Sonne

Die Universelle Weiße Bruderschaft: Spirituelle Gemeinschaft im Zeitalter des Wassermanns

von S. Levent Oezkan

Universelle Weiße Bruderschaft - ewigeweisheit.de

Schon immer war die Balkanhalbinsel ein Gebiet der Begegnung, zwischen den spirituellen Weisheits-Kulturen des Abendlandes und des Morgenlandes. Im Osten des Balkan siedelte einst das Volk der Thraker, über das seinerzeit König Oiagros herrschte: Vater des mythischen Sängers Orpheus. Homer nannte Thrakien »das goldene Reich des Orpheus«, wo der legendäre Sänger seine Tradition zu Wege brachte.

Die orphische Tradition nämlich sollte dereinst den Kern einer neuen Kultur bilden. Und da man auch Apollon zu Ehren, dem Gott des Lichts, der Weissagung, der Heilung und der Künste, hier vor mehr als 3000 Jahren heilige Riten abhielt, wird Thrakien auch ein »Land des Lichts« genannt. Damit sollte in Thrakien eine der ältesten Kulturlandschaften Europas entstehen.

Es ist bei alle dem aber nicht allein Mythologie, denn im Balkan des südlichen Bulgarien, wo sich die thrakische Tiefebene erstreckt, fanden Archäologen die Reste einer uralten Hochkultur, die dort ihren Königen Megalith-Bauten (Dolmen) und Hügelgräber errichteten. Nahe des bulgarischen Dorfes Tatul erhebt sich ein thrakisches Felsengrab, das heute gar als Ruhestätte Orpheus' gilt. Es gehört zu einem riesigen Komplex anderer Megalith-Bauten, in denen man erst heidnische, später auch christliche Kulthandlungen durchführte.

Der griechische Kirchenschriftsteller Clemens von Alexandria verglich den Orpheus sogar mit Jesus, dessen Abstieg in die Unterwelt, gewiss dem Abstieg Christi in die Totenwelt entspricht.

Orpheus also ein mythischer Vorgänger Jesu Christi?

Zumindest scheint diese Symbolik möglicherweise die Theologie der Bogomilen mit inspiriert zu haben. Auch sie nämlich kamen vom bulgarischen Balkan und waren eine christliche Sekte die sich ab dem 10. Jahrhundert hier gegründet hatte. Sie nannten sich die »Gottesfreunde« (von slaw. bog, »Gott“ und mil, »lieb«) und waren eine asketisch lebende Gemeinschaft, in der man an eine dualistisch geprägte Weltordnung glaubte und man alles Materielle dem Bösen, alles Geistige dem Guten zuschrieb. Wie auch die Katharer Südfrankreichs, hielten die Bogomilen ihren Glauben für die wahre Lehre Christi.

Durchaus besaßen ihre Lehren einen universellen Charakter, der dem Glauben der Katharer sogar sehr ähnelte. Ihre Religion verkündete ein ganz einfaches, reines und heiliges Leben, dass auf Liebe, Gemeinschaft und Gleichheit basierte. Dabei aber sahen sie sich als die Überbringer vollkommen neuer Vorstellungen über die Bedeutung eines wahren Christentums.

Beinsa Douno - ewigeweisheit.de

Gründer der Universellen Weißen Bruderschaft: Petar Danow – »Beinsa Douno«.

Ein Bulgarischer Weiser

Anfang des 20. Jahrhunderts sollte sich in diesem alten Land der Bogomilen erneut eine okkultistisch-religiöse Bewegung gründen: Die Universelle Weiße Bruderschaft.

Gründer dieser Gruppe war der Theologe, Philosoph und spirituelle Lehrer Petar Konstantinow Danow (1864-1944; andere Versionen des Nachnamens: Deunov, Dănov). Er studierte Ende des 19. Jahrhunderts Theologie in den Vereinigten Staaten. Während dieser Zeit stand er in Kontakt mit dort ansässigen Vertretern der Theosophischen Gesellschaft und der modernen Rosenkreuzer-Bewegung.

1896 erschien sein erstes Buch mit dem Titel »Wissenschaft und Erziehung«. Im Jahr darauf erfuhr er seine mystische Initiation und nannte sich seitdem »Beinsa Douno«.

Nach seiner Rückkehr nach Bulgarien wirkte er dort ab 1897 als spiritueller Lehrer und gründete eine Gesellschaft, die sich der Erhebung des religiösen Geistes des bulgarischen Volkes verschrieben hatte. Er sprach da von den Zusammenkünften der »Synarchischen Kette«, an denen drei seiner ersten Schüler teilnahmen: Penio Kirov, Todor Stoimenov und Dr. Georgi Mirkovic. Seit 1900 hielt er im Rahmen dieser Gesellschaft Treffen ab. »Synarchisch« wohl darum, da der Glaube dieser von ihm geführten Gemeinschaft (griech. »archia«, Führung) in sich verschiedene spirituelle Systeme zu einem neuen Glauben synthetisierte.

Schon damals begann er Material zusammenzustellen, womit er dann, im Jahr der Gründung seiner Bruderschaft, seinen Schülern eine umfassende Einführung in den Okkultismus zur Verfügung stellen konnte. In seinem Werk – darunter die Titel »Sieben Gespräche mit dem Geist Gottes« und »Die Drei Dinge« – waren Erkenntnisse enthalten, die er in Meditation empfing.

Im Jahr 1922 ging aus der »Synarchischen Kette« dann die Universelle Weiße Bruderschaft hervor. Danow wollte durch die Gründung dieser Bruderschaft eine Mission erfüllen: Ein neues spirituelles Zeitalter sollte von ihm eingeleitet werden, zur Verkündigung der Wahrheiten des Wassermanns. Es heißt, dass Danow versuchte den uralten und unvergänglichen Weisheiten der Menschheit, damit zu einer neuen Geburt zu verhelfen.

Der Anker des Wassermanns

Im Emblem der Universellen Weißen Bruderschaft kommt dieses Ansinnen zum Ausdruck. Es zeigt einen Anker, der für einen Glauben steht, der an solaren, hohen Idealen festhält, was auf die Bedeutung der Sonne für unseren Planeten anspielt, deren Licht ja die Quelle allen Lebens auf Erden ist. Der Anker galt Danow daher als Symbol aller, die den Ozean des Lebens bereisen und sich bei jedem Ankerwurf mit der Welt des Göttlichen zu verbinden hoffen.

Die Symbolik des Wassers platzierte er in besagtem Emblem als Sinnbild der Quelle des Klaren und Reinen, als ein Brunnen unerschöpflicher Kraft, etwas das notwendig ist damit Leben überhaupt entstehen kann.

Die Hände, die sinnbildlich das Wasser aus der Mündung dieser Quelle führen, gehören Aquarius, dem Wassermann, dessen Zeitalter bei der Gründung der Universellen Weißen Bruderschaft aufdämmerte. Da Aquarius aber astrologisch ein Luft-Zeichen ist, wird damit ein Wasser feinstofflicher, ätherischer Beschaffenheit angedeutet, etwas, von dem man in alter Zeit glaubte, dass daraus der Heilige Geist beschaffen sei. Im Evangelium des Johannes steht diese Symbolik von Wasser und Geist für die Wiedergeburt eines Menschen in ein neues Leben, was natürlich ein Hinweis ist darauf, dass ein Mensch die geistige Fähigkeit besitzt, immer aus seinem bisherigen, in ein neues Leben hervorzutreten.

Es sei denn dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. […] was vom Geist geboren wird, das ist Geist.

- Johannes 3:5f

In diesem Sinne wollte auch Petar Danow seine Schüler zur Erkenntnis führen und dabei ihre Herzen erheben. Das sollte geschehen, damit einer diese eben definierte Gnade des Heiligen Geistes, dereinst in sich erfahren und das vollkommene Licht der Wahrheit empfangen solle. Danows Schüler aber wussten dabei immer, dass man über diese Themen viel sagen und noch mehr darüber schreiben kann. Das hier Angedeutete jedoch muss von jedem Einzelnen selbst erfahren und gelebt werden, so dass einer in seinem Erleben Liebe und Weisheit erlange.

Und dieses Erleben versuchte er, durch sein Vermitteln der ursprünglichen Weisheitslehren Jesu Christi, in jedem seiner Schüler zu inspirieren, eben genau so, wie es wahrscheinlich vor 2000 Jahren vermittelt wurde.

Die Schüler der Universellen Weißen Bruderschaft sahen in Danow den Verkünder einer wahren, einzigartigen Philosophie, die sich direkt im Leben anwenden lässt, um einen Menschen zu befähigen in Gott zu weilen. Er wusste »das lebendige Wort« auf eine verständliche, vielleicht sogar empfindsame Weise zu vermitteln. In Kreisen der Universellen Weißen Bruderschaft heißt es sogar, dass Papst Johannes XXIII. (1881-1963) Petar Danow »den größten auf Erden lebenden Philosophen« nannte.

Ziele der Universellen Weißen Bruderschaft

Für die von ihm gegründete Bruderschaft synthetisierte Danow Ideen und Philosophien anderer religiöser Weisheitssysteme zu einem neuen Weltbild. Die Gemeinschaft seiner Anhänger lernten aus Danows Vorträgen, Gebeten und Liedern aber insbesondere die esoterischen Lehren aus der jüdisch-christlichen Tradition, die gewisse Ähnlichkeiten aufweisen mit den Schulen der Rosenkreuzer und der Anthroposophie Rudolf Steiners.

Es ging Danow aber auch darum die Kreativität seiner Schüler zu fördern. Alle Menschen galten ihm von Natur aus als Künstler. Weniger aber versuchte er direkt ein Kunstschaffen zu vermitteln, als seinen Anhängern beizubringen dass Kunst etwas sei, das allein vom Göttlichen her stamme und auch durch Gotteserfahrung direkt dem Menschen zur Verfügung stehe.

Jeder sei vollkommen ausgestattet mit der Fähigkeit zu erschaffen. Davon war Danow fest überzeugt. Was manchen jedoch fehlte, war seiner Meinung nach der Zugang zu diesem Bereich des Seins. Danow wollte seinen Schülern darum durch sein Wirken behilflich sein, durch seine inspirierenden Reden und seine Musik, diesen inneren Teil in ihnen anzuregen, so dass ihn aber jeder durch sein eigenes Wirken entfalten konnte.

Solche inneren Prozesse anzuregen, sollte der Schüler erreichen, durch eine besondere Ernährung, durch Atemübungen, Meditation und bestimmte Gebete.

Er wollte dass die Mitglieder der Bruderschaft erkannten, dass es nicht allein helfe sich nur um sein eigenes Leben zu kümmern. Vielmehr wollte Danow mit seiner Bewegung erreichen, dass sich die Menschen, als Kinder eines einzigen Schöpfers zusammentun, um damit die Probleme der Menschheit zu lösen.

Zugegebenermaßen mögen solch erhabene Ziele dem einen oder anderen recht romantisierend, ja gar sentimental erscheinen. Eigentlich aber ist es doch genau das, was die gegenwärtige Zivilisation unseres Planeten so nötig hat.

Herr, unser Gott, unser freundlicher himmlischer Vater,
Der uns ein Leben schenkte und Gesundheit,
Um in Dir zu frohlocken, drum beten wir zu Dir.

Sende uns Deinen Geist,
Bewahre und beschütze uns vor dem Bösen
Und vor trügerischen Gedanken.

Lehre uns Deinem Willen nach zu handeln,
Deinen Namen heilig zu halten
Und Dich immer zu ehren.

Segne unseren Seelen,
Erleuchte unsere Herzen und unseren Geist,
Auf dass wir Deine Gebote und Regeln einhalten.

Inspiriere in uns mit Deiner Gegenwart,
Deinen reinen Gedanken,
Und führe uns Dir mit Freuden zu dienen.

Unser Leben, dass wir Dir widmen,
Dem Guten für unsere Brüder und Nachbarn willen –
Wir preisen Dich Herr.

Hilf uns und unterstütze uns,
Damit wir wachsen in Wissen und Weisheit allseits,
Von Deinem Wort zu lernen und in Deiner Wahrheit zu verweilen.

Führe uns in allem was wir denken
Und in Deinem Namen tun,
Im siegreichen Heil Deines Reiches auf Erden bestehend.

Nähre unsere Seelen mit Deinem himmlischen Brot,
Und stärke uns mit Deiner Kraft,
So dass wir in unserem Leben vorankommen.

Wie Du uns all Deinen Segen verleihst,
So vermehre in uns Deine Liebe,
Um uns ein ewiges Gesetz zu bleiben.

Denn Dir ist das Königreich
Und die Macht und die Herrlichkeit
Für immer und in Ewigkeit.

Amen.

- Petar Danow, Gebet der Güte

Lichtsymbolik und Sonnengeheimnis

Herr des Lichts vollkommener Fülle und Güte,
Der über den mein Lehrer zu mir sprach,
Offenbare Dich mir wie es Dir gefällt.

Ich bin darauf vorbereitet Deinen Willen zu erfüllen,
Ohne zu zögern, entschlossen
Und ohne von Deinem Willen abzuweichen.

Ich will Dir Herr treu und ehrlich dienen,
Eben so wie Du auch treu und ehrlich bist,
Im Namen meines Lehrer, durch den Du zu mir sprachst.

Und lass mich, oh Herr, sein wie die kleinen Kinder Deines Königreichs –
Gehorsam, gewissenhaft, geduldig, fest und zufrieden in Deiner grenzenlosen Liebe,
Die sich aus Dir allen Schwachen und Müden offenbart,
Die den von Deinem Licht erfüllten Pfad suchen, worin Du weilst.

Ich bete zu Dir Herr,
Dass Du mich erleuchten mögest
Und sich Dein Geist nicht entferne
Von meiner Seele, von meinem Herzen, von meinem Geiste, von meinem Willen.

Lass mich, Herr, ein Überbringer Deines Wortes sein,
Ein Botschafter Deiner Wahrheit
Und ein Diener Deiner Rechtschaffenheit;
Möge Dein Geist in meiner Seele inkarnieren und lass mich frohlocken in der Gegenwart Deines Wortes, im Namen meines Lehrers, durch den Du der Welt bekannt wurdest.

Amen.

- Petar Danow, Lichtgebet

So wie auch in anderen esoterischen Traditionen, spielt in diesem Gebet Petar Danows, eine zentrale Rolle das Licht. Es ist das, womit die Welt zu sein begann – sowohl aus wissenschaftlicher wie auch aus religiöser Sicht. Die berühmten Zitate aus der biblischen Schöpfungsgeschichte und dem Johannes-Evangelium deuten das an:

Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht. Gott sah, dass das Licht gut war. Und Gott schied das Licht von der Finsternis.

- Genesis 1:3f

In ihm (im Wort Gottes, aus dem alles geworden ist) war Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht begriffen.

- Johannes 1:4f

Besonders im hier erwähnten Zitat aus dem Johannes-Evangelium, ist das Licht im »Wort Gottes«, ist im »Logos«, dem Wort, das an dieser Stelle, im alt-griechischen Original des Evangeliums verwendet wird. Logos ist allerdings ein Wort mit einem ausgesprochen weiten Bedeutungsspielraum. Bei Johannes steht es aber für das Wort im Sinne einer Existenz des Lichts. Vielleicht aber zunächst weniger jenes Lichts das die Augen sehen, als einem Licht etwas kraftvoll Seiendem, das als Vorstufe aller sinnlich wahrnehmbaren Elemente auch in diesem Augenblick aus dem Verborgenen her wirkt.

und der Logos (das Wort) war bei Gott, und Gott war der Logos (das Wort).

- Johannes 1:1

Aus diesem Logos, aus diesem besonderen Wort, das vielleicht schon immer vorhanden war, als Synonym eines ordnenden, formgebenden Prinzips, entstand das Manifeste, wobei Licht eine Zwischenstufe bildet. Das Licht steht über der Finsternis der manifestierten Welt. Denn was wäre diese, würde kein Licht auf sie fallen: Sie bliebe unsichtbar und kein Leben könnte sich je daraus entfalten.

Auf unserem Planeten Erde aber ist dieses Licht im Zentralgestirn Sonne allgegenwärtig.

St. Michael

Wie uns die Lehren der modernen Theosophie und auch der Anthroposophie wissen lassen, manifestiert sich der solare Logos, das lichthafte Wort der Sonne, in der Erscheinung des Erzengels Michael – der Name jenes größten Erzengels dessen Name die Frage stellt »Wer ist wie Gott?«

Auch im Lebensbaum der Kabbala, wo die sechste Sefirah Tiphereth mit dem Gestirn Sonne assoziiert wird, daraus wirkt die Kraft des Erzengels Michael. Dieser Erzengel ist also ein Geist der in der Sonne lebte. Michael war auch der Engel der den Baum des Lebens bewachte und der Adam und Eva aus dem Paradies vertrieb, da sie vom Baum der Erkenntnis aßen. Von diesem Baum aber schnitt St. Michael einen Zweig und reichte ihn Seth, dem dritten Sohn Adams.

Nun schrieb später der Prophet Daniel über diesen Erzengel Michael:

Zu jener Zeit wird Michael auftreten, der große Engelsfürst, der für dein Volk einsteht.

- Daniel 12:1

Wenn er hier sagt »Zu jener Zeit«, deutet er damit auf ein zukünftiges Ereignis hin. Da nämlich soll der Siegesengel und Beschützer der Menschheit in Erscheinung treten. Im Osten, wo die Sonne jeden Morgen aufsteigt, soll Michael seine himmlischen Heerscharen vor dem Thron Gottes versammeln und von dort aus kommen, um dereinst den Teufel und seine Dämonen vom Himmel zu stürzen (Offenbarung 12:7-9). Sie werden dann, von seinem überirdischen Licht geblendet in die Hölle stürzen.

In unserer heutigen Zeit aber scheint sich etwas zu bilden, worauf das hindeutet, was eben Johannes' Offenbarung prophezeit. Wir werden später erneut darauf zu sprechen kommen, wenn es um die »große Zeitenwende« geht, wo also die hohen Fürsten des Himmels in Erscheinung treten sollen.

