Wege aus einer Krise

von S. Levent Oezkan

Wie gejagt, rasen wir oft durch den Tag, zwischen vermeintlich wichtigen digitalen Erledigungen und unseren tagtäglichen Verpflichtungen. Es scheint, als bliebe da kaum Zeit jenen Quellen nachzuspüren, die zur Erfüllung unserer Bedürfnisse verwendet, zu unserem allgemeinen Wohlempfinden beitrügen.

Eher scheint die grundlegende Einstellung der meisten Menschen zu sein, immer neue Quellen auftun zu wollen, woraus sich allerlei Tagesmeldungen oder immer banalere Meldungen der sogenannten »Sozialen Medien« aufblähen. Sehr viele von uns verlassen sich auf diese Art Nachrichten, die sogar ihre einzige Realität bilden.

Nur leider sind die Nachrichten von heute durchtränkt von Negativmeldungen, so dass uns, während wir sie konsumieren, Energie verloren geht, die wir eigentlich bräuchten, um über ein besseres, selbstbestimmtes Leben nachzusinnen und auch zu verwirklichen – etwas, das dem Ewigen ähnlicher ist, als mancher moderne Forscher je ahnen könnte.

Was aber soll das heißen?

Zwar findet überall auf dem Planeten ein Fortschritt statt, doch der Mensch als Individuum, fühlt sich kaum mehr verstanden, trauert gar um seine Einsamkeit. Manchen gelten Freunde dann nur noch als Menschen, um an ihnen die eigenen Interessen zu befriedigen.

Aus diesem Bewusstsein, ja eigentlichem Unbewusstsein, steigt in dieser wahren Krise – der jedoch kaum einer einen bestimmten Namen zu geben vermag – ein Frust auf, der sich in den einzelnen Nationen mehr und mehr zu einem Ungetüm zu verhärten scheint, das nur noch zu unterscheiden Vermag zwischen Freund oder Feind. Solch Entwicklung aber, und das liegt auf der Hand, schadet dem Zusammenleben in einem Land, wie auch der eigenen Heimat in einer Staatengemeinschaft.

Natürlich besteht dieser gegenwärtige Zustand schon sehr lange. Denn wenn man zum Beispiel die Schriften der Weisen und Gelehrten des 20. Jahrhundert liest, findet man da eben genau solch Klagen über die Gegenwart.
 

Nie lebten mehr Menschen auf dem Planeten Erde als heute und nie zuvor war die Umwelt mehr geschädigt als heute. Der Grund ist einfach: Die vielen Menschen (in den Industrieländern) leiden an einer Vereinsamung, deren Missbehagen sie versuchen mittels materieller Substitute oder sinnesbefriedigender Notbehelfe zu kompensieren. Und all das verbraucht eine Menge Ressourcen - innerer und äußerer.

Viele auch gleichen bald schon Hamstern, die ihre kleinen Höhlen mit Vorräten vollstopfen, so dass sie am Ende, selbst den Ausgang damit ausstaffiert, nicht mehr herausfinden aus ihrem Inventar vermeintlicher Sicherheiten. Was bleibt ihnen da noch mehr als ihr Hamsterrad?

Der Glaube, dass die Herrschaft über die Materie (und damit über Geld, Besitz und Quellen der Sinnesbefriedigungen) auch eine Herrschaft über unser Glücksempfinden bedeuten könnte, führte uns in diese globale Misere.

Nur unbegründeter Pessimismus?

Viele von uns wissen die eben besagten Dinge, und es mag bei der einen oder bei dem anderen nur noch, wenn überhaupt, ein Schulterzucken auslösen – ganz nach dem Motto:

Wir können doch eh nichts ändern. Lassen wir es also krachen und uns wenigsten so gut wie möglich gehen. Lasst uns Feiern, immerzu feiern.

Doch es ist einfach nur die Fortsetzung eines Wunsches vollkommener Ego-Befriedigung, durch die die Menschheit ja überhaupt erst in diese globale Misere hinabglitt.

Was wir den Weisheitsschriften in West und Ost entnehmen können, ist das genaue Gegenteil davon: Es geht darum unseren Mitmenschen etwas Gutes zu tun. Und das gelingt nur, wenn wir an uns glauben und wissen, dass das was wir für sie tun auch tatsächlich ihre wahren Bedürfnisse befriedigt.

Wenn an solch erhabenen Absichten aber selbst die Moralapostel der institutionalisierten Glaubenshäuser scheitern: Wie in aller Welt sollen es dann Menschen schaffen, die an gar nichts mehr glauben?

