Pythagoreer

Die Musik der himmlischen Sphären

Die Musik der himmlischen Sphären

Sphärenharmonie - ewigeweisheit.de

Aus den Lehren des Pythagoras lässt sich sowohl exoterisches wie auch esoterisches Wissen beziehen. Seine sogenannte »Siderischen Harmonik« allerdings, zählt wohl zu den erhabensten solcher Wissensgebiete.

Pythagoras von Samos (570-510 v. Chr.) sagte man nach, dass er von allen Menschen der einzige war, der die feinstoffliche Sphärenharmonie der Planeten zu vernehmen, zu »hören« vermochte.

Bereits aber in den Jahrhunderten vor seiner Zeit, besaßen manche unter den Chaldäern (einem alten Volk das um 1.000 v. Chr. im südlichen Mesopotamien lebte) ein höheres Wissen von eben dem, was wir eben als Siderische Harmonik ansprachen. Für die Chaldäer war klar, dass die Himmelskörper, eben wegen ihrer zyklischen Bewegungen, sich in eine Art »kosmischen Gesang« einstimmen, während sie ihre Bogen über den Himmel ziehen.

Schauen wir noch weiter zurück in die Geschichte des Altertums, so ist da die Rede vom biblischen Propheten Hiob (2185 v. Chr.), der in seinem gleichnamigen Buch schreibt

als die Morgensterne miteinander jauchzten und alle Gottessöhne jubelten

- Hiob 38:7

Es scheinen also schon sehr lange Vermutungen darüber angestellt worden zu sein, dass von jenen, zyklischen, und damit auch kreisförmigen Bewegungen der Himmelskörper, ein Vibrieren ausgeht, das eben alle schwingenden Körper aussenden (man denke da etwa an hoch rotierende Objekte, von denen ein charakteristischer Klang ausgeht).

Von den oben besagten Vermutungen der Menschen von einst, blieb uns bis heute jedoch nur wenig erhalten. Wir wollen uns aber, mit dem was uns dazu an Wissen zur Verfügung steht, dennoch dieser Theorie der Sphärenharmonie weiter nähern.

Noten kosmischer Harmonie

Pythagoras und seine Schüler verwendeten ein Monochord, um die Schwingungsverhältnisse der musikalischen Töne zu studieren. Bei einem Monochord handelt es sich um eine physikalische Apparatur, die einem Musikinstrument ähnelt, wo über die Länge eines entsprechenden Resonanzkastens eine Saite gespannt ist. Je nachdem wo man die Saite mit dem Finger berührt, während man sie anschlägt, erklingt ein anderer Ton.

Mittels ihrer Untersuchungen zur musikalischen Harmonielehre, leiteten die Pythagoreer schließlich ab, dass von jenen zyklischen Sphärenbewegungen der sieben klassischen Planeten, wohl eben entsprechende Klänge ausgehen mussten. Sie stellten sich den Himmel als kosmisches Monochord vor, dessen Saite an ihrem oberen Ende mit dem absoluten Geist und an ihrem unteren Ende mit der absoluten Materie verbunden war – mit anderen Worten: Jene Saite der Sphärenharmonie war für Pythagoras und seine Schüler gespannt zwischen Himmel und Erde (siehe Abbildung).

Sonifikation der Weltordnung mit einem Monochord - ewigeweisheit.de

Eine "Verklanglichung der Weltordnung mit einem Monochord" in einer Illustration von Robert Fludd aus dem Jahre 1617 (Quelle: Deutsche Fotothek).

Vom Umfang des Himmels aus rechnend, leitete Pythagoras diese Sphärenharmonie von den Umlaufperioden der klassischen Himmelskörper Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur und Mond ab. Hiermit war die Anordnung dieser sieben Planeten (Sonne und Mond betrachtete man in der alten Astronomie als Planeten), auch identisch mit der jüdischen Symbolik der Menora (traditioneller Siebenarmiger Leuchter), wobei die Sonne in der Mitte stand, als Hauptstamm mit drei Planeten zu beiden Seiten.

Was die Pythagoreer damals theoretisch herleiteten, darauf sollte im 4. Jahrhundert unserer Zeit auch der römische Philosoph Macrobius Ambrosius Theodosius (385-430 n. Chr.) eingehen, in seinem Kommentar zu Ciceros Somnium Scipionis. Darin meinte er, dass Pythagoras die Geschwindigkeiten und Größen der sieben planetarischen Körper geschätzt hatte, wovon er dann eine ihnen entsprechende Diatonik (Skala von Ganztönen) ableitete. Gewiss war das aber mehr als nur Annahme, da Pythagoras eben über eine Wahrnehmung verfügt haben soll, die ihn solch feinstoffliche Wirkungen empfinden ließ.

