Transformation

Die Heldenreise als Wegweiser im Leben

Die Heldenreise als Wegweiser im Leben

Wegweiser im Leben - ewigeweisheit.de

In seinem Buch »Die Odyssee des Drehbuchschreibers«, entwickelte der amerikanische Publizist Christopher Vogler (* 1949) sein Modell der Heldenreise, das auf den Motiven der eben angedeuteten Schlüssel Joseph Campbells basiert. Vogler hat dabei jedoch einige der Stationen der Reise zusammengefasst, so dass sich damit sein Modell mit nur zwölf Schlüsseln auskommt.

Auch aus dieser Variante der Heldenreise, lässt sich eine ganze Geschichte aufbauen, die tatsächliche Wirkung hinterlässt: sei es beim Zuschauer eines Buches oder Filmes, eingesetzt für die Planung und den Ablauf einer Exkursion, oder aber auch für das Handlungsschema in einer Persönlichkeitsberatung eines Therapeuten.

Natürlich bietet sich an, seine eigene Reihenfolge der Stationen der Heldenreise zu entwickeln, manche Teile wegzulassen oder vielleicht sogar neue Stationen hinzuzufügen.

Wer nach dem Prinzip der Heldenreise jedoch gekonnt eine Geschichte aufbaut, kann sie sowohl zu einem modernen Märchen weiterentwickeln, doch ebenso daraus eine Anleitung für einen Neuanfang im Leben entwickeln.

Das was man die Heldenreise nennt, gleicht gewiss einem universalen Geheimcode, mit dem sich die Zugänge zu eigentlich unzähligen neuen Schöpfungen eröffnen lassen. Eine Möglichkeit davon wollen wir im Folgenden liefern, in Form einer Art spirituellen Beratung, die einem suchenden Menschen helfen kann, sich über seine, vielleicht nicht mehr so erfüllenden Lebensinhalte zu erheben, um danach die Reise in einen neuen Lebensabschnitt anzutreten.

Das nachfolgend verwendete Schema, basiert auf dem Zyklus der Heldenreise nach Christopher Vogler. Alle die sich bereits auf so eine Reise begeben haben, werden ihre eigene Situation in den folgenden zwölf Stationen des Monomythos vielleicht wiederfinden, um sie von dort aus fortzusetzen oder zum Abschluss zu bringen.

Vertraute Welt

Was wohl in allen Heldenepen mit einer »Vertraute Welt« beginnt, oder modernere »Monomythen« vielleicht als den »Alltag« darstellen, das auch ist der Ausgangspunkt für alle, die einen Neuanfang wagen wollen.

Schriebe man heute ein modernes Märchen nach Schema der Heldenreise, dann begänne die Geschichte wohl in einem, nüchtern gesehen, wissenschaftlichen Umfeld, wo ein Glaube an Gott längst verzweifelt gesucht werden muss. Eine Anfang des 21. Jahrhunderts durchaus nicht ungewöhnliche Einschätzung, nicht wahr?

Realistisch gesehen prägen die gewohnte Umgebung des Einzelnen, ja eigentlich aller in der sogenannten »Ersten Welt« Lebenden, oft alltägliche Langeweile und ganz normale, sich ewig wiederholende Schwierigkeiten, die darin die wesentlichen, wenn auch nicht immer belanglosen Problemursachen bilden.

Diesen Zustand aber nehmen viele bereits als gegeben an, vielleicht auch daher, da man dieser Normalität nichts neues hinzufügen will. Man hat ja schließlich bereits genug Probleme. Viele scheinen, wie in einer Art Gruppenzwang befangen, angeblich sicherheitshalber, darum lieber alles beim Alten belassen zu wollen.

Es wäre ja auch ganz unvernünftig, einfach einen vollkommen neuen Weg einzuschlagen, womit man am Ende vielleicht scheitert, man sich sogar gefährdet oder zu Schaden kommt.

Bei allem so zu lassen wie es ist, würde man also, anscheinend, nichts riskieren und fügte sich weiter seinen gängigen Angewohnheiten – wenn da nicht diese nagende Frage auftauchte:

Gibt es vielleicht noch etwas anderes?

Viele Menschen, auch heute, reagieren mit Überdruss wenn es heißt:

Du musst aber schön, erfolgreich sein und brauchst unbedingt das neueste Dies und Das.

Immer wieder ändert sich was im Außen, an das man sich angeblich anpassen muss. Die Frage nach dem »Wofür« aber bleibt bestehen. Denn eigentlich juckt es einen. Man will mal etwas anderes tun, doch traut sich eben nicht. Lieber kratzt man sich verlegen die Nase, so als ob nichts gewesen sei.

Ruf ins Wagnis

Dann, nach einigen Jahren dieser eigentlich doch recht misslichen Lage, bahnt sich etwas an, dass vielleicht echt gravierend ist. Möglich das es sogar ein richtiger Schock wird: Ein Arzt hat einem zum Beispiel eine gravierende Diagnose gestellt und man muss leider feststellen, dass man unter einer der schweren Zivilisationskrankheiten leidet. Das ist die sehr, sehr traurige eine Variante, eines vielleicht eher passiven Typus Mensch.

Ein aktiver Mensch flüchtet sich vielleicht in intensive Tätigkeiten, die diesen, immer mehr zunehmenden Unmut kompensieren sollen. Beim einen ist das übermäßiger Sex, ein Anderer wird Fallschirmspringer oder rast Berge hinab auf seinem Mountainbike. Bei so etwas kam auch schon mancher schmerzlich zu Fall oder starb dabei sogar.

All das aber tut einer nur, damit er die Fortsetzung seines Alltags nur irgendwie erträgt – wo doch das Wort »Alltag« schon ein echtes Unwort ist.

Oder: Plötzlich stirbt da jemand, der einem vielleicht nahe stand. Oder die Ehepartnerin will sich auf einmal trennen, da sie wen andern fand. Unzählige weiterer solcher Negativ-Beispiele führen dazu, dass dann nichts mehr so ist wie es vorher einmal war.

Da auf einmal merkt einer, dass das bisherige Leben so nicht weitergelebt werden kann.

Was kommt als Nächstes?

Geht es überhaupt noch weiter?

Gedanken steigen in einem auf, die man noch nie vorher hatte – und sind manchmal so intensiv, dass man sich und sein Leben sogar in Gefahr sieht, ja vereinzelt dabei sogar wirklich Schädliches beabsichtigt, womit man eigentlich vollkommen unvernünftig und sogar gegen sich selbst handeln würde.

Zumindest aber ist da jetzt ein Wunsch: Man will anders leben und nicht mehr so weitermachen wie bisher. Schließlich ist es bereits unmöglich.

Man verschränkt die Arme und verweigert sich diesem, vielleicht bereits gehassten Alltag. Und wie aus dem Nichts erscheint da plötzlich jemand oder etwas, dass einen neugierig macht – ein besonderes Buch das man ließt, ein beeindruckender Film den man sieht oder ein alles veränderndes Seminar, das man besucht, wo einem ein Lehrer begegnet, der irgendwie in eine neue Richtung deutet – eine Richtung von der man ahnt, dass sie vielleicht sogar lang ersehnte Träume war werden lassen könnte.

