Tempelschlaf

Heilkraft des Tempelschlafs

von S. Levent Oezkan

Das Abaton im Asklepios-Tempel von Epidauros - ewigeweisheit.de

Für die Menschen der Antike waren körperliche Leiden und psychische Störungen untrennbar miteinander verbunden. Krankheitssymptome verstand man darum  als besondere Merkmale dafür, was den Zusammenhang der Wirkungen beschrieb von Äußerem und Innerem, von Leib und Seele.

Vor diesem Hintergrund ist interessant zu erfahren, dass dabei die Arbeit mit Träumen, den Heilern und Priestern von einst, von höchster Bedeutung war. Es  ging da um den Schlaf im Tempel, von dem sich ein Kranker erhoffte, in seinem Traum Antworten zu finden auf die Frage, was er zur Gesundung benötigte. Meist aber waren die in den Traumgesichten geschauten Bilder und Symbole dem Hilfesuchenden nicht unmittelbar verständlich. Erst mit der Deutung durch die Tempelpriester, kam ans Licht, was der Hilfesuchende für seine Gennesung zu tun hatte.

Diese Praxis der Traum-Inkubation (abgeleitet vom lat. incubare, »ausbrüten«) übte man aus in den Tempeln des Asklepios im alten Griechenland, in den Isis-Tempeln Alt-Ägyptens, bei den Schamanen Nordamerikas oder wie auch später in christlichen oder islamischen Heilkulten. Traum-Inkubation ist aber auch heute ein Begriff der von zentraler Bedeutung ist für die sogenannte Traum-Therapie.

Lassen Sie uns im Folgenden einen Blick werfen auf den heilsamen Tempelschlaf, wie man ihn in der griechischen Antike praktizierte.

Gesundung kommt von innen

Jeder Mensch der gesund werden will sollte wissen, dass seine Heilkräfte in ihm selbst veranlagt sind. Der Glaube des Hilfesuchenden ist das, was ihn letztendlich gesund werden lässt. Hierin liegt die ganzheitliche Kraft jeder Heilkunst. Alles andere sind Mittel, sind Mittler die einem kranken oder leidenden Menschen Heilkräfte übertragen, in ihm wachrufen und zu einer kurierenden Anwendung führen.

Ein Glaube an Wunderheilungen ist dabei mehr als angebracht. Und solche finden tatsächlich auch statt, wie uns die Geschichte der Heilkunst bis in die Gegenwart hinein zeigt. Solche Wunder ereignen sich tatsächlich sehr oft, in einer fast unendlichen Vielzahl von Fällen, in denen Menschen auch von sogenannten unheilbaren Krankheiten geheilt wurden.

Im antiken Griechenland kam es zu solchen Wunderheilungen etwa in den Tempeln des Asklepios. Immer hatte dort der Wille zur Gesundung, wie auch der Glaube an ihr Eintreten, höchste, ja sogar heilige Priorität.

Asklepios-Tempel in Epidauros - ewigeweisheit.de

Illustration des alten Asklepios-Tempel in Epidauros

Götter des Lichts, der Wahrsagung und der Heilkunst

Die Priester jener Tempel des Asklepios zählen zu den ersten Ärzten Europas. Der wahrscheinlich berühmteste Heilungstempel befand sich einst im griechischen Epidauros – in einem Bezirk der dem Lichtgott Apollon geweiht war, dem Vater des Asklepios – Gott der Heilkunst. Auch Apollon war von alters her ein Heilgott gewesen. Er war aber auch ein Gott der Weissagung, als der er über die Orakelstätte im griechischen Delphi wachte.

Es scheint, als wären Heilkunst und Wahrsagung in der Antike immer miteinander verbunden gewesen. Kaum verwunderlich darum, wenn eine entsprechende Tiersymbolik beim griechischen Gott Asklepios, wie auch bei der ägyptischen Isis darauf hindeuten. Der Hund etwa, war im griechischen Mythos ein Begleiter des Asklepios: Seine Fähigkeit etwas zu wittern, galt den alten Griechen als Synonym für die intuitive Voraussicht. Denn das macht den Hund dem Menschen überlegen. Seit alters her galt der Hund darum auch als ein Führer ins Jenseits. Als solchen trifft man ihn auch in Alt-Ägypten als Unterweltsgott Anubis, den man mit dem, der Göttin Isis geweihten »Hundsstern« Sirius assoziiert.

