Uhr

Die Technisierung unserer Zeit

von S. Levent Oezkan

Nachdem im 2. Jahrhundert vorchristlicher Zeit, das erste mechanische Astrolabium entwickelt wurde, um damit die Gestirnbewegungen voraussagen zu können, war kaum abzusehen wozu sich daraus gewonnene Erkenntnisse dereinst entwickeln sollten.

Wie auch? Allenfalls führte man die Gedanken seiner Erfinder weiter oder knüpfte daran an. Es ist hier die Rede vom Mechanismus von Antikythera, der mit Hilfe eines ausgeklügelten Zahnrad-Systems auf besonderen Anzeigetafeln abgelesen, astrologische Konstellationen vorhersagen ließ.

Dieses originelle Instrument könnte man heute als den ersten analogen Computer bezeichnen, der den Stand von Sonne, Mond und der fünf Planeten (Saturn, Jupiter, Mars, Venus und Merkur) genau vorauszuberechnen vermochte, mitsamt einer Anzeige für künftige Sonnen- und Mondfinsternisse.

Diese Erfindung, die sehr wahrscheinlich auf den griechischen Mathematiker Archimedes von Syrakus (287-212 v. Chr.) zurückgeht, wurde, wie es ausieht einige Zeit nach seinem Tod, in ihrer Funktionsweise wahrscheinlich soweit optimiert, dass jemand daraus bestimmbare Messergebnisse auch anderweitig verwenden konnte, um sich den realen Abläufen anzunähern, in dem uns umgebenden Sternensystem.

Schaut man zurück auf die vergangenen 2.300 Jahre seit dieser Zeit, so sollten solche und andere Erfindungen zur Beobachtung makrokosmischer Kreisläufe, nicht nur eine bessere Einschätzung der Zyklen ferner Himmelsobjekte bieten, sondern derartige technische Behelfsmittel den Forscherdrang insoweit befeuern, als dass man sich vermehrt auch für das interessierte, was der Mensch an wichtigen Ereignissen in seiner näheren Umgebung beobachten konnte.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts entwickelte man in Italien und in den Niederlanden die ersten Teleskope und Mikroskope. Das führte zur Entwicklung weiterer, verbesserter technischer Instrumente, deren Resultate dem Menschen dereinst nicht nur näher kommen sollten, sondern heute gar in sein Inneres zu drängen scheinen.

Falsch aber wäre zu meinen, dass sich solch Entwicklung hätte verhindern lassen. Das Streben des Menschen nach Erkenntnis ist eben so alt wie die Menschheit selbst. Ganze Bibliotheken füllen Bände, die auf unzähligen Buchseiten fragen, was zu dem unersättlichen Entdeckergeist des Menschen führte. Dabei begann alles aus dem einfachen Wunsch heraus, im Einklang mit den Bewegungen der Himmelslichter zu leben, die man ja in der Antike als Verkörperungen der Götter verehrte.

Die Gestirne als Paradigma der Zeit

Besonders unser Zentralgestirn Sonne, doch auch der Mond, geben dem Menschen ein natürliches Zeitmaß, an dem er sein Handeln den irdischen Kreisläufen anzugleichen vermag – auch heute. Wer aber bereits in alter Zeit wusste, wie es sich mit den Jahrezeiten verhält, der konnte auch entsprechend planen, und dabei die Zeitpunkte für die Aussaat, Reifedauer und das Datum für den Beginn der Erntezeit genau ermitteln. Das war über Jahrtausende hinweg die Grundlage sesshaft gewordener Volksgemeinschaften, wie etwa jene des ägyptischen Nildelta.

