Vishnu

Kraft der heiligen Mantras

von S. Levent Oezkan

Om Tat Sat Mantra - ewigeweisheit.de

Ein spiritueller Trank für die durstige Seele: Das ist Japa-Yoga, wo man besondere Mantras wiederholt – entweder in Gedanken oder sprechend, als heilige Silbe, heiligen Namen oder heiligen Vers. Auf dem Weg zur Verwirklichung gleicht Japa einem geistigen Elixier, das den Übenden dem Göttlichen näher bringt.

Besonders in unserer heutigen Zeit, die sich, laut hinduistischer Kosmologie, im gegenwärtigen Kali-Yuga ereignet, dem »Zeitalter des Streites« (entsprechend »Eisernem Zeitalter« alt-griechischer Kosmologie), dient Japa-Yoga dem Übenden dabei aus sich selbst heraus Frieden zu finden.

An sich besteht Japa darin bestimmte Mantras zu wiederholen, die als »Nama«, dem Namen, und »Rupa«, dem heiligen Objekt unserer Vorstellung, untrennbar miteinander verbunden sind. Entsprechend sind Gedanke und Worte fest miteinander verbunden, wie ebenso Bilder im Geiste mit den konkreten Dingen unserer Welt.

Wann immer wir an den Namen denken, einer uns nahe stehenden Person, erscheint ihre Gestalt vor unserem geistigen Auge. Erscheint indessen dieser Mensch in unseren Gedanken, denken wir entsprechend an seinen Namen. Genauso ist es mit den heiligen Namen, die ein Yogi in seiner Japa-Praxis rezitiert (in Gedanken oder laut), wie etwa »Rama« (den göttlichen Namen der siebten Inkarnation Vishnus, des hinduistischer Gottes der Erhaltung der Welt) oder »Krishna« (der achten Inkarnation Vishnus, Wahrzeichen vervollkommneter göttlicher Hingabe).

Seit uralter Zeit des Alten Veda (Heilige Lehre der Hindus) standen die in den Mantras geheißenen göttlichen Namen für geistige Symbole höchster Göttlichkeit. Sie wurden den Weisen einst offenbart, in den innersten Lehren der göttlichen Gemeinschaft. Solche heiligen Symbole ermöglichen dem Japa-Yogi Zugang zu finden, zu den transzendentalen Bereichen absoluten Erfahrens. Dabei bildet Japa die exakte Wissenschaft spiritueller Praxis, in der sich jedes rezitierte Mantra aus den folgenden sechs Teilen zusammensetzt:

  1. Dem Rishi, das ist ein mystischer Weiser, der Selbstverwirklichung erlangte, da er derjenige war, dem ein besonderes Mantra zum ersten Mal offenbart wurde und durch den dieses Mantra entsprechend in die Welt kam.
  2. Chhandas bildet das Metrum eines Mantra, das den Tonfall der Stimme seines Sprechers vorgibt.
  3. Devata bildet die offenbarte Kraft, die in einem Mantra wirkt: Die dem Mantra vorsitzende Gottheit.
  4. Bija ist die Essenz eines Mantras und bildet dessen geistigen Keim. Das Bija stellt eine bedeutungsvolles Wort oder eine Reihe solcher Wörter dar, die einem Mantra seine besondere Kraft verleihen.
  5. Shakti ist die Energie die durch die Form (Schwingungsform, Klang) eines Mantras erzeugt wird und den Yogi zum Devata führt – zu seiner Schutzgottheit.
  6. Schließlich hat das Mantra einen Kilaka, dem Sanskrit-Wort für einen Stift oder Holzpfropfen. Symbolisch verschließt ein solcher, die in den Namen eines Mantra verborgene reine Essenz (Bija), die für das reine Bewusstsein eines spirituell Erwachten steht. Durch ständiges Wiederholen eines heiligen Namens, wird dieses darin liegende, verborgene reine Bewusstsein allmählich enthüllt.
  7. Der Chaitanya schließlich, bildet den zunächst verborgenen lebendigen Geist des Mantra. Sobald sich der »Stöpsel des Kilaka« durch ständige und anhaltende Wiederholung des Mantras allmählich löst, wird dieses verborgene Chaitanya enthüllt, so dass aus dem Übenden irgendwann ein Gottgeweihter wird, der da mit der Göttlichkeit (sanskr. »Ishtadevata«) zusammentrifft und die sich ihm hierbei zeigt (sanskr. »Darshana«).

