeist hatten, da kam Penia, um sich etwas zu erbetteln, da es ja festlich herging, und stand an der Türe. Poros nun begab sich, trunken vom Nektar, denn Wein gab es damals noch nicht, in den Garten des Zeus und schlief in schwerem Rausche ein. Da macht Penia ihrer Bedürftigkeit wegen den Anschlag, ein Kind vom Poros zu bekommen: sie legt sich also zu ihm hin und empfing den Eros.

Deshalb ist Eros der Begleiter und Diener der Aphrodite, weil er an ihrem Geburtsfeste erzeugt ward und zugleich von Natur ein Liebhaber des Schönen ist, da ja auch Aphrodite schön ist. Als Sohn des Poros und der Penia nun ist dem Eros folgendes Los zuteil geworden: Erstens ist er beständig arm, und viel fehlt daran, dass er zart und schön wäre, wie die meisten glauben, sondern er ist rau und nachlässig im Äußern, barfuß und obdachlos, und ohne Decken schläft er auf der bloßen Erde, indem er vor den Türen und auf den Straßen unter freiem Himmel übernachtet, gemäß der Natur seiner Mutter stets der Dürftigkeit Genosse.

Von seinem Vater her aber stellt er wiederum dem Schönen und Guten nach, ist mannhaft, verwegen und beharrlich, ein gewaltiger Jäger und unaufhörlicher Ränkeschmied, der stets nach der Wahrheit trachtet und sie sich auch zu erwerben versteht, ein Philosoph sein ganzes Leben hindurch, ein gewaltiger Zauberer, Giftmischer und Sophist; und weder wie ein Unsterblicher ist er geartet noch wie ein Sterblicher, sondern an demselben Tage bald blüht er und gedeiht, wenn er die Fülle des Erstrebten erlangt hat, bald stirbt er dahin; immer aber erwacht er wieder zum Leben vermöge der Natur seines Vaters; das Gewonnene jedoch rinnt ihm immer wieder von dannen, so dass Eros weder Mangel leidet noch auch Reichtum besitzt und also vielmehr zwischen Weisheit und Unwissenheit in der Mitte steht.

- Aus Platons Symposion

Eros also vereint in sich zwei Extreme. Was in diesem Zusammenhang aber Armut meint, ist, dass jemand bedürftig nach Liebe, zu wenig davon hat. Sein oder ihr Reichtum ist der Liebe teilhaftig zu werden, die sie oder er für jemanden empfindet, der sie wiederum erwidert. Eros' Reichtum ist unermesslich reich, denn er bereichert alle Menschen. Aber ist er auch, wie der Gott Hermes, ein Mittler zwischen Himmlischem und Irdischem, zwischen Gott und Mensch. Und als solchen nannte man ihn im alten Griechenland einen Daimon1. Was das ist sehen wir uns später noch genauer an.

Was Eros als solch Daimon in den Menschen durch seine Kraft zu entfachen vermag, galt den alten Griechen als Gefühl einer Zeitlosigkeit und Unendlichkeit, wo sich unser seelisches Empfinden aus allen empfundenen Beschränkungen befreit und unsere körperliche Endlichkeit transzendiert.

Eros gibt dem Menschen die Möglichkeit die göttliche Ebene zu schauen, wenn zu Lebzeiten auch nur für die Dauer von Augenblicken. Aus aller Ignoranz und Unwissenheit entstiegen, erkennt er damit aber was Unendlichkeit bedeutet: das was die Seele im Tod vernehmen wird. Das Erlebnis des sexuellen Orgasmus jedoch, als »Kleiner Tod«, nimmt diese Erfahrung quasi vorweg – zumindest als ein Schmecken der Todeserfahrung. Ist das aber nicht ein Grund aufzumerken, wo der Orgasmus doch die Voraussetzung für neues Leben ist?

Diotima: Die weise Prophetin

Die innig-seelische Verschmelzung zweier Menschen, doch auch eines Menschen in seiner Liebe zu Gott, dass nennt man im Griechischen »Agape«. »Philia« ist die Freundschaft, die Zuneigung die man für andere Menschen oder auch für Dinge empfindet. Eros ist alles was jemand empfindet der sich in jemanden ver-liebt, ihm körperlich nahe sein will, ihn begehrt aus Lust und im Wunsch zur Verführung. Und genau die Liebe des Eros, war in diesem Gastmahl Sokrates Kern der Argumentation. Diotima nun, die Sokrates von der rechten Steuerung des erotischen Drangs erfahren lässt, spricht durch ihn auf dem Gastmahl als Daimon, über die Weisheit des Eros. Nicht aber, dass sie sich etwa seines Körpers bedient hätte, als vielmehr Sokrates mit seinen Freunden teilte, was Diotima ihn lehrte. Sie lässt ihn für sich sprechen lässt.

Doch, fuhr Sokrates fort, ich höre jetzt auf zu fragen, und teile euch ein Gespräch mit, das ich einst mit der Prophetin Diotima über Liebe gehalten habe. Ihr kennet dieses Weib, die nicht in der Philosophie der Liebe bloß, sondern überhaupt in allen Stücken große Einsichten hatte. […] Sie ist es, der auch ich meinen Unterricht in der Philosophie der Liebe danke. […] auch ich äußerte mich ihr gegenüber ungefähr auf ähnliche Weise, wie eben Agathon mir gegenüber, dass Eros nämlich ein großer Gott wäre und zu den Schönen gehöre […] sie (aber) widerlegte mich wiederum mit eben denselben Gründen, wie ich ihn, dahin, dass Eros […] weder schön noch gut sei. Ich aber hielt ihr entgegen: »Was soll das heißen, Diotima? Ist also Eros häßlich und schlecht?«

Diotima: »Ein wenig ehrerbietiger, wenn ich bitten darf! Meinst du, was nicht schön sei, das müsse notwendig hässlich sein?«

- Aus Platons Symposion

Sokrates geht also zu Anfangs davon aus, dass Eros ein Gott überirdischer Schönheit und nur so der Inbegriff der Liebe sein könne. Doch wie obiges Zitat zeigt, widerlegte Diotima seine Meinung und fügt hinzu:

[…] jeder Daimon macht ein Mittelwesen zwischen der Gottheit und dem Menschen aus.

- Aus Platons Symposion

Denn allein dafür ja existiert ein Daimon: Himmlisches an Irdisches weiterzugeben, Göttliche Offenbarung an den Menschen zu übermitteln.

Sie sind Dolmetscher und Unterhändler zwischen den Göttern und Menschen. Jenen überbringen sie die Bitten und Opfer der Letzteren; diesen aber die Befehle von den Ersteren und ihre Antworten auf die Opfer. Als Mittelwesen zwischen beiden, machen sie gleichsam das Band, durch welches das Universum zusammenhängt.

- Aus Platons Symposion

Kann Eros aber überhaupt ein Gott sein, als solch Mittelwesen? Zumindest zählt er nicht zu den Sterblichen, wie sich der alt-griechischen Theologie entnehmen lässt. Wenn er nun aber aus der Hierarchie des Göttlichen in die Menschenwelt vermittelt, kann es sich bei seiner Liebe keineswegs nur um Lust, Leidenschaft und körperliche Befriedigung handeln.

Doch um was dann?

Begehrt man einen Menschen nicht allein wegen der Schönheit seines Körpers, sondern hauptsächlich wegen seiner seelischen, tugendhaften Anmut, trifft man da auf das Edelste der erotischen Anziehungskraft. Da geht es dann um die rechte Lenkung des erotischen Dranges, eine »philosophische Steuerung« der Leidenschaft und demnach das, was man die Platonische Liebe nennt. Der Liebende sieht dann das Schöne in den Handlungen seines begehrten Gegenübers, dass sich in unzähligen besonderen Begebenheiten zeigt.

Der göttliche Eros ähnelt seinem Vaters Poros, einem der für alles Schöne und Gute leidenschaftlich kämpft, doch eben nicht ergeben oder untertänig, sondern:

[…] tapfer, kühn, beharrlich, (als) ein gewaltiger Jäger, ein unaufhörlicher Ränkeschmied, der stets nach der Wahrheit trachtet, erfinderisch im Besiegen einer Schwierigkeit; Philosoph sein ganzes Leben hindurch; ein gefährlicher Zauberer, Giftmischer […] und weder wie ein Unsterblicher ist er geartet noch wie ein Sterblicher, sondern an demselben Tage bald blüht er und gedeiht, wenn er die Fülle des Erstrebten erlangt hat, bald stirbt er dahin; immer aber erwacht er wieder zum Leben […]

- Aus Platons Symposion

Wenn Sokrates nun aber, durch Diotima beeinflusst, im Gastmahl behauptet, dass Eros also in Wirklichkeit gar kein Gott ist, sondern einem Engel gleicht, erschien das den Bürgern Athens wohl sicherlich als ungeheuerliche Behauptung. Eros war da doch ein Gott, den man nur zu gerne zur Rechtfertigung für die eigene Unfehlbarkeit zur Verantwortung zog. Jeglicher Ehebruch wurde wegen seines Wirkens legitimiert, schließlich hatte einen Eros überkommen, hatte einen listig heimgesucht. Für jeden Ehebruch musste er herhalten. Bei diesem Glauben dürfte man sich kaum wundern, dass sich einige für seine Heimsuchung sogar im Tempel bedankten. Und da nun kam dieser Sokrates daher und behauptete, dass dieser vollkommenste Gott des Schönen, in Wirklichkeit nur Medium dessen ist, worüber ein Mensch zur Mäßigung findet – etwas, dass man ihm, neben anderem, wie wir noch sehen werden, zu Lasten legte und ihn dafür aufs Unbarmherzigste verurteilte.

Sokrates führte seine Zeitgenossen damit also zu der Einsicht, dass menschliches Begehren in Wirklichkeit in der Verantwortung dessen liegt, der durch seine Leidenschaften getriebenen handelt. Eros erwuchs damit nicht von Außen oder vom Himmel auf den von Lüsternheit Überwältigten, sondern entstehe in ihm selbst, so dass er dieses Begehren auch zurückhalten kann. Denn wäre Eros vollkommen, also ein Gott, wäre ihm alles Streben fremd, da er ja bereits als solcher alles besäße und vollkommen reich wäre. Erotisches Begehren ist aber eher das genaue Gegenteil von Reichtum. Zu glauben man könne wie Reichtum auch erotische Befriedigung anhäufen: gleicht das nicht einer Illusion?

