Ritual

Die Erfüllung eines Wunsches im Jetzt

von S. Levent Oezkan

Das Wort »Ritual« ruft in einem Assoziationen wach, die mit besonderen, vielleicht überweltlichen Kräften in Zusammenhang stehen. Oft sind damit bestimmte Handlungen verbunden, wo man etwa an eine Priesterschaft denkt, die in lange Roben gekleidet, ihre Räucherlampen schwingend, geheimnisvolle Gebete murmelt.

Manch Anderem mag so etwas aber auch einfach nur albern vorkommen, zumal da Dinge ausgeführt werden, von denen der Vollziehende oft nicht einmal ahnt, welche wahre Bedeutung hinter seiner rituellen Handlung steht, geschweige denn, was ihr Ursprung ist.

Aber es gibt Wege, die in einem wahren Ritual gegangen werden können. Und das von jenen, die ihre inneren Geheimnisse auch kennen. In den verschiedenen Kulturen unserer Welt, nannte man sie die »Bewahrer der Mysterien«. Doch was ist daraus heute geworden?

 

Jeder eigentlich, vorausgesetzt er kennt die Grundprinzipien dessen, kann selbst eine zeremonielle Handlung beziehungsweise einen besonderen Ritus gestalten.

Ausgangspunkt dabei ist natürlich der Praktizierende selbst. Sein Maßstab an das was damit geschehen soll, macht das Ritual zu dem was es ist. Stellt sich also die Frage, was da aus dem Innern eines Menschen spricht, der solch ein Vorhaben beabsichtigt.

Nun findet ein Ritus immer statt – und das wissen wir aus den großen Weltreligionen – insbesondere auf körperlicher Ebene. Schaut man sich die Religion des Islam an, so folgen die täglich verrichteten fünf Gebete, einem ganz klar strukturierten Ritus. Seine zeitliche Einhaltung bezieht sich auf den täglichen Sonnenlauf, während man dazu, auf ganz bestimmte Weise, eine spirituelle Waschung vornimmt, bevor man die, von Gebeten begleiteten rituellen Niederwerfungen vollzieht.

Vor allem im orthodoxen, aber auch im katholischen Christentum, werden die körperlichen Sinne stark mit einbezogen. Gerochen wird das Räucherwerk, gesehen die rituellen Handlungen oder die gezeigten Ikonen, gehört die dabei gehaltenen heiligen Gesänge, geschmeckt die Hostie und der Wein der heiligen Eucharistie. Der Körper bewegt sich ebenso, mal stehend, sitzend oder kniend, womit der fünfte der menschlichen Körpersinne in den christlichen Ritus mit einbezogen wird.

1. Die Läuterung

Wer sich der geistigen Welt nähern will, der sollte das reinen Gewissens tun. Sonst nämlich vielleicht, könnte sich etwas im Ritus einstellen, dass einem ein beschämendes Gefühl vermittelt, nicht wert zu sein, was an Segnung aus der geistigen Welt empfangen werden könnte.

Es wäre also zuerst einmal notwendig, existierende Meinungsverschiedenheiten oder gar Streits mit anderen Menschen, zu klären. Dabei ist Vergebung eine ganz wesentliche Voraussetzung. Sollte man jemandem Schaden zugefügt haben, ist es notwendig sich um Wiedergutmachung zu bemühen. Sofern aber so eine Wiedergutmachung nicht direkt möglich ist – aus welchen Gründen auch immer – sollte man sich wohltätigen oder ehrenamtlichen Zwecken zuwenden, die in unserer Welt für so viele Menschen die einzige Hilfe bedeuten.

2. Die Bitte

Bevor irgendein Ritus vollzogen wird, stellt sich natürlich die Frage: Wofür? Bevor man darauf keine ganz exakte Antwort weiß: Welchen Zweck dann sollte ein Ritual erfüllen?

Je genauer man weiß, wie die Antwort auf obige Frage lautet, kann man sich mit Körper, Seele und Geist darauf einstellen. Sind die Einzelheiten unklar, kann eine spirituelle Zeremonie auch ins Auge gehen.

Als nächstes stünde da dann der Versuch, die mit dem Ritus verbundene Bitte, sich bereits als erfüllt vorzustellen, sich ihre sinnlich wahrnehmbare Form also zu visualisieren und als bereits präsent zu empfinden, indem man sich etwa vorstellt wie man sie überreicht bekommt.

