Yoga

Kraft der heiligen Mantras

von S. Levent Oezkan

Om Tat Sat Mantra - ewigeweisheit.de

Ein spiritueller Trank für die durstige Seele: Das ist Japa-Yoga, wo man besondere Mantras wiederholt – entweder in Gedanken oder sprechend, als heilige Silbe, heiligen Namen oder heiligen Vers. Auf dem Weg zur Verwirklichung gleicht Japa einem geistigen Elixier, das den Übenden dem Göttlichen näher bringt.

Besonders in unserer heutigen Zeit, die sich, laut hinduistischer Kosmologie, im gegenwärtigen Kali-Yuga ereignet, dem »Zeitalter des Streites« (entsprechend »Eisernem Zeitalter« alt-griechischer Kosmologie), dient Japa-Yoga dem Übenden dabei aus sich selbst heraus Frieden zu finden.

An sich besteht Japa darin bestimmte Mantras zu wiederholen, die als »Nama«, dem Namen, und »Rupa«, dem heiligen Objekt unserer Vorstellung, untrennbar miteinander verbunden sind. Entsprechend sind Gedanke und Worte fest miteinander verbunden, wie ebenso Bilder im Geiste mit den konkreten Dingen unserer Welt.

Wann immer wir an den Namen denken, einer uns nahe stehenden Person, erscheint ihre Gestalt vor unserem geistigen Auge. Erscheint indessen dieser Mensch in unseren Gedanken, denken wir entsprechend an seinen Namen. Genauso ist es mit den heiligen Namen, die ein Yogi in seiner Japa-Praxis rezitiert (in Gedanken oder laut), wie etwa »Rama« (den göttlichen Namen der siebten Inkarnation Vishnus, des hinduistischer Gottes der Erhaltung der Welt) oder »Krishna« (der achten Inkarnation Vishnus, Wahrzeichen vervollkommneter göttlicher Hingabe).

Seit uralter Zeit des Alten Veda (Heilige Lehre der Hindus) standen die in den Mantras geheißenen göttlichen Namen für geistige Symbole höchster Göttlichkeit. Sie wurden den Weisen einst offenbart, in den innersten Lehren der göttlichen Gemeinschaft. Solche heiligen Symbole ermöglichen dem Japa-Yogi Zugang zu finden, zu den transzendentalen Bereichen absoluten Erfahrens. Dabei bildet Japa die exakte Wissenschaft spiritueller Praxis, in der sich jedes rezitierte Mantra aus den folgenden sechs Teilen zusammensetzt:

  1. Dem Rishi, das ist ein mystischer Weiser, der Selbstverwirklichung erlangte, da er derjenige war, dem ein besonderes Mantra zum ersten Mal offenbart wurde und durch den dieses Mantra entsprechend in die Welt kam.
  2. Chhandas bildet das Metrum eines Mantra, das den Tonfall der Stimme seines Sprechers vorgibt.
  3. Devata bildet die offenbarte Kraft, die in einem Mantra wirkt: Die dem Mantra vorsitzende Gottheit.
  4. Bija ist die Essenz eines Mantras und bildet dessen geistigen Keim. Das Bija stellt eine bedeutungsvolles Wort oder eine Reihe solcher Wörter dar, die einem Mantra seine besondere Kraft verleihen.
  5. Shakti ist die Energie die durch die Form (Schwingungsform, Klang) eines Mantras erzeugt wird und den Yogi zum Devata führt – zu seiner Schutzgottheit.
  6. Schließlich hat das Mantra einen Kilaka, dem Sanskrit-Wort für einen Stift oder Holzpfropfen. Symbolisch verschließt ein solcher, die in den Namen eines Mantra verborgene reine Essenz (Bija), die für das reine Bewusstsein eines spirituell Erwachten steht. Durch ständiges Wiederholen eines heiligen Namens, wird dieses darin liegende, verborgene reine Bewusstsein allmählich enthüllt.
  7. Der Chaitanya schließlich, bildet den zunächst verborgenen lebendigen Geist des Mantra. Sobald sich der »Stöpsel des Kilaka« durch ständige und anhaltende Wiederholung des Mantras allmählich löst, wird dieses verborgene Chaitanya enthüllt, so dass aus dem Übenden irgendwann ein Gottgeweihter wird, der da mit der Göttlichkeit (sanskr. »Ishtadevata«) zusammentrifft und die sich ihm hierbei zeigt (sanskr. »Darshana«).

Mantras: Klänge und Bilder

Klänge sind Schwingungen, die in der Luft eines Raumes bestimmte Formen bilden. Geht soch Klangform von einem rezitierten heiligen Namen aus, so glauben die Yogis, gestaltet sich dabei ein geheimnisvolles Schallgebilde, das die Kraft hat die Manifestation der Göttlichkeit herbeizuführen, sie darin quasi einzuladen.

Zitiert man demnach ein Mantra auf die richtige Weise (ein Mantra das einer bestimmten Gottheit zugeordnet ist), bilden die dabei erzeugten Schwingungen in höheren Ebenen des Bewusstseins für diesen Moment eine besondere Form, die eine Gottheit verkörpert. Durch Wiederholen des Panchakshara-Mantra – »Om Namah Shivaya« (deutsch: »Om Ehre dem Shiva«) – erzeugt ein Yogi damit also die Form des Gottes Shiva und mit »Om Namo Narayanaya« die Form des Gottes Vishnu.

Götter beten dass Vishnu sich auf Erden inkarnieren möge - ewigeweisheit.de

Die Götter beten, dass Vishnu sich auf Erden inkarnieren möge (Titelcover einer Mahabharata-Ausgabe von Ramanarayanadatta Astri).

Die Herrlichkeit der Göttlichen Namen

Von dem Gesagten ließe sich also schließen, dass ein gesungener oder bewusst rezitierter Name Gottes, eine tatsächlich fühlbare Wirkung zeigen kann. So wie es des Feuers natürliche Grundlage ist zu brennen, so birgt jeder göttliche Name die Kraft, einen Menschen, der sein Mantra singt, zu glückseliger Vereinigung mit der ihm entsprechenden göttlichen Herrlichkeit zu führen. Was dabei jedoch vor sich geht, ereignet sich jenseits allen intellektuellen Verstehens, jenseits aller Vernunft. Nur durch hingebungsvolles Üben als gläubiger Mensch, kann das heilige Wirken der göttlichen Namen letztendlich verwirklicht werden.