Niemand liebt was er bereits hat

Diotima lässt Sokrates wissen, dass Eros ein Freund der Weisheit ist, wenn sie sagt:

Unter den schönen Gegenständen ist Weisheit einer der vorzüglichsten. Eros ist ein Freund des Schönen; er muss folglich auch ein Philosoph sein. Als solch ein Freund der Weisheit aber muss er zwischen dem Weisen und dem Toren in der Mitte stehen. Ursache auch hiervon ist ihm seine Geburt: weil er nämlich einen weisen und reichen Vater, aber eine dürftige und unweise Mutter hatte. Dies ist also die Natur dieses Daimons.

- Aus Platons Symposion

Wer liebt, der besitzt nicht, sondern hat zum Geliebten ein Verhältnis, berührt es allemal. Verfügte man aber über das Geliebte, was in aller Welt bliebe da noch zu begehren?

Es geht um die Mäßigkeit, um den Mittelweg, um das was Eros uns eben als Mittler lehrt: uns zwischen Schönem und Unschönem, zwischen Begehrtem und Unerwünschtem, zwischen Erreichbarem und Unerreichbarem zu bewegen. So ist es doch auch mit denen die wir mögen, die wir lieben oder sogar begehren: Nach ihnen verlangt uns nur so lange, als dass wir sie nicht andauernd um uns haben. Und was hierfür gilt, dass trifft auch für die Weisheit zu: Sie lässt sich lieben, doch lässt sich nicht besitzen. Sobald wir sie in unserer Welt integrieren wollen, entflieht sie uns, denn die Weisheit lässt sich nicht festhalten und berührt nie den Boden unseres irdischen Daseins. Wir wollen sie erlangen, wollen nach ihr streben und uns ihr annähern. Doch wie töricht erschiene einer, der sie sein Eigen nennt?

Sokrates, ja eigentlich Diotima, ging es darum, bei der geistigen Liebe auf den Gedanken einer einzigen reinen Vorstellung zu achten, nämlich der Idee des Schönen.

Wenn also jemand [...] nun das Urschöne selbst zu erblicken beginnt, dann dürfte er seinem Ziele ziemlich nahe gekommen sein. Denn dies ist die richtige Weise sich den Liebesdingen zuzuwenden oder von einem anderen dort hingeführt zu werden, wenn man um dieses Urschönen willen von jenem vielen Schönen ausgeht und so stufenweise innerhalb desselben immer weiter aufsteigt, als ob man eine Stufenleiter verwendete: von einem schönen Körper zu zweien und von zweien zu allen, und von den schönen Körpern zu den schönen Bestrebungen, und von den schönen Bestrebungen zu den schönen Erkenntnissen, bis man innerhalb der Erkenntnisse zu schließlich jener Erkenntnis kommt, die von nichts anderem als von jenem Urschönen selber die Erkenntnis ist, und so schließlich das allein wesenhafte Schöne erkennt.

- Aus Platons Symposion

Die höchste Stufe dieses Aufstiegs erreicht jener, der das ultimativ Schöne schaut. Nicht aber etwa wie es ihm in Gestalt einer schönen Frau oder eines schönen Mannes entgegentritt, oder anders geartetem Schönen, sondern als Urprinzip, das in allem Schönen wirksam ist. Wem so widerfährt, der wird das Schöne in seiner reinsten Form anbeten wollen.

Für Sokrates drückte sich in der Liebe das Verlangen des Menschen nach Unsterblichkeit aus. Verbrächte einer sein Leben vollkommen allein, ohne je mit anderen Menschen in Kontakt zu sein, wäre er einer, den man durchaus als »Weltverlorenen« bezeichnen könnte. Vom ungeheueren Reichtum des Lebens aber, dass er im Zusammensein mit den anderen erlebt, würde er niemals erfahren.

Eros dabei steht für die unerschöpfliche, ununterbrochen zischende Energiequelle, aus der der Strom von Leben und Liebe hervorsprudelt. Wer aus ihr zu schöpfen vermag, der wird zum wahren Schöpfer, der im Stande ist das Schöne zu erschaffen, zu erzeugen.

Alle Menschen nämlich tragen Zeugungsstoff in sich, körperlichen sowie geistigen, und wenn wir zu einem gewissen Alter gelangt sind, so strebt unsere Natur zu erzeugen.

- Aus Platons Symposion

 

Über gute Dämonen

Über gute Dämonen

Erst unter christlichem Einfluss wandelte sich die Bedeutung des Wortes »Dämon«, den die alten Griechen als »Daimonion« bezeichneten, zu etwas Bösem. Wer heute von einem Dämon spricht meint nicht etwa die neutrale, ja vielleicht eher sogar positive Ursprungsbedeutung dieses Begriffs – denn im Griechenland der Antike war das Daimonion nichts Böses.

Zu Zeiten Sokrates' war es eine geistige Schicksalsmacht, die einem Menschen als warnende oder ermahnende Stimme zusprach.

Mir aber ist dieses von meiner Kindheit an geschehen: eine Stimme nämlich, welche jedesmal, wenn sie sich hören lässt, mir von etwas abredet, was ich tun will, zugeredet aber hat sie mir nie.

- Sokrates über seinen Daimonion in Platons Apologie

Dieser Daimonion ist, man würde heute sagen, das »höhere Wesen« des Selbst. Sokrates empfand es als guten Geist, welcher ihn, wie obiges Zitat ja sagt, stets von Unrechtem abgehalten hatte. Er tauchte also immer dann auf, um ihm zu sagen was er nicht tun solle. In Form traumartiger Visionen teilte sich ihm sein Daimonion mit, nur für ihn hörbar, als innere Stimme. Sie war etwas Göttliches, einem Schutzengel gleichend, eine geistig-göttliche Personifizierung des eigenen Schicksals. Nie aber riet sie ihm zu etwas Gutem, sondern immer von etwas ab.

Es handelt sich beim Daimonion um eine innere, geistige Instanz, die uns ganz klar sagt, dass wir etwas tun sollen, oder aber nicht tun dürfen. In unserer Erfahrung wirkt dabei das Wissen um ein letztes Gutes: Das was man im Christentum als das »Gewissen« bezeichnet. Und als solches Gewissen meldete sich Sokrates' Daimonion, um ihn vor dem Wunsch seiner Freunde zu warnen. Sie nämlich redeten auf ihn ein, sich seinem Todesurteil durch Flucht zu entziehen. Das Daimonion aber warnte ihn dem zu widersprechen, damit er sich seinem nahenden Tode stellen.

Vom Erkennen und dem Entstehen des Selbst

Das Orakel von Delphi hatte verkündet, dass Sokrates der weiseste Mann von allen sei. Was er zudem, wie gesagt, als seinen Daimonion zu sich sprechen hörte, galt für manche als Beweis, dass Sokrates ein Heiliger ist. Sokrates aber wollte diese Orakelverkündigung nicht recht glauben und beschloss jemanden zu finden, der weiser war als er selbst:

Was meint doch wohl der Gott? Und was will er etwa andeuten? Denn das bin ich mir doch bewusst, dass ich weder viel noch wenig weise bin. Was meint er also mit der Behauptung, ich sei der Weiseste? Denn lügen wird er doch wohl nicht; das ist ihm ja nicht gestattet.

Und lange Zeit konnte ich nicht begreifen, was er meinte; endlich wendete ich mich gar ungern zur Untersuchung der Sache auf folgende Art: Ich ging zu einem von den für weise Gehaltenen, um dort, wenn irgendwo, das Orakel zu überführen und dem Spruch zu zeigen: »Dieser ist doch wohl weiser als ich, du aber hast auf mich ausgesagt.« Indem ich nun diesen beschaute – denn ihn mit Namen zu nennen ist nicht nötig; es war aber einer von den Staatsmännern, auf welchen schauend es mir folgendergestalt erging, ihr Athener: Im Gespräch mit ihm schien mir dieser Mann, zwar vielen andern Menschen auch, am meisten aber sich selbst sehr weise vorzukommen, es zu sein aber gar nicht. Darauf nun versuchte ich ihm zu zeigen, er glaubte zwar weise zu sein, wäre es aber nicht; wodurch ich dann ihm selbst verhasst ward und vielen der Anwesenden.

Indem ich also fortging, gedachte ich bei mir selbst: weiser als dieser Mann bin ich nun freilich. Denn es mag wohl eben keiner von uns beiden etwas Tüchtiges oder Sonderliches wissen; allein dieser doch meint zu wissen, da er nicht weiß, ich aber, wie ich eben nicht weiß, so meine ich es auch nicht. Ich scheine also um dieses wenige doch weiser zu sein als er, dass ich, was ich nicht weiß, auch nicht glaube zu wissen.

Hierauf ging ich dann zu einem andern von den für noch weiser als jener Geltenden, und es dünkte mich eben dasselbe, und ich wurde dadurch ihm selbst sowohl als vielen andern verhasst.

- Aus Platons Apologie

Sokrates kam nun zwar zu der Einsicht, dass er wusste weiser zu sein, als die mit denen er sprach. Doch das wusste er eben nur deshalb, da er es nicht wie jene, von sich selbst behauptete. Ebenso wenig verleitete andere zu solcher Vermutung. Er wusste dass er damit dem Orakelspruch zu Delphi gerecht geworden war, der ja lautet:

Erkenne dich selbst.

Dieses Selbst hatte Sokrates allerdings sehr viel ernster genommen, als jene, mit denen er sprach zur Beantwortung seiner Frage nach dem Weisesten. Für ihn entstand dieses Selbst erst durch die Selbsterkenntnis an sich, durch etwas, auf das man sich überhaupt einlassen muss.

Nur wer in sich reflektiert ist, bildet das, was man als Bewusstheit bezeichnen könnte. So meinte Sokrates mit seinem berühmten Ausspruch »zu wissen, dass er nicht wisse«, keineswegs dass er etwa unwissend gewesen wäre. Was er damit zu wissen glaubte, erklärte sich ihm aus einer Reflexion auf sein Wissen. Er stellte dabei fest, dass Wissen an sich, dass er und seine Gesprächspartner hatten, eher einem Vermuten glich, denn man glaubte dies und das zu wissen. Fragt einer jedoch einmal genauer nach und erkundigte sich über mögliche Beweise für dieses Wissen, sahen die Dinge doch gar nicht mehr so klar aus, wie man sie eben als Wahrheiten zu wissen glaubte. Hiervon ausgehend, gerät doch alles herkömmliche Wissen ins Schwanken.

Wie aber soll in solcher Ungewissheit noch das eigene Wissen sicher sein?

Wer weiß denn dann noch ob die eigenen Werte überhaupt richtig sind?

Sind wir uns denn alle nicht, auch heute noch, oft all zu sicher mit dem was wir wissen – über andere oder gar über uns selbst?

