Traumbewusstsein

Eine kurze Geschichte der Abendländischen Zivilisation

Eine kurze Geschichte der Abendländischen Zivilisation

In einer Zeit, bis vor etwa 40.000 Jahren, die man als die frühe Altsteinzeit bezeichnet, lebte der Mensch in gänzlich archaischen Verhältnissen. Man kannte schon die Nutzung des Feuers. Vielleicht an dem einen oder anderen Ort, galt das Feuer sogar als etwas Sakrales, wo man es bereits zu konservieren wusste und damit das »Wahren einer Heiligen Flamme« pflegte.

Heilig war diese Flamme, da sie dem Überleben und dem damals so wichtigen Zusammenleben diente. Mit Feuer bereitete und konservierte man schließlich Nahrung oder schützte sich nachts damit vor wilden Tieren, da diese die lodernden Flammen mieden.

Es war eine Zeit in der die Menschen unterwegs waren, als Jäger und Sammler, und man in dieser Zeit noch keinen wirklichen Bezug hatte zu Raum und Zeit und auch gar nicht brauchte – denn man bewegte sich ja. Man lebte noch in vollständigem Einklang mit der Natur, mit den Tieren verschwistert, ohne zu werten, was einem da unterwegs begegnete.

Bewusst erlebten die damaligen Menschen eine vollständige Verbundenheit mit dem was sie umgab, ganz gleich ob die Gestirne, seine Mitmenschen oder die Wesen und Gegenstände in der Natur, wie Steine, Pflanzen und Tiere.

Damals pflegten die Menschen einen besonderen Ahnenkult, in dem sie sich verbunden fühlten mit der fernen Vergangenheit und dem Ursprung der Welt. Man hinterfragte nicht, sondern erlebte in dieser Voraussetzung das eigene Dasein auf Erden verwurzelt.

Allmählich wurde sich der Mensch aber auch seiner selbst bewusst, als einzelnes Wesen, wo eine noch rein intuitive, instinktive Wahrnehmung der Umgebung und der anderen Menschen in der eigenen Welt bewusst geworden war.

In der Tradition der Legenden, auf der sich auch die Lehren etwa der Theosophie oder Anthroposophie stützen, war das ungefähr auch die Zeit, als die Menschen noch auf dem mythischen Kontinent von Hyperboräa, »jenseits des Nordwinds« unterwegs waren. Aus heutiger Sicht gewiss ziemlich eigentümlich vorzustellen, doch man könnte durchaus in Erwägung ziehen, dass die heute, über das ganze Jahr hinweg von dicken Eisschichten bedeckten Regionen der Erde, einst vielleicht grün und bewaldet gewesen waren. Ein Beispiel für diese Annahme wäre etwa die dänische Insel Grønland, die ja wörtlich übersetzt »Grünland« heißt.

Wie aber kann es sein, dass es sich da tatsächlich um eine menschenwürdige Umgebung handelte? Nun, man kann sich da nur mit der einen oder anderen Erwägung behelfen. Überlegen wir uns etwa einmal, dass sich die Lage der Erdachse nicht immer in der selben Neigung befand. So gibt es heute auch archäologische Nachweise darüber, dass die Berglandschaften unter dem Eis der Antarktis, dem Südpol, vor sehr langer Zeit der Urgeschichte bewaldet gewesen waren. Angenommen also die Erdachse befand sich in aufrechter und nicht wie heute geneigter Lage, so dürfte es nur im höchsten Norden zu einer Vereisung gekommen sein, jedoch in einem Ausmaß, das weit jenseits dessen liegt, was wir heute vorfinden. Die Polkappen waren dann wohl weitaus dicker und bargen viel mehr Eis, als das heute der Fall ist, zumal es nicht zu jahreszeitlich bedingtem Abtauen kam.

In den Regionen der heute so genannten »Gemäßigten Zone« der Erde, dürften unter solchen Voraussetzungen damals dauerhaft frühlingshafte Verhältnisse vorgeherrscht haben.

Wir wollen auf all das im Folgenden noch einmal eingehen.

Beherrschung des Feuers

Dass der Mensch begann auf die Dinge die ihn umgaben Einfluss nehmen zu wollen, fing wohl ganz langsam an damit, dass man das Bewusstsein für eine gewisse Dimensionalität der Welt entwickelte. Historisch ließe sich das ansiedeln in den Jahrtausenden bis etwa 10.000 v. Chr., das heißt also in der Mittleren bis Jungen Steinzeit

Damals begannen die Menschen das Feuer tatsächlich als Kulturgut handzuhaben, da man Mittel und Wege gefunden hatte selbst Feuerzeuge herzustellen, vor vielleicht 30.000 Jahren, mittels Scharfkantiger Feuersteine (Quarz-Kiesel-Minerale) die man zum Beispiel gegen Pyrit-Kristalle schlug. Auch die ersten verbesserten Werkzeuge kannte man herzustellen, die in der Jagd ihre Verwendung fanden, wie etwa die ersten Wurfspeere.

Wollte man diese Zeit durch ein Tarot-Sinnbild kennzeichnen, eigneten sich dafür wohl die »Stäbe«, die ja sowohl lebendige Holzstöcke, wie auch Knüppel, Speere oder Lanzen symbolisieren, und bekanntlich dem alchemistischen Feuerelement zugeordnet sind.

Es war das auch die Zeit in der solche Weltlehrer die irdische Bühne betraten, wenn man so will, wie der irdische Adam der Bibel, sowie dessen Nachkommen wie Kain, Seth oder später auch Henoch, der in den Himmel entrückt von dort aus bis heute auf die Geschicke der geistigen Welt Einfluss nehmen soll.

Historisch bewegen wir uns nun in der Welt des Cro-Magnon-Menschen, des anatomisch mit dem heutigen Menschen identischen Homo Sapiens, eines nomadisch lebenden Jägers und Sammlers.

Durch die Fähigkeit selbst Feuer herzustellen, gewann natürlich auch die zivilisatorische Entwicklung einen neuen Schub. Man verstand seit dieser Zeit, vor etwa 30.000 Jahren, auch selbst Keramiken herzustellen, wozu natürlich Nutzgegenstände (wie etwa besondere Behältnisse) zählten, doch auch entstanden damals sogenannte heilige Figurinen, wie etwa die berühmte Venus von Willendorf.

In Zusammenhang mit dem daraus sich entwickelnden Mutterkult, pflegte man auch bestimmte Rituale, die sich wohl auf alte Vegetationszyklen bezogen, kurz gesagt, die man zu bestimmten Zeitpunkten pflegte, jedoch noch gänzlich losgelöst von etwaigen himmlischen Beobachtungen, die zur damaligen Zeit noch eine andere Rolle gespielt hatten.

Wie gesagt, besitzen wir heute keine wissenschaftlich belegbaren Fakten, doch dass die damaligen Menschen so lange den Kult einer irdischen Natur pflegten, mag wohl auch daran gelegen haben, dass man in dieser ewigen Frühlingsumgebung lebte, wo eine Beobachtung des Himmels und daraus erfolgende Voraussagen, noch keine für das Überleben relevante Rolle gespielt hatten.

Es war das eine »Magische Zeit«, wo man Götzenanbetung und Verehrung besonderer Idole betrieb, die da im Mittelpunkt ritueller Handlungen standen. Man war noch weit entfernt, von dieser heute im Verstandesdenken verhafteten Geistigkeit. Doch im Gegensatz zu dem Bewusstsein, das die Menschen in jener archaischen Zeit des Paläolithikum besaßen, begann man jetzt eine Dimensionalität in der Welt zu entdecken. Das begann wohl mit der Beobachtung eines Hier und Dort, einer Selbstwahrnehmung und einer Fremdwahrnehmung. Man erkannte das eigene Dasein im Verhältnis zum Sein eines Gegenübers – eines Menschen, eines Tieres oder jeder anders gearteten Sache.

Damit entwickelte sich im Empfinden der Menschen auch das, was man als Emotionalität beschreiben könnte, da man sich als Einzelnen wahrnahm, der getrennt war von dem was ihn umgab. Es dürfte damit einher gegangen sein ein Wundern über die Welt, die sich da um einen herum befand, wovon ein besonderer Zauber ausging.

Ein Zeitalter der Tugend

In dieser Welt-Erkenntnis formte sich wohl auch der Wunsch Orte entstehen zu lassen, wo man seine besondere Naturverehrung rituell zelebrierte. Die alte Kultstätte Göbekli Tepe in Kleinasien, in der heutigen Türkei, die dort vor etwa 11.500 Jahren entstanden war, deutet das an. Es war das die Menschheitsepoche, die sich im Platonischen Jahr dem Zeitalter des Löwen zuordnen lässt, dem, was in der griechischen Legende (gemäß Hesiod) dem Goldenen Zeitalter entspricht und was man in Indien das Satya-Yuga nennt: »Das Zeitalter der wahrhaftigen Tugenden«.

