Sufi

Ritterlichkeit als höchstes Ideal im Sufitum

von S. Levent Oezkan

Hazret Ali

Wie im Westen gibt es auch im islamischen Orient eine ritterliche Tradition. Sie beruht auf drei Grundpfeilern: Rücksichtnahme, Selbsthingabe und Ergebenheit. Danach richtet ein junger Ritter sein rechtschaffenes Leben, als Helfer der Schutzlosen und Unglücklichen. Er lässt Güte walten gegenüber allen Geschöpfen - im Dienste des Allmächtigen.

Das Wort zu halten gehört ebenso zu seinem Ehrencodex wie Selbst-Zurückhaltung. Damit identifiziert er die noblen Qualitäten perfekten Menschenseins, wie sie auch die Sufis anstreben. Ein arabischer Begriff fasst dieses recht edle Lebensbedürfnis zusammen: Al-Futuwwa (arab. الفتوة).

In ihrer Grundbedeutung bezeichnet Futuwwa die edlen Eigenschaften eines jungen Menschen guter Gesinnung. Fatā nennt man einen tugendhaften, jungen Menschen, der der Tradition der Futuwwa folgt. Als verantwortungsbewusster Mann geht er einem Ideal nach, das moderner Weltanschauung vielleicht fremd erscheinen mag. Doch ein Fatā ist ein Nobelmann der alles gibt, um jemandem großzügige Gastfreundschaft zu erbringen. Auch wenn er für sich nichts weiter hätte, gäbe er trotzdem, wenn nötig auch das, was ihm am liebsten ist - konsequenterweise sein Leben.

So ähnelt der arabische Begriff Futuwwa in mancher Hinsicht jenen Grundwerten der Ritter des europäischen Mittelalters. Futuwwa ist das Idealbild eines Edelmanns, der sich durch Treue, Tugendhaftigkeit und Tapferkeit auszeichnet - eben jene Qualitäten, wie man sie auch in der Artus-Legende findet.

Die jungen Männer der Futuwwa sehen in ihrer Tradition eine Entwicklungsstufe auf dem Weg zu Gott. Das Rittertum der Futuwwa, ist ihnen damit gewiss heilig. Aus diesem Bewusstsein heraus, handelt ein Fatā. In seinem Altruismus sähe er am liebsten alle Menschen froh und zufrieden. Der Ethos der Futuwwa ist ein wichtiges Maß guter Führung und ein ganz wesentlicher Aspekt der Menschlichkeit.

[...] Sie waren Jünglinge (Fitjan, Plural von Fatā), die an ihren Herrn glaubten und denen wir zunehmend Rechtleitung zukommen ließen. Und wir stärkten ihre Herzen, als sie aufstanden und sagten: Unser Herr ist der Herr der Himmel und der Erde. Wir werden außer ihm keinen anderen Gott anrufen, sonst würden wir ja etwas Unsinniges aussprechen.

- Sure 18:13-14

Die Futuwwa-Bewegung entwickelte sich im Mittelalter aus dem Sufismus und war von seinen Ideen durchdrungen. In den Futuwwa-Gruppen pflegte man einen besonderen Ehrencodex. Der folgte dem Vorbild der koranischen Propheten.

Futuwwa ist das ernsthafte Bestreben auf dem Weg zu vollkommener Gottesdienerschaft. Gleichzeitig aber definiert sich Futuwwa auch als Rebellion gegen das Böse. Wobei hier natürlich die Verantwortung des Handelnden eine ganz wesentliche Rolle spielt. Schließlich muss der Begriff des Bösen erst als moralisch falsch definiert sein, bevor man gegen etwas vermeintlich Böses vorgeht. Ein wahrer Fatā kann nur aus den moralischen Überzeugungen seiner ritterlichen Ethik handeln. Doch dabei beruft er sich stets auf sein muslimisches Erbe, das ihn zurück verbindet auf die Propheten Abraham, Ismail, Mohammed und die Kalifen Abu Bakr und Ali.

Der Schutzpatron der Sufis

Muslimische Ritter suchten nach dem Wort Fatā im Koran, wo sie es mehrfach in der Bedeutung als Jüngling, Knabe, als Diener oder Helfer geschrieben fanden - so etwa in Sure 21:60:

Wir hörten sie von einem Jüngling (Fatā) sprechen; man nennt ihn Abraham.

Dieser Vers deutet hin auf den Propheten Abraham (arab. Ibrahim). Er hatte in seiner Gemeinschaft die Futuwwa vollendet. Stets versuchte er sein Volk zur Wahrheit zu führen. Muslimen gilt Abraham als wichtigster Prophet der hebräischen Bibel. Allah selbst soll Abraham initiiert haben - vermutlich bei der Segnung durch den Priesterkönig Melchisedek im Tal von Joschafat.

Gemäß islamischer Überlieferung, erhielt Abraham vom Erzengel Gabriel jenen geheimnisvollen Stein, den später sein Sohn Ismail, im Bau der heiligen Kaaba zu Mekka integrierte. So zumindest will es die von Ali ibn Abi Talib (600-661) überlieferte Tradition, die Ismail als Vorfahren des Propheten Mohammed (as) nennt. Jener Ali ibn Abi Talib sollte später zum Vorbild der islamischen Ritter und Sufis werden. Der legendären Überlieferung nach, war Ali der einzige Mensch, der innerhalb der Kaaba in Mekka geboren wurde - in jenem schwarzen Quader also, dem zentralen Heiligtum des Islam.

Ali war Vetter und Schwiegersohn des islamischen Propheten Mohammed (as) und gehörte neben Abu Bakr, Umar und Uthman, zu den vier "Rechtgeleiteten Kalifen".

Ali ibn Abi Talib war ein gefürchteter Krieger, der mehr als einmal sein Leben zum Wohle des Propheten Mohammed (as) aufs Spiel gesetzt hatte. So verkörpert er für viele Gläubige das Idealbild für Güte und Tapferkeit. Darum fügt man seinem Namen den Ehrentitel Hazrat (heilige Gegenwart) oder Iman (spiritueller Führer) bei.

Hazrat Ali galt Edelmut bei weitem mehr, als nur im Dienste seines Herrn, die Tugenden eines Kämpfers zu wahren. Als solch tugendhafter Beschützer des Islam und edler Ritter der Futuwwa, wurde Hazrat Ali für jeden Fatā zur Leitfigur.

In einem Gefecht zwischen Alis Heer und den Ungläubigen, hastete ein junger Krieger auf seinem Pferd dem Kalifen entgegen und war wild entschlossen Ali zu töten. Hazrat Alis Herz aber war erfüllt von Mitleid mit dem jungen Mann, der aus recht eigennütziger Motivation seinem Pferd die Sporen gab. Da rief er ihm entgegen: "Oh junger Mann, weißt du denn nicht, wer ich bin? Ich bin Ali der Unbesiegbare. Keiner kann meinem Schwert entkommen. Rette dich vor mir!" Doch der junge Krieger ließ sich nicht davon abhalten, weiter auf Ali, zornig mit schwingendem Säbel zuzureiten. "Wieso reitest du weiter", sagte Ali, "Willst Du wirklich sterben?" Da antwortete der Junge, während sich sein Pferd unter ihm aufbäumte: "Ich liebe ein Mädchen, die mir schwor mein zu sein, wenn ich dich töte." "Was aber wenn du stirbst?", fragte Ali. "Was ist besser als zu sterben für jene, die ich liebe?", antwortete der Junge und fügte hinzu "Würde ich schlimmstenfalls nicht von den Qualen der Liebe befreit werden?" Als Ali das hörte, ließ er sein Schwert fallen, nahm den Helm ab und lichtete seinen Nacken, wie den eines Opferlamms. Konfrontiert mit einer so ungewöhnlichen Tat, verwandelte sich die Liebe des jungen Mannes in Liebe für Hazrat Ali, und für jenen den Ali liebte: den allmächtigen Allah.

Hazrat Ali handelte immer im Namen des Allmächtigen. Nicht der Wunsch nach Ruhm oder Macht trieben ihn, sondern allein der himmlische Auftrag, den er in sich verspürend zu erfüllen suchte. 

Als Gefährte des heiligen Propheten Mohammed (as) befand sich Hazrat Ali auf einem Schlachtfeld, wo er gegen einen Krieger der Feinde des Islam kämpfte. Er war drauf und dran seinen Gegner mit seinem Säbel zu richten. Doch als Hazrat Ali sein doppelspitziges Schwert gegen seinen Feind erhob, spuckte ihm dieser ins Gesicht. Zur größten Verwunderung des Übeltäters aber, ließ Ali sofort den Arm sinken und führte seine Schwertklinge zurück in die Scheide. Er drehte sich, und ließ seinen Gegner unbeschadet auf dem Schlachtfeld zurück. Der Mann aber lief ihm nach und rief: "Was ist los mit Dir, dass Du nicht zugeschlagen hast?", worauf Hazrat Ali antwortete "Weil, bevor Du mich anspucktest, kämpfte ich im Namen des Allmächtigen Allah. Doch weil du mich angespuckt hast", sagte Ali, "durfte ich dich nicht aus Wut richten. Ein Muslim kann nur im Namen Gottes kämpfen, niemals aber zur Befriedigung seiner eigenen Nafs (Teil der Seele, der zum Übel aneifert)." Da erkannte sein Gegner die Vornehmheit und Wahrhaftigkeit der Worte Hazrat Alis. Sofort öffnete sich sein Herz, sich zu ergeben dem Glauben an den Allmächtigen Allah.

Silsila - die spirituelle Kette der Sufi-Sheikhs

Hazrat Ali empfing vom Propheten Mohammed (as) eine besondere Waffe: das doppelspitzige "Schwert der Wahrheit" - Dhu Al-Fiqar (arab. ذوالفقار). Dieser Name sollte Teil des Leitspruches der Futuwwa werden:

Kein Fatā außer Ali. Kein Schwert außer Dhu Al-Fiqar.