Intuitive Voraussicht beziehungsweise Wahrsagung und Heilung, standen seit alters her also in direktem Zusammenhang. Dass Träume als solch Schauen in eine Welt reiner Intuition darum in diesem Kontext von Bedeutung sind, dass wusste man schon seit dieser alten Zeit.

Aber auch heute noch gilt eine intuitive Voraussicht als Grundvoraussetzung für die Psychotherapie. Was an Heilungswundern von Ärzten und Therapeuten da vollbracht werden kann, hängt eben mit ihrer Fähigkeit zusammen, recht deuten zu können, was an Symbolen im Kontext von Krankheit auftritt. Intuitiv kann da besser eingegangen werden, auf die Träume oder Aussagen eines hilfesuchenden Klienten.

Orte der Heilung

Immer spielte die Lokalität eine wichtige Rolle, an dem solch intuitive Heilkunst zur Anwendung kam. Die »Gnadenstätten der Heilung« waren im Altertum geografisch ganz streng verortet. Das steht auch in Korrespondenz mit einer entsprechenden Lokalisierung in der Psyche eines Menschen. Denn an anderen Orten träumt man andere Träume. Und diese Tatsache erklärt dann ihrerseits wiederum die Wirksamkeit bestimmter Plätze und Heiligtümer auf unserem Planeten, an denen ein Träumender einen anderen Zugang findet zu dem, was C. G. Jung als »Kollektives Unbewusstes« in die moderne Psychologie einführte.

Der Asklepios-Tempel in der Kultstätte Epidauros, war damals besonders bedeutsam, um heilkräftige Traumerfahrungen in hilfesuchenden Menschen auszulösen.

Da diesen Ort all die vielen Kranken, mit teils schweren Leiden und Gebrechen, in der Vergangenheit als Pilger besuchten, wurde aus diesem Tempel bald ein Therapiezentrum, das weniger an ein Heiligtum, als eher an eine Klinik erinnerte.

Das Heilverfahren des Tempelschlafs

Bevor man die Hilfesuchenden in den Tempel bat, um dort die Nacht zu verbringen, mussten sie sich zuvor besonderen kultischen Handlungen unterziehen. Dazu gehörte die Reinigung an einem der Brunnen im Tempel und man erbrachte danach dem Lichtgott Apollon ein Opfer. Von dort aus kamen die Kranken dann ins Tempelheiligtum, das sogenannte »Abaton«. Hier verbrachten sie die Nacht, umgeben von mystischen Symbolen, wie etwa Statuen des Traumgottes Oneiros. Alles solches sollte die Erwartungen auf Heilerfolg im Hilfesuchenden stimulieren. Man wollte ihn damit in die richtige geistige Stimmung führen, wo der Kranke leicht in den hierzu benötigten Traumschlaf fallen konnte. Mitunter wurden von der Priesterschaft zu diesem Zwecke auch besondere Hypnose-Verfahren angewandt.

Zu den zentralen Symbolen in den Asklepios-Tempeln zählte die Schlange, die sich ja um den berühmten Stab des Asklepios windet (siehe Abbildung). Damals interpretierte man ihre Erscheinung, als eine aus der Erde wirkende Kraft, aus der geheimnisvolle Lebenskräfte hervorströmen. Doch auch die Tatsache, dass sich das Reptil immer wieder häutet, galt den Alten die Schlange als Symbol der Erneuerung und Heilung (auch im Alten Testament ist ja die Rede von einer Schlange, deren Anblick die Kranken von ihren Leiden heilt, Numeri 21:8f).

Schlange an der Schale der Hygeia - ewigeweisheit.de

Der Gott Asklepios: In seiner rechten die Schale der Göttin Hygeia (seiner Tocher) halten, in seiner Linken den Asklepiosstab, an dem die chtonischen Erdkräfte in Form einer Schlange emporsteigen.

Wer nun im Tempel des Asklepios in seinem Tempelschlaf träumte, dem, so die Überlieferung, soll dabei an diesem Ort Asklepios selbst begegnet sein. Dieser eröffnete dem Träumenden dann das notwendige Verfahren, um damit seine Krankheit zu heilen. 