Natürlich sollte auch der Mensch in seinem ganzen Dasein auf die solaren Zyklen eingestimmt, besondere Regungen empfinden (Frühling) oder eben andererseits den Wunsch zu innerer Einkehr (Herbst) in sich spüren. Und da solche Stimmungslagen in alter Zeit, wo die Menschen noch mehr in der Gemeinschaft gegenseitigen Austauschs lebten, entsprechend tätig einem starken Miteinander dienten, kam es irgendwann auch zur Einrichtung traditioneller Festivitäten, die man, auf diese Kreisläufe der Gestirne symbolisch abgestimmt, zusammen feierte. Das war die Geburt des Religiösen. Wobei ja seinem Ursprung nach, das Wort »Religion«, auf ein Beachten dieser kosmischen Zyklen wert legt, die ja, wie gesagt, im Leben der Menschen entsprechende Temperamente in Gang setzen - vielleicht je nach Sonnenstand in der Welt des Grobstofflichen (Klimaunterschiede der Jahreszeiten) und je nach Mondphase (Gezeitenwirkung) im Bereich des Feinstofflichen.

Also begann man gemeinsam bestimmte Jahresfeste zu feiern, die durch die Priesterschaft festgelegt wurde und sich dafür, entsprechend ihrer Zeitepoche, besonderer Messmethoden bediente. Zuerst maß man mittels bestimmter Beobachtungstechniken, die, wie eingangs erwähnt, dann automatisch funktionierende Mechaniken ergänzen sollten, bis man sich schließlich einfach nur noch darauf verließ, selbst ohne die dahinter stehende Funktionsweise näher zu verstehen.

Eine kurze Geschichte der Uhr

Damit einher ging wohl auch eine Verallgemeinerung des Natürlichen, die vermehrt zur Abstraktion makrokosmischer Prinzipien führte. Man überließ die Vorhersage zunehmend dem Glockenschlag, der von einem besonderen Räderwerk automatisch ausgelöst, die Zeitpunkt für die rituellen Handlungen markierte. In den Klöstern wusste man sich genau danach zu richten und verzichtete über Jahrhunderte hinweg anscheinend sogar auf die direkte Beobachtung des Sonnenstands. Vielmehr fanden sich die Betenden zu so bestimmten Zeitpunkten zusammen.

Später kamen die Ziffernblätter, auf die man blicken konnte, um sich auf dieses Ereignis (Glockenschlag) und den Ruf zum Gebet, entsprechend vorbereiten zu können. Was einst die Uhren in den Gebetskammern waren, sollten später dann in den Klostergemäuern, die für alle sichtbare Uhren werden.

Hieraus wiederum kam es zur Anbringung von Uhren an Kirchtürmen, wo ein Glockenschlag nicht nur eine Mönchsgemeinde an die Gebetszeiten erinnerte, sondern dieser auch dem Volk ertönte, um den Blick auf das Ziffernblatt am Turm des Gotteshauses zu lenken.

Im Jahre 1510 fertigte der Nürnberger Uhrmacher Peter Henlein (1479-1542) bereits transportable Tischuhren hoher Qualität.

Spätestens Ende des 18. Jahrhunderts dann, hörte man Uhren in vielen Wohnzimmern ticken.

In der Moderne begannen Menschen damit, wie jeder weiß, Uhren an ihre Handgelenke zu gürten, so dass sie, ganz gleich wo, immer die Zeit parat hatten.

Aus dieser Selbstverständlichkeit heraus, begann dann im Menschen auch allmählich eine innere Uhr mitzulaufen, die seine Sicht auf die Welt, aus dieser entsprechend gemessenen Zeit, von einem zyklischen und sich erneuernden Denken, wohl in ein lineares Zeitempfinden verändern sollte, was vielleicht auch zu einer zunehmenden Unterteilung seiner Geistesaktivität führte. Der Blick auf die Uhr und die daran, vor allen Dingen gemessene Zeit, sollten ein Bewusstsein für die zyklische Weiterentwicklung des menschlichen Geistes mehr und mehr erübrigen. Die senkrechte Entwicklung zu spiritueller Vollkommenheit, schien damit rissig zu werden. Es kam zu einer mehr horizontalen Wahrnehmung, die sich immer mehr an Maßstäben orientierte, um damit allmählich zu verflachen.

