Traditionalismus

Spiritualität und Brauchtum

von S. Levent Oezkan

Spirituelle Traditionen - ewigeweisheit.de

Der Begriff des Traditionalismus steht bis heute in einem eher dimmen Licht. Nur wenige verstehen was er eigentlich bedeutet. Manche verwenden ihn synonym wenn sie etwas als altmodisch bezeichnen, doch Tradition ist genau das Gegenteil von Mode. Tradition steht für etwas, dass aus entferntester Vergangenheit, von Generation zu Generation gepflegt und weitergegeben wurde, eben genau ohne sich zu verändern.

Für jemanden der sich als modern bezeichnet, könnte es vielleicht weniger erstrebenswert erscheinen, einer besonderen Tradition zu folgen. Doch um dies zu tun, muss man nicht etwa nur Trachten tragen oder Ähnliches. Eine Tradition ist eher etwas, dass je nach Weltregion, mit bestimmten Riten und Gebräuchen in Verbindung steht. Das ist ihre äußere Wirklichkeit.

Eigentlich aber laufen die Wurzeln aller Traditionen in unserer Welt, ihrer inneren Bedeutung nach, in einer allen gemeinsamen Urtradition zusammen, deren Brauchtum auf das Engste verbunden sind mit den Jahreszeiten auf unserer Erde, den Phasen des Mondes und dem Lauf der Gestirne. In der Welt der Moderne markieren diese Jahresereignisse, wenn überhaupt, lediglich Tage im Kalender ohne spirituelle Bedeutung. Da nämlich bestimmen nicht die inneren Vorgänge des Kosmos eine Rolle, sondern das auf der Erdoberfläche stattfindende wirtschaftliche und politische Geschehen, was für sich genommen natürlich seinen eigenen Platz im Leben der Menschen einnimmt.

Réne Guénon

Wer sich über Traditionalismus heute unterhält, stößt unweigerlich auf den französischen Metaphysiker Réne Guénon. Durch sein Werk nämlich gelangte Anfang des 20. Jahrhunderts das wofür das Wort »Traditionalismus« steht, wieder in die Gemüter der Menschen. In seiner damit definierten Philosophie einer Rückbesinnung auf traditionalistische Werte und Riten, schuf er außerdem eine Gegenbewegung zur einer sich immer weiter verbreitenden Bewegung, die man schlicht als die Moderne bezeichnet.

Für Guénon existiert eine Urtradition. Aus ihr wurden ganz grundlegende spirituelle Weisheiten abgeleitet, wie sie sich der Menschheit offenbaren sollte, ganz gleich ob zum Beispiel im östlichen Vedanta, im Sufismus oder auch im Katholizismus der Templer. Im Aufkommen der modernen, säkularisierten Gesellschaften im Westen, wurden diese uralten Überlieferungen immer mehr verdrängt. Die Ration, das Abmessbare, die Menge zählte. Sie verdrängte nach und nach alles was man als Metaphysik bezeichnet, die nicht greifbare und nicht durch die Sinne wahrnehmbare Welt.

Guénons Hoffnung bestand darin, diese Urtradition wieder zu erwecken und damit den Westen in eine angemessene traditionsbewusstere Zivilisation zu überführen, etwas dass zu seiner Zeit im Orient und in Fernost noch zu bestehen schien. Hierbei sollten kleinere Gruppen, spirituell hochentwickelter Menschen dazu beitragen, indem sie seine traditionalistische Philosophie einer Ewigen Weisheit verbreiteten.

René Guénon - ewigeweisheit.de

René Guénon (1886-1951)

Traditionalismus und Anti-Materialismus

Guénon verfolgte eine ganz und gar anti-säkulare, wie auch anti-materialistische Weltanschauung. Dabei berief er sich stets auf die alten Traditionen im Hindusmus. Seine katholische Prägung aber ließ ihn, im Kreise seiner Zuhörer und Leser, als jemanden erscheinen der vergleichende Religionswissenschaften betreibt.

Seine Schriften über Metaphysik schienen den Vorstellungen der Kirche jedoch zu widersprechen, wodurch es schließlich zum Bruch zwischen ihm und dem Katholischen Institut (Institut catholique de Paris) kam. Denn Guénons Lehren waren mit dem katholischen Glauben schlicht unvereinbar. Man unterstellte ihm sogar eine Erneuerung der Gnosis mittels hinduistischer Philosophie zu beabsichtigen. Die Gnosis aber galt der Kirche als Mutter aller Häresien.

Das aber schien auf offizieller Ebene von Nöten gewesen zu sein, denn schließlich fand Guénon andere Partner, die mit ihm seine reformistischen Bemühungen teilten. Dazu zählte wohl sicherlich der katholische Traditionalist und Altertumswissenschaftler Louis Charbonneau-Lassay (1871-1946). Seit 1922 hatte er immer wieder Texte verfasst, die in der Zeitschrift »Regnabit« erschienen. Man nannte es auch das »Internationale Magazin des Herzen Jesu«. Über ihn sollte auch Guénon ab 1925 mit Texten beitragen, darunter etwa über den Heiligen Gral, wie auch mit Schriften, deren Inhalte auf eine gemeinschaftliche Form verschiedener Traditionen hinwies.

Das Herz Jesu verglich er da als Synonym für das Dritte Auge des indischen Gottes Shiva, was jedoch nur zu großer Verwunderung, ja Empörung beitragen sollte, so dass es dazu kam, dass man Guénon aus dem Kreise des Regnabit ausschloss. In dieser Zeit aber sammelte sich bereits eine Gruppe anderer Traditionalisten um Guénon.

Was sich damals in Paris entwickelte, war jedoch eher eine philosophische Strömung, denn das, was man erst später als Traditionalismus bezeichnen könnte. Dennoch vertrat die darin gepflegte Philosophie eine recht radikale Sichtweise auf die Moderne. Durch die Verbreitung der von Guénon und seinem Kreise vertretenen Sichtweisen wollte man eben, dass es letztendlich zu einer Auflösung der Moderne komme.

Auch wenn solch kühne Bestrebungen dem heutigen Geist recht eigenartig vorkommen dürften, wollte man durch eben solche Weisheiten von Einst, diese dem Menschen wieder näherbringen. René Guénon und sein traditionalistischer Kreis wollte zu einem Verständnis beitragen, dass jedem helfen sollte sich von der Moderne zu distanzieren, um den wahren Kern seines urtypischen Menschseins zu erkennen. Ein Studium der Veden oder der Schriften Guénons, sollte hierzu beitragen.

Zu damaliger Zeit aber beschäftigten sich die meisten Menschen mit ganz anderen Themen. Die 1920er Jahre waren in Paris und Berlin ganz und gar nicht traditionell. Man bezeichnete diese Zeit später nicht ganz zufällig als die »Wilden Zwanziger«.

So blieb Guénon und seinen Anhängern nicht nur der Traditionalismus als solcher. Sie sollten sogar den Gegenpol zur modernen Welt bilden. Dabei unterstützten sie die Gebrüder Chacornac, die damals zu den wichtigsten Herausgebern okkulter Schriften in Paris zählten. Insbesondere der »Schleier der Isis« (Originaltitel »Le Voile d'Isis«) wurde von ihnen und dem französischen Okkultisten Papus (1865-1916), seit 1890 herausgegeben. Es war eine Zeitschrift zu der ganz wesentlich auch Guénon beigetragen hatte. Wer sich länger mit der modernen Theosophie Blavatskys befasst, dem dürfte wohl gleich ins Auge fallen, dass sich die Chacornacs bei ihrer Titelwahl wohl anscheinend ganz wesentlich vom Buch »Isis Entschleiert« inspirieren ließen.

Besonders Paul Chacornac sollte in der jüngeren Geschichte des Traditionalismus eine wichtige Rolle einnehmen. Er sah in Guénon ein Genie und schrieb über dessen Werk in höchsten Tönen. Ihm nämlich hat Guénon zu verdanken dass er ab 1928 den »Schleier der Isis« in ein Magazin für Traditionalismus transformierte, ab 1933 aber den Titel änderte in »Traditionalistische Wissenschaft« (Original: »Etudes traditionnelles«).

Ananda Coomaraswamy - ewigeweisheit.de

Der Kunsthistoriker Ananda Coomaraswamy (1877-1947)

Ananda Coomaraswamy

Neben Guénon gab es aber noch einen anderen wichtigen Beitragenden: Ananda Kentish Coomaraswamy, ein angesehener Kunsthistoriker tamilischer Abstammung, der als Kurator am Institut für Indische Kunst am Bostoner Kunstmuseum arbeitete. Im Jahr 1920 schon kam er in Berührung mit den Arbeiten Guénons und glaubte in ihm den bedeutendsten Autor im Bereich des Traditionalismus gefunden zu haben. Zwar basierte der in Folge dessen entstandene Kontakt der beiden, allein auf Grundlage von Briefen, doch zusammen schufen sie etwas, das durchaus als Grundlage eines zeitgenössischen Traditionalismus dienen konnte. Guénon stellte dabei, die für seine Anhänger so großartigen Vorstellungen zum Thema Traditionalismus zur Verfügung, während Coomaraswamy die entsprechenden Forschungen dazu betrieb.