Mantras: Klänge und Bilder

Klänge sind Schwingungen, die in der Luft eines Raumes bestimmte Formen bilden. Geht soch Klangform von einem rezitierten heiligen Namen aus, so glauben die Yogis, gestaltet sich dabei ein geheimnisvolles Schallgebilde, das die Kraft hat die Manifestation der Göttlichkeit herbeizuführen, sie darin quasi einzuladen.

Zitiert man demnach ein Mantra auf die richtige Weise (ein Mantra das einer bestimmten Gottheit zugeordnet ist), bilden die dabei erzeugten Schwingungen in höheren Ebenen des Bewusstseins für diesen Moment eine besondere Form, die eine Gottheit verkörpert. Durch Wiederholen des Panchakshara-Mantra – »Om Namah Shivaya« (deutsch: »Om Ehre dem Shiva«) – erzeugt ein Yogi damit also die Form des Gottes Shiva und mit »Om Namo Narayanaya« die Form des Gottes Vishnu.

Götter beten dass Vishnu sich auf Erden inkarnieren möge - ewigeweisheit.de

Die Götter beten, dass Vishnu sich auf Erden inkarnieren möge (Titelcover einer Mahabharata-Ausgabe von Ramanarayanadatta Astri).

Die Herrlichkeit der Göttlichen Namen

Von dem Gesagten ließe sich also schließen, dass ein gesungener oder bewusst rezitierter Name Gottes, eine tatsächlich fühlbare Wirkung zeigen kann. So wie es des Feuers natürliche Grundlage ist zu brennen, so birgt jeder göttliche Name die Kraft, einen Menschen, der sein Mantra singt, zu glückseliger Vereinigung mit der ihm entsprechenden göttlichen Herrlichkeit zu führen. Was dabei jedoch vor sich geht, ereignet sich jenseits allen intellektuellen Verstehens, jenseits aller Vernunft. Nur durch hingebungsvolles Üben als gläubiger Mensch, kann das heilige Wirken der göttlichen Namen letztendlich verwirklicht werden.

In jedem Wort steckt eine Shakti, eine spirituelle Kraft. Spricht einer über Negatives in Gegenwart eines Freundes, der gerade seine Mahlzeit einnimmt, so wird dieser das Ungute darin mitessen. Andererseits ist es ja so, dass wir, wenn wir an eine unserer Leibspeisen nur denken, uns bereits das Wasser im Munde zusammenläuft. Wenn darum die Namen der gewöhnlichen Dinge dieser Welt, eine solche Kraft in uns freizusetzen vermögen, welch ungeheure Energie haben dann erst die Namen Gottes!

Was wir als Gott bezeichnen, meint die Vollendung und Vollkommenheit aller Existenz, und entsprechend ist auch sein Name unübertrefflich und makellos. Somit liegt in den göttlichen Namen – ob es uns nun bewusst ist oder nicht – eine unermessliche Kraft. Drängt sich da nicht die Frage auf, ob einem echten Japa-Yogi dann überhaupt noch etwas bleibt, das unmöglich ist?

Es sollte aber nicht unerwähnt bleiben, dass die Mantras der heiligen Namen nicht etwa Menschen erfanden. Sie kommen aus der Geisteswelt des Himmlischen und wurden uns als Mittel gegeben, damit sich Gott selbst in unserem Leben verwirklichen will – wenn auch nur, wie bei allem im Leben, für eine gewisse Dauer.

