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Das Selbst und die geheimen Zeichen des Glücks

Das Selbst und die geheimen Zeichen des Glücks

Schlüssel jeder spirituellen Fortentwicklung ist persönliches Gewahrsein. Das heißt, wer seine Achtsamkeit steigert, erweitert dabei den Raum seiner bewussten Wahrnehmung. Und so wie sich das Bewusstsein damit vergrößern und entfalten lässt, wird es auch befähigt, sich allmählich zu erheben, hinweg über die vielen Ebenen der Wahrnehmung.

Solch erweiterte Bewusstheit eröffnet einem Menschen Möglichkeiten in der Welt, die über die im Alltag angeeigneten Fähigkeiten hinausgehen. So jemand erkennt dann seine Lebenswelt als großes Ganzes, was ihn ermächtigt die Begrenzungen seiner Persönlichkeit allmählich abzulegen und sich, seiner Berufung gemäß, frei in seinem Leben zu bewegen.

Unsere Persönlichkeit: Eine Maske unseres wahren Selbst

Als Kinder entwickelten wir das, was man das Ego, das Ich oder das beobachtende Selbst nennt. Es ist die physische Bewusstseinsebene des Menschen, mit der sich seine Wahrnehmung zunächst vertraut macht – mit dem Körper und seinen Sinnesorganen als solche – wie auch mit dem, was er über eine Sinne im Außen wahrnimmt.

Die meisten Menschen identifzieren sich mit diesen sinnlichen Fähigkeiten, ahnen aber nur selten, dass es eine höhere Wahrnehmung gibt, die man als Mensch entwickeln kann. Ihr beobachtendes Selbst bleibt damit aber gebunden, an die Körperfunktion des physischen Leibs.

Wer nun erkennt, dass das beobachtende Selbst zu viel mehr befähigt ist, könnte damit beginnen, allmählich jene Beschränkungen zu beseitigen, die sich ihm auf dem Weg zu einer höheren Bewusstheit in den Weg stellen. All die Äußerlichkeiten im Leben an denen wir hängen, sie bilden die Barrieren auf diesem Weg. Wer aber gelernt hat zu verzichten, wird sich auch leichter über höhere Hürden hinwegsetzen können, die ihn sonst an seinem Fortkommen gehindert hätten.

Das Spiegelbild

In Wirklichkeit ist das, was wir als unsere Persönlichkeit im Spiegelbild sehen, und das was wir unser Selbst nennen, nicht das Selbe. Eher gleicht die Persönlichkeit einer Maske hinter der sich unser wahres Selbst verbirgt, eine seelische Entität, die Namen, Geburtsort und Geburtsdatum bezeichnen, damit sie ihre Rolle in der Welt spielen kann. Nur wenige aber ahnen, welche Rolle auf der Bühne ihres Lebens sie eigentlich spielen sollten. Metaphorisch gesprochen: Häufig gibt man sich in dieser Rolle nicht wirklich zum Besten, sondern hüllt sich in etwas, das einem gar nicht entspricht oder übernimmt sogar die Rolle eines anderen Menschen. Manchen aber wird das irgendwann zur Last, selbst wenn sie den Grund dieser Bürde keineswegs kennen.

Die Darsteller im antiken griechischen Theater benutzten in ihren Rollen Masken, um ihrem Schauspiel einen besonderen Ausdruck zu verleihen: Sie nannten sie die »Persona« – der Ursprung der deutschen Wörter Person, Persönlichkeit, Personifikation, Personal, usw.

Der Schweizer Psychologe Carl Gustav Jung (1875-1961) übertrug diesen Begriff auf die menschliche Psychologie und schrieb über die Persona:

(Sie) ist aber, wie ihr Name sagt, nur eine Maske der Kollektivpsyche, eine Maske, die Individualität vortäuscht, die andere und einen selber glauben macht, man sei individuell, während es doch nur eine gespielte Rolle ist, in der die Kollektivpsyche spricht. [...] Sie ist ein Kompromiss zwischen Individuum und Gesellschaft über das, als was einer erscheint.

Es wäre also einen Versuch wert, sich zu erheben, über die Identifikation mit dieser Maske unserer Persönlichkeit. Nur so nämlich, ließe sich eine Verbindung zu dem herstellen, was man in der Esoterik das »Höhere Selbst« nennt.

