Tod

Der Transformationsprozess in den Mysterien

Der Transformationsprozess in den Mysterien

Der Einfluss von Mysterienschulen auf die Kulturen und Völker der Vergangenheit und Gegenwart ist kaum abzuschätzen, handelt es sich dabei ja weniger um theoretische Spekulationen, als vielmehr um existenziell bedeutsame Erfahrungen, die auf der ganzen Welt gemacht wurden und auch heute noch gemacht werden. Angefangen bei den alten Ägyptern, dann später bei den Pythagoreern, bei den Urchristen und den Gnostikern, den Katharern und Rosenkreuzern u.a. gab es die Mysterieneinweihungen. Auch heute noch gibt es Mysterienschulen, die diesen Weg lehren. Das Sterben der eigenen Identität und das Integrieren des wahren Selbst, ist eine wesentliche Erfahrung, die der Mysterienschüler macht.

Diese Art von Transformation bedeutet das Sterben und Loslassen der Vergangenheit, es ist ein Prozess. Tiefe Erkenntnis kann nur entstehen, wenn das alte Weltbild aufgegeben wird. Es bedarf einer Bereitschaft im Leben zu sterben, einer Bereitschaft das zurückzulassen, was die vollkommene Transformation behindert.

Die Sehnsucht nach Erlösung muss einen gewissen Leidensdruck erzeugen, um sich solch einem Prozess hingeben zu wollen. Jedoch sollten die wahren Beweggründe nicht darin liegen, ein Leben aufgeben zu wollen, das einen überfordert, oder dem man nicht gewachsen ist. Vielmehr geht es darum, alles was einen ausmacht, in Liebe anzunehmen. Solange nicht der Frieden zum eigenen Selbst vorhanden ist und auf allen Ebenen eine Aussöhnung stattgefunden hat, macht Transformation wenig Sinn. Es würde einer Flucht vor den eigenen ungelösten Problemen gleichkommen. Selbsterkenntnis und eine Persönlichkeit, die stabil im Leben steht, ist die Grundvoraussetzung zur wahren Transformation.

Oft ist es die Sehnsucht nach dem wahren Selbst, der Wunsch, das niedere Selbst zu überwinden, oder einer inneren Bestimmung zu folgen, die zu der Pforte der Transformation führt. Dieser Selbstentfaltungsdrang und die Erkenntnis der eigenen Ichbezogenheit, bringt die Bereitschaft mit, um nach Höherem zu streben.

Durch das Absterben der alten Identität erwächst aus dem wahren Selbst eine neue Identität, die sich an der seelisch geistigen Welt orientiert und nicht wie vorher an der Sinneswelt. Dieses Absterben der Identität wird als Tod erfahren. Alles was vorher an geistigen Sicherheiten vorhanden war wird zerstört. Da der Mensch ohne Ego nicht existieren kann, bedingt der Tod des einen die Auferstehung des anderen. Neue Strukturen des Denkens, Fühlens und Wollens entstehen.

Doch die alten Strukturen werden nicht kampflos aufgeben. Transformation beinhaltet auch innere Prüfungen, die stets alleine ausgefochten werden müssen. In einer Gemeinschaft kann das Erleben thematisiert werden, jedoch steht das Bewusstsein alleine vor der Aufgabe, diese Prüfungen zu meistern. Das niedere Selbst und die Welt der Sinne verlangen nach Aufmerksamkeit. Bis das wahre Selbst sich etabliert hat, wird es innere Kämpfe geben. In dieser Phase der Prüfungen kommt es zur spirituellen Krise. So kann es passieren, dass die von Sinnesgelüsten geprägte Alltagswelt verteufelt wird, und es zu einer Idealisierung der lichtvollen spirituellen Kräfte kommt. Diese inneren Spannungen können bis hin zu einem psychotischen Erleben führen. Auch besteht die Gefahr, dass sich das Bewusstsein in einer verkappten Ichbezogenheit verliert. Es kann dann als großer Wohltäter, Magier, Heiler o. ä. auftreten. Erst wenn es dem Bewusstsein gelingt, sein altes Weltbild zu überwinden, kann sich das wahre Selbst voll entfalten.

Das eigentliche Ziel des ganzen Prozesses ist die Bewusstwerdung und Umwandlung von ungewollten Mustern und von niederen Impulsen, die das spirituelle Selbstbild in Frage stellen. Dabei ist es weder notwendig noch möglich, diese Verhaltensmuster gänzlich zu besiegen. Vielmehr geht es darum, eine neue Sichtweise auf sie zu bekommen und gleichzeitig eine größere Bewusstheit zu erlangen. Dies führt zu einer größeren Entscheidungsfreiheit. Durch mehr Flexibilität in den Reaktionen und Handlungen kann besser auf die eigenen Bedürfnisse und die der Mitmenschen eingegangen werden. Es ist die Heimkehr zur Einheit. Die Ichbezogenheit und das Gefühl des Getrenntseins weichen einem tiefen Mitgefühl und einem Verbundensein mit allem was ist.

Metaphysik des Eros

Metaphysik des Eros

Gehen wir in der Zeit noch einmal einige Jahre zurück. Da ist die Rede von einem Trinkgelage im Hause des Tragödiendichters Agathon, von einem Gastmahl, worüber Platon in seinem »Symposion« schrieb. Sein Gastgeber, der in der Erzählung als junger Schriftsteller auftritt, hatte tags zuvor einen Dichter-Wettbewerb gewonnen. Dies wollte er mit seinen Freunden feiern, die er zu diesem Gastmahl einlud. Auch Sokrates zählte zu den Gästen, der in Platons Symposion die Hauptfigur ist.

In diesem Text lässt Platon den Bildhauer Apollodoros erzählen, über die da gehaltenen Reden, Dialoge und das allgemeine Geschehen dieser Zusammenkunft. Als Gäste sind, neben anderen, außerdem anwesend Aristodemos, einer der eifrigsten Anhänger des Sokrates, der Arzt Phaidros, der in Platons gleichnamigen Werk ein fiktives philosophisches Gespräch mit Sokrates führte, wie auch der Komödiendichter Aristophanes. Als einzige Frau anwesend ist die von Zeus geehrte, weise Frau aus Mantineia in Arkadien: Diotima – eine Kunstfigur, die Platon im Gastmahl nicht direkt auftreten lässt. Denn Sokrates erzählt im Symposion davon, wie er durch sie belehrt wurde über die Bedeutung des Eros.

Wie auch sonst sollte Sokrates, auch in diesem Treffen, mit seinen Schülern und Freunden, das Thema des Abends bestimmen – weniger aber durch besondere Argumentationen, als vielmehr durch eine, sagen wir, seelische Schönheit, die die Bewunderung seiner Zuhörer auf sich zog – ja sogar ihre Liebe zu ihm befeuerte. Sokrates' Vorbildfunktion dabei, als idealer Philosoph, hat eine so starke Wirkung auf seine Schüler, dass sie ihn gar erotisch attraktiv erscheinen lässt, ganz gleich ob Sokrates nun körperlich dem Schönheitsideal seiner Zeit entsprach oder nicht.

Sokrates schlug im Symposion vor, dass jeder eine Rede in der Tradition der Aphrodite halten könne. Und diese Aphrodite, welche die Römer Venus nannten, war die schaumgeborene Göttin der Liebe. Doch Aphrodite ist mehr als das. Es scheint nämlich eigentlich zwei Figuren zu geben, die ihren Namen tragen:

Die eine ist ja die ältere und mutterlose, die Tochter des Uranos, welche wir deshalb bekanntlich auch die »himmlische« nennen; die jüngere aber ist die Tochter des Zeus und der Dione, welche wir ja als die »irdische« bezeichnen. Notwendigerweise muss nun danach der Eros, welcher der Gehilfe der letzteren ist, auch der »irdische« heißen, der andere aber der »himmlische«.

- Aus Platons Symposion

Und dieser Uranos des griechischen Sagenkreises, der vergöttlichte Himmel, wurde zum Vater der Aphrodite. Sein Sohn Kronos schnitt ihm mit der Sichel das Glied vom Leibe, das sodann vom Himmel ins Meer fiel. Aus dem da so aufbrausenden Schaum erstand nun die Aphrodite, die man seither »die Schaumgeborene« nennt.

Dieser Schaum meint jedoch mehr, als was man sich im Mythos angedeutet, darunter vielleicht vorstellt: Seine Erscheinung ist eine Metapher für zwei, die gemeinsam den Liebesakt erleben, wo, wie man sagt, das Blut beginnt aufzuschäumen. Doch auch der Redefluss der Teilnehmer dieses Gastmahls war aufschäumend, wenn sie eifrig tranken, begeistert im Rausch über die Lüste diskutieren und übereinander scherzten. All das findet in der Horizontalen, auf Bastmatrazen statt, wo man isst und säuft. Und nicht etwa nur wird da über die Leidenschaften gesprochen, die einer mit Frauen hat. Auch sich mit Männern leidenschaftlich zu vergnügen, war den griechischen Philosophen nicht fremd. Eros ist eben eine Kraft die viel bewirkt: Gutes – doch viel zu oft auch Schlechtes. So wie ja auch der Gott Eros aus Himmel und Erde geboren, als Schlange aus dem göttlichen Ur-Ei entweicht, als jene Kraft, die seither verzweifelt versucht, den Urzustand der Ganzheit wiederherzustellen, der vor der Trennung in Himmel und Erde gewesen ist. Doch es scheint da, in allem was seither sich zu vereinigen sehnt, eine Urahnung lebendig zu sein, die diesen Grundzustand der Weltentstehung wieder herstellen will – doch gleichzeitig ahnend, dass dies sich nur augenblicklich erfüllen lässt: im Impuls höchster Erregtheit.

Als nun so ihr Körper in zwei Teile zerschnitten war, da trat jede Hälfte mit sehnsüchtigem Verlangen an ihre andere Hälfte heran, und sie schlangen die Arme umeinander und hielten sich eng umschlungen und waren voller Begierde wieder zusammenzuwachsen […]. Und wenn etwa die eine von beiden Hälften starb und die andere noch übrig blieb, dann suchte diese sich eine andere und umschlang diese, mochte sie dabei nun auf die Hälfte eines ganzen Weibes, also das, was wir jetzt Weib nennen, oder eines ganzen Mannes treffen, und so gingen sie zugrunde.

Da erbarmte sich Zeus und erfand einen andern Ausweg, indem er ihnen die Geschlechtsglieder nach vorne versetzte; […] So verlegte er sie also nach vorne und bewirkte dadurch die Erzeugung ineinander, nämlich in dem Weiblichen durch das Männliche, zu dem Zwecke, dass, wenn dabei ein Mann auf ein Weib träfe, sie in der Umarmung zugleich erzeugten und so die Gattung fortgepflanzt würde; […] Seit so langer Zeit ist demnach die Liebe zu einander den Menschen eingeboren und sucht die alte Natur zurückzuführen und aus zweien eins zu machen und die menschliche Schwäche zu heilen.

Jeder von uns ist demnach nur eine Halbmarke von einem Menschen, weil wir zerschnitten, wie die Schollen, zwei aus einem geworden sind. Daher sucht denn jeder beständig seine andere Hälfte.

- Aus Platons Symposion

Seitdem also sind wir Menschen auf der Suche nach dem Anderen, sehnen uns geliebt zu werden und wünschen uns zärtliche Zuneigung. Unser Ziel nämlich ist, diesen ursprünglichen Zustand wieder herzustellen.

Was mit dem Titel auf eine Metaphysik des Eros hindeutet, behandelte Platon in seinem Symposion, aus dem wir soeben das Zitat lasen. In diesem Werk behandelt er die Themen der Liebe, der Erotik und zuletzt auch was man Wahrheit, woraus sich im Grunde das Ideal der Liebe kristallisiert.

Wenn hier aber die Rede ist von »Eros«, so meint dieser Name den griechischen Gott der Liebe, einen wohltätigen und großen Gott, der so vielen Dichtern zu all den Lobliedern auf die Liebe verhalf.

Die Kraft des Eros gebiert jedoch sowohl das Eine wie das Andere, bringt sowohl himmlische wie auch irdische Ekstase zur Welt. Das bedeutet jedoch nicht, dass Eros als nur schön und würdig empfunden wird. Insbesondere im Übermaß resultiert aus sinnlicher Liebe nur Verzweiflung, denn da kann sie nicht mehr befriedigt werden und wird zur Sucht, führt zu Abhängigkeit. Es ist damit wie mit allen Lüsten die, wurde von ihnen zu viel gekostet, nur zum Gegenteil beitragen – sei es der Genuss guten Essens, die Freude am Rausch oder die erotischen Leidenschaften. Alle die nicht genug kriegen können, werden an den Rand des physischen und psychischen Kollapses gedrängt.

Einer der berühmten Sprüche im Orakel-Tempel zu Delphi ermahnt: Gnothi seauton – Nichts im Übermaß. In der Mäßigkeit liegt der Schlüssel zu wahrem Glück.

Auch wenn die Teilnehmer des Gastmahls keine Kinder von Traurigkeit waren und um die ungeheuere Kraft des Begehrens wussten, war ihnen dennoch klar, wie wichtig es ist gesund zu bleiben. Wer darum in seinem Leben länger von den Genüssen der Welt kosten will, muss sie eben in vernünftigem, mäßigem Rahmen genießen. Das Bild das uns Platon über die Eltern des Eros gibt, Poros – der Gott des Reichtums – und Penia – die Göttin der Armut –, deutet an was man als einen Weg der Mitte bezeichnen könnte:

Als nämlich Aphrodite geboren war, hielten die Götter einen Schmaus, und mit den anderen auch Poros, der Sohn der Metis. Als sie aber gespeist hatten, da kam Penia, um sich etwas zu erbetteln, da es ja festlich herging, und stand an der Türe. Poros nun begab sich, trunken vom Nektar, denn Wein gab es damals noch nicht, in den Garten des Zeus und schlief in schwerem Rausche ein. Da macht Penia ihrer Bedürftigkeit wegen den Anschlag, ein Kind vom Poros zu bekommen: sie legt sich also zu ihm hin und empfing den Eros.

Deshalb ist Eros der Begleiter und Diener der Aphrodite, weil er an ihrem Geburtsfeste erzeugt ward und zugleich von Natur ein Liebhaber des Schönen ist, da ja auch Aphrodite schön ist. Als Sohn des Poros und der Penia nun ist dem Eros folgendes Los zuteil geworden: Erstens ist er beständig arm, und viel fehlt daran, dass er zart und schön wäre, wie die meisten glauben, sondern er ist rau und nachlässig im Äußern, barfuß und obdachlos, und ohne Decken schläft er auf der bloßen Erde, indem er vor den Türen und auf den Straßen unter freiem Himmel übernachtet, gemäß der Natur seiner Mutter stets der Dürftigkeit Genosse.

Von seinem Vater her aber stellt er wiederum dem Schönen und Guten nach, ist mannhaft, verwegen und beharrlich, ein gewaltiger Jäger und unaufhörlicher Ränkeschmied, der stets nach der Wahrheit trachtet und sie sich auch zu erwerben versteht, ein Philosoph sein ganzes Leben hindurch, ein gewaltiger Zauberer, Giftmischer und Sophist; und weder wie ein Unsterblicher ist er geartet noch wie ein Sterblicher, sondern an demselben Tage bald blüht er und gedeiht, wenn er die Fülle des Erstrebten erlangt hat, bald stirbt er dahin; immer aber erwacht er wieder zum Leben vermöge der Natur seines Vaters; das Gewonnene jedoch rinnt ihm immer wieder von dannen, so dass Eros weder Mangel leidet noch auch Reichtum besitzt und also vielmehr zwischen Weisheit und Unwissenheit in der Mitte steht.

- Aus Platons Symposion

Eros also vereint in sich zwei Extreme. Was in diesem Zusammenhang aber Armut meint, ist, dass jemand bedürftig nach Liebe, zu wenig davon hat. Sein oder ihr Reichtum ist der Liebe teilhaftig zu werden, die sie oder er für jemanden empfindet, der sie wiederum erwidert. Eros' Reichtum ist unermesslich reich, denn er bereichert alle Menschen. Aber ist er auch, wie der Gott Hermes, ein Mittler zwischen Himmlischem und Irdischem, zwischen Gott und Mensch. Und als solchen nannte man ihn im alten Griechenland einen Daimon1. Was das ist sehen wir uns später noch genauer an.

Was Eros als solch Daimon in den Menschen durch seine Kraft zu entfachen vermag, galt den alten Griechen als Gefühl einer Zeitlosigkeit und Unendlichkeit, wo sich unser seelisches Empfinden aus allen empfundenen Beschränkungen befreit und unsere körperliche Endlichkeit transzendiert.

Eros gibt dem Menschen die Möglichkeit die göttliche Ebene zu schauen, wenn zu Lebzeiten auch nur für die Dauer von Augenblicken. Aus aller Ignoranz und Unwissenheit entstiegen, erkennt er damit aber was Unendlichkeit bedeutet: das was die Seele im Tod vernehmen wird. Das Erlebnis des sexuellen Orgasmus jedoch, als »Kleiner Tod«, nimmt diese Erfahrung quasi vorweg – zumindest als ein Schmecken der Todeserfahrung. Ist das aber nicht ein Grund aufzumerken, wo der Orgasmus doch die Voraussetzung für neues Leben ist?

Diotima: Die weise Prophetin

Die innig-seelische Verschmelzung zweier Menschen, doch auch eines Menschen in seiner Liebe zu Gott, dass nennt man im Griechischen »Agape«. »Philia« ist die Freundschaft, die Zuneigung die man für andere Menschen oder auch für Dinge empfindet. Eros ist alles was jemand empfindet der sich in jemanden ver-liebt, ihm körperlich nahe sein will, ihn begehrt aus Lust und im Wunsch zur Verführung. Und genau die Liebe des Eros, war in diesem Gastmahl Sokrates Kern der Argumentation. Diotima nun, die Sokrates von der rechten Steuerung des erotischen Drangs erfahren lässt, spricht durch ihn auf dem Gastmahl als Daimon, über die Weisheit des Eros. Nicht aber, dass sie sich etwa seines Körpers bedient hätte, als vielmehr Sokrates mit seinen Freunden teilte, was Diotima ihn lehrte. Sie lässt ihn für sich sprechen lässt.

Doch, fuhr Sokrates fort, ich höre jetzt auf zu fragen, und teile euch ein Gespräch mit, das ich einst mit der Prophetin Diotima über Liebe gehalten habe. Ihr kennet dieses Weib, die nicht in der Philosophie der Liebe bloß, sondern überhaupt in allen Stücken große Einsichten hatte. […] Sie ist es, der auch ich meinen Unterricht in der Philosophie der Liebe danke. […] auch ich äußerte mich ihr gegenüber ungefähr auf ähnliche Weise, wie eben Agathon mir gegenüber, dass Eros nämlich ein großer Gott wäre und zu den Schönen gehöre […] sie (aber) widerlegte mich wiederum mit eben denselben Gründen, wie ich ihn, dahin, dass Eros […] weder schön noch gut sei. Ich aber hielt ihr entgegen: »Was soll das heißen, Diotima? Ist also Eros häßlich und schlecht?«

Diotima: »Ein wenig ehrerbietiger, wenn ich bitten darf! Meinst du, was nicht schön sei, das müsse notwendig hässlich sein?«

- Aus Platons Symposion

Sokrates geht also zu Anfangs davon aus, dass Eros ein Gott überirdischer Schönheit und nur so der Inbegriff der Liebe sein könne. Doch wie obiges Zitat zeigt, widerlegte Diotima seine Meinung und fügt hinzu:

[…] jeder Daimon macht ein Mittelwesen zwischen der Gottheit und dem Menschen aus.

- Aus Platons Symposion

Denn allein dafür ja existiert ein Daimon: Himmlisches an Irdisches weiterzugeben, Göttliche Offenbarung an den Menschen zu übermitteln.

Sie sind Dolmetscher und Unterhändler zwischen den Göttern und Menschen. Jenen überbringen sie die Bitten und Opfer der Letzteren; diesen aber die Befehle von den Ersteren und ihre Antworten auf die Opfer. Als Mittelwesen zwischen beiden, machen sie gleichsam das Band, durch welches das Universum zusammenhängt.

- Aus Platons Symposion

Kann Eros aber überhaupt ein Gott sein, als solch Mittelwesen? Zumindest zählt er nicht zu den Sterblichen, wie sich der alt-griechischen Theologie entnehmen lässt. Wenn er nun aber aus der Hierarchie des Göttlichen in die Menschenwelt vermittelt, kann es sich bei seiner Liebe keineswegs nur um Lust, Leidenschaft und körperliche Befriedigung handeln.

Doch um was dann?

Begehrt man einen Menschen nicht allein wegen der Schönheit seines Körpers, sondern hauptsächlich wegen seiner seelischen, tugendhaften Anmut, trifft man da auf das Edelste der erotischen Anziehungskraft. Da geht es dann um die rechte Lenkung des erotischen Dranges, eine »philosophische Steuerung« der Leidenschaft und demnach das, was man die Platonische Liebe nennt. Der Liebende sieht dann das Schöne in den Handlungen seines begehrten Gegenübers, dass sich in unzähligen besonderen Begebenheiten zeigt.