Man begibt sich also auf eine Suche, auch nach neuen Freunden, zumindest aber nach Menschen, die in irgendeiner Weise mit dem zu tun haben, dass da einem auf einmal so gut tut. Am liebsten würde man alles sofort nachholen, dass man, wie es offensichtlich der Fall ist, all die Jahre ein-gesteckt, doch nie aus-gelebt hat.

Andere sind von dieser Feststellung so beeindruckt, dass sie am liebsten davonlaufen wollen. Nur wohin?

Und da plötzlich kommt die Frage:

Was muss ich bleiben lassen und was muss ich aufgeben?

Muss ich überhaupt etwas fallen lassen?

Gibt es da vielleicht etwas, das mir schon lange nicht mehr gut tut?

Manche stürmen gleich los in eine Richtung. Andere sind da vorsichtiger und tasten sich ganz, ganz langsam vorwärts.

Da auf einmal wird einem die ganze Tragweite der Unterlassungen bewusst oder genau das Gegenteil davon: man sieht was man angerichtet hat mit all den »falschen« Handlungen – etwas, das es aber eigentlich gar nicht gibt: es gibt keine falschen Entscheidungen. Jede Tat erfüllt einen Zweck, der sich allerdings immer hinterher erkenntlich zeigt.

Verweigerung die Reise anzutreten

In beiden Fällen aber fühlt man sich wohl durch diesen Bewusstseinsschub überwältigt und irgendwie in der Zwickmühle, wie Jona im Bauch des Wales. Vielleicht doch besser verzagen und wieder so weitermachen wie bisher? Wie auch soll man weitermachen, wenn da einfach niemand ist der einem helfen kann?

Hier, mit solchen Ahnungen im Bauch, fühlen sich manche vielleicht als Totalversager, zumindest dann aber als jemand, der übelst scheiterte. Ist aber Scheitern nicht etwas das man lernen muss? Nein? Lieber alles auf die Anderen schieben? Lieber das Opfer sein und sich zurückziehen, als den nächsten großen Schritt zu wagen? Tja – Veränderung braucht Zeit. Und wenn man die nicht hat, was dann?

Begegnung mit dem Mentor

Auch darauf zu warten, dass man Hilfe von Außen bekommt, kostet Zeit. Außerdem ist es eine Hilfe die eigentlich niemand leisten kann, da man eben selbst anfangen muss das Leben in die Hand zu nehmen.

Außerdem weiß man jetzt sicher: Es gibt keinen Weg mehr zurück, keinen Weg mehr aus dieser, vielleicht äußerst misslich empfundenen Lage. Doch es gibt einen Ausweg – und den gibt es immer. Man sammelt also Mut, weiß irgendwie, dass man die richtige Entscheidung damit treffen wird und macht sich auf den Weg, macht sich ans Werk.

Auf einmal kommt da Hilfe von Außen und wie durch ein Wunder begegnet da einem wer oder was, dass in einem ungeahnte Möglichkeiten aufsteigen lässt und man sich vielleicht fragt:

Wieso kam mir sowas nicht schon vorher in den Sinn?

Irgendwie scheint es eine höhere Kraft zu geben, die sich einem durch eine besondere Offenbarung gnädig erweist. Gibt es einen Gott, also doch ganz wirklich?

Da waren doch Bibel, Koran, Yoga-Sutras, Upanischaden; wie hießen die anderen Bücher noch? Tao-Te-King? Gab es da nicht einen Meister Eckhardt, einen Angelus Silesius? Was machen da die Astrologen, wenn sie manchmal verblüffend genau voraussagen, wie sich das eigene Leben verändern lässt? Solche Fragen tauchen da auf einmal auf, denn man merkt, dass man selbst Teil von einer Kraft ist, die verwirklichen, die erschaffen will.

Bei alle dem: Gibt es da so etwas wie eine Essenz der Essenzen, ein Wundermittel das alles verändern kann? Wie war das noch mit dem Heiligen Gral?

Tief aus dem Inneren der Psyche, oder sagen wir besser, der eigenen »Seele«, scheint etwas aufzusteigen, dass einem eine ultimative Gewissheit verschafft, dass da etwas ist, auf das man sich verlassen können muss, wenn man selbst den ungewöhnlichsten Plan in seinem Leben verwirklicht sehen will.

Überschreiten der Schwelle ins Unbekannte

Nun weiß man zum Glück bereits, dass man sich überhaupt auf einem neuen Weg befindet. Denn das was war scheint bereits ein Nebel des Vergessens zu verschleiern, zumindest verblassen zu lassen. Doch nicht alles was war ist schlecht.

Was davon ist gut, dass es sich mitzunehmen lohnt in dieses neue Leben?

Woran lohnt es sich zu erinnern, das Kraft gibt, um nun die richtige Entscheidung zu treffen?

Was will ich wirklich, wirklich?

Entscheidungen sind meist schwer. Man muss sich ihnen aber stellen – auch wenn das nicht sofort, von heute auf morgen geht, sondern tatsächlich erarbeitet werden will.

Aller Anfang beginnt mit dem Ziehen einer klaren Grenze, zwischen dem was war und dem was jetzt ist.

Begegnung mit Verbündeten und Feinden

Doch auf einmal tun sich damit neue Hürden auf, womit neue Probleme gelöst werden wollen, wovon einem manche vielleicht schon länger begleiten, doch einem jetzt erst der eigentliche Ernst der Lage bewusst wird.

Was aber war, lässt sich nicht mehr ändern und nur im vollkommenen Annehmen dessen was jetzt ist, kann man den Plan für das neue Wunschleben aufmalen.

Man arbeitet also an diesem Plan, ohne zurückzublicken. Rücksichts-los trennt man sich von lästigen Angewohnheiten oder Menschen die einem schon lange nicht mehr gut tun. Und da auf einmal stellt sich einem die Frage:

Wusste ich schon die ganze Zeit, dass ich alles erreichen kann?

Im »Weitermachenwollen«, das mit dieser Erkenntnis vielleicht erwacht, wird einem klar wofür man sich entscheiden will. Doch dann, wenn man einen der möglichen Wege eingeschlagen hat: Lässt sich das Ausmaß der damit einhergehenden Veränderungen und Neuerungen überhaupt einschätzen?

Man kann es irgendwie spüren. Und das bringt manche aus dem Gleichgewicht. Sie beginnen auf diesem eingeschlagenen Weg zu taumeln, da sich auf einmal alles so anders anfühlt.

Auf einmal verliert man den Boden unter den Füßen und fällt – fällt ganz tief. Dann ist es soweit: Man begegnet dem großen Wächter der Schwelle, der einem den Todesstoß versetzt. Jetzt stirbt man endgültig in seinem alten Leben. Eine vollkommene Selbstvernichtung dessen was war, hat nun stattgefunden.

