Schahada

Elf Prinzipien des Sufi-Weges

von S. Levent Oezkan

Allah - ewigeweisheit.de

Im Folgenden wollen wir uns mit besonderen Aphorismen befassen, die dem Sufi im praktischen Leben tatsächlich helfen. Hodscha Abdul Khaliq Ghidschduwani († 1179), ein Sufi-Sheikh des Naqshbandi-Ordens, sah darin einen Weg der Meister der Weisheit.

Er spricht da von elf Geheimnissen, auf persisch »Kalimat-i qudsiya«: Heilige Worte der Tugend. Sie bilden ein praktisches System spiritueller Praxis, die dem Gottsucher dabei helfen, mystische Erlebnisse zu erfahren – auf dem Weg zu spiritueller Vollkommenheit.

1. Bewusst Atmen – Hosch dar Dam

Von zentraler Bedeutung in der Tradition des Sufi-Ordens der Naqshbandiyya, ist eine in jedem Augenblick bewusst erlebte Atmung. Dabei geht es darum, das eigentlich Göttliche im Atemvorgang zu erfahren, durch das unser Körper lebendig, gesund und bewusst lebt.

Wenn wir uns nun einmal den arabischen Namen für Gott ansehen – Allah –, so setzt sich das für diesen Namen im Arabischen geschriebene Symbol الله zusammen aus vier Buchstaben:

  • einem »Alif« dem ersten Buchstaben des arabischen Alphabets,
  • aus zweimal dem »Lam« dem elften Buchstaben und
  • aus einem »Ha« dem fünften Buchstaben, der alleinstehend in seiner Form einem geöffneten Mund ähnelt.

Dieser letzte der vier Buchstaben, das Ha, gilt als identisch mit dem Geräusch das ertönt wenn wir ausatmen. Und so bildet das Ha die Essenz des Namens Allah, die von ganz alleine jeden unserer Atemzüge begleitet. Alles Leben also, und Leben ist Atmen, ist demnach angewiesen auf die Äußerung dieses edelsten aller Namen.

Der ehrenwerte Sufi-Meister Maulana Dschami (1414-1492) meinte in den Strophen seiner Stanzen, dass wir uns, im übertragenen Sinne, allerdings in diesem letzten Buchstaben, dem Ha des heiligen Namen Allah, »verlieren« sollten:

Dein Alphabet, ich bin mir sicher Du weißt darüber
Darin verlieren wir uns im Ha mit jedem Atemzug den wir hauchen
Äußere ihn vorsichtig, und sei achtsam:
Es ist kein gewöhnlicher Laut den Du erzeugst.

Und solcherart »bewusstes Verlieren«, auf das Dschami hier verweist, meint ein Lösen von dem Glauben an eine von Gott getrennte Identität. Es geht da um ein Aufgehen in Allah, im Bewusstsein dieser nicht definierbaren Essenz erhabener Wahrheit – dem Ha, dem gehauchten Buchstaben. Ha steht für die Befreiung von allen Beschränkungen unseres körperlich-sinnlichen, empfindenden Seins. Im Bewusstwerden des geatmeten Ha, so Dschami, transzendiere einer alles, das seine Wahrnehmung und Erkenntnisfähigkeit eingrenzt. Alle die aber nie davon hörten, für sie bleibt diese Essenz des Namens الله Allah, das Ha, absolut unerkannt.

2. Auf die eigenen Schritte achten – Nazar bar Qadam

Ein Sucher soll stets auf seine Schritte achten. Das heißt aber nicht etwa, dass er immerzu auf seine Füße schauen soll, was ihn ja schon bald ins Stolpern brächte. Vielmehr geht es hier darum, das man sein Vorankommen auf der spirituellen Reise sichert, aufrecht sich geradeaus bewegt, jederzeit und immer aufpasst in dieser Bewegung. Sheikh Sa'd Al-Din Kaschghari (†1456) sagte hierzu:

Auf die Schritte zu schauen bedeutet, dass der Suchende beim Kommen und Gehen (immer mal wieder) auf die Oberseite seiner Füße schaut und dadurch seine Aufmerksamkeit nicht zerstreut wird, indem er auf etwas schaut, auf das er nicht schauen sollte.