In der Welt der Sagen und Legenden, ist das die Phase der Geschichte gewesen, wo ganz im Westen der damals bekannten Welt, westlich des afrikanischen Atlasgebirges, im atlantischen Meer, sich eine riesige Insel befunden haben soll, wo eine damalige Hochzivilisation lebte: Atlantis. Was uns aus den Schriften des griechischen Philosophen Platon überliefert ist, ist die außergewöhnliche Form dieser Insel, die sich aus mehreren, das Meer unterteilenden Ringen bildete.

Doch, wie jeder weiß, kam es zu einer Katastrophe, in der diese Insel im Meer verschwand und das ist etwa auch die Zeit, wo wir in der griechischen Mythologie von einer »Deukalischen Flut« erfahren, die in der Bibel als die Sintflut beschrieben wird. Natürlich steht in Zusammenhang damit der Patriarch Noah und seine drei Söhne, Sem, Ham und Japeth. Interessant ist die Form jener alten Tempelanlage von Göbekli Tepe, die ja ebenfalls solche Ringform wie die der von Platon beschriebenen Atlantis besaß, was natürlich auch nur reiner Zufall sein könnte.

Vom Gold zum Silber

Nach dieser Zeit aber entstanden die ersten Siedlungen, wie etwa die von Çatalhöyük (in Kleinasien, heutiger Türkei) vor etwa 9.500 Jahren und auch die ersten Gehöfte dort, wo sich das heutige Athen in Griechenland befindet. Hieraus ergaben sich auch erste Machtstrukturen, in denen man begann Besitztum zu pflegen und Warenhandel zu betreiben mit anderen Siedlungen. Die matriarchal geprägte Gesellschaftsstruktur war bis dahin bestehen geblieben, man pflegte eine ausgeprägte Landwirtschaft und den sich daraus ergebenden Handel mittels Tauschwaren, wozu natürlich Edelmetalle wie Gold und Silber zählten.

All das geschah im Übergang vom Satya-Yuga ins Treta-Yuga, was man im Westen etwa mit der Wende vom Goldenen in das Silberne Zeitalter beschreiben könnte. Gemäß der Zeitrechnung des Platonischen Jahres, befinden wir uns da in den Jahrhunderten des Übergangs vom Zeitalter des Löwen ins Zeitalter des Krebses. Es sind dies ja zwei Tierkreiszeichen, wo ersteres astrologisch vom Gestirn der Sonne regiert wird und letzteres vom Gestirn des Mondes. Das Licht von Sonne und Mond aber, ließ gemäß der esoterischen Lehren der babylonischen Sterndeuter von Chaldäa, in der Urzeit die Metalle Gold und Silber im Erdgrund gedeihen. Und es sind ja eben diese zwei Edelmetalle, die den beiden Zeitaltern oben genannter Wendezeit ihren Namen gaben. Weniger aber ist das eine Systematisierung, als eher ein äußerst bemerkenswerter Zufall.

Im Bewusstsein der Menschen auf jeden Fall vollzog sich damit ein großer Wandel. Denn nicht mehr wusste man nur zu verstehen das Verhältnis zwischen einem Hier und Dort, man begann auch eine Räumlichkeit zu entdecken, die allerdings, rein geometrisch, sich nur auf das Land, das heißt also, auf die Fläche bezog, wo man sich in der Zweiten Dimension bewegte. Das war natürlich der Tatsache geschuldet, das man ein Bewusstsein entwickelt hatte für Besitz und Grenzen, was ja einher ging mit dem Entstehen der ersten urbanen Siedlungen.

Auch entstand in dieser Zeit das, was man als »inneres Seelenleben des Menschen« bezeichnen könnte. Heute würde man da vielleicht vom »Traumbewusstsein« sprechen. Das heißt, die auch heute im Traum auftretenden archetypischen Symbole wurden da schon erkannt, als universale Bilder. Man wusste dieses, im Traum empfundene Sehen, noch nicht gänzlich abzugrenzen vom Sehen im Wachzustand, weshalb man aus heutiger Sicht darum von einem irrationalen Empfinden oder Denken sprechen würde. Leider aber wäre diese Bezeichnung zu negativ konnotiert, wobei sie in Wirklichkeit doch eine Fähigkeit beschreibt, die heute nur wenigen Menschen gegeben ist und die sie als solche auch konstruktiv im Leben anzuwenden wissen, da sie erkannt haben, dass das angebliche Wachbewusstsein, im Grunde ebenfalls ein Schlafzustand ist, aus dem man jedoch erwachen kann!

Zwischen Himmel und Erde

Es geht hier um eine Epoche, die man als »Mythischen Zeit« bezeichnen könnte, da die Menschen damals noch alles erkannten, als untereinander verbunden. Wer sich näher mit der griechischen Mythologie beschäftigt, verirrt sich leicht in einem dichten Wald unzähliger Assoziationsmöglichkeiten, zumal ja in all den vielen Legenden darin, die von Göttern, Dämonen und Helden berichten, anscheinend immer Verbindungen bestehen, zu einer großen Zahl anderer Legenden der selben Mythologie.

Es war das auch die Zeit, in den Jahrtausenden vor unserer Zeitrechnung, wo man begann die »Heiligen Mysterien« zu feiern, wo die Menschen eingeweiht wurden in die Geheimnisse ihrer eigenen Sterblichkeit, die sich anscheinend jedes Jahr auch in ihrer Umwelt, in der Natur zu zeigen schienen. Man hatte den Wandel eines großen Zyklus der Jahreszeiten erkannt, die sich in kleineren Zeitabschnitten im Tageszyklus zeigten, wie auch in größeren Zeitabschnitten im eigenen Leben. Himmelsbeobachtungen bekamen aus diesem Grund einen immer wichtigeren Stellenwert, nicht nur praktisch, sondern auch in einer Art »Ur-Theologie«, die den Menschen nicht mehr allein als irdisches Wesen begriff, sondern ihn eingeflochten sah, im Mittelpunkt stehend, zwischen Himmlischem und Irdischem, im ewigen Kreislauf der Gestirne und der Natur, die sich mehr oder weniger zu entsprechen schienen.

Zeitmaß und Tauschwert

Man fing damals an, besondere Kalender zu konstruieren, anhand derer Voraussagen der Zukunft ermöglicht wurden. Das mag anfangs zwar rein agrartechnische Funktionen erfüllt haben, doch führte den Menschen mit seinem Bewusstsein auch in ein theologisches Verständnis, für eine aus der Transzendenz wirkende Kraft. Da entstand der Glaube an ein höheres Wesen, dass aus einem hierarchisch geschichteten Makrokosmos, eines ewigen Kreislaufes zu wirken schien, das heißt: Da begann der Glaube an Gott.

Auch hatte man gelernt, durch immer weiterte Entwicklung der aus der Jungsteinzeit überlieferten Werkzeuge, in das Erdreich vorzudringen, um dort kostbare Erden zu bergen. Im Übergang vom Zeitalter des Krebses ins Zeitalter der Zwillinge fand man Wege, um das in mineralischer und metallischer Form vorliegende Kupfer zu nutzen, zur Herstellung von Werkzeugen. Man verfügte damals schon über eine hochspezialisierte Technik zur Keramikherstellung. Hierfür verwendete man besondere Brennöfen, in denen man sehr hohe Temperaturen zu entwickeln vermochte. Damit war auch die sogenannte »Verhüttung« von Kupfer möglich, die man zur Herstellung erster metallischer Nutzgegenstände verwendete. Hier wieder kann man die Bildsprache der Tarot-Arkana ins Spiel bringen, denn als Zeit der Metallgewinnung entspricht es dem Symbol der Münzen, die ja bekanntlich aus Gold, Silber und Kupfer hergestellt wurden (interessant dabei ist, dass diese drei Metalle alle einen Schmelzpunkt um die 1.000 °C besitzen, so dass man mit der selben antiken Technologie daraus entsprechende Tauschmittel, das heißt also »Geld« herstellen konnte).

Besonders die in der matriarchalen Vinča-Kultur kannte man Techniken, die zu Vorläufern einer damals beginnende Metallzeit wurden. In dieser alten Kultur, die sich im geografischen Gebiet des heutigen Serbien entwickelt hatte, entstand auch, fast 2.000 Jahre bevor man im vorderen Orient die Keilschrift entwickelt hatte, die erste Runenschrift, die nachweislich die Vorläufer unseres heutigen Alphabets bildet, dass sich ja bekanntlich in den Jahrtausenden danach, zur sogenannten Linear-B-Schrift weiterentwickelte, die sich dann später als »Phönizisches Alphabet« durch eben die Phönizier im gesamten Mittelmeerraum verbreitete.