Plötzlich erkennen wir, dass all die Hindernisse die sich uns in den Weg stellten, dass all die Feinde die gegen uns vorgingen oder die wir verachteten:

Sie hatten ihren Grund da zu sein!

Sie waren unsere Lehrer!

In diesem Sterben eines Mysterientodes fällt alles von uns ab. Wir müssen lernen uns in einer neuen, sich vollkommen fremd anfühlenden Lebensumgebung zu bewegen – und zwar erst einmal alleine. In diesem Alleinsein aber gilt es nun die Fremde zu erkunden und uns die Fragen zu stellen:

Wo sind da die Gleichgesinnten, die ein ähnliches Schicksal ereilte?

Wir werden sie finden und sollten uns mit ihnen zusammentun, denn zusammen lässt sich die Antwort auf eine wichtige Frage leichter finden:

Bin ich bereit für das Geheimnis?

Vordringen zur Höhle im Verborgenen

Das Geheimnis ist vielschichtig und besteht aus einer Wahrheit, die mal gelesen, mal erlebt, mal gehört, mal erfahren wird. Dabei ist der Glaube an die Dualität und eine Getrenntheit von Gut und Böse, je eine Hälfte dieser Wahrheit.

Als Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse aßen, wie es in Genesis 2:17 heißt, fielen sie in die Zeitlichkeit und vergaßen, das Gut und Böse ja die beiden Teile einer eigentlich polaren Einheit sind, eines Bundes der seitdem in die Unsichtbarkeit verschwand. Was mit dem sogenannten Sündenfall geschah, glich einem Zerbrechen dieses Bundes in die Dualität – doch nicht nur von Gut und Böse, sondern auch in die Gegensätze von Licht und Finsternis, Richtig und Falsch, Hier und Dort, Subjekt und Objekt.

Die darin befindlichen Gegensätze ergänzen sich jedoch wechselseitig, wofür das fernöstliche Yin-Yang-Symbol wohl ein eindrückliches Bild gibt: In einem Kreis gehen die Gegensätze von Schwarz und Weiß scheinbar ineinander über, lösen sich voneinander gegenseitig ab und sind zugleich jeweils ineinander enthalten.

Der Kreis der dieses Symbol umfasst, ist ein anderes Sinnbild auch für das Ei, aus dem neues Leben geboren wird. Als kosmisches Ei bricht es im griechischen Mythos auf, in eine golden-solare, dem Himmel zugewandte und eine silbern-lunare, der Erde zugewandte Eihälfte. Was diesen beiden Hälften des kosmischen Welteneis aber entweicht, ist eine Schlange mit dem Namen Eros.

Das Ei als Ganzes ist im Prinzip des Schöpferischen versinnbildlicht, durch das ja auch Mann und Frau – als die beiden Pole der Einheit Mensch – in Vereinigung, neues Leben in die Welt bringen.

Allen Gegensätzen ist dieses Potential der Vereinigung inhärent, da sie die beiden Seiten des Einen bilden. So auch ist alles Gute praktisch auch etwas Schlechtes. Aber auch alles Schlechte hat wiederum etwas Gutes!

Die Archetypen die man licht und finster nennt, sind also scheinbar doch miteinander verwandt, ja »kennen« einander gut wie Zwillinge – oder hassen einander wie die Pest. Der Wissende aber vermag, allegorisch gesprochen, diese Gegensätze gekonnt als weiße und schwarze Sphinx, rechts und links vor seinen Lebenswagen zu spannen. Doch sie werden ihn nur dann auf seinem Weg befördern, wenn er sie als Pole wahrnimmt, zwischen denen er selbst zum Bund geworden ist.

Wer also versteht sowohl Schlechtes wie auch Gutes, Problem und Lösung, als notwendige Gaben des Lebens anzuerkennen, findet wohl die Antwort auf die große Frage:

Wie kann ich das Minderwertige in Höherwertiges transformieren?

Gibt es vielleicht doch so etwas wie den Stein der Weisen – dessen Besitzer ohne Probleme lebt, nie krank werden kann und alle Reichtümer der Welt besitzt? Kann, wer das Sein im Leben als eigentliche Zweigesichtigkeit entlarvt hat, alles Sein ins Gute verkehren?

Entscheidende Erkenntnis

Wem gelingt in diesem Sinne zu handeln, dem scheinen alle bisherigen Wünsche zu verblassen, da er so auch seinen eigentlichen Grund zu leben finden wird, seine eigentliche Aufgabe im gegenwärtigen Sein ganz klar und deutlich erkennt.

Auf einmal ist man selbst zu einem höheren, einem vollkommenen Menschen geworden, einem Heiler, einem Lehrer – jemand, in dem die kosmischen Zyklen von Geburt, Leben und Tod ganz und gar eindeutig erkannt wurden, jemand der sich nicht mehr getrennt sieht von der Welt, sondern eins wurde mit dem, was um ihn, unter ihm und was über ihm ist. So einer ist sich dem Gotte, der Göttin bewusst.

Und doch weiß er auch, dass alles Gerede über diese Erfahrung nicht mehr sind als Schall und Rauch und blasse Theorie. Jeder muss diese Erfahrung selbst gemacht haben, um zu wissen wie es sich anfühlt. Besser also man vergisst da alles was man zu glauben wusste.

Man lebt jetzt im Jetzt, wo man Stillsein als vollkommenen Segen erlebt, wo alle Selbstgespräche enden, die Augen geschlossen werden und sich die Ohren lauschend öffnen.

Man hat den Weg des Herzens eingeschlagen – ein Weg, den auch der wahre Krieger geht.

Man ist gestorben, um zu werden und hat dabei die Angst vor dem Tod von sich gestreift, wie der Schmetterling seinen Kokon.

Wer einem von nun an begegnet wird zum Verbündeten. Zufall gehört der Vergangenheit an. Man hat seine Bestimmung gefunden. Selbst wenn man dennoch glaubt, dass man sich noch einmal nach dem alten Leben umdrehen müsste; und diese Versuchung ist ganz und gar da und es passiert darum sicherlich jedem – doch er wird merken, dass er von nun an durchhalten kann, um sich mit voller Kraft in diesem neuen Leben zu bewegen und darin zu entfalten.

Raub des Lebenselixiers

Alle äußeren Feinde sind nun verschwunden. Jetzt müssen die inneren Feinde erkannt und bezwungen werden. Da taucht die wahre Angst auf vor etwas, dass eins ist mir dem eigenen Fleisch, im Blut der eigenen Adern strömt. Und da steigen mitunter gefürchtete Fragen auf:

Welches Opfer bin ich bereit zu erbringen?

Was zählt wirklich in meinem Leben?

Aber in diesem Fragen setzt die innere Verwandlung bereits ein, die zu einer noch wichtigeren Frage führt:

Wie geht es jetzt, auf dieser Stufe in meinem Leben weiter?