Ein Sucher führe sich unentwegt, aufmerksam in Richtung seines Ziels und sei sich dabei der eigenen Absicht bewusst. Nichts soll einen da mehr abbringen können, vom Erreichen des Ziels – vorausgesetzt natürlich, man hat ein solches. Es geht darum das Bewusstsein aufrecht zu erhalten und auch offen zu sein für besondere Gelegenheiten, um zur richtigen Zeit das Richtige zu tun.

Im Koran lesen wir dazu:

O ihr Menschen! Esst von dem, was es auf der Erde gibt, als etwas Erlaubtem und Gutem, und folgt nicht den Fußstapfen Schaitans! Er ist euch ein deutlicher Feind. [...] O die ihr glaubt, tretet allesamt in den Islam ein und folgt nicht den Fußstapfen Schaitans! Er ist euch ja ein deutlicher Feind.

- Sure 2:168,208

3. Reise ins Heimatland – Safar dar Watan

Auf dieser Reise übergeben wir uns aus der Welt der Möglichkeiten, in die Welt der verwirklichten Erkenntnis. Es geht da um eine innere Reise, in der man in sich geht, in sich den Ursprung seines Seins findet. Auf so einer inneren Reise erfahren wir, dass sich auf unserem Lebensweg zwar auch viele Fehlschläge und Missgeschicke ereignen, doch dass alle Fehler gleichzeitig wichtige Lektionen sind, aus denen wir lernen können (sogar lernen sollen!) – wobei wir ausgehend von schlechten, allmählich zu lobenswerten Eigenschaften finden.

Wenn die Rede ist von einer Heimreise, so wird damit hingewiesen auf die Vorbereitung einer Transformation, die den Menschen aus einem subjektiven Traumzustand herausführt, damit er auf seinem Weg seine göttliche Bestimmung erfüllen kann. Der indische Sufi-Gelehrte Ahmad Sirhindi (1564-1624) sagte dazu einmal:

Dieser gesegnete Ausdruck (Reise ins Heimatland) bedeutet, in sich selbst zu reisen. Die dabei geernteten Früchte, stellen die letzte (spirituelle Übung auf dem Weg) an den Anfang, was eines der Merkmale des Naqshbandi-Weges ist. Und obwohl diese (innere) Reise auch in anderen Tariqas (Sufi-Orden) zu finden ist, findet man sie erst am Ende, nach dem ‚Reisen auf den Horizonten‘ (Bezug nehmend auf den Koran in Sure 41:53, in der es heißt: ‚Wir werden ihnen Unsere Zeichen auf den Horizonten und in ihrem Inneren zeigen, bis sie wissen, dass Er (Allah) der Wirkliche ist‘).

4. Alleinsein in der Menge – Khalwat dar Anjuman

Als jemand den Gründer des Naqshbandi-Sufi-Ordens, Shah Bahauddin Naqshband ‎(1318-1389), einmal fragte nach den grundlegenden Prinzipien spiritueller Entwicklung, antwortete er:

Alleinsein in der Menge, heißt im Außen mit Menschen zu sein, doch im Innern mit Gott, dem Verherrlichten.

Lernen frei zu sein, inmitten all der unzähligen Abhängigkeiten im Leben, heißt, dass jemand sogar so weit in geistiger Versenkung sich an die Allgegenwart Gottes erinnere, dass er, selbst wenn er sich durch eine viel  befahrene Straße bewegte, nichts von dem Lärm dort mitbekäme.

Dieses vierte Prinzip des Sufi-Weges beschreibt die Entwicklung der Fähigkeit, sich in Gegenwart äußeren Lärms, Störungen und Verwirrung, davon zu distanzieren und ruhig zu bleiben, im Dhikr: Dem Gedenken an Gott, durch stille Rezitation seiner heiligen Namen und Sätze, wie auch den Versen der Suren des heiligen Koran.