Weckruf und Zapfenstreich

Für die aus der Zeitmessung präzisierten Zahnradtechniken, waren die Voraussetzungen geschaffen, diese schließlich auch im produzierenden Gewerbe zu verwenden, spätestens aber mit der Erfindung der Dampfmaschine und der durch James Watt (1736-1819) verbesserten Funktionsweise der selben.

Dies führte zu einer regelrechten Umwälzung im gesellschaftlichen Leben Europas und zu einem wohl auch ganz neuen Denken, da sich daraus ja plötzlich eine Autarkie ergab, die sich aus traditionelleren Gefügen zu lösen vermochte, die bis Ende des 18. Jahrhunderts überwiegend europäische Monarchen gehegt hatten.

War das aber vielleicht nur eine scheinbar zeitweilige Befreiung, aus den auferlegten Zwängen durch Alleinherrschende, in eine dereinst noch viel drastischere Einschränkung der Freiheit?

Mit der Amerikanischen Revolution von 1776 und der sich um das letzte Quartal des selben Jahrhuderts ebenfalls ereignenden Französischen Revolution, ab 1789, begann nur wenige Jahre früher, ab 1760, das, was man heute als die Industrielle Revolution bezeichnet. Manche Verschwörungtheorien sehen diese Jahreszahlen gerne im Zusammenhang mit der Gründung des Ordens der Illuminaten im Jahr 1776, dem Jahr in dem auch zum ersten Mal die von James Watt vebesserte Dampfmaschine in Betrieb genommen wurde (und zwar im Werk des britischen Erfinders John Wilkinson, der 1774 sein Verfahren zum Gießen und Ausbohren eiserner Kanonen patentieren ließ, das kurz darauf auf das Bohren von Maschinenzylindern übertragen wurde).

Was seit dem Ende des 18. Jahrhunderts immer mehr ins Zentrum menschlichen Bewusstseins rückte, war also die Maschine und ihre prozessartigen Abläufe. Alles Zyklische erledigten anscheinend von da an, sich hinter Stahlwänden drehende Zahnräder, deren Zeichen im Außen dem Menschen aber ein lineares Zeitempfinden suggerierten, ja viel zu oft wohl aufdrängten. So wurde auch das eigene Leben vielleicht nicht mehr als zyklische Fortentwicklung eines schrittweisen Aufstiegs empfunden, sondern als eine linear und auf symbolischer Waagerechten abmessbare, metrische und endliche Zeit. Dabei schien immer mehr Menschen die Fähigkeit abhanden gekommen zu sein, sich auf innere Zyklen einzulassen und man empfand wohl auch den Körper als Maschine, wo, wenn auch keine Stahlwand das verdeckte, was im Inneren vor sich ging.

Interessant dabei aber ist, dass man die Handhabung des Inneren, mehr und mehr an besondere Fachleute abzugeben bereit war. Und so sollten allmählich auch medizinische Gerätschaften in den menschlichen Körper Einzug nehmen, wie eben schon seit Längerem solch Technologien wie die eines Herzschrittmachers, der natürlich, keine Frage, seinen wertvollen Zweck erfüllt.

Wie es sich jedoch mit einer daraus erwachsenen Mentalität unseres Menschseins verhält, kann noch gar keiner sagen, zumal solch physiologisch-unterstützende Technologien gerade einmal etwas mehr als 60 Jahre alt sind.

Bei alle dem aber scheint sich schon länger eine Tendenz zu entwickeln, den Menschen sogar, ohne direkte Krankheitssymptome, »optimieren« zu wollen, im Sinne einer materiellen Aufwertung seines körperlichen Daseins. Jene sogenannten »Transhumanisten« glauben, der Geist ließe sich dann auch aus dem Körper extrahieren und als eigenständiges Laufwerk, auf kristalline Silicium-Einheiten übertragen, worin eingeschlossen er den menschlichen Körper überleben soll.