Die Rückreise: Überschreiten der Schwelle ins Altbekannte

Man muss nun lernen in zwei Welten zu leben: in der Welt der Gewohnheit, dem Alltag, und in der Welt, die man als ganz und gar anders geartet, ja fast schon göttlich, jenseitig empfindet.

Es gilt sich nun die Fähigkeit anzueignen, nicht einfach in die Traumwelten abzuschweifen, wenn man doch Alltägliches vollbringen muss. Alles Handeln findet jetzt statt, ohne Hoffen, sondern mit einer vollkommenen Widmung dem eigenen Wirken, in absoluter Gewissheit seiner Verwirklichung.

Integration der Erfahrungen in das »alte« Leben

Zurückgekehrt in die gewohnten Gefilde der alltäglichen Welt, mag es erscheinen, als würde man sich wie ein Schwan im Ententeich fühlen. Doch es ist anders, da man fühlt, erwacht zu sein. Alle Überheblichkeit ist von einem abgeglitten. Jetzt stellt sich die Frage, deren Antwort einem ganz konkrete Handlungsanweisungen liefert:

Was sind die nächsten Schritte?

In diesem und in den zuvor begangenen Schritten, stellte man sich Fragen und wollte Wissen. Mit den gefundenen Antworten aber wurde man befähigt einen Weg zu finden, über den man aus sich herauszutreten vermag. Man erkannte nun sein wahres Selbst und auch den Weg, auf denen man sich jetzt seinem Wunschleben nähert.

Anerkennung und Bewunderung

Selbst hartnäckigste Zweifel haben sich nun aufgelöst. Jetzt gilt es Verantwortung zu übernehmen für das eigene Handeln, wo man selbst zu jemanden wird, der auf diese oder jene Weise, gewiss auch anderen ein Mentor wird.

Alchemie oder: die Kunst das eigene Leben in Gold zu verwandeln

von S. Levent Oezkan

Bild aus dem Splendor Solis - Der Rote König - ewigeweisheit.de

Ewiges Leben erlangen - Blei in Gold verwandeln: das sind Ziele, die mit dem Wort "Alchemie" assoziiert werden. Wer nach der wirklichen Bedeutung der Alchemie sucht, stolpert aber über jede Menge Unfug. Doch was ist Alchemie tatsächlich? Ein Mantel des Schweigens ist darüber ausgebreitet - wer wagt ihn zu lüften?

Solange man sich nur oberflächlich mit Alchemie befasst, bleibt die Frage nach ihrer wahren Bedeutung in einem Schwebezustand zwischen Wunderwerk und Quacksalberei. Ihrem geheimnisvollen Wesen nähert man sich durch direktes Erfahren und weniger auf der Suche nach Fakten. Es ist eine okkulte, spirituelle Praxis die nur wenig mit esoterischer Theorie zu schaffen hat.
Die Schriften der Alchemie sind voller Metaphern, die die menschliche Vorstellungskraft aktivieren - mit dem Zweck, den Menschen an eine verborgene Realität heranzuführen, in der, wie es scheint, einfach alles möglich ist - auch Blei in Gold zu verwandeln!

Zwei Formen der Realität

Es gibt eine "Urschöpfung" in der wir uns selbst wiederfinden, sobald wir auf diese Welt kommen. Diese Realität ist aber bereits vollendet - denn wir sind ja schon hier. In der Alchemie lässt sich damit nur wenig anfangen. Doch da ist noch eine andere Realität, die aus einer "zweiten Schöpfung" kommt. Es ist die eigentliche, wahre Schöpfung.
In jedem von uns gibt es etwas, das, wenn es erst einmal aktiviert wurde, die Tore zu dieser verborgenen, zweiten Schöpfung eröffnet. Es ist eine Wirklichkeit die sich stark von der uns bekannten und "vorgefertigten Realität" unterscheidet. Sie ist das Arbeitsfeld des Alchemisten, in der er durch seine Imagination auf die Welt Einfluss nimmt.
Imagination ist die kraftvollste Fähigkeit des menschlichen Geistes. Was man visualisieren kann, das kann man auch tatsächlich bewirken und erschaffen.

Kalachakra thangka painted in Sera Monastery, Tibet - ewigeweisheit.de

Kalachakra-Mandala aus dem Sera Kloster in Tibet

Wie wir unser Leben verändern

Alles bewegt sich. Alles kommt und geht im ewigen Werden und Wandeln - auf griechisch: "Panta Rhei" - "Alles fließt". Nichts bleibt - bis auf den Tod.

Alles fließt – aus und ein;
Alles hat seine Gezeiten;
Alles hebt sich und fällt, der Schwung des Pendels äußert sich in allem;
Der Ausschlag des Pendels nach rechts ist das Maß für den Ausschlag nach links;
Rhythmus gleicht aus.

- Aus dem Kybalion

Pendel und Rad sind verwandte Symbole für Schwingung und Zyklus. Beide haben ein Minimum, ein Maximum und ein Äquilibrium. Im Vajrayana-Buddhismus steht dafür das "Kalachakra" - das Rad der Zeit. Es ähnelt einer Mühle, worin alles Entstandene in seine Elemente zerfällt. Um aus diesen Bestandteilen was neues und besseres zu erschaffen, helfen uns Hermetik und Alchemie. Die Tabula Smaragdina des Hermes Trismegistos, gibt uns auf die Möglichkeit Neues zu erschaffen einen wertvollen Hinweis:

Hiermit sei vollendet, was vom Meisterwerk der Sonne verkündet werden sollte.

- Vers XIV der Tabula Smaragdina

Was bedeutet das?

Der solare Zyklus, den wir jedes Jahr aufs Neue miterleben, zeigt wie aus Vergänglichem etwas Beständiges, aus Totem etwas Lebendiges wird. Am Jahreslauf der Sonne können wir den Zyklus der Vegetation ablesen:

  • Der Tiefpunkt der Sonnenbahn ist auf der Nordhalbkugel der Erde in der finstersten Zeit des Jahres, mitternachts zur Wintersonnenwende erreicht. Dieser Punkt entspricht einem Todpunkt und ist gleichzeitig der Beginn neuen, aber noch unterirdischen Wachstums. Es ist das Ende der ersten Phase auf dem Weg der Neuschöpfung, was in der Alchemie Nigredo (Schwärzung) genannt wird.
  • Der Höchststand der Sonne tritt in der hellsten Zeit des Jahres, mittags zur Sommersonnenwende ein. Dies entspricht dem Ende der zweiten Phase: Albedo (Weißung). An diesem Punkt ist das Wachstum in der Vegetation voll ausgeprägt.
  • Rot ist die Farbe der Sonne im Wechsel von Tag und Nacht. Mit Sonnenuntergang zur Herbsttagundnachtgleiche, wird der Prozess durch das hermetische Einschließen der Prima Materia, der Ausgangssubstanz, in die alchemistische Retorte eingeleitet. Bäume verlieren ihre Blätter, die Gräser welken. Der rote Sonnenaufgang zur Frühlingstagundnachtgleiche bringt dann schließlich die veredelte Substanz zum Vorschein, womit der alchemistische Prozess in der Rubedo (Rötung) vollendet und die edelste aller Substanzen gewonnen wird: der Stein der Weisen.