Das Heilige Rind

Im besagten Zeitalter der Zwillinge, also in einer Zeit zwischen etwa 6.300 und 4.200 v. Chr. betraten die Weltbühne der Religionen, auf dem indischen Subkontinent, der Held und Avatara Rama. Im Gebiet der Levante wirkte der Patriarch Abraham. Im Übergang zum Zeitalter des Stiers begann dann das, was man als die »Jüdische Zeitrechnung« bezeichnet, genauer gesagt das Jahr 3761 v. Chr. Das war die Zeit die man im westlichen Kulturkreis als Beginn des Ehernen oder Bronzenen Zeitalters versteht, im Hinduismus dem Dvapara-Yuga entsprechend, einer Zeit, in der nur noch ein geringer Teil des göttlichen Bewusstseins des Menschen lebendig war.

Da trat in Indien der Avatara Krishna auf, der ja in vielen Darstellungen in Begleitung einer heiligen Kuh abgebildet ist. Natürlich nicht zufällig, denn, wie wir sagten, ist das das Zeitalter des Stiers gewesen, wo auch in der Ägyptischen Religion auf einmal Darstellungen der Heiligen Kuh zu sehen sind, die eine Sonnenscheibe auf ihrem Haupt trägt. Auch in dem bekannten Epos des Gilgamesch (2.700 v. Chr.) taucht das Symbol eines himmlischen Stieres auf, wohl als Ebenbild des damals angebeteten Gottes.

Es war das die Zeit als die wichtigen ägyptischen Städte gegründet wurden, etwa im 3. vorchristlichen Jahrtausend. Darunter Memphis, mit dem alten Tempel des Hu-Ka-Ptah, dem Ägypten seinen Namen zu verdanken hat, wie auch die Hafenstadt Alexandria, die in der Geistesgeschichte der westlichen Zivilisation über viele Jahrhunderte hinweg Dreh- und Angelpunkt gewesen war – Stichwort: Die Bibliothek von Alexandria (allerdings erst gegründet Anfang des 3. Jahrhundert v. Chr.). Um 2.500 v. Chr. entstanden die Pyramiden von Gizeh, mehr als zwei Jahrtausende bevor man die Stadt Kairo gründete.

Monotheismus

Wenn wir zuvor sprachen vom Bronzenen Zeitalter, dann ist das auch ganz praktisch zu verstehen, denn man begann damals das gewonnene Kupfer mit Zinn zu legieren, um daraus eben Bronze zu erzeugen, woraus man dann die ersten metallenen Waffen herzustellen begann.

In dieser Zeit auch entstanden, wie etwa in der Minoischen Kultur Kretas, zwischen 2.800 und 1.100 v. Chr., verschiedene sakrale Trinkgefäße, meist aus Keramik, doch wahrscheinlich später auch aus Bronze. Als Zuordnung in die Tarot-Symbolik, fiele in diese Zeit also das Sinnbild für das alchemistische Element Wasser: Die Kelche.

Es war das auch die Zeit der großen Könige und Priester, wozu sicherlich so Namen zählen wie der biblische Fürst David und sein Sohn Salomon. Doch auch der ägyptische Echnaton, der ja die Sonne als einzigen Gott über den bisherigen Polytheismus erhob und damit jenen, den durch den Patriarchen Abraham definierten Monotheismus, auf seine Weise in Ägypten zu festigen versuchte.

In Persien entstand der Zoroastrismus, den der Prophet Zarathustra auf einem Dualismus und ständigem Widerstreit der Kräfte des Guten und des Bösen gründete, den laut seiner Weisheit nur jener überwand, der sich selbst ermächtigen konnte zu rechtem Denken, rechter Rede und rechtem Handeln.

Auch der alt-persische Kult um den Gott Mithra ist belegt, für etwa diese Zeit des 14. vorchristlichen Jahrhunderts. Zwar erst in späterer Zeit pflegte man in Rom einen besonderen Mithraskult, der sich in seiner Symbolik an diese Zeit aber zu erinnern schien, wenn auch in einer Form, die eben den Übergang vom Stier- ins Widder-Zeitalter symbolisierte, worin man in besonderen Bildnissen, in den sogenannten »Mithräen« der Tötung eines Stiers huldigte.

Es war dieses Zeitalter des Widder auch der Beginn der Eisenzeit, was auch insofern interessant ist, zumal ja astrologisch über den Widder der Mars herrscht, dem, nach Lehre der Chaldäer, auf Erden ja das Eisen entspricht.

Mit der Verhüttung von Eisen ging natürlich auch einher die Herstellung verbesserten Werkzeugs für Landwirtschaft und Städtebau, aber ebenso die Herstellung von Waffen, wobei die ersten Stähle in ihrer Härte, den Bronzewaffen weit überlegen waren. Vielleicht ließe sich darum auch historisch, hier der Beginn des Eisernen Zeitalters markieren, der finstersten Epoche der Menschheitsentwicklung, die bis zum heutigen Tage anhält – wir zumindest aber ihre schlimmen Auswirkungen noch immer spüren. Das nämlich was die Inder als das Kali-Yuga bezeichnen, das Zeitalter der Kriege und des Streits der Menschen, das wohl mit dem Beginn der Eisenzeit begann.

Unterscheidungsfähigkeit und die Bildung des Ego

In dieser Zeit gründeten die mythischen, von einer Wölfin großgezogenen Brüder Romulus und Remus, im Jahre 753 v. Chr. die Stadt Rom.

Etwa 200 Jahrhunderte nach dieser Zeit, betraten die Bühne der geschichtlichen Welt die griechischen Philosophen Parmenides und Pythgoras. Besonders jene, auf letzteren Weisheitslehrer zurückgehende Schule der Pythagoreer, sollte eine wichtige Wegmarken zeichnen, in der abendländischen Geistesgeschichte der Philosophie und Spiritualität. Im Westen wurde diese spirituelle Entwicklung auch betont mit dem Auftreten des Patriarchen Moses, sowie nach ihm durch der Propheten Hesekiel, auf den ja das berühmte Symbol des Tetramorph zurückgeht (Vier Symbole im Kreis: Mensch, Adler, Löwe, Stier; später stellvertretend verwendet als christliche Zeichen der vier Evangelisten). Im fernen China lehrte zu etwa dieser Zeit der große Philosoph Lao-Tse.

Es begann da ein Zeitabschnitt in der Weltgeschichte, den man als »Mentale Zeit« bezeichnen könnte, wo die Menschen durch einen Wandel ihrer Bewusstheit auf einmal begannen, eine in den Jahrhunderten zuvor entwickelte Unterscheidungsfähigkeit anzuwenden. Man begann zu urteilen was recht und was unrecht, was gut und was schlecht war – am deutlichsten versinnbildlicht wohl im Zeichen des Schwerts, das im Tarot das alchemistische Element der Luft versinnbildlicht, das Element der Bewusstwerdung des Raumes.

Man entwickelte also eine stärkere Bezogenheit auf den Raum und das Äußere. Damals begann man eben auch den geometrischen Raum zu erkennen, und die ihn bezeichnende Dritte Dimension.

Es scheint, als ob sich darin ein einziger Gott noch besser vorstellen ließ, als in jener Zeit, wo man dieses Raumbewusstsein noch nicht besaß. Man begann seine Betrachtungen der Welt, wohl zum ersten Mal abstrahieren zu können, woraus sich die Fähigkeit zur Reflexion entwickelte. Man erkannte sich selbst in der Welt, hatte unbewusst begonnen ein Ich zu entwickeln – psychologisch betrachtet, sein Ego zu festigen –, was einher ging mit der Herausbildung eines bewussten Lebenswillens (oder eben Unwillens).

Ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. sollten die damit entstandenen Sichtweisen auf die Welt, der Geistesentwicklung der Menschen einen weiteren Entwicklungsschub geben. Das erfolgte im Westen insbesondere mit dem Auftreten des Philosophen Sokrates – jenem Denker des Abendlandes, dem man die Entwicklung des Fragens und Hinterfragens zuschreiben kann. Sein wichtigster Schüler Platon war mehr oder minder, der Mann, der das Denken seines Lehrers Sokrates in Schriftform festhielt, so dass, wenn man von einer platonischen spricht, immer auch eine sokratische Philosophie meint.

In Fernost betrat der Buddha Siddharta Gautama die Weltbühne der Spiritualität, der auf seine Weise einen Bezug des Daseins in der materiellen Welt zu abstrahieren vermochte, eine Fähigkeit die seinen Zeitgenossen fehlte und er wohl auch deshalb als dieser Weltlehrer auftrat, um sie an ihr inneres, seelisch-geistiges Dasein zu erinnern. Das war in etwa auch das, was im Abendland Sokrates vermittelt hatte. Denn die oben angedeutete Entwicklung des persönlichen Ego, was zu einer inneren Teilung des Seelenlebens im Menschen geführt hatte, entfremdete ihn von seiner eigentlichen Bestimmung, wodurch er zunehmend begann, sich mit einer rein materiellen Welt zu identifizieren.