Für Pythagoras ging von jeder dieser gigantischen Himmelskugeln ein bestimmter Ton aus, erzeugt durch die Planeten, die sich darin endlos durch diese sphärischen Räume bewegten. Da man in diesen Tönen irdische Manifestationen einer göttlichen Ordnung erkannt hatte, musste daraus zwangsläufig folgen, dass die Planeten (als Repräsentanten der Götter) zur Harmonie ihrer kosmischen Klänge quasi bewusst beitrugen.

Vom sphärischen Gesang der Planeten

Im Alten Griechenland sahen die Eingeweihten für wahr an, was Pythagoras über die Sphärenharmonie meinte, wenn er behauptete, dass von den Planeten bei ihren Umläufen um die Erde, bestimmte, wenn auch feinstoffliche, nicht direkt hörbare Töne ausgehen. Je nach Größe, Schnelligkeit und Entfernung des Planeten, entsprechend unterscheiden sich diese Töne. Saturn etwa, der am weitesten entfernte Planet, soll den subtilsten, aber dennoch schwersten Ton von sich geben, während vom Mond, der am nächsten ist, der deutlichste Ton ausgeht.

Man legte auch eine grundlegende Beziehung fest, zwischen den einzelnen Sphären der sieben Planeten und den sieben heiligen Vokalen der griechischen Sprache:

  • Mond: Α (Alpha)
  • Merkur: Ε (Epsilon)
  • Venus: Η (Eta)
  • Sonne: Ι (Iota)
  • Mars: Ο (Omikron, »kleines O«)
  • Jupiter: Y (Ypsilon)
  • Saturn: Ω (Omega, »großes O«)

Wenn die sieben Planetensphären gemeinsam tönen, erzeugen sie dabei eine vollkommene Harmonie, die wie ein ewig gesungener Lobpreis aufsteigt, zum Thron ihres Schöpfers.

Von diesen heiligen Gesetzmäßigkeiten beeindruckt, verfertigte man manche der frühen Musikinstrumente mit eben sieben Saiten. Diese Siebenheit brachte man immer in Verbindung mit sowohl ihren Entsprechungen im menschlichen Körper, als auch mit den Planeten. Auch die Namen Gottes bildete man damals aus Kombinationen der sieben Planetentöne:

Planet Frequenz Note
Saturn 147,85 Hz D
Jupiter 183,58 Hz Fis
Mars 144,72 Hz D
Sonne 126,22 Hz H
Venus 221,23 Hz A
Merkur 141,27 Hz Cis
Mond 210,42 Hz Gis

Für die Pythagoreer galt: Alles was existiert, hat eine Stimme und damit singen alle Geschöpfe ewig das Lob ihres Erschaffers. Der Mensch aber kann diese Klänge der Planeten nicht hören, weil seine Seele in die Illusion der materiellen Existenz verstrickt ist. Wenn er sich irgendwann aber von den Fesseln der niederen Welt mit ihren Sinnesbegrenzungen zu befreien lernt, dann werden ihm die Töne der Sphärenharmonie wieder hörbar sein, so wie es ihm das auch möglich gewesen sein soll im Goldenen Zeitalter (vor etwa 10.000 Jahren).

Sobald die menschliche Seele wieder ihren wahren Zustand zurückerlangt, wird sie nicht nur den Chor des Sphärengesanges der Planeten hören, sondern auch mit ihm in eine immerwährende Hymne des Lobes an das Ewige Gute einstimmen.

Form, Raum und Resonanz

Im Alten Griechenland wusste man um einen geheimen Zusammenhang zwischen Musik und geometrischer Form. Die architektonischen Elemente der Tempelbauten etwa, standen da in Zusammenhang mit Noten und musikalischen Tonleitern. Die Architekten von einst, versuchten mehrere solcher Elemente ausgewogen in einer Gebäudearchitektur zu integrieren, damit sie als gesamtes Bauwerk mit eben einem bestimmten musikalischen Akkord korrespondierten – vorausgesetzt seine Bauteile entsprachen auch den Anforderungen harmonischer Ton-Intervalle.