Aufgabe der Philosophie war darum immer, spätestens aber seit Sokrates, all das was man als selbstverständliches Wissen bezeichnet, immer wieder zu hinterfragen.

 

Hinrichtung eines Philosophen

Hinrichtung eines Philosophen

Alle Überzeugungen und alle Meinungen sind Dinge an die wir Menschen glauben. Wohl aber meinen die meisten Meinungen immer nur auch tatsächliche Wahrheiten zu sein. Auch die Überzeugung weist in diese Richtung. Denn ein Überzeugen ist doch immer etwas, wo jemand versucht, durch entsprechende Beweismittel, andere zur Anerkennung einer Tatsache oder Meinung zu bringen, meist sogar zu zwingen.

Wäre es aber nicht eigentlich angebrachter, dass wir das was wir wissen, mit all den darin anklingenden negativen und behindernden Überzeugungen, als solche in unserem Leben zu entlarven? Viel zu oft nämlich neigen wir dazu uns in unseren vielen Meinungen ganz bequem einzurichten. Doch das wäre etwas, dass immer wieder neue Beweise für Meinungen benötigt, an die wir uns wegen unseres eigentlichen Wunsches nach Komfort freiwillig binden.

Es scheint, als sei diese Haltung der Menschen aus dem Bewusstsein unserer Jahrtausende alten sesshaften Zivilisation gezeugt. Kommt da nun aber einer daher und stellt die eigenen Überzeugungen in Frage, fühlt sich das gar nich mehr an wie eine Liebe zur Weisheit, wie eine Philosophie, sondern wird als durchaus lästig empfunden.

Vielen der Zeitgenossen des Sokrates dürfte es so ergangen sein, als er sie mit seinen unangenehmen Fragen irritierte. Klar: Wer will sich schon in seinem eigentlichen Nicht-Wissen selbst erkennen? Was Sokrates bei seinen Zeitgenossen als eigentliches Scheinwissen entlarvte, brachte darum viele gegen ihn auf. Als Sokrates in einer seiner Begegnungen solche Fragen stellte, erhielt er anstelle der erbetenen Auskünfte, von seinem wütenden Gegenüber sogar Fußtritte. Einer seiner Schüler, der ihn bei diesem Vorfall begleitete, fragte empört wieso er sich das gefallen lasse. Sokrates antwortete aber darauf:

Wieso nicht? Hätte mich ein Esel getreten hätte, so hätte ich ihn doch auch nicht gerichtlich belangt.

- Aus Diogenes Laertius' Leben und Meinungen berühmter Philosophen, II:21

Der Prozess

Im Jahr 399 v. Chr. stellte man Sokrates vor Gericht. Es ist wohl nicht ganz einfach zu beantworten, wie es letztendlich dazu kommen konnte, das er sich einem öffentlichen und dabei so entwürdigenden Prozess stellen musste. Ob dabei vielleicht auch politische Interessen eine Rolle spielten, sei zumindest einmal zu vermuten.

Wie aber konnte es dazu kommen, dass einer der in Gesprächen mit seinen Mitmenschen nach der Wahrheit suchte, solche Feindseligkeit auf sich zog? Stein des Anstoßes war eben, dass Sokrates wortwörtlich »in Frage stellte«, was über so lange Zeit als gesichertes Wissen galt, basierte es doch auf den Überlieferungen ferner Vergangenheit. Der alte Glaube an die Mythen sollte einer neuen Bewusstseinsstruktur weichen. Ein Mythos stellt keine Fragen, sondern liefert mehrere Möglichkeiten zu antworten. Im sokratischen Fragen bleiben jegliche Antworten aus, womit sich jedwedes Beziehen auf die Vergangenheit erübrigt und vielleicht sogar das, was man als Tradition bezeichnet, ins Reich der Fabeln verweist. Lässt der Wunsch nach Wissen, über die eigentliche Wahrheit der Dinge, den Befragten aber nicht nur mit Zweifeln im Stich?

Vielleicht darum empfanden Sokrates' Zeitgenossen sein eindringliches Fragen als schlichte Frechheit, denn oft zerstörte er damit einfach nur die Gewissheiten der Befragten und machte sie vor sich selbst lächerlich. Denn er ließ sie, wenn auch unbeabsichtigt, ohne Antwort stehen. Nun wäre das an sich nicht weiter gefährlich gewesen, wären seine treuesten Schüler und innigsten Freunde keine Adeligen gewesen. Doch in Anbetracht dieser Tatsache, erschütterte er durch sein Fragen, und die damit empfundene Kritik an allem Geglaubten, womöglich die Grundfesten des Staates und brachte vielleicht sogar die Religion ins Wanken.

Sokrates hatte sich also immer mehr Feinde unter den einflussreichen Bürgern Athens gemacht, was schließlich in diesem Prozess gegen ihn enden sollte. Man beschuldigte ihn wohl aus Angst vor seinem weiteren Treiben. Er befand sich wahrscheinlich in seinem siebzigsten Lebensjahr, als man ihn mit folgenden beiden Punkten der Anklage beschuldigte:

  1. Leugnung der Staatsgötter Athens und Einführung neuer Gottheiten.
  2. Verführung der Jugend.

Es war aber nicht von vorn herein klar, ob dieser Prozess Erfolg haben würde, denn weder hatte Sokrates die Götter der Griechen verleugnet, noch hatte er die Jugend verführt. Stattdessen hatte er seine Schüler sogar zu guter Lebensführung ermahnt!

Es war wohl eher das Festhalten an seinem Tun und seine damit signalisierte Unbeirrbarkeit, die seine Ankläger gegen ihn aufgebracht hatten. Mit 281 gegen 220 Stimmen fällten sie das Urteil gegen ihn, womit für den Hauptankläger Meletos feststand: die Sokrates gebührende Strafe ist der Tod durch den Schierlingsbecher – ein Trank aus Gift – was damals in Athen die gängige Hinrichtungsart war.

Sokrates nahm das Urteil an, so wie es war.

Seine Freunde aber wollten das so nicht hinnehmen. Auch für seine Frau Xanthippe stand das Unrecht des Urteils im Vordergrund. Doch selbst im Angesicht des Todes verließ Sokrates keineswegs sein schelmischer Sinn für Ironie, denn nie ging es ihm darum Wortgefechte mit Argumenten und Gegenargumenten auszutragen oder sein Gegenüber von etwas zu überzeugen. Eher wollte er vermeintliche Widersprüche entlarven, als alleiniges Mittel zum Zweck.

Und als einer zu ihm die Äußerung tat: 'Die Athener haben dich zum Tode verurteilt,' sagte er 'Und die Natur hat sie zum Tode verurteilt' […] Als seine Frau sagte 'Du stirbst ungerechterweise,' erwiderte er 'Wäre es dir lieber ich stürbe gerechterweise?'

- Aus Diogenes Laertius' Leben und Meinungen berühmter Philosophen, II:35

Angesichts der knappen Verurteilung hätten für Sokrates jedoch gute Chancen bestanden sein Todesurteil noch abzuwenden. Er aber war zu keinem Kompromiss bereit.

Zuerkennen also will mir der Mann den Tod. Wohl! Was soll ich mir nun dagegen zuerkennen, ihr Athener? Doch gewiss, was ich verdiene! Wie also? Was verdiene ich zu erleiden oder zu erlegen dafür, dass ich in meinem Leben nie Ruhe gehalten, sondern unbekümmert um das, was den meisten wichtig ist, um das Reichwerden und den Hausstand, um Kriegswesen und Volksrednerei und sonst um Ämter, um Verschwörungen und Parteien, die sich in der Stadt hervorgetan, weil ich mich in der Tat für zu gut hielt

[…]

Was ist also einem unvermögenden Wohltäter angemessen, welcher der freien Muße bedarf, um euch zu ermahnen? Es gibt nichts, was so angemessen ist, ihr Athener, als dass ein solcher Mann im Prytaneion (Rathaus) gespeist werde, weit mehr, als wenn einer von euch mit dem Rosse oder dem Zwiegespann oder dem Viergespann in den Olympischen Spielen gesiegt hat. Denn ein solcher bewirkt nur, daß ihr glückselig scheint, ich aber, daß ihr es seid; und jener bedarf der Speisung nicht, ich aber bedarf ihrer. Soll ich mir also, was ich mit Recht verdiene, zuerkennen, so erkenne ich mir dieses zu: Speisung im Prytaneion.

- Aus Platons Apologie

Sokrates wollte ihre Strafe nicht, sondern die höchste Auszeichnung die die Stadt Athen an verdiente Mitbürger wie ihn zu vergeben hat: Eine kostenlose und lebenslange Speisung im Prytaneion, dem Rathaus Athens. Die Richter empörten sich über seine Provokation, die so groß war, dass jene die ihn zuvor nur für schuldig befunden hatten, sich nun ebenfalls für seinen Tod aussprachen.

Wer damals einflussreiche oder wohlhabende Freunde hatte, floh normalerweise. Bei Sokrates war das ja der Fall, denn die meisten seiner Schüler und Freunde waren ja Adlige. Sein Tod hätte ihnen den Verlust eines unersetzlichen Freundes bedeutet. Außerdem hätten sie doch als feige und geizig gegolten, wäre nichts geschehen. Mit seinem Freund Kriton prüfte er diese und andere Argumente seiner Schüler sorgfältig, ob es nicht doch angebracht sei, seinem Todesurteil mit ihrer Hilfe zu entfliehen, denn offensichtlich war ihm darin doch Unrecht widerfahren. Unrecht zu erleiden schien Sokrates aber nicht so schlimm, wie Unrecht zu tun. Er ließ also seine Chance zu entfliehen verstreichen. Weil er sein ganzes Leben die Gesetze Athens geachtet hatte, wollte er sie nun auch nicht im Angesicht des Todes übertreten.

Wo der Gott mich hinstellte, wie ich es doch glaubte und annahm, damit ich in Aufsuchung der Weisheit mein Leben hinbrächte und in Prüfung meiner selbst und anderer, wenn ich da, den Tod oder irgend etwas fürchtend, aus der Ordnung gewichen wäre!

Schlimm wäre das, und dann in Wahrheit könnte mich einer mit Recht hierher führen vor Gericht, weil ich nicht an die Götter glaubte, wenn ich dem Orakel unfolgsam wäre und den Tod fürchtete und mich weise dünkte, ohne es zu sein.

Denn den Tod fürchten, ihr Männer, das ist nichts anderes, als sich dünken, man wäre weise, und es doch nicht sein. Denn es ist eine Anmaßung, etwas zu wissen, was man nicht weiß. Denn niemand weiß, was der Tod ist, nicht einmal, ob er nicht für den Menschen das größte ist unter allen Gütern. Sie fürchten ihn aber, als wüßten sie gewiss, dass er das größte Übel ist.