Heldentum und Heilkraft

Solch Gottheiten wie Asklepios, doch auch andere »Heilgötter«, achteten die hilfesuchenden Gläubigen von einst, als Heldenfiguren. Als solche hatten sie sich vom Himmel auf die Erde hinab begeben, um dort als Mittler, in ihrer geistigen Heilarbeit im Kranken, dessen inneren Heilkräfte zu stimulieren.

Wie wir aus der griechischen Mythologie erfahren, war auch Asklepios ursprünglich ein Held, der sich seine Göttlichkeit erst durch Leiden erkämpfen musste, um in den Himmel der olympischen Götter aufgenommen zu werden. Nach seiner Metamorphose schließlich begab er sich erneut hinab auf die Erde und mit ihm, so der Mythos, erschienen dort auch chtonische Wesenheiten, wie eben die Schlange (»chthonisch« ist ein altes griechisches Wort, dass man für die in Mutter Erde wirkenden Kräfte verwendet). Wenn diese Schlange nun wieder an seinem Stab (quasi) gen Himmel emporkriecht, weist das wiederum hin auf die entgegengesetzte Richtung dieses Kraftflusses. Unwillkürlich erinnert diese Auf- und Abbewegung an das, was sich auch der Smaragdtafel des Hermes Trismegistos entnehmen lässt, worin es im achten Vers heißt:

[…] So steigt es von der Erde empor zum Himmel und wiederum zur Erde hinab um sich mit ihr zu vereinigen. Dabei wird es veredelt, und nimmt die Kräfte der oberen und unteren Welt in sich auf.

Diese »veredelnden Kräfte« eben waren es, die in der Erde auch jene Energien aktivierten, die beim Schlaf im Asklepios-Tempel und dann im Kranken, eben jene Träume stimulierten, die ihm entsprechende Heilrezepturen suggerierten. In der Gotteserscheinung Asklepios' verband sich damit die Welt des Göttlichen mit der des Menschen, womit der heilsame, himmlische Kraftfluss in die Erde und damit in die Traumwelt des Schlafenden hineinwirkte.

Heilen durch Handauflegen

Als Gott der Heilung verwendete Apollon auch seine ausgestreckten Hände, um diese über einen Kranken zu halten. Diese Form des Heilens brachte er dann auch dem Kentauren Cheiron bei. Der war der erste Lehrer des jungen Asklepios. In Rom nannte man ihn »Chiron«, woraus sich heute so Wörter ableiten wie »Chirurgie« oder »Chiropraxis«. In Epidauros waren es die Priester des Asklepios, die den Kranken und Hilfesuchenden die Hände auflegten. Eben solches Handauflegen zur Heilung, sollte dereinst auch übergehen in die Praxis der Segnungsgesten christlicher Priester. Und wenn von Händen eines Lichtgottes Apollon Heilkraft ausstrahlt, so lässt sich das nicht nur als Sinnbild verstehen. Denn in der Tat geht von den Händen Infrarot-Licht aus, dass Schlangen zum Beispiel sehen können. Vor allem aber wirkt dieses wärmende Licht, sich wohltuend auf menschliche Nervenzellen aus.

Des Tempels Allerheiligstes

Im sogenannten Abaton des Tempels (einem heiligen, nur für die Auserwählten betretbaren Ort) befand sich ein Säulengang, der auf einer Seite nach Süden hin geöffnet war. Um das Ritual des Tempelschlafs dort, mit all den vielen Menschen, in geordnetem Ablauf durchzuführen, gab es eine entsprechend große Gruppe von Priestern, die diese Zeremonie beaufsichtigten.

Meist stand dieser Priesterschaft ein Hierophant vor, der meist auch Arzt war, was im Übrigen auch für die ihm untergeordneten Geistlichen galt, die in sich also sowohl priesterliche wie auch heilerische Aufgaben erfüllten. Der Glaube an die Göttlichkeit im Sein des Einzelnen, war da von ganz wesentlicher Bedeutung, die er aber entsprechend durch die Priesterschaft suggeriert bekam.

Nachts, als sich die Kranken im Bereich des Abaton versammelt hatten, erhörte man da die Gebete der Priester. Man ließ keine Mittel aus, um eine starke psychisch-emotionale Wirkung auf die Hilfesuchenden auszuüben. Darauf wurden die Anwesenden dazu aufgefordert, sich schlafen zu legen. Hierfür war für jeden eine entsprechende Couch vorbereitet: die altgriechische Klinē (ein Begriff aus dem das heutige Wort »Klinik« ableitet).

