Theosophische Gesellschaft

Rudolf Steiners Vision

Rudolf Steiners Vision

Im Jahr 1899 veröffentlichte Rudolf Steiner in einem Magazin für Literatur einen Artikel mit dem Titel »Goethes geheime Offenbarung«. Hierin ging er ein auf die esoterische Bedeutung von Goethes »Mährchen von der Grünen Schlange und der Schönen Lilie«. Wegen seiner Auslegung dieses recht außergewöhnlichen Kunstmärchens erhielt er eine Einladung des Theosophen und späteren Anthroposophen Cay Lorenz Graf von Brockdorff.

Rudolf Steiner mit Annie Besant - ewigeweisheit.de

Rudolf Steiner mit Annie Besant im Jahr 1907, während der Münchener Konferenz der Theosophischen Gesellschaft Adyar.

Im Hause seines Gastgebers sollte er vor einer Versammlung von Theosophen einen Vortrag zum Thema Friedrich Nietzsche halten.

In Folge dieser Veranstaltung durfte er sich über weitere Einladungen freuen, in denen er, wenn man so will, seine ersten »Esoterischen Vorlesungen« hielt, die sich, wiederum auf einer okkulten Ebene, mit dem gerade erwähntem Märchen Goethes befassten. Trotz das Rudolf Steiner bis dahin der Theosophischen Gesellschaft eher ablehnend gegenübergestanden hatte, hielt er seit dieser Zeit wiederholt vor ihren Mitglieder Vorträge. Dieser Kreis von Zuhörern sollte sogar sein wichtigstes Publikum werden. Mit dieser Vortragstätigkeit konnte er sogar einen Lebensunterhalt bestreiten.

Schließlich wählte man Rudolf Steiner 1902 zum Vorsitzenden der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft Adyar. In den kommenden Jahren wuchs die Deutsche Sektion ganz rapide an, was die Gesellschaft der Vortragstätigkeit Steiners zu verdanken hatte. Gemeinsam mit seiner Frau Marie von Sievers-Steiner gründete er in Berlin dann das Hauptquartier der Theosophischen Gesellschaft, einem Ort der zum wichtigsten Zentrum der Theosophie im damaligen Deutschen Reich werden sollte.

Ab 1904 ernannte die englische Theosophin Annie Besant (1847-1933) Rudolf Steiner zum Vorsitzenden der Esoterischen Schule der Theosophischen Gesellschaft in Deutschland und Österreich. Steiner jedoch bestand darauf in seiner Arbeit und dem Wirken der Schule, sich insbesondere auf eine westliche Spiritualität zu konzentrieren.

1907 verstarb der ehemalige Gründer und damalige Präsident der Theosophischen Gesellschaft Adyar, Henry Steel Olcott. Ihm sollte dann Annie Besant in ihrer Rolle als neue internationale Präsidentin der Gesellschaft folgen. Nachdem sie aber noch im selben Jahr am internationalen Kongress der Theosophischen Gesellschaft in München teilnahm, die Rudolf Steiner mit seiner Frau veranstaltet hatten, kam es allmählich zu Differenzen zwischen Steiner und Besant. Dafür gab es einige Gründe. Einer dafür war die von Steiners Frau Marie für die Konferenz choreografierte Inszenierung und Aufführung eines modernen Mysteriendramas nach Eduard Schuré. Diese Neuorientierung störte viele der Teilnehmer.

Ein großer Teil der alten Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft aus England, Frankreich, namentlich aus Holland waren innerlich unzufrieden mit den Erneuerungen, die ihnen mit dem Münchner Kongress gebracht worden sind. — Was gut gewesen wäre, zu verstehen, was aber damals von den wenigsten ins Auge gefasst wurde, war, dass mit der anthroposophischen Strömung etwas von einer ganz andern inneren Haltung gegeben war, als sie die bisherige Theosophische Gesellschaft hatte. In dieser inneren Haltung lag der wahre Grund, warum die anthroposophische Gesellschaft nicht als ein Teil der theosophischen weiterbestehen konnte. Die meisten legten aber den Hauptwert auf die Absurditäten, die im Laufe der Zeit in der Theosophischen Gesellschaft sich herausgebildet haben und die zu endlosen Zänkereien geführt haben.

- Rudolf Steiner in seiner Autobiografie »Mein Lebensgang«, über den Kongress der Theosophischen Gesellschaft 1907 in München

Unabhängig von diesen Meinungsverschiedenheiten aber weitete sich Rudolf Steiners Popularität in Kreisen der Theosophen immer weiter aus, was bald weit über die Grenzen Deutschlands reichte. Annie Besant schien das weniger zu gefallen. Bangte sie womöglich um ihre Position als Präsidenten der Theosophischen Gesellschaft?

Die damals entstandenen Zänkereien in der Theosophischen Gesellschaft ließen auf jeden Fall nicht nach. Insbesondere als der junge, jedoch außergewöhnliche Inder Jiddu Krishnamurti unverschuldet in die Kampfzone zwischen Steiner und Besant geriet, schien das Fass endgültig überzulaufen. Gemeinsam mit ihrem Vertrauten, dem Okkultisten und Theosophen Charles Webster Leadbeater (1854-1934) – einer recht umstrittenen Figur in der Geschichte der Gesellschaft –, schrieben sie Krishnamurti eine messianische Erscheinung zu und wollten in ihm gar die Inkarnation des Maitreya oder den Nachfolger Jesu Christi erkannt haben. Rudolf Steiner und ein Großteil der deutschsprachigen Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft empörten sich über diese Entwicklung in Adyar. Er und andere kehrten von da ab der Theosophischen Gesellschaft Adyar den Rücken. Es soll dabei aber nicht unbemerkt bleiben, dass Besants Ernennung Krishnamurtis als neuen Weltlehrer, auch die Gemüter vieler anderer Theosophen erhitzte. Später sollte Krishnamurti den um ihn gegründeten Sternorden (eigentlich »Order of the Star in the East«) selbst auflösen, was die Theosophische Gesellschaft Adyar in eine weitere Krise stürzte.

Im weiteren Verlauf kam es schließlich zur Loslösung Steiners von der Theosophischen Gesellschaft. 800 Steiner-Anhänger trafen sich im August 1911, um über eine eigene Gesellschaft zu beraten, worauf man ab Dezember des selben Jahren eine Trennung von Adyar in Erwägung zog. Nach weiteren, teils absurden Streitereien um den kommenden Weltlehrer, schloss Annie Besant die Anhänger Rudolf Steiners im März 1913 aus der Theosophischen Gesellschaft Adyar aus. Damit war die faktische Trennung vollzogen, worauf sich die Deutsche Theosophische Gesellschaft umbenannte in Anthroposophische Gesellschaft.

Die Christus-Thematik in Steiners Werk

Auch wenn man das Wort Anthroposophie heute noch mit Rudolf Steiner assoziiert, begann diese Richtung der Geisteswissenschaften keineswegs erst mit ihm. Bereits in der frühen Neuzeit stand das Wort Anthroposophie für die Erkenntnisfähigkeit der menschlichen Natur. Man fasste den Begriff als eine Fähigkeit des Menschen auf, der in sich, in einem mystischen Vorgang, zu Gott und Welt durch geistige Einsicht fand.

Steiner verwendete den Begriff 1902 in einer Vortragsserie mit dem Titel: »Von Zarathustra bis Nietzsche – Entwicklungsgeschichte der Menschheit anhand der Weltanschauungen von den ältesten orientalischen Zeiten bis zur Gegenwart, oder Anthroposophie«. Die Bezeichnung Anthroposophie als eine erweiterte Sinneslehre, benutzte Steiner erst 1909.

Besonders an Steiners Anthroposophie, ist seine Konzentration auf die christliche Mystik und das Rosenkreuzertum. Nicht ohne Grund kam es durch Rudolf Steiner während der Abspaltung von Adyar, zur Gründung eines Bundes zur Pflege rosenkreuzerischer Geisteswissenschaft, wo eine Christus-Symbolik im Zentrum stand.

Jiddu Krishnamurti - ewigeweisheit.de

Der junge Jiddu Krishnamurti (1895-1986): Der später durch die Theosophin Annie Besant ausgerufene »Neue Weltlehrer und Nachfolger Christi«.

Ein esoterisches Christentum

Wie bereits erwähnt war der junge Steiner durchaus als Freigeist hervorgetreten, der sich in seinen Arbeiten auch nicht scheute auf solch skandalumwobene Philosophen wie Friedrich Nietzsche einzugehen. Wohl von Nietzsches Buch »Der Antichrist« inspiriert, erschien ihm das zeitgenössische Christentum einfach nur als pathologisch veränderte Religion. Damit meinte er insbesondere die kirchlichen Dogmen der katholischen Scholastiker, die das Christentum auf wissenschaftliche Weise analysierten und in ebenso grotesker Weise zu erklären versuchten.

Um die Wende zum 20. Jahrhundert aber vollzog Steiner einen radikalen Wandel. Seine ursprüngliche Ablehnung schien sich vollkommen zu verkehren. Von da an fand er in den Lehren des Christus Jesus eine universale Mystik, die sogar zum zentralen Thema seiner zukünftigen Arbeit werden sollte. Für ihn war das Auftreten dieses Messias mit einem grundsätzlichen Wandel für die gesamte Menschheit verbunden. Mit dem Erscheinen Christi auf Erden begann für Steiner eine universale Evolution des Geistes. Für ihn war Christus außerdem bereits in einem geistigen Kraftfeld anwesend, bevor er sich auf Erden verkörperte als Jesus von Nazareth.

In einem Vortrag Steiners über Christus, aus dem Jahr 1909, kam er zu sprechen auf die Hohepriester in Atlantischer Zeit. Sie kündeten angeblich von einem solaren Geist, der sich einst als der Christus auf Erden verkörpern sollte. Steiner setzte ihn in die Linie der großen in der Welt erschienenen Sonneneingeweihten, worauf zuvor auch der persische Zarathustra oder der alt-ägyptischen Hermes (Trismegistos) erschienen.

Aber auch schon in unserer jetzigen Menschheitszivilisation (Nachatlantische Menschheit) sprach man schon lange vor seinem Erscheinen, vom kommenden Christus, was jedoch nur jene wissen konnten, die die Fähigkeit der »geistigen Sicht« bereits entwickelt hatten. So zumindest versuchte es Rudolf Steiner zu erklären. Jene aber wussten schon immer dass Christus dereinst der große Weltlehrer sein werde.

Drüben geschah es nun weltgeschichtlich, dass jenes hohe Sonnenwesen, das man nachher als den Christus bezeichnete, die Sonne verließ. Das war eine Art Sterben für den Christus. Christus ging fort von der Sonne, wie wir Menschen im Sterben fortgehen von der Erde. Also Christus ging fort von der Sonne, wie ein Mensch, der stirbt, fortgeht von der Erde. Und wie bei einem Menschen, der stirbt, indem er von der Erde fortgeht, für den okkulten Beschauer der ätherische Leib schaubar ist, den er nach drei Tagen ablegt und er den physischen Leib zurücklässt, so ließ Christus in der Sonne zurück dasjenige, was Sie in meiner »Theosophie« beschrieben finden am Menschen als den Geistesmenschen, als das siebente Glied der menschlichen Wesenheit.

- Aus Rudolf Steiners Vortragsreihe »Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge«

Das traf auf alle Kulturepochen zu: von der urindischen Kultur bis in die Wende zur griechisch-lateinischen Zeit. Immer schon ahnten die Weisen dass der Christus aus der Sonnensphäre herabsteigen würde, um sich auf Erden zu verkörpern.

Eigen in Rudolf Steiners Christus-Lehre aber ist, dass er über ihn als Geistesmenschen schrieb, der von der Sonne auf die Erde kam. In der solaren Sphäre starb er, um auf der terrestrischen Sphäre unseres Planeten geboren zu werden. Dabei gingen sein »Ich« und sein »Geistselbst«, wie es Steiner nannte, in den irdischen Leib des Jesus von Nazareth ein, der dann auf Golgatha, der Menschheit geopfert, jenem solaren Urgeist verhelfen sollte sich über dem Erdball auszubreiten und dabei die Religion des Christentums quasi zu bewirken.

So also stand im Mittelpunkt des Erfahrens von Rudolf Steiner eine christliche Realität, die in seinem Leben, Wirken und Lehren eine zentrale Rolle einnehmen sollte. Insbesondere seine Arbeiten über die Mysterien der Rosenkreuzer, die teils eng mit dieser Christus-Realität verbunden sind, geben einen tieferen Aufschluss darüber, was einen wichtigen Beitrag zur europäischen Geisteskultur der Gegenwart liefern sollte.

Im Spannungsfeld zwischen Bewunderung und Kritik

Ab dem Jahr 1911 wandte sich Steiner immer stärker den Künsten zu. Er pflegte Kontakte zu dem russischen Maler Wassily Kandinsky (1866-1944) oder auch zu dem deutschen Dichter Christian Morgenstern (1871-1914), der damals über ihn schrieb:

Die eigentliche, im höchsten Menschensinne schöpferische Tätigkeit Rudolf Steiners wird erst der Historiker enthüllen, der die Geschichte dieses erhabenen Lebens zu schreiben berufen sein wird. Dann wird mit Erstaunen wahrgenommen werden, was da in der Stille für den Menschen als solchen überhaupt geschieht und geschehen ist, und welchen unersetzlichen Rückhalt und Stützpunkt ihm die Lebensarbeit dieses Geistes gegeben hat. während das Jahrhundert noch immer weiter in die furchtbare Wüste des Materialismus hineineilt.

Besonders für den deutschen Aktionskünstler Joseph Beuys (1921-1986) sollte Rudolf Steiner später einmal zum wichtigsten Impulsgeber werden. In seiner Arbeit zu den schönen Künsten, zur Dichtkunst und den Theaterwissenschaften, wies Steiner nämlich hin auf das was er als »Spirituelle Visionen« bezeichnete, etwas woraus der Künstler für sich immer wieder neue Inspirationen beziehen könne.

Nach dem Ersten Weltkrieg widmete sich Steiner ganz und gar mit der praktischen Anwendung seiner spirituellen Arbeit der vergangenen Jahre. Er versuchte zu veranschaulichen, wie sich, aus seinen Erkenntnissen über das Wesen des Menschen, direkte Handlungsbezüge ableiten ließen. Daraus sollten sich sehr fruchtbare Beobachtungen ergeben, aus denen er verschiedene Konzepte entwarf, die dann zu dem wurden was sich aus einer praktischen Anthroposophie direkt für ein ganzheitliches Handeln ableiten lässt – sowohl für die Erziehungswissenschaften, für die landwirtschaftliche Praxis, doch sich ebenso im Feld der Medizin und der Therapie einsetzen lässt.

Auch seine Arbeiten zu einer organischen Architektur sollten für zukünftige Bauwerke eine nicht unbedeutende Rolle spielen. Erste Ideen für einen solchen Bau im Umfeld der späteren Anthroposophischen Gesellschaft wurden bereits im Jahr 1907 entworfen. Zwischen 1908 und 1909 arbeitete der spätere Waldorflehrer Ernst August Karl Stockmeyer einen Vorentwurf aus, nach dem das Tagungsgebäude der Anthroposophischen Gesellschaft erbaut werden sollte: das Goetheanum – für Steiner sicherlich so etwas wie der »Bau des Neuen Tempels«. 1913 schließlich begannen im schweizerischen Dornach die Bauarbeiten. Doch noch bevor der Bau vollends abgeschlossen war, wurde das Goethenaum 1922 durch Brandstiftung zerstört. Wer dafür verantwortlich war konnte niemals geklärt werden. Dieses Unglück in der Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft kommentierte Rudolf Steiner 1923 in einem Vortrag wie folgt:

Gerade gelegentlich des schrecklichen Brandunglücks kam es wiederum zutage, welche abenteuerlichen Vorstellungen sich in der Welt knüpfen an alles das, was mit diesem Goetheanum in Dornach gemeint war, und was in ihm getrieben werden sollte. Es wird gesprochen von dem schrecklichsten Aberglauben, der dort verbreitet werden soll.