Die Erkenntnis dieser Analogie zwischen Klang und Bauform, inspirierte später wohl auch den deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer (1788-1860) zu der Aussage:

Architektur ist gefrorene Musik.

Auch andere deutsche Philosophen, wie etwa Friedrich Schelling (1775-1954) oder Friedrich Schlegel (1772-1829), teilten mit ihrem Zeitgenossen diese Anschauung: Architektur und Baukunst sei erstarrte Musik.

Wenn wir aber zurückblicken in jene Zeit, in der man in Griechenland und Ägypten die heiligen Mysterien feierte, da gab es schon damals besondere Klang-Räume, in denen die Hierophanten ihre Beschwörungen und Intonationen sangen oder sprachen. Selbst ein geflüstertes Wort, wurde darin so intensiviert, dass der Nachhall im gesamten Gebäude (Mysterien-Tempel) hörbar wurde – manche meinen sogar, dass bereits die leistete Intonation in solch einem Klang-Raum, ein gar ohrenbetäubendes Dröhnen auslöste.

Eigentlich jedes Element in der Natur hat seinen eigenen Grundton. Wenn solch ein Element mit anderen Elementen in einer zusammengesetzten Struktur (zum Beispiel in einer Tempel-Architektur) kombiniert wird, ergibt sich daraus ein Akkord, der, würde ihn einer kennen und seinen Klang erzeugen können, die Verbindung seiner Bestandteile de facto auflösen würde. Auch jedes Individuum hat einen Grundton. Doch wenn dieser erklingt, besteht die Gefahr, dass sich dabei auch die Existenz dieses Individuums auflöst.

Die biblische Legende von den Mauern Jerichos, verdeutlicht zweifellos die geheimnisvolle Bedeutung dieses individuellen Grundtons: Aus dem Buch Josua (auch: »Buch Joschua«) entnehmen wir der Schilderung über die Schlacht von Jericho (Josua 6:1-27), dass die Israeliten am siebten Tag ihrer Belagerung siebenmal um die Stadtmauern marschiert waren und dann siebenmal die Trompeten geblasen hatten, was die Mauern der Stadt zum Einstürzen brachte. Anscheinend wusste man schon in alter Zeit Menschen vom Zusammenhang der individuellen Töne aller Dinge, wie auch von harmonischen Klängen, die eine Architektur in Resonanz zu versetzen vermögen.

 

Apollonios von Tyana und die Tradition der Pythagoreer

von S. Levent Oezkan

Apollonios von Tyana - ewigeweisheit.de

Im ersten Jahrhundert nach Christus lebte in Südanatolien ein Wundertäter und Philosoph, über dessen Leben, Wirken und Lehren es zu allen Zeiten größte Meinungsverschiedenheiten gab: Apollonios von Tyana.

Er war jedoch kein Philosoph im eigentlichen, heutigen Sinne des reinen Theoretikers: einer der die Weisheit zwar liebt, doch nicht lebt. Vielmehr bewegte sich Apollonios durch die Welt auf den Pfaden der alten Weisheitstradition der Pythagoreer. Ihr Ziel nämlich war es die Geheimnisse der Natur praktisch zu erforschen, als nur darüber nachzugrübeln.

Auf den Pfaden dieser alten pythagoreischen Tradition bewegte sich auch Apollonios von Tyana, der die Naturerfahrungen selbst erlebte und nicht etwa nur darüber las oder lediglich davon gehört hatte. Der Weg des Philosophen bestand für ihn in einem Leben, durch das der Mensch selbst zum Werkzeug der Erkenntnis wurde.

Was über Apollonios zu dieser Zeit bekannt war, stammte aus der Feder des Damis, einem seiner Schüler aus der mesopotamischen Stadt Ninive.

Etwa hundert Jahre nach dem legendenumwobenen Erscheinen Apollonios' im Süden Kleinasiens, sollte über ihn und sein Leben als Heiler, Magier und Wundertäter, im Auftrag der römischen Kaisergattin Julia Domna (160-217 n. Chr.) eine Lebensgeschichte geschrieben werden. In ihrer Gunst stand damals der griechische Gelehrte Flavius Philostratos (165-249 n. Chr.), dem Domna die in ihrem Besitz befindlichen Memoiren des Apollonios übergab. Sie bat Philostratos daraus eine romanhafte Biografie zu verfassen, worin Apollonios als Weiser mit übernatürlichen Fähigkeiten verherrlicht werden sollte. Domna war eben so fasziniert von dem was sie über diesen Wundermann wusste, dass sie ihn und seine Lehren, mit der Hilfe von Philostratos Schreibkünsten, im alten Rom zu Popularität verhelfen wollte.