In dieser Zeit auch entwickelte der Mensch ein Empfinden für die Zeit, wo man das »Ablaufen des Lebens« nicht mehr nur an den vier Haupt-Tageszeiten ablas, sondern den Tagesablauf in abmessbare Stunden zu unterteilen begann.

Es war das die Zeit, als Vorstellungen eines Weltbildes entstanden, in dem die Erde im Mittelpunkt als kugelförmiger Körper stand und eben nicht mehr nur eine zweidimensionale Scheibe blieb. Detaillierte Studien hierüber betrieb bereits der Platon-Schüler Aristoteles.

Übergang ins Zeitalter der Fische

Wie zuvor bereits angedeutet, kam es im Westen durch die Gründung Roms und die daraus entstandene Römische Republik, am Anfang des 6. vorchristlichen Jahrhunderts, zu einem neuen Schub in der Urbanisierung des Lebens der Menschen, durch das, was zuvor »nur« theoretisiert wurde, wie etwa in Platons »Staat«. Damit einher ging natürlich auch die Ausbildung eines durch und durch organisierten militärischen Organs eines Heeres, das sich seit damaliger Zeit, in den Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung, nach Westen und Osten hin immer weiter ausdehnte.

Die Zeit des tausendjährigen Römischen Reichs halbierte die Geburt Christi, womit dann ja unsere, bis heute verwendete christliche Zeitrechnung begann. Auch der große jüdische Prophet Johannes der Täufer kam da zur Welt, etwa fünf Jahre vor dem Erscheinen des Messias.

Im 2. nachchristlichen Jahrhundert bestätigte der griechische Philosoph und Astronom Claudius Ptolemäus , die in den Jahrhunderten zuvor angenommene Geozentrik durch seine Himmelsbeobachtungen. Während der beiden Jahrhunderte danach, entstanden die religiösen Lehren des Gnostizismus, die jedoch bald zum theologischen Hauptgegner der damals noch jungen Christenheit werden sollten. Auch die Philosophie der sich damals bildenden Gruppierung der Neuplatoniker, entstand in dieser Zeit und teilweise auch in Konkurrenz mit den Lehren der Gnosis.

Es war das auch die Zeit, zwischen dem ausgehenden 3. bis ins 4. Jahrhundert, als die ersten christlichen Kirchengemeinden entstanden, die Christi Geburt jedoch alle noch an verschiedenen Tagen im Jahr zelebriert hatten.

325 n. Chr. tagte dann das von dem römischen Kaiser Konstantin I. in Nicäa (heute Iznik in der Türkei) einberufene Konzil, womit danach auch das Christentum zur römischen Staatsreligion wurde. 70 Jahre danach kam es zur Reichsteilung in Westrom, wo in der alten Stadt Rom der christliche Katholizismus durch den Papst und Ostrom, das heißt also Konstantinopel (heute Istanbul, Türkei), vom christliche-orthodoxen Patriarchen vertreten wurden. In Westeuropa scheinen in etwa dieser Zeitperiode, die Wurzeln der Sage um den Drachentöter Siegfried zu liegen, die auch dort bereits einen Übergang markiert, von einem germanischen Heidentum in eine eher christliche Spiritualität.

Innerhalb des Platonischen Jahres, bewegen wir uns seit etwa vier Jahrhunderten bereits im Zeitalter der Fische, deren Symbolik ja für die christliche Epoche ganz ausschlaggebend ist.

Dunkles Zeitalter und Heiliger Gral

Den Beginn des Mittelalters prägt auch das Auftreten des arabischen Propheten Mohammed und mit der sogenannten Hidschra, dem Auszug der ersten Muslime aus Mekka, im Jahre 622 n. Chr. die islamische Zeitrechnung. Das ereignete sich auch innerhalb der Epoche, als ein sagenhafter Priesterkönig Johannes in der abendländischen Geschichte auftauchte, scheinbar aber gleichzeitig auch in Nordafrika und Fernost.

Im Dunkel jedoch liegt die ungefähr 500-jährige Periode der westlichen Zivilisation. Während dieser Zeit nämlich ordnet man heute die mythischen Episoden eines christlich-paganischen Fürsten ein: Dem legendären König Artus, der vermutlich in dieser dunklen Epoche der franko-angelsächsischen Geschichte, als ein Brückenbauer wirkte, zwischen der noch heidnisch geprägten Kultur des alten Britannien und Irlands und dem mit den Römern nach England gebrachten Christentums. Es war das auch wohl die Zeit, wo der legendäre Held Parzival, einer der Ritter der arthurischen Tafelrunde, in der Weltgeschichte aufgetreten sein könnte, wo ja insbesondere das Symbol des sagenhaften »Heilige Grals« Einzug nahm in die christliche Sagenwelt des Abendlandes.

Erst im 12. Jahrhundert verfasste der deutsche Dichter Wolfram von Eschenbach seine Verse zu diesem Helden Parzival und dem heiligen Gral, der ja als Trinkgefäß beim letzten Abendmahl Christi dem Jesus und seinen Jüngern als Trinkbecher gedient haben soll und in den dann, nach dem Ableben des Christus am Kreuz, dessen Blut damit aufgefangen wurde, durch den sagenhaften Joseph von Arimathäa. Der soll den heiligen Kelch dann selbst in die englische Stadt Glastonbury gebracht haben (das legendäre Avalon), um dort die erste christliche Gemeinde in Europa zu gründen.

Perspektiven in einer Zeit der Neuordnung

Mit dem Beginn der Renaissance, im Umbruch vom Mittelalter zur Neuzeit (15. und 16. Jahrhundert) entwickelte sich etwas, das eine tatsächliche Wegmarke, nicht allein in der Geschichte der Bildenden Kunst markierte: Die Entdeckung der Perspektive, die Künstlern eine Methode gab, um mit mathematischer Exaktheit Verkürzungen in der Raumtiefe abzubilden. Zeichnungen und Gemälde erhielten damit seit dem 15. Jahrhundert eine fast realitätsidentische Wiedergabe optischer Eindrücke, was natürlich im Laufe der Zeit einen erheblichen Wandel im Bewusstsein der Menschen einleitete. Was als dritte Dimension des Raumes angenommen wurde, erhielt damit eine ganz relevante Konkretisierung. Im Menschen entwickelte sich aus diesem Bewusstwerden aber anscheinend auch der Wunsch, Dinge haben zu wollen, da er sie nicht mehr nur örtlich begriff, sondern auch ihr Ausmaß, perspektivisch betrachtend, unterscheiden ließ, zwischen einem mehr und einem weniger.

Das erste Jahrhundert der Neuzeit aber sollte noch weitere, für die Geisteskultur dieser damaligen Epoche, doch insbesondere für alles andere in der Folgezeit Entstehende, ganz wichtige Wegmarken kennzeichnen. Damals nämlich erfand der Mainzer Goldschmied Johannes Gutenberg den modernen Buchdruck mit beweglichen Lettern, was eine wahre Revolution bedeutete, für die Art der Verbreitung von Wissen. Was in den Jahrtausenden zuvor mühsam als Handschriften angefertigt wurde, und entsprechend damit nur sehr wenigen Menschen zugänglich war, konnte sich ab Ende des 15. Jahrhunderts viel einfacher als Nachricht oder Wissen verbreiten lassen.

Hätten Martin Luther und andere Reformatoren, ohne die Buchdruck-Technik Gutenbergs die Bibel übersetzt? Vielleicht, doch kaum jemand hätte je davon erfahren. Wenn Luther zuvor zwar nur über die Freiheit des Christenmenschen schrieb, um damit einen jeden über die wahre Religionsgeschichte zu unterrichten, ermahnte er die Menschen aber gleichzeitig dazu, in ihrer ständischen Ordnung zu verharren. Das dies aber nicht lange gehalten werden konnte, zeigt uns die Geschichte, etwa mit dem Deutschen Bauernkrieg von 1524, der sich nur fünf Jahre nach Luthers Thesenanschlag ereignete.

Neben der Übersetzung der Bibel kamen natürlich eine ganze Reihe anderer Schriften in Umlauf, so dass sich dadurch auch neue Überzeugungen bilden konnten, über das Wesen des Seins jenseits religiöser Weltanschauungen. Auch der Beweis für einen eigentlichen Heliozentrismus (um 1650), der die Erde als Mittelpunkt der Welt für immer erübrigen sollte, trug das Seine dazu bei.