Der göttliche Eros ähnelt seinem Vaters Poros, einem der für alles Schöne und Gute leidenschaftlich kämpft, doch eben nicht ergeben oder untertänig, sondern:

[…] tapfer, kühn, beharrlich, (als) ein gewaltiger Jäger, ein unaufhörlicher Ränkeschmied, der stets nach der Wahrheit trachtet, erfinderisch im Besiegen einer Schwierigkeit; Philosoph sein ganzes Leben hindurch; ein gefährlicher Zauberer, Giftmischer […] und weder wie ein Unsterblicher ist er geartet noch wie ein Sterblicher, sondern an demselben Tage bald blüht er und gedeiht, wenn er die Fülle des Erstrebten erlangt hat, bald stirbt er dahin; immer aber erwacht er wieder zum Leben […]

- Aus Platons Symposion

Wenn Sokrates nun aber, durch Diotima beeinflusst, im Gastmahl behauptet, dass Eros also in Wirklichkeit gar kein Gott ist, sondern einem Engel gleicht, erschien das den Bürgern Athens wohl sicherlich als ungeheuerliche Behauptung. Eros war da doch ein Gott, den man nur zu gerne zur Rechtfertigung für die eigene Unfehlbarkeit zur Verantwortung zog. Jeglicher Ehebruch wurde wegen seines Wirkens legitimiert, schließlich hatte einen Eros überkommen, hatte einen listig heimgesucht. Für jeden Ehebruch musste er herhalten. Bei diesem Glauben dürfte man sich kaum wundern, dass sich einige für seine Heimsuchung sogar im Tempel bedankten. Und da nun kam dieser Sokrates daher und behauptete, dass dieser vollkommenste Gott des Schönen, in Wirklichkeit nur Medium dessen ist, worüber ein Mensch zur Mäßigung findet – etwas, dass man ihm, neben anderem, wie wir noch sehen werden, zu Lasten legte und ihn dafür aufs Unbarmherzigste verurteilte.

Sokrates führte seine Zeitgenossen damit also zu der Einsicht, dass menschliches Begehren in Wirklichkeit in der Verantwortung dessen liegt, der durch seine Leidenschaften getriebenen handelt. Eros erwuchs damit nicht von Außen oder vom Himmel auf den von Lüsternheit Überwältigten, sondern entstehe in ihm selbst, so dass er dieses Begehren auch zurückhalten kann. Denn wäre Eros vollkommen, also ein Gott, wäre ihm alles Streben fremd, da er ja bereits als solcher alles besäße und vollkommen reich wäre. Erotisches Begehren ist aber eher das genaue Gegenteil von Reichtum. Zu glauben man könne wie Reichtum auch erotische Befriedigung anhäufen: gleicht das nicht einer Illusion?

Niemand liebt was er bereits hat

Diotima lässt Sokrates wissen, dass Eros ein Freund der Weisheit ist, wenn sie sagt:

Unter den schönen Gegenständen ist Weisheit einer der vorzüglichsten. Eros ist ein Freund des Schönen; er muss folglich auch ein Philosoph sein. Als solch ein Freund der Weisheit aber muss er zwischen dem Weisen und dem Toren in der Mitte stehen. Ursache auch hiervon ist ihm seine Geburt: weil er nämlich einen weisen und reichen Vater, aber eine dürftige und unweise Mutter hatte. Dies ist also die Natur dieses Daimons.

- Aus Platons Symposion

Wer liebt, der besitzt nicht, sondern hat zum Geliebten ein Verhältnis, berührt es allemal. Verfügte man aber über das Geliebte, was in aller Welt bliebe da noch zu begehren?

Es geht um die Mäßigkeit, um den Mittelweg, um das was Eros uns eben als Mittler lehrt: uns zwischen Schönem und Unschönem, zwischen Begehrtem und Unerwünschtem, zwischen Erreichbarem und Unerreichbarem zu bewegen. So ist es doch auch mit denen die wir mögen, die wir lieben oder sogar begehren: Nach ihnen verlangt uns nur so lange, als dass wir sie nicht andauernd um uns haben. Und was hierfür gilt, dass trifft auch für die Weisheit zu: Sie lässt sich lieben, doch lässt sich nicht besitzen. Sobald wir sie in unserer Welt integrieren wollen, entflieht sie uns, denn die Weisheit lässt sich nicht festhalten und berührt nie den Boden unseres irdischen Daseins. Wir wollen sie erlangen, wollen nach ihr streben und uns ihr annähern. Doch wie töricht erschiene einer, der sie sein Eigen nennt?

Sokrates, ja eigentlich Diotima, ging es darum, bei der geistigen Liebe auf den Gedanken einer einzigen reinen Vorstellung zu achten, nämlich der Idee des Schönen.

Wenn also jemand [...] nun das Urschöne selbst zu erblicken beginnt, dann dürfte er seinem Ziele ziemlich nahe gekommen sein. Denn dies ist die richtige Weise sich den Liebesdingen zuzuwenden oder von einem anderen dort hingeführt zu werden, wenn man um dieses Urschönen willen von jenem vielen Schönen ausgeht und so stufenweise innerhalb desselben immer weiter aufsteigt, als ob man eine Stufenleiter verwendete: von einem schönen Körper zu zweien und von zweien zu allen, und von den schönen Körpern zu den schönen Bestrebungen, und von den schönen Bestrebungen zu den schönen Erkenntnissen, bis man innerhalb der Erkenntnisse zu schließlich jener Erkenntnis kommt, die von nichts anderem als von jenem Urschönen selber die Erkenntnis ist, und so schließlich das allein wesenhafte Schöne erkennt.

- Aus Platons Symposion

Die höchste Stufe dieses Aufstiegs erreicht jener, der das ultimativ Schöne schaut. Nicht aber etwa wie es ihm in Gestalt einer schönen Frau oder eines schönen Mannes entgegentritt, oder anders geartetem Schönen, sondern als Urprinzip, das in allem Schönen wirksam ist. Wem so widerfährt, der wird das Schöne in seiner reinsten Form anbeten wollen.

Für Sokrates drückte sich in der Liebe das Verlangen des Menschen nach Unsterblichkeit aus. Verbrächte einer sein Leben vollkommen allein, ohne je mit anderen Menschen in Kontakt zu sein, wäre er einer, den man durchaus als »Weltverlorenen« bezeichnen könnte. Vom ungeheueren Reichtum des Lebens aber, dass er im Zusammensein mit den anderen erlebt, würde er niemals erfahren.

Eros dabei steht für die unerschöpfliche, ununterbrochen zischende Energiequelle, aus der der Strom von Leben und Liebe hervorsprudelt. Wer aus ihr zu schöpfen vermag, der wird zum wahren Schöpfer, der im Stande ist das Schöne zu erschaffen, zu erzeugen.

Alle Menschen nämlich tragen Zeugungsstoff in sich, körperlichen sowie geistigen, und wenn wir zu einem gewissen Alter gelangt sind, so strebt unsere Natur zu erzeugen.

- Aus Platons Symposion

 

Meditation über das Leben an sich

Meditation über das Leben an sich

ewigeweisheit.de

Seit etwa 1000 Jahren verwendet man in der deutschen Sprache das Wort Leben, um damit zu beschreiben was einem Menschen während seiner irdischen Existenz mitgeteilt wird, von Geburt an bis zu seinem Tod, durch sein Aufnehmen und Abgeben, sein Wachstum und seine Vermehrung, die erfreulichen und weniger erfreulichen Umstände, auf seinem Weg durch Raum und Zeit als Erlebnis, Erfahrung und Erkenntnis seiner Seele.

Vier Angelegenheiten sollten einen hier beim Lesen beschäftigen: der Zeitaspekt dessen was kommt und geht, die Kreisläufe von Werden und Vergehen in Zeit und Unbeständigkeit, das Erfahren von Licht und Finsternis und schließlich die Einflüsse des Ewigen.

Selbst und Gleichheit

Alles ist lebendig. Doch was lebt das stirbt auch. Was lebt durchläuft Werden und Vergehen, wobei sich jedoch ein Teil auflöst. Aber da ist eine Essenz die weder das Eine noch das Andere berühren und worin alles in Einem existiert: Gutes wie Böses, Helles wie Dunkles, Günstiges wie Ungünstiges, Wertvolles wie Schlechtes, Schönes wie Hässliches, Glückliches wie Trauriges, Nützliches wie Unbrauchbares – untrennbar über ein unsichtbares Band ineinander verwoben und miteinander verbunden.

Was in der Welt ist kommt aus der Einheit. Und was daraus sich löste, sich und seinen Ursprung durch sein Geborenwerden entzweite, verfielfältigt sich, bis es in immer kleinere Teile zerfällt und sich dabei auflöst. Was diesen Vorgang jedoch bewirkte bleibt und kehrt wieder zurück zu seinem Ursprung.

Was in der Welt ist wird aus dieser Einheit geboren, nimmt etwas Äußeres an, verwickelt sich und entwickelt sich wieder, spannt sich auf in die Pole des Zeitlichen. Sie aber sind nicht gentrennt, sondern bilden Anfang und Ende in einem Lebenslauf, der entlang der Bahnen eines riesigen Kreises verläuft, wo Ursprung und Ende das Selbe sind, wo gemachte Erfahrungen einen Bogen spannen zu den gesetzten Zielen im Leben eines Menschen.

Dabei sind diese Pole nicht das Selbe.

Die zwei Pole sind wie Original und Spiegelbild, die nicht gleich sind, doch von selber Abkunft. Man denke hier etwa an den Atem. Einatmen und Ausatmen sind verschiedene Vorgänge. Man atmet entweder ein oder aus. Beides gleichzeitig ist unmöglich. Als solche aber sind sie Teil eines einigen Atems, wo jedes Einatmen ein Geborenwerden ist, denn man schließt aus dem Ganzen, der umgebenden Atmosphäre einenen Teil aus und in der Lunge ein.

Sobald das Kind auf die Welt kommt, erlernt es die Fähigkeit zu atmen, um außerhalb des Leibes seiner Mutter leben zu können.

Stirbt ein Mensch ist Ausatmen sein letzter Akt, womit die Luft ausgehaucht und wieder Teil der Atmosphäre wird.

Atem und Seele aber ähneln sich. Denn so wie sich die Lunge einen belebenden Atem für ihren Körper aus der umgebenden Luft "borgt", so "borgt" sich auch die Seele ihre körperliche Hülle, um dereinst wieder an ihren Ursprung zurückzukehren. Doch was in beiden Fällen dahinter steht, ist die göttliche Absicht zu Erfahren. Die Seele kleidet sich in den irdischen Körper um darin zu leben, sich darin zu läutern. Sie gleicht dem Atem Gottes, der in den Körper einzieht.

Der Körper wird geatmet. Denn auch Nachts atmen wir, unaufgefordert. Was bleibt ist die geatmete Luft. Sie ist Lebenssubstanz, ist Essenz unseres irdischen Seins. Nur wenige Minuten können wir leben ohne Luft.

Seele und Atem

Und wenn wir nun sagten, dass der Atem der Seele ähnelt, so bedient auch sie sich einer Essenz, hat einen Wirt: die Weltseele. Sie ist wie der Atem Gottes, der sich in den Gezeiten von Sein und Vergehen der Welt ausdehnt und wieder zurückzieht in das Eine. Der Kreis und der Punkt unterscheiden sich lediglich in ihrer Ausdehnung. Doch der Punkt des Übergangs, vom einen in das andere Sein, vom Maximum des Umfangs in das Minimum des Mittelpunkts, birgt in sich beides: Leben und Sterben, Sein und Entwerden.

Im Wachstum liegt Schmerz, der sich mit dem Gewordensein aber eben an dem eben besagten Übergang, für sein Erleiden in uns, als Schönheit, Freude und Gutes erkenntlich zeigt, dann wieder abnimmt, den Menschen erleichtert und sich sein Sein dabei lichtet, öffnet und erlöst.

In unserem täglichen Leben steht dafür der Gleichmut, der nicht vergleicht und das Sein nimmt wie es kommt, mit seinen erhebenden und seinen mindernden Kräften.

Man achte aber auf diesen erfreulichen Punkt des Übergangs. Jeder Atemzug durchläuft ihn in der Mitte zwischen Ausatmen und Einatmen. Unser ganzes Leben ist davon bestimmt, während des Einschlafens und Aufwachens, jeden Herbst und jeden Frühling im Laufe unseres Lebensjahres.

Werden und Vergehen liegen am selben Punkt wie Ursprung und Ziel, die unser Lebensweg miteinander verbindet. Die Zeit zwischen dem was war und dem was sein wird, bringt dem Leben seine Spannung. Im Jetzt zu leben aber ent-spannt.

 

Das Mysterium des Todes

von S. Levent Oezkan

Mysterium des Todes - ewigeweisheit.de

Manche meinen der Tod sei ein sehr, sehr langer Schlaf. Was schläft ist aber nichts als der verwesende Leib. An die Unsterblichkeit der Seele zu glauben hingegen bedeutet den Tod zu erkennen als Befreier der Seele. Dies wissend könnte man sich fragen: Wieso überhaupt sollte man den Tod dann noch fürchten?

Es ist wohl eher die Angst vor dem Sterben, das vielleicht mit Leid und Schmerzen einhergeht. Darum spricht auch niemand in hohen Tönen von seinem Tod. Eher zuckt einer vor dem Bild seines eigenen Todes zusammen. Doch jeden Augenblick kann uns der Tod holen, auch wenn das sehr unwahscheinlich ist oder fast unmöglich erscheint.

Wer dieser, seiner letztendlichen Konsequenz schon mal ins Auge sah, der weiß worum es hier geht: Ein Grauen das über einen kommt, wenn man sich bewusst macht, dass man schon nachher nicht mehr leben könnte. Kaum zufällig unterstellen viele Märchen und Legenden diesem Inbegriff des Schreckens stets eine hässliche, furchterregende Wesenart, auch wenn der Tod an sich ja keine Person oder Sache ist.

Grausamer aber noch als der eigene Tod, den man ja gerne in die ferne Zukunft verschiebt, ist wenn ein nahestehender Freund oder Familienangehöriger stirbt. So viele Menschen tauchen danach ab, in vielleicht tiefe Trauer oder Verzweiflung, wo ein Riss ihr ganzes Sein zu spalten droht, wo die Gefühle liebevoller Erinnerung und schmerzlicher Wahrheit die Seele zerreißen.

Ist der Tod wesenhaft?

Das Ende der irdischen Körperlichkeit ist meiner Ansicht nach eigentlich nur der Beginn eines Übergangs, wo sich sich die Seele aus dem Körper löst, um als nicht-physisches Wesen fortzuexistieren. Der physische und ätherische Teil des Menschen aber wird wieder eins mit der Erde und lässt sich niemals mehr in die Form vor seinem Tod zurückverwandeln.

Den Seelengeist umkleidet zunächst ein geistiger Leib, der ebenso wahrnimmt, wie der physische Körper. Dass das nicht allein auf Spekulationen beruht, dafür stehen all die Berichte von Menschen die eine Nahtod-Erfahrung machten, sich aus ihrem Körper lösten, ihn vor sich sahen und auch die Worte der Menschen in ihrer Nähe vernahmen, auch dann, wenn man sie bereits als klinisch tot erklärte.

Human Pardon. Félicien Joseph Victor Rops (1833-1898) - ewigeweisheit.de

Begnadigung des Menschen - Gemälde von Félicien Rops (1833-1898).

Der Tod kommt unaufgefordert

Tod bedeutet Stille. Doch es ist keine Stille vor der man sich zu fürchten braucht, da es ja bereits der Tod selbst ist. Eher gleicht der Tod auch einem Freund, der den Wesenskern des Menschen – seine Seele – aus enger Körperlichkeit dann endlich befreit. Niemand als der eigene Tod besitzt die Schlüssel, um jenes Seelentor zu öffnen, dass das wahre Wesen des eigenen Seins enthüllt.

Der Tod begleitet uns stets an unserer Seite. Wer ihm begegnet, dessen Seele wird abberufen, auf einen Pfad der in die Fremde führt. Er ist gewiss ein strenger Besucher, der sich von seiner Pflicht durch nichts in der Welt abbringen lässt. Der Tod ist auch ungeduldig. Drum, wenn er zuschlägt, bleibt dem Sterbenden keine Zeit. Selbst jene, die im Begriff sind auch nur die kleinste Tätigkeit anzugehen, die in nur Augenblicken erfolgen würde, selbst sie unterliegen seiner Ungeduld.

Aufgabe des Todes ist die Seele aus den Banden des Fleisches zu entfesseln, quasi als letzter Akt menschlichen Seins. Der Tod trägt die Seelen davon, den verstorbenen Körper aber lässt er zurück, dessen sich die Seele zu Lebzeiten als Fahrzeug bediente und darin vielleicht recht verliebt war.

Manch einer wird vom Tod im Schlaf heimgesucht, so dass er nicht ins Bewusstsein seines Leibes zurückkehrt, als vielmehr in einem anderen Bewusstseinszustand zu erwachen. Schlaf und Tod sind Geschwister.

Der eigentliche Tod ist ein Wechsel ohne Wiederkehr. Er aber ist nicht das Leid, das jemand vielleicht während langer, tödlicher Krankheit im Sterben erfährt. Es ist keine Reise, die ein Mensch mit seiner Seele beginnt, nichts, wo lange Zeit vergeht, vom einen Hier zum anderen Dort. Es ist ein zeitlich gänzlich simpler Vorgang, den der Tod ad hoc bewerkstellig.

Wer weiß dass er sterben wird, der braucht kein neues Gewand anzulegen, braucht keine Ersparnisse mehr zu zählen, keine Besitztümer mehr auszuwählen. Alles was der Tod vom Menschen fordert ist seine geistig-spirituelle Vorbereitung auf den Tag seines Ablebens.

Wer ist darauf vorbereit?

Wer schon beschäftigt sich mit seinem jüngsten Tag?

Wäre es dafür nicht immer an der Zeit?

Im Land der Toten

Sobald sich die Seele eines Menschen vom verstorbenen Leib löste, so die Geheimlehren, begegnen ihr zuerst die Seelen jener Menschen die sie einst während ihres irdischen Aufenthalts kannte, doch die selbst schon verstorben waren. Sie freuen sich über die Ankunft der Seele des Verstorbenen. Unter ihnen sind nur aber jene, die dazu Erlaubnis erhielten. Kaum verwunderlich dass diese Seelen am Eingang in die Zwischenwelt genau wissen, was der Verstorbene durchgemacht hat, zählten sie doch selbst einst zu jenen, die ihrerseits dort feierlich empfangen wurden. Auch sie mussten traurig Abschied nehmen von ihren lieben Freunden und Familienangehörigen.

Doch es ist nicht immer so, dass die Seele nach dem Tod des Körpers, tatsächlich in den Kreis der Bekannten eintritt. Ebenso wenig wahrscheinlich ist, dass sie alle ab da an zusammen sind. Man war ja auch auf Erden nicht ununterbrochen zusammen.

Der Glaube dass mit dem Tod alles zu Ende sei, stimmt also anscheinend für jene, die sich immer nur mit ihrem Körper identifizieren. In den Geheimwissenschaften in Ost und West aber ist die Rede von einem Teil der Existenz, der fortwährend an seiner eigenen Weiterentwicklung interessiert ist. Die Station Erde ist dabei nur ein Teil auf diesem langen Weg des Aufstiegs.

Ganz gleich ob nun manche an die Wiedergeburt glauben oder andere ihre Seele nach dem Tod einem Paradies oder einer Hölle gegenüberstehend finden wollen, geht es doch immer um die Läuterung der Seele. Es ist ein Pfad auf dem Weg zur Vervollkommnung – auch dann, wenn dieser Begriff nicht mit dem identisch ist, wie wir ihn zu Lebzeiten auf Erden definiert hatten.

Niemand kann sagen wie lange dieser Seelenweg der Läuterung tatsächlich ist. Gemäß einfachster hermetischer Prinzipien dürfte er aber sehr wahrscheinlich in die Einheit allen Seins führen, wo sich das Getrennte dann verbinden wird damit, was wohl einst sein Ursprung war.

Dante's Paradiso - ewigeweisheit.de

Dante's Paradiso: die himmlischen Gefilde der Seeligen und Engel. Illustration von Gustave Doré (1832-1883).

Bleibt alles beim Alten nach dem Tod?

Auch wenn man nicht mehr in seinem Körper über irdischen Grund wandelt, bleibt man als Seelenwesen am Leben. So wollen es die Geheimlehren in West und Ost. Manche meinen gar zu behaupten, dass man sich gar nicht verändere, sondern die Lebensreise im Jenseits, gewissermaßen die diesseitige Reise einfach nur fortsetze.

Wenn im Osten nun die Rede ist von Karma, dem Prinzip von Ursache und Wirkung, denkt man sich dabei die Konsequenzen, die die Taten eines Menschen mit sich bringen. Wer frei ist von allem Übel, der soll nicht mehr auf diesem Planeten reinkarnieren müssen – einem Ort, der ja manchmal ein Ort der Finsternis ist, wo Leid, Angst und Schmerz jeden Lebenden plagen. Doch sind es nicht eben diese Attribute, die die westliche Tradition auch mit der Hölle assoziiert?

Für jemanden der auf dieser Erde leidet, dürften Vorstellungen von einer Hölle oder der Fortsetzung irdischer Leiden im Jenseits, zuerst wohl unangenehm erscheinen. Fest steht jedoch, dass sich alles im Leben ändert, ganz gleich wie hart es im Augenblick auch erscheinen mag.

Jedes Leid kommt zu seinem Ende. Was Trauer war, wird irgendwann vergessen sein.
Statt Schmerz wird dann Freude empfunden und Verzweiflung weicht der Zuversicht.

Natürlich ist all das viel komplexer, als dass man es hier in wenigen Zeilen schreiben könnte. Viele Seiten mehrerer Bücher ließen sich füllen mit der Beantwortung der Frage: Was geschieht im Übergang vom irdischen Leben ins Jenseits?

Manche mögen darauf antworten, dass sie gemäß ihres Karmas wiedergeboren würden. Doch ob sich das in der Tat, eins zu eins so ereignen wird, wie man darüber hier und dort mal las, das kann doch niemand wirklich beantworten, der auf dieser Erde lebt. Selbst er wüsste es, bedeutete das trotzdem nicht, dass es auch ebenso für jeden anderen Menschen gelten würde.

Ohnehin basiert solches »Geheimwissen« meist nur auf intellektuell angereicherten Details, die manchmal vielleicht nur ein Autor oder Seminarleiter zu wissen vorgab. Leider sind unter diesen oft aber auch welche die nicht wirklich wissen wovon sie eigentlich sprechen. Sie geben einfach nur das wieder, was sie anderswo hörten oder lasen.