In jedem Wort steckt eine Shakti, eine spirituelle Kraft. Spricht einer über Negatives in Gegenwart eines Freundes, der gerade seine Mahlzeit einnimmt, so wird dieser das Ungute darin mitessen. Andererseits ist es ja so, dass wir, wenn wir an eine unserer Leibspeisen nur denken, uns bereits das Wasser im Munde zusammenläuft. Wenn darum die Namen der gewöhnlichen Dinge dieser Welt, eine solche Kraft in uns freizusetzen vermögen, welch ungeheure Energie haben dann erst die Namen Gottes!

Was wir als Gott bezeichnen, meint die Vollendung und Vollkommenheit aller Existenz, und entsprechend ist auch sein Name unübertrefflich und makellos. Somit liegt in den göttlichen Namen – ob es uns nun bewusst ist oder nicht – eine unermessliche Kraft. Drängt sich da nicht die Frage auf, ob einem echten Japa-Yogi dann überhaupt noch etwas bleibt, das unmöglich ist?

Es sollte aber nicht unerwähnt bleiben, dass die Mantras der heiligen Namen nicht etwa Menschen erfanden. Sie kommen aus der Geisteswelt des Himmlischen und wurden uns als Mittel gegeben, damit sich Gott selbst in unserem Leben verwirklichen will – wenn auch nur, wie bei allem im Leben, für eine gewisse Dauer.

Wenn der Name einer Sache in dieser Welt das Bewusstsein dieser Sache im Geist erzeugt, so erzeugt der Name Gottes das Gottesbewusstsein im gereinigten Geist, das heißt, dass dabei das gesungene, heilige Mantra zur direkten Ursache der Verwirklichung wird, von eben solch höchster göttlichen Vollkommenheit.

Die verschiedenen Formen des Japa

Unser Verstand braucht Abwechslung. Wenn wir darum Mantra-Rezitation üben, sollten wir solch Mantras mal nur verbal, einige Zeit auch mal nur flüsternd und ein andermal ebenso allein im Geiste wiederholen. Die Yogis sprechen da vom »Manasika-Japa«, der mentalen Mantra-Rezitation. Laute Japa sind »Vaikharis«, die hörbar rezitiert, alle weltlichen Geräusche auszublenden vermögen.

Flüsternde oder summende Wiederholung werden »Upamshu« genannt. Selbst wenn die Wiederholung eines Mantras mal rein »mechanisch« erfolgt, ohne besondere Bewusstheit dafür, reinigt es Herz und Geist mit seiner spirituellen Kraft. Die Wirkung dessen stellt sich zwar erst später ein, doch der Vorgang dieser spirituellen Reinigung erfährt jeder, der regelmäßig Japa übt.

Es gibt aber noch eine weitere Form des Japa: »Likhita«. Hierbei schreibt der Yogi ein besonderes Mantra in ein, allein dafür vorgesehenes Heft, mit einer bestimmten Anzahl an Wiederholungen. Wichtig dabei ist außerdem, dass der Übende dabei einen Vorsatz der Schweigsamkeit einhält – eine Art »spirituelles Schweigen«. Das sanksritische Wort dafür ist »Mauna«. Eigentlich ist Mauna für sich gesehen bereits eine yogische Übung. Japa-Yogis nehmen sich dafür jede Woche Zeit, in der eine Stunde, doch auch einen ganzen Tag lang geübt werden kann. Nicht zufällig begeben sich manche Menschen auf sogenannte Schweige-Retreats, wo sie sogar eine ganze Woche lang schweigen.

Wie dem auch sei, hilft uns der Yoga des Likhita-Japa dabei unsere Konzentrationsfähigkeit weiterzuentwickeln. Es ist jedoch nicht ganz einfach die Vorteile dieses Mantra-Schreibens zu erklären. Eher geht es um die Erfahrung die der übende Yogi dabei macht. Denn das Schreiben von Mantras hilft nicht nur dabei unser Herz und unseren Geist zu reinigen, sondern ist auch eine ganz einfache Geduldsübung. Doch was schon ist Geduld in unserer heutigen, schnelllebigen Lebensart, die nur wenige Menschen noch als echte Stärke erkennen.

Wer jedoch beständig diese Form des Japa übt, wird bald einen friedlichen Geist entwickeln, da er die einem Mantra innewohnende Kraft, die Mantra-Shakti erweckt. So jemand wird allmählich erfahren, wie Göttlichkeit sein ganzes Dasein erfüllt. Weniger relevant dabei ist, ob man nun in Sanskrit einen heiligen Namen oder das Mantra einer anderen Sprache schreibt, als eher die Praxis an sich. Jeder der schreiben kann, ist dazu im Stande.

Vishvamitra, ein alter Hindu-Weiser, in tiefer Meditation. Man sieht ihn vor einem kleinen Feuer Gebetsperlen zählen - ewigeweisheit.de

Vishvamitra, ein alter Hindu-Weiser, in tiefer Meditation. Man sieht ihn vor einem kleinen Feuer Gebetsperlen zählen (Gemälde von Raja Ravi Varma aus dem Jahre 1897).

Japa-Praxis mit dem Rosenkranz der Mala

Wenn wir einem spirituellen Lehrer der östlichen Traditionen folgen – das kein ein Buddhistischer Guru sein, ein Yogi des indischen Vedanta, vielleicht ein christlicher Mönch oder auch ein Sufi-Sheikh der mystischen Tradition im Islam –, dann haben wir von diesem vielleicht ein besonderes Mantra (oder einen Gottesnamen) erhalten. Mittels einer Mala (Gebetskette, Rosenkranz) wiederholen wir dann im Japa dieses Mantra zwischen 108 bis 1.080 Mal täglich (im Sufismus mittels einer Misbaha- Gebetskette entsprechend 99 oder 990 Mal täglich). Besser ist da immer nur ein Mantra zu halten und irgendwann dann ein anderes.

