Tabula Smaragdina

Der Rhythmus des Lebens

Der Rhythmus des Lebens

Nun möchte ich zu Betrachtung verschiedener Analogien übergehen, welche mit der Atmung unmittelbar zusammenhängen. In dieses Kapitel sollen in diesem Zusammenhang auch das Assoziative Denken und das Analogiegesetz angesprochen werden.

Ich möchte den Atem jetzt also unter einem ganz anderen Gesichtspunkt betrachten, obwohl natürlich alle hier angesprochenen Gedanken tatsächlich miteinander in Beziehung stehen. Die Praxis des Atmens lehrt uns - und auch hier wird erneut erkennbar, dass die Praxis für das Verständnis unverzichtbar ist - , dass es vier Phasen im Atemprozess gibt:

  1. Einatmen,
  2. Voll-Sein,
  3. Ausatmen,
  4. Leer-Sein.

Im Sanskrit, der heiligen Sprache Indiens, derer sich der Yoga bedient, heißen diese vier Phasen wie folgt:

  1. Puraka,
  2. Antara-Kumbhaka,
  3. Rechaka,
  4. Bahya-Kumbhaka.

Werden diese vier Phasen abstrahiert betrachtet, können sie folgendermaßen benannt werden:

  1. Bewegung,
  2. erreichen Zustand,
  3. Gegenbewegung,
  4. erreichter Gegenzustand.

Dies kann man sich auch nach dem Bilde eines Pendels vorstellen:

  1. Das Pendel schlägt nach rechts aus.
  2. Das Pendel erreicht den Höhepunkt seines Ausschlags rechts.
  3. Das Pendel schlägt nach links aus.
  4. Das Pendel erreicht den Höhepunkt seines Ausschlags links.

Diesen Rhythmus nun gilt es sich gut einzuprägen, was natürlich besonders effektiv durch bewusste Atemübungen erreicht werden kann. Nun folgt der nächst Schritt. Es geht um einen absoluten Grundbaustein aller Mysterien: Das Assoziative Denken. Das Assoziative Denken ist ein Denken in Entsprechungen und Analogien, also in der Form "Wie dieses, so auch jenes". Damit steht es im Kontrast zum allgemein bekannten Kausaldenken: "Weil dieses, deshalb jenes". Das Assoziative Denken gründet auf dem sogenannten Analogiegesetz, welches u.a. seine Niederschrift in der bekannten tabula smaragdina fand und häufig vereinfacht wie folgt zusammengefasst wird: Wie oben, so unten. Wie unten, so oben. ("Quod est inferius, est sicut quod est superius, et quod est superius, est sicut quod est inferius..." - tabula smaragdina)

Ich möchte im Folgenden dieses Gesetz zur Anwendung bringen und nach Analogie zur Atmung suchen: So wie sich der Atem "unten" im Menschen verhält, ebenso sollte es sich dem Analogiegesetz zufolge auch oben, beispielsweise im Himmel, verhalten. Ein erstes gutes Beispiel dafür ist der Sonnenlauf. Wichtig ist, zu beachten, dass bei der Anwendung des Analogiegesetztes die phänomenologische Erlebnisperspektive des Menschen beibehalten werden kann, in welcher sich z.B. die Sonne sichtbar um die Erde bewegt:

  1. Die Sonne geht auf.
  2. Die Sonne steht im Zenit (höchster Sonnenstand).
  3. Die Sonne geht unter.
  4. Die Sonne steht im Nadir (tiefster Sonnenstand), bzw. die Sonne ist weg.

Aber nicht nur die Sonne, sondern beispielsweise auch der Mond fügt sich ganz natürlich in diesen vierteiligen Rhythmus des Lebens ein:

  1. Der Mond nimmt zu.
  2. Der Mond ist voll - Vollmond.
  3. Der Mond nimmt ab.
  4. Der Mond ist leer - Neumond.
Vollmond - ewigeweisheit.de

Vollmond: Antara-Kumbhaka des Mondes (Bildquelle).

Natürlich können solche gefundenen Assoziationen auch für praktische Übungen verwendet werden. So kann z.B. die entsprechende Mondphase während der Atmung bei geschlossenen Augen imaginiert werden. Diese Übung findet sich beispielsweise unter der Bezeichnung Mondatmung bei Katja Wolff in ihrem durchaus lesenswerten Buch mit dem schlichten Titel 'Magie' (vgl.: Wolff, Katja: Magie. Kunst des Wollens - Macht des Willens. München: 1992, S. 184 ff). Der Phantasie und Kreativität, die verschiedensten sinnvollen Assoziationen mit der Atmung zu verbinden, sind dabei keine Grenzen gesetzt. Hier eine kurze Übungsbeschreibung in tabellarischer Form:

  1. Einatmen - vier Zählzeiten - Imagination: Der Mond nimmt immer weiter zu.
  2. Atem anhalten - zwei Zählzeiten - Imagination: Vollmond.
  3. Ausatmen - vier Zählzeiten - Imagination: Der Mond nimmt immer weiter ab.
  4. Atem anhalten - zwei Zählzeiten - Imagination: Neumond.

Beim Anhalten des Atems ist es äußerst wichtig, dies durch das Zwerchfell zu bewerkstelligen und niemals durch ein krampfhaftes Verschließen von Nasen- und Rachenraum! Es darf dabei grundsätzlich kein Druck oder Unterdruck in der Lunge entstehen. Als nächstes möchte ich gerne den Jahreskreis betrachtet, in welchem sich ebenfalls der Rhythmus des universellen Lebens finden lässt:

  1. Frühling: Es wird wärmer.
  2. Sommer: Es ist warm.
  3. Herbst: Er wird kälter.
  4. Winter: Es ist kalt.

Diesem Kreislauf folgt natürlich auch der Kreislauf der Vegetation, wie sich an den Bäum gut beobachten lässt:

  1. Der Baum treibt Blätter und Blüten.
  2. Der Baum steht in voller Blüte.
  3. Die Blätter und Blüten fallen ab.
  4. Der Baum steht kahl.

Es lassen sich noch eine ganze Menge anderer Analogien finden und ich möchte es an dieser Stelle gerne den Leserinnen und Lesern selbst überlassen, nach weiteren Entsprechungen zu suchen. Eine solche Analogie selbst zu entdecken und zu erfahren ist nämlich noch wesentlich beeindruckender, als irgendwo davon zu lesen! Ich meine allerdings, dass die bislang angeführten Beispiele genügen sollten, um einen Gedanken erkennbar zum Ausdruck zu bringen: Die vermeintlich einfachsten Dinge des Lebens, wie beispielsweise der Atem, spiegeln sich überall in der Natur und im Kosmos wieder. Wer dies erkennt und im Herzen begreift, in dem entsteht ein Gefühl der Verbundenheit mit allem, was ist, und des tieferen Sinns in allen Phänomenen. Im Leben des Menschen pulsiert derselbe Rhythmus, der auch im Baum, im Jahr, in der Sonne und im Mond pulsiert. Dieser Rhythmus ist das universelle Leben, ist Gott oder besser gesagt einer seiner Aspekte.

Die alten Kulturen schauten diese Wahrheit auf eine selbstverständliche, zum Teil fast kindlich einfache Weise, als sie Leben, Atem, Seele und Geist in ein und dasselbe Wort brachten. Und auch einer der wichtigsten, heiligen Gottesnamen der hebräischen Tradition, der Kabbalah, das sogenannte Tetragrammaton (τετραγράμματον: wörtlich heißt dies 'Vierbuchstabe'), scheint diesen Rhythmus in seinen vier Buchstaben geradezu unmissverständlich auszudrücken: Jehovah (יהוה - zu lesen von rechts nach links):

  1. י - Die Bewegung,
  2. ה - Der Zustand,
  3. ו - Die Gegenbewegung,
  4. ה - Der Gegenzustand.

Der Mensch ist durch Analogien verbunden mit der ganzen Welt und der Atem ist ein wunderbares Beispiel dafür. Zuletzt möchte ich noch zwei besonders interessante Facetten dieser Analogie ansprechen. Die erste ist das Bild des atmenden Brahma in der indischen Philosophie. Brahma, so heißt es, atme ein und aus, und so entstehe und vergehe immer wieder die ganze Welt in einem gewaltigen Zyklus. In diesem Bilde findet sich ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis des Verhältnisses von Zeit und Ewigkeit. Eine Fragestellung, die auch den Neoplatoniker Plotinus im dritten Buch der Eneaden und den christlichen, lateinischen Kirchenlehrer Augustinus von Hippo im elften Buch seiner Confessiones stark beschäftigte. Das indische Bild vom atmenden Brahma bringt dieses Verhältnis auf den Punkt. Brahma atmet in Ewigkeit, in seinem Atem entsteht und vergeht die Welt und damit auch die Zeit:

  1. Brahma atmet aus: Die Welt und die Zeit entstehen.
  2. Brahma hält den Atem an: Die Welt und die Zeit existieren.
  3. Brahma atmet ein: Die Welt und die Zeit vergehen.
  4. Brahma hält den Atem an: Die Welt und die Zeit existieren nicht.

Das zweite besonderes Bild, was ich an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen möchte, betrifft die Reinkarnation des Menschen. Bereits in der Illias von Homer findet sich im sogenannten Blättergleichnis (Homer: Illias VI, 146 - 149) der Vergleich zwischen den Menschengeschlechtern und den Blättern der Bäume. Wer erkennt, dass die ganze Natur vom Kreislauf des Lebens geprägt ist - Atem, Sonnenlauf, Jahreslauf, Mond ... -, dem wird es immer schwerer fallen, zu glauben, dass das menschliche Leben sich wie eine mathematische Strecke verhalt soll, mit Anfang und Ende. Die folgenden Entsprechungen sollen diesen Umstand verdeutlichen:

  1. Frühling: Die knospenden Bäume treiben die Blätter. - Der menschliche Körper wird geboren. - Die Seele inkarniert.
  2. Sommer: Die Bäume stehen in voller Pracht. - Der menschliche Körper ist voll entwickelt. - Die Seele lebt im Körper.
  3. Herbst: Die Blätter fallen als Laub zu Boden. - Der menschliche Körper stirbt. - Die Seele trennt sich vom Körper.
  4. Winter: Die Bäume stehen kahl. - Der Körper löst sich auf, bzw. ist aufgelöst. - Die Seele lebt außerhalb der materiellen Welt.

Ebenso also, wie der Baum sich jedes Jahr neue Blätter schafft, so schafft sich auch die Seele jedes Erdenleben einen neuen Körper. Der Rhythmus des Lebens, welcher zugleich der Rhythmus des Atems ist, gewährt dem Menschen unter Anwendung des Analogiegesetzes tiefste Einblicke in die Mysterien des ewigen Lebens. Erforsche Deinen Atem, erforsche die Welt, erforsche das Leben, erforsche Dich selbst!

Was ist der Stein der Weisen?

Was ist der Stein der Weisen?

Der Stein der Weisen - ewigeweisheit.de

Paris im Jahr 1659: Der legendäre Alchemist Basilius Valentinus veröffentlicht ein geheimnisvolles Buch, mit dem eigenartigen Titel »L'Azoth des Philosophes«, auf deutsch: »Das Azoth der Philosophen«. Was beutet das?

Das Wort Azoth an sich schon ist ein Geheimnis, denn es deutet hin auf jenes »Einige Ding«, von dem in der wundersamen Smaragdtafel des Hermes Trismegistos (Tabula Smaragdina Hermetis) die Rede ist:

Das was oben ist, entspricht dem was unten ist. Und das was unten ist, gesellt sich wiederum zum Oberen, mit dem Vermögen die Wunderwerke eines einigen Dinges zu vollbringen.

- Tabula Smaragdina II

Die ersten beiden Buchstaben A und Z im Namen Azoth, beziehen sich auf den Anfang und das Ende aller Dinge – bei dem das »Einige Ding« am immer es selbst bleibt.

Alchemisten und Magier suchten nach einer einzigartigen, rein-geistigen Substanz. Sie glaubten darin sowohl das Chaos vom Uranfang des Universums zu finden, wie auch jenes vollkommen vollendete Werk, dass sie als den perfekten Stein der Weisen bezeichnen. In der Vereinigung dieser beiden universalen Urformen des Kosmos, sah man in uralter Zeit das, was die Smaradtafel das »Einiges Ding« nennt.

Die Etymologie des Wortes Azoth aber ist arabischen Ursprungs und bedeutet schlicht Quecksilber (arab. الزَّاوُوق‎ Az-Zawuq). Für Alchemisten gilt Quecksilber, genannt Mercurius, als Seele aller Metalle. Dem deutschen Arzt Paracelsus (1493-1541) war Mercurius sogar der Inbegriff einer Universalmedizin. Kaum aber meinte er damit das giftige Metall, als vielmehr ein rein-geistiges, heilendes Prinzip, dass dem Unwissenden jedoch für immer unzugänglich bleibt.

Azoth - ewigeweisheit.de

Illustration im Buch Azoth des Basilius Valentinus: Es veranschaulicht das gesamte Wesen von der siebenstufigen Veredelung des Selbst im Leben eines Menschen.
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Ein alchemistisches Emblem

Im Zentrum dieser außergewöhnlichen Illustration, sieht man das Gesicht eines alten, bärtigen Mannes. Er ist im Begriff sein Werk zu beginnen, indem er die Kräfte des Oberen und des Unteren in sich und in der Welt eint. Das ist das Ziel seiner hermetischen Arbeit.

Wer darum das Bild des Azoth versteht, kann es durchaus als Bild für die Kontemplation verwenden. Dann ist es so, als schaue der Meditierende in einem Spiegel ein Mandala, worin er die Transmutation seines eigenen Lebens zu etwas höherem, erkennen kann.

Der große innere Kreis des Emblems überlagert ein Dreieck, dessen drei Ecken unter ihm hervorragen und die Formen höheren Lebens andeute:

  • Spiritus – Der Geist
  • Anima – Die Seele
  • Corpus – Der Körper

Gemeinsam symbolisieren sie drei archetypische Urkräfte, die den Alchemisten bekannt sind als Sulphur, Mercurius und Sal – die drei philosophischen Prinzipien. Sie bilden eine Heilige Dreiheit im Universum. Als solche wirken sie in allem, was in der manifestierten Welt existiert: materiell oder imateriell. Alles im Kosmos unterliegt ihrer Wirkung: unser Geist, unsere Emotionen, unser Körper, die Planeten des Himmels, die Mineralien, die Pflanzen und die Tiere. Auch in nicht-physische Wesen und Geistern sind diese drei Wirkprinzipien präsent.