- Aus Platons Apologie

Sich auf das Unbekannte des Todes vorzubereiten

Den Tod zu fürchten empfand Sokrates als ganz und gar unweise. Selbst wenn man nicht wissen kann, was nach dem Tod folgt, wusste Sokrates aber dass sich Körper und Seele trennen, sobald ein Mensch stirbt. Für ihn ging da etwas vor sich, dass der Philosoph, in seiner Tätigkeit als solcher, schon während seiner Lebenszeit unentwegt übt, zumindest aber üben sollte. Was damit gemeint sein könnte, darauf geht Platon in seinem Phaidon ein, wo er Simmias von Theben seinem Lehrer Sokrates als Schüler gegenüberstellt, um die Fragen zu diesem Thema auszuleuchten:

Scheint es dir Sache eines philosophischen Menschen zu sein, sich Mühe zu geben um die sogenannten Lüste, wie um die am Essen und Trinken?

Durchaus nicht Sokrates, antwortete Simmias.

Oder um die aus der körperlichen Liebe?

Keineswegs.

Und die übrige Besorgung des Körpers, glaubst du, dass ein solcher sie groß achte? Wie zum Beispiel schöne Kleider und Schuhe und andere Arten von Schmuck des Körpers zu haben, glaubst du, dass er es hoch oder gering achtet, soweit es nicht unbedingt notwendig ist, etwas davon zu haben?

Gering achten, dünkt mich wenigstens, wird es der wahre Philosoph.

Scheint dir also nicht überhaupt die Bemühung eines solchen Menschen nicht auf den Körper gerichtet zu sein, sondern sich, soweit es ihm möglich ist, sich von diesem abzukehren und sich der Seele zuzuwenden?

Das denke ich.

Also hierin zuerst zeigt sich der Philosoph als einer, der die Seele von der Gemeinschaft mit dem Körper loslässt, anders als die übrigen Menschen?

Offenbar.

- Aus Platons Phaidon

So scheint es also Ziel des wahren Philosophen zu sein, schon während seines Lebens in seinem Bewusstsein Körper und Seele zu trennen. Ein wahrer Philosoph nämlich will doch ungestört von leiblichen Bedürfnissen nachdenken können. Auf diese Weise nimmt er die Todeserfahrung schon zu Lebzeiten vorweg – eigentlich etwas, dass er mit jenen teilt, die man als die Eingeweihten in die Mysterien bezeichnet.

Wer sich also auf diese Weise vorbereitet, das eigene Bewusstsein nicht auf seine körperliche Existenz beschränkt, sondern sich von ihr zu lösen übt, wird gefasst und getrost auch dem Tod entgegen gehen können. Und was stirbt sonst, als »nur« der Körper?

Für Sokrates lebte die Seele fort, warum wir uns eben um sie kümmern sollten und weniger um die materiell gebundenen Umstände, durch die sich unser Leib auf unserer Lebensreise bewegt. Den Wandel unserer Seele aber bestimmt darin die Art unserer Lebensführung. Sokrates:

[…] nichts anderes tue ich, als dass ich umhergehe, um Jung und Alt unter euch zuzureden, bloß nicht für den Körper und für das Geld zuerst und so sehr zu sorgen, als um die Seele, dass sie möglichst vollkommen werde, in dem ich außerdem sage: nicht mit dem Geld kommt die Tugend, sondern aus der Tugend entsteht Geld und alles andere dem Menschen Nützliche – für den Einzelnen und für die Gemeinschaft.

- Aus Platons Apologie

Nachdem man Sokrates das Todesurteil verkündet hatte, erhielt er noch einmal das Wort.

Lasst uns aber auch überlegen, wieviel Grund es gäbe zu hoffen, das an dem Urteil etwas Gutes sei. Denn eins von beiden ist der Tod: entweder bedeutet er dass man nichts mehr ist, noch irgendeine Empfindung von irgendetwas hat, wenn man tot ist; oder, wie überliefert ist, es erfolge mit ihm ein Auswandern der Seele von einem Ort hier nach einem anderen Ort.

Gibt es nun im Tod keinerlei Empfindung, sondern ist er wie ein Schlaf, in welchem der Schlafende noch nicht einmal einen Traum hat, so wäre der Tod doch ein wunderbarer Gewinn. Denn ich glaube, wenn jemand eine solche Nacht, wo er so fest schlief, dass er keinen Traum hatte, mit allen übrigen Tagen und Nächten seines Lebens vergleichen würde, und nach reiflicher Überlegung sagen sollte, wieviel er wohl angenehmere und bessere Tage und Nächte als jene eine Nacht in seinem Leben gelebt habe, so glaube ich, würde nicht nur ein Privatmann, sondern sogar der Großkönig selbst entdecken, das diese, verglichen mit den übrigen Tagen und Nächten, sehr leicht zu zählen wären.

Wenn also der Tod etwas solches ist, dann nenne ich ihn einen Gewinn. Denn dann scheint mir ja die ganze Zeit nach dem Tod nicht länger zu währen, als eine einzige Nacht.

Ist aber der Tod wiederum wie eine Auswanderung von hier nach einem anderen Ort, und wenn es wahr ist, wie gesagt wird, dass sich dort alle Verstorbenen aufhalten, was für ein größeres Glück könnte es wohl geben als dieses, ihr Richter?

Denn wenn einer in den Hades (Unterwelt) kommt und sich derer entledigt die sich für Richter halten, dort aber die wahren Richter antrifft, von denen die gleiche Überlieferung sagt, dass sie dort Gericht halten, nämlich den Minos, den Rhadamanthys, den Aiakos, den Triptolemos und all die anderen Halbgötter die sich in ihrem Leben als gerecht bewährten: wäre eine solche Reise so schlimm?

[…]

Für wieviel, ihr Richter, möchte das einer wohl annehmen den auszufragen, welcher das große Heer gegen Troia geführt hat oder den Odysseus oder den Sisyphos, und viele andere könnte einer nennen, Männer und Frauen, mit denen dort zu sprechen und umzugehen und sie auszuforschen auf alle Weise; das wäre wohl eine unbeschreibliche Glückseligkeit! Jedenfalls verurteilen sie einen dort, wie man annehmen darf, deswegen nicht zum Tod.

Jedoch ist es nun Zeit, dass wir gehen: ich um zu sterben, und ihr um zu leben. Wer aber von uns beiden dem besseren Los entgegengeht, das weiß keiner – außer nur Gott.

- Aus Platons Apologie

Das Vermächtnis des Sokrates

Sokrates hatte ein materiell sehr bescheidenes Leben geführt. Was man Armut nennt, empfand er nicht als Ärgernis. Seine Freunde sorgten durch ihre Gastfreundschaft und ihre Geschenke für seinen Lebensunterhalt. Aber auch diese Gaben nahm Sokrates nur begrenzt an. Nichts sollte sein irdisches Dasein zu sehr bestimmen, lebte er doch gern die von ihm selbst gewählte Lebensweise, in der, spricht man doch heute noch über ihn, so viel Philosophie steckte. Man sah das eben an seiner Distanz zu den materiellen Dingen der Welt, seine Hingabe an das philosophierende Fragen und seine unglaubliche Gelassenheit, äußeren, ihm widerfahrenen Ereignissen gegenüber – insbesondere dem über ihn gesprochenen Todesurteil.

Nie ging es Sokrates darum, um jeden Preis eine Lösung zu finden, sondern die Menschen dazu zu bringen, selbst über sich und ihr Leben nachzudenken. Denn nach Sokrates' Auffassung, verdiente ein Leben ohne Selbstbetrachtung nicht, überhaupt gelebt zu werden. Wenn darum sein Fragen im Gegenüber zu keiner Antwort führte, nahm er das so hin und war darüber nicht etwa enttäuscht, denn auch wenn eine Frage zu keiner Antwort führend ungelöst bleibt, bedeutet allein das ja schon einen Erkenntnisgewinn.

Sokrates wollte erreichen, dass die Befragten nicht einfach nur dahinleben. Vielmehr sollten sie ihr Leben bewusst führen und gestalten.

Was er hinterließ waren jedoch nicht nur Philosophen, sondern vor allem Menschen.

 

Die Bewusstseinsstruktur des Mentalen

Die Bewusstseinsstruktur des Mentalen

Rodin: Denker, Gemälde Munch - ewigeweisheit.de

Visionen erschuf der mythische Mensch, aus seinem von Polarität umfassten Geist. Seine Gehirnaktivitäten beherrschten vornehmlich Bilder bestehender Vorstellungen. Es waren Imaginationen die er aus einem untereinander verflochtenen und miteinander verbundenen, spirituellen Gewebe bildete. Sein Denken prägten also eher Bilder als Worte. Was er erzielen wollte imaginierte er und tat es sogleich.

Auch heute begibt sich ein Mensch durch seine Imagninationsgabe, in diese, manchmal traumartige Vorstellungswelt, wo er das ihn Umgebende, als den anderen Pol seiner Wahrnehmung empfindet. Jeder der schöpferisch oder kreativ tätig ist, wendet diese Fähigkeit an – ganz gleich welcher Tätigkeit er dabei auch nachgeht.

Vor vielleicht 6.000 Jahren entwickelte die Menschheit etwas, dass Jean Gebser »Gerichtetes Denken« nennt. Es ist eine Geistesaktivität die nicht mehr polarbezogen ist, sondern objektbezogen. Das heißt, Gerichtetes Denken kehrt sich vom polaren Bewusstsein ab und richtet sich auf voneinander getrennte Gegensätze, die für sich stehend einer ursprünglich polaren Ergänzung entbehren. Hiermit erhält das Bewusstsein eine Kraft, die ihm von da an aus dem Ich des Einzelnen zufließt.

So auch kam das Ego in die Welt, was einher ging mit einer ganz grundlegenden Veränderung menschlichen Bewusstseins. Denn der Mensch verließ damit den bewahrenden Kreis des Seelischen und begann seine Welt durch Denken zu bewältigen. Was heißt das?

Nun, hierzu ist es sicher hilfreich, wenn wir uns zunächst noch einmal gedanklich zurückbegeben in die mythische Bewusstseinsstruktur. Denn lange vor der Zeitenwende in die mentale Struktur, sollte besonders ein Mythos wichtig werden: Die Sage von der Heirat des griechischen Göttervaters Zeus mit der Metis. Sie war die Tochter der Gottheiten des Meeres und selbst »Göttin des klugen Rats«. Ihr Name galt den griechischen Philosophen auch als Synonym für die Personifikation des »Scharfsinns«, eine Geistesfähigkeit die man ja auch als praktisches Wissen oder reine Vernunft beschreiben könnte.