Coomaraswamy verwendete die Begriffe Tradition und Philosophia Perennis (Ewige Weisheit) synonym, was im Übrigen auch für Guénon galt. Ihr Traditionsbegriff war jedoch immer an eine Kultur gebunden, während die Philosophia Perennis für eine übergeordnete Gemeinsamkeit, offensichtlich unabhängiger Prinzipien der Metaphysik stand.

Die eher modernistische Sichtweise auf die Philosophia Perennis, wie sie später etwa durch Aldous Huxley vertreten wurde, lehnte Guénon ab. Er war ein Gegner der modernen, analytischen Philosophie des Westens. Ihm war darum die Unterscheidung wichtig zwischen »Philosophia Perennis« und der ihm geeigneter erscheinende Begriff »Sophia Perennis«. Letztendlich verwendete Guénon in seinen Schriften nur selten einen dieser Begriffe. Er bezog sich stets auf eine ursprüngliche Weltweisheit, eine Urtradition, worin er aber die Sophia Perennis oder eine entsprechende Metaphysik andeutete.

Guénons ablehnende Haltung gegenüber dem modernen Geist, rührte her von der für ihn rein materialistischen Sichtweise vieler seiner Zeitgenossen. Ihre Gesinnung erschien ihm immer mehr als eine Tendenz, die auf den allgemeinen Zerfall der westlichen Gesellschaft zusteuerte, und einer damit einhergehenden Partikularisierung in viele verschiedene Sonderinteressen. Das jedoch versuchte man, so Guénon, um damit dem Individuum eine scheinbare Qualität einzubläuen, um es in Wirklichkeit aber einem bestimmten Konsumzwang auszuliefern, was einher ging mit dem was man auch heute als Mode bezeichnet. Die Essenz des eigentlichen Daseins des Menschen aber wurde so in ein Gewand des Vergessens gehüllt. Im Zentrum der Betrachtung stand die Substanz und nicht mehr die Güte des Menschen. Der Mensch versuchte da immer mehr, eben aus diesem rein materialistisch geprägten Verhalten, neue ichbezogene Vorlieben abzuleiten und dabei auch immer mehr ausleben zu wollen.

Tradition und Moderne – Essenz und Substanz

Unsere Welt setzt sich, wie jeder weiß, nicht nur aus Mengen zusammen. Doch wie es scheint nimmt eine »Wer hat«-Mentalität immer mehr zu, ohne den eigentlichen Unterschied zu kennen zwischen Qualitäten und Quantitäten. In dieser Welt, die den Lebensbereich der Menschen darstellt, erscheinen diese beiden Prinzipien in einer Polarität zwischen Essenz und Substanz.

Gewiss ließe sich diese Polarität auch auf die Wissenschaftsdisziplinen der Menschheit übertragen, in eine nämlich esoterische (innere) und eine exoterische (äußere) Wissenschaft. Guénon galt diese Polarität aber als so wichtig, dass er ihr 1945 ein gesamtes Buch widmete: Die Herrschaft der Quantität und die Zeichen der Zeit (Originaltitel: »Le Règne de la Quantité et les Signes des Temps«). Damit war er seiner Zeit ein gutes Stück weit voraus, wenn auch aus rein pessimistischer Perspektive. Doch der Grund über solch Thema zu schreiben, scheint auf der Hand zu liegen.

In unserem allgemeinen Sprachgebrauch liegen die beiden Begriffe Qualität und Quantität einfach nebeneinander und sind nur ihrer Bedeutung nach definiert. Dabei stand für René Guénon, die Qualität der charakteristischen Eigenschaft eines Objekts, über dem, was wir Quantität nennen: die Menge der Dinge, die ja eigentlich die Voraussetzung bildet für eine Existenz in der sinnlich erfahrbaren, physischen Welt.

Qualität aber erzeugt das was man als Substanz in unserer Welt bezeichnet. Denn aus ihr bilden sich jene Erscheinungen, die wir über unsere Sinne wahrnehmen können. Man sollte aber vorsichtig sein, weil es in der Moderne viel zu häufig vorkommt, dass die Bedeutung von Menge oder Masse oft höher eingeschätzt wird, als sie tatsächlich ist. In solchem Falle nämlich fühlten sich Menschen schon immer dazu verleitet, aus dem Maß die Welt erklären zu wollen, was ja insbesondere der hohe Anspruch der modernen Wissenschaften ist.

Eher galt Guénon das von Bedeutung zu sein, was er als die Realität der Metaphysik bezeichnete, etwas nämlich, dass sich ganz und gar nicht bemessen lässt. In der modernen Welt aber misst man, zählt und baut auf Größe, Geschwindigkeit und Reichtum, während die Einfachheit, deren Essenz, eben die Qualität ist und anscheinend nicht mehr ihrem wahren Wesen nach erkannt wird. Und wenn doch, dann eben nur von ganz wenigen Menschen. Unsere Welt bestimmt also der Empirismus – eine durch Mengen bezifferte, messbare Welt abzählbarer Dinge.

Wenn Guénon nun sogar von einer Urtradition spricht, muss sie aber, wenn sie sich doch über Jahrtausende hindurch erhalten hat, von Anfang an ganz und gar nicht messbar und ganz und gar einfach gewesen sein. Wie sonst hätten sich daraus die heute so vielfältig ausgestalteten Traditionen der Völker entwickeln können?

Zwar war das, was man Quantität nennt, nicht etwas dass Guénon prinzipiell ablehnen konnte, schließlich ist ja jeder Mensch mit seinem körperlichen Dasein ein Teil dieser Welt der Mengen. Doch was ihn am modernen Zeitgeist störte, war die anscheinende Herabsetzung all dessen, was eben kein hohes Mengenmaß beziffern kann, sondern eben die bereits angedeutete Einfachheit ausmacht (das unser Denken mehr und mehr von Mengen beherrscht wird, zeigt uns ja bestens das, was man die »Sozialen Medien« nennt).

Die wahre Essenz unseres Seins umschrieb Guénon folgendermaßen:

Qualität, vorgestellt als das Wesen der Essenz, vorausgesetzt man kann das so sagen, beschränkt sich nicht nur auf unsere Welt, sondern ist anfällig dazu verwechselt zu werden, mit dem was seine eigentliche Wichtigkeit verallgemeinert. Darum dürfte es nicht verwundern, wenn in diesem Zusammenhang die Essenz das höherwertige Prinzip darstellt.

- Aus »Die Herrschaft der Quantität und die Zeichen der Zeit«

Und dieses Verallgemeinern ist eben das, was wir zuvor als Quantität definierten. Wie hoch die Qualität einer Angelegenheit oder Sache eingeschätzt wird, ist allein durch die Intuition des Intellekts wahrnehmbar und lässt sich nicht etwa durch wissenschaftliche Methoden herleiten. Der Grund ist einfach: Qualität ist kein absolutes Maß, da sie eigentlich nicht mittels Mengen bemessen werden kann, auch wenn das heute dennoch versucht wird (zum Beispiel mit einem Punktesystem).

Die Begriffe Qualität und Hierarchie stehen aber ganz eng beieinander. Guénon zog hier die Kreuzsymbolik zu Rate. Darin ordnete er der Welt des Maßes die horizontale Achse zu, der Vertikalen aber eine hierarchische Wahrheit. Somit wäre Quantität also immer nur ein Teil dessen, was sich auf einem bestimmten Grad dieser Vertikale befindet – ganz gleich ob man sich dabei auf Bewusstseinszustände oder die Verhältnisse innerhalb einer Kultur bezieht.

Aus dieser Sichtachse betrachtet, steht die Symbolik der Vertikalen, beziehungsweise des Hierarchischen, in direktem Zusammenhang mit dem was Guénon unter Tradition verstand. Da nämlich ist insbesondere die Hierarchie von Bedeutung, da sich darin die Welten des Bewusstseins gliedern lassen, sowie die Rollen von Organen einer gesellschaftlichen Kultur. Der Gleichheitsbegriff kam erst mit dem politischen Kommunismus ins Spiel, sollte aber Theorie bleiben, wie sich etwa seit dem Kalten Krieg zeigte.

Wenn Spiritualität politisch wird

Im Rahmen der Tradition ist die Hierarchie eben jene Weltordnung, worin sich das menschliche Individuum, insbesondere aus Warte eigentlich aller Religionen, durch seine Qualität auszeichnet. Denn der Mensch steht eben als ein Glied im Verhältnis zu den ihm untergeordneten und übergeordneten Wesenheiten.