Wenn der Name einer Sache in dieser Welt das Bewusstsein dieser Sache im Geist erzeugt, so erzeugt der Name Gottes das Gottesbewusstsein im gereinigten Geist, das heißt, dass dabei das gesungene, heilige Mantra zur direkten Ursache der Verwirklichung wird, von eben solch höchster göttlichen Vollkommenheit.

Die verschiedenen Formen des Japa

Unser Verstand braucht Abwechslung. Wenn wir darum Mantra-Rezitation üben, sollten wir solch Mantras mal nur verbal, einige Zeit auch mal nur flüsternd und ein andermal ebenso allein im Geiste wiederholen. Die Yogis sprechen da vom »Manasika-Japa«, der mentalen Mantra-Rezitation. Laute Japa sind »Vaikharis«, die hörbar rezitiert, alle weltlichen Geräusche auszublenden vermögen.

Flüsternde oder summende Wiederholung werden »Upamshu« genannt. Selbst wenn die Wiederholung eines Mantras mal rein »mechanisch« erfolgt, ohne besondere Bewusstheit dafür, reinigt es Herz und Geist mit seiner spirituellen Kraft. Die Wirkung dessen stellt sich zwar erst später ein, doch der Vorgang dieser spirituellen Reinigung erfährt jeder, der regelmäßig Japa übt.

Es gibt aber noch eine weitere Form des Japa: »Likhita«. Hierbei schreibt der Yogi ein besonderes Mantra in ein, allein dafür vorgesehenes Heft, mit einer bestimmten Anzahl an Wiederholungen. Wichtig dabei ist außerdem, dass der Übende dabei einen Vorsatz der Schweigsamkeit einhält – eine Art »spirituelles Schweigen«. Das sanksritische Wort dafür ist »Mauna«. Eigentlich ist Mauna für sich gesehen bereits eine yogische Übung. Japa-Yogis nehmen sich dafür jede Woche Zeit, in der eine Stunde, doch auch einen ganzen Tag lang geübt werden kann. Nicht zufällig begeben sich manche Menschen auf sogenannte Schweige-Retreats, wo sie sogar eine ganze Woche lang schweigen.

Wie dem auch sei, hilft uns der Yoga des Likhita-Japa dabei unsere Konzentrationsfähigkeit weiterzuentwickeln. Es ist jedoch nicht ganz einfach die Vorteile dieses Mantra-Schreibens zu erklären. Eher geht es um die Erfahrung die der übende Yogi dabei macht. Denn das Schreiben von Mantras hilft nicht nur dabei unser Herz und unseren Geist zu reinigen, sondern ist auch eine ganz einfache Geduldsübung. Doch was schon ist Geduld in unserer heutigen, schnelllebigen Lebensart, die nur wenige Menschen noch als echte Stärke erkennen.

Wer jedoch beständig diese Form des Japa übt, wird bald einen friedlichen Geist entwickeln, da er die einem Mantra innewohnende Kraft, die Mantra-Shakti erweckt. So jemand wird allmählich erfahren, wie Göttlichkeit sein ganzes Dasein erfüllt. Weniger relevant dabei ist, ob man nun in Sanskrit einen heiligen Namen oder das Mantra einer anderen Sprache schreibt, als eher die Praxis an sich. Jeder der schreiben kann, ist dazu im Stande.

Vishvamitra, ein alter Hindu-Weiser, in tiefer Meditation. Man sieht ihn vor einem kleinen Feuer Gebetsperlen zählen - ewigeweisheit.de

Vishvamitra, ein alter Hindu-Weiser, in tiefer Meditation. Man sieht ihn vor einem kleinen Feuer Gebetsperlen zählen (Gemälde von Raja Ravi Varma aus dem Jahre 1897).