Das von unserem Meister erhaltene Mantra aber behalten wir immer für uns und geben es niemals an andere weiter.

Meister des Vedanta raten in der Morgendämmerung zu beginnen, in der »Stunde Brahmas« (sanskr. Brahma Muhurta: zwischen 03:30 Uhr und 06:30 Uhr morgens) bis zu zwei Stunden lang Japa zu machen. Auch die Zeit der Abenddämmerung eignet sich für Japa und Meditation. Diese Zeit nämlich regiert das sogenannte »Guna Sattva« (deutsch: Kraft der Reinheit). Es ist aber auch möglich Japa etwa mittags oder vor dem Schlafengehen zu machen.

Man dusche oder wasche sich zuvor aber Hände, Mund Gesicht und die Füße, um sich damit für das Japa vorzubereiten. Bevor man mit dem Japa beginnt, rezitiert man ein Gebet (der Tradition entsprechend). Es ist wichtig, bevor man mit Japa beginnt, kurz über die Bedeutung des rezitierten Mantras nachgesonnen zu haben.

Die Japa-Yogis schauen während ihrer Rezitation nach Osten (oder auch Norden), was die Wirksamkeit des Japa erhöhen soll. Sie setzten sich dabei auf einen kleinen Teppich oder eine Wolldecke, damit der Körper frei beweglich bleibt. Grundsätzlich gilt in der Japa-Praxis jedoch eine ruhige Haltung zu behalten. Am besten sitzt man dafür in einem separaten Meditationsraum oder an einen anderen geeigneten Ort, wie etwa in einem Tempel oder aber in der freien Natur, an einem schattigen Plätzchen. Wichtig ist, dass man nicht abgelenkt wird, wie etwa durch ein klingelndes Telefon, Töne eintreffender Nachrichten oder dergleichen.

Man lasse die Mala während des Japa nicht unterhalb des Nabels hängen, sondern halte die zählende Hand mit der Mala, in der Nähe des Herzens. Mittelfinger und Daumen der rechten Hand werden verwendet, um die Perlen der Mala zu rollen (der Zeigefinger unterstützt).

Yogis stellen sich beim Japa vor, als sei der Rosenkranz der Mala das physische Mittel, mit dem sie durch Bewegen einer Perle den Geist immer näher zum Göttlichen hindrängen. Wenn man sein Mantra wiederholt, stelle man sich vor, dass der Name Gottes im eigenen Herzen sitzt und das damit durch den Geist eine reinigende Kraft fließt, die das Herz reinigt, sowie alle Begierden und böse Gedanken zerstreut und damit schließlich auflöst.

Eine Zeit lang macht man Japa nur in Gedanken. Schweift der Geist jedoch ab, mache man für einige Zeit lautes oder geflüstertes Japa – doch kehre alsbald wieder zum mentalen Japa zurück. Während dieser Praxis ist es wichtig, zunächst den Rhythmus der Mantra-Rezitation mit der des Atems zu verbinden. Nach einiger Zeit des Übens dann, beginnt ein erfahrener Yogi den Rezitations-Rhythmus seinem Herzschlag anzugleichen (etwa vergleichbar mit der griechisch-orthodoxen Tradition der Hesychasten, die dem Herzrhythmus folgend das Kyrie Eleyson rezitieren).

Es ist wichtig, dass man nach dem Japa nicht sofort den Ort verlässt und sich unter Leute mischst oder sich gleich danach in weltliche Aktivitäten stürzt. Mindestens zehn Minuten lang sollte man ganz still sitzen bleiben, ein kleines Gebet summen, sich an Gott erinnern und dabei über seine Liebe zum Göttlichen nachsinnen.

Man verbeuge sich nach dem Japa, verlasse den Ort und nehme seine täglichen Pflichten wieder auf. So bleibt die spirituelle Verbindung mit dem Göttlichen erhalten. So kann man allmählich zu einer dauerhaften, spirituellen Freude finden.

Appendix

Viel zieierte Mantras der vedischen und buddhistischen Tradition:

  • Om
  • Om Namah Sivaya
  • Om Mani Padme Hum
  • Om Namo Bhagavate Vasudevaya
  • Om Namo Narayanaya
  • Om Tare Tuttare Ture Svaha
  • Mahamrityunjaya
  • Gayatri
  • Hare Krishna
  • Nam-myoho-renge-kyo
  • Sri Ram Jay Ram Jay Jay Ram
  • Swaminarayan

Titelbild: Das hier in Sanskrit geschriebene Mantra Om Tat Sat steht für das nicht-manifeste, absolute Sein.

Weiterlesen ...

Ischvara: Die Göttliche Persönlichkeit

Ischvara: Die Göttliche Persönlichkeit

Der Sanskritt-Begriff des Ischvara besitzt mehrere Bedeutungen, die im Hinduismus, je nach Zeitepoche für verschiedene Dinge stand. Immer aber war Ischvara der Name für eine Sache edelster Vollkommenheit und damit mal die Bezeichnung für den Obersten Gott, einen Gottkönig, aber gleichzeitig auch das Edelste im menschlichen Dasein, das was man einen persönlichen Gott nennen könnte.

Im klassischen Yoga des Patanjali steht Ischvara für eine spirituelle Inspiration, die jemand direkt und für sich von Gott empfängt. Damit ist die geistige Kraft des Absoluten gemeint, durch die das Selbst des Menschen mit Gott und allen anderen Selbsten verbunden ist. In Patanjalis Yogasutras taucht der Begriff Ischvara in elf Versen auf, worin er, könnte man sagen, aus verschiedenen Perspektiven seine Bedeutung hergeleitet (in den Kapiteln I und II). 

Seiner Herkunft nach setzt sich das Wort Ischvara zusammen aus "ish", was auf eine übergeordnete, herrschende und vollkommene Eigenschaft hindeutet, während der zweite Teil des Namens, "vara", für das Gesegnete steht, etwas dass man allem anderen vorzieht, etwa wegen seiner Schönheit und dem Sehnen danach für was es steht.