Sich über Beschränkungen erheben

Der erste Schritt dazu, wäre sich zuerst einmal bewusst zu machen, dass sich die Persona zusammenfügt, aus unserer äußeren Erscheinung, unserem Namen, unserem Geburtsort, unserem Geburtsdatum und unserer persönlichen Geschichte – kurz: als das, als was wir auch allen anderen erscheinen können. Dessen bewusst, kann man dann ein höheres Selbst voraussetzen, dass, in dieses existenzielle Konglomerat eingefügt, existiert.

Als Nächstes gilt es zu versuchen, wie von einer höheren Warte aus betrachtet, die eigentliche Persönlichkeit in ihrem Handeln zu beobachten. Doch nur beobachten und nicht beurteilen! Dann nämlich kann sich das beobachtende Selbst auf ein höheres Niveau als die Persönlichkeit begeben, da es sich zu lösen beginnt aus allem Gut und Schlecht, aus den Verstrickungen in vergangene Erinnerungen, aus Befürchtungen vor Zukünftigem, aus den Verhaftungen mit einem Ich oder einer Abgren- zung zum Du. Zusammengefasst könnte man sagen, dass ein so bewusst gewordenes Selbst, sich letztendlich ja über seine Todesangst erhoben hat, um sich dem Wesen seines Seelenkerns zu nähern.

Ein Beispiel: Sie machen einen kleinen Spaziergang und stellen sich dabei vor, wie ihr Höheres Selbst ihren Körper »ausführt«, statt sich mit dem laufenden Leib zu identifizieren. Ihr physischer Körper ist (nur) das Fahrzeug, das ihr Höheres Selbst steuert. Es gehört nicht zu ihrem Körper, sondern der Körper ist Besitz des höheren, beobachtenden Selbst, ist sein Diener. Das bedeutet, dass man nach und nach lernt, das beobachtende Selbst, nicht mehr mit dem sich abgefundenen Ich des Körperlichen zu identifizieren. Eher geht es in der Entfaltung eines höheren Bewusstseins darum, allmählich von Stufe zu Stufe immer weiter zu wachsen – vorausgesetzt, man löst sich von äußeren Dingen und von der Angst vor dem Tod.

Wir haben Gedanken, doch wir sind nicht unsere Gedanken

Der englische Religionsphilosoph Alan Watts (1915-1973) schrieb über diesen Aufstieg des beobachtenden Selbst Folgendes:

Es ist sowohl die Fähigkeit unser normales Alltagsbewusstsein zu bewahren, als es dabei auch gleichzeitig loszulassen. Sprich, man beginnt, ganz unbefangen, den Gedankenfluss im Auge zu behalten, all die Eindrücke, Gefühle und Erfahrungen geistig zu erfassen, die unentwegt unser Bewusstsein zu durchströmen versuchen. Statt aber die Gedanken zu kontrollieren und in den Gedankenstrom einzugreifen, lässt man sie so fließen, wie es einem gefällt. Normalerweise wird das Bewusstsein von diesem Gedankenstrom mitgerissen. Darum wäre es wichtig zu lernen, über diesen Gedankenstrom zu wachen, ohne dass er das Bewusstsein erfasst.

Vier Ebenen des Bewusstseins

Um die Wende zum 20. Jahrhundert begründete der griechisch-armenische Esoteriker und Abenteurer Georges I. Gurdjieff (1866-1949) ein spirituelles System, das Menschen helfen sollte eine »innere Evolution« anzustoßen. Gurdjieff sprach hier von einem »Vierten Weg« der einem Menschen helfen sollte diese innere Entwicklung des Bewusstseins anzustoßen. Dabei ging es ihm um vier Bewusstseinszustände:

  1. Der niedrigste Zustand dieser vier Entwicklungsstufen war für Gurdjieff der Schlaf.
  2. Den normalen Wachzustand, von dem die meisten Menschen glauben, er sei freies Bewusstsein, war für Gurdjie nichts weiter, als nur ein anderer Zustand des Schlafs. Denn was einen da wach hält, sind die in der Tiefe der menschlichen Psyche brausende Leidenschaften, vielleicht etwa mit dem vergleichbar, was der österreichische Psychologe Sigmund Freud (1856-1939) als das »Es« bezeichnete.
  3. Manche Menschen aber sind fähig, wahre Bewusstheit zu erfahren. Doch meist nur in kurzen Augenblicken. Das passiert wenn die verkrusteten Schichten der Persona (Maske der Persönlichkeit), an manchen Stellen abzuplatzen beginnen. In diesem Zustand erfährt man eine Art Erinnerung an das, was man das »Wahre Selbst« nennen könnte. Doch damit gehen auch Gefahren einher, da nicht jeder diesem »erwachten Gewahrsein« gewachsen ist.
  4. Der höchste Zustand ist vollkommene Erleuchtung, wo der »Erwachte« sich und die Dinge so sieht, wie sie tatsächlich sind. Es ist, was die Buddhisten den Samadhi-Zustand nennen, wo das beobachtende Selbst mit dem Atman, dem jedem Menschen innewohnenden göttlichen Funken, vereint wahrnimmt. Jeder Wunsch über Dinge oder andere Personen zu Urteilen verschwindet damit und wird überflüssig.

Um diese letzte Stufe zu erreichen, müsste ein Übender, so Gurdjieff, zuerst ein Bewusstsein in der 3. Stufe entwickeln. Das ist sicherlich ein längerer Weg. Denn man muss sich mit den Bewusstseinskräften, die in diesem Zustand wirken, erst vertraut machen, da sie zum »normalen Wachzustand« der 2. Stufe, eigentlich keine direkte Verbindung haben. Menschen die entweder sehr sensibel sind oder zu eifrig versuchen sich auf diese Stufe zu erheben, laufen durchaus Gefahr den Verstand zu verlieren.

Befreiung des Emotionskörpers

Fest steht, dass die meisten Menschen auf unserem Planeten, da sie vielleicht auch nie von diesen höheren Zuständen des Bewusstseins hörten, nur ganz gelegentlich, vielleicht in besonders schwierigen Lebenssituationen, eine solche höhere Bewusstheit plötzlich in sich aufsteigen fühlen.

Wer sein beobachtendes Bewusstsein diszipliniert, wird allmählich dazu befähigt, seine Gefühle zu kontrollieren und sich dabei eines feinstofflichen Leibes bewusst zu werden, der sich aus seinen Emotionen und Empfindungen zusammensetzt. Das ist der Emotionskörper.

Selbstbetrachtung ist ein sehr geeignetes Werkzeug, sich seine höheren Daseinsformen bewusst zu machen und die inneren und äußeren Muster zu erkennen, die einen Menschen seinem wirklichen Daseinsgrund näher bringen.

Darum geht es: Die Erfüllung unseres wahren Seins auf diesem Planeten zu verwirklichen. Wenn nicht in dieser, dann vielleicht in unserer kommenden Inkarnation – wo und was immer das sein wird.

Wichtigste Voraussetzung aber, um solch höheres Gewahrsein überhaupt zu erlangen, sind eine positive Lebenseinstellung und die Fähigkeit Mitgefühl zu entwickeln, für alles Leben in dieser Welt. Dabei ist es wichtig immer wenn man wütend über etwas ist, sich nicht mit den dabei aufsteigenden, negativen Emotionen zu identifizieren, noch sich von ihnen mitreißen zu lassen. Die Kunst ist es, solche Gefühlsbewegungen von einer anderen Warte aus zu beobachten. So kann es sogar gelingen sich von solchen Emotionen zu lösen und sie nicht weiter anzufeuern, noch bevor sie überhandnehmen.

Ärger, Sorgen, Hass und Wut entstehen aus den Problemen der Persönlichkeit eines Menschen. Sie als solche zu entlarven heißt, sich seinen Emotionskörper bewusst zu machen, ihn mit Hilfe des beobachtenden Selbst zu erkennen, doch sich nicht mit ihm zu identifizieren. Wem das gelingt, der kann Negativität durch selbst erzeugte Hochgefühle ausgleichen, innere Blockaden überwinden und sich dabei über bisher unbewusste Schranken erheben. Er befähigt sich damit, seinen Emotionskörper in Balance zu bringen und so auch zu heilen. Wie von selbst wird er damit die inneren und äußeren Widersacher seiner Persönlichkeit bezwingen und für mehr Glücksempfinden in seinem Leben sorgen.