Genau aber diese Sichtweise ruft sofort viele Skeptiker auf den Plan, insbesondere wenn so Begriffe wie Unterlegenheit oder Überlegenheit ins Spiel kommen, stehen sie doch ganz und gar für das was man unter »Hierarchie« versteht.

Guénons Lehre ließe sich damit durchaus auf Gesellschaft und Politik übertragen, wäre mit dem eben Gesagten dann aber ganz und gar mit hoher Brisanz behaftet, etwas das ihm die Gegner seiner traditionalistischen Weltanschauung heute vorwerfen.

In diesem Spannungsfeld auf jeden Fall, bewegt sich all das was man als die Charakteristika von Moderne und Tradition bezeichnen könnte. Darin stehen einerseits die wissenschaftliche, quantitativ definierte Welt einer andererseits qualitativ abgestuften Welt der Tradition gegenüber. Sie bilden zwei ganz deutliche Pole.

Wenn man sich den Traditionalismus Guénons damals, als neuartige philosophisch-religiöse Bewegung vorstellte, war sie aber trotzdem das Ergebnis einer Entwicklung, die sich zum einen aus dem Martinismus und andererseits aus der Modernen Theosophie entfaltete, auch wenn Guénon die Bedeutung der Theosophischen Gesellschaft ganz und gar in Frage stellte. Guénons Traditionalismus besaß außerdem nicht die selbe Massentauglichkeit wie Blavatskys Theosophie, aus der ja gewiss auch solch internationale Bewegungen wie das sogenannte »New Age« entstehen sollte.

Ein weiterer wichtiger Unterschied war Guénons allgemeiner Pessimismus und seine apokalyptischen Erwartungen, die man in Kreisen der Theosophischen Gesellschaft eher selten antraf. Für Blavatsky nämlich war die Menschheit gerade inbegriffen in einem Aufstieg aus dem Tiefpunkt des Kali-Yuga, beziehungsweise des Eisernen Zeitalters.

Für Guénon begann aber diese Talfahrt in der Bewegung des gegenwärtigen Menschheitszeitalters, schon lange vor unserer Zeit, nämlich bereits mit der Vernichtung des Templerordens (1312), wie dann später auch der Westfälische Frieden (1648), der zur Kirchentrennung führen sollte. Diese Ereignisse bedeuteten für Guénon den Beginn des spirituellen Niedergangs im Westen. Es waren die Anfänge eines 6000-jährigen Dunklen Zeitalters, wo alle Religion und Tradition schlichtweg ignoriert werden.

Ob Guénon mit dieser eher pessimistischen Weltsicht ganz und gar richtig lag, sei einmal dahingestellt, zumal der Islam, dem Guénon ja angehörte, heute die sich am schnellsten ausbreitende Weltreligion ist.

Dargah des Qutbul Akbar Imam Shadhili - ewigeweisheit.de

Dargah des Qutbul Akbar Imam Shadhili. Eine Dargah ist bei den Sufis ein heiliger Schrein. Gewöhnlich aber wird so auch der Treffpunkt einer Tariqa (Sufischule) bezeichnet.

Die Entstehung der Traditionalistischen Bewegung Guénons

Der große Sufi-Gelehrte Ibn Arabi (1165-1240) war damals und ist auch heute noch, ein viel verehrter Mystiker. Besonders dem schwedischen Maler John Gustaf Agelii (1869–1917) galt er viel. In seinem Werk nämlich wieß Ibn Arabi stets hin auf die Wichtigkeit der Überwindung des niederen Egos und einem damit einhergehenden Verzicht auf weltliche Dinge, also eben das, worüber wir im Verlauf des bereits Gesagten ja schon sprachen. Vielmehr gelang einem erst damit die Erreichung des Zustands vom An-Nafs Al-Safiya: dem reinen, geläuterten Ich.

Agelii, besser bekannt als Ivan Aguéli und später als Abd Al-Hadi Al-Aqili, war Muslim und eingeweiht in den Al-Arabiyya Shadhiliyya Sufi-Orden. 1911 gründete er in Paris die Al-Akbariyya-Gesellschaft. Eines seiner ersten Mitglieder war René Guénon, den Aguéli in den Sufismus der eben genannten Tariqa (Bruderschaft) einführte. Von da an trug Guénon auch den muslimischen Namen Abd Al-Wahid.

Die Wirren des Ersten Weltkrieges zerstörten was aus der Modernität der sogenannten Belle Epoque entstanden war (um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert). Nach dem Zweiten Weltkrieg aber formte sich dann zum ersten Mal das, was man später »Traditionalistische Philosophie« nennen sollte und woraus die Traditionalistische Bewegung Guénons wurde. Aus dieser Situation heraus bildeten sich die Gegebenheiten, die in dieser Zeit immer mehr Menschen zum anti-modernen Traditionalismus brachten. Doch gerade als sich Guénons Traditionalistische Bewegung in Gang zu setzen schien, sollten sein Leben einige schicksalshafte Zwischenfälle durcheinanderbringen.

Auf dem Weg nach Kairo

Doch als er 1929 in Paul Chacornacs Buchhandlung die reiche amerikanische Witwe Dina Shillito kennenlernte, selbst Muslima mit einem großen Interesse für Esoterik, sollten sich seine Lebensverhältnisse auf einmal bessern, wenn auch nur für begrenzte Zeit.

Er und Shillito verließen 1930 Paris und siedelten gemeinsam über nach Kairo. Da ihr verstorbener Ehemann Ägypter gewesen war, hatte sie viele Kontakt in die Stadt am Nil. Es wäre damit also nicht falsch anzunehmen, dass die weitere Entwicklung des Traditionalismus, besonders von Shillito abhing. Das sollte eine der wichtigen Voraussetzungen sein dafür, dass Guénons Traditionalismus eine relativ deutliche Einfärbung aus Richtung Islam erhielt.

Nicht lange nach dieser Zeit aber trennten sich Guénon und Shillito, während sie nach Paris zurückkehrte, Guénon aber in Kairo verblieb. Er sollte seine französische Heimat niemals mehr wiedersehen. Nicht aber dass er kein gutes Leben in Kairo hatte. Dort nämlich heiratete er und wurde Vater von vier Kindern, nahm die ägyptische Staatsbürgerschaft an und lebte das Leben eines frommen Muslims und Sufis. Doch trotz seines frommen muslimischen Lebens, blieb er in seinem Glauben dennoch der Sophia Perennis, der Ewigen Weisheit bis zu seinem Tode aufs Engste verbunden.

Er empfand darum auch nicht, als ob er zum Islam konvertiert sei, sondern eher mit seinem Glauben sich in diese Religion hineinbewegte. Was heißt das? Nach Guénons Auffassung konnte jemand der die Einheit aller Traditionen erkannt hat, an sich keinen Glauben annehmen.

Nichts daran besagt, dass etwa eine Form von Tradition, an sich, einer anderen überlegen sei, sondern sich Gründe aufzählen lassen, die auf einen besonderen spirituellen Nutzen basieren.

- Guénon in einem Brief an den Journalisten M. Pierre Colard (1938)

Besonders in seinem Werk erscheint Guénon durchaus als Universalist und Traditionalist, statt als frommer Muslim, der er jedoch war, da er eben einen spirituellen Nutzen im Islam fand. Es mag seine Gründe gehabt haben, dass das Wissen der islamischen Kultur keinen wirklich bemerkenswerten Raum in seinem Werk einnimmt. Auch wenn er fließend Arabisch sprach, sollte er doch nicht über die Religion des Islam viel schreiben. Schließlich nimmt es viele Jahre in Anspruch klassische Arabische Texte in ihrer wirklichen Bedeutung zu verstehen, bevor man darüber sogar zu philosophieren vermag. Wer selbst Muslim ist weiß außerdem, dass man sich mitunter scharfer Kritik aussetzt, wenn man in so einem Selbstverständnis über andere Religionen schreibt (was im Übrigen ja auch jedem Christen so ergehen dürfte), wie das Guénon getan hatte.

Metaphysik und Einweihung

René Guénon galt Metaphysik als das Wissen vom Universalen. Und so ein Wissen erhebt für sich den Anspruch die Prinzipien der kosmischen Ordnung erklären zu können. Für Guénon war das aber keineswegs gleichbedeutend mit etwa der Behauptung, dass man die Inhalte dessen, was man als Metaphysik bezeichnet, auch letztendlich überhaupt definieren kann. Schließlich ist die eigentliche Universalität des Begriffs an sich schon Charakteristikum genug, etwas Allumfassendes also, von dem sich jede nur erdenkliche Definition ableiten lässt – sogar seine eigene.