Dann wurde das Licht gelöscht und jeder sollte sich in guter Hoffnung auf seine bald anstehenden Träume einstimmen. Die entsprechende Gottheit nämlich würde damit im Traum erscheinen und dem Kranken suggerieren, wie er Linderung finden kann.

Die Priester des Asklepios dort wussten sehr genau, wie sie die Kranken vor dem eigentlichen Tempelschlaf, auf ihre darin zu erfahrenen Traumerlebnisse einstimmen mussten. Es gibt mehr als vierzig Inschriften aus der griechischen Antike, die darauf hinweisen, zumal jeder der in Epidauros und andernorts von seinen Leiden geheilt wurde, war verpflichtet seine dabei gemachten Erfahrungen aufzuzeichnen.

In ihren Träumen erlebten manche der Kranken da, wie die Schlange oder der Hund des Asklepios die entsprechend erkrankte Stelle ihres Körpers berührte. Wem so widerfuhr, der erwachte meist mit einer spontanen Heilung.

 

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Apollonios von Tyana und die Tradition der Pythagoreer

von S. Levent Oezkan

Apollonios von Tyana - ewigeweisheit.de

Im ersten Jahrhundert nach Christus lebte in Südanatolien ein Wundertäter und Philosoph, über dessen Leben, Wirken und Lehren es zu allen Zeiten größte Meinungsverschiedenheiten gab: Apollonios von Tyana.

Er war jedoch kein Philosoph im eigentlichen, heutigen Sinne des reinen Theoretikers: einer der die Weisheit zwar liebt, doch nicht lebt. Vielmehr bewegte sich Apollonios durch die Welt auf den Pfaden der alten Weisheitstradition der Pythagoreer. Ihr Ziel nämlich war es die Geheimnisse der Natur praktisch zu erforschen, als nur darüber nachzugrübeln.

Auf den Pfaden dieser alten pythagoreischen Tradition bewegte sich auch Apollonios von Tyana, der die Naturerfahrungen selbst erlebte und nicht etwa nur darüber las oder lediglich davon gehört hatte. Der Weg des Philosophen bestand für ihn in einem Leben, durch das der Mensch selbst zum Werkzeug der Erkenntnis wurde.

Was über Apollonios zu dieser Zeit bekannt war, stammte aus der Feder des Damis, einem seiner Schüler aus der mesopotamischen Stadt Ninive.

Etwa hundert Jahre nach dem legendenumwobenen Erscheinen Apollonios' im Süden Kleinasiens, sollte über ihn und sein Leben als Heiler, Magier und Wundertäter, im Auftrag der römischen Kaisergattin Julia Domna (160-217 n. Chr.) eine Lebensgeschichte geschrieben werden. In ihrer Gunst stand damals der griechische Gelehrte Flavius Philostratos (165-249 n. Chr.), dem Domna die in ihrem Besitz befindlichen Memoiren des Apollonios übergab. Sie bat Philostratos daraus eine romanhafte Biografie zu verfassen, worin Apollonios als Weiser mit übernatürlichen Fähigkeiten verherrlicht werden sollte. Domna war eben so fasziniert von dem was sie über diesen Wundermann wusste, dass sie ihn und seine Lehren, mit der Hilfe von Philostratos Schreibkünsten, im alten Rom zu Popularität verhelfen wollte.

Philostratos verwendete aber nicht allein was er von Julia Domna bekam, sondern begab sich selbst nach Tyana (heute im Süden der Türkei), wo er einen Tempel besuchte, der eben dem Kult des Apollonios geweiht war. Doch er begab sich auch an andere Orte der Alten Welt, wo man jenen Weisen hoch verehrte. Das waren zumeist Orte an denen man ihm sogar Tempel und heilige Schreine errichtet hatte.

Im Tempel des Heilergottes Asklepios

Die Geburt des heiligen Apollonios war begleitet von Wundern, wie wir aus Philostratos Biographie erfahren (deutscher Titel: »Das Leben des Apollonios von Tyana«). Er soll, so die Überlieferung, wie auch Jesus Christus von einer Jungfrau geboren worden sein und bereits als kleines Kind besaß Apollonios außergewöhnliche geistige Fähigkeiten.