Maulana Dschami – ewigeweisheit.de

Sheikh Maulana Dschami in einer, dem persischen Maler Behzad zugeschriebenen Miniatur aus dem Jahr 1490.

Natürlich bedeutet das nicht, dass man umherirrt und so tut, als bekäme man nichts mehr vom Außen mit. Nur ein Narr würde so handeln. Vielmehr geht es darum, sich immer in die Lage zu versetzen, seine Aufmerksamkeit auf das Äußere zu lenken, sobald nötig, doch dann wieder zurückzukehren in die Übung des inneren, des stillen Dhikr. Obwohl ein Sufi äußerlich in der Welt ist, ist er oder sie innerlich immer bei Gott.

5. Allahs Gedenken – Yad kard

Sich im Herzen und gleichzeitig mit der Zunge erinnern, wie umgekehrt mit der Zunge sprechend, auch im Herzen zu rezitieren: Stiller oder gesungener Dhikr erweckt das Herz, um sich die göttliche Wahrheit (Al Haqq) zu vergegenwärtigen. Das ist wahrer Dhikr. Der weise Hodscha Ubaidullah Ahrar (1404-1490) meinte dazu einmal:

Die wahre Bedeutung des Dhikr ist das innere Gewahrsein Gottes, dem Verehrung gebührt. Dhikr beabsichtigt dieses Bewusstsein zu erlangen.

Wenn da nun aber die Rede ist von einem Erinnern, dann meint das auch ein Sich-Zurückversetzen an gemachte, positive Erfahrungen, wie auch daran, dass man ein Teil einer Sufi-Tradition ist, aus der man positive Energie beziehen und Kraft schöpfen kann.

6. Zurückhaltende Selbsteinschränkung – Baz gascht

Dieses Prinzip des Sufi-Weges beschreibt das zielstrebige Trachten nach göttlicher Wahrheit, indem man sich heim begibt in die Gegenwart Gottes. Das erfordert zuerst einmal sehr große Selbstdisziplin, muss man sich dafür doch unermüdlich auf dem inneren Weg der Heimkehr bewegen, was wohl sicher nur dem gelingt, der in sich Geduld kultiviert hat.

Stets sollte ein Sufi versuchen seine Gedanken auf das Göttliche hin auszurichten und nicht abschweifen zu lassen. Das erfolgt etwa in einem inneren Rezitieren der Schahada:

أَشْهَدُ أَنْ لَا إِلَٰهَ إِلَّا ٱللَّٰهُ وَأَشْهَدُ أَنَّ مُحَمَّدًا رَسُولُ ٱللَّٰهِ

Ashadu ala ilaha illallah, wa-ashadu anna muhammadan rasulullah.

Ich bezeuge, es gibt keinen Gott außer Allah, und ich bezeuge, dass Mohammed sein Prophet ist.

Andererseits besteht die in diesem sechsten Prinzip beschriebene Heimkehr auch darin Reue zu zeigen, über das, was man an Gedanken, Gefühlen und Taten bedauert, um damit allmählich zu einer Rechtschaffenheit zu finden.

7. Achtsamkeit – Nigah dascht

Hier geht es zum einen darum die Gedanken an das Weltliche auszublenden, durch wachsames Kontrollieren der eigenen Aufmerksamkeit. Achtsamkeit meint ein wachsames Gewahrsein hinsichtlich vorüberziehender Gedankengänge. Der Sufi vermag dabei sein Herz zu bewahren, vor etwaig schlechten Gedanken.

Zum anderen sagen die Sufis der Naqshbandiyya, dass es für einen Suchenden bereits eine großartige Leistung ist, sein Herz für nur fünfzehn Minuten vor schlechten Neigungen zu schützen.

Wer diese beiden Übungen vollbringt, wird die geistigen Regungen seines Herzens erkennen. Und, wie der Heilige Prophet Mohammed (as) einmal sagte:

Wer sich selbst erkennt, erkennt seinen Herrn.