Doch wie war das gleich, mit diesem, an sich schon unsterblichen Teil im Menschen, der den fleischlichen Körper annahm und als ewig ungreifbare Ursache, die Wurzeln unserer gesamten Zivilisation bildete?

 

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Ruhe finden, bewahren und aus der Ruhe heraus handeln

Ruhe finden, bewahren und aus der Ruhe heraus handeln

Verstehen - durch Stille. Wirken - aus Stille. Gewinnen - in Stille.

- Dag Hammarskjöld

Rembrandt: Philosoph in Meditation

Pausen sind in allen spirituellen Traditionen von Bedeutung: sei es im Islam, im Christentum, im Judentum, sei es in den Traditionen des fernen Orients. Immer wieder treffen wir auf dieses Thema, wenn wir uns mit den Heiligen Schriften der Religionen in West und Ost beschäftigen.

Eine verordnete Auszeit, die auch bei uns erhalten geblieben ist – zumindest in Deutschland – ist Sonntag: Tag der Ruhe, an dem normalerweise alle Geschäfte geschlossen sind und wo ein zeitlicher Freiraum gegeben ist, der dem Menschen ermöglicht sich zurückzuziehen, um zur Ruhe zu kommen.

Nur wäre das zu schön um wahr zu sein. Solche Phasen der Auszeit werden heutzutage nämlich von vielen Menschen unbedingt mit allerlei Tätigkeiten angefüllt, was ja eigentlich auch in Ordnung wäre, erfolgte es nicht in der Mentalität einer besonderen Nützlichkeit, wegen der jede freie Stunde im Leben »sinnvoll eingesetzt« werden muss.

Für diese wichtige, wöchentliche Pause im Laufe der Lebenszeit steht der Sonntag in der Religion der Christen, der Schabbat jüdischer Gläubiger (Samstag) und der Dschumma (Freitag) der Muslime. Dieser heilige siebente Tag geht zurück auf die Schöpfungsgeschichte am Anfang des zweiten Kapitels im Buch Genesis, wo »Gott der Herr« an diesem Tag ruhte, um zufrieden sein Werk zu betrachten.

[...] er ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk gemacht hatte. Und Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk erschaffen hatte.

- Genesis 2:2f

Wäre es nicht angebracht auch auf unser wöchentliches Werk zurückzublicken, vor unserem inneren Auge noch einmal all das, was wir erreichten, vorüberziehen zu lassen, um überhaupt zu erkennen, was wirklich wichtig ist von alle dem, das in kommender Zeit ansteht?

Fasten heißt beobachten

Auch der Verzicht auf das, was alltäglich verwendet oder eingenommen wird, ist zum Beispiel in den Religionen des Westens ein wichtiger Bestandteil. Im christlichen Glauben ist das die Fastenzeit (etwa zwischen Karneval und Ostern) oder der heilige Fastenmonat Ramadan der Muslime. Man entsagt bewusst allem Alltäglichen, zumindest aber schränkt man sich darin ein. Der Fastenmonat Ramadan fordert von seinen Gläubigen in dieser Zeit, zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, sowohl auf Essen, Trinken, sowie auf alle intimen Genüsse zu verzichten.

Es scheinen aber immer weniger Menschen sich auf so etwas einzulassen, da sie entweder nicht darüber in Kenntnis versetzt wurden oder dieses, auf die Gestirne abgestimmte spirituelle Regelwerk, schlicht als unwichtig abwinken. Und in dieser Mentalität scheint auch das Gebot der Sonntagsruhe viel zu oft ignoriert zu werden.

Was unser Leben jedoch, in einer zunehmend komplexen Welt, aus dem Lot zu bringen vermag, sollten wir, bewusst lebend, versuchen zu reduzieren. Dies könnte ja ein, nennen wir es einmal, »vorsätzliches Nichtstun« sein. Und solcher Art erzwungener Müßiggang kann sich sowohl einmal die Woche wiederholen, ja vielleicht aber, je nach persönlicher Biografie, sogar über eine längere Phase erstrecken – wie etwa auf einem Pilgerweg.