Omraam Mikhaël Aïvanhov - ewigeweisheit.de

Omraam Mikhaël Aïvanhov (Bildquelle: Prosveta)

Omraam Mikhaël Aïvanhov

Im Jahr 1919 kam in den Kreis um Petar Danow der junge Mikhaël Aïvanhov (1900-1986). Schon als Teenager war der junge Mann ein begeisterter Leser spiritueller Literatur, begann schon sehr früh zu meditieren, machte besondere Atemübungen und fastete regelmäßig.

Später beschrieb Aïvanhov in seinem Buch »Die Neue Religion« ein Erlebnis, das er als Sechzehnjähriger hatte. Es war eine Erfahrung die alles veränderte und letztendlich sein spirituelles Erwachen bewirken sollte:

Die Sphärenmusik, die ich gehört habe, war der Gipfel all meiner Forschungen, all meiner Arbeiten, all meiner Übungen, bei denen ich aus meinem Körper ausgetreten bin. Sie ist seither in mir geblieben als Kriterium, als Muster, als Modell, ein Anhaltspunkt, um alles zu verstehen und alles einzuordnen.

- Aus »Die Neue Religion« von Omraam Mikhaël Aïvanhov

Doch die Zeit aus der Aïvanhov hier berichtet, verbrachte er in bitterer Armut. Auch als er sich der Bruderschaft Danows angeschlossen hatte, sollte sich daran zunächst nicht viel ändern. Immer aber widmete er sich dem Studium der okkulten Wissenschaften und nahm an den Meditationsübungen seines Meisters teil.

Als sein Meister Petar Danow, nach einer etwa einjährigen Exilhaft, im Jahr 1919 entlassen wurde und in den Kreis seiner Anhänger zurückkehrte, faszinierte ihn insbesondere der junge Aïvanhov. Der wurde sein wahrscheinlich ergebenster Schüler. Als Danow mit seiner Bruderschaft später in die bulgarische Hauptstadt Sophia umzog, folgte ihm Aïvanhov nach.

Durch seinen Meister angeregt schrieb sich Aïvanhov dann an der Universität von Sophia ein, um dort zwischen 1923 und 1931 Naturwissenschaften zu studieren. In dieser Zeit besuchte er auch Kurse in Philosophie und Psychologie. Ab 1932 arbeitete Aïvanhov als Lehrer an einer Schule, von der er später auch Direktor wurde.

Der französische Zweig der Weißen Bruderschaft

Als kurz vor dem Zweiten Weltkriegs unruhige Zeiten aufdämmerten, beauftrage Petar Danow den damals 37-jährigen Aïvanhov damit, einen Zweig seiner okkulten Schule in Frankreich zu gründen, wo er die Lehren der bulgarischen Bruderschaft bekanntmachen sollte.

1937 reiste Mikhaël Aïvanhov mit einem einfachen Touristenvisum nach Paris, wo er Kontakt aufnahm zu Menschen, die mit der Universellen Weißen Bruderschaft sympathisierten. Unter ihnen befand sich Stella Bellemin, eine Frau in ihren Fünfzigern, die eine der treuesten Schülerinnen Aïvanhovs werden sollte. Sie hatte Bulgarien bereist, wo sie auch Petar Danow begegnet war. Mit ihrer Hilfe perfektionierte Aïvanhov sein Französisch und begann schon im Jahr darauf erste Vorlesung an der Sarbonne in Paris zu halten. In dieser Zeit schlossen sich ihm immer mehr Menschen an.

Nach dem Zweiten Weltkrieg fand Aïvanhovs Bruderschaft ein Haus in einem Vorort von Paris, in Sèvres. Nachdem dort notwendige Renovierungsarbeiten abgeschlossen waren, gründeten er und seine Anhänger Ende 1947 einen Verein mit dem Titel »Fraternité blanche universelle« (deutsch: »Universelle Weiße Bruderschaft«) die dann Anfang 1948 offiziell in das französische Vereinsregister eingetragen wurde. 1953 dann entstand ein weiteres internationales Zentrum der Bruderschaft in der Nähe des südfranzösischen Fréjus, dem sie den Namen gaben »Le Bonfin«.

Begegnungen mit einem indischen Guru

Aïvanhovs reiste 1959 nach Indien und traf dort den Hindu-Guru Neem Karoli Baba (1900-1973) – den seine Schüler »Babaji« nannten, »Verehrter Vater«. Dieser Babaji war ein Meister des Bhakti-Yoga, einem spiritueller Weg im Hinduismus, der sich der Entwicklung liebender Hingabe an Gott widmet. Neem Karoli Baba war auch der Lehrer des amerikanischen Gurus Ram Dass.

Von diesem Guru Neem Karoli Baba auf jeden Fall, erhielt Aïvanhov den Titel »Omraam«, ein Name der sich zusammensetzt aus zwei Sanskrit-Mantras: Om und Ram. »Om« natürlich ist das heiligste Mantra der Hindus, dass für das absolut Göttliche steht. Die Silbe »Ram« steht für das heilige Feuerelement.

Wie es zu dieser Namensgebung kam, versuchte Aïvanhov seinen Schüler durch folgende Allegorie zu veranschaulichen: »Omraam« entsprach dem alchemistischen »solve et coagula« (deutsch: »löse und binde«), wo das »Om« als »solve« alle Dinge auflöst und dabei verfeinert, um sie im »Ram«, dem »coagula«, neu zu materialisieren, wo eine gewonnene Vorstellung quasi zu einer konkreten Tatsache »gerinnt«. Sein neuer Titel stand damit natürlich für das, was er seinen Schülern durch seine Arbeit geben wollte: Hilfe bei der allegorischen Transmutation, bei der Verwandlung ihres bisherigen, in ein höheres, edleres Dasein.

Vor seiner Reise nach Indien hatte sich Aïvanhov, den seine Anhänger »Bruder Michael« nannten, bis dahin immer geweigert, dass man ihn als »Meister« ansprach. Schließlich sah er sich mit ihnen, als Mitschüler seines Lehrers Petar Danow. Doch nach seiner Reise nach Indien und seiner dortigen Begegnung mit dem Guru Babaji, sollte sich jetzt alles ändern.

Was einen Guru ausmacht

Ein Mensch den andere als ihren spirituellen Meister oder Guru bezeichnen, ist jemand der über seine Handlungen, seine Gefühle und über seine Gedanken vollkommene Kontrolle erlangt hat. Meister zu sein bedeutet darum zuerst Meisterschaft über sich selbst zu erlangen. Wer das erreicht und die wesentlichen Probleme des Lebens im Griff hat, der ist frei, besitzt einen äußerst starken Willen und ist jemand der gleichzeitig erfüllt ist von Milde, Liebe und Freundlichkeit.

Es bedeutet wirklichen Aufwand und bedarf beharrlicher Ausdauer, um Meisterschaft über das Selbst zu erlangen. Wem das jedoch gelingt, der ist jemand, der alle Widersprüche in sich aufgelöst hat und bei dem all sein Handeln, Fühlen und Denken mit seiner Lebensphilosophie in Einklang sind. Das macht ihn zum lebendigen Beispiel für das was er anderen mitteilen möchte.

Den Zustand eines sanften und gleichzeitig entschlossenen Bewusstseins zu erreichen, dafür übte einer, den andere dann einen Guru nennen, diszipliniert unter Anwendung besonderer Methoden. Aber auch ein Wissen über die grobstoffliche und feinstoffliche Konstitution des Menschen ist hierbei von Nöten, sowie ihre Wechselwirkung mit den Reichen der Natur und den höheren esoterischen Zusammenhägen im Kosmos.

Wem gelingt, so einer zu werden, der wird eine Quelle der Weisheit und des Lebens, die auf andere Menschen einen Magnetismus ausübt, ohne dabei selbst aktiv auf sie zugehen zu müssen. Man erkennt einen spirituellen Meister deshalb daran, dass er umgeben ist von Jüngern.

So kam es, dass auch Aïvanhovs Jünger wünschten, ihm nach 22 Jahren, in ihrer Anrede gebührenden Respekt zu zollen. Schließlich akzeptierte er als ihr Meister angesprochen zu werden. Seine Begabung mit seinen Schülern eine brüderliche Beziehung zu führen aber änderte sich nie.

Der Melchisedek-Orden

Aïvanhov lud jeden seiner Schüler dazu ein, einen noch größeren Meister wiederzufinden: Melchisedek – König von Salem, Meister aller Meister. Seinem Orden gehörten der Prophet Abraham, später König David und schließlich auch Jesus Christus an. Sie alle nämlich hatten in sich die Prinzipien des Sonnenlogos verwirklicht. Von diesem Orden beziehungsweise einer »Ordnung« des Melchisedeks kündet die Bibel:

Du ist ein Priester ewiglich nach der Weise Melchisedeks.

- Psalm 110:4

Du bist ein Priester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks.

- Hebräer 5:6

Dieser Melchisedek wird auch »König der Gerechtigkeit« und »Priester des höchsten Gottes« genannt, wobei der Zusatz »Salem« in seinem Namen, aus ihm auch einen Friedensfürsten macht, einer Eigenschaft die der biblische König König Salomon nach ihm verwirklichen sollte, als Erbauer des ersten Tempels auf dem Zionsberg in Jerusalem.

Die gnostische Schrift Pistis Sophia nennt Melchisedek den großen Empfänger des Lichts, der die Seelen in ihrem Aufstieg besiegelt und sie, so wörtlich, »zum Lichtschatze« führt. Dieser Priesterkönig Melchisedek ist der Anführer der Paralemptoren, der Empfänger des göttlichen Lichts. Als solcher aber ist er auch der, der die großen Eingeweihten leitete, wie etwa den Hermes Trismegistos, den Orpheus, den Propheten Moses, Zarathustra, König Salomon und Jesus den Christus. Sie alle hatten nur ein wahres Bedürfnis: im Licht Gottes zu handeln, von ihm erfüllt für das Licht Gottes zu arbeiten, damit es sich in der Welt und in jedem Menschen manifestiere.

Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.

- Johannes 8:12

Yoga des Lichts

Aus diesen und anderen Geheimlehren hatte Aïvanhov seine universelle Lichtmetaphorik entwickelt, auf deren Grundlage er die Mitglieder seiner Gemeinschaft in einen Yoga der Sonne initiierte: den Surya-Yoga. Er leitete sie an, zwischen den Frühlings- und Herbstäquinoktien, immer während des Sonnenaufgangs zu meditieren. Dieses morgendliche Ereignis nämlich bildet jeden Tag eine Zeit, wo sich das Sein des Menschen wieder aufbaut, wo die Sonnenstrahlen dazu beitragen den Meditierenden zu verwandeln und zu erneuern.

In dieser Meditation konzentriert der Praktizierende seine Gedanken auf die Sonne, was die Verbindung zu seinem Geist stärkt. Jeder Mensch nämlich trägt auch in sich ein solares Zentrum, so dass sich der Meditierende damit verbinden kann, wenn er auf die Sonne als Zentrum unseres Planetensystems meditiert. Auf diese Weise stellt der Praktizierende eine Verbindung her zu seinem höheren Selbst.

Ein Symbol für den Sieg über das Niedere Selbst

In seinem Buch »Die Früchte des Lebensbaums« beschreibt Omraam Mikhaël Aïvanhov die besondere Rolle des Erzengels Michael für unsere Erde und alles was auf ihr lebt. Dieser Engel ist die Wesenheit, die die Erde durch ihren himmlischen Geist reinigt. Das heißt, im Verlauf der vergangenen Jahrhunderte, bis heute, überschwemmten dämonische Kräfte unseren Planeten. In ihrer zerstörerischen Gesamtheit fügten sie sich zu dem zusammen, was Aïvanhov als den allegorischen Drachen beschrieb, der auf Erden sein Unwesen treibt und den dereinst St. Michael stürzen soll.

Wie obiges Zitat aus dem Buch Daniel andeutete, bleibt das in unserer Zeit aber ein zukünftiges Ereignis. Gegenwärtig drängt das Finstere der Welt, das Lichtvolle immer weiter zurück. Es gab aber immer Menschen die im Kampf gegen das Finstere all ihre Kräfte aufboten, um das was im biblischen Kontext das Symbol des Drachen widerspiegelt, zu überwinden. Keinem von ihnen aber gelang bisher, diesen üblen Egregor, diesen dämonischen Gruppengeist zu stürzen. Er nämlich giert nach allem das Furcht einflösst, labt sich am Hass und der Verwirrung aller Menschen, was sich zu eben jenem Geist verdichtete, dessen Seelengefährt jener siebenköpfige Drache aus der Offenbarung des Johannes sein wird.

Und ich sah ein anderes Tier aufsteigen aus der Erde; das hatte zwei Hörner gleichwie ein Lamm und redete wie ein Drache.

- Offenbarung 13:11

Erzengel Michael - ewigeweisheit.de

Der Erzengel Michael dargestellt auf einer byzantinischen Ikone eines unbekannten Meisters (um 1390).

Auf dem Weg in ein neues Goldenes Zeitalter

In dieser Symbolik kommt auch zum Vorschein das, was im Hinduismus als unsere Gegenwart im Eisernen Zeitalter beschrieben wird: das Kali-Yuga – das Zeitalter des Streites und des Niedergangs, mit dem ein großer Zyklus enden wird. Am Ende des Kali-Yuga aber soll auf Erden erscheinen, entsprechend dem Erzengel Michael der abrahamitischen Tradition, der zukünftige Buddha Maitreya oder der Kalki-Avatar der Hindus. Sie alle scheinen die selben Prinzipien zu verkörpern eines göttlichen Erretters, der das Böse der Finsternis vernichten und ein neues Goldenes Zeitalter einleiten wird.

So verkörpern der Avatar Kalki, wie auch der Erzengel Michael, ein Prinzip der Hoffnung und der Zuversicht, dass das Licht über die Finsternis in der Welt dereinst obsiege.

Michael und seine Engel erhoben sich, um mit dem Drachen zu kämpfen. Der Drache und seine Engel kämpften, aber sie konnten sich nicht halten, und sie verloren ihren Platz im Himmel. Er wurde gestürzt, der große Drache, die alte Schlange, die Teufel oder Satanas heißt und die ganze Welt verführt; der Drache wurde auf die Erde gestürzt, und mit ihm wurden seine Engel hinabgeworfen.

- Offenbarung 12:7

Und ich sah den Himmel aufgetan; und siehe, ein weißes Pferd. Und der darauf saß, hieß: Treu und Wahrhaftig, und er richtet und kämpft mit Gerechtigkeit. Und seine Augen sind wie eine Feuerflamme, und auf seinem Haupt sind viele Kronen; und er trug einen Namen geschrieben, den niemand kannte als er selbst. Und er war angetan mit einem Gewand, das mit Blut getränkt war [...]

- Offenbarung 19:11ff

Und so wie die Offenbarung Johanni jenen Erretter als auf einem weißen Pfern reitend das Böse vernichten wird, so wird auch in einer heiligen Schrift der Hindus, den Bhagavatapuranas, das Erscheinen des Kalki Avatars beschrieben:

Im Dorfe Shambhala wird der Gott Kalki erscheinen in der Heimat der großen Seele, der gerühmten Herrlichkeit des Gottes Vishnu. Sein schnelles weißes Pferd Devadatta besteigend, wird der Herr des Universums, mit Schwerte ausgestattet, mit überirdischen Fähigkeiten und acht Siddhis (übernatürlichen Kräften), die Verkommenen unterwerfen. Geschwind auf seinem Pferd über die Erde laufend, wird er mit unübertroffener Herrlichkeit die als Könige verkleideten Diebe niedermetzeln.

- Bhagavatapurana 12:2:18ff

Es ist also nur der Name, der in den Kulturen in West und Ost verschieden ist. Die Himmelsgesandten aber übernehmen immer die selbe Rolle. Mal auch als Maitreya oder Imam Mahdi. Das Wesen aber, der zuvor beschriebene Egregor, der in sich alles Leid konzentriert, ja eigentlich die Essenz alles Abscheulichen ist, den nennen die Geheimlehren den Grund für alles Übel auf Erden.

Nur jener himmlische, göttliche Avatara, jener auf Erden erscheinende Abgesandte Vishnus oder Gottes, kann dieses Monster stürzen und dabei die wegen ihm bestehenden Probleme der Menschen beenden und endlich auflösen. Wenn die Zeit dafür reif ist, wird er auf unserem Planeten erscheinen, den Drachen Satan stürzen, damit schließlich in unserer Welt ein neues irdisches Paradies erblühe. Das ist eine religiöse Hoffnung von der alle spirituellen Traditionen künden.

Dann werden St. Michaels Heerscharen die Gebete der Menschen beantworten, die sie seit Jahrhunderten an den Herrn der Welten richteten. Aus diesem Grund legte Aïvanhov seinen Anhängern nahe, solle man sich eben diesem Erzengel Michael zuwenden, sich mit ihm verbinden.

Wer so tut, der solle ihn um Schutz bitten, damit sich jeder Einzelne in diesem Sinne mit seinen Gefährten auf diesem Weg verbinde, einem Weg auf dem St. Michael dereinst mit seinem Licht, die Kräfte der Finsternis zerstreuen wird. So steht es geschrieben im Buch der Offenbarung.

Lohnt es sich deshalb nicht, einen Teil von unserem eigenen Licht, diesem erhabenen Ansinnen zuströmen zu lassen?

Willst Du leben, wahrhaftig leben? Gib Deinem höheren Selbst die Mittel, um über Dein niederes Selbst zu obsiegen.
Aus Perspektive der Einweihungslehren finden Gedanken, Gefühle und Machenschaften, die das höhere Selbst nicht begeistern, einfach nur den Tod, da sie von der Seele und dem höheren Geist nicht berührt wurden.

Dennoch solltest Du nicht versuchen Dein niederes Gemüt zu zerstören. Denn einerseits wirst Du damit erfolglos bleiben – denn Du selbst wirst zerstört, denn es ist ja sehr mächtig, da es ein Teil von Dir ist.
Drum sollte Dein Ziel sein es beherrschen zu lernen, es gefügsam zu machen, damit Dir seine eigentliche Lebendigkeit und Fülle zugutekomme.