Wenn der Mensch in Berührung kommen möchte, mit dem, was bei Weitem größer ist als sein bisheriger Zustand, kann er diesem kosmischen Vorbild gemäß handelnd sein Leben stetig veredeln. Dabei dehnt sich seine Handlungsfähigkeit immer weiter aus.
Dieser Prozess der Veredelung des Selbst, beginnt mit der Suche nach Antworten auf zwei sehr wichtige Fragen:

1. Was ist das wahre Wesens meines Selbst?

2. Was ist die Rolle dieses gegenwärtigen Selbst, woher kam es und warum hat es sich ins "Zwielicht der äußeren Welt" begeben - in die Welt in der es jetzt lebt?

Um zum Kern unserer Existenz vorzudringen, müssen wir unser Inneres vollkommen umgestalten. Das geht aber nicht, wenn wir an den oben dargestellten Jahreszyklen einfach nur passiv teilnehmen. Vielmehr müssen wir die drei oben dargestellten Phasen bewusst in der alchemistischen Arbeit hervorrufen, um die ewigen Wiederholungen, den Trott in unserem Leben zu unterbrechen, aufzulösen und zu etwas wertvollerem umzuwandeln.
Wer immer nur der Selbe bleibt, wird nie erkennen, was wirklich wichtig ist im Leben. Das "Rad der Zeit" gleicht dann einem Hamsterrad, das einen im zyklischen Zeitablauf immer wieder auf die selbe Stelle treten lässt. Man kommt nicht weiter.

Der Keltische Jahreskreis - ewigeweisheit.de

Der Keltische Jahreskreis (Illustration: S. Levent Oezkan)
Diese Grafik zeigt die hermetischen Korrespondenzen zwischen Mikro- und Makrokosmos, sowie die damit zusammenstehenden Jahresfeste der alten Kelten.
Im inneren, roten Kreis befinden sich die Symbole der vier Elemente: Feuer (oben), Erde (rechts), Luft (unten), Wasser (links). Sie ergeben sich aus den Elementarkräften, die mit den Sonnenstationen zusammenhängen, nämlich Widder (Feuer), Krebs (Wasser), Waage (Luft), Steinbock (Erde).

Was ist Zeit?

Das eben dargestellte Modell zyklischer Zeit, das wir auch in der Bewegung der Planeten sehen oder an den Zeigern der Uhr ablesen können, kann in ein Lineares Zeitmodell geändert werden. Die lineare Zeit ist die historische Zeit, die sich auf gerader Linie fortsetzt. Entlang dieser Linie gleicht kein Tag, kein Jahr, kein einziger Moment dem anderen. Jeder Moment ist einzigartig.
Doch wir können uns die Zukunft zwar ausmalen und positiv vorstellen, doch haben eigentlich keine Ahnung wohin uns die Zeit letztendlich führt. Darum gab es in allen Kulturen der Menschheit immer Endzeitvisionen vom Ausgang der Dinge, vom Ende der Welt - der Zeit an sich. Etwas sollte geschehen und das Beil des kosmischen Henkers fallen.

Es gibt aber noch ein drittes, evolutionäres Zeitmodell. Wir können es uns als Spirale denken, in der sich das oben angedeutete zyklische Zeitmuster der Wiederholungen, an einer senkrechten Linie der linearen Zeit allmählich emporschraubt (die ihrerseits natürlich Teil einer anderen, übergeordneten Zeitspirale sein kann - Stichwort: String-Theorie).
Alles was sich im evolutionären Zeitverlauf ändert, ist im Begriff sich umzuwandeln. Leider gibt es hierfür nur wenige Beispiele. Ein Beispiel aber gibt unmissverständlich zu verstehen, worum es hier geht: die Metamorphose der Raupe zum Schmetterling.

Eine Raupe verpuppt sich und verwandelt sich zu einer formlosen Masse, aus der sie sich auf geheimnisvolle Weise wieder zusammensetzt, um sich schließlich aus der Puppe als geflügelter Schmetterling zu befreien. Dieses natürliche Vorbild war in alter Zeit die essentielle Veranschaulichung des alchemistischen Prozesses der Umwandlung. Zwar weiß die Raupe nicht dass sie eines Tages ein Schmetterling sein wird, doch sie weiß, dass sie sich verpuppen muss. Es ist ihr Instinkt. Ähnlich verhält es sich mit der menschlichen Psyche (im Übrigen: "Psyche" ist ein griechisches Wort und bedeutet: Schmetterling!). Jeder von uns weiß instinktiv, dass er sich weiterentwickeln und verbessern muss, doch wir wissen nicht 100%ig wohin uns die Reise dabei führt.

Unsere Realität kann aber einen substanziellen Umwandlungsprozess durchlaufen. Sie wird dabei zu etwas, was zuvor überhaupt nicht existierte. Es geht also nicht allein um einen evolutionären Wachstumsprozess, sondern um die Entstehung etwas völlig Anderem - einer Realität, die jenseits dessen ist, was wir bisher kannten.
Wem diese Umwandlung gelingt, der wird ein transzendentes und zeitloses Wunder erschaffen können und den Stein der Weisen, das Elixier des ewigen Lebens finden.

Das Schwarze Land

Die Araber haben viele wunderbare Traktate zur Alchemie verfasst. Durch die Ausbreitung des Islam kam dieses Wissen nach Europa. 
Für die Araber war die Alchemie eindeutig ägyptischen Ursprungs. Daher auch der Name Alchemie, von Al-Khem, dem "schwarzen Land". Khem war die alt-ägyptische Bezeichnung für den schwarzen, fruchtbaren Nilschlamm.

Alchemie wurde aber auch im fernen China betrieben. Anstatt mit Substanzen wie Antimon, Schwefel, Quecksilber und Salz zu hantieren, gab es einen dem menschlichen Körper entsprechenden Symbolismus. Letztendlich ging es auch in China um die Transformation eines niedrigen Zustandes in einen höheren, nur eben mehr auf seelisch-körperlicher Ebene.
Natürlich gehörte auch bei den alten Indern die Alchemie zur hohen Wissenschaft. Sie ähnelte jedoch mehr als die chinesische, der westlichen Tradition.