Das bedeutet natürlich nicht, dass wenn hier geschrieben steht, dass Andere lediglich fremdes Wissen kopieren und alles daran falsch ist. Vielleicht macht es aber Sinn es so zu formulieren: Wer an die Existenz seiner Seele glaubt, dem dürfte schwer fallen sich nicht die Frage zu stellen, was mit diesem Teil seines Seins nach dem Tod wirklich geschieht – insbesondere dann, wenn die Seele eben nicht allein eine psychologische Entität ist, sondern tatsächlich ein eigenständiges Wesen – etwas, das einen Körper angenommen hatte, durch dessen Augen es in die Welt sieht und sich durch den Tod dann wieder von alle dem scheidet.

Wenn es so etwas wie eine Seele gibt, die den Tod übersteht, und das erfahren wir ja aus den philosophischen Schulrichtungen und Religionen in Ost und West, ist ihr Fortleben gewiss eine Weiterführung des irdischen Lebens. Auch dann, wenn es sich »nur« um Erinnerungen handelt.

Das bedeutet aber auch, dass sich alle Sorgen und Ängste in gewisser Weise erhalten, bis man sie schließlich überwunden hat. Dabei müssen es gar nicht die Alltagssorgen sein, die einem im irdischen Leben zu schaffen machten, als eher das als Sorge empfundene Gefühl – oder besser – die intuitive Emotion, die uns mitteilt: etwas war nicht in Ordnung.

Freitod

Der Übergang vom Leben in den Tod ähnelt einem Umzug von einer Stadt in eine andere. Seine moralischen Verpflichtungen nimmt ein Mensch jedoch immer mit. Deshalb ist es gänzlich sinnlos zu glauben, dass ein Selbstmord, auch noch so gravierenden Probleme und Sorgen auf dieser Erde erübrigen könnte. Wer sich selbst tötet bekennt sich zu seiner totalen Unfähigkeit zu leben.

Schaut man hier etwa auf die westlichen religiösen Traditionen, so meinen diese nun, dass ein Selbstmörder unbedingt in der Hölle landet. Dort versucht die Seele eines Selbstmörders erneut ihr Leben durch Gewalt zu beenden, was ihr als unsterbliche Einheit jedoch niemals gelingen kann, sie aber nur immer tiefer in immer weitere Komplikationen hinabzieht, bis sie schließlich erkennt, dass Selbstmord niemals einen Zweck erfüllen kann. Nur dann vielleicht sitzt sie fest.

Eine solche Tat ist eben nichts, worüber jemand zuvor reflektierte oder über die Auswirkungen nachdachte. Es ist eine Tat vollkommener Aggression. Denn hätte jemand über seine Auswirkungen nachgedacht, wäre seinem absurden Wunsch, durch eigenes Tun zu sterben, wohl doch die Vernunft in die Quere gekommen und hätte ihn von dieser Tat abgehalten.

Die Vorstellung mag manchen sehr beängstigend erscheinen oder gar wahnwitzig. Doch es gibt kein Entkommen! Probleme wollen gelöst, Schwierigkeiten aus dem Weg geschafft, Hürden wollen überwunden werden. Auch wenn das im Diesseits manchen einfacher zu gelingen scheint als anderen, bedeutet das nicht wirklich, dass sie, selbst in üblem Handeln, auf ewig frei von Schwierigkeiten bleiben.

Was auf Erden erreicht wurde, welches Endziel der Mensch beim Tod seines Körpers fand, dass wird seine Seele in transformierter Form auf einer anderen Ebene fortsetzen. Dann hoffentlich aber auf einer höheren Stufe der Vervollkommnung.

Das Leben im Jetzt, in diesem Körper, an diesem Ort, an dem Sie sich in diesem Augenblick befinden, ist ein Ausschnitt einer sehr, sehr langen Weiterreise, die aber wahrscheinlich nur hier auf Erden, durch Freude und Schmerz ebenso führt, wie durch Verlust und Gewinn. Denn ist die Seele körperlos, wie sollte man von etwas ahnen, dass man durch das Herz und das Gehirn eines physischen Körpers in erwägt?

Es ist unsere Gewohnheit, die uns in raum-zeitlich materiellen Termini denken lässt. Man identifiziert sich mit seinem Körper, mit dem Ort an dem man lebt und dem Augenblick, in dem man Lust oder Leid, Freude oder Trauer verspürt. Und all diese Empfindungen besitzen ganz und gar ihre eigene Wirklichkeit und Wichtigkeit. Nur wenige aber empfinden sie bewusst, als tatsächliche Verpflichtung in dieser Lebensspanne, in der wir unseren Körper über die schöne Erde bewegen.

Der Weg, den wir dereinst durch den Tod in der physisch-zeitlichen Welt beenden werden, wird in anderer Form dennoch weiter beschritten werden müssen. Dort wo er im diesseitigen Leben endete, setzt er sich im jenseitigen Leben fort.

Alles was wir in dieser Welt erreicht haben, dass nimmt unsere Seele in sich auf und führt sie mit, im sogenannten »kommenden Leben«. Dabei ist es ganz gleich, ob wir an Reinkarnation glauben oder an ein Leben nach dem Tod, wo unsere Seele in Himmel oder Hölle überführt wird. Was wir an Schulden aufnahmen oder andererseits an Begierden ablegen konnten: Das ist der Ausgangspunkt, von dem wir uns in die kommende Welt nach dem Tod bewegen werden.

Der Tod spielt eine Melodie: Frans Francken der Jüngere (1581–1642) - ewigeweisheit.de

Der Tod spielt eine Melodie: Gemälde von Frans Francken dem Jüngeren (1581–1642)

Ist Macht im Diesseits vielleicht im Jenseits Ohnmacht?

Nicht ausgeschlossen, dass sich nun dem einen oder anderen diese Frage stellt: Was geschieht mit den Menschen im Jenseits, die hier und jetzt auf Erden ihr wortwörtliches Unwesen treiben? All die Verbrecher, Bösewichte oder Kriegstreiber, die jemals lebten oder etwa Positionen großer Macht bekleideten: Was passiert mit ihren Seelen?

Alle Macht und Gewalt die ein Mensch durch seine bösen Umtriebe auf Erden bewirkt, finden meistens auf physischer Ebene statt. Stirbt einer von ihnen, so wird seiner Seele aller Spielraum entrissen, doch der Wunsch festzuhalten und die vielleicht damit verbundene materielle Sicherheit, verschwinden mit einem Mal. Für jemanden der nichts besitzt, mag das ganz gleich sein. Einer der mit großem Besitz aufwartet und dem seine Macht über andere alles bedeutet, dem dürfte die Vorstellung von einem Augenblick auf den nächsten all das zu verlieren, wohl unvorstellbare Angst einjagen. Sein Leben besteht vielleicht allein aus materiellem Besitz, aus Luxus und sinnlichen Lebensfreuden – Dinge, an die man sich als Erdenmensch nur all zu leicht gewöhnen kann.

Das gewissenlose Handeln mächtiger Unholde, die ihre Gewaltherrschaft mit allen Mitteln behalten wollen, rührt her von einer gefährlichen Hilflosigkeit, denn nichts ist ihnen geblieben als das Grauen vor ihrem Verlust. So einer wird alles daran setzen, so viel wie möglich Menschen seinem Joch zu unterwerfen. Wie arm aber ist eine Seele dran, die das dann nach dem Tod alles nicht mehr haben kann?

Führt man sich vor Augen, dass das Seelenleben ein Sein in der Ewigkeit ist, wie unbedeutend kurz ist doch dann das Leben in dieser Welt. Was jedoch nicht heißt, dass wir uns der Verantwortung auf diesem Planeten entziehen können.

Der Tod ist ein Ratgeber

Wenn heute der letzte Tag in ihrem Leben wäre, was würden sie tun?
Würde dieser Tag dann so enden, wie schon die Tage zuvor?

Die Antworten auf diese Fragen dürften recht ähnlich ausfallen. Und doch sind nur wenige Menschen dazu bereit sich morgens diese Frage zu stellen:
Wenn heute mein letzter Tag auf Erden wäre, würde ich dann das tun, was ich mir heute vorgenommen habe?

Selbst wenn sich einer diese Frage tatsächlich stellt, ist es damit allein wohl kaum getan. Denn worauf ich hier hinaus will, wenn es oben heißt, dass der Tod ein Ratgeber ist, ist ganz und gar etwas anderes gemeint, als nur eine philosophische Pflicht zu erfüllen. Eher geht es bei der Suche nach der Antwort auf diese Frage darum, wie oft sie mit einem Nein beantwortet wurde. Je öfter das nämlich der Fall ist, desto unzufriedener werden wir, da sich etwas wiederholt, auf das wir eigentlich keine Lust (mehr) haben. Es lohnt sich, diese Frage also gleich noch einmal zu stellen:

Wenn heute mein letzter Tag auf Erden wäre,
würde ich dann das tun, was ich mir heute vorgenommen habe?

Sich daran zu erinnern, dass man bald sterben könnte, heißt nicht, dass man eine besessene Todesangst entwickeln soll! Ganz im Gegenteil. Es geht darum, jeden Atemzug bewusst zu nehmen und dankbar zu erkennen, dass man am Leben ist.

Doch wenn der Tod zur Sprache kommt, fürchten sich die meisten unter uns. Es ist eben das düsterste Thema in unserem Leben. Was aber ganz und gar nicht bedeutet, dass man eigentlich den Unterschied zwischen dem Tod eines geliebten Freundes oder Verwandten, als etwas ganz anderes erfährt, als den eigenen Tod. Der Tod markiert in unserer westlichen Kultur eben ein Tor ins Ungewisse, in einen Bereich der gänzlich fremd und undurchschaubar bleibt.

Grau und Schwarz ist nur der Kummer

Jeder der schon einmal auf einer Beerdigung war, hörte dort vielleicht einen Priester sagen »Nun ruht er in Frieden«. Nicht ganz einfach diese Aussage, insbesondere dann nicht, wenn hier behauptet werden soll: Der Tod ist keine Bereicherung, wie man sie etwa zu Lebzeiten durch etwas erfahren könnte. Und dazu gehört allemal ein Leben in Frieden. Ein Tod in Frieden macht gewiss nicht wirklich Sinn. Nichts was wir nicht sowieso schon haben, könnte uns der Tod mit dem Verlassen unseres irdischen Daseins geben, das wir nicht bereits besitzen. Wie auch, ist der Tod doch eigentlich Inbegriff allen Verlusts!

Wessen Seele also nicht bereits zu Lebzeiten in Frieden mit sich und der Welt ist, wird wohl auch nach dem Tod weitersuchen. Denn Glück und Gelassenheit sind nicht allein stellvertretend für das, wofür sie stehen. Es sind Gemütszustände, die es zu erlangen gilt. Wer sie aber erwarb, der sollte sie sorgsam pflegen.

Was war, setzt sich also fort. Wer im Saus und Braus lebte, dessen Seelenleben wird sich auch nach dem Tod nach Ähnlichem, wenn auch nicht Gleichem sehnen. In den tibetischen Totenbüchern etwa, ist die Rede von den Bardos, den Zuständen der Seele nach dem Tod, in die sie eintritt und durch die sie sich begeben muss, bis sie erneut auf Erden inkarniert. Ab einem gewissen Grad dieser Reise durch das Jenseits aber, sieht sie kopulierende Paare, in denen sie die rechten Verkörperungen dessen erblickt, für die es sich lohnt erneut zu inkarnieren.

Auch wenn die Vorstellung des Zustands der Seele nach dem Tod bei Juden, Christen und Muslimen sich davon unterscheidet, geht es auch hier darum, in welcher Gemütsverfassung sich der Verstorbene vor dem Tod befand. War es ein ruhiger, gelassener, friedvoller und hilfsbereiter Mensch, wird er im Zustand nach seinem Tod, ganz gleich ob man nun an eine Reinkarnation glaubt oder nicht, entsprechend dem zustreben, wonach sich seine Seele auch zu Lebzeiten sehnte. Ein ruhiges Seelenleben wird als solches fortgeführt, wie auch ein durchtriebenes – so lange, bis der Zweck diesen Empfindens seine Aufgabe erfüllt hat.

Wie glücklich kann sich einer schätzen, der an das Fortleben seines Seelenlebens glaubt. Denn je stärker dieser Glaube, desto geringer ist die Angst vor dem Tod.

 

 

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Die Seele ist die Königin, der Körper ihr Untertan

Die Seele ist die Königin, der Körper ihr Untertan

Die Natur ist ein Werk der Seele. Die Religionslehrer aber erklären, dies alles seien Taten des herrlichen Schöpfers und Bildners. Man muss aber bedenken, dass die Seele eine Schöpfung des Schöpfers ist.

Und wenn es heißt, dass die Wirkungen der Kräfte und ihre Beziehung zur Seele nur deshalb existieren, damit der Mensch beim Nachdenken über die Seele und deren bewundernswerten Taten, vom Schlaf der Sorglosigkeit und Torheit erwache. Denn er soll seine Seele und ihre wunderbare Wirkung erkennen. Er muss dann wissen, dass der gute Meister am guten Werk erkannt wird, dies aber auf den allweisen Meister schließen lässt.

Auf der Erde gibt es Zeichen für die Kundigen und ebenso in euren Seelen, seht ihr dies etwa nicht ein?

- Sure 51:20

Der Körper gleicht einer Stadt

Es gleicht dieser Körper mit der Seele darin, dass die Kräfte derselben ihre Wirkung kundtun, in allen verborgenen und sichtbaren Gliedern. Sie bewirken durch die verschiedenen Bewegungen der Kanäle dieser Glieder, sowie durch die Sitze der Sinne in den Öffnungen des Kopfes, Vorgänge, die dem Treiben in einer Stadt ähneln. Es ist wie in einer von ihren Einwohnern bebauten und gepflegten Stadt. Ihre Märkte sind offen, ihre Strassen belebt und ihr Handel geht so gut, dass die Ware darin gefertigt wird, die Handwerker beschäftigt sind und die, welche sich ihren Lebensunterhalt erwerben, hin- und herlaufen, ihre Zugtiere nicht rasten und es von Reitern und Fussgängern gerade so wimmelt. Dies gilt für den menschlichen Körper im Wachzustand.

Zur Zeit des Schlafs, wo die Sinne unsicher sind und die Bewegungen rasten, gleicht dagegen der Körper jener Stadt bei Nacht. Dann sind die Märkte geschlossen, die Arbeiter müßig, die Straßen sind leer, die Leute schlafen und es sind kaum noch Geräusche zu hören.

Schlafes Bruder

Trennt sich die Seele von diesem Körper, so gleicht sie einer verlassenen Stadt. Als solche, die keine Bewohner mehr hat und die alle ihre Haustiere mitgenommen haben, verkommt eine Stadt allmählich zur Wüste und zum Aufenthaltsort wilder Tiere. Da hört man des Nachts dann die Rufe des Uhus und am Tage ziehen dort die Geier ihre Kreise. Ihre Mauern zerfallen, die Dächer ihrer Häuser stürzen ein und nach und nach verwandeln sich die Gebäude in Schutthaufen.

Ebenso ist es auch mit dem menschlichen Körper, wenn ihn die Seele verlässt. Er schwillt auf, beginnt zu stinken und wird zur Heimstatt von Würmern, Fliegen und Ameisen. Schließlich aber wird er zu einem Haufen Staub, wo man nur noch die Knochen unterscheidet, die wie die Steine und Ziegel aus den Trümmern der einstigen Stadt hervor ragen.

Die Seele ein Reiter, der Leib ein Esel

Man vergleiche ferner die Seele mit dem Embryo, den Leib mit dem Mutterschoß. Oder die Seele mit dem kleinen Kind, den Leib mit der Schule; die Seele mit dem Insassen, den Leib mit der Wohnung; die Seele mit dem König, den Leib mit dem Untertan; die Seele mit dem Handwerker, den Leib mit der Werkstatt; die Seele mit dem Fertiger, den Leib mit dem Gefertigten; die Seele mit dem Leiter, den Leib mit dem Geleiteten.

Die Seele gleicht dem König, ihre Kräfte den Soldaten und Untertanen.

Die Seele gleicht auch einem Reiter, die sich auf ihrem Reittier, dem Leib, durch die Welt bewegt. Die Welt aber ist die Rennbahn, wo die Weisen der Welt den Siegern ähneln.

Wenn die Seele dann von der Kraft zur Tat schreitet, so erscheint uns der Körper wie das Schiff, die Seele wie ein Handel treibender Kapitän. Seine Handlungen sind wie die dort transportierten Waren, die Welt wie das Meer auf dem dieses Schiff fährt. Der Tod schließlich gleicht dem Ufer, wo der Leib zurückbleibt, während der Händler dort in seine Heimat zurückkehrt - jenen Ort, wo Gott ihm seine Ernte vergilt.

Die Seele ähnelt auch dem Bauern, der Körper dem Saatfeld, die Handlungen den Körnern und Früchten. Der Tod ähnelt dem Sensemann, die Welt nach dem Tod gleicht der Scheune, wo die Ernte von Gott gedroschen wird und sich dabei die Spreu vom Getreide löst.

Was Tod und Leben sei

Tod und Leben zerfallen in zwei Arten: leiblich und geistig.

Das leibliche Leben ist nichts anderes, als dass sich die Seele eines Körpers bedient.

Der leibliche Tod aber ist nichts, als dass die Seele es unterlässt einen Körper zu gebrauchen.

Auch das Wachsein ist nichts anderes, als dass die Seele die Sine anwendet. Der Schlaf dagegen ist nichts anderes, als die Unterlassung dieser Anwendung.

Bei der Seele ist das Leben ein wesenhaftes, ihre Substanz ist lebendig. Sie ist in der Tat wissend, durch die Kraft in den Körpern, Gestalten und Formen von Natur schaffend.

Der Tod der Seele ist ihre Unkenntnis von ihrer Substanz und ihre Sorglosigkeit ihr Wissen nicht zu erkennen. Dies stößt ihr zu, wenn sie sich zu sehr in das Meer der Materie hinabsinken lässt, und sie zu weit in den Tiefgrund des Körpers einging, da sie sich zu sehr den leiblichen Begierden hingab.

Da die meisten Mensch die Substanz ihrer Seele nicht kennen und sich nicht um das ewige Leben kümmern, kennen sie nur dies niedrige irdische Leben, das aber ein Ende hat. Sie scheinen aber ewig in dieser Welt bleiben zu wollen, wissen aber nicht:

Dieses diesseitige, irdische Leben ist nichts als Zeitvertreib und Spiel. Die Wohnstatt des Jenseits aber, ist das eigentliche Leben. Wenn sie's doch wüssten!

- Sure 29:74

Auf dem Weg ins Paradies

Wenn der Leib an Alter und Schwäche zunimmt, nimmt dagegen die Seele an Frische und Tugendkraft zu.

Im Leibe liegt eine Seele, die altert mit ihm nicht.
O ließe doch das Alter keine Spur auf dem Antlitz.
Sie hat Nägel, wenn alle anderen Nägel stumpfen,
Und Zähne, wenn mein Mund deren nicht mehr hat.
Die Zeit ändert an mir, was sie will, nur nicht die Seele,
Und ich gelange zum Lebensende, während sie noch jung ist.

- Al-Mutanabbi

Man überlege wohl den Bau dieser Wohnstätte, und betrachte den Wandel der Seelenkräfte in ihr, sowie ihre wunderbaren Wirkungen und verschiedenen Bewegungen, dann erwacht man vom Torheitsschlummer und kann die Seele klar in ihrem Wesen und ihrer Substanz erkennen. Man sieht die Welt der Seele, ihren Anfang und Ausgang, ebenso wie man mit dem leiblichen Auge diese Wohnstätten und diese Stadt sehen kann. Man erkenne die Erhabenheit jener Stätte der Seele, strebe ihr zu und entkomme dadurch dem Meer der Materie, sowie dem Tiefgrund, der mit den Distanzen begabten Körper. Bevor diese leibliche Stadt zerfällt, nehme man sich eine ewige Wohnstätte in der geistigen Welt. Denn diese Stätte ist keine Stätte des Weilens, sondern eine Stätte der Vergänglichkeit, des Entstehens, der Verwandlung und des Vergehens. Es ist eine Stätte für Hunger und Durst, für Krankheit und Elend, Kummer und Unglück.

So sagt der Prophet Mohammed (as):

Einsichtig ist der, welcher sich selbst kennt und für das wirkt, was nach dem Tode ist. Verständig ist der, welcher sein Herz der Welt entreißt, ehe der Leib von der Welt scheidet. Drum sehne doch ach der Stätte, wo weder Kummer noch Gram, weder Hinschwinden, noch Krankheit, noch Dürftigkeit ist. Dort sind die Nachbarn nicht gegen einander neidisch, die Brüder setzen sich auf ihren Sesseln einander gegenüber und haben, was sie begehren. Das ist die Stätte des Lebens. Dies ist das Himmelreich und die Weite der Sphärenwelt, die ganz erfüllt ist mit Hauch, Duft; dort ist das Paradies und Wohlgefallen.

Vielleicht gelingt auch dir der Anstieg und du erhältst den Lohn für deine guten Taten.

Als sich Jesus wieder auf den Weg machte, lief ein Mann auf ihn zu, fiel vor ihm auf die Knie und fragte ihn: Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben? Jesus antwortete: Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer der eine Gott. Du kennst doch die Gebote: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen, du sollst keinen Raub begehen; ehre deinen Vater und deine Mutter! Er erwiderte ihm: Meister, alle diese Gebote habe ich von Jugend an befolgt. Da sah ihn Jesus an, umarmte ihn und sagte: Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib es den Armen und du wirst einen Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach! Der Mann aber war betrübt, als er das hörte, und ging traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen. Da sah Jesus seine Jünger an und sagte zu ihnen: Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen! Die Jünger waren über seine Worte bestürzt. Jesus aber sagte noch einmal zu ihnen: Meine Kinder, wie schwer ist es, in das Reich Gottes zu kommen! Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt. Sie aber gerieten über alle Maßen außer sich vor Schrecken und sagten zueinander: Wer kann dann noch gerettet werden? Jesus sah sie an und sagte: Für Menschen ist das unmöglich, aber nicht für Gott; denn für Gott ist alles möglich. Da sagte Petrus zu ihm: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Jesus antwortete: Amen, ich sage euch: Jeder, der um meinetwillen und um des Evangeliums willen Haus oder Brüder, Schwestern, Mutter, Vater, Kinder oder Äcker verlassen hat, wird das Hundertfache dafür empfangen. Jetzt in dieser Zeit wird er Häuser und Brüder, Schwestern und Mütter, Kinder und Äcker erhalten, wenn auch unter Verfolgungen, und in der kommenden Welt das ewige Leben. Viele Erste werden Letzte sein und die Letzten Erste.