Zwar schaut jeder dass es ihm gut geht. Doch es geht »ihr« oder »ihm« bereits so schlecht, dass man die Bedeutung der Nächstenliebe längst vergaß. Naheliegendstes ist die Befriedigung der Sinne.

Die Tagesrückschau: Eine Spirituelle Praxis der Pythagoreer

Keiner von uns wurde in diese Welt geboren, um hier als Engel zu leben. Wir sind Menschen, und wie uns manch esoterische Schrift der abrahamitischen Tradition verkündet, stand Adam (hebräisch für »Mensch« oder der »der Erde Entnommene«) sogar über den Engeln.

Doch diese Überlegenheit der Menschheit gegenüber allen anderen Wesen der Schöpfung, wird wohl keiner für sich erhalten können, nur weil er etwa den ganzen Tag in einer Kirche kniend betet oder sich zur Meditation an irgendwelche abgelegenen Orte begibt. Eher geht es um eine Toleranz, die er für sein Zusammenleben in einer Gemeinschaft entwickeln könnte, womit er vermag über die Schwächen anderer hinwegzusehen – und das in der Hoffnung, dass auch seine Schwächen eher toleriert würden und andere öfter darüber hinweggesehen könnten.

Nur zwei Minuten der Meditation

Um aber solch Großmut und Aufgeschlossenheit zu entwickeln, brauchen wir Zeit, in der wir unseren Blick nach innen richten, um unser Leben und das Leben im Allgemeinen, besser verstehen zu lernen. Jedem von uns täte darum gut daran, eine bestimmte Zeit im Laufe des Tages für solch Innenschau zu reservieren, selbst nur zwei Minuten. In einem Jahr summierte sich solch winzige Zeitspanne auf ganze zwölf Stunden der Meditation, was eine wahrhaftige Veränderung in unser Leben bringen würde – vorausgesetzt, man meditierte eben diese täglichen zwei Minuten pro Tag darüber:

  • War ich heute ehrlich zu mir?
  • War ich heute ehrlich zu anderen Menschen?
  • War ich es heute wert oder eben nicht wert, diese oder andere Tätigkeiten auszuüben?

Solch Rückblick auf den Tag, ließe sich etwa als letzte Tätigkeit vor dem Einschlafen durchführen, in einer Praxis, die bereits die alten Pythagoreer (aus)übten. Dabei erinnerten sie sich zuerst an ihre letzte Tätigkeit des Tages, danach an die Ereignisse, sagen wir, in der Stunde davor, und durchliefen in ihrem Erinnern alle Ereignisse des Tages, bis zu dem Zeitpunkt als sie morgens, eben an diesem Tag erwachten.

In solch meditativer Innenschau wird einer sehen, was ihm gelang und wo er sich gegenüber seinen Mitmenschen noch verbessern könnte, um in diesem Sinne seinen Tag zu beenden und am nächsten, entsprechend bewusst denkend, fühlend und handelnd, all seine Aktivitäten in Harmonie mit dieser spirituellen Praxis zu vollführen – zu seinem eigenen Wohle und zum Wohle aller.

Im Stellen obiger Fragen und dem Finden von Antworten darauf, könnte jeder Tag unseres Lebens, vor dem Einschlafen als Gebet ausklingen.

Innere Stimme und Selbstbewusstsein

Schon seit unserer Jugend wurde uns eine Geisteshaltung anerzogen, die uns auch heute noch glauben lässt, dass wir so viel wie möglich Verantwortung anderen für unser Leben überlassen. Stichworte hierzu wären etwa Versicherungen und Dienstleistungen.

Keine Frage: Jeder tut gut daran, sich gesundheitlichen Schutz und Hilfe zu sichern. Auch die Unterstützung anderer Menschen in Anspruch nehmen zu können, in Zeiten möglicher Bedürftigkeit, ist so wichtig.

Doch wenn wir einmal weit in die Vergangenheit zurückschauen: Wie hielten es die Menschen da? Besaß man da nicht eine ganz andere Gewissheit über das gemeinschaftliche Zusammenleben, wo sich jeder seiner Verantwortung bewusst war? War da nicht ein bewusstes Leben viel wichtiger, als ein besonders langes Leben? Was nämlich bedeutet für die meisten Menschen heute alt zu werden? Geht es einzig darum irgendwann das Rentenalter zu erreichen? Natürlich! Nämlich dann, wenn man seinen Enkeln oder anderen, jüngeren Menschen seine Weisheiten übergibt.