Insbesondere ab Ende des 18. Jahrhunderts kam es da zu einem Aufbegehren gegen monarchische Strukturen in Europa. Interessanterweise war das eine Entwicklung nicht nur auf weltlicher Ebene, sondern es schien sich auch etwas im Makrokosmos zu zeigen, dass man vorher noch nicht kannte. Die Entdeckung des Planeten Uranos, im Jahre 1781, ließ den bisherigen Kosmos einer klassischen Astrologie der sieben Gestirne (Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus und Saturn) einstürzen.

Es scheint, als hätte sich so etwas mit noch einer enormeren Sprengkraft auch im Weltlichen ereignet, zumal um das letzte Viertel des 18. Jahrhunderts sich mehrere Revolutionen ereigneten, die die staatlichen und sozialen Gefüge in ihren Grundfesten erschütterten:

Mit der industriellen Revolution, deren Auswirkungen ab dem Jahr 1760 überall sichtbar werden sollten, gingen natürlich auch politische Umwälzungen der Gesellschaftsstruktur einher. Zwar gibt es keinen direkten Zusammenhang aus rein historischer Sicht, doch es ist interessant, dass in den wenigen Folgejahren des Endes des 18. Jahrhunderts, etwa 1775, die Vereinigten Staaten ihre Unabhängigkeit vom British Empire erklärten und es 1789 zur Französischen Revolution kam, die zur Abschaffung der Stände führte. Die Konsequenzen all dessen sollten ganz wesentliche Impulse überall in Europa auslösen, die das damalige Königtum fundamental veränderten und auch zu einer baldigen Schwächung des Einflusses der Kirche führten.

Zuvor bildete die Hohe Geistlichkeit den ersten Stand im französischen Staat, der Adel den zweiten und den dritten Stand alle anderen: Die Bauern und die Bürger der Städte. Der dritte Stand kam auf für die Versorgung aller, doch hatte keine Rechte. Zur Abgabe der Zehnt-Steuer an den Klerus war jedoch auch der Adel verpflichtet – ein Brauch, der sich tatsächlich seit der Zeit des Patriarchen Abraham nicht geändert hatte, der ja selbst verpflichtet war dem Priesterkönig Melchisedek von Salem »den Zehnten von Allem« zu geben (Genesis 14:20).

Strahlkraft der Vernunft?

Anscheinend kam da das Eine zum Andern und man begann immer mehr all das in Frage zu stellen, wofür die Könige und der Klerus gestanden hatten, in den Jahrtausenden zuvor. Das aber war auch die Zeit, in der ja der größte Teil der Menschheit in dunkler Unwissenheit lebte, so dass sich die Tendenz entwickelt hatte, mit der Strahlkraft der Vernunft auf-klären zu wollen. Der deutsche Philosoph Immanuel Kant, der ja in dieser Zeit der großen sozialen Umwälzungen gelebt hatte, schrieb über dieses Zeitalter der Vernunft:

Aufklärung ist der Aufgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.

In der Zeit der Aufklärung ging es nun nicht mehr um den Glauben, sondern um Beweise. Wobei das Wort »Glauben«, vielleicht seine ursprüngliche Wortherkunft teilt, mit einem glauben als vermuten. Doch das ist nicht das Selbe. Eher doch ist der Glaube an eine aus der Transzendenz wirkende Kraft, auch ein »sich Einlassen« auf ein spirituelles System, dass der Seele zur Freiheit verhelfen soll und weniger dem Körperlichen dient, noch weiter in den Mittelpunkt des Bewusstseins zu gelangen. Letzterem, das heißt der Materie, aber begann man insbesondere mit der Aufklärung zu huldigen, da sich die Dinge der physischen Welt ja durch Maß und Technik beschreiben ließen.

Wären Klerus und Adel in den Jahrhunderten bis zur Französischen Revolution aber verantwortungsvoller mit jenen umgegangen, über die sie herrschten und ihnen nicht das Recht abgesprochen hätten ein menschenwürdiges Leben zu führen, sich als freier Mensch in der Welt zu bewegen und auch selbst über Eigentum verfügen zu dürfen: Wäre es da überhaupt zu einer solchen Umwälzung gekommen?

All das auf jeden Fall, ganz gleich ob der Glaube an einen Gott oder die alten Wissenschaften, die man heute in den Bereich des Okkultismus verdrängt hat, schien während der Aufklärung unter der Oberfläche des alltäglichen, vernunftgesteuerten Denkens zu versinken – zumindest aber unterdrückt worden zu sein. Was einst eine spirituelle Praxis der Alchemie bedeutete – wo man ja nicht nur verzweifelt versuchte Gold herzustellen, sondern vielmehr seines inneren Seelenlebens gewahr zu werden – sollte eben in dieser Zeit der Französischen Revolution durch einen Antoine Laurent de Lavoisier zu einer wissenschaftlichen Chemie werden.

Interessant ist, dass sich in dieser Herauslösung des Spirituellen aus den modernen Geisteswissenschaften, auch ergab, dass sich jene, die sich um die Pflege der Esoterik, das heißt der »Inneren Wissenschaften« verpflichtet sahen, nun in den Untergrund, sich ins Verborgene zurückziehen mussten.

Eine Geheimgesellschaft die vielleicht solch innere Wissenschaften betrieben hatte, war wohl der 1776 von dem deutschen Philosophen Adam Weishaupt gegründete Orden der Illuminaten. Interessanterweise aber wird diesem Orden auch unterstellt, dass durch sein Wirken es überhaupt zur Französischen Revolution kam und dem darauf folgenden, in ganz Europa stattfindenden Kampf gegen die katholische Spiritualität. Wandte man da im geheimen Untergrund Jahrtausende altes esoterisches Wissen an, um damit ganz weltliche Veränderungen einzuleiten?

Fest steht, dass es mit diesen Revolutionen am Ende des 18. Jahrhunderts, zu einer Trennung von Offensichtlichem und Geheimem kam, von dem jedoch nur jene wussten, die schon einmal die »beiden Gesichter des Janus« gesehen hatten. Kaum verwunderlich wenn sich bereits zuvor, im Übergang ins 18. Jahrhundert, in Europa die ersten Logen der Freimaurer gründeten.

An der Oberfläche der neu entstehenden Staatengesellschaften kam es aber immer mehr zur Verhärtung eines Materialismus, was die Definition des Begriffs vom »Kapital«, durch den deutschen Philosophen Karl Marx, festigen sollte.

Auf Ebene des Bewusstseins aber entwickelten die Menschen eine wiederum neue Sicht auf die Dinge in der Welt, wurden sich, durch die allmählich gewonnene Fähigkeit zur Abstraktion, einer weiteren, der Vierten Dimension bewusst: Der Zeit. Was man als »Perspektivisches Denken« zuvor voraussetzen konnte, wandelte sich in der auf das Zeitalter der Aufklärung folgenden Moderne, in ein »Aperspektivisches Denken«. Da entstanden solch Künste, wie die durch den Spanier Pablo Picasso geprägte »Abstrakte Kunst« des 20. Jahrhunderts.

Leider aber ereigneten sich in diesem Jahrhundert auch die schlimmsten, durch Menschen verursachten Katastrophen aller Zeiten: Zwei verheerende Weltkriege, der Abwurf der Atombombe, sowie die vielen Völkermorde und der grausame Holocaust im nationalsozialistischen Deutschland.

Der schweizerische Psychologe Carl Gustav Jung schrieb sogar von einem Ende der christlichen Epoche, als Beginn eines Zeitalters des Antichristen:

Das antichristliche Zeitalter hat es an sich, dass in ihm der Geist zum Ungeist wird und dass der lebendig machende Archetypus allmählich im Rationalismus, Intellektualismus und Doktrinarismus untergeht, was folgerichtig zu einer Tragik der Moderne führt, welche, wie ein Damoklesschwert, greifbar über unseren Köpfen hängt.

– Aus C. G. Jung: Aion – Beiträge zur Symbolik des Selbst

Wird sich also der Menschen erst in der Gegenwart bewusst jener uralten Annahme – wie sie vor etwa 3.000 Jahren ein Zarathustra oder später die Gnosis definierte –, dass es kein Gutes gibt ohne dass es ein Böses zu korrumpieren versucht? Ist dann das Böse sogar noch viel gefährlicher, je weniger man es als solches auszumachen vermag? Wie auch sollte man es erkennen, wenn es sich in diesen, jenen und anderen »Ismus« hüllt, worin der moderne Mensch ja versucht, ein eigentlich lebendiges Wesen der Dinge, kategorisch einzupferchen.

Schnell erkennt man, dass das Stellen solcher Fragen äußerst heikel ist, ja es wahrscheinlich sogar sehr gefährlich ist, sie überhaupt zu stellen. Denn bekommt man es als Mensch zu tun mit diesen absoluten Gegensätzen von Gut und Böse, die sich, wie uns besonders die jüngere Geschichte zeigt, in solch unschuldige Begriffe kleiden wie »Wohlfahrt«, »Existenzsicherheit« oder »Friede unter den Völkern«, wird einem schnell gewahr, dass damit nicht nur die Welt politisch zerreißt, sondern sich immer häufiger auch das Herzen des einzelnen Menschen in zwei Hälften zu spalten scheint.