Metaphysik galt Guénon als Bezeichnung für den Versuch, durch intellektuelles Wissen das Wesen des Seins zu ergründen, ganz seiner wahren Natur gemäß. Doch dies ist dann ein besonderer Vorgang, der durch eine Einweihungserfahrung stattfindet. Und so eine Einweihung ist eine ganz und gar eindeutige Sache, während etwa mystische Erfahrungen die Existenz von etwas sehr Bedeutsamem »nur« ahnen lassen. Das darin Geheime aber zu erkennen bleibt den initiatisch Erfahrenen vorbehalten. Denn die Einweihung ist so eindeutig wie unsere Geburt oder unser Tod: nichts daran muss erklärt oder gedeutet werden. Wer in die Mysterien eingeweiht wurde überwindet aber die Angst vor dem Tod und wird in seinem gegenwärtigen Leben neu geboren. So jemand ist gestorben bevor er stirbt.

Wer aber kann einen Menschen in die Mysterien einweihen? Sicher keiner, der darüber aus Büchern erfuhr und sich etwa daraus ein Initiationsritual zusammenreimte. Initiation heißt, dass einer eingeweiht wird im Rahmen einer dazu ermächtigten traditionellen Institution. Einweihung außerhalb dessen ist nicht möglich, auch wenn manche initiatorische Pseudo-Institutionen von Einweihung sprechen.

Eine traditionell gebundene Mysterien-Organisation steht unter einem spirituellen Einfluss, der dann durch einen Hohepriester auf den Neophyten übertragen wird. Im Sufismus etwa bildet ein Sheikh das neue Glied in der spirituellen Kette (arab. »Silsila«), die ihn bis auf den Propheten Mohammed (as) und damit auf Allah zurückverbindet.

Die Kleinen und die Großen Mysterien

Was durch die Eingeweihten im alten Griechenland weitergegeben wurde und wofür die klassischen Bezeichnungen »Kleine Mysterien« und »Große Mysterien« stehen, sind keine verschiedenen Arten von Einweihungsriten, sondern Grade ein und der selben Initiation. Das heißt, das wer in die Kleinen Mysterien eingeweiht wurde, den führte man in seinem menschlichen Sein zur Vollendung. So jemandem wurden Erfahrungen vermittelt, durch die er den ursprünglichen Zustand seines Menschseins wiederherstellen konnte.

Der italienische Philosoph Dante Alighieri (1265-1321) beschreibt in seiner »Göttlichen Komödie« diesen Zustand, als den Eintritt in das irdische Paradies, von wo aus einer dann ins himmlische Paradies aufzusteigen vermag. Und das schließlich ist was der Initiand in den Großen Mysterien erkennt. Darin nämlich empfindet er etwas Übermenschliches. Das ist was im Hinduismus als Erlösung aus dem Samsara vorgestellt wird, eine Befreiung also aus dem Kreislauf der Wiedergeburten. Dabei erhebt sich ein Mensch auf die Stufe des Moksha und wird damit zum Adepten.

In der islamischen Esoterik ist da die Rede vom Universalen Menschen, einem in dem sich die Taten Gottes direkt widerspiegeln, so dass er selbst wie in Gottes Auftrag auf Erden handelt. Was im alten Griechenland einem Initianden in den Kleinen Mysterien vermittelt wurde, entspricht im esoterischen Islam seiner Bedeutung nach dem Begriff vom »Al-Insan Al-Kadim«, dem ursprünglichen Zustand wahren Menschseins. Während wiederum die Initianden der Großen Mysterien an das Sein als »Al-Insan Al-Kamil« herangeführt wurden, das universale Menschsein.

Diese beiden Initiationsphasen lassen sich in Beziehung stellen zur Kreuzsymbolik. Darin ist das Bild der horizontalen Linie ein Hinweis auf eben jenen Urzustand irdischen Menschseins, das Bild der Vertikalen aber auf den vervollkommneten Zustand eines Adepten.

Aus Sicht der Hermetik sind diese beiden Formen der Initiation gleichbedeutend mit der Königsweihe und der Priesterweihe, wo insbesondere die Kreuzsymbolik Christi ins Spiel kommt, wobei Jesus ja sowohl als König und Priester in Erscheinung trat und als solcher am Kreuz den Tod fand.

Über das Selbst

Für Guénon erfüllte das Selbst des Menschen transzendente und dauerhafte Prinzipien. Damit bedingt das Selbst eine vollkommene Reinheit, so dass es sich weder individualisieren noch ändern kann. Es bedarf auch gar keines eigenen Charakters, da es sich eben durch nichts beeindrucken lässt und darum seiner Natur nach unwandelbar bleibt. Damit wird seine wesentliche Beständigkeit also durch nichts verändert. Das Selbst bleibt ewig bestehen, so wie es immer war.

Die menschliche Persönlichkeit

Wenn es nun aber um das Selbst des Menschen geht, so Guénon, kommt da auch das Wort »Persönlichkeit« ins Spiel. Damit aber bleibt das Selbst die Ursache dessen, was im Übrigen auch für das gilt, was man im Hinduismus »Ischvara« nennt, die »Göttliche Person«, die sich aus einem kosmischen Selbst als universale Erscheinung manifestiert.

Diese Persönlichkeit, sowohl menschlich wie auch göttlich, heißt im Sanskrit »Atma« oder »Paramatma«. Sie beschreibt den universalen Geist. Wenn damit also dem Persönlichen das Selbst zugrundeliegt und Atma dessen Personifikation ist, kann man sagen, dass Atma mit dem Ur-Selbst eigentlich identisch ist. Somit lässt sich der Begriff vom Selbst nur als bestimmte Seinsform differenzieren, etwas also das aus ihm entsteht, als entweder individuelles Sein oder universelles Sein. Hier kommen jene beiden Aspekte der Initiation zum Vorschein, die wir oben kennenlernten haben, wo der Initiand zuerst in die Kleinen Mysterien und dann in die Großen Mysterien eingeweiht wurde, wobei sich sein individuell veredeltes Sein, in ein überindividuelles, universelles Sein erhebt.

Das Offenbare

Was Rene Guénon als den »Universalen Willen« bezeichnete, galt ihm lediglich als Nicht-Offenbartes. Denn das Nicht-Offenbarte beinhaltet alle Grade jeglicher Offenbarungen und Manifestationen. Hierin liegen alle Möglichkeiten der Entstehung, worin die Vielzahl der Wesenheiten in unserer Welt, mit ihren charakteristischen Formen ausgestattet werden. Hierin liegt das, was man als Individualität bezeichnet, durch die allerdings eine begrenzte Anzahl von Bedingungen den gegebenen Zustand der Existenz beschreibt.

Menschliches Sein

Dieser Zustand ist offenkundig des Menschen körperliches Dasein an sich. Seine Individualität gleicht lediglich den ihm zugehörigen Handlungsweisen. Die nämlich rühren her von einem viel subtiler wirkenden Zustand, der einen Menschen an die außerkörperliche Form seines Seins heranzuführen vermag. Das bedeutet streng genommen, dass alle Formen der Existenz auch für alle anderen individuellen Zustände gelten, da sie sich allesamt ja erst aus einer übergeordneten Struktur zu ihrer energetisch-körperlichen Form verdichten mussten.

Man könnte darum sagen, dass der Mensch als Ganzes auch die Summe seiner Möglichkeiten umfasst. Hieraus aber bilden sich sowohl sein körperliches Dasein, wie auch die ihm zur Verfügung stehenden Arten und Weisen. Auf feinstofflicher Ebene allerdings lassen sich die von einem Menschen begehbaren Wege, noch durch weitere Handlungsweisen vermehren, nämlich dann, wenn sich der Mensch zu erweitern vermag, das heißt, wenn er dazu fähig ist sich über sein rein körperliches Dasein hinaus zu entwickeln.

Diese zwei Seinsformen des Menschen galten Guénon jedoch nicht als hierarchisch geordnet, sondern befinden sich auf der Ebene einer universalen Existenz.

Hieraus folgt, dass des Menschen Individualität zugleich weit mehr als das ist, was Westler glauben das sie sei. Vielmehr erkennen sie darin kaum mehr als eine physische Art und Weise, die jedoch nur den kleinsten Teil ihrer Möglichkeiten beinhaltet; allerdings ist diese Individualität, aber ohne das ganze Wesen zu erkennen, nur ein Zustand ihres Wesens unter einer unbegrenzten Anzahl anderer Zustände. Dazu kommt, dass die Summe aller dieser Zustände trotzdem überhaupt nichts im Vergleich zur Persönlichkeit ist, die das ganze wahre Wesen bedeutet, da es an sich seinen dauernden und unbedingten Zustand darstellt und da es nichts Anderes gibt, dass als absolute Realität betrachtet werden kann.

- Aus »Der Mensch und sein Werden gemäß dem Vedanta«

Esoterik am rechten Rand?