Philostratos verwendete aber nicht allein was er von Julia Domna bekam, sondern begab sich selbst nach Tyana (heute im Süden der Türkei), wo er einen Tempel besuchte, der eben dem Kult des Apollonios geweiht war. Doch er begab sich auch an andere Orte der Alten Welt, wo man jenen Weisen hoch verehrte. Das waren zumeist Orte an denen man ihm sogar Tempel und heilige Schreine errichtet hatte.

Im Tempel des Heilergottes Asklepios

Die Geburt des heiligen Apollonios war begleitet von Wundern, wie wir aus Philostratos Biographie erfahren (deutscher Titel: »Das Leben des Apollonios von Tyana«). Er soll, so die Überlieferung, wie auch Jesus Christus von einer Jungfrau geboren worden sein und bereits als kleines Kind besaß Apollonios außergewöhnliche geistige Fähigkeiten.

Im Alter von 14 Jahren schickte ihn sein Vater in die Stadt Tarsus (heutige Türkei, Geburtsstadt des Heiligen Paulus), wo sich damals ein wichtiges Zentrum der Gelehrsamkeit befand. Nach zweijähriger Ausbildung dort kam er mit 16 Jahren ins etwa 70 km östlich davon gelegene, kilikische Aegeae, wo sich das Tempelheiligtum des Asklepios (griechischer Gott der Heilkunst) befand. Bald schon war er vertraut mit der Priesterschaft des Tempels. Dort sollte man ihn schließlich in die Mysterien der alten Weisheitstradition der Pythagoreer einweihen (die Schule der Pythagoreer entstand im 6. Jahrhundert v. Chr. im italienischen Samos).

Zumal die Götter alles wissen, glaube ich, dass jemand, der mit einem guten Gewissen den Tempel betritt, beten sollte: ‚Gebt mir, ihr Götter, was mir zusteht!‘

- Apollonios Predigten 1:11

Der Tempel des Asklepios in Aegae bildete auch eines der vielen Krankenhäuser im alten Griechenland. Was man damals dort jedoch als Heilkunst praktizierte, war etwas gänzlich Anderes als das, was man an Heilmethoden heute verwendet.

Pythagoras erklärte die Heilkunst zum Göttlichsten das wir haben. Wenn aber das Göttlichste die Heilkunst ist, müssen wir uns sowohl um die Seele als auch um den Körper kümmern. Denn sicherlich: Kein Lebewesen kann gesund sein, wenn es in Sachen seines höchsten Grundbestandteils krank ist.

- Apollonios 23. Brief: An Critton

Schon bald galt Apollonios in Aegae als bekannter Heiler, wo viele kranke Hilfesuchende zu ihm kamen, in der Hoffnung auf Genesung. Das sollte sich schnell herumsprechen und man hielt den jungen Mann damals für einen Heiligen, ja manche glaubten gar in Apollonios selbst dem Gott Asklepios begegnet zu sein.

Alle Kranken die sich in den Asklepios-Tempel begaben, um dort Hilfe und Gesundung zu finden, wurden durch die Priestersachaft zuerst besonderen Reinigungsritualen unterzogen. Daraufhin verbrachten sie die Nacht im Heiligtum, wo man ihnen in einem Tempelschlaf, Instruktionen für ihre Heilung  gab. Was der Kranke dann in seinen Träumen sah, wurde vom Priester gedeutet und dementsprechend durch seine Heilkünste zur Anwendung gebracht.

Dieser heilsame Tempelschlaf lag der Tatsache zugrunde, dass die Priester eben wussten, dass Weisheit und Heilkunst in innigem Zusammenhang mit der Gesundheit stehen. Dem heutigen Durchschnittsmenschen scheinen solche Erfahrungen anscheinend abhanden gekommen zu sein. Schließlich berühren seinen Geist nur immer neue Informationen, wovon auch nur wenige ihn zu echtem, brauchbarem und nachhaltigem Wissen führen – von Weisheit ganz zu schweigen. Es fehlt den meisten unter uns heute schlicht die Zeit, sich auf Wege zu begeben, die zur Weisheit führen. Und doch plagt viele Langeweile, wenn sie einmal Zeit haben und sie keinen »Zeit-Vertreib« finden.

Das Leben ist (zu) kurz für den Menschen dem es gut geht, doch für den Unglücklichen ist es (unerträglich) lang.