Das Siebenfältige Werk

Jenen großen Kreis in der Mitte des Bildes, unterteilen sieben Strahlen eines großen Sterns. Das ist ein Symbol für die siebenfältigkeit von Mikrokosmos und Makrokosmos. Daher enthält jeder der Strahlen das Symbol eines der sieben klassischen Planeten (Makrokosmos), dass gleichzeitig einem klassischen Metall (Mikrokosmos) zugeordnet ist.

Paracelsus nannte dieses Symbol den Stern im Menschen, der die geheimen alchemistischen Prozesse in allen Seelen repräsentiert. Sie entsprechen gleichzeitig den Vorgängen in der universalen Weltseele des gesamten Kosmos.

Die Ziffern 1 bis 7 im Bild weisen hin auf die sieben Arbeitsgänge bei der Bereitung des Steins der Weisen und der Herstellung des Lebenselixiers:

  1. Die Calcinatio – die Kalzinierung oder Veraschung,
  2. die Solutio – die Auflösung,
  3. die Separatio – die Trennung oder Filterung,
  4. die Conjunctio – die Vermählung oder das Schwängern,
  5. die Fermentatio – die Fermentierung,
  6. die Destillatio – die Destillierung und
  7. die Coagulatio – die Gerinnung, die, durch die in der Destillatio erhaltene Substanz, schließlich zur Verfestigung beziehungsweise Manifestierung des erzielten Zustands führt.

Dem aufmerksamen Lesen dürfte auffallen, dass sich zu diesen sieben Stufen, gewiss auch Parallelen ziehen ließen, zum Siebentagewerk im ersten Kapitel der biblischen Genesis.

Die Reihenfolge der sieben hier benannten Arbeitsschritte jedenfalls, sollte der Alchemist bei der Schaffung des Steins der Weisen einhalten. Was in den einzelnen Arbeitsschritten geschieht, erläutern außerdem die Vignetten, die sich zwischen den Strahlen des Siebensterns befinden. Sie enthalten besondere, dem Uhrzeigersinn  folgende Bilder, die wie folgt beschrieben werden:

  1. Vignette: Ein schwarze Krähe sitzt auf einem Totenkopf. Dieses Bild steht für die Nigredo, den Vorgang der Schwärzung, dem Anfangszustand des alchemistischen Prozesses.
  2. Vignette: Hier beobachtet die Krähe, wie sie sich selbst auflöst und sich vor ihr die reineren, weißen Bestandteile ihres Seins zeigen. Was also zurückbleibt war zuvor im Innern verborgen und wird nun sichtbar.
  3. Vignette: Hier sieht man zwei weiße Vögel die an der auf dem Boden liegenden Krähe zerren und sie in Stücke reißen. Dieses Bild steht für die Trennung beziehungsweise Isolierung der Essenz, die zuvor aus der Materie ausgelöst wurde.
  4. Vignette: Zwei weiße Vögel fliegen gen Himmel und erhöhen mit ihren Schnäbeln dabei eine goldene Krone. Dies symbolisiert die Läuterung, der die gewonnene Essenz unterzogen wird. Dabei werden ihr himmlisch-göttliche Kräfte zugeführt und sie damit veredelt.
  5. Vignette: Man sieht hier die beiden Vögel die auf einem Baum in ihrem Nest brüten. Hiermit beginnen die geheimnisvollen Prozesse im Werk des Alchemisten. Denn was dort ausgebrütet wird ist zwar noch verborgen, doch wird sich schon sehr bald offenbaren.
  6. Vignette: Vor einem Rosenbusch liegt ein weißes Einhorn. Nie konnte ein Jäger dieses legendäre Wundertier gefangen. Doch es wird ganz zahm, wenn sich ihm eine Jungfrau nähert. Sie nämlich symbolisiert die vollkommen geläuterte Materie, die sich bereits in greifbarer Nähe befindet. Sie ist der Inbegriff vollkommener Reinheit und Unschuld. Das nämlich sind die maßgeblichen Voraussetzungen, um den Stein der Weisen entgegennehmen zu dürfen.
  7. Vignette: Hier sieht man einen jungen Menschen, der aus einem Grab aufersteht. Jetzt wurde der Stein der Weisen gefunden und das Große Werk der Alchemie vollbracht. Denn jene Auferstehung steht für das ewige Leben, in das der Besitzer jenes geheimnisvollen Steins erwacht. Es wird dieser Stein manchmal auch »der Gral« genannt. Ihn hat der Sucher nun in sich entdeckt.

Sol und Luna: Die Königlichen Himmelsleuchten

Der schematisch dargestellte Körper des Alchemisten, ist der Sprössling der hervorgeht aus der Vermählung der Archetypen des Sonnenkönigs (Sol) und der Mondkönigin (Luna). Sol reitet zu seiner Rechten auf einem Löwen, während Luna zu seiner Linken auf einem Fisch das Meer durchquert.

Auf der Smaragdtafel lesen wir:

Sein Vater ist die Sonne, Seine Mutter der Mond

- Tabula Smaragdina IV

Bei genauem Hinsehen, erkennt man, dass der Sonnenkönig lächelt. Das ist ein Hinweis auf seine extravertierte Art. Er hält in seiner Linken ein Schild und in seiner Rechten ein Szepter: Sinnbilder für seine Macht über Vernunft und die sichtbare Welt.

Der Löwe auf dem er sitzt ruht selbst auf einem Felsen, in dem sich eine Höhle befindet. Daraus erscheint ein feuerspeiender Drache. Er weist hin auf des Sonnenkönigs verborgene, unbewusste Triebe. Denn aus dem extravertierten, immer frohen König, wird manchmal ein arroganter Despot. Damit aber besiegelt er bereits sein Ende, denn der feurige Drachenhauch aus dem Urgrund seines Bewusstseins, wird ihn in seinen Leidenschaften verbrennen.

Die Mondkönigin macht einen eher melancholischen Eindruck. Sie aber hält in ihren Zügeln einen riesigen Fisch, der ihre Macht über das Unbewusste symbolisiert. So hat die Mondkönigin die Vorgänge in ihrem Unterbewusstsein vollkommen unter Kontrolle, etwas also das dem Sonnenkönig fehlt. In ihrer Linken wiegt sie Pfeil und Bogen. Sie stehen für die Hinnahme von Kummer und Leid, dass die Mondkönigin als Teil des Lebens anerkennt.

»Die Chymische Hochzeit«

Sonnenkönig und Mondkönigin stehen für die Ausgangsubstanzen, mit denen der Alchemist sein Werk beginnt. Sie verkörpern seine Erfahrungen, Gefühle und Gedanken, die für seine Arbeit von Bedeutung sind. Er nämlich ist der Erschaffer des Steins der Weisen.

Der Sonnenkönig repräsentiert die Macht des Geistes über das Denken, was im Makrokosmos dem Weltgeist (Spiritus Mundi) entspricht. Die Mondkönigin dagegen repräsentiert die menschlichen Gefühle und Emotionen, die auf makrokosmischer Ebene der Weltseele (Anima Mundi) entsprechen. In der Kabbala ließen sich diese Wirkformen, mit den Sefiroth Binah (göttliche Intelligenz) und Chokmah (göttliche Weisheit) vergleichen. Der Weltgeist ergießt sich als göttliche Intelligenz und ordnende Instanz, in das in der Weltseele wütende, magische Urchaos.

Es scheint nun naheliegend, dass daher beide Prinzipien auf gegenseitige Ergänzung drängen und sich die Ordnung mit dem Chaos vermählen will, der Geist mit der Seelensubstanz, der Intellekt mit der Weisheit. Damit käme es zur sogenannten Heiligen Hochzeit (Hieros Gamos) von Sonnenkönig und Mondkönigin. Auf den Menschen übertragen bedeutete das einen Bewusstseinszustand, in dem ihm gelingt sein Denken mit seinem Fühlen zu verbinden, in sich quasi eine emotionale Intelligenz zu schaffen. Dieser Zustand aber, kann geläutert und erhöht werden, was den Alchemisten in die Lage einer perfekten Intuition versetzt. Damit aber gelingt ihm die vollkommene Erkenntnis über das innerste Wesen der Realität. In der Tabula Smaragdina heißt es dazu:

Alle Finsternis wird von Dir weichen.

- Tabula Smaragdina IX

Womit gemeint sind, die:

Vollendungen der ganzen Welt

- Tabula Smaragdina VI

Ziel des großen Werks

Alle Alchemisten suchten nach diesem Zustand, vollkommener ungetrübter, edelster Weisheit. Man könnte sagen, dass sie versuchten jenen Moment der Erleuchtung, im gesuchten und letztendlich geschaffenen Stein der Weisen zu gewinnen und darin zu bewahren.

Es wäre aber falsch hier nur an ein physisches Mineral oder eine perfekten Edelstein, wie etwa den Smaragd zu denken. Vielmehr handelt es sich beim Stein der Weisen um einen Bewusstseinszustand vollkommener, geistig-seelischer Ordnung. Diese spirituelle Struktur erschafft der wahre Alchemist durch die heilige Vermählung der Gegensätze in ihm – das was C. G. Jung als den Animus und die Anima bezeichnete.

Der Leib des Alchemisten

In der vorliegenden Illustration des Azoth, stehen die vier Gliedmaßen des Alchemisten, für die vier alchemistischen Elemente:

  • sein rechtes Bein steht auf dem Land (Erde),
  • sein linkes Bein steht im Meer (Wasser),
  • seine rechte Hand hält eine brennende Fackel (Feuer) und
  • seine linke Hand greift nach einer Feder (Luft).

Sein Haupt aber steht für das verborgene fünfte, geistige Element: den Äther. Es ist die unsichtbare Quintessenz, durch die sich das im Geist Ausgemalte, in der Realität manifestiert. In der Smaragdtafel heißt es dazu:

Seine Kraft ist am vollkommensten, wenn es sich in die Erde ergießt und sich mit ihr vereint.

- Tabula Smaragdina VII

Zwischen seinen Beinen baumelt ein Würfel, den sechs Sterne umgeben. Dieses Symbol, dass das Wort »Corpus« – der Körper – kennzeichnet, steht für die sechs Richtungen der materiellen Welt: oben, unten, links, rechts, hinten und vorn.

Was aber ist über seinem Haupt zu sehen? Eigentlich sollte sich ja dort der Kopf des Alchemisten befinden. Doch der scheint ins Herz verrückt zu sein. Was man hier aber sieht, ist ein kleines Gebilde, dass zwei lange Flügel tragen: ist damit etwa das dritte Auge gemeint – jene lichtempfindliche Drüse im Zentrum des menschlichen Gehirns?

Geflügelte Sonne - ewigeweisheit.de

Die geflügelte Sonnenscheibe: ein häufiges Symbol im Alten Ägypten, das links und rechts eine Uräus-Schlange ziert. Eigentlich ist dieses Bild auf dem gesamten Erdball verbreitet. Man denke etwa an die Ähnlichkeit des zoroastrischen Faravahar-Symbols.

Womöglich entwickelte sich diese Symbolik aus der geflügelten Sonnenscheibe des Echnaton. Dieses uralte Emblem krönt den magischen, schlangenumwundenen Stab des Hermes: den Caduceus. Er ist das, was im Allgemeinen unter der Bezeichnung »Zauberstab« verstanden wird. Die beiden Schlangen nämlich, die sich daran emporwinden, stehen für zwei geheimnisvolle Kräfte im Körper.

Somit ist der Caduceus an sich ein Symbol für die oben näher erläuterte Heilige Hochzeit des mikrokosmischen Spiritus und der Anima im Menschen, wie ebenso Weltgeist und Weltseele im Makrokosmos.

Was in Basilius Valentinus Emblem also zwischen den beiden Flügeln in der Mitte zu sehen ist, symbolisiert die aufgestiegene Seelenessenz desjenigen, der sie in seinem Körper auf die höchste Stufe des Gehirns brachte. Denn von diesem zerebralen Zentrum aus, kann sich menschliches Bewusstsein, dass diesen Grad der Vollendung erreichte, vom Körper lösen und sich in andere Gefilde des Seins begeben.

In den alt-ägyptischen Mysterien, weihte man die Adepten ein, in diesen Zustand ultimativen Gewahrseins. Man führte ihren Körper an die Todesgrenze, so dass sie ihn als Leiche empfanden, doch gleichzeitig bei vollem Bewusstsein blieben.

Es ist also die Krone des Caduceus, die hier hinter der großen, siebengeteilten Scheibe emporragt. Links brennt ein Feuer, worin sich ein Salamander befindet. Und so wie der Salamander die Wärme des Sonnenlichts benötigt, so benötigt auch die Seele (Anima) das Licht des Geistes.

Auf der rechen Seite der geflügelten Caduceus-Krone aber befindet sich ein Adler, der für den Geist (Spiritus) steht. So wie die kühlende Nacht den Geist beruhigt und ihm zur Reflexion verhilft, so gleitet am Abend der Adler in sein mondbeschienenes Nest.

Vitriol-Formel-Emblem in den Geheimen Figuren der Rosenkreuzer - ewigeweisheit.de

Eine Illustration der berühmten Vitriol-Formel, die ursprünglich in Valentinus' Buch Azoth erschien, jedoch vielfach kopiert wurde. Diese Version stammt aus dem sogenannten "Dritten und letzten Heft" der Geheimen Figuren der Rosenkreuzer.
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Smaragdgrüner Stein der Weisen

In alter Zeit nannte man das smaragdgrüne Eisensalz der Schwefelsäure »Vitriol«. Den Alchemisten aber ist es außerdem der verschlüsselte Name für die prima materia, die Ausgangssubstanz bei der Bereitung des Steins der Weisen. Es handelt sich also nicht um das gewöhnlichesbuchstaben Eisenvitriol, sondern eher um ein geistiges Ausgangsprinzip.

Schauen wir uns noch einmal die Basilius Valentinus' Illustration an: in den Zwischenräumen, umgeben von den sieben Strahlen des Sterns, lesen wir sieben Worte. Ihre Anfangsbuchstaben bilden ein Akronym: Vitriol!

Die innere Bedeutung des Namens Vitriol also ergibt der Satz, den diese sieben Worte im Urhzeigersinn gelesen ergeben:

Visita Interiora Terrae Rectificando Invenies Occultum Lapidem.
Besuche das Innere der Erde, inmitten der du dich läuterst, und du wirst finden den geheimen Stein.

Mit jenem visita, dem Besuch, ist der Beginn einer Reise gemeint, die der Alchemist in den interiora, den innersten Empfindungen seines Körpers auf der terrae, der Erde, einer rectificando, einer Läuterung unterziehen muss. Ist das aber vollzogen, wird er finden, invenies, den Stein der Weisen: occultum lapidem.