Japa-Praxis mit dem Rosenkranz der Mala

Wenn wir einem spirituellen Lehrer der östlichen Traditionen folgen – das kein ein Buddhistischer Guru sein, ein Yogi des indischen Vedanta, vielleicht ein christlicher Mönch oder auch ein Sufi-Sheikh der mystischen Tradition im Islam –, dann haben wir von diesem vielleicht ein besonderes Mantra (oder einen Gottesnamen) erhalten. Mittels einer Mala (Gebetskette, Rosenkranz) wiederholen wir dann im Japa dieses Mantra zwischen 108 bis 1.080 Mal täglich (im Sufismus mittels einer Misbaha- Gebetskette entsprechend 99 oder 990 Mal täglich). Besser ist da immer nur ein Mantra zu halten und irgendwann dann ein anderes.

Das von unserem Meister erhaltene Mantra aber behalten wir immer für uns und geben es niemals an andere weiter.

Meister des Vedanta raten in der Morgendämmerung zu beginnen, in der »Stunde Brahmas« (sanskr. Brahma Muhurta: zwischen 03:30 Uhr und 06:30 Uhr morgens) bis zu zwei Stunden lang Japa zu machen. Auch die Zeit der Abenddämmerung eignet sich für Japa und Meditation. Diese Zeit nämlich regiert das sogenannte »Guna Sattva« (deutsch: Kraft der Reinheit). Es ist aber auch möglich Japa etwa mittags oder vor dem Schlafengehen zu machen.

Man dusche oder wasche sich zuvor aber Hände, Mund Gesicht und die Füße, um sich damit für das Japa vorzubereiten. Bevor man mit dem Japa beginnt, rezitiert man ein Gebet (der Tradition entsprechend). Es ist wichtig, bevor man mit Japa beginnt, kurz über die Bedeutung des rezitierten Mantras nachgesonnen zu haben.

Die Japa-Yogis schauen während ihrer Rezitation nach Osten (oder auch Norden), was die Wirksamkeit des Japa erhöhen soll. Sie setzten sich dabei auf einen kleinen Teppich oder eine Wolldecke, damit der Körper frei beweglich bleibt. Grundsätzlich gilt in der Japa-Praxis jedoch eine ruhige Haltung zu behalten. Am besten sitzt man dafür in einem separaten Meditationsraum oder an einen anderen geeigneten Ort, wie etwa in einem Tempel oder aber in der freien Natur, an einem schattigen Plätzchen. Wichtig ist, dass man nicht abgelenkt wird, wie etwa durch ein klingelndes Telefon, Töne eintreffender Nachrichten oder dergleichen.

Man lasse die Mala während des Japa nicht unterhalb des Nabels hängen, sondern halte die zählende Hand mit der Mala, in der Nähe des Herzens. Mittelfinger und Daumen der rechten Hand werden verwendet, um die Perlen der Mala zu rollen (der Zeigefinger unterstützt).

Yogis stellen sich beim Japa vor, als sei der Rosenkranz der Mala das physische Mittel, mit dem sie durch Bewegen einer Perle den Geist immer näher zum Göttlichen hindrängen. Wenn man sein Mantra wiederholt, stelle man sich vor, dass der Name Gottes im eigenen Herzen sitzt und das damit durch den Geist eine reinigende Kraft fließt, die das Herz reinigt, sowie alle Begierden und böse Gedanken zerstreut und damit schließlich auflöst.

Eine Zeit lang macht man Japa nur in Gedanken. Schweift der Geist jedoch ab, mache man für einige Zeit lautes oder geflüstertes Japa – doch kehre alsbald wieder zum mentalen Japa zurück. Während dieser Praxis ist es wichtig, zunächst den Rhythmus der Mantra-Rezitation mit der des Atems zu verbinden. Nach einiger Zeit des Übens dann, beginnt ein erfahrener Yogi den Rezitations-Rhythmus seinem Herzschlag anzugleichen (etwa vergleichbar mit der griechisch-orthodoxen Tradition der Hesychasten, die dem Herzrhythmus folgend das Kyrie Eleyson rezitieren).

