Weisheit

Des Menschen spirituelle Entwicklung

von S. Levent Oezkan

Spirituelle Entwicklung - ewigeweisheit.de

Auch wenn uns die modernen Medien mit immer neuen Schreckensmeldungen bedrängen, sei darüber trotzdem eine wichtige Kernaussage gestellt: In unserer Welt bilden Liebe und Weisheit die höchsten Gesetze des Lebens. Sie formen ein spirituelles Fundament, auf dem alles Werden seinen Lauf nimmt: sowohl in den Lebenskreisläufen von uns Menschen, als auch in den großen Zyklen unseres Kosmos.

Ihre Prinzipien lenken die Sterne und unser Zentralgestirn Sonne, das als Leben und Helligkeit spendendes Wesen jeden Morgen zu uns wiederkehrt. Und so wie ihr Licht und ihre Wärme gemeinsam ein Exempel von Zuneigung, Wertschätzung und Weisheit zeichnen, so steht die Abwesenheit der Sonne für das Dunkel von Unwissenheit, Egoismus und Ignoranz.

Ein Leuchtendes Vorbild

Unseren Möglichkeiten zur spirituellen Weiterentwicklung aber, sind damit keine Grenzen gesetzt. Die Sonne in ihrer Rolle als kosmisches Vorbild für die symbolischen Wahrheiten des Lichts, der Liebe und der Weisheit, könnte der Erkennende versuchen nachzuahmen. Denn wenn auch nur wenige normalsterblicher Menschen in ihrer gegenwärtigen Lebensspanne ein solch erhabenes Ziel zu vollkommener Entfaltung brächten, zählte es dennoch zu den wohl erhabensten Vorsätzen die sich jemand setzen kann.

Unter unseren Vorfahren bewegten sich Menschen auf diesem Weg des Strebens nach einem guten Leben, schon seit sehr, sehr langer Zeit – und das wird auch niemals enden. Selbst dann, wenn sich ein Großteil der Menschheit in Aufruhr befindet und es überall Kriege, Hass, Unterdrückung und Ausbeutung gibt – was uns die Nachrichten zeigen –, bleiben die Maxime von Liebe und Weisheit dennoch auf ewig bestehen, bleiben etwas, an das man sich halten kann. Und wenn uns diese beiden höchst-erhabenen Gesetze des Lebens bewusst und wichtig geworden sind: ist es da nicht gut sich immer wieder daran zu erinnern, dass die Sonne, als kosmisch-manifestierter Inbegriff dieser Gesetze, auch morgen wieder aufgeht?

Menschliche Evolution

Gewiss mag das dem rational geprägten Gemüt zu romantisch erscheinen. Doch der Mensch ist eben mehr als nur sein Körper, sein Fühlen und sein Denken. Selbst wenn sich der Mensch in seiner evolutionären Entwicklung tatsächlich auf einen Affen als Vorfahren berufen müsste, was ja nur eine unter anderen Theorien bleibt, befindet er sich auch heute noch in einem Entwicklungsprozess.

Wenn die moderne Wissenschaft nur eine Ebene der menschlichen Existenz kennt, die körperlich-organische eben, worin auch das Seelenleben, die psychische Befindlichkeit, Geist und Denken, auf rein hormonal-nervliche Zusammenhänge zurückgeführt werden, bedeutet Evolution nicht, wie man heute meinen mag, nur auf technischem Fortschritt. Der moderne Mensch aber tendiert dazu die Weiterentwicklung unserer Spezies allein auf die angeblichen Errungenschaften immer neuer Technologien beschränken zu wollen.

Wir sind mehr als unser Körper, unsere Gefühle und Gedanken

Die Ewige Weisheit, oder nennen wir es das »Weistum der Alten«, lehrt uns weit mehr als nur von einem rein materiellen Dasein des Menschen. Da geht es, je nach geistiger Tradition, um sechs oder sieben, verschieden-stoffliche Körper, die ein erwachter Mensch, bewusst durch sein Leben zu führen vermag. Manchen sind diese feinstofflichen Körper mehr, anderen weniger oder gar nicht bewusst. Der Wissenschaft aber geht es buchstäblich nur um einen Bruchteil dessen, was wirklich ist und nur diesen erklärt sie einzig als gültig (natürlich will ich nicht allen Wissenschaftlern absprechen, dass ihnen durchaus bewusst ist, dass der Menschen neben seiner physischen Existenz auch noch in höheren, spirituellen Formen des Seins existiert).

Es ist dabei sehr interessant zu beobachten, dass die moderne Wissenschaft eigentlich nur einen Bruchteil dessen kennt, was sie in ihren Schulbüchern zu generalisieren versucht. Warum? Nun, man weiß heute, dass das Universum, das unser Planetensystem umgibt, zu 96% aus sogenannter Dunkler Materie und Dunkler Energie besteht. Hiervon natürlich gehen ganz wesentliche Kraftwirkungen aus, die das Sein in unserem Kosmos mit formen. Doch darüber weiß die moderne Wissenschaft bislang nur sehr, sehr wenig. Kein Physiker aber würde abstreiten, dass die gewaltige Masse an Dunkler Materie, eben auch eine besondere Gravitationswirkung auf ihre Umgebung ausübt. Was aber unsichtbar ist, lässt sich nicht messen. Doch die Welt in ihrer Ganzheit, lässt sich eben nicht nur durch den Augen-Blick erfassen.

Es ist wohl unsere Gewohnheit zu glauben, dass Wahrheit sich über das Beobachtbare erkennen ließe. Doch auf eine rein sinnlich erfahrbare Welt »bestehen zu wollen«, um es einmal so zu formulieren, bleibt die Schwäche unseres Egos, das immer auf seine Befriedigung aus ist. Symbol dafür ist der Spiegel – worin man sein Aussehen sieht und dabei vielleicht bedauert oder bewundert. Jeder aber weiß, das nur er selbst sich so im Spiegelbild sehen kann, während alle anderen Menschen ihn so sehen, wie er »wirklich« aussieht.

Eine Sage aus dem griechischen Altertum, die sich auf diese Art des Menschseins anwenden lässt, ist der Narziss-Mythos. Narziss war der schöne Sohn des gewalttätigen Flussgottes Kephissos. Wegen seiner ungeheuren Schönheit umwarben ihn gleichermaßen Mädchen und Jünglinge. Herzlos aber wies er die Liebe anderer zurück. Eines Tages jedoch begab er sich an einen See und setzte sich dort ans Ufer. Da sah er sein Spiegelbild auf der stillen Wasseroberfläche und fand sich so schön, dass er sich in das Bild seiner eigenen Reflexion verliebte. So empfand dieser Jüngling ein etwas ungewöhnlich ausgeprägtes Selbstwertgefühl, das ihm aber zum Verhängnis werden sollte. Denn er wollte sein eigenes Abbild umarmen, doch fiel dabei und ertrank, gefangen in den tiefen Wassern des Sees.

Dieser alte Mythos ist eine Allegorie auf die geistige Natur des Menschen, denn wie Narziss schauten auch wir Menschen einst, aus den erhabenen Höhen unserer ursprünglichen, spirituellen Wohnstatt, in den Kosmos hinab, in die materielle Schöpfung, in der wir uns sehr wahrscheinlich auch morgen noch befinden. Dort nämlich sah unser geistiges Selbst sein eigenes Ebenbild, worin sich auch unsere Begierden spiegeln, die uns unsere geglaubte Schönheit vorgeben. Es ist das Abbild in dem wir die Schönheit unseres Geistes erkennen, wie er sich uns im Kosmos, in der äußeren Welt der Manifestationen zeigt.

Es gibt aber nichts im Außen, was nicht auch schon in uns latent vorhanden ist. Wenn wir also in die Welt des Außen blicken und dort etwas entdecken, wonach wir uns sehnen, ganz gleich wie das auch geartet sein möge, wollen wir uns da etwas zu eigen machen, das eben eine Projektion irgendeines Teiles in uns ist. Und damit fällt, wie einst Narziss ins tiefe Wasser, auch unser spirituelles Bewusstsein in eine nach außen gewandte Haltung, gefangen im Kosmos, gefesselt von der manifestierten Welt der sinnlichen Erscheinungen.

Sowohl in der westlichen wie auch in der östlichen Tradition, ist da dann die Rede der Fleischwerdung des Geistes (Inkarnation), wo die Bande der Körperlichkeit unseren Geist umschlingen. Wer aber als spiritueller Mensch nach und nach erkennt, dass sich dieses Inkarnationsereignis einst begeben haben muss, wird sich vielleicht danach sehen, zu seinem ursprünglichen Sein zurückzukehren: einem Zustand jenseits aller Körperlichkeit, außerhalb jeglicher Begrenzungen und Sorgen.

Alles ist im Fluss

Erst durch die Fähigkeit sich über die Begrenzungen der sichtbaren Welt zu erheben, wird man sich der unbegrenzten Möglichkeiten des eigenen menschlichen Vermögens bewusst. Auch unsere Sorgen und Ängste, die alle ihre Berechtigung zu haben scheinen, hängen zusammen mit dieser Anhaftung an die sichtbare, hörbare und fühlbare Welt der Erscheinungen.

Auch wenn in der Welt die Prinzipien der Entsprechung gelten (auch: Hermetische Gesetze) – im Innen und Außen, im Oberen und Unteren, im Großen und Kleinen –, bleibt in der Welt des Göttlichen nichts davon bestehen. Dies zu erkennen kann uns ruhig Anlass dazu geben, unser vielleicht verloren gegangenes Glück neu entdecken zu wollen, da wir wissen, das nichts bleibt, aber alles in ständigem Fluss ist und seine Gezeiten hat. Nur der Tod bleibt ewig. Doch wenn ein Mensch stirbt, entschläft, verendet da »nur« der physische Körper. Wie uns aber alle spirituellen und religiösen Traditionen der Erde lehren, lebt schließlich ein anderer Teil davon fort (beziehungsweise Teile davon), zu einem Lichtreich hinstrebend, worin vollkommene Glückseligkeit herrscht (Paradies) – dann wenn sich die Seele aus dem irdischen Seinszyklus tatsächlich gelöst hat.

Wie anders soll diese ultimative Trennung aber gelingen, als dass man bereits jetzt damit beginnt, in diesem Augenblick, ein Bewusstsein zu entwickeln, das die eigene Wahrnehmung von der sichtbaren, materiellen Welt im Außen allmählich abwendet und stattdessen nach innen schaut, auf den eigentlich geistigen Kern eines spirituellen Seins?

Denken und Sein

Gewiss zählt zu alle dem der Wunsch ein richtiges Denken zu entwickeln. Denn nur mit einem klaren, reinen Geist, lässt sich höheres Sein erringen. Das »Denken« als Aktivität jedoch, unterscheidet sich von dem, was man allgemein unter »Gedanken« versteht, sind sie doch eher zufällig aneinander folgende Einbildungen, die vom astralen, triebbezogenen Dasein her, unseren Geist durchströmen und dabei Erinnerungen aufwirbeln. Bewusstes Denken aber hat einen Anfang und ein Ziel, wobei sich an das Ziel ein nächster Anfang anschließen kann. Wer also ein Wirbeln unangenehmer Gedanken unterbrechen möchte, kann sich die Welt im Geiste erklären, das was er sieht, sich selbst im Geiste sprechend beschreiben, als eben das, was gerade vor seinem inneren oder äußeren Auge erscheint.

Die menschliche Fähigkeit zu Denken wird sich vielleicht schon in den folgenden Jahrzehnten, sicher aber in den kommenden Jahrhunderten erheben, über die gegenwärtige Form einer rein äußeren Kommunikation, durch die Medien von Schall und Licht. In ferner Zukunft werden die Menschen vielleicht wieder die Fähigkeit entwickeln, zu kommunizieren auf einer höheren, geistigen Ebene, etwas das man auch Telepathie nennt. Manche unter uns, haben sich aber gewiss bereits auf diesen Weg begeben.

 

 

Weiterlesen ...

Der Weg des Weisen

Der Weg des Weisen

Weise im Jetzt zu handeln heißt, im Vorfeld die Konsequenzen abschätzen zu können, die das Handeln hervorbringt. Macht ist das Anwenden von Wissen, welches einen direkten Einfluss auf das Leben hat und dieses bereichert. Da Resonanz die Konsequenz von Schwingung ist, schwingt das Bewusstsein des Weisen auf eine Weise, die ihn weise handeln lässt.