Wer in diesem Sinne sein Schwert führte, so die Ritter der Futuwwa, war ein Rechtschaffener. Er wusste moralisch Wahrheit von Falschheit zu unterscheiden und konnte damit Entscheidungen fällen, die sein Handeln rechtfertigten.

Als Empfänger des Schwertes Dhu Al-Fiqar, wurde Hazrat Ali zum spirituellen Erben der Rechtschaffenen. Darauf berufen sich alle Sufis. Sie sehen sich als die spirituellen Nachkommen Hazrat Alis. Die Sheikhs der Sufi-Orden, sehen sich als Glieder einer goldenen Kette der Kraftübertragung: der Silsila (arab. سلسلة). Über diese spirituelle Kette, ist der Sheikh eines Sufi-Orden (Tariqa) über frühere Generationen von Weisheitslehrern, verbunden mit Hazrat Ali und dem Propheten Mohammed (as). Das selbe gilt für die islamischen Ritter der Futuwwa, die ihren Schutzpatron verehren in Hazrat Ali. Eine Ausnahme bildet der im usbekischen Buchara gegründete Orden der Naqschbandiyya, der sich auf den Kalifen Abu Bakr beruft. In dieser Tradition der Silsila auf jeden Fall, erhielten alle kommenden Generationen die islamischen Ritterwürden der Futuwwa.

Dhu Al-Fiqar - das heilige Schwert des Hazrat Ali – ewigeweisheit.de

Dhu Al-Fiqar - das heilige Schwert des Hazrat Ali. Über dem Schwert ist zu lesen "Ali ist der Freund Gottes (wali allah)". Auf der Klinge ließt man "Kein Fatā außer Ali. Kein Schwert außer Dhu Al-Fiqar (la fatā illa ali, la saif illa dhu al-fiqar)."

Die Initiation

Eine besondere Einweihungstradition machte aus den Fitjan (Ritter der Futuwwa) Menschen, die sich von herkömmlichen Gläubigen unterschieden. Nur Männer aus ehrenwerten Familien und mit ordentlichen Berufen wurden aufgenommen - eben so, wie man es ja auch in christlichen Ritterbünden handhabte. Da die Futuwwa-Bünde mit den Handwerker-Gilden verbunden waren, ähnelten sie damit gewiss auch den Freimaurer-Bruderschaften.

Bei der Initiation in die Futuwwa wurden besondere Zeichen und Symbole übertragen. Wer diese Geheimnisse der Bruderschaft erfahren hatte, den gürtete (shadd) man und bekleidete ihn mit einer besonderen Hose: der Sarawil Al-Futuwwa. Diese Tradition hat ihren Ursprung vermutlich im alten Persien, wo man in der Initiation, die Feuerpriester mit dem Band des Zarathustra gürtete.

Im Anlegen der sakralen Kleidung lag natürlich eine tiefe Bedeutung. Die Hose verhüllte die Scham des Initianden, wo sich ja der Bereich stärkster menschlicher Begierden befindet. Wenn diese nun bedeckt wurde, durch das, wodurch man das ritterliche Gelübde ablegt, hütete man sich, sie in einer Versündigung vor Gott zu entblößen. Die Sarawil Al-Futuwwa war damit auch ein Symbol für die Abkehr von unmoralischen Taten. Auch die Sufi-Orden pflegen in ihren Initiationen ein Bekleidungsritual, wo man den erwählten Nachfolger des Sufi-Sheikhs in dessen Mantel hüllt. 

Nachdem der ritterliche Initiand also bekleidet wurde, reichte man ihm einen Becher mit gesalzenem Wasser (Ka's Al-Futuwwa). Das Trinken aus diesem Becher galt als Zeichen der Loyalität des neu eingeweihten Fatā.

Man muss natürlich von der besonderen Bedeutung des Wassers wissen. Es ist das, woraus alles Leben entsteht, das sich in der "Mondsphäre" befindet und von dort den lebenspendenden Regen auf die Erde bringt. Aus dem Wasser, dem Ursprung allen Lebens, entstehen Pflanzen, Tiere und Mineralien. Im Koran heißt es, der Mensch wurde geschaffen aus "ausgegossenem Wasser" (Sure 86:6).

Und wir machten aus dem Wasser alles Lebendige.

- Sure 21:30

Darüber hinaus ist Wasser natürlich das wichtigste Mittel zur Reinigung.

Und wir senden reines Wasser aus den Wolken nieder, auf dass wir damit ein totes Land lebendig machen und es unserer Schöpfung zu trinken geben - dem Vieh und den Menschen in großer Zahl. Und wir haben das Wasser unter ihnen verteilt, um sie zu ermahnen.

- Sure 25:48-50

Der 21. Vers der Sure 76 sagt außerdem:

Ihr Herr hat sie getränkt mit dem reinigenden Trunk.

Das Salz das im Wasser dieses reinigenden Initiationstrunks gelöst ist, steht für die Beförderung der Wahrheit, die sich damit auch im ganzen Körper verteilt. Die Einnahme des salzigen Trunks beförderte den Eid, den der Initiand durch den Vertag mit seinem Orden abgab. Auch sah man im Salzwasser ein Mittel zur Abwendung des Bösen, bewirkt doch das im Blut und in den Körpersäften gelöste Salz, dass die Stoffe in die Körperteile hindurchbefördert und damit dämonische Kräfte ausgetrieben werden. Für den Initianden galt das als Hinweis darauf, dass ein Fatā gegenüber Widerwärtigkeiten und schädigenden Wirkungen geduldig bleiben muss. Selbst wenn er sich vor den Heimsuchungen Gottes bedroht fühlt, soll er stets für seine anderen Wohltaten danken und in jener "Weite seiner momentanen Enge" geduldig ausharren.

In allen Sufi-Orden spricht man vom "Schmecken" der Geheimnisse. Darum spielt bei den Sufis die Austeilung von Speise eine wichtige Rolle. Die Sufis des Naqshbandiyya-Ordens, reichen den Schülern nach der Unterredung (Sohbet) mit dem Sufi-Scheich, eine Prise Salz zu kosten, bevor man gemeinsam isst.

Im muslimischen Sprachgebrauch sagt man über das Salz:

Der bewahrt das Salz, dass die Freundschaft erhält, und der lässt das Salz verlorengehen, der sie nicht erhält.

Ritterlichkeit und der spirituelle Weg

Mit diesen Einweihungsriten, verbreitete sich die Futuwwa im islamischen Mittelalter. Im 10. und 11. Jhd. wurde sie sogar zum Ideal der persischen Fürsten.

Was den Fatā von anderen Menschen unterscheidet, ist seine Aufopferung und Hilfsbereitschaft für andere. Der Universalgelehrte Al-Biruni (972-1048) schrieb in einem seiner Bücher über die Ritterschaft der Futuwwa:

Die Muruwwa (Tugenden) beschränkt sich auf den Menschen, und zwar in Bezug auf sich selbst, seine Familie und seine Lage. Die Futuwwa hingegen, geht über ihn und diese Muruwwa hinaus zu anderen Dingen.

Muruwwa steht für das innere Tun des Guten - Futuwwa für das entsprechend äußere Tun und die Enthaltung vom Schlechten. Die Sufis entwickelten hieraus den Begriff der Futuwwa weiter. Das Wesen der Futuwwa basierte für sie auf einem allgemeinen Altruismus (Itar), wo man seinen Mitmenschen in allem den Vorzug vor sich selbst gibt. Der ritterlich gesinnte Sufi gibt überhaupt immer, nimmt nie und stellt sich selbst vor dem Feind zurück (wir erinnern uns an die oben geschilderten Episoden über Hazrat Ali). Damit wurde Futuwwa für die Sufis, als Freunde Gottes, ein ganz einzigartiger Ehrencodex.

Im Glauben eines wahren Sufi, hatte Gott den Menschen für sich geschaffen, als sein höchstes und schönstes Geschöpf. Ein Sufi versucht darum alle unangemessenen Einstellungen abzulegen - gegenüber anderen Menschen und gegenüber sich selbst. Daher versucht er mit all seiner Macht, immer und unter allen Umständen, sich anderen Menschen gegenüber angemessen zu verhalten.

Die noblen Qualitäten der Ritter der Futuwwa

Zwischen dem 10. und 11. Jhd. entstand eine in Sufi-Kreisen wichtige Schrift: das Kitab al Futuwwa (Buch der Ritterlichkeit). Es geht zurück auf den Sufigelehrten As-Sulami (942-1021), die vielen Sufi-Bruderschaften als Grundlagenwerk galt. Diese mittelalterlichen Abhandlungen über die Futuwwa hatten keinen literarisch hohen Anspruch, sondern dienten eher praktischen Unterweisungen, die organisatorische Zwecke erfüllten und die Bedingungen für die Sufi-Initiation beschrieben. Auch viele andere Sufis widmeten in ihren Büchern, häufig ein ganzes Kapitel der Futuwwa. So auch die "Sendschrift an die Sufi-Genossenschaften", die Mitte des 11. Jhd. Al-Qusairi (986-1072) verfasste. Es ist eine Zusammenstellung von Futuwwa-Sprüchen großer Sufis - unter ihnen der weise Ibn Arabi (1165-1240), der in seinen "Mekkanischen Eröffnungen", ausführlich über die Futuwwa schrieb.

Die Essenz der Futuwwa, ist eigentlich eins mit der Tradition des heiligen Propheten Mohammed (as). Wer darum an dieser Tradition festhält, und sie in seinem alltäglichen Leben zu integrieren weiß, der kann sich getrost als Fatā bezeichnen.

Was aber zeichnet einen Fatā aus? Dazu seien einige Zeilen aus einem Buch Al-Qusairis wiedergegeben, der darin die Großen seiner Zeit zu Wort kommen lässt. Über die Bedeutung des Rittertums bei den Sufis schrieb er:

Fatā ist derjenige, der keinen Widersacher hat und der für niemanden Widersacher ist.