Guénons Einfluss auf seine Nachwelt und die Schule der Traditionalisten ist in ihren Aussagen ganz eindeutig. Das aber führte leider auch dazu, dass zu vielen seiner Bewunderer ebenfalls jene gehörten (und auch heute noch gehören), die man in Europa dem rechten politischen Flügel zuordnet. Das aber ist ein Phänomen, dass eigentlich auch in anderen Bereichen der Esoterik auftaucht. Es geht da eben ganz und gar nicht um Toleranz, was jedoch im Sinne einer Kompromisslosigkeit verstanden werden muss. Mag sein dass Menschen die sich für Esoterik interessieren grundsätzlich verständnisvolle Individuen sind. Wenn es aber um so archaische Arkana wie das Göttliche geht, werden damit höher-hierarchische Gesetzmäßigkeiten beschrieben, die eben über jeglichem Alltagsleben stehen. Eine universale Metaphysik, die die Vorgänge des Jenseits mittels besonderer Gesetzmäßigkeiten zu erklären versucht, bringt immer eine gewisse Gefahr der Missinterpretation mit sich, und zwar immer dann, wenn die Sehnsüchte des Egos mit ins Spiel kommen.

Trotz das Guénon wiederholt betonte, dass er in seinem Werk ganz und gar keine politischen Absichten verfolge, sollten sich doch einige Schriftsteller des rechten politischen Randes, von seinen Äußerungen inspiriert, zu teils rassistischen und politischen Schlussfolgerungen kommen.

In diesem Zusammenhang taucht da etwa der Name Julius Evola (1898-1974) auf, auf den Guénon einen ganz erheblichen Einfluss ausübte. Evola war ein Faschist, der mit seinen spirituellen Schriften etwa auch das Regime Benito Mussolinis beeinflussen sollte. Wer die Schriften Evolas kennt weiß allerdings auch, dass es sich um eine vielschichtigere Angelegenheit handelt, als man sie oberflächlich, nur aus exoterischer Sicht einschätzen kann. Insbesondere mit seinem 1941 veröffentlichten Werk »Grundrisse der faschistischen Rassenlehre«, glaubte man in Evola ein Glanzlicht der italienischen Rassentheorie gefunden zu haben. Auch in den Arbeiten des rumänischen Religionswissenschaftlers Mircea Eliade klingen ähnlich rechte Ideologien an, zu denen er anscheinend auch über Evola und Guénon fand.

In allen Fällen aber sind es die archaischen Gesetze der Esoterik, die schon immer Menschen dazu brachten zu radikalen Ansichten über bestimmte Themen zu kommen. Kein Wunder also dass man das Wort »Geheimwissenschaft« synonym für Esoterik, für das »Innere Wissen« verwendet, ein Wissen also, dass Menschen nur in einem okkulten, von der Öffentlichkeit abgegrenzten Kreis besprechen, um eben genau solche Missverständnisse zu vermeiden.

Das Problem besteht schon allein darin, esoterische Gesetze überhaupt in Wort und Schrift zu kommunizieren, denn jedem der über esoterisches Wissen verfügt, sind Tür und Tor geöffnet, ohne die nötige Reife mal eben bestimmte Motive und Sachverhalte, aus reiner Unwissenheit, dem Gesamtkontext zu entnehmen und zu seinem eigenen Vergnügen vielleicht vollkommen neu zu interpretieren. Aus diesem Grund findet Guénons Werk auch heute noch viel Zustimmung aus Kreisen der Neuen Rechten. Der in Europa umstrittene russische Politikphilosoph Aleksander Dugin ist vom Werk Guénons ebenso beeinflusst, wie auch der Amerikaner Stephen Bannon, der 2017 das Amt des Chef-Strategen im Weißen Haus innehatte, unter jenem umstrittenen amerikanischen Präsidenten, dessen Name hier nicht genannt werden braucht.

Es ist dabei aber immer schwierig, Verfassern von Texten zur Esoterik, eine Verantwortung zuzuschreiben, besonders wenn es darum geht dass sie namhafte Übeltäter der Weltgeschichte inspiriert haben mögen. So soll Adolf Hilter während seiner Inhaftierung das Werk Helena P. Blavatskys gelesen haben, lange nachdem die Autorin tot war. Da stellt sich die Frage ob Esoterik überhaupt etwas ist, worüber jemand veröffentlichen sollte?

Das die alten Meister der Initiation nicht über ihre Geheimnisse sprachen, scheint also einen triftigen Grund gehabt zu haben. Denn mal eben über okkultes Wissen zu erfahren ist nicht das Selbe, wie damit auch verantwortungsvoll umgehen zu können. In der jüdischen Kabbala etwa sprechen Rabbis davon, dass man erst nach dem 40. Lebensjahr beginnen soll die überlieferten kabbalistischen Schriften zu lesen, da man zuvor einfach noch nicht über genügend Lebenserfahrung verfügt.

Ein Gegner des Faschismus

Auch wenn Guénon und Evola miteinander in Beziehung standen, darf dabei nicht unbeachtet bleiben, das Guénon zu den schärfsten Kritikern Evolas zählte. Für ihn war dessen Verwicklung in die Politik Mussolinis und seine engen Verbindungen zum deutschen Nazitum, ganz und gar nicht hinnehmbar. Er fürchtete dabei auch, dass man seines mit dem Werk Evolas identifizieren könnte. Guénon nämlich prangerte die Ideologie der Faschisten scharf an, sowohl schon vor und auch während des Zweiten Weltkriegs. Guénon also einfach in die Ecke der Rechten, Rassisten und Faschisten zu stellen wäre auch darum falsch, da seine Schriften auch viele Linke und unpolitische Autoren beeinflussten und wohl auch noch beeinflussen dürften.

Das Guénon für Akademiker aber niemals eine sonderliche Bedeutung einnahm, mag einfach an der Fehleinschätzung seines Werkes liegen, was eben durch die lauten Stimmen solch radikaler Demagogen ausgefranst wurde.

Rückbesinnung auf eine gemeinsame kulturelle Wurzel

Guénon Einfluss im Bereich der neuen traditionalistischen Strömung fiel tatsächlich ganz wesentlich ins Gewicht. Vor allem sollte im 20. Jahrhundert sein Werk wieder in Erinnerung gerufen werden, denn er beschrieb darin, was man schon lange über die Weisheitslehre der Metaphysik vergessen hatte. Es war die Metaphysik die in den alten Kulturen in West und Ost den Rahmen für die Grundlage eigentlich aller spirituellen Traditionen bilden sollte, ja sogar als Basis überhaupt jeglicher Zivilisation gesehen werden kann.

Zusammen mit Ananda Coomaraswamy und dem schweizerischen Philosophen Frithjof Schuon, entstand das, was man heute als die Traditionalistische Schule bezeichnet. Coomaraswamy, Schuon und Guénon versuchten die grundlegenden Prinzipien einer Urtradition zu beschreiben, um die vergesslichen Gemüter der Moderne wieder daran zu erinnern, was man vielleicht als das »Absolute« zusammenfassen könnte. Nicht aber trat Guénon etwa auf als Weltverbesserer oder gar als Demagoge. Er versuchte wirksam anzudeuten, was lange vergessen war, doch wonach man sich anscheinend wirklich zu erinnern sehnte.

Besonders in Zeiten großer Wirren und Ungewissheit, scheint das was immer Bestand hatte, und sich auf eine Tradition zurückbesinnen kann, ein wichtiger Pol im Leben von immer mehr Menschen zu werden. Die Verantwortung dabei liegt jedoch in der Fähigkeit der Toleranz gegenüber anderen Zweigen, eben jener Urtradition, die nur dann berücksichtigt werden kann, wenn man weiß dass schon immer eine universale Metaphysik existierte, aus der eben alle Traditionen in West und Ost hervorgingen.

 

Titelbild: More magic pictures of the long ago (1920) von Anna Curtis Chandler.

 

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Fortschritt und Tradition

von S. Levent Oezkan

Hätten Sie gedacht, dass etwas mehr als 25 Jahre nach Einführung des WWW, überall auf den Straßen, Menschen mit gebeugtem Kopf und runzliger Stirn, mit etwas in ihrer Hand auf der Suche sind? Was haben sie in dieser Welt verloren? Welch dauerhafter Wert lässt sich auf diese Weise finden?

In den Industrieländern besitzen 2016 fast 1 Milliarde Menschen ein Smartphone. Monatlich nutzen fast 2 Milliarden Menschen digitale Netzwerke wie Facebook, WhatsApp, Instagram usw. Allein in den vergangenen drei Jahren, kamen mehr als 300 Millionen neue Internet-Nutzer hinzu. In den kommenden 5-10 Jahren wird sich der Kreis der Teilnehmer noch einmal, um etwa 3-4 Milliarden Menschen aus Schwellen- und Entwicklungsländern erweitern. Soweit der Zustand unserer digitalisierten Welt.