Chancen für eine Menschheit der Gegenwart

Bei alle dem jedoch, ist uns heute etwas gegeben, wozu unsere alten Vorfahren noch keinen Zugang hatten. Denn mit den Erkenntnissen über das Wesen der Dinge, die uns eben auch ein wissenschaftlicher Skeptizismus lieferte, besitzen wir damit heute eine bewertbare Gegenüberstellung zur reinen Annahme eines gläubigen Vermutens. Daher ist uns, in dieser gegenwärtigen Epoche, scheinbar möglich geworden, die eigene Fähigkeit zur Innenschau zu entwickeln, die jeder üben kann, ohne dabei das Äußere ausschließen zu müssen.

Durch die sich immer weiter klärende Transparenz, die sich zwischen dem Beginn der Neuzeit bis ins Zeitalter der Vernunft entwickelte, wodurch der Mensch das Wesen seines Bewusstseins immer näher zu erkennen vermochte, widersprachen sich darin auftauchende Bewusstseinselemente nicht mehr als »Ratio« oder »Iratio«, sondern es konnte eine »Aratio« entstehen. Das heißt, dass jedem von uns heute eine gewisse Arationalität, oder sagen wir »Unvernünftigkeit«, dabei behilflich sein kann, den wirklichen Grund unseres Daseins und unsere vielleicht verschütteten Fähigkeiten, durch ein tieferes Eindringen in die Welt des individuellen und kollektiven Unbewussten, als geborgenen Schatz ans Tageslicht unseres Bewusstseins zu befördern. Denn wir Menschen sind heute dazu fähig, das in unser Leben zu integrieren, was unsere Vorfahren an Fähigkeiten entwickelt hatten. Der deutsch-schweizerischer Philosoph Jean Gebser bezeichnete die gegenwärtige Menschheitsepoche darum als »Integrale Zeit«.

Räume der Stille

Aus dem Wunsch nach Geistesleere und innerer Stille, vermag ein Mensch in sich einen Raum zu erschaffen, woraus er bewusst – etwa durch Visualisierung – geistige Dinge in der Welt manifestieren kann. Nicht mehr nämlich ist sein geistiges Wirken allein auf die Dritte Dimension, auf eine reine Materialität beschränkt. Vielmehr kann er durch allmähliches Auflösung seines Ego, sein Bewusstsein regelrecht systematisieren, um damit kreativ handelnd, Dinge in der Raumzeit der Vierten Dimension zu erschaffen – ja sich in Zukunft darüber gar zu erheben –, etwas, worauf bereits vor über 2.000 Jahren der Christus Jesus hingewiesen hatte, in dem berühmten Gleichnis vom Senfkorn in Matthäus 17:20:

So ihr Glauben habt nur der Größe eines Senfkorns, so möget ihr sagen zu diesem Berge: Hebe dich von hinnen dorthin! So wird er sich heben und euch wird nichts unmöglich sein.

Sich eines solchen großen Glaubens an das Mögliche zu vergewissern, sollte heute gewiss zu einer Überzeugung werden. Warum? Da sich unsere moderne Weltgesellschaft, in Gegenwart einer Vierten Industriellen Revolution, wie sie das Weltwirtschaftsforum bewirbt, in immer schlimmere Krisen verfrachtet. Und es sprechen sehr viele Argumente dafür, dass, wenn wir so weitermachen wie bisher – jeder von uns –, wir unweigerlich in die Katastrophe schlittern.

Selbst aber wenn eine Wahrscheinlichkeit zur Besserung unserer Verhältnisse auf der Erde nur noch sehr gering wäre, sollten wir trotzdem alles dafür geben, Möglichkeiten zu finden, mit denen wir die Voraussetzungen schaffen für ein gesundes und nachhaltiges Zusammenleben auf unserer Erde.

So lange noch, in Fragen des Lebens, eine kleine Chance besteht, sagen wir von ein oder zwei Prozent, solange darf man nicht aufgeben. So lange muss man versuchen, die Katastrophe zu vermeiden. Wenn man mit dem Leben handelt ist es etwas anderes, als wenn man mit Geld handelt. Wenn man Geld investieren will und nur zwei Prozent Chancen hat dass es einem nicht verloren geht, dann wird nur ein Narr es investieren. Wenn ein Mensch schwer krank ist und nur zwei Prozent Chance ist, dass sein Leben gerettet werden kann, wird die Medizin mit allen Mitteln versuchen, um wegen dieser zwei Prozent, sein Leben zu retten, für das die Chance so gering ist. Und es geht bei den gesellschaftlichen Fragen um das Leben der Menschheit. Man muss also den Standpunkt einnehmen: Wenn die Chancen auch ganz gering sind, so lange man den Glauben haben kann, dass doch noch fast ein Wunder geschehen kann, so lange man nicht beweisen kann, dass es unmöglich ist […] so lange muss man jeden Versuch machen […] die Menschen aufzuwecken.

- Der Psychologe Erich Fromm in einem Interview aus dem Jahr 1977

 

Riten des Übergangs

Riten des Übergangs

Riten des Übergangs - ewigeweisheit.de

Geburtstagszeremonien, Namenstaufen, Zeremonien beim Eintritt in die Pubertät oder die Heirat, zählen zu den wichtigsten Übergangsriten. Doch auch die Brauchtümer der Bestattung gehören dazu, zumal der Tod doch gewiss die ultimativste Art jeglichen Übergangs bildet.

Immer geht es dabei auch darum etwas zu überwinden oder fallen- und zurückzulassen. Was in den alten Mysterienkulten dabei erfolgte, war ein Sterben des Mysten in seiner irdischen, sterblichen Natur während des Lebens, und das gleichzeitige Aufbauen eines sogenannten »Ewigkeitskörpers«, womit er endgültig und für immer alle Angst vor dem Tod verlor.

In dieser Art des Übergangs eines Menschen in einen neuen Lebensabschnitt, wo ihn, einen noch unbekannten Weg beschreitend, ein Mentor oder Schamane führt, beginnt ein besonderes Muster wirksam zu werden, das man den »Monomythos« nennt.

Dieses Wort stammt aus dem berühmten Buch »Finnegans Wake« des irischen Schriftstellers James Joyce (1882-1941), einem ganz außergewöhnlichen Werk der europäischen Literaturgeschichte.

Archetypische Quellen des Monomythos

Es geht in diesem Buch um eine Geschichte, deren Ursprung eigentlich in einer, wahrscheinlich irisch-amerikanischen Liederdichtung liegt, mit dem Titel »Finnegan's Wake« (deutsch: »Finnegans Totenwache«). Joyce entfernte aus diesem Titel jedoch den englischen Wesfall-Apostroph, was aus »Finnegan's« also eine Mehrzahl, nämlich »Finnegans« machte. Und diese Mehrzahl bezieht sich auf die Erscheinungen des Protagonisten Tim Finnegan, der da zuerst seine Rolle spielt als Lebender, dann als Verstorbener und zuletzt als ein von den Toten zu neuem Leben Auferwachter.

Tim Finnegan ist Hilfsarbeiter und ein schlimmer Trinker. Whiskey gilt ihm als das Wasser des Lebens (dabei ist »Whiskey« ja tatsächlich im Irisch-Gälischen, als »Uisce«, das Wort für »Leben«). Eines Morgens kommt er sturzbesoffen zur Arbeit, besteigt da eine Leiter, von der er wegen seiner Trunkenheit aber fällt und dabei zu Tode kommt – doch nur anscheinend.

Seine Freunde glauben aber er sei dabei verstorben und kommen, um seinen Leichnam abzuholen. Ihn wickeln sie ein in ein weißes Tuch. Die verborgene Symbolik der Farbe Weiß, spielt darin wohl an auf die irisch-keltische Heldengestalt »Fionn mac Cumhaill«, dessen Vorname »Fionn« eben »weiß« (oder »hell«) bedeutet und gewiss darin der Name »Finnegan« selbst mit anklingt. Das Leichentuch natürlich ist dem Brauch nach Teil der Totenwache, die seine Freunde nun für ihn abhalten. Sie entzünden da zu seinen Füßen vierzehn Kerzen und stellen oberhalb seines Kopfes ein Fass Schwarzbier hin.

Zu den Trauergästen zählen seine Frau, Verwandte und seine Freunde, die sich alle traurig vor seinem Leichnam verbeugen – aber nur der Form halber. Was nämlich in den Versen des ursprünglichen Trinkliedes unüberhörbar deutlich wird, ist, dass es sich bei dieser Trauerfeier um ein echt ausgelassenes Gelage handelt, wo sogar ein Streit ausbricht, der in eine Schlägerei mündet. Da zerbricht eine Flasche Whiskey und der Branntwein spritzt über Finnegans Leichnam, was ihn darauf wieder zu neuem Leben erweckt und er so von den Toten auferstehend schreit:

Do ye think I'm dead?