Das hier Beschriebene wurde auch in der Offenbarung des Johannes veranschaulicht, wo Erzengel Michael den Drachen niederstreckt. Der Erzengel aber tötet den Drachen nicht; er überwältigt ihn.
Auf diese Weise sollen auch die Schüler den Drachen ihres niederen Selbst überwältigen. Das Symbol des Drachen zu durchschauen, schwächt ihn bereits (und entsprechend das niedere Selbst). Meditiere über dieses Bild und Du wirst vom Tod ins Leben schreiten, aus der Finsternis ins Licht, aus den Begrenzungen in die Grenzenlosigkeit, aus der Sklaverei in die Freiheit, aus dem Chaos in die Harmonie.

- Meditation nach Omraam Mikhaël Aïvanhov

Sein, Entwerden und Werden

Wie andere vor ihnen, versuchten Omraam Mikhaël Aïvanhov und Petar Danow den Menschen in ihrem Umfeld, ein Bewusstsein für den Kern ihres wahren Seins zu vermitteln. Wichtigstes Sinnbild für dieses Bewusstsein war immer das Licht, wie es der Erzengel Michael als Logos der Sonne verkörpert oder das Gestirn selbst, wo die Sonne doch schließlich die Quelle allen Lebens auf Erden ist. Denn durch ihre Wärme und ihr Licht entstanden all die unzähligen Lebensformen auf unserem Planeten.

Auf seinem Einweihungsweg muss der spirituell Suchende sich als Ziel setzen die Sonne zu erreichen, das heißt, er muss sich der mit ihr zusammenhängenden Symbolik nähern und nach dem Kern ihres Wesens streben. Die Sonne wird symbolisch zu seiner höchsten Gottheit, da er durch sie zu neuem Leben gelangt. Auf dem Sonnenwagen fahrend begibt er sich als Initiant, auf diese Weise zur Unsterblichkeit.

Wer diesen Sonnenwagen aber besteigen will, wird lernen müssen in seinem gegenwärtigen Leben zu sterben. Denn wie es die Alten sahen, versank ja auch die Sonne bei Sonnenuntergang ins Reich der Toten, in die Finsternis der Unterwelt. Wer sich darum mit einem solaren Bewusstsein durchs Leben bewegen möchte, sollte sich vertraut machen mit diesem Sein, Entwerden und Werden, dem ewigen Wechsel von solve et coagula, vom Lösen des Alten und neuer Zusammenfügung, von Loslassen und neu inspiriertem Handeln. All das zeigt ihm die Sonne Tag für Tag, in ihrem Gehen und ihrer Wiederkehr, als Licht der Welt.

 

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- Rig-Veda 9:17:3

Das iransiche Avesta, das heilige Buch des Zoroastrismus, erwähnt einen besonderen Lebenstrank: den Haoma. Ihn trank der Heilige Dschamschid aus seinem magischen, aus sieben Ringen verfertigten Kristallbecher: dem Dschame Dscham.

Der indische Rig-Veda nennt dieses besondere Elixier "Soma" - ein leuchtender Himmelssaft, durch den, so die Überlieferung, periodisch das Licht des Mondes erneuert wird. Am Soma berauschen sich die Götter, bis sie es zu Neumond ausgekostet haben. Dann überwiegen die Finsterniskräfte, doch schließlich werden diese besiegt vom Sonnengott Surya. Durch ihn fließt dem Mond dann die heilige Lichtspeise zu, bis an Vollmond, wo dann das himmlische Gefäß wieder gefüllt ist.

Die alten Iraner und Inder, dachten sich also den Mond als himmlische Schale die vom Haoma bzw. Soma erfüllt, ausgetrunken und erneut erfüllt wurde. Ihren Inhalt trinken die Götter, wie auch die in Abgeschiedenheit lebenden Heiligen (Eremiten).

Einst kämpften die Engel gegen die Dämonen. Sie stritten um dieses wunderbare Gefäß. Die Menschen freuten sich, wenn ein göttlicher Held einen Dämonen besiegte. Das rührt vom Glauben, auch der Mensch dürfe, mit Gottes Erlaubnis, dereinst schlürfen vom lebensspendenden Trank.

Den Menschen fließt nur ein Teil des Soma zu, im strömenden Sonnenlicht und Regen.

Sich dem Himmelsbecher (Mond) aks Mensch zu nähern ist unmöglich, befindet er sich doch im fernen Land der Seeligen. Dort aber spendet sein Strahlen höchsten Segen.

Wir haben jetzt Soma getrunken, Unsterbliche sind wir geworden; wir sind zum Lichte gelangt, wir haben die Götter gefunden. Was kann uns jetzt die Missgunst antun, was die Hinterlist eines Sterblichen, oh Unsterblicher?

Rig-Veda 8:48:3

Gläubige hoffen nach ihrem Tod dorthin zu gelangen, was nur geschieht, wenn sich ihnen der Mondgott gnädig zeigt. Er ist die Personifikation des himmlischen Rauschtrankes Soma und bringt die Menschenseelen ins ferne Lichtland der Seeligen, wo sie sich an den Segnungen des Soma laben. Wer dem Mondgott opfert, dem wird er sich gütig ergeben – so die Hoffnung.

Eine andere Sage erzählt, von hohen, halbgöttlichen Wesen die aus der Schar der Elfen stammen. Sie wohnten bei den himmlischen Feuern und hüteten und bewachten dort den himmlischen Trank. Von dort aus machten sich einige von ihnen zu den Menschen auf, denn sie sahen die Schönheit der Menschentöchter und ließen sich dazu herab, sie als Frauen zu ehelichen.

Chandra der Mondgott - ewigeweisheit.de

Der indische Mondgott Chandra auf seinem Himmelswagen.

Die Wächter

Die Kinder, die die Menschentöchter den Göttersöhnen gebaren nennt man die himmlischen Wächter. Davon erzählt auch die Hebräische Bibel:

Als sich die Menschen über die Erde hin zu vermehren begannen und ihnen Töchter geboren wurden, sahen die Gottessöhne, wie schön die Menschentöchter waren, und sie nahmen sich von ihnen Frauen, wie es ihnen gefiel. Da sprach der Herr: Mein Geist soll nicht für immer im Menschen bleiben, weil er auch Fleisch ist; daher soll seine Lebenszeit hundertzwanzig Jahre betragen.
In jenen Tagen gab es auf der Erde die Nephilim (Riesen), und auch später noch, nachdem sich die Gottessöhne mit den Menschentöchtern eingelassen und diese ihnen Kinder geboren hatten. Das sind die Helden der Vorzeit, die berühmten Männer.

- Genesis 6:4

Dieser Mythos wiederholt sich erneut in der alt-irischen Mythologie. Dort sind es die Tuatha de Danaan, die als Halbgötter bzw. Göttersöhne zur Erde kommen. Auch hier leben riesenhafte Wesen, die Fomoren, die auf Erde ihr Unwesen treiben.

All diese Geschichten deuten auf ein großes Geheimnis hin: das Gralsmysterium. Denn es stritten die Fomoren mit den Tuatha de Danaan um dieses heilige Gefäß, dass die Kelten nannten "den Kessel des Dagda" – ein geheimnisvolles Gefäß, dass unendlich Nahrung spendet.

Lässt sich also aus dem Lauf des Mondes, auf die wahre Bedeutung des Heiligen Grals schließen?

Mit der Antwort auf diese Frage beschäftigt sich in Zukunft ein neues Buch von Johan von Kirschner.

Die Mysterien von Eleusis und das Urchristentum

von Johan von Kirschner

Einweihung in Eleusis - ewigeweisheit.de

Wer nie das Blut eines Mitmenschen vergossen hatte und fähig war zu schweigen, der konnte, ganz gleich ob Fürst oder Sklave, in die Mysterien von Eleusis eingeweiht werden. Wer Anteil hatte an der göttlichen Weisheit der Mysterien, wie wohl einst der Apostel Paulus, der wurde ein »Vollkommener« und konnte auch in anderen die Flamme der Erkenntnis entzünden.

Viele alte Philosophen, Dichter und Historiker sprachen mit größter Ehrfurcht von einem Kult, der sich um drei Gottheiten drehte: Demeter, Persephone und Dionysos. Wer in die Mysterien eingeweiht wurde, strahlte in seiner ganzen Erscheinung eine Heiligkeit aus, die, so der alte Glaube, von diesen Gottheiten auf ihn überging. Was Christen und Juden beim Namen Jerusalem, Muslime beim Namen Mekka empfinden, dass und mehr mussten eingeweihte Griechen beim Namen »Eleusis« empfunden haben. Eleusis war ein Ort wo etwas stattfand, dass die dort Teilnehmenden niemals mehr vergessen konnten und ihnen für den Rest ihres Lebens Licht, Kraft und Trost gab.

Sophokles, selbst ein Eingeweihter, fasste seine Eindrücke der Ereignisse von Eleusis so zusammen:

Dreimal selig, ewig stillbeglückt
Ist der Sterbliche, der jene Weihe erblickt
Ehe er zum Hades niederstieg.
Seiner harrt dort Freude, Licht und Sieg.
Ihm allein ist Sterben neues Leben;
Doch den andern wird viel Leid gegeben.

Die Mysterien von Eleusis wurden in Griechenland vor mehr als 3.000 Jahren gegründet. Seit damals wurden in Eleusis zehntausende, wenn nicht sogar hunderttausende Menschen in die Mysterien eingeweiht. Das bedeutet, dass die Teilnehmer nicht allein aus dem alten Griechenland stammten, sondern wohl auch aus dem römischen Reich, aus Kleinasien, Palästina, Ägypten und Persien eingeladen wurden, um an den Mysterienfeiern teilzunehmen.

Auch wenn man damals im griechischen Arkadien, Messenien und Korinth Mysterienfeiern abhielt, waren ihnen seit alters her die Eleusinischen Mysterien übergeordnet. Ihr Ahnherr war der thrakische Demeterpriester Eumolpos, der als erster Hierophant (Enthüller der heiligen Geheimnisse) im heiligen Drama der Mysterien die Rolle des Zeus zufiel.

Man unterschied zwischen den kleinen Mysterien, den Myesis (von griech. myo, verschleiern), und den großen Mysterien, den Teletai (von griech. telos, vollkommen), in denen die eigentliche Einweihung vollzogen wurde. Es war Personen beider Geschlechter und aller Stände, auch Sklaven, gestattet, an den kleinen Mysterien teilzunehmen. Doch die höhere und letzte Initiation der großen Mysterien vollzogen nur wenige – trotz dass ihnen darin die großen Geheimnisse des Lebens offenbart wurden.

Klassische Illustration des Mysteriengeschehens - ewigeweisheit.de

Klassische Illustration des Mysteriengeschehens

Die kleinen Mysterien

Die kleinen Mysterien wurden jedes Jahr im Monat Anthesterion, um das Frühlings-Äquinox in der Kleinstadt Agrae abgehalten, in der Nähe von Athen. Dort hausten die Teilnehmer in einer kleinen Zeltsiedlung, von wo aus sie sich in ein nahe gelegenes Demeter-Heiligtum begaben, in dem die Weihehandlungen stattfanden. Wer die Weihe empfangen wollte, dessen guter Leumund musste von zwei Eingeweihten bezeugt werden, die damit seine Mysterien-Paten wurden. Nur wer ein ehrenhafter Bürger des hellenischen Staates war und sein Hände niemals mit dem Blut eines Mitmenschen befleckt hatte, entsprach den Anforderungen der eleusinischen Priester und konnte als Neophyte angenommen werden.

In den kleinen Mysterien wurde der Neophyt auf die heiligen Wahrheiten der großen Mysterien vorbereitet und nach dem Empfang der ersten Weihe, durfte er sich »Myste« nennen: Verschleierter.

Die großen Mysterien

Man sagt jene Eingeweihte der kleinen, glichen unvollkommenen Schatten derjenigen die die Weihen der großen Mysterien empfangen hatten – ganz so wie der Schlaf ein Schatten des Todes ist. Als ein Myste der kleinen Mysterien wurde man aber für die großen Mysterien zugelassen. Sie fanden alle vier Jahre im Monat Boedromion, um das Herbst-Äquinox, in der Tempelanlage von Eleusis statt. Alles was dort geschah ereignete sich hinter verschlossenen Toren. Uneingeweihte die sich in die Mysterien einschleichen wollten, wurden mit dem Tode bestraft.

Wer die Weihen der großen Mysterien empfangen hatte wurde in die Anfangsgründe der heiligen Wissenschaften eingeweiht. Ihn nannte man einen Epopten – das war ein »Sehender«, einer der das Mysterium des Todes »geschaut« hat.

Das Geheimhaltungsgebot

In den Mysterien wurde kein geheimes Wissen vermittelt, noch führte man darin intellektuelle Unterweisungen durch. Die Teilnehmer machten aber Erfahrungen, durch die sie ein phänomenale Selbst-Transformation erfuhren. Der griechische Philosoph Apuleius (125-180 n. Chr.) beschrieb die Einweihung als einen freiwilligen Tod des Teilnehmers und seine Wiedergeburt zu neuem Leben. Man teilte den Mysten etwas mit, zeigte ihnen etwas und etwas wurde mit ihnen getan. Während der mehrtägigen Mysterienhandlungen, erfuhren die Teilnehmer die Bedeutung der Pole von Sterben und Wiedergeburt, von Schmerz und Vergnügen, von Finsternis und Licht.

Was die Mysten in den Weihen von Eleusis empfingen, muss eine ganz wunderbare Erfahrung gewesen sein. Das innerste Seelenleben des Initianden wurde in seinen verborgensten Tiefen erschüttert und auf geheimnisvolle Weise wieder neu zusammengefügt. Wer in die Mysterien eingeweiht wurde, der lebte fortan als anderer Mensch. Was das bedeutet, bleibt Nicht-Eingeweihten für immer verborgen. Es ging also nicht um die Mitteilung besonderer Geheimnisse, sondern um tiefgründige Erfahrungen – etwas, dass in Worten ebenso wenig mitteilbar war, wie ein Sehender einem Blinden von Farben erzählen könnte. Es war eine Art Vorgeschmack auf die Todeserfahrung, den der Myste in Eleusis kostete. Wie sollte also jemand ganz genau in Worten beschreiben wie es sich anfühlt und was in diesem Zustand mit einem geschieht, der diese Erfahrung noch nie gemacht hat?

Jede Erfahrung die wir machen ist vollkommen individuell und kann nicht durch Worte beschrieben werden – denn die Beschreibung ist niemals das Beschriebene! Was sich den Mysten in den Mysterien in dieser Erfahrung ganz deutlich offenbarte, war die esoterische Geschichte über die Entstehung der Götter in der alten Volksreligion. Wer preisgab was er erfuhr, der gefährdete Staat und Glauben, denn er verriet die Herkunft der Volksgötter, was, ohne Verständnis der geistigen Hintergründe im Volk, zu gefährlichen Missverständnissen geführt hätte. Nur dem Auge des Eingeweihten erschlossen sich die göttlich-geistigen Zusammenhänge. Darum das Schweigegelübde: die Mysterien-Weisheit musste Tempel-Geheimnis bleiben. Wer die Mysteriengeheimnisse verriet, der machte sich der Todesstrafe schuldig! Doch im Verlauf der Jahrhunderte in denen die Mysterien abgehalten wurden, ist nie ein Fall von Verrat der Geheimnisse durch einen Eingeweihten bekannt geworden.

Hehres Geheimnis, das keiner verraten darf, noch erfragen,
Noch beklagen; ein heiliger Schauer ja bindet die Sprache.
Glücklich jedoch, wer es sah von den erdebewohnenden Menschen!
Denn wer die Weihen empfing, und dem das Heilige fremd blieb;
Nicht doch haben sie gleiches Geschick in dem Reiche der Toten.

- Aus Homers Hymnus an Demeter

Die Geheimhaltung der Mysterien waren in sich selbst ein Symbol dafür, dass die wichtigsten Dinge im Leben nicht beschrieben werden können. Wie wollte jemand beschreiben was Liebe ist, wie es sich anfühlt und in welche Stimmung es jemanden versetzt? Ist Liebe nicht eines der größten Mysterien? Auch was der Tod, das Leben, die Zeit und das menschliche Bewusstsein sind, bleiben Geheimnisse, denn die Erfahrung der mit ihnen zusammenhängenden Vorgänge sind jeglicher Sprache erhaben. Über das wirklich Wichtige im Leben lässt sich nicht reden.

Die Mysterien-Handlungen

Was die Neophyten im heiligen Drama der kleinen Mysterien gezeigt bekamen, war die Geschichte der Persephone, der Tochter der Korngöttin Demeter. Es war eine Allegorie auf die Geschichte der menschlichen Seele. Persephones Weg aus der Oberwelt in die Unterwelt, bedeutete das Herabkommen der menschlichen Seele auf die Erde in der Stunde der Zeugung. Durch ihr Begehren wurde Persephone verführt, wodurch der finstere Herrscher der Unterwelt Gewalt über sie erlangte. Auch die Seele des Menschen wird durch die irdische Liebe angezogen, wenn sich Mann und Frau vereinigen. Sie wird dann in dieses Leben hineingeboren, wo sie im Dunkel des Körpers weilen muss. Erst in der Stunde des Todes, ringt sie sich wieder empor, in die lichtvollen Welten des Himmels.

Wie in den ägyptischen Mysterien von Osiris und Isis wurde auch in Eleusis den Mysten etwas erzählt, dem sie mit verschleiertem Gesicht lauschten. Als man von ihren Augen den Schleier nahm und vor ihnen geheime Symbole enthüllte, erschloss sich ihnen das Gehörte, machte Sinn und fügte sich zu einem großen Ganzen zusammen. Immer ging es um den Zyklus von Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt, symbolisiert durch den Jahreszyklus im Leben des Getreides. So wie im Jahreskreis die Vegetation im Winter stirbt, so lebt im Menschen die Hoffnung auf ihre Wiederkehr. Die in der Erde um diese Zeit vergrabene Saat stirbt dort, um im Frühling aus der Erde zu neuem Leben zu erblühen.

So hoffte auch der Mensch auf sein eigenes Wiedererwachen nach dem Tod, auf die Unsterblichkeit seiner Seele in der Wiederauferstehung zu ewigem Leben. Das herbstliche Erntefest war auch eine Feier der Unsterblichkeit. In mancher Hinsicht erinnern diese Formulierungen an das Christentum. Und in der Tat ist davon auch die Rede in einem der Evangelien:

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.