Global betrachtet, scheint sich die Menschheit in eine riesige Generation von Cyber-Drohnen zu verwandeln, die in einem elektronisch-vernetzen Bienenstock emsig Geld produzieren. Nur weiß es kaum einer. Die Zahl derer, die wissen, dass ihre Inhalte und Fotos indirekte Werbemittel sind, ist gering. Doch damit machte Facebook im Jahr 2015 ca. 18 Milliarden US-Dollar Umsatz – 44% mehr als noch 2014.

Vorteile für jeden

Natürlich sind Computer, Smartphones, Internet und Soziale Netzwerke, längst fester Bestandteil unseres kulturellen Lebens. Sie bieten ja auch wirklich Vorteile: Man kann mit Freunden und Familie in der Ferne einfacher in Kontakt bleiben oder neue Menschen mit gleichen Interessen kennenlernen. Auch Geld lässt sich mit dem Internet vielseitiger verdienen.

In Zukunft wird das Internet weiter dazu beitragen, das weniger Kinder vermisst, Wirtschaft und Politik noch transparenter werden, das Redefreiheit und Bürgerbeteiligung wachsen, öffentliche Dienste effizienter genutzt werden können, der Zugang zu Bildung noch einfacher wird und wegen der wirtschaftlichen Teilhabe aller, es zu einer immer stärkeren Demokratisierung kommt.

Transparenz für alle

Mehr Transparenz erfordert mehr Sicherheit. Denn mit steigender Transparenz wächst auch das Ausmaß von Überwachung und Manipulation. Ebenso problematisch ist der wachsende Identitätsdiebstahl. Gesichtserkennung und moderne Cyberbrillen (in denen z. B. personenbezogene Daten sich sofort in das Gesichtsfeld ihres Trägers einblenden lassen), werden die individuelle Privatsphäre immer mehr aufweichen, was natürlich zu allen möglichen Formen von Online-Mobbing führen wird, zu Polarisierung und Diskriminierung. Virtuell geschaffene Räume (unterstützt durch 3D-Brillen, elektronisch optimierte und intelligente Kleidung) sorgen für immer mehr Ablenkung und Realitätsflucht aus dem wirklichen Leben.

Krieg ist der Vater aller Dinge

Alle kulturellen Errungenschaften der modernen Welt, wie Radio, Fernsehen und Internet, wurden, bevor man sie zivil nutzte, für militärische Zwecke entwickelt. Der griechische Philosoph Heraklit sagte einmal:

Krieg ist der Vater aller Dinge, König aller Dinge. Die einen macht er zu Göttern, die anderen zu Menschen, die einen zu Sklaven, die anderen zu Freien.

Das ist eine ganz wertfreie Feststellung über das Wesen der Zivilisation an sich. In Zeiten des Krieges wollen beteiligte Regierungen bestenfalls ihre Bevölkerung gegen Angriffe schützen. Was noch vor 100 Jahren ein Grenzschutz leisten konnte, das sind heute außerdem digitale Schranken, die man im Fachjargon als »Firewalls« bezeichnet. Sie werden in Computersystemen installiert, zum Schutz von Privatleuten, Unternehmen und Regierungen gegen Angriffe auf ihre Daten.

Die Grauzonen zwischen Legalität und Illegalität, zwischen Verbündeten und wirtschaftlicher Wettbewerbsfreiheit, scheinen sich ausgedehnt zu haben. Wie immer erfordert die Nachfrage das Angebot, denn jeder von uns, wenn auch nur passiv, möchte die Vorteile der technologischen Entwicklung nutzen. Und es gibt sie, diese Vorteile!

Noch mehr Vorteile

In 10 Jahren werden immer mehr Elektro-Fahrzeuge (z. B. Tesla-Motors) auf den Straßen fahren, verbesserte Recycling-Verfahren zu einer saubereren Umwelt beitragen, Solarenergie effizienter genutzt und damit weniger fossile Rohstoffe verbrannt werden. Das alles trägt zur Gesundung unseres Lebensraumes bei: weniger Smog, weniger Lärm, weniger Müll.

Die hierfür notwendige technologische Infrastruktur erfordert auch immer intelligentere Computer. Viele Prozesse im Leben werden durch diese Strukturen optimiert, fordern den Menschen dazu auf, sein Leben diesen Optimierungs-Vorgängen anzugleichen. Wir können heute jedoch nicht sagen, ob das dazu führt das der Mensch unbewusster wird, was seine wahre Herkunft und die Bedeutung der Natur anbelangt. Es scheint aber, dass durch diese Optimierungen der Lebensabläufe, weniger Zeit für den Broterwerb aufgewendet werden muss, stattdessen mehr Zeit zur Verfügung steht für Bildung.

Wenn aus jedem Menschen in Zukunft ein Produzent schöner, brauchbarer Dinge und Ideen würde, und er sich so aus der Konsumhaltung befreite, wären all die Cyber-Technologien eher unproblematisch. Wir sollten die Konsum-Mentalität des 20. Jahrhunderts ablegen. Wer nur konsumiert, wird in Zukunft immer einfacher steuerbar und ohne es zu merken, zu einem immer effizienteren »Verbraucher« erzogen. Doch nicht allein von Personen, sondern immer mehr auch durch KI – Künstliche Intelligenz (AI, Artificial Intelligence).

Im WWW werden unsere Daten für uns unsichtbar, ständig optimiert, um besser auf uns zurück zu wirken – besonders durch Werbung. Zum Glück aber gibt es jede Menge Software, die all die unzähligen Werbeeinblendungen unterbindet – genannt Ad-Blocker. Trotzdem wird unsere Suche im Internet ständig optimiert und auf Produktangebote angeglichen. Selbst wenn direkte Manipulationen der Suchergebnisse wegfielen, so inkludieren Suchroboter in die Suchergebnisliste immer auch kommerzielle Inhalte. Das liegt im Wesen der Dinge.

Big Brother in einer Schönen Neuen Welt

Experten aus Wirtschaft und Industrie erwarten in den kommenden Jahren gigantische Techno-Tsunamis, wegen denen ganze Industriezweige und wesentliche Bestandteile unserer gesellschaftlichen Infrastruktur weggerissen werden. Schon bald werden wir uns mit neuen Spielregeln beschäftigen müssen. Der Übergang von der »Alten Welt«, in das, was nach dieser »Vierten Industrielle Revolution« kommt, wird die digitalisierte Menschheit vor immer komplexere Aufgaben stellen. Immer mehr Künstliche Intelligenz wird eine Rolle spielen. Wo aber Verläuft die Grenze zwischen Nutzen und Sinn? Läuft all das nicht auch darauf hinaus, das sich der Mensch, durch Überoptimierung seiner Umwelt, irgendwie selbst abschafft?

Schon in naher Zukunft drängen kommerziell verfügbare Geräte auf den Markt, die in den menschlichen Körper eindringen. Herzschrittmacher und Cochlea-Implantate waren nur der Anfang – man könnte fast sagen: harmlos. Ins Gehirn implantierte Telefonie und Internet sind längst in der Entwicklung. Brillen werden mit dem Internet verbunden sein, so dass zu vielen Objekten in unserer Umgebung sofort weitere Informationen abgerufen werden können (z. B. »Google Glass«). Was einst geheim war, weiß sofort jeder über jeden. Wer ein Facebook-Konto besitzt und schon einmal auf einem Foto von einem Freund mit Namen zugeordnet wurde, den können andere mit oben genannter Technologie überall identifizieren.

All das ist kein Pessimismus und auch keine Antiutopie. Es sind reine Fakten.

Die Digitale Maske

Zunehmend verschmelzen physisch-biologische mit digitalen Systemen. Viele sehen darin nur Vorteile. Andere wenige aber sehen darin eine immer enger werdende Fessel. Die meisten Internet-Nutzer wissen leider nicht, wenn sie schlafen, mit ihrem Partner im Bett liegen, im Bad sind oder irgendeiner anderen Aufgabe nachgehen die nichts mit dem Internet zu tun hat, ihre digitale Persona im Internet unterwegs ist und durch Google, Facebook, Amazon und andere Firmen ununterbrochen optimiert wird. Diese Persona wirkt auf jeden von uns zurück. Sie ist unser digitales Doppel. Durch sie blicken wir ins Internet und je mehr wir das tun, desto mehr identifizieren wir uns mit ihr und desto optimaler gestaltet sie sich aus. Selbst wenn wir das nur als Vorteil empfinden, wirkt diese Persona auf unsere Interessen zurück, insbesondere auf unser Kaufverhalten.

Zunehmende Komplexität

Die Komplexität in der Welt nimmt beständig zu. Leben im 21. Jahrhundert heißt: ständig dazu lernen, ständig sein Leben verändern. Wer aber keiner spirituellen Tradition folgt und sein Leben ständig dem Diktat der digitalen Techno-Welt unterordnet, aus dem wird schon bald ein Android, der gar kein eigenes Leben mehr hat, sondern sich gemäß dem digitalen Diktat ständig verbessert – Stichwort »Selbstoptimierung«. Der Glaube an eine anscheinend ultimative Freiheit, die das Internet und mobile Digitaltechnologie bieten, ist gefährlich. Smartphones fördern unseren Narzissmus. Noch mehr Aufmerksamkeit will mit ihrer Nutzung befriedigt werden und langsam entleert sich unser inneres Leben nach Außen.