Es ist wichtig, dass man nach dem Japa nicht sofort den Ort verlässt und sich unter Leute mischst oder sich gleich danach in weltliche Aktivitäten stürzt. Mindestens zehn Minuten lang sollte man ganz still sitzen bleiben, ein kleines Gebet summen, sich an Gott erinnern und dabei über seine Liebe zum Göttlichen nachsinnen.

Man verbeuge sich nach dem Japa, verlasse den Ort und nehme seine täglichen Pflichten wieder auf. So bleibt die spirituelle Verbindung mit dem Göttlichen erhalten. So kann man allmählich zu einer dauerhaften, spirituellen Freude finden.

Appendix

Viel zieierte Mantras der vedischen und buddhistischen Tradition:

  • Om
  • Om Namah Sivaya
  • Om Mani Padme Hum
  • Om Namo Bhagavate Vasudevaya
  • Om Namo Narayanaya
  • Om Tare Tuttare Ture Svaha
  • Mahamrityunjaya
  • Gayatri
  • Hare Krishna
  • Nam-myoho-renge-kyo
  • Sri Ram Jay Ram Jay Jay Ram
  • Swaminarayan

Titelbild: Das hier in Sanskrit geschriebene Mantra Om Tat Sat steht für das nicht-manifeste, absolute Sein.

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Das wunderbare Märchen vom Götterkönig Indra

von S. Levent Oezkan

Gott Vishnu - ewigeweisheit.de

Die heilig-göttlichen Offenbarungen des Hinduismus, die Puranas, erzählen eine sehr eindrucksvolle Geschichte über das Wesen unseres Egos und unseres wahren Selbst. Alles was jetzt ist, war schon einmal da. Es gibt nichts Neues unter dem Himmel. Auch unser eigenes Leben, so will es der folgende Mythos, erlebte vor sehr, sehr langer Zeit vielleicht bereits ein anderer Mensch.

Dazu erzählen die indischen Brahmavaivarta Puranas eine interessante Geschichte.

Einst wand sich ein furchtbares Monster durch die Ozeane der Erde: der Schlangendämon Vritra. Wegen seinem Treiben erwärmte sich das Klima auf der Erde ganz drastisch und es kam zu einer großen Dürre. Schwer krankte die Erde an dieser Trockenheit.

Es dauerte einige Zeit, bis König Indra entdeckte, dass er in Besitz magischer Blitze war, die versteckt in einer Kiste lagen. Als Götterkönig und Regengott, war es seine Pflicht, die krankende Erde von der Dürre zu heilen. Er musste einfach nur die Blitze auf das Monster Vritra werfen, es elektrisieren und damit unschädlich machen. Das tat er – und siehe da: die Wasser begannen wieder zu fließen, erquickten die Erde und die Lebewesen labten sich am Guten, das mit dem Wasser kam. Da sagte Indra zu sich: Was bin ich doch für ein großartiger Mann!

Brahma – ewigeweisheit.de

Der indische Gott Brahma (links) - Erschaffer der Welt.

Der Palast des Indra

Nun bestieg Indra den Weltenberg, um darauf einen ihn angemessenen Palast zu errichten. Er ernannte den göttlichen Zimmermann Vishvakarma zu seinem Baumeister. Schon nach kurzer Zeit war der Palastbau weit fortgeschritten.

Doch jedesmal wenn Indra kam, um sich über die Fortschritte des Palastbaus zu erkundigen, kam ihm eine neue Idee, wie man den Palast weiter ausstaffieren und erweitern könnte. Schließlich sprach der Baumeister zu Indra:

Hört, wir beide sind unsterblich und seine Wünsche sind unendlich, drum bin ich damit für die Ewigkeit von ihm gefangen.

Also beschloss der Zimmermann eine Beschwerde zu richten, an den Schöpfergott Brahma.