Nachdem der brasilianische Schriftsteller Paolo Coelho im Jahr 1987 das Buch über seine Pilgerreise auf dem Jakobsweg veröffentlichte, folgten viele andere Menschen diesem Weg nach, so dass in den vergangenen Jahren daraus mehr als eine Viertelmillion jährlicher Pilger wurden.

Wieso aber begibt sich jemand auf so eine lange Reise und dann auch noch zu Fuß?

Wie ich aus eigener Erfahrung weiß, da ich einige Jahre selbst Pilgerreisen veranstaltete (damals zum Mosesberg auf der ägyptischen Halbinsel Sinai), sind solche Wanderungen auf entlegenen Pfaden oder in der Wüste, heute oft die einzige Möglichkeit, wieder einmal zu sich selbst zu finden und damit wohl auch zu dem, was man im Westen mit dem Wort »Gott« bezeichnet, zumindest als Muslim, Christ oder Mensch jüdischen Glaubens. Auf so einer Pilgerreise schaffen es Menschen, sich eine Zeit lang der alltäglichen und heute so durchdigitalisierten, vernetzten Welt zu entziehen. So können sie sich als Mensch wieder empfinden lernen, um dabei zu sich finden, ihren wahren Wesenskern zu entschleiern.

Besonders geläufig sind uns so Begriffe wie Kontemplation und Selbstfindung allerdings auch, wenn sich einer darauf konzentriert, um durch besondere fernöstliche Meditationspraktiken bestimmte Bewusstseinszustände zu erzeugen, die sie oder ihn zu einem ähnlichen Ergebnis führen.

Bei alle dem aber geht es um die selbe Vorstellung eines Ideals vollkommener Muße, womit sich Räume erschaffen lassen, worin sich ein aus dem alltäglichen Denken gelöster Geist entfalten kann. Der chinesische Philosoph Lao-Tse schrieb dazu:

Aus Ton entstehen Töpfe, aber das Leere in ihnen wirkt das Wesen des Topfes

- 11. Spruch aus Lao-Tses Taote-King

Es ist eher die Leere von Bedeutung, mehr noch als das, worin sie gefasst ist. Denn was nützt einem ein Haus, in dem es keinen Platz gibt? Wie sollte sich die Erde und das Leben auf ihr bewegen, hindere sie da etwas auf ihrem Weg?

Alles Entfalten benötigt Raum, allem guten Werk geht eine Auszeit voraus, in der die dazu notwendigen Handlungen erdacht werden können. Doch auch aus Erdachtem kann nur etwas gedeihen, was sich in Ruhe konzentrieren ließ.

Es dürfte darum nicht überraschen, wenn Meditation  auch direkte spirituelle Erfahrung bewirkt. Genau darum ging es auch den christlichen Mystikern im Mittelalter. Man sah nur in der Erfahrung von Leere, dass da etwas ist, was dem Erfahren von Fülle einfach fehlt. Nicht zufällig zogen sich jene berühmten Geistlichen, wie etwa Meister Eckhart oder Hildegard von Bingen, in die Einsamkeit zurück, in die Stille eines Klosters, um diesem Erfahren in der Leere nachzuspüren. Hieraus empfingen sie das, was sie später dann mit ihren Mitmenschen, zu deren Wohle, teilen sollten. Auch der Buddha zog sich zurück, um unter jenem, sogenannten Baum der Weisheit (Bodhi-Baum) sieben Tage und Nächte zu meditieren, um danach schließlich in vollem Bewusstsein zu erwachen.

Heiliges Nichtstun

Zwischen Muße und Müßiggang jedoch verläuft immer ein schmaler Grat. Denn es geht keineswegs darum, sich aller Verantwortungen im Leben zu entziehen. Eher ist das Ziel, sich jene Zeiten der Muße tatsächlich frei zu halten, sie zuerst auszuloten, später aber sogar daraus besondere Erfahrungen zu schöpfen, die einem höheren Zweck dienen. Siddhartha Gautama – der Buddha – verkörpert diese Vorbildfunktion. Auch der Prophet Mohammed zog sich ebenso zurück, wie Jesus der Christus.