Sicherheit vs. Religion und Terror

Wir sollten nicht allen Drohszenarien trauen, die sich uns durch Internet, TV und Presse aufdrängen. Vieles sind schön ausgeschmückte Intrigen. Es liegt halt im Wesen der Sache: fast alle von uns lieben Skandale. Danach suchen Journalisten für uns. Die Nachfrage bestimmt die Medienlandschaft. Manipulation wird weniger, wenn der Konsumdrang nachlässt.

Das terrorgetränkte Weltgeschehen soll sich, laut Medien, allein in der Arena der Religionen abspielen. Im Westen will man den Muslimen an allem die Schuld geben. In Wirklichkeit aber werden die vermeintlichen Feinde unserer Zivilisation, von teils bekannten, teils unbekannten Quellen gefördert – die lediglich Teil eines großen Technologie-Komplotts sind. Nur sehr, sehr wenige Menschen verstehen, was in der Technologie-Branche eigentlich gerade passiert. Auf viele Bereiche unseres Alltags werden sich die disruptiven Technologien schon bald auswirken. Disruptive Technologien sind Innovationen, die bestehende Produkte, Technologien oder Dienstleistungen, vollständig verdrängen. In wenigen Jahren wird die Weltgesellschaft Zeuge eines schlagartigen Zerbrechens, ja, einer regelrechten Zerstörung alter Systeme. Das wird sich auswirken auf die Wirtschaft, das Wesen der Arbeit, auf die Art der Produkte und ihre Vermarktung, auf Firmenstrukturen, ja auch auf ganze Staaten und die Art der globalen Zusammenarbeit. Da der Mensch aber in Zeiten großer Not dazu neigt, sich an höhere Mächte zu wenden, beginnen jetzt die Führer der Religionsgemeinschaften, Menschen wie Schäfchen auf ihre Weiden zu locken, mit der vermeintlichen Absicht, das Individuum aus den Klauen der großen Daten- und Fernsehbilderkrake zu reißen.

Börse, Daten und unser Geld

Alte Formen des Handwerks werden heute durch neue, stark anwachsende und »innovative« Technologien gestört. Politik und Wirtschaft werden nicht alleine durch Menschen bestimmt, sondern immer deutlicher drängt sich den Entscheidern das »Diktat des Siliciums« auf – um es einmal so zu nennen. D. h.: die Halbleiter-Schaltkreise all der unzähligen Computerchips in Servern und Computern weltweit (die ja auf dem Halbmetall Silicium basieren), optimieren sich gegenseitig, ohne das je ein Mensch darauf Einfluss nimmt, geschweige denn en détail verfolgen könnte, was eigentlich passiert. Viele wissen nicht einmal, wie Computer, geschweige denn das Internet funktioniert! Ignorant trägt fast jeder so ein »Datenmonster« in seiner Hosen- oder Handtasche.

Überall dort, wo moderne Medien und Technologien präsent sind, ist das »Blut« dieses globalen, elektro-digitalen Organismus, das Giralgeld – das Geld der Geschäftsbanken, das von Girokonto zu Girokonto fließt, von Aktienwert zu Aktienwert übertragen wird. Es fließt ungesehen durch Glasfaserkabel durch den Atlantik und über die Datenleitungen der Kontinente. Wir alle rühren in der finanziellen Datensuppe mit, wenn auch nur mit unserem kleinen Smartphone oder unserem so unschuldigen Internetzugang. Jede Handlung im Internet wirkt sich direkt oder indirekt auf das finanzielle Weltgeschehen aus. Die Zahlen dazu laufen auf den Bildschirmen von Agenten, Maklern und Brokern an der Börse. Irgendwelchen Oligarchen und Wirtschaftsmagnaten mag das heute noch nützen. Doch nur ihnen die Schuld an der gegenwärtigen Weltkrise zu geben: ist das realistisch? Für die meisten Menschen ist das Internet einfach wie ein großer Selbstbedienungsladen und keinen interessiert noch, wo das eigentlich alles herkommt.

Gold, Geld und Zinseszins

Der Großteil derer, die im Internet mit Werbung und Handel Geld verdienen, müssen irgendjemandem Zinsen zahlen. Und nicht nur das: sie zahlen auch Zinsen auf ihre Zinsen. Das ist ein wichtiges Problem der Weltwirtschaft. Wie die meisten wohl wissen, muss die Währungsordnung von Geldbeträgen, einen Umtauschkurs zu Gold garantieren. Wie aber soll Geld, dass sich als Zinseszins im Geldsystem von selbst vermehrt, mit Gold gedeckt werden? Je mehr sich Schulden in einer bestimmten Währung durch Zinsen vergrößern, desto mehr driftet ein Staat oder eine Währungsunion (z. B. die Europäische Union) in die Krise. Es scheint das jedes Geldsystem ein System auf Zeit ist. Wenn die Werte nicht mehr mit Gold umgetauscht werden können, fordern Gläubiger bekanntlich Naturgüter oder andere Waren und Dienstleistungen. Wenn ein Staat sehr hoch verschuldet ist und weder seine Kredite bezahlen kann noch seine Zinsen, droht ein Krieg. Da sich aber durch den internationalen Handel von Gütern und Dienstleistungen, die Grenzen zwischen Staaten immer mehr aufweichen, ist die Situation etwas komplizierter geworden. Manche befürchten zwar einen Dritten Weltkrieg, doch die mit dem Geldsystem verbandelte Technologie-Entwicklung, geht wohl ihre eigenen Wege.

Die Computer-Branche wirkt auf noch viel höherer Potenz auf das Geschehen unserer Weltgesellschaft zurück. Wie Geld, verliert auch Software beständig an Wert. Ständig gibt es Software-Aktualisierungen, die auch durchgeführt werden müssen, da Anwendungen sonst fehleranfällig und unsicher werden. Zwar ist das ein Vorgang, den man auch an physischen Strukturen feststellen kann, nur sind die Zeitzyklen in der digitalen Welt sehr, sehr viel kürzer.

Was irgendwie nicht passt: Internet und Gott

Die gegenwärtige technologische Revolution, die auch eine industrielle und gesellschaftliche Revolution ist, hat begonnen. Die Menschen sind zu sehr mit ihrer Angst beschäftigt, nach der sie sich offenbar sehnen: jeden morgen beim Frühstück läuft bei vielen schon was auf der Mattscheibe (z. B. »Frühstücksfernsehen«).

Schon lange prophezeien Moral-Apostel vieler Geistesschulen und Religionen, ein aufdämmerndes, gesellschaftliches Desaster. Das Problem: die Führer der Glaubensgemeinschaften innerhalb ihrer Institutionen sind zerrüttet. Innere Kräfte wenden sich gegen sie. Man schaue nur in den Vatikan. Die islamische Welt ist ebenso gespalten. Radikalisierte Gruppen behaupten über die Häupter der Gläubigen hinweg, den Dschihad (»Heiliger Krieg«) im Außen durchführen zu müssen. Andererseits waren es aber nicht die gläubigen Rabbiner, die 2014 in Panzern durch den Gazastreifen rollten. Jahrhunderte lang lebten Juden, Christen und Muslime friedlich miteinander im heiligen Land. Erst nach dem Holocaust und dem Völkermord in Europa, kam es zur Staatsgründung Israels. Das aber die Technologie-Verwirrung, all die vielen Konflikte anschirrt, liegt auf der Hand - wenn es auch kaum einer weiß. Man denke an all die Smartphone-Filme, die von Nachrichtensendern, für ihre Berichterstattung verwendet werden. Ist das alles glaubwürdig?

Gretchenfrage und Ignoranz

Wenn Menschen aufhören an etwas zu glauben, dann glauben sie an jeden Unsinn – wie uns die Wellness-Esoterik-Szene beweist. Anfang des 20. Jhd. befanden sich die Menschen in Europa in ähnlicher Verfassung. Das führte zum deutschen Nazismus und zum sowjetischen Kommunismus. Was bei den einen die Rasse-Reinheit galt, forderten die Anderen mit erzwungener Gleichheit.

Leben wir heute nicht in ähnlichen Verhältnissen? Wieviele Menschen belächeln, wenn jemand sagt: »Ich glaube an Jesus Christus.« Auch damals glaubte keiner mehr so richtig an irgendetwas, hatte sich schon lange vom Glauben an einen Gott abgewandt, sich über die Religionen lustig gemacht. Alternativreligion war der Sozialismus – der nationale, wie der kommunistische. Den »Einen Gott« ersetzte ein Führer: Hitler oder Stalin.