- Apollonios 95. Brief: An Cornelianus

Asketentum und Wanderschaft

Nach dieser Zeit in Aegeae entschied Apollonios für sich eine Zeit des Schweigens, strenger Askese und Enthaltsamkeit. Über fünf Jahre durchquerte er ganz Anatolien und begab sich da an sehr viele wichtige Orte, wo man einst Menschen in die uralten Weisheiten eingeweiht hatte.

Die ganze Welt ist mein und sie wurde mir überlassen, um sie zu durchreisen

- Apollonios Predigten 1:21

Sein damaliges Üben in Abstinenz vom Weltlichen, geschah ganz im Sinne der alten Schule des Pythagoras. Nämlich auch die Pythagoreer enthielten sich dem Genuss von Wein, blieben unverheiratet, und aßen kein Fleisch. Wie sie verurteilte auch Apollonios die Opferung von Tieren im Namen der Gottheit. Für die armen Menschen von damals aber, waren die Opferungen die Zeitpunkte, wo sie überhaupt Fleisch aßen. Die Priester der Dörfer waren damals darum immer auch Fleischer und die Fleischer immer auch Priester gewesen.

Apollonios kleidete sich in ein einfaches Leinengewand und lief Barfuß. Wenn er Schuhe trug, dann niemals aus Tierhäuten, sondern aus Baumrinde. Er hatte langes Haar und trug einen Bart – ganz im Sinne dessen, wie es die Pythagoreer vor ihm hielten.

Der Zyklus der Wiedergeburten

Wenn wir seinem Biografen Philostratos Glauben schenken, erinnerte sich Apollonios an seine frühere Inkarnation. Wie auch die alten Pythagoreer, glaubte er an die Wiederkehr der Seele, die von einer in die nächste menschliche Verkörperung überwechselte. Gleichzeitig aber war ihm immer bewusst, dass das was jemand an seinen Tod denkend fürchtet, ebenso nur Schein ist, wie ebenso die Geburt seiner Seele, an die man sich in Gedanken ja nicht erinnern kann.

Nun gab es da einen seiner Schüler, Decimus Valerius Asiaticus Saturninus, der am frühen Tod seines Sohnes beinahe verzweifelt war. In einem Trostbrief schrieb er an Valerius:

Denn wenn sich der Übergang einer Sache aus der Wesensessenz in die Natur ereignet, so halten wir es für eine Geburt oder ein Werden, und ebenso glauben wir vom Tod, er sei das, was aus der Natur in die Essenz des Wesentlichen übergeht; obwohl in Wahrheit eine Sache weder entsteht noch vernichtet wird. Doch sie ist nur einmal sichtbar und nachher unsichtbar – erstere wegen ihrer stofflichen Dichte, letztere wegen der Leichtigkeit oder Flüchtigkeit ihres Wesens, das aber immer dasselbe bleibt und allein den Unterschieden von Bewegung und Zustand unterliegt.

- Apollonios 58. Brief: An Valerius

Für Apollonios gab es nichts, dass tatsächlich entsteht, um zu existieren oder zugrunde geht, um sich aufzulösen. Und ebenso verhielt es sich für ihn mit der Seele: Was nämlich während der Inkarnation in ein körperliches Menschsein eintrat und sich mit dem Tod wieder daraus (er)löste, galt ihm lediglich als ein Wechsel von Sichtbarwerden und Unsichtbarwerden.

Was ist, das war für Apollonios unentstanden und dabei gleichzeitig auch unvergänglich. Seiner Auffassung nach wird auch ein Kind nicht etwa von seinen Eltern geschaffen, sondern die Eltern sind bloß ein erforderliches Mittel, damit das Kind auf die Welt kommt. Der Tod aber sei nur ein Wechsel des Aufenthaltsortes der Seele. Aus diesem Grund sollte der Tod eben auch nicht beklagt, sondern geehrt werden.

Apollonios und die Religion

Durch die vielen Wunder, die Apollonios zu Lebzeiten vollbrachte, wie insbesondere seine Fähigkeit böse Geister zu bändigen, wurde er zu einer zentralen Gestalt der Bewunderung für jene, die seinerzeit die alt-paganen Kulte pflegten. Ihnen galt Apollonios damals gar als einer, den sie zum Rivalen des Weltlehrers Jesus Christus machten. Der nämlich wurde nicht von allen Gelehrten jener Zeit als solcher akzeptiert.