In unserer heutigen, bisherigen Welt der Ökonomen, ist das aber scheinbar unangebracht, wo man stets versucht Zeit in Geld zu verdichten. Ein Workaholic ist da wohl anerkannter als ein sogenannter Faulpelz. Da stellt sich jedoch einem die Frage, wie einer von dem ständig jemand anderes etwas will, selbst Ruhe finden soll, um sich auf seine nächsten Handlungen einzustimmen? Oder weiß man schon gar nicht mehr, wie man mit bewusstem Nichtstun umgehen soll, ja ob so etwas überhaupt angebracht wäre? Und vor allen Dingen: Was will man im Leben eigentlich erreichen, wenn man kaum Zeit dafür findet, jener Selbstentfaltung den nötigen Freiraum zu geben?

Fest steht, dass kein Werk als solches zum Abschluss gebracht werden kann, wenn der Weg dorthin nicht in Abschnitte, die dafür aufgewendete Zeit, nicht durch Pausen dazwischen, die damit verbundene Arbeit aufteilte. Es braucht einen zeitlichen Zwischenraum, um zu erkennen was war und was als Nächstes an der Reihe ist. Ein »Dazwischen« ist nicht nur nütlich, sondern durchaus ökonomisch.

Was also, man verbrächte damit das, was einem vielleicht als Zwangspause auferlegt wurde, tatsächlich als Chance zu erkennen? Im Leben vieler Menschen haben sich Ungleichgewichte eingeschlichen, die sie wissen angehen zu müssen. Nie aber fanden sie die Zeit dazu oder versuchten diese mächtigen Faktoren einfach dadurch zu ignorieren, indem sie sich von vermeintlich Wichtigerem vereinnahmen ließen und sei es das abendliche Schauen in den Fernseher.

Natürliche Kreisläufe – Rückzug in die Natur

Bevor die Räderwerke und Maschinen in unserer Kultur wichtig wurden, waren es immer die natürlichen Lichtzyklen im Kosmos, die unser Zeitempfinden prägten. Man handelte entsprechend der täglichen, monatlichen und jährlichen Sonnenbewegungen, in Zusammenhang mit jenen Zyklen des Mondes. Hieraus entstand erst später das, was man als die zwölf Monate kennt. Sie sollten dereinst wohl auch die Zeiträume dessen bestimmen, was sich übertragen sollte, in ein jeweils morgendliches und ein abendliches Zwölfstundenmaß des Tages.

Als Ende des 18. Jahrhunderts aber die Industrielle Revolution den Menschen aus seiner eigentlich naturbezogenen Kultur immer mehr entfremdete, wurde dieses kosmische Bewusstsein für solare und lunare Kreisläufe, vom Fortschrittsdenken, immer weiter in den Hintergrund gedrängt. Und dieses Denken ist bis heute zum bestimmenden Maß unserer Weltkultur geworden. Sonnen- und Mondphasen als Zeitmaße wurden durch Uhren abgelöst, die zuerst nur im Außen auf Kirchtürmen zu sehen war, doch, im Laufe der Zeit, immer mehr in unser inneres Bewusstsein vordrangen und zu dem wurden, was wir die »Innere Uhr« nennen.

Was nun aber, wenn dieses, durch Uhren vorgegebene Maß, zunehmenden Druck auf uns ausübt, da jemand vorgegeben hat, wieviel tägliche, in Stunden messbare Arbeit üblich ist, ja sogar die gearbeitete Stunde den Wert des Menschseins zu bestimmen scheint?