Ein Hoffen auf Eintreten des Erbetenen in der Zukunft macht da keinen Sinn, sondern würde als ein ewiges Weiterhoffen schnell versiegen.

3. Die Sammlung

Ganz gleich welche heilige Zeremonie einer durchführt oder an einer teilnimmt: er muss sich darauf einlassen. Und das beginnt mit einer vollkommenen Besinnung auf den eigentlichen Ritus. Vorbereitend kann hierzu eine meditative Kontemplation über das eigentliche, oben angesprochene Ziel sein.

Wer jedoch über etwas aufgebracht ist, wer körperliche Schmerzen hat oder dessen Denken nicht zur Ruhe kommt, sollte davon absehen ein selbst entworfenes Ritual durchzuführen.

Gelingt es einem zur Ruhe zu kommen und sein ganzes Dasein auf das Wesentliche im Ritual auszurichten, dem wird auch gelingen Verbindung aufzunehmen, zu seinem »Höheren Selbst«, selbst wenn man das zuerst einmal versucht zu visualisieren, vielleicht als ein geheimnisvolles Bewusstseinsfeld, dass etwa 1-2 Meter über der Schädeldecke schwebt, als eine Art goldener Hauch.

Danach wendet man sich seinem Körper zu, und spricht ihn im Denken an, sich bei ihm bedankend, für die wunderbaren Dienste die er einem tagtäglich erbringt – vorausgesetzt, man sorgt sich um ihn, dass es ihm im eigenen Lebenswandel so gut wie möglich geht.

Es ist wichtig, dass wir unseren Körper lieben und wertschätzen (lernen), bevor wir in ihm, irgendeinem Zeremoniell beiwohnen.

4. Der göttliche Lebensatem

Es gibt verschiedene Namen für das, womit dieser Abschnitt überschrieben ist. Besonders in Fernost, gibt es dafür einen ganz genauen Begriff, der beschreibt, was dieser »Lebensatem« meint: Das Qi oder Chi – die fließende Lebenskraft. Man stellt sich darunter eine Energieform vor, die jenseits aller Grobstofflichkeit, einen atmenden Körper mit Kraft versorgt. Es ist vergleichbar mit dem Konzept des yogischen Prana: einem der fünf unsichtbaren Bestandteile eines Menschen (neben Denken, Sprechen, Sehen und Hören).

Im Westen ist da die Rede vom Pneuma (griechisch), dem Atem Gottes, der sich aus den elementaren Urstoffen Feuer und Luft zusammensetzt. Dies entspricht dem, was die Kabbala »Ruach« (hebräisch) nennt beziehungsweise der Sufismus »Ruh« (arabisch): Der geistige Atem des handelnden Gottes, durch den Leben entsteht (wie in Genesis 2:7) oder durch den Zorn Gottes dieses Leben den Menschen entzogen wird (Jesaja 30:28, zum Beispiel als schweres Unwetter).

Aber auch jeder Mensch verfügt über solch eine unsichtbare Kraft. Doch um ein Ritual zu vollziehen, sollten wir uns befähigen mehr von diesem Pneuma oder Prana in uns zu konzentrieren. Das kann durch sportliche Betätigung (Wandern, Dauerlauf, Hatha-Yoga) ebenso erfolgen, wie etwa auch durch yogische Atemübung im Pranayama. Jeder weiß, welch sonderliche Kraft da in einem freigesetzt wird, der sich entsprechend körperlich betätigt.

5. Der Konnex

Was wir zuvor angedeutet hatten, mit dem Höheren Selbst, dass ist, womit wir uns in einem Ritual verbinden wollen. Ganz gleich ob wir das nur für uns tun oder auch anderen damit als spiritueller Begleiter dienen: Es ist nichts, das sich jenseits des eigenen Seins befindet. Vielmehr geht es da um die Erkenntnis eines besonderen Teils in uns, dessen Geistigkeit uns dazu befähigt Außergewöhnliches zu vollbringen.

Mit diesem höheren Sein Kontakt aufzunehmen, erfolgt über eine besondere Anrufung – die entweder laut oder in Gedanken ausgesprochen wird. Nichts anderes finden wir in den Riten des Judentums, des Christentums, des Islam oder in anderer Religionen. In einem Gebet werden eben die Namen jenes höheren Wesens ausgesprochen, nach dessen Nähe man sich wegen eines Belanges sehnt. Es ist jedoch mehr ein Erkennen der göttlichen Gegenwart in einem selbst, eine tief empfundene Nähe, und weniger ein Herannahen des Selbigen. Gott ist bereits und bei jedem Atemzug in uns anwesend. Darauf weist auch der Koran hin, in der 50. Sure, Vers 61, worin es heißt:

Wir (Allah) sind ihm (dem Menschen) doch näher als seine Halsschlagader.