Futuwwa besteht darin, dass du ein Widersacher zugunsten deines Herrn wider dich selbst bist.

Futuwwa besteht darin, dass es dir gleich ist, ob einer ständig bei dir wohnt oder dich plötzlich besucht.

Futuwwa besteht darin, dass man nicht flieht, wenn ein Bettler naht.

Futuwwa besteht darin, dass man keinen Unterschied macht, ob ein Heiliger bei einem isst oder ein Ungläubiger. So gibt es die Legende, dass einst ein Zoroastrier den Propheten Abraham um Gastfreundschaft bat. Da sagte dieser zu ihm: "Ja, unter der Bedingung das du Muslim wirst." Da ging der Zoroastrier weg. Dann offenbarte Gott dem Abraham: "Seit fünfzig Jahren ernähren wir ihn trotz seines Unglaubens; hättest du ihm doch einen Bissen gereicht, ohne von ihm eine Änderung seiner Religion zu verlangen!" Da ging ihm Abraham nach, bis er ihn einholte und entschuldigte sich bei dem Mann. Darauf befragte der Zoroastrier Abraham über den Grund seiner Umkehr, worauf ihm Abraham antwortete was er von Gott erfuhr. Da nahm der Zoroastrier die Religion des Islam an.

Letztendlich ist Futuwwa ein Name, der sich auf verschiedene Arten und Weisen definieren lässt. Nie würde ein wahrer Fatā einen armen Menschen verachten oder im Gegensatz dazu, sich durch Reiche und deren Reichtümer verführen lassen. Ein Fatā ist ein gerecht handelnder Mann, der allen Menschen respektvoll begegnet - ohne aber selbst Gerechtigkeit von seinem Gegenüber zu verlangen. Stets pflegt er rücksichtsvoll den Umgang mit seinen Mitmenschen. Er lebt sein Leben als schonungsloser Gegner des eigenen fleischlichen Selbst. In seiner Ritterlichkeit hat er sich losgesagt aus den Fängen fleischlichen Verlangens und lebt ein reines, spirituelles Leben. Einer aber, der größtenteils den Versuchungen des fleischlichen Selbst unterliegt und den Begierden und Gelüsten nach weltlichem Vergnügen, wird den Gipfel der Futuwwa nie erklimmen.

Ein Fatā-Ritter ist seinem Gott, dem allmächtigen Allah treu ergeben. Stets sucht er Allah durch seine guten Taten, Gedanken und Gefühlen zu erfreuen. Reue plagt ihn, wenn er auch nur die kleinste Sünde begeht. Stets aber schaut er über die Fehler seiner Mitmenschen hinweg - ganz gleich wie schlimm sie auch gewesen sein mögen.

Komm, komm wer auch immer du bist.
Wanderer, Verehrer, Freund des Verlassens. 
Es ist ganz gleich.
Wir müssen uns nicht der Karawane der Zweifel anschließen.
Komm, selbst wenn du deine Eide tausendmal gebrochen hast.
Auch dann komme wieder, komm nur, komm.

- Maulana Dschelaladdin Rumi

Sufi oder Fatā: beide sehen sich als demütige Diener, während sie stets in anderen das Heilige zu entdecken suchen. Ein Fatā verurteilt niemanden, doch hält selbst zu denen weiterhin Verbindung, die ihn verurteilen.

Der Fatā bleibt freundlich auch dann, wenn ihn einer verletzt. Als erstes dient er Allah und den Menschen, bevor er irgend sonst etwas tut oder daran denkt sich selbst zu helfen. Auch wenn das auf den ersten Blick ganz unmöglich oder sogar schönmalerisch erscheint: der Fatā hat sich diese Tugenden mühsam, über sehr lange Zeit durch ungeheuerliche Disziplin angeeignet. Die fünf täglichen Pflichtgebete (arab. Salāt, "Verbeugung") verrichtet er konsequent.

Ein wahrer Fatā setzt andere stets an erste Stelle, selbst wenn es Zeit ist die eigenen Verdienste belohnt zu bekommen.

 

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Zu werden was man schon immer ist

von S. Levent Oezkan

Der große Sufi-Meister Al-Ghazali erinnert uns: „Diese Welt ist nicht das wahre Zuhause unserer Seele. In dieser Welt ist sie nur ein fremder Gast.“ Unser Lebensweg führt uns vom Menschen der wir sein könnten, zum Menschen der wir tatsächlich sind. Es ist ein Weg in die Wahrheit, der durch sieben Täler führt.

In Al-Ghazalis Werk, „Der Pfad der Gottesdiener“, Minhag Al-Abidin, wird eine Art Landkarte beschrieben, eine Hilfe für den Sucher der Wahrheit, sich auf dem Weg zu orientieren, hin zu einem neuen Geistesleben.

Einer der über das Maß der Durschnittsgläubigen hinaus will, bekommt mit Al-Ghazalis Minhag Al-Abidin einen Weg gezeigt, das ihn aus dem gewöhnlichen Leben, tatsächlich zu wahrer Spiritualität erhebt. Doch der Weg dorthin ist steil und schwierig zu beschreiten. Überall lauern Gefahren. Es tun sich Widerstände auf und es kommt gelegentlich zu Unfällen. Manch Suchender verirrte sich auf dieser Reise.

Die Seele des Menschen bewegt sich durch diese sieben Täler. Man kommt von der Kuppe zur Senke, durchläuft in Abstieg und Aufstieg, sieben Phasen einer inneren Reise. Ist der Aufstieg vollbracht, schaut man vom Gipfel ins nächste Tal. So kommt voran, bis das siebente Tal erreicht ist. Hier endet die Lebensreise unserer Menschenseele. Sie löst sich auf, in größter Wonne und wird in der großen Weltseele wiedergeboren. Solange ein Mensch diesen Zustand aber nicht erreicht, das siebte Tal nicht durchquert hat, solange kümmern ihn noch Sorgen.

Wer den Weg beschreiten will, darf sich nicht verlieren. Er soll den in den sieben Tälern befindlichen Erscheinungen nicht anhängen, sondern sich immer weiter bewegen, ohne zu vergessen, dass er auf dem Weg ist. Nur so kann er den Scheitelpunkt zwischen dieser und der kommenden Welt erreichen. Der Sucher der Wahrheit, muss sich das immer wieder vergegenwärtigen. 

Es ist auf dieser Reise Zurückhaltung wichtig. Zwar soll er aufmerksam, doch distanziert bleiben. Wer sich von seinen Erlebnissen nicht einfangen lässt, wird die Talsenke auch wieder verlassen können. Am Ende des Tales, auf der Kuppe, wird das Eintreffen in einem großen Fest gefeiert. Schließlich soll man sich stärken, denn das Ende des einen Tales, ist ja der Eintritt in das nächste. Jedes Tal hat aber seine Reize und Verlockungen. Drum ist es sehr wahrscheinlich, dass sich der Seelenwanderer darin verliert, wenn er den darin erlebten Dingen und Ereignissen anhaftet.

Erst wenn er sich von diesen Verstrickungen befreit hat, kann er alle sieben Täler passieren. Dann hat der Wanderer sein wahres Selbst wiedergefunden, sein eigentliches Sein zurückerlangt. Im siebten Tal fallen von ihm ab, alle Paradoxe, alle Anhaftungen und aller Kummer. Diesen Zustand nennt man im Osten „Buddhaschaft“, bei den Sufis „Fanaa Fillah“, im Westen das „Christus-Bewusstsein“. In dieser letzten Phase der Reise, löst sich das Selbst des Suchers auf und er kehrt zurück in die ewige Einheit.

I. Das Tal des Wissens

Alles beginnt mit dem Wissen. Der Mensch lebt indem er weiß. Tiere haben dieses Wissen nicht. Nur der Mensch sammelt Wissen, ließt, schreibt und spricht. Was den Menschen vom Tier unterscheidet, ist also die Schrift und die darin abgefassten Theorien.

Das einzig Negative: der Mensch kann sich in seinem Wissen verlieren. Dann schlägt Klugheit um in Verschlagenheit. So jemand hat den wahren Sinn hinter dem Wissen vergessen und versucht alles an seinem Wissen festzumachen und damit zu beurteilen. Wissen bindet aber, verunsichert oft, macht starr und unbeweglich.

Die Versuchung ist groß, immer mehr Wissen erlangen zu wollen. Irgendwann ist man ein großer „Gelehrter“. Ein „Wissender“ zu sein ist jedoch etwas vollkommen anderes. Denn der Pfad des Wissenden unterscheidet sich vom Pfad des Wissens. Was ist der Unterschied?

Zum einen gibt es Wissensinhalte – man weiß etwas. Anderseits gibt es ein Bewusstsein, in dem sich der Wissende spiegelt. Das heißt, wer zu sehr den Inhalten anhaftet, statt seine Erkenntnisfähigkeit zu schulen, wird sich im Tal des Wissens verirren. Wer über all die vielen Inhalte der Welt bescheid weiß, der verstrickt sich schnell in alle möglichen Meinungen. Wem viel an Klugheit liegt, wird das erste Tal aber niemals verlassen können.

Je mehr man weiß, desto leichter können einen Dinge verwirren, die sich mit diesem Wissen nicht vereinbaren lassen. Stündlich werden es mehr. Die Möglichkeiten zu entscheiden, was wahr und was falsch ist, wird zusehends komplexer. Jede Wahrheit birgt eine Unwahrheit. Man denke an all die unzähligen Gesetzbücher, die immer wieder revidiert, ausgetauscht und erweitert werden müssen. Selbst wenn das Wissen immer weiter wächst: es bleibt doch begrenzt. Es besteht eben aus Buchstaben – Formen die einen Raum einnehmen, begrenzen.