Alte Sanskrit-Texte bezeichnen Ischvara mit Wörtern wie "Gott vollkommener Weisheit", "Höchstes Wesen" oder "Höchste Seele". Es ist sozusagen ein spiritueller Hoheitstitel, der den Veden aber noch nicht bekannt war. Gelehrte des Hinduismus versuchten den Begriff also verschieden zu deuten.

Manchmal ist, wie etwa bei Patanjali, bei der Definition des Wortes Ischvara auch ein "persönlicher Gott" oder ein "spezielles Selbst" des Menschen gemeint, womit all das bezeichnet wird, was für ein Individuum eine spirituelle Bedeutung hat.

Yoga-Sutras des Patanjali - Einführung

Yoga-Sutras des Patanjali - Einführung

Die Yoga-Sutras sind das philosophische Werk eines Weisen, den manche den Vater des Yoga nennen: Patanjali. Zumindest im Westen, gehört er zu den bekanntesten Yogameistern vedischer Klassik.

Patanjali verfasste in seinem Werk einen Leitfaden für Weisheitssuchende. Die darin enthaltenen Sutras sind Aphorismen, die sich zwar aus nur wenigen Worten zusammensetzen, doch ganz essentielle Weisheiten beinhalten, was ihr lebensbejahender, universaler Kontext bestätigt. Die Sutras sind aber keine festgeschriebenen Gesetze, sondern bieten einem Yoga-Lehrer genügend Spielraum, um aus ihnen für seine Schüler eine verständliche Botschaft zu entwickeln.

Als Patanjali die Yoga-Sutras zusammenstellte, erschuf er damit kein vollkommen neues Werk. Eher fasste er viel ältere Weisheiten zusammen und ordnete sie in prägnanter, eingehender Form. Manche vermuten dass die Yoga-Sutras bereits seit dem 4. Jhd. v. Chr. existieren. Archäologische Funde, sowie Erwähnungen in anderen Texten, verweisen jedoch auf eine Sutra-Praxis die bereis 3000 v. Chr. geübt wurde. Die Tradition der mündlich überlieferten Yoga-Praktiken, soll aber sogar noch viel älter sein!

Die Yoga-Sutras des Patanjali besitzen im Original oft keine vollkommene Satzstruktur, sondern sind Aneinanderreihungen von Worten essentieller Bedeutung. Für diese Art der schriftlichen Niederlegung gibt es natürlich einen Grund: als man die Sutras dichtete, gab es noch kein Schrifttum. Das bedeutet, dass das ganze Werk auswendig gelernt wurde. In dieser Tradition standen unzählige Generationen, auch lange bevor man die Weisheiten der Vedas niederschrieb.

Noch wichtiger für die vermeintliche "Unvollständigkeit" ihrer geschriebenen Grammatik aber, war der Wunsch des Verfassers, dass sie ihrem Sinn gemäß ausweitbar blieben und damit auf verschiedene Weisen erklärt werden konnten. Das scheint der Grund zu sein, wieso sich die Übersetzungen dieses heiligen Textes oft stark voneinander unterscheiden. Nie aber widersprechen sich ihre Aussagen. Vielmehr beleuchten sie die von Patanjali konzentrierten Weisheiten, jede auf ihre Weise. Was bei der Interpretation der Yoga-Sutras aber zum Vorschein kommt, lässt dem Leser genügend Spielraum, sich dem Wesenkern ihrer Weisheiten zu nähern.

Der legendäre Patanjali

Die spirituellen Anweisungen und Meditationstechniken der Yoga-Sutras, helfen einem Menschen tiefe Erkenntnisse über das Sein, das Selbst (Atman) und Gott (Brahman) zu gewinnen. Patanjali formulierte die Weisheiten der Yoga-Sutras so, dass sie seine Zeitgenossen verstehen konnten.

Doch wer waren seine Zeitgenossen und wer eigentlich war Patanjali?

Über den alten Weisen ist fast nichts bekannt. Laut einer Legende ist er die Inkarnation Vishnus in Form der göttlichen Schlange Ananta, einem kosmischen Reptil, dass die Welt umkreist. Seine Mutter, Gonika, war laut einer Legende eine Asketin. In ihrer Einsiedelei aber lebte sie allein. Dort betete sie einst zum Sonnengott Surya. Sie wünschte sich von ihm einen Schüler zu bekommen, den sie in die Mysterien ihres Glaubens einweihen konnte. Da fiel eine Schlange vom Himmel, der Gonika direkt in die Hände. Bald verwandelte sich das Reptil in einen kleinen Jungen, der darum bat, ihr Schüler sein zu dürfen. So kam Patanjali zu seinem Namen: sanskr. pat "herunterfallen", anjali "Gebetshaltung“.

Auch wenn Patanjali als Urahne aller Yogalehrer gilt, ist diese Praxis nicht seine Erfindung. Man findet Beschreibungen des Wortes Yoga, bereits in den Veden oder den esoterischen Upanischaden. Die Yoga-Lehren sind bereits so alt, das niemand genau weis, ob sie nicht sogar aus der Urgeschichte der Menschheit stammten.

Yoga ist die Kontrolle über die Denkbewegungen des Geistes.

- Yoga-Sutra 1:2

Für Patanjali ist Yoga die Fähigkeit den Geist ausschließlich auf einen Gegenstand oder Gedanken auszurichten, und diese ausgerichtete Beobachtung auszudehnen, frei von Ablenkung und Störungen. Solange dieser Zustand nicht vollkommen verwirklicht wurde, so die Yoga-Sutras, kann sich der Mensch nicht vollständig befreien.

Erst wenn es dem Yogi gelungen ist, sich aus den Fesseln der Unwissenheit zu lösen, kann er sich schließlich mit dem universalen Prinzip der Einheit, mit Gott verbinden.

Die acht Glieder des Yoga

Die acht Glieder des Yoga

Moderne westliche Medizin verfolgt hauptsächlich die rasche Rehabilitation eines Menschen, damit er so schnell wie möglich wieder als Arbeiter oder Angestellter eingesetzt werden kann. Das erfüllt durchaus seinen Zweck und ihm soll hier auch nicht der Sinn abgesprochen werden. Die Vorstellungen von Zeit, sind damit aber ganz anders geartet, als bei den Indern, auch wenn heute der westliche Einfluss, dort immer deutlichere Züge annimmt.