- Markus 10:17-31

Dieser schwere, aus Fleisch, Blut und Knochen, Sehnen und Nerven gebildete Leib, kann nimmer zum Himmelreich aufsteigen. Alle Leiber sind ja veränderlich und dem Wechsel und der Verwandlung unterworfen. Jene erhabene Stätte, das ist das Paradies, passt für sie nicht. Dagegen passt dieselbe für die Seele. Denn von dort stieg die Seele an jenem Tage herab, da unserem Vater Abraham gesagt wurde:

Geht fort! Einige von euch seien der anderen Feind. Und auf der Erde sollt ihr Aufenthalt und Nießbrauch auf Zeit haben.

- Sure 2:36

Ferner heißt es: ihr lebt und sterbt auf der Erde, dann geht ihr aus ihr am Tage der Heimsuchung hervor, wenn ihr aus dem Schlummer der Torheit und der Sorglosigkeit erwacht. Durch die Formen wird der Geist des Lebens euch eingehaucht, ihr lebt das Leben der Weisen und wandelt den Wandel der Glücklichen.

Der Weise sagt: Fürwahr, der Himmel ist unser Vater und die Erde unsere Mutter. Zu ihr kehren wir zurück, aber von beiden lassen wir uns großziehen.

Gott ließ euch als Spross von der Erde ersprießen, doch lässt die Erde nicht sprossen, es sei denn, sie ist vom Himmel mit Regen befeuchtet. So gehen aus beiden die Kreaturen hervor, welche doch zwischen Himmel und Erde entstehen. Somit ist die Erde unsere Stätte, sie wird uns zur Mutter, in ihr liegen unsere Gräber und wir gehen aus ihr hervor.

Schließe dich der Bruderschaft an und erkenne ihre Lehre durch ihre Traktate. Vielleicht entgehst du durch ihre Vermittlung und steigst zum Himmelreich auf, dem ewigen Glück, bis du in ihre geistige Stadt eingehst, ins Paradies.

Hierfür stehe Gott dir bei.

Die sagenhafte Insel der Affen oder: Ein Märchen über das Wesen der menschlichen Seele

Die sagenhafte Insel der Affen oder: Ein Märchen über das Wesen der menschlichen Seele

Es gab eine Stadt auf dem Gipfel eines Berges, auf einer grünen Insel im Meer. Die Luft dort war mild, das Wasser süß und ihre Erde von gesegneter Fruchtbarkeit. Schöne Teiche gab es dort, die Fruchtbäume waren reich behangen und allerhand Tiere lebten auf dieser Insel, ganz entsprechen dem Land, Klima und Wasser.

Ihre Bewohner lebten in Brüderlichkeit, waren sie doch die Sprösslinge eines Mannes größter Glückseligkeit. Zwischen ihnen herrschte Liebe, Milde und Güte, wo keiner den Anderen hasste oder ihn um etwas beneidete. So gab es dort also keine Feindschaft oder sonstige Übel. Man stritt hier nicht über verschiedene Ansichten oder tat üble Dinge mit sich oder anderen. Keine der Sünden die den Charakter eines Menschen eintrübten, beging man hier.

Die Insel der Affen 

Nun bestieg einst eine Gruppe von den Leuten dieser Stadt ein Schiff. Sie aber erlitten Schiffbruch und eine Meereswoge warf sie auf eine andere Insel, auf der es Berge und Bäume gab. Diese Bäume aber hatten keine guten Früchte, aus den Quellen der Insel rann trübes Wasser. Es gab dort auch finstere Höhlen worin wilde Raubtiere hausten. Die Bewohner der Insel aber waren Affen.

Nun gab es auf einer der Inseln dieses Meeres einen riesigen, mächtigen Vogel. Jeden Tag und jede Nacht kam er und nahm sich einen dieser Affen und eins der wilden Tiere als Beute.

Die Schiffbrüchigen aber zerstreuten sich auf dieser Insel, in die Täler der Berge und suchten nach essbaren Früchten, da sie hungrig waren. Sie tranken aus den Quellen und umhüllten sich mit den Blättern dieser Bäume. In der Nacht kehrten sie in die Schluchten und Höhlen zurück, wo sie sich vor Hitze und Kälte zu schützen suchten.

Bald aber pflegten die Menschen mit den Affen gewohnten Umgang. Sie paarten sich mit den Affen und vermehrten sich und es wurden ihrer viele. Lange Zeit ging nun dahin. Dieses Geschlecht bewohnte die Insel, hielt sich in ihren Bergen auf und gewöhnte sich daran, was dort geschah. Sie vergaßen ihre eigentliche Heimat mit den lieblichen Annehmlichkeiten und ihren alten Verwandten. Sie brachen Steine in den Gebrigen und bauten sich daraus Häuser und begannen darin zu leben und horteten darin die Früchte dieser Insel.

Die Leute aber begehrten immer mehr die Weibchen der Affen und waren sehr zufrieden mit ihren Verhältnissen und wünschten sich ewig zu bleiben. Doch nach und nach entstand zwischen ihnen und den Affen Streit und es entbrannten Kriege.

Der Traum von der eigentlichen Heimat

Einer von den Männer hatte einmal einen Traum. Darin sah er sich in sein Land zurückkehren, aus dem er gekommen war. Als die Leute seiner Stadt hörten, dass er käme, kamen sie ihm schon außerhalb der Stadtmauern entgegen. Sie sahen aber, wie ihn die Reise und seine lange Abwesenheit in der Fremde verändert hatten, drum wollten sie nicht, dass er in diesem unwürdigen Zustand die Stadt beträte. Also wuschen sie ihn in der Quelle vor dem Tor, glätteten sein Haar, schnitten ihm die Nägel und bekleideten ihn mit neuen Gewändern. Sie salbten und schmückten ihn und setzten ihn auf ein Reittier, auf dem sie ihn in die Stadt führten. Alle freuten sich über seine Rückkehr und man begann ihn nach dem Schicksal seiner Gefährten zu befragen. Sie setzten ihn dann vor das Rathaus der Stadt, sammelten sich um ihn und staunten über ihn und seine Rückkehr, nachdem sie längst daran gezweifelt hatten. Er war aber froh darüber, dass ihn Gott erlöst hatte von jener Fremde, dem Untergang der Gemeinschaft mit den Affen und jenem hässlichen Leben.

Rückkehr in die traurige Realität

Der Mann glaubte aber, dass er dies Alles im Wachzustand gesehen hätte. Als er aber erwachte, fand er sich wieder auf der anderen Insel unter dem Geschlecht der Affen. Da wurde er traurig und zog sich gebrochenen Herzens zurück. In Gedanken versunken und bekümmert grübelte er in voller Sehnsucht nach seiner wahren Heimat. Dann erzählte er seinen Traum einem seiner Genossen und erinnerte ihn an das, was die Zeit ihn hatte vergessen lassen: jene Stadt, die Bewohner, die Verwandten und ihre Lieblichkeit. Sie beratschlagten unter sich, überlegten und fragten einander, wie man dorthin zurückkehren und von hier entrinnen könne. So kamen sie darauf einen Pakt zu schließen. Sie begannen also auf der Insel Holz zu sammeln und wollten nicht faul sein und ein Schiff bauen, um damit in ihre Stadt heimzukehren. Daraufhin dachten sie, dass es sicherlich hülfe und leichter für sie wäre, wenn noch ein Anderer mit ihnen wäre. Dann wären sie sich sicherer, was das Gelingen ihres Vorhabens anbelangt und die damit erzielte Rückkehr in ihre eigentliche Heimat. So erinnerten sie ihre Genossen an ihre Heimatstadt und riefen in ihnen die Sehnsucht wach nach der Rückkehr in ihr Vaterland. Sie sonderten sich von den anderen ab, bis eine Gruppe zusammengekommen war.

Der todbringende Raubvogel als Retter

Sie begannen also ihr Schiff zu bauen, damit sie es eines Tages bestiegen und damit heimkehrten. Doch siehe, da kam der riesige Vogel, welcher die Affen zu greifen pflegte und riss den einen Mann an sich. Als er mit ihm weit davon geflogen war, betrachtete der Vogel was er da hatte und siehe, es war kein Affe, wie gewöhnlich. Er flog nun mit ihm über jene Stadt, aus der der Mann gekommen war und warf ihn auf das Dach seines Hauses. Dort ließ er ihn. Der Mann aber schaute wo er sich befand und siehe, es war seine Heimstatt, sein Haus, wo seine lieben Verwandten lebten. Da wünschte er, wenn doch täglich der Vogel von jenen einen ergriffe und ihn in die Stadt zurückbrächte.

Jene Männer aber, aus deren Zahl der Vogel ihn fortgeführt hatte, weinten und waren sehr traurig über ihn. Denn sie wussten ja nicht, was der Vogel mit ihm gemacht hatte. Hätten sie es gewusst, hegten sie den selben Wunsch, als wie vor ihnen ihr Bruder.

Vom verborgenen Sinn in diesem Märchen

So sollte nun auch der Glaubem der Lauteren Brüder sein, der vor seinem Mitbruder vom Tode ereilt wird. Denn die diesseitige Welt gleicht jener Insel, ihre Bewohner aber, die Menschen, gleichen den Affen. Jener Vogel ist gleichsam der Tod. Die Schiffbrüchigen entsprechen den Heiligen Gottes und das Jenseits ist jene Heimatstadt, von wo sie ausgingen. 

Dies also ist unser Glaube unserer Brüder über den gegenseitigen Beistand, welche schon der Tod ereilte.

 

Die Mysterien von Eleusis und das Urchristentum

von Johan von Kirschner

Einweihung in Eleusis - ewigeweisheit.de

Wer nie das Blut eines Mitmenschen vergossen hatte und fähig war zu schweigen, der konnte, ganz gleich ob Fürst oder Sklave, in die Mysterien von Eleusis eingeweiht werden. Wer Anteil hatte an der göttlichen Weisheit der Mysterien, wie wohl einst der Apostel Paulus, der wurde ein »Vollkommener« und konnte auch in anderen die Flamme der Erkenntnis entzünden.

Viele alte Philosophen, Dichter und Historiker sprachen mit größter Ehrfurcht von einem Kult, der sich um drei Gottheiten drehte: Demeter, Persephone und Dionysos. Wer in die Mysterien eingeweiht wurde, strahlte in seiner ganzen Erscheinung eine Heiligkeit aus, die, so der alte Glaube, von diesen Gottheiten auf ihn überging. Was Christen und Juden beim Namen Jerusalem, Muslime beim Namen Mekka empfinden, dass und mehr mussten eingeweihte Griechen beim Namen »Eleusis« empfunden haben. Eleusis war ein Ort wo etwas stattfand, dass die dort Teilnehmenden niemals mehr vergessen konnten und ihnen für den Rest ihres Lebens Licht, Kraft und Trost gab.

Sophokles, selbst ein Eingeweihter, fasste seine Eindrücke der Ereignisse von Eleusis so zusammen:

Dreimal selig, ewig stillbeglückt
Ist der Sterbliche, der jene Weihe erblickt
Ehe er zum Hades niederstieg.
Seiner harrt dort Freude, Licht und Sieg.
Ihm allein ist Sterben neues Leben;
Doch den andern wird viel Leid gegeben.

Die Mysterien von Eleusis wurden in Griechenland vor mehr als 3.000 Jahren gegründet. Seit damals wurden in Eleusis zehntausende, wenn nicht sogar hunderttausende Menschen in die Mysterien eingeweiht. Das bedeutet, dass die Teilnehmer nicht allein aus dem alten Griechenland stammten, sondern wohl auch aus dem römischen Reich, aus Kleinasien, Palästina, Ägypten und Persien eingeladen wurden, um an den Mysterienfeiern teilzunehmen.

Auch wenn man damals im griechischen Arkadien, Messenien und Korinth Mysterienfeiern abhielt, waren ihnen seit alters her die Eleusinischen Mysterien übergeordnet. Ihr Ahnherr war der thrakische Demeterpriester Eumolpos, der als erster Hierophant (Enthüller der heiligen Geheimnisse) im heiligen Drama der Mysterien die Rolle des Zeus zufiel.

Man unterschied zwischen den kleinen Mysterien, den Myesis (von griech. myo, verschleiern), und den großen Mysterien, den Teletai (von griech. telos, vollkommen), in denen die eigentliche Einweihung vollzogen wurde. Es war Personen beider Geschlechter und aller Stände, auch Sklaven, gestattet, an den kleinen Mysterien teilzunehmen. Doch die höhere und letzte Initiation der großen Mysterien vollzogen nur wenige – trotz dass ihnen darin die großen Geheimnisse des Lebens offenbart wurden.

Klassische Illustration des Mysteriengeschehens - ewigeweisheit.de

Klassische Illustration des Mysteriengeschehens

Die kleinen Mysterien

Die kleinen Mysterien wurden jedes Jahr im Monat Anthesterion, um das Frühlings-Äquinox in der Kleinstadt Agrae abgehalten, in der Nähe von Athen. Dort hausten die Teilnehmer in einer kleinen Zeltsiedlung, von wo aus sie sich in ein nahe gelegenes Demeter-Heiligtum begaben, in dem die Weihehandlungen stattfanden. Wer die Weihe empfangen wollte, dessen guter Leumund musste von zwei Eingeweihten bezeugt werden, die damit seine Mysterien-Paten wurden. Nur wer ein ehrenhafter Bürger des hellenischen Staates war und sein Hände niemals mit dem Blut eines Mitmenschen befleckt hatte, entsprach den Anforderungen der eleusinischen Priester und konnte als Neophyte angenommen werden.

In den kleinen Mysterien wurde der Neophyt auf die heiligen Wahrheiten der großen Mysterien vorbereitet und nach dem Empfang der ersten Weihe, durfte er sich »Myste« nennen: Verschleierter.

Die großen Mysterien

Man sagt jene Eingeweihte der kleinen, glichen unvollkommenen Schatten derjenigen die die Weihen der großen Mysterien empfangen hatten – ganz so wie der Schlaf ein Schatten des Todes ist. Als ein Myste der kleinen Mysterien wurde man aber für die großen Mysterien zugelassen. Sie fanden alle vier Jahre im Monat Boedromion, um das Herbst-Äquinox, in der Tempelanlage von Eleusis statt. Alles was dort geschah ereignete sich hinter verschlossenen Toren. Uneingeweihte die sich in die Mysterien einschleichen wollten, wurden mit dem Tode bestraft.

Wer die Weihen der großen Mysterien empfangen hatte wurde in die Anfangsgründe der heiligen Wissenschaften eingeweiht. Ihn nannte man einen Epopten – das war ein »Sehender«, einer der das Mysterium des Todes »geschaut« hat.

Das Geheimhaltungsgebot

In den Mysterien wurde kein geheimes Wissen vermittelt, noch führte man darin intellektuelle Unterweisungen durch. Die Teilnehmer machten aber Erfahrungen, durch die sie ein phänomenale Selbst-Transformation erfuhren. Der griechische Philosoph Apuleius (125-180 n. Chr.) beschrieb die Einweihung als einen freiwilligen Tod des Teilnehmers und seine Wiedergeburt zu neuem Leben. Man teilte den Mysten etwas mit, zeigte ihnen etwas und etwas wurde mit ihnen getan. Während der mehrtägigen Mysterienhandlungen, erfuhren die Teilnehmer die Bedeutung der Pole von Sterben und Wiedergeburt, von Schmerz und Vergnügen, von Finsternis und Licht.

Was die Mysten in den Weihen von Eleusis empfingen, muss eine ganz wunderbare Erfahrung gewesen sein. Das innerste Seelenleben des Initianden wurde in seinen verborgensten Tiefen erschüttert und auf geheimnisvolle Weise wieder neu zusammengefügt. Wer in die Mysterien eingeweiht wurde, der lebte fortan als anderer Mensch. Was das bedeutet, bleibt Nicht-Eingeweihten für immer verborgen. Es ging also nicht um die Mitteilung besonderer Geheimnisse, sondern um tiefgründige Erfahrungen – etwas, dass in Worten ebenso wenig mitteilbar war, wie ein Sehender einem Blinden von Farben erzählen könnte. Es war eine Art Vorgeschmack auf die Todeserfahrung, den der Myste in Eleusis kostete. Wie sollte also jemand ganz genau in Worten beschreiben wie es sich anfühlt und was in diesem Zustand mit einem geschieht, der diese Erfahrung noch nie gemacht hat?

Jede Erfahrung die wir machen ist vollkommen individuell und kann nicht durch Worte beschrieben werden – denn die Beschreibung ist niemals das Beschriebene! Was sich den Mysten in den Mysterien in dieser Erfahrung ganz deutlich offenbarte, war die esoterische Geschichte über die Entstehung der Götter in der alten Volksreligion. Wer preisgab was er erfuhr, der gefährdete Staat und Glauben, denn er verriet die Herkunft der Volksgötter, was, ohne Verständnis der geistigen Hintergründe im Volk, zu gefährlichen Missverständnissen geführt hätte. Nur dem Auge des Eingeweihten erschlossen sich die göttlich-geistigen Zusammenhänge. Darum das Schweigegelübde: die Mysterien-Weisheit musste Tempel-Geheimnis bleiben. Wer die Mysteriengeheimnisse verriet, der machte sich der Todesstrafe schuldig! Doch im Verlauf der Jahrhunderte in denen die Mysterien abgehalten wurden, ist nie ein Fall von Verrat der Geheimnisse durch einen Eingeweihten bekannt geworden.

Hehres Geheimnis, das keiner verraten darf, noch erfragen,
Noch beklagen; ein heiliger Schauer ja bindet die Sprache.
Glücklich jedoch, wer es sah von den erdebewohnenden Menschen!
Denn wer die Weihen empfing, und dem das Heilige fremd blieb;
Nicht doch haben sie gleiches Geschick in dem Reiche der Toten.

- Aus Homers Hymnus an Demeter

Die Geheimhaltung der Mysterien waren in sich selbst ein Symbol dafür, dass die wichtigsten Dinge im Leben nicht beschrieben werden können. Wie wollte jemand beschreiben was Liebe ist, wie es sich anfühlt und in welche Stimmung es jemanden versetzt? Ist Liebe nicht eines der größten Mysterien? Auch was der Tod, das Leben, die Zeit und das menschliche Bewusstsein sind, bleiben Geheimnisse, denn die Erfahrung der mit ihnen zusammenhängenden Vorgänge sind jeglicher Sprache erhaben. Über das wirklich Wichtige im Leben lässt sich nicht reden.

Die Mysterien-Handlungen

Was die Neophyten im heiligen Drama der kleinen Mysterien gezeigt bekamen, war die Geschichte der Persephone, der Tochter der Korngöttin Demeter. Es war eine Allegorie auf die Geschichte der menschlichen Seele. Persephones Weg aus der Oberwelt in die Unterwelt, bedeutete das Herabkommen der menschlichen Seele auf die Erde in der Stunde der Zeugung. Durch ihr Begehren wurde Persephone verführt, wodurch der finstere Herrscher der Unterwelt Gewalt über sie erlangte. Auch die Seele des Menschen wird durch die irdische Liebe angezogen, wenn sich Mann und Frau vereinigen. Sie wird dann in dieses Leben hineingeboren, wo sie im Dunkel des Körpers weilen muss. Erst in der Stunde des Todes, ringt sie sich wieder empor, in die lichtvollen Welten des Himmels.

Wie in den ägyptischen Mysterien von Osiris und Isis wurde auch in Eleusis den Mysten etwas erzählt, dem sie mit verschleiertem Gesicht lauschten. Als man von ihren Augen den Schleier nahm und vor ihnen geheime Symbole enthüllte, erschloss sich ihnen das Gehörte, machte Sinn und fügte sich zu einem großen Ganzen zusammen. Immer ging es um den Zyklus von Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt, symbolisiert durch den Jahreszyklus im Leben des Getreides. So wie im Jahreskreis die Vegetation im Winter stirbt, so lebt im Menschen die Hoffnung auf ihre Wiederkehr. Die in der Erde um diese Zeit vergrabene Saat stirbt dort, um im Frühling aus der Erde zu neuem Leben zu erblühen.

So hoffte auch der Mensch auf sein eigenes Wiedererwachen nach dem Tod, auf die Unsterblichkeit seiner Seele in der Wiederauferstehung zu ewigem Leben. Das herbstliche Erntefest war auch eine Feier der Unsterblichkeit. In mancher Hinsicht erinnern diese Formulierungen an das Christentum. Und in der Tat ist davon auch die Rede in einem der Evangelien:

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.

- Johannes 12,24-26

Der hier angedeutete symbolische Charakter des Vegetationszyklus, wurde im Mysterienkult von Eleusis voll ausgeschöpft. Doch es wäre falsch zu glauben, dass es nur ein symbolischer Vorgang war, der den Mysten im Einweihungstempel gezeigt wurde. Es war ein tief mystisches Erfahren, wodurch die Initianden erkannten, was das innerste Wesen der Naturvorgänge ist: im Menschen, auf der Erde und im Weltenkosmos. Die Teilnehmer waren sich bewusst, dass die Kräfte, die in der Erde wirken, auch in den Tiefen der menschlichen Seele aktiv sind.

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Angst vor dem Tod

Auch schon für die alten Griechen war der Tod etwas ganz Furchtbares. Achilles, der seinem Genossen Odysseus in der Unterwelt begegnete, sagte zu diesem, er wolle lieber als Bettler in der Menschenwelt leben, statt als König im Reich des Hades. Ein Gegenbild hierzu liefern die Eleusinischen Mysterien, denn sie vermitteln den Wert des Ewigen gegenüber dem Irdischen und Vergänglichen. Den hoch erhabenen Epopten wurde das geheime Wesen dieser Wahrheit vom Hierophanten enthüllt.