6. Das mentale Bild

Wie bereits hingewiesen, ist das wichtigste bei alle dem, eine Visualisierung dessen, was da durch eine rituelle Handlung gefunden werden soll. Weder ist das Gott, noch auch ein Engel! Es ist die gegenwärtige Erschaffung eines inneren Bildes, dass einem die tatsächliche Gewissheit suggerieren soll:

Was ich da will, das habe ich bereits.

7. Die Aussendung

Solch mentales Bild, ist wie die Spiegelung der Realität – oder vielmehr –, eine »Vorwegnahme der Wirklichkeit«. Wenn die indischen Yogis vom »Akasha« sprechen, dann geht es um eine ganz feine Substanz, aus der die anderen vier Ursubstanzen hervorgehen (Feuer, Luft, Wasser, Erde), sowie jede erdenkliche Gestalt des Raumes, worin sich durch den Klang der Sprache jede Wirklichkeit formen lässt.

In diesem Akasha vermag ein solch mentales Bild eine Form zu gestalten, die sich schließlich greifbar im Leben manifestieren wird – aber eben nur dann, wenn man über sie bereits zu verfügen weiß, im Jetzt, mit unerschütterlicher Gewissheit, als ganz und gar unzweideutige Vision!

8. Der Dank

Wer hiermit schließlich die Segnungen aus den höheren Gefilden des Bewusstseins empfangen und in seinem Leben manifestiert hat, der sollte sich dem auch in Dankbarkeit hingeben, so als würde sich ein geistiger, goldener Regen über ihn ergießen, den er mit zum Himmel geöffneten Händen empfängt.
 

Was hier als Anleitung zur Gestaltung eines persönlichen Ritus umschrieben wurde, besitzt eine Kraft, die einem erstaunliche Ergebnisse liefert, vorausgesetzt, dass man das was man sich zu manifestieren wünscht, auch von Wert für die Menschen ist, die einen umgeben. Doch diese Anleitung Erwünschtes zu erreichen, sollte stets so einfach wie möglich gehalten werden. Zu viele Vorbereitungen und Ausgestaltungen lenken einen vom Wesentlichen ab. Die Visualisierung dessen was sich manifestieren soll, muss so einfach und klar wie nur möglich erfolgen. Wir können immer nur nach einer Sache greifen. Erst dann nach einer anderen.

 

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Magie: Machen mit gleich-gültigen Mitteln

Magie: Machen mit gleich-gültigen Mitteln

Höhlenschamane - ewigeweisheit.de

Das Wort »machen« ist seiner Herkunft gemäß verwandt mit den Wörtern »Macht«, »Mechanik« oder »Magie«. Als der Mensch sein Selbst in der Welt fand, war er nicht mehr nur in der Welt sondern begann über sie verfügen zu wollen. Er wollte auf die ihn umgebende Natur Einfluss nehmen, um in ihr besser überleben zu können.

Dieser machende, »magische Mensch«, zentrierte sein Sein in der Welt, in der er sich begann zu erkennen. Hiermit einher ging natürlich auch das Bedürfnis sein Leben in einer oft gefahrvollen Umgebung zu kontrollieren. Um etwa die Gefahr durch wilde Tiere zu bannen, verkleidete er sich als diese Tiere oder zeichnete sie, um so über sie Macht zu erhalten.

Hiermit empfand sich der magische Mensch irgendwann im Mittelpunkt der Welt stehend, wodurch sich seine Bewusstseinsstruktur in eine erste Dimension entfaltete: Er erkannte sich in der Welt, fand darin Bezugspunkte, zu denen er sich ins Verhältnis setzte.

Natürlich ergaben sich damit unendlich viele Bezugspunkte zwischen ihm und der Welt, zwischen sich und dem ihn umgebenden Sein. Und da der magische Mensch noch kein Raum- und Zeitempfinden besaß, war damals diese Verbindung zu seiner Welt weder unterschieden durch ein Da oder Dort, noch durch ein Vorher oder Nachher. Alles fand sozusagen »gleichzeitig« und »überall« statt.

So ein Erfahren erlebt der heutige Durchschnittsmensch vielleicht gerade einmal im nächtlichen Traum, wo er zum Beispiel Menschen aus der Vergangenheit, vielleicht schon Verstorbene trifft oder sich geschwind von einem an einen ganz anderen Ort begeben kann.