Die geheimnisvolle Smaragdtafel aus Atlantis

von S. Levent Oezkan

Smaragdtafel - ewigeweisheit.de

Seit uralter Zeit existiert eine Lehre, die man einem großen Meister zuschreibt: Hermes Trismegistos – Urvater der Alchemisten. Sein großes Werk ist zusammengefasst in 14 geheimnisvollen Sprüchen. Einst gravierte man diesen Text in eine Tafel aus reinem Smaragd. Vor etwa 2.300 Jahren im ägyptischen Alexandria übersetzt, sollte daraus einer der am meisten interpretierten Texte der Menschheit werden.

Somit ist die Smaragdtafel des Hermes Trismegistos, eines der bedeutendsten Dokumente der alten Wissenschaft. Sie ist sogar so wichtig, dass man die Geschichte dieser uralten Wissenschaft untergliedern könnte in die Zeit vor dem Auftauchen der Smaragdtafel und die Zeit danach.

Mehr als zwei Jahrtausende haben viele Gelehrte gerätselt, was es mit dem, auf dieser geheimnisvollen Steintafel eingravierten Text, eigentlich auf sich hat.

Beim ersten Lesen des Textes, scheint man zuerst mal kaum etwas zu verstehen. Doch womöglich ist unser Intellekt für das Verständnis dieses Textes einfach nicht geeignet. Eher versteht der Leser die Zeilen der Smaragdtafel intuitiv – »in seinem Herzen«, wie die Eingeweihten sagen würden.

Der Text dieser mysteriösen Steintafel, zwingt den Leser regelrecht dazu ihn zu interpretieren. Die Tatsache, dass dieser Text unzählige Male interpretiert wurde, spricht für sich. Zu jenen Gelehrten die nach ihrer Bedeutung forschten, zählte auch der Physiker Isaac Newton. Als erster übersetzte er den Text ins Englische.

Alchemisten der Vergangenheit, erkannten in den Zeichen und Zeilen der Smaragdtafel ihre Geheimnisse wieder. Auf den 14 Versen der Smaragdtafel gründeten sie die Fundamente ihres Wissens. Entsprechend trägt das 14. Arkanum des Thoth-Tarot (Golden Dawn) den Titel »Kunst« – eine Anspielung auf die hohe Kunst der Alchemie.

Ursprung der Smaragdtafel

Manche sagen die Spuren der Smaragdtafel ließen sich in einer Zeit finden, wo auch die biblische Genesis ihren Anfang nahm.

Laut der hermetischen Geheimlehren soll die Smaragdtafel von der Alten Atlantis nach Ägypten gebracht worden sein. Man rettete sie aus den Fluten der großen Überschwemmung (Sintflut), vor etwa 11.500 Jahren. Thoth der Atlanter soll sie vor dem Verschwinden bewahrt haben. Er ist der selbe, wie Hermes Trismegistos – der »Dreimalgroße Hermes«, »Herrscher der drei Welten«.

Man kann nicht mit absoluter Gewissheit sagen, ob es sich bei Thoth bzw. Hermes Trismegistos, wirklich um eine menschliche Person handelte. Das ihm zugeschriebene Werk umfasst zehntausende Bücher – die wohl ein Mensch, kaum in einem Leben hätte schreiben können. Eher ist es ein übernatürliches Wesen, eine Art »Aufgestiegener Meister«, wie ihn die moderne Theosophie nennen würde.

Thoth auf jeden Fall, war ein alt-ägyptischer Gott, der den Menschen die Sprache, Mathematik, Magie und die Wissenschaften brachte. Alles Substantive, die man in der einen oder anderen Form ja auch in den Zeilen der Smaragdtafel, in konzentrierter Form wiederfindet.

Großer Smaragd - ewigeweisheit.de

Bodenkachel in der Kathedrale zu Siena (Italien) mit einer Abbildung des Hermes Trismegistus (rechts).

Die Entdeckung der Smaragdtafel

Verschiedene Legenden kreisen um den Fund der Smaragdtafel. Als ich mich längere Zeit mit diesem magischen Objekt beschäftigte, fragte ich mich irgendwann, ob es vielleicht mehrere Kopien der selben Tafel gibt, die man später dann in der alten Welt fand. Denn zum einen heißt es, Hermes Trismegistos sei ein Sohn des biblischen Adam gewesen. Als er sich auf einer Reise auf die indische Insel Ceylon begab, soll er dort den Text auf einer smaragdenen Steintafel gefunden haben.

Auch gibt es eine Legende, dass man die Tafel in einer verborgenen Kammer unterhalb der Großen Pyramide von Gizeh fand.

Abrahams Frau Sarah will auf die Tafel in einer Höhle in der Nähe von Hebron gestoßen sein. Dort soll sie sie aus den krallenden Fingern einer Mumie entrissen haben.

Albertus Magnus schrieb den Fund Alexander dem Großen zu, der die Tafel im Grab des Hermes in Phönizien entdeckt haben will.

Was alle Legenden über den Fund der Smaragdtafel jedoch gemeinsam sagen, ist, dass es sich um einen grünfarbigen Stein handelt, in dem nach Art eines Basrelief, alt-phönizische Lettern eingegraben waren - einer Schrift also, von der alle Alphabete abstammen.

Der Text

Die jüngere Geschichte der Smaragdtafel, beginnt um 300 v. Chr. in Ägypten. Da nämlich übersetzte man den Originaltext zum ersten mal ins Griechische. Im ägyptischen Alexandria, sollte die Übersetzung des Textes dazu beitragen einen Streit beizulegen. Denn die dort ansässigen Gelehrten waren uneinig über die wahren Lehren der Alchemie. Jüdische, griechische und auch ägyptische Alchemisten, sie hatte alle ihre eigene Version von der »Hohen Kunst«. Erst als die Smaragdtafel in die damalige Amtssprache Alexandrias, in das Altgriechische übersetzt wurde, begann tatsächlich eine neue Ära für die Alchemie, war dieser Fund doch Ausgangspunkt einer gemeinsamen Weisheitslehre.

Zu damaliger Zeit war Alchemie kein Werk der Scharlatane, zu was es erst verkommen war im europäischen Mittelalter. Vielmehr handelte es sich um eine Wissenschaft, ja eher sogar eine von Gott inspirierte Begabung. Auf der Grundlage ihrer Lehren, so die alten Alchemisten, basieren die Grundlagen aller Religion und Wissenschaft.

Die Lehren und Praktiken der Alchemisten blieben seit alters her geheim. Sie waren nur einer kleinen Gruppe von auserwählten Priestern zugänglich. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Insbesondere im Mittelalter war es gefährlich als Alchemist erkannt zu werden. Für die Kirche waren die Alchemisten Ketzer und Teufelsanbeter, die man lieber gehängt oder auf dem Scheiterhaufen brennen sah, als sie in ihren »Hexenküchen« kochen zu lassen.

So also kam es zu der Verschwiegenheit, die diese Hohe Kunst bis heute umhüllt. Ihre hermetischen Lehren aber blieben erhalten und wurden, in okkulten Zirkeln, über Generationen vom Meister an den Schüler übergeben. Daher auch das Wort »hermetisch«, dass man im deutschen Sprachraum ja oft zur Bezeichnung von etwas Luftdichtem oder Undurchdringlichen verwendet: es ist etwas, dass unter Ausschluss der Öffentlichkeit besprochen und praktiziert wird – etwas das eben undurchdringlich ist, für alle Nicht-Eingeweihten verschlossen. Gleichzeitig ist der Begriff »hermetisch« aber auch ein Hinweis darauf, dass die Methoden der Alchemie, sich immer auf ein in sich abgeschlossenes System beziehen – ganz gleich ob dabei Mikrokosmos oder Makrokosmos erforscht werden.

Fest steht, dass der Text der Smaragdtafel, das uralte Wissen der westlichen Zivilisation bewahrt. Zwar ist es ein okkulter und für viele, nur schwer zugänglicher Text, doch findet man im Studium der Smaragdtafel die Grundelemente jener alten Offenbarungslehre, die durch Hermes Trismegistos überliefert wurde.

In den 14 Zeilen der Smaragdtafel steht geschrieben, was später ganz wesentlich das naturwissenschaftliche Weltbild beeinflusste, ebenso aber auch die Religionen und den Okkultismus.

»Philosophie des gesamten Universums«

Auch wenn die Lehre der Smaragdtafel universal ist und die Fundamente bildet, auf denen Religion und Wissenschaft gründen, ist sie keineswegs eine allen zugängliche Lehre.

Niemals plauderten Alchemisten die Geheimnisse der Alchemie aus. Uneingeweihte ging die Geheimlehre der Alchemie einfach nichts an. Nicht etwa aber, um ihnen etwas vorzuenthalten, sondern weil dieses Wissen auch gewisse Gefahren birgt.

Am Anfang trug die Smraragdtafel den lateinischen Namen »Tabula Smaragdina« (tabula = Tafel) – denn genau das war sie: eine Tafel aus grünem Stein.

Später nannte man sie auch die »Hermetische Tafel«, (Tabula Hermetica) – oder, gemäß des Ursprungsortes ihrer Übersetzung, die »Ägyptische Tafel« (Tabula Aegyptia).

Dort in Ägypten fließt der Nil, der jährlich seinen schwarzen Schlamm über die Ufer schwemmt. In diesem Schlamm sah man in alter Zeit, eine magische Substanz, denn seine Fruchtbarkeit brachte den Ägyptern ihre Nahrung. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Vom alt-ägyptischen Namen dieser schwarzen »Substanz«, dem »Khem« oder »Khemet«, stammt der Begriff Alchemie: Die schwarze Schlammerde nannten arabische Alchemisten »Al-Khem«.

Das Alter der Smaragdtafel

Niemand weiß, wo sich heute das Original der Smaragdtafel befindet oder ob es überhaupt noch existiert. Nur drei alte, lateinische Übersetzungen sind geblieben, die man einst in Alexandria aus der griechischen Urübersetzung anfertigte.

Was auch immer mit dem Original geschehen ist: der Text der Smaragdtafel, ist eines der wichtigsten Dokumente in der Geschichte der Menschheit – auch wenn die Original-Übersetzungen heute nicht mehr existieren, geschweige denn kaum einer davon je gehört hat.

In seinem Buch »Amphitheatrum Sapientiae Aeternae« bezeichnet der deutsche Alchemist Heinrich Kunrath, die Smaragdtafel sogar als »Monument für die ganze Menschheit«.

Illustration von Hans Vredeman de Vries: Im Labor des Alchemisten - ewigeweisheit.de

Illustration von Hans Vredeman de Vries: Im Labor des Alchemisten. Abbildung im Buch Heinrich Kunraths "Amphitheatrum sapientiae aeternae".
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Nach der arabischen Eroberung Ägyptens im 7. Jhd., wurde das alte alchemistische Wissen durch islamische Gelehrte fortgeführt – so wie etwa durch Abu Musa Dschabir ibn Hayyan. Das alte Wissen der Smaragdtafel kam dann irgendwann im 8. Jhd. über Marokko nach Spanien, wo die Alchemie einen wichtigen Stellenwert in der Wissenschaft einnahm. Dort sollte Dschabir ibn Hayyan später noch eine wichtige Rolle spielen. Sein Name wurde europäisiert als »Geber Arabicus«, der für die Geschichte der mittelalterlichen Alchemie, wie später auch für die Chemie, eine wichtige Rolle spielen sollte.

So kam der einst in Ägypten übersetzte Text der Tabula Smaragdina, irgendwann nach Europa. Hier entwickelte sich die Alchemie in den kommenden tausend Jahren zu ihrer Hochblüte, bis sie Ende des 18. Jhd. durch die moderne Wissenschaft in den Untergrund abgedrängt wurde.

Trotzdem blieb die Smaragdtafel stets die hermetische Grundlage aller alchemistischen Lehren. Das gilt auch heute noch. Erst in den vergangenen Jahrzehnten, gewannen ihre Weisheitslehren wieder an Bedeutung. Insbesondere die Heilkunst wie auch die schönen Künste, sollten von den Weissprüchen der Smaragdtafel profitieren.

 

Eine kommentierte Fassung des Textes finden Sie hier.

 

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Geschichte des Tarot

Geschichte des Tarot

Die aus alter Zeit stammenden Bilder des Tarot sind voller Andeutungen und Geheimnisse. Es sind esoterische Symbol-Schlüssel, mit denen sich dem Suchenden die esoterischen Wissenschaften der Numerologie, Kabbala, Astrologie und Hermetik eröffnen. Der vielgestaltige Symbolgehalt des Tarot und die geistreiche Zusammensetzung seiner Abbildungen, machen aus ihm eines der besten Werkzeuge für die Selbsteinweihung in die okkulte Tradition.

Woher aber stammen diese Bilderschlüssel des Tarot? Was weiß man über ihre Geschichte und Bedeutung? Was ist ihr innerstes Mysterium?

Archetypen der menschlichen Psyche

Manchmal begegnet man an eigentümlichen Orten besonderen Figuren: in alten Kapellen, Gräbern, Höhlen, geheimen Gängen, in Grotten oder an wilden, unbewohnten Orten, lassen uns geheimnisvolle Bilder und Symbole aufmerken. Solche Symbole, wie man sie auch im Tarot findet, ähneln den archetypischen Bildern die uns nachts in unseren Träumen begegnen. Es sind Zeichen und Wegweiser auf den verborgenen Pfaden unserer Seele. Die Figuren des Tarot übersetzen solche Symbole für den Uneingeweihten. Durch ihre universale Bildsprache befördern sie eine für alle verständliche Ausdrucksform.

Für ein besseres Verständnis der Kartensymbole bietet die mystische Kabbala viele Hinweise. Beim Studium des kabbalistischen Lebensbaumes erkennen wir nach und nach auch die esoterischen Zusammenhänge der 78 Karten besser. Seine 22 Zweige korrespondieren mit den 22 Großen Arkana. Darum empfiehlt es sich diese Grafik eingehend zu studieren und über die darin abgebildeten Zusammenhänge zu meditieren.

Die Liebenden - ewigeweisheit.de

VI - Die Liebenden - im Rider-Waite-Tarot.

Die 78 Urbilder des Tarot sind Teil des kollektiven Unbewussten (ein Begriff den der schweizerische Psychologe C. G. Jung einführte). Sie sind der Teil der Psyche, der seine Existenz nicht persönlichen Erfahrungen verdankt, sondern sich im Wesentlichen aus Motiven und Traumbildern zusammensetzt, die ihren Ursprung in der Kulturgeschichte der Menschheit haben. Es sind Bilder die in allen Märchen, Mythen und Legenden, in allen Kulturen wiederkehren. Die Symbole und Bilder des Tarot bilden eine psychische Grundlage aller Menschen. Insbesondere die Bilder der Großen Arkana - wie die Hohepriesterin, der Herrscher (auch: Kaiser), die Herrscherin, die Liebenden, der Stern, der Mond, die Sonne, die Welt, um einige zu nennen - sind Archetypen die jedem Menschen irgendwann bekannt sind.