Immer also wenn einen belastende Empfindungen und negative Gefühle plagen, kann man sich sagen:

Ich empfinde diese Emotionen, doch ich bin mehr als meine Emotionen: Ich bin grenzenloses Bewusstsein, ewig und frei.

 

Leid und Freuden, Freude und Leidenschaft

von S. Levent Oezkan

Welchem Zweck dient all das viele Leid auf Erden? Was sind seine wahren Ursachen? Auf solche Fragen haben manche vielleicht eine plausible Antwort. Wer aber das Feld dieser Problematik betritt, über Leid und seine Ursachen spricht oder schreibt, sollte nicht verallgemeinern. Zumal Leid immer etwas Persönliches ist – auch dann, wenn etwa wegen eines Vorfalls viele Menschen gleichzeitig leiden.

Auch die Geografie ist wesentlich, für das Verständnis und die Erklärung von Leidursachen. Denn worunter Menschen in den Industrieländern leiden, mag Menschen aus Staaten in denen große Armut herrscht, recht fragwürdig erscheinen. Mitleidsempfindungen scheinen sich proportional zum Gefälle zwischen reich und arm zu verhalten. Damit ist Leid etwas Relatives – besonders im Wissen, dass die Menschen ihr Leid ja auf verschiedenen Ebenen des Seins bekümmert.

Das Wort »Leid« wird aber ebenso verwendet um den Gemütszustand eines depressiven Menschen, mit dem eines Hungernden zu bezeichnen. Echt schwierig wird's dann aber, wenn einer versucht einheitliche Regeln festlegen zu wollen, die zur Auflösung von Leidursachen führen sollen. Doch genau das geschieht, wenn in manchen Glaubensgemeinschaften das Konzept »Leid« religiös generalisiert wird. Dann nämlich treten die Atheisten auf den Plan und stellen die Frage: Warum muss es Leid geben, wenn ein allmächtiger Gott über Gut und Böse verfügt? Hätte ein so omnipotentes Wesen vollkommener Intelligenz, nicht eine Welt erschaffen können, worin seine Geschöpfe ohne Leid leben?

Das sind durchweg berechtigte Fragen, zu denen wir im Folgenden Antworten finden wollen.

Freiheit der Wahl

Der Mensch hat eine relative Freiheit zu entscheiden, zu tun und zu lassen was er will. Doch zuvor legt ihn sein Unterbewusstsein auf das fest, wofür er sich letztendlich entscheidet. Seiner Wahlfreiheit ist damit nur ein gewisser Spielraum gesetzt. Normen prägen Bewusstseinsmotive, die das Unbewusste begrenzen. Auf dieser Grundlage entscheidet ein Mensch welchen Weg er geht. Vorausgesetzt natürlich, ihm sind die Optionen seines Handlungsspielraums bewusst.

Jeder von uns mag wählen, ob er höheren Zielen zustrebt oder sich damit zufrieden gibt, sich allein niederen Instinkten zu überlassen. Gewiss aber lastet dabei auf ihm immer auch ein Teil des Gesamtwillens der Gesellschaft in der er lebt. Nur in seiner sexuellen Freiheit scheint der Mensch uneingeschränkt zu bleiben. Und so werden Leidenschaften als Vorwand ausgelebt, um wichtige Leidursachen zu verharmlosen und vor sich nicht zugeben zu müssen. Doch daraus wird heutzutage eine Menge Kapital geschlagen.

Je mehr Möglichkeiten sich uns bieten, desto schwerer fällt die Entscheidung. Statt sich zu bewegen, kommt es irgendwann zum Stillstand. Was aber wäre, wenn einem Menschen keine Wahl bleibt? Er bliebe einfach in Bewegung, ohne innezuhalten und sich zu fragen: Schlage ich diesen oder jenen Weg ein? Verlöre der Wunsch nach Freiheit dann nicht an Bedeutung?

In dieser Welt scheinen sich unzählige Gelegenheiten zu bieten, wegen denen wir unsere Wahlfreiheit bemühen, um dies oder das zu tun. Doch sind das echte Mühen? Oder versinken wir in Wirklichkeit nur immer tiefer in eine Art Schlaf, aus dem uns nur noch Leid erwachen lässt? Wenn das der Fall wäre, würde wohl das Wissen darüber verloren gehen, was einem selbst, geschweige denn anderen wirklich gut tut. Doch dieses Wissen ist ja die Grundlage des Zusammenlebens überhaupt. Und wer auf der Welt kann alleine überleben?