Alles was einem mit logischen Mitteln aufgetischt wird, scheint auf den ersten Blick richtig zu sein. Daher vertrauen die Menschen den Computern – oft mehr, als ihren Mitmenschen. Man veröffentlicht dies und das im Internet, meist anonym. Oft sind es Dinge, über die man mit seinen Freunden und Liebsten, niemals sprechen würde!

Doch wenn es nun kein Kriterium gibt, dass etwas als richtig oder falsch beurteilt? Muss man das Gegebene dann nicht als richtig einordnen?

Hiervon rührt die Verwirrung so vieler Menschen: Sie folgen ein paar Monate dieser Schulrichtung, dann einer anderen. Sie gehen zu einem Zen-Meister, danach zu einem Kabbalisten, dann besuchen sie einen christlichen Eremiten und hernach suchen sie einen Sufi-Meister auf. Jeder von ihnen spricht die Wahrheit. Mit Büchern ist es nicht anders. In vielen Büchern findet man Wahrheiten. Selbst wenn sie sich widersprechen, sind sie in sich schlüssig – sie haben ihre eigene Logik.

Wer aber immer nur mehr Wissen sammelt, selbst die schönsten Weisheiten auswendig kennt, wird allmählich viele Widersprüche anhäufen. Was bleibt ist Verwirrung, die zu Ausflüchten drängt. Man kann durch mehr Wissen eben keine Weisheit erlangen. Wer alles weiß, weiß nichts – und niemals wird er alles wissen! Er bleibt so klug wie am Anfang. Mehr Wissen wird ihn immer mehr behindern (man denke an Goethe's Dr. Faust).

Wer das Tal des Wissens durchschreiten will, sollte sich daher nicht mit den vielen Wissensinhalten beschäftigen, sondern seine Erkenntnisfähigkeiten trainieren. Es geht nicht darum viele Dinge zu wissen, sondern bewusster zu leben. Der Wert liegt im Erleben, nicht im Erlernen. Das erkennend, gibt sich der Wissende zufrieden.

All das hier Gesagte, hat nichts mit Meinungen oder Glaubenssystemen zu tun. Man kann einfach wissen, um bewusst zu sein – denn jedem steht unermesslich viel Energie zur Verfügung. Es geht aber um den Ge-halt dieses Bewusst-Seins, weniger um den In-halt. Was zählt ist die Wirkung der Erkenntnis, nicht das Wissen davon. Das ist ein feiner, aber überaus wichtiger Unterschied. So verirrt sich also im Tal des Wissens, wer sich nur mit den Inhalten des Wissens beschäftigt. Nur ein Wissender findet den Weg in das zweite Tal.

II. Das Tal der Reue

Mit der Suche nach dem wahren Ich, beginnt die Reue über alles was wir getan, doch besser unterlassen hätten. Plötzlich erkennen wir die Fehler, die wir in unserem Leben begangen haben. Doch das Rad der Zeit lässt sich nicht mehr zurückdrehen.

Im Tal der Reue begegnet man einem neuen Bewusstsein: dem Gewissen. Wenn dieses Bewusstsein aber an Gesellschaftsnormen geknüpft ist, fehlt ihm der Gehalt. Es bleibt dann unecht und macht wahre Bekehrung unmöglich. Schließlich haben wir gelernt, von unseren Mitmenschen, Lehrern, Vorgesetzten, von Politikern und anderen „Meinungsbildnern“, was recht und was schlecht ist, was moralisch und was unmoralisch ist. Bildet sich daraus aber das wahre Gewissen?

Auf dem Weg durch das Tal des Wissens, lernt man zwischen Gutem und Bösem unterscheiden. Doch wieviele Leute haben unter uns gelitten, weil wir gemäß solchen Wissens über sie urteilten? Auch gegen uns selbst gehen wir vor, wegen all der vielen Meinungen, die aus dem Wissen aufsteigen. Sie ziehen sich in uns zusammen und werden zu Neid, Eifersucht, Ärger und Aggression. All das sehen wir im Tal der Reue vor uns. Wir haben gestraft, Gewalt ausgeübt, gehasst und verleumdet, da uns unser vieles Wissen fehlgeleitet hat. Dieses Bewusstsein entwickelt sich im Tal der Reue. Hier entsteht wahres Gewissen. Es hat nichts mit dem gewöhnlichen Gewissen zu tun, denn solches wurde uns aus gesammeltem Wissen anderer eingeflößt, als geborgtes Gewissen. Darum glaubt man oft recht zu handeln und doch sieht man hinterher: es war falsch. Wie viele wissen, dass es falsch ist sich zu ärgern – und doch ärgern sich die meisten. Auch das geborgene Gewissen hilft uns dabei nicht. Es ist nur eine Bürde. Wir müssen daher ein eigenes, intuitives Gewissen in uns wachsen lassen.

Raus aus den Schuldgefühlen

Das „schlechte Gewissen“ beruht auf Irrannahmen und birgt die Gefahr, sich im Tal der Reue zu verirren. Es erzeugt Sorgen, die aus Schuldgefühlen gewachsen sind – Schuldgefühlen die man aus der Vergangenheit hierher mitgebracht hat. Man hat einst vielleicht jemandem weh getan, jemanden verletzt, ausgebeutet oder verleumdet. Doch wenn man sich klar macht, dass die Seele seit tausenden Jahren in dieser Welt unterwegs ist: ist es da nicht absurd zu bejammern, was man in den letzten Jahren, letzten Monat, was man gestern getan hat? Wie hätte man auch recht handeln sollen, als man noch nicht gewusst hat was rechtens war?

Ewiges Bedauern schafft immer mehr Schuldgefühle, die einen nach und nach, in einen dunklen Abgrund hinabziehen. Sobald Schuldgefühle überhand nehmen und einen zu sehr quälen, bleibt man im Tal der Reue gefangen. Wenn also die Vergangenheit zu viel Bedeutung erlangt, führt das nur zu noch mehr Jammer und Verzweiflung. Man sollte sich darum mit der Gegenwart und nicht mit der Vergangenheit befassen. Nur so lässt sich die Zukunft gestalten.

Es ist natürlich wichtig, überhaupt erst einmal festzustellen, dass man falsch gehandelt hat. Man handelte einfach unbewusst. Darüber ist man jetzt traurig oder sogar bestürzt. Doch im Tal der Reue wird einem bewusst: Schuldgefühle sind überflüssig. Sie beziehen sich immer auf die Vergangenheit. Doch die Vergangenheit ist wie Luft nach der man zu greifen versucht: Sie ist ohne Substanz, lässt sich nicht festhalten und entschwindet uns jeden Augenblick. Wir sollten also nach vorne sehen. Die Fehler von damals dürfen uns nicht mehr belasten. Man nimmt sie wahr, um sie nicht wieder zu begehen. Doch sie gehören der Vergangenheit an. Wir sind davon befreit. Und so erreichen wir das Ende dieses Tals der Reue. Was jetzt zählt ist die Zukunft. Sie ist vollkommen anders.

Wer das Ende dieses Tals erreicht, wird ein anderer Mensch sein. Denn als er durch das Tal der Reue ging, entwickelte er sein eigenes Bewusstsein, ein individuelles, wahres Gewissen. Falsch zu handeln ist jetzt nicht mehr möglich, Kontrolle unnötig. Wenn man zuvor falsch handelte, so geschah das aus Unwissenheit. Gegen das neue gebildete Gewissen aber, müsste man hart ankämpfen, um die selben Fehler erneut zu begehen. Sicherlich blieben solche Bestrebungen sowieso erfolglos.

Wir erkennen jetzt, dass uns Gott mit wahrem Gewissen gesegnet hat. Es ist, was man im Innern gewonnen hat. Damit kann man sich weiterbegeben, in einen völlig neuen Lebensabschnitt. So kommt eine ganz neue Realität zum Vorschein: wahre Tugendhaftigkeit.

III. Das Tal der Hindernisse

Jetzt, wo man das wahre Gewissen erlangte, fällt einem erst auf, wieviele Stolpersteine sich auf dem eigenen Lebenspfad befinden. Unzählige Mauer richten sich vor uns auf. Eine folgt der nächsten. Doch ebenso öffnen sich auch Türen – nur leider sehr selten. Sie müssen erst gefunden werden. Stattdesssen wollen unzählige Berrieren überwunden werden.

Al-Ghazali nennt vier Arten von Hindernissen:

1. Unsere Begierden

Das erste Hindernis stellt sich einem, in der Welt der Begierden und Verlockungen entgegen. Es ist eine Welt der verführerischen Sinnesobjekte, die im Menschen ein unstillbares Verlangen erzeugen.

Was alle spirituellen Traditionen unisono predigen: man erhebe sich über die weltlichen Versuchungen. Lässt man sich zu sehr verleiten und haftet den weltlichen Dingen an, bleibt kaum Energie Gott zu begehren. So verschwendet man sein Begehren mit der Befriedigung niedriger Sehnsüchte. Wenn z. B. einer auf Besitz aus ist, ein großes Haus, viel Geld auf dem Konto, große Macht in der Welt haben will, investiert er all sein Begehren in die Welt der Dinge. So bleibt kaum Energie, sich um Spiritualität zu bemühen. Allerdings soll das überhaupt nicht heißen, dass alle weltlichen Dinge schlecht sind. Es erschiene einem Sufi einfach falsch, gegen etwas zu sein. Hingegen weiß er: die Dinge an sich, sind als solche gut. Nur wenn jemand auf der Suche nach wahrer Spiritualität ist, kann er es sich einfach nicht leisten, sich länger mit weltlichen Dingen aufzuhalten. Jedem von uns steht eben nur eine bestimme Menge Energie zur Verfügung. Wir sollten also wissen, wo es sich lohnt diese Energie zu investieren. Dann können wir das Tal der Hindernisse passieren. 