Achtsamkeit bedeutet, wenn der Suchende sein Herz auf die Bedeutung dieses heiligen Satzes ausrichtet:

لا إله إلا الله

La ilaha illa Allah

Es gibt keinen Gott außer Allah.

Keine anderen Gedanken finden dann noch Eingang in sein Herz.

Sa'd Al-Din Kaschghari sagte:

Der Suchende muss eine oder zwei Stunden lang, oder wozu auch immer er fähig ist, seinen Geist festhalten und verhindern, dass Gedanken an etwas anderes (als Gott) eindringen.

Wir sollten uns in solch erhabenen Üben auf die Allgegenwart Gottes konzentrieren und dabei dennoch offen bleiben, für intuitiv Empfundenes und die vielen günstigen Chancen, die sich uns allezeit überall eröffnen – Möglichkeiten mit denen wir gute, positive Wirkungen in der Welt vollbringen können.

8. Erinnerndes Gewahrsein – Yad dascht

Es geht dabei um ein fortwährendes Besinnen auf die göttliche Gegenwart im Herzen, was eine allmähliche Annäherung an die Wirklichkeit Gottes ermöglicht. Dem Sucher wird damit bewusst, dass die Trennung von den niederen Aspekten seines Egos, nur durch objektive Liebe geläutert werden kann. Was die Sufis als »Selbstverleugnung« bezeichnen, bringt sie in dieses letzte Stadium der Selbstvervollkommnung, worin sie grenzenlose Freude erfahren, denn sie haben da alle egoistischen und bösen Gedanken überwunden – ja sogar die Bewertung all dessen überwunden, was sich an Positivem in ihrem Leben ereignet (hatte). Ausschließlich nämlich das, was die Sufis Al Haqq nennen, die wahrhaftig göttliche Weisheit (auch: Wahrheit), bleibt einem so Erfahrenden in seinem Geiste erhalten. Hodscha Ahrar schrieb hierzu:

Das Erinnernde Gewahrsein ist ein Ausdruck des Geistes, der die Dauerhaftigkeit des Bewusstseins der glorreichen Wirklichkeit bedeutet. Es bedeutet die Göttliche Gegenwart, ohne selbst dabei sich in Nichtsein aufzulösen.

9. Zeitbewusstsein – Wuquf Zamani

Bahauddin Naqshband sagte, dass das Bewusstsein der Zeit den Schüler sowohl zu dem mache was er ist, wie ihn ebenso führen können solle. Das bedeutet: Jeden Augenblick auf den eigenen Geisteszustand achten und wissen, ob da ein Grund ist dem Allmächtigen zu Danken oder aber Reue zu zeigen. Der Suchende muss dabei wissen, wie viel Zeit er auf dem Weg zu seiner spirituellen Reife verbracht hat.

Wenn hier die Rede von Zeit ist, meint dass die Spanne in der man achtsam, jedoch gleichzeitig ganz nüchtern in einem Hochgefühl verbringt, zwischen Zerstreuung und Sammlung.

Hierüber meinte Dschami, man solle darüber »Buch führen«, um sich stets dem täglichen Umfang seiner Geistespräsenz immer bewusst zu bleiben.

10. Zahlenbewusstsein – Wuquf ‘Adadi

Dschami galt außerdem:

Wuquf ‘Adadi ist die Beobachtung der Anzahl der Dhikrs und ob diese Beobachtung auch zu (besonderen) Ergebnissen führt oder eben nicht.

Bahauddin Naqshband:

Die Beobachtung der Anzahl der Wiederholungen des Dhikr des Herzens dient dazu, geistige Aktivität zu sammeln, die zuvor ganz zerstreut und unfassbar war.

Drum gilt, das dieses »Buchführen« über den Dhikr nicht eines alltäglich gebräuchlichen Zählens gleich kommt, sondern eher ein bewusstes Gewahrsein über die Wiederholungen der heiligen Namen und Verse (etwa durch das Abzählen an einem islamischen Rosenkranz, dem »Misbaha« beziehungsweise »Tesbih«). So soll das Herz vor schlechten Gedanken bewahrt werden.