Heute aber scheint Verantwortlichkeit, bald allein nur über das abstrakte Mittel des Geldes formuliert, und zwar so, als dass man weiß, ob man sich etwas wirtschaftlich leisten kann oder eben nicht leisten kann (zum Beispiel eine bestimmte Kranken- oder Lebensversicherung). Doch in wie weit weiß man über das eigene Selbst bescheid? Würde man es erkennen, offenbarte sich einem dabei sehr wohl die wahre Rolle in diesem Leben, mit der man sofort wüsste, wieviel der eigene Wert für die Gemeinschaft bedeutet.

Den eigenen Weg gehen

Je genauer man weiß, welcher Weg der beste für einen ist, desto weniger muss man »in die Fußstapfen« anderer treten, was ja immer voraussetzt, dass jemand einem etwas vorgibt:

Du solltest besser diesen Beruf ausüben,
solltest Dich besser so absichern,
solltest dies und jenes tun um Dich wohler zu fühlen.

Heute aber scheint ein Bewusstsein über die eigene Rolle weiter entfernt den je. Viele Menschen lassen sich immer neue Moden und Trends überstülpen, denen sie sogar noch nacheifern, um entsprechend Anerkennung zu erhaschen. Was dann aber von anderen gelobt wird, sind nicht sie, sondern ist eine Norm, deren Aneignung man sich erkaufte, wenn man es konnte. Und wenn man kein Geld dafür hat?
 

Bei alle dem scheint in uns eine Stimme immer lauter zu werden, die oft aber zum Schweigen gebracht wird, durch entsprechenden Konsum – der meist auch darin besteht, sich zu betäuben – welcher Art auch immer. Was da in unserem Innern aber oft sogar als warnender Aufschrei ertönt, rührt von dem Zerren all der vielen vermeintlichen, finanziellen Verpflichtungen darüber, was wir an Verantwortung an verschiedene Unternehmen übergeben haben. Sie sollen sich um unser Schicksal sorgen, am besten so, dass wir auf unsere Schritte nicht mehr achten müssen. Gehen wir dann noch unseren eigenen Lebensweg oder wird er gar für uns gegangen, von anderen, meist Maschinen und Algorithmen, ganz automatisch gesteuert?

Was jedoch wäre, wir wüssten wieder mehr was uns wirklich gut tut?

Was, wir würden den Schmerz der Veränderung unseres Lebens zulassen, wobei sich Risse bildeten in unserer verhärteten Persönlichkeit, die einer Maske, die einem lästigen Kokon gleicht?

Dann wohl befreiten wir uns von einer großen Last, die wir bisher glaubten mit uns herumschleppen zu müssen. Und was da bliebe, wäre nichts als wir selbst, etwas das da in uns nach Verwirklichung rief. Diesem Rufen nachzuspüren, das meinte auch die Frage nach der Quelle unseres Wohlbefindens, am Anfang des Gedankenaustauschs dieses Textes, der Ihnen vielleicht eine neue Perspektive eröffnete.

Post Scriptum: Dank auch an Trinity Korkmas (Hacıbektaş, Türkei)

 

Kommentare

Vielen Dank für diese so wahren Worte. Mögen möglichst viele Menschen dies lesen und sich zu Herzen nehmen und heilen.

Lieber Selim, ich hoffe und wünsche es sehr, dass du mit diesem großartigen Beitrag viele Menschen in ihrem Herzen erreicht - allein die Entscheidungen aus dem Herzen können wegweisend für ein freieres und sinngeführtes Leben sein. Wie du geschrieben hast: den eigenen Lebensweg erkennen und gehen. Ich danke DIR - von Herzen! Claudia

 

Nicht wurde Sokrates totgefragt

Johan von Kirschner

Ein Philosoph ist jemand der die Weisheit liebt, was aber gar nicht bedeuten muss, dass er schon weise ist. Vielmehr strebt er nach Weisheit, möchte sie entdecken, sie erringen. Für den Denker Sokrates ähnelte er dem Eros, dem Gott der Liebe, für den nicht der Besitz des Geliebten wichtig ist, sondern das Streben danach.

Ein Philosoph ahnt von dieser Liebe, die er irgendwo, vielleicht in der Ferne, in einer Weisheit finden könnte, verliebt sich darin und bricht schließlich auf, um ihr zu begegnen, sie zu finden und sie allenfalls zu erlangen. Und zu so etwas fand einer etwa auf der Agorá – dem Marktplatz des alten Athen.

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