All diese Bilder in unserer Psyche fügen sich als verschiedene Seelen-Aspekte zu einer inneren Einheit. Wie bei einer divinatorischen Tarotlegung treten in der Seele einer Person jeweils andere dieser Aspekte in den Vordergrund. Der eine hat mehr von dem Einen, der andere mehr von dem Anderen.

Die vielen archetypischen Grundwesenszüge aus denen sich unsere Seelenwelt zusammensetzt, lassen sich in den Weisheitsbildnissen auf den Tarotkarten entdecken. So ist das Tarot ein universales System zur Selbsterkenntnis.

Tarocchi-Spieler - ewigeweisheit.de

"Die Tarocchi-Spieler" - Fresco im Casa Borromeo (Milan, Italien) aus dem Jahre 1440.

Geschichte des modernen Tarot

Neben seinem spirituell-initiatorischen Aussagewert hat das Tarot vor allem auch Bekanntheit erlangt als Zukunftsorakel. Seinen wahren Ursprung verdunkeln aber die Schleier der Geschichte. Man kann letztendlich nicht genau sagen, ob die Karten morgenländischen oder abendländischen Ursprungs sind. Ebenso geheimnisvoll ist die Etymologie seines Namens. Es gibt viele Theorien darüber, woher die Begriffe Tarot, Tarosh, Tarock oder Tarocchi stammen.

Immer wieder gab es Versuche den Namen des Spiels mit Orten in Verbindung zu bringen. So sollen die Karten erstmals in der Nähe des norditalienischen Flusses Taro aufgetaucht sein. Dem widersprechen aber andere Historiker, die den Ursprungs des Tarot in der marokkanischen Gelehrtenstadt Fez sehen wollen. Auch dem burmesischen Dorf mit dem Namen Taro wurde bereits die Ehre zuteil, für den Ursprungsort des Kartenspiels gehalten zu werden. Es folgen der See Tarok Tso im Hochland von Tibet, während andere altkluge Forscher den Ursprung der Karten bei den präkolumbianischen Maya ausmachen wollen.
Auch soll das Tarot ein Erbe des altchinesischen Spiels Chaturunga sein, auf das auch die Entstehung des Schachspiels zurückgeht. Da man für die Karten der großen Arkana oft die Bezeichnung »Trumpf« (von ital. Trionfi) verwendet, lautet wieder eine andere Theorie, dass das Tarotspiel eine bildliche Darstellung der mittelalterlichen Triumphzüge und christlichen Karnevalsmärsche sei. Für die Kirche allerdings waren Spielkarten einfach nur ein Werk des Teufels. Man sah in Kartenspielen Überbleibsel eines zu verachtenden Heidentums, das nur der teuflischen Belustigung dienen konnte, durchtrieben von schwarzer Magie und Hexerei.

Manche Tarot-Karten hinterlassen beim Betrachter tatsächlich einen ziemlich finsteren Eindruck, wie etwa der Tod, der Teufel oder der Turm, oder die Schwertkarten der kleinen Arkana im Rider-Waite-Tarot. Sicher hat das zu missgünstigen Ansichten geführt, so das das Tarot-Spiel der Öffentlichkeit vorenthalten blieb. Wenn es nicht von vornherein nur ästhetischen Ansprüchen genügen sollte, wie etwa das Kartendeck von Visconti, diente die exoterische Variante des Tarotspiels allein der Unterhaltung.

Ardhanari - ewigeweisheit.de

Ardhanarishvara (ardha = halb, nari = Frau, ishvara = Herr, „der Herr, der halb Frau ist“) ist eine Mischgestalt des Gottes Shiva mit seiner Gemahlin Parvati.

Die vier Farben des Tarot-Spiels

Um 1435 entstand in Norditalien das Tarocchi. Wie das heutige Tarot setzt sich das Tarocchi aus 78 Karten zusammen. Damals erhielten die Farbenkarten der kleinen Arkana ihre Symbole: Stäbe, Schwerter, Münzen und Kelche. Auf den ersten Blick scheint es sich um christliche Symbole zu handeln, die sich mit Jesus von Nazareth (Stab: Lanze des Longinus; Kelch: Abendmahlskelch) und Johannes dem Täufer (Schwert des Henkers; Scheibe: Teller der Salomé) in Verbindung bringen ließen. Wahrscheinlich aber sind diese vier Symbole Insignien einer noch viel älteren Zeit, da die Vierheit von Stäben, Kelchen, Schwertern und Münzen, in ähnlicher Form auch in alt-irischen Sagen als Knüppel, Schwert, Kessel und Stein vorkommt.
Sogar im fernen Tibet bilden die vier Symbole von Vajra (eine Art Donnerkeil), Schwert, Glocke und Lotus (manchmal auch das Rad), wichtige Symbole bei der Initiation im Vajrayana-Buddhismus. Es sind heilige Symbole universalen Charakters, die die vier Weltrichtungen andeuten, wie auch die vier Sonnenstationen im Jahr.

Aus den vier Farben des alten Tarot entstanden außerdem die vier Farben der heutigen 52 Karten des französischen und des deutschen Blatts:

  • Kelche: Herz - Rot
  • Schwerter: Pik - Schippe
  • Münzen: Karo - Schellen
  • Stäbe: Kreuz - Eichel

Über den Ursprung der Spielkarten

Nach heutigem Kenntnisstand kamen die ersten Kartenspiele aus Fernost nach Europa. Die Idee Spielkarten zu drucken war vermutlich inspiriert vom Papiergeld-Druck, den es in China seit der Tang-Dynastie im 7. Jhd. gibt. Auch Spielkarten aus China und Korea, lassen sich bis ins 11. Jhd. zurückdatieren. Zwar gibt es keine Hinweise, doch es ist möglich, dass sich die Hersteller europäischer Kartenspiele von ihren chinesischen Zeitgenossen inspirieren ließen. Wahrscheinlich brachten heimkehrende Kaufleute die Spielkarten aus Fernost nach Europa. Denn im Frühmittelalter kam aus China auch die Idee des Papiergeldes auf den Handelsruten zu uns.

Der Tod - ewigeweisheit.de

XIII - Der Tod - aus dem Tarot-Unikat von Jacquemin Gringonneur.

Es gibt auch eine indische Legende über den Ursprung des Kartenspiels. Die Frau eines Maharadschas soll für ihren Mann das Kartenspiel erfunden haben. Damit wollte sie ihm helfen, sich von seinen schlechten Angewohnheiten abzulenken. Als Vorlage für die vier Kartenfarben verwendete sie die Symbole der vierarmigen Hindugottheit Ardhanari, einer androgynen Gestalt, zur einen Hälfte Shiva (männlich) und zur anderen Hälfte Devi (weiblich). In ihren Händen hält Ardhanarishvara einen Dreizack (Stäbe), eine Trommel (Kelche), ein Schwert (Schwerer) und einen Ring (Münzen; als Bhairava-Shiva hält der Gott statt eines Ringes eine Schädeldecke). Manchmal wird auch der indische Affengott Hanuman mit ähnlichen Symbolen abgebildet.

Kartenfarben und das indische Kastensystem

Dem Mythos nach flohen die Gypsies (Roma, Sinti) im ausgehenden 14. Jhd. aus ihrer kriegsgebeutelten, zentralindischen Heimat und begaben sich nach Europa. Da sie aber seitens der Inquisition durch den Ruf der Gottlosigkeit diskreditiert wurden, wanderten sie von Land zu Land, um ihren Verfolgern zu entrinnen. Durch sie verbreiteten sich möglicherweise alt-indische Weisheiten im damaligen Europa und sie sollen es auch gewesen sein, die das vierfarbige Kartenspiel mitbrachten.

Die auf den Karten abgebildeten Tarotsymbole sollen von einer geheimnisvollen, verborgenen Schrifttafel stammen, die bis heute streng gehütet wird. Mit ihrem Ursprung werden oft die Farben des Tarot assoziiert, da sie den vier Varnas entsprechen: den vier Kasten, von denen sich die Vorfahren der Gypsies möglicherweise einst trennten (als die Dalit, die »Unberührbaren«).

Wenn die vier Tarotfarben tatsächlich auf das indische Kastensystem verweisen, ließe sich vielleicht folgende Zuordnung machen:

  • Priesterklasse der Brahmanen - Kelche,
  • Kriegerkaste der Kshatriyas - Schwerter,
  • Kaufleute der Vaishyas - Münzen,
  • Handwerker der Shudras - Stäbe.
Siebenerreihen des Tarot - ewigeweisheit.de

Drei Siebener-Reihen des Tarot (zusammengestellt aus dem Tarot de Marseilles).
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Die Arkana des Tarot

Von den 22 großen Arkana sagt man sie kämen aus Ägypten. Diese Theorie stammt ursprünglich von dem Theologen und Freimaurer Antoine Court de Gébelin (1719-1784). Diese Vortstellung verbreitete sich seit etwa 1781 in Europa.

Für den französischen Okkultisten Éliphas Lévi (1810-1875) stammten die 22 Tarot-Trümpfe aus der Geheimlehre der Kabbala, gibt es doch ebenso viele hebräische Buchstaben, von denen jeder einzelne, magische Eigenschaften hat. Er sprach von einer umfassenden Wissenschaft der Hieroglypen, denen die 22 Buchstaben zu Grunde lagen. Hinter jedem dieser Buchstaben stand eine göttliche Vorstellung, denen als Grundlage wiederum die Zahlen als perfekte Symbole dienten.

Der okkultistische Autor Arthur Edward Waite (1857-1942) suchte den Ursprung der Bilder der 22 Großen Arkana bei den Albigensern (Katharer), den jener Überlebende vom Montségur, Ende des 13. Jhd. in seinem sagenhaften Schatz gerettet haben könnte.

Gemeinsam mit den vielleicht aus Asien stammenden 56 kleinen Arkana auf jeden Fall, wurden sie zu den uns heute bekannten 78 Tarotkarten. Es könnte gut sein, dass das Tarot also erst in Europa seine bis heute erhaltene Form angenommen hat. Ziemlich wahrscheinlich wurden die Karten schon bei ihrem ersten Auftreten im 14. Jhd. zum Wahrsagen und als Schlüssel zur Entwicklung eines magischen Weltbilds verwendet. 

Eine erste schriftliche Erwähnung des Kartenspiels gibt es aus dem Jahre 1377: ein Mönch eines schweizerischen Dominikanerklosters in Brefeld, beschrieb die Karten als »genaue Abbilder der Weltordnung«. 1378 tauchen die Karten dann auch in Regensburg auf, wurden aber bald verboten. In Belgien werden im Jahre 1379 die Karten von Johanna Herzogin von Brabant gekauft. 1380 werden die Karten in Nürnberg wieder erlaubt, während man sie im französischen Marseilles, ein Jahr später als Teufelswerk wieder verbietet. In Florenz erscheint 1393 eine Liste von Spielen, unter denen die Karten als erlaubt aufgeführt werden. Es ist kaum anzunehmen, dass die Parallelität der historischen Phänomene der Ankunft »indischer Fahrender« (Gypsies, Zigeuner) und die rasante Verbreitung des Tarot, sowie anderen okkulten Gedankengutes in Europa, reiner Zufall waren.

Die Liebenden - ewigeweisheit.de

VI - Die Liebenden - aus dem Visconti Sforza Tarot von Bonifacio Bembo (1420–1477).

Um 1423 werden die Karten von St. Bernadin von Siena verurteilt und erneut verboten.

Trotzdem setzte sich im Volk die Nachfrage nach Spielkarten gegen den religiösen Widerstand durch. Gegen Mitte des 15. Jhd. gediehen Kartenmanufakturen in Italien, Frankreich, Deutschland und Belgien. Im Hinblick auf die Vielfalt der neuen Spiele und Spielkarten, die seit dieser Zeit entwickelt wurden, ist es erstaunlich, wie sich durch die Jahrhunderte hindurch, die komplexen und rätselhaften Darstellungen der Tarotkartenbilder, bis in die heutige Zeit hinein erhalten haben.

Im Auftrag Karls VI. von Frankreich gestaltete der Maler Jacquemin Gringonneur im Jahre 1392 drei vergoldete Kartenspiele, zum Zeitvertreib des Fürsten. 1392 war auch das Jahr, als Karl VI. leider seinen Verstand verlor!
Über Gringonneur heißt es, er hätte in Paris mit dem berüchtigten Alchemisten und Goldmacher Nicolas Flamel in Verbindung gestanden. So Gestalten wie Flamel, verfügten natürlich über ein ganz tief reichendes, esoterisches Wissen. Wer sich mit so jemandem traf, der muss eine wohl ebenso geheimnisvolle Person gewesen sein.

Gringonneurs Tarotset könnte sehr gut die Vorlage für spätere Spiele gewesen sein - wie z. B. das Visconti-Sforza-Tarot von Bonifacio Bembo, einem der ältesten erhaltenen Tarotspiele Europas. Das Visconti-Tarot besteht allerdings nur aus den 22 Symbolen der großen Arkana. Die italienischen Tarotkünstler des 15. Jhd. nannten die 22 großen Arkana - trionfi -, Trümpfe. Später hießen die Karten einfach »Tarocchi«, was das Spiel mit den 78 Karten bezeichnet. Aus Tarocchi leitet sich wahrscheinlich das französische, englische und deutsche Lehnswort »Tarot« ab.

Sol - ewigeweisheit.de

Sol - die Sonne - aus dem Tarot de Mantegna von Andrea Mantegna (1431-1506).

Ebenfalls Vorläufercharakter hat das Tarocchi di Mategna (um 1470). Es enthält belehrenden und erbaulichen Inhalt und wurde wahrscheinlich vom italienischen Kupferstecher Andrea Mantegna (1431-1506) geschaffen. Auch wenn es kein eigentliches Tarotspiel ist, lassen sich seine Bilder mit den Darstellungen der großen Arkana vergleichen. Albrecht Dürer (1471-1528) nahm die Mantegna-Karten als Vorbild für seine 21 Federzeichnungen, die heute bekannt sind als das »Albrecht-Dürer-Tarot«.

Ende des 15. Jhd. entsteht das Tarot des Marseilles, dessen Bilder sich bis heute großer Beliebtheit erfreuen. Neben dem Rider-Waite-Tarot ist das Tarot de Marseilles zu einem Standard-Tarotset geworden, von dem es zahllose Varianten gibt.

Tarot und Freimaurerei

Immer wieder wurde die besondere Symbolik des Spiels Gegenstand intensiver Studien seitens spiritueller Logen. Man glaubte in den Karten Verbindungen zu den ältesten philosophischen Systemen der Menschheit zu finden. Da die Sichtweisen und Meinungen über den wahren Ursprung in den vergangenen 700 Jahren jedoch stark differierten, lieferten sich Esoteriker erbitterte Debatten über die wahre Bedeutungen der Tarot-Bilder. Eine Theorie besagt, dass das ursprüngliche Tarot, das kleine Arkanum bildet. Andere ließen nur die 22 großen Arkana als echtes Tarot gelten, während wieder andere behaupten, dass nur mit allen 78 Karten ein Tarotspiel »richtig« sei. Auch wenn sich letztere Variante durchgesetzt hat, unterscheidet man zwischen 22 großen und 56 kleinen Arkana (lat. arcanum: Geheimnis).