Der Lotus des Vishnu

Brahma sitzt auf einem Lotus – dem Symbol göttlicher Energie und Huld. Dieser Lotus wächst aus dem Nabel des schlafenden Gottes Vishnu. Der erträumt sich die gesamte, gegenwärtige Schöpfung.

Als nun Vishvakarma an das Ufer des großen Lotusteichs kam, richtete er seine Beschwerde an den Gott Brahma.

Nachdem sich Brahma die Klagen des Vishvakarma angehört hatte, sprach er zu ihm: »Geh heim, ich will es für dich richten.« Nun stieg Brahma aus seinem Lotus und kniete nieder vor dem schlafenden Vishnu. Als Brahma zu ihm sprach, zeigte Vishnu ihm eine besondere Geste und sprach: »Höre, flieg los, etwas wird sich ereignen.«

Ein blauer Schönling

Am folgenden Morgen erschien am großen Tor des Palastes des Indra ein schöner, blauer Jüngling. Den umgaben eine Gruppe Kinder die sich an seiner Schönheit erfreuten. Der Torwächter war verwundert und eilte zu Indra, ihm von dem schönen, blauen Jungen zu berichten. Als das der Indra vernahm, antwortete er dem Wächter: »Nun, dann bring mir diesen Jungen her.«

Man brachte den blauen Jüngling also zu Indra, der auf seinem Götterthron auf ihn wartete. Indra sprach: »Junger Mann, sei Willkommen. Was verschafft mir die Ehre, dich in meinem Palast zu empfangen?«

»Nun« sprach der Junge mit einer tiefen Stimme, die dem Grollen eines Donners glich, den man vom Horizont heranrollen hört, »es kam mir zu Ohren, dass du einen wunderbaren Palast erbaust, wie es kein Indra jemals vor dir tat.« Und Indra antwortete verwundert, »Indras vor mir? Junger Mann, wovon sprichst Du eigentlich?«

Der junge Mann sprach: »Es gab Indras vor Dir. Ich sah sie kommen und gehen, kommen und gehen. Stell dir nur vor: Vishnu schläft in seinem kosmischen Ozean und aus seinem Nabel wächst der Lotus des Universums. Auf diesem Lotus sitzt Brahma, der Schöpfer. Wenn Brahma seine Augen dem Licht öffnet, entsteht eine neue Welt, über die ein Indra regiert. Wenn Brahma seine Augen wieder schließt, entschwindet diese Welt dem Sein. Ein Leben Brahmas sind 432.000 Jahre. Wenn er stirbt, zieht sich der Lotus zurück. Dann formt sich ein neuer Lotus, woraus ein neuer Brahma ersteigt. Denke an die Galaxien jenseits der Galaxien, in einem unbegrenzten Raum. Jede entfaltet sich als Lotus, in dem ein Brahma sitzt, der seine Augen öffnet und seine Augen wieder schließt.
Vielleicht gäbe es Freiwillige, die die Wassertropfen der Ozeane und die Sandkörner ihrer Strände zählen würden. Niemand aber könnte jene Brahmanen zählen – viel weniger noch jene Indras.«

Als der Junge so zu Indra sprach, krabbelte plötzlich ein gigantischer Ameisenstaat neben ihnen über den Boden. Die kleinen Insekten schienen tatsächlich eine Parade vor den beiden abzuhalten. Der blaue Jüngling konnte sich nicht zurückhalten und begann zu lachen. Indra standen die Haare zu Berge und er sprach zu dem Jungen: »Warum lachst du denn?« worauf dieser antwortete, »Frage nicht, solange du nicht bereit bist Schmerz zu ertragen.«

Indra sprach darauf zu dem Jungen: »Ich frage! Du aber lass Deine Lehre verlauten.« Darauf richtete der Junge seinen Zeigefinder auf die Ameisen und sprach zu Indra: »Alle früheren Indras stiegen über viele Leben hinweg, immer wieder aus niedrigsten Verhältnissen auf, zu höchster Erleuchtung. Dann warfen sie ihren Blitz auf ein Monster und dachten sich 'Was für ein großartiger Mann ich doch bin.' Und danach gehen sie wieder unter.«

Vishnu schläft gebettet auf der Weltschlange – ewigeweisheit.de

Vishnu schläft in Gegenwart seiner Frau Lakshmi auf der Weltschlange Shesha. Aus seinem Bauchnabel wächst ein Lotus, in dem Brahma sitzt und die Welten erschafft.