- Johannes 12,24-26

Der hier angedeutete symbolische Charakter des Vegetationszyklus, wurde im Mysterienkult von Eleusis voll ausgeschöpft. Doch es wäre falsch zu glauben, dass es nur ein symbolischer Vorgang war, der den Mysten im Einweihungstempel gezeigt wurde. Es war ein tief mystisches Erfahren, wodurch die Initianden erkannten, was das innerste Wesen der Naturvorgänge ist: im Menschen, auf der Erde und im Weltenkosmos. Die Teilnehmer waren sich bewusst, dass die Kräfte, die in der Erde wirken, auch in den Tiefen der menschlichen Seele aktiv sind.

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Angst vor dem Tod

Auch schon für die alten Griechen war der Tod etwas ganz Furchtbares. Achilles, der seinem Genossen Odysseus in der Unterwelt begegnete, sagte zu diesem, er wolle lieber als Bettler in der Menschenwelt leben, statt als König im Reich des Hades. Ein Gegenbild hierzu liefern die Eleusinischen Mysterien, denn sie vermitteln den Wert des Ewigen gegenüber dem Irdischen und Vergänglichen. Den hoch erhabenen Epopten wurde das geheime Wesen dieser Wahrheit vom Hierophanten enthüllt.

Die Schönheit (der Mysterien) aber war damals leuchtend zu schauen, als wir (als Epopten, als »Sehende«) mit dem glückhaften Chore das selige Gesicht und Schauspiel genossen […] (und) in die Mysterien eingeweiht wurden, die nach ewigem Recht die segenbringendsten aller Mysterien genannt werden. Als Makellose schwärmten wir, damals noch unversehrt von den Übeln, die uns in der künftigen Zeit erwarteten. Darauf vorbereitet und geweiht, schauten wir klare, beglückende, unwandelbare und heilige Visionen, die in reinem Lichte wohnten. Wir sahen uns selber, rein und nicht behaftet mit dem, was wir jetzt unseren Körper nennen, den wir an uns geheftet (d. h. an die Seele gebunden), mit uns herumtragen, so wie die Purpurschnecke ihr Haus.

- Aus Platons Phaidros

In Eleusis lernten die Teilnehmer das innerste Wesen dieses großen Mysteriums kennen. Sie erfuhren, dass ihre Seele aus himmlischen Regionen stammte, sich aber von Zeit zu Zeit auf der Erde in einem Menschenleib verkörperte. Da die Seele sich nach dem Irdischen sehnt, wird sie zu immer neuen Verkörperungen getrieben und kehrt darum wieder auf die Erde zurück – so wie Persephone zu Hades.

Dem Epopten jedoch erschien diese Angelegenheit, als wandelte seine Seele in einem Menschenkörper eingefangen, ganz unbewusst auf dieser Erde – im Exil von ihrer himmlischen Heimat. So findet die Seele mit der Geburt in einem Menschenkörper, gewissermaßen ihren Tod auf der Erde. Erst wenn der Kerker des Menschenkörpers abgestorben ist, kehrt sie wieder zu ihrem Ursprung und zu einem neuen himmlischen Leben zurück. Das sollte der Teilnehmer als eine Art allegorische Erfahrung erleben - als Vorwegnahme davon, was seine Seele dereinst erleben wird.

Mit diesem Drama der menschlichen Existenz auf der Erde, verbanden die alten Griechen aber auch die schicksalhafte Geschichte des Gottes Dionysos. Über sein Wesen und das der anderen Mysteriengötter, werden wir im Folgenden näheres erfahren.

Mythologischer Hintergrund der Mysterien

Zeus, bei den Römern Jupiter genannt, war bekanntlich ein donnernder Himmelsvater und höchster Gott des alt-griechischen Pantheon. Seiner etymologischen Herkunft nach ist der Name Zeus abgeleitet vom indogermanischen Dyaus (Dyaus Pita, Ju Piter, »Himmelsvater«) – der Himmel. Mit seinen Beinamen Jovis oder Jove, sind Zeus oder Jupiter, außerdem mit dem phönizischen Mysteriengott Jao verwandt. Man sah in Jao ein Licht, aus dem die Seelen emanieren. Jao ist auch ein anderer Name für den Jahve oder Jehova der Hebräer. In all diesen Namensformen steht er als höchster Gott und Herrscher über der Götterversammlung und kommt von einem heiligen Götterberg (Olymp, Berg Nysa, Berg Sinai) auf die Erde.

Zeus hatte zwei Schwestern: Hera und Demeter. Die eine wurde seine Ehefrau, die andere eine seiner vielen Liebschaften. Demeter war Göttin der Agrarkultur, der Fruchtbarkeit des Ackerbodens und der Kornähren. Ihr Name hat sich über die Zeiten hinweg ein wenig verändert, denn sie hieß ehemals Ge-Meter bzw. Gaia-Mater, »Mutter der Erde«. Wie uns die griechische Sage verrät, war sie die einzige Göttin, die nicht wie die anderen, Zeus »anhimmelte«, sondern sich ihm gegenüber eher gleichgültig zeigte. Das reizte den himmlischen Donnerer aber umso mehr. Doch fast schon gleichgültig ließ Demeter sich von Zeus begatten, wurde aber schwanger. Das so zur Welt gekommene Mädchen erhielt später den Namen Persephone – die »Getreidedrescherin«.

Die Göttin Demeter - ewigeweisheit.de

Die Göttin Demeter

Wie von einem Wahn befallen, und das scheint ja in der Götterwelt immer wieder vorzukommen, verliebte sich Zeus in das Mädchen Persephone, seine eigene Tochter! Aus Scham aber verwandelte er sich in eine Schlange, näherte sich ihr von hinten, kroch in sie hinein und schwängerte sie auf diese Weise. Es kam ein Sohn zu Welt: Zagreus. Zeus »offizielle« Ehefrau Hera, raste vor Eifersucht. Nicht nur mit ihrer Schwester hatte er es getrieben, sondern sich sogar über ihre Tochter hergemacht. Im Hass gegen den unehelichen Sprössling ihres Mannes Zeus, verbündete sie sich mit den Feinden der Olympier. Sie hetzte die Titanen (die verhassten Vorfahren der Olympier) gegen Zagreus auf. Seinen geliebten Sohn versteckte Zeus deshalb in seiner Geburtshöhle auf der Insel Kreta. Doch Hera verriet den Titanen das Versteck, die ihm bald folgten und ihn mit einem Spiegel aus der Höhle lockten. Sobald er sich darin sah und erkannte!, trat er aus seinem Versteck heraus, sie aber ergriffen ihn und rissen ihn in Stücke. Im letzten Augenblick aber konnte die Weisheitsgöttin Pallas-Athene – Zeus' Kopfgeburt – dem zerstückelten Leib das Herz des Zagreus entreißen. Während die Titanen das Fleisch des Zagreus in einem Kessel kochten, brachte Athene das Herz von Zagreus der Prinzessin Semele. Sie war die Tochter von König Kadmos dem Drachentöter und legendären Gründer der alten Stadt Theben.

Das Kornmädchen: Persephone, die Tochter von Zeus und Demeter - ewigeweisheit.de

Das Kornmädchen: Persephone, die Tochter von Zeus und Demeter

Nun sah Zeus das große Unglück das die Titanen mit seinem Sohn begangen hatten und verbrannte sie mit seinem Blitz zu einem großen Haufen Asche. Einer der Titanen jedoch blieb verschont, da er sich mit den Olympiern gegen sie verschwor: Prometheus. Dieser nahm die Asche und formte daraus die ersten Menschen – doch das ist eine andere Geschichte.

Bald darauf erschien Zeus der Semele als Sterblicher. Er überredete sie das Herz des Zagreus zu essen. In diesem mythischen Bild erkennen wir eine uralte, aus den Tiefen religiöser Anschauungen empor drängende Vorstellung. Schon seit alter Teit glaubten Menschen sich mit einem Gott dadurch vereinigen zu können, dass man ihn selbst oder nur ein Stück von ihm aß, was natürlich auch an den Einsetzungsbericht der Bibel erinnert:

Nehmt und esst; das ist mein Leib.

- Matthäus 26,26-28

Semele tat wie ihm der Gott Zeus befahl, aß das Herz des Zagreus und wurde schwanger. Sie wunderte sich jedoch über diesen Fremden, der ihr ja ganz und gar nicht wie ein Sterblicher vorkam. Sie war sehr neugierig und wollte wissen, wer in Wahrheit dieser schöne Mann sei. Sie gab nicht nach bis der Himmelsgott schließlich eingestand: »Ich bin Zeus«. Ungläubig schaute ihn Semele an und verlangte, dass er sich ihr dann doch bitte in seiner vollen Gestalt zeige, was Zeus leider auch tat. Doch das Licht das von seiner Erscheinung ausging war so stark, dass Semele darin verbrannte. Aus den Flammen rettete jedoch der Götterbote Hermes die Leibesfrucht und übergab sie dem Himmelsvater. Zeus nähte sich den Embryo in seine Hüfte ein und brachte das Kind drei Monate später selbst zur Welt. Biologisch kaum machbar, doch mythologisch einwandfrei! So wurde der unsterbliche Dionysos geboren – Zeus »eingeborener« Sohn. Dionyos wurde von Nymphen auf dem Berg Nysa großgezogen. Später wurde er zum Gott des Weines, der Fruchtbarkeit und der Ekstase.

Der junge Dionysos bei den Nymphen - ewigeweisheit.de

Der junge Dionysos bei den Nymphen

Mit diesem Dionysos aber, hat es eine besondere Bewandtnis. Es heißt er sei eigentlich der selbe, der in der Bibel später als »Gott der Herr« – als »JHVH Elohim« (Jahve Elohim) bezeichnet wurde. Wie kann das sein? Es scheint als wäre der Name des jüdischen Gottes Jahve, der am Berg Sinai zu Moses sprach, im Namen Dionysos' enthalten. Tatsächlich gibt es eine Tradition von »Nysa« und eine Höhle, wo dieser Gott großgezogen wurde. Was oben gesagt wurde, scheint sich hier also mit der Figur des Dionysos, des »Zeus von Nysa«, zu vermischen. Der griechische Geschichtsschreiber Diodor (1. Jhd. v. Chr.) behauptete, der Ort »Nysa« befände sich zwischen Phönizien und Ägypten. Diese beiden Länder trennte das Rote Meer, doch war im Norden durch die Sinai-Halbinsel verbunden, auf der sich bekanntlich ja der Berg Sinai, der Mosesberg befindet. Diodor setzte Dionysos sogar gleich mit dem ägyptischen Gott der Vegetation und der Wiedergeburt: Osiris. Diodors »Universalgeschichte« entnehmen wir dazu Folgendes:

Einige Griechische Mythologen nennen den Osiris auch Dionysos, und um des gleichen Lauts willen Sirius. Nach Eumolpus z. B. in den Bacchischen Gesängen: 'Strahlet im Sternenglanz Dionysos feuriges Antliz.' Und Orpheus sagt: 'Darum nennen sie ihn den Leuchtenden und Dionysos.'

- Diodor, Universalgeschichte, 2. Buch, Kapitel 11

Wie man der esoterischen Philosophie entnehmen kann, besteht nicht nur in der ägyptischen, sondern auch in anderen Traditionen (z. B. bei den Dogon), ein enger Zusammenhang zwischen dem Sirius und der Agrarkultur.

Osiris war selbst ein Freund des Feldbaues; er war im glücklichen Arabien erzogen, in Nysa, nicht weit von Ägypten; darum erhielt er bei den Griechen, die aus dem Namen seines Vaters Zeus (nominativ Zeus, Genitiv Dios) und dem dieses Orts zusammengesetzte Benennung Dio-nysos. […] Osiris entdeckte bei Nysa den Weinstock, und erfand dann auch die Behandlung dieses Gewächses; er war der Erste, welcher Wein trank, und die andern Menschen den Weinbau lehrte und den Gebrauch des Weins, wie auch die Bereitung und Aufbewahrung desselben.

- Diodor, Universalgeschichte, 3. Buch, Kapitel 15

Wenn wir nun die Namensdeutung des Dionysos, als Zeus von Nysa, mit dem Bibelvers Exodus 17:15 vergleichen, verehrte dann Moses mit seinem Volk am Berg Sinai eine israelitische Variante des Dionysos? Denn dort heißt es wörtlich:

Und Mose bauete einen Altar und hieß ihn: Der Herr Nissi.

Natürlich ist hier das Wort »Herr« die Übersetzung des hebräischen Wortes »Jahve« (JHVH, יהוה). Und wie wir zu Anfangs sagten, ist Jahve ja identisch mit Zeus, als Nominativ von Dios – und so könnten wir doch also den »Jahve-Nissi« (»Herr Nissi«), als »Dios-nissi« und damit als »Dionysos« deuten!
So wie Diodor in seiner Universalgeschichte den Osiris mit Dionysos gleichsetzte, so identifizierte er dessen Gattin Isis, die Göttin der Geburt, des Todes und der Wiedergeburt, mit der griechischen Demeter – eben jener Erdenmutter, deren Tochter Persephone, in der griechischen Mythologie, die selben Attribute wie Isis verkörpert.

Der Gott Dionysos - ewigeweisheit.de

Der Gott Dionysos

Persephone in der Unterwelt

In Homers »Hymnus an die Göttin Demeter« finden wir die Erzählung vom Raub der Persephone. Die Hierophanten wussten, dass die Vorführung gewisser Ereignisse sich dem menschlichen Geist tiefer einprägten, als deren bloße Erzählung. Darum zeigte man in Eleusis den Teilnehmer das Drama von Persephone als Mysterienschauspiel. Gut möglich, dass das europäische Bühnendrama in Eleusis sogar seinen Ursprung hat.

Als Tochter der Demeter, der Weltseele, personifizierte Persephone die Geschicke der Menschenseele und wie sie von ihr durch Geburt, Leben, Sterben und Wiedergeburt geführt wurde. Eigentlich sollte Persephone mit Dionysos vermählt werden, jenem der, wie wir oben gesagt haben, den göttlichen Geist der alles belebenden Naturkräfte verkörpert. Doch als sie in der Ebene von Nysa (!) auf einer Wiese eine Narzisse pflückte, riss vor ihr der Boden auf und aus dem Schlund der Erdentiefe brach der goldene Wagen des Hades hervor. Er, der Gott der Unterwelt und des Reichtums, entführte die junge Persephone mit Hilfe des Eros – dem Gott der lieblichen Sinnlichkeit.

Der Raub der Persephone - ewigeweisheit.de

Der Raub der Persephone

Demeter war bestürzt über das Verschwinden ihres Mädchens. Auf der Suche nach ihm, durchzog Demeter trauernd alle Länder der Erde. In Gestalt einer alten Frau kam sie nach Eleusis, wo man sie im Haus des Königs Keleos gastlich aufnahm. Zum Dank überreichte Demeter einem der beiden Söhne des Königs, dem Triptolemos, ein Getreidekorn und weihte ihn ein in die Kunst des Ackerbaus. Von Demeter lernte Triptolemos die Bedeutung des Säens, des Keimens, des Emporwachsens des Korns zum Licht und wie man die Getreideähren erntete. Es war Demeter die die Mysterien von Eleusis stiftete und Triptolemos war es der den ersten Acker auf Erden mit Getreide bepflanzte.

Wie Homers Hymnus weiter fortfährt, verließ Demeter später Keleos und seine Familie, um weiter nach ihrer Tochter Persephone zu suchen. Auf dem Weg begegnete ihr Hekate, die Göttin der Metamorphosen und der Verwandlungen. Sie war die einzige auf der Erde, die das Schreien ihrer entführten Tochter gehört hatte und konnte Demeter darum Aufschluss geben, über den Aufenthaltsort der Persephone. Von ihr erfuhr Demeter, dass ihre Tochter in der Unterwelt weilt, als Gemahlin des finsteren Hades. Die Grotte des Hades im Tempelbezirk von Eleusis, ist die legendäre Stelle, wo sich die Erde geöffnet haben soll und Persephone mit Hades verschwunden ist.

Mit der Hilfe des Götterboten Hermes drangen Demeter und Dionysos an dieser Stelle in die Unterwelt ein, um Persephone zu befreien. Doch Hades wollte seine Eherechte nicht aufgeben. Als ihn Persephone verlassen wollte, verlangte er,dass sie einen Kern des Granatapfels esse. Doch wer einmal von der Kost der Unterwelt zu sich genommen hat, der wird dorthin auch wieder zurückkehren. Nach einem Streit entschied Zeus, dass Persephone zwei Drittel des Jahres bei ihrer Mutter Demeter und ihrem Sohn Dionysos bleiben dürfe, das restliche Drittel des Jahres bei Hades in der Unterwelt. Natürlich erkennen wir hier gleich den Zusammenhang mit dem Agrarzyklus, wo das Korn nachdem es der Bauer im Dezember aussäet, dort vier Monate später den Erdboden durchbricht und dann auf der Erdoberfläche wächst, geerntet, gelagert und nach acht Monaten erneut ausgesät wird.

Triptolemos auf seinem Drachenwagen sitzend - ewigeweisheit.de

Triptolemos auf seinem Drachenwagen sitzend

Im Tempel zu Eleusis

Bevor die Mysten in das Telesterion (Einweihungstempel) gelassen wurden, wurden sie aufgefordert ihre Hände am Eingang, in einem Becken mit geweihtem Wasser zu reinigen. Mit reinem Herzen und sauberen Händen nämlich, sollten sich die Teilnehmer in den Weihetempel begeben. Das erinnert uns natürlich an das Weihwasserbecken der christlichen Kirchen.

In der Mitte des Daches des Tempelheiligtums, befand sich ein Fenster und war die einzige natürliche Lichtquelle. Das innerste Heiligtum sollte damit ein Abbild des Universums darstellen, das sich nur von seinem Ausmaß her davon unterschied. Es war eine Allegorie auf des Menschen »Kurzsichtigkeit«, der die wahre Größe der Welt mit seinen Sinnen nicht erfassen kann. In dieser Kulisse sahen die Mysten Bilder von Sonne, Mond und Merkur. Als höchster Geistlicher des Mysteriengeschehens, repräsentierte der Hierophant den Baumeister der Welt. Im heiligen Drama des Mysterienspiels verkörperte er den höchste Himmelsvater Zeus.