Schon zu seinen Lebzeiten hatte Steiner mit schwerwiegenden Anfeindungen zu tun. Diese Haltung mancher scheint auch bis heute, nicht nur aus Sicht eher wissenschaftlich orientierter Menschen, weiterhin zu bestehen. Was Steiner aber in den letzten Jahren seines Lebens an Feindseligkeit ertragen musste, war ganz und gar wider seine Absichten. Adolf Hitler etwa bezichtigte ihn ein Werkzeug der Juden zu sein. Daher vermuten heute manche dass der Brand des Goethenaums erste Nazigruppierungen gelegt hätten.

Dessen ungeachtet ließ sich Steiner durch seine Gegner nicht einschüchtern und versuchte sich auch nicht auf irgendwelche Schuldzuweisungen einzulassen, sondern betrachtete all das Vorgehen gegen ihn und seine Unterstützer als ein Resultat ihres gemeinsamen Karmas. Aus heutiger Sicht wirkt so eine Darstellung wohl recht sonderbar, versucht man sich jedoch die Vehemenz deutlich zu machen, mit der gegen Steiner und seine Anthroposophie vorgegangen wurde, verhielt er sich in dieser drastischen Situation wahrhaft erhaben, vielleicht auch eben genau deshalb, da er dazu fähig war die Situation auf spiritueller Ebene zu relativieren.

Gewiss könnte man Steiner nachsagen dass er ab einem gewissen Punkt in seinem Leben etwas zu verbissen gewesen war, in seinem Streben eine universale Lehre zu entwerfen. Schien ihm in der Tat doch daran gelegen zu sein, esoterische Erkenntnisse als Gesetze für alle Bereiche des Lebens formulieren zu wollen. Auch sein Wunsch und seine anscheinenden Fähigkeiten karmische Vorgänge in seinem und dem Leben anderer, sehen zu können, dürfte bei manchen nur ein Lächeln bemühen. Hermann Hesse schrieb einmal über Rudolf Steiner:

Anthroposophische, Steinersche Quellen habe ich nie benützt, sie sind für mich ungenießbar, die Welt und Literatur ist reich an echten, sauberen, guten und authentischen Quellen, es bedarf für den, der Mut und Geduld hat, selber zu suchen, der ‚okkulten‘ und dabei meist elend getrübten Quellen nicht. Ich kenne sehr liebe Leute, die Steinerverehrer sind, aber für mich hat dieser krampfhafte Magier und überanstrengte Willensmensch nie einen Moment etwas vom Begnadeten gehabt, im Gegenteil.

Das zweite Goetheanum in Dornach.jpg - ewigeweisheit.de

Das zweite Goethenaum im schweizerischen Dornach (Foto: Wladyslaw; Quelle: Wikimedia; Lizenz CC BY-SA 3.0).

Antworten auf die Menschheitsfragen der Gegenwart

Seit der Ereignisse im schweizerischen Dornach erhöhte Rudolf Steiner die Frequenz seines öffentlichen Auftretens. Er gab mehrmals täglich Ansprachen und hielt oft bis zu vier Vorträge am Tag. Meist widmete er seine Reden thematisch der Waldorfpädagogik. Doch auch andere praktische Anwendungen anthroposophischer Weisheiten waren Thema.

Schob ab dem Jahr 1919 warb Rudolf Steiner für die Dreigliederung eines »sozialen Organismus«, einem Leitbild für eine gesellschaftliche Ordnung und Weiterentwicklung. Ziel war ihm dabei eine Grundstruktur zu liefern, wo die Koordination der Vorgänge einer Gesellschaft nicht zentral von einer staatlichen Führung erfolgen sollte, sondern wo sich Geistesleben, Jura und Politik, wie auch die Wirtschaft, autonom selbst verwalten sollten. Hiermit versuchte er eine wirksame Alternative zu schaffen zu dem (auch heute noch bestehenden) vollkommen archaischen, zentral verwalteten System des Einheitsstaates. Er sah die Zukunft in einem von Menschen geschaffenen Organismus, wo Verantwortliche aus den drei eigenständigen Bereichen Wirtschaft, Recht und Politik, und Geistesleben, ohne übergeordnete Instanz zusammenarbeiten konnten. Er versuchte damit eine Parallele zu ziehen zum dreifältigen System Mensch.

Die Vermächtnisse eines Idealisten

Nach Rudolf Steiners Tod im Jahr 1925 breiteten sich seine Lehren und die Nachwirkungen seiner Vorträge und Vorstellungen weiter aus. Sicher wäre es nicht dazu gekommen, hätte Steiner seinen Kritikern von einst nachgegeben. In dieser Entschiedenheit lag wohl Steiners große Vorbildfunktion, die seine Verehrer anscheinend so sehr motivieren sollte, dass direkt nach seinem Tod der Neubau eines zweiten Goethenaums begann. Um die hundert Menschen wirkten an der Errichtung des neuen Bauwerkes mit. Doch es wurden noch mehr, die sich beim Bau einbringen wollten.

Durch diesen Enthusiasmus gefördert entstanden ab 1939 insgesamt sieben anthroposophische Schulen in Deutschland und weitere in der Schweiz, in England, in Ungarn, in Norwegen und in den Vereinigten Staaten. Zwar verboten die Nazis im Dritten Reich alle Anthroposophischen Schulen, doch bald nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie wieder eröffnet. Seit damals gewann auch die Waldorfpädagogik Steiners weiter an Bedeutung. Bis ins Jahr 2000 entstanden überall auf der Welt mehr als 700 Waldorfschulen.

Gedanken werden Dinge

Rudolf Steiner war ein Verfechter der Vorstellung, dass jeder menschliche Gedanke eine spirituelle Kraft sei. Der Grund dass das hier noch einmal hervorgehoben werden soll ist einfach: denn was einer heute denkt wird seine Realität von morgen. In jedem Gedanken liegt eine Triebkraft, durch die sogar auch die Weiterentwicklung der Gemeinschaft vorangetrieben werden kann. Steiner sah in dieser recht einfachen Feststellung eine Chance zur Fortsetzung seines Werks durch andere. Er wollte Menschen bei ihrer Befreiung helfen und sie damit letztendlich auch heilen. Dabei lag ihm viel daran zu betonen, wie wichtig Meditation und richtiges, kreatives Denken ist. Kreativität braucht Raum, damit sich darin Grundideen und Vorstellungen ausbreiten und auch künstlerisch entfalten können.

Zu Steiners Lebzeiten aber war es noch nicht wirklich möglich seine Herangehensweisen und Bestrebungen einem entsprechenden Publikum dauerhaft zu vermitteln. Es bestand eben noch nicht das dazu nötige Bewusstsein, dass sich anscheinend erst nach seinem Tod zu dem entfalten konnte, was es heute ist. Als er im Rahmen seiner neu gegründeten Anthroposophischen Gesellschaft jedoch erste Schüler gewinnen konnte, sollten unter jenen dann doch auch manche den Weg zu einer praktischen Anwendung theosophischer Weisheit finden. Das gelang Steiner zuerst durch die Einführung der schönen Künste in die Praxis seiner modernen Anthroposophie. An sich aber blieb das eine Wissenschaft, die aus seinem Talent für die Beobachtung der Welt und des Menschen entstand. Diese Wissenschaft ging hervor aus der Erforschung vom inneren Wesen der Dinge – sowohl auf esoterischer Betrachtungen des Diesseits, wie auch des Jenseits: eine innere Erforschung der wahren Gründe für die Vorgänge im Menschen, auf der Erde und in der Ganzheit des gesamten Kosmos.

Rudolf Steiner legte die Wegmarken für eine ganzheitliche Arbeit am Menschen und an der Gesellschaft. Er schuf neue Möglichkeiten, sich in der Welt auf allen Ebenen der Existenz fortzubewegen und sich dabei gleichzeitig auf eine Weise zu entwickeln, die insbesondere dem Nutzen der Gemeinschaft zugute kommen sollte.

 

Esoterische Wissenschaften als Mittel und Erfahrung

von Johan von Kirschner

Rudolf Steiner - ewigeweisheit.de

Die Lehre von der Siebenfältigkeit des Menschen ist alt. Im 19. Jahrhundert kamen Theosophen aber zu dem Schluss, dass das Individuum sein Bewusstsein in diesem Spektrum, je nach Entwicklungsstadium, sogar selbst gestalten kann. Doch das gelänge nur jenen die erkannt hätten, dass Bewusstsein nur die Bilder des Seins enthalten kann und darum das Sein zuerst erfahren werden muss.

Wie aber soll so eine Vergegenwärtigung menschlichen Seins erfolgen?

Diese Frage stellte sich auch Rudolf Steiner, der Begründer der Schule der Anthroposophie. Er suchte nach Möglichkeiten, um aus den Weisheitstraditionen und den esoterischen Wissenschaften einen praktischen Nutzen zu vermitteln. Ihm galt es als unmöglich sich dem wahren menschlichen Sein im Kosmos zu nähern, nur allein durch eine Bewusstwerdung, ohne auch eine praktische Anwendung dafür im Leben zu realisieren.

Die alten Menschheitsfragen nach dem Wesen des Seins, seinem Ursprung und seiner Entwicklung: darauf versuchte Rudolf Steiner Antworten zu geben.

Schon früh war er sich darüber im Klaren, dass die Herangehensweise mancher Philosophen, das Wesen des Seins ergründen zu wollen einfach scheitern musste. Immer nämlich fungiert unser Bewusstsein nur als Spiegelbild der Wirklichkeit. Das Sein ist die einzig wirkliche Realität. Natürlich kann man sagen dass Bewusstsein aus unserem Gehirn hervorgebracht wird. Doch selbst wenn es anders entstünde und man dann auch den Grund dafür wüsste, gäbe es doch letztendlich keine eindeutige Antwort darauf, was Bewusstsein letztendlich ist. Vorausgesetzt aber unser Denken ist eine Gehirntätigkeit, wäre es dennoch schwer herauszufinden wie sich unser Bewusstsein einfügt in die natürliche Ordnung der Welt.

Solchen philosophischen Herausforderungen stellte sich Rudolf Steiner. Durch seinen theosophisch geprägten Hintergrund aber verfügte er über eine universalere Sichtweise, anders als etwa die Philosophen der frühen Aufklärung, wie zum Beispiel Immanuel Kant (1724-1804). Er versuchte nämlich die Welt als kosmische Ganzheit zu erkennen, bevor er Fragen nach dem Bewusstsein eines auf Erden lebenden Menschen stellte. Denn für Steiner befand sich unser gegenwärtiges, menschliches Wachbewusstsein, lediglich auf einer bestimmten Bewusstseinsstufe, die sich erst über sehr lange Zeit zu dem entwickelte, was sie heute ist.

Hier nun kommt der anthroposophische Begriff der Weltentwicklungsstufen ins Spiel. Denn laut Steiner gibt es sieben große Phasen einer Evolutionskette, deren Glieder mit der Entwicklung des planetarischen Kosmos zusammenhängen.

Über den Fortgang der Menschheitsentwicklung

Jede planetarische Entwicklungsphase, wie sie Rudolf Steiner beschrieb, verläuft innerhalb eines besonderen Weltzeitalters. Zuerst verdichtete sich aus einer geistigen die physische Welt, konzentrierte sich als äußere Erscheinung zu dichter Materie. Man kann sagen dass der Begriff der Inkarnation, im Sinne einer Verkörperung, nicht nur für uns Menschen als Einzelwesen gilt, sondern auch für ganze Welten. Laut Rudolf Steiner verkörperte sich auch unser Sonnensystem nach und nach über sieben planetarische Phasen einer kosmischen Entwicklung. Dafür erfand Steiner eigene Name, die er für diese sieben interplanetare Entwicklungsphasen gebrauchte:

  1. Der »alte Saturn«,
  2. die »alte Sonne«,
  3. der »alte Mond«,
  4. die Erde,
  5. der »neue Jupiter«,
  6. die »neue Venus« und
  7. die letzte Verkörperung unseres Planetensystems nannte er »Vulkan«.

In Visionen will Steiner die Erkenntnis über diese planetarischen Verkörperungen empfangen haben. Wer aber mit diesen Betitelungen zum ersten Mal in Berührung kommt ist vielleicht irritiert. Doch wenn hier die Rede ist vom alten Saturn, so meinte Steiner damit keineswegs den eigentlichen Planeten Saturn. Vielmehr glaubte Steiner in die Ferne Vergangenheit blicken zu können, als sich unser Planetensystem (Sonnensystem) noch in einer gänzlich anderen Entwicklungsphase befand. Es muss hier dazugesagt werden, dass seine Visionen hierzu vielleicht etwas sehr fantastisch anmuten, gleichzeitig aber weiß man aus Erkenntnissen der modernen Kosmologie, dass sich unser Planetensystem, in sehr ferner Vergangenheit, tatsächlich noch in einem ganz anderen Zustand befand als heute. Erst später verdichteten sich die Planeten zu dem was sie heute sind.

Steiners »alter Saturn« bezeichnete also weniger den bekannten Gasplaneten mit den Ringen, der er heute ist. Für ihn bestand dieser Urplanet aus einer gigantischen, glühenden Sphäre, die sich aus dem Bereich der heutigen Sonne bis in die Umlaufbahn des heutigen Saturn erstreckte. Damit war der alte Saturn also weniger ein Planet, als vielmehr eine sphärische Entwicklungsphase unseres Sonnensystems, was jedoch über ungeheuere Ausmaße hinweg geschah.

In obiger Aufzählung (alter Saturn, alte Sonne, alter Mond, Erde, neuer Jupiter, neue Venus und Vulkan) sah Steiner darum keine nebeneinander existierenden Himmelskörper, sondern gleichsam kosmische Perioden aus denen sich unser heutiges Sonnensystem über sehr lange Zeiträume hinweg entfaltete.

All das nun begann, laut Steiner, mit der gigantischen Wärmesphäre des alten Saturn. Die Betitelung dieser planetarischen Entwicklungsstufen, leitete Rudolf Steiner wahrscheinlich ab von den Gottheiten alter Mythologie, nach denen die Planeten unseres Sonnensystems benannt sind. Auch »Vulkan«, über den Steiner schrieb, bezeichnet keinen eigentlichen, bisher unbekannten Planeten, sondern steht, wie bereits angedeutet, für die letzte Phase der Entwicklung unseres Planetensystems in sehr ferner Zukunft.

Ein Protoplanet - ewigeweisheit.de

Künstlerische Darstellung unseres Sonnensystems bevor es seine heutige Form annahm (Quelle: NASA).

Sieben Entwicklungsstufen

Wie gesagt bildeten für Rudolf Steiner die oben aufgelisteten sieben Stufen eine kosmisch-planetarische Evolution. Darüber hinaus aber leitete er aus dieser spirituellen Grundlage auch die Phasen ab, aus der sich jede andere makro- und mikrokosmische Entwicklung ergab.

Wer sich mit der Theosophie Helena P. Blavatskys beschäftigte, dem dürften diese Konzepte teilweise bekannt vorkommen. Nur erweiterte Rudolf Steiner diese siebenfältige Entwicklung des Kosmos, um die eben dargestellten planetarischen Entwicklungsebenen.

Über die Entwicklung und Entfaltung menschlichen Bewusstseins

Für Rudolf Steiner bestand der Mensch schon lange bevor unser heutiges Sonnensystem existierte. Natürlich nicht als das anatomische Wesen, dass wir etwa aus den Beschreibungen der modernen Biologie oder Physiologie kennen. Unabhängig davon hat sich die Definition des Wortes »Mensch« im Laufe der Jahrhunderte ohnehin immer wieder verändert. Steiner meinte vielmehr eine an sich bestehende Form des Bewusstseins, die uns heute lebenden Menschen in anderer Gestalt weitergegeben wurde.