Aus diesem Mythos aber erfahren wir nun Folgendes: Unter Schmerzen zerbrach sich Zeus den Kopf darüber, ob Metis ihm vielleicht einen mächtigeren Sohn gebären könnte, als ihm wirklich lieb sei. Er fürchtete dass ihm ein Junge vielleicht sogar den Platz als Götterkönig streitig machen könnte. Seine Angst aber schlug um in blinden Zorn und drum verschlang er seine schwangere Geliebte, samt einem in ihrem Leibe wachsenden Mädchen.

Da traten der olympische Götterschmied Hephaistos und der titanische Feuerbringer Prometheus auf. Mit der Axt des himmlischen Fabers, spaltete der Titan Zeus den Kopf, wonach dem klaffenden Götterschädel, mit lautem Kriegsgeheul, eine reife Jungfrau entstieg. In voller Rüstung kam sie zur Welt, ihre goldenen Waffen schwingend: Pallas Athene – Göttin der Weisheit, des Verstandes, der Kriegskunst und des Handwerks.

Dieser Mythos beschreibt den klassischen Anfang von Zivilisation und Städtekultur, die einen gewaltigen Bewusstseinssprung für die Menschheit einleiten sollte, denn die »göttliche Kopfgeburt« Athene »zivilisierte« die Griechen mit der Gründung der nach ihr benannten Stadt Athen.

Nicht aber nur in Griechenland schien sich da etwas zu wandeln. Auch die mosaische Tradition der Juden führte Menschen sprichwörtlich auf neuen Boden. Vom Berge Sinai herabgestiegen, stellte der Prophet Moses diesem neuen, im Menschen erwachten »Ich«, einen zürnenden doch auch verständigen Gott JHVH gegenüber. Hierbei entstand das, was wir heute Monotheismus nennen. Moses führte seine Leute aus dem Land der Ägypter, die er mit JHVHs Zorn durch Plagen und Seuchen schlug. Über die Halbinsel Sinai kam das Volk Israel schließlich ins gelobte Land, wo die Juden ihre erste Stadt erbauten: Jerusalem.

Diese scheinbar widersprüchlichen Gegensätze von Zorn und Verstand, die sowohl Zeus, Athene oder dem jüdischen JHVH zu eigen sind, eint das lateinische »mens«: ein Wort mit weitem Bedeutungsspielraum, der neben den Begriffen »Absicht«, »Mut«, »Gedanke«, »Vorstellung« oder »Sinnesart«, eben genau diese Wörter »Zorn« wie auch »Verstand« umfasst. Geht man dem indoeuropäischen Ursprung des Wortes »mens« nach, begegnet man auch dem »manas« des Sanskrit, das in sich ebenso diese Doppelbedeutung von Verstand und Zorn eint.

Krieg der Gegensätze

In den Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung nun, entstanden sowohl im Abendland wie auch im Morgenland, zwei epische Dichtungen, die »heilige Kampfhandlungen« beschreiben: der Grieche Homer schilderte da in seiner Illias den Trojanischen Krieg, während man aus der Bhagavad Gita der Inder, ebenso von einem großen, heiligen Krieg erfährt. Beide Dichtungen sollten sowohl in West und Ost ganz maßgeblich die Kulturgeschichte beeinflussen.

Hieraus ergibt sich das, was man vielleicht als die Geburt des Dualismus bezeichnen könnte: Zwei verfeindete Lager kämpfen gegeneinander, wo jeweils die einen die Guten und die anderen die Bösen sind. Es war das auch die Zeit wo in Persien der Prophet Zarathustra (um 600 v. Chr.) auftrat, um zu künden vom ewigen Streit der Mächte des Guten und des Bösen. Ein Gott der Weisheit stritt da mit einem Teufel der Zerstörung: der hell strahlende Ahura Mazda trat an gegen den finsteren Ahriman – zwei Namen allerdings die eine etymologisch gemeinsame Wurzel vermuten lassen.

Vor dieser Zeit der dualistischen Trennung des Polaren waren die Glieder der wahrgenommenen Welt eben noch untereinander verbunden, entsprachen einander. Was Polarität im Gegensatz zum Dualismus bedeutet, wird anschaulich in der Betrachtung der Pole unserer Erde. Ihr Vorhandensein nämlich ergibt sich aus der Rotationsachse unseres Planeten, über die sie ja ganz konkret miteinander verbunden sind.

Diese zwei Pole sind eben auch ein Hinweis auf jene Bewegungsform des Kreises (der Signatur der mythischen Struktur), wobei ja die Herkunft des Wortes »Pol« auf das griechische »pólos« zurückgeht, das »drehen« bedeutet – was ja eben die Bewegung der Erdachse ist.

Während jedoch das Bewusstsein der Menschheit mit dem Übergang in die mentale Struktur mutierte, wies ihr oben angedeutetes »Gerichtetsein« beispielsweise nur noch auf die Himmelsrichtungen an sich. Das heißt: man abstrahierte Norden und Süden beziehungsweise Osten und Westen, die damit sinngemäß für sich selbst stehend wurden und man sie nicht mehr primär als wechselseitige Entsprechungen empfand. Was zuvor die gegenseitige Entsprechung polarer Gegensätze war, war von da an aufgehoben.

Dieses einschneidende Ereignis, das sich in der Menschheitsgeschichte als Aufspaltung in den Dualismus äußerte, brachte nun das Prinzip der Mittlertätigkeit ins Spiel. Es bedurfte von da an eines einigenden, versöhnenden Elements, was am deutlichsten jene »Herabgestiegenen« oder »Menschensöhne« verkörpern sollten. Ihr Erscheinen in der Geschichte der Menschheit, als Mittler zwischen Mensch und Gott, zwischen Himmel und Erde, erweiterte die Dualität um ein anscheinend notwendiges Element, was in die göttliche Dreieinigkeit führte – die Trinität.

Ihr begegnen wir auch in der Trimurti des Hinduismus, die für die Vereinigung der drei kosmischen Funktionen von Erschaffung, Erhaltung und Umformung steht: als Brahma, Vishnu und Shiva. Dem Erhalter Vishnu aber kommt dabei jene Mittlertätigkeit zwischen Göttlich-Himmlischem und Irdisch-Menschlichem zu, wo er in seinen zehn Inkarnationen, den Avataras (Herabgestiegene), als Menschheitslehrer auf Erden erscheint – darunter etwa als Krishna oder Buddha, oder als Kalki-Avatar am Ende unseres gegenwärtigen Zeitalters, das die Inder das Kali-Yuga nennen: das »Zeitalter des Streits«.

Platon und Aristoteles - ewigeweisheit.de

Bildausschnitt des Gemäldes von Raphael (1483–1520): Die Schule von Athen. In der Mitte die Philosophen Platon (links) und Aristoteles (rechts).

Die Geburt des Materialismus

Ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. trat die Menschheit aus der bergenden Welt der dunklen Höhlen in die Wachheit des Tages von Himmel und Licht. Wohl kaum ein Zufall wenn damals auch Platon sein Höhlengleichnis formulierte. Darin nämlich geht es um jene »Zurückgebliebenen«, die die Schatten des Lichts auf den Höhlenwänden für die eigentliche Wirklichkeit hielten. Einem von ihnen aber gelang die Höhle verlassend, sich hinaus ins Licht des Tages zu begeben. Dort oben wurde er der Sonne gewahr. Ihr Licht aber blendete ihn. So eigentlich blieb es aber doch nur ein Sehen von Schattierungen, selbst wenn man seit damals in Europa begann, die Sonne zum Symbol einer ultimativen Wirklichkeit zu erheben.

Es war das eben die Zeit in der man zu unterscheiden begann zwischen einer dunklen Unterwelt ewiger Nacht und einer tageshellen, von der Sonne erleuchteten himmlischen Welt. Dazwischen aber befand sich der Mensch in gespanntem Empfinden dieser Gegensätze.

Was wir mit der Spaltung des Seins und der Trennung der Pole andeuteten, sollte sich damit auch tatsächlich auf die menschliche Wahrnehmung der Welt übertragen. Das wird anschaulich wenn man die indoeuropäische Wortwurzel »me« oder »ma« genauer ansieht. Aus ihr nämlich leiten sich Bedeutungen ab, die sich beiderseits auf Irdisch-Unterweltliches, wie auch auf Geistig-Himmlisches übertragen lassen. Das heißt: Was in der archaischen, der magischen und mythischen Bewusstseinsstruktur noch verbunden war (wie zum Beispiel in der Einheit von Erde und Himmel), sollte die mentale Ebene nun von einander (anscheinend) für immer trennen.

Schon das Wort »mental« ist ja mit dieser Wurzel »me« (oder »ma«) verbunden und es lässt sich hieraus eine gesamte Familie weiterer Bedeutungen ableiten, die charakteristisch sind für den Wechsel von der mythischen, in eben jene der mentalen Bewusstseinsstruktur. Erinnern wir uns hier auch noch einmal an Metis, deren Name sich ja ebenso aus der Wortwurzel »me« ableitet.

Neben dem im Sanskrit bereits erwähnt auftauchenden »Manas«, dem Verstand, lässt sich aus der Wurzelsilbe »ma«, wiederum die Silbe »mat« ableiten. Aus ihr entsteht das Sanskrit-Wort »Matar«, die Mutter, das sich seinem indoeuropäischem Ursprung nach auf die griechischen Wörter »Mater«, die Mutter, und »Materie« übertragen lässt, worauf sich zum Beispiel auch »Metrum« und damit das »Maß« des »Meters« belaufen, sowie auch alles was eben als »Materialismus« einer vollständig ausgemessenen, von menschlichem Geist bestimmten Welt entstand.

Der griechische Philosoph Pythagoras (570-510 v. Chr.) war der erste »Vermesser des Abendlandes«. Er erfand die Verhältnisse im Dreieck, bewiesen in seinem berühmten mathematischen Satz. Er auch stellte eine Verbindung zwischen den Tönen her (mit dem von ihm erfundenen, einsaitigen Monochord), die während der magischen Bewusstseinsstruktur noch in den wohl überwirklich klingenden Gesängen ertönten, und dem was in dieser Zeit der mentalen Bewusstseinsstruktur, durch die Zahlen sichtbar und messbar gemacht werden sollte. Das war der Ursprung der Harmonik und eigentlich der Anfang aller Wissenschaft.