Magische Bewusstseinsstrukturen konnten sich aber erhalten, besonders bei den indigenen Völkern, zumindest bis ins 20. Jahrhundert. Über diese Fähigkeit schrieb der deutsche Ethnologe Leo Frobenius (1873-1938), in seiner 1933 erschienenen »Kulturgeschichte Afrikas«. Darin berichtet er von einem, von ihm so genannten »Licht-Ritual« der Kongo-Pygmäen, dessen Zeuge er auf einer Expedition werden durfte. Da begleiteten ihn drei Männer und eine Frau dieses afrikanischen Jägerstammes.

Frobenius und sein Forscherteam hatten eines Abends einen Wunsch, der den Pygmäen recht ungewöhnlich erschien: sie sollten für sie Wild erlegen. Hierüber erstaunt wiesen diese jedoch darauf hin, dass es ja bereits dunkel sei und sie keine Vorbereitungen für eine Jagd getroffen hätten. Nach längerem Verhandeln erklärten sich die Pygmäen zuletzt dann aber bereit, am nächsten Morgen dem Wunsch des Expeditionsteams nachzukommen.

Am nächsten Tag stand Frobenius auf noch vor Sonnenaufgang, um den Platz zu finden, den sich die Pygmäen zur Vollziehung ihrer Jagd ausgesucht hatten:

Noch im Grauen kamen die Männer, aber nicht allein, sondern mit der Frau. Die Männer kauerten sich auf den Boden, rupften einen kleinen Platz frei und strichen ihn glatt. Dann kauerte der eine Mann sich nieder und zeichnete mit dem Finger etwas in den Sand, währenddessen murmelten die Männer und die Frau irgendwelche Formeln und Gebete. Danach abwartendes Schweigen. Die Sonne erhob sich am Horizont. Einer der Männer, mit dem Pfeil auf dem gespannten Bogen, trat neben die entblößte Stelle. Noch einige Minuten, und die Strahlen der Sonne fielen auf die Zeichnung am Boden. Im selben Augenblick spielte sich blitzschnell Folgendes ab: die Frau hob die Hände wie greifend zur Sonne und rief laut einige mir unverständliche Laute; der Mann schoss den Pfeil ab; die Frau rief noch mehr; dann sprangen die Männer mit ihren Waffen in den Busch. Die Frau blieb noch einige Minuten stehen und ging dann in das Lager. Als die Frau fortgegangen war, trat ich aus dem Busch und sah nun, dass auf dem geebneten Boden das etwa vier Spannen lange Bild einer Antilope gezeichnet war, in deren Hals nun der abgeschossene Pfeil steckte.

[…] Am Nachmittage kamen die Jäger mit einem hübschen Buschbocke uns nach. Er war durch einen Pfeil in die Halsader erlegt. Die Leutchen lieferten ihre Beute ab und gingen dann mit einigen Haarbüscheln und einer Fruchtschale voll von Antilopenblut zu dem Platz auf dem Hügel zurück.

Was in diesem Jagdritual vor sich ging, musste anscheinend eine ganz besondere magische Vorstellung zugrunde liegen, die nicht ohne weiteres deutbar ist. Fest steht jedoch, dass Sonne und Blut dabei von zentraler Bedeutung sind. Denn was die Pygmäen als Bild in die Sandoberfläche gezeichnet hatten, identifizierten sie augenscheinlich mit dem Tier selbst. Den Pfeilschuss verstand man synonym für das Fallen des Sonnenstrahls auf das Bild.

Nicht aber der Pfeil der Pygmäen war es der tötete, sondern der erste Strahl der Sonne, der auf das Tier fiel. Der tatsächliche Pfeil war da nur Symbol – der Sonnenstrahl der tötende Pfeil. Nicht umgekehrt.

Der magische Vollzug dieses Rituals konnte dabei nur durchgeführt werden, da die vier Pygmäen die Verantwortung ihres Gruppen-Ichs auf die Sonne zu übertragen wussten. Das heißt, dass das was man heute vielleicht als sittliche Verantwortung bezeichnen könnte, nicht etwa durch eine Art Treue übertragen wurde, auf das Licht einer angebeteten Sonne. Vielmehr war ihr Ich bislang nicht individualisiert, sondern mit dem Sonnenlicht noch eins. Entsprechend konnten sie da anscheinend Sonnenstrahl und Pfeil einfach miteinander austauschen.