Das Wort »Mensch« aber kommt aus dem sanskritischen »Manushya«, das seiner Bedeutung nach eigentlich die »Menschheit« an sich meint. Gemäß der alten Puranas (wichtigen heiligen Schriften im Hinduismus) steht Manushya für das körperliche Sein in Leid und Leidenschaft, durch das es als Mensch Erkenntnis und schließlich Weisheit erlangt. Menschsein bedeutet also Erfahrungen zu machen, als fleischgewordenes Wesen. Bevor wir Menschen aber mit unseren biologischen Verwandten, den Tieren, auf diesem festen Planeten Erde inkarnierten, gab es lange vor der Existenz unseres Heimatplaneten, in diesem Sonnensystem bereits eine geistig überlegene Absicht, wegen der sich menschliches Sein zuerst als »höheres Bewusstsein« entwickeln sollte, bevor er dereinst in fleischlichen Körpern inkarnierte.

Die erste Phase dieser Entwicklung beschrieb Rudolf Steiner als das Trancebewusstsein. Das existierte schon als sich noch der alte Saturn weit über das Feld unseres heutigen Sonnensystems ausgebreitet hatte. In der Zeit der alten Sonne entstand des Menschen Tiefschlafbewusstsein, was sich in der darauffolgenden Entwicklungsphase des alten Mondes in ein Bilderbewusstsein transformierte. Erst damit entstand zur Zeit der Erdentwicklungsphase ein Wachbewusstsein, mit dem heute jeder von uns ausgestattet ist.

Wenn Steiner nun fortfährt mit dem neuen Jupiter, ist das ein Hinweis auf die gegenwärtige Herausforderung menschlicher Wahrnehmung, wo wir ein psychisches Bewusstsein entwickeln werden, dass sich über das alltägliche Wahrnehmungsbewusstsein im Wachzustand erhebt. Ein überpsychisches Bewusstsein aber wird in ferner Zukunft mit der neuen Venus entstehen und schließlich mit einem spirituellen Allbewusstsein, während der Entwicklungsphase des Vulkan, schließlich zu seiner Vervollkommnung finden.

Die Gestaltung der elementarischen Reiche

Und so wie diese Bewusstseinsentwicklung des Menschen einher geht mit einer Entwicklung auf planetarisch-makrokosmischer Ebene, verkörpert sich immer zugleich auf mikrokosmischer Ebene das was, auf sieben Stufen, etwa auch zur Entwicklung unseres menschlichen Leibes führte:

  1. Im ersten Elementarreich war die Welt noch formlos, worin jedoch »Gedankenkeime« die Veranlagungen zur Formbildung lieferten.
  2. Im zweiten Elementarreich wurden Töne und Klänge (Schwingungen) durch die Gesetze der Numerologie geordnet.
  3. Das dritte Elementarreich war der Ursprung des Feuers und des Lichts (Farben).
  4. Das Mineralreich bildete dann kristalline Substanzen aus, sowohl in Form chemischer Elemente wie Diamant (Kohlenstoff-Modifikation), Gold, Silber, Schwefel, Silicium, etc., als auch natürlicher Mineralien wie Quarzen, Feldspaten und anderen Kristallen.
  5. Im Pflanzenreich entstanden daraus alle Lebensformen der Flora.
  6. Das Tierreich brachte die Lebensformen der Fauna hervor.
  7. Und schließlich formte sich im Menschenreich die Welt unserer Spezies.

Diese letzte Stufe des Menschseins in der Welt, enthält wiederum eine siebenfältig gegliederte Evolutionskette, worin sich der Mensch in ferner Vergangenheit auf der Erde, aus einem vollkommen geistigen Wesen zu dem heutigen Menschen entwickelte. Doch die Evolution ist damit keineswegs abgeschlossen, sondern wird sich, gemäß anthroposophischer Lehren, noch in höherer Form weiterentwickeln.

Entwicklungsphasen menschlicher Existenz

Auf sieben Ebenen menschlicher Evolution entstanden während verschiedener Zeitabschnitte der Erdentwicklung verschiedene Formen menschlicher Existenz auf unserem Planeten. In der sogenannten Polarischen Zeit lebten die Menschen als noch gänzlich körperlose, astralische Wesen. Das war ein Zustand der gewiss auf etwas hindeutet, worüber vor sehr langer Zeit bereits die Priester des alten Chaldäa hinwiesen. Jener Mensch war noch nicht das, wofür das Wort zu seiner Bezeichnung heute verwendet wird. Doch im theosophischen Gebrauch wird das Konzept vom Menschsein eben viel weiter gefasst, als das, wie es etwa die moderne Biologie in ihrer uns allen bekannten Weise darstellt.

Der Polarischen folgte die Hyperboräische Zeit. Da verdichtete sich der Körper des ursprünglich rein geistigen Menschen, in eine ätherische Form, in einen »Lebensleib« der wie aus Fasern feinster elektrischer Ladungen zusammengesetzt war, jedoch noch ohne Geschlecht war.

In der Lemurischen Zeit begannen die Menschenseelen dann in irdischen Körpern zu inkarnieren, die durch die in vorheriger Zeit gebildeten, ätherischen Körper belebt wurden, doch außerdem mit einer Blutzirkulation ausgestattet waren. Es war jene Entwicklungsphase der Menschen, als sie begannen ihren nächsten Verwandten auf der Erde, den Affen, zu ähneln (vergleiche etwa das lateinische Wort »Lemures«, das eine biologische Teilordnung der Primaten bezeichnet). Allerdings unterschieden sie sich von jenen, wegen ihres aufrechten Ganges. Damals aber verfügten Menschen noch nicht über ein Bewusstsein für Sprache. Man kommunizierte aber bereits durch gegenseitigem Gedankenaustausch.

Dann schließlich, in der Atlantischen Zeit, begannen die Menschen sich miteinander durch Worte zu verständigen. Im Gegensatz zu heute verfügte diese alte Menschenrasse aber noch über ein natürliches Hellsehen. Der Körper war noch weich und knorpelig und der Äther-Körper strahlte noch weit über die Grenzen des physischen Leibes hinaus.

Heute leben wir laut Anthroposophie in der sogenannten Nachatlantischen Zeit (eine Formulierung die Steiner natürlich aus der Theosophie Blavatskys übernommen hatte). Wir Menschen haben jetzt durch die Entwicklung unserer Sprache und unseren vielfältigen Umgang mit der irdischen, materiellen Welt, unsere vorerst dichteste Körperlichkeit entwickelt. Da ist unsere Seele ganz fest von einem Leib umgeben. Ein Bewusstsein für die Existenz einer Seele zu entwickeln, fällt den meisten Menschen darum schwer.

In der zukünftigen, sogenannten »sechsten Wurzelrasse«, werden sich die Geister der Menschen scheiden, in eine gute und eine böse Menschheit, wo, in einem Krieg aller gegen alle, die nachatlantische Epoche, das heißt also unsere jetzige Welt, zu Grunde gehen wird. In der Offenbarung des Johannes (Neues Testament) ist die Rede vom »Sechsten Siegel«, wo der »Himmel auf die Erde stürzt«, laut Steiner sich die Erde wieder mit dem Mond vereinigt und sich die Menschheit aus ihrem körperlichen in einen ätherischen Zustand zurückentwickelt. Hier muss hinzugefügt werden, dass Steiners Sicht auf diesen sechsten Zustand der Menschheitsentwicklung gewiss recht eigen ist, doch, mit seinem Bezug auf die neutestamentarische Offenbarung Johanni, gewiss einen interessanten, vor seiner Zeit nicht dagewesenen Aspekt beleuchtet.

Mit der siebten Wurzelrasse dann soll schließlich auch unsere Welt ein Ende finden, wo nämlich die Erde (wieder) in die Sonne eintritt und sich damit die Existenz irgendgearteter Menschenkörper auflöst.

Wie bereits angedeutet hatte Rudolf Steiner seine ganz eigene Version dieser Entwicklungsstufen und besprach sie auf einer viel weiteren Ebene, als etwa die Moderne Theosophie. Es geht bei ihm auch um den engen Zusammenhang mit dem planetarischen Wandel unseres Sonnensystems, der, wie eben dargestellt, mit der Entwicklung des Menschen eng verwoben ist. Zwar gibt es bei Steiner eine genauere Zeitliche Einordnung, wo bereits im Jahr 7893 n. Chr. der Mond in die Erde eintreten soll, was aus gegenwärtig astronomischer Einschätzung aber wohl gänzlich unsinnig erscheinen dürfte.

Es sollte darum in Steiners System der Menschheitsentwicklung wohl auch ein ausgeprägt symbolischer Faktor mit in Erwägung gezogen werden. Auch die noch feinere zeitliche Gliederung der Menschheit in sieben Kulturepochen (Urindisch, Urpersisch, Äyptisch-Chaldäisch, Griechisch-Lateinisch, Germanisch-Angelsächsisch, Slawisch, Amerikanisch), ist ein intellektuelles Gebilde Rudolf Steiners Anthroposophie, das anscheinend ein Schema liefern sollte für eine chronologische Abfolge kosmischer Entwicklungsstadien, was er auch auf die menschliche Kulturentwicklung übertragen wollte.

Wesensglieder des Menschen - ewigeweisheit.de

Die Wesensglieder des Menschen (Bild: Quelle Anthrowiki, Lizenz CC BY-SA 3.0).

Praktische Anwendung esoterischen Wissens

Es scheint als hätte Rudolf Steiner mit seinen ausführlichen Systemen, wie den eben dargestellten, versucht eine universale Organisationsstruktur für sowohl eine Esoterik des Makrokosmos als auch des Mikrokosmos zu liefern. Und auf solch einem zusammenhängenden Gebilde errichtete er die praktische Anwendung seiner anthroposophischen Lehren, die aber bis heute noch ihren besonderen Zweck wirksam erfüllen. Was das bedeutet, dazu später mehr.

Wenn auch im übertragenen Sinne war für Rudolf Steiner eine gesunde, organische Entwicklung des Menschen nur dann möglich, wenn er in seinen Wunsch, die Welt rein intellektuell-wissenschaftlich zu verstehen, noch die emotionale Ebene, die »Herz-Ebene« integrierte. Nur so würde laut Rudolf Steiner eine Grundlage gegeben, aus der sich eine für die Menschheit positive Zukunft entwickeln kann.

In der Anthroposophie geht es jedoch nicht wie in der Philosophie, allein nur um die geistige Fortentwicklung. Rudolf Steiner versuchte aus dieser Entwicklung außerdem einen praktischen Nutzen abzuleiten, der der Menschheit tatsächlich zu ihrem Wohlbefinden in der Zukunft verhelfen sollte.

Was durch die Arbeit der Theosophischen Gesellschaft um die Jahrhundertwende vom 19. auf das 20. Jahrhundert vorbereitet wurde, sollte die Praxis der Anthroposophie auch einem praktischen Zweck zuführen. Nur so, glaubte Steiner, wäre esoterisches Wissen tatsächlich für den Einzelnen von Vorteil. Damit allein hätte er die Möglichkeit sich und sein Leben in der Welt frei und unabhängig zu gestalten.

Entwicklung höherer Seelenfähigkeiten

In diesem Streben aber setzte Rudolf Steiner seinen Lesern und Schülern nicht etwa nur Behauptungen vor, die er, einem Seher gleich, in Visionen als absolute Wahrheiten vorsetzte. Eher wollte er seinen Mitmenschen bei der Entwicklung dieser Fähigkeit auch behilflich sein, das heißt Anleitungen liefern, anhand derer esoterisches, inneres Wissen praktisch im äußeren Leben wirksam integriert werden kann.

Er setzte voraus dass jeder Mensch dazu in der Lage sei auch selbst eine »übersinnliche Welterkenntnis« zu entwickeln und damit auch den Grund dafür erkennen, wer er ist und wozu er sein Leben weiterentwickeln muss, damit er dem eigentlichen Seelenauftrag seiner Inkarnation auf Erden gerecht werde. Ein vielleicht etwas überdimensioniertes Ziel, sicher aber mit dem Nebeneffekt manche bereits höher entwickelte Geistesschüler in ihrer spirituellen Entfaltung zu unterstützen.

Ab 1904 begann er seine Lehre ausführlich für seine Leser darzulegen. Steiner setzte dabei voraus, dass jeder Mensch die Fähigkeit besäße, über das normale physiologisch-biologisch veranlagte Sinnesbewusstsein auch »höhere Sinne« zu entwickeln, über die er selbst die Seelenwelt und die Welt der Spiritualität, schauend wahrnehmen und erforschen könne.

Es schlummern in jedem Menschen Fähigkeiten, durch die er sich Erkenntnisse über höhere Welten erwerben kann. Der Mystiker, der Gnostiker, der Theosoph sprachen stets von einer Seelen- und einer Geisterwelt, die für sie ebenso vorhanden sind wie diejenige, die man mit physischen Augen sehen, mit physischen Händen betasten kann. Der Zuhörer darf sich in jedem Augenblicke sagen: wovon dieser spricht, kann ich auch erfahren, wenn ich gewisse Kräfte in mir entwickele, die heute noch in mir schlummern. Es kann sich nur darum handeln, wie man es anzufangen hat, um solche Fähigkeiten in sich zu entwickeln.

- Aus Rudolf Steiners Buch »Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?«

Eine Anleitung hierzu entwickelte Rudolf Steiner 1905 in seinem Buch »Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?«. In dieser Sammlung anthroposophischer Aufsätze führt er den Leser in praktische Übungen ein, womit ihm die Ausbildung höherer Sinneswerkzeuge gelingen soll.

In einer vorbereitenden Phase soll der Geistesschüler dabei ein Gewahrsein entwickeln, eine Achtsamkeit, für das was um ihn geschieht. In einer weiteren Phase dann soll er das Selbe tun für jene Erscheinungen, die sich ihm aus seiner inneren Seelen- und Gedankenwelt zu erkennen geben. Doch Rudolf Steiner weist auch ausdrücklich darauf hin, dass es nicht darum geht sich endlos in Details zu versenken und dabei dem Wesentlichen verlustig zu gehen.

Zu betonen ist, dass der Geheimforscher sich nicht in ein Nachsinnen verlieren soll, was dieses oder jenes Ding bedeutet. Durch solche Verstandesarbeit bringt er sich nur von dem rechten Wege ab. Er soll frisch, mit gesundem Sinne, mit scharfer Beobachtungsgabe in die Sinnenwelt sehen und dann sich seinen Gefühlen überlassen.

- Aus dem Buch »Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?«

Mit diesen Anleitungen wollte er dem Individuum helfen das Wesen der esoterischen Wissenschaften praktisch zu erfahren. Seine Leser sollten lernen auf ihre Gedanken und Gefühle ebenso zu achten, wie sie das eben intuitiv auch als Kleinkinder taten, als sie die ersten Schritte über den Boden unserer irdischen Welt zum ersten Mal alleine wagten.

So wie der Mensch als Kind die Gesetze der physischen Welt erlernt, so wird der Schüler der Geheimwissenschaft den höheren Welten näher gebracht, um sich darin ebenso frei bewegen zu können, wie sich sein Körper in der physischen Welt zu bewegen vermag.

In seiner Arbeit ging es Rudolf Steiner eben darum, die Menschen an ihr innerstes Wesen heranzuführen, damit sie bemerken, dass in ihnen besondere Veranlagungen schlummern, die sich regelrecht danach sehnen endlich erweckt zu werden. Das sind Teile der menschlichen Existenz als Ganzes, und nicht nur das, wovon die Wissenschaft ausgeht, in ihrer Zweiteilung in Geistiges und Körperliches. Eher erlangt jemand, der die Meisterschaft dieser Entwicklung vollbringt, auch Fähigkeiten höher geartete Anteile seines Seins, wie auch niedrigere Wesensanteile zu erkennen und dann auch aus dieser Bewusstwerdung heraus befähigt in die Welt zu schauen.