Den fortgeschrittenen Geistesschüler führt diese Praxis auf die Ebenen der Intuition. Das hilft ihm sich auf seinem spirituellen Pfad den höheren Lehren zu nähern.

11. Herzbewusstsein – Wuquf Qalbi

Wer dieses Prinzip in sich verwirklichen konnte, dessen Herz hat Gottesbewusstsein erlangt. In so einem Menschen ist die göttliche Liebe erwacht. Hier ist sich einer bewusst geworden, dass seine Ego-Existenz ein Hindernis für seine endgültige Verwandlung ist, und darum fürchtet er sich nicht mehr, sie zu opfern – hat er doch unendlich viel mehr zu gewinnen, als er dabei verlieren könnte.

Über das Ququf Qalbi sagte Ahrar:

Es ist ein Ausdruck, der ein Gewahrsein und ein Herzbewusstsein gegenüber der Höchsten Wirklichkeit meint, die so empfunden wird, dass das Herz kein Bedürfnis mehr verspürt, nach irgendetwas anderem, als nur dieser ultimativen Wahrheit.

Herzbewusstsein bedeutet, dass das Herz beim Geliebten (also bei Gott) ruht, so als ob nichts und niemand anderes existiere.

Bahauddin Naqshband hielt es nicht für notwendig, während des Dhikr den Atem anzuhalten, wie das in einigen Tariqas üblich ist, auch wenn er diese Praxis dennoch für nützlich hielt. Wenn ihm ebenso Wuquf Zamani (Zeitbewusstsein) und Wuquf ‘Adadi (Zahlenbewusstsein) weniger wichtig erschienen, hielt er im Gegenteil dazu

die Einhaltung von Wuquf Qalbi für das Wichtigste und Notwendigste, weil es die Zusammenfassung und Essenz der Absicht des Dhikr ist.

 

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Das islamische Glaubensbekenntnis und die Läuterung des Egos

Das islamische Glaubensbekenntnis und die Läuterung des Egos

Ich bezeuge: Es gibt keinen Gott außer Allah und ich bezeuge Mohammed ist der Gesandte Allahs.

Das Glaubensbekenntnis der Muslime setzt sich zusammen aus der Bezeugung des Glaubens an die Einheit Gottes, und die Bestätigung, dass Mohammed Gottes Gesandter ist. Man nennt das die Schahada. Sie ist im Vergleich zu anderen Glaubensbekenntnissen, jedoch etwas eigen: Den Glauben an den einen Gott nämlich, bezeugen Muslime mit einer Verneinung!

Damit unterscheidet es sich von den anderen abrahamitischen Glaubensbekenntnissen. Das apostolische Bekenntnis sagt:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.

Es wird also eine eindeutige Bejahung über das Wesen Gottes und den eigenen Glauben ausgesprochen. Etwas kürzer, im wesentlichen aber gleichbedeutend, ist das jüdische Sch'ma Jisrael:

Höre Israel! Adonai ist unser Gott, Adonai ist Eins.

In der Schahada findet sich nun aber das arabische Wort لا "La" - das kein, Nein oder nicht bedeutet. Das Ausschließen des Polytheismus durch das Wort "La", resultiert natürlich in einen Hinweis auf Gottes Einheit, der Vielgötterglauben wird verneint:

Es gibt keinen Gott außer Allah.

لا إله إلا الله

La ilaha illa Allah

Diese Verneinung ist also eine Lossagung von Falschem. Erst durch diese Trennung von der Unwahrheit, ist die Wahrheit bestätigt.

Denn wenn zu ihnen gesagt wurde: Es gibt keinen Gott außer Allah, pflegten sie sich hochmütig zu verhalten, und sprachen: Sollen wir unsere Götter aufgeben um eines besessenen Dichters willen? Nein! Vielmehr hat er die Wahrheit aller Gesandten gebracht und bestätigt.