Hierophant Visconti-Sforza Tarot - ewigeweisheit.de

Der Hierophant auf einer Trumpfkarte des Visconti-Sforza Tarot (um 1450)

Zweithöchste Würde in der eleusinischen Hierarchie, war die der Daduchoi - der beiden Fackelträger. Sie waren es, die die Prozession der Initianden anführten und waren für die sakrale Reinheit des Mysteriengeschehens verantwortlich. Die Fackel des einen Daduchos repräsentierte die Sonne, die des Anderen den Mond. Mit ihren Fackeln standen die beiden Daduchoi symbolisch am Eingang der beiden Tore zur Heimstatt der menschlichen Seele: Durch das eine Tor kommt die Seele in diese Welt, durch das andere verlässt sie die Welt.

Aus dem Geschlecht der Keryken stammte Hieroceryx - der heilige Heros des Mysteriengeschehens. Er trug vor sich einen Caduceus (Schlangenstab), der auch ein Symbol des Planeten Merkur ist. Er war die dritthöchste Würde in der eleusinischen Hierarchie. Der Hieroceryx war der heilige Bote der Mysterien, der die Seelen durch die zwei oben erwähnten Tore begleitet. Auf dem Weg von der Sonne zum Mond gehen die Seelen an Hermes vorüber. Hermes war bei den Griechen auch derjenige, der das Kommen und Gehen der Seelen zuließ oder verhinderte, je nach dem wie rein oder unrein sie waren. Während der Mysterienfeier erklärte er den Einzuweihenden was geschah und worauf sie zu achten hatten.

Alles was in den Mysterien erzählt wurde, muss für die Teilnehmer etwas ganz wunderbares gewesen sein. Jede vollzogene Handlung der Mysterienfeier schien Auge und Ohr der Teilnehmer aufs aller tiefste zu verwundern. Der Hierophant muss ein ganz vornehmer, alter und ernsthafter Nobelmann gewesen sein. Er saß auf einem Thron, in langer Robe und unter seiner würdevollen Kopfbedeckung könnte er wohl lange weiße Haare getragen haben. Wenn seine Stimme ertönte, empfanden sie die Mysten als klangvoll und süß. Kein Normalsterblicher konnte seine Erscheinung nachahmen. Und so unaussprechlich wie der Name des Baumeisters der Welten ist (vergl. den Namen Jahve der Hebräer), so kannte auch keiner der Mysten den wirklichen Namen des Hierophanten.

Daudachos - ewigeweisheit.de

Ein Daudachos - Fackelträger der Mysterienfeier

Wie auch der Hierophant trugen die Dadouchoi kostbare Gewänder. Jeder Normalsterbliche der einen Dadouchos sah, glaubte wohl einen edlen König zu erblicken. Von ihnen ging eine geheiligte Stimmung aus, die sie auf die Teilnehmer der Mysterien übertrugen.

In einem großen Spektakel wurde den Teilnehmern das Wesen zweier großer Lebensprinzipien vor Augen geführt. In tiefster Finsternis bekamen sie plötzlich grauenhafte Trugbilder gezeigt, gefolgt von einem hell glänzenden Lichtschein, der um die Statue der Göttin aufleuchtete. Dann schritt der Myste in einen geheimnisvollen, überaus harmonisch gestalteten Bau erstaunlichen Ausmaßes. Hier zeigte man ihm, bei ohrenbetäubendem Lärm, verschiedene Szenen aus der Geschichte der Persephone. Die Bilder erschienen vor ihm in schneller Aufeinanderfolge von Licht und dann wieder Dunkelheit: Symbole für den Lebenskampf der menschlichen Seele in ihrer Wiederkehr auf Erden.

Das Schauen der Sonne um Mitternacht

Es ging in den Mysterien-Initiationen wie gesagt nicht um freundliche Unterweisungen in spirituellem Wissen. Sondern, was während der Einweihungsriten erfolgte, das war eine Heranführung des Initianden an die Schwelle des Todes. Vielleicht ließe sich das Geschehen im Tempelheiligtum folgendermaßen rekonstruieren:

Wie ein schwarzes Tuch breitete sich mitternächtliche im Tempelheiligtum aus. Die Mysterienhandlungen waren von Trübsinn, bald ängstlicher Stille begleitet. Doch plötzlich schlug die Stimmung um. Alle Sorgen schienen wie verbannt, als man sich überall in heiterer Aufregung den Namen des Weingottes zuflüsterte. Die großen Fackeln der Daduchoi erleuchteten die Tempelhalle und nach langem Fasten, reichte man den Mysten den Kykeon – das heilige Zeremonialgetränk der eleusinischen Mysterien. Nachdem sie davon tranken, wurde in einer freudigen Prozession eine myrtenbekrönte Statue ins Zentrum des Geschehens gebracht: Dionysos – der lichthafte Sprössling der hervorging aus dem Zusammenwirken der drei Weltprinzipien von Geist (Zeus), Körper (Demeter) und Seele (Persephone).

Jetzt aber verlöschten die Fackeln plötzlich, es wurde stockfinster und auf einmal erschallte überall schreckliches Todesgeschrei. Von Angst erfüllt und vollkommen eingeschüchtert, tasteten sich die Mysten, ohne zu wissen wohin sie sich eigentlich bewegen, durch die finsteren Gänge des Tempels. Die Eindrücke und Schreckensszenen die um den Mysten immer wieder auftauchten und das ängstliche Stammeln anderer, müssen den Einzuweihenden in einen panischen Zustand versetzt haben, wo ihm vielleicht eine innere, aufgeregte Stimme zurief:

»schnell, schnell – das ist vielleicht das Ende, bring dich in Sicherheit, du wirst vielleicht gleich Sterben, schnell, schnell, … vielleicht stirbst du gleich!«

Was die Mysten dabei empfanden, das muss wohl dem entsprochen haben, was die Seele empfindet, die sich durch das Schattental des Todes drängt. In diesem Zustand lockerte sich die Bindung zwischen Seele und Körper. Der Kausalleib, als Körper der Seele, wurde zerstört, und eine neue, direkte Beziehung zwischen dem Mysten und seinem wahren Selbst wurde hergestellt. Was die Mysten auf dem Weg zu diesem Ereignis erlebten, glich vielleicht dem, wovon Nahtod-Erfahrene berichteten: Szenen ihres Lebens laufen episodenhaft vor ihnen ab, dann spüren sie wie sich ihre Seele vom Körper löst und sich auf ein wunderbares Licht zu bewegt, wo anscheinend einer auf sie wartet.

Ich näherte mich den Grenzen des Todes, und als ich die Schwelle zur Proserpina (Persephone) erreicht hatte, kehrte ich zurück, nachdem ich durch alle Elemente geführt worden war (die Elementargeister der Erde, des Wassers, der Luft und des Feuers). In der mitternächtlichen Tiefe sag ich die Sonne in herrlichem Licht erstrahlen, ebenso die infernalen und die himmlischen Götter; ich näherte mich diesen Gottheiten, idem ich ihnen den Tribut einer frommen Anbetung brachte.

– Apulejus

Dieses geheimnisvolle Licht von dem Apulejus hier spricht, erschien dem Mysten so, als würde es in seiner ganzen Strahlenpracht nur für ihn persönlich leuchten. Er erkannte darin ein lichthaftes Bild seines wahren Selbst. In diesem Moment spürten die Einzuweihenden ihre innere Vereinigung mit Demeter und Persephone. Sie empfanden das als Lebensrat und Weisheit. In dieser Vereinigung fand der Myste sein eigenes Seelenleben widergespiegelt und erfuhr, bei diesem Zusammenprall der Seele mit den externen Kräften der Welt, die eigentliche Initiation.

Wahrscheinlich wurde diese Erfahrung ganz wesentlich durch die Wirkung des Kykeon-Tranks verstärkt, was einer durch Drogen induzierten Halluzination geähnelt haben könnte. Auch in anderen Mysterienkulten ist das Einnehmen besonderer Kraftpflanzen und -pilze ein fester Bestandteil der Einweihung (man vergleiche etwa die Einnahme des Peyote oder Ahayuasca in indigenen Riten). Der Kykeon war ein Mischtrank aus Wasser, Weizen (oder Gerste) und Frauenminze. Wahrscheinlich aber befanden sich im Kykeon auch Spuren des giftigen Mutterkorns: ein Pilz (Claviceps purpurea), der als Parasit in Getreideähren wächst und bei entsprechender Dosierung beim Menschen Halluzinationen hervorruft. Im Mutterkorn sind zwei Alkaloide (giftige Natursubstanzen) enthalten. Ergotamin setzt im Körper die Neurotransmitter Serotonin und Dopamin frei. Serotonin vermittelt ein Gefühl der Gelassenheit und inneren Ruhe. Dopamin nennt man auch »Glückshormon«. Das Alkaloid, Ergometrin, besitzt andere Eigenschaften. Es wird in der Geburtshilfe zur Stillung von Gebärmutter-Blutungen und zur Lösung der Plazenta eingesetzt. Es könnte nun sein, dass im Zusammenwirken von Ergometrin und Ergotamin, im Teilnehmer die hier so oft betonte Geburtserfahrung, in einer Art psychischen Simulation erzeugt wurde.

Nach der tiefgreifenden Erfahrung kamen die Dadoukoi mit ihren brennenden Fackeln zurück in die Tempelhallen. Alle erblickten nun den Hierophanten auf seinem Thron. In einem gleichnishaften Akt zeigte er allen das Symbol der Demeter: ganz langsam erhob er in seiner Hand eine Kornähre, um auf das Wachstumsprinzip und die damit verbundene Erhebung der Natur hinzuweisen. Das ähnelt stark der Elevation in der christlichen Liturgie: auch der Priester erhebt den »Leib Christi« in Form eines Brotes (oder einer Hostie). Er zeigt den Anwesenden also einen aus Kornähren hergestellten Laib. Die Samen der Kornähren symbolisieren den göttlichen Funken, durch den aus der Erde ein lebendiger Körper aufersteht und zur Welt kommt, um dereinst zu sterben, zu Erde zu werden. Dabei kehrt die Seele an ihren Ursprung zurückkehrt, um irgendwann erneut vom »göttlichen Sämann« ausgestreut und aus einer irdischen Mutter zur Welt gebracht zu werden. Das ist was im Mythos von Demeter und Persephone zum Ausdruck kommt. Persephone begibt sich in die Unterwelt zu ihrem Gatten Hades (Körper), kehrt zu ihrer Mutter Demeter zurück (Seele), um dereinst wieder in Unterwelt zu ihrem finstern Gatten (Körper) hinabzusteigen. Um diesen Vorgang zu erspüren, legte sich der Initiand in der Nacht in ein Grab. Daraus wurde er am Morgen von Mutter Erde symbolisch wiedergeboren, während dass rote Morgenlicht in den Mysterientempel eindrang.

Die Einweihung in die Mysterien nahm vorweg, was sich der Mensch am Ende seines Lebens gewahr wird. Die Angst vor dem Tod wurde in Eleusis aufgelöst, die Zwänge aller zügellosen Leidenschaften verworfen und die furchtbedingten Wurzeln bösen Denken ausgerottet. Die Mysterien erstrebten mit würdigsten Mitteln, den Menschen als »Vollkommenen« in einer mystischen Wiedergeburt zurück in die Welt zu bringen – in eine Welt, in die er von nun an eintrat, als ein Diener an der Menschheit.

Wohl ist im Tode versehen, wer unter Wissen der eleusinischen Wahrheit in die Gruft steigt; denn er versteht das Ende sterblichen Lebens und den Anfang eines neuen, gottgegebenen Lebens.

- Pindar

Eleusis und das Christentum

In den ersten vier Jahrhunderten des aufkommenden Christentums, verlor der Mysterienkult von Eleusis seine Bedeutung. 12 Jahre nachdem das Christentum zur Staatsreligion des römischen Reiches erklärt wurde, endete der Kult von Eleusis in einem letzten großen Drama. Unter Kaiser Theodosius, selbst ein frommer Christ, wurden die Mysterienfeiern von Eleusis im Jahre 392 n. Chr. per Dekret verboten. Drei Jahre späterzerstörte der Gotenkönig Alarich, in dessen Gefolge sich auch arianische Christen befanden, die eleusinischen Tempelanlage. Ob diese Wut der jungen Christenheit wohl einem ungebildeten Unverstand verschuldet war? Wir wissen es nicht. Es stellt sich jedoch die Frage, welchen Einfluss die Mysterien auf das junge Christentum gehabt haben könnten, denn wie wir oben bereits mehrfach sehen konnten, scheinen viele Elemente des eleusinischen Mysterienkults im Christentum erhalten geblieben zu sein.

Wichtige Anhaltspunkte geben uns die Schriften der Kirchenväter. Manche von ihnen bestätigten, dass die Mysterienkulte zur Strecke gebracht wurden. Doch sie sollten wohl in der Kirche als christliches Ritual fortleben. Während seiner Missionen in Griechenland kam sicherlich auch Apostel Paulus in Kontakt mit den Mysterien. Da Paulus aber griechischer Staatsbürger war, könnte es sein, dass er vielleicht selbst einst an den eleusinischen Mysterienfeiern teilnahm.

Ähre und Traube - Brot und Wein

Auffällig ist die Ähnlichkeit der verwendeten Motive, die in der eleusinischen, wie auch in der christlichen Mysterienfeier verwendet werden. Insbesondere der so sonderbar auf die Welt gekommene Sohn des Zeus Dionysos, gibt Anlass zu verschiedenen Mutmaßungen. Der bekannte Weingott hatte neben Demeter und Persephone spielte zentrale Rolle in den eleusinischen Mysterien. In vieler Hinsicht ähnelt er dem Jesus – denn wie er, so war auch Dionyos der Sohn des höchsten Gottes (Zeus). Außerdem wuchs Dionysos, wie wir oben gesehen haben, im Leib einer Jungfrau. Er verwandelte Wasser in Wein (Dionysiaka, 14. Gesang) und fuhr in die Unterwelt, um aus ihr zu neuem Leben aufzuerstehen. Auch die eleusinischen Symbole von Getreide (Demeter) und Wein (Dionysos) weisen ja recht deutlich hin auf das christliche Abendmahl:

[...] Denn der Herr Jesus in der Nacht, da er verraten ward, nahm das Brot, dankte und brach's und sprach: Nehmet, esset, das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird; solches tut zu meinem Gedächtnis. Desgleichen auch den Kelch (mit dem Wein) nach dem Abendmahl und sprach: Dieser Kelch ist das neue Testament in meinem Blut; solches tut, so oft ihr's trinket, zu meinem Gedächtnis. Denn so oft ihr von diesem Brot esset und von diesem Kelch trinket, sollt ihr des Herrn Tod verkündigen, bis dass er kommt.

- 1. Korinther 11:23-26

Das Letzte Abendmahl

Das Letzte Abendmahl - Ikone von Theophanes von Kreta (1490–1559).

Waren diese Worte Jesu etwa ein Hinweis auf das, was in den Eleusinischen Mysterien verschwiegen wurde? Wurde den Mysterien damit vielleicht der Mantel des Schweigens entzogen und damit die eleusinischen Geheimnisse der Menschheit enthüllt? Es scheint zumindest als bestünde eine enge Verwandtschaft zwischen den Ereignissen in der Pessachnacht und in Golgatha, mit dem Mythenkreis um Demeter, Persephone und Dionysos.

Was in den verschiedenen Legenden von den Leiden der Götterkinder dargestellt wird, sind eigentlich Allegorien auf die Leiden der menschlichen Seele, ihre Befreiung aus den Bindungen an die Körperlichkeit und schließlich ihre Rückkehr ins himmlische Lichtland. Die Schilderung dieses Seelenzyklus finden wir in den Leidensgeschichten von Jesus Christus, Persephone und Dionysos gleichermaßen. Doch schon lange vor den christlichen und griechischen Mysterien, gab es sowas in noch viel älteren Kulten (Persien, Ägypten). Immer befreite darin ein himmlischer Bote (Horus, Mithras, Hermes, Dionysos), als Todesengel im Auftrag eines höchsten Gottes (Zeus, Jupiter, Jove, Jao, Jahve), die Seele aus den Fängen des Körpers (griech. Hades, ägypt. Amentet) und begleitete sie in den Himmel (Olymp), wo sie unter den Unsterblichen weilt - bis sie wieder in die Unterwelt (Erde) zurückkehren muss (Persephone zu Hades).

Wenn er aber hinaufstieg, was bedeutet dies anderes, als dass er auch zur Erde herabstieg?

- Epheser 4:9

Wenn im griechischen Mysterienschauspiel der Hermes die Rolle des Seelenboten übernahm, war es im Kontext des Neuen Testaments der Christus. Bei seinem Abstieg in die Unterwelt befreite er die Gerechten (Moses, Abraham, ...) die dort seit biblischer Urzeit ausharrten. Im Übrigen verwendet Lukas im Originaltext seines Evangeliums zur Bezeichnung der Hölle, das Wort Hades:

Und in der Hölle (im griech. Original »hadē«, das Lokal-Adverb von »hadēs«) hob er seine Augen auf, da er Qualen litt, da sieht er Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß.

- Lukas 16:23

Auch wenn wir uns die heutige Form des griechisch-orthodoxen Osterfests ansehen, so scheint darin der Geist des alten eleusinischen Mysterienkults gegenwärtig zu sein. Jene die in alter Zeit Demeters Trauer um ihre verlorene Tochter teilten, freuten sich um so mehr über ihre Rückkehr. Persephone war Symbol für das freudenentfachende Ereignis, vom Wiederaufleben der Vegetation. Ähnliche Erfahrungen repräsentiert heute das griechische Osterfest im Frühling, das einen höheren Rang einnimmt als Weihnachten. Nach der Trauer um den toten Jesus Christus, ruft der Priester die Wiederauferstehung aus. In diesem Moment wird vom Kerzenlicht des Priesters, die Flamme an die Kerzen aller Anwesenden weitergegeben und breitet sich langsam im dunklen Vorhof der Kirche aus. Oft ertönen auch Feuerwerke, die das Ende der Fastenzeit freudvoll ankündigen.

Es ist durchaus möglich, dass Teile des alten Ritus also tatsächlich im Christentum weitergeführt werden.

Apostel Paulus - Gemälde von El Greco (1541–1614) - ewigeweisheit.de

Paulus von Tarsus in einem Gemälde von El Greco (1541–1614)

War Paulus in die Mysterien von Eleusis eingeweiht?