Forging of the Sampo, Akseli Gallen-Kallela - ewigeweisheit.de

"Das Schmieden der Zaubermühle Sampo", Gemälde von Akseli Gallen-Kallela

Möglicherweise lassen sich die Anfänge der Alchemie auch in der Schmiedekunst entdecken. In alter Zeit waren die Schmieden kleine schwarze Häuser in denen vom Ruß geschwärzte Männer arbeiteten. Sie warfen Metallstücke in die heiße Glut und man sah dort bei lautem Getöse, rote und orangefarbene Funken aus dem Schmiedefeuer sprühen. Schwarze Gesichter, rotes Glühen und Dampfwolken, die beim Abkühlen der geschmiedeten Formen im Wasser entstanden: sowas macht auf den Menschen einen enormen Eindruck. Darum waren Schmieden immer Orte des Staunens, wo reine Fakten über Zusammenhänge keine Rolle spielten, sondern die menschliche Imagination angeregt wurde.

Es sind diese Tore der Imagination, die uns helfen in die Welt jener "zweiten Schöpfung" einzutreten, von der wir oben sprachen.
Alchemie kam aus der menschlichen Seele und ließ den Menschen versuchen, zunächst in seiner Vorstellung, dann in der Welt, die Dinge von ihrem ursprünglichen, in einen höheren und edleren Zustand zu überführen. So wie eben der Schmied, der aus Erzen Metalle schmilzt und aus der Schmelze alle möglichen Formen zu Stande bringt.

Der Alchemist, Gemälde: Pietro Longhi - ewigeweisheit.de

"Der Alchemist", Gemälde von Pietro Longhi

Die Hohe Kunst der Umwandlung

Auch im Zeitalter der Aufklärung gab es im Westen einige sehr berühmte Alchemisten. Darunter Newton, Voltaire, Goethe oder Benjamin Franklin. 
Alchemie war lange Zeit in der Naturphilosophie von Bedeutung. Durch die Beobachtung der Verwandlungen in der Natur, erkannte man das Wesen ihrer Elemente. Auch Maler mussten damals Alchemisten sein, denn sie stellten ihre Farben selber her. Dieses Wissen sollte dann in der "Schwarzen Kunst" der Buchdrucker an Bedeutung gewinnen.

Trotz dem aber, dass die Alchemie einige tausend Jahre lang als hohe Wissenschaft galt, fand sie während der Aufklärung ihr Ende und versank im Abgrund der Quacksalberei. Doch warum?

Für ihren allmählichen Niedergang sorgte das aufkommende Vernunftdenken. Absolute, reale Fakten zählten mehr als intuitiv gewonnene Erkenntnisse. Wissenschaftler interessierten sich für exakte Informationen mehr, als nach Erfahrungen zu suchen. Für sie war der menschliche Körper etwas, das geboren, vielleicht krank wird und irgendwann stirbt. Mit der Transformation der Alchemisten hat das aber nichts zu tun.
Der Alchemist schaut sich die Welt genauer an. Er nimmt an ihr Teil und erfährt sie in ihrem innersten Zusammenhang. Es geht ihm nicht darum die äußere Welt der körperlichen Dinge zu verändern - sondern den Kern ihres inneren Wesens zu enthüllen. Stößt er bei seiner Suche auf dieses innere Prinzip, wird er den Stein der Weisen gefunden haben. Es ist die Suche nach dem Kern des eigenen Selbst, die eine Transformation der Persönlichkeit einleitet.

Der Vorgang der Transformation

Um eine Transformation zu erreichen, muss das feste Gefüge der äußeren Welt erst verschwinden. Dieses Gefüge symbolisiert in der Alchemie das Quadrat.
Etwas soll gefunden werden, dass die eigenen Begrenzungen auflöst, damit die Transformation beginnen kann. Auf unser Leben bezogen: Wenn wir uns außergewöhnliche Veränderungen im Leben wünschen, z. B. von einer schweren Krankheit geheilt, finanziellen Ruin in Reichtum, Mittelmäßigkeit in Großartigkeit verwandeln wollen, muss etwas gefunden werden, mit dem sich alle physischen, hinderlichen Begrenzungen auflösen lassen. Dann kann die Heilung, die Umwandlung der Lebenssituation oder die tatsächliche Verwandlung, von dem einen in einen anderen Zustand tatsächlich gelingen!

Wenn unser statisches, persönliches Gefüge zu bröckeln beginnt, dann setzt ein ähnlicher Vorgang ein wie bei der Raupe: sie bildet einen Kokon um sich (synonym zur alchemistischen Retorte) und löst sich darin in eine formlose Masse auf. Diese formlose Masse nennen die Alchemisten die "Prima Materia" - die Urmaterie und Ausgangssubstanz. Sie entspricht dem, dass zu Anbeginn der Zeit war und in der Genesis als "Wüste und Leere", in der griechischen Kosmogonie als "das Chaos" bezeichnet wurde - etwas vollkommen Unbeständigem also, das in sich jedoch alle Möglichkeiten der Manifestation enthält.

Alle gewünschten Formen entstehen aus dem Formlosen der kreativen Matrix. Wenn wir aber Formen auflösen möchten, müssen wir zu dieser formlosen Matrix zurückkehren. Kreativ bleibt nur das Unvollendete!

Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.

- Oskar Wilde

Der Mensch ist ein unvollkommenes Wesen. Diese unvollkommene Qualität gibt unserer Kreativität aber die Möglichkeit, sich in uns zu einer vollkommenen Qualität zu entwickeln!

Schöpferisches Gestalten

Ein alter alchemistischer Lehrsatz lautet:

Aus einer Frau und einem Mann, aus der Welt, zeichne ein Quadrat, in das Quadrat zeichne einen Kreis, um das Quadrat ein Dreieck und um das Dreieck wieder einen Kreis.

Der Kreis der dem Quadrat folgt, ist die Prima Materia, der Urzustand der alle Möglichkeiten in sich trägt und aus dem alle Formen hervorgehen können. Darin ist das Potential jede Art Form zu erzeugen. Es ist wie mit einem unförmigen Felsen, aus dem ein Steinmetz jede beliebige Form hauen kann - einen Hund, eine Höhle, einen Menschen usw. Aus diesem Zustand kann alles Mögliche erschaffen werden. 
Dieser kreative Schaffensprozess beginnt in der Alchemie in der Phase der Nigredo - der "Schwarzheit". Schwarz steht in der Alchemie für das Vermögen der Natur, Dinge hervorzubringen. Wir erinnern uns an das ägyptische Khem - die schwarze Erde. Sie wird mit der jährlichen Nilflut als schwarzer Schlamm über die Äcker gespült. Hierdurch werden alle möglichen Pflanzen und Insekten hervorgebracht, die anderen Lebewesen als Nahrung dienen.

Aus Micheal Maiers "Atalanta Fugiens" - ewigeweisheit.de

Aus Michael Maiers alchemistischen Werk "Atalanta Fugiens"

Aber auch ein vollkommen finsterer, schwarzer Raum, in den kein Licht einfällt, auch dort tauchen alle möglichen Dinge vor unseren Augen auf. Manches was da erscheint kann schockieren! Sobald aber Licht in den Raum fällt, verändert sich alles.