Nicht nur arbeiten immer mehr Menschen an Bildschirmen, sondern verbringen, zumindest unter der Woche, auch am Abend noch Zeit vor der Fernseh-Mattscheibe – einmal abgesehen von all den Blicken auf das Smartphone in den Minuten dazwischen. In diesem Verhalten aber entfremden wir Menschen uns zunehmend aus unserem natürlichen Dasein, dass eben doch auf die kosmischen Vorgänge abgestimmt ist. Es ist eine Tatsache, dass unser Melatonin-Haushalt, der den Schlafrhythmus regelt, eigentlich der Blaulichtanteil des Sonnenlichts bestimmen sollte. Durch unsere willkürliche Lichtaufnahme blaulichtgeschwängerter LED-Beleuchtungen von Bildschirmen und auch Raumbeleuchtungen, bringt diesen natürlichen Rhythmus durcheinander. Wir leiden unter Schlafentzug, der neben unregelmäßigen Ruhephasen, einfach nur zu unserem Schaden mehr Stress erzeugt.

Darum wäre es durchaus angebracht, einen Tag in der Woche, zumindest für einige Stunden, uns einer endlosen Verwendung von Bildschirmen zu entziehen und eine Online-Pause einzulegen.

ewigeweisheit.de

Fazit: Frei-Zeit

Pause und Auszeit als Neuorientierung, ist heute durchaus angebracht. Der Wunsch sich ständig mit etwas zu beschäftigen, rührt wohl daher, dass die meisten Menschen ihre Gedanken nicht ertragen oder jeder Meditations- oder Achtsamkeitsübung den Schlaf vorziehen. Man bedudelt sich also entweder, oder versucht durch andere Mittel seine Geistestätigkeit zu unterdrücken: das können Sportlichkeitswahn ebenso sein, wie ein übermäßig, körperliches Liebesleben oder ein unverhältnismäßiger Konsum von Rauschmitteln.

Selbst die Ferien werden mit sogenannten Freizeitaktivitäten vollgestopft, statt das man jener, oben beschriebener Leere und Ruhephase, bewusst ihren benötigen Raum zugesteht. Nur da nämlich lassen sich neue Ideen entwickeln, die dem eigenen Wohlbefinden gut tun. Wer auch in seiner Freizeit unbedingt aktiv sein muss, bleibt Sklave einer Erwartungshaltung, die der selben Mentalität entstammt, wie das frühe Aufstehen am Montag um bis spät Abends zu arbeiten.

Wir sollten wieder lernen der Zeit beim Vergehen zuzusehen, statt die Zeit zu vergessen, indem wir sie regelrecht verfüttern, an immer neue Geschäftigkeiten. Unsere Zeit aber ist für so etwas viel zu wertvoll. Doch das ist in unserer »Beschäftigungskultur« leider in Vergessenheit geraten und fällt den meisten erst dann auf, wenn sie bereits ins Rentenalter eingetreten sind. Doch was um alles in der Welt fängt man dann noch an, mit der übrig gebliebenen Lebenszeit, wenn man jahrzehntelang auf Geschäftigkeit trainiert wurde? Kann man da nicht einfach mal aussteigen?

Es sind die Pausen die wirklich wertvoll sind und als entsprechend kostbar geschätzt werden sollten. Nur muss jemand, der zuvor versuchte seine Zeit ständig mit Betätigungen auszufüllen, erst einmal lernen, sich diese Freiräume zu schaffen und sie als solche auch wahrzunehmen. So jemand muss lernen Achtsamkeit zu entwickeln und dabei den wahrscheinlich anfänglich einbrechenden Gedankenstrom, mit immer mehr Leerräumen zu versetzen, so dass allmählich nur noch wertvolle Geistesbilder aus einem Meer innerer Ruhe beginnen aufzusteigen. Sie sind die Rufe denen wir folgen können, um unser Leben zuerst auf unsere Bestimmung hin auszurichten und damit allmählich auch unserer Umwelt das zu geben, was sie wirklich braucht.

Ist es denn nicht das, worauf es im Leben ankommt?