Er geht in Resonanz mit dem, was er selbst initiiert. Er ist sich seiner Verantwortung vollkommen bewusst; was er im Herzen trägt wird sein Sein erfüllen. Ist er weise auf seinem Weg, und fühlt er sich einer höheren Ordnung verpflichtet, wird sein Herz eine Realität erzeugen, die auf das Geben ausgerichtet ist. Doch erschafft er sich auch Situationen, die ihn fordern. Wachstum entsteht, wenn Konflikte entschieden ausgefochten werden. Wachstum braucht Energie und eine Richtung, in der sie fließen kann. Weises Wachstum führt zu einer inneren Bereicherung, wodurch die Schwingung erhöht wird und Resonanzen hervorruft, die im Idealfall einer höheren Ordnung entsprechen.

Der Weise ist sich darüber im Klaren, dass sein Herz nur eine von zwei Geisteshaltungen haben kann. Die eine ist der Genuss, die andere ist die Selbstlosigkeit. Genuss meint nehmen, Selbstlosigkeit meint geben. Strebt sein Herz nach Genuss, wird es eine Realität erschaffen, die zu seiner eigenen Bereicherung führen wird, strebt es nach Selbstlosigkeit, bereichert er nicht nur sich selbst, sondern auch andere. Es ist ihm bewusst, dass er auch andere bereichern kann, wenn sein Herz nach Genuss strebt, jedoch engt die Geisteshaltung des Nehmens ein, die des Gebens macht weit. Genuss verdrängt Schmerz und führt dadurch zu einer Freude, die als Ausgangspunkt den Schmerz hat. Selbstlosigkeit führt zu einer Freude, die nur die Freude als Ausgangspunkt hat. So trifft der Weise eine weise Entscheidung zwischen Angst und Freude, zwischen Nehmen und Geben, zwischen Genuss und Selbstlosigkeit.

Auf dem Weg der Selbstverwirklichung untersucht der Weise seine täglichen Handlungen dahingehend, ob sie im Einklang mit seinem Willen sind. Wenn dem so ist, sind Ursache und Wirkung aufeinander abgestimmt. Er weiß, dass das kontinuierliche Wiederholen seiner täglichen Handlungen einem Symbol gleicht. Symbolhafte Handlungen haben einen starken Einfluss auf sein Unterbewusstsein und sind für seine Schwingung und die Resonanz verantwortlich, wodurch der Weise seine Realität erzeugt. Da er das Wesentliche will, von dem was er wollen kann, sind seine täglichen Handlungen eine feine Auswahl von Tätigkeiten, die das manifestieren, was seinem wahren Willen entspricht.

So will der Weise sein, was er wirklich ist. Er weiß, dass seine Essenz ewiglich, unsterblich und unvergänglich ist. Die Essenz seiner Seele ist Energie, die nicht verloren gehen kann. Sie ist lediglich umwandelbar. Er hat keine Existenzangst, da er weiß, dass sie auf Lügen basiert, die in der Welt verbreitet werden. Er lebt die Wahrheit, wohl wissend, dass es einfacher ist, die Lügen anzunehmen, da diese etabliert sind, doch hat er sie durchschaut. Die Wahrheit ist verborgen, er hat sie sich durch Beobachtung und Erfahrungen erarbeitet. Somit kommt er zu der Gewissheit, dass die Wahrheit real ist.

Indem der Weise sein Leben nach einem höheren Prinzip ausrichtet, ist es möglich, dass er von der höchsten Schwingung die Gnade erhält, sein Leid zu transformieren. Der Lichtfunke aus den höheren Sphären, der auf den Weisen hinunterkommt, beinhaltet die Gnade der Transformation. Er weiß, dass er einen gewissen Leidensdruck benötigt, um den Willen entwickeln zu können, sich entsprechend einer höheren Schwingung zu transformieren, jedoch benötigt er auch die Gnade, um erfolgreich aufzusteigen.

So weiß der Weise um die Gesetzmäßigkeiten des Lebens und studiert sie, um sie anzuwenden. Nur durch sein Handeln bekommt er die Macht, die Gesetze in sein Leben zu integrieren. Wille und Disziplin sind ihm gute Freunde auf dem Weg der Selbstverwirklichung. Lebt er seine wahre Bestimmung, erfüllt er seinen Seelenplan und kann somit seine Schwingung in einem Maße anheben, die ihn erfolgreich auf allen Ebenen macht. Die Resonanz, die er so erzeugt, wird ihn in Freude, Harmonie und Liebe versetzen.

 

Sokrates: Durch Fragen zur Weisheit

Sokrates: Durch Fragen zur Weisheit

Sokrates - ewigeweisheit.de

Ein Philosoph ist jemand der die Weisheit liebt, was aber gar nicht bedeuten muss, dass er schon weise ist. Vielmehr strebt er nach Weisheit, möchte sie entdecken, sie erringen. Für den Denker Sokrates ähnelte der Philosoph dem Eros, dem Gott der Liebe, für den nicht der Besitz des Geliebten wichtig ist, sondern das Streben danach.

Ein Philosoph ahnt von dieser Liebe, die er irgendwo, vielleicht in der Ferne, in einer Weisheit finden könnte, verliebt sich darin und bricht schließlich auf, um ihr zu begegnen, sie zu finden und sie allenfalls zu erlangen.

Und zu so etwas fand einer etwa auf der Agorá – dem Marktplatz des alten Athen. Hier wandelten, in Dialoge vertieft, der große Philosoph Sokrates, Platon oder Aristoteles – alles Namen, die bis heute noch vielen Menschen bekannt sein dürften. Und es waren diese drei Weisen, jeweils Lehrer und Schüler, über die sich fast schon eine Familiengeschichte der klassischen Philosophie schreiben ließe, die sich in einer Zeit begab zwischen dem 5. und 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung.

Neben Sokrates' wichtigstem Schüler Platon, schrieb auch der Schriftsteller und spätere Feldherr Xenophon über die Weisheit seines Lehrers. Eine Geschichte erzählt, dass sich Sokrates dem damals noch jungen Xenophon in einer engen Gasse in den Weg stellte und fragte, wo man diverse Lebensmittel kaufen könne. Nachdem ihm Xenophon antwortete, fragte Sokrates weiter:

Und wo werden die Menschen edel und tüchtig?

- Aus Diogenes Laertius: Leben und Meinungen berühmter Philosophen

Diese Frage wusste der junge Mann nicht zu beantworten, blieb ganz verständnislos, wollte jedoch verstehen lernen und folgte seitdem Sokrates. Einst sollte er die Dialoge mit Sokrates als eine Sammlung von Weisheitsschriften verfassen, worin er seinen Lehrer beschrieb im Gespräch mit anderen – denn das ist was Sokrates tat: Sprechen. Alles was er der Nachwelt hinterließ, wissen wir nur durch jene, die sein Gesagtes notierten.

Philosophische Geburtshilfe

Als vor zweieinhalb Jahrtausenden Sokrates' die Weltbühne der Weisen betrat und sie auf so ungewöhnliche Weise wieder verließ, sollte eine neue Ära in der westlichen Philosophie eingeleitet werden. Wer war dieser Mann, dessen Erscheinen und Wirken die Schulen des Denkens im Westen, so von Grund auf verändern sollte?

Alles was in der alten Welt Griechenlands an Denkern und Weisheitsliebenden zu Gegen war, deren Wege sollten nach Sokrates im Sande der Vergangenheit versiegen. Denn mit seinem Auftreten und Fortwirken, durch seinen wohl wichtigsten Schüler Platon, endete das, was der deutsch-schweizerische Kulturphilosoph Jean Gebser (1905-1973) in seinem Werk »Ursprung und Gegenwart«, als die »Mythische Bewusstseinsstruktur« bezeichnete. Der alte Glaube an ein im Himmel weilendes Göttergeschlecht, dass die Verantwortung für das Leben in der Welt trug, sollte durch Sokrates nun auf die Ebene menschlichen Seins gebracht und in den Schulen des Denkens eingeführt werden. Was das bedeutet brachte der römische Schriftsteller Marcus Tullius Cicero (106-43 v. Chr.) auf den Punkt:

Sokrates rief die Philosophie vom Himmel herab, hat sie in den Städten angesiedelt und sogar in die Häuser hinein geführt und er zwang die Menschen über das Leben, über die Sitten und über Gut und Böse nachzudenken.

Seine vielfach gewandte Art des Unterrichts und die Mannigfaltigkeit der Gegenstände und die Größe seines Geistes, durch Platon zum ewigen Gedächtnis in Schriften niedergelegt, veranlasste mehrere Schulen abweichender Philosophen.

- Aus Ciceros Hymnus auf die
Philosophie

Durch Sokrates Wirken kam der Wunsch nach Antworten auf die praktischen Lebensfragen unter die Menschen. In den Weisheitslehren von Pythagoras, Parmenides, Thales oder Heraklit war das, was man später Philosophie nannte, noch eine recht abstrakte Geisteswissenschaft. Was die Führung des eigenen Lebens aber anbetrifft, so sollte dies erst durch Sokrates' menschliches Ansinnen bedeutsam werden. Aus diesem Grund war er für den schweizerischen Philosophen Karl Jaspers (1883-1969) sogar eine ebenso wichtige Gestalt, wie der Buddha, wie Konfuzius oder Jesus – waren sie doch andere wichtige Weisheitslehrer der Antike, die den Menschen authentische Lebensweisheiten brachten.

Sicher spielte Sokrates in der Geschichte des antiken Geisteslebens auch sonst eine Sonderrolle, als eben der eigenartige Mensch der er war und der sich, wie Jesus nach ihm, eigentlich unschuldig hingerichtet werden sollte, doch sich seinem offensichtlich ungerechten Todesurteil stellte.

Sokrates wahrlich lebte Philosophie. Auch wenn er von Haus aus eigentlich das Handwerk des Steinmetzes erlernt hatte, übte er diesen Beruf nie wirklich aus. Eher lag ihm daran sich mit seinen Zeitgenossen zu unterhalten – vor Allem aber Fragen zu stellen, und dabei herauszufinden, was Menschen etwa damit meinen, wenn sie von ihren Tugenden sprechen.

Er selbst hätte sich gern immerfort über die menschlichen Dinge unterhalten, indem er untersuchte, was fromm, was gottlos; was schön, was schimpflich; was gerecht, was ungerecht sei; worin die Besonnenheit und Tollheit, die Tapferkeit und die Feigheit bestehe; wie ein Staat und ein Staatsmann, eine Regierung und ein Regent sein müsse, und Anderes der Art, was nach seiner Überzeugung Jeden, der es weis, zu einem guten und edlen Menschen macht, demjenigen aber, welcher damit unbekannt ist, mit Recht den Ruf einer knechtischen Seele zuzieht.

- Aus Xenophons Erinnerungen an Sokrates 1:16

Nur wer diese Dinge gut weiß, der konnte laut Sokrates auch gut handeln. Drum stellte er immer und immer wieder die sogenannten »Was ist«-Fragen:

Was ist Besonnenheit?

Was ist Frömmigkeit?

Was ist Tapferkeit?

Sein Anliegen bei der Suche nach Antworten sollte zur zentralen Frage und dem Hauptgeschäft der gesamten Philosophie werden. Dabei lag Sokrates niemals daran seinem Gegenüber irgendwelches Wissen aufzudrängen. Vielmehr wollte er auf jemanden zugehen, um dabei von ihm etwas zu erfahren. Sokrates also wollte statt lehren, lernen.

 

Wie es Sokrates' Mutter als Hebamme verstand Kinder zur Welt zu bringen, so schien ihr Sohn diese Kunst durch sein Fragen auszuüben, um dabei besonderen Antworten zur Geburt zu verhelfen, als Weisheiten, die in seinen Gesprächspartnern bereits schlummerten, doch danach drängten zur Welt gebracht und bewusst zu werden. So wie also eine Hebamme nicht eigene, sondern fremde Kinder zur Welt bringt, so ging es auch Sokrates in erster Linie nicht darum selbst Wissen oder Weisheit zu gebären, sondern anderen bei der Geburt ihrer Weisheit zu helfen, die in ihrem Inneren nur darauf wartet sich im Licht der Welt zu erklären.