Wir wollen diesen Blog-Artikel zu Ende führen, mit der Frage nach der Bedeutung, die die Mysterien von Eleusis für das paulinische Christentum gehabt haben könnten.

Wenn all das bisher Gesagte auch nur auf äußerliche Ähnlichkeiten hinweist, so zeigen die eleusinischen und christlichen Mysterien doch auch esoterische Gemeinsamkeiten. Demeter gab ihrem Schützling Triptolemus in Eleusis einen Kornsamen: ein Hinweis auf die Initiation in das Wesen vom Ackerbau. Dieses mythologische Gleichnis ist aber auch ein Symbol für die Initiation der Seele (Persephone), während ihrer Rückkehr in die Oberwelt. Als Kornmädchen der Menschheit bringt Persephone mit sich, alle Eingeweihten zurück ins Leben – so wie der biblische Christus die Adepten Abraham und Moses in den Himmel führte. Die Allegorie des Kornsamens klingt auch in folgendem Zitat des Johannes-Evangeliums an:

[…] Es sei denn, dass das Weizenkorn in die Erde falle und ersterbe, so bleibt's allein; wo es aber erstirbt, so bringt es viele Früchte. Wer sein Leben liebhat, der wird es verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird's erhalten zum ewigen Leben. Wer mir dienen will, der folge mir nach; […]

- Johannes 12:24-26

Wenn der Hierophant den Teilnehmern des Mysteriendramas von Eleusis, gleichnishaft eine Kornähre zeigte, erkannten sie darin ja das Bild ihrer eigenen Auferstehung von den Toten in ein neues spirituelles Leben, von der Nacht in den Tag, vom Hades zum Olymp, von der Unterwelt in den Himmel. Diese Erkenntnis scheint Paulus in seinem Brief an die Römer mitteilen zu wollen:

So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, auf dass, gleichwie Christus ist auferweckt von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, also sollen auch wir in einem neuen Leben wandeln. So wir aber samt ihm gepflanzt werden zu gleichem Tode, so werden wir auch seiner Auferstehung gleich sein

- Römer 6:4-5

Paulus war ausgebildeter Toralehrer, doch auch gut vertraut mit hellinistischer Rhetorik und dem philosophischen Lehrgebäude der Stoa. Es scheint auch das ein Grund für seine eigentümliche Sprache zu sein, die er in seinen Briefen verwendet. Sie ist überreich an Ausdrücken, die an die Einweihungen der dionysischen und eleusinischen Mysterien erinnern und eigentlich nur von einem griechischen Initiierten stammen konnten. In den Paulusbriefen erscheint sehr häufig der Begriff mystírion - das Geheimnis, das Mysterium. Alle Verse in denen dieser Begriff vorkommt, beschreiben ohne Zweifel eine rituelle oder magische Handlung und stehen meist in enger Verbindung mit dem Offenbarungsbegriff (Römer 11:25, 1. Korinther 2:1,7, 4:1, 15:51, Epheser 1:9, 3:3-4, 5:32, 6:19, Kolosser 1:26, 4:3, 2. Thessalonicher 2:7). Wenn Paulus in seinen Briefen vom mystírion spricht, so meint er damit, das im Geheimen offenbarte Gotteswort - ein abstraktes Ideal einer persönlichen, dem Menschen innewohnenden Gottheit. Auch der Begriff der Vollkommenheit spielt in den paulinischen Briefen eine nicht unbedeutende Rolle:

Wovon wir aber reden, das ist dennoch Weisheit bei den Vollkommenen (teleiois); nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher (archonton) dieser Welt, die da zu nichte werden.

- 1. Korinther 2:6

Das Wort »Vollkommene« (teleiois) werden von Paulus wohl für sendungsbegabte Heilige verwendet, die (durch die Initiation) ein neues Leben »erhalten« haben. Es sind »Wiederauferstandene«, ganz gemäß der eleusinischen Mysterien. Diese Vollkommenen waren rechtschaffene Weisheitslehrer, die den Heiligen Geist ausstrahlend, den »Fleischlichen« (Menschen) eine lebensspendende Kraft zuströmen lassen konnten. Paulus fährt fort:

Sondern was wir reden, ist Gottes Weisheit im Geheimnis (mystírion), das verborgene, welches Gott verordnet hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, die keiner von den Herrschern (archonton) dieser Welt kannte.

- 1. Korinther 2:7-8

Spricht Paulus hier von Dingen, die nur im Geheimen vermittelt werden? Was er als »Herrscher« (archonton) bezeichnet, scheint ein unmittelbarer Hinweis auf die Archonten zu sein – eine Bezeichnung für die Herrschenden im alten Athen. Keiner dieser Herrscher kannte die Mysterien-Geheimnis. Bis auf den Archon Basileos – einem Oberpriester und sakralen Beamten Athens, der zum Stab des Hierophanten gehörte: er war der einzige der »Herrscher« (archonton), der von den Geschehnissen im Heiligtum des Mysterientempels von Eleusis wusste. Ob die Basileoi aber selbst in die Mysterien eingeweiht waren, das bleibt ungeklärt. Das Paulus in etwas eingeweiht wurde, darüber lesen wir im Brief and die Philipper:

in allem und jedem wurde ich eingeweiht (memyēmai)

- Philipper 4:12

Das griechische Wort für das hier zitierte »eingeweiht werden«, memyēmai, enthält das Wort myéo, das wörtlich bedeutet »Initiation in die Mysterien«. Es wird mit myéo auch ein etymologischer Hinweis auf das Wort myo erbracht, was »schweigen« oder »verschleiern« bedeutet (vergl. oben mit dem Verschwiegenheitsgebot der Epopten, den »Sehenden« der großen Mysterienoben, und den Myesis, den »Verschleierten« der kleinen Mysterien).

Vor diesem Hintergrund ist es umso interessanter zu fragen, was es damit auf sich hat, wenn Paulus sich im ersten Korintherbrief als »weisen Baumeister« bezeichnet. In der gesamten Bibel taucht das Wort »Baumeister« nur einmal an dieser Stelle auf:

Ich von Gottes Gnaden, die mir gegeben ist, habe den Grund gelegt als ein weiser Baumeister (architekton); ein anderer bauet darauf.

- 1. Korinther 3:10

Nun hatten wir zuvor gesagt, dass ein Epopte, ein Sehender und Eingeweihter gewesen ist. Epopten waren jene, die die großen Mysterien von Eleusis schauen durften, die heiligen Geheimnisse aufnahmen und den höchsten Zustand des Hellsehens erreicht hatten. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes epoptes, stammt von epoptaei, der »Aufsicht«, womit man auch die Pflicht eines Baumeisters bezeichnete. Davon ist auch der Titel des Maurer-Meisters in der Freimaurerei hergeleitet. Epoptaie steht als Begriff ganz im Sinne der Bezeichnung, wie er in den Mysterien für den Aufseher gebraucht wurde.

Wenn sich Paulus im Korinther-Brief als Baumeister von Gottes Gnaden bezeichnet, erklärte er sich damit nicht selbst zum Adepten, zu jemandem der das Recht hatte andere zu initiieren? Wenn auch Petrus in Rom die erste Kirche der Welt errichtete, so war aber Paulus der eigentliche Baumeister des geistigen Erbes der gesamten Christenheit.

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Die Vier Jahreszeiten: Eine Schule des Lebens

von Johan von Kirschner

Giuseppe Arcimboldo: Vier Jahreszeiten - ewigeweisheit.de

Jedes Jahr zu Frühling bekommt der Mensch die Gelegenheit sich zu regenerieren. Dafür steht seit alter Zeit die Wiederauferstehung des Sonnengottes zur Tagundnachtgleiche - dem 21. März. Sobald die Sonnenstunden wieder überwiegen, drängt aus der dunklen Erde das junge Grün ans Licht - so wie auch der solare Heros aus der Unterwelt zu neuem Leben aufersteht.

In vielen verschiedenen Legenden, Mythen und Religionen unserer Welt, hat der Sonnenheros einen besonderen Namen: mal wird er der Messias, mal Christus, mal Krishna oder Mithras genannt; die Römer nannten ihn Sol Invictus, im Norden hieß er Baldur, Horus bei den alten Ägyptern, Apollon bei den Hellenen oder Quetzalcoatl bei den amerikanischen Tolteken. Sie alle zeigten durch ihre lichtvolle Verkörperung Gottes auf Erden, dass auch jeder Mensch einen göttlichen Lichtsamen in sich trägt, der das körperliche, emotionale und geistige Wachstum inspiriert.

Die jährliche Vegetation auf der Erde ähnelt dem menschlichen Leben. Die vier Phasen der Sonne in den vier Jahreszeiten zeigen uns wie wir unserem Leben immer wieder zu neuer Blüte verhelfen können. Den ersten Abschnitt ihrer Lebensreise beschreitet die menschliche Seele von der Empfängnis bis zur Geburt. Jugend und Reife folgen, bis das Leben mit dem Tod schließlich vollendet ist. Was stirbt ist der Körper, die Seele aber schlummert, um dereinst wieder zu erwachen.
So ist es auch mit dem individuellen Leben. Wenn uns Sorgen, Ärger und Traurigkeit plagen und die Übel in der Welt unser Leben erschweren, können wir in stiller Kontemplation trotzdem erkennen, dass es in uns einen göttlichen Funken, einen unsterblichen, heiligen Lichtsamen gibt. Wenn wir uns voll bewusst in Richtung Wahrheit begeben, sprießen aus diesem lichthaften Samenkorn die inneren Lebenskräfte hervor, so wie im Frühling das Grün aus dem Boden drängt. Aus diesem Grün wachsen immer wieder neue Pflanzen und Bäume, die auch noch Früchte tragen.

Von diesem natürlichen Vorbild war schon immer eingenommen das ganze Wesen der Religionen, der Philosophie und der Geheimwissenschaften. In vielen Traditionen stellte man sich das göttliche Leben auf Erden wie einen Apfelbaum vor, der in einem Lustgarten wächst. Mal ist es der Lebensbaum im Garten Eden - ein ander mal der nordische Weltenbaum Yggdrasil. Das Symbol ist aber immer das Selbe:
Der Baum steht gleichermaßen für das Leben im Mikro- und Makrokosmos. Die Erde, worin der Baum wurzelt, arbeitet an ihm mit dem Saft die sie ihm gibt. In dieser Erde stehend breitet er seine Äste aus und daran wachsen seine Früchte. Und wie die Welt so an ihm arbeitet, so versucht auch der Baum aus ganzem Vermögen gute Früchte hervorzubringen. Je älter der Baum ist, desto mehr Früchte trägt er, die süßer sind als in den Jahren zuvor. So wie der Baum ist, so sind auch seine Früchte. Bringt er schlechte Frucht, so liegt das nicht am Baum, sondern an der Umwelt in der er sich befindet.

Der Garten dieses Baumes bedeutet die Welt, der Acker die Natur, der Stamm des Baumes die Sterne, die Äste die Elemente, die Früchte, so auf diesem Baum wachsen, bedeuten die Menschen, der Saft in dem Baum bedeutet die klare Gottheit (Sonnengott). Nun sind die Menschen aus der Natur, Sternen und Elementen gemacht worden. Gott der Schöpfer aber herrscht in allen, gleichwie der Saft in dem ganzen Baum.

- Aus "Aurora oder Morgenröte im Aufgang" von Jakob Böhme

Im Gegensatz zum Baum, steht dem Menschen frei was er tun will. Er wurzelt nicht wie der Baum an einem festen Ort, sondern kann von sich aus hier und dort hin gehen. Es scheint aber als bezahle er dafür mit seinen Begierden und Leidenschaften, die ein Baum ja nicht hat. Denn der Baum folgt einzig und allein dem Gesetz des Wachstums, entfaltet jedes Blatt, und an der Stelle wo er blüht, dort wachsen später seine Früchte.

Alles Leben auf der Erde orientiert sich am Licht der Sonne. Der Baum wächst immer in Richtung des Lichts und öffnet seine Blüten ganz leidenschaftslos dem keuschen Sonnenstrahl. Die Erde nährt den Baum, das Sonnenlicht beseelt, "inspiriert" ihn. Ebenso aber benötigt der Mensch Inspirationen, durch die er zu neuen Erkenntnissen kommt, die ihn sein Leben anders erfahren lassen.

Pushkin at Ai-Petri peak during sunrise. Ivan Aivazovsky (1817–1900)

Sonnenaufgang auf dem Gipfel des Ai-Petri - Gemälde von Ivan Aivazovsky (1817–1900).

Was wir aus den alten Traditionen lernen können

Wie ein Felsen in der Sandwüste, so steht die Tradition in der Moderne. Je nach Windrichtung wird der Sand einmal hier, einmal dorthin geblasen. Der Felsen aber steht fest an seinem Ort für sehr lange Zeit.
Tradition ist das gute und wertvolle Erbe, das uns Vorfahren vermacht haben. Sie waren ja bereits durch alle möglichen Lebenserfahrungen gegangen und haben die großen Schwierigkeiten durchstanden, die das irdische Dasein mit sich bringt. Davon können wir lernen.

Tradition versucht nicht für jeden einzigartigen Sachverhalt eine Antwort zu liefern oder Lösungen für spezifische Probleme zu geben. Sie vermittelt eher was möglich ist und zeigt was generell vermieden werden sollte. Wer den traditionalen Leitlinien folgt, bewegt sich durch den Alltag ebenso sicher, wie sich die Sonne durch die vier Jahreszeiten über den Himmel bewegt. Tradition ist unveränderlich - wie die Sonnenbahn.

Felsen in der Sinai-Wüste, Ägypten

Felsen in der Sinai-Wüste, Ägypten

Die Sonnenreligionen der Urzeit

In der Zeit zwischen der Pflanzung und der Zeit der Ernte, muss der Bauer sein Gut beschützen. In dieser Phase des Sonnenjahres muss er fleißig arbeiten, um einen guten Ertrag zu erzielen. Es ist auch die Zeit, wo wir an unseren Lebensaufgaben arbeiten und keine Mühen scheuen sollten, die "ausgesäten" Ideen sorgfältig zu pflegen und die erstrebten Lebensziele von allem Unkraut fremder Ziele zu befreien.

Wir sollten uns immer wieder auf die Ernte der Jahre vorbereiten. Diejenigen die mit etwas neuem anfangen, müssen auf die Zukunft bauen, ohne in der Vergangenheit zu verharren. Alles was der Mensch hierzu braucht, zeigt ihm die Tradition. Sie bildet den Rahmen in dem er handeln kann. Diesen Rahmen geben spirituelle Traditionen aus Religion und den Schulen der Weisheit.

Die zeitgenössischen Religionen des Westens - insbesondere Judentum, Christentum und Islam - sind keine Erfindungen die sich irgendwelche Propheten bis noch vor 1.400 Jahren ausgedacht haben. Stattdessen wurde immer wieder versucht, religiöse Tradition den Bedürfnissen der Menschen anzugleichen.
Die ursprünglichen, schamanisch geprägten Religionen, haben aber wenig mit dem zu tun, was heute unter Religion verstanden wird. All die vielen Regeln und Formalitäten waren in alter Zeit nicht nötig, da der Mensch wandernd und nicht in Siedlungen lebte.

Aborigines, Beduinen und die sibirischen Nomaden

Noch heute versuchen die Nachkommen der Ureinwohner Australiens, Afrikas und Asiens, eine mehr als 40.000 Jahre alte Religion zu leben. Die Aborigines brachten ihren Kult einst aus dem Norden auf den australischen Kontinent. Auch viele Beduinen Nordafrikas, Asiens und die sibirischen Nomaden Jakutiens, versuchen noch ihre alte Tradition zu leben, die ganz klar mit dem Lauf der Sonne verbunden ist. Denn wer über die Erde wandert, muss den Lauf der Sonne verstehen.

Ilmarinen schmieddet die Achse der Himmelmühle

Der sagenhafte Ilmarinen - Held der finnischen Mythologie - schmiedet die Sampo (Stütze der Himmelsmühle).
Teil aus einem Gemälde von Berndt Abraham Godenhjelm (1799–1881).

Die Sonne verzehrt alles was auf der Strecke bleibt. Bedauern und Schuldgefühle waren und sind den wandernden Völkern darum fremd. Und da man sich im Nomadenleben immer wieder an andere Orte begibt, schaut man nicht zurück auf das was einmal war. Daran erkennen wir, wie sehr Ort und Zeit miteinander verknüpft sind. Wer bleibt wo und wie er ist, verliert sich oft in einem Zeitfenster der Erinnerungen und Hoffnungen, bleibt abhängig von dem was war und andere ihm geben. Wer sich hingegen immer wieder ändert, der handelt den Umständen gemäß und bewegt sich fort.

In den alten Religionen herrschte Frohsinn und Begeisterung für das Leben. Die Menschen der alten Religionen glaubten ganz fest an eine gute Realität. Selbst tragische Ereignisse wurden als Notwendigkeit akzeptiert.
Der moderne Mensch im Westen sucht die Verantwortung der Lebensereignisse nicht bei sich, sondern zieht lieber andere zur Rechenschaft. Jeder ignoriert ganz gerne seine kleinen Fehler im Leben. Doch die Fehler aller Menschen verdichten sich thematisch in einem großen Feld der Ignoranz, dass auf jeden von uns irgendwann zurückwirkt: als Depression, Wirtschaftskrise oder Krieg.

In den Urreligionen lehnte man nicht ab, was einem widerfuhr. Alles wurde angenommen als Teil des Lebens. Für die alten Menschen gab es das Böse nur, um das Gute im Menschen zu testen, ihn dabei aber zu stärken. Die Widrigkeiten im Leben, machen uns stärker.

Manchmal gleicht unser Leben dem glühenden Stahl in der Schmiede, der immer wieder gefaltet und durch unzählige Hammerschläge gehärtet wird, bis daraus ein wertvolles Werkzeug entsteht. Der Allegorie der "Lebensschmiede" begegnen wir in einer finnische Sage, wo der Schmied Ilmarinen die Stütze der Himmelsmühle verfertigt. Und so wie er diese Stütze aus glühenden Stahl herstellt, sie mit vielen harten Hammerschlägen bearbeitet, so werden Menschen die schweres Leid durchgestanden haben, auch zu Stützen anderer Menschen.