Die Schönheit (der Mysterien) aber war damals leuchtend zu schauen, als wir (als Epopten, als »Sehende«) mit dem glückhaften Chore das selige Gesicht und Schauspiel genossen […] (und) in die Mysterien eingeweiht wurden, die nach ewigem Recht die segenbringendsten aller Mysterien genannt werden. Als Makellose schwärmten wir, damals noch unversehrt von den Übeln, die uns in der künftigen Zeit erwarteten. Darauf vorbereitet und geweiht, schauten wir klare, beglückende, unwandelbare und heilige Visionen, die in reinem Lichte wohnten. Wir sahen uns selber, rein und nicht behaftet mit dem, was wir jetzt unseren Körper nennen, den wir an uns geheftet (d. h. an die Seele gebunden), mit uns herumtragen, so wie die Purpurschnecke ihr Haus.

- Aus Platons Phaidros

In Eleusis lernten die Teilnehmer das innerste Wesen dieses großen Mysteriums kennen. Sie erfuhren, dass ihre Seele aus himmlischen Regionen stammte, sich aber von Zeit zu Zeit auf der Erde in einem Menschenleib verkörperte. Da die Seele sich nach dem Irdischen sehnt, wird sie zu immer neuen Verkörperungen getrieben und kehrt darum wieder auf die Erde zurück – so wie Persephone zu Hades.

Dem Epopten jedoch erschien diese Angelegenheit, als wandelte seine Seele in einem Menschenkörper eingefangen, ganz unbewusst auf dieser Erde – im Exil von ihrer himmlischen Heimat. So findet die Seele mit der Geburt in einem Menschenkörper, gewissermaßen ihren Tod auf der Erde. Erst wenn der Kerker des Menschenkörpers abgestorben ist, kehrt sie wieder zu ihrem Ursprung und zu einem neuen himmlischen Leben zurück. Das sollte der Teilnehmer als eine Art allegorische Erfahrung erleben - als Vorwegnahme davon, was seine Seele dereinst erleben wird.

Mit diesem Drama der menschlichen Existenz auf der Erde, verbanden die alten Griechen aber auch die schicksalhafte Geschichte des Gottes Dionysos. Über sein Wesen und das der anderen Mysteriengötter, werden wir im Folgenden näheres erfahren.

Mythologischer Hintergrund der Mysterien

Zeus, bei den Römern Jupiter genannt, war bekanntlich ein donnernder Himmelsvater und höchster Gott des alt-griechischen Pantheon. Seiner etymologischen Herkunft nach ist der Name Zeus abgeleitet vom indogermanischen Dyaus (Dyaus Pita, Ju Piter, »Himmelsvater«) – der Himmel. Mit seinen Beinamen Jovis oder Jove, sind Zeus oder Jupiter, außerdem mit dem phönizischen Mysteriengott Jao verwandt. Man sah in Jao ein Licht, aus dem die Seelen emanieren. Jao ist auch ein anderer Name für den Jahve oder Jehova der Hebräer. In all diesen Namensformen steht er als höchster Gott und Herrscher über der Götterversammlung und kommt von einem heiligen Götterberg (Olymp, Berg Nysa, Berg Sinai) auf die Erde.

Zeus hatte zwei Schwestern: Hera und Demeter. Die eine wurde seine Ehefrau, die andere eine seiner vielen Liebschaften. Demeter war Göttin der Agrarkultur, der Fruchtbarkeit des Ackerbodens und der Kornähren. Ihr Name hat sich über die Zeiten hinweg ein wenig verändert, denn sie hieß ehemals Ge-Meter bzw. Gaia-Mater, »Mutter der Erde«. Wie uns die griechische Sage verrät, war sie die einzige Göttin, die nicht wie die anderen, Zeus »anhimmelte«, sondern sich ihm gegenüber eher gleichgültig zeigte. Das reizte den himmlischen Donnerer aber umso mehr. Doch fast schon gleichgültig ließ Demeter sich von Zeus begatten, wurde aber schwanger. Das so zur Welt gekommene Mädchen erhielt später den Namen Persephone – die »Getreidedrescherin«.

Die Göttin Demeter - ewigeweisheit.de

Die Göttin Demeter

Wie von einem Wahn befallen, und das scheint ja in der Götterwelt immer wieder vorzukommen, verliebte sich Zeus in das Mädchen Persephone, seine eigene Tochter! Aus Scham aber verwandelte er sich in eine Schlange, näherte sich ihr von hinten, kroch in sie hinein und schwängerte sie auf diese Weise. Es kam ein Sohn zu Welt: Zagreus. Zeus »offizielle« Ehefrau Hera, raste vor Eifersucht. Nicht nur mit ihrer Schwester hatte er es getrieben, sondern sich sogar über ihre Tochter hergemacht. Im Hass gegen den unehelichen Sprössling ihres Mannes Zeus, verbündete sie sich mit den Feinden der Olympier. Sie hetzte die Titanen (die verhassten Vorfahren der Olympier) gegen Zagreus auf. Seinen geliebten Sohn versteckte Zeus deshalb in seiner Geburtshöhle auf der Insel Kreta. Doch Hera verriet den Titanen das Versteck, die ihm bald folgten und ihn mit einem Spiegel aus der Höhle lockten. Sobald er sich darin sah und erkannte!, trat er aus seinem Versteck heraus, sie aber ergriffen ihn und rissen ihn in Stücke. Im letzten Augenblick aber konnte die Weisheitsgöttin Pallas-Athene – Zeus' Kopfgeburt – dem zerstückelten Leib das Herz des Zagreus entreißen. Während die Titanen das Fleisch des Zagreus in einem Kessel kochten, brachte Athene das Herz von Zagreus der Prinzessin Semele. Sie war die Tochter von König Kadmos dem Drachentöter und legendären Gründer der alten Stadt Theben.

Das Kornmädchen: Persephone, die Tochter von Zeus und Demeter - ewigeweisheit.de

Das Kornmädchen: Persephone, die Tochter von Zeus und Demeter

Nun sah Zeus das große Unglück das die Titanen mit seinem Sohn begangen hatten und verbrannte sie mit seinem Blitz zu einem großen Haufen Asche. Einer der Titanen jedoch blieb verschont, da er sich mit den Olympiern gegen sie verschwor: Prometheus. Dieser nahm die Asche und formte daraus die ersten Menschen – doch das ist eine andere Geschichte.

Bald darauf erschien Zeus der Semele als Sterblicher. Er überredete sie das Herz des Zagreus zu essen. In diesem mythischen Bild erkennen wir eine uralte, aus den Tiefen religiöser Anschauungen empor drängende Vorstellung. Schon seit alter Teit glaubten Menschen sich mit einem Gott dadurch vereinigen zu können, dass man ihn selbst oder nur ein Stück von ihm aß, was natürlich auch an den Einsetzungsbericht der Bibel erinnert:

Nehmt und esst; das ist mein Leib.

- Matthäus 26,26-28

Semele tat wie ihm der Gott Zeus befahl, aß das Herz des Zagreus und wurde schwanger. Sie wunderte sich jedoch über diesen Fremden, der ihr ja ganz und gar nicht wie ein Sterblicher vorkam. Sie war sehr neugierig und wollte wissen, wer in Wahrheit dieser schöne Mann sei. Sie gab nicht nach bis der Himmelsgott schließlich eingestand: »Ich bin Zeus«. Ungläubig schaute ihn Semele an und verlangte, dass er sich ihr dann doch bitte in seiner vollen Gestalt zeige, was Zeus leider auch tat. Doch das Licht das von seiner Erscheinung ausging war so stark, dass Semele darin verbrannte. Aus den Flammen rettete jedoch der Götterbote Hermes die Leibesfrucht und übergab sie dem Himmelsvater. Zeus nähte sich den Embryo in seine Hüfte ein und brachte das Kind drei Monate später selbst zur Welt. Biologisch kaum machbar, doch mythologisch einwandfrei! So wurde der unsterbliche Dionysos geboren – Zeus »eingeborener« Sohn. Dionyos wurde von Nymphen auf dem Berg Nysa großgezogen. Später wurde er zum Gott des Weines, der Fruchtbarkeit und der Ekstase.

Der junge Dionysos bei den Nymphen - ewigeweisheit.de

Der junge Dionysos bei den Nymphen

Mit diesem Dionysos aber, hat es eine besondere Bewandtnis. Es heißt er sei eigentlich der selbe, der in der Bibel später als »Gott der Herr« – als »JHVH Elohim« (Jahve Elohim) bezeichnet wurde. Wie kann das sein? Es scheint als wäre der Name des jüdischen Gottes Jahve, der am Berg Sinai zu Moses sprach, im Namen Dionysos' enthalten. Tatsächlich gibt es eine Tradition von »Nysa« und eine Höhle, wo dieser Gott großgezogen wurde. Was oben gesagt wurde, scheint sich hier also mit der Figur des Dionysos, des »Zeus von Nysa«, zu vermischen. Der griechische Geschichtsschreiber Diodor (1. Jhd. v. Chr.) behauptete, der Ort »Nysa« befände sich zwischen Phönizien und Ägypten. Diese beiden Länder trennte das Rote Meer, doch war im Norden durch die Sinai-Halbinsel verbunden, auf der sich bekanntlich ja der Berg Sinai, der Mosesberg befindet. Diodor setzte Dionysos sogar gleich mit dem ägyptischen Gott der Vegetation und der Wiedergeburt: Osiris. Diodors »Universalgeschichte« entnehmen wir dazu Folgendes:

Einige Griechische Mythologen nennen den Osiris auch Dionysos, und um des gleichen Lauts willen Sirius. Nach Eumolpus z. B. in den Bacchischen Gesängen: 'Strahlet im Sternenglanz Dionysos feuriges Antliz.' Und Orpheus sagt: 'Darum nennen sie ihn den Leuchtenden und Dionysos.'

- Diodor, Universalgeschichte, 2. Buch, Kapitel 11

Wie man der esoterischen Philosophie entnehmen kann, besteht nicht nur in der ägyptischen, sondern auch in anderen Traditionen (z. B. bei den Dogon), ein enger Zusammenhang zwischen dem Sirius und der Agrarkultur.

Osiris war selbst ein Freund des Feldbaues; er war im glücklichen Arabien erzogen, in Nysa, nicht weit von Ägypten; darum erhielt er bei den Griechen, die aus dem Namen seines Vaters Zeus (nominativ Zeus, Genitiv Dios) und dem dieses Orts zusammengesetzte Benennung Dio-nysos. […] Osiris entdeckte bei Nysa den Weinstock, und erfand dann auch die Behandlung dieses Gewächses; er war der Erste, welcher Wein trank, und die andern Menschen den Weinbau lehrte und den Gebrauch des Weins, wie auch die Bereitung und Aufbewahrung desselben.

- Diodor, Universalgeschichte, 3. Buch, Kapitel 15

Wenn wir nun die Namensdeutung des Dionysos, als Zeus von Nysa, mit dem Bibelvers Exodus 17:15 vergleichen, verehrte dann Moses mit seinem Volk am Berg Sinai eine israelitische Variante des Dionysos? Denn dort heißt es wörtlich:

Und Mose bauete einen Altar und hieß ihn: Der Herr Nissi.

Natürlich ist hier das Wort »Herr« die Übersetzung des hebräischen Wortes »Jahve« (JHVH, יהוה). Und wie wir zu Anfangs sagten, ist Jahve ja identisch mit Zeus, als Nominativ von Dios – und so könnten wir doch also den »Jahve-Nissi« (»Herr Nissi«), als »Dios-nissi« und damit als »Dionysos« deuten!
So wie Diodor in seiner Universalgeschichte den Osiris mit Dionysos gleichsetzte, so identifizierte er dessen Gattin Isis, die Göttin der Geburt, des Todes und der Wiedergeburt, mit der griechischen Demeter – eben jener Erdenmutter, deren Tochter Persephone, in der griechischen Mythologie, die selben Attribute wie Isis verkörpert.

Der Gott Dionysos - ewigeweisheit.de

Der Gott Dionysos

Persephone in der Unterwelt

In Homers »Hymnus an die Göttin Demeter« finden wir die Erzählung vom Raub der Persephone. Die Hierophanten wussten, dass die Vorführung gewisser Ereignisse sich dem menschlichen Geist tiefer einprägten, als deren bloße Erzählung. Darum zeigte man in Eleusis den Teilnehmer das Drama von Persephone als Mysterienschauspiel. Gut möglich, dass das europäische Bühnendrama in Eleusis sogar seinen Ursprung hat.

Als Tochter der Demeter, der Weltseele, personifizierte Persephone die Geschicke der Menschenseele und wie sie von ihr durch Geburt, Leben, Sterben und Wiedergeburt geführt wurde. Eigentlich sollte Persephone mit Dionysos vermählt werden, jenem der, wie wir oben gesagt haben, den göttlichen Geist der alles belebenden Naturkräfte verkörpert. Doch als sie in der Ebene von Nysa (!) auf einer Wiese eine Narzisse pflückte, riss vor ihr der Boden auf und aus dem Schlund der Erdentiefe brach der goldene Wagen des Hades hervor. Er, der Gott der Unterwelt und des Reichtums, entführte die junge Persephone mit Hilfe des Eros – dem Gott der lieblichen Sinnlichkeit.

Der Raub der Persephone - ewigeweisheit.de

Der Raub der Persephone

Demeter war bestürzt über das Verschwinden ihres Mädchens. Auf der Suche nach ihm, durchzog Demeter trauernd alle Länder der Erde. In Gestalt einer alten Frau kam sie nach Eleusis, wo man sie im Haus des Königs Keleos gastlich aufnahm. Zum Dank überreichte Demeter einem der beiden Söhne des Königs, dem Triptolemos, ein Getreidekorn und weihte ihn ein in die Kunst des Ackerbaus. Von Demeter lernte Triptolemos die Bedeutung des Säens, des Keimens, des Emporwachsens des Korns zum Licht und wie man die Getreideähren erntete. Es war Demeter die die Mysterien von Eleusis stiftete und Triptolemos war es der den ersten Acker auf Erden mit Getreide bepflanzte.

Wie Homers Hymnus weiter fortfährt, verließ Demeter später Keleos und seine Familie, um weiter nach ihrer Tochter Persephone zu suchen. Auf dem Weg begegnete ihr Hekate, die Göttin der Metamorphosen und der Verwandlungen. Sie war die einzige auf der Erde, die das Schreien ihrer entführten Tochter gehört hatte und konnte Demeter darum Aufschluss geben, über den Aufenthaltsort der Persephone. Von ihr erfuhr Demeter, dass ihre Tochter in der Unterwelt weilt, als Gemahlin des finsteren Hades. Die Grotte des Hades im Tempelbezirk von Eleusis, ist die legendäre Stelle, wo sich die Erde geöffnet haben soll und Persephone mit Hades verschwunden ist.

Mit der Hilfe des Götterboten Hermes drangen Demeter und Dionysos an dieser Stelle in die Unterwelt ein, um Persephone zu befreien. Doch Hades wollte seine Eherechte nicht aufgeben. Als ihn Persephone verlassen wollte, verlangte er,dass sie einen Kern des Granatapfels esse. Doch wer einmal von der Kost der Unterwelt zu sich genommen hat, der wird dorthin auch wieder zurückkehren. Nach einem Streit entschied Zeus, dass Persephone zwei Drittel des Jahres bei ihrer Mutter Demeter und ihrem Sohn Dionysos bleiben dürfe, das restliche Drittel des Jahres bei Hades in der Unterwelt. Natürlich erkennen wir hier gleich den Zusammenhang mit dem Agrarzyklus, wo das Korn nachdem es der Bauer im Dezember aussäet, dort vier Monate später den Erdboden durchbricht und dann auf der Erdoberfläche wächst, geerntet, gelagert und nach acht Monaten erneut ausgesät wird.

Triptolemos auf seinem Drachenwagen sitzend - ewigeweisheit.de

Triptolemos auf seinem Drachenwagen sitzend

Im Tempel zu Eleusis

Bevor die Mysten in das Telesterion (Einweihungstempel) gelassen wurden, wurden sie aufgefordert ihre Hände am Eingang, in einem Becken mit geweihtem Wasser zu reinigen. Mit reinem Herzen und sauberen Händen nämlich, sollten sich die Teilnehmer in den Weihetempel begeben. Das erinnert uns natürlich an das Weihwasserbecken der christlichen Kirchen.

In der Mitte des Daches des Tempelheiligtums, befand sich ein Fenster und war die einzige natürliche Lichtquelle. Das innerste Heiligtum sollte damit ein Abbild des Universums darstellen, das sich nur von seinem Ausmaß her davon unterschied. Es war eine Allegorie auf des Menschen »Kurzsichtigkeit«, der die wahre Größe der Welt mit seinen Sinnen nicht erfassen kann. In dieser Kulisse sahen die Mysten Bilder von Sonne, Mond und Merkur. Als höchster Geistlicher des Mysteriengeschehens, repräsentierte der Hierophant den Baumeister der Welt. Im heiligen Drama des Mysterienspiels verkörperte er den höchste Himmelsvater Zeus.

Hierophant Visconti-Sforza Tarot - ewigeweisheit.de

Der Hierophant auf einer Trumpfkarte des Visconti-Sforza Tarot (um 1450)

Zweithöchste Würde in der eleusinischen Hierarchie, war die der Daduchoi - der beiden Fackelträger. Sie waren es, die die Prozession der Initianden anführten und waren für die sakrale Reinheit des Mysteriengeschehens verantwortlich. Die Fackel des einen Daduchos repräsentierte die Sonne, die des Anderen den Mond. Mit ihren Fackeln standen die beiden Daduchoi symbolisch am Eingang der beiden Tore zur Heimstatt der menschlichen Seele: Durch das eine Tor kommt die Seele in diese Welt, durch das andere verlässt sie die Welt.

Aus dem Geschlecht der Keryken stammte Hieroceryx - der heilige Heros des Mysteriengeschehens. Er trug vor sich einen Caduceus (Schlangenstab), der auch ein Symbol des Planeten Merkur ist. Er war die dritthöchste Würde in der eleusinischen Hierarchie. Der Hieroceryx war der heilige Bote der Mysterien, der die Seelen durch die zwei oben erwähnten Tore begleitet. Auf dem Weg von der Sonne zum Mond gehen die Seelen an Hermes vorüber. Hermes war bei den Griechen auch derjenige, der das Kommen und Gehen der Seelen zuließ oder verhinderte, je nach dem wie rein oder unrein sie waren. Während der Mysterienfeier erklärte er den Einzuweihenden was geschah und worauf sie zu achten hatten.

Alles was in den Mysterien erzählt wurde, muss für die Teilnehmer etwas ganz wunderbares gewesen sein. Jede vollzogene Handlung der Mysterienfeier schien Auge und Ohr der Teilnehmer aufs aller tiefste zu verwundern. Der Hierophant muss ein ganz vornehmer, alter und ernsthafter Nobelmann gewesen sein. Er saß auf einem Thron, in langer Robe und unter seiner würdevollen Kopfbedeckung könnte er wohl lange weiße Haare getragen haben. Wenn seine Stimme ertönte, empfanden sie die Mysten als klangvoll und süß. Kein Normalsterblicher konnte seine Erscheinung nachahmen. Und so unaussprechlich wie der Name des Baumeisters der Welten ist (vergl. den Namen Jahve der Hebräer), so kannte auch keiner der Mysten den wirklichen Namen des Hierophanten.

Daudachos - ewigeweisheit.de

Ein Daudachos - Fackelträger der Mysterienfeier

Wie auch der Hierophant trugen die Dadouchoi kostbare Gewänder. Jeder Normalsterbliche der einen Dadouchos sah, glaubte wohl einen edlen König zu erblicken. Von ihnen ging eine geheiligte Stimmung aus, die sie auf die Teilnehmer der Mysterien übertrugen.

In einem großen Spektakel wurde den Teilnehmern das Wesen zweier großer Lebensprinzipien vor Augen geführt. In tiefster Finsternis bekamen sie plötzlich grauenhafte Trugbilder gezeigt, gefolgt von einem hell glänzenden Lichtschein, der um die Statue der Göttin aufleuchtete. Dann schritt der Myste in einen geheimnisvollen, überaus harmonisch gestalteten Bau erstaunlichen Ausmaßes. Hier zeigte man ihm, bei ohrenbetäubendem Lärm, verschiedene Szenen aus der Geschichte der Persephone. Die Bilder erschienen vor ihm in schneller Aufeinanderfolge von Licht und dann wieder Dunkelheit: Symbole für den Lebenskampf der menschlichen Seele in ihrer Wiederkehr auf Erden.

Das Schauen der Sonne um Mitternacht

Es ging in den Mysterien-Initiationen wie gesagt nicht um freundliche Unterweisungen in spirituellem Wissen. Sondern, was während der Einweihungsriten erfolgte, das war eine Heranführung des Initianden an die Schwelle des Todes. Vielleicht ließe sich das Geschehen im Tempelheiligtum folgendermaßen rekonstruieren:

Wie ein schwarzes Tuch breitete sich mitternächtliche im Tempelheiligtum aus. Die Mysterienhandlungen waren von Trübsinn, bald ängstlicher Stille begleitet. Doch plötzlich schlug die Stimmung um. Alle Sorgen schienen wie verbannt, als man sich überall in heiterer Aufregung den Namen des Weingottes zuflüsterte. Die großen Fackeln der Daduchoi erleuchteten die Tempelhalle und nach langem Fasten, reichte man den Mysten den Kykeon – das heilige Zeremonialgetränk der eleusinischen Mysterien. Nachdem sie davon tranken, wurde in einer freudigen Prozession eine myrtenbekrönte Statue ins Zentrum des Geschehens gebracht: Dionysos – der lichthafte Sprössling der hervorging aus dem Zusammenwirken der drei Weltprinzipien von Geist (Zeus), Körper (Demeter) und Seele (Persephone).