Diese ganz eigene Form des Dialogs existierte vor ihm noch nicht. Sokrates sah in manchen seiner Gesprächspartner, wie ihre eigentlichen Fähigkeiten und Veranlagungen, scheinbar in die äußere Wirklichkeit der Gegenwart drängten. Er verhalf ihren dadurch so geplagten Seelen dabei, ihr wirklich wesentliches Naturell zu gebären. So wie eine Hebamme zu erkennen vermag ob überhaupt eine Schwangerschaft vorliegt, wusste auch Sokrates um das vielleicht verborgene Potential seiner Gesprächspartner – sei es positiv oder negativ. Durch seine drängenden Fragen brachte er es aus ihnen zum Vorschein. Gewiss ähnelt das dem heute so oft angeratenen »Coaching«, dass sich wohl insbesondere darin versucht die richtigen Fragen zu stellen, deren Antworten dem Fragenden Richtungen im Leben weisen.

Manche sahen in Sokrates aber eher einen Plagegeist und weniger einen Geburtshelfer, der in Anderen Erkenntnisse hervorbringt. Das ihm sein Fragen dereinst teuer zu stehen kommen würde, schien er, wenn auch schon erwartet, kaum Beachtung zu schenken.

Zwar suchte sich Sokrates für seine Themen stets Kenner der Materie, zumindest aber Menschen, die sich für solche hielten. So fragte er einen Priester aus über Frömmigkeit, wollte über Gerechtigkeit von einem Mann des Staats wissen oder suchte Antworten bei einem Feldherrn über die Tapferkeit. Was aber die dabei befragten Tugenden beförderten, war gar kein Wissen, sondern eher etwas, dass man als »Nicht-Wissen« bezeichnen könnte.

Die drängenden Fragen, die Sokrates wohl anscheinend auf alle Antworten seines Gegenübers folgen ließ, vereitelten jeden Einwand und veranlassten seine Gesprächspartner einräumen zu müssen, dass sie eigentlich keine Antworten hatten. Und zu solchem Schluss sollten leider auch jene kommen, die unter seinen Zeitgenossen die großen Herren waren: Staatsmänner, Admiräle oder Richter. Doch auch die großen Seher, Wahrsager und Priester dieser Zeit wussten meist keine Antworten auf Sokrates' Fragen. Sie alle mussten mit ihrer Sprachlosigkeit bitter hinnehmen, dass sie vom Göttlichen eigentlich gar nichts wussten. Das aber führte immer zu einem recht unbefriedigenden Ergebnis, denn fast alle seine Dialoge führten zu einem Ende ohne Lösung – Sokrates' Hebammenkunst scheiterte also, was Sokrates auf ganz beeindruckende Weise einfach so hinnahm.

Keineswegs empfand sich Sokrates darum als einer, der es besser wusste. Er war sich durchaus bewusst, dass er auch selbst keine Antwort oder Lösung hatte. Doch unglücklich war er deshalb nicht. Allein in seinem Gegenüber eine Antwort hervorzubringen, war für ihn schon ein Gewinn. Bleiben doch die unbeantworteten Fragen das, was uns streben lässt. Das Unerfüllbare, das aus uns ein neues Ansinnen hervorbringt ist von Wert, wo sich einer stets bewusst ist, dass er eben nichts weiß – und wenn doch, dann nur sehr wenig. Schließlich stammte von Sokrates der berühmte Satz:

Ich weiß, dass ich nichts weiß.

Wobei diese Übersetzung seiner Aussage einen kleinen, jedoch nicht unerheblichen Fehler beinhaltet, denn das griechische oîda ouk eidōs müsste eigentlich korrekt übersetzt heißen:

Ich weiß, dass ich nicht weiß.

Und das ja ist die Aussage eines Weisen, der nicht von sich glaubt ein Wissender zu sein und noch viel weniger das Selbe behaupten würde. Genauer hieße es vielleicht: Ich bin Mitwisser meiner Selbst, als jemandem der eigentlich nicht über begründetes Wissen verfügt. Das klingt nun vielleicht bescheidener als es letztendlich ist. Sokrates nämlich sah sich damit seinen Mitmenschen einen Schritt voraus.

Mit dieser weisen Einsicht aber empfand sich Sokrates eben auch nicht als Vorbote, der den Menschen von einem Besseren kündete, sondern forderte sein Gegenüber damit heraus, dass er äußerst treffliche Fragen zu stellen wusste – auch jenen die nicht einmal gefragt werden wollten.

Menon: O Sokrates, ich habe schon gehört, ehe ich noch mit dir zusammengekommen bin, dass du allemal nichts als selbst in Verwirrung bist und auch andere in Verwirrung bringst. Auch jetzt kommt mir vor, dass du mich bezauberst und mir etwas antust und mich offenbar besprichst, dass ich voll Verwirrung geworden bin, und du dünkst mich vollkommen, wenn ich auch etwas scherzen darf, in der Gestalt und auch sonst, jenem breiten Seefisch, dem Zitterrochen, zu gleichen. Denn auch dieser macht jeden, der ihm nahekommt und ihn berührt, erstarren. Und so, dünkt mich, hast auch du mir jetzt etwas Ähnliches angetan, dass ich erstarre.

- Aus Platons Dialog Menon

Das Sokratische Problem

Sokrates war keineswegs jemand, den man als gewöhnlichen Mann bezeichnen könnte. Nicht aber war er nur ein kluger Spinner, der anderen auf die Nerven ging. Was durch ihn zum Begriff der Philosophie kam, konnte recht lästig sein, musste man doch sein ewiges Fragen durch Antworten erwidern.

Sokrates aber war ein echter Weiser, jemand der allein durch seinen Geist und durch seine wunderbare Sprache, auf diese Weise im Anderen vermochte eine Wandlung zu vollziehen. Etwas, das wohl keinem anderen Philosophen nach ihm gelang. Doch keineswegs waren alle denen Sokrates seine Fragen stellte, dafür auch dankbar. Im Gegenteil: Aus Ermangelung an Antworten mussten sie plötzlich feststellen, dass sie, wenn von ihnen auch anders angenommen, eigentlich nichts wirklich wussten. Sokrates war sozusagen der lästige Typ, der jedem, der von überschwänglichem Selbstbewusstsein aufgeblasen durch die Straßen ging, verfängliche Fragen stellte, auf die er keine Antwort wusste. Da fühlte sich immer mal wieder jemand einfach nur bloß gestellt, da sich herausstellte, dass sein Wissen eigentlich nur Scheinwissen war. Manche waren so erbost über sein Fragen, dass sie ihn sogar körperlich attackierten.

Wer war Sokrates wirklich?

Nun, zugegebenermaßen müssen wir uns hier auf all das stützen, was uns durch seine Schüler Platon und Xenophon überliefert wurde. Und es gibt wohl etliche philosophie-historische Abhandlungen und Arbeiten darüber, wer der historische Sokrates in Wirklichkeit war und wie sehr ihn insbesondere Platon zu seiner Kunstfigur stilisiert hatte, in der er seine eigene Philosophie zum Ausdruck bringt: man nennt das das »Sokratische Problem«, das bis heute ungeklärt bleibt.

Wahrscheinlich war es Platons Lebensaufgabe, das Werk seines Meisters auf eben seine Weise niederzuschreiben, dass es der Nachwelt auf ewig erhalten bleibe. Dabei erscheint Sokrates, in dem was Platon über ihn schrieb, fast schon als einer, den man, aus christlicher Sicht, durchaus einen Heiligen, ja vielleicht sogar einen Propheten nennen könnte. Denn schon die Art wie er starb, worauf wir später noch eingehen wollen, deuten durchaus Parallelen an zu demjenigen, den die Christen als ihren Heiland und Sohn Gottes Jesus Christus verehren. Es scheint daher auch kein Zufall, dass Sokrates eine Vorbildfunktion einnehmen sollte, wie er zu seiner Aufgabe als Unbeirrbarer in voller Verantwortung stand. Seine Rolle als eine Art Heldenfigur, sollte ganz wesentlich das Denken des späteren Altertums im Westen beeinflussen. Man deutete dies auf ganz eigentümliche Weise auch in die christliche Botschaft hinein. Sogar noch bis ins 18. Jahrhundert nämlich, wurden Sokrates und Jesus immer wieder miteinander verglichen.

 

Es spricht einiges dafür, dass es sich bei Sokrates' Verteidigungsrede (Apologie) und den vor seiner Hinrichtung geführten Dialogen (Phaidon), um die wahre Person Sokrates handelt. Wäre dem nicht so, hätte Platon wohl viele gegen sich aufgebracht. Die Gerichtsverhandlung nämlich fand statt, was im Übrigen auch für die Gespräche nach seiner Verurteilung im Kreise seiner Freunde zutrifft. Vor allem aber empört wären wohl die Gegner des Sokrates darüber gewesen, hätte Platon, aus ihrer Sicht, in der Wiedergabe der Geschehnisse und Aussagen seines Meisters, den tatsächlichen Inhalt einfach nur schöngeredet.

 

Metaphysik des Eros

Metaphysik des Eros

Gehen wir in der Zeit noch einmal einige Jahre zurück. Da ist die Rede von einem Trinkgelage im Hause des Tragödiendichters Agathon, von einem Gastmahl, worüber Platon in seinem »Symposion« schrieb. Sein Gastgeber, der in der Erzählung als junger Schriftsteller auftritt, hatte tags zuvor einen Dichter-Wettbewerb gewonnen. Dies wollte er mit seinen Freunden feiern, die er zu diesem Gastmahl einlud. Auch Sokrates zählte zu den Gästen, der in Platons Symposion die Hauptfigur ist.

In diesem Text lässt Platon den Bildhauer Apollodoros erzählen, über die da gehaltenen Reden, Dialoge und das allgemeine Geschehen dieser Zusammenkunft. Als Gäste sind, neben anderen, außerdem anwesend Aristodemos, einer der eifrigsten Anhänger des Sokrates, der Arzt Phaidros, der in Platons gleichnamigen Werk ein fiktives philosophisches Gespräch mit Sokrates führte, wie auch der Komödiendichter Aristophanes. Als einzige Frau anwesend ist die von Zeus geehrte, weise Frau aus Mantineia in Arkadien: Diotima – eine Kunstfigur, die Platon im Gastmahl nicht direkt auftreten lässt. Denn Sokrates erzählt im Symposion davon, wie er durch sie belehrt wurde über die Bedeutung des Eros.

Wie auch sonst sollte Sokrates, auch in diesem Treffen, mit seinen Schülern und Freunden, das Thema des Abends bestimmen – weniger aber durch besondere Argumentationen, als vielmehr durch eine, sagen wir, seelische Schönheit, die die Bewunderung seiner Zuhörer auf sich zog – ja sogar ihre Liebe zu ihm befeuerte. Sokrates' Vorbildfunktion dabei, als idealer Philosoph, hat eine so starke Wirkung auf seine Schüler, dass sie ihn gar erotisch attraktiv erscheinen lässt, ganz gleich ob Sokrates nun körperlich dem Schönheitsideal seiner Zeit entsprach oder nicht.

Sokrates schlug im Symposion vor, dass jeder eine Rede in der Tradition der Aphrodite halten könne. Und diese Aphrodite, welche die Römer Venus nannten, war die schaumgeborene Göttin der Liebe. Doch Aphrodite ist mehr als das. Es scheint nämlich eigentlich zwei Figuren zu geben, die ihren Namen tragen:

Die eine ist ja die ältere und mutterlose, die Tochter des Uranos, welche wir deshalb bekanntlich auch die »himmlische« nennen; die jüngere aber ist die Tochter des Zeus und der Dione, welche wir ja als die »irdische« bezeichnen. Notwendigerweise muss nun danach der Eros, welcher der Gehilfe der letzteren ist, auch der »irdische« heißen, der andere aber der »himmlische«.

- Aus Platons Symposion

Und dieser Uranos des griechischen Sagenkreises, der vergöttlichte Himmel, wurde zum Vater der Aphrodite. Sein Sohn Kronos schnitt ihm mit der Sichel das Glied vom Leibe, das sodann vom Himmel ins Meer fiel. Aus dem da so aufbrausenden Schaum erstand nun die Aphrodite, die man seither »die Schaumgeborene« nennt.