Der alte, nackte Greis

Als der blaue Jüngling so sprach, tauchte im Palast plötzlich ein schrulliger, alter Yogi auf. Er trug einen Sonnenschirm, verfertigt aus den Blättern des Bananenbaumes. Bis auf einen Lendenschurz war der alte Mann nackt. Auf seiner Brust sammelten sich kreisrund ein paar Haare.

Der Junge grüßte den alten Mann und fragte ihn, was gerade Indra im Begriff war zu fragen: »Alter Mann, wie ist dein werter Name? Woher kommst du? Wo lebt deine Familie? Wo ist dein Heim? Und was hat die eigenartige Haarfrisur auf deiner Brust zu bedeuten?«

»Nun«, sagte der alte Mann »man nennt mich 'den Behaarten'. Ich habe kein Haus. Dafür ist das Leben einfach zu kurz. Alles was ich besitze ist dieser Sonnenschirm. Ich habe keine Familie. Alles was ich tue ist zu Füßen Vishnus meditieren und ich denke dabei an die Ewigkeit und daran, wie schnell doch die Zeit vergeht. Weißt Du, immer wenn ein Indra stirbt, verschwindet mit ihm eine ganze Welt. Die Welten rauschen einfach vorüber. Jedesmal wenn ein Indra stirbt, fällt von meiner Brust ein Haar. Die Hälfte aller Haare sind nun ausgefallen. Schon bald werden sie alle ausgefallen sein. Das Leben ist kurz. Wieso also sollte man ein Haus bauen?« Danach verließen den Indra, der blaue Jüngling und der nackte Alte.

Der Junge war eine Erscheinung Vishnus, der beschützende Herrgott. Der alte Yogi war Shiva – Erschaffer und Zerstörer der Welt. Letzterer sollte Indra darin unterweisen, dass er, Indra, nur ein geschichtlicher Gott sei, darin aber irrt zu glauben, er sei alles was man sich vorstellen könne.

Das aber führte dazu, dass Indra nun völlig desillusioniert auf seinem Thron saß. Er fühlte sich regelrecht bloßgestellt. Er grübelte über das Vorgefallene und war tief erschüttert. Sein Leben erschien ihm wie ein Traum. Darum fühlte er kein Verlangen mehr, seinen göttlichen Glanz zu vermehren, was er ja durch den Bau seines riesigen Palastes erzielen wollte. Darum rief er den Zimmermann Vishvakarma zu sich und sprach zu diesem: »Ich möchte den Bau des Palastes hiermit beenden. Du sei entlassen.« Er überhäufte ihn mit Juwelen und kostbaren Geschenken und entließ ihn mit einem prunkvollen Fest. So erfüllte sich die Absicht des Baumeisters. Er war damit entlassen, der Bau des Palastes eingestellt.

Indra jedoch entschloss sich dazu ein Yogi zu werden und zu Füßen des großen Vishnu zu meditieren. Wenn da nicht die schöne Königin Indrani gewesen wäre. Als Indrani von Indras Plan erfuhr, wandte sie sich an den Hohepriester und sprach: »Jetzt ist er übergeschnappt und plant wegzugehen, will ein Yogi zu werden. Nun«, sprach der Priester, »komm mit mir Liebste, damit wir uns setzen und überlegen, wie wir die Lage retten.«