Die Zahl ist das Wesen aller Dinge

- Ausspruch des Pythagoras

Mit dem direkten Erfahren der magischen und mythischen Struktur schien seitdem ein Wille zur Abstraktion zu rivalisieren. Und dieses Abstrahieren begann durch die Erfindung der Zahlen als Ziffern. Nur wenig früher entstanden im alten Griechenland die Münzen als »Zahlungs«-Mittel.

Jenes oben bereits beschriebene lateinische »mens«, das etymologisch verwandt ist mit dem englischen »mind« (Denken, Vernunft, Erinnerung), sollte zum Wort für den intellektuellen Menschen werden, für den Menschen als Denker, in diesem Übergang aus der mythischen Bewusstseinsstruktur in die mentale.

Kehren wir aber erneut zurück zur Symbolik der Athene-Geburt. Wie der Mythos besagt, spaltete Prometheus mit der Axt des Hephaistos dem höchsten Gott Zeus den Schädel. Er aber sollte den Menschen auch das Feuer bringen. Ein anderer Mythos fügt dem hinzu, dass jener Himmelsschmied Hephaistos aus Lehm eine Frau schuf und ihr Leben einhauchte: Pandora – ein Wesen das über alle Gaben verfügte (pan »alles«, doron »Gabe«). Gewiss erinnert einen das an die Erschaffung des Menschen, wie durch den Demiurgen der Gnostiker oder die Elohim der biblischen Genesis, wo ja ebenso einem aus Lehm geschaffen Wesen Leben eingehaucht wurde.

Prometheus nun brachte den Menschen zwar das Feuer, damit er hiermit Metalle schmelze, sie in Formen gieße und daraus Werkzeuge schmiede; doch als Zeus die Pandora zu ihnen sandte, und sie unter ihnen ihre sprichwörtliche Büchse öffnete, ergoss sich alles Übel über die Menschheit, vor allem Seuchen und Krankheit.

Zeus fürchtete eben den feuerbesitzenden Menschen und ließ es nur daher dazu kommen. Die Pandora war anscheinend, so wie auch das biblische Paar Edens, ein dem bisher lebenden, sogenannten »primitiven Menschen« angeblich überlegenes Wesen. Was Pandora in ihrer Unheil versprühenden Büchse jedoch zurückhielt war die Hoffnung: das Gegenteil der Angst. Denn Angst und Hoffnung waren in der Wirklichkeit des mythischen Bewusstseins einfach die beiden, sich entsprechenden Pole dessen, was in der Zeit des magischen Bewusstseins noch ein und das Selbe war.

Nun lassen sich aus diesem Ausschnitt der griechischen Mythologie, gewiss eine Vielzahl an Parallelen zur semitischen Tradition (wie etwa in den Erzählungen über die Nachfahren Kains) finden, doch wie es scheint auch zu all dem, was mit der dereinst entstandenen Zivilisation der Menschheit einher gehen sollte. Es war der Anfang des sogenannten »Eisernen Zeitalters«, der Periode in der Geschichte der Menschheit, die im Hinduismus als das »Dunkle Zeitalter«, als das bereits oben besprochene »Kali-Yuga« bezeichnet wird.

Recht-Sprechung und Isolation

Die Verfestigung der mentalen Bewusstseinsstruktur im Abendland, erfolgte praktisch in zwei Schritten: Zum einen kam es in den 200 Jahren zwischen 550-350 v. Chr. zu einer Wende mit dem Wirken von Pythagoras, Parmenides, Sokrates, Platon und Aristoteles. Doch auch im ebenso langen Zeitraum zwischen 1.300 und 1.500 n. Chr. sollten etwa ein Dante Alighieri oder ein Leonardo da Vinci die Kulturentwicklung des Abendlandes ganz maßgeblich beeinflussen.

Es scheint als wären in diesen beiden Wendezeiten die Kernmerkmale der mentalen Struktur ganz deutlich geworden. Was wir zuvor als jene Gerichtetheit in der Raumzeit andeuteten, sollte da zu einem Nachrichten oder Ausrichten an vorgegebenem Gesetz werden, von etwas Beschlossenem also, was sich folge-richtig im selben Bedeutungshorizont bewegt wie die Wörter »Gericht« und »Recht«. Auch das »Rechte«, die Seite »rechts«, muss in diesem Zusammenhang mit angeführt werden.

Seit Pythagoras kamen auch besondere »Rechtsvorschriften« zum Ausdruck, der seinen Schülern vorgab stets auf der rechten Seite in ein Heiligtum einzutreten und etwa immer den rechten Schuh zuerst anzuziehen. Solch rechtes Handeln schien sich bis heute allgemein in der eher verbreiteten Rechtshändigkeit erhalten zu haben (in der Rechten das Wahre, in der Linken das Falsche).

Die römische Rechtslehre schließlich sollte das festigen, was man das »Ich-Bewusstsein« nennt. Im römischen Zwölftafelgesetz aus dem 5. Jahrhundert n. Chr., legte man die Rechte und Pflichten des Einzelnen im Staat fest.

Im 14. Jahrhundert nahm Römisches Recht dann entscheidenden Einfluss auf die Rechtsprechung Mitteleuropas, da im Mittelalter, in manchen Staaten dieser Region, kein einheitliches Rechtssystem bestand.

Jene zwölf römischen Tafeln aber erinnern gewiss an jene Mittlerfunktion von der bereits die Rede war. Sie waren für jeden sichtbar ausgestellt, auf dem Forum Romanum, dem Mittelpunkt des politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und religiösen Lebens in Rom.

Solch Mittlerfunktion sollten auch die Gesetzestafeln mit den zehn Geboten, sowie später die jüdische Tora einnehmen. Moses überbrachte dem Volk Israel die beiden Gesetzestafeln, als er vom Berge Sinai zu ihnen hinabstieg. Was aber sowohl in der angeführten, alten römischen Gesetzgebung auch für die jüdische galt, war die Abstraktion dessen was als allgemein strukturiertes Gesetz einem Volk gegeben wurde, zur Angleichung an eine weit höhere, übergeordnete Instanz.

Wenn Moses als Mittler, die später im Salomonischen Tempel aufbewahrten Gebotstafeln, dem Volke Israel (auf Erden) vom Gipfel des Berges Sinai (vom Himmel), von Gott empfangen überbrachte, kommt da eben wieder die zuvor angedeutete dritte Dimension der mentalen Bewusstseinsstruktur zum Vorschein.

Hatten wir nun der magischen Struktur als Signatur den Punkt zugeordnet […], hatten wir der mythischen Struktur den Kreis zugeordnet […], so ist es nur folgerichtig, wenn wir der dreidimensionalen Struktur das Dreieck als Signatur zuordnen […] Dabei steht die Basis des Dreiecks mit ihren beiden gegensätzlichen Punkten für das duale Gegensatzpaar, das in der Spitze geeint wird.

- Aus Jean Gebsers Buch »Ursprung und Gegenwart«, Kapitel »Die mentale Struktur«

Das Dreieck als Signatur der dritten Dimension, wurde immer auch als Richtungsweiser verwendet, was uns eben wieder zurückführt auf das »Gerichtete Denken« der mentalen Struktur und eben auf jene Rechtsprechung, sowohl im römischen Reich wie auch andererseits für die Israeliten. Es war das die Zeit, als man zur optischen Perspektive fand, die sich ja eben genau aus der Dreiheit der »Trigonometrie« entwickelte.

Schon sehr viel früher aber, am Ende der Zeit des mythischen Bewusstseins, brach etwas auf, wurde gespalten, das erst durch Gesetze (juristisch, politisch, religiös) wieder gerichtet beziehungsweise berichtigt werden sollte.

Mit dem gerichteten Denken ging eine allmähliche Quantifizierung der Welt einher, samt aller bewusst gewordenen Dinge der darin lebenden Menschen. Als bestes Beispiel ließe sich da etwa der in der ersten Wendephase zur mentalen Bewusstseinsstruktur lebende Philosoph Demokrit anführen, der im 5. Jahrhundert v. Chr. die Vorstellung vom Atom entwickelte. Das bedeutete eine bis zu diesem Zeitpunkt nicht dagewesene Fragmentierung der Anschauung der materiellen Welt.

Alles was den oben erwähnten zwei Mutationsphasen der mentalen Struktur, mit dem Beginn der Neuzeit folgen sollte, war eine noch drastischere Fragmentierung der Wirklichkeit. Eine wissenschaftliche oder ökonomische Philosophie, sollte sich im Abendland aller möglichen Mittel zur Erreichung ihrer Zwecke bedienen. Da Vinci exhumierte Leichname, um ihre toten Leiber aufzuschneiden und so ihre organische und skeletthafte Struktur zu untersuchen, was spätestens für die spätere Chirurgie von Belang geworden sein durfte.

Seit der Renaissance begannen aber die negativen Aspekte der mentalen Bewusstseinsstruktur, immer mehr in ihrer zunehmenden Oberflächlichkeit zum Vorschein zu kommen. Sobald das Mentale in Form des Rationalen aber maßlos wurde und sich dabei richtungslos ausbreitete, erlangte das was man als »negativen Aspekt der Psyche« bezeichnen könnte, die Herrschaft über die Vernunft. Und eben das sollte den einst noch mentalen, fließenden Dualismus, in eine ganz kompromisslos getrennte Zweiheit überführen. Damit ist gemeint, was nicht mehr auf einer einstigen Ermittlung des aus einer Logik entstandenen Wahren basiert, sondern auf Rhetorik und einer damit einhergehenden Kunst des Überzeugens. Es schien da ein reines Argumentieren die einfache Fähigkeit zur Erkenntnis übertrumpfen zu wollen.

In den fünf Jahrhunderten nach der Renaissance begannen sich die Menschen eben einfach selbst immer wichtiger zu nehmen. Was sich seit dieser Zeit, aus ihrem Ich zu einer Person, eben einer »persona«, wörtlich also einer »Maskierung« des Seelischen, verhärtete, führte zu all dem was sich in den Kulturen des Abendlandes in der Verwissenschaftlichung der Welt äußern sollte. Das ging einher mit der damals einsetzenden Überheblichkeit eines Fremdartigkeit aufbürdenden Kolonialismus.

Wo man nichts mehr zu vermessen fand, da wollte man noch weiter in die Ferne vordringen, um dabei andere Länder und Kontinente als neuen Lebensraum zu erobern.

In dem Moment, da das Maßvolle vom Maßlosen der Ratio abgelöst wurde […] begann sich die Abstraktion in ihre äußerste Manifestationsform zu wandeln, die durchaus mit dem Begriff der Isolation beschrieben werden darf

- Aus Jean Gebsers Buch »Ursprung und Gegenwart«, Kapitel »Die mentale Struktur«

Und mit dieser Isolation scheint in unseren Tagen etwas immer weiter auszuarten, das mit einer zusätzlichen Rationalisierung, einer Abstraktion und letztendlichen Technisierung all unserer Lebensbereiche in Erscheinung treten wird.