Das Licht schien in der Finsternis, doch die Finsternis hat's nicht ergriffen

- Johannes 1:5

Bevor wir unser Leben umgestalten können, müssen die Dinge in unserem Leben zuerst vermindert werden - ganz gleich was auch immer das sein mag. Das ist die dunkle, kreative Matrix von der oben die Rede war. Auf unser Leben übertragen: wenn wir in tiefsten, seelischen Abgründen und durch finstere Lebensphasen bewegen, ist das eigentlich der Punkt, an dem es wieder aufwärts geht und neues Licht in unser Leben kommt - solange wir danach Ausschau halten!

Wenn man nach einem wirklich kreativen Einfall sucht, der einem aus einer anscheinend auswegslosen Situation im Leben helfen soll, ist es angebracht, sich erst einmal von all den Meinungen zu befreien, die man gegenwärtig hat: über andere und über sich selbst. Das heißt nicht, dass diese Meinungen notwendigerweise falsch sind. Die starren Muster in unserem Leben werden aber durch diese Meinungen aufrecht erhalten, Meinungen an denen wir hängen und die verhindern, dass sich etwas in unserem Leben ändert. Neue Erkenntnisse erhellen unser Leben, sobald sich alte Meinungen auflösen.

Es geht aber nicht darum alles bisherige in unserem Leben über Bord zu werfen. Vielmehr gilt es die dunklen mit den lichten Anteilen unseres Seins zu vereinigen. Dies symbolisiert die Alchemie durch die Vermählung von Sonne und Mond, von König und Königin. Hiermit kann der Vorgang der Umwandlung ganz langsam gestartet werden - sobald eine dritte Komponente ins Spiel kommt.

Symbol für das Feuer in der Alchemie - ewigeweisheit.de

Symbol für das Feuer in der Alchemie

Die beständige Flamme

Es ist wie mit der Retorte des Alchemisten: durch ein Feuer darunter wird die Umwandlung eingeleitet. Das ist die langsame, beständige Flamme des Alchemisten - nicht zu heiß, nicht zu wenig Hitze. Zwar wird damit auch der tatsächlich, physische Zustand beschrieben, doch es ist in erster Linie ein Symbol für etwas, das jeder in seinem Leben etablieren sollte: eine anhaltende, unnachgiebige Entschlossenheit!
Wer von der Begeisterung verlassen aufgibt, der stürzt ab. Die Aufmerksamkeit des Alchemisten darf also nicht schwanken. Er muss voll dabei, hier und im Jetzt sein - aufmerksam und stets bereit an seinem "Projekt" weiter zu arbeiten, bis der Vorgang beendet ist.
Wer nicht dran bleibt, der wird niemals etwas in seinem Leben verändern können!

Nun haben die alchemistischen Symbole von König und Königin einen besonderen Namen: Der König ist Sulphur (Schwefel), die Königin ist Sal (Salz). Sulphur ist gelb, so wie auch die Sonne gelb ist. Es ist ein "stinkendes Urgold" - ein "Proto-Gold" (wie etwa das Katzengold oder Pyrit, das eine chemische Verbindung von Eisen und Schwefel, Eisensulfid ist). Salz kann Wasser aufnehmen (Kristallwasser), so wie die Königin durch den flüssigen Samen geschwängert wird.

Doch es gibt noch ein drittes Prinzip, das die alchemistische Vereinigung (coniunctio) von Sulphur und Sal als Mittler fördert: der Mercurius. Mit Sulphur und Sal alleine, so die Alchemisten, wird letztendlich kein Werk vollbracht. Erst durch den Geist des Mercurius kann die gegenseitige Beeinflussung beginnen. Mercurius ist ein symbolisches Medium der Vereinigung, sowie eine vollkommene Kombination aus Flüssigkeit und Feststoff. Auf physischer Ebene entspricht dem Mercurius das Quecksilber. Das Wesen dieses Metalls ist charakteristisch: es trennt sich leicht in kleine, kugelförmige Tröpfchen, die sich aber eben so schnell wieder zu einer großen Masse zusammenführen lassen.

Die Schwarze Sonne in der Alchemie - ewigeweisheit.de

"Sol niger" - die Schwarze Sonne der Alchemie: Symbol der Nigredo

Drei Phasen bei der Bereitung des Steins der Weisen

In der Alchemie spielt die Astrologie eine nicht unbedeutende Rolle. Der dem Quecksilber zugeordnete Planet ist der Merkur, der sich viermal im Jahr auf enger Bahn um die Sonne bewegt. Wegen Merkur also Mercurius - dem wichtigsten Agens der Alchemie und Hermetik.
Bei den Griechen entspricht Mercurius dem Gott Hermes - im alten Ägypten hieß er Thoth. All diese Götter haben das Vermögen zusammenzubringen, zu vereinigen. Das oben erwähnte Dreieck steht für die drei Prinzipien von Sulphur, Mercurius und Sal. Mercurius vereinigt in einem langwierigen Prozess Sulphur und Sal, was in drei Phasen abläuft: der Nigredo, der Albedo und der Rubedo.

Nigredo - Die Schwärzung

1. Zuerst erfolgt die calcinatio. Dabei wird die Ausgangssubstanz, symbolisiert durch das zuvor erwähnte Quadrat, durch Brennen und Glühen im Feuer zu Asche zermürbt. Hiermit werden materielle Begrenzungen aufgebrochen. 

2. Die so erhaltene prima materia wird dann in der solutio aufgelöst bzw. verflüssigt. Hier geht es um den Ist-Zustand unserer psychischen Verfassung. Während einer schweren Lebenskrise braucht dieser Zustand nicht erst herbei geführt zu werden, sondern ist bereits präsent.

3. Nun folgt die seperatio: eine Trennung in die antagonistischen Bestandteile - König und Königin werden geschieden. In der alchemistischen Praxis erfolgt in diesem Schritt die Ausfilterung der festen Bestandteile, aus der durch die solutio hergestellten Lösung. Mit der separatio werden die inneren von den äußeren Seelenanteilen getrennt, verborgene Seelenanteile erkannt (vergl. Anima und Animus bei C. G. Jung) und entfaltet. Es geht um das Erkennen verborgener Anteile des Selbst.

4. König und Königin werden in der coniunctio wieder vermählt, sie umarmen und vereinigen sich, verschmelzen miteinander. Gemäß C. G. Jung wird in diesem Prozess der Vereinigung der ursprüngliche Lichtmensch (in der Kabbala: Adam Kadmon) wiederhergestellt. Er ist ein archetypisches Wesen, dass vor der ersten Weltschöpfung existierte. Die bewusst gewordenen Anteile werden in der coniunctio mit dem alten Selbstbild vereint.

5. Miteinander vereinigt, tritt dann in der mortificatio der Tod des Vereinigunsproduktes ein. Hierbei werden die unreinen, dunken Anteile ausgeschieden. Dieser alchemistische Prozess entspricht in der Psychologie dem Zustand der Finsternis, einer absoluten Niederlage im Leben.

Tief in des Dunkels Schoß,
verborgene Stufen längs, vermummt, umdichtet –
Oh wunderseliges Los! –
nachts, jedem Blick vernichtet,
mein Haus in Stille lassend, tiefbeschwichtet!