Sie begaben sich an den Thron des Gottesfürsten Indra, setzten sich nieder und der Priester sprach: »Nun, vor vielen Jahren schrieb ich ein Buch für Dich, über die Kunst des Regierens. Du hast die Position des Götterkönigs inne. In Raum und Zeit lebst du, als Manifestierung des geheimnisvollen Brahma. Das ist ein hohes Privileg. Das solltest du zu schätzen wissen, solltest es ehren. Drum gehe mit deinem Leben um als jener, der du tatsächlich bist. Davon abgesehen, werde ich nun gehen und dir ein Buch über die Kunst der Liebe schreiben, damit du und deine Frau verstehen: im wunderbaren Geheimnis der Zwei die Eins werden, darin ist der Schöpfer Brahma gegenwärtig, von da strahlt er aus.«

Indra wirft seine Blitze – ewigeweisheit.de

Götterkönig Indra seine Blitze werfend.

Diese Anweisungen erhalten, verwarf Indra seine fixe Idee ein Yogi zu werden. Stattdessen wurde ihm gewahr, dass er in seinem Leben das Ewige als Symbol für Brahma repräsentierte.

Indra: Symbol des Göttlichen in uns?

Jeder von uns ist, auf die eine oder andere Weise, selbst ein Indra seines eigenen Lebens. Natürlich kann man sich dazu entschließen, sich in die Abgeschiedenheit zu begeben, um dort zu meditieren. Auch kann man am Weltgeschehen teilnehmen, am alltäglichen Leben und im Job den man ausübt, um die Welt zu einem Besseren zu formen. Oder man strebt danach sein Liebesleben zu verschönern und kümmert sich um seinen Lebenspartner oder seine Familie. Doch die Erde, auf der all das stattfindet, ist nur ein winziger Teilabschnitt, in der langen Geschichte des Weltalls.

In seiner periodischen Wandlung, entwickelt es sich zur Vollkommenheit, um sich danach allmählich wieder aufzulösen, bis es schließlich vollkommen zerfallen, wieder aus seiner Existenz verschwindet. Dann aber, wenn es in die kosmische Nacht zurückgekehrt ist, wird ein neues Weltall geboren. Der uranfängliche Vorgang göttlicher Vollendung beginnt damit erneut.

Wir sollten uns stets daran erinnern, dass auch unser Leben einem ähnlichen Wandel von Entstehen und Vergehen unterliegt. Zwar ist unser eigenes Leben natürlich äußerst wertvoll, nur werden die Lebensdramen oft überbewertet, da man sich einfach zu wichtig nimmt. Doch die Verleitung ist groß so eine Haltung einzunehmen. Darauf verweist ja auch der obige Ausspruch Indras: »Was bin ich doch für ein großartiger Mann!«

Doch wie die Geschichte weiter zeigt, ist auf der Bühne des Weltgeschehens, offensichtlich nicht Indra der Hauptdarsteller. Wie er, wollen auch wir uns oft mit egozentrischer Hartnäckigkeit, gegen den Fluss der Zeit stellen. Das es aber das Ewige gibt, was immer währt, davon wollen wir nichts wissen. Viele Menschen täuschen sich, was Ewigkeit in Wirklichkeit bedeutet, denn sie hat nichts zu tun mit "sehr langer Zeit". Ewigkeit steht außerhalb des Zeitphänomens - besitzt sie doch weder einen Anfang, noch ein Ende.

Wer das in sich wahrnehmen kann, der wird bald die Erkenntnis erlangen, dass all unsere Entzückungen, Erwerbungen, unser Stolz über unsere Errungenschaften, nur Teil unserer Lebenszeit ist, die ja dereinst enden wird. Da dieser Zeitabschnitt unseres relativ kurzen Lebens, aber in einem Jahrtausende währenden Äon stattfindet, verliert das eigene Leben darin schnell an Bedeutung. Erst diese Einsicht, macht den eigenen Bewusstseinsraum frei und hilft uns der Wirklichkeit Gottes zuzuwenden.

 

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