Bis ins 3. Jahrhundert n. Chr. hinein, kam es gar zu Konkurrenzkämpfen unter den Angehörigen und Vorstehern jener alten, damals gepflegten Religionstraditionen mit den Mitgliedern der noch jungen Christenheit. Wenn hier aber die Rede ist von »Religion«, ging es damals nicht mehr um ein esoterisches Wissen über die Geheimnisse der geistigen Welt, als eher ein angeordneter Glaube über das, was die jeweilige religiöse Autorität als solchen für richtig hielt. Nur wenig scheint sich daran bis heute geändert zu haben.

Für Apollonios war Religion nicht allein nur Glaube, sondern eine Wissenschaft. Alles erschien ihm in einem ständigen Wechsel der Dinge: Kulte und Riten, Religionen und Glauben waren für ihn eins, vorausgesetzt in ihnen wirkte ein rechtschaffener Geist des Wahren.

Es sollten sich in dieser Zeit gewaltige Kräfte im römischen Reich auch gegen das noch junge Christentum stellen. Kaum verwunderlich, wenn sich erste christliche Gemeinden in die Höhlen Kappadokiens vor ihren Verfolgern verbargen (etwa um das 1. Jahrhundert n. Chr.).

Zu jenen, die das damals noch junge Christentum nicht als Religion akzeptieren wollten, zählte auchg der Neuplatoniker Porphyrios (233-305). Ihm galt Apollonios als weitaus größerer Wundertäter als Jesus. Nicht etwa sah er Apollonios als einen auf Erden verkörperter Gott, wie die Christen den Jesus, sondern für ihn war er ein Mensch, der den Göttern jedoch lieb und teuer war. Er argumentierte darum gegen die Einzigartigkeit Jesu Christi als Weltlehrer und wies dabei hin auf Apollonios von Tyana. Auch andere versuchten Apollonios, als eine dem Jesus Christus überlegene Persönlichkeit darzustellen, wie etwa der römische Aristokrat Sossianus Hierokles (lebte um 300 n. Chr.). Dieser zählte sogar zu den größten und gefährlichsten Kritikern der Christen und machte damals Apollonios zur Leitgestalt für alle Gegner der Christenheit. Als Antwort darauf, fühlte sich der christliche Kirchenvater Eusebius von Caesarea (260-340 n. Chr.) dazu veranlasst, die außergewöhnlichen Taten Apollonios’ auf die Einwirkung dämonischer Mächte zurückzuführen.

Schon aber zu Lebzeiten Apollonios’ begannen einige damit, seine ganze Erscheinung in Frage zu stellen. Man verunglimpfte ihn als Scharlatan oder als einen, von Dämonen besessenen Schwarzmagier, wie etwa der Stoiker Euphrates von Tyros (35-118 n. Chr.). Apollonios’ Reaktion darauf aber:

Selbst der allweise Pythagoras zählte zur Klasse der Daimonen (Gottwesenheiten); du aber scheinst mir noch immer ganz fern zu sein von Philosophie und wahrer Wissenschaft, sonst nämlich würdest du den Namen dieses großartigen Menschen weder missbrauchen, noch jene hassen die zu seinen Anhängern zählen.

- Apollonios 50. Brief: An Euphrates

Solche und andere Unterstellungen und Anschuldigungen, die als Erinnerungen in den Köpfen der Menschen über Apollonios in den ersten Jahrhunderte nach seiner Zeit schwirrten, versuchte Philostratos mit seiner Apollonios-Biografie aus dem Weg zu räumen. Für ihn war dieser alte Weise von einst, ein von Gott inspirierter Prophet, der im Mittelpunkt stehen sollte dessen, was man heute als die Neupythagoreische Tradition bezeichnet. Apollonios nämlich versuchte die Lehren des Pythagoras zu erneuern, mit eben jenen Erfahrungen, die er während seiner Reisen nach Ägypten, Babylon und Indien zu neuen religiösen Sichtweisen untereinander verband und hierdurch den Pythagoreismus zu eben einer neuen Theosophie umbildete.

Epigramm zu Apollonios von Tyana - ewigeweisheit.de

Inschrift über Apollonios von Tyana (heute Adana-Museum Türkei, Foto: Quelle Wikimedia CC0).

In der Tat scheint Apollonios von Tyana, mit all dem was wir heute über ihn und sein Wirken wissen, kein gewöhnlicher Mensch gewesen zu sein. Wie sonst auch hätten ihm seine Verehrer Tempel und Schreine errichtet wollen?