Die Gleichnis von der Schlange am Baum

Wenn wir als Mensch nun über die Fähigkeit zu entscheiden verfügen, bedeutet das trotzdem nicht, dass wir auch tatsächlich selbst auswählen. Meist laufen eigene Wünsche mit denen anderer zusammen oder entstehen sogar erst, wenn gewisse äußere Einflüsse an Bedeutung gewinnen.

Die biblische Symbolik der Schlange am Baum der Erkenntnis von Gutem und Bösen, deutet hin auf den Zwist der Kräfte von Licht und Finsternis, von Leben und Tod, von Freuden und Leiden. Dieses uralte Thema verdichtete sich vor ungefähr 2000 Jahren, zum zentralen Symbol der Christenheit: dem gekreuzigten Messias. So wie die Schlange sich zwischen den Ästen des Baumes der Erkenntnis emporwand, so richtete man den Leib Christi am Kreuzesbaum auf, als ultimatives Symbol für die Auflösung jener Ursünde, zur Erretung der Menschheit.

Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden.

- Johannes 3:14

Die christlichen Evangelien beschreiben Jesus als den Erlöser, der die Menschen heilte und den Unglücklichen half. Doch er tat das nicht seiner selbst willen, sondern opferte sich allen auf, für seine göttliche Bestimmung. Er trat den Leidensweg also freiwillig an, was offensichtlich genau das Gegenteil davon ist, wonach wir in unserem tagtäglichen Leben heute suchen: die Vermeidung von Leid.

Da ist eigentlich nichts, was dieses Streben in Frage stellen könnte, als ein kleines, jedoch nicht unbedeutendes Detail: Wenn wir uns erinnern, als wir selbst einmal gelitten haben oder durch eine sehr schwere und beengende Lebensphase gingen, war es da nicht so, dass wir danach klüger waren und uns ähnliche Leiderfahrungen viel weniger schmerzlich erschienen? Was man einst durchstand, wiederholt sich niemals auf selbe Weise, sondern ist als solches mit dem Durchschreiten der Leiden oder der Angst, auf immer gebannt. Man eignete sich dann nämlich, wenn vielleicht auch ungewollt, das nötige Handwerkszeug an, um in der Zukunft ähnlichen Problemen mit mehr Gelassenheit zu begegnen.

Ängste und Leiden zu überstehen, sind unsere wichtigsten Lektionen in der Schule des Lebens. Sie bereiten uns vor auf das, was man das ultimative Ziel im Leben nennt: den Tod.

Ewiges Leben ohne Leidenschaft?

Nun versucht jeder vernünftige Mensch, möglichem Leid oder dem noch schlimmeren Risiko des Todes, aus dem Weg zu gehen. Es ist ratsam und auch gesund davon auszugehen, dass wir in diese Welt geboren wurden, um ein angenehmes Leben zu führen. Weder Leid noch Tod aber, lassen sich vermeiden – auch wenn gegenwärtig manche Wissenschaftler forschen, ob der Tod nicht sogar überwunden werden könnte, in dem man den menschlichen Geist digitalisiert und auf einem Medium außerhalb des Körpers sichert. Wenn es damit sogar tatsächlich gelänge, ein elektronisches, selbst-denkendes System zu kreieren, das von einem Informationsträger aus agiert, stellt sich die Frage, wie es dann aussieht mit dem freien Willen dieses Denksystems?

Wieso außerdem, sollte diese digitale Kopie überhaupt fortleben wollen? Auf den ersten Blick ließe sich damit vielleicht der »vollständige Tod« umgehen. Doch was ist, wenn man bereits zu Lebzeiten eine digitale Kopie seines Geistes mehrfach erstellen ließe? Welche davon bliebe dann das eigentliche Ich? Und was würde geschehen, wenn nun eine dieser Kopien die Daseinsexistenz des Originals anzweifelte oder ihr sogar das Lebensrecht abspräche: Würden so nicht noch mehr Quellen des Leids entstehen?