Magie und Wollen

Voraussetzung, in diesem Bewusstsein etwas in der Umwelt zu erwirken, war, dass der Urmensch in dieser Phase der Menschheitsentwicklung begann »zu wollen«. Dieser Wille floss ein in Beschwörungen und Banne, in Totems und Tabus, womit sich der Mensch zum Macher, zum Magier entwickelte. Mit Hilfe solch magischer Utensilien begann er erstmals seine Seele zu lösen, aus der Übermacht der Natur.

Was die Pygmäen in ihrem naturbezogenen kultischen Leben anscheinend bis ins 20. Jahrhundert hinein erhalten haben, war eben diese magische Fähigkeit jeden Punkt mit einem beliebig anderen Punkt nicht nur in Verbindung zu bringen, sondern ihn sogar ganz frei mit jedem Punkt zu identifizieren. Die Vertauschung des Sonnenstrahls der auf den Tierkörper fällt und der Pfeil der in das Sandbild jenes Tieres eindringt, bildeten für sie eine Einheit.

So auch empfanden die alten Menschen die Welt als Ganzes, wo jeder Teil im Kleinen einem Großen entspricht und umgekehrt. Alle Punkte darin sind austauschbar in ihrer Einigkeit. Es geht da aber nicht etwa um eine Einigkeit in der Verbindung von Ursache und Wirkung (Kausal-Konnex); denn wenn die magischen Menschen Objekte bebilderten oder Tiere an Höhlenwände malten, fand für sie ein Verbinden von Gleichem statt, eine Vertauschung. Doch ihre Magie war da nicht etwa nur ein Täuschen, ein Illusionieren, sondern der Versuch sich der Kräfte der Natur, mit gleich-gültigen Mitteln zu ermächtigen. Man wollte durch Ritualhandlungen machen, durch Macht gewinnen (Vital-Konnex).

Vom Schließen des Mundes und dem Leuchten der Aura

In alter Zeit, wo sich also diese magische aus der archaischen Bewusstseinsstruktur entwickelte, besaßen die Menschen in ihrem Sein noch eine besondere Naturnähe. Bereits in frühen bildhaften Darstellungen dieser alten Menschen scheint das zum Ausdruck zu kommen. Da nämlich stellte man das Haupt und manchmal auch den ganzen Körper dar, eingeflochten in den umgebenden Raum. Diese Art naturverwobener Abbildungen existieren überall auf der Erde, selbst bei unabhängig voneinander lebenden, durch Ort und Zeit getrennten Menschengruppen.

In ihrer besonderen Naturnähe verfügten die alten Menschen über magische Fähigkeiten, die in solchen Zeichnungen, Bildern und Masken, deutlich zum Ausdruck kommen.

Eines der markantesten Merkmale dieser magischen Bewusstseinsstruktur nun, war die Mundlosigkeit, der zu dieser Epoche bildhaft dargestellten Götter oder Adepten. Man könnte das vielleicht verstehen als Ausdruck von Passivität, Verinnerlichung des Äußeren oder einem Wunsch nach Schutz und Geborgenheit.

Damals wie heute ist es der Mund, über den ein Mensch zum ersten Mal Kontakt aufnimmt mit seiner Umwelt, wenn er damit als Säugling an der Mutterbrust saugt. Der Mund und seine Erlebniswelt steht damit am Anfang allen menschlichen, äußeren Bewusstwerdens. Wenn das Kleinkind dann aber sehen lernt, realisiert es bei einem anderen Menschen zuerst die Augenpartie und die Nasenwurzel, wobei der Mund des anderen noch gar nicht gesehen wird. Interessanterweise ist jene vom Kleinkind zuerst identifizierte Gesichtspartie auch der Bereich, der von einem Menschen an einem anderen wahrgenommen wird, wenn er ihn in Meditation betrachtet: Die Mundpartie verschwindet oder wird nur ganz verschwommen wahrgenommen.

Venus von Brassempouy - ewigeweisheit.de

Venus von Brassempouy: Eine der ältesten (zwischen 26.000 und 24.000 Jahre alt) bekannten Darstellungen eines menschlichen Gesichtes ohne Mund.