- Sure 37:35-37

Es lässt sich in der Schahada ein ganz deutlicher Hinweis auf das Wesen des Koran erkennen, der aus dem Individuum einen geläuterten, unbefleckten, unzweifelhaften Menschen machen will. Denn immer und immer wieder, finden sich in den Versen des Koran solche Verneinungen und Ausschlüsse, die den Gläubigen nachdrücklich dazu auffordern, sich dem Guten zuzuwenden.

Diesem ersten, folgt dann der zweite Teil des Glaubensbekenntnisses:

Mohammed ist der Gesandte Allahs.

محمد رسول الله

Muhammadun rasulu 'llah

Nun heißt es, dass der Schaitan den ersten Teil akzeptiert, da er doch ganz genau weiß, dass es nur einen einzigen Gott gibt. Mohammed als Propheten aber lehnt er ab.

Mohammed ist der Gesandte Allahs. Und die mit ihm sind, sind denen die nicht an Allah glauben gegenüber stark, doch gütig gegeneinander. Du siehst sie sich verbeugen, sich im Gebet niederwerfen, wobei sie nach Huld von Allah und seinem Wohlgefallen trachten. Die Merkmale stehen auf ihren Gesichtern als die Spuren der Niederwerfungen. Das ist ihre Beschreibung in der Tora. Und ihre Beschreibung im Evangelium ist das eines Getreidefeldes, worin Schößlinge treiben, dann sie stärker werden lässt, so dass sie dick und fest auf ihren Halmen stehen, den Sämännern zur Freude. Dies, damit die nicht glauben ergrimmen mögen. Allah hat denen unter ihnen, die glauben und gute Werke tun, Vergebung verheißen und großartigen Lohn.

- Sure 48:29

Das sind ganz deutliche Worte und wer (vielleicht) kein Muslim ist, wird sich schwer damit tun, sie ihrem Wesen nach auch tatsächlich erfassen zu wollen. Daher nähern sich manche diesen erhabenen Wahrheiten, eher über den Pfad der islamischen Mystik, den die Sufis gehen. Sie nämlich pflegen eine unabhängige Grundhaltung gegenüber dem Islam. Allah ist für sie eins mit dem Kosmos und der Natur. Auch die Schwärze des gesamten Universums ist Teil dieser großen Einheit. Damit setzen sie eine fast noch selbstverständlichere, denn abstraktere Vorstellung vom Wesen ihres Glaubens voraus.

Ar-Ruh: Wesensessenz des Menschen

Das unsterbliche Selbst eines Menschen, dass in sich die Essenz seines Seelengeistes konzentriert, nennt man im Arabischen "Ar-Ruh". Hierin liegt alles Wissen über das Wesen und den Inhalt des Universums, wie auch das Bewusstsein seines eigenen Ursprungs. Es steht in direkter Verbindung zum Göttlichen, ist ein Funke der göttlichen Weltseele, "Ruh-e-Qudsi". Das gilt auch für das Ruh eines jeden Menschen - auch dann, wenn er nie von seiner Existenz erfuhr.

Ar-Ruh ist in etwa das, was die Theosophie als die Monade bezeichnet, den göttlichen Funken, der das Zentrum höchster Erkenntnis und esoterischen Verstehens bildet. Es ist eine geistig-spirituelle Instanz Gottes, die auf Erden umherwandert, sei es auf mineralischer, pflanzlicher, tierischer Ebene oder als spirituelles Wesenszentrum eines inkarnierten Menschen. Während der Mensche aber gestorben ist, lebt die Monade fort: Ar-Ruh hat einen Anfang doch existiert ewiglich.

Al-Qalb: Das spirituelle Herz

Sufis verwenden im Dhikr, manchmal die Schahada in leicht abgewandelter Form:

Es gibt keinen Gott außer ihm

لا اله الا هو

La ilaha illa Hu

Welche tiefere Bedeutung aber hat dieses "Hu" هو am Schluss dieser Variante der Schahada?