Solche Fragen mögen heute vielleicht noch etwas fantastisch anmuten, doch es dauert keine Jahrzehnte mehr, bis so etwas tatsächlich möglich ist. Dann wäre die Frage wirklich berechtigt, ob der Wunsch Leben, Fühlen und Denken zu überlisten, zur Quelle unsäglichen Leids führen könnte.

Zu denken was man ist

Der wahrscheinlich größte Teil, auch körperlicher Leiden, steht in direktem Zusammenhang mit dem Denken eines Menschen. Denn so wie es in der physischen Welt Gesetze gibt, die Ordnung und Stabilität sichern sollen, so gibt es auch geistige Gesetze, die sich begünstigend auf das gesamte Leben auswirken.

Ganz wenige Menschen nur haben die natürliche Veranlagung positiv zu denken. Die Wertung »positives Denken« mag manchen schon recht abgedroschen erscheinen, was aber wohl nur daran liegt, dass sie es nie wirklich versucht haben. Es hilft eben nicht, alleine nur ein gutes Buch über bessere Lebensführung oder Ernährung zu lesen. Nur wer tagtäglich zur Entwicklung seiner konstruktiver Weltsicht durch richtiges Denken beiträgt, wird positive Resultate ernten, die irgendwann auch auf seine Umwelt übergehen.

Jeder Schöpfung geht ein Gedanke voraus und Denken ist eine kreative Kraft, mit der man äußert vorsichtig umgehen sollte. Zweifel, Sorgen und Ängste scheinen Unglück regelrecht einzuladen. Und wer sein Bewusstsein ständig mit Negativinformationen beeindruckt, darf sich nicht wundern, wenn sich diese auch irgendwann als leidvolle Erfahrungen im Leben manifestieren.

Wir sind was wir denken, und was wir denken wird zu dem, was uns in unserem Leben begegnet. Man sollte sich darum immer wieder daran erinnern, dass Ängste tatsächlich in Erfüllung gehen, vielleicht noch schneller, als man denkt. Das Selbe aber gilt auch für unsere Wünsche. Doch Vorsicht! Viele von uns nämlich erhoffen sich dies und das im Leben, einen Liebespartner, mehr Geld oder Gesundheit, sind aber mental noch gar nicht auf die Erfüllung des Wunsches vorbereitet. Und wenn sich diese Wünsche dann erfüllen, hat man sich vielleicht alles ganz anders vorgestellt. Jeder von uns ändert sich ständig. Und wenn so ein Wunsch sich erfüllt, sind wir vielleicht bereits über ihn hinausgewachsen und er erscheint uns womöglich unbedeutend.

Oft sind außerdem viele der Wünsche die wir hegen, die Wünsche anderer, die sich nur als unsere eigenen ausgeben. Hierzu zählen sicherlich all die Moden, die wir alle mehr oder minder mitmachen. Individualismus scheint dazu ein wirksames Gegenmodell, dass sich dem Wahn aufoktroyierter Sehnsüchte zu entziehen versucht. Wer das aber als Lebensmotto wählt, dürfte irgendwann die leidvolle Erfahrung machen, das man mit so etwas sehr schnell vereinsamt.

Herren des Seelengifts

Schwierig wird es, wenn Regierungen mancher Staaten Steuergelder verschwenden, um den Menschen Ideologien einzubläuen, die sie gegen anders gesinnte Menschen aufbringen. Das scheint besonders heute sehr einfach zu gelingen, bei all den Falschmeldungen in sozialen Medien. Bestes Beispiel ist die Verteufelung des Islam. Doch auch die Lächerlichkeit mit der über christliche Gläubige geurteilt wird, basiert auf eigentlicher Unwissenheit.

Wenn auch indirekt, ist es die Unwissenheit unter der die Menschheit gegenwärtig am meisten leidet. Der Großteil der Weltbevölkerung hat eben nicht die leiseste Ahnung von der Kraft unserer Gedanken. Einem verständigen Menschen dürfte das aber vollkommen absurd erscheinen.

Statt das Regierungen riesige Geldmengen bewegen, um damit Hass zu schüren, gegen die Mitglieder einer anderen Gemeinschaft, bedürfte es viel weniger Geld die Mittel zur Verfügung zu stellen, um in den Köpfen der Menschen, durch entsprechendes Wissen, zuerst einmal Frieden zu schaffen – ist es doch der Frieden, der den Menschen in der Gemeinschaft stärkt.