Dieser Schaum meint jedoch mehr, als was man sich im Mythos angedeutet, darunter vielleicht vorstellt: Seine Erscheinung ist eine Metapher für zwei, die gemeinsam den Liebesakt erleben, wo, wie man sagt, das Blut beginnt aufzuschäumen. Doch auch der Redefluss der Teilnehmer dieses Gastmahls war aufschäumend, wenn sie eifrig tranken, begeistert im Rausch über die Lüste diskutieren und übereinander scherzten. All das findet in der Horizontalen, auf Bastmatrazen statt, wo man isst und säuft. Und nicht etwa nur wird da über die Leidenschaften gesprochen, die einer mit Frauen hat. Auch sich mit Männern leidenschaftlich zu vergnügen, war den griechischen Philosophen nicht fremd. Eros ist eben eine Kraft die viel bewirkt: Gutes – doch viel zu oft auch Schlechtes. So wie ja auch der Gott Eros aus Himmel und Erde geboren, als Schlange aus dem göttlichen Ur-Ei entweicht, als jene Kraft, die seither verzweifelt versucht, den Urzustand der Ganzheit wiederherzustellen, der vor der Trennung in Himmel und Erde gewesen ist. Doch es scheint da, in allem was seither sich zu vereinigen sehnt, eine Urahnung lebendig zu sein, die diesen Grundzustand der Weltentstehung wieder herstellen will – doch gleichzeitig ahnend, dass dies sich nur augenblicklich erfüllen lässt: im Impuls höchster Erregtheit.

Als nun so ihr Körper in zwei Teile zerschnitten war, da trat jede Hälfte mit sehnsüchtigem Verlangen an ihre andere Hälfte heran, und sie schlangen die Arme umeinander und hielten sich eng umschlungen und waren voller Begierde wieder zusammenzuwachsen […]. Und wenn etwa die eine von beiden Hälften starb und die andere noch übrig blieb, dann suchte diese sich eine andere und umschlang diese, mochte sie dabei nun auf die Hälfte eines ganzen Weibes, also das, was wir jetzt Weib nennen, oder eines ganzen Mannes treffen, und so gingen sie zugrunde.

Da erbarmte sich Zeus und erfand einen andern Ausweg, indem er ihnen die Geschlechtsglieder nach vorne versetzte; […] So verlegte er sie also nach vorne und bewirkte dadurch die Erzeugung ineinander, nämlich in dem Weiblichen durch das Männliche, zu dem Zwecke, dass, wenn dabei ein Mann auf ein Weib träfe, sie in der Umarmung zugleich erzeugten und so die Gattung fortgepflanzt würde; […] Seit so langer Zeit ist demnach die Liebe zu einander den Menschen eingeboren und sucht die alte Natur zurückzuführen und aus zweien eins zu machen und die menschliche Schwäche zu heilen.

Jeder von uns ist demnach nur eine Halbmarke von einem Menschen, weil wir zerschnitten, wie die Schollen, zwei aus einem geworden sind. Daher sucht denn jeder beständig seine andere Hälfte.

- Aus Platons Symposion

Seitdem also sind wir Menschen auf der Suche nach dem Anderen, sehnen uns geliebt zu werden und wünschen uns zärtliche Zuneigung. Unser Ziel nämlich ist, diesen ursprünglichen Zustand wieder herzustellen.

Was mit dem Titel auf eine Metaphysik des Eros hindeutet, behandelte Platon in seinem Symposion, aus dem wir soeben das Zitat lasen. In diesem Werk behandelt er die Themen der Liebe, der Erotik und zuletzt auch was man Wahrheit, woraus sich im Grunde das Ideal der Liebe kristallisiert.

Wenn hier aber die Rede ist von »Eros«, so meint dieser Name den griechischen Gott der Liebe, einen wohltätigen und großen Gott, der so vielen Dichtern zu all den Lobliedern auf die Liebe verhalf.

Die Kraft des Eros gebiert jedoch sowohl das Eine wie das Andere, bringt sowohl himmlische wie auch irdische Ekstase zur Welt. Das bedeutet jedoch nicht, dass Eros als nur schön und würdig empfunden wird. Insbesondere im Übermaß resultiert aus sinnlicher Liebe nur Verzweiflung, denn da kann sie nicht mehr befriedigt werden und wird zur Sucht, führt zu Abhängigkeit. Es ist damit wie mit allen Lüsten die, wurde von ihnen zu viel gekostet, nur zum Gegenteil beitragen – sei es der Genuss guten Essens, die Freude am Rausch oder die erotischen Leidenschaften. Alle die nicht genug kriegen können, werden an den Rand des physischen und psychischen Kollapses gedrängt.

Einer der berühmten Sprüche im Orakel-Tempel zu Delphi ermahnt: Gnothi seauton – Nichts im Übermaß. In der Mäßigkeit liegt der Schlüssel zu wahrem Glück.

Auch wenn die Teilnehmer des Gastmahls keine Kinder von Traurigkeit waren und um die ungeheuere Kraft des Begehrens wussten, war ihnen dennoch klar, wie wichtig es ist gesund zu bleiben. Wer darum in seinem Leben länger von den Genüssen der Welt kosten will, muss sie eben in vernünftigem, mäßigem Rahmen genießen. Das Bild das uns Platon über die Eltern des Eros gibt, Poros – der Gott des Reichtums – und Penia – die Göttin der Armut –, deutet an was man als einen Weg der Mitte bezeichnen könnte:

Als nämlich Aphrodite geboren war, hielten die Götter einen Schmaus, und mit den anderen auch Poros, der Sohn der Metis. Als sie aber gespeist hatten, da kam Penia, um sich etwas zu erbetteln, da es ja festlich herging, und stand an der Türe. Poros nun begab sich, trunken vom Nektar, denn Wein gab es damals noch nicht, in den Garten des Zeus und schlief in schwerem Rausche ein. Da macht Penia ihrer Bedürftigkeit wegen den Anschlag, ein Kind vom Poros zu bekommen: sie legt sich also zu ihm hin und empfing den Eros.

Deshalb ist Eros der Begleiter und Diener der Aphrodite, weil er an ihrem Geburtsfeste erzeugt ward und zugleich von Natur ein Liebhaber des Schönen ist, da ja auch Aphrodite schön ist. Als Sohn des Poros und der Penia nun ist dem Eros folgendes Los zuteil geworden: Erstens ist er beständig arm, und viel fehlt daran, dass er zart und schön wäre, wie die meisten glauben, sondern er ist rau und nachlässig im Äußern, barfuß und obdachlos, und ohne Decken schläft er auf der bloßen Erde, indem er vor den Türen und auf den Straßen unter freiem Himmel übernachtet, gemäß der Natur seiner Mutter stets der Dürftigkeit Genosse.

Von seinem Vater her aber stellt er wiederum dem Schönen und Guten nach, ist mannhaft, verwegen und beharrlich, ein gewaltiger Jäger und unaufhörlicher Ränkeschmied, der stets nach der Wahrheit trachtet und sie sich auch zu erwerben versteht, ein Philosoph sein ganzes Leben hindurch, ein gewaltiger Zauberer, Giftmischer und Sophist; und weder wie ein Unsterblicher ist er geartet noch wie ein Sterblicher, sondern an demselben Tage bald blüht er und gedeiht, wenn er die Fülle des Erstrebten erlangt hat, bald stirbt er dahin; immer aber erwacht er wieder zum Leben vermöge der Natur seines Vaters; das Gewonnene jedoch rinnt ihm immer wieder von dannen, so dass Eros weder Mangel leidet noch auch Reichtum besitzt und also vielmehr zwischen Weisheit und Unwissenheit in der Mitte steht.

- Aus Platons Symposion

Eros also vereint in sich zwei Extreme. Was in diesem Zusammenhang aber Armut meint, ist, dass jemand bedürftig nach Liebe, zu wenig davon hat. Sein oder ihr Reichtum ist der Liebe teilhaftig zu werden, die sie oder er für jemanden empfindet, der sie wiederum erwidert. Eros' Reichtum ist unermesslich reich, denn er bereichert alle Menschen. Aber ist er auch, wie der Gott Hermes, ein Mittler zwischen Himmlischem und Irdischem, zwischen Gott und Mensch. Und als solchen nannte man ihn im alten Griechenland einen Daimon1. Was das ist sehen wir uns später noch genauer an.

Was Eros als solch Daimon in den Menschen durch seine Kraft zu entfachen vermag, galt den alten Griechen als Gefühl einer Zeitlosigkeit und Unendlichkeit, wo sich unser seelisches Empfinden aus allen empfundenen Beschränkungen befreit und unsere körperliche Endlichkeit transzendiert.

Eros gibt dem Menschen die Möglichkeit die göttliche Ebene zu schauen, wenn zu Lebzeiten auch nur für die Dauer von Augenblicken. Aus aller Ignoranz und Unwissenheit entstiegen, erkennt er damit aber was Unendlichkeit bedeutet: das was die Seele im Tod vernehmen wird. Das Erlebnis des sexuellen Orgasmus jedoch, als »Kleiner Tod«, nimmt diese Erfahrung quasi vorweg – zumindest als ein Schmecken der Todeserfahrung. Ist das aber nicht ein Grund aufzumerken, wo der Orgasmus doch die Voraussetzung für neues Leben ist?

Diotima: Die weise Prophetin

Die innig-seelische Verschmelzung zweier Menschen, doch auch eines Menschen in seiner Liebe zu Gott, dass nennt man im Griechischen »Agape«. »Philia« ist die Freundschaft, die Zuneigung die man für andere Menschen oder auch für Dinge empfindet. Eros ist alles was jemand empfindet der sich in jemanden ver-liebt, ihm körperlich nahe sein will, ihn begehrt aus Lust und im Wunsch zur Verführung. Und genau die Liebe des Eros, war in diesem Gastmahl Sokrates Kern der Argumentation. Diotima nun, die Sokrates von der rechten Steuerung des erotischen Drangs erfahren lässt, spricht durch ihn auf dem Gastmahl als Daimon, über die Weisheit des Eros. Nicht aber, dass sie sich etwa seines Körpers bedient hätte, als vielmehr Sokrates mit seinen Freunden teilte, was Diotima ihn lehrte. Sie lässt ihn für sich sprechen lässt.

Doch, fuhr Sokrates fort, ich höre jetzt auf zu fragen, und teile euch ein Gespräch mit, das ich einst mit der Prophetin Diotima über Liebe gehalten habe. Ihr kennet dieses Weib, die nicht in der Philosophie der Liebe bloß, sondern überhaupt in allen Stücken große Einsichten hatte. […] Sie ist es, der auch ich meinen Unterricht in der Philosophie der Liebe danke. […] auch ich äußerte mich ihr gegenüber ungefähr auf ähnliche Weise, wie eben Agathon mir gegenüber, dass Eros nämlich ein großer Gott wäre und zu den Schönen gehöre […] sie (aber) widerlegte mich wiederum mit eben denselben Gründen, wie ich ihn, dahin, dass Eros […] weder schön noch gut sei. Ich aber hielt ihr entgegen: »Was soll das heißen, Diotima? Ist also Eros häßlich und schlecht?«

Diotima: »Ein wenig ehrerbietiger, wenn ich bitten darf! Meinst du, was nicht schön sei, das müsse notwendig hässlich sein?«

- Aus Platons Symposion

Sokrates geht also zu Anfangs davon aus, dass Eros ein Gott überirdischer Schönheit und nur so der Inbegriff der Liebe sein könne. Doch wie obiges Zitat zeigt, widerlegte Diotima seine Meinung und fügt hinzu:

[…] jeder Daimon macht ein Mittelwesen zwischen der Gottheit und dem Menschen aus.

- Aus Platons Symposion

Denn allein dafür ja existiert ein Daimon: Himmlisches an Irdisches weiterzugeben, Göttliche Offenbarung an den Menschen zu übermitteln.

Sie sind Dolmetscher und Unterhändler zwischen den Göttern und Menschen. Jenen überbringen sie die Bitten und Opfer der Letzteren; diesen aber die Befehle von den Ersteren und ihre Antworten auf die Opfer. Als Mittelwesen zwischen beiden, machen sie gleichsam das Band, durch welches das Universum zusammenhängt.