Wichtig bei solchen Übungen aber bleibt, eine gewisse Vorsicht einzuhalten. Auch darauf verwies Rudolf Steiner ganz deutlich. Viel zu oft nämlich eröffnen sich dem Anfänger auf dem geistigen Pfad zugleich viele Wege, die ihn dazu verleiten alles auf einmal auf sich einwirken lassen zu wollen. Das die Geheimlehren aber stets nur im Verborgenen besprochen wurden, das hat einen Grund:

Es ist notwendig, dass der Mensch, der Geheimschüler wird, nichts verliere von seinen Eigenschaften als edler, guter und für alles physisch Wirkliche empfänglicher Mensch. Er muss im Gegenteile seine moralische Kraft, seine innere Lauterkeit, seine Beobachtungsgabe während der Geheimschülerschaft fortwährend steigern. Um ein Einzelnes zu erwähnen: Während der elementaren Erleuchtungsübungen muss der Geheimschüler dafür sorgen, dass er sein Mitgefühl für die Menschen- und Tierwelt, seinen Sinn für Schönheit der Natur immerfort vergrößere. Sorgt er nicht dafür, so stumpfen sich jenes Gefühl und dieser Sinn durch solche Übungen fortwährend ab. Das Herz würde hart, der Sinn stumpf. Und das müsste zu gefährlichen Ergebnissen führen.

- Aus dem Buch »Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?«

 

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Das Buch des Dzyan

Das Buch des Dzyan

Vor sehr langer Zeit entstand im alten Tibet ein Dichtung aus acht Stanzen (Strophen). Sie bildeten die Grundlage für Helena P. Blavatskys Hautwerk »Die Geheimlehre«, dass sie als Kommentar zu dem uralten »Buch des Dzyan« verfasste. »Dzyan« ist ein Wort aus dem Sanskrit und eine andere Form des Begriffes »Dhyana«: einer Meditation, um höhere Bewusstseinszustände zu erreichen.

Leider ist nicht endgültig geklärt wo sich dieses Buch als Original heute befindet oder ob es überhaupt (noch) existiert. Laut der Theosophischen Gesellschaft fand Blavatsky diese Schrift aus grauer Vorzeit, auf einer weiteren Reise nach Tibet, die sie 1868 in Begleitung von Mahatma Morya unternahm.

Eine okkulte Bruderschaft verwahrte die Texte anscheinend im Geheimen, um sie vor nicht-eingeweihten Augen zu schützen. Des Weiteren ist außergewöhnlich an diesem Buch des Dzyan, dass es in einer heiligen Sprache verfasst wurde, die in keinem Verzeichnis als Sprache oder Dialekt geführt wird , noch irgend ein Philologe davon wüsste: Senzar - eine Mysteriensprache, die nur den eingeweihten Adepten auf unserem Planeten geläufig ist.

In ihrem Buch »Entschleierte Isis« beschreibt Blavatsky das Senzar als antike Form des Sanskrit. Und doch auch sollen Wurzeln dieser eigentümlichen Sprache in Ägypten zu finden sein, sowie an anderen Orten. Immer wieder wies Helena Blavatsky darauf hin, dass Mysterienwissen niemals an die Öffentlichkeit gelangen darf. Und so also sollte auch der Ursprung des Senzar ein Geheimnis bleiben, auch wenn sie dieser Sprache öffentlich zugestand, wie auch anderen Geheimnissen, das sie aus einer gemeinsamen Wurzel aller Dinge auf Erden entstand.

Die erste Überlieferung esoterischer Glaubenslehren basiert auf Stanzen (Strophen) eines Volkes, das der ethnologischen Wissenschaft unbekannt ist. Es wird behauptet, dass sie (die Stanzen) in einer Sprache geschrieben wurden, für die keine philologische Fachbezeichnung bekannt ist. Es heißt über sie, sie würden einer Quelle entspringen, deren Existenz die Wissenschaft leugnet. Schließlich wird jene Instanz durch die sie (die Stanzen des Buches des Dzyan) uns geboten wurden, in unserer Welt unablässig in schlechten Ruf gebracht, von all jenen die unliebsame Wahrheiten hassen [...]. Aus diesem Grund muss mit der Ablehnung dieser Lehren gerechnet und das darum im Vorhinein auch akzeptiert werden. Da sich niemand selbst als »Gelehrten« bezeichnet, ganz gleich aus welchem Wissenschaftszweig, soll darum ebenso gestattet sein das diese Lehren ernst genommen werden.

- Aus der Geheimlehre, Teil 1

Das Tibetische Kiu-Te

Das Buch des Dzyan wurde als erster Band einer Kommentare-Sammlung des Buches »Kiu-Te« verfasst, einem Sammelband von sieben geheimen Pergamenten.

Es gibt fünfunddreißig Bände des Kiu-te, die für exoterische Zwecke und für Laien verfasst wurden und in Besitz tibetischer Gelugpa-Lamas sind (Gelugpa ist die eine der vier Hauptschulen des tibetischen Diamantweg-Buddhismus sind, des Vajrayana). Man findet sie in den Bibliotheken eines jeden Klosters. Und es gibt darüber hinaus auch vierzehn Bände mit Kommentaren und Anmerkungen von eingeweihten Lehrern, die über das selbe Thema schrieben.

Strenggenommen könnte man diese fünfundreißig Bücher als »Popularausgabe« der Geheimlehre (Blavatskys Hauptwerk) werten, mit all ihren Mythen, Umschreibungen und Irrtümern. Andererseits enthalten die (anderen) vierzehn Kommentar-Bände – mit ihren Übertragungen, Anmerkungen und ihrem umfangreichen Glossar okkulter Begriffe, die aus einem kleinen, sehr alten Pergament stammen, dem Buch der Geheimen Weisheit der Welt – eine Übersicht über alle okkulten Wissenschaften.

Anscheinend werden diese (vierzehn Bände) für sich im Geheimen aufbewahrt und sind in der Obhut des Taschi-Lama von Shigatse (in Tibet). Die Bücher des Kiu-Te stammen aus vergleichsweise jüngerer Zeit. Sie wurden innerhalb des letzten Jahrtausends bearbeitet, obgleich seine frühesten Kommentar-Bände unsagbar alt sein dürften.

- Aus Blavatskys Gesammelten Schriftwerken, Band XIV

Das Kiu-Te wird von anderen Gelehrten heute auch »Rgyud-Dse« genannt, das Teil einer riesigen Schriftsammlung Buddhistischer Tantra-Lehren ist. Doch bei alle dem bisher Gesagten, driften die Meinungen über den Ursprung des Buches des Dzyan weit außeinander, spreizen sich die Vermutungen über seine Herkunft doch von Fernost bis nach Europa und werden dem chinesischen Tao ebenso zugeschrieben wie der jüdischen Kabbala.

Was Blavatsky dort in Tibet auch gefunden haben mag erinnert an das, was in anderen Zusammenhängen etwa als »Akasha-Chronik«, die »Tabula Smaragdina« oder anderswo als die »Wohlverwahrte Tafel« bezeichnet wurde.

Auszug aus dem Buch des Dzyan

1. Strophe

1. Die ewige Mutter, gehüllt in ihre immer unsichtbaren Gewande, hatte wieder einmal während sieben Ewigkeiten geschlummert.
2. Es gab keine Zeit, denn sie lag schlafend in dem unendlichen Schoße der Dauer.
3. Das Universalgemüt war nicht vorhanden, denn es gab keine Ah-hi, es zu erhalten.
4. Die sieben Wege zur Seligkeit existierten nicht. Die großen Ursachen des Leidens waren nicht vorhanden, denn es war niemand da, sie hervorzubringen oder in sie verstrickt zu werden.
5. Dunkelheit allein erfüllte das unendliche All, denn Vater, Mutter und Sohn waren wieder einmal Eins, und der Sohn war noch nicht erwacht für das neue Rad und seine Wohnung auf demselben.
6. Die sieben erhabenen Beherrscher und die sieben Wahrheiten hatten aufgehört zu sein. Und das Weltall, der Sohn der Notwendigkeit, war in Paranishpanna untergetaucht, um wieder ausgeatmet zu werden von dem, das ist und dennoch nicht ist. Nichts war.
7. Die Ursachen des Daseins waren beseitigt, »das Sichtbare, das war, und das Unsichtbare, das ist, ruhten in dem großen Nichtsein, - dem Einen Sein«.

 

Die Mahatma-Briefe und das Erbe Helena Blavatskys

Die Mahatma-Briefe und das Erbe Helena Blavatskys

Ein Großteil des Werkes von Helena Blavatsky beschäftigt sich mit den alten spirituellen Traditionen Indiens. Blavatsky ging davon aus, dass von dort die Grundzüge aller philsophisch-religiösen Systeme überliefert wurden, die sogar zurückreichen in eine Zeit, als es noch kein Schrifttum gab.

Mahatma-Brief – ewigeweisheit.de

Fotografie des Hauptgebäudes der Theosophischen Gesellschaft im indischen Adyar, in der Nähe von Madras (Chennai) aus dem Jahr 1890.

Auch als Konsequenz dessen besuchten 1879 Blavatsky und Olcott Indien – einem Land voller Widersprüche wo die alte Kultur Fernosts auf die westliche Kultur zu prallen schien, die mit dem Britischen Kolonialismus auf den riesigen Subkontinent kam.

Nach langen Reisen durch Indien, gründeten Blavatsky und Olcott dann den neuen Hauptsitz der Theosophischen Gesellschaft in Adyar, einem Stadtteil von Madras, dem heutigen Chennai, im indischen Bundesstaat Tamil Nadu.

Madame Blavatsky war jedoch ganz und gar nicht vorbereitet auf das alltägliche Leben in diesem geheimnisvollen Land. Es fiel ihr schwer sich einzufinden, denn sie war sich nicht über die Verhältnisse bewusst. Sie schockierte der Umgang Angehöriger der Britischen Kolonialherren mit den dort lebenden Indern. Wahrscheinlich begegnete sie Einheimischen darum mit einer fast aufdringlichen Freundlichkeit. Nicht etwa das der Theosophischen Gesellschaft in Indien neue Mitglieder fehlten. Die Inder fühlten sich von Blavatskys Art anscheinend geschmeichelt, ausnahmsweise so sehr von einer Europäerin umworben zu werden.

Blavatsky und Olcott verstanden es eine besondere Sicht auf die Dinge zu entwickeln, in diesem für uns heute wohl doch eher chaotisch erscheinenden Land. Ende des 19. Jahrhunderts waren so große Metropolen wie etwa Madras sehr eindrucksvoll, doch nicht nur im angenehmen Sinne. Dennoch verspürten die beiden Theosophen hinter all dem Schmutz und Trubel in dieser Stadt zum ersten Mal eine Faszination, ja man könnte bald sagen »Magie«, etwas das sie bisher noch an keinem anderen Ort empfunden hatten. Sie wussten dass da etwas war das auch andere Menschen anziehen könnte, wenn sie nur davon erfahren würden.

Was Blavatsky insbesondere in ihren Schriften über das Land an Indus und Ganges mit anderen Menschen teilte, war nicht nur die Nation Indien als ein geografisches Gebiet auf der Landkarte. Eher beschrieb sie die Mentalität dort, wenn man so will, als einen Bewusstseinszustand. Sowas mag ungewöhnlich klingen. Wer sich aber mit der alt-vedischen Tradition Indiens befasst hat dürfte das Land und seine Bewohner dort einfach anders warnehmen, da ihm bewusst ist, von welch hoher Bedeutung es in Wirklichkeit damals auch für unsere Zivilisation im Westen war.

Für Blavatsky gab es in vorhistorischer Zeit, vor der biblischen Geschichte Adams, in Indien bereits eine Hochzivilisation. Durch indische Initiierte kam ein Mysterienwissen zuerst nach Persien, von dort nach Ägypten, wo es durch die Hierophanten an die Kultur der Israeliten weitergegeben wurde. Zu diesen etwa gehörte ja auch der jüdische Prophet Moses, der zwar in Ägypten geboren, doch ausgesetzt und als solcher Waise gefunden, von einer Pharaonentochter großgezogen wurde. Die jüdischen Priesterphilosophen aber sollten das alte Mysterienwissen schließlich an die Griechen und diese an die Weisen der römischen Kultur weiterreichen, so dass es sich von dort aus in der ganzen alten Welt Afrikas und Europas verbreitete. So zumindest beschreibt es Helena Blavatsky im ersten und zweiten Band ihrer Entschleierten Isis.

Wohl nicht ganz ohne Grund reisen auch heute spirituell gesinnte Menschen nach Indien, weil sie sich Erleuchtungsmomente erhoffen, und sich darum auch in einer besonderen inneren Haltung dorthin begeben, in der Erwartung dort besonders magische Augenblicke zu erfahren (ich selbst verbrachte aus diesem Grund 1995 zwei Monate auf einer langen Reise durch Indien).

Übernatürliche Fähigkeiten Helena Blavatskys

In seinem Buch »Die Okkulte Welt«, beschrieb der damals in Indien arbeitende, englische Zeitungsredakteur Alfred Percy Sinnet (1840-1921) einige Phänomene, die er und andere in Madame Blavatskys Gegenwart erlebten. Sie trugen dazu bei dass Sinnet von Blavatsky und der Theosophischen Gesellschaft in Adyar erfuhr.

Die Erscheinungen okkulter Phänomene und Wunderwerke hatten schon immer den Effekt, dass sie viel Aufmerksamkeit erregten. Man schaue sich dafür nur die Berichte der Heiligen Bücher an, die etwa von den Wunderwerken Jesu, Mose oder aber von Krishna oder Buddha berichten. Nicht aber gelingt es jenen die diese Phänomene beobachten, sie auch selbst ausführen oder heraufbeschwören zu können. Eher ist es so, dass Anwesende, Zeugen solcher Phänomene werden und sie dann eben schriftlich niederlegen. Das aber wurde ja zu den Überlieferungen, die es heute über die großen Weisen und Propheten der Vorzeit gibt. Helena Blavatsky aber schien ein Kanal für solch übernatürliche Wirkungen zu sein, etwas, dass man eben besonderen spirituellen Medien nachsagt, die in Séancen (spiritistischen Sitzungen) auch Phänomene hervorzubringen vermögen.

Stellen wir uns nun einmal vor, eine Gruppe von Menschen setzte sich gemeinsam mit einem spiritistischen Medium um einen Holztisch. Dabei legen alle ihre geöffneten Handflächen auf die Tischplatte. Laut Sinnet kann man dabei allmählich ein leichtes Knacken im Holz vernehmen, vorausgesetzt es wurde eine bestimmte Frage gestellt. Denn das Knacken signalisiert eine Antwort. Ziel einer solchen Séance ist etwa mit den Geistern Verstorbener zu kommunizieren.

Sinnet erschien nun seltsam, dass er in seinen Beobachtungen solche Phänomene wiederholt auch bei Helena Blavatsky feststellen konnte.