Als Mensch hat man sehr viele Wünsche. Jemand der wirklich Erleuchtung erlangen möchte, kann das aber nur erreichen, wenn er all diese Wünsche zu einem großen Wunsch zusammenführt, all seine Begierden zu einer einzigen Begierde macht. Dieses einige Begehren wird dann so mächtig wie ein großer Fluss. Die vielen Zuflüsse des Nil, machen aus ihm den größten Strom der Welt.

Wahre Spiritualität hat also erlangt, dessen Begierden ein einziges Begehren wurden. Ein Begehren nach Transzendenz.

2. Unserer Mitmenschen

Eine andere Barriere auf dem Weg durch das Tal der Hindernisse, sind unsere Mitmenschen. Doch Achtung: niemals würde ein Sufi gegen irgendjemanden sein! Ein Sufi meidet aber emotionale Bindungen. Er weiß, wer sich etwas anschließt, legt sich selbst Steine in den Weg. Auch die großen Weisheitslehrer der Gegenwart sprechen von dieser Gefahr. So auch Jiddu Krishnamurti, der warnte, man solle sich überhaupt keiner Gruppe oder Bewegung anschließen. Denn es führte doch nur zu noch mehr Meinungen. Als Mitglied der einen Gruppe ist man außerdem gefährdet, sich mit einer anderen Gruppen anzufeinden. Dieses Dilemma ist heute ja hochaktuell und scheint sich wie ein Gespenst unter uns zu bewegen. Wir haben alle möglichen Meinungen, denen wir uns anschließen können – doch die menschliche Gemeinschaft als solche, scheint an allen Ecken und Enden zu bröckeln.

Al-Ghazali meint nicht, dass man sein Leben als Eremit fristen soll. Nein. Das Zusammenleben mit unseren Mitmenschen ist die Grundlage menschlichen Lebens überhaupt. Man lebe also mit seinem Mann, mit seiner Frau, mit seinen Kindern, mit seinen Freunden. Nur sollten wir uns immer wieder erinnern: Wir sind wie Fremde in dieser Welt. Die Zusammengehörigkeit unserer Seelen basiert letztendlich auf Karma und Zufall. Wir, als beseelte Menschenwesen, sind Reisende auf dem Lebenspfad, wo sich auch andere Seelen bewegen. Nur für kurze Zeit gehen wir einen Weg gemeinsam, und dafür sollten wir stets dankbar sein. Doch eines Tages trennen sich unsere Wege wieder. Einer stirbt und man wird nie erfahren, wohin sich seine Seele nach dem Tod begibt. Ein andermal wird man von seinem geliebten Lebenspartner verlassen, da er sich in jemand anderen verliebt hat. Das kann jedem von uns, jederzeit widerfahren.

Es ist wichtig mit Menschen zusammen zu sein, liebevoll und mitfühlend mit ihnen umzugehen. Nur sollte man sich nicht in diese Verhältnisse verlieben, denn das würde einen daran hindern weiterzugehen, um das Tal der Hindernisse auch wieder zu verlassen.

3. Unser Denken

Über viele Jahre hinterlassen bestimmte Muster ihre Spuren in unserem Denken. Ständig stellen sie uns Fallen. Wenn sie zuschlagen, urteilen wir, sind zynisch und beginnen manchmal sogar andere für ihre Meinungen zu hassen.

Die herkömmliche Art mit Wissen umzugehen, es hoch zu preisen, wurde uns in der Schule eingetrichtert, von unseren Eltern, Freunden, unseren Mitmenschen. Diese Mentalität kann nicht ad hoc ausgelöscht werden, nur weil wir hier oder dort davon hörten, an dieser oder an anderer Stelle darüber lasen. Geduld!

Unsere alt eingeschliffenen Denkmechanismen warten, wieder aktiviert zu werden, denn nur dafür wurden sie geschaffen. Unser Wissen waltet über unser Bewusstsein wie ein Meister über seine Diener. Es bleibt dem Bewusstsein daher verwehrt, sich plötzlich gegen den Meister zu stellen. Darum nochmal: Geduld!

Wenn Denken zu Grübeln führt, nimmt es diabolische Züge an. Kein Zufall, dass in all den vielen Geschichten über den Gehörnten, es um die Verführung des Denkers ging. Nur den Menschen kann der Teufel verführen. Ist der Teufel vielleicht sogar nur ein anderer Name für das Denken an sich? Schließlich ist's er, der trennt, unterscheidet, urteilt und spaltet. Er war es ja angeblich, der Eva vom Baum der Erkenntnis von Gutem und Bösem zu essen gab. Von ihm erhielt der Mensch sein analytisches Denken. Leider stehen sich Analyse und Kreativität jetzt diametral gegenüber. Wer Hindernisse überwinden will, muss aber kreativ sein! Man könnte sich ewig den Kopf darüber zerbrechen, wieso uns etwas stört oder am Fortkommen hindert. Doch wem nützt's, der sich tatsächlich auch weiterbewegen will?

Auch die Versuchung Jesu durch den Teufel, ist eine Allegorie auf die Verführungen, die dem Menschen durch das Denken aufgebürdet werden. Unser „Denker“ spricht mit uns, in einem ununterbrochenen Dialog. Er bläut uns ein, dass wir schlauer, besser, mächtiger sind als andere. Doch dieser Denker meint auch, das wir Verlierer sind, dumm und unfähig. Je nachdem wie wir die Welt beurteilen, urteilen wir im Denken über uns selbst. Denken entsteht erst durch das gefällte Urteil. Ein „Ur-Teil“ sogar – ja, wovon eigentlich?

Jesus entgegnete dem Teufel „Hinweg mit Dir Satan!“ (Matthäus 4:10). Sprach er damit zu jemandem außerhalb? Oder entgegnete er es das den Irrungen seines Denkens?

4. Unser Ego

Einer der größten Stolpersteine auf dem Weg zur Erleuchtung, ist das Ego. Sobald wir uns dem Sein ein wenig öffnen, steigt in uns das Gewissen auf, und man bemerkt wie sich das Ego breit macht. Auf einmal, wie aus dem Nichts, ergreift es Besitz von einem und macht einen glauben, dass man jemand besonderes sei, ein Heiliger, ein Wissender. Das Ego schärft uns ein: „Ich bin kein gewöhnlicher Mensch. Ich bin ein besonderer Mensch.“ Das Problem: Man ist ja eigentlich sowieso schon außergewöhnlich. Eine unerschütterliche Wahrheit! Nur stellt das Ego diese Wahrheit auf die Probe. Und das ist ein Riesenproblem. Viel zu oft verteult man das Ego darum. Doch ohne Zweifel ist es ein ganz sensibler Teil unseres Seins. Man bleibe dennoch wachsam, das einen das Ego nicht verleite. Es würde einen nur im Tal der Hindernisse gefangen halten.

Hindernisse als Herausforderungen annehmen

Problematisch wird es, wenn wir gegen die Hindernisse im Leben vorgehen. Wer versucht auf dem Pfad zur Erleuchtung, die Stolpersteine, gewaltsam aus dem Weg zu räumen, schafft sich Feinde im Außen und im Innen. Wer gegen die hier dargestellten, vier Widerstände, gewaltsam vorgeht, unterdrückt lediglich. Doch wie ein Luftballon, den man tief unter Wasser drückt, drängt es aufwärts zur Oberfläche. Die Verlockungen, die Mitmenschen, das Denken, das Ego: sie alle lassen sich unterdrücken, doch bleiben sie dabei bestehen. Unterdrücktes entfernt sich nicht. Vielmehr wird, was unterdrückt wird, immer stärker und gefährlicher. Man denke an all die unterdrückten Nöte der Menschen, die sich plötzlich zu einem gewaltigen Wutausbruch entstellen. Das hat die Menschheitsgeschichte zur Genüge gezeigt - bis heute.

Wenn wir gegen Hindernisse gewaltsam vorgehen und versuchen, ihre Stolpersteine gewaltsam aus dem Weg zu räumen, bleiben wir im Tal der Hindernisse gefangen. Es ist nur logisch. Denn es gibt unendlich viele Widerstände und Hindernisse. Jeden Augenblick entstehen neue. Doch ebenso wenig können wir das, was sich uns entgegenstellt einfach ignorieren. Eher sollten wir die Hindernisse im Leben annehmen. Es sind Herausforderungen die uns besser machen – stärker, klüger, gewandter. Wir wachsen nicht indem wir gegen Widerstände ankämpfen, sondern indem wir ihre tatsächlichen Ursachen verstehen lernen.

Oft halten uns Emotionen auf, die uns etwas besonders lieben lassen. Doch auch Emotionen des Hasses und der Abscheu hindern uns. Besonders unsere Feinde erzeugen starke Emotionen in uns. Darum vermissen wir auch unsere größten Feinde, wenn sie sterben. Unser Feindbild hilft uns bei der Selbstdefinition. Und so gibt es unserem Leben Sinn. Duldung von, wie auch Widerstand gegen Hindernisse: beides macht uns unbeweglich.

Ein klarer Blick, ohne Urteil, ohne Unterscheidung zwischen Gutem und Bösem, ist die Voraussetzung das Tal der Hindernisse zu verlassen. Nur durch Mäßigkeit lässt sich das große Werk vollenden. Ist der wachsame Geist weder freundlich noch feindlich gesinnt, versteht er, was zu tun ist und kann auch tatsächlich handeln.

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IV. Das Tal der Heimsuchungen

Bisher bestand die Aufgabe des Suchers darin, ein klares Bewusstsein zu erlangen. Dies geschah auf der hellen, der Tagseite des Lebens. Jetzt bewegt er sich zum ersten mal in die tieferen Gefilde seines Bewusstseins. Er betritt das Reich des Unbewussten: einen geheimnisvollen Bereich der Seele, ihre Nacht- und Schattenseite. Sobald sich der Sucher auf diese dunkle Seite schlägt, fangen die wirklichen Schwierigkeiten an.