Um das eigene Leben zum Guten zu führen und die Chakras zu harmonisieren, kann man sich auf den sogenannten achtgliedrigen Yoga-Pfad begeben. Er führt zu mehr Ruhe, Gelassenheit, harmonisiert die Chakras und verbessert den Zustand der körperlich-psychischen Gesamtkonstitution. Letztendlich führt dieser Weg zur vollkommenen Klärung des Geistes und zur vollständigen Befreiung von Ärger, Sorgen, Wut und Angst. Denn ein ruhiger, klarer Geist ist Voraussetzung für seelisches und körperliches Wohlbefinden.

Der Weg des Yoga ist lang, führt aber, wenn man ihn geduldig geht, zu Gesundheit, Heilung und schließlich zu Erleuchtung – so der große Patanjali, Autor der Yoga-Sutras. Dieser indische Heilige bietet in seinen Sutras Hilfe zur Überwindung von Lebenshindernissen (Kleshas), die letztendlich zu Leid führen. Patanjali spricht von einem praktischen Weg (Kriya-Yoga) und einem königlichen Weg (Raja-Yoga). Diese beiden Wege beschreitet ein Yogi im Umgang mit dem Selbst, dem Atem, dem Körper und den Sinneswahrnehmungen aus seiner Umwelt. Wer diese fünf unteren Yoga-Übungen des praktischen Weges gemeistert hat, kann sich auf den geistigen Weg begeben. Damit übt er Konzentration, Meditation und die höchste, innere Befreiung seines Geistes.

Schlangenkraft Kundalini: Urenergie des Universums

von Johan von Kirschner

Kundalini - ewigeweisheit.de

Im Hinduismus stehen die drei Gottheiten Brahma, Vishnu und Shiva, auf Sanskrit Trimurti, für die drei Formen des Ursprungs der göttlichen Wirkungen in der Einheit aller Welten. Somit sind die Trimurti also nicht getrennt voneinander existierende Gottheiten, sondern drei Aspekte von sich gegenseitig, ergänzenden, göttlichen Prinzipien:

Brahma ist der schöpferische Aspekt.
Vishnu der erhaltende und verwandelnde Aspekt.
Shiva der zerstörende, jedoch erlösende Aspekt.

Brahma steht für den Neubeginn, nachdem Shiva den dunklen Geist der Unwissenheit zerstört hat. Vishnu repräsentiert die zwischen beiden bestehende Harmonie und Gutmütigkeit Gottes, die für eine gewisse Zeit besteht. Diesen drei Prinzipien begegnen wir erneut, in den Kapiteln über die Chakras.

Die Urenergie des Universums

Im Hinduismus ist Shakti die weibliche, aktive Urenergie im Universum. Sie repräsentiert Macht und Kraft, als weiblicher Gegenpart der männlichen Trimurti. Auch sie erscheint in drei Formen:

  1. Als Gattin des Brahma nennt man sie Sarasvati, die Mutter der Künste und der Wissenschaften.
  2. Als Gattin Vishnus ist die Lakshmi, Göttin des Glücks und der Reichtümer.
  3. Die Shakti des Shiva ist Parvati, die entweder als sanfte oder kriegerische Göttin auftritt.

Gemeinsam mit Prakriti, dem Urstoff (Urmaterie) und Maya, den Illusionen des Vergänglichen, bildet Shakti die drei Urkräfte des Universums. In jedem Chakra wirken diese Aspekte von Gottheit und Urenergie (Shakti).

Shakti-Energie ist jedoch keine materielle Kraft wie Elektrizität, Magnetismus, keine zentripetale oder zentrifugale Kraft. Sie ist vielmehr etwas Geistiges, das den gesamten Kosmos durchdringt, sich jedoch als physische Kraft manifestieren kann.

Energiekanäle des Ätherkörpers

Wir hatten oben gesagt, dass der physische und der ätherischer Körper, ineinander bestehen. So wie im physischen Leib, durch Nervenbahnen, Lymphgefäße und Blutgefäße, Energie, Körpersäfte und Blut fließen, so wird ätherische Energie durch die sogenannten Nadis transportiert.

Im ätherischen Körper gibt es zwei Hauptströme, die im Körper zirkulieren:

  • Rechts der Wirbelsäule der Sonnenstrom Ha.
  • Links der Wirbelsäule der Mondstrom Tha.

Daher stammt der Begriff »Hatha-Yoga«, einer Form des Yoga mit dem Ziel, Gleichgewicht zwischen Körper, Seele und Geist herzustellen. Dies geschieht durch das Einnehmen besonderer Körperhaltungen (Asanas) und dem bewussten Atmen (Pranayama). Die meisten Menschen setzen die Bezeichnung des Hatha-Yoga mit dem Begriff des Yoga gleich. Yoga an sich ist aber weit mehr als nur die Praxis bestimmter Körperübungen. Es ist ein Weg der Befreiung.

Yoga ist die Kontrolle über die Denkbewegungen des
Geistes. Damit verweilt der Mensch in seiner wahren Wesensnatur. Wenn sich der Mensch nicht im Yoga- Zustand befindet, identifiziert er sich mit den
Denkbewegungen seines Geistes.

– Yoga Sutras 1:2-4

In diesem Yoga-Zustand, wo Geist, Emotionen und Körper, vom Meditierenden kontrolliert werden, sind die Energieflüsse in den Nadis gleichmäßig und ausgewogen.

Im Yoga-System unterscheidet man drei Haupt-Energiekanäle, die mit drei feinstofflichen Pforten des Körpers verbunden sind.

Ida-Nadi

Ida, ist kühl und gleicht dem blassen Glanz des Mondlichts. Hier fließt Lebensenergie durch das linke Nasenloch in den Körper ein. Dieser Nadi ist weiblicher Natur, durch den lebensspendende, feinstofflich-wässrige Energie fließt.

Pingala-Nadi

Pingala, ist heiß, dem Strahlen der Sonne gleich und fließt durch das rechte Nasenloch in den Körper ein. Dieser Nadi ist männlicher Natur, durch den auflösende, feinstofflich-feurige Energie fließt.