- Aus Platons Symposion

Kann Eros aber überhaupt ein Gott sein, als solch Mittelwesen? Zumindest zählt er nicht zu den Sterblichen, wie sich der alt-griechischen Theologie entnehmen lässt. Wenn er nun aber aus der Hierarchie des Göttlichen in die Menschenwelt vermittelt, kann es sich bei seiner Liebe keineswegs nur um Lust, Leidenschaft und körperliche Befriedigung handeln.

Doch um was dann?

Begehrt man einen Menschen nicht allein wegen der Schönheit seines Körpers, sondern hauptsächlich wegen seiner seelischen, tugendhaften Anmut, trifft man da auf das Edelste der erotischen Anziehungskraft. Da geht es dann um die rechte Lenkung des erotischen Dranges, eine »philosophische Steuerung« der Leidenschaft und demnach das, was man die Platonische Liebe nennt. Der Liebende sieht dann das Schöne in den Handlungen seines begehrten Gegenübers, dass sich in unzähligen besonderen Begebenheiten zeigt.

Der göttliche Eros ähnelt seinem Vaters Poros, einem der für alles Schöne und Gute leidenschaftlich kämpft, doch eben nicht ergeben oder untertänig, sondern:

[…] tapfer, kühn, beharrlich, (als) ein gewaltiger Jäger, ein unaufhörlicher Ränkeschmied, der stets nach der Wahrheit trachtet, erfinderisch im Besiegen einer Schwierigkeit; Philosoph sein ganzes Leben hindurch; ein gefährlicher Zauberer, Giftmischer […] und weder wie ein Unsterblicher ist er geartet noch wie ein Sterblicher, sondern an demselben Tage bald blüht er und gedeiht, wenn er die Fülle des Erstrebten erlangt hat, bald stirbt er dahin; immer aber erwacht er wieder zum Leben […]

- Aus Platons Symposion

Wenn Sokrates nun aber, durch Diotima beeinflusst, im Gastmahl behauptet, dass Eros also in Wirklichkeit gar kein Gott ist, sondern einem Engel gleicht, erschien das den Bürgern Athens wohl sicherlich als ungeheuerliche Behauptung. Eros war da doch ein Gott, den man nur zu gerne zur Rechtfertigung für die eigene Unfehlbarkeit zur Verantwortung zog. Jeglicher Ehebruch wurde wegen seines Wirkens legitimiert, schließlich hatte einen Eros überkommen, hatte einen listig heimgesucht. Für jeden Ehebruch musste er herhalten. Bei diesem Glauben dürfte man sich kaum wundern, dass sich einige für seine Heimsuchung sogar im Tempel bedankten. Und da nun kam dieser Sokrates daher und behauptete, dass dieser vollkommenste Gott des Schönen, in Wirklichkeit nur Medium dessen ist, worüber ein Mensch zur Mäßigung findet – etwas, dass man ihm, neben anderem, wie wir noch sehen werden, zu Lasten legte und ihn dafür aufs Unbarmherzigste verurteilte.

Sokrates führte seine Zeitgenossen damit also zu der Einsicht, dass menschliches Begehren in Wirklichkeit in der Verantwortung dessen liegt, der durch seine Leidenschaften getriebenen handelt. Eros erwuchs damit nicht von Außen oder vom Himmel auf den von Lüsternheit Überwältigten, sondern entstehe in ihm selbst, so dass er dieses Begehren auch zurückhalten kann. Denn wäre Eros vollkommen, also ein Gott, wäre ihm alles Streben fremd, da er ja bereits als solcher alles besäße und vollkommen reich wäre. Erotisches Begehren ist aber eher das genaue Gegenteil von Reichtum. Zu glauben man könne wie Reichtum auch erotische Befriedigung anhäufen: gleicht das nicht einer Illusion?

Niemand liebt was er bereits hat

Diotima lässt Sokrates wissen, dass Eros ein Freund der Weisheit ist, wenn sie sagt:

Unter den schönen Gegenständen ist Weisheit einer der vorzüglichsten. Eros ist ein Freund des Schönen; er muss folglich auch ein Philosoph sein. Als solch ein Freund der Weisheit aber muss er zwischen dem Weisen und dem Toren in der Mitte stehen. Ursache auch hiervon ist ihm seine Geburt: weil er nämlich einen weisen und reichen Vater, aber eine dürftige und unweise Mutter hatte. Dies ist also die Natur dieses Daimons.

- Aus Platons Symposion

Wer liebt, der besitzt nicht, sondern hat zum Geliebten ein Verhältnis, berührt es allemal. Verfügte man aber über das Geliebte, was in aller Welt bliebe da noch zu begehren?

Es geht um die Mäßigkeit, um den Mittelweg, um das was Eros uns eben als Mittler lehrt: uns zwischen Schönem und Unschönem, zwischen Begehrtem und Unerwünschtem, zwischen Erreichbarem und Unerreichbarem zu bewegen. So ist es doch auch mit denen die wir mögen, die wir lieben oder sogar begehren: Nach ihnen verlangt uns nur so lange, als dass wir sie nicht andauernd um uns haben. Und was hierfür gilt, dass trifft auch für die Weisheit zu: Sie lässt sich lieben, doch lässt sich nicht besitzen. Sobald wir sie in unserer Welt integrieren wollen, entflieht sie uns, denn die Weisheit lässt sich nicht festhalten und berührt nie den Boden unseres irdischen Daseins. Wir wollen sie erlangen, wollen nach ihr streben und uns ihr annähern. Doch wie töricht erschiene einer, der sie sein Eigen nennt?

Sokrates, ja eigentlich Diotima, ging es darum, bei der geistigen Liebe auf den Gedanken einer einzigen reinen Vorstellung zu achten, nämlich der Idee des Schönen.

Wenn also jemand [...] nun das Urschöne selbst zu erblicken beginnt, dann dürfte er seinem Ziele ziemlich nahe gekommen sein. Denn dies ist die richtige Weise sich den Liebesdingen zuzuwenden oder von einem anderen dort hingeführt zu werden, wenn man um dieses Urschönen willen von jenem vielen Schönen ausgeht und so stufenweise innerhalb desselben immer weiter aufsteigt, als ob man eine Stufenleiter verwendete: von einem schönen Körper zu zweien und von zweien zu allen, und von den schönen Körpern zu den schönen Bestrebungen, und von den schönen Bestrebungen zu den schönen Erkenntnissen, bis man innerhalb der Erkenntnisse zu schließlich jener Erkenntnis kommt, die von nichts anderem als von jenem Urschönen selber die Erkenntnis ist, und so schließlich das allein wesenhafte Schöne erkennt.

- Aus Platons Symposion

Die höchste Stufe dieses Aufstiegs erreicht jener, der das ultimativ Schöne schaut. Nicht aber etwa wie es ihm in Gestalt einer schönen Frau oder eines schönen Mannes entgegentritt, oder anders geartetem Schönen, sondern als Urprinzip, das in allem Schönen wirksam ist. Wem so widerfährt, der wird das Schöne in seiner reinsten Form anbeten wollen.

Für Sokrates drückte sich in der Liebe das Verlangen des Menschen nach Unsterblichkeit aus. Verbrächte einer sein Leben vollkommen allein, ohne je mit anderen Menschen in Kontakt zu sein, wäre er einer, den man durchaus als »Weltverlorenen« bezeichnen könnte. Vom ungeheueren Reichtum des Lebens aber, dass er im Zusammensein mit den anderen erlebt, würde er niemals erfahren.

Eros dabei steht für die unerschöpfliche, ununterbrochen zischende Energiequelle, aus der der Strom von Leben und Liebe hervorsprudelt. Wer aus ihr zu schöpfen vermag, der wird zum wahren Schöpfer, der im Stande ist das Schöne zu erschaffen, zu erzeugen.

Alle Menschen nämlich tragen Zeugungsstoff in sich, körperlichen sowie geistigen, und wenn wir zu einem gewissen Alter gelangt sind, so strebt unsere Natur zu erzeugen.

- Aus Platons Symposion

 

Sieben Formen des menschlichen Geistes

Sieben Formen des menschlichen Geistes

Die Leute: Was ist der sogenannte Geist? Cleobulus: Was man so Geist gewöhnlich heißt, antwortet, aber fragt nicht.

- Johann Wolfgang von Goethe, Goethe, Gedichte: Die Weisen und die Leute

Geistiges - ewigeweisheit.de

Unser Bewusstsein beschränkt sich generell auf Gefühle, Intuitionen, Emotionen und unser Denken. Letzteres aber bildet sich aus mehreren Formen der Geistigkeit, über die der eine verfügt, die dem anderen aber fehlen. Grundsätzlich aber ließen sich die sieben folgenden Geistesformen des Menschen von jedem unter uns entwickeln.

Das Wort Geist nun wird recht uneinheitlich verwendet und bevor wir uns im Folgenden seiner genannten Formen zuwenden, wäre wichtig zuerst einmal festzulegen, wie wir das Wort verwenden wollen. Denn wenn man von "Geist" spricht, kann damit ja auch einfach ein nicht-körperliches Leben bezeichnet werden, was man im alten Griechenland einen Daimon, später auch als Dämon bezeichnete.

Wenn es hingegen im theologischen Kontext verwendet wird, als etwa der "Geist Gottes" oder der "Heilige Geist", ist damit ein Agens gemeint, eine wirkende Kraft oder ein treibendes, wirkendes Prinzip, dass eher den Zweck eines Boten erfüllt.

Damit wären wir dem, was wir im weiteren Verlauf definieren wollen, aber schon ein ganzes Stück näher gekommen. Denn hier ist es eben der Geist des Menschen, der ja eine ähnliche Rolle übernimmt: Er ist Mittler für das was sich zwischen Wahrnehmen und Handlung bewegt.

Allgemein sind beim Menschen mit Geist die kognitiven Fähigkeiten gemeint, die neben dem Bewusstsein auch auf seine Fähigkeit zu lernen, sich zu erinnern, zu imaginieren, zu überlegen und zu bewerten hinweisen. Wobei sich hier wohl auch noch verschiedene andere Begriffe anfügen ließen, die auf des Menschen geistige Fähigkeiten anspielen, uns aber nicht weiter interessieren.

Es lassen sich die geistigen Formen, die der Mensch in seinem Leben verwendet, grundsätzlich auf sieben verschiedenen Stufen des Bewusstseins erklären.

Paradigma

Hier geht es um eine grundsätzliche Denkweise, die sich an eine existierende, sozusagen "vorgedachte" Form angleicht. Es ist ein Denken das gezeigt oder quasi "geführt" wird von einem Vordenker (griech. paradeigma, aus "para", "neben" und "deiknymi", "zeigen").

Im Kontext einer Gesellschaft etwa ist das das Befolgen von Denkweisen, die durch ein Vorbild geprägt sind, das heißt also durch jemanden der durch seine Weltanschauung ein "gutes Beispiel" für die Sicht auf das Leben und die Dinge liefert. Darunter fällt etwa auch die Meinung von Lehrern, wie Dinge zu verstehen seien, damit also einen Standard oder ein Muster für Denkweisen vorgibt.

Damit ist ein Paradigma die Grundlage allen Vergleichens und Beurteilens, ohne selbst die dazu vielleicht aber notwendige Erfahrung selbst gemacht zu haben. Vielmehr ist es ein Pol, an dem sich das Denken eines Menschen ausrichtet und von dem ausgehend er sich in seinen Meinungen und Absichten orientiert.

Techne

Wie der Name bereits vermuten lässt, geht es hierbei um das, was in heutiger Zeit auch "Technik" genannt wird. Und dabei ist der Begriff sehr weitläufig interpretierbar, da er sich in eigentlich allen Lebensbereichen anwenden lässt. Aber eben die Anwendung ist das, was alle diese Bereiche, als deren Essenz zusammenfasst. Damit ist also jene Form des Geistes gemeint, die einen praktischen Nutzen zur Verfügung stellt, mittels dem geschulten Geist sich komplexe Handlungsmuster durchführen lassen, die durch Übung und Schulung zur Perfektion gebracht werden können.

So also steht Techne für ein Verständnis oder einen Sachverstand, der sowohl einem Künstler, einem Wissenschaftler oder einem Handwerker als explizites Wissen zur Verfügung stehen.