Das Eine Ding

Vielleicht wäre es gut, mehr Menschen zögen in Erwägung, ihr Handeln auf eine Sache hin zu konzentrieren, etwas das ihnen Zuversicht und Stärke vermittelt – etwas worauf man sein Bewusstsein ausrichten kann. Etwas Verlässliches sollte es sein, eine Art Ritus der einen erdet, wo man Ruhe findet, etwas auf das man sich konzentrieren kann. Es ist schwierig sich einfach nur das Allerbeste aus allen Religionen herauspicken und zu versuchen, nur die schönsten und praktischsten Riten und Gebräuche ins Leben zu integrieren. Aus einfachem Grund: wer sich längere Zeit mit den traditionellen Geistesschulen und Religionsformen beschäftigt, erkennt zwar ihren gemeinsamen Kern, doch unterscheiden sich die Formen ihrer spirituellen Praxis. Genau aber die regelmäßige, spirituelle Praxis ist es, die uns hilft, Halt in einer Welt zunehmender Komplexität zu finden. Sich auf eine Tradition festzulegen, sich einem Glauben anzuschließen, heißt nicht, alle anderen spirituellen Wege abzulehnen oder ignorieren zu sollen. Sich zu einer spirituellen Praxis bekennen bedeutet, dass man sich wenigstens einmal im Leben mit etwas wirklich beschäftigt hat! – und eben nicht nur eine neue Gebrauchsanweisung verinnerlicht, die in einem Jahr schon wieder überflüssig geworden ist.

Tradition heißt nicht, die Asche bewahren, sondern das Feuer weitertragen.

- Ricarda Huch, deutsche Philosophin und Historikerin

Die materielle Welt ist heute sehr komplex und wird immer komplizierter. Umso wichtiger wird ein konkreter, einfacher Kern der Spiritualität, den man praktisch lebt, auf den man sich jeder Zeit hin ausrichten kann, sich dorthin wenden kann, wenn die Welt im Außen zu turbulent wird und nervt.

In die Mitte kommen heißt: die Mitte kennen.

Natürlich versuchen alle spirituellen Schulen neue Mitglieder zu rekrutieren und bekämpfen darum andere Schulrichtungen, ja es scheint als wäre es nie schlimmer gewesen. Immer aber gab es mystische Strömungen in den Traditionen in West und Ost (Schamanismus, Kabbala, Sufismus, Gnosis, Rosenkreuzertum, Voodoo, Bön, Vajrayana, Vedanta), deren Anhänger den wahren Kern aller Religionen kannten. Doch sie waren es immer auch, die sich auf gefährlichem Wege durch die Weltgesellschaft bewegten. Mystiker wurden wegen ihrer universellen Weltsicht, von ihren Glaubensbrüdern oft heftigst angefeindet. Aber gäbe es heute keine Mystiker, fände wohl überhaupt keine Verständigung mit anderen Glaubensrichtungen statt. Sie sind es, die das Wesen der Ewigen Weisheit (Sophia Perennis) kennen.

Kreativität ist so wichtig

Sind wir nicht alle dazu angehalten, in dieser Zeit des großen Weltwandels, zur Verständigung zwischen Menschen beizutragen und dem Verständnis für die Umstände anderer, mehr Raum zu geben? Wer dieser Aufforderung folgen will, benötigt die Fähigkeit kreativ zu denken und zu handeln.

Heraus aus der Konsumhaltung, hinein in die Kreativität!

Wir müssen uns von den Barrieren der modernen Welt befreien, müssen Brücken bauen zu den alten Werten unserer Zivilisation. Zuerst in uns, dann im Außen. Ersteres ist ein Lebensprozess, begleitet von der Arbeit mit den Menschen.

Bei allem was wir tun, sollten wir zuerst nach innen gehen. Ebenso weit wie sich alles ins unendliche Weltall ausdehnt, ebenso tief können wir uns auf eine innere Reise begeben. Es lohnt sich die Substanzen unseres ganzen Daseins zu entdecken. Nur so kann Integration stattfinden.

Es ist sicherlich eine schwierige Aufgabe, denn in dieser Welt werden die Menschen erzogen nur im Außen Veränderungen zu erreichen. Doch damit entstehen immer wieder neue Meinungen, die mit der Bildung immer neuer Seelenanteile einhergehen. Und diese Seelenanteile werden zu ganz eigenwilligen Psycho-Entitäten, die Spuren in unser Unterbewusstsein zeichnen. Diesen Spuren folgen wir unbewusst. Wer das Innere seiner Seelenwelt aber allmählich entlarvt, klärt das Verhältnis zu den Menschen die ihm täglich begegnen. Alles gewinnt an Wert, sobald man seine eigene Wichtigkeit auflöst. Was uns davon abhält sind die neuen Medien. Sie produzieren Feindbilder im Außen. Schließlich kostet es nichts Kritik zu üben. Wahres Urteil fällt aber nur, der ohne Meinungen ist. Wer kennt es nicht: in einer Diskussion zog man den kürzeren und später spielt man die Situation noch einmal durch, um in einem inneren Dialog mit einem Phantom des Opponenten, am Schluss Recht zu gewinnen. Das lässt uns in einem ewigen Gestern festsitzen. Etwas zu zerstören ist sehr einfach. Aufbau ist mit wirklicher Arbeit verbunden und der Fähigkeit zur Kreation. Wer sich ignorant dieser Arbeit verweigert, der wird immer Sklave äußerer Umstände bleiben, im Glauben Freunde dort zu finden, wo neue Feindbilder entstehen. Es ist so einfach Feindbilder zu generieren. Doch es hilft niemandem. Nur wieso empfindet es der Mensch als Erleichterung, wenn er sich über Probleme auslässt, Feindbilder pflegt und sich, schlimmsten Falls, mit Untergangsszenarien, seiner eigenen kleinen Welt oder des gesamten Planeten befasst? Es gibt ein physikalisches Gesetz, das man den »zweiten Hauptsatz der Thermodynamik« nennt. Dieser Satz besagt, das alles was entstanden ist, irgendwann wieder zerfällt. Alle Materie ist an die Zeit gebunden. Wer sich über die Welt beschwert und destruktiv kritisiert, hat sein Leben überhaupt nicht im Griff, sondern ist Sklave dieses Zerfallsprozesses. Sich gegenüber den Details der eigenen Seelenhierarchie zu verantworten, bedeutet, sich bedingungslos dem Schicksal zu stellen. Alles was einem geschieht, alle Ungerechtigkeiten, alle Krankheiten und alles Leid, müssen zuerst angenommen werden, um sie aufzulösen!

Wer seine inneren Gegner überwunden hat und nicht mehr versucht seine Mitmenschen zu ändern und den Mut hat, klug genug zu sein an Wunder zu glauben, der wird sich nach und nach aus der selbst geschaffenen, engen »Schlangenhaut«, zu einem neuen Leben heraus winden. All die materiellen Dinge an denen wir hängen, die gepflegt und gewartet werden wollen, sind ebenso ein Ballast, wie die vielen Meinungen die wir im Laufe unseres Lebens gesammelt haben. Es ist unser »Meinungskörper«, an den sich ständig neue Meinungen heften. Es sind unsere vielen Absichten, von denen wir glauben, dass sie uns ausmachen. Sind es aber nicht die selben, die uns daran hindern Neues zu erfahren? Was von all den vielen Meinungen die wir mit uns herumtragen, sind in Wahrheit Unwahrheiten? Mit der Meinung ist es wie mit einer Münze: sie hat zwei Seiten – doch auch ihr Rand ist geprägt, worauf eigentlich niemand achtet. Es scheint, als würde das was die Widersprüche verbindet, gerne ignoriert.

Arbeit und Tradition

Das eigene Leben zu verändern und gleichzeitig wieder in der alten Umwelt weiter zu leben, ist sehr schwierig. Wer große Schritte gemacht hat, für den ist die Rückkehr in die alte Welt nicht einfach - oft unmöglich! Neue Lebenseinstellungen lassen sich nicht einfach integrieren und an alte Beziehungen anpassen. Doch wir müssen uns verändern.

Wer den Weg der Selbsterkenntnis geht, der muss zur Quelle vordringen. Doch bekanntlich muss man sich dabei gegen den Strom bewegen. Wir können nur so gewinnen: unser Leben verändern. Diese Aufforderung ist gegenwärtig noch viel bedeutender als früher. Flexibilität wird immer wichtiger. Wer aber keinen festen Halt in seinem Leben hat, der ist ständig neu entstehenden Aufgaben hilflos ausgeliefert. Flexibel bleiben kann, wer im Leben Halt gefunden hat. Dafür steht die traditionelle, spirituelle Praxis. Mit ihr verbinden wir uns mit dem Roten Faden der überlieferten Tradition. Hierauf kann man sich festlegen.

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