Shushumna-Nadi

Shushumna ist der zentrale Nadi, der sich parallel zum Rückenmark-Kanal des physischen Körpers befindet. Das Energietor dieses Nadis öffnet sich an der Stelle, wo sich die noch offene Fontanelle befindet, im Schädeldach des Neugeborenen. Beim Erwachsenen ist diese Stelle im Normalfall geschlossen.

Shushumna hat seinen Ursprung im Wurzelchakra (Muldahara) und steigt entlang des Rückenmarkkanals durch den Körper auf, um sich ins Kronenchakra (Sahasrara) zu öffnen.

Lebensenergie

Prana bedeutet wörtlich »Lebensatem« und ist ein untrennbarer Teil der kosmischen Energie Shakti, durch die das Weltall geschaffen wurde. Atmen heißt Leben und so ist Prana an sich ein Synonym für die Lebenskraft oder Lebensenergie. Es entspricht dem Qi oder Chi (auch: Ki) der Traditionellen Chinesischen Medizin. Diese Lebensenergie ist Teil der Materie, auch wenn sie nicht für jeden Menschen direkt wahrnehmbar ist. Durch die richtige Yoga-Praxis, kann ein Mensch ein Gespür für diese Energie entwickeln.

Verschiedene Aspekte annehmend, zirkuliert Prana im Körper durch die oben beschriebenen Nadis Ida, Pingala und Shushumna, sowie durch ihre Nebenäste (im klassischen Hatha Yoga Pradipika ist die Rede von 72.000 Nadis). Prana ist die darin aufsteigende Lebensenergie. Absteigendes Prana nennt man Apana. Beide, Prana und Apana, strömen beim Ein- und Ausatmen durch die beiden Nasenlöcher. Sind Prana und Apana im Gleichgewicht, ist ein Mensch gesund.

Für den Menschen ist dieses Strömen jedoch nicht spürbar, da er vom ersten Augenblick seines Lebens daran gewöhnt ist.

Biologische Aspekte des Prana

Der Fluss von Prana und Apana bewirkt den Stoffwechsel und die Erzeugung von Wärme im menschlichen Körper. Auf physisch-biologischer Ebene, lässt sich der Prana-Fluss mit dem Atmungsvorgang vergleichen. So entspricht Prana der eingeatmeten Luft, während Apana der ausgeatmeten Luft entspricht.

Unsere eingeatmete Atemluft (Prana) besteht aus ungefähr 21% Sauerstoff, 78% Stickstoff und 1% anderen Gasen (überwiegend das Edelgas Argon). Die ausgeatmete Luft enthält dann nur noch etwa 17% Sauerstoff, jedoch ungefähr 4% Kohlendioxid (Kohlensäure). Dieses Gas entsteht bei der Oxidation des im Blut gelösten Traubenzuckers (Glukose). Diese Substanz wird bei der Verdauung aus den aufgenommenen Kohlenhydraten erzeugt und zirkuliert als Energieträger im Blutkreislauf. Beim Einatmen »verbrennt« dieser Zucker in den Lungen, was die lebensnotwendige Körperwärme erzeugt.

So also stehen Prana und Apana in Zusammenhang mit dem Stoffwechsel im menschlichen Körper.

Doch Prana ist mehr als nur Luft. Die Sonne strahlt ununterbrochen eine enorme Menge an pranischer Energie auf die Erde aus. Darum sind, im Bereich der feinstofflichen Wirkungen, Sonnenfinsternisse besondere Ereignisse. Dann nämlich ist die Erde, wenn auch nur kurz, vom solaren Prana-Strom abgeschnitten.

Die andere kosmische Prana-Quelle für die Erde ist der Mond. Auch Planeten und Sterne beleben die Erde mit pranischer Energie. Jede dieser kosmischen Kraftwirkungen, übt auf den menschlichen Energiehaushalt seine besondere Wirkung aus. Ohne Prana gibt es kein Leben auf der Erde.

Die Kundalini

Zentrales Wesen des esoterischen Yoga-Systems ist die Kundalini. Sie ist die verkörperte Urenergie des Weltalls und ist vom Prinzip her identisch mit der bereits erwähnten Shakti. So wie die Shakti die kosmische Energie des Kosmos darstellt, stellt die Kundalini, die ja ein Teil dieser Shakti ist, die geistig-kosmische Energie im menschlichen Körper dar.

Kundalini nennt man die Schlangenkraft; daher auch ihr Name: »Die Aufgerollte«. In den Yoga-Lehren heißt es, die Kundalini sei in dreieinhalb Windungen am unteren Ende der Wirbelsäule aufgerollt. Die drei Windungen entsprechen den drei Gunas – den Qualitäten der Materie: Sattva (Reinheit), Rajas (Bewegung) und Tamas (Trägheit). Jene halbe Schwanz-Windung bleibt in der Urmaterie Prakriti verwurzelt. Ist die Kundalini-Schlange aufgerollt, schläft sie im Wurzelchakra des Ätherkörpers.

Diese geheimnisvolle Kundalini-Schlange ruht am Beginn des Shushumna Nadi, am untersten Punkt der Wirbelsäule. Wird die Kundalini erweckt, soll sie einen zischenden Laut von sich geben, man sagt, so als hätte man sie mit einem Stock geschlagen. Dann steigt sie entlang des Shushumna-Nadi auf, dem zentralen Energie-Kanal, und durchläuft dabei alle Chakras. Wer die Kundalini langsam zu erwecken vermag, dem verleiht sie Glückseligkeit und Weisheit.

Prana, das in unserem Körper fließt, ist ein Aspekt der Kundalini. Der natürliche Egoismus, der Intellekt, die Sinneswahrnehmungen und das Bewusstsein, bilden, zusammen mit den fünf Tattvas (Elementen), Produkte der Kundalini. Wenn nun die göttliche Kraft der Kundalini, auf das Prana in den Nadis wirkt, bringt sie einen mystischen Klang hervor. In umgekehrter Weise kommt es zum Mitschwingen der Kundalini-Energie, wenn bestimmte Klänge im Körper erzeugt werden. Das sind die sogenannten Mantras (sanskritisch für »Lied« oder »Hymne«). Mit dem Singen oder Wiederholen besonderer, den Chakras eigenen Mantras, beginnt die Kundalini den Shushumna-Nadi aufzusteigen. Da kommt einem das Bild des indischen Schlangenbeschwörers, der durch die Melodien seiner Klarinette, die Kobra aus ihrem Korb lockt, bis sie sich vollständig aufgerichtet hat.