Der Magier - ewigeweisheit.de

I - Der Magier - aus einem Tarot-de-Marseilles-Deck des Künstlers Jean Dodal (Lyon).

Im 18. Jhd. interpretierte man das Tarot völlig neu. Mit der damals aufkommenden, jahrzehnte dauernden Okkultismuswelle, gab es eine regelrechte Flut an Neugründungen geheimwissenschaftlicher Bünde und Bruderschaften. Der Theologe und Alchemist Samuel Richter gründete 1710 den Orden des Gold- und Rosenkreuzes. 1767 organisierte sich um den Franzosen Martinès de Pasqually (1727–1774) der freimaurerische Martinistenorden. 1776 wurde in Ingolstadt der Illuminatenorden von Adam Weishaupt gegründet. Es war auch die Zeit der legendären Grafen Cagliostro (1743-1795) und Saint-Germain (1710-1784).

An anderer Stelle haben wir bereits über Antoine Court de Gébelin gesprochen. Er gilt als Vater des esoterischen Tarot. Für Gébelin waren die Tarot-Bilder Nachbildungen des geheimnisvollen Buches Thoth (Thoth, auch Toth oder Tehuti, war der alt-ägyptische Gott der Magie, der Schreiber und der Wissenschaften). Damit traf Gébelin den Nerv der Zeit, denn damals wurde dem Land der alten Ägypter eine wachsende Aufmerksamkeit entgegengebracht.
Jeder wollte die Bilder dieses außergewöhnlichen und kostbaren Buches kennenlernen. So wurde Gébelins Theorie populär und fand zahlreiche Unterstützer. Für Gébelin bewahrten die Tarotbilder die uralten Weisheiten der alt-ägyptischen Kultur. Sie warteten nur darauf, so Gébelin, eingeweihten Augen ihre Geheimnisse preiszugeben. In seinem 1781 erschienen Werk »Le Monde Primitif« schrieb er:

Das Tarot ist rein ägyptischen Ursprungs. Seine 22 großen Arkana aber können nur Eingeweihte deuten.

Etteilla - ewigeweisheit.de

Etteilla: Pseudonym des Franzosen Jean-François Alliette (1738-1791).

Das erste Tarot-Buch

Jean-François Alliette (1738-1791), ein Pariser Barbier und Perückenmacher, war der erste Autor, der 1783 zu den Bildern des Tarot ein Buch mit Erklärungen verfasste. Unter dem Pseudonym »Etteila« (der Name Aliette, rückwärts geschrieben) veröffentlichte er bis 1787 verschiedene Bücher und Tarotspiele oder versah sie mit einigen Neuerungen. In einem seiner Bücher behauptet er, dass er angeblich die genauen Entstehungsjahre des Buches Thoth kenne: 1828 Jahre nach der Erschaffung der Welt und 171 Jahre nach der Sintflut. Diese und andere seiner Geheimlehren waren über Jahre in der französischen Okkultszene sehr populär. Alliette war außerdem der erste professionelle Kartenleger Frankreichs.

Das Tarot im 19. und 20. Jahrhundert

Alphonse Louis Constant (1810-1875), besser bekannt unter dem Namen Eliphas Levi, war ein französischer Diakon, Schriftsteller und Zeremonialmagier. Er gilt als Wegbereiter des modernen Okkultismus. In seinem 1854 erschienen Buch »Dogme et Rituel de la Haute Magie« (Dogma und Ritual der Hohen Magie) bezeichnet er das Tarot als wichtigste Informationsquelle zur Erklärung esoterischer Geheimnisse. Laut Levi sollte ein Gefangener der nichts als ein Tarot besäße, mit dem er sich ausgiebig beschäftigt, die Möglichkeit haben ein Kenner seiner selbst, der Welt und der Götter zu werden. Er fand zudem, dass die Tarotkarten sehr eng mit dem System der Kabbala zusammenhängen. Die 22 großen Arkana waren mit den 22 hebräischen Buchstaben, die vier Farben der kleinen Arkana mit den vier alchemistischen Elementen und den vier Buchstaben des göttlichen Namens JHVH verknüpft. Mit seinem Wissen über das Tarot, die Kabbala und die Magie, beeinflusste Levi ganz maßgeblich die Entwicklung der New Thought Bewegung im 19. und 20. Jhd. Seine Einflüsse finden sich in den Schriften Helena Blavatskys, seine Lehren durchdringen die Schulen des französischen Okkultismus (Papus) und durch die Übersetzung seiner Schriften ins Englische, gelangte er auch in die Kreise des Golden Dawn.

Rider-Waite-Smith-Tarot - ewigeweisheit.de

Das Ass der Kelche im Rider-Waite-Smith-Tarot.

Levis Schriften beeinflussten die Arbeiten des schottischen Freimaurers Samuel Liddell Mathers und Dr. Wynn Wescott. Auch der amerikanische Freimaurer Albert Pike zitiert in seinem Buch »Morals and Dogma« passagenweise aus dem »Dogme et Rituel de la Haute Magie« von Eliphas Levi. Das Golden-Dawn-Tarot Mathers' unterschied sich allerdings von dem Levis', schon alleine deshalb, weil er die Karte »Der Narr« nicht als 22. Karte nummerierte. Stattdessen setzte er sie an den Anfang der Folge mit der Ziffer 0, was später von Edward Arthur Waite und Aleister Crowley übernommen werden sollte.

Im Jahre 1910 veröffentlichte Waite, einstiges Mitglied des Golden Dawn, sein berühmtes Rider-Waite-Tarot. Die Illustrationen der 78 Karten malte die englisch-jamaikanische Künstlerin Pamela Colman Smith. Dieses Set bildet heute das weltweit gängigste Tarotspiel. Es ist das erste Tarot, das die bildliche Darstellung kunstvoll ausgearbeiteter Szenen, auch auf die kleinen Arkana ausdehnte. Damit erweitereten Waite und Coleman Smith die ursprünglich einfache, formale Anordnung der Farbenzeichen, wie sie etwa im Tarot de Marseilles dargestellt wurden.

Zu den originellsten und ungewöhnlichsten Tarotspielen gehört das von Aleister Crowley und Lady Frida Harris entworfene »Book of Thoth«. Crowley trat 1898 dem Golden Dawn bei, geriet später jedoch mit Mathers aneinander und gründete daraufhin im Jahre 1905 den Orden des Silbernen Sterns. Sein Tarotspiel wurde 1944 in London gedruckt. Zwar basiert es auf den Zuordnungen des Golden Dawn, die Abbildungen und Namen modifizierte Crowley aber nach seinem eigenen System. Das die Kartendecks des Rider-Waite-Tarot oder des Tarot de Marseilles, heute populärer sind als Thoth-Tarot, mag möglicherweise daran liegen, dass Crowleys teils extreme Ideen von anderen Okkultisten abgelehnt wurden.

Pamela Colman Smith - ewigeweisheit.de

Pamela Colman Smith (1878-1951): Die Illustratorin des Rider-Waite-Tarot.

Crowley führte in seinem Tarot-System eine Neuerung ein: Da jede der 22 großen Arkana jeweils einem hebräischen Buchstaben entspricht, können die einzelnen Karten in die 22 Pfade des kabbalistischen Lebensbaumes integriert werden. Damit ist Crowleys Kartenspiel nicht nur ein divinatorisches Werkzeug, sondern bildet ein Einweihungssystem und eine Methode zur Selbsterkenntnis.

Die Smaragdene Tafel von Thoth dem Atlanter

Zusammenfassend ließe sich sagen, dass wahrscheinlich indische, ägyptische und jüdische Geheimlehren zur Entwicklung der Tarotkarten beitrugen. Trotzdem lässt sich die tatsächliche Herkunft des Tarot nicht eindeutig einem Ort auf der Erde zuordnen. Vielleicht existiert der Ort seines Entstehens heute nicht mehr auf der Erde. Laut mancher Legenden soll das Land wo einst die Bilder des Tarot entstanden, mit der Sintflut verschwunden sein. Der geheimnisvollen Akasha-Chronik können manche Medien entnehmen, dass die Priester von Atlantis kurz vor dem Untergang des Kontinents, all ihr Wissen in Form von Bildern festhielten. Wollten sie diese Bilder vor dem Vergessen bewahren?

In grauer Vorzeit, so heißt es, erfand der ibisköpfige Gott Thoth die Schrift und gravierte sie in die Smaragdene Tafel (Tabula Smaragdina). Damit gab Thoth den Menschen alles Wissen , dieser Welt. Die Eingeweihten sollten dieses Wissen bewahren und bewachen. Die auf Papyri gemalten Symbole und Zeichen bilden das »Buch des Thoth«. Schon Apollonius von Tyana, wie später auch Raymondus Lullus, nahmen in ihren Schriften Bezug auf dieses uralte Buch.

Aleister Crowley - ewigeweisheit.de

Aleister Crowley (1875-1947): Erschaffer des Thoth-Tarot (1935).

Jenes sagenhafte Werk des altägyptischen Schreibergottes Thoth bezeichnete Antoine de Gébelin als esoterisches Unterweltsbuch. Darin sei eine Landkarte der Unterwelt wiedergegeben, auf der sich sieben Tore befinden, die von sieben Torhütern bewacht werden, die der Jenseitsreisende (verkörpert in der Karte »Der Narr«) durch sieben Losungsworte passieren darf. So kann er das sagenhafte Totenreich der Göttin Amentet betreten und daraus auch wieder ins Diesseits zurückkehren. Im Totenreich kostet er von der Milch sieben heiliger Kühe, überwindet zweimal sieben Hügel und durchschreitet dreimal sieben Pforten, um in der Unterwelt, zur strahlenden Sonne des Osiris zu kommen.

Diese Siebener-Reihen (7, 14, 21) waren für Gébelin ganz eindeutig dreimal sieben Einweihungsstufen, die der Neophyt auf dem Weg zur Meisterschaft durchschreiten muss. Jede dieser Stufen repräsentiert eine der Karten des Großen Arkanums.
Auf der 21. Stufe (im Tarot die Karte »Die Welt«) erhielt er schließlich ein allumfassendes Bewusstsein, mit dem er als Erleuchteter in die diesseitige Welt zurückkehrte.

Tabula Smaragdina (Interpretation)

Tabula Smaragdina (Interpretation)

Die Verfassung der geheimen Künste des Hermes Trismegistos

I. Wahr ist, zweifellos, gewiss wahrhaftig und ohne jede Lüge.

Mit dem ersten Absatz wird bereits die Unwahrheit ausgeschlossen. Jeder Irrtum oder ein Versprechen das eine Lüge sein könnte, wird von vornherein unterbunden. Die Sätze der Smaragdtafel haben den selben Anspruch wie Bibel, Koran, Bhagavad Gita und andere heilige Schriften.

II. Das was oben ist, entspricht dem was unten ist. Und das was unten ist, gesellt sich wiederum zum Oberen, mit dem Vermögen die Wunderwerke eines einigen Dinges zu vollbringen.

Mit Sicherheit der bekannteste Teil der Tabula Smaragdina - häufig verkürzt als »Wie unten, so oben«. In der Astrologie zum Beispiel, erkennt man die Schicksalsereignisse im menschlichen Leben in den Bewegungen und Konstellationen der Gestirne am Himmel.

Die verschiedenen Welten des Göttlichen enthalten sich gegenseitig. Die höheren Welten wirken auf die niederen , die niederen Welten auf die höheren. So kann man vom einen auf das andere schließen. Alle natürlichen Vorgänge wiederholen sich auf verschiedenen Ebenen. Formationen fliegender Vögel ähneln z. B. denen der Fischschwärme im Meer.

Das »Wunder des einigen Dinges« ist die praktizierte Analogie, mit der man das Göttliche erkennt und so an seiner Ausbreitung mitwirkt. Es ist das eigentliche Thema, die Sache, welche auf allen Ebenen gleichermaßen stattfindet und als solche, für sich ein »kleines« Wunder darstellt.

III. Und so wie das ganze Universum aus dem reinen Geist Gottes durch sein Wort entspringt, so wird durch die Nachahmung der Natur alles aus diesem einigen Ding geboren.

In der jüdisch-christlichen Kabbala, wie auch in den vedischen Upanischaden, ist die Rede von Urformen, die sich einem empfangenden Prinzip aufwirken. So werden aus Ideen und Urbildern der geistigen Welt Abbilder - erfahrbare Dinge, die sich in der materiellen Welt bilden.
Ein Architekt entwirft einen Bauplan, den er dem Bauherrn vorlegt. Maurer und Zimmerleute beginnen damit den Hausbau. So wird aus dem Plan eine reale Form.
Da sich Formen aber beständig ändern, ist eine Anpassung erforderlich.

Im Johannes Evangelium lesen wir: »Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott. Und Gott war das Wort«. Die anfängliche Ursache des Wortes, die Sprache der ersten Äußerung Gottes, so wie es auch in Genesis 1:3 zu lesen ist: »Und Gott sprach es werde Licht« - ist eine Sammlung und Meditation auf den hellsten Punkt im göttlichen Selbst. Durch Anpassung an die Evolutionsgesetze sind Formen entstanden, aus denen dieses Licht in einen anfänglichen Urraum hinabstieg. Durch Angleichung manifestierten sich daraus alle Formen des Seins.

IV. Sein Vater ist die Sonne, seine Mutter ist der Mond.

V. Der Wind trägt es in seinem Bauch. Die Erde ist seine Ernährerin.

Das väterliche Prinzip im Kosmos wird durch die Sonne als Quelle von Licht und Wahrheit verkörpert. Urmutter des Kosmos ist der Mond. Das männliche Prinzip vereinigt sich mit dem Weiblichen und in dieser Verbindung wird ein neues Wesen gezeugt, welches in der Geistwelt (Luft) seine Form bildet und dann durch die Nährung aus der Erde eine physische Form erhält.
In diesem Satz werden drei kosmische Ebenen symbolisiert: Sonne, Mond und Erde - äquivalent zu Geist, Seele und Körper im Menschen.
Materielle Schöpfungen entstehen aus der geistigen Welt, aus einem heiligen Geist, durch den auch das Jesuskind in der Maria gezeugt wurde. Der Geist wird durch das Luftelement verkörpert und daraus wird mit dem Sonnenfeuer ein Wind entfacht, der die geistige Formung bewirkt. Wind ist ein Medium des Lebens. Erst durch die Luft die Gott dem Adam einhauchte begann er zu Leben.