Dieser Mann, nach (dem Lichtgott) Apollo benannt,
(einst) Aus Tyana hervorscheinte,
Löschte die Makel der Menschen aus.

Die Gruft Tyanas (empfing) seinen Leib,
In Wahrheit aber nahm ihn der Himmel auf,
Damit er (von dort aus) die Leiden der Menschen vertreibe.

 

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Die Goldenen Verse des Pythagoras

Bete zuerst zu den unsterblichen Göttern, denn sie wurden erschaffen und bestimmt nach göttlicher Ordnung.

2. Ehre den Schwur und dann den Helden, erfüllt von Güte und Licht.

3. Ehre ebenso die unterirdischen Geistwesen, indem Du ihnen opferst, wie es die Ordnung verlangt.

4. Ehre ebenso Deine Eltern und jene, die Deiner Familie angehören.

5. Unter allen anderen der Menschheit, befreunde Dich mit denen, die sich selbst als Tugendhafte zu erkennen geben.

6. Folge immer den sanften Mahnrufen des Einen und nimm Dir ein Beispiel an seinem rechtschaffenen und beispielhaften Tun.

7. Vermeide um jeden Preis, Deine Freunde wegen kleiner Vergehen zu hassen.

8. Willenskraft und Notwendigkeit liegen nahe beieinander.

9. Bedenke, dass alle Dinge so sind, wie ich Dir mitgeteilt; und übe Dich darin die Leidenschaften zu überwinden und Deine fehlerhaften Veranlagungen zu besiegen.

10. Davon in erster Linie Fresssucht, Faulheit, Wut und Sinnenlust.

11. Tue kein Übles, weder in Gegenwart anderer, noch insgeheim mit Dir.

12. Vor allem aber, respektiere Dich selbst.

13. Als nächstes sollst Du Dich selbst beobachten, im Deinem Tun und Reden Gerechtigkeit walten lassen.

14. All Deine Tun soll vernünftig diesen Vorschriften folgen.

15. Refektiere über dies immer wieder, denn es ist vom Schicksal einem jeden beschieden einmal zu sterben.

16. Und so wie die Güter des Glücks erworben werden, gehen sie auch wieder verloren.

17. So erleiden die Menschen das gottgesandte Schicksal.

18. Doch nimm Dein Los gelassen hin, sei niemals mürrisch, was immer auch kommen möge.

19. Aber bemühe Dich, soweit Du vermagst, der Nöte abzuhelfen,

20. Und bedenke Folgendes: Das Schicksal lädt nicht dem guten Menschen die größte Bürde und Unglück auf.

21. Viele verschiedene Arten der Urteilskraft findet man unter den Menschen, gut wie schlecht.

22. Doch sollst Du nicht davor erschrecken oder Dich ihnen verweigern.

23. Wenn Dir aber Falschheiten begegnen, so nimm sie auf mit Sanftmut, und rüste Dich allein mit Gelassenheit.

24. Erfülle aber alles getreu, was ich Dir jetzt sagen werde:

25. Lass niemals zu, dass Dich die Worte oder Taten eines anderen verführen.

26. Noch lasse Dich dazu verleiten, etwas zu tun oder zu sagen, was von Nachteil für Dich sein könnte.

27. Hole Rat ein und überlege genau, bevor Du handelst, damit nicht Törichtes daraus entstehe.

28. Denn man erkennt den Toren an seinem nutzlosen und unreflektierten Handeln und Reden.

29. Tue aber das, was Dich nachträglich nicht belastet, oder Dich zur Reue verpflichtet.

30. Tue niemals etwas, das Du nicht verstehst.

31. Lerne aber alle Dinge die Du nicht verstehst und Du wirst ein sehr erfreuliches Leben haben.

32. Sei nicht nachlässig wenn es um die Gesundheit Deines Körpers geht;

33. Sondern trinke und esse nach Maß, und übe Körper und Geist.

34. Ich sage Dir: halte Maß, auf das es Dich nicht erschöpfe.

35. Gewöhne Dich an eine reine und ordentliche Lebensweise ohne Luxus.

36. Vermeide alles, was anderen Anlass gibt, neidisch zu sein.

37. Sei auch nicht verschwenderisch, auch wenn Du glaubst, noch nicht zu wissen, was Ordnung und Ehrenhaftigkeit bedeuten.