Episteme

Es geht hierbei um die Erfassung des Richtigen. Das heißt, einer Unterscheidung zwischen dem was dem Menschen an Gegebenheiten zur Verfügung stehen, aber auch anhaften, und dem was jemand in Form des Erkennens einer höheren Wirklichkeit ist, das also, was sich abspielt jenseits allen wahrnehmbaren oder greifbaren Erkennens.

Gewissermaßen ließe sich die Episteme als eine höhere Form eines Paradigmas erklären, wo sich die Schemata der Wahrnehmung, kulturellen oder sprachlichen Voraussetzungen angleichen (müssen). Spricht man zum Beispiel eine Fremdsprache perfekt, bewegt man sich automatisch auch in einem anderen kulturellen Feld, was das eigene Denken in die Erkenntniswege eines damit verbundenen Wertesystem überführt.

Phronesis

In seinem Leben entwickelt ein Mensch die Fähigkeit, durch sein Wissen und seine gemachten Erfahrungen, zu einem angemessenen Verhalten und Handeln zu kommen. Man nennt das auch die Vernunft eines Menschen. Während die Episteme sich noch auf das Allgemeine richtet, richtet sich Phronesis auf den einen konkreten Fall. Man könnte auch sprechen von Klugheit, dass dem moralisch Guten oder ethisch Angemessenen entspricht, dass ein Mensch jenem Wertesystem der Episteme entnahm.

Wenn man außerdem Phronesis mit dem Wort der menschlichen Vernunft gleichsetzt, so bestimmt sie als Wissen auch ein daraus besonnenes, vielleicht tapferes oder gerechtes Handeln eines Menschen, wenn es um das eigentliche Tun geht, um sich in einer ganz realen Angelegenheit richtig zu verhalten.

Nous

Dieses griechische Wort ließe sich etwa als "Ahnung" beschreiben, doch ebenso als ein mit Sinneswahrnehmungen vor sich gehendes Denken, ein "Wittern" etwa. Platon grenzte Nous als einen Bereich von allem sinnlich Wahrnehmbaren ab, da hiermit gemeint ist was sich allein durch den menschlichen Geist erfassen lässt, ein höherer Intellekt also, der das unmittelbare Erfassen eines ganz deutlichen Sachverhalts, allein durch Denken, oder vielmehr einen "Geistesblitz" feststellt.

Aristoteles unterschied zwischen einem Nous der tatsächlich erkennt, doch ebenso falsche Annahmen als richtig erfassen will. Darin wird das Denken selbst zu dem was es denkt. Was oben als Wittern angedeutet wurde, ist damit der erste Ansatz etwas Formartigen, im eigentlich Formlosen des Geistes, der aber durch den Verstand als etwas Beschreibares und Erklärbares entsteht. So wird aus der geistigen Möglichkeit zu sein, eine denkbare Wirklichkeit des Geistes.

Metis

Eigentlich ist Metis eine Okeanide aus der griechischen Mythologie, die die erste Geliebte des himmlischen Göttervater Zeus ist, mit der er eine Tochter zeugte: Die Weisheitsgöttin Athene. Nicht aber brachte sie Metis zur Welt: Athene war eine "Kopfgeburt" des Zeus.

Metis Name bedeutet wörtlich "kluger Rat", steht aber vor Allem für den Scharfsinn eines Menschen und damit sein praktisches, implizites Wissen. Man nennt sie auch die Bewirkerin aller rechten Dinge. Sie steht für eine geistige Gewissheit die jemand in sich aufzusteigen verspürt und er demnach, allem Zweifel erhaben, so handelt, dass selbst die unmöglichste und vermeintlich schwierigste oder gefährlichste Situation ihn zu dem bringt, dass er ganz gleich welche Widerstände sich auch vor ihm auftuen mögen, dennoch sein Ziel erreicht – vollkommen einfach und ohne Schwierigkeiten.

Sophia

Für die Gnostiker steht der griechische Name Sophia für die göttliche Weisheit. Sie ist die Gefährtin des Christus, ist sein weibliches Gegenstück. Sophia und Logos bilden die zwei geistigen Pole von Weisheit und Vernunft.

Sophia ist gewissermaßen die höhere Form der Phronesis, da sie nicht über erlerntes Wissen verfügt, sondern die Wahrheit der Dinge in ihnen selbst erkennt und damit keiner Beschreibung bedarf, die ihr erst erklären müssten. Was ihr Wesen und Sein bedeuten erkennt sie ohne Lehre. Man könnte im Übertragenen Sinne auch von einem "Erdulden" der Wirklichkeit sprechen, was in Sophias Wirkung eben ein Wissen hinterlässt, das dem Handwerk eines Steinmetzes ähnelt, der geduldig eine Statue behaut und sie damit allmählich ihre erwünschte Form erhält. Sophia ist damit also ein reales Wissen durch Eingebung.

In der christlichen Mystik erhielt die Sophia außerdem das Attribut der vierten Person, die außerhalb der göttlichen Trinität (Vater, Sohn und Heiliger Geist) wirkt, im Geiste der Theotokos, der Gottgebärerin Mutter Maria.

 

Die verschiedenen Aspekte des Liebens

von S. Levent Oezkan

Welches Wort unserer Sprache wurde so oft interpretiert wie das Wort Liebe? Und wohl kaum ein anderes ist Quelle so vieler Missverständnisse. Dieses kleine Wort ist in sich schon ein Widerspruch: mal ist es ein Heilmittel - ein andermal schmerzende Sehnsucht!

Liebe erstreckt sich sogar noch über sehr viel mehr Ebenen unserer emotionalen Existenz. Sie ist sogar noch mehr als eine Emotion.
Liebe ist eine Eigenschaft göttlichen Bewusstseins, der die alten Griechen drei Namen gaben: Agape - die geistige Liebe, Philia - freundschaftliche Liebe der Seele und Eros - die körperliche Begierde.

Höchste Form der Liebe ist Agape. Was im deutschen Sprachgebrauch üblicherweise mit dem Begriff Liebe verbunden wird, hat mit Agape aber nichts zu tun. Agape übertrifft die Erkenntnisfähigkeit des Menschen. Sie ist eine Liebe Gottes wie sie etwa durch Jesus Christus zu den Menschen kam. Wenn wir uns auf metaphysischer, spiritueller Ebene mit unseren Mitmenschen verbinden, so wirkt die Agape. Sie ist eine nicht fordernde, selbstlose Liebe.
Agape war was Jesus forderte mit den Worten: "Liebet eure Feinde".

Die Liebe (Agape) ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht, sie stellt sich nicht ungebärdig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht der Ungerechtigkeit, sie freut sich aber der Wahrheit; sie verträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. Die Liebe hört nimmer auf, so doch die Weissagungen aufhören werden und die Sprachen aufhören werden und die Erkenntnis aufhören wird.

- "Hohelied der Liebe", 1. Korinther 13:4-8

Philia ist eine Liebe gegenseitigen, freundschaftlichen Interesses. Je nachdem wie unser Gegenüber auf uns reagiert, lieben wir einen Freund, eine Freundin.
Wer seinem Lebenspartner gibt, der bekommt auch zurück. Philia hängt davon ab, was der Partner einem geben kann und was sich aus beiderseitigem Vergnügen und Anerkennung ergibt. Doch wie wohl jeder weis, hat auch dieses Geben seine Grenzen. Die Reaktionen eines Liebespartners nehmen allmählich ab - man gewöhnt sich aneinander. Geliebt wird solange man etwas vom Partner bekommt: Sex, Schönheit, Versorgung, Treue, usw. Wenn eine Partnerschaft fortbestehen will, muss in der Neigung zu Lieben, in Philia, die Agape wachgerufen werden.

Eros nun hebt sich von Agape und Philia stark ab. Wenn Agape die bedingungslose, gebende, reine Liebe ist und Philia die Liebe gegenseitigen Gebens, so ist im Eros heißes Verlangen. Wie ein Dämon nimmt Eros Besitz vom Menschen.
Bei den Orphikern war Eros eine kosmische Macht, die während der Trennung von Himmel und Erde entstand. Im Chaos bildete sich das Ur-Ei, was sich hernach in eine untere und eine obere Hälfte spaltete:

  • Gaia die Erde und
  • Uranos der Himmel.

Während dieser Trennung entwich als leuchtende Schlange der brennende Eros (auch Phanes oder Dionysos genannt), der seither versucht die beiden Urglieder Erde und Himmel wieder zu einen - was eine Allegorie ist auf die Vereinigung von Frau und Mann.
So ist Eros auch die kosmische Gewalt die im Menschen-, Tier- und Pflanzenreich herrscht. Für die alten Griechen bewirkte alleine Eros das Weiterleben in der Natur. Damit lagen sie wohl auch nicht falsch.

Orphisches Ei - ewigeweisheit.de

Das Orphische Ei

Altgriechische Dichter empfanden den Eros als übermenschlich - mal göttlich, mal dämonisch. Sie betrachteten ihn unter zwei Gesichtspunkten:

  • Als kosmische Macht die an der Weltentstehung beteiligt war.
  • Als göttliche Macht die auf das menschliche Gemüt einwirkt.

In seinem dämonische Aspekt ergreift Eros den Menschen, beraubt ihn seiner Vernunft, seiner Besonnenheit und Selbstbeherrschung. Selbst den unerschütterlichen Gleichmut eines Weisen lässt Eros erbeben. So kann auch ein vernünftiger Menschen plötzlich irrational handeln.
Genau wegen dieser Eigenschaft, fordert Eros von den Menschen Respekt. Wer stets Eros' dämonische Macht ignoriert, verfällt seinem erotischen Wahn, während sein Körper degeneriert.

Agape, Philia und Eros deuten auf die Liebesenergie, die zwischen polaren Gegensätzen wirkt: zwischen Himmel und Erde, zwischen Mensch und Gott, zwischen Frau und Mann, usw.

Wahrheit

Liebe lässt sich aber auch abstrakter definieren. So ist die Neigung zur Wahrheit auch eine Form der Liebe. Manchmal besitzt Wahrheit die Kraft, seelische Wunden zu heilen. In ihr zeigt sich dann die Zuneigung Gottes. Gott ist ein Synonym für Liebe. Doch da im Namen Gottes schon so viel Unglück auf die Welt kam, glauben viele zu meinen das sei nicht wahr. Doch es war der Unglückbringer nicht Gott, sondern der Name der missbraucht wurde!

Ähnlich hält es sich mit dem Wort "Wahrheit". Es steht für eine Serie von Realitäten, in denen all die vielen Aspekte des Göttlichen repräsentiert werden.
Diese Aspekte kreuzen unsere Wege wenn wir uns mit den übermächtigen Wahrheiten der Göttergestalten im alten Ägypten, Griechenland und Rom befassen. In vielen Mythen und Legenden alter Völker geht es um Konflikte, die sehr unseren persönlichen Lebenskonflikten ähneln. Sie zeigen, dass der Mensch nur durch die Schwierigkeiten im Leben über sein Menschsein hinauswachsen kann.
Wer Konfrontationen mit anderen aus dem Weg geht, kann nicht verstehen was Liebe wirklich ist. Nur wer sich sozialen und psychischen Problemen stellt, kann überhaupt erst herausfinden was Mitgefühl bedeutet. Wer das versteht, für den ist wahre Liebe möglich. Nur wer Ignoranz durch Toleranz ersetzt, der erkennt die Bedeutung dieser Wahrheit, da er bereit ist jedem für sein vermeintliches Fehlverhalten einen Grund einzuräumen.

Wahrheit erfüllt für Menschen einen Zweck: Wege zur Erlösung zu finden. Doch was Wahrheit tatsächlich ist, lässt sich ebenso schwer beschreiben wie das, was das Wort Gott zu sein meint.
So kann Wahrheit oft eine Quelle von Widersprüchen und Schnittstelle unzähliger Meinungen und Kritikpunkte sein. Was für den einen stimmt, dass muss für einen anderen gar nicht wahr sein. Selbst die notwendigsten, unausweichlichen Wahrheiten befinden sich jenseits dessen, was Menschen akzeptieren können. Es gibt eben so viele Wahrheiten, wie es Menschen gibt - und wahrscheinlich eben so viele Götter! Und doch sind all das nur Namen. Auch der Liebe wurde ein Name gegeben. Fragte man einen jüdischen Menschen ob er an Allah glaubt, würde er wohl verneinen. Trotzdem glauben die Juden an das was mit Allah gemeint ist; es ist nämlich die arabische Variante des Singulars "El", aus dessen Plural "Elohim", das hebräische Wort für Gott gebildet wird. Mit diesem Wort beginnt die Bibelgeschichte:

Und Elohim (Gott) sprach: Es werde Licht!