Gemeinsam eine Menschheit

Immer mehr scheint das Verständnis über das gemeinsame Miteinander zu schwinden. Begriffe wie Brüderlichkeit und Menschlichkeit, empfinden viele nur noch als Erinnerungen aus alter Zeit. Unzählige junge Menschen »üben« Zerstörung und Krieg, wenn auch »nur« im Spiel. Wo aber verläuft die Grenze?

In diesem Bewusstsein entsteht eine vollständige Entfremdung von dem, was Menschsein eigentlich ausmacht: das Anteil haben am Leben der Anderen, nicht um einen Zweck zu erfüllen, sondern weil alle Menschen auf diesem Planeten aufeinander angewiesen sind – direkt oder indirekt. Jeder Mensch ist Teil unserer gesamten Menschheit. Nur, wie viele Menschen erinnern sich daran, bevor sie morgens das Haus verlassen?

Jeder von uns ist unlösbar verbunden mit dem Rest der Menschheit. Denn was andere tun, sagen und denken, beeinflusst unser Leben, unser Schicksal und trägt zu unserem Glück oder Unglück bei. Was wir unserem Nächsten antun, tun wir gewiss der ganzen Menschheit an. Und so lange auch nur ein Mensch leidet, hält das Leid der Menschheit an.

»Geld heilt alle Wunden«

Viele glauben, dass wenn sie nur genügend Geld hätten, sich ihre Probleme lösen ließen. Armut aber ist nur einer der vielen Gründe für Kummer und Sorgen. Wenn nämlich allein Geld die Schwierigkeiten in der Welt lösen könnte, hätten die Reichen keine Probleme mehr. So mag es vielen auch erscheinen, doch in Wirklichkeit ist das nur eine Seite der Wahrheit.

Sorgen die Geld zu heilen vermag, sind keine wirklichen Sorgen. Der Besitz und Verlust von Geld jedoch, führt manchmal zu viel größeren Tragödien, besonders dann, wenn damit menschliche Enttäuschungen, Trennungen und der Schmerz der Einsamkeit einher gehen.

Manche, sehr reiche Menschen scheinen ein unbeschwertes Leben zu führen. Doch nur sie wissen welche Last ihre Herzen bedrückt. Wer hinter die Fassaden vermeintlichen Glücks schauen könnte, würde sich wohl wundern zu sehen, dass es keinen Menschen gibt, der ohne Last beladen auf dieser Erde wandelt.

Geld an sich versklavt den Menschen, doch wir alle brauchen das Geld. Je mehr wir davon aber haben, desto eher neigen wir dazu Dinge zu tun, die sich gegen unser gutes Gewissen richten. Denn Geld will nicht nur besessen werden, es will auch beschützt sein. Und je mehr Geld einer hat, desto größer die Gefahr, dass es ihn darum zu seinem eigenen Sklaven macht.

Kein Leid ohne Freude - keine Süße ohne Bitternis

Jeder der schon einmal gezwungen war sich durch eine schwierige Phase in seinem Leben zu drängen, der weiß nur zu gut wie es sich anfühlt, wenn die schweren Fesseln der Sorgen fallen. Vielleicht war es die Einstellung, die einer der Sache gegenüber hatte, die mühevolle Überwindung etwas zu schaffen, vor dem er sich bisher fürchtete. Doch ist das erst einmal erfolgt, lösen sich die dunklen Wolken der Angst schnell auf.

Wenn man der wortgetreuen Bedeutung der Begriffe »Freuden« und »Leidenschaften« nachgeht, könnte man den Eindruck gewinnen, als seien auch Freude und Leid irgendwie miteinander verwandt. Könnte es sogar sein, dass sie sich gegenseitig bedingen?

Fest steht, dass Freude nur erfahren werden kann, wenn man auch weiß was Leid ist. Man denke an die Kinder, die wegen jeder Kleinigkeit in Geheul ausbrechen. Und dann wieder ist ihr freudiges Lächeln so süß, dass auch Erwachsene zu grinsen beginnen.