Geheim, in Zauberringen
der Dunkelheit, wo mich kein Blick erkannte,
wo ich nichts sah von Dingen
und nichts mir Strahlen sandte
als jenes Leitlicht, das im Herzen brannte!

- Heiliger Johannes vom Kreuz: "Die Dunkle Nacht der Seele"

6. Danach kommt es zur Verwesung des getöteten Vereinigungsprodukts: putrefactio. Der reinste Teil steigt auf, der gröbere Teil stirbt und fällt ab, so wie das verwesende Fleisch der Leiche von den Knochen fällt. Psychologisch kann dieser Vorgang am besten durch den Zustand tiefer Depression beschrieben werden. Dieser Vorgang ähnelt auch der im alt-ägyptischen Mythos beschriebenen Zerstückelung des Osiris.

7. Mit der coagulatio beginnt dann die eigentliche Transformation. Die geistigen, aufgestiegenen Anteile kehren zurück und werden in die Lösung eingebunden, woraus sich feste Bestandteile in Form von Kristallen bilden und es allmählich zur Gerinnung kommt. Psychologisch empfindet der Mensch diesen Zustand als neue Zuversicht, da sich in seiner Seele neue Emotionsformen bilden.

Diese sieben Schritte müssen ganz in Ruhe, bei "stetiger Wärme" durchgeführt und ausgebrütet werden. Dann wird sich alles zu dem fügen, wie es für den Vorgang bzw. unser Leben am Besten ist. Damit ist die Phase der Nigredo abgeschlossen, was bei der Bereitung des Steins der Weisen zur Weißung führt.

Albedo - Die Weißung

8. In der sublimatio wird die schwarze Masse in der Retorte, allmählich immer heller, von grau bis weiß, gewinnt immer mehr an Licht. Laut C. G. Jung beginnt hier auch die seelische Transformation. Es dämmert in der Seelennacht ein immer heller werdendes Licht eines neuen Anfangs.

9. Mit der ablutio, der Waschung kehrt Leben in das Geschehen zurück - seelische Probleme haben sich geklärt.

Hiermit ist die Albedo abgeschlossen.

Rubedo - Die Rötung

Das Rot der Rubedo zeigt an, dass der alchemistische Prozess abgeschlossen ist. Der Stein der Weisen wurde gefunden und daraus das rote Elixier des ewigen Lebens gewonnen. Mit dem Entstehen dieses roten Wundersteins, ist alles möglich. Und wenn alles möglich ist, so können auch unedle Metalle wie Blei in Gold verwandelt werden und das Leben eines Menschen verlängert werden. Dieser Stein der Weisen ist identisch mit dem Lapis Exilis des Wolfram von Eschenbach: dem Heiligen Gral.

Die Rote Sonne des Splendor Solis - ewigeweisheit.de

Die Rote Sonne - Symbol des Steins der Weisen

Ziele der Alchemie

In der Alchemie geht es gar nicht darum ein äußeres, wertvolles Produkt wie etwa Gold herzustellen. Vielmehr ist das Hauptziel die Transformation des Ausübenden selbst. Aus einem "normalen Menschen" wird ein "Wundermensch". Sein Tun ist allein durch den Himmel begrenzt - auf Erden aber ist ihm alles möglich. Einen Alchemisten, dem die Herstellung des Steins der Weisen geglückt ist, könnte man darum auch als einen Adepten bezeichnen. Er wird zu einem gottähnlichen, allmächtigen Wesen. 

Wer sich wirklich zu dieser Ebene des Seins aufgeschwungen hat, für den werden alle bisherigen Vorstellungen und Erfahrungen langweilig und uninteressant. Nicht das er jetzt ein größeres Ego entwickelt hätte. Eher kann er jetzt alle unedlen Erfahrungen, Halbwissen, Krankheit und Ignoranz, zu etwas höherwertigem, weisem, heilem und tolerantem umwandeln - d. h. alles, ganz gleich ob grau, klumpig oder wertlos, lässt sich zu strahlendem Gold transmutieren - im übertragenen, wie im tatsächlichen Sinne.

Vielleicht kann die Seele den oben beschriebenen, wundersamen Vorgang der Umwandlung, auf alle möglichen Lebenserfahrungen anwenden. Das bedeutet: Alles was bisher langweilig und schlecht erschien, wird plötzlich zu etwas ganz wunderbarem. Das Leben selbst verwandelt sich in ein einziges großes Wunder - wo immer wir auch hinsehen, da entdecken wir Gold. Was sich im alchemistischen Prozess verwandelt hat, sind wir selbst! Die Suche und das Gewinnen des Steins der Weisen hat uns verändert!

Alle großen Alchemisten wussten, dass metallisches Gold nur ein Nebenprodukt eines viel wichtigeren und viel wertvolleren Geschehens ist, an dem man während seiner Arbeit bei der Bereitung des Steins der Weisen teilhat.
Der Alchemist muss sich also selbst verändern, bevor er die Welt und ihre Erscheinungen verändern und umformen kann. Er betrachtet die Gegenstände in der Welt als eine alchemistische Retorte, in der das Licht der Erkenntnis konserviert und daraus hervorgebracht wird. 
Es geht darum die Weisheit (Sophia) aus den Fängen materieller Sichtweisen und Meinungen zu erlösen. Sophia steht für die Rubedo im großen Werk der Alchemie. Wohl nicht zufällig wird sie in der Ikonographie stets als rothaarige, in rote Roben gekleidete Heilige dargestellt.

Aufgabe des Alchemisten ist also die geheimnisvolle Sophia in ihrer herrlichen Erscheinung aus der Erde zu erlösen, aus den Fesseln materieller Beschränkungen zu entbinden.

Das Geheimnis, Gemälde: Felix Nussbaum - ewigeweisheit.de

"Das Geheimnis", Gemälde von Felix Nussbaum.

Geheimhaltung

Es hat seinen Grund, dass alchemistische Schriften oft nur schwer verständlich und irreführend geschrieben sind. Niemand sollte sich ihrer bemächtigen können, ohne nicht zuvor den Weg der Selbstläuterung gegangen zu sein. Im Übrigen ist das der einzige Grund wieso es überhaupt Geheimnisse gibt. Wer zu schnell an esoterisches Wissen kommt, den kann es überwältigen, was mitunter folgenschwere Konsequenzen nach sich ziehen kann.

Alchemie ist ein "geheimer Weg der Verwandlung" - ein "geheimer Weg des Lebens", mit dem Weisheit gefunden wird. Das ist das Lebensziel des Menschen im Großen Werk der Alchemie - dem Opus Magnum.

Vielleicht befinden wir uns ja bereits auf diesem Weg ohne davon zu wissen - letztendlich sind wir dazu aber auf die Welt gekommen. Wenn wir uns dessen bewusst werden, werden wir hoffentlich den sagenhaften Stein finden!

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