Tabula Smaragdina Kunrath - ewigeweisheit.de

Die Tabula Smaragdina in einem Stich des deutschen Alchemisten Heinrich Kunrath (1560-1605).
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VI. Dieses Ding ist der Vater aller Vollendungen der ganzen Welt.

Das ist ein Hinweis auf den Stein der Weisen. Ihn gilt es zu finden. Aus ihm wurde alles Erdenkliche in absoluter Vollkommenheit erschaffen. Des Vaters zeugende Kraft, entspricht dieser Vollendung.

VII. Seine Kraft ist am vollkommensten, wenn es sich in die Erde ergießt und sich mit ihr vereint.

Mit der Kraft, ist das Wirken des göttlichen Prinzips im Menschen gemeint. Das deutet auf die Verkörperlichung des Göttlichen hin, welche erst mit der Umwandlung in Erde vollkommen ist. Materielles wird durch Realisierung einer Uridee verdichtet und geformt.

VIII. Darum löse das Feuer aus der Erde, und scheide das Feine vom Groben, mit Verstand und liebevollem Feingefühl. So steigt es von der Erde empor zum Himmel und wiederum zur Erde hinab um sich mit ihr zu vereinigen. Dabei wird es veredelt, und nimmt die Kräfte der oberen und unteren Welt in sich auf.

Beim Umgang mit der Materie und den Stoffen der subtiler Dimensionen ist Vorsicht geboten. Grobes und Feines müssen geschickt voneinander getrennt werden. "Grob" bezeichnet das korporale Prinzip der Erde, "fein" das energetische, ätherische Prinzip des Feuers. Diese beiden Aggregatzustände liegen sich in der Hierarchie der vier Elemente gegenüber, so wie Materialismus und Spiritualismus. Der Mensch muss diesen Unterschied in seinem Innersten begreifen und sich damit befähigen, diese beiden Ebenen letztendlich wieder zusammenführen. So können sie sich auf einer höheren Form der Existenz manifestieren. "Löse und binde" - "Solve et Coagula" - das ist die alchemistische Grundregel zur Veredelung des Seins.

Wenn das Wasser aus der Erde verdunstet, steigt es zum Himmel, kondensiert dort zu Wolken und fällt wieder als Regen auf die Erde hinab. So wird aus der Erde furchtbarer Boden. Das Gleiche gilt für den Menschen und seine Seele. Sie stammt aus der göttlichen Einheit, Monade genannt (das ist der göttliche Funke) und kreist in ihren Inkarnationen über den verschiedenen Ebenen des korporalen Seins. Sie steigt allmählich immer höher, bis zum höchsten, göttlichen Geist empor und wird mit ihm Eins. Sie löst sich von ihm schließlich wieder ab, wandert wieder nach unten, um in der physischen Welt Erfahrungen zu sammeln. Dann steigt die Seele wieder empor, um einen neuen Kreislauf zu beginnen. Ihr Wunsch ist Erfahrungen zu sammeln, damit sie immer stärker wird und sie mit der hierbei gewonnenen Kraft, die geistige und materielle Welt immer weiter durchdringt, ihr innerstes Wesen begreift und beherrscht. Es geht um die Erkenntnis der Naturgesetze und des eigenen Wesens. Es geht darum sich seines wahren Selbst bewusst zu werden.

Die Verwirklichung des göttlichen Selbst auf Erden, ist der Dienst am Nächsten. Der Sinn des himmlischen Daseins auf Erden besteht darin, dass der Mensch in seinem Inneren eine reale Kraft vermittelt und damit quasi Gottes Weg zur Menschwerdung selbst beschreitet.

IX. Mit ihm wirst Du das Licht und die Herrlichkeit der ganzen Welt erlangen und alle Finsternis wird von dir weichen.

X. Dieses einige Ding ist von allen Kräften die stärkste Kraft, denn es überwindet alles Feine und durchdringt alles Feste.

Durch die gewonnene Kraft werden alle flüchtigen oder feinen Dinge des Oben gebändigt bzw. ihre Subtilität überwunden. Ebenso kann die hier beschriebene Kraft alles Feste durchdringen, so wie es in den gröberen, unteren Schichten des manifestierten Welt vorkommt. Durch das Entdecken der Vollkommenheit der Natur und das Anerkennen der Naturgesetze, entwickelt der Mensch eine Demut gegenüber der Schöpfung. Durch die geistigen Dimensionen inspiriert, hat sich an dieser Stelle sein Wertesystem bereits verändert, sein energetisches Potenzial erhöht und sich auf der physischen Ebene als wirksame Kraft entfaltet.

XI. So wurde im Ebenbild des Einigen die ganze Welt erschaffen.

XII. Und wenn Du auf die mitgeteilte Weise verfährst, so kannst auch Du solch wundersame Nachahmungen bewirken.

Die Smaragdtafel beschreibt ein Ursachenprinzip, einen Grund der sich in der Schöpfung abspielt - etwas das sich in der Schöpfung in immer wieder neuen Nachahmungen wiederholt. Sie kann dem Menschen als Leitfaden dienen, sein Leben in der gegenwärtigen Inkarnation zu veredeln.

XIII. Man nennt mich darum Hermes Trismegistos (dreimalgrößter Hermes), der ich die dreifältige Weisheit der ganzen Welt besitze.

XIV. Hiermit sei vollendet, was vom Meisterwerk der Sonne verkündet werden sollte.

Der Einfluss der Hermetik auf die moderne Wissenschaft

von S. Levent Oezkan

Camille Flammarion's L'atmosphère: météorologie populaire (Paris, 1888) - ewigeweisheit.de

Pythagoras war einer der wichtigsten Vertreter der hermetischen Philosophie in Europa. Auf seinen vielen Reisen sah er was andere nie zu Gesicht bekamen. Während eines langen Aufenthalts in Ägypten soll er von Priestern des Thoth in die hermetische Wissenschaft eingeweiht worden sein. Andere Überlieferungen behaupten, sein Initiator war Hermes Trismegistos selbst.

Die Überlieferungen der Pythagoreer wurden zu einer wichtigen Grundlage für Platons Philosophie. Vielleicht hatte aber auch er zu Füßen ägyptischer Meister gesessen und die Weisheiten der "Hohen Kunst" vernommen.
Die Philosophie seines Schülers Aristoteles sollte bis in die Neuzeit hinein das wissenschaftliche Denken im Westen prägen.
Aristoteles war auch Erzieher Alexanders des Großen - dem Gründer Alexandrias. 700 Jahre lang war diese Stadt das Zentrum der Gelehrsamkeit und weit über die Grenzen Ägyptens hinaus berühmt. Alexandria war ein Schmelztiegel der Weisheiten Griechenlands, Ägyptens, Palästinas, Babylons, Persiens und Indiens.

Alexandrias legendäre Bibliothek machte die Stadt im ganzen Mittelmeerraum bekannt und wurde zu einem Statussymbol der ptolemäischen Herrscher Ägyptens. Doch bereits vor Beginn der christlichen Zeitrechnung gab es in dieser Gegend Privatbibliotheken vieler esoterischer Schulen, die sich mit der Heiligen Wissenschaft der Hermetik befassten. Darunter waren auch Geheimbibliotheken der Therapeuten - einer ägyptischen Sekte der Essener.
Der alexandrinische Geist dieser alten Zeit beförderte hermetisches, neupythagoreisches und neuplatonisches Gedankengut, wie man es auch in den 42 Büchern des Hermes findet.

Im 7. Jhd. entstand eine neue Religion in Arabien: der Islam. Mit seiner schnelle Ausdehnung, verbreitete sich auch viel esoterisches Wissen aus dem Orient, zunächst in Westasien und Afrika, drang später über Marokko ins spanische Europa vor (Andalusien, Cordoba, Granada). Die islamische Wissenschaft erreichte ihren Höhepunkt mit der Gründung des "Hauses der Weisheit" - einer Akademie, die durch den Kalifen Al-Mamun von Bagdad im 9. Jhd. ins Leben gerufen wurde.
Im 11. Jhd. machten sich die Templer mit den islamischen Wissenschaften vertraut. Wegen ihres großen Einflusses (Einführung des europäischen Bankwesens) verbreitete sich islamisches Wissensgut schließlich in ganz Europa. Diese besondere Stellung der islamischen Wissenschaften im Mittelalter, ist noch heute zu erkennen. Namen von Sternen wie Vega, Formalhaut, Algol oder Ras Algethi, als auch Bezeichnungen wie Alchemie, Algebra, Alkohol und Alkali, sind arabischen Ursprungs.

Diese Einflüsse inspirierten im Mittelalter viele Denker, woraus schließlich der Wunsch aufkam, die Grenzen alter, kirchlicher Dogmen und Glaubenszwänge, mit Vernunft, Forscherdrang und Empirie zu überwinden. Dieser Forschergeist sollte in Europa bis in die Renaissance lebendig bleiben. Man gewann neue Inspirationen aus den alten Mythenschätzen der Magie, des Okkultismus und Hermetizismus. Dogmen die die Kirche untermauerten, gerieten immer mehr ins Wanken.
Das bedeutet aber nicht, dass christliche Glaubensvorstellungen von Hermetikern abgelehnt wurden. Vielmehr verschmolzen diese mit älterem, teils paganem Wissensgut, in einer spirituell-wissenschaftlichen Strömung.

Islamische Hermetik in Ägypten und Persien

Für den ägyptische Naturmystiker und Sufi-Heiligen Dhul-Nun Al-Misri (796-859) war die hermetische Tradition der Alchemisten, eine kosmologische Tradition göttlicher Offenbarung. Sein wissenschaftliches Streben stand im Einklang mit der Natur. Er gewann seine Erkenntnisse aus Gleichnissen, die er in seiner Umwelt wahrnahm, während andere versuchten so etwas in den heiligen Schriften zu finden.
Dhul-Nuns poetische Gebete, die dem koranischen Wort treu blieben, beeinflussten auch die Naturschilderungen der Sufi-Mystiker Persiens. Unter diesen mag sich auch Abdullah ibn Sina (980-1037) befunden haben: Arzt, Alchemist, Philosoph und Dichter - in der europäischen Gelehrtenwelt bekannt unter dem Namen "Avicenna". Er entwickelte u. a. verschiedene alchemistische Verfahren, wie etwa die Herstellung ätherischer Öle und Pflanzenauszüge für medizinische Zwecke.
Durch seine große Kenntnis westlicher und östlicher Geisteshaltungen in Naturwissenschaft und Philosophie, galt Avicenna als Brückenbauer zwischen Orient und Okzident. Seine hermetische Philosophie hatte viele Gemeinsamkeiten mit aristotelischen Weltanschauungen. Darum wurden in Europa die Werke Aristoteles' häufig gemeinsam mit den Schriften Avicennas herausgegeben.

Avicenna (Ibn Sina) - ewigeweisheit.de

Der persische Alchemist Abdullah ibn Sina (Avicenna)

Einer der in der Tradition Avicennas stand, war der persische Philosoph und Mystiker Schihab Al-Din Al-Suhrawardi (1154–1191), den man später den "Meister der Erleuchtung" nannte. Trotz das Suhrawardi in seinem Studium die Lehren Avicennas vollständig verinnerlicht hatte, kritisierte er an dessen Lehrgebäude, die gesamte Welt allein durch logische Schlussfolgerungen begreifen zu wollen. Doch da zu damaliger Zeit die aristotelisch geprägte Weltanschauung Avicennas, in der islamischen Gelehrtenwelt allgegenwärtig war, gelang ihm zunächst nicht, seinen Zeitgenossen den hohen Wert seiner hermetischen Philosophie zu vermitteln.

Suhrawardi beschreibt ein immaterielles Licht (vergl. Genesis 1:3) in dem nichts manifest ist. Dieses Licht entfaltet sich über mehrere Stufen hinab, bis es sich in den dichtesten und dunkelsten Formen der Materie erhärtet. Mit anderen Worten: in Suhrawardis Philosophie besteht das Universum mit all seinen Ebenen der Existenz, aus graduellen Schattierungen von Licht und Finsternis.
Außerdem unterteilte er die körperlichen Formen der irdischen und kosmischen Natur, gemäß ihres Vermögens und Unvermögens, göttliches Licht aufzunehmen. Für diejenigen Menschen die d
ieses Licht aufzunehmen vermochten, war es eine Inspirationsquelle der Erkenntnis.

Diese neue Art Einsichten zu gewinnen, ließen sich nur schwer mit den Lehren Avicennas vereinbaren. Suhrawardi war auf der Suche nach Antworten, die ihm aber niemand geben konnte! Doch eines Nachts erschien ihm im Traum Aristoteles, von dem er seine lang gesuchte Antwort bekam. Mit Hilfe dieser Traumvision schuf er die Grundlagen für seine Erkenntnistheorie der Erleuchtung. Er erkannte: nur durch die Zusammenführung von göttlich inspirierter Intuition und wissenschaftlich-philosophischer Werkzeuge der Vernunft (Aristoteles), kann spirituelles Wissen für jeden verständlich gemacht werden.

Hermetik als Inspirationsquelle der Wissenschaften

Der durch islamische Mystiker (Sufis) überlieferte Wissensschatz der Hermetik, übte großen Einfluss auf das im 17. Jhd. entstehende Rosenkreuzertum aus und bildete eine wichtige Inspirationsquelle für europäische Gelehrte. Unter ihnen befanden sich Persönlichkeiten wie Nikolaus Kopernikus, Johannes Kepler, Francis Bacon und Isaac Newton. Isaac Newton übersetzte einen der wohl bedeutendsten Texte der Hermetik ins Englische: die Tabula Smaragdina (Smaragdtafel).
Viele zeitgenössische Wissenschaftler verschließen gerne die Augen, wenn es um die okkultistisch-religiös geprägte Geschichte Isaac Newtons geht. Newton war nämlich ein streng gläubiger Mensch und außerdem jemand, der so "ketzerische Wissenschaften" wie Hermetik und Alchemie betrieb. Insbesondere im hermetischen Gedankengut fand er Wissen, das seinen Zeitgenossen unzugänglich blieb. Ohne die Erkenntnisse die er aus dem Hermetismus gewann, hätte er höhere Bereiche der Wissenschaften, wie z. B. die Gravitationsgesetze oder die Gesetze der Optik, niemals erklommen.

Hermetisches Denken war im Zeitalter der Aufklärung für viele Naturwissenschaftler als Werkzeug unablässig. Die Beschreibungen der Natur hatte darum einen entsprechend hermetischen Sinngehalt.
Auch Nikolaus Kopernikus bediente sich hermetischen Vokabulars, um etwa sein heliozentrisches Weltsystem zu beschreiben:

Inmitten des Alls thront die Sonne. Wo sonst im Himmelstempel sollten wir das schöne Gestirn platzieren, damit es alles erleuchte auf seine Weise? Nicht ohne Grund wird sie die Leuchte, die Regentin, der Geist des Universums genannt. Hermes Trismegistos nannte sie den sichtbaren Gott - Elektra (in der Tragödie des Dichters Sophokles) die 'Allsehende'. Auf königlichen Thron sitzend, regiert sie Planeten die um sie kreisen.