38. Noch sei habgierig oder geizig; denn in allen Dingen das Ma. zu halten, ist das Allerbeste.

39. Tue nur Dinge, die Dir nicht schaden, doch erwäge was am angemessensten ist, bevor Du zur Tat schreitest.

40. Auch sollst Du nicht mit müden Augen zu Bett gehen,

41. Bevor Du nicht sorgfältig und mit Vernunft noch einmal alles in Gedanken nachgeprüft hast, was Du am Tag getan und was Du unterlassen hast.

42. Habe ich unrecht gehandelt? Was habe ich mit Liebe vollbracht? Was habe ich unterlassen, was ich eigentlich hätte tun sollen?

43. Wenn Du, mit dem Wichtigsten beginnend, hierbei fändest, dass Du Ungutes getan, so ziehe Dich selbst dafür zur Rechenschaft;

44. Und wenn Du Gutes vollbracht hast, so sei glücklich darüber und erfreue Dich.

45. Übe Dich sorgfältig darin – meditiere über all diese Dinge; Du solltest sie in Deinem Herzen beheimaten und lieben.

46. So wirst Du auf den Weg zur Göttlichen Tugend kommen.

47. Das schwöre ich bei dem, der unseren Seelen die Heilige Vierheit der Tetraktys eingepflanzt hat, der Quelle der Natur, deren Ursache ewig ist.

48. Niemals aber beginne mit der Arbeit, bevor Du nicht ein Gebet an die Götter gerichtet hast, mit der Bitte Dir zu helfen Dein Werk vollbringen zu können.

49. Wenn Dir dies zu einem Brauch geworden ist,

50. Wirst Du die Gestalt der unsterblichen Götter sowie die der Menschen erkennen.

51. Ganz gleich wie weit sich die verschiedenen Wesenheiten erstrecken, und durch was sie erhalten oder verbunden werden.

52. Du sollst ebenfalls wissen, das, entsprechend göttlicher Ordnung, die Beschaffenheit des Universums in allem gleichen Wesens ist und sich entspricht.

53. Sodass Du weder erhoffst, was Du nicht erhoffen solltest, noch Dir irgendetwas in dieser Welt verborgen bleiben soll.

54. Du wirst erkennen, dass die Menschen für ihr Unglück selbst zu Schulden kamen, durch ihren eigenen freien Willen.

55. Wie unglücklich sind jene, die weder sehen noch verstehen, dass sich das Gute in ihrer Nähe befindet.

56. Nur wenige wissen wie sie sich aus ihrem eigenen Unglück befreien können.

57. Das ist das Verhängnis dessen Schleier die Sinne der Menschen verwirrt.

58. Sie gleichen riesigen Felsen die hin und her rollen, unter der Last ihrer vielen Gebrechen.

59. Denn ein tödlicher, scheinbar unbemerkte Begleiter, der Streit, schleudert sie hoch und runter, ins Verderben.

60. Doch anstatt die Zwietracht anzuschirren, muss man sie vermeiden, ihr entfliehen.

61. Wahrhaftig! Zeus, unser Vater! Du würdest all jene von diesen Übeln erlösen,

62. Würdest du sie nur alle sehen lassen, von welchem Geist (Daimon) sie ihr Leben leiten lassen.

63. Doch sei guten Mutes; Die Menschen sind göttlicher Abstammung.

64. Die heilige Natur enthüllt ihnen die verborgensten Geheimnisse.

65. Wenn sie Dir gewährt ihre Geheimnisse zu schauen, so wirst Du alle Dinge mit Leichtigkeit vollbringen können, in die ich Dich zuvor eingeweiht habe.

66. Und durch die Heilung Deiner Seele, wirst Du sie von allen Übeln und von allem Leid befreien.

67. Aber enthalte Dich von alle dem, das wir Dir in den Reinigungen zur Erlösung der Seele verboten haben.

68. Unterscheide recht zwischen allen zuvor genannten Dingen, und prüfe sie auf das Genaueste.

69. Bedenke dies alles, wenn du wählst, und lasse Dich durch die beste Erkenntnis von oben durchs Leben führen.

70. Und wenn Du schließlich eines Tages Deinen sterblichen Körper verlässt, so möge Deine Seele frei den reinen Äther durchmessen.

71. Du wirst ein unsterblicher Gott sein – keiner kann Dir etwas anhaben – nicht einmal der Tod.

Pythagoreer zelebrieren Sonnenaufgang - ewigeweisheit.de

Pythagoreer zelebrieren den Aufgang der Sonne - Gemälde von Fyodor Bronnikov