Wir können Freude nur empfinden, wenn wir im Leben auch schonmal vom Leid kosteten. Ohne Schatten kein Licht, ohne Klang keine Stille, ohne Bitterkeit keine Süße. Etwas lässt sich nur als gut bemessen, wenn wir auch schon Schlechtes, Nachteile und Unwohlsein erfuhren. Keine Unendlichkeit ohne Begrenzungen im Raum, keine Wahrheit ohne vom Irrtum zu wissen!

Immer vergleicht der Mensch die Gegensätze – im Geist und im Gefühlten. Wie, als nur durch den Vergleich, sollte ein Mensch darum Freude genießen, wenn ihm niemals Leid widerfuhr? Nur wer schonmal Schmerzen überwunden hat, kann Wonne genießen. Niemand kann andauernde Wohlgefühle haben. Gewohnte Harmonie nehmen wir nur dann als Glück wahr, wenn sie sich wieder einstellt, nach unmittelbar vorangegangenem Unglück. Für einen weisen Menschen liegt Wonne bereits darin, zu erkennen, dass man gerade kein Leid erfährt.

Den Leidensweg zu Ende gehen

Unsere Zivilisation pflegt eine regelrechte Leid-Vermeidungs-Kultur. Die Ursprünge dessen liegen wohl sehr weit in der Vergangenheit, als sich der Großteil der Menschheit vom Nomadentum verabschiedete, um sesshaft zu werden. Man lagerte Vorräte und die dort verwahrten Güter mussten in Speichern beschützt werden. Das war auch die Zeit der ersten Könige, die ihre Männer in Armeen scharten, um über ihre Äcker und Ländereien zu wachen.

Wer mehr besaß, wurde beneidet, was letztendlich Missgunst anderer aufbrachte. Räuber kamen und wurden bekämpft. Das aber sollte sich dereinst zur grausamsten Ursache allen Leids verschlimmern: dem Krieg.

Die Vermeidung von Leid in unserer heutigen Zeit, ergibt sich, wie schon damals, allein aus der Unwissenheit des eigentlichen Zwecks der Leiden. Es kann also vorkommen, dass ein leidender Mensch seinen Leidensweg nicht zu Ende geht. Dann bleibt er stehen, erträgt willig was geschieht und sagt zu allem Ja. Damit glauben die meisten tatsächlich bereits die höchste Stufe des Seins erlangt zu haben. Mit Glück und Freude hat das aber nichts zu tun. Viele darunter werden zu Nörglern oder Kritikern, da sie, wenn auch unwissend, sich nur am Schaden der Anderen erfreuen. Doch gleichzeitig fürchten sie sich panisch davor, dass ihr Leben nur begrenzt ist. Würden diese Menschen aber verstehen, das sie sich nur durch Leiden über diese Furcht erheben können, gelänge es ihnen auch diese Begrenzungen zu überwinden. Doch die Gewohnheit hält sie davon ab.

Vielleicht ist es auch die über viele Jahrhunderte missverstandene Bedeutung jenes berühmten Leidensweges Christi. Jesus warb nicht für obligatorischen Jammer, sondern versuchte den Menschen zu verdeutlichen sich nicht gegen das Leid zu stellen, sondern es durchzustehen, um letztendlich Freude zu ernten. Das aber setzt voraus, dass man überhaupt erst einmal gelernt hat sich zu freuen!

Die Ehrfurcht vor Verboten, Strafen und Züchtigungen – die es in allen Religionen gibt – hält viele davon ab sich aus den Fesseln des Leids zu lösen und sich endlich auch einmal zu freuen. Ist das aber nicht eine Verleugnung des eigenen Schmerzes, ein Verbergen der Tränen unter einem Lächeln, das eigentlich nur ein allzu leidendes, allzu verwundbares Gemüt verbirgt?

Aus der Tiefe des Leids strebt zwar keine Heiterkeit oder Sorglosigkeit empor, doch wer das Leben grundsätzlich bejaht – auch in Zeiten von Not, Schmerz oder Sorgen –, entwickelt ein natürliches Vertrauen dafür, dass kein Problem endgültig ist.

Der Weg geht vom Leiden müssen, durch Leiden wollen, zum Leiden können und schließlich zur Heiligung des Leids. Doch ist dabei der Blick nicht auf das Leid zu richten, sondern auf eine sicher kommende Erheiterung.

Unsere Leiden sind nie das Ziel, immer nur der Weg – der Weg zur Freude, zum Strahlen und zum Licht.

 

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