Madame Blavatsky legt ihre Hände auf einen Tisch und man hört ein Knarren. Ein Besserwisser würde vielleicht behaupten sie verursache das mit ihren Fingernägeln. Doch auch wenn sie nur eine Hand auf den Tisch legt kann man das Knarren vernehmen. Verbirgt sie etwa eine Vorrichtung dazu unter ihrer Hand? Sie hebt ihre Hände über die Tischplatte in die Luft, doch das Knarren ist immer noch da. Hat sie mit dem Tisch vorher etwas angestellt? Sie legt ihre Hand an einen Fensterrahmen, an den Rahmen eines Gemäldes oder dutzend andere hölzerne Gegenstände im Raum und jedes mal hört man dieses eigenartige Knarren. Wurde das ganze Haus dafür vorbereitet? In einem halben Dutzend anderer Häuser in Simla (Stadt in Nordindien, wohin Blavatsky Sinnet begleitete) vermag sie dieses Knarren zu erzeugen. […] Sie legt einem die Hände auf den Kopf und aus ihren ruhig darauf liegenden Fingern scheinen nach einer Minute elektrische Stromstöße zu kommen. Stünde einer daneben so hörte er jenes Knacken nun sogar im Schädel des Behandelten.

-Zitiert aus Alfred Percy Sinnets Buch »Die Okkulte Welt«

Diesen oder anderen okkulten Kräften liegt ein besonderes Geheimnis zu Grunde. Allein mit geistiger Willenskraft können in der physischen Welt wahrnehmbare Phänomene erzeugt werden und man sieht, aus Perspektive des Okkultismus, das die ihnen zu Grunde liegenden Gesetzmäßigkeiten auch erklärt werden können.

Gleichzeitig wäre es allerdings sinnlos zu versuchen solche Phänomene wissenschaftlich erklären zu wollen. Alfred Percy Sinnet versuchte in seinen Untersuchungen aber stets jede Möglichkeit der Trickserei auszuschließen. Er kam jedoch zu dem Schluss, dass diese Phänomene gar nicht nur durch Madame Blavatskys Fähigkeiten erschienen, sondern sie stets in Verbindung mit den Mahatmas wirkte. Sie schienen ihren Körper als Instrument, als Vehikel zu benutzen. Nicht aber um so lächerliche Erscheinungen wie ein Knacken in Holz zu verursachen, sondern weil sie durch Blavatsky höhere Ziele verwirklichen wollten. Es klingt sicherlich vermessen doch aus Sicht der Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft, könnte man die rätselhaften Wunder die Blavatsky während ihrer Zeit in Indien vollbrachte, in etwa mit jenen Phänomenen vergleichen, wo eben Propheten oder andere Eingeweihte als Instrumente des Göttlichen, Ähnliches auf Erden vollbrachten – mit dem Ziel die Aufmerksamkeit Uneingeweihter zu erregen, sie dadurch aber zu sensibilisieren für die Einflüsse höherer Absichten (die Bibel ist voll mit solchen Berichten, wo Moses etwa das Manna empfängt, das Schilfmeer teilt, eine Schlange in einen Stock verwandelt und damit eine Quelle aus dem Fels hervorbrechen lässt und so weiter).

Dennoch soll hier betont bleiben, dass Blavatsky nicht in solch religiöser Absicht von den Mahatmas als Medium eingesetzt wurde, sondern eher zu einem bald schon gegenteiligen Zweck.

Brief von Serapis Bey an Colonel Olcott - ewigeweisheit.de

Brief von Serapis Bey an Colonel Olcott.

Aus den Briefen der Mahatmas

Während Blavatskys Forschungsreisen in Tibet, wusste ihre Familie nichts über ihr Verbleiben. Eines Tages erhielt eine Tante von ihr, die damals in Odessa lebte, eine Madame Fadíve, einen in französischer Sprache abgefassten Brief. Ein asiatisch aussehender Bote übergab ihr den Schrieb persönlich und verschwand alsdann gleich wieder. Darin heißt es:

Für die vornehmen Verwandten von Madame H. Blavatsky besteht keineswegs Grund zur Trauer. Ihre Tochter und Nichte hat diese Welt keineswegs verlassen. Sie lebt und wünscht denen die sie lieben zu wissen, dass sie wohl auf ist und sich einen fernen und unbekannten Rückzugsort erwählte. Sie war sehr krank, doch ist wieder gesund; dem Schutze des Herrn Sanggyas verdankend (vermutlich abgeleitet vom sanskr. »Sannyasin«, dem Titel für einen Asketen) fand sie ergebene Freunde, die sich um sie körperlich wie seelisch kümmern. Mögen die Damen des Hauses sich darum beruhigen. Bevor 18 Neumonde aufgingen, soll sie zu ihrer Familie zurückgekehrt sein.

-1. Mahatma-Brief von Meister Kuthumi

In späteren Jahren, als sich Blavatsky und Olcott in den Vereinigten Staaten kennengelernt und entschieden hatten die Theosophische Gesellschaft zu gründen, empfing auch Olcott solche Briefe. Ihre Absender waren jedoch die Meister der Bruderschaft von Luxor. Daher vielleicht auch Olcotts Vorschlag, der neuen Gründung den Titel »Ägyptologische Gesellschaft« zu geben. Seltsam an den Briefen der Brüder von Luxor war, dass die Schrift der Absender in eine Art schwarzes Papier eingeprägt gewesen zu sein schienen (siehe Abb.).

Auf all diesen eigenartigen Schriftstücken sah man außerdem esoterische Symbole verschiedenster Art. Eine Abschriften-Sammlung dieser Schriftstücke, legte 1919 der damalige Vize-Präsident der Theosophischen Gesellschaft C. Jinarajadasa an, in seinem Buch: »Letters from the Masters of Wisdom« (Briefe der Meister der Weisheit). Ihm war durchaus bewusst, dass dieser sagenhaften Gruppe von Meistern (Mahatmas) ohne Zweifel an der Gründung der Theosophischen Gesellschaft gelegen haben musste.

Als Oberhaupt der Bruderschaft von Luxor fällt der Name »Serapis Bey«, sowie »Tuitit Bey«, die anfänglich ganz maßgeblich zur Gründung der Theosophischen Gesellschaft inspiriert haben sollen.

Bruder Neophyt, wir grüßen Euch. Wer uns sucht der findet uns. Wage es! Beruhige Dein Denken – verbanne allen verdorbenen Zweifel. Wir wachen über unsere frommen Krieger. Schwester Helena ist eine tapfere, vertrauenswürdige Dienerin. Öffne Deinen Geist der Überzeugung, glaube nur, so wird sie Dich ans Goldene Tor der Wahrheit führen. Weder Schwert noch Feuer fürchtet sie, ihre Seele aber verspürt alle Ehrlosigkeit und sie hat allen Grund der Zukunft zu misstrauen. Unser guter Bruder »John« hatte wahrlich hastig gehandelt, meinte es aber gut. Sohn der Welt, wenn du sie beide hörst: Wage es!

-3. Mahatma-Brief von Tuitit Bey

Dieser Brief richtete Mahatma Tuitit an Colonel Olcott. Wie in diesem tauchte das »Wage es!« auch in anderen Mahatma-Briefen an Colonel Olcott immer und immer wieder auf.

Wer von den Mahatma-Briefen schon einmal gehört hat, dürfte insbesondere die Namen Morya, Meister M., und Kuthumi, Meister K. H., verbinden. Sie beide sind laut der Theosophischen Gesellschaft Adepten der Bruderschaft von Tibet. Zumal sich die Briefe dieser »aufgestiegenen Meister« in der British Library in London einsehen lassen, scheint es sich hierbei nicht um reinen Unfug zu handeln, sondern etwas, dass schon seit Jahrzehnten Literaturwissenschaftler, Chirografen und Typografen interessiert. Darauf wollen wir weiter unten noch einmal näher eingehen. Ich selbst hatte die Gelegenheit die Originalbriefe in der British Library zu begutachten und zu erkennen, dass es sich um Originale handelt.

Diese Briefe auf jeden Fall kamen in die Hände ihrer Empfänger immer wieder auf andere Weise. Mal ganz normal als Briefpost, doch manifestierten sich auch wie ein Niederschlag auf oder in Briefpapier. Wer darum zum ersten Mal von den Mahatmas und ihren Briefen hört, wird sich freilich wundern, denn es sind sehr ungewöhnliche Dinge, die im Zusammenhand mit diesen Mahatma-Briefen geschehen; so kurios, dass sie fast schon absurd erscheinen. So heißt es etwa, dass sich die Mahatma-Briefe angeblich plötzlich materiell aus dem Nichts manifestieren.  Wer sich länger mit den Mahatma-Briefen und der Theosophischen Gesellschaft befasst hat, dem wird nach und nach klar, dass es sich hierbei um weit mehr als nur eine Erfindung handeln muss. Allein schon die Größenordnung der Menge in der die Briefe erschienen, dürften schwerlich nur aus den Federn der damals noch kleinen Gruppe von Theosophen, auf so ungewöhnliche Weise zu Papier gebracht worden sein.

Die Art und Weise wie die Mahatma-Briefe verfertigt sind bleibt bis heute ein Rätsel. Trotz dass sie handschriftlich abgefasst wurden findet man in der Papierfassung der Briefe nirgendwo verschmierte Tinte, was bei handgeschriebenen Briefen ja eigentlich Gang und Gäbe wäre.

Mahatma-Brief – ewigeweisheit.de

Ausschnitt aus einem Mahatma-Brief Kuthumis (K. H.).

Laut Madame Blavatsky entstanden diese Schriften auf überirdische Art, wo einer der Mahatmas mit einem auserwählten Chela (Schüler) in Kontakt trat. Sobald ein Mahatma wünschte dass ein solcher Brief übermittelt wird, signalisierte er manchmal dem erwählten Chela mental die Begriffe die dafür verfasst werden sollen. Der Chela handelt dann als lebendiger Kanal des Wortes, während seine Hände die empfangene Botschaft auf das Papier schreiben. So soll durch ihn die Nachricht des Mahatma auf Papier übertragen werden können. Je klarer das Bewusstsein des Chela für seinen Mahatma, desto klarer vermochte er auch den Text der Briefe zu übertragen. Ein Großteil der Briefe wurde auf diese Weise geschrieben.

Nun ist aber das eigentlich Skurrile an den Mahatma-Briefen dass sie mal entweder in das Trägerpapier eingeprägt oder darin ausgefällt erschienen. Mit »eingeprägt« ist eine tatsächliche, innerhalb des Papiers erscheinend geschriebene Tinte gemeint, die aber nicht auf der Ober- oder Rückseite der Papierseite erscheint, sondern sich de facto im Papier selbst befindet. Jene Briefe aber, bei denen die handgeschriebenen Zeilen quasi auf das tragende Papier ausfällt wurden, sich also in Form von Pigmenten darauf manifestierte, fällt bei mikroskopischer Untersuchung auf, dass die Schreibschrift aus winzigen diagonalen Linien besteht.

Ein Großteil der Mahatma-Briefe von Meister M. und Meister K. H. richteten sich an Alfred Percy Sinnet (1923 veröffentlicht im Buch »Die Mahatma-Briefe an A.P. Sinnett«, übersetzt aus dem englischen Originaltitel »The Mahatma Letters to A.P. Sinnett«). Gemäß der Lehren der Theosophischen Gesellschaft, entstanden diese Briefe zwischen 1880 und 1884.

Der Hodgson-Bericht: Ein Versuch die Theosophische Gesellschaft zu diffamieren

Aus heutiger, oberflächlich wissenschaftlicher Sicht aber mag jemand behaupten dass all das nur Schwindel sei, auch ohne sich jemals mit dem eigentlichen Inhalt der Mahatma-Briefe auseinander gesetzt zu haben. Denn freilich waren diese Schriftstücke nicht nur in eigentümlicher Weise verfertigt, sondern enthielten ebenfalls einen außerordentlichen Sinngehalt. Trotzdem: schon als Blavatsky in Indien lebte und wirkte, gruppierte sich ein Kreis, der an ihr und der Echtheit ihres Werkes zweifelte.

Blavatsky hatte 1871 in Kairo das Ehepaar Emma und Alexis Coulomb kennengelernt. Später kamen beide nach Indien und waren, nach einer gescheiterten Geschäftsgründung, vollkommen pleite. Blavatsky aber half und bot ihnen eine Stellung an, im Theosophischen Zentrum in Adyar. Doch die von ihnen zu verrichtenden Arbeiten schienen weit unter ihrem Niveau gelegen zu haben, was sie Helena Blavatsky wohl insgeheim sehr übelnahmen. So kam es dass sich die Coulombs nicht allzu lange später mit einer Gruppe christlicher Missionare in Indien zusammentaten, mit dem Ziel Blavatsky in Misskredit zu bringen.

Wenig später wurde von jemandem ein ausführlicher Bericht der Society for Psychical Research (Gesellschaft für Parapsychologische Forschung) beauftragt. Diese Gesellschaft war ein 1882 in London gegründeten Verein zur Erforschung parapsychologischer Phänomene.

Diesen Bericht nun, der Blavatsky und die Theosophie schwer belasten sollte, verfasste ein Kritiker im Feld der Parapsychologie: der Australier Richard Hodgson (1855-1905). Er besuchte im November 1884 das Hauptquartier der Theosophischen Gesellschaft in Adyar. Das Ehepaar Coulombs hatten ihn ziemlich hereingelegt, so dass er fest davon überzeugt war, dass die von Blavatsky erzeugten Phänomene, sowie auch die Mahatma-Briefe, nichts als Schwindel und Betrug seien. Das führte zu einem internationalen Skandal, was zur Folge hatte, dass der Hodgson-Bericht verschiedenen Buchautoren und Journalisten über viele Jahre dabei half, dem Ruf der Theosophischen Gesellschaft wirklich zu schaden.

Gleichzeitig aber gab es zahlreiche Menschen die belegen konnten, dass Hodgons in seinem Bericht, einfach keine wirklichen Beleggründe für eine Fälschung der Mahatma-Briefe vorlegen konnte. Doch das reichte nicht, um den verursachten Schaden zu beheben. Und so waren die Konsequenzen aus diesem Vorfall wirklich schwerwiegend, und sollten ganz wesentlich dazu beitragen dass Madame Blavatskys schließlich Indien für immer verlassen sollte.

Schon damals fühlte sie sich aber auch aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr wohl in dem Land. Sie litt schon seit langer Zeit an einer Nierenkrankheit, die sich nach ihrer Rückkehr nach Europa, leider noch weiter verschlimmerte.

Die Geheimlehre

Im März 1885 reiste Madame Blavatsky zurück nach Europa. Nachdem sie sich von einer anderen, längeren Krankheit in Italien erholt hatte, begann sie ihr umfangreichstes, bekanntestes und wohl auch wichtigstes Werk zu verfassen: Die Geheimlehre – erschienen als Kommentar zu dem geheimnisvollen »Buch des Dzyan«. Dieses Werk umfasst vier Bände:

  • Band I: Kosmogenesis – die Entstehung des Kosmos. Hierin erklärt Blavatsky den Ursprung und den Verlauf der Evolution des Universums. Sie stützte sich dabei auf die hinduistischen Vorstellungen über die zyklischen Entwicklungskreisläufe, zwischen Perioden der Aktivität, den sogenannten »Manvantaras«, und Perioden der Passivität, den »Pralayas«. Jedes Manvantara erstreckt sich über viele Millonen Jahre und setzt sich aus einer genauen Anzahl von »Yugas« (Zeitalter) zusammen.
  • Band II: Anthropogenesis – die Entstehung der Menschheit. Blavatsky schrieb in diesem Teil ihrer Geheimlehre über die Ursprünge der Menschheit und führte den Begriff der »Wurzelrassen« ein. Das Wort »Rasse« darf hier aber nur im übertragenen Sinne verstanden werden. Was Blavatsky nämlich meinte waren Entwicklungsperioden der Menschheit und weniger die Unterscheidungen von Menschentypen. Die erste von sieben Wurzelrassen war noch unstofflich und ätherisch. Die zweite Wurzelrasse besaß zwar einen Körper, war aber geschlechtslos. Sie lebte auf dem Kontinent Hyperboräa. Die dritte Wurzelrasse lebte in Lemurien und entwickelte sich mit der vierten Wurzelrasse zu dem, was auf dem sagenhaften Kontinent Atlantis leben, doch untergehen sollte. Die heutige Menschheit bezeichnete Blavatsky als die Arier.
    Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass aus gegenwärtiger Sicht, besonders nach den Verbrechen der Nazis im Zweiten Weltkrieg, Blavatskys Anthropogenesis mit solchen Begriffen bei vielen Menschen vielleicht Unmut stiftet. Besonders solche Begriffe wie »Wurzelrasse« oder »Arier« sind in Deutschland mit Vorsicht zu genießen. In jüngeren, deutschen Übersetzungen der Geheimlehre, wurde darum auf den Begriff »Rasse« verzichtet und stattdessen das Wort »Menschheit« verwendet, was von ihr eigentlich auch so gemeint war. »Arier« sind eigentlich die Nachfahren des persischen Propheten Zarathustra, die heute überwiegend in Indien und im Iran (etymologisch »Land der Arier«) leben.
  • Band III: Esoterik. Dieser und der vierte Band wurden zwar von Blavatsky vorbereitet, doch erst nach ihrem Tod zusammengestellt und veröffentlicht, von ihrer Schülerin Annie Besant (1847-1933), einer wichtigen Person in der Geschichte der Theosophischen Gesellschaft.
  • Band IV: Index-Band.