Ist die Kundalini erweckt, wird ihre Vibration in allen Teilen des Körpers wirksam. Daher rühren auch die mystischen Erfahrungen, die Gläubige in Ost und West in besonderen Gottesdiensten machen, wie etwa die Sufis bei ihrem Dhikr – dem Wiederholen der heiligen Namen Allahs.

Kundalini und Prana hängen direkt zusammen. Ihr Zusammenspiel wirkt auf die Nadis und damit auf die Chakras. So können die Wirkungen bestimmter Mantras sich bis in jede Körperzelle fortpflanzen. Von dort aus können sie, etwa bei einem kranken Menschen, Heilprozesse in Gang setzen, die sich auf alle umliegenden Körperzellen hin ausbreiten.

Die Kundalini eines Menschen existiert also in zwei Zuständen: schlafend und erwacht, ist statisch und dynamisch. Durch richtiges, bewusstes Atmen steuern wir ihre Funktion.

Erweckung der Kundalini

Für die meisten modernen Menschen ist der Geist etwas, das ausschließlich von der Aktivität der Gehirnzellen ausgeht. Wahrscheinlicher aber, sind die Bewegungen unseres Geistes von jenem feinstofflichen Lebenselement abhängig, dass wir oben als Prana definiert haben. Prana existiert überall im Kosmos: in unserer Galaxie ebenso, wie im Sonnensystem. Es fließt durch die Erde und durch jede Zelle eines lebenden Organismus. Es zirkuliert im menschlichen Körper als anregende, belebende Kraft. So ist Prana Nahrung für die Geistesbewegungen, wie auch für die feinstofflichen Ströme die in den Nadis, Adern und Nervenbahnen fließen.

Im Gegensatz zu unserem Körper, erfährt das Gehirn in unserem gesamten Leben keine nennenswerten Veränderungen. Anders aber, sobald die Kundalini erwacht. Damit beginnt eine Verwandlung des gesamten Nervensystems, von dem das Gehirn ja einen ganz wesentlichen Teil bildet.

Das Erwecken der Kundalini bewirkt einen bemerkenswerten Einfluss auf das Bewusstsein eines Menschen. Dann kommt es zu einem gesteigerten Fluss von Prana im zerebralen Bereich. Mit der Wirkung dieses neuen Lebensstroms, genannt Kundalini-Kraft, kommt es auch zu einem erhöhten Fluss von Blut im Schädelbereich. Natürlich hat das entsprechende Effekte.

Das Nervensystem eines Menschen, das noch keine hohe Reife der Entwicklung erreicht hat, kann durch Aktivierung des Kundalini-Stroms gereizt werden. Hierbei stellen sich unter anderem verwirrende Nebeneffekte ein, die zu Erregung führen können. Auch Fälle von Wahnvorstellungen sind schon aufgetreten, die in Extremfällen sogar in Ohnmacht oder Lähmungserscheinungen endeten. Je nach Entwicklungsgrad, körperlicher Beschaffenheit und Temperament eines Menschen, muss das Erwachen der Kundalini darum unbedingt langsam erfolgen.

Bevor wir damit beginnen unsere Kundalini zu aktivieren, sollten wir uns entsprechend vorbereiten. Entsagung von Wünschen und Begierden, wie in jeder anderen spirituellen Praxis auch, bildet die Grundlage, im Umgang mit dieser höchst kraftvollen Energie. Letztendlich aber erwacht die Kundalini-Kraft nur, wenn sich ein Mensch über seine Begierde, seine negativen Gefühle wie Zorn und Stolz erhebt und sich dadurch aus den Täuschungen des Geistes befreit.

Voraussetzung für den Erfolg der Kundalini-Erweckung ist also Reinheit im Denken, Wollen und Handeln. Doch es ist auch nicht damit getan, nur einmal, sozusagen »zum Test«, zu versuchen die Kundalini-Kraft zu erwecken. Regelmäßiges Üben ist wichtig, denn das Erwecken dieser Kraft schafft viele Begierden die man unter Kontrolle bringen muss. Wer nicht rein ist, wird diesen Begierden nicht widerstehen können – die Arbeit an Körper und Seele, wäre dann aber überflüssig.

Durch diszipliniertes Üben kann der Yogi die Kundalini allmählich erwecken, so dass sie beginnt sich zu entrollen und entlang des Rückenmark-Kanals aufzusteigen. Leider gibt es aber Törichte, die glauben bereits erleuchtet zu sein und sich aus Irrtum eine bestimmte Methode aussuchen, gleichzeitig aber auf andere wichtige Übungen verzichten. Sobald so einer bei seinen Übungen in Schwierigkeit gerät, gibt er schnell auf.

Meisterschaft erlangt, wer geduldig übt.

Wem gelingt, die Vereinigung der Kundalini-Shakti-Energie aus dem Wurzelchakra (Muladhara) mit der Shiva-Energie im Kronenchakra (Sahasrara) zu erzielen, der hat den Zustand des Samadhi erreicht – jenen Bewusstseinszustand, der über Wachen, Träumen und Tiefschlaf hinausgeht: die achte und höchste Stufe des Yoga-Weges. Doch bereits auf dem Weg dorthin, öffnen sich die Chakra-Lotusse dem feinstofflichen Pranalicht. Es ist so, dass sich die drei oberen Stufen des Yogaweges – Dharana, Dhyana und Samadhi – ab einem gewissen Grad der Fortschritts, von alleine einstellen und die Kundalini dann ganz aufgerichtet werden kann.