Im Alter von 14 Jahren schickte ihn sein Vater in die Stadt Tarsus (heutige Türkei, Geburtsstadt des Heiligen Paulus), wo sich damals ein wichtiges Zentrum der Gelehrsamkeit befand. Nach zweijähriger Ausbildung dort kam er mit 16 Jahren ins etwa 70 km östlich davon gelegene, kilikische Aegeae, wo sich das Tempelheiligtum des Asklepios (griechischer Gott der Heilkunst) befand. Bald schon war er vertraut mit der Priesterschaft des Tempels. Dort sollte man ihn schließlich in die Mysterien der alten Weisheitstradition der Pythagoreer einweihen (die Schule der Pythagoreer entstand im 6. Jahrhundert v. Chr. im italienischen Samos).

Zumal die Götter alles wissen, glaube ich, dass jemand, der mit einem guten Gewissen den Tempel betritt, beten sollte: ‚Gebt mir, ihr Götter, was mir zusteht!‘

- Apollonios Predigten 1:11

Der Tempel des Asklepios in Aegae bildete auch eines der vielen Krankenhäuser im alten Griechenland. Was man damals dort jedoch als Heilkunst praktizierte, war etwas gänzlich Anderes als das, was man an Heilmethoden heute verwendet.

Pythagoras erklärte die Heilkunst zum Göttlichsten das wir haben. Wenn aber das Göttlichste die Heilkunst ist, müssen wir uns sowohl um die Seele als auch um den Körper kümmern. Denn sicherlich: Kein Lebewesen kann gesund sein, wenn es in Sachen seines höchsten Grundbestandteils krank ist.

- Apollonios 23. Brief: An Critton

Schon bald galt Apollonios in Aegae als bekannter Heiler, wo viele kranke Hilfesuchende zu ihm kamen, in der Hoffnung auf Genesung. Das sollte sich schnell herumsprechen und man hielt den jungen Mann damals für einen Heiligen, ja manche glaubten gar in Apollonios selbst dem Gott Asklepios begegnet zu sein.

Alle Kranken die sich in den Asklepios-Tempel begaben, um dort Hilfe und Gesundung zu finden, wurden durch die Priestersachaft zuerst besonderen Reinigungsritualen unterzogen. Daraufhin verbrachten sie die Nacht im Heiligtum, wo man ihnen in einem Tempelschlaf, Instruktionen für ihre Heilung  gab. Was der Kranke dann in seinen Träumen sah, wurde vom Priester gedeutet und dementsprechend durch seine Heilkünste zur Anwendung gebracht.

Dieser heilsame Tempelschlaf lag der Tatsache zugrunde, dass die Priester eben wussten, dass Weisheit und Heilkunst in innigem Zusammenhang mit der Gesundheit stehen. Dem heutigen Durchschnittsmenschen scheinen solche Erfahrungen anscheinend abhanden gekommen zu sein. Schließlich berühren seinen Geist nur immer neue Informationen, wovon auch nur wenige ihn zu echtem, brauchbarem und nachhaltigem Wissen führen – von Weisheit ganz zu schweigen. Es fehlt den meisten unter uns heute schlicht die Zeit, sich auf Wege zu begeben, die zur Weisheit führen. Und doch plagt viele Langeweile, wenn sie einmal Zeit haben und sie keinen »Zeit-Vertreib« finden.

Das Leben ist (zu) kurz für den Menschen dem es gut geht, doch für den Unglücklichen ist es (unerträglich) lang.

- Apollonios 95. Brief: An Cornelianus

Asketentum und Wanderschaft

Nach dieser Zeit in Aegeae entschied Apollonios für sich eine Zeit des Schweigens, strenger Askese und Enthaltsamkeit. Über fünf Jahre durchquerte er ganz Anatolien und begab sich da an sehr viele wichtige Orte, wo man einst Menschen in die uralten Weisheiten eingeweiht hatte.