- Genesis 1:3

Isa und Maryam - ewigeweisheit.de

Isa und Maryam - Darstellung in einer persischen Miniatur

Sind Wahrheit und Liebe nur Konzepte?
Fragte man einen gebildeten Muslim ob er an Jesus Christus glaube, verneinte er vielleicht. Fragte man ihn hingegen nach Isa ibn Maryam (Jesus der Sohn der Maria), würde er bestätigen, dass Jesus als Gesandter Gottes von der Jungfrau Maria zur Welt gebracht wurde.

Wahrlich, der Christus Jesus, Sohn der Maria, ist Allahs Gesandter und sein Wort, das er Maria entboten hat, und Geist von ihm.

- Sure 4:171

Namen also - nichts als Namen für ein und den selben Gott. Und was für die Namen gilt, das gilt auch für die Symbole - doch das ist ein anderes Thema.

Letztendlich können wir sagen, dass das Wort Wahrheit von den meisten Menschen ähnlich definiert wird. Als wahr gilt die gesehene Realität - das was sich vor unseren Augen abspielt und wir gemeinsam wahrnehmen - all das wird generell für wahr gehalten. Wenn zwei Menschen unabhängig voneinander ein verliebtes Paar sehen, dürfte beiden die Lage klar sein. Ist Liebe vielleicht auch die Wahrheit im gemeinsam Erkannten?

Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger [...]

- Genesis 4:1

Weisheit

Weisheit ist eine weitere Ebene auf der sich Liebe und Wahrheit bewegen. In ihr sind sie gleichermaßen enthalten. Weise Menschen werden geliebt, da sie zum Wohle ihrer Mitmenschen sprechen und handeln. Durch ihr Wirken können die Wege zur Wahrheit gefunden und erreicht werden.

Dankbarkeit

Eine weitere Form der Liebe ist die Dankbarkeit. Alles was uns an guten Dingen und wahren Ereignissen widerfährt, dafür können wir - und sollten wir - dankbar sein.
Liebevolle Dankbarkeit empfinden wir für jene Menschen, die in unserem Namen oder uns zu gute handeln. Das können gute Freunde, Lehrer, Priester, Psychologen, aber auch Arbeitskollegen oder Fremde Menschen auf der Straße sein. Dankbarkeit ist Teil der Liebe und kann manchmal als einfaches, kurzes Glücksgefühl empfunden werden.

Glaube, Liebe und Hoffnung - ewigeweisheit.de

Drei Tugenden: Glaube, Liebe, Hoffnung - farbige Zeichnung von Julius Schnorr von Carolsfeld (1911)

Tugendhaftigkeit

Auf höchster Stufe seiner Existenz versucht der weise Mensch ein tugendhaftes Leben zu erringen. In seiner Liebe erkennt er das Gute, dient dem Schönen und verehrt das Ewige im Einen: das ist Gott. Diese drei Ebenen fügen sich zu einer Triade tugendhafter Attribute der Liebe.

Liebe in der Familie

Im Zusammenleben ist Liebe lebensnotwendig und basiert auf gegenseitiger Zuneigung und Rücksicht. Im alten China sprach man deswegen auch von Treue. In dieser Form der Liebe stehen die liebenden Familienmitglieder unter einer höheren Führung.
Familienliebe ist Basis aller menschlichen Beziehungen in dieser Welt. Solange wir dieser Liebe Wert beimessen, haben unsere Zuneigungen moralischen Wert. Und da Liebe eine Emotion ist die auf Zuneigung zu einer Person basiert, ist die Liebe in der Familie eine Liebe der Eltern zu den Kindern und der Kinder zu den Eltern. Diese Art Liebe dehnt sich auch auf die Besucher des Familienumfeldes aus. Dazu gehören Onkel, Tanten, Großeltern und die Freunde der Eltern. Damit kann sich Liebe immer auf mehrere Personen beziehen, woraus sich auch eine Liebe der Menschheit entwickeln kann.

Doch Liebe in der Familie ist nicht gleich Liebe in der Familie. Leider ist es oft eine gezwungene, zweckmäßige, von den Verhältnissen geforderte Liebe. All die Schwächen der Mitglieder einer Familie, insbesondere jene der Eltern - wo man doch Kleinkindern keine Schwächen beimessen kann - sind oft alles andere als liebevoll. Teils aus Angst vor Verlust oder aus unverarbeiteten Aggressionen gegen andere - etwas dass sich leider auch als Gewalt in der Familie äußert. Was dann als Liebe in der Familie bezeichnet wird, bedeutet reine Zweckmäßigkeit. Da wahre Liebe aber niemals einen Zweck erfüllen kann, kann sie unter solchen Umständen auch nicht entstehen. Leider wird das oft ignoriert oder vielleicht niemals als so etwas erkannt. Was Liebe eigentlich bedeutet, bleibt auch dann unklar, wenn ein Elternglied dominant ist, während das andere stets eine Nebenrolle einnimmt - ganz gleich ob selbst gewollt oder unfreiwillig. Aus solch unsicheren Konstellationen des Familienlebens, geht eine große Gefährdung aus. Nicht nur für die Nachkommen, sondern für die Zukunft eines ganzes Volkes! Wo Gewalt an Kindern und Missbrauch hingenommen werden, kann keine Grundlage für Liebe entstehen, sondern eher eine Brutstätte des Elends.

Familien sind niemals autonom, sondern immer von den Werten einer Gesellschaft abhängig. Den ersten Kontakt zu dieser Gesellschaft erhält ein Kind über die Familie. Dort wird ihm ein grundlegendes Weltbild vermittelt. Doch das daraus entstehende Denken und Handeln des Kindes, wird ganz wesentlich vom gesellschaftlichen Umfeld mitgeprägt.
Ganz gleich ob ein Kind nun also besonders geliebt oder ignoriert wird, übernimmt es wie selbstverständlich diese Prägungen in sein eigenes Verhalten. Hier entstehen Veranlagungen und Sichtweisen, wie mit Zuneigung und Ablehnung, Liebe und Missachtung umgegangen wird.

Die Familienstrukturen in unserer Gesellschaft haben sich immer wieder verändert. Ein einheitliche Familienmodell gibt es heute überhaupt nicht mehr, denn die Formen des Zusammenlebens sind vielfältiger geworden, die traditionelle Familie mit mehreren Kindern eher eine Ausnahme. Darum änderte sich auch die Art der Liebe unter Familienmitgliedern, die oft auch außerhalb der Familie gefunden wird.

Die Familie, Gemälde von Charles W. Hawthorne - ewigeweisheit.de

Die Familie - Gemälde von Charles W. Hawthorne.

Liebe unter Freunden

Freundschaft ist manchmal die stärkste Form der Zuneigung. Liebe zwischen Verwandten hat nur selten die Kraft, die in der Liebe zwischen guten Freunden besteht. Freundesliebe ist eine aufrichtigere Liebe. Sie ist die stärkste Verbindung die wir mit anderen Menschen haben können - stärker als jede Form der Brüderlichkeit.
Leider wird Freundschaft manchmal aber falsch verstanden und zwar dann, wenn wir Menschen für den Nutzen lieben, den sie uns liefern können und weniger dafür, was wir ihnen geben könnten.

Liebe zum Vaterland

Vaterlandsliebe oder Patriotismus waren mir immer fremd. Meine Vorfahren stammten aus Preußen, Mähren, Turkmenistan und Anatolien - alles Länder und Regionen, die heute entweder anders heißen oder von größeren Staaten einverleibt wurden. Und da ich selbst in Deutschland geboren und aufgewachsen bin, fühlte ich mich zwar immer als Deutscher - da ich ja in dieser Sprache denke und hier schreibe - doch einen Patriotismus konnte ich nie entwickeln. Vielleicht wäre es anders, trüge ich einen deutschen Namen.
Doch selbst wenn erklärtermaßen alle Einwohner Deutschlands einen deutschen Namen trügen, könnte Liebe zum Vaterland dennoch nicht genau definiert werden. Vielleicht ist es eine Ausnahme wenn die Fußball-Nationalelf tritt zur Meisterschaft antritt.

Alles was man mögen kann ist vielleicht die Struktur der Bevölkerung. Doch diese ändert sich ständig. In 50 Jahren bedeutet Vaterlandsliebe für die Deutschen vor allem Mitgefühl mit den Rentnern (um 2060 kommt auf einen Steuerzahler ungefähr ein Rentner).

Kulturelle Einflüsse anderer Staaten spielen auch eine wichtige Rolle. Das haben wir in der deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte gesehen. Die gesamte Kultur, was und wie man aß, wo Ferien verbracht, wie Feste gefeiert, welche Wörter für dies und jenes verwendet wurden: all das war in Ost- und Westdeutschland teils ganz verschieden. Selbst wenn die deutsche Wiedervereinigung mehr als 20 Jahre her ist, wird es noch mindestens zwei oder drei Generationen benötigen, bis sich die kulturellen Risse der Vergangenheit schließen und Deutschland zu einer gemeinsamen Kultur zusammengewachsen ist. Das wäre schön.

Vielleicht werden sich die Staatengefüge insofern aber immer weiter auflösen, da die Strukturen großer Konzerne den Menschen aufgezwungen werden (Stichwort Freihandelsabkommen). Weniger als Despotismus, als eine alltägliche, fast unmerkliche Steuerung menschlicher Emotionen durch das, was man als digitale Medien bezeichnet. Nehmen Sie einem Jugendlichen das Smartphone weg und verbieten sie ihm eine Woche WhatsApp und Facebook: seine Nationalität ist ihm dann wohl eher egal.
Noch vor 100 Jahren hätte sich niemand überlegen gefühlt, weil er im Besitz einer besonderen Technologie war. Das ist in unserer heutigen "Wer-Hat"-Mentalität ganz anders. Konzerne sind die gegenwärtigen Meinungsbildner. Nur wenige fühlen sich von ihrer Landesregierung repräsentiert.

Also: Liebe zum Vaterland? Was bedeutet "Vaterland"? Wäre es nicht Zeit das Mutterland wieder zu finden? Was ist mit der Muttersprache die wir lieben könnten oder der Sprache die in diesem Land gesprochen wird? All die Poeten und Denker, die in dieser Sprache geschrieben und gedichtet haben wie Goethe, Hölderlin, Rilke, Heidegger, Sloterdijk, ... - pflegten sie nicht auch eine Muttersprache?
Vaterlandsliebe ist gar nicht so einfach zu definieren.

Tierliebe

Haustiere tragen sehr viel zu unserer eigenen Integrität bei. In der Not sind sie für uns da. In der menschlichen Kulturentwicklung spielte vor allem der Hund eine wichtige Rolle. Dieser Verwandte von Wolf und Kojote, ist seit sehr langer Zeit des Menschen Freund. Er hat ihn in seiner Entwicklung begleitet, ihm Schutz, Liebe und Treue geschenkt. Man denke etwa an den Schäferhund, der die Herde beisammenhält und so in älterer Zeit einen ganz integralen Teil menschlichen Zusammenlebens darstellte. Es mag ein Zufall sein, dass der so bedeutende "Hundsstern" Sirius, überall auf der Nordhalbkugel kulturell verehrt wurde, doch was der Sirius in der astralen Welt darstellte, wurde der Hund für den Menschen auf der Erde.

Auch im Umgang mit Kindern, können Haustiere wie Hunde oder Katzen intuitiv eine wesentliche pädagogische Rolle einnehmen.
Eine der bekanntesten Legenden über dieses Verhältnis, finden wir in der Gründungssage der italienischen Stadt Rom. Die Stadtgründer Romulus und Remus wurden nach ihrer Geburt als Säuglinge ausgesetzt. Das Schreien der Kinder lockte eine Wölfin an, die sie in ihre Höhle brachte und dort säugte. Ein Specht brachte den Zwillingen zusätzliche Nahrung.

Die alten Ägypter verehrten die Katzengöttin Bastet als Symbol der Liebe.