Im Sinne einer übermäßig verstandesbetonten Rationalisierung seines Lebens, die man heute als Optimierung rechtfertigt, isoliert sich der Mensch zunehmend. Und diese Isolation geht keineswegs mit irgend geartetem Schutz einher, wird die Verbindung des Menschen mit seiner Außenwelt doch durch allerhand Hightech, nur immer mehr geteilt und weiter aufgespalten.

Das heißt, dass sich jene oben angedeutete mythische Axt des Hephaistos, sich heute anscheinend in unzählige moderne Technologien differenziert hat. Sie allerdings erschaffen, allegorisch gesprochen, den in winzige Teilstücke fragmentierten Gitterrost einer Gefängniszelle, worin sich der wahre Mensch zunehmender Bedrängnis ausgesetzt fühlt. Gemäß seiner Veranlagung aber, sich wegen Sinnesreizen dem Außen gegenüber zu öffnen, verschafft er indessen immer mehr Beklemmendem Zugang zu seinem Inneren.

So ist der Mensch nicht mehr aus sich selber heraus Mensch, sondern folgt abhängig, ist gezwungen sich gegebenen Bedingungen anzupassen – seien es neue Gesetze, neue Moden oder neue Technologien. Doch wohin soll das führen?

Neuplatonismus: Eine Wiederbelebung antiker Philosophie

Neuplatonismus: Eine Wiederbelebung antiker Philosophie

Plotin - ewigeweisheit.de

Im 3. Jahrhundert n. Chr. entstand im damaligen Römischen Reich eine neue Schule der Philosophie. Sie besann sich nicht nur zurück auf die Lehren Platons, sondern diese entwickelte daraus eine neue Form der Philosophie, weshalb man darum vom Neuplatonismus spricht. Der Usprung dieser philosophisch-religiösen Bewegung liegt zwar in Ägypten, sie sollte sich später aber von Rom aus im gesamten Römischen Reich verbreiten.

Als Gründer dieser philosophischen Schule gilt der im ägyptischen Alexandria geborene Philosoph Plotin (205-270), ein Schüler des Ammonios Sakkas (†242), der seinerzeit die Weiterentwicklung des Platonismus maßgeblich beeinflussen sollte. Heute geht man davon aus dass Plotins Philosophie ihren Grundzügen nach, mit der Lehre Sakkas' weitgehend identisch ist. Sakkas hinterließ allerdings kein Schriftwerk und man kann davon ausgehen, dass er, ähnlich wie vor ihm Pythagoras oder Sokrates, in einer rein mündlichen Tradition standen. Es ist darum aber angebracht eigentlich Ammonios Sakkas, als ursprünglichen Gründer des Neuplatonismus zu betrachten.

Plotin auf jeden Fall genoss im Römischen Reich großes Ansehen. Darum siedelte er im Jahr 244 um nach Rom, zwei Jahre nach dem Tod seines Meisters. Zu seiner Entwicklung dieser neuen Art des Platonismus sollten aber ganz wesentlich auch andere zeitgenössische Philosophen beitragen. Darunter wären der syrische Philosoph Iamblichos (245-325) zu nennen, sowie Porphyrios (233-305), ebenfalls Syrer, der außerdem zu Plotins berühmtesten Schülern zählte. Wir haben es vor allem Porphyrios zu verdanken, dass uns die Werke Plotins heute zur Verfügung stehen. Er nämlich ordnete sie zu dem was heute bekannt ist als die "Enneaden", worin sich Plotin mit verschiedensten Fragen seiner Zeit auseinandergesetzt hatte. Zentral in seinem Werk aber ist die Frage nach dem Wesen des Einen, dem höchst Seienden, also Gott.

Als weiterer wichtiger Neuplatoniker muss aber auch der Universalgelehrte Proklos (412-485) genannt werden. Er sollte einst wichtigster Wortführer der Schulrichtung des Neuplatonismus werden. Über fast fünf Jahrzehnte leitete Proklos die neuplatonische Schule Athens. Proklos' wichtigstes philosophisches Modell war die Emanationslehre, worin er von einer Vielfalt des Existierenden ausgeht, die nach ihm aus einer ursprünglichen, ungeteilten und alles umfassenden Einheit entstand.

Eine gewisse Rolle für den Neuplatonismus spielten aber auch ältere Systeme der Philosophie, wozu sicherlich die Weisheiten der Stoiker und der Pythagoreer zählen, die in der Renaissance der italienische Philosoph Marsilio Ficino wieder ins Bewusstsein seiner Zeitgenossen brachte.

Plotin - ewigeweisheit.de

Plotin (205-270 n. Chr.) antiker Philosoph und bekanntester Vertreter des Neuplatonismus.

Abgrenzung zum Platonismus

Plotin führte in der Spätantike die Tradition Platons fort. Damit aber sah er sich nicht als Erfinder eines neuen Systems der Philosophie, sondern versuchte, als Anhänger der Lehren Platons, daraus seine Darlegungen abzuleiten. Hierzu wäre insbesondere das platonische Werk Parmenides zu nennen, worin in Dialogform die Konzepte von Einheit und Vielheit, von Sein und Nichtsein beschrieben werden. Sie zählen zu den Kernkonzepten des Neuplatonismus.

In den fast sechs Jahrhunderten seit der Zeit Platons wurde dessen philosophische Tradition durch Plotin fortgeführt. Beginnend mit Aristoteles bildete sich aus Platons Philosophie der sogenannte Mittelplatonismus. Plotin sprach in seiner Fortsetzung dieser alten Tradition aber weiterhin von Platonismus. Erst im 18. Jahrhundert erhielt diese Schulrichtung den Namen Neuplatonismus, um damit eine tatsächiche Unterscheidung zur eigentlichen Philosophie Platons deutlich zu machen, auch wenn sich dennoch keine wirkliche Unterscheidung von Platons Werk bestimmen ließ. Es kam wohl erst durch den Theologen Friedrich Schleiermacher (1768-1834) zu dieser eigentlichen Abgrenzung. Anfang des 19. Jahrhunderts. Der nämlich hatte die Werke Platons ins Deutsche übersetzt, und zog damit eine Trennlinie zwischen Platons Werken und jenen der Neuplatoniker.

Was Plotins Philosophie besonders macht ist seine Einbeziehung alt-griechisch religiöser Gedankenmodelle, die sich sinngemäß auch als Mystik bezeichnen ließen. Diese wurden zwar in der eher akademischen Schulrichtung Platons bereits angedeutet (wie etwa im Phaidon oder der Apologie des Sokrates), doch damals noch nicht mit der selben Betonung besprochen wie bei Plotin. Sehr wahrscheinlich war Plotin dabei durch den jüdischen Philosophen Philon von Alexandria (10 v. Chr. - 40 n. Chr.) inspiriert, der nämlich bereits den Versuch unternommen hatte die religiöse Mystik des Alten Testamens mit der Philosophie Platons zu verbinden. Er wagte damals als Erster die Lehren des Platonismus einzuflechten in die jüdische Philosophie, woraus entstand was für Plotin so wichtig werden sollte: nämlich auf die religiösen Aspekte der Philosophie in der griechischen Antike einzugehen. 

Vor diesem Hintergrund also kam es zu einer Neuinterpretation der Lehren im Platonismus, in deren Tradition seit der Spätantike viele wichtige Werke entstanden, die auch die spätere Esoterische Tradition nachhaltig beeinflussen sollten.

Grundzüge neuplatonischer Weltanschauung

Lange Zeit sahen christliche Gelehrte im Neuplatonismus einfach die Philosophie eines neuen Heidentums, trotz ihrer engen Affinität zur griechischen Religion. Ihrerseits aber lehnten die Neuplatoniker das zu damaliger Zeit im römischen Reich erstarkende Christentum ab. Neuplatonische Vorstellungen über Gott, das Sein und den Menschen, sollten indes sowohl das noch junge Christentum, wie insbesondere auch die Schule der Gnosis ganz wesentlich inspirieren. Neuplatoniker nämlich glaubten an das was man erst viel später als rein christliche Vorstellung begreifen wollte: Den Begriff des "Einen", der göttliche Quelle alles Guten, aus dem die Welt entstand, was gewiss an das erinnert worüber man später auch in der Bibel lesen kann.

Der Kosmos

Aus der einen, übergeordneten, rein geistigen Welt (griech. Kosmos Noetos) emanierte die sinnlich wahrnehmbare Welt (griech. Kosmos Aisthetos), die sich damit ersterer Welt unterordnet. Hieraus ergibt sich eine hierarisch gegliederte Beschreibung einer kosmischen Wirklichkeit. In dieser Wirklichkeit nun existiert ein Teil, der den Sinnen unzugänglich ist und sich nach Plotin in drei Bereiche gliedert:

  • das Eine,
  • den überindividuellen Geist (griech. Nous) und
  • das Seelische, worin die Weltseele und die aus ihr geborenen anderen Seelen entstanden.

Durch die Einwirkung dieser geistigen Welt auf die Urmaterie entstanden schließlich die verschiedenen Sinnesobjekte der wahrnehmbaren Welt.

Auch die neutestamentliche Trinitätslehre von den drei göttlichen Personen, die in einer Einheit zusammenwirken, ist dem Neuplatonismus entlehnt:

  • Der jenseitige Gott äußert sich
  • im Logos (Sitz und Träger der Ideen), der sich in seinem Sohn repräsentiert (später also der Christus),
  • wobei Gott die Liebe als Band zwischen sich und dem Sohn hat, was der Mittlerschaft des Heiligen Geistes entspricht.

Gut und Böse

Mit jeder weiteren Verfielfältigung dieser ureigentlichen Quelle der Einheit aber verliert das Entstandene immer weiter an Vollkommenheit, verliert seine Makellosigkeit und vermindert dabei sein Wesen, bis es schließlich als das endet, was man das Böse nennt. Es ist im Neuplatonismus also etwas, das zwar ursprünglich aus der Einheit des Urwesens Gottes entstand, dann aber, in den entferntesten Sphären seiner Verfielfältigung, zum Gegenteil des Göttlich-Einen verdarb.

Zwar werden nun die menschlichen Seelen aus dem Logos geboren, sinken dann aber in diese von Gott entfernte Sphäre in ihr zeitliches Dasein. Wegen ihrer irdischen Lust gehören sie damit nicht mehr nur dem göttlichen Leben an, sondern zugleich auch der Sinnenwelt. Gelingt es aber der Seele sich von dieser Sinnlichkeit zu lösen, vermag sie sich das Göttliche, selbst hier, weit entfernt von ihrem eigentlichen Ursprung, in geistiger Anschauung und Ekstase anzueignen.