Seine heuchlerischen Freunde aber trauern weiter klagend um ihn, die ob ihrer Trunkenheit den eigenartigen Vorgang überhaupt nicht realisieren.

Macool, Macool, orra whyi deed ye diie? Of a trying thirstay mournin?

- Aus James Joyces »Finnegans Wake«

Joyces Buch ist voller Wortspielereien und Andeutungen, wo sich unzählige erfundene Wörter reihen, die sich nicht eins zu eins übersetzen lassen. Jener »Macool« aber, der hier beweint wird, spielt natürlich an auf den Namen des zuvor angedeuteten irischen Sagenhelden »Fionn mac Cumhaill«. Als sein Ebenbild ist da die Rede eben von Tim Finnegan, der wohl an einem Donnerstag seines Whiskey-Durstes (aus »thirst« und »thursday« macht Joyce »thristay«) wegen, morgens (englisch »morning«, hier von Joyce aber als »mournin« geschrieben, also eigentlich »mourning«: »zu klagen«) stirbt.

Doch wie in den Versen des ursprünglichen Liedes bereits mitschwingt, geht es da um die beschriebenen drei Phasen, in denen sich Tim Finnegan tot geglaubt, in einem halb-toten, schlafend-wachen, träumenden Zustand befindet: eine Anspielung auf das Unterbewusstsein des universalen Archetypus Mensch, dessen irdische Existenz sich immer in diesem Zyklus bewegt von Wachen, Schlafen und Erwachen, von Geburt, Tod und Wiedergeburt, von Leben, Leiden und Heil – von Loslösung, Initiation und Integration.

Auch in der irischen Sage um »Fionn mac Cumhaill«, kommt dieser Held ums Leben, doch auch er nur anscheinend. Schlafend nämlich träumt er im Schoße einer Höhle, die die sogenannten »Fianna« der keltischen Sagenwelt umkreisen – eine heimatlose Schar wütender Krieger. Sie ähneln durchaus den Streitsüchtigen auf Finnegans Totenwache.

Der Weg der Heldenreise

Da trat also ein vermeintlicher Held, der Außenseiter Tim Finnegan, eine eigentlich nicht gewollte Abenteuerreise an, doch das als Narr, der er in dieser, alltäglichen Welt noch war und da also auf die hohe Leiter stieg und abstürzte, doch sich dann als Wiedererwachter nicht länger zum Narren halten lässt.

Sehr wahrscheinlich inspirierte dieser von James Joyce so genannte »Monomythos« auch Joseph Campbell. Zusammen mit dem Schriftsteller Henry Morton Robinson nämlich, verfasste er eine Anleitung die beim Verständnis zu diesem Buch helfen sollte (»A Skeleton Key to Finnegans Wake«). Es ist daher naheliegend, dass Campbell mit auf Grundlage dessen, die siebzehn Schlüssel des von ihm beschriebenen Abenteuers des Heroen entwickelte, mit denen wir uns später noch näher befassen wollen.


 

Aus dem Diesseits begibt sich nun einer in die Ebenen überweltlichen, übernatürlichen Seins, wo alle Wunder, wo alle Dinge möglich sind (wie eben im Traum), ihm aber auch allerhand Gefahren auflauern und er sich scheinbar bösen Gegner ausgeliefert findet.

Doch er nimmt die Herausforderung auf sich und erzielt einen entscheidenden Sieg dort, wo es offenbar zuerst keinen Ausweg mehr zu geben schien. Von da an aber ist er gefeit, hat Furcht und Zorn verloren, ist wie von den Toten auferstanden, um zurückzukehren in die alte Welt aus der er aufbrach. Was er in diesem Abenteuer jedoch fand, ist vielleicht ein geheimer Schlüssel, ein Zaubertrank, ein Allheilmittel, der »Stein der Weisen«? Mit Sicherheit aber eine besonders gute Gabe, mit der er seine Zeitgenossen segnet, alle Trauer verscheucht und sie damit ganz fröhlich stimmt.

[…] ganz gleich ob in den riesigen, fast ozeanisch tiefen Bildsymbolen des Orients, in den lebhaften Erzählungen der alten Griechen oder in den majestätischen Bibel-Legenden: das Abenteuer des Helden folgt dem Muster jenes oben beschriebenem Kernthemas: eine Trennung von allem Weltlichen, ein Vorstoß zu einer besonders gearteten Macht und die Rückkehr von dort in ein besseres Leben.

- Aus Joseph Campbells »Der Heros in Tausend Gestalten«

Es ist egal ob wir nach der Gestalt des Monomythos im Orient oder im Okzident suchen, denn wie es scheint lassen sich seine Motive überall finden – sei es in der Geschichte des Siddhartha Gautama, der als Buddha zurückkehrte und seinen Mitmenschen »den Weg« lehrte, oder der Prophet Moses des biblischen Exodus (dem Auszug aus Ägypten ins gelobte Land), der im Namen Gottes seinem Volk die Gesetzestafeln vom Sinai überbrachte: immer geht es um den Abschluss von etwas Gewesenem, eine in Aussicht-Stellung neuer Lebenschancen, die jedoch ein Entsterben der alten Welt voraussetzen.


 

Um das eigentlich Wesentliche des Seins zu gewinnen und dabei den wahren Grund des eigenen Daseins zu finden, muss sich ein Mensch von bisher Gelebtem lösen.

Ziel also sollte sein diesen Grund für das eigene Leben zu suchen, zu finden und zu entlarven. Nur was sich dabei entpuppt, was sich uns darin mitzuteilen versucht, das bringt uns in einen neuen, höheren Kreislauf, worin wir ganz wesentlich leben, unserem wahren Selbst entsprechend. Die Puppe, die Maske, die »Persona«, wie die alten Griechen sagten, fällt da ab und verliert ihre Relevanz. Was bleibt sind wir – die wir geworden sind, was wir wirklich sind.

Der Nabel der Welt: Born allen Lebens

Auf seiner Reise hindern den Helden manchmal scheinbar unüberwindbare Barrieren. Und es gibt keinen Ausweg. Er muss diese Barrieren überwinden, muss sich Konfrontationen stellen, Grenzen durchbrechen, muss kämpfen um seine äußeren Feinde zu überwinden – doch auch seine inneren, oft noch größeren Feinde.

Sobald aber der Held sein Abenteuer bestanden hat, da er unbeirrbar an dem Ziel festhielt den Weg auch zu Ende zu gehen: Da eröffnet sich eine universale Lebensquelle, deren Strom sich ergießt, in ihn und in die Welt von der er ein Teil ist.

Über diesen Strom des Lebens erfahren wir in verschiedenen Legenden der Menschheitsgeschichte. Sein vitalisierender Fluss entströmt einer verborgenen Quelle, deren heilige Wasser den symbolischen Mittelpunkt des Universums umfließen.

Unter diesem Mittelpunkt, dem Nabel der Welt, dort ruht der Kopf der kosmischen Schlange Kundalini, aus dem die lebendigen Wasser ewigen Lebens hervorquellen, wie jene vier strömenden Flüsse im Garten Eden. Hieraus wächst immer ein heiliger Baum, der mal erscheint als Irminsul der germanischen Mythologie, mal als Lebensbaum des biblischen Paradieses oder ein andermal als der Boddhi-Baum des Buddha.

Im Monomythos aber bildet der Held selbst diesen Pol. Als wandernde Leitfigur bewegt er sich durch den Raum und so durch die Zeit. Mal gab man ihm den Namen Attis, mal Herkules, mal Wotan, mal Buddha, ein andermal wurde er zum Christus Jesus. Immer ist der Held auf seiner Reise aber Angelpunkt des Weltgeschehens und ein Symbol für ein Erhalten des Weltganzen, ein Sinnbild für die Lebendigkeit in allem Sein.

Seine Aufgabe besteht darin sich auf dem Weg durch die Stationen des Heldenzyklus, selbst auf diesen Weltennabel hin auszurichten, um in sich dabei die lebenserneuernden Kräfte zu sammeln und damit wachzurufen, die ihm von dorther zuströmen.

Es wird dieser Nabel der Welt manchmal auch gleichgesetzt mit einem der universalen Weltenberge, auf dessen leuchtendem Gipfel die Götter wohnen (Olympos, Jerusalemer Tempelberg), deren Häuser darauf aus kostbaren Edelsteinen erbaut wurden. Inmitten dessen wölbt sich die Kuppel des Heiligen Tempels, dessen Säulen auf den vier Weltecken fußen. Über dieser Kuppel breiten sich die himmlischen Sphären aus, und in ihrer Mitte befindet sich, in Form einer Krone nach oben hin geöffnet, das, was man Himmels- oder Sonnenpforte nennt.