Die Stufen ins himmlische Paradies führen immer weiter aufwärts. Ein beschwerlicher Weg. Je höher wir uns bewegen, desto gefährlicher wird der Absturz. Ein einziger Fehltritt bedeutet vielleicht das Ende. Nur wer aufmerksam und vorsichtig nach oben steigt bleibt sicher.

Die ersten drei Täler, die Al-Ghazali erwähnt, kann man nur alleine passieren. Man muss den Weg durch diese drei Täler alleine finden. Gleichzeitig bedeutet das aber nicht, jeder Mensch müsse hier durch. Es ist eine Möglichkeit, ein Vorschlag. Jeder muss selbst wissen was er tut. Es liegt in der Macht des Einzelnen, sein Leben zu etwas Besserem zu führen. Es wäre jedoch falsch andere Menschen dazu zu überreden.

Wer das vierte Tal betritt, findet nur mit Hilfe eines Meisters den Ausgang. Das Tal der Heimsuchungen erfüllt tiefe Dunkelheit. Es ist der Eingang in eine Welt des Wahns. Ausgesprochen seltsam, was sich in diesem Abschnitt der Seelenreise ereignet. Es ist das, was der christliche Mystiker Johannes vom Kreuz (1542-1591) „die Dunkle Nacht der Seele“ nannte. So lange man selbst noch kein eigenes Licht erzeugen kann, und das Herz unbewusst im Dunkel der Brust klopft, so müssen wir uns das Licht eines Meisters borgen. Während unsere Eltern uns das weltliche Dasein gaben, ist es der Meister, der uns zu ewigem Leben führt. Er ist jemand der das Tal der Heimsuchungen bereits durchschritten und gelernt hat, in der Dunkelheit zu sehen.

Zweifel

Wenn einer kommt und sagt: „Gott ist“ und ein anderer sagt, „das bezweifle ich“, dann ist das kein Zweifel sondern Skepsis. Diesen Unterschied macht der Skeptiker jedoch nicht. Um sich der Blöße nicht zu stellen, sagt er lieber „ich bezweifle“. In Wirklichkeit aber bedeutet das: „ich weiß es nicht.“

Zweifel ist existentiell, ist lebenswichtig und entsteht in der Gesamtheit der Wahrnehmung. Ein Skeptiker verfügt nur über eine Ansammlung fixer Ideen, die aus seinem Verstand geboren wurden. Doch was nützt einem Skepsis, wenn man sich durch die Dunkelheit bewegt? Wenn man nicht sieht, wohin ein Weg führt und man nicht weiß, „gehe ich nach links oder nach rechts“, da wird nichts mehr in Frage gestellt. Aber Zweifel steigen in einem auf, ob man noch dem rechten Weg folgt.

Bevor man das Tal der Heimsuchungen betreten hat, gab es Sicherheiten. Man kannte die Dinge, da man sie gesehen hat. Mit der Dunkelheit ist alles verschwunden. Jeder Schritt ein Tappen. Hier beginnt der Zweifel.

Plötzlich geht uns ein Licht auf:

Meine Suche nach wahrer Spiritualität war anscheinend nur ein Hirngespinst. Viel zu lange habe ich mich mit Absurditäten befasst, dies geglaubt und jenes. Ich habe mich Dingen gewidmet, die mich garnicht weiterbringen, sondern nur mein Ego an der Brust des Stolzes nuckeln lassen.

Jetzt wird dem Sucher klar: er hat alles verloren. All seine Besitztümer, seine Macht, seine Lüste – alles ist dahin. Jetzt beginnen wahre Zweifel. An diesen Punkt kommt jeder, der sich auf den Pfad der Sucher begibt. Wenn sich dieser Moment ereignet, gewinnt man den Eindruck, man müsse sich gegen die Dunkelheit zur Wehr setzen, sich vor den grauenhaften Schatten der Finsternis schützen. Man ist drauf und dran, wieder ins Bewusstsein zurückgeworfen zu werden – in die Welt der sichtbaren Dinge.

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Dunkelheit reicht tief – Licht ist oberflächlich. Alles was wir draußen sehen, sind Schalen, sind Reflexionen des Sonnenlichts. Die Sonne können wir nicht schauen: sie blendet, ihr Licht ertragen unsere Augen nicht. Wer lange in das Licht der Sonne blickt, den umgibt bald Dunkelheit. Ihr Licht ist so stark, es macht die Augen blind.

Ein tief gehendes Leben ist nur möglich, wenn man auch Dunkelheit ertragen und Momente absoluter Finsternis und Ausweglosigkeit hinnehmen kann. Wer sich stets Problemen entzieht, schwimmt an der Oberfläche, wie gefälltes Holz flussabwärts treibend.

Auf dem Weg durch das Tal der Heimsuchungen, hilft uns ein Meister sehen lernen. Er vermittelt uns, dass es nur nach Dunkelheit ausschaut, doch in Wirklichkeit keine Dunkelheit ist. Den Neumond sieht man nicht und doch schwebt er im Himmel.

Schlaf, Tod und Erlöschung

Der Tod ist des Schlafes Bruder. Wer entschläft der stirbt. Seine Seele entschwindet in die Dunkelheit der Nacht. Beim Einschlafen ist es ähnlich. Der Körper liegt bewusstlos da, während sich die Seele „auf den Weg macht“. Nur durch eine geheimnisvolle Verbindung, kann die Seele in den Körper zurückkehren. Sie nennt man die „Silberschnur“, die die Seele an den physischen Leib bindet.

ein Mensch geht zu seinem ewigen Haus (er stirbt) und die Klagenden ziehen durch die Straßen – ja, ehe die silberne Schnur zerreißt, die goldene Schale bricht, der Krug an der Quelle zerschmettert wird, das Rad zerbrochen in die Grube fällt, der Staub auf die Erde zurückfällt als das, was er war, und der Atem zu Gott zurückkehrt, der ihn gegeben hat.

- Kohelet 12:6

Sobald die Silberschnur vom Körper gefallen ist, stirbt ein Mensch. Sein Körper verschwindet. Was bleibt ist die Seele. Sie wird wieder geboren. Niemand kann genau sagen, wie oft sich diese Wiedergeburten der Seele ereignen, doch sie nimmt immer wieder einen anderen Körper an, bis sie den Inkarnationszyklus auf Erden vollendet hat und sich in Gott auflöst. Das nennen die Sufis Fanaa (arab. فناء ) – Erlöschung, Entwerdung.

Alles, was auf Erden ist, wird vergehen (erlöschen). Aber das Angesicht deines Herrn bleibt bestehen – des Herrn der Majestät und der Ehre.

- Sure 55:26-27

Körper und Geist lösen sich auf. Nur der innerste Kern des Bewusstseins besteht fort. Hiervon gewinnt der Suchende im Tal der Heimsuchungen einen ersten Eindruck. Er kostet von der Todeserfahrung und was es bedeutet, wenn sich die Seele letztendlich in Gott auflöst. Wer sich diesen Erfahrungen aber widersetzt, wird zurückgeworfen in das Tal der Hindernisse. Umso schwerer dann, dieses Tal wieder zu verlassen. Schließlich fürchtet man sich vor dem Tal der Heimsuchungen. Ebenso wenig will man aber noch weiter zurück, will nicht mehr ins Tal der Reue.

Sich der Dunkelheit zu verweigern und den eigenen Tod zu verneinen, so als könne man ewig leben, zwingt einen, sich ewig mit Dingen zu beschäftigen, die einem im Weg stehen – ganz gleich ob es Lust, andere Menschen, Grübeleien oder das eigene aufgedunsene Ego ist.

Jemand der in seinem früheren Leben einmal aus dem Tal der Heimsuchungen zurückfiel, kann in seinem gegenwärtigen Leben, Tiefgründiges nicht recht ertragen. Versucht ihn einer zu lieben oder mit ihm Freundschaft zu schließen, fürchtet er sich. Auch einem Meister zu folgen, ist ihm unangenehm. Er möchte einfach niemandem zur Last fallen. Alles was ihn erneut in das Tal der Heimsuchungen bringen könnte, empfindet er als Bedrohung.

Das Tal der Heimsuchungen ist ein besonderer Übergang. Es befindet sich in der Mitte der sieben Täler und bildet eine Verbindung vom Diesseits ins Jenseits. Da sich der Suchende vom Bekannten ins Unbekannte begibt, benötigt er die Hilfe eines Meisters. Der gleicht einem Fährmann, der einen aus dieser Welt, auf die Insel der Seeligen übersetzt. Nur aber wer diesem Seelenführer vertraut, kann die Reise antreten.

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Charon auf dem Styx - Gemälde von Joachim Patinir (1480-1524)
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Der Meister

Vertrauen ist etwas ausgenommen Positives. Wer sich der Welt Gottes anvertrauen will, übergibt die Führung einem spirituellen Meister. Wer vertraut, der kann auch gläubig sein. Hingabe und Vertrauen sind Voraussetzungen, das vierte Tal überhaupt betreten zu können. Darum sollte Hingabe eine Grundstimmung werden.

Mag sein, dass zu Anfang des Pfades, man keinen bestimmten Meister braucht. Man kann sich einfach „das Beste aus Allem“ herauspicken. Man nähert sich etwas, dass einen interessiert, dann entfernt man sich wieder. Nur: was geschieht in Zukunft? Ist man vorbereitet auf die große Veränderung im Leben, auf das vollkommen unerwartete Ereignis? Leider können wir nicht darauf warten und hoffen, dass nach Eintreten eines solchen Falls, das Leben einfach so weiter geht wie bisher.

Trotzdem will sich niemand auf das Unerwartete vorbereiten. Lieber verlegt man es auf unbestimmte Zeit, um es dann irgendwann zu erledigen.

Um das Tal der Heimsuchungen sicher zu passieren, muss man sich der Führung eines wahren Meisters anvertrauen, sich an eine Quelle der Weisheit begeben. Hier empfängt man eines Meisters Lehre, bevor man in Bedrängnis gerät.