Mit ihrer Geheimlehre schuf Helena Blavatsky eine Synthese von Wissenschaft, Religion und Philosophie und damit die Grundlage für die moderne Theosophie. Dieses Buch gilt als eines der monumentalen Standardwerke moderner Esoterik und bildet eine der einflussreichsten Auslegungen und Erörterungen von Mythologie, antikem Schrifttum und geheimwissenschaftlichen Vorstellungen. Die Theosophin Annie Besant schrieb über Blavatskys Geheimlehre:

Als ich Seite um Seite des Buches durchblätterte, fesselte es immer mehr meine Aufmerksamkeit. Doch was ich darin fand erschien mir vertraut. Mein Geist schien den Schlussfolgerungen vorauszueilen, so natürlich kam es mir vor, so stimmig, so subtil und doch so einleuchtend. Ich war wie geblendet von dem Licht, in dem die darin vorgelegten Fakten analysiert und als Teil eines Ganzen gesehen wurden. All mein Rätseln, meine Verwirrung und meine Probleme, schienen sich aufzulösen. Die verbleibende Wirkung kam mir teilweise vor wie ein Trugbild, aus dem erst später alles langsam wieder entwirrt und mein Gehirn sich erst allmählich wieder an das anpassen musste, was meine zu schnell vermutete Intuition als Wahrheit begreifen wollte. Doch das Licht das ich darin sah blieb und in diesem Erleuchtungsmoment wusste ich, dass meine so ermüdende Suche nun vorüber war und ich die Wahrheit gefunden hatte.

-Annie Besant über die Geheimlehre in ihrer Autobiografie

Annie Besant, Henry S. Olcott und William Q. Judge – ewigeweisheit.de

Annie Besant, Henry S. Olcott und William Q. Judge 1891 in London - nicht lange nach dem Tod Helena Blavatskys.

Blavatskys Erbe

Nach langer, schwerer Krankheit erlag Helena Petrovna Blavatsky ihren Schmerzen. Am 8. Mai 1891 verstarb sie in London im Kreise ihrer engsten Vertrauten. Ihre Freunde und Schüler hatten von nun an die Aufgabe, die Ziele und Absichten Blavatskys fortzuführen, die sie in ihren Büchern verewigt hatte.

Was sie in ihrem Schriftwerk hervorbrachte sollte im Großen und Ganzen jedem Menschen verfügbar gemacht werden, war es ihr doch ein zentrales Anliegen die Erkenntnisfähigkeit des Menschen zu fördern.

Das Wort »Theosophie« ist heute vielen Menschen ein Begriff, selbst wenn sie die Lehren und Vorstellungen der Theosophischen Gesellschaft nicht kennen. Zurückblickend auf die vergangenen hundert Jahre nach Blavatskys Tod aber, scheint sich ihre Hoffnung nur sehr, sehr langsam verwirklicht zu haben. Es ist eben auch schwer festzustellen, welchen Einfluss Blavatskys Werk besonders auf die Entscheidungsträger unseres Planeten nahm. Fest steht aber dass sich zumindest in intellektuellen Kreisen und in der Politik, seitdem ein gewisses Bewusstsein entwickelt hat, hinsichtlich einer mitfühlenden Haltung gegenüber Menschen in unserer Gesellschaft, denen anscheinend weniger Chancen gegeben sind, als anderen.

Grundsätzlich lässt sich über Madame Blavatskys Werk sagen, dass sie insbesondere sieben Hauptziele in ihrer Arbeit als Schriftstellerin und Initiatorin der Theosophischen Gesellschaft verfolgte:

  1. Sie wollte bewusst machen, dass damals (und auch heute noch) ein Kreis von Adepten lebt und als Diener der Menschheit aus dem Verborgenen wirkt. Die Weisheit dieser Adepten wurzelt in den geistigen Welten grauer Vorzeit. Damit aber wollen sie den Menschen in ihrer individuellen Weiterentwicklung helfen, um wie sie, dereinst selbst Wesen tugendhafter Güte zu werden.
  2. Der Mensch als spirituelles Wesen ist unsterblich, da ein Teil in ihm als universaler, göttlicher Geistes strahlt – so wie auch in allen anderen Wesen der Natur.
  3. Blavatsky wollte darauf hinweisen, dass es nicht veränderbare, universale Gesetze im Kosmos gibt, die kein Wesen übertreten kann, ganz gleich wie gewaltig und groß es auch sein mag.
  4. In ihrem Schriftwerk zeigte sie wie die Zivilisationen der Erde einst kamen und wieder verschwanden, wovon auch die gegenwärtige Zivilisation nur Gegenstand einer bestimmten Periode ist.
  5. Jene kosmischen Gesetzmäßigkeiten äußern sich auch im Leben des Einzelnen, der von Natur aus mit einem grundsätzlichen Sinn für Tugendhaftigkeit und einer menschlichen Intuition ausgestattet ist. Das ist der Schlüssel auf dem Weg zu spirituellem Fortschritt.
  6. Blavatsky zeigte, dass es außerhalb der physischen, körperlich-erfahrbaren Welt, auch unsichtbare Bereiche des Seins gibt, wie sie etwa als Astral- oder Ätherkörper bestehen.
  7. Außerdem machte sie auf etwas aufmerksam, dass im Hinduismus und Buddhismus das Gesetz des moralischen Ausgleichs genannt wird – das Karma. Die Seele des Menschen wird immer wieder in einem neuen, vollkommen anderen Körper geboren (Reinkarnation), mit dem Zweck die Essenz seines Menschseins im Evolutionsprozess anzutreiben. Blavatsky wollte damit insbesondere darauf hinweisen, das es in jedes Menschen eigener Verantwortung steht, seine Bestimmung zu erfüllen und sein Schicksal entsprechend selbst zu gestalten.

Blavatskys Theosophie beschreibt die Evolution als eine Entwicklung des Bewusstseins. Das bildet den eigentlichen Grund allen lebendigen Daseins, als Ergebnis seiner eigenen Erfahrungen und Erlebnisse.

Glücklicherweise gibt es eine universale Bruderschaft auf Erden (zu der im Übrigen sämtliche Propheten, Heiligen, Mystiker und Philosophen aller Religionen und Kulturen zählen), deren Mitglieder jedem Menschen auf seinem Lebensweg und in seinen Entscheidungen assistieren – solange der Betroffene nur die Fähigkeit entwickeln will, seinen Glauben nach und nach, geduldig in eine vollkommene Gewissheit zu transformieren.

 

Die wahren Adepten der Theosophischen Gesellschaft

Die wahren Adepten der Theosophischen Gesellschaft

Ein Mahatma ist ein Adept höchsten Ranges und bedeutet wörtlich »Große Seele«. Mahatmas sind aufgestiegene Wesen, die die Triebe ihrer niederen Seelenanteile vollkommen geläutert haben und damit nicht mehr den »Versuchungen des Fleisches« unterliegen. Sie verfügen über ein höheres Wissen und Kräfte, entsprechend der hochentwickelten spirituellen Ebene, auf denen sie handeln. Man nennt sie »Arhats«, Adepten die alle Gier, Hass und Verblendung vollständig abgelegt haben.

Helena Blavatsky, sowie andere Mitglieder der von ihr gegründeten Theosophischen Gesellschaft, standen mit solchen Arhats in Verbindung. Die einen zählten zu einer Bruderschaft von Tibet, die andere gehörten der ägyptischen Bruderschaft von Luxor an. Über die Mahatmas dieser Bruderschaften erfahren wir im Laufe dieses Textes aber noch mehr.

Von den Mahatmas auf jeden Fall, erhielten Blavatsky und andere Theosophen letztendlich die Weisungen, die ihr gesamtes Handeln bestimmen sollten. Auch ihre Reisen habe Blavatsky aus einem bestimmten Grund angetreten: Sie wurde angewiesen von einem Mahatma mit dem Namen »Morya«. Von ihm erhielt sie wahrscheinlich im Frühling 1851 ihren besonderen Auftrag.

Als sie damals mit einer Freundin die Weltausstellung in London besuchen wollte, begegnete sie diesem eigentümlichen Menschen auf einem Spaziergang. Das geschah zu ihrem großen Erstaunen, denn sie erkannte diesen indischen Edelmann wieder. Er war ihr in ihren Visionen als junges Mädchen erschienen und stand nun vor ihr, umgeben von anderen indischen Adligen. Sogleich wollte sie auf ihn zugehen, doch er gab ihr einen Wink, dass das nicht der richtige Zeitpunkt sei. Er hatte sie also ebenfall erkannt.

Am kommenden Tag striff Blavatsky durch die verschlungenen Wege im Londoner Hyde Park. Da erschien ihr der Prinz auf einmal wieder. Er schien sich zu freuen sie wieder zu sehen und das hatte einen Grund: er nämlich wollte ihr den Auftrag erteilen, damit sie ihn in einer höheren Mission unterstütze. Und das sollte schließlich zur Gründung der Theosophischen Gesellschaft führen, mit dem erhabenen Ziel im Westen ein spirituelles Erwachen auf den Weg zu bringen.

Die Entschleierte Isis

Von ihrem Meister erfuhr sie nun also was ihre nächsten Schritte seien. Morya forderte sie auf für einige Zeit nach Tibet zu reisen – seine Heimat. In diesem fernen Hochland in Zentralasien, sollte sie besondere Erfahrungen machen, man könnte sagen eine Initiation in die Mysterien durchleben.

Helena Blavatsky und Henry Olcott – ewigeweisheit.de

Die Gründer der Theosophischen Gesellschaft: Helena P. Blavatsky und Colonel Henry Steel Olcott im Jahr 1888.

Seit dieser Begegnung, bis in die 1870er Jahre, verbrachte Helena Blavatsky damit, all das viele Wissen und die zahlreich gemachten Erfahrungen zu sammeln, die schließlich die Grundlage werden sollten für ihr 1877 in New York veröffentlichtes Buch: »Die Entschleierte Isis – ein Meisterschlüssel zu den Mysterien der alten sowie modernen Wissenschaft und Theologie« (englischer Originaltitel: »Isis Unveiled – A Master Key to the Mysteries of Ancient and Modern Science and Theology«). Dieses Buch gilt als Blavatskys kritische Antwort auf einen wachsenden Materialismus, den man sowohl in der Wissenschaft wie auch in religiösen Institutionen antraf. Kernthema ihres Werkes aber war ein Versuch die Grundlagen für eine moderne Theosophie zu schaffen.

Dieses Buch ist unterteilt in zwei Bände:

  • Band I: »Unfehlbarkeit der modernen Wissenschaft«. Hierin bespricht Blavatsky die okkulten Wissenschaften und verborgene und unbekannte Naturkräfte, wozu etwa Elementale, spiritistische Phänomene, und die inneren und äußeren Geheimnisse des Menschsein gehören.
  • Band II: »Theologie«. Im zweiten Band versucht Blavatsky Ähnlichkeiten hervorzuheben von orientalisch-religiösen Schriften (aus Buddhismus, Hinduismus, den Veden und Zoroastrismus) und den Christlichen Lehren. Dabei folgt es einer aus der Renaissance stammenden Vorstellung von einer Prisca Theologia, die davon ausgeht, dass alle Religionen der Erde eine gemeinsame Wurzel haben.

Nachdem die Entschleierte Isis Ende September 1877 veröffentlicht wurde, war das Buch bereits nach zehn Tagen vergriffen. Bis heute wurde es wahrscheinlich mehr als eine halbe Million mal verkauft.

Die Inspirationsquelle dieses Buch aber überhaupt zu schreiben, dafür nannte Blavatsky ihren sagenhafter Guru: Meister Morya.

Gehüllt in einen Mantel des Schweigens

Nie sprach Blavatsky viel über ihre Reisen und verriet auch keine genauen Details über Aufenthaltsorte oder die Personen, die ihr auf ihren Expeditionen begegneten. Worüber sie nicht mit anderen sprach schien sie jedoch, zumindest teilweise, in ihren Büchern zu »entschleiern«. Das mag auch der Grund sein, dass es bis heute in Kreisen der Theosophischen Gesellschaft üblich ist, über die Verwendung der Initialen H. P. B. auch über Helena Petrovna Blavatsky zu sprechen, was im Übrigen ja auch für die Mahatmas gilt, die selbst ja ihre Briefe, auf die wir später noch genauer eingehen wollen, mit ihren Initialen unterzeichneten. Doch auch zeitgenössische theosophische Autoren tendieren dazu, Initialen statt ihrem vollen Namen zu verwenden.

Der Grund das Blavatsky diese Kürzel verwendete oder auch Orte geheimhielt, war einfach: Sie wollte vermeiden, dass sich andere in die Nähe jener Regionen begeben, um dort ihren Mahatmas nachzustellen.

Blavatskys Auftrag, den sie von den Mahatmas erhielt, lag alleine darin, jene esoterische Bruderschaft zu gründen die eine moderne Theosophie auf den Weg bringen und in besonderen Logen interessierte Menschen unterrichten sollte.

Kritiker aber unterstellen Blavatsky gerne, dass all das nur ihre Erfindungen gewesen sind und sie nur deshalb nicht über die Orte sprechen wollte, die sie auf ihren Reisen besuchte, weil sie dort niemals gewesen ist. Auch die Menschen, deren Namen sie meist mit einem Buchstaben abkürzte (wie etwa der mysteriöse Mr. K.), waren laut ihrer Kritiker nichts als Erdichtungen ihrer ausgeprägten Fantasie. Bei alle dem steht trotzdem fest: Blavatsky hatte sich einem Treueschwur der Verschwiegenheit verpflichtet. Und das bedeutete bewusst Namen, Daten und Orte zu verschlüsseln oder abzukürzen. Nicht aber um etwas vor ihren Lesern zwanghaft zu verbergen, als vielmehr zu vermeiden, dass die Quellen des Unbeschreiblichen ungeschützt von jenen aufgesucht wurden, die nicht darauf vorbereitet waren und denen möglicherweise die nötige Verantwortung für einen gebührenden Umgang damit fehlte.

Die Gründung der Theosophischen Gesellschaft

Meister Morya beauftragte Ende Juni 1873 Helena Blavatsky nach New York zu reisen. Noch im selben Jahr machte sie sich auf den Weg. Als ihre Schiff im Hafen der Stadt landete, war sie jedoch fast mittellos. Ihr Vater, der sie über die Jahre ihrer Wanderschaft unterstützt hatte, war nicht lange zuvor verstorben.