Liebe zum Schönen

Die Liebe zur Schönheit ist vor allem die Liebe zur Kunst. Musik, Malerei, Bildhauerei, Tanz und Theater sind auf Ebene der Ästhetik alles Formen der Schönheit. Um die Liebe zu Gott und übernatürlichen Gesetzen auszudrücken, gab es in den Kulturen des Westes und Ostens immer Künstler, die die Manifestationen des Göttlichen in ihren Kreationen ausdrückten. Wie kaum eine andere, wurde die Göttin der Liebe als Inbegriff der Schönheit, in unzähligen Kunstwerken gezeigt. Mal heißt sie Aphrodite, ein andermal Venus oder Freya.
Liebe kann aber auch für Werte empfunden werden, die weder sichtbar noch definierbar sind.

Für all jene die in der Gesellschaft ihren Platz gefunden haben, ist Schönheit Gegenstand der Anziehung. Sie lieben das Schöne das sie im Leben umgibt. Es ist jedoch eine unpersönliche Art der Liebe, da sie sich ja auf etwas außerhalb von uns bezieht. Somit kann Liebe auch etwas Unpersönliches sein und bedarf keines persönlichen Objekts.
Zwar war in alter Zeit, verglichen mit heute, die ursprüngliche Auffassung von Schönheit nur sehr dürftig, es war den alten Menschen aber wichtig etwas schön zu finden das man erst erringen musste.

Natürlich ist auch Naturverehrung eine Form der Liebe zum Schönen. Wer die Natur und ihre Vorgänge verehrt, weiß ihre Gesetze und Formen zu würdigen. Maler (z. B. Caspar David Friedrich) haben das in ihren Gemälden, Musiker (z. B. Antonio Vivaldi) in ihren Kompositionen zum Ausdruck gebracht.

Liebe und Opferbereitschaft

Wir hatten oben ausführlich beschrieben, das die höchste Form der Zuneigung, die metaphysische Liebe Agape ist. Natürlich ist der christliche "Sohn Gottes", der brutal ans Kreuz geschlagen wird, das Symbol für das Opfer, dass er zur Vergebung der Sünden der Menschheit erbrachte.
Solch kosmisches Ereignis zeigt welcher Art Opfer es bedarf, um für die Menschheit den Misszustand der Ignoranz durch Liebe aufzuwiegen.

Das Opfer, das die Liebe bringt,
Es ist das teuerste von allen;
Doch wer sein Eigenstes bezwingt,
Dem ist das schönste Los gefallen.

- Johann Wolfgang von Goethe

Das Opfer und Liebe zusammengehören, werden sicherliche auch alle Liebes- und Ehepaare bestätigen. In der Liebe zwischen Partnern geht es nicht nur um den Ausgleich im Nehmen und Geben, sondern auch ums das erbrachte Opfer. Wenn aber ein Teil der Partnerschaft auf Dauer nichts dafür zurück bekommt, könnte er den Eindruck gewinnen nicht geliebt zu werden. Selbst wenn man alles für den neu gewonnenen Liebespartner tun könnte und auch würde: nach spätestens drei Monaten nimmt diese Opferbereitschaft langsam ab. Jetzt geht es um den Zweck einer Partnerschaft, die sich nicht allein auf körperlicher Ebene erhalten lässt. Auf Dauer muss darum ein Ausgleich kommen, sonst verliert die Beziehung ihre Motivation.
Sicherlich gibt es an meiner Stellungnahme viele Kritikpunkte und ich hoffe dass Sie diese äußern!

Quanyin - ewigeweisheit.de

Quanyin - die Göttin des Mitgefühls

Göttliche Verkörperungen des Mitgefühls

In Ostasien ist Quanyin (auch: "Kuan Yin" oder "Guanyin") Göttin des unendlichen Mitgefühls für alle Lebewesen. Sie ist die chinesische Variante des Boddhisattva Avalokiteshvara aus dem Mahayana-Buddhismus - dem gnadenvollen Buddha der von Gläubigen durch die Formel "Om Mani Padme Hung" angerufen wird.

Quanyin verschrieb ihre Existenz dem Dienst an der Menschheit. Solange sie nicht jedes andere Lebewesen erlösen und mit sich von dieser Welt nehmen konnte, solange konnten die lebenden Wesen nicht aus dem Kreislauf des Leidens erlöst werden. Wer darum im Sinne Quanyins handelt, der wird seinen Frieden anderen Menschen zu Liebe aufopfern. Eigentlich ist das der Punkt im dem wahre Liebe beginnt - auf der Ebene bedingungsloser Hingabe.

Wenn Liebe kommt, teilt sie uns mit was zu tun ist. Erfüllung und Glück finden wir im Dienste höherer Werte. Solange wir diese höheren Werte der Liebe nicht erfahren, verstehen wir auch nicht was Liebe wirklich bedeutet.

Eine andere wichtige Gestalt ist der erwartete große Weltlehrer Buddha Maitreya. Sein Name stammt aus dem Sanskrit (maitri) und steht für die universale Liebe, Güte und Freundschaft zu den Wesen des Seins.
Buddhistischen Quellen zufolge soll Maitreya um das Jahr 3.500 auf der Erde erscheinen. Dieses Datum entspricht in etwa dem Datum das auch Rudolf Steiner für den Beginn der sechsten nachatlantische Kulturepoche genannt hat. Dann soll das Böse zugrunde gerichtet und der Egoismus endgültig überwunden werden.

Buddha Maitreya - ewigeweisheit.de

Der in Fernost erwartete Buddha Maitreya

Auf Liebe beharren

Wenn es um das Konzept einer kosmischen Liebe geht, denken wir im Westen vielleicht an den Christus der sich in einem kosmischen Zusammenhang verkörpert. Was damit gemeint ist, darauf gibt uns das Johannes-Evangelium Auskunft:

Welcher nun bekennt, dass Jesus Gottes Sohn ist, in dem bleibt Gott und er in Gott. Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe (Agape), die Gott zu uns hat. Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Darin ist die Liebe völlig bei uns, dass wir eine Freudigkeit haben am Tage des Gerichts; denn gleichwie er ist, so sind auch wir in dieser Welt. Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die völlige Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht hat Pein. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht völlig in der Liebe. Lasset uns ihn lieben; denn er hat uns zuerst geliebt. So jemand spricht: "Ich liebe Gott", und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht? Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.

- 1. Johannes 4:15-21

Sollten wir uns also nicht durch Zuneigung und Liebe zu den Menschen führen lassen? Schließlich existieren wir alle wegen dieser einen Liebe. Nur befindet sich ihr Geheimnis jenseits unseres Verstehens.

Wir bringen Kinder auf die Welt um sie zu lieben, ihnen dabei zu helfen ihre Ziele zu erreichen, zu wachsen und ihre Bestimmung zu erfüllen. Kinder sind nicht unser Besitz, den wir unseren Wünschen gemäß formen. Unsere Kinder sind Menschen die es zu beschützen gilt, bevor wir sie hinaus gehen lassen in die Welt.
Wir entlassen unsere Kinder ins Leben zur Erfüllung ihres Selbst. Alles sollte darum getan werden, das ihr Leben so reich und vornehm wie möglich gestaltet wird, bevor sie sich auf ihre individuelle Lebensreise begeben.
Wenn aber diese wertvollen Eigenschaften von Mensch zu Mensch weitergegeben werden, warum wird das Wort Liebe dann so oft falsch verstanden?

Vielleicht überschattet der Eigennutz des modernen Menschen viele seiner Emotionen. Jeder versucht sich gegen jene zu schützen, die sich boshaft gegen ihn wenden. Er neigt dazu Übles mit Üblem zu vergelten. Wie soll so aber die Unfreundlichkeit gegenüber anderen jemals ein Ende nehmen?
Diesem Teufelsreislauf kann nur entrinnen, wer die Sicht auf die Dinge ändert und sich immer wieder fragt, wie er seine Emotionen besser kontrollieren kann.

Wichtig ist welche unserer Emotionen als Mittel zur Verständigung mit anderen dienen. Wer das herausgefunden hat, der wird die Bedeutung wahrer Zuneigung und Liebe erkennen.

Weiterlesen ...

Die 10 Sefiroth im Kabbala-Lebensbaum

In zweiunddreißig wunderbaren Pfaden der Weisheit zeichnete Jah, JHVH Zabaoth, der Herr der Heerscharen, der Gott Israels, der ewig lebendige Gott, gnädig, barmherzig und hoch erhaben, lebt er in der Höhe und bewohnt die Ewigkeit, sein Name ist heilig. Er erschuf sein Universum durch drei Zählprinzipien: Zahl, Zähler und Erzähltes.

– Sefer Yetzirah I:1

Der kabbalistische Lebensbaum, der Etz Chaim (hebr. עץ חיים), ist ein zentrales System der Kabbala und beschreibt die Emanationen der göttlichen Schöpfung, wie diese im Buch der Formgebung, dem Sefer Yetzirah (hebr. ספר יצירה), beschrieben werden.Kabbala Lebensbaum nach Selim Oezkan

Der Lebensbaum ist untergliedert in Dreierpaare, welche sich aus den zehn Urziffern, den Sefiroth (sing. Sefira) in bestimmter Weise gruppieren. Über kabbalistische Gesetzmäßigkeiten, die sich aus einem System von 22 Pfaden ergeben, sind diese 10 Urspähren der Sefiroth untereinander auf geheimnisvolle Weise verbunden. Hier gibt es einen direkten Zusammenhang zum hebräischen Alphabeth und den Karten des großen Arkanums im Tarot.

Das Urlicht, das Ayn Soph (oder En Sof), welches man auch als das unendliche, unbegrenzte, unsichtbare Licht Gottes begreifen könnte, fließt aus einer Welt, die man mit der platonischen Lehre von der Welt der Ideen vergleichen kann. Aus diesem, einem Chaos ähnelndem Zustand, entspringt die erste Motivation der Schöpfung Gottes, seine erste Bewegung, die durch seine Kontraktion und Expansion die 10 Sefiroth aus dem reinen Urlicht entstehen lässt. Diese 10 Sphären des Ur-Seienden entfalten sich in die vier Welten: Assia, die Welt der Handlung, Yetzirah, die Welt der Formung, Briah, die Welt der Kreation (oder Schöpfung), und der Welt Atziluth, die sich in einer übernatürlichen Dreiheit über den diesseitigen, darunterliegenden, seelisch-stofflichen Emanationen, gleich einem geistigen Baldachin schwebt, der mit den unteren Welten über die verborgene Sefirah Da'at verbunden ist.

Zwischen der reinen Bewusstheit und dem Unterbewusstsein, liegt im Baum des Lebens das Denken: links, in Sefira Hod, das analytische Denken, rechts davon in Sefira Netzach das kreative Denken.

Die oberste Sefira Kether, stellt hierbei die Anwesenheit Gottes in der Schöpfung dar, während die unterste Sefira Malkuth, die Materie beschreibt (die Erde, unseren Planeten). Zwischen diesen Beiden Entitäten, liegt das menschliche Bewusstsein, Sefira Tiferet. Zwischen dem Bewusstsein und dem Irdischen, liegt das Unterbewusstsein, welche der Sefira Yesod entspricht.

Die rechte Seite des Etz Chaim, beschreibt daraus folgend, das nehmende, weibliche Prinzip (man stelle sich dies natürlich umgekehrt im menschlichen Körper selbst vor: die linke Seite des Baums, entspricht der rechten Seite des menschlichen Körpers und umgekehrt), welches sich durch die Sefirah Chokmah manifestiert, das gebende, männliche Prinzip, auf der linken Seite, manifestiert durch die Sefira Binah.

Es gibt sieben irdische Sefirot (Malkuth, Yesod, Netzach, Hod, Tiferet, Geburah, Chesed) und drei himmlische oder göttliche Sefirot (Binah, Chokmah, Kether). Diese sind voneinander getrennt und werden über die Erkenntnis (Daat) überbrückt.

In meiner Veranschaulichung finden sich ausserdem, am Fuß der Illustration, die drei Säulen: die Härte (Binah, Geburah und Hod), die Milde (Kether, Tiferet, Yesod und Malkuth) und die Barmherzigkeit (Chokmah, Chesed und Netzach).

Links des Baumes versuche ich die sieben Ebenen dieser Entitäten des menschlichen Seins mit den Chakren aus der fernöstlich-indischen Tradition in Verbindung zu bringen.