Die ganze Welt ist mein und sie wurde mir überlassen, um sie zu durchreisen

- Apollonios Predigten 1:21

Sein damaliges Üben in Abstinenz vom Weltlichen, geschah ganz im Sinne der alten Schule des Pythagoras. Nämlich auch die Pythagoreer enthielten sich dem Genuss von Wein, blieben unverheiratet, und aßen kein Fleisch. Wie sie verurteilte auch Apollonios die Opferung von Tieren im Namen der Gottheit. Für die armen Menschen von damals aber, waren die Opferungen die Zeitpunkte, wo sie überhaupt Fleisch aßen. Die Priester der Dörfer waren damals darum immer auch Fleischer und die Fleischer immer auch Priester gewesen.

Apollonios kleidete sich in ein einfaches Leinengewand und lief Barfuß. Wenn er Schuhe trug, dann niemals aus Tierhäuten, sondern aus Baumrinde. Er hatte langes Haar und trug einen Bart – ganz im Sinne dessen, wie es die Pythagoreer vor ihm hielten.

Der Zyklus der Wiedergeburten

Wenn wir seinem Biografen Philostratos Glauben schenken, erinnerte sich Apollonios an seine frühere Inkarnation. Wie auch die alten Pythagoreer, glaubte er an die Wiederkehr der Seele, die von einer in die nächste menschliche Verkörperung überwechselte. Gleichzeitig aber war ihm immer bewusst, dass das was jemand an seinen Tod denkend fürchtet, ebenso nur Schein ist, wie ebenso die Geburt seiner Seele, an die man sich in Gedanken ja nicht erinnern kann.

Nun gab es da einen seiner Schüler, Decimus Valerius Asiaticus Saturninus, der am frühen Tod seines Sohnes beinahe verzweifelt war. In einem Trostbrief schrieb er an Valerius:

Denn wenn sich der Übergang einer Sache aus der Wesensessenz in die Natur ereignet, so halten wir es für eine Geburt oder ein Werden, und ebenso glauben wir vom Tod, er sei das, was aus der Natur in die Essenz des Wesentlichen übergeht; obwohl in Wahrheit eine Sache weder entsteht noch vernichtet wird. Doch sie ist nur einmal sichtbar und nachher unsichtbar – erstere wegen ihrer stofflichen Dichte, letztere wegen der Leichtigkeit oder Flüchtigkeit ihres Wesens, das aber immer dasselbe bleibt und allein den Unterschieden von Bewegung und Zustand unterliegt.

- Apollonios 58. Brief: An Valerius

Für Apollonios gab es nichts, dass tatsächlich entsteht, um zu existieren oder zugrunde geht, um sich aufzulösen. Und ebenso verhielt es sich für ihn mit der Seele: Was nämlich während der Inkarnation in ein körperliches Menschsein eintrat und sich mit dem Tod wieder daraus (er)löste, galt ihm lediglich als ein Wechsel von Sichtbarwerden und Unsichtbarwerden.

Was ist, das war für Apollonios unentstanden und dabei gleichzeitig auch unvergänglich. Seiner Auffassung nach wird auch ein Kind nicht etwa von seinen Eltern geschaffen, sondern die Eltern sind bloß ein erforderliches Mittel, damit das Kind auf die Welt kommt. Der Tod aber sei nur ein Wechsel des Aufenthaltsortes der Seele. Aus diesem Grund sollte der Tod eben auch nicht beklagt, sondern geehrt werden.

Apollonios und die Religion

Durch die vielen Wunder, die Apollonios zu Lebzeiten vollbrachte, wie insbesondere seine Fähigkeit böse Geister zu bändigen, wurde er zu einer zentralen Gestalt der Bewunderung für jene, die seinerzeit die alt-paganen Kulte pflegten. Ihnen galt Apollonios damals gar als einer, den sie zum Rivalen des Weltlehrers Jesus Christus machten. Der nämlich wurde nicht von allen Gelehrten jener Zeit als solcher akzeptiert.

Bis ins 3. Jahrhundert n. Chr. hinein, kam es gar zu Konkurrenzkämpfen unter den Angehörigen und Vorstehern jener alten, damals gepflegten Religionstraditionen mit den Mitgliedern der noch jungen Christenheit. Wenn hier aber die Rede ist von »Religion«, ging es damals nicht mehr um ein esoterisches Wissen über die Geheimnisse der geistigen Welt, als eher ein angeordneter Glaube über das, was die jeweilige religiöse Autorität als solchen für richtig hielt. Nur wenig scheint sich daran bis heute geändert zu haben.