Wenn die rechte Zeit gekommen ist, steht das Haus in Flammen. Doch du hast versäumt den Brunnen zu graben. Jetzt beginnst du zu buddeln. Bevor du aber auf Wasser stößt, ist das Haus abgebrannt. Man muss den Brunnen graben, bevor das Haus Feuer fängt!

- Ein Sufi-Gleichnis

V. Das Tal des Donners

Im Tal der Heimsuchungen schloss uns der Schlaf die Augen und wir gingen ein in die Dunkelheit. Im Tal des Donners nähern wir uns dem Totenreich.

Was man im Tal der Heimsuchungen erfuhr, war das „Persönliche Unbewusste“ (C. G. Jung). Man verlor sich in der Dunkelheit – die Persönlichkeit blieb. Im Tal des Donners erfährt der Pilger nun das „Kollektive Unbewusste“. Größte Angst steigt in ihm auf, denn hier verliert er seine Individualität. Sein Selbst beginnt sich aufzulösen. Das Gefühl sich als Mittelpunkt des Weltgeschehens zu erfahren, verschwindet. Dieses Gefühl ist so ungewohnt, dass es das Selbstbewusstsein in finsteres Grauen hüllt. Eine qualvolle Erfahrung. Nie zuvor, erfuhr man solche Angst!

Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage:
Ob's edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern
Des wütenden Geschicks erdulden oder,
Sich waffnend gegen eine See von Heimsuchungen,
Durch Widerstand sie enden? Sterben – schlafen.

- Aus Hamlet von William Shakespeare

Ein unerträglicher Zustand. Am liebsten flüchtete man wieder in das Tal der Heimsuchungen. Dort war es zwar ebenso dunkel, doch man fühlte sich noch, das Ich war noch da. Nun aber zerschmilzt es in noch größerer Finsternis, ist bald spurlos verschwunden.

Das ist Fanaa – die Entwerdung. Man erlöscht. Hierauf muss der Pilger vorbereitet sein. Nicht nur das: er sollte sich diesem Zustand, in sehnlichster Erwartung öffnen! Denn Fanaa bedeutet höchstes Glück. Es ist was die Buddhisten „Ananda“ nennen – die „Abwesenheit von Unglück“.

Dem entgegen richtet sich der Gedanke „Ich bin“. Er basiert eigentlich auf Unwissenheit. Sich selbst als Zentrum zu erfahren, rührt vom Ego her. Als Kind brauchen wir ein Ego, um uns in vollem Maße in der Welt behaupten zu können. Ab einem bestimmten Zeitpunkt aber, steht uns das Ego im Weg. Dann drängt es uns in allerlei Schwierigkeiten, macht uns das Leben manchmal zur Hölle. Unserem Körper ermöglicht das Ego natürlich, ein eigenständiges Leben zu führen. Irgendwann aber, erübrigt sich seine Aufgabe. Wer darum am Ego festhält, sich an das „Ich bin“-Bewusstsein klammert, kettet seine Seele an die stoffliche Welt. So macht er seine Seele zur Gefangenen des Körpers – der sie plagt und peinigt.

Das Ego vermittelt das Individual-Gefühl: „Ich bin etwas Besonderes“. Wenn andere das aber nicht anerkennen, fühlt man sich gekränkt. Wer das Tal des Donners durchqueren will, muss darum lernen ein gewöhnlicher Mensch zu werden – ein Niemand! Wir bewegen uns hier in einen sehr schwer zu begreifenden Bereich des Bewusstseins. Es ist ein Gebiet des Seelenlebens, dass nichts, aber auch gar nichts mit der gewöhnlichen Welt zu tun hat. Und doch: man werde gewöhnlich! So einer zu werden, heißt aber keineswegs, dass man ein Nichtsnutz ohne Menschenseele werden soll. Es ist eher die Des-Identifikation vom Körper, vom „lebenden Ding“, über das uns unsere Mitmenschen identifizieren. Eigentlich absurd, dass ein Leichnam beweint wird, oder? Denn wenn wir am Leben sind, haben wir zwar diesen Körper, doch wir sind nicht dieser Körper. Wir sind Bewusstsein, unbegrenzt, ewig und frei.

VI. Das Tal der Abgründe

Jetzt hat sich der Körper aufgelöst, wurde zu einer Erinnerung aus der Vergangenheit. Im Tal des Donners stirbt der Körper. Im Tal der Abgründe ist er bereits tot. Hier begibt sich der Körper des Suchers in den unerbittlichen Schmerz des Nichtseins. Er zerfällt.

Jetzt ist man nicht und man ist zugleich. Man sieht seine eigene Leiche vor sich, ist tot und weiß trotzdem dass man seine Leiche sieht. Ein Paradox. Es ist der Zustand der entwordenen Seele. Sie existiert fort, auch nach dem Tod des physischen Leibes. Von diesem Phänomen berichten solche, die klinisch Tod waren, doch in ihre Körper zurückgekehrt sind.

Meine Großmutter lag nach einem schweren Autounfall im Koma. Sie hatte das Gefühl, nie wieder lebendig aus dem Krankenhaus zu kommen. Von großem Schmerz umgeben, fühlte sie den nahenden Tod. Da sah sie sich aus ihrem eigenen Körper im Bett erheben, und an die Decke des Krankenzimmers schweben. Von dort aus sah sie ihren toten Körper auf dem Krankenbett. Bald bewegte sie sich auf ein helles Licht zu „und dort war jemand“. Doch dann kehrte sie zurück in ihren Körper. Alle alten Vorstellungen über das Selbst verlieren nach so einer Erfahrung ihre Bedeutung.

Bedauern und Dankbarkeit

Als Jesu sterbend am Kreuz hing, schrie er auf:

Eloï, Eloï, lema sabachtani – das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

- Markus 15:34

Er beklagte seine Situation, in Furcht vor dem Tod. Niemand kam ihm zu helfen. Nicht einmal Gott reichte ihm seine Hand, blieb unsichtbar. Doch kurz darauf fuhr er fort:

Es ist vollbracht! Und er neigte das Haupt und gab seinen Geist auf.

- Johannes 19:30

Als Jesus am Kreuz hängend, an die Momente vor der Kreuzigung dachte, bedauerte er. Doch kurz darauf sieht er die Zukunft seines Werkes und ist dankbar. Dem „warum hast du mich verlassen“, folgt unmittelbar „es ist vollbracht“. In dieser Gegenwart sind Vergangenheit und Zukunft unmittelbar verknüpft. Jesus ist die Zeit, die aus der Ewigkeit kommt, ist wie die diesseitige Welt, die aus dem Jenseits kommt. Er ist beides: Mensch und Gott – sterblich und ewig. So oft wie er sich „Menschensohn“ nannte, so oft nannte er sich auch „Sohn Gottes“.

Die Vergangenheit hinter sich lassen

Wenn man an die eigene Vergangenheit denkt, bedauert man oft was sich im Leben ereignete. Man klagt über Unterlassungen und Fehler, über das was man besser getan und das was man besser nicht getan hätte. Die eigene Vergangenheit jedoch zu vergessen, bedeutet in die Zukunft zu blicken, sich zu befreien von Reue und Schuldgefühl. Damit steigt in einem großes Vertrauen auf. Man erkennt auf einmal, dass man sowohl dem Diesseits wie auch dem Jenseits angehört. In dieses Bewusstsein führt uns der Meister. Es ist einer, für den dieses Bewusst-Sein bereits zur Gewissheit geworden ist. Er steht mit einem Bein auf der Erde, mit dem anderen im Paradies. Die Lücke die er so überbrückt ist also nur sehr, sehr schmal.

Sobald sich der Wunsch zu Beklagen auflöst und an seine Stelle ein Gefühl tiefen Vertrauens tritt, wechselt das menschliche Bewusstsein in göttliches Bewusstsein. Die Vergangenheit wird bedeutungslos, der persönliche Wille löst sich auf in göttlichem Willen.

VII – Das Tal der Hymnen

Jetzt hat der Pilger seine Reise vollendet. Er hat das siebte Tal, das Tal der Hymnen erreicht. Es ist ein Ort des Jubels und der Freude. Wer hier ankommt, wird zu neuem Leben erweckt. Er wird unschuldig wie ein Kind, voller Vertrauen in die Welt die sich ihm zeigt.

Wie der Christus im verherrlichten Körper wiedergeboren wurde, so wird jener, der das Tal der Hymnen erreicht, in einem strahlenden Lichtkörper wiedergeboren. Hier lösen sich alle Gegensätze auf. Es ist wie, wenn Materie und Antimaterie zusammenstoßen: sie zerstrahlen in reines Licht.

Hier endet alle Dualität: Einer wird Eins. Es ist was die Hindus „Advaita“ (sanskr. अद्वैत) nennen: die „Nichtzweiheit“ – die nicht-dualistische Sicht auf das Eine. Man erkennt nur die eine Wirklichkeit, als absolutes Prinzip, an dem alles Sein und jedes Wesen Anteil hat.

Al-Ghazali beschreibt das Tal der Hymnen als einen Ort der heiligen Gesänge, wo man dem Einen Lob preist: Allah - الله. Es ist ein Ort der Wonne und der vollkommenen, ewigen Freuden. Hier nimmt die Lebensreise ihr Ende. Jetzt muss man nirgendwo mehr ankommen. Man ist hier und jetzt.

Unser Leben ist ein Paradoxon: Wir sind und sind nicht zugleich – sind bereits, was wir noch nicht sind, müssen werden, was wir bereits sind. Unser wahres Selbst war nur versteckt. Es wollte in uns entdeckt werden.

Wer sich auf die Suche begibt und das Ziel dieser Suche erreicht, wird erkennen:

Ich war schon immer derjenige, der ich jetzt bin, es war mir bisher nur unbekannt. All die vielen Sichtweisen und Meinungen, hielten den wahren Kern meines Selbst in Unwissenheit.