Jetzt aber verlöschten die Fackeln plötzlich, es wurde stockfinster und auf einmal erschallte überall schreckliches Todesgeschrei. Von Angst erfüllt und vollkommen eingeschüchtert, tasteten sich die Mysten, ohne zu wissen wohin sie sich eigentlich bewegen, durch die finsteren Gänge des Tempels. Die Eindrücke und Schreckensszenen die um den Mysten immer wieder auftauchten und das ängstliche Stammeln anderer, müssen den Einzuweihenden in einen panischen Zustand versetzt haben, wo ihm vielleicht eine innere, aufgeregte Stimme zurief:

»schnell, schnell – das ist vielleicht das Ende, bring dich in Sicherheit, du wirst vielleicht gleich Sterben, schnell, schnell, … vielleicht stirbst du gleich!«

Was die Mysten dabei empfanden, das muss wohl dem entsprochen haben, was die Seele empfindet, die sich durch das Schattental des Todes drängt. In diesem Zustand lockerte sich die Bindung zwischen Seele und Körper. Der Kausalleib, als Körper der Seele, wurde zerstört, und eine neue, direkte Beziehung zwischen dem Mysten und seinem wahren Selbst wurde hergestellt. Was die Mysten auf dem Weg zu diesem Ereignis erlebten, glich vielleicht dem, wovon Nahtod-Erfahrene berichteten: Szenen ihres Lebens laufen episodenhaft vor ihnen ab, dann spüren sie wie sich ihre Seele vom Körper löst und sich auf ein wunderbares Licht zu bewegt, wo anscheinend einer auf sie wartet.

Ich näherte mich den Grenzen des Todes, und als ich die Schwelle zur Proserpina (Persephone) erreicht hatte, kehrte ich zurück, nachdem ich durch alle Elemente geführt worden war (die Elementargeister der Erde, des Wassers, der Luft und des Feuers). In der mitternächtlichen Tiefe sag ich die Sonne in herrlichem Licht erstrahlen, ebenso die infernalen und die himmlischen Götter; ich näherte mich diesen Gottheiten, idem ich ihnen den Tribut einer frommen Anbetung brachte.

– Apulejus

Dieses geheimnisvolle Licht von dem Apulejus hier spricht, erschien dem Mysten so, als würde es in seiner ganzen Strahlenpracht nur für ihn persönlich leuchten. Er erkannte darin ein lichthaftes Bild seines wahren Selbst. In diesem Moment spürten die Einzuweihenden ihre innere Vereinigung mit Demeter und Persephone. Sie empfanden das als Lebensrat und Weisheit. In dieser Vereinigung fand der Myste sein eigenes Seelenleben widergespiegelt und erfuhr, bei diesem Zusammenprall der Seele mit den externen Kräften der Welt, die eigentliche Initiation.

Wahrscheinlich wurde diese Erfahrung ganz wesentlich durch die Wirkung des Kykeon-Tranks verstärkt, was einer durch Drogen induzierten Halluzination geähnelt haben könnte. Auch in anderen Mysterienkulten ist das Einnehmen besonderer Kraftpflanzen und -pilze ein fester Bestandteil der Einweihung (man vergleiche etwa die Einnahme des Peyote oder Ahayuasca in indigenen Riten). Der Kykeon war ein Mischtrank aus Wasser, Weizen (oder Gerste) und Frauenminze. Wahrscheinlich aber befanden sich im Kykeon auch Spuren des giftigen Mutterkorns: ein Pilz (Claviceps purpurea), der als Parasit in Getreideähren wächst und bei entsprechender Dosierung beim Menschen Halluzinationen hervorruft. Im Mutterkorn sind zwei Alkaloide (giftige Natursubstanzen) enthalten. Ergotamin setzt im Körper die Neurotransmitter Serotonin und Dopamin frei. Serotonin vermittelt ein Gefühl der Gelassenheit und inneren Ruhe. Dopamin nennt man auch »Glückshormon«. Das Alkaloid, Ergometrin, besitzt andere Eigenschaften. Es wird in der Geburtshilfe zur Stillung von Gebärmutter-Blutungen und zur Lösung der Plazenta eingesetzt. Es könnte nun sein, dass im Zusammenwirken von Ergometrin und Ergotamin, im Teilnehmer die hier so oft betonte Geburtserfahrung, in einer Art psychischen Simulation erzeugt wurde.

Nach der tiefgreifenden Erfahrung kamen die Dadoukoi mit ihren brennenden Fackeln zurück in die Tempelhallen. Alle erblickten nun den Hierophanten auf seinem Thron. In einem gleichnishaften Akt zeigte er allen das Symbol der Demeter: ganz langsam erhob er in seiner Hand eine Kornähre, um auf das Wachstumsprinzip und die damit verbundene Erhebung der Natur hinzuweisen. Das ähnelt stark der Elevation in der christlichen Liturgie: auch der Priester erhebt den »Leib Christi« in Form eines Brotes (oder einer Hostie). Er zeigt den Anwesenden also einen aus Kornähren hergestellten Laib. Die Samen der Kornähren symbolisieren den göttlichen Funken, durch den aus der Erde ein lebendiger Körper aufersteht und zur Welt kommt, um dereinst zu sterben, zu Erde zu werden. Dabei kehrt die Seele an ihren Ursprung zurückkehrt, um irgendwann erneut vom »göttlichen Sämann« ausgestreut und aus einer irdischen Mutter zur Welt gebracht zu werden. Das ist was im Mythos von Demeter und Persephone zum Ausdruck kommt. Persephone begibt sich in die Unterwelt zu ihrem Gatten Hades (Körper), kehrt zu ihrer Mutter Demeter zurück (Seele), um dereinst wieder in Unterwelt zu ihrem finstern Gatten (Körper) hinabzusteigen. Um diesen Vorgang zu erspüren, legte sich der Initiand in der Nacht in ein Grab. Daraus wurde er am Morgen von Mutter Erde symbolisch wiedergeboren, während dass rote Morgenlicht in den Mysterientempel eindrang.

Die Einweihung in die Mysterien nahm vorweg, was sich der Mensch am Ende seines Lebens gewahr wird. Die Angst vor dem Tod wurde in Eleusis aufgelöst, die Zwänge aller zügellosen Leidenschaften verworfen und die furchtbedingten Wurzeln bösen Denken ausgerottet. Die Mysterien erstrebten mit würdigsten Mitteln, den Menschen als »Vollkommenen« in einer mystischen Wiedergeburt zurück in die Welt zu bringen – in eine Welt, in die er von nun an eintrat, als ein Diener an der Menschheit.

Wohl ist im Tode versehen, wer unter Wissen der eleusinischen Wahrheit in die Gruft steigt; denn er versteht das Ende sterblichen Lebens und den Anfang eines neuen, gottgegebenen Lebens.

- Pindar

Eleusis und das Christentum

In den ersten vier Jahrhunderten des aufkommenden Christentums, verlor der Mysterienkult von Eleusis seine Bedeutung. 12 Jahre nachdem das Christentum zur Staatsreligion des römischen Reiches erklärt wurde, endete der Kult von Eleusis in einem letzten großen Drama. Unter Kaiser Theodosius, selbst ein frommer Christ, wurden die Mysterienfeiern von Eleusis im Jahre 392 n. Chr. per Dekret verboten. Drei Jahre späterzerstörte der Gotenkönig Alarich, in dessen Gefolge sich auch arianische Christen befanden, die eleusinischen Tempelanlage. Ob diese Wut der jungen Christenheit wohl einem ungebildeten Unverstand verschuldet war? Wir wissen es nicht. Es stellt sich jedoch die Frage, welchen Einfluss die Mysterien auf das junge Christentum gehabt haben könnten, denn wie wir oben bereits mehrfach sehen konnten, scheinen viele Elemente des eleusinischen Mysterienkults im Christentum erhalten geblieben zu sein.

Wichtige Anhaltspunkte geben uns die Schriften der Kirchenväter. Manche von ihnen bestätigten, dass die Mysterienkulte zur Strecke gebracht wurden. Doch sie sollten wohl in der Kirche als christliches Ritual fortleben. Während seiner Missionen in Griechenland kam sicherlich auch Apostel Paulus in Kontakt mit den Mysterien. Da Paulus aber griechischer Staatsbürger war, könnte es sein, dass er vielleicht selbst einst an den eleusinischen Mysterienfeiern teilnahm.

Ähre und Traube - Brot und Wein

Auffällig ist die Ähnlichkeit der verwendeten Motive, die in der eleusinischen, wie auch in der christlichen Mysterienfeier verwendet werden. Insbesondere der so sonderbar auf die Welt gekommene Sohn des Zeus Dionysos, gibt Anlass zu verschiedenen Mutmaßungen. Der bekannte Weingott hatte neben Demeter und Persephone spielte zentrale Rolle in den eleusinischen Mysterien. In vieler Hinsicht ähnelt er dem Jesus – denn wie er, so war auch Dionyos der Sohn des höchsten Gottes (Zeus). Außerdem wuchs Dionysos, wie wir oben gesehen haben, im Leib einer Jungfrau. Er verwandelte Wasser in Wein (Dionysiaka, 14. Gesang) und fuhr in die Unterwelt, um aus ihr zu neuem Leben aufzuerstehen. Auch die eleusinischen Symbole von Getreide (Demeter) und Wein (Dionysos) weisen ja recht deutlich hin auf das christliche Abendmahl:

[...] Denn der Herr Jesus in der Nacht, da er verraten ward, nahm das Brot, dankte und brach's und sprach: Nehmet, esset, das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird; solches tut zu meinem Gedächtnis. Desgleichen auch den Kelch (mit dem Wein) nach dem Abendmahl und sprach: Dieser Kelch ist das neue Testament in meinem Blut; solches tut, so oft ihr's trinket, zu meinem Gedächtnis. Denn so oft ihr von diesem Brot esset und von diesem Kelch trinket, sollt ihr des Herrn Tod verkündigen, bis dass er kommt.

- 1. Korinther 11:23-26

Das Letzte Abendmahl

Das Letzte Abendmahl - Ikone von Theophanes von Kreta (1490–1559).

Waren diese Worte Jesu etwa ein Hinweis auf das, was in den Eleusinischen Mysterien verschwiegen wurde? Wurde den Mysterien damit vielleicht der Mantel des Schweigens entzogen und damit die eleusinischen Geheimnisse der Menschheit enthüllt? Es scheint zumindest als bestünde eine enge Verwandtschaft zwischen den Ereignissen in der Pessachnacht und in Golgatha, mit dem Mythenkreis um Demeter, Persephone und Dionysos.

Was in den verschiedenen Legenden von den Leiden der Götterkinder dargestellt wird, sind eigentlich Allegorien auf die Leiden der menschlichen Seele, ihre Befreiung aus den Bindungen an die Körperlichkeit und schließlich ihre Rückkehr ins himmlische Lichtland. Die Schilderung dieses Seelenzyklus finden wir in den Leidensgeschichten von Jesus Christus, Persephone und Dionysos gleichermaßen. Doch schon lange vor den christlichen und griechischen Mysterien, gab es sowas in noch viel älteren Kulten (Persien, Ägypten). Immer befreite darin ein himmlischer Bote (Horus, Mithras, Hermes, Dionysos), als Todesengel im Auftrag eines höchsten Gottes (Zeus, Jupiter, Jove, Jao, Jahve), die Seele aus den Fängen des Körpers (griech. Hades, ägypt. Amentet) und begleitete sie in den Himmel (Olymp), wo sie unter den Unsterblichen weilt - bis sie wieder in die Unterwelt (Erde) zurückkehren muss (Persephone zu Hades).

Wenn er aber hinaufstieg, was bedeutet dies anderes, als dass er auch zur Erde herabstieg?

- Epheser 4:9

Wenn im griechischen Mysterienschauspiel der Hermes die Rolle des Seelenboten übernahm, war es im Kontext des Neuen Testaments der Christus. Bei seinem Abstieg in die Unterwelt befreite er die Gerechten (Moses, Abraham, ...) die dort seit biblischer Urzeit ausharrten. Im Übrigen verwendet Lukas im Originaltext seines Evangeliums zur Bezeichnung der Hölle, das Wort Hades:

Und in der Hölle (im griech. Original »hadē«, das Lokal-Adverb von »hadēs«) hob er seine Augen auf, da er Qualen litt, da sieht er Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß.

- Lukas 16:23

Auch wenn wir uns die heutige Form des griechisch-orthodoxen Osterfests ansehen, so scheint darin der Geist des alten eleusinischen Mysterienkults gegenwärtig zu sein. Jene die in alter Zeit Demeters Trauer um ihre verlorene Tochter teilten, freuten sich um so mehr über ihre Rückkehr. Persephone war Symbol für das freudenentfachende Ereignis, vom Wiederaufleben der Vegetation. Ähnliche Erfahrungen repräsentiert heute das griechische Osterfest im Frühling, das einen höheren Rang einnimmt als Weihnachten. Nach der Trauer um den toten Jesus Christus, ruft der Priester die Wiederauferstehung aus. In diesem Moment wird vom Kerzenlicht des Priesters, die Flamme an die Kerzen aller Anwesenden weitergegeben und breitet sich langsam im dunklen Vorhof der Kirche aus. Oft ertönen auch Feuerwerke, die das Ende der Fastenzeit freudvoll ankündigen.

Es ist durchaus möglich, dass Teile des alten Ritus also tatsächlich im Christentum weitergeführt werden.

Apostel Paulus - Gemälde von El Greco (1541–1614) - ewigeweisheit.de

Paulus von Tarsus in einem Gemälde von El Greco (1541–1614)

War Paulus in die Mysterien von Eleusis eingeweiht?

Wir wollen diesen Blog-Artikel zu Ende führen, mit der Frage nach der Bedeutung, die die Mysterien von Eleusis für das paulinische Christentum gehabt haben könnten.

Wenn all das bisher Gesagte auch nur auf äußerliche Ähnlichkeiten hinweist, so zeigen die eleusinischen und christlichen Mysterien doch auch esoterische Gemeinsamkeiten. Demeter gab ihrem Schützling Triptolemus in Eleusis einen Kornsamen: ein Hinweis auf die Initiation in das Wesen vom Ackerbau. Dieses mythologische Gleichnis ist aber auch ein Symbol für die Initiation der Seele (Persephone), während ihrer Rückkehr in die Oberwelt. Als Kornmädchen der Menschheit bringt Persephone mit sich, alle Eingeweihten zurück ins Leben – so wie der biblische Christus die Adepten Abraham und Moses in den Himmel führte. Die Allegorie des Kornsamens klingt auch in folgendem Zitat des Johannes-Evangeliums an:

[…] Es sei denn, dass das Weizenkorn in die Erde falle und ersterbe, so bleibt's allein; wo es aber erstirbt, so bringt es viele Früchte. Wer sein Leben liebhat, der wird es verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird's erhalten zum ewigen Leben. Wer mir dienen will, der folge mir nach; […]

- Johannes 12:24-26

Wenn der Hierophant den Teilnehmern des Mysteriendramas von Eleusis, gleichnishaft eine Kornähre zeigte, erkannten sie darin ja das Bild ihrer eigenen Auferstehung von den Toten in ein neues spirituelles Leben, von der Nacht in den Tag, vom Hades zum Olymp, von der Unterwelt in den Himmel. Diese Erkenntnis scheint Paulus in seinem Brief an die Römer mitteilen zu wollen:

So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, auf dass, gleichwie Christus ist auferweckt von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, also sollen auch wir in einem neuen Leben wandeln. So wir aber samt ihm gepflanzt werden zu gleichem Tode, so werden wir auch seiner Auferstehung gleich sein

- Römer 6:4-5

Paulus war ausgebildeter Toralehrer, doch auch gut vertraut mit hellinistischer Rhetorik und dem philosophischen Lehrgebäude der Stoa. Es scheint auch das ein Grund für seine eigentümliche Sprache zu sein, die er in seinen Briefen verwendet. Sie ist überreich an Ausdrücken, die an die Einweihungen der dionysischen und eleusinischen Mysterien erinnern und eigentlich nur von einem griechischen Initiierten stammen konnten. In den Paulusbriefen erscheint sehr häufig der Begriff mystírion - das Geheimnis, das Mysterium. Alle Verse in denen dieser Begriff vorkommt, beschreiben ohne Zweifel eine rituelle oder magische Handlung und stehen meist in enger Verbindung mit dem Offenbarungsbegriff (Römer 11:25, 1. Korinther 2:1,7, 4:1, 15:51, Epheser 1:9, 3:3-4, 5:32, 6:19, Kolosser 1:26, 4:3, 2. Thessalonicher 2:7). Wenn Paulus in seinen Briefen vom mystírion spricht, so meint er damit, das im Geheimen offenbarte Gotteswort - ein abstraktes Ideal einer persönlichen, dem Menschen innewohnenden Gottheit. Auch der Begriff der Vollkommenheit spielt in den paulinischen Briefen eine nicht unbedeutende Rolle:

Wovon wir aber reden, das ist dennoch Weisheit bei den Vollkommenen (teleiois); nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher (archonton) dieser Welt, die da zu nichte werden.

- 1. Korinther 2:6

Das Wort »Vollkommene« (teleiois) werden von Paulus wohl für sendungsbegabte Heilige verwendet, die (durch die Initiation) ein neues Leben »erhalten« haben. Es sind »Wiederauferstandene«, ganz gemäß der eleusinischen Mysterien. Diese Vollkommenen waren rechtschaffene Weisheitslehrer, die den Heiligen Geist ausstrahlend, den »Fleischlichen« (Menschen) eine lebensspendende Kraft zuströmen lassen konnten. Paulus fährt fort:

Sondern was wir reden, ist Gottes Weisheit im Geheimnis (mystírion), das verborgene, welches Gott verordnet hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, die keiner von den Herrschern (archonton) dieser Welt kannte.

- 1. Korinther 2:7-8

Spricht Paulus hier von Dingen, die nur im Geheimen vermittelt werden? Was er als »Herrscher« (archonton) bezeichnet, scheint ein unmittelbarer Hinweis auf die Archonten zu sein – eine Bezeichnung für die Herrschenden im alten Athen. Keiner dieser Herrscher kannte die Mysterien-Geheimnis. Bis auf den Archon Basileos – einem Oberpriester und sakralen Beamten Athens, der zum Stab des Hierophanten gehörte: er war der einzige der »Herrscher« (archonton), der von den Geschehnissen im Heiligtum des Mysterientempels von Eleusis wusste. Ob die Basileoi aber selbst in die Mysterien eingeweiht waren, das bleibt ungeklärt. Das Paulus in etwas eingeweiht wurde, darüber lesen wir im Brief and die Philipper:

in allem und jedem wurde ich eingeweiht (memyēmai)

- Philipper 4:12

Das griechische Wort für das hier zitierte »eingeweiht werden«, memyēmai, enthält das Wort myéo, das wörtlich bedeutet »Initiation in die Mysterien«. Es wird mit myéo auch ein etymologischer Hinweis auf das Wort myo erbracht, was »schweigen« oder »verschleiern« bedeutet (vergl. oben mit dem Verschwiegenheitsgebot der Epopten, den »Sehenden« der großen Mysterienoben, und den Myesis, den »Verschleierten« der kleinen Mysterien).

Vor diesem Hintergrund ist es umso interessanter zu fragen, was es damit auf sich hat, wenn Paulus sich im ersten Korintherbrief als »weisen Baumeister« bezeichnet. In der gesamten Bibel taucht das Wort »Baumeister« nur einmal an dieser Stelle auf:

Ich von Gottes Gnaden, die mir gegeben ist, habe den Grund gelegt als ein weiser Baumeister (architekton); ein anderer bauet darauf.

- 1. Korinther 3:10

Nun hatten wir zuvor gesagt, dass ein Epopte, ein Sehender und Eingeweihter gewesen ist. Epopten waren jene, die die großen Mysterien von Eleusis schauen durften, die heiligen Geheimnisse aufnahmen und den höchsten Zustand des Hellsehens erreicht hatten. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes epoptes, stammt von epoptaei, der »Aufsicht«, womit man auch die Pflicht eines Baumeisters bezeichnete. Davon ist auch der Titel des Maurer-Meisters in der Freimaurerei hergeleitet. Epoptaie steht als Begriff ganz im Sinne der Bezeichnung, wie er in den Mysterien für den Aufseher gebraucht wurde.

Wenn sich Paulus im Korinther-Brief als Baumeister von Gottes Gnaden bezeichnet, erklärte er sich damit nicht selbst zum Adepten, zu jemandem der das Recht hatte andere zu initiieren? Wenn auch Petrus in Rom die erste Kirche der Welt errichtete, so war aber Paulus der eigentliche Baumeister des geistigen Erbes der gesamten Christenheit.

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Wieso kommen die Menschenseelen auf die Erde?

von Johan von Kirschner

Seit Urgedenken hielten die Meister der Weisheit höheres Wissen geheim, da es Menschen niedriger Gesinnung unzugänglich bleiben sollte. Esoterische Unterweisung stand nur jenen zu, die in die Mysterien des Todes eingeweiht waren. Wer den Tod aber als Lebender überwunden hatte, verfügte über die nötigen Kräfte, um solches Geheimwissen zum Wohle der Menschheit zu verwirklichen.

Heute hält sich jeder für einen Eingeweihten, der sich schon einmal einen Tag lang mit dem Kabbala-Lebensbaum oder den indischen Upanischaden beschäftigt hat. Was Einweihung tatsächlich ist, davon weiß kaum einer, sondern wäre erschrocken, erführe er dass es eigentlich ums Sterben geht!
Auf dieses Sterben bereiten initiatorische Schulen vor. Wer die Initiation erfahren hat, kann sich als Mensch einer moralisch-geistigen Selbstfindung unterziehen und erhält die moralische Verantwortung, um mit wirklich esoterischem Wissen handeln zu können.

Über die Geheimhaltung

Pythagoras wies seine Schüler mit Nachdruck darauf hin, dass wer in seiner Linie das alte Mysterienwissen weiterführen wollte, um alles in der Welt versuchen musste einen Nachfolger zu finden (Pythagoras hatte keine seiner Lehren niedergeschrieben - erst durch seine Schüler wurde theoretisches Wissen in Büchern verewigt). Dieser Nachfolger konnte nur durch ihn selbst, mündlich instruiert werden.