Isaac Newton - ewigeweisheit.de

Isaac Newton - Übersetzer der Tabula Smaragdina

Der Stein der Weisen und das Elixier des Lebens

In der Hermetik werden die unsichtbaren Verbindungen der himmlischen Ebenen mit den irdischen Ebenen des Seins untersucht. Aus den daraus gewonnenen Erkenntnissen entwickeln Hermetiker Verfahren, um ihrerseits die verborgenen Verbindungen zwischen den Dingen, den Lebewesen oder den Seelen zu erkennen. So können Naturphänomene und die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Ebenen des Seins erkannt werden. Dies verstehend erzielt der Hermetiker seinen Einfluss auf die Natur. Hermetiker waren daher immer auch Alchemisten. Sie waren auf der Suche nach dem Stein der Weisen, dem "lapis philosophorum" oder "lapis exillis" (Gral) - einem magischen "Elixier des Lebens". Die Bereitung dieses Wundersteins ist aber nicht primär auf die Handhabung mit Substanzen im Außen ausgerichtet. Eher geht es um die allmähliche Vergeistigung eines physischen Körpers, was in drei Phasen erfolgt:

  1. Nigredo, die "Schwärzung" wird durch den Raben symbolisiert. Auf Seelenebene geht es um die Konfrontation mit dem Schattenselbst. Hinsichtlich der alchemistisch zu veredelnden Ausgangssubstanz, werden durch "Verwesung" (lat. putrefactio) verunreinigender Aspekte ausgeschieden.
  2. Albedo, die "Weißung" wo sich der symbolische Rabe in eine weiße Taube verwandelt. Hiermit beginnt die "Vergeistigung" der Ausgangssubstanz, die Reinigung von den Abfällen aus dem Nigredo-Prozess. Auf seelischer Ebene wird sich der Hermetiker jetzt seines gegengeschlechtlichen Anteils bewusst - das was C. G. Jung bei der Frau als Animus, beim Mann als Anima bezeichnet. Alte psychische Konzepte werden in der Albedo verworfen.
  3. Rubedo, die "Rötung" als Symbol für die Rose und das Blut, sowie die Farbe der Weisheit, signalisiert das Ende des Großen Werks (Opus Magnum). In C. G. Jungs Archetypenlehre entspricht die Rubedo dem Selbst in seiner Verschmelzung mit dem Ich (Ego): die "Rote Morgendämmerung des Erwachens". Der Stein der Weisen wurde gefunden.

Dieser Stein, auch "Roter Löwe" genannt, soll rubinfarbig leuchtend, durchsichtig und sehr schwer sein. Wer ihn gefunden hat, soll minderwertige Metalle in Gold transmutieren, Kranke gesund machen und ewige leben können!

Nikolas Flamel - ewigeweisheit.de

Der "Goldmacher" Nikolas Flamel

Quacksalber oder Goldmacher

Avicenna verwies in seinen Schriften auf die zentrale Bedeutung des Merkur (→ Planet Merkur, griech. Hermes), der ja mikrokosmisch dem Metall Quecksilber entspricht (→ Mercurius). Mercurius ist der Mittler zwischen Gott und der Welt, zwischen Himmlischem und Irdischem, zwischen Anfang und Ende.
Nicht zufällig ist dem Wochentag Mittwoch (zwischen Montag und Sonntag) der Planeten Merkur (zwischen Mond und Sonne, laut ptolemäischem Weltbild) zugeordnet!
Mit Hilfe der merkurialen Kräfte des Quecksilbers, soll laut Avicenna die Bereitung des sagenhaften Steins gelingen:

Quecksilber ist kalt und feucht. Mit ihm hat Gott alle Metalle geschaffen. Es ist luftig und wird flüchtig durchs Feuer. Und wenn es dieses Feuer einige Zeit ausgestanden hat, erreicht man mit ihm Wunderwerke.
Der lebendige Geist des Quecksilbers ist von beispielloser Kraft. Man nennt es auch das Weiße oder Rote Elixier - "Ewiges Wasser", das "Wasser des Lebens" oder die "Milch der Jungfrau". Wer immer es zu sich nimmt wird den Tod nicht schmecken (Hinweis: Quecksilber ist ein starkes Nervengift! Ein Widerspruch also? Oder ist hier von einem anderen Quecksilber die Rede?).
Um das weiße und das rote Elixier zu gewinnen, müssen zwei Körper vereinigt werden. Selbst wenn Gold das perfekteste und edelste aller Metalle ist, wird es aufgelöst und durch seine verborgene Hitze geistig und flüchtig wie das Quecksilber. Es ist die sagenhafte Tinktur, das rote Elixier, das auch der "heiße männliche Same" genannt wird. Hingegen hat das weiße Elixier einen kalten und trockenen Charakter. Es gleicht dem aufgelösten Silber und wird darum der "kalte weibliche Same" genannt. Im Stein (der Weisen) sind beide Elixiere vereinigt. Dieser Stein ist eine flüssige Wundermedizin.

Unsterbliche Alchemisten

Es bleibt letztendlich ungeklärt, welchen Personen es gelang den sagenhaften "Roten Löwen" zu finden. Die wohl bekannteste Legende rankt sich um den französischen Alchemisten Nikolas Flamel (1330-1418, offiziell). In einem Traum erschien ihm ein Engel der ihm Hinweise auf ein besonderes Buch gab, das er sich darauf hin für wenig Geld beschaffte. Er fand darin sieben allegorische Bilder, welche die Arbeitsschritte bei der Bereitung des Steins der Weisen enthüllten. Nach langen Nachforschungen traf er auf einer Rückreise von Santiago de Compostela (Spanien) einem Gelehrten namens Maître Canches. Dieser erkannte den jüdischen Ursprung der darin gezeigten Bilder. Er identifizierte sie als Bilder aus dem "Buch Abrahams des Juden". Mit Canches' Hilfe konnte Flamel diese magischen Bilder entschlüsseln:

  1. Calcinatio - die Operation des Feuers.
  2. Solutio - die Operation des Wassers.
  3. Coagulatio - die Operation der Erde.
  4. Sublimatio / Destillatio - die Operation der Luft.
  5. Putrefactio / Fermentatio - der Fäulungsvorgang durch Verwesung.
  6. Separatio - die Destillation, Sublimation und Verdunstung.
  7. Conjunctio - der Höhepunkt des Großen Werks (Opus Magnum).

Am 17. Januar 1382 soll Flamel gemeinsam mit seiner Frau erstmals die Herstellung von Silber aus Quecksilber gelungen sein. Am 25. April desselben Jahres, gelang ihnen dann die Transmutation auf Gold!
Mit Hilfe des sagenhaften Buches, fanden Nikolas Flamel und seine Frau schließlich das "Elixier des ewigen Lebens". Einer Legende zu Folge begegneten die Flamels noch im 18. Jhd. (mehr als 400 Jahre alt!) Leuten in der Türkei. Manche Legenden behaupten sogar, Nikolas Flamel sei einstiger Großmeister der Prieuré de Sion gewesen. In diesem Zuge versuchen ihn Verschwörungstheoretiker auch mit dem Geheimnis von Rennes-le-Chateau und dem verborgenen Schatz der Katharer in Verbindung zu bringen.

Ebenso kursieren Gerüchte über den mysteriösen Graf von Saint-Germain (1710-1784, offiziell) der ebenfalls Unsterblichkeit erlangt haben soll. Der Legende nach soll er als unbekannter, "Ewiger Wanderer" noch weit bis ins 19. Jhd. in Europa gesehen worden sein.
Saint-Germain verzauberte mit seinem magischen Violinspiel seine Zuhörer auf Bühnen in England. In Italien kannte man ihn als fabelhaften Bildhauer, in Deutschland wiederum bewunderte man ihn als genialen Chemiker. Besonders aber in Frankreich kursierten verschiedene Gerüchte über Saint-Germain. Es heißt, er pflegte innige Verbindungen zum französischen Königshaus. König Ludwig XV. und seine Mätresse Madame de Pompadour, behandelten ihn als äußerst respektablen Zeitgenossen. Ludwig hielt ihn für eine Person edelster Abstammung. Er glaubte Saint-Germain kenne das Geheimnis der Transmutation von Metallen in Gold. Doch viele hielten ihn für einen Betrüger und Hochstapler. Die pariser Polizei suchte nach Beweisen, die zeigen sollten, dass Saint-Germain auf ungesetzliche Weise zu seinem Reichtum kam. Doch leider versagte der Versuch irgendeine normale Quelle für seinen Wohlstand ermitteln zu können. Eine andere Legende erzählt, dass eine 45-jährigen Edeldame ein Fläschchen von Saint-Germain bekam. Diese enthielt ein Wunderelixier das die Frau auf einen Zug austrank. Niemand erkannte sie danach, denn sie verjüngte sich, ohne es selbst zu merken, in eine sechzehn jähriges Mädchen!

Graf von St. Germain - ewigeweisheit.de

Der unsterbliche Graf von Saint-Germain

Hermetik, Naturwissenschaft und die Industrielle Revolution

Durch die Erkenntnisse aus der Hermetik gelang die Herauslösung wissenschaftlicher Bestrebungen aus den Zwängen kirchlicher Dogmatik und Glaubensnormen. Damit sich aber die Formen der Wissenschaften weiter kristallisieren konnten, mussten bestimmte hermetische Gesetze erneut verworfen werden. Nur so konnte eine letztendliche Trennung vom Kirchenglauben erfolgen. Der alte Wunsch nach Erleuchtung musste wissenschaftlichem Forschen weichen.
Als Offenbarungslehre diente die Hermetik also der Trennung von Wissen und Glauben - blieb aber gleichzeitig als Bindeglied zwischen diesen beiden Haltungen menschlichen Intellekts erhalten.

Mit der Wissenschaftlichen Revolution gegen Ende des 18. Jhd., kam es zur eigentlichen Trennung von Astrologie und Astronomie, von Alchemie und Chemie, von Hermetik und Naturwissenschaft. Ansichten über die Natur wurden immer mehr in einem mechanistischen Weltbild untergebracht.
1776 wurde die erste einsatzfähige Dampfmaschine nach dem Prinzip von James Watt in England installiert; das war die Geburt des industriellen Zeitalters. Durch die Einführung quantitativer Messmethoden in der Chemie durch den Franzosen Antoine de Lavoisier, wurden materielle Weltanschauung gefestigt. Man wollte nun mit Vernunft und Logik nach wahrem Wissen streben und sich so, ein für alle mal von Religion und Spiritualität trennen.
Gleichzeitig veränderten sich Ende des 18. Jhd. auch die politischen Verhältnisse in der westlichen Welt. Die Macht der Monarchien begann zu schwinden. Geheimgesellschaften wie z. B. der Illuminaten-Orden (gegründet 1776 von Adam Weishaupt in Ingolstadt) gewannen an Einfluss. Amerika deklarierte 1776 seine Unabhängigkeit vom britischen Königshaus und mit der Französischen Revolution von 1789, begann die Zerschlagung des absolutistischen Machtapperats der Monarchie in Frankreich.

Ganzheitliche Wissenschaft im 21. Jahrhundert

Bis Anfang des 20. Jhd. versuchten Wissenschaftler alles Wahrnehmbare mit dem Tatsächlichen gleichzusetzen. Das heißt, wenn man Naturerscheinungen erforschte, glaubte man im Beobachten dieser Erscheinungen, ihre charakteristische Wesensart zu erkennen. Wenn z. B. ein Stern an einer bestimmten Position strahlte, so hielt man diese Position auch für seinen tatsächlichen Aufenthaltsort am Himmel. Doch wie man heute weiß, krümmen schwere Sterne die Raumzeit. Die Positionen vieler Sterne sind darum von der Erde aus betrachtet verschoben. Diese, durch Albert Einsteins Relativitätstheorie vorausgesagte Raumkrümmung, wurde Anfang des 20. Jahrhunderts durch Arthur Eddington bestätigt. Am 28. Mai 1919 ereignete sich eine totale Sonnenfinsternis. Um den Rand der Finsternis konnte Eddington Sterne fotografieren, die sich eigentlich hätten hinter der Sonne befinden müssen. Durch die große Masse aber, krümmte die Sonne die Raumzeit so, dass sich der Lichtstrahl des Sterns auf einer gebogenen Linien um die Sonne herumbewegte und so gesehen werden konnte.

John Dalton's neues System der chemischen Philosophie - ewigeweisheit.de

John Dalton's "Neues System der Chemischen Philosophie"

Auch die Atomphysik sollte im 20. Jhd. eine Revolution erfahren. Mehr als 2.500 Jahre lang glaubte man, dass Atome unteilbar seien. Doch 1911 entdeckte Ernest Rutherford (1871-1937), dass sich Atome aus einem "festen" Kern und einer "durchlässigen" Hülle zusammensetzen. Im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts sollte sich außerdem zeigen, dass die materielle Welt des Mikrokosmos in Wirklichkeit überhaupt nichts Festes enthält!
In den Atomkernen erkannte man noch kleinere Bausteine: die Nukleonen (Protonen und Neutronen). Das Modell einer "Atomhülle" aus Elektronen, wurde zu einem wolkenartigen Orbitalmodell aus "Wahrscheinlichkeitsräumen" erweitert, in dem sich die Elektronen eines Atoms aufhalten können.
Die Nukleonen wiederum setzten sich aus sogenannten Quarks zusammen, Quarks und Elektronen aus den noch kleineren T- und V-Rishons. Neuere Theorien der Quantenphysik sprechen gar von kneuelartigen, mitunter chaotischen Strukturen (sogentannte "Strings"), aus denen diese Quarks zusammengesetzt sind.

Das Alte auflösen um darin das Neue zu verbinden

Im 20. Jhd. sollten die Erkenntnisse aus der Relativitätstheorie und der Quantenphysik, alte physikalische Denkgebäude endgültig zum einstürzen bringen. Materie und Energie waren nicht etwa mehr verschiedene physikalische Zustände, sondern in bestimmten Fällen ein und das Selbe!

Albert Einstein - ewigeweisheit.de

E = m · c² – Energie ist Masse mal Lichtgeschwindigkeit im Quadrat

Astrophysiker fanden "Schwarze Löcher", deren Schwerkraft so stark war, dass sie eintretendes Licht anscheinend "verschluckten", während in ihrer Nähe die Zeit stehenblieb. Das sind wissenschaftliche Tatsachen, die den menschlichen Verstand bei weitem übersteigen. Auch Experimente im subatomaren Bereich liefern je nach Art der Beobachtung immer andere Ergebnisse. Kurz: man sieht das alles relativ ist - der Betrachter bestimmt den Ausgang eines materiellen Experiments.