 

Über Al-Ghazali

Abu Hamid al-Ghazali wurde im Jahre 1058 im chorasanischen Tusa geboren (altes Persien). Dort starb er auch, im Jahre 1111. Heute zählt Al-Ghazali zu den bedeutendsten Sufi-Mystikern. Als wichtigster Berater des Seldschuken-Sultans Nizaam al-Mulk, ernannte ihn dieser 1091 zum Professor der Theologie an der Universität zu Bagdad (Madrasa Nizaamiyya). Dort erwarb er sich hohes Ansehen. Nach der Ermordung Sultan Al-Mulks, glitt Al-Ghazali in eine tiefe spirituelle Krise. In dieser Zeit wandte er sich von Theologie und Philosophie ab. Er begann sich dem praktischen Sufismus zu öffnen. All seine Titel, sein Lehrauftrag gab er auf. Seinen gesamten Besitz spendete er den Armen und verließ im Jahre 1095 Bagdad, um als wandernder Derwisch seines Weges zu ziehen. Erst später kehrte er in seine Heimatstadt zurück.

Al-Ghazali verfügte über tiefgehende Kenntnisse der Werke aristotelischer und platonischer, wie auch islamischer Philosophie. Er empfand die Philosophie aber als schwer begehbaren Weg zur Wahrheit. Ihm lag mehr an der Praxis, als sich nur im Geiste zu bewegen. Praktische Verfahren waren damals wichtiger denn je. Menschen benötigten Hilfe, sich aus den Wirren ihrer Lebensprobleme zu befreien. Drum ist sein Vermächtnis auch heute hochaktuell.

Al-Ghazalis universale Lehre vereinigte zwei, sich anscheinend widersprechende Aspekte: Er synthetisierte die Vorstellung, einer durch Gott vorherbestimmten Welt, mit der Vorstellung, vom freien Willen des Menschen. Beide verschmolz er in seiner Lehre zu einem einheitlichen Weltbild.

Illustration von Al-Ghazali - ewigeweisheit.de

Al-Ghazali - Illustration im Buch Kimiya-yi Sa'ādat - "Die Alchemie des Glücks".

 

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Der Sufi-Mystiker Mevlana Rumi - Derwisch und Dichter

von S. Levent Oezkan

Mevlana Rumi - ewigeweisheit.de

In den USA am meisten zitiert: der Sufi-Poet Mevlana Rumi – Verfasser des berühmten Mathnawi. Das 25.000 Verse mächtige Meisterwerk ist ein Gebetbuch der drehenden Derwische und ein Werk persischer Dichtkunst, von unübertroffener Schönheit. Rumi verehrend pilgern jährlich riesige Scharen seiner Bewunderer an sein Mausoleum im türkischen Konya.

Dschallaladin Rumi wurde am 30. September 1207 in der heute afghanischen Stadt Balkh geboren.
Sein Vater Bahaudin war ein Mann großer Gelehrsamkeit. Er machte sich aber unbeliebt, da er öffentlich die Erneuerungen des damals amtierenden Königs in Frage stellte, was Folgen hatte. Schon bald sah sich Bahaudin und seine Familie in Balkh nicht mehr sicher. 
Sie flohen also nach Nishapur im heutigen Iran, wo dereinst Dschallaladin dem großen Sufi-Mystiker Fareduddin Attar begegnen sollte - dem Dichter des berühmten Mantiq ut-tair - "Das Parlaments der Vögel".

Dschallaladin und seine Familie zogen später nach Ikonium, einst eine römische Provinz, heute eine Stadt in der südlichen Türkei: Konya. Dort erhielt Dschallaladin seinen besonderen Namen: Rumi - "der Römer".

Nach dem Tod seines Vaters war Rumi bereits ein anerkannter Gelehrter, der an der konyaer Madrassa (Universität) den Lehrstuhl für Philosophie inne hatte.

Komm! Komm! Du bist die Seele, die liebe Seele, die sich unentwegt dreht!
Komm! Komm! Du bist die Zeder, der Speer aus Zedernholz, der sich unentwegt dreht!
Oh komm doch! Brunnen des Lichts sprudelnder Quellen.
Und Morgensterne frohlocken, in reiner Freude drehen sie sich unentwegt.

Rumis Mystik war aber auch von anderen großen Dichtern seiner Zeit beeinflusst. Darunter Attar und Mystiker wie Sanai, Saadi und Nizami.

Zentrale Figur in Rumis Leben war sein geliebter Freund Shamsuddin Tabrizi. Dieser mysteriöse Weise tauchte plötzlich auf und übte einen großen Einfluss auf Rumi aus. Sie verbrachten Tag und Nacht an einsamen Orten, diskutierten das Sein der Dinge und die Liebesmystik all dessen, was die menschliche Seele im Austausch mit ihrem Geliebten, d. h. mit Gott, zu dem machte was sie für den Menschen ist.

Sufi Derwische Drehtanz (Sema)

Sema: Der Drehtanz der Sufi Derwische

Doch sein enger Kontakt zu dem sagenhaften Schamsuddin beäugten Rumis Schüler mit Argwohn. Sie hielten Schamsuddin für einen gefährlichen Verführer den es auszutilgen galt. So kam es dass Schamsuddin nach Tabriz floh, da es sonst wohl zu Tätlichkeiten gekommen wäre. Viele seiner Verse schrieb Rumi als er von Schamsuddin getrennt war. Die erste Trennung von seinem geliebten Lehrer sollte aber nur vorübergehend sein. Dschallaladin folgte ihm nach und brachte ihn schließlich zurück nach Konya.
Damit waren seine Anhänger, insbesondere seine Sohn, überhaupt nicht einverstanden. Schamsuddin floh erneut. Diesmal wohl nach Damaskus. Man kann nicht sagen ob sein Leben ein gewaltsames Ende nahm, sicher aber sah ihn Rumi niemals wieder.

Das Angesicht von Shamsuddin, der Glanz von Tabriz, seine Sonne,
in deren Spuren sich wolkengleiche Herzen bewegen.
Oh Schamsuddin Tabrizi, Schönheit und Glanz des Horizonts,
Welch König ist mit Herz und Seele Dein Bettler?

Es heißt Rumi schrieb am Mathnawi mehr als 43 Jahre. Oft saß er ohne zu schlafen auch Nachts, um neue Verse zu komponieren. Er rezitierte oder sang sie und sein Freund "der schöne Hasan" schrieb sie nieder.

Rumi und Schamsuddin begegnen sich

Rumi (zu Pferde) und Schamsuddin (in schwarzem Gewand)  begegnen sich

Die Verse des Mathnawi sind von tiefgründiger Mystik. Es ist darum auch kein Zufall das das Mathnawi zu den wichtigsten Werken im Studium des Sufismus gehört. Viele der Zeilen sind einzig und allein der Fähigkeit zur Einsicht des Lesers überlassen. Liebe, so Rumi, ist still.

Nur in der Stille können wir uns die Wahrheit über das große Mysterium der Liebe vergegenwärtigen. Immer wieder taucht in Rumis Versen das Sehnen der menschlichen Seele auf. Ein Sehnen nach der Vereinigung mit Gott.

Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
Von einem Herzen zum andern;
Doch wo es keine Mauer gibt,
Wo soll dann eine Türe sein?

Ohne die Liebe
ist jedes Opfer Last,
jede Musik nur Geräusch,
und jeder Tanz macht Mühe.

Ihr sagt, er scheint verrückt zu sein -
Das kommt daher, weil die Musik,
zu der er tanzt,
für eure Ohren nicht geschaffen ist.

Mevlana Rumi erkannte in allen menschlichen Aktivitäten einen ständigen Aufstieg zu immer höheren Ebenen, wo der Suchende seinen Seelenführern begegnet. Das Prinzip dieses Aufstiegs ist die universelle Liebe und Grundlage aller kosmischen Ereignisse. Er wusste, dass Freude in Zeiten des Kummers nur im Herzen gefunden werden konnte.

Wenn die Nacht der Sinne
Von der Sonne der göttlichen Liebe erleuchtet wird,
Was braucht man noch den Wächter?
In diesem Moment wird der Verstand verschwinden
Wie die Kerze vor der Sonne;
Denn wenn man versucht ihn an Gottes Tor zu bringen,
Ist der Verstand niedriger als Staub.

Intellekt ist manchmal wie ein einsamer, stinkender Esel der einen Stapel Bücher auf seinem Rücken trägt. Was nützt ihm all das Wissen ohne einen Gefährten auf Erden?

Leibliche Freuden waren für Mevlana Rumi nur der Wunsch der körperlichen Hülle der Seele und darum ohne tiefere Bedeutung. Die Triebseele, die eng mit den Wünschen des Körpers in Verbindung steht, die Nafs (entspr. Nefesh, Triebseele in der Kabbala) sollte man erziehen, denn sie war der Seelenteil, der den Menschen zu niederen und bösen Handlungen veranlasst. Zwar ist der Verstand eine lehrende Kraft im Leben und absolut notwendig, um die triebhaften Wünsche der Nafs zu überwinden, verliert vor der Liebe aber völlig an Bedeutung.

Wie für seine Vorgänger war für Rumi die weltliche Liebe nur eine Vorstufe für die wirkliche, himmlische Liebe. Deshalb beschreiben die Sufis die Liebe der Menschen auf Erden auch als die "metaphorische" Liebe. Das bedeutet, dass derjenige welcher mit Gott in Liebe ist, sich in der höchsten Stufe des Seins befindet.

Abdul-Hassan Sumnun, ein bekannter Mystiker des 9. Jhd. aus Bagdad, sagte einmal:

Man kann ein Ding nur beschreiben,
Das subtiler als das betreffende Ding ist.
Nun gibt es aber nichts, dass subtiler als die Liebe ist.
Wie also sollte man sie beschreiben?

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