Leider aber, und es muss nochmal darauf hingewiesen werden, missverstehen viele das Erwachen der Kundalini. Solange diese geheimnisvolle Schlange dort im Wurzelchakra (Muladhara) ruht, ist sich der Mensch seiner Umgebung noch vollkommen bewusst. Wenn die Kundalini jedoch erwacht ist, verschwindet das Selbstsein in dieser Welt und man löst sich, aus dem reinen Körperbewusstsein. Mit dem Steigen der Kundalini, von Stufe zu Stufe, erlangt der Yogi wahre Bewusstseinserweiterung. Dabei entwickelt er geistige Kräfte, die weit hinausgehen über physiologische Wahrnehmung und Denkmechanismen. Im Zustand des Samadhi, wird er Herr über die fünf Elemente (Tattvas) und betritt den Raum wahrer Weisheit.

Hat man innerliche und äußerliche Reinheit hergestellt, kann, durch eine Visualisierung im Dharana (siehe oben), die Kundalini-Kraft im Körper aktiviert werden.

Kundalini-Visualisation

Für den Anfang ist es wichtig, sich die Chakra-Yantras lange anzusehen, damit man sich ihre Bilder entsprechend visualisieren kann. Man kann zu Beginn der Meditation auch eines der Chakra-Yantras auswählen, was die Visualisierung vereinfacht.

1. Schließe die Augen und Atme ruhig.

2. Stelle Dir die Kundalini vor, wie sie im Muladhara mit geschlossenen Augen, als aufgerollte Schlange schläft.

3. Langsam öffnet Kundalini ihre Augen – wacht auf – der Pranastrom im Muladhara, im Wurzelchakra beginnt ganz langsam nach oben zu steigen.

4. Pranastrom und Kundalini sind eins. Sie steigen gemeinsam entlang des Shushumna-Nadi, im innern der Wirbelsäule, ganz allmäglich nach oben – Chakra für Chakra.

5. Während die leuchtende Kundalini langsam aufsteigt, passiert der Pranastrom die farbigen Chakra-Lotusse. Davon berührt, beginnen sich die Blätter der Lotusse zu öffnen, so wie die Blüte einer Blume, die ganz gemächlich ihre Blätter im Morgenlicht entfaltet.

6. Nun sieht man das innere der Chakra-Blüte: das Chakra-Yantra, das Chakra-Tier, die Chakra-Gottheit.

7. Nachdem das Aufsteigen der Kundalini erfolgt ist und ihr Kopf sich über das Sahasrara-Chakra wölbt, erleuchtet sie das Gehirn mit einem hellen Strahlen.

8. Jetzt ist die Kundalini ganz aufgerichtet: ihr Schwanz am unteren Ende der Wirbelsäule, ihre Nasenspitze berührt die Schädeldecke und man spürt, wie aus dem Inneren des Kopfes ein Strahlen ausgeht, entlang der Wirbelsäule und durch den ganzen Körper, der in den Regenbogenfarben erstrahlt. Dieses Strahlen pulsiert ganz leicht im Rhythmus des Atems.

9. Nun tritt Kundalini ihren Rückweg an. Während sie die Chakra-Lotusse nach unten passiert, schließen sich deren Blütenblütter wieder.

10. Kundalini findet zur Ruhe in ihrer Wohnung des Muladhara, im Wurzelchakra, rollt sich dort wieder auf. Nun ruht sie dort in der finsteren Tiefe des Körpers, in dreieinhalb Windungen, schließt ihre Augen und schäft.

Entfaltung der Chakra-Zentren

Durch die zu voller Tätigkeit entfalteten Chakras, wird die von ihnen ausgehende, ätherische Energie dem physischen Körperbewusstsein übermittelt. Damit lassen sich Entspannung und Heilung erzielen.

Wenn wir uns die Chakras visualisieren, schaffen wir uns innere Geistesbilder von Lotus, Yantra, Tier und Gottheit des Chakras. Das kann ergänzend zur Kundalini-Meditation durchgeführt werden. Wenn man das Auf- und Absteigen der Kundalini übt, visualisiert man sich im Dharana (siehe letztes Kapitel) die oben genannten Geistesbilder zu den sieben Chakras. Wer in der Lage ist, die Kundalini-Visualisierung ohne Bild-Vorlage, vollständig durchzuführen, ist zu hoher Meisterschaft gelangt.

Chakra-Meditation

Man kann sich für jedes Chakra eine individuelle Meditations- und Konzentrationsübung selbst zusammenstellen. Für die Meditation verwendet man dazu die Eigenschaften, die in den Kapiteln zu den Chakras erläutert wurden. Im Anhang dieses Buches finden sich außerdem Angaben über Kraftpflanzen. Auch Edelsteine und Mineralien, die über längere Zeit getragen werden, können die Chakra-Arbeit unterstützen und zu einer Harmonisierung der Chakras beitragen.

1. Bereite Dich auf die Meditation vor, indem Du eine kurze, zwei-minütige Sitz-Meditation durchführst.

2. Nun kannst Du einen besonderen Duft zur Aktivierung der Chakras auftragen oder aus einer Duftlampe verströmen lassen.

3. Mit geschlossenen Augen, stellst Du Dir dann zuerst die mit dem Chakra assoziierte(n) Farbe(n) vor.

4. Jetzt kannst Du Dir ein Chakra-Yantra nehmen und die darin abgebildeten Details ansehen und danach visualisieren. Du stellst Dir vor, wie sich die Blütenblätter des Chakras öffnen. Innerhalb der Chakra-Blume siehst Du vor Deinem inneren Auge die geometrische Form des Chakras.

5. Nun denke an die Gottheit(en) dieses Chakras und was sie in ihren Händen an Attributen trägt und was deren Eigenschaften sind.

6. Die Chakra-Meditation endet mit dem Wiederholen der Chakra-Mantras. Die Anzahl der Wiederholungen sind die Vielfachen der Nadis eines Chakras (entspricht der Zahl der Blütenblätter; so könnte bei der Meditation auf das Sakralchakra, das Mantra 6mal, 12mal, 18mal oder 24mal wiederholt werden, bei der Meditation auf das Herzchakra beispielsweise 12mal, 24mal, 36mal).

7. Nach der Chakra-Meditation kannst Du ein kurzes Gebet sprechen und damit enden, indem Du einige Zeilen aus der Bhagavad Gita liest (alternativ: Bibel, Koran, oder andere heilige Schrift).

Weiterlesen ...