Für Apollonios war Religion nicht allein nur Glaube, sondern eine Wissenschaft. Alles erschien ihm in einem ständigen Wechsel der Dinge: Kulte und Riten, Religionen und Glauben waren für ihn eins, vorausgesetzt in ihnen wirkte ein rechtschaffener Geist des Wahren.

Es sollten sich in dieser Zeit gewaltige Kräfte im römischen Reich auch gegen das noch junge Christentum stellen. Kaum verwunderlich, wenn sich erste christliche Gemeinden in die Höhlen Kappadokiens vor ihren Verfolgern verbargen (etwa um das 1. Jahrhundert n. Chr.).

Zu jenen, die das damals noch junge Christentum nicht als Religion akzeptieren wollten, zählte auchg der Neuplatoniker Porphyrios (233-305). Ihm galt Apollonios als weitaus größerer Wundertäter als Jesus. Nicht etwa sah er Apollonios als einen auf Erden verkörperter Gott, wie die Christen den Jesus, sondern für ihn war er ein Mensch, der den Göttern jedoch lieb und teuer war. Er argumentierte darum gegen die Einzigartigkeit Jesu Christi als Weltlehrer und wies dabei hin auf Apollonios von Tyana. Auch andere versuchten Apollonios, als eine dem Jesus Christus überlegene Persönlichkeit darzustellen, wie etwa der römische Aristokrat Sossianus Hierokles (lebte um 300 n. Chr.). Dieser zählte sogar zu den größten und gefährlichsten Kritikern der Christen und machte damals Apollonios zur Leitgestalt für alle Gegner der Christenheit. Als Antwort darauf, fühlte sich der christliche Kirchenvater Eusebius von Caesarea (260-340 n. Chr.) dazu veranlasst, die außergewöhnlichen Taten Apollonios’ auf die Einwirkung dämonischer Mächte zurückzuführen.

Schon aber zu Lebzeiten Apollonios’ begannen einige damit, seine ganze Erscheinung in Frage zu stellen. Man verunglimpfte ihn als Scharlatan oder als einen, von Dämonen besessenen Schwarzmagier, wie etwa der Stoiker Euphrates von Tyros (35-118 n. Chr.). Apollonios’ Reaktion darauf aber:

Selbst der allweise Pythagoras zählte zur Klasse der Daimonen (Gottwesenheiten); du aber scheinst mir noch immer ganz fern zu sein von Philosophie und wahrer Wissenschaft, sonst nämlich würdest du den Namen dieses großartigen Menschen weder missbrauchen, noch jene hassen die zu seinen Anhängern zählen.

- Apollonios 50. Brief: An Euphrates

Solche und andere Unterstellungen und Anschuldigungen, die als Erinnerungen in den Köpfen der Menschen über Apollonios in den ersten Jahrhunderte nach seiner Zeit schwirrten, versuchte Philostratos mit seiner Apollonios-Biografie aus dem Weg zu räumen. Für ihn war dieser alte Weise von einst, ein von Gott inspirierter Prophet, der im Mittelpunkt stehen sollte dessen, was man heute als die Neupythagoreische Tradition bezeichnet. Apollonios nämlich versuchte die Lehren des Pythagoras zu erneuern, mit eben jenen Erfahrungen, die er während seiner Reisen nach Ägypten, Babylon und Indien zu neuen religiösen Sichtweisen untereinander verband und hierdurch den Pythagoreismus zu eben einer neuen Theosophie umbildete.

Epigramm zu Apollonios von Tyana - ewigeweisheit.de

Inschrift über Apollonios von Tyana (heute Adana-Museum Türkei, Foto: Quelle Wikimedia CC0).

In der Tat scheint Apollonios von Tyana, mit all dem was wir heute über ihn und sein Wirken wissen, kein gewöhnlicher Mensch gewesen zu sein. Wie sonst auch hätten ihm seine Verehrer Tempel und Schreine errichtet wollen?

Dieser Mann, nach (dem Lichtgott) Apollo benannt,
(einst) Aus Tyana hervorscheinte,
Löschte die Makel der Menschen aus.

Die Gruft Tyanas (empfing) seinen Leib,
In Wahrheit aber nahm ihn der Himmel auf,
Damit er (von dort aus) die Leiden der Menschen vertreibe.

 

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