Nun ist interessant, dass auch bei alten Götterdarstellungen in verschiedenen indigenen Kulturen (Mexiko, Peru, Papua, Australien) der Mund entweder fehlt oder nur mit einem dünnen Strich angedeutet wird, während man Augenhöhlen und Nasenpartie ganz ausgeprägt abbildet. Allen gemein ist aber, dass in Darstellungen dieser Götterwesen, alle eine Art »Aura« besitzen, die darauf als Auswüchse am Kopf oder gar am ganzen Körper abgebildet oder durch Punkte angedeutet sind. Es scheint als gäbe es einen Zusammenhang zwischen Mundlosigkeit und Aura.

Aus der Sagenwelt Europas etwa erfahren wir, dass die Seele – als das Bewusstseinselement aller Lebenden – nun über den Mund aus dem Körper eines Sterbenden entweicht. Ist der Mund in den oben angedeuteten Götter-Darstellungen aber geschlossen, scheint die Seele darin noch im unreflektierten Zustand zu schlummern. Diese eben angedeutete Aura aber wird durch den geschlossenen Mund, in ihrer eigentlichen Macht gespeist durch eine anscheinend »nicht entwichene seelische Kraft«. Doch das Schweigen manchmal weit mehr erreicht als Gerede, zeigt sich uns ja auch in vielen alltäglichen Lebenssituationen.

Schon in alten Steinzeit-Statuetten findet sich diese Mundlosigkeit. Dazu zählen zum Beispiel die Venus von Dolní Věstonice (Alter: 25.000 bis 29.000 Jahre) oder die Venus von Brassempouy (Alter: 21.000 bis 26.000 Jahre), in deren Köpfen Augen markiert oder eingeritzt sind, doch die keine Münder besitzen. Auch auf jüngeren Artefakten ist diese Mundlosigkeit noch vorhanden, wie etwa beim Gesicht der fast zwei Meter hohen Statue des sogenannten Urfa-Mannes (Alter: 11.000 Jahre). Auch die mesopotamischen »Augen-Idole« von Uruk (Alter: 5.500-6.000 Jahre) verfügen noch nicht über einen Mund.

Bemerkenswerteste Wandmalereien solcher mundlosen Wesen finden sich auch in der australischen Kimberley-Region, die neben mehr als 20.000 Jahre alten Gemälden, von den einstigen Ureinwohnern des Kontinents in Höhlen abgebildet wurden. Sie zeigen die sogenannten »Wandjina«, besondere Geistwesen die in der Mythologie der Aborigines von Bedeutung sind. Es sind diese Bilder, die Gesichter mit Augen und Nase zeigen, jedoch immer ohne Mund.

Was diese Mundlosigkeit bedeutet wird ersichtlich, wenn man realisiert, in welch betontem Maß diese Darstellungen (Malereien und Statuetten) Ausdruck der magischen und nicht etwa der mythischen Bewusstseinsstruktur sind. Denn erst dort, wo Mythos ist, ist auch der ihn aussagende Mund. […] Unserem Deutungsversuch für das Fehlen des Mundes liegt die Tatsache zugrunde […] in welchem Maße noch nicht das Gesprochene Bedeutung hat, sondern, wie wir sogleich sehen werden, das Gehörte, d. h. die Laute der Natur, die auf den magischen Menschen einwirken. […] Die Verständigung innerhalb des Gruppen-Ich, des »Wir«, bedarf noch nicht der Sprache, sondern erfolgte gewissermaßen »subkutan« (unter der Haut) oder telepathisch

- Aus Jean Gebsers Buch »Ursprung und Gegenwart«, Kapitel »Die magische Struktur«

Welch wichtige Rolle das Schweigen für die alten Menschen innerhalb der magischen Bewusstseinsstruktur spielte, wurde oben deutlich, als wir die Jagdszene der Pygmäen beschrieben, wo ja das Warten auf den Sonnenaufgang in vollkommen schweigsamer Stille erfolgte.

Die alten, magischen Menschen versuchten auf akustischem Wege, eben nur die sie beherrschenden Mächte anzurufen, um sie dadurch zu bannen – etwas das unserem heutigen Verständnis möglicherweise nur schwer zugänglich ist. Der Schall galt ihnen eben allein als magisches Mittel. Aufgrund dessen erzeugte man mit dem Mund akustische Signale nur für solche Zwecke und nicht zur Kommunikation, die in alter Zeit, wegen des noch überwiegenden Gruppenbewusstseins, wohl noch nicht notwendig gewesen war. Vielmehr dienten durch den Mund geäußerte, wahrscheinlich rhythmische Laute, als energetischer Ausdruck der Gemeinschaftsseele der Gruppe, der in den oben angedeuteten magischen Ritualen der Pygmäen seinen Zweck erfüllte.