Durch diese Öffnung entweicht der Rauch der sakralen Gaben, der von den Nabelpunkten der Welt aus gen Himmel aufsteigt – mal vom Tempel des griechischen Delphi oder wo anders auf dem Tempelberg zu Jerusalem.

Auf dem Jerusalemer Berg Moriah stieg solch heiliger Rauch aus dem Opferfeuer in den Himmel, zum weltlichen Mittelpunkt empor. Es brannte auf dem Hofaltar des Salomonischen Tempels. Dieser Altar bildete da die symbolische Radnabe einer Weltachse, an deren anderem Ende sich das himmlische Weltenrad dreht.

Was den Juden in ihrem Tempel zu Jerusalem als Weltennabel galt, galt den Christen die erste Kirche in Rom oder den Muslimen die Kaaba in Mekka. Besonders in Richtung jenes heiligen Zentrums des Islam, verbeugen sich ja die Gläubigen an allen Orten der Erde, fünfmal am Tag. Hiermit bilden sie zwischen sich und der Kaaba, die beiden Enden der Speichen eines sich im Tageslauf der Sonne drehenden, gigantischen Weltenrades.

Der Herd des Hauses ist wie im Tempelaltar, die Nabe des Erdenrades, der universale Mutterschoß, dessen Feuer als Feuer des Lebens brennt. Und die Öffnung am Dachfirst der Hütte – oder auch die Krone, die Zinne oder Spitze des Doms – ist die Nabe oder der Mittelpunkt des Himmels: die Sonnentür, durch die die Seelen aus der Zeit in die Ewigkeit eingehen, und durch die auch der wohlriechende Rauch der Opfergaben zieht, die im Feuer des Lebens verbrannt und auf der Achse des steigenden Rauchs, von der Nabe des Erdenrades zum Nexus des Himmelsrades getragen werden.

So gefüllt, ist die Sonne die Speiseschale Gottes, ein unerschöpflicher Gral, den Opfersubstanz überquillt, dessen Fleisch wahrhaftig Speise und dessen Blut wahrhaftig Trank ist.

- Aus Joseph Campbells »Der Heros in Tausend Gestalten«

Natürlich spielen diese Sätze Campbells an auf das Opfer von Brot und Wein des letzten Abendmahls, dass der Christus inmitten des Kreises seiner zwölf Apostel, selbst als Nabel der Welt, ihnen zu kosten gibt, damit sie durch ihn das ewige Leben haben.

Wenn ihr nicht esst das Fleisch des Menschensohns und trinkt sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben

- Johannes 6:53f

Der Monomythos

von S. Levent Oezkan

Reise des Helden - ewigeweisheit.de

Ganz gleich ob wir uns nach Westen oder Osten blickend, mit den Märchen und Mythen der Völker befassen: Sie alle vermögen uns zu faszinieren. Es ist als ob wir darin eine Geschichte von der Reise eines Helden wiedererkannten, die etwas in uns Veranlagtes anklingen lässt, nur jedes Mal in anderer Form.

Es sind darunter jene Legenden und Sagen, die man sich schon vor Jahrtausenden erzählte, doch deren Inspirationskraft seit eh und je die selbe bleibt. Wohl kaum ein Zufall das Mythen entstanden, um sich dereinst in den Kulturen der Menschheit auszubreiten – wodurch Bräuche ebenso entstanden, wie selbst die Riten unserer heutigen Religionen.

Man findet darin Symbole, die keineswegs nur etwas sind das sich Menschen nur ausdachten. Eher entstanden sie als spontane Geistesergüsse, aus den tiefen Schichten des kollektiven Unbewussten. Dennoch kann es verwundern, dass diese mythischen Erzählungen sich ähneln, trotz der so großen kulturellen Unterschiede der Völker unseres Planten. Wie kann das sein?

Zuerst einmal lässt sich feststellen, dass all diese Legenden und Mythen ganz und gar zeitlos sind. Selbst wenn man sie schon vor tausend Jahren erzählte, vermögen sie auch heute noch einen Zuhörer oder Leser zu faszinieren. Es scheint damit also, als basierten sie auf einer gewissen Logik, durch die, wenn scheinbar auch unergründlich, sich offenbar auch unsere Träumen bewegen.

Viele dieser Symbole die uns im Schlaf als Bilder erscheinen, tauchen ebenso auf in den Legenden unserer Kultur. Die moderne Psychologie spricht da von den »Archetypen«, Urformen die aus den Tiefen unserer Seelenwelt aufsteigen, um sich dabei unserem Traumbewusstsein zu zeigen.

Alle möglichen Arten von Bildern und Symbolen scheinen in unserem Unterbewusstsein darauf zu warten, durch emotional affektierte Schübe, von dort aus, durch unsere Träume zum Vorschein zu kommen. Mal sind es seltsame Wesen, ein andermal auch Gefahren oder Täuschungen, mit denen der Träumende da vielleicht konfrontiert wird.

Was im Schlafbewusstsein wie von selbst eine Realität erzeugt, aus den selben Quellen speisen sich Mythen, die uns mal jemand erzählte oder die wir wo lasen, vielleicht in einem Märchenbuch.

Der amerikanische Mythenforscher Joseph Campbell (1904-1987) schreibt in seinem Buch »Der Heros in tausend Gestalten« auch über die verblüffenden Ähnlichkeiten von Traum- und Mythenwelt.

In alten indigenen Übergangsriten, wo Jungen oder Mädchen in der Pubertät, in die Gemeinschaft und ihre geheimen Überlieferungen eingeweiht werden, findet man Symbole die durchaus Traumcharakter aufweisen.

Beim Stamm der Murngin-Aborigines Australiens weiht man die Jungen ein, in einem, für unser westliches Verständnis vielleicht, recht schaurigen Initiationserlebnis:

Wenn ein kleiner Junge des Murgin-Stammes beschnitten wird, erzählen ihm sein Vater und die männlichen Stammes-Ältesten: »Die große Vaterschlange wittert deine Vorhaut; sie ist ganz darauf aus.« Die Jungen glauben, dass das auch tatsächlich wahr ist und bekommen furchtbare Angst. Meistens flüchten sie sich dann zu ihrer Mutter, ihrer Großmutter oder einer anderen Frau ihres Vertrauens, denn sie wissen dass sich die Männer zusammengetan haben, sie auf ihrem Versammlungsplatz der großen, fauchenden Schlange auszuliefern. Die Frauen aber stimmen sich auf das Ereignis dann wohl selbst zeremoniell ein und fangen an um die Jungen zu jammern; so soll die Schlange davon abgehalten werden die Kleinen zu verschlingen.

Es gibt da eine interessante Parallele zur Schilderung dieses Initiationserlebnisses, in dem Buch »Wandlungen und Symbole der Libido« des schweizerischen Psychologen C. G. Jung, wo ihm ein Patient ein Traumerlebnis schildert:

»Eine Schlange schießt aus einer feuchten Höhlung hervor und beißt den Träumer in die Genitalgegend.« Dieser Traum fand statt in dem Moment, wo sich der Patient von der Richtigkeit der Analyse überzeugte und anfing, sich aus dem Banne seines Mutterkomplexes zu befreien.

Man kann durchaus davon ausgehen, dass die Symbole in den beiden hier geschilderten Erlebnissen, auf die eigentliche Wichtigkeit einer Loslösung hindeuten, im Übergang aus der Pubertät ins Erwachsenenalter. Was also einst der Mystagoge war, jener Mysterienpriester oder auch Schamane, diese Rolle sollte in der modernen Welt dereinst ein Psychotherapeut übernehmen.

Aus Sicht der therapeutische Psychologie entstehen viele Neurosen, da ein Betroffener jenen Übergang ins Erwachsensein eben noch nicht vollzogen hat, da er sich bislang weigerte solcher oder ähnlicher Art spirituelle, wirksame Hilfe in Anspruch zu nehmen.

An der eigentlichen Aufgabe, dem sehenden, träumenden Menschen die Bedeutungen seiner Erfahrungen zu verkünden, hat sich nur insofern etwas geändert, als dass das kulturell entsprechend Zeitgemäße, heute ein anderes ist.

Seit alter Zeit aber ging es darum, wie auch heute etwa in einer Psychotherapie, einem Menschen auf seinem Weg durch das Leben, Möglichkeiten zu zeigen. Abgesehen davon, wie die auf diesem Weg zu überschreitenden Schwellen aufgebaut sein mögen, geht es darum eine Transformation nicht nur im bewusst erlebten Wachbewusstsein zu vollziehen, sondern auch in den tiefen Schichten des Unterbewusstseins.

 

Weiterlesen >>

Weiterlesen ...