Nur der sich verdient gemacht hat dieses Wissen zu erhalten, dem konnte es erteilt und damit das Gewand der Führung des Ordens gegeben werden. Wer keinen Nachfolger fand, mit dem starb auch das Geheimwissen. Doch auch das erfüllte seinen Zweck.

Für die strenge Geheimhaltung in initiatorischen Gesellschaften gibt es einen Grund: es handelt sich um Geheimnisse, die durchaus zum Schaden anderer verwendet werden können. Das ist natürlich sehr gefährlich. In dieser Moral wurde solches Wissen schon immer nur einer qualifizierten Gruppe zur Verfügung gestellt. Daher das Gelübde der Verschwiegenheit.

Viele Zweifler kennen diesen Grund aber nicht, sondern glauben in ihrem Hochmut, dass die Meister solcher Gruppen absichtlich Wissen vor der Öffentlichkeit verheimlichten. Denn wer große Geheimnisse hütet, der könne Kontrolle ausüben, um letztendlich die Menschen zu versklaven. Das trifft vielleicht für die eine oder andere Wirtschaftslobby zu. Initiatorische Orden verfolgen aber völlig andere Ziele.

Verschwörungstheorien über die Illuminaten, Freimaurer, Sufis oder andere initiatorische Orden, sind ein Fass ohne Boden. Es gibt einfach keine Beweise die zeigen, dass man in diesen Geheimgesellschaften Riten ausübt die anderen schaden. Niemand sollte darum behaupten dass die Übel der Welt jenen zuzuschreiben seien, die im Besitz wahren Wissens sind.

Außerdem ist das vermeintliche Wissen der Geheimbünde eben nichts Intellektuelles, sondern aus Erlebnissen gewonnenes Erfahrungswissen. Und darin liegt das Gebot der Verschwiegenheit begründet: Man muss Erlebnisse erfahren, um darüber zu wissen - denn die Beschreibung einer Erfahrung ist niemals die Erfahrung selbst.

Gegen sowas stellen sich jene Zweifler, die gerne über dieses Wissen verfügten. Doch sie verfolgen nur einen Zweck: sie möchten andere Menschen manipulieren. Sie wollen über andere Herrschaft erlangen, weil sie ihren Mitmenschen nicht erlauben das zu leben, was sie eigentlich leben sollten: Freiheit.

Solche Verleumder tun Dinge zu denen sie nicht stehen und wer so handeln muss, ist unfrei und unterliegt äußeren Zwängen. Sie wollen Ansehen und Macht gewinnen, da sie glauben sich damit aus ihrer Unfreiheit zu erlösen. 
Wer aber aus Selbstbezogenheit wünscht Ansehen zu erhalten und damit also auf den Respekt anderer aus ist, macht aus etwas eine Tugend, die eigentlich ein übles Laster ist. Darum sind viele Menschen mit ihrem Halbwissen ganz schön schlimm dran. Sie nutzen einfach niemandem, sondern schaden ihren Mitmenschen sogar durch ihr Verhalten.

Esoterische Geheimbünde hingegegen haben das Ziel der Menschheit zu dienen.

Erhebung zum Gesellen - ewigeweisheit.de

Der Suchende

Als Suchender sollte der Mensch zunächst lernen, sich seiner Schwächen bewusst zu werden. Auch ist wichtig das er versteht, dass er immer der Hilfe seiner Mitmenschen bedarf. Auch die Notwendigkeit denjenigen zur Hand zu gehen, die wiederum selbst Hilfe benötigen, gehört zur Grundlage jedes initiatorischen Weges.

Zuerst erfolgt die Läuterung von Körper und Geist, wo der Suchende beginnt sein Inneres zu reinigen. Es ist eine Reinigung, die in vielen Orden mit einem symbolischen Akt der Taufe eingeleitet wird (vermutlich wurde diese Tradition von der alten Bruderschaft der Essener eingeführt). Wahre Reinigung jedoch kann nicht allein durch Wasser erreicht werden, sondern nur durch die heilige Macht Gottes. Darum sollte sich der Suchende von aller Selbstsucht und Eigennutz reinigen. Er sollte rein werden wie ein kleines Kind, dass nach der Wahrheit sucht. Nur so kann er die Dinge die er für wahr hielt, aus einer anderen Perspektive untersuchen. Denn Vieles von dem er glaubte, dass es der Wahrheit entspricht, ist überhaupt nicht wahr. Auf der anderen Seite stellen sich viele Dinge als wahr heraus, die er erst für unwahr hielt. Wäre es darum nicht von Vorteil wenn ein Mensch seine Einstellungen zur Welt immer wieder überdenken würde?

Nur wie fängt man damit an?

Irgend etwas muss unternommen werden, um Zugang zur wahren Weisheit der Menschheit zu bekommen, denn schließlich sind wir ein Teil dieser Menschheit. Weniger will ich aber behaupten, dass man riesige Geisteskonzepte auswendig lernen soll. Das tun schon genügend andere, doch meist ohne das Erlernte jemals in ihrem eigenen Leben zu realisieren.

Wahres Wissen muss der Suchende in sich selbst zum Ausdruck bringen, es leben und anderen zu Gute kommen lassen. Doch das geht nicht mit theoretisch Erlerntem. Nur die Erfahrung ist lebendig, nur die leibhaftige Praxis nutzt unseren Mitmenschen. Mysterienwissen kann darum nicht aus Büchern erlernt, sondern muss erfahren - muss erlebt werden!

Initiation eines Suchenden - ewigeweisheit.de

Initiation eines Suchenden (18. Jhd.) im alten Ritus der Freimaurer.

Der Famulus

Auf dieser Stufe wird aus dem Suchenden ein Diener der Menschen. Er widmet sich der Pflicht einer Notwendigkeit, denn es gibt immer Personen die Hilfe benötigen. So kann aus ihm zum Beispiel das Oberhaupt einer Gruppe werden, dessen Rolle vielleicht dem eines Geistlichen oder Priesters ähnelt, einem Ausbilder oder Lehrer entspricht. Es geht um eine Vorbildfunktion, die er erlernen und vollenden muss.

In selber Gesinnung kann er aber auch in seinen eigenen vier Wänden dienen, sich um seine Familie kümmern, kranken Verwandten helfen oder seine Kinder pflegen. Es ist jemand der im Dienst an seinem Nächsten eigene Sehnsüchte aufgibt, jemand der selbstlos und nachsichtig ist, mit all seinem Besitz und allen Dingen in seinem Umfeld.

Ein solcher Mensch mag ein Land regieren, ein anderer bleibt zuhause, regiert sich selbst und dient liebevoll und weise seiner Familie. Beide aber erfüllen die selben Bedürfnisse, sind Diener von Prinzipien die viel größer sind als die bloße Erfüllung von Pflichten.

Erhebung zum Meister - ewigeweisheit.de

Erhebung zum Meister (18. Jhd.) im alten Ritus der Freimaurer.

Der Wissende

Auf dieser Stufe erhält das Individuum die Schlüssel, mit dem es esoterisches Wissen erlangen kann - jenes Wissen, dass in der Praxis angewendet wird, doch aus obigen Gründen geheim gehalten werden muss. Alles was hier gesagt werden kann, ist, dass es um die geheimen Gesetze der planetarischen Ordnung geht (mehr dazu weiter unten). Als Suchendem und Famulus wurde ihm enthüllt, was er als nächstes benötigt. Durch die verantwortungsvolle Führung seiner Persönlichkeit erhielt er ein Wissen, was ihm zuvor verweigert wurde. Solange er dafür nicht bereit war, konnten sich ihm die wahren Geheimnisse auch nicht zeigen. Er musste sich etwas verdienen, bevor ihm die große Wahrheit anvertraut wurde. Denn erhielte er diese Wahrheit ohne sie sich selbst verdient zu haben, gliche das einer Täuschung, die schlimmstenfalls in der Zerstörung seines eigenen oder des Lebens anderer enden könnte.

Die Erfahrungen die dieses Wissen hervorbringt, müssen selbst gemacht und nicht aus Büchern entnommen werden. Man muss die Wahrheit mit seinen Sinnen erfahren, muss sie schmecken. Wer noch niemals in eine Stück Zitrone gebissen hat, wird auch nicht wissen wie es sich anfühlt, auch wenn man noch so präzise versuchte es ihm zu beschreiben. Wer aber diese Erfahrung gemacht hat, dem wird vielleicht beim Lesen dieser Zeilen, das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Jahreszeiten der menschlichen Seele

So wie auch die Sonne ihrer (anscheinenden) Bahn "um die Erde" folgen muss, so muss der Mensch diesen drei Schritten der Initation folgen. Damit wird er auf dem Weg durch Läuterung, Dienerschaft und Errungenschaft zur Vervollkommnung schreiten.
Der Mensch wird geboren, bewegt sich durch verschiedene Lebensabschnitte, die irgendwann enden, damit er symbolisch zu neuem Leben auferstehen kann. Er geht weiter um die Früchte seiner Taten zu ernten, um schließlich in die Stille des Lebens einzutreten. Die zyklischen Jahres- und Tageszeiten soll sich der Mensch dabei zum Vorbild nehmen, um diese Lebensabschnitte zur Vollkommenheit zu bringen:

  • Geboren in uns, wird das Solare Prinzip zu Weihnachten,
  • es stirnt zu Ostern und wird darauf wiedergeboren,
  • fällt zu Johanni (Mittsommer)
  • und kommt mit Michaeli (Herbstanfang) zur Ruhe.

In dieser letzten Zeit der Ruhe, kann sich das Leben erholen. Diese Phase entspricht im Jahreslauf der Sonne dem Herbst, in ihrem Tageslauf der Nacht. Es ist die Zeit des inneren Friedens, wo der Mensch nicht länger an sich arbeiten muss. Hier bereitet er sich auf einen neuen Lebenszyklus vor.
Nach dem Winter dann erfährt das menschliche Leben einen neuen Frühling. In dieser Erfahrung beginnt das seelische Bewusstsein langsam zu verblassen, die Körperlichkeit gewinnt an Bedeutung. Zuvor begibt sich die Seele in einen tiefen Ruhezustand und verbindet sich ganz eng mit dem Selbst.

Die Schwalbe - ein antikes Symbol für den Frühling - ewigeweisheit.de

Die Schwalbe - ein antikes Symbol für das Licht und den Frühling. Im Spätmittelalter war dieser Vogel ein Symbol der Auferstehung (cc).

Neues Leben

Wer mit etwas Neuem im Leben beginnen möchte, der sollte sich eine Auszeit nehmen, sich entspannen und in Ruhe darauf vorbereiten. Das kann er während einer Reise tun, seinem Urlaub oder an mehreren Wochenenden im Jahr. Selbst wer sich nur vier Stunden wöchentlich dieser Aufgabe widmet kommt in einem Jahr auf ganze zwei Wochen. In dieser Zeit kann man sehr viel erreichen!

Einen neuen Lebensabschnitt können wir nicht nebenher, beiläufig und hastend beginnen, sonst würden alte, weniger zuträgliche Muster mit in diesen neuen Lebenszyklus einstrahlten. Wir müssen nach Wegen suchen, um in Ruhe über unsere Wünsche und Ziele nachzudenken. Wer sich die Zeit nehmen will, der wird sie auch finden!

Diese Zeit im Leben nannten die alten Menschen "Digestion", worin sie das bisher Erreichte verarbeiteten, "verdauten". Wer durch eine Phase verschiedener Erfahrungen gegangen ist, sollte zusammenfassen, was er bisher erlebt hat. Gemachte Erfahrungen können so in innere, positive Werte verwandelt werden.

Die Pythagoräern praktizierten hierfür die Disziplin der Rückschau. Diese Rückschau entspricht im solaren Jahreslauf dem Winter. Der Mensch geht dabei, in der Gegenwart anfangend, rückwärts durch die Jahre seines Lebens um herauszufinden, was er wirklich gelernt, welche Fehler er begangen hat, wie er diese korrigiert und nicht erneut begeht. In dieser Rückschau sieht er welche Charakterschwächen ihn hindern. Oft finden sich die Hinderungsgründe in unserer Ichbezogenheit, die vor uns die großartigen Dinge im Leben verbirgt.

Diese Rückschau praktizierten die Pythagoreer jeden Tag, kurz bevor sie zu Bett gingen. Sie fragten sich was habe ich getan, was ich hätte besser unterlassen, was habe ich unterlassen, dass ich hätte besser tun sollen.

In dieser Praxis stimmten die Pythagoreer ihre Seele ein, auf einen vorübergehenden Zustand des Todesbewusstseins. Es ähnelt dem, was Menschen erleben die den Tod bereits gekostet haben: Man sieht episodenhaft sein ganzes Leben rückwärts vor sich ablaufen. Es ist ein Zustand frei von Urteilen, ohne Bestrafung, außer dem, was das Individuum sich selbst gegenüber beurteilt und dabei sein eigenes Verhalten überprüft. Weder verfolgen den Menschen hier irgendwelche üblen Geister oder strafende Götter. Vielmehr betrachtet er losgelöst von allen irdischen Bindungen, was sein Körper während der Tage und Jahre seines Lebens erfuhr. Je präziser der Blick auf die Lebensereignisse und je größer die daraus gewonnenen Einsichten, desto eher tendiert die Seele dazu sich aus dem Kreislauf der irdischen Inkarnationen zu lösen.

Das Individuum muss schließlich sein eigener Richter, sein eigenes Geschworenengericht werden. Das ist durchaus möglich. In jedem von uns ist Göttlichkeit lebendig, weshalb sich jeder selbst richten kann. Damit wird man nicht mehr durch die persönlichen Begierden verwirrt, sondern der genauen Erfüllung vergangener Lebenshandlungen gegenübergestellt. So wird dem Menschen bewusst, was von seinen Taten recht und was unrecht war.

In der dunklen Zeit des Winters können wir also entdecken, dass Alleinsein die Grundlage menschlichen Seins ist. Jeder Mensch ist allein und wird auch immer allein bleiben. Die Seele kann nur allein in die Ewigkeit eingehen, um ihre eigentliche Natur zu erfüllen.

Alone: All One!

Wer nicht allein sein kann, dessen Wahrnehmung wird von Eindrücken anderer Seelen überwogen, in manchen fällen sogar zerstreut. Doch Alleinsein ist keineswegs identisch mit Einsamkeit!
Einsamkeit ist ein Gefühl - Alleinsein ist Zustand und Voraussetzung, selbstständig und verantwortungsvoll mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten. Wer das Alleinsein fürchtet, muss sich etwas Übergeordnetem anschließen - und sei es ein Konsens. Wer sich aber etwas anschließt, der muss sich führen lassen. Und da sich der Mensch einer Gruppe, hin und wieder Dinge erlaubt, die er sich nicht erlaubte, wäre er ein selbstständig handelnder Mensch, schichten sich Defizite auf, aus denen Konflikte mit anderen Gruppen entstehen. Und das führt zu all den vielen Kriegen die immer wieder über die Grenzen von Staaten und Religionen hin ausgetragen werden.
Wäre es vielleicht also besser, man schlösse sich gar keiner Gruppe an?

Wollen wir die Welt umwandeln, so muss eine Erneuerung in uns selbst stattfinden. [...] Wir können vielleicht zeitweise Befreiung finden, indem wir uns einer Gruppe anschließen oder die Methoden sozialer und wirtschaftlicher Reform studieren, indem wir Gesetze ausarbeiten oder beten; doch was wir auch tun mögen, unsere Probleme werden ohne Selbsterkenntnis und die ihr innewohnende Liebe nur wachsen und sich vervielfältigen. Wenn wir dagegen Sinn und Herz der Aufgabe, uns selbst erkennen zu lernen, zuwenden, werden wir zweifellos unsere zahllosen Konflikte und Leiden beseitigen können.

- Jiddu Krishnamurti

Jiddu Krishnamurti - ewigeweisheit.de

Jiddu Krishnamurti (1895-1986) als Jugendlicher: "Uns selbst erkennen lernen, um unsere zahllosen Konflikte und Leiden zu beseitigen."

Das universale Sonnenprinzip

Die Menschen im alten Ägypten wussten von der Lebendigkeit eines solaren Prinzips das in ihrem Dasein wirkt. Für sie glich es einer kleinen Sonne im Zentrum ihres Seins. Aus dieser Sonne strahlt ein Licht, dass, wenn es ein weiser Mensch in seinem Herzen trägt, auch das Leben anderer erleuchten kann. So jemand ist manchmal ein Licht in seiner Familie, ein andermal ein Licht unter Freunden. Wieder andere Menschen werden zur Lichtfigur in gesellschaftlichen Belangen oder schließlich zu einer großen Lichtgestalt der gesamten Menschheit.

Das universale Sonnenprinzip ist ein wahrhaftiges Naturgesetz, dass in jedem von uns lebt. Je größer diese individuelle Lichtkraft wird, desto weiter dehnt sie ihre positive Wirkung aus. So wächst das Individuum allmählich über sich selbst hinaus, bis es irgendwann den Erdkreis verlässt. Was so eine Lichtseele zuvor für die Menschheit war, wird sie jetzt für das Bewusstsein der Planeten, bis sie sich immer weiter in andere Sternsysteme hin ausbreitet. Dieses lichtvolle Prinzip des seelischen Lebens wird ewig weiter wachsen, bis in jedem von uns der Zweck des gesamten Universums erfüllt ist.

Im Laufe unseres Lebens wird uns allmählich bewusst, dass sich unsere Seele auf einer Reise befindet. Sie erstreckt sich über hunderte Reinkarnationen, die sich ihrer Art nach aber voneinander vollkommen unterscheiden. Nie werden wir für etwas bezahlen müssen, was wir unterließen, noch leer dafür ausgehen, was wir Gutes im Leben errungen haben.

Lust und Leidenschaft

Manchmal sind die größten Fehler die wir im Leben begangen haben, die besten Gelegenheiten zu wachsen. Nur durch unsere Fehler werden wir unserem wahren Selbst gegenübergestellt. Eine sehr, sehr schmerzhafte Erkenntnis, da wir sehen, dass unser wahres Sein ganz und gar von unserer körperlichen Erscheinung verschieden ist. Nur wer den Schmerz zulässt erkennt, dass er am Leben ist. Wer sich von einem ins nächste Vergnügen stürzt, vergisst das Leben. Und das des Menschen Schmerz und Lust nahe bei einander stehen, zeigt ja der Gesichtsausdruck des Empfindenden.
Es geht aber ebenso wenig darum nur immer das Leid zu suchen und den Körper zu peinigen, wie es auch falsch wäre sich nur dem Vergnügen hinzugeben. Nur in der Mäßigkeit wird die Lebensenergie im Fluss gehalten.

Mäßigkeit - ewigeweisheit.de

Mäßigkeit - die 14. Karte des großen Arkanums im Tarot

Nur wer unangenehme Lebensphasen als das Produkt seines eigenen Handelns erkennt, kann über seinen Zustand hinauswachsen. Wer sich widersetzt oder sich als Opfer der Umstände bemitleidet, der erstarrt. Alles was die Seele überwindet - Süchte, Leidenschaften usw. - macht sie so stark, wie sie nie hätte stark werden können, wären diese Schwächen von ihr nicht überwunden worden.
Auf diese Weise verwandeln wir uns im Laufe unserer Inkarnationen nach und nach zu einem besseren Menschen. Überall und zu jeder Zeit wachsen wir so gut wir dazu im Stande sind, bis dieses Wachstum vollzogen wurde und die Seele ihren Zweck auf der Erde erfüllt hat.

Wie die menschliche Seele auf der Erde inkarniert

Es gibt nur wenige Beschreibungen darüber, was in der Phase zwischen Tod und Neuverkörperung der Seele stattfindet. Schenken wir den alten Totenbüchern Ägyptens und Tibets Glauben, spielen sich die spirituellen Sterbevorgänge im Innern der Seele ab. Im Zeitraum zwischen Tod und Wiedergeburt ist die menschliche Seele in Kommunion mit sich selbst. Sie versucht sich dem menschlichen Selbst zu erklären und ihm mitzuteilen welche Fehler die Seele das letzte mal begangen hat.

Eine bewusste Seele wird sich also vornehmen, diese Fehler nicht erneut zu begehen. Wenn jemand sehr schwerwiegende Fehler oder äußerst üble Taten gegen sich oder andere begangen hat, wird ihm dies nach dem Tod als tiefe Einsicht bewusst und er kann in ein wirklich reuiges Bedauern eintreten. So kann die Seele verstehen, welche großen Fehler sie machte. Darauf hin wird sie einen Weg suchen, diese in ihrer nächsten Inkarnation wieder gut zu machen, in dem sie sich einem Elternpaar anvertraut, durch dessen Vereinigung sie in das entsprechend karmisch geprägte Umfeld geboren werden kann.

Krebs, Steinbock, Seele - ewigeweisheit.de

Die Seele inkarniert über das "Tor des Krebses" und verlässt den verstorbenen Körper über das "Tor des Steinbocks".

Gemäß chaldäischer Philosophie kommen die Menschenseelen aus den Feldern der Fixsterne. Pythagoras glaubte der Aufenthaltsort der Seelen befände sich in der Milchstraße. 

Um in einem menschlichen Körper zu inkarnieren, steigt die Seele im Tierkreis durch das "Tor des Krebses" über die sieben planetarische Sphären (Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur, Mond) in die Schale eines irdischen Körpers auf die Erde hinab. Das ist ihr spiritueller Tod, wo sie sich in einen "Winter der Körperlichkeit" zurückzieht. Dafür steht das Schalentier Krebs, der halb auf der Erde (Körper) und halb im Wasser (Emotionen) lebt.
Im ägyptischen Tierkreis von Denderah wird das Sternzeichen Krebs durch den Skarabäus-Käfer repräsentiert: ein Symbol für die Geburt in eine irdische Inkarnation. Auch im alten Indien wurde das Sternbild Krebs durch einen Käfer dargestellt.

Gegenüber des Krebses befindet sich im astrologischen Tierkreis der Steinbock. Diese Stelle nannten die alten Weisen das "Tor des Steinbocks", von wo aus die Seelen, nach dem Tod des Körpers, zurück in den Himmel aufsteigen.