Wirklichkeitsebenen im Neuplatonismus

In der Trennung zwischen geistiger und sinnlich erfahrbarer Welt, zwischen Gut und Böse klingt etwas an, worauf Platon in seinem Buch "Der Staat" (griech. Politeia) eingeht. Die Welt des Sinnlich-Erfahrbaren ist Spiegelbild der geistigen Welt, eine schattenhafte Erscheinung, die sich aus der Überschneidung der Ideen ergibt, die notwendig sind um Erkenntnis vom Einen und seinen Emanationen zu gewinnen (vergl. Platons Höhlengleichnis). Der besagte Logos als Ursprung aller Ideen, bildet dabei die Quelle der in der materiellen Welt erscheinenden Urbilder. Das Niedere ist also ein Erzeugnis des Höheren, was sich auch wieder auf die christliche Trinitätslehre übertragen ließe, als Emanation, Vorstellung und Erfahrung – entsprechend Gott-Vater, Heiligem Geist und Sohn.

Da sich die Welt als Emanation aus dem Einen entfaltete, dafür steht im Zentrum des Neuplatonismus die Einheit, das Eine, also Gott, aus dem die Vielheit aller Einzeldinge hervorgeht. Doch wie vor ihm Philon, betonte später auch Plotin die eigentliche Unerkennbarkeit dieses Einen. Was der Mensch nämlich geistig erfassen könne sei lediglich das, was von diesem Einen als Wirkung ausgeht: die Emanation. Und da dabei das Eine unerkennbar bleibt, kann es auch weder das Seiende noch das Vernünftige sein, sind beides doch Bezeichnungen für etwas, das der Menschen als solches erkennen kann. Als Unerkennbares bleibt das Eine, als höchste Wirklichkeitsebene, darum jenseits alles Seienden und alles Vernünftigen.

Für die zweithöchste Wirklichkeitsebene entwickelte man die Vorstellung eines überindividuellen Geistes, griechisch "Nous", der anfänglich dem Einen entströmt, während die Quelle, das Eine, unberührt bestehen bleibt.

Die dritte Ebene der Wirklichkeit bildet im Neuplatonismus dann die Weltseele, die den vom Einen erschaffenen Kosmos belebt. Mit dem Bereich des Seelischen grenzt sich die rein geistige Welt von der sinnlich erfahrbaren Welt ab. Allerdings differieren hier die Lehren der Neuplatoniker. Iamblichos und Proklos lokalisierten innerhalb der geistigen Welt auch die Zeit. Für Plotin aber war die Zeit außerhalb des Geistigen, war Ursache aller Formbildung und gleichzeitig aber auch der Grund für den Zerfall aller entstandenen Formen. Im Zeitlichen existierte für Plotin die Wirklichkeit des Sinnlich-Erfahrbaren, der materiellen Welt. Sie stand für ihn am Ende des Emanationsvorgangs, der, wie bereits angedeutet, als schlecht angesehen wird, in dem Sinne, als dass sie am weitesten vom Guten der drei höchsten, hier definierten Wirklichkeitsebenen entfernt ist.

Marsilio Ficino - ewigeweisheit.de

Der Italienische Philosoph Marsilio Ficino (1433-1499): Platon der Neuzeit.

Neuplatonismus in der Renaissance

Zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert, im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, erinnerte man sich an die kulturellen Leistungen alter Weltsichten und Denkweisen der Philosophen Griechenlands und Roms. Ausgehend von Italien kam es zu einer Wiedererweckung antiker Philosophien, die ganz wesentlich die damaligen Künste und Geisteswissenschaften inspirieren sollten. Es war auch die Zeit in der der Neuplatonismus eine Wiederbelebung erfahren sollte. Man könnte sogar sagen, dass der Neoplatonismus eines der wichtigsten Antriebsmittel für die Renaissance-Bewegung an sich gewesen ist.

Drei italienische Philosophen der Renaissance trugen zu dieser Entwicklung ganz maßgeblich bei: Marsilio Ficino (1433-1492), über den wir bereits erfuhren. Des Weiteren sind da der junge Giovanni Pico della Mirandola (1463-1494) und später dann auch der berühmte Giordano Bruno (1548-1600) zu nennen.

Marsilio Ficino

Insbesondere die Philosophie Ficinos hauchte dem Neuplatonismus neues Leben ein. Er übersetzte und kommentierte die Enneaden Plotins, schrieb über die Mysterien der Ägypter, als ein Traktat zu Iamblichos, und übersetzte auch Auszüge aus den Schriften des Porphyrios und Proklos, jene Mitbegründer des Neuplatonismus, auf die wir oben bereits zu sprechen kamen. Nicht aber war Ficino nur ein Gelehrter, sondern interpretierte die neuplatonischen Schriften auf eine bis dahin nicht dagewesene Art, womit man ihn zu einem der namhaften Philsophen der Renaissance zählte.

In seinen Traktaten zur Philosophie Platons liefert er uns, mit dem Essay zu den "Fünf Fragen über den Geist", eine einfach zu verstehende Zusammenfassung der Lehren des Neuplatonismus. Darin beschreibt er auch das Ideal für die Beschaffenheit der menschlichen Seele, wo sie sich auf ihre innerste, eigene Natur konzentrieren solle, was aber immer mit Kummer und Leid verbunden sei. Denn dabei wird sich die Seele über den physischen Körper erheben, sich aber zu einem Sein läutern, dass den gesegneten Engelrängen entspricht.

Pico della Mirandola

Ficinos junger Freund Pico della Mirandola öffnete neue Sichtachsen auf den Neuplatonismus. Della Mirandolas berühmtestes Werk "Über die Würde des Menschen" (Originaltitel: "De hominis dignitate") betonte, im Kontext des Neuplatonismus, die Wichtigkeit der menschlichen Suche nach Erkenntnis. Für ihn entstand diese Schrift durch das direkte Wirken eines unbestimmbaren Wesens, dass durch einen ganz und gar freien Willen begabt war. Picos freigeistliche Interpretationen schienen sich in gewisser Form zwar über das alte platonische Gedankengut erheben zu wollen, durch seine Affinität zur Kabbala aber schien er sich doch erkennen zu geben, als geistiger Nachfahre der Tradition Plotins und Philons.

Giordano Bruno

In den folgenden Jahrzehnten nach Pico della Mirandola aber hatte sich die kirchliche Dogmatik zu etwas entwickelt, dass für manche zeitgenössische Philosophen einfach inakzeptabel wurde. Für Giordano Bruno reichte nicht mehr aus, was die Kirche in ihrer Trinitätslehre propagierte, um ein wirkliches Verständnis für die grundlegende Bedeutung des Seins im Kosmos entwickeln zu können. Für Bruno ließen sich alle Vorgänge in der Welt auf ein einziges Grundprinzip zurückführen. Zu diesem Schluss hatte ihn Plotins Emanationslehre gebracht, von der er wahrscheinlich zuerst durch das Werk Marsilio Ficinos erfuhr. Aus der "göttlichen Einheit" kam alles zum Ausdruck und durchwaltete als allumfassender, schöpferischer Gott das unendliche Universum. Dieses vom Menschen bewohnte Universum war gemäß Giordano Brunos Philosophie eine Reflexion Gottes, der für ihn also das erste Prinzip aller Existenz bildete, und wiederum unendlich viele Welten enthielt. Diese Vorstellung einer Unendlichkeit des Kosmos, hatte vor Bruno jedoch kein anderer neuplatonischer Philosoph formuliert.

Aus dem ersten Sein entfaltete sich für Bruno die Welt als prinzipielle, kosmische Existenz der Seelen. Daraus dann entstanden die Formen, die sich schließlich zur unvollkommensten und dichtesten Form des Seins verhärteten: der Materie. In dieser materiellen Welt aber befinden sich laut Bruno die Seelen, sobald sie sich in einen irdischen Körper hüllen, getrennt von Gott, bis sie ihre Leibeshülle ablegen und wieder in die Weltseele zurückkehren. Die menschlichen Seelen, als Funken der Weltseele, befinden sich aber in einem ewigen Auf- und Abstieg, worin sie sich Gott nähern und sich wieder von ihm entfernen.

Für uns heute, und wohl auch damals bereits, völlig unverständlich dass man Giordano Bruno wegen seiner esoterischen Betrachtungen zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilte. Sein Vergehen bestand darin die Gottessohnschaft Christi zu leugnen und auch Vorstellungen vom Jüngsten Gericht in Frage zu stellen. Außerdem nahm die Kirche Anstoß an seiner Behauptung, das wir nicht in einem Universum, sondern in nur einem von unzähligen Universen leben. Damit hätte er aber öffentlich alles Geschehen in der Stadt (Rom) und dem Erdkreis (Urbi et Orbi) relativiert, und hierbei ganz und gar die Relevanz der Kirche in Frage gestellt.

Eine schwer, doch gleichzeitig jedem zugängliche Philosophie

Das der Neuplatonismus lange Zeit nur einem kleinen Kreise zugänglich blieb, scheint an eben solchen Anschaungen der Welt gelegen zu haben. Sie sind eben mit den allgemeinen, in den vergangenen Jahrhunderten von der Kirche geprägten Sichtweisen auf unser Sein, nur schwer verträglich. Aus diesem Grund besprach man sie bereits damals nur im engeren Kreis Eingeweihter, die aber über das benötigte Hintergrundwissen verfügten, um die Weisheiten des Neuplatonismus auch in ihrer tatsächlichen Bedeutung erfassen zu können.

Zwar dürften auch heute nur wenige einen direkten Zugang zum Neuplatonismus finden, doch die benötigen Kenntnisse über seine Bedetung, stehen theoretisch jedem zur Verfügung und zählen sicherlich zu den wichtigsten Grundlagen jeder Form von Theosophie.

Eigenartig an dieser philosophischen Schulrichtung ist, dass sie in vieler Hinsicht Themen anspricht, die einem bisher vielleicht eher aus dem Kontext fernöstlicher Philosophie geläufig waren. Zwar scheint diese Hypothese heute widerlegt zu sein, doch man nahm einmal an, dass jener ursprüngliche Gründer des Neuplatonismus, Ammonios Sakkas, einen indischen Nachnahmen trug. Es scheint als hätten bereits andere die Vermutung angestellt, dass es einen noch älteren Einfluss gab, der in der Spätantike zur Gründung der Schule des Neuplatonismus geführt hatte.