Die Sonne zeigt uns jedes Jahr aufs Neue, wie wir unser Leben verändern können

Dem jährlichen Kreislauf der Sonne ähneln die Lebenszyklen des Menschen. Jedes Jahr aufs Neue, bekommen wir durch drei astrale Hauptphasen der Sonne das große Mysterium des Lebens vorgezeigt.

  • Geburt: Die Dunkelphase um die Wintersonnenwende, ist die Zeit wo sich die Sonne vollständig zurückgezogen hat (21. bis 24.12.) und in der Tiefe der Erde als unsichtbare, schwarze Sonne strahlt.
  • Leben: Die Lichtphase um die Sommersonnenwende (21. bis 24.6.) ist erreicht, wenn die Nächte am kürzesten und die Tage am längsten sind. Dann hat die hellweiße Sonne ihren nördlichsten Punkt erreicht hat.
  • Tod und Wiedergeburt: Die Phase des Übergangs während der Herbst- (21.9.) und Frühlingstagundnachtgleiche (21.3.) symbolisiert die glühend, rote Sonne, die bei ihrem Unter- und Wiederaufgang, jeweils genau zwischen Mitternacht und Mittag liegt.

Diese drei Phasen teilen den Kreis des Sonnenzyklus in vier Abschnitte, entsprechend der vier astrologischen Kardinalzeichen:

  • Zunehmendes Sonnenlicht: Mit dem Widder bricht der Frühling hervor, die Natur wird neu geboren. Junge Blätter und Pflanzenkeime sprießen.
  • Maximales Sonnenlicht: Die Sonne im Krebs verleiht dem Korn auf den Feldern im Sommer seine Kraft.
  • Abnehmendes Sonnenlicht: Im Herbst beginnt sich die Sonne allmählich ins Sternbild Waage zurück zu ziehen, die Blätter welken.
  • Minimales Sonnenlicht: Mit dem Eintreten in den Steinbock, beendet die Wintersonne schließlich ihren Jahreslauf. Die Blätter sind abgefallen, alles Leben auf der Erde ruht.

Wer diesen Sonnenverlauf und die damit einhergehenden Veränderungen in der Natur beobachtet, kann daraus ablesen, welche Bemühungen in seinem Leben wichtig sind.
Während dieser Arbeit am Selbst ist es wichtig, uns mit drei eigenständigen Teilen unseres Daseins zu beschäftigen:

  • Dem Körper, der in seinem Innern die Seele verbirgt, so wie der Krebs im Sommer in seiner Schale seine Weichteile schützt oder der Weizen in seiner Hülle die Stärke.
  • Das Herz, das das Blut durch den Körper pumpt und dessen Rot von dem in ihm enthaltenen Eisen stammt - dem Metall also, dass in der Alchemie dem Mars zugeordnet ist. Mars ist der planetarische Herrscher über den Widder.
    Das Herz hält das Verhältnis von Körperempfinden und Denken kohärent. Die Scheidewand im Herzen, bewegt sich wie das Zünglein an der Waage.
  • Unsere Gedanken, die ständig abschweifen, oft sehr störrisch und nur sehr schwer festzuhalten sind, werden sehr gut durch ein Fabelwesen repräsentiert, dass seit alter Zeit für das Sternzeichen Steinbock verwendet wird: eine Ziege mit dem Unterleib eines Fisches. Weder Ziege noch Fisch lassen sich einfach greifen.
Mittelalterliche Vorstellung einer runden Erde, Hildegard von Bingen

Die vier Jahreszeiten nach einer mittelalterlichen Ikone von Hildegard von Bingen (1098-1179).

Körperbeherrschung

Jeder soll sich um seinen Körper sorgen, wie es ihm geziemt. Um die Schwierigkeiten des Körpers zu bewältigen, müssen wir lernen seine triebhaften Anteile im Zaum zu halten. Es geht nicht darum den Körper zu quälen; ist er doch die Verbindung mit der Welt der Erfahrungen. Ohne den Körper kann die Lebensreise nicht bestritten werden. Eher erziehen wir unseren Körper durch Abstinenz und den Verzicht auf Luxus. So wird aus ihm nach und nach ein brauchbares und einsatzfähiges Instrument.

Emotionales Gleichgewicht

Sobald der Körper dem Willen folgt, beginnt man mit der Klärung seiner Emotionen und der Läuterung des Herzens. Es geht dabei um die Entwicklung eines ausgewogenen Gefühlslebens, das uns durch die Reinigung unserer triebhaften Neigungen gelingt. So wird der Hunger nach Sinneseindrücken gestillt. Jeder sollte seine Triebe auf der Emotionalebene unter Kontrolle bringen. Wem das gelingt, der kann nach einiger Zeit damit beginnen konstruktive, positive Emotionen zu generieren, mit denen belastende Negativfantasien und falsche Vorstellungen aufgelöst werden.

Stille im Denken

Ein wichtiger Schritt um das Denken zu läutern, ist zuerst einmal Kritik und Vorwürfe gegenüber anderen einzustellen. Sobald man damit Fortschritte macht, bemerkt man, wie sich viele anstrengende Gedankenbündel langsam auflösen. Dann entlarven wir unsere Kritik und sehen, dass sie sich wie ein Mantel um unseren Hochmut gelegt hat. Zudem Kritik bindet einen eigentlich noch fester an die Kritisierten. Sobald man aufhört anderen Vorwürfe zu machen - sprechend und denkend - kommen neue Menschen ins Leben. Wer Kritik übt verschließt sich Neuem - wer aufgeschlossen bleibt, ist für Neues offen.

Wer Körper, Emotionen und Denken beherrscht, schafft alltägliche Lebensprobleme viel leichter aus dem Weg. Doch die Erfüllung ist nicht so einfach, wie man es hier schnell gelesen hat!
Nur durch wirkliche, harte Arbeit am Selbst, erreichen wir das Ziel in die Freiheit.

Der moderne Mensch

Schade dass sich die Mehrheit der Menschen nicht für diese esoterischen Geheimnisse interessiert, geschweige denn sie versteht. Der moderne Mensch hat genug mit den ständig wechselnden Launen des Fortschritts zu tun. Fortschritt kümmert sich nicht um die hier vorgestellten kosmischen Zyklen, sondern sucht immer nur nach dem "Next Big Thing".
Natürlich helfen fortschrittliche Technologien, verursachte Umweltschäden wieder zu beheben. Moderne Maschinen bereiten Abwasser so auf, dass man es trinken kann, riesige Filteranlagen helfen das Meer von Plastikpartikeln zu reinigen. Und in Zukunft wird ein Großteil unserer Energieversorgung mit Hilfe von Solaranlagen gesichert sein.

Fortschritt greift aber immer unsere Integrität an. Denn unser Leben ist am technologischen Fortschritt ausgerichtet - doch nicht der Fortschritt am menschlichen Leben. Menschliches Wachstum, körperlich, seelisch und geistig, verläuft zyklisch - technologisches Wachstum verläuft heute exponentiell!
Im Fortschritt steht das Erreichen des Ziels im Vordergrund, weniger das Beschreiten des Weges zum Ziel. Das heißt, wer fortschrittlich handelt, will seine Ziele so schnell wie möglich erreichen, ganz gleich welche Konsequenzen das für sein eigenes und das Leben anderer hat.

Eigentlich wurde die Seele mit einen Körper bekleidet, damit der Mensch ihn zur Verbesserung der Natur verwendet. Stattdessen beuten wir die Natur aber immer noch aus, um die teils krankhaften Leidenschaften all unserer Menschenkörper zu stillen.
Mittlerweile sind wir Diener aller möglichen Technologien geworden, glauben aber immer noch, dass wir sie zu unserem Vorteil kontrollieren. Die vielen Mobilgeräte mit all ihren universellen Funktionalitäten, sind eben wunderbare Schmeichler unseres Egos. Wer aber über sein niedriges Dasein hinauswachsen will, sollte seinem Ego nicht schmeicheln, sondern es nach und nach abbauen. Das interessiert aber anscheinend kaum noch jemanden.

Es geht zur Zeit eben weniger um die Stärkung des emotionalen Charakters und um das Erlangen von Weisheit. Stattdessen wird auf "erneuerbares Wissen" verwiesen, wofür die meisten Menschen heute auch bereit sind viel Geld zu bezahlen. Doch das ist rein informelles Wissen, das schon nach kurzer Zeit seinen teuer bezahlten Wert verloren hat. Jeder der moderne Technologie nutzt, und das tun wir ja fast alle, weiß was hier angedeutet wird. Entsprechend oberflächlich wird das eigentliche Potential unseres Gehirns tangiert. Aus den nur 10% die wir angeblich von unserem geistigen Potential nutzen, werden so schon bald nur noch 5% und weniger. Man sollte verstehen, dass sich Neuronenstränge im Großhirn vor allem wegen wichtiger Kerngedanken ausbilden. Je relevanter diese Kerngedanken sind, desto intelligenter wird ein Mensch. Wer sich aber ständig nur mit informativen Banalitäten befasst, wie etwa den komplexen Optionen eines Smartphonevertrages, dessen Gehirn wird nach und nach zu einer eiweißhaltigen Brachlandschaft der Ignoranz verkommen.

Den Wert einer Sache bestimmt heute vor allem der Preis und schon lange nicht mehr was man davon eigentlich hält. Ständige Updates von Software und neuere, bessere Technologie wollen auch bezahlt sein. Es scheint als hätte sich die Welt in der wir leben, in ein riesiges Warenhaus verwandelt. Nur verlieren diese Waren immer schneller ihren Wert. Vor 20 Jahren war es eine Ausnahme, dass jemand über eine mobiles Telefon verfügt. Vor 10 Jahren konnte man mit den ersten Handys miserable Fotos aufnehmen. Doch schon bald kann jeder mit Smartphones in Fernsehqualität Videos machen. Was kommt als nächstes? Foto-Kontaktlinsen mit virtueller 3D-Tastatur und Internetverbindung über Satellit? Hurra!

Wir haben Berge von überflüssigem Bedarf angehäuft. Ständig müssen wir kaufen, wegwerfen, kaufen ... Es ist unser Leben, das wir verschwenden. Denn wenn wir etwas kaufen, bezahlen wir nicht mit Geld - wir bezahlen mit unserer Lebenszeit, die wir aufwenden mussten, um dieses Geld zu verdienen.

- José Mujica, ehemaliger Präsident von Uruguay

Die Geburt des Lichts

Ab dem 21.12. durchläuft die Sonne für drei Tage exakt die gleiche Bahn - der Zenit bleibt also stehen. Daher der lateinische Name "Solstitium" für die Sonnenwende, was "Stillstand der Sonne" heißt.
Zwischen 24. und 25.12. steigt die Sonnenbahn allmählich wieder in Richtung Norden: das ist Heiligabend. Der Brauch an Weihnachten Kerzen zu entzünden, stammt noch aus der Römerzeit, wo man am 25.12. dem Sol invictus (lat. unbesiegter Sonnengott) huldigte. Es war der Geburtstag des römischen Sonnengottes. In den ersten Jahrhunderten n. Chr., waren unter den Teilnehmern dieser Festlichkeiten aber auch sehr viele Christen. Als das die Kirchenväter sahen, legten sie im Jahre 336 den 25.12. als Geburtsdatum Christ fest, um die Angehörigen des christlichen Glaubens von diesem heidnischen Fest fernzuhalten. Zuvor feierte man Christi Geburt im März, im Mai und in anderen Monaten.

Solange Menschen über die Erde wandeln, wird das Sonnenjahr menschliches Sein beeinflussen.
Jedes Jahr bekommen wir aufs Neue gezeigt, was im Leben notwendig ist, wie wir unseren Körper, unsere Gefühle und unser Denken zu etwas Besserem wandeln können. Das zeigt uns die Sonne in der Natur. Sie ist die große Lehrerin jedes Einzelnen von uns. Wer das erkennt, wird sich an das wahre Wissen erinnern, dass er bei seiner Geburt mit auf die Welt gebracht hat.
Wer von den materiellen Bindungen der äußeren Welt Abstand nimmt, der wird in seinem Innern sein wahres Selbst finden. Nach und nach erkennt er im Jahreszyklus des ewigen Kreislaufs von Werden und Vergehen, auch die Reise seiner Seele, die durch all die vielen Inkarnationen wandert. So werden Erinnerungen an frühere Leben allmählich erwachen, damit der Mensch den Zweck seines Daseins finden und verstehen kann.

Wer auf seine Umwelt einen günstigen Einfluss ausüben möchte, der nehme sich die Sonne zum Vorbild. Sie ist ein strahlendes Wesen das jeden einzelnen beeinflusst und uns eine gute Gesinnung gegenüber Anderen verleiht. Das Sonnenlicht können wir aufnehmen und an unsere Mitmenschen weitergeben.

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Warum die Sonne ein Vorbild ist

von S. Levent Oezkan

Alle großen Helden in der Mythologie waren Sonnenhelden. Ihnen war die Sonne ein Vorbild und ein Bild der Vollkommenheit. Sie war ihr Wegweiser, denn so wie die Sonne im Jahreslauf mal heller, mal trüber ist, so sind auch die Reisen der Helden auf ihrem zyklischen Weg mal leicht, mal beschwerlich - bis sie zur Vervollkommnung ihrer selbst und der Welt gelangen.

Seit dem Altertum wurde Gold als Metall der Sonne und der Weisheit angesehen. Das goldene Sonnenlicht gerinnt zum gleichnamigen Metall in den Tiefen des Erdbodens - so lehrt uns die hermetische Wissenschaft.
Dies vergegenwärtigend, können wir die Lichtteilchen (Photonen) die die Sonne unbegrenzt aussendet aufnehmen und so an den göttlichen Tugenden ihres Lichts teilhaben. So passen wir uns ihr unbewusst an und schon bald bemerken wir wie ihre strömende Lebenskraft nach einiger Zeit in uns zu wirken beginnt. Etwas beginnt in einem zu schwingen, zu heilen - wird lichtvoller und warmherziger.
Wenn man von einem "Erleuchteten" spricht, spricht man da nicht auch von einem Menschen, von dem eine geheimnisvoll wärmende und liebevolle Strahlung ausgeht? So jemand scheint das sonnenhafte in sich freigesetzt zu haben - jemand der gibt, ohne etwas dafür zu verlangen - eben so wie die Sonne. Sie ist sein Ideal.

Das Aufnehmen der Sonnenkraft können auch wir üben und uns zu einem Leitbild der Vollkommenheit machen. So können wir uns tagtäglich mit dem großen Himmelsvater verbinden (im Französischen z. B. ist die Sonne männlich, während der Mond weiblich ist) und seine Kräfte an unsere Mitmenschen weitergeben.

Die Sonne ist in unseren Breiten das große Bild eines weitherzigen, Wärme und Liebe aussendenden Wesens. Wie aber in allen Dingen, ist in ihrem Licht auch die Zerstörung enthalten, denn wie jeder weiß, braucht die Erde auch die Nacht, die Finsternis, sonst würde die Sonne alles verbrennen. In der Wüste ist die Sonne des Lebens Feind, ebenso wie an den Polen, da sie sich dort sechs Monate im Jahr vor dem Erdenleben verbirgt.

So ist die Sonne das beste Abbild vom Wesen des Lebens. In den gemäßigten Zonen spendet sie Kraft und Leben. Ihr gemäßigtes Licht ist dort eben ausgewogen. Im Frühling und Herbst bringt die irdische Natur durch das Licht der Sonne alles Leben hervor und berauscht die Wesen die auf der Erde leben.

Wer sich der Sonne zuneigt und versucht ihr zu gleichen, von dem geht Licht und Wärme aus, das von seinen Mitmenschen wahrgenommen wird.
 

Inspiration: "Auf dem Weg zur Sonnenkultur", Omraam Mikaël Aïvanhov
Foto: Sunrise Jequiá da Praia in Alagoas, Brazil. By Geannygalvao. Quelle: Wikipedia

 

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Sonne und Schlange (3)

Schlangenlinien und Sonnenkräfte

Die Menschen wussten bereits vor tausenden von Jahren, dass die sichtbare Wirklichkeit nicht dem eigentlich Wirkenden entspricht, und sich stattdessen eine verborgene Kraft hinter den sichtbaren Dingen verbirgt. In der indischen Philosophie ist Maya die Göttin der Illusion, aus der sich alles in der Welt manifestiert, indem sie die kreative Kraft Shakti verschleiert, was den Menschen dann als Materie erscheint. Materie ist der Schatten der geistigen Wirklichkeit. Anfang des 20. Jhd. fand diese philosophische Annahme durch Albert Einstein's Relativitätstheorie in einem wissenschaftlich erklärbaren Rahmen Bestätigung. Sichtbar für die Augen ist alles, dass sich mit hoher Frequenz in Schwingung befindet, oder etwas hoch schwingendes reflektiert, das von einer materiellen Form ausgeht, die letztendlich einer im Vakuum zu kristallinen Materiestrukturen geronnenen Lichtwirkung gleichkommt.

Im sogenannten »Einheitlichen Feld« der Quantenphysik, bestehen polare Wechselwirkungen bestimmter, objektiver Kraftfelder, die ab einer sehr hohen Umdrehungs-Frequenz beginnen Licht auszusenden. Damit dieses Licht Wirklichkeit wird, bedarf es eines relativen Beobachters, wodurch eine Polarität von dem was leuchtet und dem was dieses Leuchten wahrnimmt aufgespannt wird – ohne Auge, kein Licht – Goethe schrieb: »Wäre das Auge nicht sonnenhaft, wie könnten wir das Licht erblicken?«.
Physikalisches Licht ist nichts anderes als eine polare, schlangenförmige, raumzeitliche Ausbreitung zweier Kräfte: Elektrizität und Magnetismus, die aus einer androgynen, für uns nicht wahrnehmbaren, da unsichtbaren Energie, in eine sich bedingende, untrennbare Zweiheit der Bewegung »gestürzt« ist, worauf vielleicht auch der Luzifermythos hindeutet. Die Tatsache dass erst durch Polarität Wahrnehmung entstehen kann, führt zu dem Schluss, dass Einheit von Unveränderbarkeit, Ewigkeit und Formlosigkeit begleitet wird.