Wenn die Rede von "ihm" ist, geht es weniger um die begriffliche Beschreibung Gottes, die in der offiziellen Schahada durch den heiligen Namen "Allah" erfolgt, als um eine erfahrbare Gewissheit über Gottes Gegenwart, deren Wirken ein Sufi in sich erlebt. Er spricht die Schahada in seinem Herzen. Damit ist aber nicht etwa das physische Organ gemeint, sondern das, was die Sufis "Al-Qalb" nennen: das spirituelle Herz. In Qalb konzentriert sich höchste Weisheit. Darin glimmt das geistige Feuer von Ar-Ruh.

Denn Weisheit zieht ein in dein Herz, und Erkenntnis wird deiner Seele lieb.

- Sprüche 2:10, aus dem Mischle Schelomo (Biblische Sprichwörter Königs Salomo)

Das Herz ist das Haus Gottes, reinige es von allem,
was sich außer ihm (Gott) darin befindet,
damit der Barmherzige des Nachts in seinen
Palast hinabsteigen kann.

- Ibrahim Haqqi

In der Psychologie der Sufis gilt als höchstes Ziel, in diesem spirituellen Herzen Aufrichtigkeit, Liebe und Mitgefühl zu entwickeln. Sie sprechen dann von der Herz-Intelligenz, die tiefgehender, jedoch mit höherer Vernunft begabt ist, als das rationale Denken.

So wie das organische Herz Blut im Körper verteilt, nährt das spirituelle Herz die Seele mit Weisheit und Licht. Durch dieses heilige Strahlen von Al-Qalb, erzielt der Sufi die Reinigung der Wesensmerkmale seiner persönlichen Ich-Natur. Und das hat eine höhere Bedeutung. Denn aus seinem Ich strömt die Emotionalität seiner Existenz. Sie nennt man "An-Nafs": das Seelen-Ich oder Ego. Al-Qalb fungiert als Mittler zwischen Ar-Ruh und An-Nafs. Qalbs Aufgabe ist es, damit die Nafs zu kontrollieren und den Menschen in Richtung des höheren Geistes zu geleiten, während das Ego immer kleiner wird.

An-Nafs: Das Seelen-Ich

Um jedoch diese Stufe weltlich-göttlichen Empfindens zu erreichen, sollten wir uns noch einmal obige Aussage ansehen: nämlich dass die Verneinung in der Schahada, auf die Absicht des Heiligen Koran hindeutet, den Menschen von seinen schlechten Eigenschaften zu reinigen und aus ihm ein vollkommenes In-Dividuum zu machen: einen ungeteilten, ganzen Menschen. Dafür steht der arabische Begriff Tazkiah An-Nafs.

Tazkiah An-Nafs enthält das arabische Wort "Nafs", im Sufismus ein spirituelles Konzept zur Beschreibung des menschlichen Ich. Im Koran wird die Nafs häufig in ihren drei Stufen erwähnt. Sie bilden die Stadien in der menschlichen Entwicklung, die die Seele veredeln und den Menschen zur vollkommenen Beherrschung seines triebhaften Empfindens führen.

Das Wort Tazkiah weist seinem Ursprung nach hin, auf das Stutzen einer Pflanze. Man stutzt alles, was sie in ihrem Wachstum behindert. Bezogen auf die Persönlichkeit eines Menschen, geht es darum sie von allen Spuren jedes nur erdenklichen Übels zu befreien. Alles was sie an Gotterkenntnis hindert, wird durch Tazkiah An-Nafs entfernt.

An-Nafs Al-Ammara

Mit dem Tier, hat der Mensch die Triebseele gemein. Sie steht unter dem bösen Einfluss Schaitans.

Und ich spreche mich selbst nicht frei von Schwäche. Denn die Nafs gebietet fürwahr oft Böses, außer dass mein Herr Sich erbarmt. Fürwahr, mein Herr ist allvergebend und barmherzig.