Im großen Zyklus ihrer vielen irdischen Inkarnationen, wird die menschliche Seele in die spirituellen Tugenden eingeweiht. Bei den Neuplatonikern standen diese Tugenden äquivalent zu den sieben Planetengöttern, die in ihrem sphärischen Verlauf um die Erde, ihre Eigenschaften der inkarnierten Seele lehren:

  • Kronos (Saturn): das logische Denken und Verstand, sowie die Überwindung von Trägheit.
  • Zeus (Jupiter): die Tatkraft und Überwindung des Wunsches nach Macht.
  • Ares (Mars): der Mut und die Überwindung des Zorns.
  • Helios / Apollon (Sonne): die Wahrnehmung und Vorstellungskraft.
  • Aphrodite (Venus): die Begierden und die Überwindung der Zügellosigkeit.
  • Hermes (Merkur): die Fähigkeit der Kommunikation und die Überwindung der Gier nach Gewinn und Erfolg.
  • Selene / Artemis (Mond): die Fähigkeit zu wachsen (Körper).

Die menschliche Seele ist eine Individualität die auf der Erde inkarnierte um etwas zu lernen. Diese Erfahrungen fließen erneut in jeder Inkarnation in das neue körperliche Leben mit ein. Sie werden ein Teil dessen, was in der neuen Inkarnation hervorgebracht wird. Mit jeder Inkarnation verbessert sich das seelische Leben des Individuums ein wenig mehr - wird besser als es zuvor gewesen ist.
Im Intervall zwischen Tod und Wiedergeburt veredelt sich die menschliche Seele, um das wesentliche Selbst besser in die inkarnierte Persönlichkeit zu integrieren.

So ist jedes Individuum die Summe seiner Errungenschaften, wie auch seiner eigenen Fehler. Je größer die Errungenschaften im vorigen Leben, desto einfacher wird das Leben der kommenden Inkarnation. Wer verständig ist, der wird ein einfaches Leben führen, Ausschweifungen vermeiden, da er weiß, dass sie nur zu noch mehr Versuchungen führen. Ausgeprägte körperliche Begierden ziehen schwerwiegende karmische Konsequenzen nach sich, da sie immer mit moralischen Vergehen zusammenhängen - wobei sich die Moral auf das traditionell geprägte Umfeld bezieht, in dem eine Seele inkarniert.

Wer stets wider die Freiheiten anderer handelt, bewirkt seine kommende Inkarnation in einem Feld des Elends. Wer aber jenen Elenden hilft, trägt zum Heil der Menschheit bei, da er diesen Seelen beisteht sich aus ihren karmischen Verstrickungen zu erlösen. Sie einfach ihrem Schicksal zu überlassen, wäre hingegen verantwortungslos. Wer aus Mitgefühl und selbstlosem Wollen andere Menschen vom Leiden befreit, trägt dazu bei, dass seine Seele in der kommenden Inkarnation weniger leiden muss.

Im Mahayana-Buddhismus heißt das "Boddhichitta": das Ziel Erleuchtung zu erlangen, zum Wohle aller Wesen. Verkörpert durch Avalokiteshvara, den Boddhisattva des Mitgefühls, entspricht dieses Streben synonym der Nächstenliebe die auch Jesus Christus gelehrt hat.

Wenn es die individuelle Vorsehung verlangt, wird ein Mensch vielleicht in eine schwierige Familiensituation geboren. Dies erfolgt damit er sein Karma darin entsprechend abtragen, Lebensprobleme auf diese Weise lösen kann. Wenn jemand sich z. B. in seinem vorigen Leben oft in Lügen und Unaufrichtigkeit verstrickte, ist es ihm vielleicht in seiner gegenwärtigen Inkarnation ein Anliegen, immer ehrlich sein zu wollen. Wer in seiner vergangenen Inkarnation tötete, wird vielleicht in einer späteren Inkarnation Leben schützen. Doch all das hier gesagte verblasst vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Handlungen, Gefühle und Gedanken die ein Mensch jetzt, in diesem Moment hervorbringt. Diese Welt kann nur jetzt verändert werden!

Jeder sollte sich aus all diesen Gründen, nach und nach bewusst machen, dass die durch frühere Vergehen resultierenden Strafen, eigentlich in seiner Inkarnation selbst ablaufen. Der Mensch benötigt in seiner gegenwärtigen Inkarnation diese Strafen, um seine Seele zu etwas Edlerem zu läutern. Doch sobald sich eine Seele wieder verkörpert, will sie diese Konsequenzen natürlich (erstmal) nicht tragen.

Wir sollten unsere Aufmerksamkeit diesem Intervall zwischen den Inkarnationen widmen. Ein weiser Mensch bereitet sich darauf in seinem Leben vor und arbeitet darauf hin. Wo die menschliche Seele das Selbst genau betrachtet, stehen ihm die Lebensumstände ganz offensichtlich zur Verfügung. Sie lassen sich auf sein Leben anwenden. In seiner strukturellen Entwicklung voranschreitend, erkennt der Mensch allmählich was der Zweck von alle dem ist, was er bisher erlebt hat und gegenwärtig erlebt.

Viele ältere Menschen blicken darum auf ein kreatives Leben zurück und sind im Großen und Ganzen zufrieden mit dem, was ihnen im Leben möglich war. Mit dem Tod der Körperlichkeit, bekommt die menschliche Seele dann eine klarere Sicht auf die Erlebnisse ihrer Inkarnation und erkennt was sie eigentlich bedeuten. Den Wert vieler Dinge, die ein Mensch im Leben erreicht hat, erkennt er erst im Moment des Sterbens. Oft erscheinen sie ihm viel wertvoller, als wofür er sie hielt als sein Körper noch lebte.

Die Sonne - ein Vorbild

Die tägliche und jährliche Bahn der Sonne über den Himmel zeigt uns den großen Plan allen irdischen Lebens. In jedem Zyklus wo die Sonne über den Himmel fährt, macht die Seele ihre körperlichen Erfahrungen und erkennt allmählich die natürlichen Prozesse. Jedes Jahr kommt die Sonne in die Welt zurück um ihren Zweck zu erfüllen. Die Welt ist jedesmal ein klein wenig anders.

Die Sonne ist die Reinigende, die Veredelnde, Erleuchtende. Sie kehrt immer und immer wieder - manchmal in einer Zeit wo sich die Erde in Finsternis befindet, manchmal in einer besseren Welt, wo alles gut zu sein scheint.

In ihrer zyklischen Wiederkehr arbeitet die Sonne in Richtung eines einzigen großen Endes. Darin wird die endgültige Erleuchtung aller Existenz erfolgen, so dass alle Dinge in sich und durch sich selbst erfüllt werden. Aus diesem Grund trugen die Götter der alten Zeit sehr oft solare Namen. Und so wie die Sonne jedes Jahr stirbt (Herbst) und wieder aufersteht (Frühling), so finden wir in verschiedenen Mythen und religiösen Legenden Sagen vom sterbenden Gott, der als Lichtgestalt wieder aufersteht.

Wer sich in innerer Disziplin und Hingabe übt, der erlangt Glück und Sicherheit in dieser Welt. Wer nach seinem Vermögen versucht sein Leben zu verbessern, der kann Boden gewinnen, kann Fuß fassen. Doch er muss seine Selbstsucht ausmerzen, seine Heftigkeit beruhigen, seine Gefühlsregungen kontrollieren und niemanden verletzen.

Jeder von uns geht in seinem Leben, insbesondere in bestimmten Jahreszeiten durch einen Prozess mentaler Neugestaltung. Je älter wir werden, desto mehr werden wir uns des Universalen bewusst und lösen immer mehr die Bindungen, die uns gewohnte Lebenssituationen aufbürden. Wir sollten uns all des Ballastes entledigen den wir mit uns herumtragen. Alles wovon wir glauben das es wichtig sei, wird sich sowieso irgendwann auflösen und aus unserem Leben verschwinden. Dies verstehend wird uns schließlich klar worauf es im Leben ankommt: es geht um das permanente Wachstum im Leben, denn ewig bleibt was sich bewegt.

So wie die Sonne ihren Zenit allmählich Richtung Norden steigen lässt, so steigt in uns das Licht einer inneren, unsichtbaren Sonne auf, die ein in uns verbogenes Potential zur Entfaltung bringt. Das sprießende Saatkorn ist ein Symbol für dieses innere Licht und für das Wachstum all unserer inneren Werte des Bewusstseins. Und so wie mit dem Steigen der Sonne, der Weizen bis zur Ernte reift, so kommt das Licht ins Bewusstsein und Herzen der Menschen, damit auch sie die Ernte der Jahre eintragen, von der sie sich in Zukunft nähren.

Man sollte sich also mir dem Zyklus der Sonne eingehend beschäftigen - nicht nur durch das Lesen von Büchern, sondern durch das Beobachten der jährlichen Veränderungen in der Natur und der täglichen Phasen unseres eigenen inneren Menschseins.
Was auf den Feldern des Landwirts, was in den Heinen der Apfelgärtner, was im Tierleben der Bienen usw. vor sich geht, sind alles Beispiele für unser eigenes Wachstum, unsere eigene Reife, Ernte und Sammlung.

 

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Was passiert wenn wir sterben?

von S. Levent Oezkan

Hieronymus Bosch: Der Aufstieg in das Himmlische Paradies - ewigeweisheit.de

Sterben - Schlafen - nicht mehr und nicht weniger. Schlafen heißt, dass der Schmerz all der unzähligen Schwierigkeiten verschwindet. Sterben - Schlafen - Träumen. Doch was für Träume werden es sein, wenn wir unseren sterblichen Körper verlassen haben?

Die meisten Menschen im Westen glauben, dass der Tod das Ende von allem ist. Man betrachtet den Tod als Feind, als das Gegenteil des Lebens - nicht als einen Teil davon. Tod wird darum als etwas Finsteres und Unglückliches empfunden. Was wir im eigenen Tod erfahren, ist aber etwas ganz anderes, als das, was wir empfinden wenn ein uns nahe stehender Mensch verstirbt. 

Wie es auch immer ausgehen mag: Irgendwann stellt sich jedem einmal die Frage, ob es vielleicht nach dem Tod noch etwas gibt?

In allen Kulturen der Menschheit wurde der Tod schon immer als Übergang von einer Existenz in eine andere beschrieben.
Egal ob in Fabeln, Märchen oder den Überlieferungen alter Kulturen oder Religionen: überall ist die Rede davon, dass sich nach dem Tod das Leben in einer anderen Weise fortsetzt. Was letztendlich passiert weiß keiner genau. Alles was es gibt sind hoffnungsvolle oder beängstigende Beschreibungen.

Das Reich des Osiris

Im altägyptischen Glauben gibt es viele interessante Anhaltspunkte, die Antworten auf diese Fragen liefern. Im alten Ägypten war das Leben nach dem Tod fast wichtiger, als das gegenwärtige, irdische Leben. Das sieht man an den monumentalen Grabstätten im alten Ägypten. 
Dort glaubte man an eine Unsterblichkeit nach dem Tod. Sie wurde von Osiris, dem Gott der Unterwelt, den Verstorbenen verliehen. Doch der Zustand nach dem Tod hing davon ab, wie sich der Verstorbene in seinem Leben verhielt. Damit ähnelt es dem fernöstlichen Konzept des Karma.

Die Ägypter glaubten auch, dass das Übergangsstadium vom Leben in den Tod zuerst in einem astralen Doppel, einem Ebenbild des Körpers stattfand. Dieses Doppel nannten die Ägypter das "Ka" - das Fahrzeug der Seele. Im Ka waren alle guten und schlechten Eigenschaften des Verstorbenen enthalten.

Egal ob in der Vergangenheit oder in der Gegenwart: Menschen versuchten sich schon immer vorzustellen wie sich der Verstorbene in die Totenwelt begibt. Doch weder Judentum, Christentum, Islam, Hinduismus oder Buddhismus, geben genauen Aufschluss darüber, welche Phasen der Verstorbene durchläuft.
Die Vorstellung über das, was der Tod ist und was nach dem Tod kommt, wurde vor allem in der modernen Theosophie erforscht. Helena P. Blavatsky erhielt ihr Wissen über die Phasen des Sterbens, von jenen geheimnisvollen Meistern der Weisheit: Kuthumi und Morya.

Der Garten des Todes - Gemälde von Hugo Simberg - ewigeweisheit.de

Der Garten des Todes - Gemälde von Hugo Simberg

Nichts bleibt wie es ist - Alles verändert sich!

Eines der wichtigsten Gesetze der Lehren in der Theosophie besagt, dass nichts im Kosmos unverändert bleibt. Alles in der Natur kommt und geht. Der Tod der physischen, körperlichen Formen ist nur ein Teil von diesem Kommen und Gehen. Wiedergeburt ist die Rückkehr ins Leben.

Wenn jemand stirbt, dann haben wir das Gefühl, dass das was aufgestiegen ist, und den sterblichen, sich auflösenden Körper zurückgelassen hat, die Person war, die uns nahe stand. Doch wenn dieses Seelenwesen, das den Leichnahm verlassen hat, sich jetzt woanders aufhält, stellt sich die Frage: wohin ist die Seele nun gegangen?

Seit jeher wird der Tod als ein irreversibler Vorgang angesehen, der sich dadurch zeigt, dass das Atmen endet. Der ausgeatmete Hauch kann nicht mehr eingeatmet werden. Der atmende Körper aber gleichte einem Fahrzeug, mit dem die Seele ihre Erfahrungen sowohl auf der physischen wie auf der nicht-physischen Ebene dieses Planeten machte.
Wenn wir sterben, dann hört dieses Seelenvehikel auf zu arbeiten. Doch es gibt auch nichtphysische Seelengefährte, die unseren Tod überleben.

Sobald der Atem endet, stirbt der Körper und beginnt zu verwesen. Leben ist Atmen. Darum war es für die alten Ägypter wichtig den Leichnahm des Verstorbenen in der jenseitigen Welt wieder zum Atmen zu befähigen. Das erfolgte durch das Mundöffnungsritual, dass in alten Pyramidentexten genau beschrieben wird.
Bei den Hindus wird das Prinzip des lebendigen Atems "Prana" genannt.

Aus dem Totenbuch des Hunefer - ewigeweisheit.de

Aus dem Totenbuch des Hunefer: Die Mumie des Pharao wird vom Totengott Anubis gehalten und es wird an ihr das Mundöffnungsritual vollzogen (cc).

Ebenen der Wahrnehmung

Alles was unseren Körper umgibt, ist, wie er selbst, aus Materie zusammengesetzt, die entweder als festes, flüssiges oder gasförmiges Aggregat existiert. Unsere fünf Sinne können diese drei Aggregatzustände in der Außenwelt wahrnehmen. Das bedeutet natürlich nicht, dass es nicht auch andere Formen der Existenz gibt. Unsere Augen können alles sehen, was als Licht mit einer Wellenlänge zwischen 380 nm und 750 nm ausgesendet oder reflektiert wird (ein nm, "Nanometer": ist der millionste Teil eines mm, "Millimeter"). Doch es gibt auch Licht jenseits des sichtbaren Lichtspektrums, wie etwa Ultraviolett und Infrarot. Ebenso verhält es sich mit den Klangfrequenzen. Alles was sich zwichen ca. 20 Hz und 20.000 Hzabspielt, kann das Ohr hören (Hz: "Hertz" ist die Frequenz, d. h. eine Schwingung pro Sekunde). 

Entsprechend könnten wir auch sagen, dass sich jenseits von Licht und Klang, d. h. jenseits elektromagnetischer Energie, noch ganz andere Energien ausbreiten, die weder mit den fünf Sinnen wahrnehmbar, noch messbar sind. 
Es gibt aber neben dem Äußeren auch ein inneres Wahrnehmen, das, jenseits der Vorstellungen von Raum und Zeit, sich mit anderen Ebenen verbinden kann. Und in diese Ebenen begibt sich die Seele des Menschen nach dem Tod. So etwa will es das Totenbuch der Ägypter im Westen, wie ebenso das Totenbuch der Tibeter im Osten.

Das Überschreiten der Todesschwelle

Im Sterben erkennt der Mensch ab einem bestimmten Zeitpunkt seinen eigenen Tod. Wie Menschen aus Nahtoderfahrungen berichten, erleben sie den Durchgang durch einen Tunnel, an dessen Ende ein helles Licht zu sehen ist, wo sich anscheinend ein Mensch aufhält.

Wenn ein Mensch nun eines natürlichen Todes stirbt, erlebt er in den letzten Augenblicken, in dem sein Herz noch schlägt, noch einmal sein gesamtes Leben vor seinem inneren Auge ablaufen. In der Gegenwart des Todes bekommt er dann in kleinsten Details gezeigt, was in seinem Leben geschehen ist. Jetzt wird er eins mit seiner Individualität. Es ist der Zeitpunkt, wo der Verstorbene erkennt, dass alle Lebensereignisse miteinander verkettet waren und einen Sinn ergeben. Im Augenblick des Sterbens schaut der Mensch als eine Art Zuschauer in die Arena seines Lebens hinab, die er gerade verlassen hat. Jetzt versteht er wieso all das Leid sein musste und er sieht, wer er in diesem Leben gewesen ist. Der Verstorbene erkennt, dass all die leidvollen und freudvollen Erfahrungen in seinem Leben nur so sein konnten, wie sie eben waren. Alles macht dann Sinn. Der Zustand dieses Erfahrens, ist durch und durch friedlich.

Der Todeskampf

Nach diesem Stadium der großen Einsicht, folgt der Todeskampf. Jetzt beginnen die Wesenheiten der "Anderen Seite" mit dem Verstorbenen zu kommunizieren und versuchen seine Seele anzusprechen. Nach dem Tod kämpfen seine höheren Eigenschaften damit, sich von den niedrigeren Eigenschaften zu trennen. In dieser Phase des Sterbens werden seine Lebenserfahrungen gewissermaßen destilliert - in feinere und gröbere Anteile. Über diesen Vorgang findet man in den Mahatma-Briefen an A. P. Sinnett, das Bild von der Milch und dem Rahm, die sich im Todeskampf voneinander trennen: So wie der Rahm der auf der Milch schwimmt, versucht das niedere Ego einen "Rahm der Seele", ihren feineren Teil, anzuziehen. Nur die niedrigeren Anteile dieser feinen Seelensubstanz aber können Teil des Egos werden. Bald danach beginnt sich nämlich der ätherische Körper aufzulösen. Der reinere Teil des Egos, wird jetzt Teil des großen Seelenozeans. 

Der niedere Anteil der Seele, gleicht einer Schale, die während des irdischen Lebens das höhere, spirituelle Ego verhüllte. Im sogenannten "zweiten Tod" trennen sich diese beiden Seelenteile von einander. Der niedere Teil, die Schale, enthält die Erinnerungen des Menschen und bleibt in einem subjektiven Zustand, den die Inder "Kama-Loka" nennen. Da ist das Gefilde der Begierden. Diese Ebene entspricht in etwa dem, was im Christentum als Fegefeuer bezeichnet wird. Bei den alten Ägyptern nannte man diesen Aufenthaltsort der Seele "die Gerichtskammer".

Rosa Celeste: Dante und Beatrice betrachten den höchsten Himmel - ewigeweisheit.de

Dante beschreibt in seiner Göttlichen Komödie seine Reise durch Unterwelt und Fegefeuer, bis in die Gefilde der höchsten Himmel, die er mit seiner geliebten Beatrice sehen wird.  Im obigen Bild von Gustave Doré, sieht man wie Dante und Beatrice den höchsten Himmel betrachten.

Im Reich der Devas

Die Begierden versuchen noch für kurze Zeit die reineren Teile der Seele festzuhalten. Da sich der niedrigere Seelenanteil aber allmählich zersetzt, bleibt die Essenz des Selbst erhalten. Dazu passt das Symbol der Perle, dass in der christichen Gnosis in diesem Zusammenhang eine ganz wichtige Rolle spielt, in jenem "Lied von der Perle".

Bevor diese reinste Essenz der Seele nun wieder inkarniert, begibt sie sich zunächst in die geistige Welt des Devachan. Dies ist ein zusammengesetztes Kunstwort, dass in der Theosophie zur Beschreibung des Mentalplans verwendet wird. Dabei steht Deva für "Gott" und Chan für das "Gebiet" bzw. die "Wohnung" der Devas (Devas: "Gott dienende" Götter, also Engel). Devachan ist ein Gebiet des Göttlichen, an dem die Selle des Verstorbenen nun weilt und daran Anteil hat.

Devachan gleicht dem, was in der Kabbala als Atziluth bezeichnet wird. Es ist die obere Triade der Sefiroth im Baum des Lebens, die sich aus der Lichtkrone des göttlichen Angesichts (Kether), der Weisheit (Chokmah) und dem Verstand (Binah) zusammensetzt.

Nach dem Todeskampf erfreut sich das höhere Ego an diesem Zustand. Devachan entspricht dem, was im alten Ägypten als das "Gebiet des Osiris" bezeichnet wurde. Im Islam ist es Jannah - das Paradies, das dem christlichen "Himmel" entspricht.

Im Allgemeinen ist der Begriff des Himmels definiert als der Wohnort der göttlichen Wesenheiten - also der Engel. Es ist der Aufenthaltsort der Auserwählten und Heiligen.

Devachan ist ein subjektiver Zustand, der sich aus dem zuletzt befundenen Zustand der Seele zusammensetzt. Jeder Mensch erschafft sein eigenes Devachan, was vor allem durch die letzten Momente seines Lebens bestimmt wird.
So wie ein Baby auf die Welt kommt und sich bewusst wird, so bewegt sich das höhere Ego bewusst in die Welt des Devachan. Das Karma was jemand in seinem Leben angesammelt hat, wirkt nun auf dieses höhere Ego im Devachan und setzt den Ausgang seiner neuen Inkarnation in Gang.

Jeder Mensch hat im Feld von Devachan für seine guten und schlechten Taten Rechnung zu tragen - freiwillig bei manchen. Bei anderen unfreiwillig.


 

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