Alles Ewige unterliegt keiner Veränderung und auch keinem Kreislauf. Leben kann deshalb nur, was zwar an der Ewigkeit teilnimmt, als Polarität unbedingt aber sterben muss, um wieder in die Einheit zurückzukehren.

Der Lauf des Lebens ist Geburt aus der Dunkelheit – ob nun aus dem finsteren Weltraum, aus dem Mutterleib oder dem, unter der Erde keimenden Samen, der den Erdboden irgendwann durchbricht um am Tage zu wachsen. In Ägypten symbolisiert diesen Vorgang die Geburt des Sonnenkäfers Skarabäus, den der warme, schwarze Nilschlamm bebrütet, um schließlich aus seiner Hülle zu schlüpfen, um alsdann zur Sonne empor zu fliegen.
Es ist immer eine Geburt aus der Finsternis – hinein ins Licht.

Beginnen tun die Dinge also mit etwas Unsichtbarem, etwas verschlossenem, was das Ei versinnbildlicht. Aus einem Ei schlüpft ein Insekt, ein Fisch, ein Vogel oder eine Schlange – letztere beiden weisen im ägyptischen Mythos ebenfalls auf eine Verwandtschaft, denn in den Pyramidentexten finden wir des Öfteren Geier und Schlange dargestellt, die das Auge des Sonnengottes beschützend flankieren. Hier wird wieder der Zusammenhang zwischen Licht und Materie, zwischen Sonnenkraft und Schlangenkraft deutlich.

Alles ist lebendig, dass sich von selbst und anderes bewegen kann. Das gilt ebenso für unser Zentralgestirn, die Sonne, um deren Zentrum sie sich selbst, und mit ihr alles dreht was sich im Sonnensystem befindet – auch das Leben im Wechsel der Jahreszeiten, wird aus dieser Drehung immer wieder von neuem geboren. Doch wie insbesondere durch die vier Jahreszeiten verdeutlicht wird, ist für das Aufrechterhalten der Lebenszyklen auch ein Opfer notwendig – stirbt doch ein gewisser Teil des animalischen und vegetarischen Lebens im Winter ab, woraus dann wieder Nahrung auf der Erde entsteht, für einen kommenden Sonnenzyklus.

Opfer verkörpern auch die Symbole des gekreuzigten Jesus oder der von Moses im Sinai an einem Kreuz aufgerichteten, ehernen Schlange: die flüchtigen, heilkräftigen Christus- bzw. Schlangenkräfte (Magnetismus) sollen auf den Betrachter übertragen, und durch das Sinnbild des Kreuzes in ihm fixiert werden. Drum windet sich auch eine symbolische Schlange um den Stab des Arztes Asklepios, während sich sein Vater Apollon im ägäischen Delos selbst einmal als Schlange, oder in Delphi als Verkörperung der Kräfte der Erleuchtung und der Erkenntnis zeigt, wenn er eben als Sonnenheld das Orakel von einem Drachen befreit.

Ein anderes, in verschiedenen Mythen verwendetes Symbol in dem sowohl Sonne als auch Schlange vereint sind, ist der hermetische Heroldstab. Dieses Symbol wird auch verwendet in Bezug auf den feinstofflichen, menschlichen Körper. In der vedischen Esoterik werden die zwei Schlangen als Ida und Pingala bezeichnet, die als Kundalini-Kraft jeweils um den zentralen Shushumna-Nadi, entlang der Wirbelsäule aufsteigen – einem anderen Bild für den zuvor erwähnten Stab des Hermes.

Den Sonnenkräften im Menschen entspricht das sinnbildliche Herz. Es teilt auf Höhe des Herzchakras die Bahn der Kundalini in zwei Hälften: in drei geistig-ätherische und in drei seelisch-körperliche Energiezentren.

Die Kundalini und das Licht der Sonne haben eine zweifache Natur, und können entweder richtig oder missbräuchlich angewendet werden – wirken aufbauend oder abbauend, lebensfördernd oder lebenszerstörend.

Kehren wir jetzt aber noch einmal zurück nach Sumer. Der mythische König Gilgamesh beschreitet auf seiner Reise einen Weg zu sich selbst. Nach dem Tod seines Freundes Enkidu, wird er sich auch seiner eigenen Sterblichkeit bewusst, und irrt aus Angst vor dem Tod lange umher, bis er zu den Skorpionmenschen kommt, die den Weg der Sonne bewachen. Er befragt sie nach dem Aufenthaltsort des ehrwürdigen Helden der Sintflut, der angeblich den Odem der Unsterblichkeit besitzt. Ihn will er befragen über Leben und Tod. In der Unterwelt erscheint ihm der Sonnengott und lässt Gilgamesh wissen, dass er das ewige Leben nach dem er sucht, nicht finden wird. Am Ufer des morgendlichen Sonnenaufgangs erreicht Gilgamesh schließlich den Unsterblichen.

The Phanes-Eros - Illustrated by Selim Oezkan
 

Dieser stellt Gilgamesh eine Aufgabe: er solle dem Schlaf, dem Bruder des Todes widerstehen – doch Gilgamesh schläft ein – als er erwacht erkennt er, dass er nicht für die Unsterblichkeit geschaffen sei. Die Frau des Unsterblichen legt für Gilgamesh aber ein gutes Wort ein, da er große Mühen auf sich genommen hat um hierher zu kommen. Man solle ihm doch, bevor er abreist, ein Geschenk machen. Der Unsterbliche offenbart Gilgamesh also ein verborgenes Geheimnis der Götter: Auf dem dunklen Grund des Meeres, wüchse eine Pflanze, die neues Leben verleiht. Gilgamesh holt sich diese Pflanze aus der Tiefe, doch eine Schlange entwendet sie ihm flink und verjüngt sich auf der Stelle, indem sie ihre alte Haut abstreift.

Dieses Epos macht auf den Zeitaspekt im Antagonismus von Sonne und Schlange aufmerksam: Das Licht der Sonne kommt aus der Vergangenheit und entstand durch Zusammenfügen. Während die Finsterniskräfte der Schlange für die Zukunft stehen, da sie durch ihr Wesen die Vergänglichkeit des Lebens ankündigen. Aus den Mythen des Altertums in West und Ost lernen wir, dass der Mensch als Bindeglied dieser vermeintlichen Trennung von Oberem und Unterem, und als Mittler zwischen Göttlichem und Irdischem gesehen werden kann, so wie auch das menschliche Herz im Körper die Kohärenz zwischen Denken und Fühlen bildet. Durch die Verbindung dieses antagonistischen Systems in uns, im Jetzt, können wir beide, Sonne und Schlange, Geistiges und Materielles, Himmel und Erde, in ihrer ursprünglichen, heilsamen Einheit erfahren.

Die beiden widerstrebenden Strömungen, sind letztendlich nichts anderes als Synonyme für die Trennung von Denken und Erfahrung, etwas das z.B. auch Religion von Wissenschaft abgrenzt. Über Jahrhunderte hinweg verteufelte die Kirche alles, was uns die Natur lehrt. Man denke nur an die mittelalterlichen Auffassungen der Beschaffenheit der Welt, wie sie aus Sicht des Klerus angeblich durch Kolumbus, Galilei oder Bruno in Frage gestellt wurden. Bestimmt einer der Gründe, dass sich seit dem Zeitalter der Aufklärung eine so vehemente Ablehnung gegen die Kirche, den Glauben und gegen einen christlichen Gott entwickelte. Materialistisches Vernunftdenken lehnt eine Gottesvorstellung deshalb bis heute kategorisch ab, da für viele das Wort Gott eine Personifikation ist. Darum sei nochmals hervorgehoben, weshalb vielleicht die Ideen die zu uns aus buddhistisch geprägten Traditionen gekommen sind, toleranter aufgenommen werden, da sie eine transzendente Weltsicht vertreten, als die eines immanenten, monotheistischen Gottes der Vergeltung, wie er im Pentateuch festgelegt wurde.

Es wird immer eine Gruppe von Menschen geben, die unablässig bemüht ist die Gegensätze der beiden, immanenten und transzendenten Weltsichten in einer gemeinsamen, ewigen Philosophie zu versöhnen. Glauben und Vernunft, Religion und Wissenschaft können zu einer lebendigen Einheit, in einem organischen Ganzen verschmolzen werden, was Aufgabe der Menschen des neuen Weltzeitalters sein wird.


Die bildlichen Darstellungen Jesu Christi mit seinem bekannten Fingerdeut weisen auf das Herz – die Sonne im Körper – das Organ der Erleuchtung. Im Hinduismus ist das Anahata, das Herzchakra, mit einem Hexagramm gekennzeichnet, dem Symbol der Vereinigung von Äther und Stoff. Es ist also ein Versuch beides, geistiges und körperliches zu er- und beleben, ohne eines von beiden zu leugnen. Zwar setzt die Wahrnehmung eine Trennung, einen Kontrast voraus, der die Dinge erkennbar macht, denn nur was sich in der Polarität befindet, kann der Mensch erfassen – doch beide, Sonne und Schlange, Geist und Materie, sind nur Erscheinungsformen der im allegorischen, »kosmischen Ei« enthaltenden unbegrenzten Wirklichkeiten der Einheit, die die hermetische Tradition als »das einige Ding«, oder die moderne Physik als einheitliches Feld bezeichnet.

Die wohl treffendste Darstellung der hier diskutierten Pole von Sonne und Schlange, wie sie als feurige Kraft aus der Einheit zum Vorschein kommen, ist deutlich versinnbildlicht in der Gestalt des leuchtenden Phanes. Von einer Schlange umwunden, entsteigt er als Sonnengott aus den beiden Hemisphären des kosmischen Eis. Bei den Orphikern war er der Urschöpfer des Lebens und treibende Kraft aller Reproduktionen im Kosmos.

Nach Auffassung der Orphiker entstanden mit dem Erscheinen von Phanes, die Kräfte von Licht, Liebe und Leben, die seither in der Welt umherschweifend bestrebt sind, die ursprüngliche Einheit wieder herzustellen, was den Zyklus von Werden und Vergehen in der Ewigkeit zeitigt.

Sonne und Schlange (2)

In den Texten des ägyptischen Totenbuchs, scheint es auf den überirdischen oder unterirdischen Aufenthaltsort anzukommen, ob man einer Schlange als Gegner oder als Helfer begegnet, je nachdem wo im zyklischen Verlauf einer Geschichte man sich gerade befindet. Der einstige Sonnengott Osiris wurde von seinem finsteren Bruder Seth ermordet, einem von späthellinistischen Griechen mit dem drachenköpfigen Typhon gleichgesetzten Ungeheuer.

Der selbe Seth ist es auch, der auf dem Bug der Sonnenbarke stehend, mit seinem Speer in der nächtlichen Unterwelt die Apophisschlange bekämpft, um dem Sonnengott Ra, seinen Aufgang am kommenden Morgen zu ermöglichen. Sonne, Mond, Licht, Finsternis, Schlange und Auge bildeten bei den alten Ägyptern ein »antagonistisches System«, aus welchem sich je nach mythischem Zusammenhang eine bestimmte, archetypische Wesenheit oder Konstellation manifestierte.

Der Sonnengott Ra formte aus dem aus seinem rechten Auge austretenden feurigen Strahlenschein die Uräusschlange. Als goldenes Herrscherdiadem trugen die Pharaonen dieses solare Reptil auf ihrem Haupt. Gekrönt mit diesem Emblem, wähnten sie sich unbesiegbar, sollte doch der Gluthauch der Uräus ihre Feinde vernichten können.

Den beiden Urformen, Sonne und Auge, begegnen wir auch wieder in der Biologie: Als vor 100 Mio. Jahren die ersten Nager, die Vorfahren der Primaten, aus ihren Höhlen krochen, und damit begannen, überwiegend im Sonnenlicht aktiv zu werden, verbesserte sich evolutionsbedingt die Funktion des Sehens um ein vielfaches – warum? Damit sie ihre Feinde, insbesondere Schlangen, schneller erkennen konnten.

Licht, Auge, Sonne und Schlange stehen sich ihrem Sinn gemäß also näher, als man zuerst vermutet. Sowohl also in der Mythologie des Ostens als auch des Westens, in der Biologie, und, wie wir später noch sehen werden, ebenfalls im Zusammenhang mit Feuer und Metall, zeigen sich Sonne und Schlange als äußerst ambivalente Erscheinungen, die sich auf geheimnisvolle Weise gegenseitig ergänzen oder sich sogar in einander umwandeln können.

Auf diese Ambivalenz wurde seit jeher in vielen Sagen von Sonnenhelden hingewiesen, die zunächst aus der Finsternis kommend, ganz gleich ob nun aus einer physischen Dunkelheit oder aus geistiger Umnachtung, sich auf eine Reise begaben um das verlorene Licht oder Feuer wiederzufinden und den Menschen zurückzubringen – eine Art Paradies, das sich in die physische Welt versenkt hatte, und von dort von einem Erlöser, aus seinen materiellen Verstrickungen befreit, und aus der Dunkelheit emporgehoben wurde – dafür steht die solare, das Erdreich mit ihrem Magnetismus, belebende Schlange, wie wir sie auf dem Baum der Erkenntnis von Gutem und Bösem in der Bibel antreffen – oder als die auf dem Baum des ewigen Lebens wachende Schlange der atlantischen Hesperiden. Es ist ebenfalls diese Schlange, die am Stab des Heilergottes Asklepios empor kraucht, dem Sohn des Sonnengottes Apollon.

Prometheus, der Bruder des Atlas, war Kulturstifter, laut Ovid sogar Erschaffer der Menschen. Dem griechischen Held Herakles wies er den Weg nach Westen, wo er mit Atlas den Drachen der Hesperiden überlistete um an die Äpfel des ewigen Lebens zu gelangen. Prometheus brachte den Menschen auch das Feuer, trotz das Zeus es ihnen versagte. Als Zeus entdeckte, dass er es den Menschen nicht wieder nehmen konnte, bestrafte er Prometheus den er im Kaukasus Gebirge vom Himmelsschmied Hephaistos an einen Felsen ketten ließ, wo ein schrecklicher Adler täglich an seiner Leber zehrte.

Die in diesem Mythos beschriebene Himmelsschmiede steht wohl auch in Bezug zur Region des kaukasischen Georgiens, in dem bereits vor 7.000 Jahren Erze zu Metall verarbeitet wurden.

The Annunaki - Illustrated by Selim Oezkan

Georgien ist auch das Land aus dem die früheste Erwähnung der Drachentöter-Legende des heiligen St. Georg bekannt ist, auf den im Mittelalter die Eigenschaften des solaren St. Michael übertragen wurden, jenem Erzengel, der laut christlicher Überlieferung den rebellierenden Lichtfürsten in den Abgrund stürzte – wo er sich in die böse Schlange Satan verwandelte, und angeblich seither aus der Unterwelt versucht die Herrschaft über die Erde an sich zu reißen.

Von einer anderen Drachentöter-Legende erfahren wir in der germanischen Nibelungensage. Dort ist es der rotblond gelockte Siegfried, der von einem Schmied namens Mime in einer Waldhöhle erzogen wird. Mit seiner Hilfe schmiedet Siegfried das Zauberschwert Balmung, womit er den schrecklichen Drachen Fafnir tötet, um damit einen riesigen Goldschatz in Besitz zu nehmen. Eigentlich aber, sind die wirklichen Besitzer des Schatzes die sagenhaften Nibelungen, doch Siegfried, von seiner Goldgier überwältigt, möchte den ganzen Schatz für sich behalten. Damit zieht er einen Fluch auf sich: Er vergisst seine Vergangenheit, und auch seine Liebe Brunhilde, die ihm dafür eines Tages, durch seinen Widersacher Hagen, ihre Rache tödlich spüren lassen wird (Hagen ist der Neffe des getöteten Drachen).

Die visuelle Sinnenbindung an den Glanz des Sonnenmetalls, veranlasste also Siegfried eine Bestie zu beseitigen, doch die chtonischen Begierdekräfte gingen auf den Drachentöter über. Ihm kam ein Blutstropfen des getöteten Drachen auf die Zunge, er schmeckte seine Zauberkraft und nahm daraufhin sogar ein Bad im Blut des Drachen, das ihn unverletzlich machte. Vielleicht ist das Drachenblut auch eine symbolische Manifestation, des Menschen innerster Angst vor dem Tod, etwas, über das er sich mit irdischen Reichtümern hinwegzutäuschen versucht.

Wie die Sonne, kann auch das Schwert mit der Schlange kulturhistorisch in Verbindung gebracht werden: Die Waffen des Mittelalters trugen Schlangenverzierungen, oder hatten einen Drachenkopf als Knauf. Insbesondere in künstlerischen Darstellungen aus dem Mittelalter finden sich Schlangenlinien in den Hohlkehlen von Schwertklingen. Zudem wurden die Schichten des Stahls auf bestimmte Weise »verdreht«, womit der Schmied eine »Schlängelung« der Metallfasern bewirkte, um so eine Härtung des Stahls zu erzielen. Eine andere Form der Metallhärtung geschieht durch Abschrecken des glühenden Stahls in einem Wasserbecken.

Einen interessanten Bezug zum Element Wasser gibt es auch in der Geschichte der griechisch-orthodoxen Heiligen Margarete von Antiochien, einer christlichen Drachenbezwingerin und der Schutzpatronin des zuvor erwähnten Drachenordens. Die griechische Form ihres Namens, Marina, bedeutet »Vom Meer stammend«. Margarete als Name ist allerdings persischen Ursprungs. »Morvarid« bedeutet auf persisch »Kind des Lichts« – ein besonderer Name für das Wort »Perle«, da in der persischen Mythologie die Perle durch die Umwandlung eines Tautropfen durch das Mondlicht entsteht. Wasser und Mond bilden also Variablen, die sich in die »Familie« der Schlangensymbole einreihen lassen. Der Mond, wie man ihn etwa im Bildnis der Mondsichelmadonna findet, weist auf die Offenbarung des Johannes hin. Dort steht eine Schwangere auf dem Mond, die von einem Drachen verfolgt wird. Das ist sozusagen die biblische Fortsetzung der Geschichte des gestürzten Erzengels, der sich an der Menschheit und an Gott rächen will, doch im letzten apokalyptischen Gefecht gegen den Sonnenfürsten Michael endgültig geschlagen wird.

 

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