- Sure 12:23

So spricht der Prophet Josef in der 12. Sure über sein Schicksal. Vom seinem schönen Äußeren betört, verspürte die Zuleikha Verlangen nach Josef, was dieser jedoch nicht erwiderte (vergl. Genesis 39). Ihre Seele stand unter dem Einfluss von Schaita, der ja ebenso Eva verführte. Ihr Wirken ist dafür verantwortlich, dass Al-Qalb, vom Wesen des körperlichen, tierischen Menschseins überwältigt wird. Die Nafs ist das niedere Selbst, dass den Menschen verleitet übel, unmoralisch zu handeln.

An-Nafs Al-Lawwama

Wer diese Stufe der niederen Triebhaftigkeit in sich erkannte, der wird sich der Stimmen seines "tadelnden Ichs" gewahr: dem An-Nafs Al-Lawwama. In diesem Stadium erwacht das menschliche Gewissen, dass das Selbst veranlasst das Ego in Frage zu stellen.

Nein! Ich rufe zum Zeugen die sich selbst tadelnde Seele.

- Sure 75:2

Der arabische Begriff Lawwama meint die Fähigkeit sich der Triebseele zu widersetzen und Gott um Vergebung zu bitten, für die Verfehlungen der Triebseele.

Ich bitte Allah um Vergebung

أَسْتَغْفِرُ الله

Astaghfirullah

Dieses tadelnde Ich wacht über die Handlungen eines Menschen und hilft ihm seine Triebe zu zügeln. Doch es ist mehr als das.

Hier erfährt ein Mensch die negativen Auswirkungen seiner ego-zentrierten Sicht auf die Welt. Auch wenn ein Sufi in diesem Stadium des Läuterungsprozesses, sich noch nicht in der Lage befindet, sich tatsächlich zu verändern, empfindet er seine schlechten Taten jedoch als großes Übel - etwas, das er verändern will. Hier beginnt er zu bedauern. Auch wenn er erneut Fehler begeht, ist er sich derer aber jedesmal voll bewusst. Das ist die Voraussetzung, sich auf die nächste Stufe der Vervollkommnung zu begeben.

Nun ist sein Ich inspiriert und der Sufi beginnt wirkliche Zufriedenheit zu empfinden, in seinem Pflichtgebet (Salaat), in den Bittgebeten (Dua) und in der spirituellen Meditation (Dhikr). Jetzt nämlich beginnt er zu ahnen, was Religion und Spiritualität eigentlich bedeuten. Diesen Zustand nennt man auch An-Nafs Al-Mulhima, das "Beruhigte Ich", was eine Zwischenstufe zum höchsten Stadium des An-Nafs Al-Mutma'inna bildet.

Langsam beginnt ein Mensch hier wirkliche Liebe und Zuneigung zu seinen Mitmenschen zu empfinden. Besonders was jemand an eigenem Leibe erlitten hat, weiß er auch an Mitgefühl für andere zu entwickeln. Hier erst ist jemand dazu fähig wahre spirituelle Praxis auszuüben.

An-Nafs Al-Mutma'inna

In diesem letzten Stadium des Läuterungsprozesses, empfindet der Sufi größte Zufriedenheit und Gottvertrauen.

O beruhigte Seele kehre zu deinem Herrn zurück, befriedigt und mit Wohlgefallen. Tritt denn ein unter meine Diener, und tritt ein in mein Paradies.

- Sure 89:27-30

Wer diese Stufe erreicht, ist frei von Achtlosigkeit. Was ihn zuvor noch quälte ist nun vorüber. Hier hat seine Seele Frieden gefunden.

Es sind diejenigen die glauben und deren Herzen im Gedenken Allahs Ruhe finden. Sicherlich, im Gedenken Allahs finden die Herzen Ruhe!

- Sure 13:28

Dieses Stadium bildet den Ausgangspunkt wahren Mitgefühls und vollkommener Liebe. Ein Sufi, der diese Stufe erreicht hat, befindet sich auf dem Weg die Liebe Allahs, "Ischq", durch sich und sein Handeln, auch anderen zufließen zu lassen.

Somit schließlich gelangt der Sufi zu einer Schahada der Liebe, die etwa lauten könnte:

Es gibt keinen Gott außer der Liebe.

لا إله إلا عشق‎

La ilaha illa Ischq