Je weiter also unser Blick in den Makrokosmos abschweift und je genauer wir in die Feinheiten des Mikrokosmos zu spähen versuchen, desto mehr verliert menschliche Vernunft an Bedeutung.
​Beobachter und Beobachtetes sind untrennbar miteinander verbunden - das was untersucht wird ist eine Reflexion des Untersuchenden. Was im Universum vor sich geht, das geschieht ebenso in seinem Innern.

Wenn sich der Mensch von alten Vorstellungen löst, um neue Erkenntnisse zu gewinnen, so sollte er dennoch das überlieferte Wissen nicht vollständig verwerfen. Wir erinnern uns an den Traum des Suhrawardi!
Eines der Ziele der Hermetik war immer, bestehendes aufzulösen und darin neue Erkenntnisse zu verbinden. Darum lautet eines der wichtigsten Axiome der Hermetik:

Solve et Coagula

Diese Formel beschreibt den Prozess der Trennen oder Auflösung (Solve) eines Zustandes und das anschließende Zusammenfügen (Coagula) seiner Komponenten, was zur Erhöhung seines Ausgangszustandes führt.
Fortschritt im Denken der Menschen ist also nur durch ein kontinuierliches Trennen von alten Vorstellungen und einem Verbinden mit neuen Vorstellungen möglich.
Mündlich überlieferte Weisheiten aus dem altägyptischen Paganismus, kristallisierten sich während des jüdischen Exodus im Sinai zu einer Buchreligion. Als sich diese Form der Überlieferung im christlichen Mittelalter verhärteten, kam es schließlich zur Herauslösung wissenschaftlichen Denkens. So konnten sich unabhängig voneinander Intellekt und Spiritualität weiterentwickeln und sich gewissermaßen in einem Opus Magnum der Menschheit, getrennt voneinander zu ihrer höchsten Form veredeln - exoterisch und esoterisch.

Dieses Streben führte auf getrennten Wegen durch die Welt der Erkenntnisse. Im aufdämmernden aquarianischen Zeitalter des 21. Jahrhunderts, werden diese Wege sich aber immer häufiger kreuzen und schließlich wieder zu einem gemeinsamen Weg zusammenlaufen - einem Weg der die Menschheit zurückführt zur Einheit im Göttlichen.

[...] mit dem Vermögen die Wunderwerke eines einigen Dinges zu vollbringen.

- Tabula Smaragdina

Dieser Artikel ist außerdem erschienen in der Zeitschrift Adyar der Theosophischen Gesellschaft, 71. Jahrgang, Heft 2, Juni 2016  

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Hermetik: Hohe Wissenschaft im Alten Ägypten

von S. Levent Oezkan

Von den Mysterien der alten Ägypter geht für viele Menschen unvermindert eine große Faszination aus. Ägyptische Magier sollen Gold aus schwarzer Erde hergestellt, Geister für ihre Zwecke gebannt und Tote lebendig gemacht haben.

Auf solche und andere Legenden stoßen wir, wenn wir uns in das Gebiet der Hermetik wagen.

Wer war Hermes Trismegistos?

Vor ungefähr 2.000 Jahren gewann eine sagenhafte Figur in Ägypten Bedeutung. Hermes Trismegistos nannte man ihn - der "dreimal größte Hermes".
Sein Name steht für drei große Wissensfelder der Esoterik:

  • Alchemie ist die Wissenschaft von den Arbeitsabläufen bei der Bereitung des Steins der Weisen. Es ist die heilige Kunst, mit der auf der Erde die Kräfte der Planeten und der Sonne wirksam gemacht werden.
  • Astrologie ist die alte Wissenschaft von den Sternen.
  • Theologie und Theurgie die Wissenschaften über das Wesen und Wirken des Göttlichen.

Man kann nicht behaupten dass Hermes Trismegistos ein gewöhnlicher Mensch war. Eher wäre die Bezeichnung "aufgestiegener Meister" zutreffend. Er soll mehr als 20.000 Bücher verfasst haben, was einem Normalsterblichen wohl kaum gelingen dürfte. Vielleicht war Hermes Trismegistos eher ein geistiges Wesen, das den alten Gelehrten Weisheit und geheimes Wissen übermittelte. Durch ihn kam das "Wissen der Götter" zu den Menschen.
Laut einer Legende wurden einst 42 der hermetischen Bücher in der legendären Bibliothek von Alexandria aufbewahrt, bis sie eine gewaltige Feuersbrunst zerstörte. Fast die gesamte Bibliothek fiel dem durch die Römer verursachten Brand zum Opfer. Nur einige Papyri sind erhalten geblieben. Diese wurden in jüngerer Zeit im sogenannten "Corpus Hermeticum" zusammengestellt.

Hermes Trismegistos - ewigeweisheit.de

Hermes Trismegistos - "Der dreimal größte Hermes"

Hermes Trismegistos gilt als Urvater der Mathematik, Geometrie, Alchemie, Philosophie, Medizin und Magie. Mehrere Gottheiten der Antike verschmelzen in ihm zu einer Gestalt. Um 300 v. Chr. vermischte sich der ägyptische Toth - Gott der Weisheit, des Lernens und der Kommunikation - mit dem griechischen Hermes - dem geflügelten Götterboten. Auch der Engel Metathron, der ägyptische Pharao Echnaton (1353 bis 1336 v. Chr.) und der Prophet Moses ähnelnin vieler Hinsicht der universalen Götterfigur des Hermes Trismegistos. Aus dieser Warte betrachtet, scheint er gewissermaßen den Ursprung aller (westlichen) Religionen zu bilden.

Sein bekanntestes Attribut ist der Caduceus - der Schlangenstab. Dieser Stab, der später als Zauberstab profaniert wurde, ist einerseits Symbol für die Verbindung gegensätzlicher Kräfte, andererseits ein Sinnbild für die Fruchtbarkeit und den Phallus.
Zwei Schlangen umwinden den Stab und stehen für die starken Kräfte in der Natur. Sie sind Symbole für die fließende Energie der elektrischen und magnetischen Kraft, aber auch für alles Auf- und Absteigende, für das männliche und weibliche, das positive und negative, das himmlische und irdische Prinzip usw.

Heute wird das Caduceus-Symbol von Händlern, wie auch von Apothekern und Medizinern verwendet.

Der ägyptische Gott Thoth - ewigeweisheit.de

Der ägyptische Gott Thoth (auch: Tehuti)

Ursprung des Wortes "Hermetik"

Das Wissen der Alchemisten und Hermetiker wurde streng gehütet. Nur diejenigen die für die Lehre bereit waren, wurden in ihre Geheimnisse eingeweiht. Daher wird das Adjektiv "hermetisch", zur Beschreibung von etwas Abgeschlossenem, Versiegelten oder Geheimen verwendet. Da die Alchemisten solche "Operationen" in völlig abgeschlossenen Retorten und Kesseln durchführten, bekam der Begriff irgendwann einen sprichwörtlichen Charakter. Daher die Redewendung, dass etwas "hermetisch abgeriegelt" sei.

Die Hermetische Philosophie

Verschiedene philosophisch-theologische Strömungen fließen in der Hermetik zusammen. Darunter der griechische Paganismus, die Kabbala, die alt-sumerische Religion, die Astronomie der Chaldäer und die Weisheiten des persischen Propheten Zoroaster (Zarathustra). Doch auch Spuren der griechischen Philosophie lassen sich in hermetischem Gedankengut finden. Darunter die Lehren der Pythagoreer, der Stoiker, der Platoniker und der Neuplatoniker.

Hermetik ist eine der ältesten religiös-philosophischen Traditionen der westlichen Welt. Sie wurde um 300 v. Chr. in Ägypten von den Magiern und Hohepriestern der ptolemäischen Herrscherdynastie als heilige Wissenschaft eingeführt. Bei der Hermetik der Ptolemäer handelte es sich aber weniger um eine religiöse Bewegung, als um ein philosophisches System.
Man kann sagen, dass die Hermetik die Wurzel vieler anderer religiösen Traditionen bildet. Manche davon existieren bis zum heutigen Tag!

Der Caduceus - ewigeweisheit.de

Der Caduceus - Stab des Hermes

Manche sagen über den Hermetismus, er sei die "prisca theologia" - die einzige und wahre "Ur-Theologie". Hermetik ist gewissermaßen der "rote Faden" der sich durch alle westlichen Religionen zieht. Hermetiker glauben nämlich wie auch Juden, Christen und Muslime an "Den Einen", dessen Essenz die geistige Einheit aller Äonen, Engel und anderer Lebewesen, einschließlich Pflanzen, Tieren und Menschen bildet. Diese universale Einheit ist insbesondere in der Philosophie der Gnosis von zentraler Bedeutung.

Die Zerstörung hermetischen Gedankenguts

In der ersten 500 Jahren n. Chr. geht vieles hermetisches Gedankengut nach und nach verloren. Durch das Verschwinden hellenistischer und das Aufkommen römischer Einflüsse, versanken die in griechischer Sprache verfassten, hermetischen Schriften im Dunkel der Zeit. Im Jahr 296 n. Chr. wurden im römischen Imperium (unter Kaiser Diocletian), alle Bücher über Hermetik und Alchemie verbrannt. Nach dem Niedergang Alexandrias wurde das hermetische Wissen aber bei den Arabern weiter gelehrt. Die Kunst der Goldmacherei nannte man im alten Arabien "Al-Chimia" - daher der Name "Alchemie".
Erst später gelangte es, speziell über das maurische Spanien - um das 11. Jhd. in den abendländischen Kulturbereich. 

Insbesondere zur Wende ins 20. Jhd. stieg dieses alte Gedankengut allmählich wieder in das Bewusstsein vieler Gelehrter. Es war eine Renaissance, die mit der Gründung verschiedener okkulter Gesellschaften (Freimaurer, Rosenkreuzer, Golden Dawn, Theosophische Gesellschaft), der Hermetik zu neuem Leben verhalf. Alles was aus diesen hermetisch geprägten Gesellschaften an die Öffentlichkeit kam, sollte Ende des 20. Jhd. dann zu dem werden, was im allgemeinen als die "New-Age-Bewegung" bekannt ist.

 

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Die Tabula Smaragdina Hermetis - die Smaragdene Tafel des Hermes Trismegistos

Die Tabula Smaragdina - die smaragdene Tafel - wird ihrem geistigen Kern nach dem Hermes Trismegistos zugeschrieben, von dem es heißt, die alt-ägyptische Kultur gegründet zu haben. Der in ihr dargestellte Text, bildet die philosophische Basis der Hermetik und gilt als Grundlagentext der Alchemie.

Die Verse der Tabula Smaragdina gelten als Schlüssel zur Bereitung des Steins der Weisen. In ihren dunklen, allegorischen Sätzen, spiegeln sich die Zusammenhänge von Mikrokosmos und Makrokosmos. 

Es gibt verschiedene Legenden, wie, wo und von wem die Tabula Smaragdina ursprünglich gefunden wurde. Eine Überlieferung erwähnt Sarah, die Frau des Propheten Abraham, die die Tafel im Grab des Hermes Trismegistos bei Hebron gefunden haben soll. Eine andere Legende schreibt den Fund dem Eroberer Alexander von Makedonien zu. Er soll die Smaragdtafel in der Cheops-Pyramide in Gizeh gefunden haben. Der im 17. Jhr. lebende Universalgelehrte Athanasius Kircher war allerdings der Auffassung, dass der Text auf der Tafel, eine Zusammenstellung aus einem Dialog des Corpus Hermeticum entnommen wurde - das heißt, aus einer Sammlung von Traktaten über die Entstehung der Welt und die Gestalt des Kosmos.

Von wem auch immer dieser Text gefunden wurde, spielt eher eine nebensächliche Rolle. Wichtig ist ihr bemerkenswerte Inhalt!

Der Text birgt trotz seiner wenigen Zeilen sehr tiefliegende Aussagen, die beim ersten Lesen nicht sofort verinnerlicht werden.

Es handelt sich um eine Allegorie auf die gesamte Geheimwissenschaft der Alchemie, der Wanderung der Seele, sowie auf die kosmischen Zusammenhängen unserer Welt.

Zum ersten mal wurde der Text um 1150 aus dem Phönizischen durch Gerhard von Cremona in Spanien, ins Lateinische übersetzt. Erst später folgten Übersetzungen der Smaragdtafel in andere Sprachen.
Heute werden von den Geheimnissen dieser Tafel, viele esoterische Lehren abgeleitet oder beziehen sich darauf in unzähligen philosophischen.

Tabula Smaragdina

Die Verfassung der geheimen Künste des Hermes Trismegistos

I. Wahr ist, zweifellos, gewiss wahrhaftig und ohne jede Lüge.

II. Das was oben ist, entspricht dem was unten ist.
Und das was unten ist, gesellt sich wiederum zum Oberen, mit dem Vermögen die Wunderwerke eines einigen Dinges zu vollbringen.

III. Und so wie das ganze Universum aus dem reinen Geist Gottes durch sein Wort entspringt, so wird durch die Nachahmung der Natur alles aus diesem einigen Ding geboren.

IV. Sein Vater ist die Sonne, seine Mutter ist der Mond.

V. Der Wind trägt es in seinem Bauch. Die Erde ist seine Ernährerin.

VI. Dieses Ding ist der Vater aller Vollendungen der ganzen Welt.

VII. Seine Kraft ist am vollkommensten, wenn es sich in die Erde ergießt und sich mit ihr vereint.

VIII. Darum löse das Feuer aus der Erde, und scheide das Feine vom Groben, mit Verstand und liebevollem Feingefühl.
So steigt es von der Erde empor zum Himmel und wiederum zur Erde hinab um sich mit ihr zu vereinigen.
Dabei wird es veredelt, und nimmt die Kräfte der oberen und unteren Welt in sich auf.

IX. Mit ihm wirst Du das Licht und die Herrlichkeit der ganzen Welt erlangen und alle Finsternis wird von dir weichen.

X. Dieses einige Ding ist von allen Kräften die stärkste Kraft, denn es überwindet alles Feine und durchdringt alles Feste.

XI. So wurde im Ebenbild des Einigen die ganze Welt erschaffen.

XII. Und wenn Du auf die mitgeteilte Weise verfährst, so kannst auch Du solch wundersame Nachahmungen bewirken.

XIII. Man nennt mich darum Hermes Trismegistos, der ich die dreifältige Weisheit der ganzen Welt besitze.

XIV. Hiermit sei vollendet, was vom Meisterwerk der Sonne verkündet werden sollte.

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