Blavatsky aber war ihrer mediumistischen Fähigkeiten gewahr und entschied nun über diesen Weg auch an Geld zu kommen, zumindest aber mit Leuten Kontakt aufzunehmen, über die sie ihre Grundversorgung sicherstellen konnte. So kam sie zu einem gewissen Colonel Olcott, einem wichtigen Fachmann, der über solche Themen wie Spiritismus und Hellseherei in amerikanischen Zeitungen schrieb.

Henry Steel Olcott (1832-1907) war eigentlich Rechtsanwalt, den man wegen seines im Amerikanischen Sezessionskrieg erworbenen militärischen Titels, einfach nur Colonel Olcott nannte. Er war bekennender Buddhist – zu damaliger Zeit in den Vereinigten Staaten eher ungewöhnlich.

Als nun Blavatsky nach New York kam, befand sich Olcott gerade in Chittenden, etwa 400 km nördlich der Stadt. Er schrieb dort über die »Eddy Brothers« (William und Horatio Eddy), die in den 1870er Jahren in Amerika als spiritistische Medien berühmt wurden. Im August 1874 erschienen seine Forschungsergebnisse in einem Artikel der »New York Sun« und in »The Daily Graphic«. Diese Veröffentlichungen gelesen, wollte ihn Helena Blavatsky unbedingt kennenlernen und fuhr also nach Chittenden.

Olcott war damals ein alleinstehender Mann, etwa ein Jahr jünger als sie. Sie schloss sich ihm mit etwas affektierter Schüchternheit an. Über ihre angeblichen medialen Fähigkeiten aber amüsierte sich Olcott insgeheim. Das aber geschah aus reiner Sympathie. So freundeten sich die beiden in den folgenden Monaten an und schon bald veröffentlichte auch Blavatsky in den Vereinigten Staaten ihre ersten Schriften.

Später besuchte sie ein Freund Olcotts in New York: William Quan Judge (1851-1896). Auch er war Rechtsanwalt, der aber wegen seiner Neugierde für Geheimlehren schon sehr früh Kontakt hatte zu freimaurerischen Kreisen – was im Übrigen auch für Olcott galt. Als Judge nun im August 1875 Olcott und Blavatsky in New York besuchte, freundeten sie sich an. Er sollte später Blavatsky den Anstoß dazu geben, eine Gesellschaft zu gründen, die sich allein dem Studium der Geheimwissenschaften widmet. Judge sollte zu ihren größten Bewunderern werden, so dass die beiden bald auch eine tiefe Freundschaft verband.

Über Blavatsky erfuhr er auch von den Mahatmas. Ihre Theosophie war nichts das etwa nur aus ihrem eigenen Geiste kam, sondern bezog sich auf das, was ihr von den Mahatmas vermittelt und sie von ihnen als Auftrag erhalten hatte. Nicht also war es Blavatsky, sondern es waren die Mahatmas, die die moderne Theosophische Bewegung initiierten. Sie sollten Blavatsky, Olcott und Judge, als ihre getreuen Gefolgsleute dann auch zur Gründung der Theosophischen Gesellschaft in New York bewegen.

Der Begriff »Theosophie« ist natürlich älter als die damals danach benannte Gesellschaft. Aber erst durch Blavatskys Schriften wurde dieses Wort wieder ins Gedächtnis der Menschen gerufen, die damit ein vorgegebenes Fundament schuf, aus dem dann das entstand, was man heute als die »Moderne Theosophie« bezeichnet.

An sich aber steht das Wort Theosophie für die Göttliche Weisheit »Theo Sophia«, die als Geistesdisziplin mitunter im Neuplatonismus des 3. Jahrhunderts n. Chr. wurzelt. Letztendlich ließen sich die Ursprünge dieser spirituellen Geisteswissenschaft wohl in einer Zeit vermuten, als die Menschen noch gar keine Bücher besaßen, wo Weisheit allein mündlich von Meister zum Schüler weitergegeben wurde. Damit liegen die Ursprünge der Theosophischen Tradition in grauer Vorzeit, seitdem Menschen auf diesem Planeten wandeln.

Siegel der Theosophischen Gesellschaft Adyar – ewigeweisheit.de

Das Siegel der Theosophischen Gesellschaft Adyar mit der Maxime: Keine Religion höher als die Wahrheit. Zur Symbolik: Der Kreis ist Symbol des Unendlichen, das Weltenei der Kosmogonie. Die Swastika (Sonnenrad) im Kreis stellt die Kräfte in der Natur während des Evolutionsprozesses dar. Die Uroboros-Schlange symbolisiert den zyklischen Prozess der Manifestation des ewigen Lebens. Innen sieht man zwei Dreiecke die sich im sechseckigen Stern der Vollkommenheit einen: das schwarze steht für die Materie, das weiße für den Geist. Darin befindet sich das alt-ägyptische Ankh, dass sich aus einem Kreis (absolut Göttliches) und einem T-Kreuz (irdisch-materielles) zusammensetzt. Das Aum-Symbol endlich, dass das Siegel krönt, steht für den Logos: Urwort des Kosmos.

Ziel der Mahatmas, der Meister, wie sie auch genannt werden, war eine Neubelebung der uralten Weisheiten der Menschheit, in der Dämmerung eines neuen Zeitalters (etwa jenem Konzept, über das man in entsprechenden Kreisen der New-Age-Bewegung, als »Zeitalter des Wassermanns« spricht). Das zentrale Konzept dieser Bestrebungen war die Vorstellung eines einigen, göttlichen Absoluten, aus dem sich einst das Universum bildete. Die Theosophie der Mahatmas lehrt, dass die Aufgabe der Menschen auf Erden darin besteht, eine spirituelle Emanzipation zu vollziehen – einer durch wiederholte Reinkarnation erfolgende Veredelung der menschlichen Seele, gemäß den Gesetzen des Karma – dem fernöstlich-spirituellen Konzept der Vorsehung.

Wichtig für die moderne Theosophie sind aber auch der Glaube an eine universale Verbrüderung, was letztendlich zur Verbesserung der Gesellschaftlichen Verhältnisse führen soll – auch wenn in der Theosophischen Gesellschaft dazu niemals ethische Gebote festgelegt wurden.

In solch einem spirituell-geistigen Umfeld formulierten Blavatsky, Olcott und Judge, die Statuten einer neuen Gesellschaft, die mit den folgenden drei Hauptziele aufgestellt werden sollten:

  1. Den Kern einer universellen Bruderschaft der Menschheit zu bilden, ohne Unterschied von Herkunft, Glaube, Geschlecht und Hautfarbe,
  2. zum Studium der vergleichenden Religionswissenschaft, Philosophie und Naturwissenschaften anzuregen und
  3. ungeklärte Naturgesetze und im Menschen verborgene Kräfte zu erforschen.

Am 17. November 1875 wurde die Theosophische Gesellschaft offiziell in New York gegründet. Blavatsky aber wollte dabei auf jeden Fall vermeiden, dass die neu gegründete Gesellschaft in irgend einer Form mit einer Religion verwechselt werden könnte. Die Mitglieder, ganz gleich welchen Standes oder Glaubens sie waren, brauchten also keinen neuen, allgemeingültigen Dogmen zustimmen, noch irgendwelche Glaubensbekenntnisse formulieren oder gar verbreiten. Sie wollte damit eben vermeiden, dass die Theosophische Gesellschaft eine sektenähnliche Bewegung würde, auch wenn Blavatsky das bis heute, durch das Verhalten mancher Mitglieder der Gesellschaft, anscheinend nicht ganz vermeiden konnte.

Es ging Blavatsky und ihren Anhängern eher darum eine Organisation zu gründen, deren Statuten sich an der demokratischen Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika orientierte, worauf ja gewiss das erste Hauptziel der Theosophischen Gesellschaft hindeutet. Ihr war irgendwie auch klar, dass sie Colonel Olcott nicht zufällig begegnet war, repräsentierte er doch das, was die Grundlagen einer verfassungskonformen Führung von Menschen bedeutet. So kam Olcott schließlich auch zu seinem Amt als erster Präsident der Theosophischen Gesellschaft. Schließlich war er als Jurist vertraut mit dem Rechtssystem des Landes, in dem die Gesellschaft gegründet wurde. Doch auch seine Verbindungen zu Freimaurerischen Kreisen, sollten dabei eine gewisse Rolle spielen.

Helena Blavatskys Aufgabe war ihren Mitmenschen eine zeitgenössische Theosophie zu überliefern. Durch Henry Olcott aber kam es zur formalen Gründung der Gesellschaft. Blavatsky war doch alles andere als ein Organisationstalent. Sie verkörperte die theosophische Lehre an sich, dass was sie später in ihren Hauptwerken ihren Mitmenschen entbot: die Entschleierte Isis und später ihr Hauptwerk: die »Geheimlehre« (1888). Hiermit wollte sie alte Weisheitslehren so aufbereiten, dass sie auch den Erwartungen moderner Gemüter entsprachen.

Blavatskys Arbeit als Schriftstellerin war gewiss eine ganz eigene Art literarischen Schaffens. Mit ihren beiden, eben erwähnten Hauptwerken schuf sie quasi eine Zusammenfassung dessen, was an klassischem Wissen der Spiritualität, Mythologie, Magie, Mystik, Religion und Philosophie, jemals niedergeschrieben wurde. Bei alle dem aber, darf man sich unter der damaligen Theosophischen Gesellschaft nicht etwa einen gewöhnlichen Verein vorstellen. Durch ihre enge Verbindung zu den Lehren der Bruderschaft von Luxor ließ sich die Gesellschaft in ihren Anfängen, sehr gut als »Ägyptische Schule für Okkultismus« bezeichnen. Nicht zufällig empfahl Olcott noch vor der Gründung die Organisation »Ägyptologische Gesellschaft« zu taufen.

Das war damals das Ergebnis und der Inhalt unserer Lehre, was zeigt, wie unglaublich weit H. P. B. und ich davon entfernt waren an so etwas wie Reinkarnation zu glauben.

-Oclott 1893 in der Zeitschrift »The Theosohist«

Wegbereiterin für eine Moderne Spiritualität

von Johan von Kirschner

Helena P. Blavatsky - ewigeweisheit.de

Wer zum ersten Mal mit dem Werk der Theosophin Helena P. Blavatsky in Berührung kommt den dürfte die Fülle der von ihr hervorgebrachten Themen zur Esoterik tatsächlich verblüffen. Kaum einer vor ihr hat zu so vielen verschiedenen okkulten Wissensgebieten geforscht und noch weniger haben ihre Ergebnisse dann auch als schriftliches Gesamtkompendium herausgebracht.

Bei alle dem ist es aber nicht leicht die Bücher Blavatskys zu lesen und auch zu verstehen. In Anbetracht der Tatsache des gewaltigen Umfangs an Inhalten, reicht es den meisten modernen Theosophen darum aus, sich allein mit dem Werk Helena Blavatskys zu befassen. Vielen Esoterikern gelten ihre Bücher als wahre Inspirationquelle. Heute existieren zudem viele Arbeiten, die die Inhalte in Blavatskys Hauptwerk »Die Geheimlehre« zu kategorisieren versuchen, und dem darin enthaltene esoterischen Wissen eine gewisse Ordnung verleihen. Für einen heutigen Leser eine sicherlich praktische Herangehensweise speziell für jene, die Blavatskys esoterische Literatur auch wirklich begreifen möchten. Zu diesen Autoren zählen sicherlich Annie Besant, Ernest Wood, Gottfried von Purucker oder Geoffrey Baborka.

Gewiss lebten sie alle, und streng genommen auch Helena Blavatsky selbst, in einem Zeitalter, wo das Denken der Epoche, Ratio und technischer Fortschritt bestimmten. Zu Zeiten Blavatskys erlebten die Naturwissenschaften eine bis dahin nicht dagewesenen Glanzzeit. Was aber damals der Durchschnitt als Aberglauben belächelte – kurz: Die Okkulten Wissenschaften – erlebte ebenfalls eine neue Blüte, ja sie nahmen sogar einen noch wichtigeren Platz ein im Denken einer aufstrebenden Moderne.

Die alte esoterische Lehre der jüdischen Kabbala wurde für viele wieder ebenso interessant, wie sich auch ganz neue Forschungsgruppen den alten Mysterien widmeten, die sich in Buddhismus, Vedanta und anderen orientalischen Philosophien entdecken lassen. Man studierte die Eigenschaften des Spirituellen, wandte sich der Untersuchung von Telepathie zu, erprobte Geistheilung und versuchte Licht ins Dunkel anderer übersinnlicher Phänomene zu bringen. Man könnte gewiss behaupten, dass sich in dieser Zeit eine geistige Bewegung im Westen entwickelte, die in der New-Age-Bewegung am Ende des 20. Jahrhunderts ihren vorläufigen Höhepunkt erreichen sollte.

Das war die Zeit als in okkulten Zirkeln plötzlich über eine Frau gesprochen wurde, deren Namen auf beiden Seiten des Atlantik von sich reden machte.

Die Reisen einer jungen, wissbegierigen Frau

Am 12. August 1831 kam in Jekaterinoslaw, im Russischen Zarenreich (heute Ukraine), ein sonderbares Mädchen zur Welt: Helena Petrovna von Hahn-Rottenstein. Ihre Kindheit verbrachte sie viel allein. Aus Sicht eines Spiritisten aber war die junge Helena Petrovna ganz und gar nicht einsam. Sie spielte zwar nicht mit Kindern, sondern, so die Legende, mit Wassergeistern und anderen Naturdämonen. Sicherlich trug zu ihrem merkwürdigen Verhalten als Kind der frühe Tod ihrer Mutter bei, die sie im Alter von 11 Jahren verloren hatte. Laut dem englischen Schriftsteller Alfred Percy Sinnett (1840-1921), besuchte sie bereits damals jene »Mahatmas« aus dem fernen Tibet, die in der Theosophischen Gesellschaft schlicht als die »Meister« beschrieben werden. Mehr darüber später.

1849 heiratete sie den sehr viel älteren General Nikifor Vladimirovich Blavatsky (*1810), lebte aber nur etwa drei Monate mit ihm zusammen und das keineswegs als Ehefrau. Sie nämlich drängte der Wunsch nach etwas Größerem, nach einem Abenteuer. Sie wollte auszureißen, ihre gewöhnliche Umgebung hinter sich lassen und sich auf eine Reise zu den Quellen der spirituellen Kulturen begeben, um den Weisheiten in West und Ost zu begegnen.

Als es im Juli 1849 zu Handgreiflichkeiten zwischen ihr und ihrem Ehemann kam, ergriff sie die Flucht und begab sich, nachdem sie kurze Zeit bei Freunden Unterschlupf gefunden hatte, auf eine abenteuerliche Expedition. Erste wichtige Station darauf war Istanbul, damals Hauptstadt des Osmanischen Reichs. Die Metropole am Bosporus erreichte sie über das Schwarze Meer. Von dort aus setzte sie ihre Forschungsreise in den kommenden neun Jahren fort. Sie kam nach Ägypten, nach Griechenland und später auch an andere Orte Ost-Europas.

Unterwegs lernte sie die Gräfin Sofia Kiselyova kennen – eine Adlige über die allerdings nichts weiter bekannt ist. Sie aber sollte, für das damals gerade mal 18-jährige Mädchen, zu einer engen Vertrauten und Freundin werden. Mit ihr nämlich setzte die junge Mademoiselle Blavatsky ihre Reisen fort. All das tat sie mit dem Geld ihres Vaters, mit dem sie insgeheim weiter Kontakt hielt, während ihre restlichen Verwandten nichts von ihren Unternehmungen wussten. Es sollten zehn Jahre vergehen bis sie die dann schon erwachsene Helena wiedersehen sollten.

Die Hermetische Bruderschaft von Luxor

1850 kam die junge Blavatsky mit ihrer Begleiterin nach Ägypten, wo sie lange Zeit damit verbrachte nach Orten zu suchen, wo sich Gelehrte aufhalten, die über okkultes Wissen verfügen. Im Kairoer Stadtteil Bulaq traf sie einen alten koptischen Gelehrten, ein recht wohlhabender Ägypter mit griechischen Wurzeln: Paulos Metamon. Man munkelte er sei ein Meister der Magie, dem ganz unglaubliche Fähigkeiten nachgesagt wurden. Anscheinend glaubte er in Blavatsky eine Schülerin gefunden zu haben. Empfänglich nahm sie das Wissen ihres neuen Lehrers ganz in sich auf. Sie schloss sich seiner Geheimschule an und traf ihn auch in späteren Jahren immer wieder. Es ist nicht ganz auszuschließen, dass Metamon auf die junge Dame aus Russland einen ganz wesentlichen Einfluss ausübte, wobei aber sicherlich noch andere, geheimnisvollere Kräfte mitwirkten.

Ein gebürtiger Jude polnischer Herkunft namens Max Théon (1848-1927), war selbst zuvor Schüler des Kopten Metamon. Nach Reisen durch Europa gründete Théon 1870 in London die Hermetische Bruderschaft von Luxor – einen esoterischen Orden, der später ganz erheblichen Einfluss auf den westlichen Okkultismus ausüben sollte. Insbesondere die praktischen Komponenten seiner Lehren sollte für die westliche Mysterien-Tradition von großer Bedeutung werden. Es heißt Max Théon sei auch Helena Blavatsky begegnet. Angeblich weihte er sie seinerzeit ein, in die Geheimlehren seiner Bruderschaft.

Auf dieser Grundlage sollte Blavatsky wahrscheinlich später in Kairo die »Société Spirite« gegründet haben: eine Gesellschaft zur Untersuchung übersinnlicher Erscheinungen. Auch das Emblem der Theosophischen Gesellschaft ähnelt in gewisser Weise jenem der Hermetischen Bruderschaft von Luxor (vergl. Abb.).

Sich ähnelnde Embleme: Burderschaft von Luxor, Helena P. Blavatsky, Theosophische Gesellschaft – ewigeweisheit.de

Sich ähnelnde Symbole: Links das alte Emblem der Hermetischen Bruderschaft von Luxor, in der Mitte das Emblem Helena P. Blavatskys und rechts das bis heute verwendete Emblem der Theosophischen Gesellschaft (in Deutschland darf die Gesellschaft das darin enthaltene Swastika allerdings nicht abbilden).

Blavatskys Eifer zu reisen riss hier aber nicht ab. Im Jahr 1851, nach ihrer Zeit in Ägypten, setzte sie ihre Reisen fort und kam nach Paris – einer Stadt die sich damals noch zur wichtigsten Weltmetropole entwickeln sollte. Sie traf dort auf verschiedene berühmte Literaten ihrer Zeit. Damals identifizierte sie außerdem ihre übersinnlichen Fähigkeiten.

Aber auch wenn sie in Paris vielleicht Gleichgesinnte traf, sollte es sie nicht davon abhalten nun doch auch nach London weiter zu reisen.

Hier traf sie zum ersten mal jenen geheimnisvollen Inder, der ihr in ihren Kindheitsvisionen immer wieder begegnet war: Meister Morya. Er sollte sie mit einem besonderen Auftrag vertraut machen, den sie jedoch nur antreten könne, wenn sie ihre Reise in Tibet fortsetze. Im Herbst des selben Jahres 1851 dann kam Helena Blavatsky nach Kanada, um in Quebec auf dort lebende Indianer zu treffen. Von dort aus setzte sie ihre Reise fort nach New York, kam später nach New Orleans, um dort Voodoo-Magiern zu begegnen. Schließlich erreichte sie dann den Süden der Vereinigten Staaten, von wo aus sie 1852 weiterreiste nach Mexiko und Südamerika. Mit dem Schiff fuhr sie noch im selben Jahr nach Ceylon (heute: Sri Lanka) und kam von dort dann schließlich nach Indien – auf jenen Subkontinent wo dereinst, in der Nähe von Madras (Chennai), das internationale Hauptquartier der Theosophischen Gesellschaft eröffnet werden sollte. Damals versuchte sie von Nordindien aus, in das abgeschottete Tibet zu gelangen. Das aber missglückte ihr leider, denn als Frau verweigerte man ihr an der Grenze die Einreise.

So trat sie also 1854 ihre Rückkehr nach Europa an. Diese Reise jedoch entpuppte sich als echtes Abenteuer, denn ihr Schiff nach England wäre am Kap der Guten Hoffnung (Südspitze Afrikas) fast in den Meeresfluten gesunken. Schließlich in England angekommen fand sie sich aber mit Anfeindungen konfrontiert. Damals herrschte Krieg zwischen der britischen und der russischen Armee um die Halbinsel Krim (Schwarzes Meer) und da war jemand wie sie, mit ihrer russischen Herkunft, in England nicht willkommen.

Ob das nun der Grund war, dass sie England wieder verließ? Zumindest könnte man den Eindruck gewinnen, denn schon bald darauf begab sie sich als Mitreisende auf einem Segler erneut in die Vereinigten Staaten nach New York. Von dort aus reiste sie weiter, quer durch Amerika, nach Chicago, Salt Lake City und San Francisco, bevor sie ihre Reise mit dem Schiff nach Japan fortsetzte. Ihr Endziel war wieder Indien.

Im heiligen Tibet

Nach ihrer Ankunft begab sie sich zunächst ins indische Kaschmir, im Norden des Landes und von dort aus in die Region Ladakh.

Blavatsky versuchte später erneut nach Tibet zu kommen. Auf ihrem Weg nach Leh, einer Stadt im Norden Kaschmirs in der Region Ladakh, traf sie 1856 einen tartarischen Schamanen. Mit ihm sollte sie tatsächlich nach Tibet einreisen. Auch er wollte in das Land, um von dort aber nach Sibirien weiterzureisen. Und da Blavatsky Russisch sprach, sollte sie ihm dabei als Gegenleistung behilflich sein. Er verkleidete sie als Mann und so gelang es ihr wirklich die Grenze zwischen Kaschmir und Tibet zu überschreiten, vorbei an der Grenzkontrolle der Britischen Kolonialbeamten. Es war wohl, wie man aus ihren Beschreibungen erfährt, aber auch etwas Magie im Spiel. Der Schamane trug unter seinem linken Arm einen besonderen Totem-Stein. Es mag eigenartig klingen, doch wie auch aus druidischen Quellen im Westen bekannt ist, war es einer dieser »sprechenden Steine«, mit denen er die Kontrolleure vielleicht ablenken konnte.

Ein eigenartiger Mensch dieser tartarische Schamane. Er sprach kein Englisch, nur einige Fetzen Russisch. Trotz dessen aber war er in der Lage recht informative Konversationen zu führen. Außerdem erlebte sie mit ihm wahrlich seltsame Sachen, was wohl niemals geschehen wäre, hätte sie ihre Reise alleine fortgesetzt. Es sollte aber einer der kritischsten Momente ihres bisherigen Lebens werden. Als sie den Schamanen später darum bat, ihr das Geheimnis des sagenhaften Steins zu enthüllen, wurde sie Augenzeugin ganz furchteinflößender Ereignisse, die sie Glauben machten, ihren Begleiter hätten alle Lebensgeister verlassen! Doch wenn jemand lebte, dann dieser Schamane!

Abgesehen von diesen Zwischenfällen muss man ja wissen, dass eine solche Reise damals (wahrscheinlich aber auch heute noch) ein wirklich gefährliches Abenteuer sein konnte. Blavatsky wusste nie was ihr in den nächsten Stunden passieren könnte, dort im Nirgendwo des tibetischen Hochlands. Nicht etwa war Tibet damals ein Land wo man ausschließlich meditierende Mönche traf. Wer die Berichte des schwedischen Reiseschriftstellers Sven Hedin kennt (»Wildes heiliges Tibet«) der weiß dass es zu damaliger Zeit ganz und gar nicht friedlich zuging, und man im Hochland Tibets stets damit rechnen musste überfallen zu werden. Blavatskys einziger Beschützer in der tristen Einöde des tibetischen Hochlands war ihr schamanischer Begleiter. Es war aber, wie bereits angedeutet, ein Nehmen und Geben. Denn durch Blavatsky und die anderen Mitreisenden fühlte sich der Schamane in seiner Hoffnung ermutigt auch zurück in seine sibirische Heimat zu kommen – von wo aus er einst, aus nicht geklärten Gründen, vor 20 Jahren geflohen war.

Augenzeugin magischer Beschwörungen

Auf dem Weg nach Tibet nun kamen sie an einen großen See, dessen weitläufige Ufer dunkler Schlamm bedeckte. Für einige Tage rasteten sie dort in einem kleinen Dorf. Blavatsky verbrachte die Nächte in einer Jurte (traditionelles Zelt der Tartaren). Wie sie über den Schamanen erfuhren, befand sich in der Nähe ein Buddhistisches Kloster. Wie sie erfuhren hielt sich dort gerade ein buddhistischer Lama auf der anscheinend einen Exorzismus vornehmen sollte, bei einer in ärmlichen Verhältnissen lebenden Familie, die den negativen Wirkungen eines »Tschutgur« ausgesetzt war (Besetzung durch einen Elemental-Dämon). An einem Nachmittag begaben sich Blavatsky und andere Mitreisende in dieses,  ganz in der Nähe befindliche Kloster. Dort sollten sie Zeugen außergewöhnlicher Ereignisse werden.

Es befanden sich auch tibetische Mönche auf dem Weg dorthin, die sich auf Pilgerschaft in das Kloster begaben, das aber eher einem kurzzeitig errichten Bau glich und sich in einer großen Höhle befand. Einer der Lamas nun sollte laut des Schamanen ein echter Zauberer gewesen sein, der ganz kuriose Dinge vollbringen konnte.

Mit Blavatsky reiste außerdem ein sonderbarer »Mr. K.«, über dessen wirklichen Namen und Herkunft nichts weiter bekannt ist. Er aber machte sich auf, um mit den tibetischen Wandermönchen Kontakt aufzunehmen. So kam es sogar dazu, dass sich die beiden Lager über die Tage untereinander anfreundeten. Doch was diese seltsamen Menschen nun tun sollten war alles andere als etwas, das sich Blavatsky in ihren kühnsten Erwartungen hätte ausmalen wollen.

Ein Kleinkind, von gerade mal drei bis vier Monaten, wurde von seiner ärmlichen Mutter den Mönchen übergeben, um wohl eine klösterliche Erziehung zu erhalten. Einige Tage vergingen bis die Kontaktperson, jener ominöse Mr. K., den Mönchen schwören musste mit niemandem über die folgenden Ereignisse zu sprechen.

Ladakh – ewigeweisheit.de

Ladakh: Indiens »Klein-Tibet«, bekannt für die Schönheit seiner Berge und den dort verbreiteten Buddhismus (Foto: Russavia; Quelle: Wikimedia; Lizenz CC BY-SA 2.0).

Nun saßen Blavatsky und die anderen Begleiter dort am Eingang des kleinen Höhlenklosters. Man brachte das Kind hinein und legte es dort auf einen weichen Teppich. Die Lamas setzten sich auf den Boden daneben. Als der Oberste der Lamas nun in einen tranceartigen Zustand verfiel, brach plötzlich ein helles Licht hervor aus der offenen Klostertür. Es wurde still. Die anderen Mönche schienen wie versteinert. Alles was man hörte war ein entzücktes Jauchzen dass das Baby von sich gab. Zu unserem bloßen Entsetzen aber kam das Kleinkind plötzlich in Sitzhaltung, als hätte es eine dämonische Kraft aufgerichtet. Kurz darauf zuckte es wieder, wie von unsichtbaren Drähten gezogen, und stand plötzlich auf den Beinen – ein vier Monate altes Baby!

Auf einmal starrte das Kleinkind die Anwesenden an, mit einem Blick vollkommen klarer Gewissheit, eben so wie einer schaut, den man als ausgesprochen intelligent und lebenserfahren bezeichnen könnte. Doch das wirkte einfach nur grauenhaft und furchterregend auf Mr. K. und die Anwesenden. Ein kalter Schauer fuhr ihm über den Rücken. Während die Lamas sich in gutem Abstand von dem Kind befanden, saß Mr. K. direkt neben dem sonderbaren Baby. Er biss sich auf die Lippe und kniff sich in die Hand, bis er fast blutete – nur um zu wissen: das war kein Traum!

Die wundersame Kreatur, die mit dem Baby eins zu sein schien, setzte sich vor ihn hin und redete auf Tibetisch auf ihn ein:

Ich bin Buddha. Ich bin der alte Lama. Ich bin der Geist inkarniert in neuem Körper.

-Zitiert aus Blavatskys »Entschleiert Isis«, Band II

Mr. K. schien als gerinne ihm das Blut in den Adern. Die Haare stellten sich ihm auf. Was er da erlebte war wohl, was ihm einst beschrieben wurde als Inkarnation, als Fleischwerdung eines Buddha (hier muss hinzugefügt werden, dass »Buddha« kein Name für eine Person, sondern ein Titel zur Beschreibung des Göttlichen ist: im Sanskrit steht der Titel für den »Erwachten«, so wie man den 563 v. Chr. geborenen Siddharta Gautama später nannte). Alles was Mr. K. erlebte war keine Einbildung. Die Lippen des Kindes bewegten sich tatsächlich und die leuchtenden Augen starrten ihn an, als spähten sie in ihm nach seiner Seele. Mr. K. empfand all das, als wären es die Augen des Lama-Oberhaupts, der da wie gelähmt auf dem Felsboden lag, doch durch die Augen des Kleinkinds direkt in ihn hineinsah, so als wäre sein Geist in das Baby gefahren.

Es wurde ihm schwindelig, denn da kam das Kind auf ihn zu und legte die kleine Hand auf seine. Heiß wie Kohle brannte sie auf seiner Haut. All das empfand er als kaltes Grauen und es war ihm so unerträglich, dass er seine Hände auf sein Gesicht legte und zu schreien begann. Doch von jetzt auf nachher verwandelte sich der Schauplatz, den Mr. K. wohl als wahre Hölle empfand. Alles bildete sich wieder zurück in das was sich ihm bei seiner Ankunft dort gezeigt worden war. Der Lama war erwacht und setzte die zuvor unterbrochene Konversation fort. Das musste dem Erfahrenen als ganz und gar aberwitziges Verhalten vorgekommen sein, dachte er eben doch noch er müsse sterben.

Nun fragte Mr. K. was denn gewesen wäre, wenn er wie vom Teufel besessen und von totaler Panik getrieben, dass Kind aus Versehen verletzt oder sogar getötet hätte? »So hättest Du auch mir physischen Schaden zugefügt, hättest mich getötet«, antwortete der Lama.

 

Das war nur eines von vielen sonderbaren Reiseerlebnissen Blavatskys, die in diesem Artikel, wegen ihrer Länge, leider nicht alle wiedergegeben werden können. Diese Schilderung aber sollte die Verfassungen vermitteln mit denen sie sich wohl immer wieder konfrontiert sah, während ihres Aufenthalts in Tibet.

Nach einiger Zeit aber verließ Blavatsky das geheimnisvolle Land wieder und ein Führer brachte sie zurück zur indischen Grenze. Die Wege und Bergpässe, denen Blavatsky ihrem Führer folgte, blieben ihr aber fremd. Sie verließen Tibet also auf einem anderen Weg, als sie der Tartare eingeführt hatte. Was aus ihm wurde, wissen wir leider nicht.

Wenig später reiste sie dann über das südindische Madras per Schiff nach Java und von dort zurück nach Europa, wohin sie schließlich im Jahr 1858 zurückkehrte. Nach Madras aber sollte sie ein ander Mal wieder zurückkehren.

 

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